Snape - Theorien


Snapes schlimmste Erinnerung



DAS ist seine SCHLIMMSTE Erinnerung

DAS ist seine SCHLIMMSTE Erinnerung?

 

von sistermagpie

sistermagpie - Livejournal

 

Übersetzung: Christine

 

 

Anscheinend waren viele Leute überrascht, dass die Szene, die Harry in „Orden des Phoenix" im Denkarium sieht, als Snapes schlimmste Erinnerung bezeichnet wurde. Ich fand das überhaupt nicht seltsam.

 

Fanfiction (und natürlich auch professionelle Literatur) scheint sehr von der Idee der „großen, schmerzvollen Geheimnisse" angetan zu sein. Wenn jemand einen Charakter bemitleidenswert darstellen möchte, der dies vorher nicht war, wird oft zum Schlimmsten gegriffen, was passieren könnte. Um ein offensichtliches Beispiel zu nennen: Harry, oder der Leser, findet heraus, dass Draco zuhause regelmäßig vergewaltigt wird. *unheilvolle Musik im Hintergrund* Oh Harry! Oh Leser! Fühlst du dich jetzt nicht miserabel? Erklärt das nicht all sein bisher als böse angesehenes Verhalten? (Das tut es natürlich nicht, denn an eine Wand gekettet und vergewaltigt zu werden, hat nicht unbedingt mit etwas zu tun, was die jeweilige Romanfigur im Buch gemacht hat.)

 

Jedoch ist es so, dass die schlimmsten Erinnerungen der meisten Menschen wahrscheinlich genauso unspektakulär wie die von Snape im Denkarium sind. Wenn sie allgemein gültig sind, sind sie meiner Meinung nach nicht echt. Die Bücher selbst bedienen sich ebenfalls dieser „Feel bad"-Momente - sie existieren zweifellos in dieser Welt. Harry fühlt sich schlecht, als Luna den Tod ihrer Mutter erwähnt und sagt, dass die anderen Kinder ihre Sachen klauen. Er fühlt sich schlecht, als er Klein-Snape während des Streits dessen Eltern weinen sieht. Er fühlt sich schlecht, wenn er Neville beim Umgang mit der Situation der Eltern beobachtet. Das sind allgemeine „Feel bad"-Momente.

 

Aber es ist nicht Harrys Reaktion auf das Denkarium, die die Leute überrascht, sondern Snapes. Wieso sollte Snape - ein ehemaliger Todesser, der mit Voldemort zusammenarbeitete und dann die Seiten wechselte - diesen Schulhofzwischenfall jemals als seine schlimmste Erinnerung ansehen? Für mich ist das eine absolut glaubwürdige schlimmste Erinnerung, weil es den Punkt von Snape berührt, den er am liebsten aus seinem Gedächtnis auslöschen würde. Ich bin sicher, dass er schlimme Erinnerungen an seine Zeit als Todesser hat, aber das sind solche, die er sich eingesteht. Er wird sich wohl seines Verhaltens schämen oder die Erinnerungen unerfreulich finden, aber ich denke trotzdem, dass er sie aushalten kann. Sie sind ein Teil dessen, was er ist. Im Gegensatz dazu geht es in der Denkariumszene um das, was er nicht sein will. In dieser Szene ist er hilflos, bemitleidenswert, hässlich, wird bloß gestellt und erniedrigt - sogar von einer wohltätigen Muggelgeborenen in Schutz genommen (wundert sich wirklich jemand über die Art, wie er auf Lilys Verteidigung reagiert?), was letztendlich Teil eines Paarungsrituals zwischen Lily und James ist. Das ist meiner Meinung nach etwas, worüber Snape nie hinwegkommt. Und erinnern wir uns an seine andere schlimme Erinnerung, in der er von einem Mädchen ausgelacht wird, weil er nicht auf dem Besen fliegen konnte. Ich glaube es war entweder Remus oder Sirius, der die vage Ahnung hatte, dass Snape auf James wegen Quidditch neidisch war. Ich denke, das macht einen großen Teil dessen aus, was Quidditch für Snape darstellt.

 

JKR hat anscheinend definitiv einen Einblick darin, wie Einschüchterung funktioniert, und sie zeigt es hier meiner Meinung nach auch. Ich denke, sie weiß, dass Erniedrigung viel schlimmer als Schmerz ist. (Übrigens war das auch der Hauptzweck von Kreuzigungen, was die Tatsache, dass Mel Gibson das körperliche Leid in den Vordergrund stellt, interessant macht. Es ist würdevoll, aber damit konnte man zu Jesus' Zeiten wohl leichter leben. Soweit ich weiß beinhaltet Gibsons angeblich realistische Darstellung der Kreuzigung nicht, dass sich Jesus am Kreuz beschmutzt.)

Der Vorfall mit dem Frettchen arbeitet mit dem gleichen Prinzip. Malfoys Unterwäsche bekommen wir nicht zu sehen, aber ich halte es für möglich, dass man das damit in etwa vergleichen kann.

 

Ich denke, das sagt etwas Interessantes über das Entwerfen von Charakteren im Allgemeinen aus. Denn oft meinen junge Fanfic-AutorInnen, dass sie ihrer Figur eine - wie auch immer geartete - tragische Episode anhängen müssen, wo es im realen Leben doch eher die kleinen Dinge sind, die uns definieren. Zum Beispiel … Selbst wenn jemand eine wahre Tragödie durchlitten hat, tendiert er/sie eher dazu, sich auf einer viel kleineren, persönlicheren Ebene damit auseinanderzusetzen. (Und ich spreche aus Erfahrung, da ich eine große Anzahl von Leuten über schwere Schicksalsschläge in ihrem Leben interviewt habe.) Wenn ich mir Dracos schlimmste Erinnerung in Bezug auf Lucius ausdenken würde, und sie wirklich verletzend sein sollte, würde ich nicht sofort an etwas richtig Großes denken, wie z. B. ein Lucius, der ihn schlägt oder ein kompliziertes Ritual ausführt, das nicht einvernehmlichen Sex beinhaltet. Ich wette, es würde etwas sein, an das sich Lucius noch nicht einmal erinnert. Zum Beispiel „Halt den Mund" oder „Geh mir aus den Augen" im falschen Augenblick. Etwas das dich wie ein Schlag trifft, abweisende Dinge. Dies sind beiläufige Bemerkungen von Eltern, die meiner Meinung nach im Gedächtnis von Kindern haften bleiben - besonders wenn das Kind auf seine Eltern fixiert ist.

 

Es klingt unbedeutend, wie die Tatsache, dass Snape von dem Ereignis im Denkarium heimgesucht wird, aber es sagt sehr viel über den wunden Punkt der jeweils betroffenen Person aus. Es scheint mir, dass es Snape um Würde geht. Bei Draco, so finde ich, dreht es sich mehr um Liebe - d. h. von anderen geliebt werden wollen (jep, es klingt kitschig, aber nichtsdestotrotz sehe ich das in der Figurschaffung als stimmig - geliebt werden zu wollen macht eine Person nicht unbedingt liebenswert.) Snapes Groll richtet sich gegen Erniedrigung, herbeigeführt durch die Herumtreiber und Dumbledore, der ihn meiner Meinung nach noch weiter demütigte, indem er den Vorfall nicht so ernst nahm, wie Snape es gerne gehabt hätte. Im Gegensatz dazu trägt Draco einen Zorn in sich, der aus seinem Wunsch nach persönlichen Bindungen und darauf folgenden Abweisungen resultiert. Deshalb hasst er Harry - nicht weil Harry ihn in eine Schnecke verhext, mit Schlamm beworfen oder im Quidditch geschlagen hat. Er hasst diese Dinge, aber das ist nicht das, was ihm an die Substanz geht. Ihm geht es um das Abgelehnt werden. Bei Snape dreht es sich mehr um Respekt. Andersherum scheint Draco dazu fähig zu sein, anderen Menschen Respekt zu zollen, um Zuneigung zu erhalten (er scheint der einzige Clown in den Büchern zu sein - die Zwillinge, und das sollte man nie vergessen, machen sich über Andere lustig). Snape wiederum ist willens, Zuneigung im Austausch für Respekt aufzugeben.

 

Das ist meiner Meinung nach der Grund, wieso die Erinnerung im Denkarium für Snape offensichtlich sehr viel schmerzvoller wäre als eine würdigere Erinnerung, selbst wenn er in ihr schlecht davon käme. Er hätte sich von Harry sehr viel lieber beim Quälen von Muggeln beobachten lassen als von James die Hosen heruntergezogen zu bekommen. Dieser spezielle Vorfall ist so eindeutig erniedrigend, dass Harry nicht anders kann, als das auch so zu empfinden. Aber meiner Meinung nach ist es wichtiger, wie Snape es empfindet.

Die anderen Feel bad"-Momente, die ich oben erwähnte, scheinen für die Beteiligten nicht so schlimm zu sein. Nevilles Situation mit seinen Eltern ist schmerzhaft, aber er schämt sich überhaupt nicht dafür. Tatsächlich erscheint Neville nie so würdevoll wie in St. Mungo's. Seine Eltern sind eine Quelle der Kraft für ihn, keine Schwäche. Ich bin nicht sicher, wie Nevilles schlimmste Erinnerung aussähe, aber ich glaube nicht, dass sie von derselben Art wie Snapes oder Dracos wäre.

 

 

Vielen Dank an Skool für's Korrekturlesen! (Anmerkung von Christine)

Gleiches an Christine für's Übersetzen! (Anmerkung von PM)