Ermione:
ad. Harrys
fadenscheinige Erklärung, warum Dumbledore Snape vertraut hat.
Wäre das wirklich
der Grund gewesen, dann Dumbledores Glauben an das Gute in anderen Menschen in
Ehren, aber er hatte auch die Verantwortung für den Phönixorden, und in diesem
Fall hätte er dann zumindest nie Snape als Ordensmitglied nach HP4 akzeptieren
dürfen.
Hinzu kommt, in
HP5 (Gespräch mit Harry im Büro) sagt Dumbledore selbst, dass es Wunden gibt,
die nur schwer heilen, in Bezug darauf, dass Snape den Unterricht abgebrochen
hat. (Er wusste also, dass Snape die Sache mit James Potter offensichtlich
nicht überwunden hat.)
In HP1 wiederum
sagt Dumbledore selbst, dass Snape James nie verziehen hat, dass er ihm das
Leben gerettet hat.
Beide Aussagen
machen mit Blick auf HP6 keinen Sinn, wenn es tatsächlich Snapes Reue um James
und Lilys Ermordung gewesen ist.
Mein Eindruck ist
aber, dass Harry hat Dumbledore falsch verstanden.
Da ist zunächst
einmal neben Dumbledores Aussagen zum Verhältnis Snape - James Potter in HP1
und 5 zeitliche Unstimmigkeiten.
ZITAT ANFANG
"I'd love to
know what Snape told him to convince him," said Tonks.
"I
know", said Harry, and they all turned to stare at him. "Snape passed
Voldemort the information that made Voldemort hunt down my mum and dad. Then
Snape told Dumbledore he hadnt realised what he was doing, he was really sorry
he'd done it, sorry that they were dead."
"And
Dumbledore believed that?" said Lupin incredulously.
...
ZITAT ENDE
Quelle: HP6, S. 574f.
(Kapitel: The Phoenix Lament)
Hat Harry ein
schlechtes Gedächtnis (oder JKR)?
ZITAT ANFANG
...However, he
[Snape] rejoined our side before Lord Voldemorts downfall and turned spy for us
...
ZITAT ENDE
Quelle: HP4, S.
513 (Kapitel: Das Denkarium/The Pensieve)
Voldemorts
Sturz ("downfall" und der Tod von Harrys Eltern fanden in der selben
Nacht statt. Snape muss seine Reuemasche somit schon wenigstens einige Tage vor
dieser Nacht abgezogen haben. Spion für ein paar Tage. Selbst wenn Snape den Spion
für Dumbledore nur vorgetäuscht hat, müssen die Umstände dafür doch halbwegs
glaubwürdig gewirkt haben, da ihm Dumbledore das geglaubt hat.
Und Snape
bedauert den Tod von Harrys Eltern zu einem Zeitpunkt, als diese zwar in
Lebensgefahr, aber noch gar nicht tot waren.
Im Gegensatz zu
Harry verfügen wir Leser/innen noch über zwei weitere Informationen, die er
nicht hat, und das macht den Grund, den Dumbledore angeblich gehabt hat, noch
seltsamer:
In HP6 selbst
äußert sich Snape dazu in einer Szene, die die Leser/innen nicht gemeinsam mit
Harry erleben:
ZITAT ANFANG
"You
[Bellatrix] ask where I [Snape] was when the Dark Lord fell. I was where he had ordered me to be, at Hogwarts School of Witchcraft
und Wizardry because he wished me to spy upon Albus Dumbledore.
ZITAT ENDE
Quelle: HP6, S.
31f. (Kapitel Spinners End)
Als Snape sich in
Hogwarts eingeschleust hat, waren James und Lily also noch am Leben, da
Voldemort noch nicht verschwunden war.
In einem
Review sagt JKR wiederum, auf die Frage, warum Dumbledore Snape vertraut, dass
dieser ihm seine Geschichte erzählt und sie Dumbledore ihm geglaubt hat.
Mit Blick auf
Harrys Information an den Orden muss es sich um eine sehr dürftige Geschichte
gehandelt haben: ein Fehler, ein wenig Reue - war da nicht etwas mehr ...
________
Aus dem Kapitel
25, The Seer Overheard bekommt Harry die Information, die er nach Dumbledores
Tod dem Orden mitteilen wird.
Die Information,
dass Snape derjenige war, der im Hogshead/Eberkopf gelauscht und den Anfang der
Prophezeiung an Voldemort verraten hat, bekommt Harry aber nicht von
Dumbledore, sondern von Trelawney.
Als Harry kurz
darauf in Dumbledores Büro ist, spricht er Dumbledore darauf an, als ihn dieser
fragt, warum er so verstört ist. Fakt ist aber auch, dass Harry dabei
keineswegs Interesse daran hat, mehr darüber zu erfahren, denn er wirft
Dumbledore sofort vor: "AND YOU LET HIM TEACH HERE AND HE TOLD VOLDEMORT
OT GO AFTER MY MUM AND DAD." (S. 512)
Dumbledore
ersucht Harry ihm zuzuhören, und Harry will das auch, hat aber sichtliche Mühe
ruhig zu bleiben, wie der Umstand, dass er Dumbledore dabei mehrmals
unterbricht, zeigt.
Und dann sagt Dumbledore: "You have no idea of
the remorse Professor Snape felt when he realised how Lord Voldemort had
interpreted the prophecy, Harry. I believed it to be the greatest regret of
his life and the reason that he returned -" (S. 513)
Ob Snape diese
Gefühle tatsächlich gehabt hat oder Dumbledore das nur glaubt, ist bei der
Frage nach dem tatsächlichen Grund für Dumbledores Vertrauen in Snape
unwichtig.
Jedenfalls
sagt Dumbledore nicht etwa, dass er Snape deswegen vertraut, sondern er glaubt
nur, dass es Snape wirklich leid getan hat und dass dies der Grund für seinen
"Seitenwechsel" gewesen sein dürfte.
Dumbledore sagt
auch nie, dass ihn nur Snapes "Seitenwechsel" alleine überzeugt
hätte.
Seine Reaktion auf Harrys Frage:
... how can you
sure Snape's on our side?
Dumbledore did
not speak for a moment; he looked as though he ws trying to make up his mind
about something. At last he said. 'I'm sure. I trust Severus Snape completely'
(S. 513)
Dumbledore
gibt auf Harrys Frage nicht gleich eine Antwort, sondern er überlegt. Er
entscheidet sich schließlich dafür, Harry dafür keinen Grund anzugeben.
Warum:
1.) Weil er
selbst sieht, dass er keinen einleuchtenden Grund dafür hat?
2.) Weil er
etwas nicht preisgeben will, was ihm Snape anvertraut hat?
In HP4 weigert
sich Dumbledore jedenfalls Harrys diesbezügliche Frage zu beantworten, da dies
nur Snape und ihn etwas angeht. Hätte Dumbledore Harry alles erzählt, hätte er
somit einen Vertrauensbruch Snape gegenüber begangen.
3.) Oder weil er
den Eindruck hat, dass Harry, wenn es um Snape geht, selbst für einleuchtende
Argumente nicht mehr zugänglich ist.
4.)
Mit Blick auf die
konkrete Situation macht noch eine andere Erklärung Sinn.
Als Harry
Dumbledore antrifft, ist dieser gerade mitten im Aufbruch zu einer
(lebens-)gefährlichen Sache. Das ist wohl kaum ein geeigneter Zeitpunkt, um
Harry eine Sache zu erklären, die mit Blick auf die Gefühle, die Harry für
Snape hat, nicht so einfach gewesen wäre. (Bereits zuvor hatte Harry ihm kaum
ausreden lassen.)
Wenn ein
schwieriges Gespräch aber etwas bringen soll, empfiehlt es sich doch, sich
dafür Zeit zu nehmen.
In jedem Fall hat
Harry sicher nicht sehr genau aufgepasst, was Dumbledore tatsächlich gesagt
hat. Und Dumbledore selbst hat keineswegs gesagt, dass dies der Grund ist, den
Harry später dem Phönixorden mitteilen wird.
5.) Wenn 4
zutrifft, bestände die Möglichkeit, dass Dumbledore Harry darüber noch
aufklären wollte, wenn sie beide von der Mission wieder zurück sind. Als sie
die Höhle verlassen haben und zurückapparieren, sagt Dumbledore nämlich Harry,
dass er, wenn sie wieder in Hogwarts sind, sofort Snape holen soll (und darauf
achten, dass es niemand mitbekommt.)
Vielleicht
erhoffte sich die Dumbledore von Snape nicht nur medizinische Hilfe, sondern er
wollte bei dieser Gelegenheit unter Einbeziehung von Snape selbst, Harry
aufklären, wozu er durch Draco und den Todesserüberfall dann nicht mehr
gekommen wäre.
__________
Mein Eindruck -
Dumbledore hatte sicher noch einen anderen oder weitere Gründe, warum er
glaubte, dass er Snape vertrauen konnte. Auch wenn er sich getäuscht haben
dürfte, werden die Gründe schon einleuchtend gewesen sein.
Somit dürfte
Dumbledore jedenfalls keineswegs so leichtgläubig und vertrauensselig gewesen
sein, wie Harry und die anderen jetzt glauben.
(Davon unberührt
bleibt natürlich die Frage, ob er sich in Snape tatsächlich getäuscht hat.)
Und daher bin ich
mir sicher, dass Harry in HP7 noch etwas dazu herausfinden wird.