Kapitel 34
Ihre Finger krallten sich um das Fensterbrett. Sie schwankte leicht, als die Tür ins Schloss krachte.
Sie atmete tief durch.
Was hatte er gesagt?
Eryja hatte ihm eine Droge verabreicht, um mit ihm zu schlafen?
Entsetzt schlug sie die Hände vor den Mund.
Das bedeutete, er hatte sie gar nicht betrügen wollen... sondern hatte keine Wahl gehabt..
Flüchtig huschte ihr der Gedanke an eine Lüge durch den Kopf, doch sie schüttelte diesen Verdacht rasch wieder ab.
Er reagierte einfach zu unmittelbar, um an eine Täuschung zu denken....und wenn sie ehrlich war musste sie zugeben, dass Severus sie noch nie angelogen hatte... im Gegenteil... er war sogar so schmerzhaft ehrlich zu ihr, dass er ihr von dieser Nacht erzählen wollte... und sie hatte ihm nicht mal zugehört....
Nein... jetzt war sie es, die ihn betrogen hatte... und auf irgendeine Weise auch, ohne es zu wollen!
Sie schluckte schwer und ging, um Severus zu suchen.
Sie musste mit ihm sprechen.
Sie wusste noch nicht so genau, was sie ihm sagen wollte, aber er hatte sicher eine Entschuldigung verdient, für ihr Verhalten ihm gegenüber in seiner Wohnung.
Und gab es eine Entschuldigung für das, was mit Harry geschehen war? Und würde er sie hören wollen?
Sie fand ihn in der Bibliothek.
Er saß in einem der Sessel vor dem Kamin und starrte in die Flammen.
Sein weißes Hemd war am Hals leicht geöffnet und in der Hand hielt er ein Glas, aus dem er eben einen Schluck trank.
An der Tür blieb sie stehen und schloss sie vorsichtig hinter sich.
„Es tut mir leid, Severus...“, sagte sie leise
ooooooo
Severus wandte den Kopf zu ihr, als sie eintrat und leise die Tür schloss.
„Ja, mir tut auch so manches leid.“, gab er bitter zurück.
Sie stand noch immer an der Tür und blickte ihn forschend an.
„Setz dich“, bot er ihr an und machte eine unterstützende Geste.
Zögerlich leistete sie seiner Aufforderung Folge und setzte sich ihm gegenüber, in den anderen Sessel.
„Willst du nach Hogwarts zurückkehren?“ Sein Tonfall zeigte Resignation. „Es steht dir frei, mein Haus jederzeit zu verlassen.“
Wieder trank er einen Schluck des kräftigen Whiskys und sein Blick wandte sich den Flammen zu.
„Nein“, sagte sie leise. „Nein, ich würde gerne bleiben... und darüber sprechen, was geschehen ist... dir und mir... “
Sie verflocht ihre Hände ineinander vor Nervosität, und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen.
„Bitte, erzähl mir von... Eryja....“
Sein Kopf schnellte zu ihr herum.
Einen Moment lang wollte er sie schon wegschicken.
Er sollte ihr davon erzählen... würde sie es verstehen? Offensichtlich war sie nun wenigstens bereit, ihm zuzuhören.
Er beschloss, es auf einen Versuch ankommen zu lassen.
„Ich habe mich an jenem Abend mit ihr gestritten“, begann er leise. „Sie bat mich dann, etwas zu trinken und ich habe es abgelehnt...“
Er sah Hermine fragend an, um an ihrem Gesicht abzulesen, ob er weiter sprechen konnte.
Hermine hatte den Mund fest zusammen gekniffen und nickte.
„Ihr Imperio traf mich völlig unerwartet denn ich hatte nicht damit gerechnet, das sie so etwas tun würde“ Sein Blick war nun wieder starr auf die Flammen gerichtet.
„Sie hat mich gezwungen, den Trank einzunehmen den sie mir vorher angeboten hatte. Schon als ich ihn auf der Zunge spürte, wusste ich was es war.“
Er hielt einen Augenblick inne und nippte an seinem Glas.
„Ich selbst hatte den Trank vor vielen Jahren für Voldemort entwickelt. Er dient dazu, Feinde zu wehrlosen Marionetten zu machen sie hat ihn für ihre Zwecke genutzt.“
Severus drehte sich etwas zu ihr um und sah sie offen an.
„Als ich am nächsten Morgen zu mir kam, war sie weg und nur mit Hilfe meines Denkariums habe ich herausgefunden was geschehen war..“
ooooooooooooooooooooo
Hermine war fassungslos.
Nichts war übrig von den furchtbaren Verdächtigungen gegen ihn, die ihr ihm Kopf herumgeschwirrt waren.
Wie anders sah jetzt sein Verhalten aus! Und wie erbärmlich ihr eigenes!
„Ich wünschte, ich hätte dir zugehört an diesem Abend...“, begann sie leise, und wandte den Blick von ihm ab.
Sie sah dem flackernden Feuer im Kamin zu, während sie sprach.
„Dann wäre niemals geschehen, was danach geschah...“
Sie biss sich kurz auf die Lippen und umfasste die Armlehnen ihres Sessels ein wenig fester.
„Ich war so besorgt, die ganze Zeit, in der diese Frau bei dir war... es hat mich beinahe wahnsinnig gemacht, sie an deiner Seite zu sehen, während ich... mich so sehr nach dir sehnte... und so viele Ängste ausstand... um die Runen und um... dich...“
Ein kummervoller Zug erschien um ihren Mund.
„Dann deine Nachricht... endlich! Ich eile zu dir. und erfahre, dass du mit ihr....“
Sie brach ab und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.
„Ich war am Boden zerstört.. und Harry tröstete mich... wir tranken eine Unmenge von Trewlaneys Sherry. und ich wollte etwas anders spüren, als diese Qual, die mich befiel, wenn ich an dich und...sie dachte....“
Hermine atmete tief durch.
„Es war nicht richtig, Harry und ich wissen das... und es wird nie wieder geschehen... “
Er schloss die Augen und sein Mund nahm einen schmerzvollen Zug an, als sie sprach.
ooooooo
Severus stütze sich mit beiden Händen auf den Sessellehnen ab und stand dann auf.
So langsam spürte er die Wirkung des schottischen Whiskeys, den ihm Minerva vor längerer Zeit einmal geschenkt hatte.
In ihm kämpften Wut und Bitterkeit mit der unbändigen Sehnsucht danach, sie wieder in den Armen zu halten.
Ja, sie hatte einen Fehler gemacht und der Gedanke daran schmerzte höllisch! Aber er konnte und wollte sich nicht vorstellen, sie deswegen zu verlieren. Die Zeit ohne sie war unerträglich gewesen! Seine Fehler waren ihm einmal vergeben worden, er hatte eine zweite Chance bekommen...
Er trat an Hermine heran und legte seine Hände an die Seiten ihrer Oberarme.
„Wir haben beide etwas zu verzeihen..“, sagte er leise.
Dann zog er sie in seine Umarmung und hielt sie voller Verzweiflung fest.
Seine Stimme dicht an ihrem Ohr war nur noch ein Flüstern.
„Tu mir so was nie wieder an. Ich dachte, ich sterbe ohne Dich.“
Hermine schluchzte auf.
Sie bog den Kopf zurück und legte beide Hände an seine Wangen, um ihn in einen leidenschaftlichen Kuss hineinzuziehen.
Es raubte ihm beinahe die Sinne, endlich ihren lang ersehnten Kuss zu spüren und in seine Umarmung legte er all das verzweifelte Sehnen der vergangen Tage.
Ihr Duft war wie das Versprechen eines heißen Sommertages während draußen ewiger Winter herrschte, ihre Lippen und ihre Wärme die beinahe schmerzhafte Erfüllung seiner Sehnsüchte.
Er zog sie mit sich, zurück in den Sessel und sie setzte sich seitlich auf seinen Schoß.
Wieder umfing er sie mit seinen Armen und suchte ihre Lippen zu einem leidenschaftlichen Kuss.
Sie schmiegte sich in seine Umarmung und gab sich seinen Liebkosungen hin. Inzwischen schmeckten auch ihre Lippen leicht süßlich –herb von dem Whiskey den er getrunken hatte.
Eine tiefe Zufriedenheit überkam ihn in diesem Augenblick. Sie war bei ihm, sie wollte bei ihm sein...
Was morgen sein würde, vermochte niemand zu sagen, doch dieser Moment gehörte ihnen beiden.
Als die Tür sich öffnete und Kitty hereingewuselt kam, wollte Hermine sich im ersten Moment von ihm lösen, doch er hielt sie fest. So entspannte sie sich wieder in seiner Umarmung.
Severus hätte schwören können, dass zunächst ungläubiges Erstaunen und dann ein zufriedenes Grinsen über die Züge der kleinen Elfe huschte, doch Kitty hatte sich schon dem Kamin zugewandt und richtete das Feuer.
„Es ist sehr spät, Sire“, wisperte sie, bevor sie wieder zur Tür hinaus huschte.
"Kitty
hat recht. Lass uns schlafen gehen." Severus hob seinen Kopf,
den er auf Hermines Schulter gelegt hatte und strich mit seinen
Fingerspitzen über ihre Wange.
"Ich habe Dumbledore
gesagt, dass wir zu Recherche- Zwecken eine Nacht wegbleiben
werden...“. Die Andeutung eines Lächelns huschte über
sein Gesicht.
"Wir müssen also nicht unbedingt nach
Hogwarts zurückkehren. Es sei denn, du willst unbedingt..."
Fragend sah er sie an und lächelte, als sie energisch
den Kopf schüttelte.
Er war froh, das sie es scheinbar
gar nicht eilig hatte, die Schule wieder zu sehen und ihm ganz
selbstverständlich in sein Schlafzimmer folgte.
Ebenso
selbstverständlich schmiegte sie sich im Bett seufzend in seine
Umarmung.
Zart suchten ihre Hände den Weg unter sein
T-Shirt und blieben auf seiner nackten Haut liegen. In dem Gefühl
wiedergewonnener Vertrautheit schliefen sie schließlich ein.
Severus wurde am nächsten Morgen von einem warmen,
angenehmen Gefühl geweckt.
Er schlug die Augen auf und
blickte in Hermines Gesicht.
Sie hatte sich auf einen Arm
gestützt und fuhr mit einer Fingerspitze die Konturen seiner
Lippen nach.
Gerade als er sie in einen innigen Kuss gezogen
hatte, öffnete sich die Tür und eine der Elfen kam herein
gehuscht.
Diesmal war es Tamy, die zuerst etwas betreten
aussah, sich dann aber mit einem zufriedenen Grinsen, geschäftsmäßig
am Kamin zu schaffen machte.
"Das Frühstück
ist angerichtet, Sire. Master Albus hat eine Nachricht geschickt,
dass er ihre Ankunft in etwa einer Stunde erwartet."
Mit
diesen Worten schloss das kleine Wesen die Tür wieder hinter
sich und ließ die beiden allein.
"Dumbledore
erwartet uns?" , fragte Hermine ungläubig.
"Nicht
wirklich." , gab Severus zurück und schwang die Beine aus
dem Bett. "Zu dieser Zeit hebt er den Apparierschutz nach
Hogwarts auf, so dass wir direkt zurückkehren können."
Nachdem die Elfe gegangen war, stand Severus auf.
Hermine kehrte in das Zimmer zurück, in dem sie gestern aufgewacht war, und sorgte mit dem Zauberstab für frische Kleidung.
Erfrischt und umgezogen nahm sie mit Severus ein köstliches Frühstück in einem kleinen Salon ein.
Sie trank einen Schluck Kaffee und behielt den Becher in den Händen, wie um sich daran zu wärmen, während sie ihn ansprach.
„Severus...“, begann sie leise. „Wo ist Eryja jetzt?“
Severus hörte augenblicklich auf, zu kauen und sah sie irritiert an.
Warum musste Hermine das wissen?
Würde sie das nicht auf den Gedanken bringen, das er selbst Eryja etwas angetan haben könnte, um sie los zu werden?
Er legte sein Brötchen, auf den Teller vor sich und nahm schweigend den Kaffeebecher in beide Hände.
„Ich habe dir gesagt, das sie nach dieser Nacht plötzlich weg war“
Er begann zu sprechen und dachte dabei intensiv darüber nach, was er ihr sagen würde.
„Natürlich habe ich ihre Anwesenheit nicht vermisst, aber mich doch gefragt, was sie dazu veranlasst hat, sich zuerst in meinem Leben auszubreiten und plötzlich wieder zu verschwinden.“
Hermine sah ihn über den Rand ihres Kaffeebechers interessiert an.
„Dann fiel mir der Tagesprophet in die Hände und dort wurde nach Leuten gesucht, die eine herumirrende Frau identifizieren konnten. Als ich das Foto sah, war mir sofort klar, das es sich um Eryja handelt. Nach dem Unterricht bin ich ins St. Mungos gegangen und habe die Frau besucht.“
Er machte wieder eine kurze Pause und nippte an seinem Kaffee.
„Es war tatsächlich Eryja...“, sprach er weiter. „Sie hat einen irreparablen Gehirnschaden erlitten und wird nie mehr ganz aufwachen. Sie hat versucht, die Runen an sich zu nehmen... und musste dafür büßen. Sie hätte wissen müssen, dass nur die Verbundenen sie berühren dürfen. Vielleicht hat sie geglaubt, sie wäre mit mir verbunden, nachdem sie mit mir geschlafen hatte, vielleicht hat Malfoy sie falsch informiert, ihr nicht alles gesagt... Wir werden es wohl nie erfahren.“
Hermine verzog das Gesicht. Sie schien noch etwas sagen zu wollen, blieb aber stumm und widmete sich gedankenverloren wieder ihrem Frühstück.
ooooooo
Wenig später verließen sie Markree-Castle. Severus griff lächelnd nach ihrer Hand und gemeinsam disapparierten sie.
Sie trennten sich in seinen Räumen voneinander und Hermine eilte in den Gryffindor-Turm hinauf.
Sie musste mit Harry sprechen.
Er sah ihr sofort an, dass sie etwas auf dem Herzen hatte, und folgte ihr ohne groß nachzufragen, in die Eulerei, wo sie um diese Tageszeit ungestört reden konnten.
Hermine berichtete ihm hastig, was zwischen Severus und ihr seit gestern Abend passiert war und ignorierte Harrys ungläubig-skeptischen Gesichtsausdruck.
Das Entsetzen in seinen Augen, als sie von ihrem Geständnis erzählte, konnte sie indes nicht ignorieren.
„Es tut mir leid, Harry“, murmelte sie zerknirscht.
„Dein Name ist mir einfach so rausgerutscht... das wollte ich nicht...“
Sie biss sich auf die Lippen.
Natürlich war es für Harry, der ohnehin schon ein sehr angespanntes Verhältnis zu Severus hatte, kein erfreulicher Gedanke, dass dieser jetzt von Hermine und ihm wusste...
„Na komm schon Harry“, knuffte sie ihn spielerisch in die Seite. „Jetzt sag nicht, dass ich ein bisschen Unbehagen Snape gegenüber nicht wert war...“, grinste sie.
Harry erwiderte ihr Lächeln leicht gequält.
Der Montag-Abend bescherte Hermine einige unangenehme Momente in Professor Dumbledores Büro.
Der Schulleiter hatte Severus und Hermine zu sich gebeten, um über die Runen-Suche zu sprechen.
Offiziell verließen sie dieses Themen-Gebiet auch nicht, doch auf eine Art und Weise, wie es nur Dumbledore konnte, hatte er ihnen zu verstehen gegeben, dass sie sich in Hogwarts vorsehen sollten. Sie konnten sich nicht sicher sein, wie viel Malfoy wusste...
Das bedeutete, dass Hermine die Nächte nicht mehr bei Severus verbringen konnte, was sie ihr nächstes Reisesziel noch inniger herbeisehnen ließ.
Andererseits war sie nicht ganz so unglücklich darüber, denn sein Bett erinnerte sie daran, was dort geschehen war... und diese Empfindungen schmerzten Hermine noch immer zu sehr.
‚Gut, dass Severus wohl niemals Professor Trewlaneys Klassenzimmer betritt’, dachte Hermine kichernd.
Er hatte, das, was zwischen Harry und ihr passiert war, bisher nicht wieder erwähnt, doch Hermine ahnte, dass es ihn zutiefst verletzt hatte.
Am Dienstag nun trafen sie sich abends in der Bibliothek, um herauszufinden, auf welcher Insel Wunjo sich verborgen hielt.
Es wäre zu umständlich gewesen, sämtliche in Frage kommende Literatur in seine Wohnung zu schaffen, und Severus hatte als Lehrer natürlich das Recht, die umfangreiche Büchersammlung Hogwarts zu nutzen, wann es ihm beliebte.
Hermine genoss es, einmal ohne Madam Pinces wachsamen Blick durch die leeren Gänge zu streifen, wenn sie auch die Tatsache schmerzte, dass sie es hier nicht wagen konnten, einander zu berühren. Es konnte doch immer passieren, dass jemand hierher kam.
So schleppten sie Buch um Buch herbei, verteilten sie auf den Tischen und blätterte sie durch, auf der Suche nach einer Übereinstimmung mit den Bildern, die Uruz ihnen geschickt hatte.
Endlich wurde Hermine fündig.
Sie stand an einem Tisch und schlug lustlos einen weiteren großformatigen Wälzer auf, als sie die Stadt aus ihrer Vision wiedererkannte.
„Hier!“, rief sie aus.
Severus trat von hinten an sie heran und schaute über ihre Schulter in das Buch.
„Malta also..“, murmelte er, doch Hermine achtete weder auf das Bild der Hauptstadt Valletta noch auf seine Worte.
Sie schloss die Augen.
Severus tat nichts weiter, als hinter ihr zu stehen, doch sein Körper berührte so gerade eben ihren Rücken, sein Atem strich an ihrer Wange entlang und sein wunderbar warmer Geruch nach Sandelholz umhüllte sie.
Für einen winzigen Moment lehnte sie sich an ihn.
„Hermine“, flüsterte er.
Es kostete sie all ihre Beherrschung, sich nicht einfach umzudrehen und sich in seine Arme zu schmiegen, um mit dem Mund seine Lippen zu suchen.
Es war unfassbar, wie sehr sie sich nach ihm sehnte. Diese Momente in Irland waren viel zu kurz gewesen...
Sie hörte ihn scharf einatmen, dann trat er von ihr weg.
„Dann werde ich jetzt ein paar Bücher über diese Insel mit zu mir nehmen..“, sagte er mit bewegter Stimme. Hermine nickte.
Schweigend und ohne sich anzusehen räumten sie die übrigen Bücher zurück und schichteten diejenigen Exemplare, die sie vielleicht noch benötigen würden, auf einen Stapel.
Plötzlich trat Severus auf sie zu und schob sie in einen der vielen dunklen Gänge in der Bibliothek.
Mit wildem Blick kam er auf sie zu und presste seine Lippen auf ihre.
Sofort verschmolzen sie engumschlungen in einem hungrigen Kuss.
Hermine zeriss es innerlich beinahe. Sie wollte nichts anders, als ihn spüren... doch sie waren hier durchaus in Gefahr, entdeckt zu werden... und Severus würde furchtbare Schwierigkeiten bekommen...
„Severus, bitte nicht..“, stöhnte Hermine auf, als seine Hände über ihren Körper glitten und sein Mund über ihren Hals strich.
Er hielt einen Moment inne, küsste sie dann noch einmal behutsam unterhalb ihres Ohrläppchens und richtete sich heftig atmend auf.
„Ich ertrage das sonst nicht eine Sekunde länger“, flüsterte sie bebend.
Er schluckte und nickte, während er einen Schritt beiseite trat, um sie vorbeizulassen.
Hermine schenkte ihm noch einen sehnsuchtsvollen Blick und eilte dann aus der Bibliothek.
ooooooooooooooooo
Kapitel 35
Heftig
atmend blieb er allein zurück und lehnte sich gegen eines der
Regale. Fahrig strich er sich die Haare aus dem Gesicht.
Auch
er hätte ihre Nähe keinen Augenblick länger ertragen.
Hätte sie nur noch einen Moment gezögert, hätte er sie
- ungeachtet aller Vorsicht -in einem der dunklen Gänge der
Bibliothek verführt.
Trotz allem, was zwischen ihnen vorgefallen war, sehnte er sich noch immer mit einer beängstigenden Intensität nach ihr.
Sie hatte ihn betrogen und er hatte nichts besseres zu tun gehabt, als ihr sofort zu verzeihen, nur um dieses bohrende Gefühl der Leere zu füllen, das ihn heimsuchte, wen er sie nicht in seiner Nähe wusste.
Er
atmete ein paar Mal ein und aus um wieder etwas zur Ruhe zu kommen
und verließ dann mit einigen Büchern über die Insel
die Bibliothek.
In seinen Räumen angekommen, warf er die Bücher in eine Ecke, setzte sich mit einem Glas schweren Rotweins an den Kamin und verfiel in dumpfes Brüten.
Der verfluchte Bann der Runen war schuld daran, dass er sich aufführte, wie ein liebestoller Idiot.
‚Oh, du hast freiwillig mit einem anderen geschlafen, während ich dazu gezwungen wurde? Macht nichts, Schätzchen! Komm her und vertreibe meine Einsamkeit!’
Er leerte das Glas in einem großen Schluck und schenkte sich nach.
Er hatte bereits versucht, den Bann der Runen zu brechen und es war ihm nicht gelungen.
Dann hatte er sich darauf eingelassen- und hatte jetzt die Quittung dafür bekommen, sich einer Frau so rückhaltlos geöffnet zu haben!
Der Gedanke an Hermine und Harry verursachte ein schmerzhaftes Brennen in seinen Eingeweiden und trotzig begab er sich tiefer in diesen Schmerz hinein.
Er hatte doch gewusst, wohin es führte, wenn man zu viel von sich offenbarte!
Jetzt saß er hier und die Eifersucht fraß an ihm- und gleichzeitig wollte er nichts mehr, als die Frau an sich ziehen, die ihm all das antat!
Er hatte gesagt, dass er ihr verzeihen würde- aber konnte er das? So sehr er es sich wünschte- war er wirklich dazu in der Lage, sie noch einmal so nahe an sich heranzulassen?
Am
nächsten Morgen hatte er ziemlich schlechte Laune. Der Nachhall
des roten Weins bescherte ihm Kopfschmerzen, die nicht einmal der
starke Kaffee, beim Frühstück etwas mildern konnte.
Potter im Klassenzimmer so nah neben Hermine sitzen zu sehen,
während er sich nur von Ferne nach ihr sehnen konnte, verstärkte
seine Übellaunigkeit noch um ein vielfaches.
So gab er
sich größte Mühe, die Klasse auch heute zu
tyrannisieren wo es ging und außer Harry hatten noch einige
andere Schüler zusätzliche Hausaufgaben zu erledigen, als
das Ende der Doppelstunde nahte.
Nachdem am Freitag sämtliche
Klassen aufatmeten, den Zaubertrankunterricht für diese Woche
einigermaßen unbeschadet hinter sich gebracht zu haben,
besserte sich Severus’ Laune von Stunde zu Stunde.
Die
Abreise nach Malta rückte näher, in wenigen Minuten würde
er Hermine am Waldrand treffen um mit ihr gemeinsam nach London zu
apparieren und er konnte nicht anders, als sich auf die Zeit, die er
in ihrer Gegenwart verbringen würde, zu freuen.
Nach
einem relativ kurzen Flug waren sie mit einem Leihwagen zu dem Hotel
in La Valletta gefahren, das Hermine ausgesucht hatte.
Er
hatte sie beide ohne nachzudenken in getrennte Zimmer eingecheckt und
sie hatte das lediglich mit einem fragenden Blick quittiert.
Severus schloss nun die Zimmertür auf, trat ein und warf
seine Jacke achtlos auf den Sessel, neben der Tür, als er ihren
bohrenden Blick im Rücken spürte.
ooooooooooooooo
Hermine
war ihm ins Zimmer gefolgt und stand nun im Türrahmen, die Arme
vor der Brust verschränkt und musterte ihn ungläubig.
„Was ist los?“, fragte sie knapp.
Er war während ihrer Reise sehr einsilbig gewesen und sie ahnte, dass irgendetwas nicht stimmte. Die getrennten Zimmer waren nicht nötig gewesen, um sie darauf aufmerksam zu machen. Es war nicht besonders schwer, sich zu denken, was an ihm nagte- doch sie würde von sich aus sicher nicht mit diesem Thema anfangen!
„Was soll los sein?“, knurrte er unfreundlich.
„Du hast mich betrogen, ich habe dir verziehen- alles in Ordnung!“
Hermine biss sich auf die Lippen.
Wenn etwas deutlich geworden war in den letzten Stunden, dann, dass eben nicht alles in Ordnung war!
„Ich habe dir bereits erklärt, wie es dazu gekommen ist...“, sagte sie leise, zuckte aber erschrocken zusammen, als er den Koffer, den er gerade geöffnet hatte, laut knallend wieder zuwarf.
„Ja! Ja, ich weiß! Und ich habe gesagt, dass ich dir verzeihe! Aber so einfach ist das nun mal nicht!“, rief er und fuhr sich durch die Haare.
Eine eisige Hand schien nach ihrem Magen zu greifen. Sie hatte es befürchtet!
„Aber in Markree... und in der Bibliothek...“, begann sie mit leicht zitternder Stimme.
Severus stand mit gesenktem Kopf da und machte eine wegwerfende Handbewegung.
Hermine straffte sich.
„Du hast mir also nicht verziehen?“
„Doch! Nein! Ich... weiß es nicht!“
Er begann, unruhig in dem kleinen Zimmer auf und ab zu laufen und Hermine beobachtete ihn mit wachsender Sorge.
Sie hätte wissen müssen, dass die Sache noch nicht ausgestanden war.
„Severus“, flüsterte sie und räusperte sich, um die aufsteigenden Tränen nicht ihrer Stimme anmerken zu lassen.
„Du hast mich auch verletzt“, erinnerte sie ihn. „Es tut immer noch weh... aber... meine Zuneigung zu dir ist größer als der Schmerz.“
Er sah auf und sie sah einen gequälten Ausdruck über sein Gesicht huschen.
„Und wer sagt dir, dass es nicht nur die Runen sind, die dich den Schmerz ignorieren lassen?“, seufzte er und war mit einem Satz plötzlich bei ihr und zog sie an sich.
Es war überwältigend, ihn wieder zu spüren, wo sie doch vor einer Sekunde noch gefürchtet hatte, ihn nie wieder berühren zu können.
„Ich kann keinen klaren Gedanken fassen, wenn du nicht bei mir bist“, hauchte er, das Gesicht in ihrem Haar vergraben.
„Und ich hasse es! Ich hasse es, dass du mir so weh tun kannst- und ich trotzdem nicht aufhöre, mich nach dir zu sehen!“, murmelte er, während seine Hände über ihren Rücken strichen.
Hermine schlang ihre Arme um seinen Nacken und zog ihn für einen zärtlichen Kuss zu sich hinab.
Am liebsten würde sie mit diesem Kuss alles ungeschehen machen, die ganze unglückliche Geschichte mit Eryja und Harry und den Runen... aber ohne die Runen stände sie nicht hier...
Schließlich löste er sich von ihr und starrte sie an.
Sie wusste, dass sie ihn jetzt verführen konnte. Wenn sie ihre Zärtlichkeiten noch ein bisschen intensivierte, würde er alle Bedenken über Bord werfen und sie lieben.
Und obwohl es sie beinahe schmerzhaft danach verlangte, ihn wieder so zu spüren, trat sie einen Schritt zurück.
Sie sah in seinen Augen, dass er sie begehrte- doch sie sah auch, dass er sie nicht begehren wollte!
„Lass uns was essen gehen“, sagte sie sanft und griff nach seiner Hand.
Es würde sich erst noch zeigen müssen, ob sie beide diese Hürde, die sich vor ihnen aufgetan hatte, überwinden konnten.
ooooooooooooo
Am nächsten Morgen machten sie sich früh auf den Weg, um in den Katakomben von Rabat nach Wunjo zu suchen.
Er hatte nicht gut geschlafen, es kam ihm absurd vor, dass er hier alleine in seinem Bett lag und sich wünschte, sie wäre bei ihm, wenn sie doch nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt war.
Aber es lag wohl mehr zwischen ihnen, als die Hotelzimmerwand und er hatte keine Ahnung, wie er das ändern sollte.
Der
Eintritt in die Katakomben war frei und so konnten sie sich völlig
ungehindert und ohne das lästige hinterherlaufen einer geführten
Gruppe, in den engen Steingängen bewegen.
Das alte Gestein
roch muffig und modrig und an einigen Stellen tropfte faulig
riechendes Wasser von der Decke.
Severus verzog angewidert
das Gesicht, als einer der ekligen Tropfen sein Gesicht traf.
Hermine blieb dicht hinter ihm und suchte seine Hand. Er umfasste
sie mit festem Griff und drückte sie bestätigend.
Scheinbar
endlose Stunden irrten sie in den schmalen schlüpfrigen Gängen
herum und suchten nach einem Hinweis für Wunjo.
oooooooooo
Hermine stöhnte genervt auf.
Seit Ewigkeiten, so schien es ihr, liefen sie in diesen finsteren Gängen herum, während draußen die Sonne schien.
Sie spielte bereits mit dem Gedanken daran, die Suche für heute abzubrechen, als Severus seinen Händedruck verstärkte.
Er wandte sich zu ihr um und blickte bedeutsam auf seine andere Hand, in der er Uruz hielt.
„Hier also irgendwo?“, flüsterte sie.
Uruz musste sich in seiner Hand erwärmt haben, um ihnen anzuzeigen, dass sie der nächste Rune nahe waren.
Hermine begann gemeinsam mit Severus sich suchend umzuschauen.
Langsam näherten sie sich einer in die Wand eingelassenen Nische.. einem Grab...
„Wenigstens ist es diesmal leer“, grinste Hermine in Erinnerung an die erste Rune, bevor sie sich bückte und in die Nische hinein kroch.
Es war ein unheimliches Gefühl in diesem engen, dunklen Gelass herumzutasten und zu suchen und ihr Atem ging schneller, während ihr Herzschlag sich beschleunigte.
„Komm schon!“, murmelte Hermine mit zusammengebissenen Zähnen.
Da entdeckte sie endlich, eingelassen in eine Ritze, den unscheinbaren kleinen Kiesel mit dem Runensymbol.
Mit einem erleichterten Lächeln reichte sie Severus, der vor der Nische hockte, eine Hand und Wunjo löste sich.
Hastig kletterte Hermine aus dem leeren Grab hinaus und reichte Severus die Rune.
Er verstaute sie zusammen mit Uruz in seinem Stoffbeutel und zog Hermine dann plötzlich an sich.
Im ersten Moment dachte sie, er wolle sie umarmen, doch ein Blick in sein angespanntes Gesicht machte ihr deutlich, dass hier etwas anderes vorging.
Er formte stumm das Wort „Malfoy“ mit den Lippen und jetzt hörte auch Hermine, was ihn in Alarmbereitschaft versetzt hatte.
Das hallende Geräusch von klappernden Schritten näherte sich ihnen zielstrebig- zu zielstrebig für herumwandelnde Touristen!
So leise wie möglich eilten sie den dunklen Gang in entgegengesetzter Richtung entlang.
Die schlechte Beleuchtung, über die sie vorher noch geflucht hatten, kam ihnen jetzt sehr gelegen, denn sie ermöglichte es ihnen, rasch in der Dunkelheit unterzutauchen.
Sie erreichten einen kleinen Raum, der einst als Altarraum gedient haben mochte und blickten sich hektisch um.
Die Schritte, vor denen sie geflüchtet waren, waren verstummt. Wenn er jetzt entdeckte, dass die Rune verschwunden war...
Da ertönten sie von neuem, in rascher Abfolge, als würde jemand rennen.
Kurzentschlossen drängte Severus in den sehr schmalen, unbeleuchteten Gang, der als einziger Ausweg von dem kleinen Raum abging.
Hoffentlich war das keine Sackgasse!
Mit wild klopfendem Herzen huschte Hermine durch den Gang, mit den Händen an der unebenen Wand entlangstreichend, um sich zu orientieren.
Sie sah nichts, nur das leise Atmen verriet ihr, dass Severus direkt hinter ihr war und sie bemühte sich, nicht zu stolpern.
Ein schwacher Lichtschein war am Ende des Ganges auszumachen und erleichtert steuerte Hermine darauf zu.
Es war ein enger Durchlass, eigentlich mehr ein Schlitz in der Wand, doch sie zwängte sich hindurch und blieb stehen, um zu sehen, ob Severus ebenfalls hindurchpassen würde.
Ihr Herz sank, als er leise fluchend, in dem Durchgang stecken blieb.
„Hier“, zischte er und reichte ihr den Beutel mit den Runen.
„Nimm sie und lauf! Ich höre ihn kommen!“
Sie griff nach dem Beutel und umfasste gleichzeitig seine Hand.
„Ohne dich gehe ich nirgendwo hin!“, flüsterte sie und machte sich daran, sich in den dunklen Gang zurückzuklettern.
„Bleib wo du bist, dummes Kind!“, hörte sie ihn und spürte, wie er versuchte, sie aufzuhalten.
Hermine sah sich um. Sie war in dem Gang, den sie zuerst betreten hatten, als sie in die Katakomben hinabgestiegen waren. Sie waren so nahe vor dem Ausgang!
„Zieh dich aus, ich hab eine Idee!“, rief sie plötzlich.
Aus ihrer Tasche zog sie eine Flasche mit Sonnenöl hervor und reichte sie ihm durch den Schlitz.
Wenige Sekunden später flogen seine Jacke und sein Hemd in den Gang und kurz darauf drückte Severus sich mit schmerzverzerrtem Gesicht und fettig glänzendem Oberkörper durch den schmalen Durchlass.
Eine tiefe rote Schramme zog sich quer über seine Brust, doch keiner von beiden schenkte dem jetzt große Beachtung.
Hermine hatte seine Kleidungsstücke aufgehoben und sofort verließen sie auf dem schnellsten Weg die Grabkammern und rannten zum Auto.
Sie hatte Schwierigkeiten mit ihren zitternden Fingern den Schlüssel ins Zündschloss zu stecken, doch endlich gelang es ihr und sie fuhren los.
Erst als sie viele Kilometer zwischen sich und Rabat gebracht hatte, fuhr sie in einer ruhigen Straße links ran, ließ den Kopf aufs Lenkrad fallen und erlaubte sich ein leicht hysterisches Schluchzen.
ooooooooooooooo
Severus zog sich endlich sein Hemd wieder über und betrachtete dann die aufgelöste junge Frau neben sich.
Kein Wunder, dass sie jetzt Nerven zeigte. Sie hatte sie bewunderungswürdig lange bewahrt...
Er legte eine Hand auf ihren bebenden Rücken und strich beruhigend darüber, und es dauerte nicht lange, bis sie sich wieder in der Gewalt hatte.
Als würde sie sich ihrer Tränen schämen hielt sie den Kopf gesenkt, bis sie ein Taschentuch hervorgekramt und sich gesäubert hatte.
„Wenigstens hat sich jetzt einmal dein Hang zur Askese ausgezahlt“, versuchte sie ein Lächeln. „Ein Millimeter mehr Umfang- und du hättest nicht dadurch gepasst!“
Severus lachte.
„Naja, besonders enthaltsam war mein Leben in der letzten Zeit ja nicht...“, zwinkerte er.
Sie lächelte nicht, sondern sah ihn ernst und nachdenklich an.
„Wünscht du es dir anders?“, fragte sie leise.
Sie sprach nicht von reichlichem Essen, das war ihm durchaus bewusst. Sie fragte ihn, ob er sich wieder ein Leben ohne sie wünschte.
Er schüttelte den Kopf. „Nein!“
„Gut“, nickte sie und umfasste das Lenkrad mit beiden Händen.
„Zum Glück haben sie hier Linksverkehr- ich wüsste sonst nicht, ob ich uns heil zurückbringe!“
Mit diesen Worten startete sie den Motor und brachte sie zurück in das Hotel.
Es erschien ihnen zu unsicher, länger als unbedingt nötig auf Malta zu bleiben. Wenn Malfoy die Hotels absuchte, würde es nicht allzu lange dauern, bis er sie entdeckte.
Severus zweifelte nicht daran, dass es Malfoy gewesen war, der ihnen in den Katakomben gefolgt war. Er kannte den Klang seiner Schritte...
Es waren nun nur noch zwei Runen zu bergen und auch, wenn Malfoy nicht wissen konnte, welche sie als nächstes suchen würden, war die Wahrscheinlichkeit, ihm an einem der beiden Orte zu begegnen doch erheblich gestiegen. Und diese Begegnung wollte er sich lieber nicht vorstellen!
Sie konnten keine Zauberstäbe mitnehmen, sie konnten vom Ministerium geortet werden und Malfoys Beziehungen hochrangigen Mitarbeitern dort waren zu gut, als dass sie sich darauf hätten verlassen können, dass diese vertraulichen Informationen dort sicher waren.
Sie waren ihm also wehrlos ausgeliefert...
Der Gedanke brachte ihn zurück zu dem Moment, als er glaubte, in den Katakomben zurückbleiben zu müssen und Hermine versucht hatte, zu ihm zurückzukehren.
Es war unglaublich dumm von ihr gewesen, sie hätte die Runen nehmen und verschwinden sollen- aber er konnte nicht anders, als sich mit einem kleinen Lächeln an ihre Worte zu erinnern.
Ohne dich gehe ich nirgendwo hin!
Im Flugzeug, das sie nach London zurückbrachte, griff er nach ihrer Hand und drückte sie liebevoll.
Es war merkwürdig, so rasch wieder in das Leben in Hogwarts einzutauchen.
Im Gryffindor- Gemeinschaftsraum war es wegen des schlechten Wetters übermäßig voll und Hermine beeilte sich, in ihr Zimmer zu gelangen.
Hier, in ihrer vertrauten Umgebung schien es ihr geradezu unglaublich, dass sie heute morgen noch gerade so eben Lucius Malfoy entkommen waren!
War ihr Leben in Gefahr gewesen?
Sie hatte nicht wirklich daran gedacht. Der Gedanke war zu absurd. Bisher hatte die Runen- Suche, trotz aller Widrigkeiten, meist den Eindruck von Ausflügen gehabt, sie hatte sich darauf gefreut, Zeit außerhalb der Schule verbringen zu können, Zeit mit Severus...
Doch jetzt hatte die ganze Sache plötzlich andere, bedrohlichere Dimensionen angenommen und zum ersten Mal begann sie zu begreifen, dass es hier nicht nur um einen amüsanten Zeitvertreib ging. Weitaus mehr stand auf dem Spiel, spätestens, nachdem Eryja aufgetaucht war, hätte ihr das deutlich sein müssen. Diese Frau hatte nicht nur eine Bedrohung für ihr persönliches kleines Glück mit Severus bedeutet- sondern sie war eine Vorwarnung dafür gewesen, dass sie sich mit Mächten anlegte, die entschlossen waren, Severus und sie aufzuhalten!
Und der Ausgang war ungewiss. Es gab noch zwei weitere Runen und erst, wenn sie alle beisammen hatten, konnten sie ihre Fähigkeiten nutzen. Dann wäre ihre Suche beendet- und es würde sich zeigen, was sie gebracht hatte...
Wunjo, die Rune, die sie heute geborgen hatten, galt als Symbol der Wiederherstellung und versprach die Klärung bisher undurchsichtiger Angelegenheiten.
‚Schön wär’s’, dachte Hermine und machte sich an den Berg von Schularbeiten, der sie erwartete.
Der Tag ging rasch vorbei, doch der nächste zog sich wie Kaugummi in die Länge, und Hermine glaubte mehr als einmal, dass die Zeit aufgehört habe, zu vergehen, bevor es endlich Abend wurde. Sie wollten die nächste Entschlüsselung so schnell wie möglich durchführen, um weitere Verzögerungen zu vermeiden. Je eher sie alle Runen geborgen hatten, umso weniger Zeit hatte Lucius Malfoy, sich ihnen in den Weg zu stellen...
Vor der Tür zu seinen Räumen hielt sie inne.
Sie war sich nicht sicher, wie sie einander begegnen würden.
Warum hatte sie sich so sehr auf diesen Abend gefreut?
Hinter dieser Tür wartete nicht mehr der übellaunige Tränkemeister auf sie wie früher, aber auch nicht mehr der leidenschaftliche Liebhaber, den sie danach kennengelernt hatte. Dort wartete ein Mann, den sie verletzt hatte, der sie verletzt hatte- und sie wusste nicht, wie sie dem begegnen sollte.
Sie klopfte an und wartete. Es dauerte einige Momente, bis die Tür langsam geöffnet wurde.
Severus trat ohne ein Wort beiseite und ließ sie eintreten.
Erst als sie in seinem Wohnraum stand, in dem alles für die Entschlüsselung vorbereitet war, wandte sie sich zu ihm um.
Er schloss gerade den Zugang zu seinen Privaträumen, damit sie ungestört waren und ohne weiter nachzudenken trat sie auf ihn zu und legte ihre Hände auf seine Brust.
„Ich habe dich vermisst“, sagte sie leise, als sie zu ihm aufblickte.
Es war grausam von ihm, in diesen Moment zu zögern, doch dann legte er seine Arme um sie und zog sie an sich. Aufseufzend schmiegte sie sich an und legte ihre Wange auf den rauen Stoff seines Gehrocks.
Einige Augenblicke lang standen sie einfach so da, stumm die körperliche Präsenz des anderen spürend, bis Severus seinen Mund kurz auf ihrem Haar ruhen ließ.
„Ich habe alles für Wunjo vorbereitet“, sagte er sanft und führte sie zu den bereitliegenden Kissen.
Der Ablauf der Entschlüsselung war ihnen mittlerweile so vertraut, dass sie ihn beinahe automatisch durchführten und mit einem Lächeln öffnete Hermine ihre Augen nach den Visionen. Sie ahnte, wo die nächste Rune, wo Berkana versteckt war.
Severus schien dieses Mal länger als sie zu brauchen, um sich zu erholen, er lag noch am Boden, als sie wieder zu sich kam.
Rasch rutschte sie zu ihm herüber. Obwohl sie mittlerweile wusste, dass nichts schlimmes zu befürchten war, erschreckte es sie doch, ihn so teilnahmslos daliegen zu sehen.
Sie nahm seinen Kopf behutsam hoch und legte ihn in ihren Schoß. Zärtlich strich sie ihm die Haarsträhnen aus dem Gesicht und flüsterte wiederholt seinen Namen.
ooooooooooooooooooooo
Die Bilder, die ihn bei der Entschlüsselung überfluteten, weckten eine merkwürdige Sehnsucht in ihm, er kannte sie so gut... Berkana war in Irland, seiner Heimat.
Während er noch versuchte zu enträtseln, ob ihm das letzte Bild bekannt vorkam hüllte ihn die gnädige Schwärze wieder ein.
Nur langsam kam er wieder zu sich. Er vernahm einen vertrauten Duft, liebliche Worte und sanft streichelnde Hände- es fühlte sich so gut an, dass er beschloss, die Augen noch nicht zu öffnen. Nur einen Moment noch diese Berührungen genießen, die nur sie ihm schenken konnte... ihre Fingerspitzen waren so wunderbar weich auf seinem Gesicht... hatte sie Potter auch so berührt?
Mit einem Ruck setzte er sich plötzlich auf.
Die kleine schillernde Blase des Wohlgefühls war geplatzt durch die Erinnerung an den Bengel.
Er hatte sie mit seiner heftigen Bewegung erschreckt und sie sah ihn abwartend an.
„Sie ist in Irland“, sagte er rasch und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht, als wolle er die streichelnden Finger, die er noch immer dort spürte, wegwischen.
„Ja“, sagte sie lese. „Ich dachte mir, dass...“
„Diese Reise werde ich vorbereiten, du brauchst dich nicht darum zu kümmern.“, unterbrach er sie, indem er aufstand.
Irritiert wandte er sich zu ihr um, als sie keine Anstalten machte, sich zu erheben.
„Es ist spät- du solltest gehen“, sagte er darum, deutlich machend, dass ihres Bleibens hier nicht länger war. Um so überraschter war er, als sie ihre Arme verschränkte und ihn trotzig ansah.
„Nein“, sagte sie schlicht. „Ich werde nicht gehen. Ich will, dass du mit mir sprichst!“
Er war an seinen Sekretär getreten, um Wunjo wieder zu den anderen Runen zu legen.
„Ich spreche mit dir- und ich sage dir, dass du gehen sollst!“ Ein leiser, bedrohlicher Unterton war in seine Stimme getreten, doch sie hatte offenbar beschlossen, ihn vollkommen zu ignorieren, denn sie war jetzt aufgestanden und dich hinter ihn getreten.
„Warum schickst du mich weg?“, fragte sie in seinem Rücken. „Du sehnst dich doch nach mir- genauso sehr, wie ich mir nach dir!“
Mit hochgezogenen Augenbrauen wandte er sich zu ihr um und sie kam noch näher und legte ihre schmale Hand auf seine Brust.
Er atmete tief ein.
„Ich will bei dir sein... nichts sonst...“, flüsterte sie.
„Wie lange?“, presste er hervor uns umfasste ihre Oberarme, unsicher, ob er sie von sich stoßen oder noch einmal an sich ziehen wollte.
„Wie lange noch, Hermine?“, wiederholte er. „Denn ja, ich sehne mich nach dir- so sehr, dass es mir unheimlich ist! Aber- wer sagt, dass das so bleibt, wenn der Bann der Runen nachlässt?“
Ihre Augen weiteten sich. „Der Bann der Runen? Aber du hast doch... dein Trank...“
Jetzt ließ er sie los und wandte sich ab.
„Ich habe einen Trank gebraut, von dem ich dachte, dass er den Bann der Runen aufhebt, ja. Aber war er wirklich wirksam? Ich habe gesehen, was die Runen Eryja angetan haben- wie kann ich denn hoffen, ihre Macht richtig eingeschätzt zu haben? Vielleicht wollte ich mich nur an diese Hoffnung klammern, dass der Trank wirksam war, um glauben zu können, dass das, was wir fühlen, echt ist...“
„Aber was wir fühlen...“, begann sie leise, doch wieder unterbrach er sie.
„Verflucht, Hermine!“, rief er aus und sah ihr jetzt in die Augen. „Weißt du, was ich fühle, wenn ich dich ansehe? Wut und Schmerz! Ich kenne diesen Gefühle! Eryja hat mich sie fühlen lassen und ich habe mir geschworen, sie nie wieder fühlen zu wollen!“
„Ich bin nicht Eryja!“, erwiderte sie mit fester Stimme.
„Und ich bin nicht der Mann, den du glaubst zu kennen! Ich bin nicht der zärtliche, aufmerksame Liebhaber, den die Runen aus mir gemacht haben! Du hast keine Ahnung, was für ein Leben ich geführt habe, was ich getan habe...“
„Doch! Ich weiß es! Ich kenne deine Akte, ich weiß alles, was du getan hast- und trotzdem stehe ich hier und...“
Er wusste kaum, was er tat, doch mit einem Satz war er bei ihr und hatte sie bei den Schultern gepackt.
„Du hast...? Wann? Wie?“, schrie er sie an.
„Als Eryja hier war... sie hat sie mir geschickt, glaube ich...“
„Und du hattest natürlich nichts besseres zu tun, als sie zu lesen, so, wie Eryja es geplant hatte!“ Seine Stimme war voller Bitterkeit und er ließ seine Hände fallen.
„Geh jetzt endlich“, sagte er müde.
„Severus...“
„Raus hier!“, brüllte er und sah nicht eher auf, als bis er das leise Klicken der Tür vernahm.
Zornig kickte er die Kissen, die auf dem Boden lagen, beiseite und griff nach seinem Umhang.
Er musste jetzt raus hier, weg von dem Ort, an dem noch immer ihr Duft hing.
Gierig sog er die kühle Abendluft auf seinem Weg aus dem Schulgelände ein.
Er hatte kein bestimmtes Ziel, doch wenn er sich nicht bewegte fürchtete er zu platzen von den widerstrebenden Gefühlen, die in seinem Inneren tobten.
Sie würde es nie verstehen! Sie konnte es nicht ermessen, was es für ihn hieß, dass sie seine Akte kannte, diese akribische Auflistung all seiner Verbrechen.
Er hatte gehofft, das alles endgültig hinter sich lassen zu können, diesen Teil seines Lebens zu eliminieren, indem er nie wieder daran dachte, zumindest wenn er wach war. In seinen Träumen holte das Grauen von damals ihn noch oft genug ein...
Wenn er vorher noch irgendwo, tief in sich vergraben, die winzig kleine Hoffnung gehabt hatte, dass er mit ihr... Es war eine schöne Aussicht gewesen. Wenn diese Suche beendet war und wenn ihre Gefühle dann noch die selben waren und wenn er vergessen konnte, was sie getan hatte... vielleicht wäre das eine Möglichkeit für ihn gewesen, ein bisschen Glück zu finden.
Einen neuen Anfang an der Seite einer jungen, unschuldigen Seele, die keine Ahnung hatte von seinen Abgründen...
Doch nun wusste sie es, wusste sie alles und sein altes Leben würde ihn auch mit ihr nicht loslassen. Wie sollte er ihr in die Augen sehen, wenn er fürchten musste, plötzlich Angst darin aufflackern zu sehen, wenn sie daran dachte, was er getan hatte? Wie sollte sie seine Berührungen ertragen, wenn sie von dem Blut erfahren hatte, das an seinen Händen klebte?
Sie wusste es- und dieses Wissen würde langsam aber sicher ihre Zuneigung zu ihm vergiften...
Ooooooooooooooo
Hermine verließ Severus’ Räume und das Schloss durch den geheimen Eingang.
Sie wollte jetzt niemanden sehen und mit niemandem reden.
Die abendliche Kälte empfand sie als wohltuend für ihr erhitztes Gemüt und sie lief im Sturmschritt bis hinunter zum See und anschließend an seinem Ufer entlang.
Sollte es das gewesen sein?
Ein einfaches „Raus hier“, weil sie ihn hatte wissen lassen, dass sie seine Verbrechen kannte?
Keuchend blieb sie stehen und starrte auf die dunkle Fläche des Sees.
Nein! Wie zur Bestätigung ihrer Gedanken schüttelte sie den Kopf.
Sie liebte ihn für die Tatsache, dass ihn seine Verbrechen so sehr quälten nur noch mehr, und sie wusste, dass Severus sie liebte.
Kein Zauber, kein noch so mächtiger Bann konnte sie dazu bringen, so zu empfinden, wie sie es tat, und sie weigerte sich zu glauben, dass...
Das konnte nicht plötzlich vorbei sein. Nicht nach alledem, was sie mittlerweile verband.
Sie würde ihn heute mit seinem Dämon allein lassen, aber morgen in Irland, weit weg von Hogwarts, würde sie ihm zeigen, dass sie sich nicht einfach so wegschicken ließ.
Sie würde nicht zulassen, das diese Vergangenheit alles zerstörte, um das sie so mühsam gekämpft hatte. Sie würde warten, wenn nötig würde sie warten, bis alle Runen geborgen waren, um ihm anschließend zu zeigen, dass nichts von dem, was zwischen ihnen war, vorbei war.
In dieser Nacht fand sie keinen Schlaf.
Trotz allen guten Willens schlich sich doch die heimliche Angst in sie ein, dass der Dämon siegen und sie dabei auf der Strecke bleiben würde.
Während der ganzen Woche vermied er es, ihrem Blick zu begegnen, eine Eule unterrichtete sie von dem Zeitpunkt ihrer Abreise nach Irland und sie traf ihn an diesem Abend am Waldrand wieder, bereit für ihre vorletzte Reise.
Er starrte düster vor sich hin und sprach nicht mit ihr.
Hermine biss die Zähne zusammen und betrat nach einer kurzen Zugfahrt schließlich aufatmend ihr Zimmer in einem kleinen Pub in Sligo.
Severus hatte ihr knapp zu verstehen gegeben, dass er nicht essen wolle, und so ging Hermine, nachdem sie geduscht und sich umgezogen hatte zu seinem Zimmer und klopfte an.
Ohne auf Antwort zu warten trat sie ein und fand ihn in einem Sessel sitzend und aus dem Fenster starrend.
„Weißt du, wo wir suchen müssen?“, fragte sie leise.
Langsam wandte er seinen Kopf und sah sie an, mit einem Blick der verriet, dass seine Gedanken weit weg gewesen waren. Wo waren sie?
„Ja, ich kenne den Ort...“, sagte er schließlich und erhob sich. „Wir sollten sofort los, je eher wir das hinter uns haben, um so besser!“
Er versetzte ihr einen Stich, zu hören, dass er diese Reise, diese kleinen Inseln im Schulalltag, die sie immer so sehr genossen hatten, jetzt als lästige Pflicht ansah, doch er hatte natürlich Recht. Der bedrohliche Schatten Malfoys schwebte immer noch über ihnen, jetzt mehr denn je.
Severus dirigierte sie in ihrem Leihauto zur nordwestlichen Küste der County Sligo, hieß sie dann den Motor abstellen und ihm folgen.
Er stapfte voraus und hielt immer wieder inne, um sich in der urwüchsigen Landschaft, die sie betreten hatten, zu orientieren.
„Woher weißt du so genau, wo sie ist?“, fragte sie um die lastende Stille, die zwischen ihnen herrschte, zu durchbrechen.
„Ich war schon einmal hier“, gab er knapp zurück. „Und ich habe das Bild, das Wunjo schickte, wiedererkannt.“
Er schwieg wieder und Hermine folgte ihm, bis er plötzlich stehen blieb.
Überrascht sah sie sich um.
Sie standen in kniehohem Gras, das durchsetzt war mit gelben Blüten.
Ein süßlicher Geruch hing in der Luft, der von den Ahorn- Bäumen auszugehen schien, die hier wuchsen. Drei von ihnen standen in einer Gruppe und vor ihnen befand sich ein kleines, unscheinbares Steinbecken, mit ein paar Steinen darum herum.
„Was ist das?“, fragte sie.
Severus war vor dem Steinbecken in die Knie gegangen und begann bereits, es nach der Rune abzutasten.
„Das ist eine natürliche Quelle. Es gibt viele von ihnen hier in Irland. Manche sind touristisch erschlossen, andere sind so gut versteckt, das sich kaum jemand hierher verirrt.“
Er sah nicht auf, sondern langte jetzt mit einem Arm tief in den niedrigen Brunnen hinein.
„Ich glaube, ich fühle sie!“, rief er. „Komm her!“
Hermine trat zu ihm und ergriff seine ausgestreckte Hand. Sein Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung. „Ich fühle sie, aber sie will sich nicht lösen...“, keuchte er.
Sie hatte da eine Ahnung und hockte sich hinter ihn, schlang ihre Arme um seinen Bauch und schmiegte sich an ihn.
Er versteifte sich, doch dann ging ein Ruck durch seinen Körper und er richtete sich auf, wobei er sie unsanft umstieß.
Als Hermine sich aufgerappelt hatte, steckte er den Stoffbeutel in dem er die neugeborgene Rune verstaut hatte, gerade wieder ein.
„Lass uns verschwinden“, sagte er dann und sah sich argwöhnisch um. Die Landschaft war relativ gut zu überblicken und es wäre schwierig gewesen, sich ihnen hier unbemerkt zu nähern. Auch jetzt blieb alles still.
Hermine ließ ihren Blick noch einmal über die kleine Stelle gleiten. Sie wirkte friedlich und verwunschen, es war schwer, sich vorzustellen, dass ihnen hier etwas Böses auflauern könnte.
Doch sie hatten Kenaz ohne Zwischenfall geborgen- und würden sicher gleich wieder abreisen können.
Während sie zu ihrem Auto zurückkehrten dachte Hermine an ihren letzten Aufenthalt in Irland. Damals waren sie anschließend in sein Zuhause gefahren. Sie hatte Kitty und Tamy versprochen, das sie wiederkommen würde...
„Warum haben wir nicht in Markree Station gemacht?“, fragte sie.
„Malfoy kennt Markree“, antwortete er, ohne sich umzudrehen. „ich hatte keine Lust, dort von ihm erwartet zu wer...“
„Servus Snake?“, rief da plötzlich eine männliche Stimme.
Severus fluchte leise und wartete, bis Hermine bei ihm war, um ihr ungesehen den Runen- Beutel in die Hand zu drücken.
Hermine stopfte ihn hastig in ihre Hosentasche und spähte mit heftig klopfendem Herzen zu ihrem Auto, an dem lässig ein Fremder lehnte, der sie zu erwarten schien.
„Sie haben da, glaube ich, etwas, das ich haben will!“, sagte der Mann nun und stieß sich vom Wagen ab, um auf sie zuzugehen.
„Das denke ich nicht!“, sagte er mit erzwungen ruhiger Stimme und ging nun seinerseits auf den Kerl zu. Er musste seine Aufmerksamkeit von Hermine ablenken, die hoffentlich geistesgegenwärtig genug sein würde, um zum Auto zu gelangen und die Runen in Sicherheit zu bringen.
Ein Geräusch aus dem Gebüsch neben ihm und dann ein heftiger Schlag- und alles um ihn herum wurde schwarz.
In das dumpfe Dunkel, das ihn umgab, drängten sich eine Empfindung und ein Laut. Da war stechender Schmerz in seinem Kopf und da waren Schreie...
Eine Frau schrie- Hermine!
Langsam, viel zu langsam kehrte das Bewusstsein in ihn zurück. Er lag hier nutzlos auf dem Boden während Hermine um Hilfe schrie!
Der Schmerz war vergessen, ein anderes Gefühl überdeckte ihn gänzlich- Angst! Rasende, tobende Angst um die junge Frau, die es allein mit den Kerlen aufnehmen musste, deren Stimmen er undeutlich zwischen ihren Rufen vernahm. Er musste zu ihr und konnte sich noch immer nicht rühren. Mühsam öffnete er seine Augen, doch alles was er sah war Gras, leisere Rufe und die Geräusche eines Handgemenges erreichten ihn von der anderen Seite.
Was wurde ihr angetan? Die Erinnerungen an Stonehenge drängten sich ihm auf. ‚Sei ein bisschen nett zu Bill...’
Er musste zu ihr, sofort! Er würde jedem die Knochen brechen, der ihr Schaden zufügte- ob mit Zauberstab oder ohne!
Endlich schaffte er es, die Kontrolle über seine Arme zurückzugewinnen und sich vom Boden abzustützen.
Wieder Schreie, Schimpfwörter... wenn er nur schnell genug bei ihr sein würde...
Eine Hand griff unter seine Schulter, um ihm aufzuhelfen.
Er wandte den Kopf um und erkannte- Hermine! Blass und zerzaust, doch anscheinend unversehrt. Er griff nach ihr, als ob er eine Bestätigung brauchte, dass sie heil war.
„Komm jetzt, schnell!“, wisperte sie jedoch und entzog sich ihm. Sie ergriff seine Hand und zerrte ihn zum Auto.
Sein Blick fiel auf zwei Männer, die sich fluchend die Gesichter mit den Händen bedeckten und ziellos durch die Gegend taumelten.
Erst als er neben ihr in dem Wagen saß und sie in hohem Tempo einige Kilometer hinter sich gebracht hatten, schien er seine Sprache wiedergefunden zu haben.
„Die Runen?“, fragte er. „Hab ich“, gab sie knapp zurück. Ihr Mund war fest zusammengepresst als müsse sie um Beherrschung ringen und fürchten, sie zu verlieren, wenn sie zuviel sprach.
„Wie hast du...?, fragte er dennoch.
„Tränengas“ Der Hauch eines Lächelns umspielte ihre farblosen Lippen und sie stellte ihr Fahrzeug vor dem Pub ab, von dem aus sie gestartet waren. Bevor er noch ein Wort sagen konnte war sie schon ausgestiegen und in ihr Zimmer gestürmt.
Er folgte ihr und klopfte leise an ihre Zimmertür.
Sie öffnete die Türe einen Spalt weit und öffnete sie erst ganz, als sie ihn erkannte. Er trat ein und sah zu, wie sie an das Waschbecken trat und sich die Hände wusch, wieder und wieder und wieder...
Zögernd trat er hinter sie. Er verspürte das überwältigende Verlangen, sie zu berühren, sie in die Arme zu nehmen und zu fühlen, wie die Anspannung langsam von ihr wich, doch er war unsicher, ob sie jetzt angefasst werden wollte.
Endlich drehte sie den Wasserhahn zu und wandte sich langsam zu ihm um.
„Ich bin okay“, sagte sie, ohne ihn anzusehen.
Er legte einen Finger unter ihr Kinn, hob es an und zwang sie so sanft, ihn anzusehen.
„Das glaube ich nicht“, sagte er leise.
Sie wich seinem Blick aus und ihre Mundwinkel begannen zu zucken. Behutsam legte er eine Hand auf ihren Oberarm und sah sich im nächsten Moment von ihr umschlungen.
Er hielt sie fest umfangen und wiegte sie leicht hin und her bis ihr Schluchzen langsam abebbte.
Er hätte ewig so hier stehen können, sie in seinen Armen, seinen Trost suchend. Er hätte sie ewig gehalten, wenn ihr das etwas von dem Schmerz abnehmen würde, den sie offenbar erlitten hatte. Ein Gefühl breitete sich in seinem Bauch aus, das nichts mit Wut oder Schmerz zu tun hatte. Er würde alles tun, um sie wieder glücklich zu machen- weil er sie liebte.
Er liebte diese kleine, tapfere, schluchzende Gryffindor so sehr, dass es ihm einen Faustschlag in den Magen verpasste, als er sich des Ausmaßes seiner Empfindungen bewusst wurde.
Wen interessierte, was sie getan hatte? Wer war Harry Potter? Sie liebte diesen Bengel nicht, sie brauchte ihn nicht, er, Severus, war es, den sie brauchte- und wollte. Sie wollte ihn, obwohl sie seine Vergangenheit kannte und sie wollte ihn, obwohl sie sich durchaus bewusst war, dass alles vorbei sei konnte, wenn die Runen versammelt waren.
Sie ging dieses Risiko ein- während er zu feige dafür gewesen war. Er hatte ihr nun zum zweiten Mal sein Leben oder zumindest seine Gesundheit zu verdanken. Sie war unglaublich stark! Warum traute er ihr so wenig zu? Er wollte ihrer würdig sein! Er wollte sich von den Schatten seiner Vergangenheit lösen, um bei ihr sein zu können. Sollte er es zulassen, dass seine Vergangenheit ihm diese Chance auf Glück vermasselte? Er stand sich lediglich selbst im Wege...
Sie war nun ganz still geworden, er konnte sie nur noch leise schnüffeln hören, doch sie löste die Umklammerung, in der sie sich befanden, nicht.
„Ich wollte nie, dass du all diese furchtbaren Dinge über mich weißt.“, sagte er leise, sein Kinn auf ihren Kopf gelegt.
Sie zögerte und blickte dann auf. Sie wusste, wovon er sprach.
„Es hat aber nichts verändert!“, flüsterte sie.
„Das kannst du noch gar nicht wissen!“
„Du auch nicht!“, erwiderte sie fest. „Und wenn wir es nicht versuchen, werden wir es nie erfahren!“
Es gab bestimmt eine Lücke in ihrer Logik- aber er gab es auf, darüber nachzudenken. Er hielt diese Frau in seinen Armen, die ihm immer wieder deutlich machte, dass sie sich nicht von ihm abwenden wollte- und das war für diesen Augenblick vollkommen ausreichend für ihn.
Was geschehen war, war geschehen. Er konnte den Rest seines Lebens damit verbringen darüber verbittert zu sein- oder er konnte diese kleine Chance ergreifen und versuchen, etwas daraus entstehen zu lassen... es lag an ihm...
Vielleicht wäre das ein Moment für Erklärungen gewesen, für wortreiche Entschuldigungen- doch nichts davon war ihm jetzt wichtig.
„Wir müssen hier verschwinden“, sagte er stattdessen weich.
Hermine nickte.
Als sie wieder im Zug saßen kam sie ihm nicht nahe, doch sie lächelte, als er nach ihrer Hand griff.
„Ich hätte nie gedacht, dass Malfoy Muggel anheuern würde, um uns aufzulauern.“, sagte sie schließlich.
Severus zuckte mit den Schultern.
„Warum nicht? Wenn die Bezahlung stimmt, machen sie alles. Sie stellen keine Fragen und verstehen nicht, worum es geht. Die perfekten Handlanger! Seine Arroganz geht nicht so weit, dass er nicht abschätzen könnte, was für ihn am praktischsten ist.“
Eine Zeitlang blieb sie stumm.
„Woher wusstest du so genau, wo wir suchen mussten?“, fragte sie dann weiter.
Er lächelte. „Ich kenne diese Quelle. Sie heißt St. Brigids Well und meine Mutter hat sämtliche Quellorte in Irland mit uns besucht, sie haben sie fasziniert. Mein Vater und ich haben immer gescherzt, dass sie wohl auf der Suche nach einem Froschkönig sei. Diese Orte haben tatsächlich eine ganz besondere Ausstrahlung und wenn wir Zeit gehabt hätten, hättest du sie spüren können. Vielleicht ein anderes Mal...“
Sie verstärkte ihren Händedruck, sagte jedoch nichts und Severus war dankbar dafür.
Er würde noch ein wenig Zeit brauchen...
Er bekam diese Zeit, als sie nach Hogwarts zurückkehrten, denn es ergab sich keine Gelegenheit, Hermine für die Entschlüsselung von Kenaz zu treffen und es machte ihn zutiefst unzufrieden.
Mit diesem unzufriedenen Gefühl in der Brust ging er ein paar Tage nach ihrer vorletzten Runensuche in die große Halle.
Er schüttelte fassungslos den Kopf, als er den Raum betrat und sich mit einer Flut von Fähnchen und Wimpeln konfrontiert sah, die mit verschiedenen schottischen Clanfarben kariert waren.
Albus Dumbledore hatte mal wieder einmal wirklich ganze Arbeit geleistet!
Die Tische waren zu Ehren der Hauslehrerin der Gryffindors, die heute ihren Geburtstag feierte, zur Seite gerückt worden, so dass sie in der Mitte eine großzügige Tanzfläche freigaben.
Überall waren schottische Wahrzeichen verteilt und ließen keinen Zweifel daran, welcher Herkunft Minerva McGonagall war.
Den absoluten „Höhepunkt“ bildete allerdings ein Nessi- Hologramm das sich an den Wänden entlang schlängelte und hin und wieder ein schrilles Brüllen ausstieß.
Severus grinste in sich hinein, als er den entsetzten Gesichtsausdruck von Peeves vor sich sah, der sich vorhin auf den Gängen laut kreischend über diese Unverfrorenheit mokiert hatte.
Er beschränkte sich darauf, seiner Kollegin eine Flasche Maiglöckchen- Haarwasser in die Hand zu drücken und ihr knapp einen schönen Tag zu wünschen, bevor er sich auf seinen Platz am Lehrertisch setzte und einen finsteren Blick über die Anwesenden schweifen ließ.
Soweit er sehen konnte, war Hermine noch nicht da.
Er lehnte mehrmals energisch die Bemühungen Minervas ab, ihn zu einem Tanz zu überreden, denn er wollte unter keinen Umständen verpassen, wenn Hermine den Saal betrat.
Eigentlich hatte er schon eine vage Ahnung, wer ihr Begleiter sein würde, trotzdem wollte er es mit eigenen Augen sehen.
Inzwischen fielen ihm die lautstarken, leicht weinseligen Gespräche von Madame Hooch und Madame Sprout so auf die Nerven, dass er aufstand und sich an eine Mauer lehnte.
„Suchst du jemanden, Severus?“, fragte der Schulleiter schmunzelnd, der unbemerkt seitlich an ihn herangetreten war.
„Ich habe nur ein wachsames Auge auf die Schüler, während der Rest der Lehrerschaft mit sich selbst beschäftigt ist...“, gab er spröde und mit einem missbilligenden Kopfnicken auf die kichernden Damen am Tisch zurück.
„Sie kommt schon noch...“, erwiderte Dumbledore grinsend und klopfte seinem Tränkemeister freundschaftlich auf den Arm, bevor er sich wieder ins Getümmel des Balles stürzte.
Severus starrte ihm feindselig hinterher und hätte deshalb beinahe verpasst, wie Hermine an Harrys Seite, die große Halle betrat. Sie sah zauberhaft aus.
Ihre schönen Haare hatte sie zu einer kunstvollen Hochsteckfrisur verschlungen und sie trug das cremefarbene Kleid, das er in Irland zum ersten Mal an ihr gesehen hatte.
Das Kleid, das sie wie eine Braut aussehen ließ.
Unwillkürlich beschleunigte sich sein Puls, als ihr Blick kurz auf ihm ruhte und dann weiter über die Gäste streifte.
Es war merkwürdig wie intensiv er sie gerade in solchen Momenten begehrte, wie sehr er ihr nah sein wollte. Sie war seine Frau!
Die Frau, die er mehr liebte als er jemals geglaubt hätte. Die Frau, die mit ihrer liebevollen Geduld all seine Mauern einfach niedergerissen hatte, um ihm nah zu sein.
Er hielt die Arme verschränkt und verfolgte jeden ihrer Schritte mit seinen schwarzen Augen.
Hier konnte er nur zusehen, wie die männlichen Schüler ihres Jahrgangs sie um schwirrten, wie ein Schwarm Fliegen ein Honigbrot.
oooooooo
Mit klopfendem Herzen betrat Hermine an Harrys Arm die große Halle, die sich in einen Ballsaal mit deutlich schottischem Akzent verwandelt hatte.
Unwillkürlich irrten ihre Augen zu Severus hinüber, dessen Gesicht sich für einen winzigen Moment aufhellte, als er sie sah, sich jedoch gleich darauf wieder verfinsterte, als er ihre Begleitung bemerkte.
Die Andeutung eines Lächelns glitt über ihr Geicht, doch er erwiderte es nicht.
Hermine spürte seine Blicke während des Eröffnungstanzes auf sich ruhen.
Auch Harry registrierte sie offenbar, denn er wisperte ihr zu:" Ich sollte wohl jetzt tot umfallen, wenn es nach dem Willen eines bestimmten Lehrers ginge...“
Hermine schmunzelte. „Dann danke ich dir besonders, dass du mich trotzdem begleitest..“
Übermütig umfaste Harry sie etwas enger. „Aber Mine... selbst ein Tanz mit dir ist mir ein bisschen Unbehagen ihm gegenüber wert...“, grinste er.
Hermine wünschte, dass er sich etwas weniger dicht an sie pressen würde.
Sie verstand es als freundschaftlichen Scherz, aber sie war sich ganz und gar nicht sicher, ob Severus das ebenso verstehen würde...
Nach Harry tanzte sie noch mit Ron und zu ihrer großen Überraschung sah sie danach Dean auf sich zukommen.
Seit sie mit ihm Schluss gemacht hatte, waren feindselige Blicke eigentlich die einzige Kontaktaufnahme, zu der Dean bereit gewesen war.
Es hatte ihr zwar Leid getan, aber sie hatte schließlich akzeptiert, dass sie ihm offenbar doch sehr weh getan hatte und er deshalb kein Wort mehr ihr reden wollte.
Deshalb freute sie sich sehr als er sie jetzt um den nächsten Tanz bat.
„Hermine“, druckste er herum, während sie sich zu den Klängen der Musik bewegten.
„Ich w&