Feedback: Sonja
Inhalt: Nach der Ermordung Dumbledores kehrt Harry Potter ein letztes Mal nach Hogwarts zurück. Als die letzte Schlacht unmittelbar bevorsteht, muss er lernen, dass er Hilfe von überraschender Seite benötigt.
Die Figuren gehören mit einer Ausnahme J.K. Rowling, der Plot stammt ausschließlich von mir.
Im Schloss herrschte Chaos. Vor wenigen Stunden waren Dementoren im Verbotenen Wald gesichtet worden und Direktorin Minerva McGonagall hatte veranlasst, dass alle Schüler ihr Hab und Gut packen sollten, um mit dem Hogwarts Express in ein sicheres Lager zu entkommen.
Überall in Hogwarts liefen Menschen nervös die Treppen auf und ab, um verlorene Gegenstände, Schulbücher und verlegte Drachenhauthandschuhe zu suchen. Gerüchte von Leichen, die im Verbotenen Wald gefunden worden seien, kursierten anfangs in der Schule, was die Angst noch verstärkte. Die Hauslehrer hatten schon lange aufgegeben, die Schüler zu ermahnen, ruhig zu bleiben, buchstäblich jeder in der Schule war von Panik erfasst worden. Auch der Gryffindor-Turm war eine einzige Masse hin- und herwogender Schüler, doch gleichzeitig war es unheimlich still, denn niemand vergeudete seine wertvolle Zeit um belanglose Worte zu wechseln.
Auch Harry Potter und seine Freunde Hermine Granger und Ron Weasley packten atemlos ihre Sachen. Rons Eltern hatten Ginny schon vor Tagen aus dem Schloss geholt, doch Ron hatte sich noch vehementer als seine sich sträubende Schwester geweigert die Schule vorzeitig zu verlassen.
Harry warf gerade wahllos Umhänge, Zaubertrankzutaten, Muggelklamotten, Bücher und Zaubererhüte in seinen Koffer, als die Tür zum Jungenschlafsaal aufging.
Harry beachtete es nicht weiter, schließlich gingen seine Zimmergenossen Neville Longbottom, Dean Thomas und Seamus Finnigan ständig ein und aus um all ihr Zeug in die Koffer und Reisetaschen zu stopfen und diese vor die Tür zu stellen, wo sie auf magischem Weg in den Zug verfrachtet werden sollten.
Plötzlich spürte Harry eine schwere Hand auf seiner Schulter. Er fuhr hoch, in Erwartung, Ron zu sehen, der ihm irgendetwas Unwichtiges sagen wollte. Gerade war er im Begriff, sich aufzurichten und Ron anzubrüllen, er hätte keine Zeit und er müsse packen, als er mitten in der Bewegung innehielt. Professor Firenze stand mit ernstem Gesicht vor ihm.
Im Raum wurde es seltsam still, als sei die Zeit stehen geblieben. Alle starrten auf den Zentauren, der die Hand auf Harrys Schulter ruhen ließ.
„Professor?“, sagte Harry leise.
„Ich habe Ihnen und Ronald Weasley etwas Wichtiges zu sagen. Keine Sorge, Ihre Koffer werden fertig gepackt bereitstehen, wenn Sie wiederkommen.“
Harry sah hinüber zu Ron, der merkwürdig blass im Gesicht war und ihm ebenfalls einen Blick zuwarf. Dann straffte er sich und folgte Firenze und Ron unter den neugierigen Blicken Dean Thomas’ und Neville Longbottoms aus dem Schlafsaal.
Unten
im Gemeinschaftsraum wartete eine blasse Hermine auf die beiden und
schloss sich der kleinen Gruppe an, die sich zwischen den
geschäftigen Mitschülern hindurchwand, durch die verborgene
Tür ging und eilig dem Büro der Schulleiterin zustrebte.
Auf ihrem Weg sahen sie viele Lehrer, die an den Türen Wache
hielten oder sich flüsternd in den Gängen unterhielten.
Auch ungewöhnlich viele Geister schwebten an den Fenstern und
den Geheimgängen auf und ab und Harry glaubte, Peeves den
Poltergeist zu sehen, der leise fluchend vor der Statue einer alten
Hexe Wache schob.
“Lingua
Draconis“, murmelte
Firenze plötzlich und die bewusste gewundene Treppe trug sie in
die Büroräumlichkeiten.
Niemand war in dem Büro, außer den vielen Portraits der früheren Hogwarts-Direktoren. Zur Abwechslung schienen alle hellwach und blickten ernst in die Runde.
Ron beäugte die Antiobskuranten auf den Storchenbeintischen misstrauisch und zuckte blitzartig zurück, als aus einem der Geräte eine Dampfwolke in Form einer Schlange aufstieg. Hermine warf ihm einen missbilligenden Blick zu, obwohl sie selbst unbewusst auf den Knöcheln ihrer linken Hand herumkaute und von einem Fuß auf den anderen stieg.
Harry sah in Firenzes Gesicht, das merkwürdig fahl aussah und er meinte auch, ein leichtes Zittern seiner Nüstern zu sehen. Da ertönte eine ruhige Stimme direkt neben Harrys linkem Ohr.
„Danke, Firenze.“
Der Zentaur verneigte sich vor dem Portrait und verschwand mit wehendem Schweif.
Harry wandte sich um und schrak zurück. Das Abbild des letzten Schulleiters, Albus Dumbledore, blicke auf die drei herab und lächelte vorsichtig.
„Ich wollte euch nicht erschrecken. Setzt euch.“
Drei Stühle waren vor dem riesigen Schreibtisch erschienen und Harry ließ sich ungläubig in den mittleren sinken. Auch Ron plumpste unelegant in sein Sitzkissen. Hermine hatte sich nicht bewegt. Sie stand starr vor dem Portrait und zitterte.
„Setzen Sie sich, meine liebe Miss Granger.“ Dumbledore - oder sein Abbild - verhielt sich als wären sie bei einem Kaffeekränzchen. Scheinbar störte ihn der Wirbel im Schloss kein bisschen.
Dumbledore betrachtete kurze Zeit das Dampf ausstiebende Gerät und legte die Fingerspitzen aneinander.
„Wie Sie sicher schon vermutet haben, steht ein Ansturm der Todesser auf die Schule bevor“, begann er dann zaghaft, aber ohne Umschweife.
Hermine erstickte einen Aufschrei in dem Ärmel ihres Umhanges und rutschte auf die äußerste Kante des Stuhles. Rons Gesicht nahm die Farbe von Haferschleim an und Harrys Finger krallten sich unwillkürlich in die stoffbezogenen Lehnen seines Stuhls. Vor diesem Moment hatte es ihm schon vor Jahren gegraut.
„Machen Sie sich jetzt keine Sorgen. Im Moment besteht noch keine unmittelbare Gefahr, aber aus sicheren Quellen ist zu entnehmen, dass es bald soweit sein kann“, fuhr Dumbledore ernst fort.
„Sicheren Quellen?“, meldete sich Hermine zu Wort, „War... war jemand im Verbotenen Wald?“
Dumbledore warf ihr einen kurzen Blick zu. „Die Gerüchte von Toten im Verbotenen Wald entbehren jeder Grundlage, falls Sie das beunruhigt hat, Miss Granger, aber seien Sie versichert, dass meine Quellen zuverlässig sind. Immer noch.“
Harry schnaubte unwillkürlich auf. Wenn das der Fall gewesen wäre, würde er nun mit einem realen Albus Dumbledore aus Fleisch und Blut sprechen und nicht mit seinem Gemälde. Trotzdem spürte er bei dem Anblick von Dumbledores gütigem Gesicht eine Milderung seiner Anspannung und er fragte sich, warum er nicht schon früher an diese Möglichkeit der Kommunikation mit dem ehemaligen Schulleiter gedacht hatte.
In Gedanken versunken betrachtete er das Portrait des ehemaligen Schulleiters. Es war perfekt, jedes Detail stimmte. Nur die Hand, die im letzten Jahr verkohlt und fast unbrauchbar gewesen war, war nun heil.
„Wie
gesagt besteht im Moment keine unmittelbare Gefahr für Sie oder
die Schule“, fuhr Dumbledore fort, „ Der Grund, warum ich
Sie drei hergebeten habe ist, dass ich Ihnen etwas Wichtiges sagen
muss, bevor ich nicht mehr die Möglichkeit dazu habe.“
„Was
wollen Sie uns sagen , Sir?“, fragte Harry unumwunden. Geht es
um Vol-“, Ron stöhnte auf,
„-demort?“ , schloss Harry unberührt, „Geht es darum, wie wir den Angriff abwehren können?“
Dumbledore schwieg einen Augenblick. Dann sagte er: „Nein Harry. Wenn es soweit ist, dass Hogwarts dem Angriff der Todesser zum Opfer fällt, werdet ihr nicht mehr in der Schule weilen um es zu verhindern.“
Harry stand auf. „Aber Sir..“
„Setz
dich, Harry. Ich will nicht, dass ihr euch unvorbereitet in einen
Kampf stürzt. Wenn es soweit sein soll, dass ihr ...“,
Dumbledore zögerte, „nun, dann werdet ihr vorbereitet sein
Dieser Tag ist noch nicht gekommen.“
Ron stöhnte auf.
Sein Gesicht war mittlerweile grau angelaufen und Hermine brachte
eilig mit einem Wink seines Zauberstabes drei mit Wasser gefüllte
Gläser zum Vorschein. Ron nahm sich eines vom Tisch der
Direktorin, sah aber nur über seinen Rand hinweg auf eines der
Antiobskuranten, der gefährlich zischelte.
„Wozu haben Sie uns dann gerufen, Sir?“, holte Hermine ihn zurück zu dem Gespräch.
„Unter anderem deswegen, um euch zu sagen dass ihr hier nicht euren Kopf riskieren sollt“, antwortete Dumbledore und die anderen Schulleiter nickten in ihren Portraits. Phineas Nigellus schnaufte verächtlich in seinem Rahmen.
„Immerhin habt ihr nicht umsonst eure Zauberstäbe griffbereit“, erwähnte er mit einem Seitenblick auf Harrys ausgebeulte Umhangtasche. Hermine errötete.
Rons Gesicht nahm eine noch dunklere Grauschattierung an und hastig trank er einen Schluck Wasser.
„Das heißt im Klartext, Sie haben vor, uns am Kämpfen zu hindern“, sagte Harry.
Dumbledores Augen waren zu Ron gehuscht, doch nun glitten sie wieder zu Harry.
„Die Auroren, angeführt von Alastor Moody, wurden bereits informiert, und Phawkes“, der Vogel horchte bei der Erwähnung seines Namens auf, „hat den Mitgliedern des Phönixordens eine Nachricht zukommen lassen. Sie alle sind bereits unterwegs hierher. Ja, ich habe vor, euch daran zu hindern. Eure Zeit ist noch nicht gekommen.“
„Aber ich, Verzeihung Sir, aber wir dachten, Harry müsse kämpfen!“, unterbrach Ron.
„Nun, ich denke, dazu wird es ohnehin früher oder später kommen“, äußerte Dumbledore, „Aber ich kann ihn – und euch – nicht in den Kampf schicken, ohne euch etwas gezeigt zu haben.
Dumbledore sah die kleine Gruppe lange an.
„Harry weiß, welche Rolle er in diesem Kampf spielen wird. Was er noch nicht weiß ist, dass auch Liebe und Vertrauen mehr als wichtig sind.“
„Ach was!“ Harry war wieder auf den Beinen. „Verzeihen sie mir, Professor – ich meine Sir – aber ihr Vertrauen hat Sie nicht vor Ihrem Tod bewahrt! Vertrauen hat auch meine Eltern nicht davor bewahrt! Sie sind alle drei von ihrem eigenen Freund verraten worden!“
Es konnte eine Täuschung sein, aber Harry kam es so vor, als sei Dumbledores Gesicht bei diesen Worten blasser und härter geworden. So überraschte ihn dessen sanfte Antwort um so mehr.
„Das ist richtig, Harry.“
„Aber...?“
„Aber ich möchte dir, euch dreien, zeigen, dass es für dieses, nun, Geschehnis, einen Grund gibt, der sehr wohl zeigt, wie wichtig Liebe und Vertrauen in seine Freunde tatsächlich sind, und wie verheerend Vertrauen in die falschen Menschen sich auswirkt.“
Harry konnte sich daraus keine Reim machen. Wenn er Malfoy meinte... Der hatte zu spät bemerkt, dass er den „Falschen“ vertraut hatte. Aus reinem Stolz. Harry wusste das. Was wollte Dumbledore...
„Wem soll Harry vertrauen, Sir?“, fragte Hermine und unterbrach wieder seinen Gedankenstrom.
Dumbledore sah Hermine geradeaus an.
„Zuallererst seinen Freunden, euch beiden, den Weasleys, Hagrid.“
Hermine sah verständnislos drein. Ron war Harry einen Seitenblick zu und wandte sich an seinen ehemaligen Schulleiter: „Aber Harry kann uns doch vertrauen.“
Doch Harry und, wie es schien, auch Hermine hatten begriffen, was Dumbledore meinte.
In den letzten Wochen hatte sich Harry immer mehr zurückgezogen und zog die Einsamkeit allem anderen vor. Immer häufiger hatte er mit dem Gedanken gespielt, sich alleine auf den Weg zu machen, um keine Unschuldigen mehr zu gefährden. Immer noch machte ihm die Erinnerung an Sirius, seines Paten, Tod schwer zu schaffen.
Ron sah von einem zum anderen und gab, als keine Erklärung kam, schließlich auf.
„Nun, Harry, Ronald, Hermine, ich habe vor, euch dreien zu zeigen, warum mein Vertrauen tatsächlich gerechtfertigt war, so leichtsinnig und letztendlich vergebens es auch gewesen ist.“
Harry runzelte die Stirn, als Dumbledore ihn aufforderte, das Denkarium aus dem Schrank zu holen und es gut sichtbar auf dem Schreibtisch zu stellen.
Rons Augen weiteten sich, als er die seichte Steinschale erblickte. Ein „Meine Fresse“ konnte er sich nicht verkneifen. Hermine indes betrachtete die seltsamen Gravuren und murmelte Runenvokabeln vor sich hin.
„Professor, was?“, hob Harry an.
„Ich nehme an, ihr drei wisst, was dieses überaus seltene Zauberutensil für einen Zweck hat?“, meinte Dumbledore.
Ja, Harry wusste ganz genau, wozu ein Denkarium gebraucht wurde. Er verband einige schlechte Erinnerungen damit. Er hatte darin die Anhörung von Todessern mitangesehen und erlebt, wie Bellatrix Lestrange zu Lebenslanger Haft in Askaban verurteilt worden war und Voldemort die ewige Untergebenheit geschworen hatte.
Letztes Jahr noch hatte Dumbledore ihm darin Fakten aus Voldemorts Leben dargelegt. Die absolut schlimmste Erinnerung aber war aus seinem fünften Jahr, als Professor Snape ihn dabei erwischt hatte, als er unerlaubterweise in dessen Gedanken herumgestöbert hatte und auf etwas offenbar sehr Traumatisches in Snapes Leben gestoßen war.
Der Gedanke an Snape versetzte ihm einen schmerzhaften Stich. Seine Finger wurden taub und er hörte auf, sie in den Bezug seines Chintz-Sessels zu krallen. Nur schwer konnte er den Drang zurückhalten, laut zu fluchen.
„Sir? Was gedenken Sie, uns darin zu zeigen?“, fragte Hermine, die sich scheinbar gefasst hatte.
„Dadrin?“, fragte Ron plötzlich „Fred hat mir mal gesagt, wenn ich da rein gehe komme ich nie wieder raus!“
Hermine lachte unnatürlich auf und weihte Ron kurz und präzise in den Verwendungszweck von Denkaria ein.
„Wie aus dem Lehrbuch“, lobte Dumbledore. Harry kam es plötzlich vor, als vergeudeten sie unnötig Zeit.
Dumbledores Portrait drehte seinen Zauberstab zwischen den Fingern.
„Euer ehemaliger Lehrer, Severus Snape hat hier zeitweise sehr viele seiner Erinnerungen abgelagert. Ich bin nun in der Lage, diese Erinnerungen aufzurufen, obwohl sie dem Denkarium bereits wieder entnommen wurden.“
Für kurze Zeit trat absolute Stille ein, nur unterbrochen vom Pfeifgeräusch des Antiobskuranten. Wieder loderte der Hass in Harry auf, Hass auf Snape, der sich in den letzten Monaten noch intensiviert hatte. Er schluckte hart.
„Aber wie ist das möglich?“, fragte Hermine in das Schweigen.
„Jeder Zauber, jeder Gedanke hinterlässt einen Eindruck“, erklärte der ehemalige Direktor mit sanfter Stimme, „und manche Magier können mithilfe ein paar kleiner Tricks diese Eindrücke festhalten. Ich tat es, um eines Tages, wenn nötig, meine Vorhaben zu erfüllen.“
Harry erinnerte sich, wie Dumbledore mit bloßen Händen eine magische Spur auf kaltem Stein ertastet hatte. Das alles schien Jahre zurück zu liegen – vergraben in der Erinnerung an eine Höhle irgendwo im Meer.
„Was werden Sie uns zeigen?“, fragte Harry beunruhigt. Er war schon einmal in Snapes Gedankenwelt eingebrochen und die Folgen waren mehr als unangenehm für alle Beteiligten gewesen.
Dumbledore fuhr mit sorgfältig gewählten Worten fort:
„Ihr müsst verstehen, was sich in Severus’ Innerem abspielt und ihr müsst die Gründe dafür kennen. Viele seiner Schüler und Kollegen halten ihn für einem missmutigen, hasserfüllten Menschen. So gewiss auch du Harry und ihr, Hermine, Ron.“
Er blickte die drei nacheinander an.
Harry spürte größten Widerwillen bei dem Gedanken, Snapes Beweggründe für seine ungeheuerlichen Taten zu erfahren.
„Es ist tatsächlich so gewesen. Severus hat sich sein Leben lang sehr einsam gefühlt. Wann immer er sich hinter seiner Mauer hervorgetraut hat, ist er furchtbar enttäuscht worden.
Auch von mir“, Dumbledores Gesicht wirkte traurig.
„Aber Sir, wie hätten Sie ihn enttäusch...?“
„Von Beginn seiner Schulzeit an, Harry, wurde er von allen Seiten angefeindet. Noch konnte er sich mithilfe seiner außerordentlichen Fähigkeiten wehren, bis dann ein paar Taugenichtse auftauchten, die ihm das Leben zur Hölle machten.“
Harry wusste, wer gemeint war. Er hatte selbst mitangesehen, wie sich sein Vater, sein Pate und sein Freund Lupin Snape gegenüber verhalten hatten.
„Severus hat nie verwunden, dass ich das alles durchgehen ließ, ich weiß das. Natürlich hatte ich meine Gründe. Aber ich fürchte, ich kann euch Severus’ komplizierte Gedankenwelt nicht veranschaulichen. Noch nicht.
Für dich, Harry, ist es jedoch absolut notwendig, dass du bestimmte Dinge aus Severus’ Leben erfährst, damit du ihn einigermaßen verstehen und ihm verzeihen kannst.“
Harry
sprang auf, achtete nicht darauf, dass sein Stuhl einen Meter weit
zurückschlitterte.
“Ich werde ihm nie verzeihen, was
er getan hat. Sie können nicht... sie können nicht
verlangen, dass ich das vergesse!!“
Plötzlich sah Dumbledore wütend aus.
„Harry Potter, du musst begreifen, warum er das und andere Dinge getan hat, weil uns das die einzige Chance bietet, Voldemort für immer zu erledigen!“
„Wie meinen Sie das?“
„Severus Snapes Fähigkeiten sind größer als geniale Tränke zu brauen oder Flüche zu entwickeln. Nur mit seiner Hilfe...“
„Ich nehme keine Hilfe von Mördern an!!“, schrie Harry.
„Nur mit seiner Hilfe kann es dir gelingen, das Böse ein für alle Mal zu verbannen, Harry“, fuhr Dumbledore fort, ohne auf die Unterbrechung einzugehen.
„Ihr werdet euch sicher fragen, warum Severus von Anfang an so viel über die dunklen Künste zu wissen schien. Diese Antwort kann nur ich euch geben. Nicht einmal Severus Snape konnte sich das bisher erklären, warum er ein so ungemein fähiger Zauberer ist. Aber darin liegt der springende Punkt. Voldemort ahnt es bereits, deshalb gibt er so viel auf seinen Anhänger. Ich muss es euch erzählen, bevor Voldemort die ganze Wahrheit herausfindet und ihn einsetzt, bevor ihr es tut. Bist du einverstanden, Harry?“
Harry setzte sich, verschränkte die Arme vor der Brust und wartete ab. Dumbledore sah es als Zustimmung und begann zu erzählen:
„Es begann, als Severus etwa fünf Jahre alt war.
Der reinblütige Teil der Familie seiner Mutter, einer Hexe namens Eileen Prince, waren große Anhänger der Dunklen Magie. Gleichzeitig hatten sie große Ehrfurcht, ja sogar fast schon Angst vor den Dunklen Künsten. Severus’ Onkel Io, Eileens Bruder, war nicht einverstanden, dass seine Schwester einen Muggelstämmigen, Tobias Snape, geheiratet hatte, und so drillte er ihren Sohn ab seinem fünften Lebensjahr, er lehrte ihn Flüche, die so mancher Fünftklässler nicht zustande bringen würde. Er wollte ihn zu einem würdigen Mitglied seiner Familie machen. Zumindest war das sein Plan.“
Er lächelte grimmig.
Hermine keuchte auf und schlug die Hände vor den Mund.
Ron
fragte beklommen: „Was hat er mit ihm angestellt?“
Dumbledores
Gesicht wirkte nun sehr ernst, als er antwortete: „Jeden Morgen
stand Severus vor Sonnenaufgang auf und lernte Flüche auswendig.
Dann ging sein Onkel mit ihm in den Garten, den er mit einem
Anti-Muggel Zauber behext hatte. – Wo sie wohnten, war es
damals noch voller Muggel und er musste natürlich aufpassen,
dass sie niemand bemerkte. – In diesem Garten jedenfalls
duellierte sich Mr. Prince mit seinem Neffen.“ Dumbledore
schien einem Gedanken nachzuhängen und sein gemaltes Gesicht
wirkte jetzt sehr alt.
„Wussten Sie davon?“, fragte Harry und in seinem Magen rumorte es ein wenig, als Dumbledore ihn kurz taxierte.
„Ja, ich wusste, was Mr. Prince tat, aber selbst in meiner Funktion als Schulleiter konnte ich es nicht verhindern“, erwiderte er leise.
„Aber woher wussten Sie das?“, setzte Hermine nach. Ron nickte und nahm einen kräftigen Schluck Wasser, so dass ihm eine kleine Menge aus dem Mundwinkel lief.
„Der Sprechende Hut der Schule verkündet jedes Mal, wenn ein Kind mit magischen Fähigkeiten auf die Welt kommt. Die Prince-Familie war bekannt als eine der fähigsten Zaubererfamilien in England und jeder wusste, dass sie die Dunklen Künste praktizierten. Ich habe sie aus Sorge um den Jungen beobachtet und was ich sah, gefiel mir ganz und gar nicht“, Dumbledores Stimme bekam einen leicht bitteren Klang.
„Was haben Sie gesehen?“, verlangte Ron zaghaft zu wissen.
„Ich habe gesehen, wie dieser kleine dürre Junge sich abmühte, von diesem... nein, lasst es mich so formulieren, nun,“ er räusperte sich, „ Severus wollte wirklich so gut werden wie sein Onkel.
Er trainierte hart und wurde besser und besser. Und gleichzeitig schindete ihn Mr. Prince noch mehr und verlangte ihm all seine Kraft ab.
Und Severus wurde wie besessen. Er lebte nur noch auf dieses Training hin. Auch die Angst vor seinem Onkel wuchs, denn je besser er wurde, desto schwieriger und komplizierter wurden die Flüche und Tricks, die er zu lernen hatte.“
Dumbledore blickte gedankenverloren auf das Denkarium.
„Es gab zwei Gründe für Mr. Princes Verhalten. Zum Einen wollte er sehen, wie weit er gehen konnte. Selbst ihr müsstet voraussehen können, wozu eine derartige Naivität führen kann“, die drei Freunde nickten ihm zu, bevor er weitersprach.
„Zum Anderen war er, wie alle anderen aus der Familie sehr ehrgeizig. Er wollte aus diesem Kind eines Muggelvaters einen besseren Magier machen, als alle anderen. Er hatte nie verkraftet, dass seine Schwester einen Nichtmagier geheiratet hatte.“
„Sir, was hat er mit Professor Snape gemacht?“, fragte Hermine nervös.
Harrys Nerven spannten sich unangenehm.
„Ich kann nur berichten, was ich selbst gesehen habe. An diesem Tag, Severus war sechs Jahre alt, stand ich unbemerkt vor dem Anwesen der Snapes und konnte, nicht von der Muggelabwehr abgehalten, beobachten, was im Garten geschah. Mr. Prince bombardierte Severus mit Flüchen und dieser kleine Junge musste versuchen, ihnen auszuweichen und zurückzuschlagen. Ihr könnt euch vorstellen, wie überlegen ein erwachsener Zauberer einem Sechsjährigern ist, nicht wahr?“
Alle nickten langsam.
„Nun, Severus kleiner Körper war noch nicht resistent für selbst die schwächsten Flüche, deshalb verkaufte Mister Ollivander Zauberstäbe erst an Schulanfänger – Ich kann auch nur vermuten, wo Io Prince den Zauberstab für seinen Neffen herbeigeholt hatte –
und selbst ein simpler Entwaffnungszauber konnte schon einen minimalen Schaden anrichten. Dass er dieses Martyrium überlebt hat, grenzte für mich damals an ein Wunder.
Das war natürlich, bevor ich besondere Sachverhalte in Erfahrung bringen konnte.
Als er fast sieben Jahre alt war, wurde seine Mutter wieder schwanger und bekam einen kleinen Sohn, der nach Aurelius Prince, seinem Großonkel dritten Grades benannt wurde. Severus liebte seinen Bruder mehr als sein Leben.
Aber anscheinend ging von Aurelius eine Gefahr für seine Eltern aus, aber das werde ich euch später erklären.
Und nun“, Dumbledores Portrait wies auf das Denkarium, „werde ich euch Severus’ erste Erinnerung zeigen.“
Harry stand auf: „Steigen wir hinein?“
Hermine und Ron sahen ihn an.
Dumbledore nickte und wies Hermine an, ihren Zauberstab in das Denkarium zu tauchen, aus dem ein flüssiges, silbern glänzendes Gas stieg. Er wandte sich seinen Schülern zu und schien zu zögern, seine Lippen pressen sich aufeinander, doch dann schien er sich sicher zu werden und forderte die Freunde auf, die Hände über dem Denkarium auszustrecken.
„Wenn ich bis drei gezählt habe, taucht ihr alle den Finger in die Schale. Haltet die Augen offen und verliert einander nicht. Ihr werdet meine Stimme darin hören, wenn ihr wieder herauskommen sollt. Bei Drei. Eins, Zwei, Drei...“
Harry tauchte den Finger in die Substanz und hatte wieder das mittlerweile vertraute Gefühl, dass ein Haken hinter seinem Nabel ihn fortriss und er tauchte in einen Strom von Farben und Schatten. Vor ihm flog Hermine und hinter sich hörte er Ron leise „Boah“ flüstern.
Dann kam er unsanft auf einer glattgemähten Wiese auf und ruderte mit den Armen, um nicht umzufallen. Hinter und neben sich hörte er zwei Aufpralle und wusste, dass seine Freunde ebenfalls hier gelandet waren.
Er sah sich um und staunte. Sie standen neben einem riesigen Haus, das mit Efeu umrankt war und der Garten, in dem sie sich befanden, war sonnenbestrahlt. Es musste etwa zehn Uhr morgens sein.
Dann hörte er ein sehr leises Geräusch, blickte über seine Schulter und erstarrte.
Ein etwa achtjähriger Junge hockte zitternd auf dem staubigen Boden. Er blutete. Seine kurzen schwarzen Haare waren zerzaust und Blätter hingen darin. Die graue Jeans und der Pullover waren zerrissen und man konnte stellenweise sehr blasse Haut sehen.
„Steh auf!“, donnerte eine tiefe, bedrohliche Stimme.
Der kleine Körper begann, sich vor und zurück zu wiegen.
„Steh verdammt noch mal sofort auf!“
Ein kräftiger Arm packte den Jungen an der Schulter, zog ihn hoch und schüttelte ihn mit aller Gewalt durch.
Severus schrie auf. Sein Onkel, Io Prince, ein großer stämmiger Mann mit breitem Gesicht und ebensolchen Schultern, stieß ihn von sich und er fiel wieder zu Boden.
„Du strengst dich nicht genug an! Steh auf und zeig mir, was ich dir beigebracht habe!“
Severus stand auf, seine Knie zitterten und er las seinen Zauberstab auf, ohne seinen Onkel aus den Augen zu lassen.
Dieser hob den Zauberstab und begab sich in Kampfposition. Severus straffte sich, die Augen vor Schmerz zusammengekniffen.
Harry beobachtet die Szenerie fassungslos.
Sein Onkel hob den Zauberstab und schrie: „Stupor!“
Durch die Wucht des Zauberspruches wurde Severus von den Füßen gerissen und rücklings gegen den Zaun geschleudert. Es schien Sekunden zu dauern, bin der kleine Körper von den Gitterstäben rutschte und als zerbrochener Haufen davor liegen blieb, den Zauberstab noch immer fest in der Hand.
Ohne die geringste Gefühlsregung schwang der alte Mann seinen Zauberstab und rief „Renervate!“. Ein blauer Lichtschein flog auf das Kind zu und es erwachte.
Augenblicklich schlug Severus die Lider zurück und erhob sich.
Doch die Schmerzen waren geblieben. Severus hatte das Gefühl, sein Körper wäre deformiert und er konnte nicht aufrecht stehen. Ihm war schwindelig, seine Augen hatten Mühe, sich nach der Dunkelheit der Ohnmacht an das grelle Morgenlicht zu gewöhnen und seine Beine waren schwach.
Ohne darauf zu achten schwang sein Onkel seinen Stab und rief „Impedimenta!“
Severus ließ sich mit einem leisen Keuchen einfach zu Boden fallen und konnte wie von fern hören, wie der Fluch über ihm durch die Gitterstäbe surrte. Im Nebel des Schwindel richtete er kniend seinen Zauberstab auf seinen Onkel und kreischte „Expelliarmus!“
Dessen Zauberstab flog in hohem Boden über ihn hinweg und fiel lautlos ins Gras, von wo aus der Junge ihn mit einem Ausrufezauber in seine ausgestreckte Hand zauberte.
„Endlich habe ich das geschafft!“, dachte Severus doch im nächsten Moment kam ihm ein grauenvolle Gedanke. Wie würde sich sein Onkel rächen?
Ein grausames Lachen erklang und Severus Kopf zuckte hoch. Sein Onkel stand direkt vor ihm und raunte mit seiner gefährlichen Stimme:
„Gut gemacht, ein Fortschritt... endlich.“
Mir einer ruckartigen Bewegung riss er seinem Sohn den Zauberstab aus den Hand und griff wieder an: „Serpensortia!“
Severus wich erschrocken der Schlange aus, die sich aus dem Stab seines Onkels wand. Eine seiner Rippen schien sich in seine Lunge zu pressen, womöglich war sie bei seinem Aufprall gebrochen. Severus wagte nicht, tief einzuatmen, um den stechenden Schmerz gering zu halten. Er presste die linke Hand gegen die stechende Stelle und hob zu einem Angriff an, als die Schlange sich aufbäumte, um zuzubeißen.
Severus ließ sich wieder fallen und rollte kurzatmig auf die Seite, um dem Biss zu entgehen. Sich am Zaun festhaltend, richtete er sich auf und rief: „Stupor!“. Die Schlange leuchtete rot auf und sank zusammen, als Severus schrie: „Finite Incantatem!“
Das Tier löste sich in einer schwarzen Rauchwolke auf, doch ehe sich der Junge erholen konnte, schleuderte ihn ein Fluch seines Onkels wieder gegen den Zaun. Eine magische Kraft presste ihn gegen die Gitterstäbe und lähmte seine Gedanken.
„Aufhören!“, hörte Harry seine Freundin Hermine schreien.
Dumbledores Stimme mahnte sie zum Gehen und sie tauchen nacheinander aus dem Denkarium auf.
Harry wandte sich zu seinen Freunden und sah, dass Hermine auf dem Boden kauerte und unkontrolliert zitterte. Ron kniete neben ihr und strich über ihren Rücken, selbst unwillkürlich mit den Zähnen klappernd.
Hinter den beiden befand sich das Portrait des ehemaligen Schulleiters, Harry hatte den Blick immer noch auf die Stelle gerichtet, wo Sekunden vorher noch sein Zaubertranklehrer an den Zaunstäben gehangen war. Dann stieß er leise Luft aus und half Hermine, wieder aufzustehen.
Harry wandte sich an Dumbledore: „Sir, warum hat Snape diese Erinnerung in ihrem Denkarium aufbewahrt?“
Dumbledore wandte das Gesicht von Hermine ab und antwortete mit etwas belegter Stimme: „Ihr werdet sicher verstehen, dass man solche Erinnerungen gerne mal für eine Weile loshaben möchte.“
Hermine stöhnte leise auf. Sie war ungewöhnlich fahl im Gesicht und ihre Knie zitterten noch, anscheinend brauchte sie ihre ganze Kraft, um sich unter Kontrolle zu halten.
Ron betrachtete sie besorgt.
Harry, der sich wieder zu Dumbledore umdrehte, bemerkte, wie sich die Brauen des Direktors in seinen Gedanken zusammenzogen und er langsam den Zauberstab in seinen Händen drehte.
„Professor, was?“
„Ich überlege gerade, was ich euch als nächstes zeigen muss“, antwortete Albus Dumbledore vorsichtig.
Harrys Hände verkrampften sich unangenehm.
„Sir“
meldete sich Hermine, „Warum hat seine Mutter, ich meine,
Professor Snapes Mutter nichts dagegen unternommen?“
Ein
klares Bild tauchte wieder vor Harrys Augen auf, ein kleiner Junge,
der bei dem Streit seiner Eltern weinte.
Dumbledore antwortete leise, aber bestimmt: „Die Macht von Severus Onkel, ihren Bruder, war zu groß, er hatte sie vollkommen eingeschüchtert und schon nach kurzer Zeit hatte sie sich in ihr Schicksal gefügt. Allerdings“, er zögerte, „Allerdings wurde auch sie bald kalt im Herzen...“
„Was wurde aus Mr. Snape, ihrem Mann?“
„Mr. Snape und Severus’ Mutter trennten sich bald nach der Geburt ihres Sohnes Aurelius. Vermutlich konnte er nicht mit den Fähigkeiten seiner kleinen Familie umgehen.
Ich weiß bis heute nicht, was wirklich aus ihm geworden ist.“
Der ehemalige Direktor schien wieder in Gedanken zu versinken.
Harry sah Hermine und Ron an, die ihn fast argwöhnisch taxierten, als er fragte: „Was werden wir uns als nächstes ansehen?“
„Nehmt euch an den Händen“, wies der Lehrer sie an. Harry nahm Hermines zitternden Arm und ergriff Rons Hand, die mit kaltem Schweiß überzogen war. Ron erfasste Hermines anderes Handgelenk und sah dann zu Dumbledore auf.
„Sprecht mir nach: Monstra proximum.“
„Monstra proximum“, murmelten die Freunde und wieder verspürte Harry das vertraute Gefühl, in eine andere Welt gesogen zu werden. Als seine Füße diesmal wieder festen Boden berührten, konnte er das Gleichgewicht halten.
Sie befanden sich in einem alten Haus mit schweren Holzmöbeln. An den Wänden hingen alte Gemälde mit finster dreinblickenden Magiern. Harry drehte sich im Kreis, um alles betrachten zu können, schließlich blieb sein Blick auf dem Küchentisch hängen.
Der nun etwa zehnjährige Severus saß auf der Tischkante und baumelte mit den Beinen. Den Zauberstab hatte er lässig hinters Ohr geklemmt und alles schien darauf hinzuweisen, dass hier ein kleines unschuldiges Kind auf seine Eltern wartete. Alles, bis auf seine Augen, die für das junge Gesicht merkwürdig erwachsen und abgeklärt aussahen. Diese schwarzen Augen strahlten eine Wut und gleichzeitig ein unverhohlenes Wissen aus, dass es fast unheimlich war.
Niemand der „Eindringlinge“ wagte, ein Wort zu sprechen.
Plötzlich tönte Gepolter vom Flur in die Küche, als würden viele Füße die Treppe hinunterkommen. Die Tür wurde aufgerissen und Ron, der in der Nähe stand, musste eilig zu Seite springen, sonst wäre die Person, die zuerst eintrat glattweg durch ihn hindurchgelaufen.
„Was machst du da auf dem Tisch! Ich hab dir schon hundertmal gesagt, du sollst wie ein normaler Mensch auf einem Sessel sitzen!“, begann Mister Prince, der zuerst eingetreten war, zu brüllen.
Severus hob gleichgültig den Kopf und sah seinen Onkel geradeheraus an.
Dies schien den Mann nur noch mehr in Rage zu bringen, denn bevor ihn seine Schwester aufhalten konnte, hatte er die Hand gehoben und Severus hart ins Gesicht geschlagen, sodass er rücklings über den Tisch schlitterte und zu Boden krachte. Eine Obstschale zersprang neben seinem rechten Arm.
Seine Mutter stieß einen unterdrückten Schrei aus, wagte aber nicht, ihrem Sohn zu helfen, denn Mr. Prince fuhr herum und sah ihr voll drohender Erwartung in die Augen.
Severus rappelte sich hoch, Blut rann in einen dünnen Strahl über sein Kinn - die Unterlippe blutete. Sein Rücken schmerzte ein bisschen, doch alles in allem war es besser als sonst.
„Scher dich rauf in dein Zimmer!“, herrschte ihn sein Onkel an.
„Ja, Mr. Prince“, antwortete er so unterwürfig wie möglich, doch in seinen Gedanken hetzte er dem alten Mann einen Fluch auf den Hals.
Hermine folgte ihm auf Dumbledores Anweisung vorsichtig aus dem Zimmer, hinter ihr Ron und dann Harry.
Im Dämmrigen Flur konnte man ein hölzernes Treppengeländer erkennen, kunstvoll gearbeitet und dunkel lackiert.
Anstatt die Treppen zu nehmen, versteckte sich Severus hinter der Tür und lauschte angespannt, das Ohr ans Holz gedrückt.
Harry und die anderen pressten sich ebenfalls an die Tür und belauschten die Eltern des Jungen.
„Was sollen wir tun, Io?“, fragte seine Mutter, „Was, wenn Aurelius...?“
„Ich bin mir sicher, absolut sicher, dass Aurelius der ist, von dem die Rede war“, antwortete Severus’ Onkel schroff, jedoch mit einer unsicheren Note in der Stimme.
Harry, der Severus am nächsten war, sah, wie sich dessen Augen weiteten.
„Aber was willst du tun?“, fragte Mrs. Snape verängstigt.
Severus Miene spannte sich.
„Ich werde ihn auf dem schnellsten Wege beseitigen.“
Das unterdrückte Schluchzen der Frau war kaum zu hören unter den Rufen des Bruders, der sie schalt.
„Keine Schwächen! Keine Schwächen!“, drang es immer wieder aus der Küche.
Der kleine Severus stieß sich ruckartig, aber lautlos von der Tür ab und rannte die Treppen nach oben.
Harry und die anderen sahen sich an und mit einem Kopfnicken folgten sie Severus eilig nach.
Severus raste vor Wut. Er rannte schnurstracks in sein Zimmer, um einen langen Mantel und einen Reiseumhang zu holen und band beides zu einem kleinen Bündel zusammen, in das er ein paar Lebensmittel steckte. Danach rannte er in das Schlafzimmer seiner Eltern und hielt inne. Er lauschte nach dem Geschrei seines Onkels, das noch immer, durch die Türen gedämpft, aus der Küche drang.
Beruhigt trat er zu dem kleinen Bettchen, in dem sein einjähriger Bruder Aurelius schlummerte.
Er betrachtete das Gesicht des Schlafenden liebevoll und hob das Kind vorsichtig aus den Laken. Er wickelte es in ein warmes Tuch und schlich mit seiner Last wieder zurück in sein Zimmer. Dort legte er seinen Bruder behutsam auf sein Bett und holte seinen Zauberstab. Den Jungen wieder aufnehmend schlich er die Treppe hinunter und hielt wieder lauschend inne. Immer noch schrie sein Onkel seine Mutter an, deren Schluchzer jetzt lauter geworden waren. Ihn kümmerte es nicht mehr. Er haute ab. Er rettete Aurelius das Leben. Ein Leben, dass durch seine Eltern dem Tod geweiht war, aus einem Grund, den er nicht verstand. Besser gesagt, er verstand ihn, aber er war zu absurd, zu unlogisch...
So leise er konnte, öffnete er die schwere Haustür und trat ins Freie.
„Folgt ihm bitte.“
Der Wind peitschte dem Jungen durch die Haare und bauschte seinen Pullover auf, als er sich umsah und beschloss, die Straße aus der Stadt heraus zu nehmen, um nicht entdeckt zu werden. Er umklammere seinen kleinen Bruder und lief die Straße entlang auf einen grasbewachsenen Hügel zu. Die Nachmittagssonne beschien den nahen Wald, den er in etwa einer Stunde erreichen wollte. Die wunderbar duftenden Blumen in den Nachbarsgärten, die an ihm vorbeiflogen, die vom Wind geformten Felder, Severus sah dass alles gar nicht. Er hatte nur Augen für Aurelius und die Straße.
Plötzlich dachte er an seinen Onkel, und die unglaubliche Wut, die unglaubliche Macht, die dieser Mann in sich trug. Er begann, schneller zu rennen und kalte Schauer rannen seinen Rücken hinab, als er daran dachte, wie sich der Mann rächen würde, fände er seine Flucht zu schnell heraus. Seine Füße schlugen wieder und wieder auf die Straße, bald wandelte sich Asphalt zu niedergedrücktem Gras.
Er hatten den Hügel erreicht. Hinter ihm glitzerte die Muggelstadt in der Sonne, vor ihm rauschte der Wald im Wind.
Severus versteckte sich hinter der Anhöhe und legte seinen Bruder so vorsichtig wie möglich auf die Erde.
Harry betrachtete das Kind. Aurelius hatte ebenso schwarzes Haar wie sein großer Bruder, doch eine dunklere Haut und vollere Lippen. Das Baby schlief immer noch selig und seufzte leise.
Ein lauter Knall ließ die Luft erstarren. Severus’ Kopf zuckte hoch, seine diesmal längeren Haare fielen ihm über die Schultern.
„Verdammt!“, keuchte er auf. Er packte seinen Bruder und rannte so schnell er konnte auf den
Waldrand zu, der so nah schien und doch noch so fern war. Noch war er durch den Grashügel vor Blicken geschützt, doch Severus wusste, wann er in Gefahr war.
Und jetzt war er in Gefahr.
Unweigerlich hatte er die Wucht des Zauberstabs seines Onkels erkannt.
Er rannte und rannte, doch der Wald schien nicht näher zu kommen. Ein kurzer Blick, die Grasfläche flog unter seinen Füßen vorbei, er kam tatsächlich voran, doch nicht schnell genug. Er wagte nicht, nach seinem Zauberstab zu greifen, denn dazu würde er stehen bleiben müssen; zu tief war der Stab in die Leintücher seines Bruders gewickelt.
Ein weiterer Krach, der Severus Nerven überspannte. Gänsehaut zog sich über den schweißnassen Rücken.
Wieder ein Knall. Näher.
Gehetzt wie ein Tier erhöhte Severus sein Tempo auf die Gefahr hin, dass er zu vie Energie verbrauchte. Energie die er brauchen würde. War sein Unternehmen nicht sinnlos? Schweiß brannte bereits in seinen Augen, seine linke Seite war fast taub vor Schmerzen. Schon spürte er seine Fußsohlen in den dünnen Schuhen nicht mehr. Ein roter Blitz fuhr knapp an ihm vorbei. Severus’ Herz setzte für einige Schläge aus. Er packte Aurelius vor seine Brust um ihn zu schützen und rannte keuchend immer weiter immer weiter immer weiter.
In seinem Kopf begann es zu pochen und zu hämmern, seine Hüften schmerzten von der ungewohnten Last.
Plötzlich traf ihn etwas Hartes im Rücken.
Und er stürzte.
Aurelius wachte abrupt auf und schrie wie am Spieß. Severus rappelte sich hoch und versuchte, weiterzulaufen, doch er kam nur schwer weiter, sein Rücken schmerzte höllisch und das rechte Bein machte nicht mehr mit.
Die drei unsichtbaren Begleiter, die während der ganzen Reise durch eine magische Kraft mit Severus gezogen worden waren, schrieen auf, denn Severus’ Onkel holte den Jungen bald ein.
Hermine war am Weinen, in ihrem Gesicht zeigten sich kleine dunkle Halbmonde wo sie ihre Fingernägel zu heftig in die Haut gekrallt hatte.
Harry packte sie am Arm und starrte mit bleichem Gesicht auf das Schauspiel.
Severus spürte eine Hand an seiner Schulter, die ihn grob zurückriss. Er wurde herumgeschleudert und etwas zerrte gewaltig an Aurelius’ Laken. Der Junge riss die Augen verzweifelt auf, als er in die seines Onkels blickte, die so voller Hass waren, wie er es noch nie zuvor erlebt hatte. Er riss sich und den kleinen Bruder los und stolperte rückwärts davon. Aber er kam nicht weit. Sein Onkel war ihm blitzschnell gefolgt und stieß ihn zu Boden.
Er packte das kleine Bündel, welches sein Bruder war und entriss es den Händen des Erstgeborenen. Dann zückte er seinen Zauberstab und feuerte einen Lähmfluch auf Severus ab, der wie versteinert liegen blieb.
Severus’ Nerven überspannten sich und ein dumpfes Pochen an seiner Schläfe breitete sich aus. Er versuchte krampfhaft, seine Finger zu krümmen, doch der Fluch war noch nicht verflogen. Er beobachtete seinen Onkel aus den Augenwinkeln, wie er mit Aurelius einige Schritte zurückwich.
„Nein! NEIN!“, schoss es Severus durch den Kopf, als er seinen Zauberstab erhob. Er strengte sich noch mehr an und schaffte es schließlich, den Fluch völlig abzuschütteln, während er den Bruder seiner Mutter nicht aus den Augen ließ.
Dieser hob den Zauberstab und...
„Hör sofort auf!!“, brüllte Severus, rappelte sich auf und hetzte in Richtung des alten Mannes, der seinen schreienden Bruder wie ein Racheengel an einem Fuß baumeln ließ und den Zauberstab drohend auf seinen Rücken richtete.
Er erreichte den Mann wie in Zeitlupe, sah seine Lippen wie sie sich zu der Zauberformel bewegten, hatte ihn bereits erreicht als...
Ein dumpfer Knall und sein Körper wurde rücklings auf die Erde geschleudert. Ein greller Blitz zwischen seinen Augen kündigte einen stechenden Schmerz an. Severus rieb sich den Hinterkopf und richtete sich in eine Sitzposition auf. Der Junge konnte nur unscharfe Silhouetten erkennen. Er versuchte verzweifelt in die Richtung zu blicken, auf der die Schreie seines Bruders kamen.
Da, er konnte erkennen, wo sein Onkel sich befand.
Plötzlich und ohne Vorwarnung erstrahlte ein grünes Licht und blendete ihn. Und er wusste...
„Neeeeeeeeeeeiiiiiiiiiiin!!!!!!!!“
Und auch Harry wusste, was gerade passiert war. Er schirmte seine Augen vor dem gleißenden Licht ab. Hinter sich hörte er, wie ein Köper zu Boden sank.
Als das Licht sich legte sah er wie der kleine Severus sich aufrappelte und zu der Stelle lief, wo Sekunden zuvor noch sein kleiner Bruder gelegen hatte. Harry öffnete unbewusst den Mund, um ihm eine Warnung zuzuschreien, doch schon war Severus direkt in seinen Onkel hineingelaufen und trommelte wie besinnungslos auf dessen Brust ein. Der Mann packte ihn um die Hüfte und warf ihn sich um die Schulter, die schwächer werdenden Schläge gar nicht wahrnehmend. Das letzte was Harry sah war, wie Severus erschöpft und tränenüberströmt über seines Onkels Schulter hing, der die Stelle verließ, wo nur noch ein Brandloch das preisgab, was wenige Augenblicke zuvor noch Aurelius gewesen war. Dann ließen seine Tränen ihn erblinden.
Gemeinsam tauchten sie wieder aus dem Steingefäß auf. Harry hatte sich bereits gefasst, doch Ron musste Hermine stützen die im Denkarium bewusstlos geworden war. Hermine sackte in ihrem Stuhl zusammen und barg ihr Gesicht in den Händen.
„Gewiss wollt ihr den Grund für diese Handlung wissen“, holte sie Dumbledore wieder in die Gegenwart. Die drei Freunde nickten, wagten aber nicht zu sprechen.
Dumbledores Gesicht teilte sich zu einem seltsam traurigen Lächeln.
„Nun, Harry weiß, was es mit Prophezeiungen auf sich hat. Auch in diesem unglücklichen Fall ist eine Familie dem Glauben an eine ähnliche Vorhersage zum Opfer gefallen.
Natürlich geht es um die Prophezeiung einer viel bedeutenderen Wahrsagerin, als es ihre Urururenkelin Sibyll ist“, meinte er mit einem kurzen Blick auf Harrys Stirnnarbe.
„Sie meinen... Sie meinen doch nicht etwa die Cassandra Trelawney?“ fragte Hermine, die sich nun schlagartig beruhigt hatte.
„Doch,
Miss Granger, die meine ich.“
“Aber...“
„Der Haken an all diesen Prophezeiungen, die im Ministerium und sonst wo aufbewahrt werden, ist, wie ich eurem Freund Harry hier vor wenigen Monaten klargemacht habe, dass man sie entweder zu ernst, oder zu locker nehmen kann. In Harrys Fall habe ich sie anfangs zu locker genommen. Harry wiederum wäre an ihr sicherlich zerbrochen.“
Harry senkte den Blick auf sein linkes Knie und dachte an Dumbledores Erklärung, er könne frei sein Schicksal bestimmen, was ihn damals sehr beruhigt hatte.
„Harry, ich habe dir auseinandergesetzt, dass du dich auch ohne Wissen von der Vorhersage Sibyll Trelawneys eines Tages deinem Schicksal gestellt hättest. Du hättest dich ihm ohnehin nicht entziehen können. So war auch Io Princes Mord an seinem jungen Neffen nichts als ein Versuch, dem Schicksal zu entgehen.“
Er machte eine kleine Pause, in der man das Rumoren im Schloss deutlich hören konnte.
„Was, Sir, war der Inhalt der verhängnisvollen Prophezeiung?“, fragte Hermine und Ron nickte zustimmend.
Harry versuchte, die verhallenden Schreie in seinem Kopf loszuwerden, als Dumbledore anhob:
„Vor vielen Jahren, als selbst ich noch in den Windeln lag, prophezeite Cassandra Trelawney einer sehr betagten vornehmen Dame, ihr Name war Alexis Prince, dass ihrer ehrenwerten Familie in drei Generationen zwei letzte Söhne im Abstand von sechseinhalb Jahren geboren werden sollte. Doch von einem dieser beiden ginge eine große Gefahr aus, eine unergründliche Macht solle ihm in die Wiege gelegt werden, die eines Tages dazu benutzt werden würde, ein neues Zeitalter in der Zaubererwelt einzuläuten...“
„Soll das heißen, die beiden Söhne waren Sn... Severus und Aurelius?“, fragte Harry und ihm schwante bereits eine erschütternde Nachricht.
„So zumindest legte es Severus’ und Aurelius’ Onkel Io aus“, bestätigte Dumbledore.
„Aber warum sah Mr. Prince eine Gefahr darin, einen Neffen mit so großen Kräften zu besitzen?“, fragte Ron.
„Offenbar kann der gemeinte Sohn diese Kräfte nicht bewusst einsetzen. Er muss geleitet werden. So zumindest erkläre ich es mir.“
Harry dachte eine Weile darüber nach.
„Aber Sir“, begann er plötzlich, als ihm ein schrecklicher Gedanke kam, „Bedeutet das nicht, dass, wenn der Junge noch leben würde, er von Voldemort für seine Zwecke benutzt werden könnte?“
„Das wäre ja furchtbar!“, stöhnte Hermine auf.
Dumbledore lächelte schwach.
„Ich sehe, ihr seid auf dem richtigen Weg. Aber ihr überseht eine Kleinigkeit.“
Die Freunde sahen sich fragend an.
„In
der Prophezeiung ist keine Rede von dem jüngeren Sohn der
Familie Prince/Snape. Auch Namen werden keine genannt.“
“Aber
das hieße ja..“
„Ja, exakt, Miss Granger. Das hieße, dass der bewusste Sprössling vielleicht noch am Leben ist“, bestätigte ihr ehemaliger Schulleiter.
Wenige Minuten lang sprach niemand ein Wort. Harry gab sich größte Mühe, diese Nachricht zu verdauen, aber er packte es nicht. Er blickte rüber zu Ron, in dessen Gehirn etwas einzurasten schien.
Ron: „Sir, das bedeutet, wenn Snape, ich meine Professor Sn... ich meine“, er zögerte, „Severus diese Kräfte besitzen würde, dann könnte Sie-wissen-schon-wer ihn doch leicht...“
„...beeinflussen“, schloss Hermine.
Harrys Mut sank.
Dumbledores Miene wurde ernst: „Ganz genau, Mr. Weasley. Und das ist der Grund, warum ich versucht habe, Severus’ Vertrauen zu gewinnen, warum ich versucht habe, ihm mein Vertrauen zu schenken.
Aber es ist Zeit, für die nächste Episode aus Severus’ Leben.“ Er deutete auf das Denkarium und Hermine holte mit einem Zauberspruch die nächste Erinnerung hervor.
Sie standen in demselben Zimmer, in dem sie schon das letzte Mal gelandet waren. Kaum etwas hatte sich verändert, bloß war es wohl mittlerweile Herbst geworden, denn draußen schien die Sonne durch einen sanften Nebelschleier hindurch.
Am Tisch saß auch derselbe blasse Junge und frühstückte.
Der nun fast elfjährige Severus Snape köpfte gerade ein Ei, als Io Prince das Esszimmer betrat.
Wie immer rauschte es in Severus’ Ohren, sobald Io in der Nähe war. Er hasste ihn; hasste ihn, wie er noch nie einen Menschen gehasst hatte. Seine Glieder versteiften sich, als Io ihm die Hand auf die Schulter legte und ihn aufforderte, seinen Zauberstab zu holen.
Severus ließ das Messer sinken und stand ohne ein weiteres Wort auf.
„Er trainiert ihn doch nicht weiter wie bisher?“, fragte Hermine in die Stille hinein, als sie dem Jungen in sein Zimmer folgten.
Dumbledores Stimme antwortete ihnen aus dem Nichts: „Doch, Miss Granger, er besaß damals die Unverfrorenheit und vor allem die Naivität um ohne Umschweife seinem Neffen das beizubringen, was... aber seht selbst.“
Severus kniete auf seinem Bett und suchte im Dunkeln seinen Zauberstab unter der Matratze. Die Vorhänge waren geschlossen und er machte sich nicht die Mühe, sie zu öffnen.
Er hatte einen Plan gefasst. Heute würde es soweit sein. Nichts würde ihn aufhalten können.
Harry sah sich um. Das Zimmer war vollgestopft mit Bücherregalen, doch alle waren leergeräumt. Auf dem Boden stapelten sich mehrere Koffer und ein Rucksack. Stirnrunzelnd wandte er sich wieder seinem zukünftigen Zaubertranklehrer zu, der mit unbewegten Zügen an ihm vorbeiging und die Stiegen hinunterschritt.
Ohne ein weiteres Wort ging er an seinem Onkel vorbei, der ihm die Tür offen hielt und ihm auf eine etwas abseits gelegene Wiese folgte. Dieselbe Wiese, auf...
...der Monate zuvor sein kleiner Bruder gestorben war, schoss es Harry durch den Kopf.
Severus hatte den Platz nicht zufällig gewählt.
„Begib dich in Position!“, befahl sein Onkel.
Severus tat wie ihm geheißen. Eine Ewigkeit standen sie sich in einiger Entfernung gegenüber und warteten ab. Plötzlich...
„Impedimenta!“, schrie sein Onkel.
Severus wich geschickt aus und feuerte einen Gegenfluch ab, dem sein Onkel nur um Haaresbreite entkommen konnte.
„Stupor! Expelliarmus!“
Wiederum konnte Severus ausweichen, doch nur mit Glück fing er seinen Zauberstab wieder ein, der ihm bis zu den Fingerspitzen gerutscht war.
„Laedo!“
Der Fluch prallte sirrend an Severus’ Schutzschild ab.
„Flammate!“
Severus’ Umhang fing Feuer, doch er löschte es mit Wasser aus seinem Zauberstab.
Es schien stundenlang so weiterzugehen. Harry beobachtete Snape und bewunderte widerwillig dessen Duellhaltung und Schlagfertigkeit. Hermine jedoch schien vor Angst zu zittern und beobachtete ihren Lehrer argwöhnisch.
Endlich hatte er den Punkt erreicht. Sein Onkel atmete schwerer, er konnte die Zeichen der nahen Erschöpfung erkennen.
„Du bist ein Nichtsnutz! Habe ich dir nicht beigebracht...“, schrie sein Onkel.
Severus wusste, dass er ihn nur provozieren wollte, doch sein Hass loderte wieder stärker in seinem Bauch.
„Du widerliches Halbblut, versteckst dich hinter deinen Abwehrflüchen wie ein Kleinkind...“
Severus spürte, wie sein Blut zu kochen begann.
„...glaubst, du könntest mich besiegen, du könntest nicht einmal gegen deinen schmierigen Muggelvater ankommen...“
Severus’ Körper begann zu beben. Bleib ruhig... Ruhe bewahren...
„...jahrelang beigebracht, anzugreifen wie ein Mann! Du bist nichts als ein kleiner, dreckiger...“
Jetzt hatte er ihn soweit. Er packte seinen Zauberstab fester.
Und noch im selben Moment wusste Harry, dass Io Prince einen schrecklichen Fehler begehen würde. Snapes Augen glühten, wie Harry es noch nie zuvor in der Schule gesehen hatte. Harry öffnete den Mund, um eine sinnlose Warnung auszusprechen, doch...
„..mieser...
Nein!
„...Feigling!“
„AVADA KEDAVRA!“
Ein grüner Blitz traf Io Prince in der Brust.
Grünlicher Nebel stieg auf, vermischte sich mit dem Herbstnebel und wurde zu einer undurchsichtigen Wand.
Severus atmete schwer. Seine Kraft war verbraucht. Er schwankte. Sein Zauberstabarm war taub.
Er hatte es geschafft.
Zitternd machte er ein paar Schritte rückwärts.
Plötzlich hörte er ein Keuchen ganz in seiner Nähe. Ein dunkler Schatten tauchte vor seinen Augen auf.
Severus erschrak fast zu Tode.
Sein Onkel kam auf ihn zugewankt. Seine Knie knickten ein - er packte Severus’ Kragen und zog ihn mit sich in eine Art Verbeugung. Sah ihm direkt in die Augen.
Severus schrie auf.
„Du...du...“, Ios Stimme versagte. Sein Körper wurde immer schwerer und zog Severus zu Boden, seine Augen immer noch an die Severus’ geheftet. Sein Gesicht verlor alle Farbe.
In diesem Augenblick sah Harry, wie der Glanz aus Severus’ Augen für immer verschwand.
Sekunden später war Io Prince tot.
Severus machte sich los und wich zurück, fiel rücklings auf die Wiese, rappelte sich hoch, machte kehrt und rannte. Rannte so schnell er konnte.
Durch einen Wirbel von Farben tauchten Harry, Ron und Hermine aus dem Denkarium zurück in Dumbledores Büro.
Nach einer Pause begann Harry, als erster zu sprechen.
„Snape hat seinen Onkel getötet.“
Er wusste, dass er klang wie ein Idiot, doch das Geschehene hatte ihn an eine andere Begebenheit erinnert, die viele Jahre später im Astronomieturm passieren sollte. Sein Magen schmerzte.
Dumbledores Portrait nickte.
„Was ist dann passiert?“, überging ihn Hermine.
„Severus traf mit dreiwöchiger Verspätung in der Hogwarts Schule für Hexen und Magier ein und wurde ins Haus Slytherin eingeteilt“, antwortete Dumbledore schlicht.
„Aber der Unverzeihliche Fluch...“
„Nur ich und Severus wussten davon, das Ministerium hatte keine Ahnung.
Als
Severus’ Mutter allerdings ihren Bruder fand, erlitt sie einen
furchtbaren Schock und wurde wahnsinnig. Selbst in St. Mungo konnte
man ihr weder helfen, noch herausfinden, was ihn ausgelöst
hatte.“
Das wunderte Harry stark und der Verdacht keimte in
ihm auf, dass die Ursache von Mrs. Snapes Schock nur mit Hilfe
Dumbledores verschwiegen werden konnte.
Dumbledore schien Harrys Gedanken erraten zu haben und bestätigte mit einem Seufzen, dass er in Hinblick auf Snapes Vergangenheit und Zukunft vieles vor dem Zaubereiministerium vertuscht habe.
„Ich weiß nicht, ob ich damit nicht einen großen Fehler gemacht habe“, fuhr Dumbledore fort und sein Gesicht schien neuerlich zu altern,
„Denn Jahre später, genaugenommen als Severus etwas mehr als fünfzehn Jahre alt wahr, geriet er in die Fänge eines fanatischen Zauberers, der zu dieser Zeit immer mehr Macht in der magischen Welt erlangte.“
„Er wurde ein Todesser“, vereinfachte Harry.
„In der Tat. Lord Voldemort hatte großes Interesse an dem talentierten Jungen und trotz anfänglicher Zweifel schloss er sich zusammen mit ein paar älteren Slytherins den Todessern an. Dies alles erfuhr ich erst später, Severus indes zog sich immer mehr zurück. In den Ferien kehrte er nicht heim in das Haus seiner bereits verstorbenen Mutter. Meistens hielt er sich in London auf, wo er sich mit kleinen Gaunereien über Wasser hielt.“
„Lebte er in der Winkelgasse oder vielleicht in der Nocturne Allee?“, fragte Ron.
„Möglicherweise hatte er auch dort eine Bleibe. Ich weiß es nicht“, gab Dumbledore zu. Doch er runzelte die Stirn und schien für eine Weile zu vergessen, dass sie da waren.
Die anderen Portraits tuschelten und das dampfausstiebende Gerät gab einen schrillen Pfeifton von sich.
Dies schien Dumbledore wieder aus seinen Gedanken zu holen.
„Es wird Zeit für die nächste Erinnerung. Miss Granger, würden Sie...?“
Ein langer Schatten schlich vorsichtig die Hausmauer entlang. Im Mondlicht war die hagere Gestalt eines langhaarigen Jungen zu erkennen, der sich aus einem protzigen Gebäude stahl. Severus Snape trug einen schäbigen schwarzen Umhang und presste seinen seltsam aufgebauschten Reiseüberwurf an seine Brust, während er langsam auf den Zaun zuschlich, um zu sehen, ob die Luft rein war. Das Licht eines Autos erhellte für ein paar Sekunden den Garten. Severus duckte sich blitzschnell, um auf dem fremden Grundstück nicht entdeckt zu werden und schlich zusammengekauert weiter auf den Eisenzaun zu. Er war es gewohnt, schnell und unauffällig zu agieren und nach Belieben zum Schatten zu werden. Seit Tagen hatte der Sechzehnjährige nichts gegessen, so war er gezwungen gewesen, in das fremde Haus einzudringen um etwas Essbares zu stehlen. Geld hatte er, seit er elf Jahre alt war, nie besessen.
Ein jäher Schmerz auf seinem linken Unterarm ließ ihn zusammenfahren. Das dunkle Mal, welches ihm Lord Voldemort, der gefürchtetste Zauberer der Welt, in die Haut gebrannt hatte, glühte rot auf und wurde vor seinen Augen schwarz, als er vorsichtig mit der anderen Hand darüber fuhr. Noch vor drei Stunden hatte ihm der dunkle Lord befohlen, einen Muggel zu quälen und zu foltern. Severus verdrängte den Gedanken an den verrenkt daliegenden jungen Mann, dessen Augen noch im Tode seinen Peiniger mit unverhohlene Angst angestarrt hatten, erfolgreich und erreichte den Zaun, dessen Spitzen im fahlen Licht der Straßenlaternen matt leuchteten. Wieder brannte sein dunkles Mal, aber nicht stark genug, also war es kein Ruf des Dunklen Lords. Mit Sicherheit wurde wieder einmal einer der Todesser für seine Ungehorsamkeit bestraft...
Hinter den Gitterstäben ging es um die hundert Meter sehr steil bergab. Severus blinzelte kurz, um das grasige und steinige Gelände besser sehen zu können. Der Abstieg würde nicht ungefährlich sein. Die Luft war rein, er musste jetzt so schnell wie möglich hier verschwinden. Gerade lehnte er sich sachte an den Zaun, als plötzlich die Haustür des Gebäudes krachend zufiel.
Sein Herzschlag setzte für ein paar Sekunden aus. Er stolperte, versuchte sich an den Gitterstäben festzuhalten. Doch sie gaben nach und er fiel kopfüber in die Tiefe. Sein Reiseüberwurf verhängte sich in den geschwungenen Stäben des Zaunes und die Nahrungsmittel, die Severus aus den Herrenhaus gestohlen hatte, fielen heraus. Er selbst hing nun an seinen Überwurf geklammert in der Luft.
Er wagte es kaum, nach unten zu blicken und rang nach Atem. Keuchend versuchte er, irgendwie nach oben zu klettern, aber ein reißendes Geräusch machte dem ein Ende und er packte den Überwurf noch fester.
Der dünne Stoff begann einzureißen. Gebannt sah Severus zu, wie sich das Loch in seinem Umhang immer mehr vergrößerte. Severus wagte kaum, sich zu bewegen, doch es half nichts. Mit einem letzten lauten Ratsch fiel er rücklings hinunter und schlug auf einer kleinen Anhöhe auf.
Keuchend und vor Schmerz aufschreiend rutschte er weiter ab, riss kleinere Sträucher mit sich und blieb oftmals mit seinem Unhang hängen, der nun noch mehr zerfetzt wurde, als er ohnehin bereits vorher schon war. Immer weiter kullerte er den Berg hinab und landete unsanft auf einem Erdhügel, wo er eine Weile zitternd liegen blieb. Nach ein paar Minuten rappelte er sich ächzend hoch. Sein ganzer Körper schien vor Schmerz zu bersten und Blut rann ihm ins Auge. Er tastete nach seinem Zauberstab, als er plötzlich eine Stimme hörte.
„Meine Güte, das müssen an die hundertzwanzig Meter gewesen sein!“
Severus wandte sich sofort in die Richtung, aus der die Stimme kam. Ein schlankes Mädchen mit streichholzkurzen Haaren stand vor ihm und lächelte unsicher. Severus fuhr sich mit dem linken Handrücken kurz über den Riss in seiner Augenbraue und verzog vor Schmerz das Gesicht.
„Hast du dir wehgetan? - Du kannst froh sein, dass dich kein Muggel gesehen hat.“
„Du, du bist eine Hexe?“, fragte Severus vorsichtig.
„Natürlich bin ich eine“, antwortete das Mädchen. Sie fuhr sich durch die rostroten Haare. Da zog etwas im Gras ihre Aufmerksamkeit auf sich.
„Ist das da dein Zauberstab?“, fragte sie und hob den Stab hoch.
„Ja, gib ihn mir“, verlangte der Junge keuchend.
Sie hörte ihm nicht zu und drehte den Stab prüfend zwischen ihren Fingern.
„Bist du in Hogwarts?“, fragte er verärgert, als sie ihm den Stab noch immer nicht zurückgab, „Ich hab dich noch nie gesehen.“
„Das kann ich mir vorstellen. Ich geh’ nicht allzu oft unnötig herum..“
Severus hörte deutlich den traurigen Unterton in ihren Worten.
„Ich bin eine Ravenclaw. Du?“
„Slytherin“, meinte der junge Mann knapp.
„Na also, eine richtige Unterhaltung mit einem Slytherin!“ , frotzelte das Mädchen, „So was hab ich ja noch nie erlebt!“
Severus schnaufte unwillig auf.
„Du siehst schrecklich aus“, meinte die junge Frau ernst.
„Danke“, antwortete Severus.
„Nein, ich mein’s ernst, du solltest mit mir mitkommen“, erwiderte die Ravenclaw, nun etwas verwirrt..
„Was?“, fuhr der Junge auf.
„Zu mir ins Haus, meine ich“, das Mädchen blieb gelassen, „Du hast dich verletzt.“
„Nein habe ich nicht…“, meinte Severus trotzig und heulte gleich darauf laut auf.
Ihm war bewusst geworden, dass er immer noch wie blödsinnig auf dem Erdhügel stand, auf dem er gelandet war und wollte vorsichtig hinuntersteigen, doch nun spürte er den stechenden Schmerz in seinem linken Bein wieder. Auch sein rechter Arm schmerzte und er hatte Mühe, das Auge offen zu halten, wo ihm noch immer Blut aus dem Cut in seiner Augenbraue troff.
„Na komm mal mit“, sagte die Ravenclaw und drehte sich um, sicher, dass er ihr folgte. Erst hatte Severus im Sinn, einfach stehen zu bleiben oder abzuhauen doch ein neuer Schmerzensschauer in seinem Rücken ließ diesen Entschluss schnell wieder vergessen und er schlurfte dem Mädchen vorsichtig nach.
Sie gingen eine Weile durch die engen Gassen der Stadt, als sie endlich an einem unscheinbaren Haus stehen blieben.
Ein letzter absurder Fluchtplan ging Severus durch den Kopf, aber als die Ravenclaw die Haustür für ihn aufhielt, betrat er unhörbar das Gebäude.
Das Mädchen machte das Licht an und schon vom ersten Augenblick an gefiel ihm, was er sah.
Hohe, dunkelblaue Lehnstühle standen um einen Couchtisch, eine magische Uhr hing über dem Kamin, den die Ravenclaw jetzt mit einem lässigen Schlenker ihres Zauberstabs entfachte. Als die Wärme des Feuers ihn erreichte, ging Severus schlagartig und unwillkürlich der Gedanke an ein anderes Leben durch den Kopf, in dem er unter anderen Umständen in dieses Haus gelangen könnte.
„Wie heißt du eigentlich?“
Die Frage holte ihn schnell und endgültig wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und er fand sich von der Ravenclaw in einen der blauen Lehnstühle gedrückt.
Severus biss sich auf die Zunge; wenn er ihr seinen Namen nennen würde, würde sie sofort erkennen, wer er war: der verhassteste und am meisten gefürchtete Schüler in seinem Jahrgang, wenn nicht von ganz Hogwarts.
„Nun sag schon!“, drängte ihn die junge Frau.
„Severus“, flüsterte der Junge, „Severus Snape“.
Er hatte erwartet, dass sie jetzt aufschrie oder wenigstens ein paar Schritte zurückwich, aber nichts von beidem geschah.
„Ein schöner Name“, antwortete das Mädchen schlicht.
Kein hämisches Auflachen, keine Frotzelei – noch niemand hatte jemand außer seiner Mutter den Namen Severus „schön“ genannt.
Besonders James Potter, Sirius Black und ihre ganze Fangemeinde versorgten ihn ständig mit den lächerlichsten Spitznamen. „Schniefelus“ war das ekelhafteste, das ihnen bisher eingefallen war. Seit mehr als fünf Jahren ging das schon so.
Wieder einmal musste er sich aus seinen Gedanke reißen.
„Und wie heißt du?“, fragte er in dem Versuch, höflich zu klingen.
„Valerie Cloudfeather“, sie klang ebenfalls so, als würde sie einen Lachanfall erwarten, doch Severus wusste nicht, wieso; er hatte das Gefühl, noch nie von ihr gehört zu haben.
„Wie kommst du hierher?“, fragte Valerie, „Ich kann mir nicht vorstellen, dass deine Familie hier auf Urlaub ist.“ Sie lächelte nervös. Severus lies ein kurzes heiseres Lachen hören.
„Nein, du hast Recht. Ich bin alleine hier.“
„Wo sind deine Eltern?“
Severus’ Lächeln schwand. „Mein Vater lebt schon lange nicht mehr und vor vier Jahren starb meine Mutter, als ich in die zweite Klasse ging.“
Valerie sah auf. Ihm direkt in die Augen. Er hielt ihren Blick kurz und wandte dann das Gesicht ab. Ihm machte es nichts aus, über seine Eltern zu sprechen, er hatte keine sonderlich gute Beziehung zu ihnen gehabt, doch er ertrug diesen mitleidigen Blick nicht.
„Das tut mir leid...“, meinte die Ravenclaw leise.
Severus betrachtete abwesend das Feuer im Kamin.
„...das wird jetzt kurz brennen...“ Severus spürte, wie sie ihm einen kühlen, feuchten Lappen an den Riss in der Augenbraue drückte. Er hatte nicht bemerkt, wie sie mit dem Stuhl näher an ihn herangerückt war.
Ein heißer Schmerz durchzuckte seinen Kopf und hinterließ ein heftiges Brennen an seiner Schläfe.
„Wo sind denn Mr. und Mrs. Cloudfeather?“, presste er zwischen den Zähnen hervor.
Als ob sie die kaum merkliche Angst in seiner Stimme wahrgenommen hätte, sagte sie: „Mach dir keine Sorgen, die kommen erst in einer Woche zurück.“
„Warum sollte ich mir Sorgen machen?“, fragte er schnippisch.
„Nun ja, mein Dad arbeitet im Zaubereiministerium und das alte Haus, in das du eingebrochen hast, gehört einem einflussreichen Magier, der zufällig ebenfalls dort arbeitet. Du wirst Ärger kriegen.“
Severus zuckte innerlich zusammen. Das Kind von einem Ministeriumsangestellten. Ausgerechnet! Das konnte auch nur ihm passieren.
Wenn irgendjemand herausfand... Wenn er herausfand...
„Mach dir jetzt keine Gedanken. Ich werde es ihm nicht verraten, in Ordnung?“, sie versetzte ihm eine durchdringenden Blick.
Severus verlor sich in seinen Gedanken. Ahnte sie etwas?
Das Dunkle Mal pochte auf seinem Unterarm und er wurde panisch. „Askaban“, flüsterte es in seinem Kopf. Das, was ihm James Potter und Sirius Black heimlich androhten. „Askaban...“
Valerie jedoch schien wieder völlig ruhig zu sein und bearbeitete seine Braue weiterhin mit der brennenden Flüssigkeit.
Nach einer Weile durchbrach sie die Stille, während sie Blut von seinem Lid wischte. „Du hast gesagt, deine Mutter...“, sie hielt kurz inne, „dann heißt das, du warst jetzt im fünften Jahr.“
„Stimmt, na und?“ Severus blickte verständnislos auf.
„Das heißt auch, dass wir im gleichen Jahrgang sind“, antwortete sie schlicht.
„Oh“, meine Severus überrascht. Dann kochte eine plötzliche Wut in ihm auf. „Und da hast du nichts von diesem dreckigen Schleimbeutel Snape gehört, über den sich die coolen Jungs lustig machen und vor dem die Erstklässler davonlaufen?“, brach es aus ihm hervor.
„Doch, das habe ich“, meinte Valerie leise, „Aber du siehst mir nun, wo ich dich so sehe, so gar nicht aus wie ein dreckiger Schleimbeutel.“
Das verschlug dem Jungen dann doch die Sprache. Er sah, dass sie lächelte. Die Ravenclaw ging in die Knie und betastete sein verletztes Bein.
Sie runzelte die Stirn: „Fühlt sich gar nicht gut an.“
„Was du nicht sagst“, murmelte Severus. Die Schmerzen breiteten sich von seinem Knöchel bis zu seinem Oberschenkel aus.
„Hmm, was kann man da tun?“, brummte die Ravenclaw, „Mein Vater hat ein ganzes Sammelsurium von Heiltränken, aber ich kenne mich nicht so gut aus, welchen man nimmt.“
„Wie wär’s mit stark verdünnter Murtlap Essenz, damit die Schwellung zurück geht und einem Spritzer Heiltonikum“, meinte Severus abwesend.
Überrascht sah Valerie ihn an. Dann stand sie auf und wuselte aus dem Zimmer. Sekunden später war sie wieder da, mit einer Glasschale voller Wasser und zwei kleinen Fläschchen. Sie reichte ihm das blaue, schraubte das gelbe auf und träufelte etwas von seinem Inhalt in die Wasserschüssel. Dann nahm sie ein Stofftaschentuch, feuchtete es mit dem Gemisch an und wickelte es um Severus’ Bein.
Severus las das Etikett auf seiner Flasche „Heiltrank gegen Knochenbrüche“ und nahm einen vorsichtigen Schluck. Schon ging die Schwellung zurück und die Schmerzen hörten auf.
Er hörte die Ravenclaw aufseufzen.
„Ich hätte nicht gewusst, was ich tun sollte. Ich kann zwar Heiltränke herstellen, aber über die Verwendung der meisten von ihnen habe ich wohl noch eine Menge zu lernen.“
Severus horchte auf.
„Du stellst die Tränke selber her? Hast du diesen auch selbst gemacht?“ Er hielt sein Fläschchen hoch.
„Nein, warum?“
Severus musste lachen und nach einem kurzen Augenblick stimmte Valerie in das Gelächter ein. Ein für Severus ungewohntes Verhalten – er war es gewohnt, dass über ihn gelacht wurde, nicht mit ihm.
Dann wurde sie plötzlich ernst.
„Du
hältst deinen Arm so komisch, hast du dir den auch verletzt?“
Sie zog an seinem linken Ärmel.
Severus erschrak heftig. Er
wollte sie aufhalten, doch ein schrecklicher Schrei sagte ihm, dass
es zu spät war. Sie hatte es bereits gesehen.
Das Dunkle Mal. Schwarz und hässlich hob es sich von seiner hellen Haut ab.
Valeries Gesicht war weiß geworden, ihre Augen waren weit aufgerissen und er selbst spürte ebenfalls alle Farbe aus seinem Gesicht weichen.
Er sah sie zittern und ihn anstarren. Er sprang auf und wich mit dem Rücken voraus zur Tür. Dort blieb er stehen und stammelte: „Hab keine Angst. Hab keine Angst, ich werde dir nichts tun. Gib mir meinen Zauberstab und ich werde von hier verschwinden.“
Seine Gedanken rasten. Sie würde es ihrem Vater verraten, er würde nicht nach Hogwarts zurück können, er musste fliehen.
Auch er zitterte und streckte die rechte Hand aus, doch anstatt dass die Ravenclaw den Stab aushändigte, wich sie einen Schritt vor seiner Hand zurück und sah ihm in die Augen.