von Smilla
Über Euer Feedback freut sich: Smilla
Dies
ist eine Fortsetzung zu meiner Kurzgeschichte „Unter der Tiefe" (auch wenn sie
länger geworden ist als das Original *g*). „Unter der Tiefe" sollte man
also unbedingt gelesen haben, bevor man hier weiterliest; sie ist ja auch nicht
lang.
Einige
Leserinnen haben mich gebeten, die Story fortzusetzen, und ich war beharrlich
der Meinung, dass gerade diese in sich abgeschlossen und vom Stil her nicht
fortsetzbar wäre. Aber dann kam eine Leserin und erklärte mir, dass doch jetzt
unbedingt jemand den armen Severus wieder aufpäppeln müsste, nach all dem
Furchtbaren, was er erlebt hat. Da wurde mir ungefähr klar, was die Leute von
mir wollten, und ich setzte mich dran. Es war aber von Anfang an klar, dass die
Fortsetzung in einem völlig anderen Stil sein musste.
Hier
ist sie also, in Tagebuchform und ausschließlich aus der Sicht von Pamina
Patil, der jungen Dame, die das beneidenswerte Vorrecht hat, Severus wieder
„aufzupäppeln". Beneidenswert? Hm... Ich bin mir sicher, viele von euch werden
sich gut mit ihr identifizieren können. Na, dann seht mal zu, was draus wird...
„Unter
der Tiefe" fortzusetzen, hieß auch, näher zu beleuchten, was dort wirklich
passiert ist. Und vom näheren Hinsehen wird es nicht schöner. Im Gegenteil.
Diese Story hat mich selbst zur Auseinandersetzung mit einer Thematik
gezwungen, die nicht leicht zu verkraften ist. Aber wenn schon Fortsetzung,
dann ehrlich. So, und nun lest einfach, es ist nicht alles nur schlimm hier.
Nein, gar nicht. ;-)
Über
mich: Ich
habe gerade meine Ausbildung zur Medihexe begonnen und habe mir vorgenommen, ab
jetzt Tagebuch zu führen. Ich widme es meiner Mama, die es mir zum
Schulabschluss geschenkt hat. Vielleicht werde ich mal eine berühmte Ärztin,
und dann kann man hier meine Karriere von Anfang an mitverfolgen. Vielleicht
findet auch jemand in 1000 Jahren dieses Buch und bringt es ins Museum, weil
man hier schön sehen kann, wie wir in Hogwarts im 21. Jahrhundert gelebt haben.
(Haha, klar!)
Meine
Freunde:
Meine Ausbilderin ist Madam Pomfrey im Krankenflügel von Hogwarts. Ich habe
hier dieses Jahr meinen UTZ gemacht und habe immer noch viele Freunde in der
Schule. Wenn ich die alle hier hinschreibe, ist das Tagebuch voll. Also erwähne
ich nur noch meine Schwestern, Parvati und Padma, die immer noch hier zur
Schule gehen. Wir drei Schwestern sehen uns ziemlich ähnlich (die Zwillinge
sowieso), aber wir sind ganz schön unterschiedlich. Padma ist eine Ravenclaw,
Parvati ist in Gryffindor, und ich war in Hufflepuff. Wenn wir noch eine
Schwester hätten, wäre sie wahrscheinlich in Slytherin.
Meine
Hobbies:
lesen, Einhörner malen, meine weiße Katze Fairy, mit meinen Schwestern
streiten, Shopping in Hogsmeade.
Meine
Ziele: Ich
will eine tolle Medihexe werden und allen helfen. Typisch Hufflepuff, sagen
meine Schwestern. Stimmt ja auch. Aber der Rest ist Quatsch: Padma denkt, ich
wäre nicht schlau genug, um den ganzen medizinischen Krempel zu lernen. Aber
ich war eine gute Schülerin, und außerdem interessiert mich das Fach. Ich packe
das schon. Und Parvati meint, ich wäre nicht mutig genug für den Job und könnte
kein Blut sehen. Die spinnt. Ich kipp doch nicht um, bloß weil ein Schüler sich
das Knie aufgeschlagen hat und ein Pflaster braucht. Mehr passiert hier doch eh
nicht. Medihexe ist genau der richtige Beruf für mich. Ich werde es denen allen
zeigen!
Ab
jetzt schreibe ich hier alles rein, was ich im Krankenflügel mache und was ich
darüber denke, und auch ein paar Sachen, die ich in meinen Fachbüchern lese,
damit ich sie nicht vergesse. Aber nur das, was ich richtig wichtig finde.
„Leitsätze einer großen Ärztin" kann man da vielleicht später drüber schreiben.
Einen Satz für meine Sammlung habe ich schon, und den schreibe ich hier als
Motto für dieses Buch hin:
Mein
Motto:
Verhalte dich in deinem Dienst am kranken Menschen und im Umgang mit ihm so,
wie du selbst wünschtest behandelt zu werden. (Christoph Wilhelm von Hufeland,
1762-1836)
15.
September:
Jetzt
bin ich schon einen halben Monat hier in Ausbildung, und ich hatte recht: Es
ist genau der richtige Beruf für mich. Es macht mir jeden Tag Spaß. Ich arbeite
freiwillig länger, als ich müsste, oder ich lese meine Fachbücher, also da soll
Padma noch mal sagen, ich wäre nicht schlau genug für den Job! Ich weiß jetzt
schon mehr über Medizin, als sie je wissen wird. Und Parvati hat auch nicht
recht behalten: Ich kann wohl Blut sehen! In den zwei Wochen habe ich schon
zahlreiche Wunden verbunden, und Madam Pomfrey sagt, ich mache das sehr gut.
Bei ihr kann man überhaupt sehr viel lernen. Mein Stammpatient ist Neville
Longbottom, ein Klassenkamerad von Parvati. Er hat sich in den paar Tagen seit
Beginn des Schuljahres im Zaubertrank-Unterricht bereits eine Verbrennung und
eine leichte Vergiftung zugezogen. Das muss ihm erst mal einer nachmachen! Also
lag es jedenfalls nicht am Lehrer, wie er immer behauptet hat, denn bei der
Vertretungslehrerin stellt er sich genauso dämlich an. Wenigstens sorgt Neville
dafür, dass wir was zu tun kriegen. Sonst passiert nicht viel. Manchmal holt
sich jemand einen Kratzer beim Quidditch-Spielen.
19.
September:
In der ganzen Schule gibt es nur noch ein
Gesprächsthema: Professor Snape kommt aus Askaban raus! Professor Dumbledore
und Harry holen ihn morgen ab. Das war ein Kampf: Seit Ende des letzten
Schuljahres und die ganzen Sommerferien lang und danach, hat unser Schulleiter
versucht, seine Freilassung zu erwirken. Harrys Zeugenaussage hat Professor
Snapes Unschuld bewiesen, aber es hat trotzdem lange gedauert, bis die
Entlassungspapiere kamen. Aber es ist gut ausgegangen. Morgen ist Professor
Snape wieder hier, und wahrscheinlich kommt er dann erst mal kurz zu uns in den
Krankenflügel, zum Durchchecken und ein bisschen Erholen. Tja, wenn in Hogwarts
was los ist, dann hier bei uns im Krankenflügel! Ich freu mich drauf, Professor
Snape wiederzusehen. Er war ja sieben Jahre lang mein Lehrer in „Zaubertränke".
Viele Schüler haben ihn gehasst, aber ich nicht. Gefürchtet, das ja! Aber jetzt
ist er ja nicht mehr mein Lehrer. Ich hatte aber auch immer ganz gute Noten bei
ihm, weil er gemerkt hat, dass mich sein Fach interessiert. „Zaubertränke" und
„Kräuterkunde" waren meine Lieblingsfächer, weil ich mich schon immer für
Heilpflanzen und Heiltränke interessiert habe. Professor Snape wird Augen
machen, dass ich jetzt hier Medihexe bin!(Apropos Snapes Augen: Die fand ich
schon immer toll. Ich kenne keinen anderen Menschen mit so schwarzen,
glitzernden Augen.) Das wird bestimmt lustig morgen.
20. September:
Oh, mein Gott! Ich kann jetzt nicht schreiben,
es geht einfach nicht. Morgen schreibe ich alles auf, ich verspreche es dir,
liebes Tagebuch.
21. September:
Ich glaube, Parvati hatte doch recht: Ich bin
nicht mutig genug für den Job. Gestern bin ich raus gerannt und habe geheult.
Madam Pomfrey ist irgendwann zu mir gekommen, als sie einen Moment Zeit hatte.
Sie war lieb zu mir, aber auch streng. Ich musste wieder mit in den
Krankenflügel gehen. Sie hat gesagt, ich werde jetzt dringend gebraucht, und
auch wenn es nicht leicht ist, da muss ich durch, wenn ich in dem Beruf
arbeiten will. Erst dachte ich, sie verachtet mich, weil ich so schwach bin.
Aber nachher im Krankenflügel habe ich gesehen, dass es ihr selbst nicht viel
besser ging als mir. Sie ist aber geblieben und hat ihre Arbeit gemacht, also
muss ich das auch. Sie braucht jetzt wirklich dringend Hilfe, und unser Patient
natürlich erst recht.
Ich hatte erwartet, Professor Snape
wiederzusehen. Aber das arme Wesen, das sie uns gestern gebracht haben, das hat
so überhaupt nichts gemeinsam mit unserem Meister der Zaubertränke. Ich habe
ihn wirklich nicht erkannt, als Professor Dumbledore ihn herein getragen hat.
Nachdem wir ihn gebadet hatten und diesen Filz aus seinen Haaren und den
Bartwuchs abgeschnitten hatten, sah er sich selbst wieder ein bisschen
ähnlicher. Aber trotzdem... Das kann doch nicht derselbe Mann sein, der immer
so imposant vor unserer Klasse gestanden hat! Der hat doch immer so viel Stärke
und Macht ausgestrahlt. Und ich wäre eher gestorben, als zu wagen, ihn
anzufassen! Aber dieses hilflose Bündel Haut und Knochen, das wir gestern
gewaschen haben, das hatte so wenig mit ihm zu tun, dass es merkwürdigerweise
ging. In dem Moment war er für mich kein Lehrer, kein Mann, nur ein Patient.
Ich habe nicht gewusst, dass ein lebender Mensch
so aussehen kann, fast wie ein Skelett. Wie kann man jemanden, der einem
anvertraut ist, so herunterkommen lassen? Madam Pomfrey sagt, die denken in
Askaban eben sehr anders als wir, und er war nicht ihr Patient, sondern ihr
Gefangener. Aber trotzdem, ich dachte immer, es gibt ein paar Regeln, die
gelten für alle Menschen. Zum Beispiel: Wenn einem ein Lebewesen anvertraut
ist, hat man dafür zu sorgen. Und ein Gefangener ist einem doch auch
anvertraut, oder?
Aber
das war noch nicht alles. Beim Waschen haben wir dann noch diese ganzen
Blutergüsse und Striemen entdeckt. Einige davon sind noch recht frisch,
höchstens ein paar Tage alt. Da muss er doch schon längst so ausgesehen haben
wie jetzt und wahrscheinlich auch schon dieses Fieber gehabt haben. Ich
verstehe nicht, wie man auf einen Menschen in diesem Zustand auch noch
draufschlagen kann! Wir haben die Verletzungen natürlich mit ein bisschen Magie
sehr schnell heilen können. Aber das hätten die doch auch gekonnt. Warum haben
sie es nicht getan? Madam Pomfrey sagt, das ist eine dumme Frage, denn richtig
müsste es heißen: Warum haben sie sie ihm überhaupt erst zugefügt? Sie hat ja
recht. Trotzdem...
Auf
seiner Haut sieht man jetzt keine Spuren mehr. Aber es bleibt noch sehr viel
übrig, was sich nicht mal eben schnell mit einem Schlenker des Zauberstabes
oder einem Trank heilen lässt. Madam Pomfrey sagt, es wird sehr lange dauern,
bis er wieder etwas Fleisch zwischen Haut und Knochen hat und bis sein Gehirn
wieder richtig tickt, von den Verletzungen an seiner Seele ganz zu schweigen.
Wir müssen ihn aufpäppeln, hat sie gesagt, und das will ich natürlich gerne
tun. Helfen und pflegen, das ist ja das, was ich immer tun wollte. Aber es ist
so anders, als ich es mir vorgestellt habe. Kein Fachbuch konnte mich auf einen
Anblick wie diesen Patienten vorbereiten.
Madam
Pomfrey hat gesagt, ich soll alles genau beobachten und aufschreiben, jedes
Symptom und jeden Gedanken. Ich versuche, mich daran zu halten, aber ich muss
mich dazu zwingen. Ich habe schon immer gern geschrieben, Briefe und Aufsätze
und kleine Geschichten und jetzt dieses Tagebuch. Aber ich habe nicht gewusst,
dass schreiben auch weh tun kann.
Jetzt
liegt er in seinem Bett im Krankenflügel, sauber und ordentlich zurechtgemacht
und ohne sichtbare Verletzungen, und sein erschreckend magerer Körper ist unter
der Decke verborgen. Aber sein Gesicht zu sehen, ist schlimm genug. Diese
Blässe, diese eingefallenen Wangen, und seine Nase, die ohnehin nicht klein
ist, ragt unverhältnismäßig groß und spitz aus diesem dünnen Gesicht hervor.
Aber das Schlimmste sind die Augen. Er hatte doch so schöne Augen! Sie sind
ganz verklebt von einer schlimmen eitrigen Bindehautentzündung. Madam Pomfrey
hat mir erklärt, dass er sich diese Infektion (auch den schrecklich rasselnden
Atem) in der kalten, feuchten Zelle geholt hat, aber die Augenentzündung ist
erst nach seiner Befreiung richtig schlimm geworden. Sie sagt, das ist, weil
seine Augen das Licht noch nicht ertragen können. Er war zu lange in totaler
Finsternis. Wir haben den Krankenflügel schon ziemlich abgedunkelt, aber er
öffnet die Augen nur sehr selten ein klein wenig. Ich wasche sie immer wieder
vorsichtig mit einem Heilsaft ab, aber sie verkleben jedes Mal wieder. Es sieht
so schlimm aus.
Aber
Madam Pomfrey sagt, das ist alles nicht unser Hauptproblem. Unsere
vordringlichste Aufgabe ist es jetzt, seinem völlig ausgetrockneten Körper
genug Flüssigkeit zuzuführen. Er ist „dehydriert", hat sie mir erklärt und hat
mir gezeigt, dass, wenn man eine Hautfalte an seinem Arm hochzieht, diese ganz
unelastisch so stehen bleibt. Das ist ein schlimmes Zeichen. Sie war ganz außer
sich und hat auf diese Leute in Askaban geschimpft, die ihm offenbar so wenig
Wasser gegeben haben, dass es gerade ein Tropfen zuviel zum Verdursten war.
Sein hohes Fieber hängt auch nicht nur mit der Infektion zusammen, sondern
hauptsächlich mit der Überhitzung seines Körpers durch den Durst. Er muss sich
gefühlt haben, als ob er innerlich verbrennt. Mit mir hat sie auch geschimpft,
weil ich versucht habe, ihm ein Glas Wasser einzuflößen. Er hat doch so
sehnsüchtig nach dem Wasserhahn geguckt. Aber beim Trinken hat er sich sofort
verschluckt und fürchterlich gehustet und wahrscheinlich Wasser in die Lunge
bekommen, was er jetzt gar nicht gebrauchen kann. Madam Pomfrey hat die Hände
über dem Kopf zusammengeschlagen und mich angefahren, seine Kehle sei doch
völlig ausgetrocknet und wie ich auf die Idee käme, er könnte schon schlucken!
Ich habe es doch nur gut gemeint. Sie ist auch sonst nicht so zu mir, aber man
merkt ihr an, dass sie das alles auch sehr mitnimmt. Jedenfalls hängt Professor
Snape jetzt Tag und Nacht an einem Tropf, der seinem Körper nach und nach
Flüssigkeit und die allernötigsten Nährstoffe zuführt. Als Madam Pomfrey sich
wieder beruhigt hatte, hat sie geseufzt und zu mir gesagt: „Immerhin lernst du
an diesem Fall gleich so ziemlich alles kennen, was die Medizin der Magier und
der Muggel zu bieten hat. In meiner ganzen Dienstzeit habe ich selten eine solche
Herausforderung meiner ärztlichen Kunst erlebt. Und... nie etwas, das so schwer
zu ertragen war."
25.
September:
Ich habe ein paar Tage lang nicht geschrieben,
weil wir rund um die Uhr so viel zu tun haben. Unser Patient liegt immer noch
genauso schwach und teilnahmslos in seinem Bett und hängt am Tropf. Nur die
Zusammensetzung der Infusionslösung hat sich geändert: Inzwischen verkraftet
sein Körper ein paar Nährstoffe mehr, und außerdem führen wir ihm mehrere
Heiltränke zu, vor allem für seine Nieren, die durch den Wassermangel
geschädigt sind und für seine entzündete Lunge. Das Fieber ist zurückgegangen,
und seine Augen verkleben nicht mehr so rasch, wenn ich sie gewaschen habe. Er
öffnet sie jetzt auch ab und zu. Anscheinend gewöhnt er sich langsam wieder an
das Licht, und es schmerzt ihn nicht mehr so. Aber seine Augen, diese schönen,
schwarzen, ehemals glitzernden Augen, sind immer noch stumpf, ohne Glanz und
Ausdruck und Richtung.
Heute allerdings hat er mich angesehen, als ich
mit seiner Augenspülung fertig war. Richtig angesehen. Ich war ganz überrascht
und habe ihn angestrahlt und gleich versucht, mit ihm zu reden. „Hallo,
Professor Snape", habe ich gesagt, „ich bin es: Pamina Patil." In seinem Blick
lag kein Erkennen. Weder bei meinem Anblick, noch bei meinen Worten. Sonst
hatte er sich jedes Gesicht und jeden Namen gemerkt. Wir kannten uns immerhin
sieben Jahre lang, und unser letztes Wiedersehen war erst ein paar Monate her.
Aber es war wohl doch noch zuviel verlangt. Geduldig zeigte ich auf mich
selbst, lächelte ihn an und erklärte noch einmal: „Mein Name ist Pamina Patil."
Plötzlich flackerte Angst in seinen vorher ausdruckslosen Augen auf. Er
versuchte zu sprechen, aber aus seiner Kehle kam nur ein heiseres Krächzen.
Nach mehreren Anläufen schaffte er es, kaum hörbar zu flüstern: „Mein Name
ist... ist..." Er zuckte plötzlich zusammen wie unter einem Peitschenhieb, dann
stieß er ängstlich hervor: „Nein! Ich habe keinen Namen."
Währenddessen kam Madam Pomfrey angerauscht und
machte mir heftige Vorwürfe, weil ich ihn zum Sprechen verleitet hatte. „Es
strengt ihn zu sehr an", regte sie sich auf, „und es bereitet seiner
ausgedörrten Kehle unnötige Schmerzen!" Doch als sie seine letzten Worte hörte,
stutzte sie und verstummte. Sie hockte sich neben das Bett und sah ihm in die
Augen. „Ihr Name ist Severus Snape", sagte sie langsam und deutlich und
beobachtete genau seine Reaktion. „Nein!" antwortete er panisch, „ich habe
keinen Namen!" „Oh nein", stöhnte Madam Pomfrey entsetzt auf, „diese Schweine!"
Als sie meinen verständnislosen Blick bemerkte, erklärte sie es mir: „Sie haben
seine Identität zerstört. Ich möchte gar nicht so genau wissen, auf welche
Weise. Jedenfalls müssen Sie ihn bei ihren Verhören immer wieder nach seinem
Namen gefragt und für die richtige Antwort bestraft haben, so lange, bis er sie
nicht mehr gesagt hat. Eine unglaublich perfide Art, jemandem jegliches
Selbstgefühl und jede Orientierung zu nehmen und ihn in den Wahnsinn zu
treiben. Psychische Folter der übelsten Sorte. Wen man einmal so weit hat, dass
er seinen eigenen Namen nicht mehr weiß, den hat man vollkommen in der Hand,
und er gibt einem jede Antwort, die man ihm diktiert. Die dauernde Isolations-
und Dunkelhaft und die absolute Stille haben ihr übriges dazu getan, ihn
vollkommen orientierungslos zu machen, ihm jegliches Zeitgefühl und nahezu
jeden seiner fünf Sinne zu rauben. Wir haben noch viel mehr Arbeit vor uns, als
wir bisher glaubten."
Ich war völlig geschockt von dem, was sie mir
sagte. Ich kann nicht glauben, welche Grausamkeit Menschen anderen Menschen
anzutun im Stande sind. Sie hat gesehen, wie fertig ich war und hat mich auf
mein Zimmer geschickt, ich solle mal Pause machen. Aber ein Buch hat sie mir
noch in die Hand gedrückt und mir eine Seite markiert, die ich lesen soll:
„Soziale und sensorische Deprivation". Ich war aber im Moment nicht mehr
aufnahmefähig, habe stattdessen endlich dieses Tagebuch weitergeführt und muss
jetzt erst einmal schlafen. Morgen früh lese ich in dem Buch, bevor ich zur
Arbeit gehe.
26. September:
Was für eine schreckliche Nacht! Das
Schlafengehen war wohl doch keine so gute Idee. Nie in meinem Leben habe ich so
grässliche Alpträume gehabt! Ich saß selbst in dieser finsteren Zelle und war
am Verdursten. Es war grauenvoll! Und das war nur ein Traum, und nur eine
einzige Nacht. Wie muss Professor Snape sich gefühlt haben, der das alles real
und monatelang durchlebt hat? Ich versuche lieber nicht, mir das vorzustellen,
wahrscheinlich könnte ich es auch gar nicht.
Der Traum ließ sich gar nicht richtig
abschütteln, aber ich beschloss, trotzdem das Buch von Madam Pomfrey zu lesen.
Wie ich vermutet hatte, machte diese Lektüre es nicht gerade besser. Aber ich
will den betreffenden Auszug hier trotzdem wiedergeben, da er wichtig ist. Ich
kopiere ihn magisch in mein Tagebuch:
Soziale und sensorische Deprivation
Methode psychischer Folter; wie bei jeder Art
der Folter (hier aber in besonderem Maße) ist ihr primäres Ziel die
Desorientierung bis hin zur Vernichtung der Persönlichkeit.
Das Mittel zu diesem Zweck ist hier die extreme
Isolierung von sozialem Kontakt (Isolationstortur) und Verhinderung
unterschiedlicher Sinneseindrücke, die notwendige Bedingung sind für das
Funktionieren des menschlichen Organismus. Es handelt sich sozusagen um eine
Aushungerung des menschlichen Kontaktbedürfnisses und von Sinneswahrnehmung,
dadurch, dass der Gefangene in eine "camera silens" gebracht wird,
einen schalltoten Raum, den Tag über dunkel. Aus experimental-psychologischen
Untersuchungen und aus - viel zu viel - praktischer Erfahrung weiß man mit
Gewissheit, dass solche Bedingungen in kürzester Frist Menschen psychisch und
physisch zerrütten und zerstören können. Physisch tritt eine allmähliche
Zerstörung der sogenannten vegetativen Funktionen ein (krankhafte Veränderungen
bezüglich des Schlaf-, Hunger-, Durstbedürfnisses etc., wie auch Kopfschmerzen,
Gewichtsverlust u. a. ). Hinsichtlich der psychischen Verfassung entsteht
emotionale Instabilität (unverhältnismäßige und plötzliche Angst, Freude und Wut).
Psychisch-erkennungsmäßig entstehen in kurzer Zeit unter anderem zeitliche und
räumliche Desorientierung, Konzentrationsschwierigkeiten, Gedankenflucht und
schlechtes Erinnerungsvermögen, Sprech- und Verständnisdefizite,
Halluzinationen etc. Allerdings greift dies nicht immer: Viele Personen können
trotz grober Isolationstortur ihren "Persönlichkeitskern" bewahren.
Die "unblutige" Torturmethode der
sozialen und sensorischen Deprivation und die aus ihr resultierende
Desorientierung und Zerstörung geistiger Funktionen (Selbstkontrolle etc.) wird
eingesetzt, um Angst oder Paranoia hervorzurufen und das Verhalten zu ändern.
In jedem Fall ist die Anwendung unmenschlich, degradierend, grausam und
barbarisch und verstößt gegen die Menschenrechte.
Jetzt ist mir noch schlechter als vorher. Aber
ich muss auf die Arbeit. Ich werde mit Madam Pomfrey über das Gelesene reden.
Und heute Abend hier weiterschreiben, wenn ich es schaffe.
27. September:
Wie man sieht, habe ich es gestern nicht mehr
geschafft. Abends war ich nur noch müde, nach der Alptraumnacht und dem
anstrengenden Arbeitstag. Ich bin früh ins Bett gegangen und habe zum Glück
relativ traumlos geschlafen. Dafür wurde ich dann morgens sehr früh wach und
habe weiter in dem Buch gelesen. Es ist übrigens von Professor Guy MacInquisit
und heißt „Therapie von Folteropfern", und allein der Titel hätte mich warnen
müssen, dass dies kein leichtverdaulicher Stoff ist. Aber wenn ich in diesem
Beruf bleiben will, ist es ein wichtiges Buch für mich. Und ich habe
beschlossen, zu bleiben. Ich merke, dass ich gebraucht werde.
Hier ein weiterer Auszug aus dem Buch (aus der
allgemeinen Einleitung):
Definition der Folter:
Unter Folter versteht man vorsätzlich zugefügtes
(und von einer staatlichen Instanz verhängtes) starkes körperliches oder
seelisches Leiden mit dem Ziel, die Persönlichkeit zu zerbrechen und den
eigenen Willen zu zerstören.
Mögliche Folgen der Folter:
Körperliche Dauerschäden, Narben, Schmerzen;
psychische Folgen, Alpträume, seelische Verhärtung, Angst, Schuld- und
Schamgefühle, Depressionen; soziale Folgen, Kontaktstörungen, Misstrauen,
eigene Gewaltausübung.
Die Opfer können die Folter meist ihr Leben lang
nicht vergessen und versuchen das Erlebte und ihre Erinnerungen zu verdrängen.
Spezielle Therapien können helfen, schlagen jedoch oft fehl.
Therapie:
Auf die Therapie der verschiedenen körperlichen
Schäden wird in den entsprechenden Kapiteln eingegangen. Hier die
Therapieansätze im psychischen Bereich:
Das wichtigste und zugleich schwierigste Mittel
ist die Kommunikationstherapie. Entscheidend ist, dass das Opfer sehr bald nach
dem Erlebten zum Reden gebracht wird. Dies ist jedoch nicht leicht und darf
andererseits nur sehr behutsam versucht werden, da der Betroffene genau das
unter der Folter erlebt hat: gegen seinen Willen zum Reden gebracht zu werden.
Sein Bedürfnis ist zunächst das Totschweigen und Verdrängen. Doch dies ist
genau der falsche Weg, da eine Verdrängung eines derart extremen Traumas nicht
möglich ist und den Zustand des Patienten nur verschlimmert.
Bei der Kommunikationstherapie gilt "alles
oder nichts": Sie gelingt sofort oder nie mehr. Der Gefolterte kann
anfangs noch etwas von dem mitteilen, was er erlitten hat. Je größer der
zeitliche Abstand von dem brutalen Geschehen wird, desto mehr verkrümmt sich
das Folteropfer in sich selbst. Es schließt sich völlig ab gegenüber der
Außenwelt und bleibt so mit dem Geschehenen ganz allein. Aber warum diese
Sprachlosigkeit? Es fehlen schlicht die Worte! Die menschliche Sprache ist
darauf nicht ausgerichtet, das Erleiden der Folter in Worte zu fassen. Oft
wurde die Erfahrung gemacht, dass am Anfang durch Gesten und eine Umarmung
konkret zur Sprache kommt, was der Gefolterte braucht. Man erhält eine Ahnung
von dem, was ihn heimgesucht hat. Die non-verbale Kommunikation kann später
langsam vom Therapeuten aufgeschlossen und das Erlebte vielleicht, zunächst
stammelnd, in Worte gefasst werden. Man muss leider sagen, dass Menschen, die
gefoltert worden sind, schon einige Wochen später zum Schweigen verurteilt
sind. Es ist zu befürchten, dass sie dieses Geschehen ein Leben lang nicht in
Worte fassen können und mit der Zeit innerlich aufgefressen werden. Sicher ist,
dass das Erlittene von allein nicht zur Sprache kommt; es muss immer geholfen
werden, dass sich in den Menschen etwas öffnen kann. Es bedarf besonderer
medizinischer und psychologischer Hilfe, um eine kleine Tür zu öffnen, durch
die das Folteropfer aus sich herausgehen kann. Gefolterte Menschen isolieren
sich selbst, weil sie anderen nicht mehr vertrauen können. Und sie werden
isoliert durch die Mitmenschen, die eine Begegnung verweigern. Es endet im
schlimmsten Fall in einer verlassenen, gedemütigten und durch Unterdrückung
entstandenen Einsamkeit.
All das ist mir nachher im Krankenflügel immer
wieder durch den Kopf gegangen, wenn ich Professor Snape betrachtet habe, und
in der Mittagspause habe ich mit Madam Pomfrey darüber geredet. Sie war sehr
zufrieden mit meinem Lerneifer, doch was die praktische Umsetzung meiner neuerworbenen
Kenntnisse betraf, schien sie wenig zuversichtlich zu sein. Als ich sie nach
dem Grund fragte, antwortete sie: „Du kannst es ja gern mal mit einer Kommunikationstherapie bei Severus Snape
versuchen, oder mit einer Umarmung!" Ihr ungewohnt sarkastischer Tonfall
ärgerte mich. Klar, ich weiß auch, dass Professor Snape nie besonders
gesprächig war, und unter normalen Umständen könnte es vermutlich unangenehme
Folgen haben, wenn man ihn in den Arm nehmen wollte. Aber dies hier sind keine
normalen Umstände. Gegen eine Berührung kann er sich ja momentan auch schlecht
wehren, oder? Tut er auch nicht, er lässt sich ja umbetten, waschen und alles.
Und das mit dem Reden, na ja, mal sehen... Ich werde es jedenfalls versuchen.
Das habe ich Madam Pomfrey auch ganz deutlich gesagt: „So schnell wie Sie gebe
ich nicht auf! Noch haben wir es nicht einmal versucht. Und ich will es
schaffen, bevor es für immer zu spät ist!"
Sie hat geseufzt, und statt sich über meinen
etwas respektlosen Tonfall zu ärgern, hat sie ihren Arm um mich gelegt. „Ich
verstehe dich schon, Kind", hat sie gesagt, „und ich wünsche mir nichts mehr,
als dass du Erfolg hast. Aber ich kann nicht recht daran glauben." Ich habe sie
direkt angeschaut und gefragt: „Aber warum nicht?" Sie hat seltsam lange gezögert.
Dann hat sie leise gesagt: „Weil die Frist vielleicht schon lange vorbei ist."
Ich muss wohl sehr verständnislos geguckt haben. Sie hat wieder geseufzt, und
dann hat sie das Buch geholt und auf ihre und meine Knie gelegt. Sie hat mit
dem Finger einige Zeilen nachgezeichnet und halblaut mitgelesen:
„... psychische Folgen, Alpträume, seelische
Verhärtung, Angst, Schuld- und Schamgefühle, Depressionen; soziale Folgen,
Kontaktstörungen, Misstrauen, ..."
„... isolieren sich selbst, weil sie anderen nicht
mehr vertrauen können. Und sie werden isoliert durch die Mitmenschen, die eine
Begegnung verweigern. Es endet im schlimmsten Fall in einer verlassenen,
gedemütigten und durch Unterdrückung entstandenen Einsamkeit."
Sie hat mich traurig angeschaut und gefragt:
„Kommt dir das denn nicht irgendwie bekannt vor?"
Erst habe ich gar nichts kapiert. Dann bin ich
mit den Augen ihrem Blick hinüber zu Professor Snape gefolgt. „Er?" habe ich
gefragt. „Ich... hm... Sie kennen ihn sicher besser als ich. So genau habe ich
darüber noch nie nachgedacht. Doch, manches davon kommt mir im Nachhinein
bekannt vor, ja. Aber das war doch, bevor er..." „Bist du sicher?" hat sie
gefragt.
Wir haben es beide nicht ausgesprochen, und auch
jetzt sträubt sich etwas in mir, es aufzuschreiben. Ich habe nur gefragt: „War
er früher schon mal in Askaban?" „Nein." „Aber wo sollte er dann...?" Madam
Pomfrey hat nur Andeutungen gemacht: „Es gibt noch andere Leute, die so etwas
tun. Und andere Methoden. Sind dir welche bekannt?" „Hm,... Cruciatus?" „Zum Beispiel. Siehst du."
Aber jeden Versuch, mehr darüber zu erfahren, hat sie abgeblockt. „Es gibt
einige Dinge, über die ich nicht sprechen darf", hat sie gesagt. Ich glaube
aber doch sehr genau zu wissen, welche Leute sie meint. Ich wasche jeden Tag
auch das Zeichen auf seinem Arm.
„Diese Leute..." habe ich angefangen zu reden,
aber sie hat mich abgewürgt und in einem ziemlich bitteren Tonfall gesagt:
„Diese Leute, mein Kind, sind extrem. Und Askaban ist extrem. Aber oft muss man
gar nicht so weit gehen. Es gibt viele Arten, einen Menschen zu quälen und zu
isolieren, und manche davon passieren ganz unspektakulär mitten unter uns,
jeden Tag." Mehr war sie dann absolut nicht mehr zu diesem Thema zu sagen
bereit. Wir mussten auch zurück an unsere Arbeit. Ich habe heute immer wieder
Professor Snape angesehen und über all das nachgedacht. Versuchen werde ich es
trotzdem.
29. September:
Heute war Professor Dumbledore länger im
Krankenflügel als sonst. Er hat als bislang einziger Nichtmediziner
Besuchsrecht und schaut jeden Tag mehrmals nach Professor Snape, aber heute hat
er sich extra viel Zeit genommen. Heute war auch ein besonderer Tag, denn unser
Patient ist jetzt so weit mit dem Nötigsten versorgt und gestärkt, dass wir ihn
vom Tropf nehmen konnten. Er muss jetzt selbst essen und trinken, und dazu
reicht seine Kraft natürlich noch nicht aus. Professor Dumbledore hat die erste
Runde Füttern übernommen. Aber als er gemerkt hat, dass ich etwas enttäuscht
war, durfte ich zuvor Professor Snape das erste Glas Wasser einflößen. Endlich!
Der Arme, sein Mund war so ausgetrocknet, und immer nur das bisschen Anfeuchten
war so grausam, weil er nicht weitertrinken durfte. Aber er hat sich heute
bewundernswert beherrscht und nicht gierig, sondern ganz vorsichtig sein erstes
Glas Wasser getrunken, so dass er nicht husten musste. Danach war sein Mundraum
genügend angefeuchtet, dass er auch ein bisschen Essen schlucken konnte.
Besser als Professor Dumbledore hätte es kein
Medizauberer machen können und auch kein liebevoller Vater. Das Füttern, meine
ich. Er saß auf dem Bett und hielt Professor Snape fest im Arm, während er ihm
ganz langsam und geduldig kleine Löffelchen voll Aufbaunahrung in den Mund
schob. Ich habe mir genau eingeprägt, wie er es gemacht hat, denn er hat sehr
geschickt zwei Dinge miteinander verknüpft: Einmal war das Halten natürlich
notwendig, damit der geschwächte Mann aufrecht sitzen blieb, andererseits gab
es Professor Dumbledore aber auch einen guten Vorwand, um ihm ganz nebenbei die
Zuwendung und den Körperkontakt zu geben, die er jetzt so dringend braucht. Auf
eine Weise, die Professor Snape nicht ablehnen wird, weil sie ein „Sachzwang"
ist. Ich habe mir vorgenommen, meinen Patienten grundsätzlich auch nur auf
diese Art zu füttern, anstatt ihn einfach mit Kissen abzustützen. Natürlich
kann er zu mir nicht dasselbe Vertrauen haben, wie zu seinem alten Freund, bei
dem wäre es vielleicht auch ohne Vorwand gegangen. Aber ich bin ärztliches
Personal, und vor dem erlaubt man sich bekanntlich manche Schwäche oder Blöße,
die man anderen Leuten nicht zeigen würde. Sachzwänge eben, wie gesagt.
Ebenfalls habe ich genau beobachtet, wie
Professor Dumbledore die ganze Zeit über mit Professor Snape geredet hat. Das
lenkt ihn von dem an sich etwas demütigenden Prozess des Fütterns ab. Ich kenne
das von unangenehmen Untersuchungen, z.B. wenn der Patient nackt sein muss,
dann soll man auch immer reden, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. Ich sehe
schon, was viele Medihexen und -zauberer erst erlernen müssen, hat unser
Schulleiter von Natur aus: das nötige Einfühlungsvermögen. Außerdem bekam
Professor Snape auf die Art auch gleich noch ein wenig
„Kommunikationstherapie", auch wenn er bisher nur zugehört und selbst nichts
gesagt hat. Ob er alles verstanden hat, was der alte Herr zu ihm gesagt hat?
Ich bin mir nicht sicher, wie viel sein langsam wieder erwachender Geist schon
verarbeiten kann. Aber ich glaube, darauf kommt es auch gar nicht an. Der
Inhalt von Dumbledores Worten war eher belangloser Natur, aber was zählt, ist
die Kommunikation an sich und der Tonfall. Die meiste Zeit sagte Professor
Dumbledore eigentlich nur immer wieder sanft und liebevoll: „Severus...
Severus... Severus". Bei den ersten Erwähnungen seines Namens ist Professor
Snape jedes Mal leicht zusammengezuckt, aber das ließ mit der Zeit nach und
hörte schließlich ganz auf. Er scheint begriffen zu haben, dass die Nennung
dieses Namens nicht mehr mit Strafe und Schmerz verbunden ist. Vielleicht
sogar, dass es sein eigener Name ist. Wenn wir großes Glück haben, ist es
Professor Dumbledore heute gelungen, ihm seine Identität wiederzugeben!
Die Zeit im Krankenflügel schien stillzustehen,
solange Professor Dumbledore anwesend war und seine unendliche Ruhe und Geduld
ausstrahlte. Selbst Madam Pomfrey, die fast immer eifrig und etwas hektisch
herumwuselt, hielt ganz still. Lange, lange Zeit ließ der alte Herr seinen
kranken Freund so, an seinen Oberkörper gelehnt, in seinem Arm und strich ihm
mit der anderen Hand sanft über den Rücken. Während er mit seinem leisen
„Severus... Severus..."-Gesumme fortfuhr, schien seine Hand einen Teil des
übergroßen Kummers aus dem gequälten Menschen heraus zu streichen. Professor
Snapes bisher ständig irgendwie schmerzverzerrtes Gesicht entspannte sich immer
mehr. Albus Dumbledore muss wahrhaftig eine große Magie besitzen! Oder ist das
gar keine Zauberei?
Irgendwann wagte ich näher zu treten und stellte
fest: „Er schläft ja!" „Schon lange", sagte Professor Dumbledore, „er ist
erschöpft." Er hielt ihn dann noch eine ganze Weile, bis er ihn schließlich
vorsichtig auf das Bett zurück legte, damit er sich ausruhen konnte. Zum ersten
Mal seit seiner Ankunft, sah Professor Snape im Schlaf friedlich aus. Sonst
schienen ihn immer Alpträume zu quälen, und das werden sie sicher noch oft.
Aber für heute fand er einmal Erholung und Ruhe.
Als Professor Dumbledore ging, folgte ich ihm
hinaus bis auf den Gang. Er drehte sich zu mir um und blieb lächelnd stehen. Er
fragte nicht, was ich wollte, sondern wartete einfach ab. „Jetzt geht es ihm
besser", sagte ich ohne Einleitung, „Professor Dumbledore, wird er wieder
richtig gesund?" Der Direktor legte mir eine Hand auf die Schulter und
antwortete: „Das müssen wir abwarten, meine Liebe. Aber wir werden unser Bestes
geben, nicht wahr? Er braucht jetzt das Beste von jedem von uns: die Erfahrung
und Geduld des Alters, wie Madam Pomfrey sie hat, und auch den Optimismus der
Jugend, wie Sie ihn haben." Ich blickte forschend in sein zugleich ernsthaftes
und freundliches Gesicht, dann fragte ich: „Sie haben beides, nicht wahr?" Er
sah mich einen Moment lang überrascht an, dann schmunzelte er und sagte:
„Ja."
2.
Oktober:
Mit
Professor Dumbledores Füttermethode klappt es tatsächlich sehr gut! Mein
Patient lässt sich bei den Mahlzeiten widerstandslos von mir halten. Ich spüre
deutlich, wieviel Kraft ihn das Aufrechtsitzen noch kostet, denn er sinkt immer
schon nach wenigen Minuten in meinem Arm zusammen und sein Kopf auf meine
Schulter. Er ist halt noch sehr müde, und seine Muskulatur muss erst wieder
aufgebaut werden, und außerdem spielt sein Kreislauf verrückt, wenn er nicht
flach liegt. Ich kann ihn problemlos so halten, wenn ich auf der Bettkante
sitze, und er ist immer noch wahnsinnig leicht. Häppchen für Häppchen flöße ich
ihm die Aufbaunahrung ein, die Madam Pomfrey zusammengestellt hat. Sie enthält
alle wichtigen Nährstoffe in hochkonzentrierter, aber leicht verdaulicher Form,
Vitamine und eine spezielle Kombination magischer Heilkräuter. Zusätzlich zu
dieser Nahrung bekommt er morgens und abends Medikamente, Heiltränke. Einen
davon kann ich inzwischen schon allein brauen. Er muss jeden Abend ganz frisch
zubereitet werden. Dann gibt es noch die Salbe für kreislauffördernde
Einreibungen und Massagen, die Professor Sprout hergestellt hat.
Alle
diese Arbeit tue ich sehr gerne. Ich halte ihn gern beim Füttern im Arm, und es
fühlt sich schön an, wenn er sich anlehnt und sein Kopf auf meiner Schulter
ruht. Ich mag dieses warme, schwere Gefühl auf der Schulter und in meiner
Halsbeuge und wenn seine langen Haare auf meiner Haut kitzeln. Ein Mensch, so
nah, so lebendig und so schutzbedürftig. So habe ich mir das Gefühl
vorgestellt, wenn man für jemanden sorgen kann, und das will ich gerne mein
ganzes Leben lang tun. Ich habe eben doch den richtigen Beruf gewählt, sie
haben alle nicht Recht behalten mit ihrer Unkerei.
5.
Oktober:
Heute
waren wir wieder im Garten. Seit einigen Tagen darf unser Patient ab und zu
nach draußen. Madam Pomfrey war zuerst strikt gegen meinen Vorschlag. Ich sei unvernünftig,
das sei viel zu anstrengend für ihn. Aber ich habe regelrecht gebettelt und
gesagt, es sind doch die letzten Sonnentage draußen, bevor es richtig Herbst
wird, und dann kommen lange keine mehr. Und der arme Mensch hat die ganze warme
Jahreszeit über in einem stockfinsteren, eisigen Loch gesessen. Meine Chefin
blieb unnachgiebig, doch ich fand einen unerwarteten Beistand: Professor
Dumbledore war gerade hereingekommen und hatte unser Gespräch mit angehört, und
er war der Meinung, der Kranke brauche sogar sehr dringend Sonnenlicht und
frische Luft, nicht nur zur Stärkung seines Körpers, sondern auch seiner Seele.
Ihm wagte sie nicht zu widersprechen, und so sitzt unser Schützling (Dumbledore
nannte ihn so und zwinkerte mir verschwörerisch zu) nun jeden Tag ein Weilchen
in einem Liegestuhl in der Sonne, gut zugedeckt natürlich, auf dem Stückchen
Rasen draußen vor dem Krankenflügel. Ihm selbst ist nicht anzumerken, ob es ihm
gut tut oder ihn eher überfordert, aber ich hoffe doch, dass es die richtige Entscheidung
war.
Ich
habe mir heute einen Klappstuhl neben seinen Liegestuhl gestellt und mich zu
ihm gesetzt, fest entschlossen, es endlich mit der „Kommunikationstherapie" zu
versuchen. Ich dachte, vielleicht gelingt es mir draußen besser, in der schöneren
Umgebung und vor allem, ohne Madam Pomfreys ständige Aufsicht. Ich machte also
ein paar Versuche, ihn anzusprechen, aber ich kam nie viel weiter als bis:
„Professor Snape..." Er wirkte total apathisch, keine Reaktion auf seinen
Namen. (Wenigstens auch keine angsterfüllte mehr.) Irgendwann beschloss ich,
etwas Neues zu wagen. Professor Dumbledore kam doch viel besser mit ihm voran,
was machte der denn, was ich nicht tat? War es wirklich allein die Tatsache,
dass die beiden alte Freunde waren? Oder war es irgendetwas an Professor
Dumbledores Berührungen, seinem „Severus"-Gesumme? Severus! Natürlich! So
nannte er ihn! Darauf reagierte er. Das war die Identität, die Professor
Dumbledore ihm gegeben hatte, nicht „Professor Snape"! Also zum Teufel mit all
dem Respekt vor dem großen Meister der Zaubertränke, er ist nicht mehr mein
Lehrer, dies hier ist erst einmal nur ein Mensch namens Severus, und der
braucht schnellstens Hilfe. Madam Pomfrey ist nicht hier draußen, sie hört
nicht, ob ich ihn „Severus" nenne, und sie sieht nicht, ob ich ihn umarme. Und
das tat ich also...
Ich
legte meine Arme um ihn. Keine Reaktion, immerhin auch kein Widerstand. Er saß
einfach steif da und starrte weiter geradeaus. „Severus", sagte ich leise,
„hallo, Severus..." Eine leichte Bewegung seines Kopfes. Er richtete seinen
Blick auf mich! Ein staunender, fragender Ausdruck in seinen Augen. (Seine
Augen, die wieder gesund und so schön sind, wie ich sie in Erinnerung hatte;
das Sonnenlicht hat ihnen nicht geschadet, im Gegenteil!) „Severus!" jubelte
ich und hatte Freudentränen in den Augen, was mir einen noch verwirrteren Blick
von ihm eintrug. Dann sprach er zum ersten Mal mit mir! „Mein Name ist
Severus", sagte er langsam. Ich nickte eifrig: „Ja, das ist dein Name, Severus.
Mein Name ist Pamina." Er dachte nach, dann sagte er leise: „Pamina... ‚die
immerwährende Vollmondnacht'." Seine dunkle, samtige Stimme klang wie von weit
her. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus! Da hatte ich bis eben noch
gezweifelt, ob sein Verstand überhaupt wach war, und er wusste sogar die
Bedeutung meines äußerst seltenen, alten, griechischen Namens. Natürlich, in
seinem Fach beherrscht er Griechisch und Latein. Das meine ich nicht. Aber dass
er so klar denkt! „Ja", bestätigte ich, „das ist die Bedeutung meines Namens. Pamina. Pamina
Patil. Ich war deine Schülerin. Erinnerst du dich an mich?" Langsam schüttelte
er den Kopf und sah mich etwas hilflos an. Das war also noch zuviel verlangt.
Sein Verstand und sein Wissen sind da, nicht aber seine persönlichen
Erinnerungen. Das muss ein Schutzmechanismus sein. Er verdrängt die Erlebnisse
in Askaban und alles andere gleich mit. Aber er kann und darf Askaban nicht
verdrängen, weil es ihn sonst zerstören wird. Er muss doch reden! Ich muss ihn
dazu bringen, und zwar schnell! Es muss heraus aus ihm, bevor es untrennbar mit
ihm verbunden ist, wie ein Draht, der schmerzhaft in die Rinde eines Baumes
einwächst. Ich war fest entschlossen, es jetzt zu schaffen. Jetzt und
hier.
„Severus", sagte ich sanft und schlang meine
Arme fester um ihn, lehnte ihn an mich, wie ich es beim Füttern tue, so dass er
mich bei diesem schweren Gespräch nicht ansehen musste, „Severus, du warst in
Askaban. Erinnerst du dich: Askaban?" Das Zittern, das durch seinen Körper
lief, war auch eine Antwort. „Keine Angst", flüsterte ich, „du bist nicht mehr
dort. Du musst nie wieder dorthin." Das Zittern hielt an. „Sie haben dir sehr
weh getan", sprach ich behutsam weiter. Kein Wort von ihm, aber das
Zittern wurde stärker. Ich hätte es ihm gerne
erspart, aber es musste sein. „Severus", sagte ich traurig, „armer Severus. War
es sehr schlimm?" Natürlich war das eine dumme Frage, aber ich wusste es nicht
anders in Worte zu fassen. Und offenbar erreichte es ihn, denn ich spürte ein
Nicken seines Kopfes, den er an mir vergraben hatte, und ein Zucken seiner
Schultern, und nach und nach Nässe an meiner Bluse. Ich schlang meine Arme noch
fester um ihn und blieb einfach so sitzen, sagte selbst kein Wort mehr.
Ich hatte nicht gemerkt, dass Professor
Dumbledore hinter mir stand. Erst als er leise „Bravo!" sagte, hob ich meinen
Kopf und sah ihn. Im ersten Moment fürchtete ich, ich hätte etwas falsch
gemacht, und es sei eine ironische Bemerkung gewesen. Doch er sah mich so
freundlich an, dass ich diesen Gedanken gleich wieder verwarf. „Es muss aus ihm
heraus", sagte er, als wüsste er sehr genau, was meine Absicht gewesen war,
„und wenn aus seinen Augen herausfließt, statt aus seinem Mund, dann ist das
beinahe ebenso gut, glauben Sie mir."
Ich stellte fest, dass Severus schlief,
vermutlich schon seit einer ganzen Weile, und bettete ihn vorsichtig auf seine
Liege. Professor Dumbledore nahm mich einen Moment beiseite und lobte mich noch
einmal, bis ich ganz verlegen wurde. „Dank Ihrer Fürsorge geht es ihm schon viel,
viel besser", versicherte er mir. „Aber er ist so schwach", entgegnete ich.
„Schwach?" fragte Dumbledore, „Severus? Täuschen Sie sich nur nicht! Severus
ist sehr stark, meine Liebe, sonst hätte er unter solchen Bedingungen gar nicht
so lange überlebt." Ich dachte darüber
nach und musste ihm recht geben. Die wenigsten Menschen hätten nach Monaten in
diesem Loch, diesem... Grab, noch gelebt. Professor Dumbledore legte mir eine
Hand auf die Schulter, bevor er ging, und sagte: „Unterschätzen Sie niemals Severus!"
6. Oktober:
Professor Dumbledores Worte haben mich noch bis
in die Nacht hinein beschäftigt. Sie haben etwas in mir ausgelöst. Er hat mich
gezwungen, mir dieses Loch, in dem sie Severus lebendig begraben hatten,
vorzustellen. Richtig bildhaft vorzustellen. Das und alles, was sie ihm angetan
haben (manches konnten wir diagnostizieren, anderes nur erahnen). Es ist
schrecklich, sich das auszumalen, aber es ist nur fair: Bevor ich Severus
dränge, sich dem Grauen zu stellen, sollte ich mich selbst dazu zwingen. Aber
ich werde nie wirklich wissen, wie es sich anfühlt; Severus weiß es
leider. Und begreifen werde ich es wohl auch nie. Er auch nicht, und
niemand. Dieses „Warum?" Sicher kann niemand nachvollziehen, was in den Leuten
vorgegangen ist, die ihm das angetan haben. Und doch, es gibt Menschen, die das
nicht nur verstehen würden, sondern die es sogar tun könnten. Getan haben,
das ist der Beweis. Wie schrecklich, dass Menschen das können!
Das hat mich alles so verfolgt, dass ich zu
Professor Dumbledore gegangen bin, bevor ich zur Arbeit erschien. Ich musste
mit jemandem reden, sonst hätte ich mich auf keine Tätigkeit konzentrieren
können. Er hat sich Zeit für mich genommen, obwohl er bereits so früh morgens
an seinem Schreibtisch saß, über einen dicken Stapel Papiere gebeugt. „Erzählen
Sie mir mehr darüber!" bat ich, „erzählen Sie mir, wer das getan hat, und
warum!" „Es war in der Hauptsache ein Mann namens Drywell", antwortete er, „ein
Angestellter von Askaban, der ein eigentümliches Interesse an Severus hatte.
Die allererste Zeit hat Severus noch in einer normalen Zelle unter ‚normaleren'
Bedingungen zugebracht. Aber Drywell wurde bei den Verhören auf ihn aufmerksam
und hat die persönliche Verfügungsgewalt über ihn beantragt - und bekommen.
Sobald er in der Gewalt dieses Mannes war, hatte Severus mehr zu leiden, als
jeder andere in Askaban. Soviel zu Ihrer Frage, wer es war. Ja, wir kennen den
Täter, und dennoch wird er nie dafür bestraft werden. Denn zu all dem war
Mister Drywell traurigerweise befugt und ist es weiterhin, bei anderen
Gefangenen. Und die andere Frage, das ‚Warum?'..."
Ich war aber in Gedanken immer noch bei dem
‚Wer?'. „Drywell", murmelte ich, „wir hatten doch mal einen Schüler namens
Drywell. Darwin Drywell, der war eine Klasse über mir." Dumbledore nickte:
„Sein Sohn, er hat heute auch irgendein Pöstchen beim Ministerium." Ich
schüttelte den Kopf: „Ausgerechnte der! In der Schule war er ja nicht gerade
eine Leuchte. Und frech war er auch, auf eine richtig unangenehme Art. Ich
erinnere mich, dass er ständig Ärger mit Professor Snape hatte... Moment!" Ein fürchterlicher Gedanke überfiel mich. Eben
war ich ganz in der Vergangenheit gewesen, so sehr, dass ich Severus als
'Professor Snape' bezeichnet hatte. Sobald ich mir aber ins Gedächtnis rief,
dass ich von unserem Severus sprach, zog ich eine Verbindungslinie vom Gestern
zum Heute. Gab es sie, die Verbindung? „Oh mein Gott, Professor Dumbledore",
flüsterte ich, „er musste doch nicht deshalb so leiden?"
„Nein, nein!" beeilte er sich zu sagen, doch
dann fügte er leise und weniger sicher hinzu: „Nein, das kann ich mir... das
möchte ich mir nicht vorstellen. Obgleich der Sohn, wie aus den Akten
hervorgeht, sogar an einigen der Verhöre beteiligt gewesen ist. Dennoch glaube
ich, dass dieser Aspekt höchstens mit hineingespielt hat. Ich denke, es ging um
etwas anderes."
„Aber um was?" „Es war ein Machtkampf", erklärte
er mir, „wie ich bereits sagte: Severus ist stark. Sehr stark. Es fragt sich
nur, ob das für ihn in Askaban ein Vorteil oder ein Nachteil war." „Ein Vorteil
natürlich", meinte ich, „er hätte diese Tortur sonst nicht überlebt!" „Er hätte
diese Tortur sonst vielleicht gar nicht erlebt!" konterte Dumbledore,
„verstehen Sie? Sie konnten es nicht ertragen, dass er so stark war, deshalb haben
sie alles daran gesetzt, ihn zu vernichten. Sie sind es gewohnt, Menschen zu
verbiegen, und da sie es bei ihm nicht konnten, wollten sie ihn brechen. Er war
stolz, also wollten sie ihn auf Knien sehen. Er war stark, also wollten sie ihn
schwächen. Seinen Körper konnten sie aushungern und austrocknen lassen, bis er
nur noch ein Schatten seiner selbst war, seiner Seele von Dementoren die Kraft
aussaugen lassen. Aber irgendwo tief innen drinnen war er immer noch stark, und
das hat sie bis zur Weißglut gereizt. Es hat ihre Macht untergraben." Ich
glaubte zu wissen, wovon er sprach. „Ich habe darüber gelesen", sagte ich,
„manche Gefangene bewahren sich auch unter extremsten Bedingungen ihren
‚Persönlichkeitskern'." „Ja", sagte er, „darum ging es, das konnten sie nicht
zulassen. Aber ich glaube, wenn wir ihn nicht herausgeholt hätten, dann wäre er
eher gestorben, als sich aufzugeben. Sie hätten ihn töten können, aber nicht
besiegen."
„Ich verstehe es trotzdem nicht", sagte ich
traurig, nachdem ich darüber nachgedacht hatte, „wie konnten sie so kalt und
gefühllos zusehen, wie schlecht es ihm ging, und ihn immer noch mehr quälen,
nur wegen diesem sinnlosen Machtkampf? Nur weil Mister Drywell seinen
Gefangenen ganz und gar schwach und hilflos sehen wollte, oder vielleicht
Darwin seinen Lehrer?"
„Es war eine Herausforderung", sagte Professor
Dumbledore, „so unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich sind die
Herausforderungen, die sie antreiben. Für Sie, Pamina, ist es die größte
Herausforderung, einem leidenden Wesen zu helfen und es zu stärken. Deshalb
haben Sie Ihren Beruf gewählt. Für Leute wie Drywell ist es die größte
Herausforderung, einen starken Menschen zu demütigen. Deshalb hat er seinen
Beruf gewählt. Seien Sie froh darüber, meine Liebe, und stolz darauf, dass Sie
so etwas nicht verstehen!"
15. Oktober:
Die letzten Tage waren wunderschön. Ich bin gar
nicht zum Schreiben gekommen, weil ich in meiner Freizeit meist unten im
Krankenflügel geblieben bin. Mit Severus geht es steil bergauf, und man kann
jetzt schon richtig viel mit ihm „anfangen". Er kann länger draußen bleiben und
herumlaufen, muss nicht mehr ständig im Liegestuhl sitzen. Wir machen kleine,
vorsichtige Spaziergänge im Garten, wenn das Wetter schön ist. Zum Glück haben
wir dieses Jahr einen traumhaften „goldenen Oktober". Man kann sich auch gut
mit Severus unterhalten. Ich kann nicht finden, dass er so schweigsam ist, wie
alle immer behauptet haben. Und unfreundlich ist er auch nicht, oder
„aufbrausend", oder was man ihm alles im Laufe der Zeit so angedichtet hat (na
ja, oder wie er manchmal im Unterricht gewirkt hat)! Er ist ein ganz ruhiger,
höflicher Mensch und ein sehr anregender Gesprächsspartner. Über was für Sachen
man mit dem reden kann! Viel interessanter als das, was man mit den meisten
Menschen so an Belanglosigkeiten austauscht. Severus weiß nicht nur viel über
Zaubertränke, er hat auch noch ganz andere Themen auf dem Kasten, da kann ich
immer wieder nur staunen. Er redet mit derselben Gewandtheit über die dunklen
Künste, über Kultur und über Philosophie und was weiß ich noch alles. Gibt es
überhaupt irgendetwas, wovon er keine Ahnung hat? Ich kann es ja nicht immer
beurteilen, aber es hört sich alles sehr klug an, was er sagt. Ich könnte ihm
den ganzen Tag zuhören. Es ist einfach faszinierend, und seine Stimme hat einen
unvergleichlichen Klang.
Seitdem
habe ich ihm immer wieder mal etwas mitgebracht. Also, nichts neu Gekauftes
mehr, ich habe ja noch nicht viel Geld. Aber ich habe ihm Sachen aus seinem
Kerker besorgt, die er gern haben wollte. Zum Beispiel seinen Umhang, damit er
auch bei etwas kühlerer Witterung nach draußen kann. (Ich glaube aber, er
wollte den Umhang nicht nur deshalb. Er fühlt sich einfach wohler, wenn er ihn
hat.) Oder auch einige seiner Bücher und Zaubertrankzutaten. Das darf aber
Madam Pomfrey nicht wissen. Wenn er liest, sagt sie, er überanstrengt sich. Und
dass er in ihrem Arbeitsbereich Tränke mischt, dass würde sie schon überhaupt
nicht dulden. Da ist sie sehr eigen. Ich finde aber, es tut ihm gut, und
deshalb habe ich ihm dazu verholfen. Madam Pomfrey überlässt mir die Sorge für
Severus zum großen Teil allein, seit es ihm besser geht. Wenn sie dann im
anderen (öffentlichen) Bereich des Krankenflügels arbeitet, gebe ich Severus
heimlich seine Bücher oder lasse ihn ein bisschen das Labor benutzen. Er blüht
dabei förmlich auf. Manchmal weiß ich wirklich besser als Madam Pomfrey, was
gut für ihn ist. Heute hat er etwas Lustiges gesagt! Ich hatte Madam Pomfrey
mit einem Trick aus dem Zimmer rausgelockt (ich gebe zu, ich habe die Krankenakten
absichtlich ein wenig unordentlich geführt, so dass sie sie korrigieren
musste...) und habe Severus so zu einem Stündchen Lesezeit verholfen. Er soll
doch hier nicht geistig verhungern, so wie er es in Askaban körperlich musste!
Das muss schrecklich sein, für einen so intelligenten Menschen wie ihn. Aber
Madam Pomfrey sieht in erster Linie nur den Körper ihrer Patienten, nicht alles
andere, was zum Menschen gehört. Na ja, jedenfalls war er sehr froh über meine
Hilfe. Er hat leicht gegrinst (und das ist selten bei ihm!) und hat zu mir
gesagt: „Pamina, du bist meine Komplizin."
17.
Oktober:
Ich
habe heute jemanden geschlagen. Ich, Pamina, die brave Hufflepuff, die
fürsorgliche Medihexe! Und ich kann nicht behaupten, dass ich mich dafür
schäme. Ron soll sich schämen (dieser rothaarige Freund meiner Schwestern)! Als
ich heute über den Hof ging, um Kräuter aus dem Gewächshaus zu holen, bin ich
Padma und Parvati und ein paar anderen Schülern begegnet. Sie haben mich
ausgefragt, wie es Severus gehe. Ich habe nicht viel erzählt, das darf ich ja
auch gar nicht. Hab nur gesagt: „Inzwischen geht es ihm besser. Aber als er aus
Askaban kam, war er schrecklich zugerichtet." Da hat dieser Ron wohl gemeint,
es wäre unglaublich cool, eine dumme Bemerkung zu machen. Er hat die anderen
angegrinst, und dann hat er gesagt: „Na, endlich hat ihn mal jemand richtig
behandelt." Na ja, und dann hatte er meine Hand im Gesicht.
Ich
weiß nicht, was weiter geschehen wäre, wenn Professor Dumbledore nicht gerade
vorbei gekommen wäre. Die anderen sind abgehauen, als er kam, und ich blieb
stehen und habe ihm die ganze Sache erzählt. Es war mir egal, ob er mit mir
schimpfen würde. Aber er legte nur freundlich seinen Arm um mich, ging mit mir
ein paar Schritte und versuchte etwas Verständnis für Ron bei mir zu erwecken:
„Er hat es sicher nicht so böse gemeint, wie es sich angehört hat. Das wäre
schon wirklich sehr böse, nicht wahr? Er ist noch ein unvernünftiger Junge und
weiß nicht immer, was er redet. Und vor allem: Er hat nicht gesehen, was sie
mit Severus gemacht haben! Sonst würden ihm solche Sprüche im Hals stecken
bleiben." Aber nach diesen begütigenden Worten machte er eine kurze Pause,
beugte sich zu meinem Ohr herunter und flüsterte: „Trotzdem danke, dass Sie es
getan haben. Ich darf ja nicht."
22.
Oktober:
Wir
hatten ein paar Runden durch den Garten gedreht, wie jeden Tag. Es ist immer
noch sonnig, wenn auch nun von Tag zu Tag merklich kühler und etwas windig. Auf
unserer Lieblingsbank unter der alten Eiche setzten wir uns hin, damit er sich
etwas ausruhen konnte, und führten unsere anregende Unterhaltung über
Heiltränke weiter. Doch irgendwann brach er das Gespräch ab und schwieg eine
ganze Weile, und es war etwas in diesem Schweigen, was mich davon zurückhielt,
es zu unterbrechen. Er hatte den Kopf gesenkt und sah auf seine rechte Schuhspitze,
mit der er in den herabgefallenen, goldgelben Eichenblättern stocherte. Ich
spürte, wie ich nervös wurde, ohne den Grund zu kennen. „Pamina", sagte er nach
einer langen Zeit, leise und ohne aufzublicken, „ich bin dir zu großem Dank
verpflichtet." Aber irgendwie klang es, als sei es nichts Gutes, was er sagte.
Instinktiv wiegelte ich ab: „Ach, nicht doch, wofür? Für ein paar Bücher, die
ich an Madam Pomfrey vorbei geschmuggelt habe?" Ich versuchte zu lachen. Er hob
den Kopf, und sein Gesicht war sehr ernst, seine Augen geradezu traurig, als er
mich ansah. „Ja, zum Beispiel. Dafür dass du meine Komplizin bist und dafür
sorgst, dass ich alles bekomme, was ich brauche. Und für wochenlange Pflege,
für all die manchmal unangenehmen Arbeiten, die das mit sich bringt, für
ständiges Da-Sein, Tag und Nacht, für stundenlange Gespräche, alles in allem
für die Rettung meines Lebens..." Ich zog etwas hilflos die Schultern nach
oben: „Wenn du es so sehen willst... Und wo liegt das Problem?" Denn dass da
eines war, spürte ich deutlich. „Ich war noch nie gut im Dankbar-Sein",
antwortete er, „ich hasse es, in jemandes Schuld zu stehen. Und leider
resultiert daraus meistens, dass ich denjenigen hasse. Es hat schon einmal
jemand mein Leben gerettet, als ich noch sehr jung war, jünger als du jetzt.
Und ich kann nicht behaupten, dass ich denjenigen mag. Gelinde ausgedrückt.
Aber dich mag ich. Zu gern, um dir das zumuten zu wollen. Ich will dich nicht
hassen." „Müsstest du das denn?" Er nickte seufzend: „Ich fürchte, ja. Ich kenne
mich, besser als mir lieb ist. Du kennst das Zauberergesetz: Wenn ein Zauberer
einem anderen das Leben rettet, dann gehört dieser ihm quasi für den Rest
seines Lebens, so tief steht er in seiner Schuld. Und das, nein... ich kann es
nicht ertragen! Später hat noch einmal jemand mein Leben gerettet: Albus. Ihn
hasse ich nicht. Aber er durchschaut mich auch zu gut und hat dem vorgebeugt.
Er erlaubt mir, etwas für ihn zu tun, was seine Tat wieder aufwiegt. Ich habe
vielfach mein Leben für Albus riskiert, und deshalb fühle ich mich ihm
gegenüber frei. Das ist alles schwer zu begreifen, nicht wahr?" Er seufzte
wieder tief. „Ich begreife es ja selbst nicht wirklich, ich weiß nur, dass es
so ist. Und du... Du tust so viel für mich, und ich bin nur ein Kranker, immer
noch schwach und ohne jede Möglichkeit, mich zu revanchieren. Ich habe nichts,
was ich für dich tun oder was ich dir geben könnte. Nichts. Ich ertrage das
nicht."
Ich
habe ihn nur angeschaut und versucht, das Ganze zu kapieren. Denkt er denn
wirklich, ich würde mich für ihn aufopfern und würde nur geben und nichts
bekommen? Weiß er denn nicht, wie viel mir das Zusammensein mit ihm gibt, jedes
Gespräch und alles? Ich suchte nach den richtigen Worten, um ihm das
begreiflich zu machen. Schließlich versuchte ich es auf eine etwas seltsame
Art. Ungewöhnliche Menschen erfordern ungewöhnliche Mittel.
„Du
denkst also, du gibst mir nichts?" fragte ich, „dann will ich dir eine
Geschichte erzählen. Ich weiß nicht mehr alle Einzelheiten, aber wahrscheinlich
kennst du sie auch, es ist ein altes Märchen. ‚Der Kaiser und die Nachtigall'.
Nur soviel: Der Kaiser von China wurde sehr, sehr krank. Er war sehr schwach
und konnte nur noch im Bett liegen, und sein ganzer Hofstaat konnte ihm nicht
helfen. Alle hatten Angst, er würde sterben. Nur er nicht. Er wünschte sich, zu
sterben. Denn er war ein sehr trauriger Mann. Und der Tod kam immer und hockte
schwer auf seiner Brust, so dass er kaum noch atmen konnte und flüsterte ihm
zu, wie schön und friedlich es im Garten des Todes wäre, bis er immer mehr
Sehnsucht danach bekam. Aber es gab da eine kleine Nachtigall im Reich des
Kaisers. Sie war einmal in seinem Besitz gewesen, aber sie war geflohen. Denn
als der Kaiser noch stark war, war er ein harter Mann, mächtig und streng und
gewohnt, dass man ihm gehorchte. Wenn er sagte, sie sollte für ihn singen, war
es keine Bitte, sondern ein Befehl, und es klang ziemlich unfreundlich. Deshalb
war sie ihm entflogen. Aber jetzt, als es ihm so schlecht ging, kam sie zurück.
Sie setzte sich an sein offenes Fenster und sang für ihn, nur weil sie es
wollte. Sie sang und sang, und er lag in seinem Bett und lauschte und ihm kamen
die Tränen. Und die Nachtigall sang dem Tod, der auf seiner Brust hockte, etwas
vor, ein süßes, lockendes Lied über seine eigenen Gärten, bis er schließlich
selbst solche Sehnsucht danach bekam, dass er durch das Fenster davon schwebte.
Dem Kaiser wurde plötzlich ganz leicht, er konnte wieder atmen und wurde bald
wieder stark und gesund. ‚Du hast mir das Leben gerettet, kleine Nachtigall',
sagte er, ‚wie soll ich dir dafür danken? Womit soll ich dich bezahlen? Wünsch
dir aus meiner Schatzkammer, was du willst!' Aber die kleine Nachtigall
antwortete: ‚Ich bin schon bezahlt. Ich habe einen Schatz bekommen, den kein
anderer in deinem ganzen Reich besitzt: Ich habe Tränen in den Augen des
Kaisers gesehen.'"
Als
ich meine Erzählung beendet hatte, sah ich Severus in die Augen, und sein Blick
sagte er mir, dass er sie verstanden hatte. „Du meinst also, ich gebe dir
etwas?" fragte er nach einigem Nachdenken, und das zu akzeptieren schien ihm
viel schwerer zu fallen, als den bloßen Sinn der Worte zu begreifen. „Ja",
antwortete ich ruhig und fest, „sehr viel. Soviel, dass es ein Leben aufwiegt.
Du bist mir nichts schuldig geblieben." Severus erhob sich von der Bank und
schlurfte mit den Füßen durch die Blätter, dass sie raschelten. „Dann muss ich
das wohl glauben", sagte er, „begreifen kann ich es aber nicht. Das musst du
mir nachsehen. Ich bin es nicht gewohnt, dass jemand freiwillig länger in
meiner Nähe bleibt als notwendig und das noch als... als... Geschenk
empfindet." Ich lächelte. „Es hat auch niemand verlangt, dass du es begreifst",
konterte ich, „du mutest mir ja auch zu, dich so zu nehmen, wie du bist, ohne
es zu begreifen. Nicht wahr? All das mit der Dankbarkeit, die du nicht ertragen
kannst usw." Er grinste ganz leicht: „So, so. Aha. Nun ja, diese Argumentation
ist schwer zu widerlegen. Also gut, Komplizin." Er streckte die Hand aus, und
ich ergriff sie und ließ mich hochziehen. Schweigend setzten wir unseren
Spaziergang fort. Aber dieses Mal war das Schweigen nicht bedrückend und machte
mich nicht nervös.
1.
November:
Ich weiß, ich habe lange nicht geschrieben...
Heute
habe ich Professor Dumbledore auf dem Hof getroffen. „Na", fragte er, „wie geht
es mit Severus voran?" Ich habe etwas irritiert nachgefragt, was genau er
meint. Er hat geschmunzelt und geantwortet: „In jeder Hinsicht." Da habe ich
beschlossen, ein Stück mit ihm zu gehen und über einiges zu reden. „Körperlich
geht es ihm von Tag zu Tag besser", berichtete ich, „er muss aber noch weiter
zu Kräften kommen. Und was das Seelische angeht, na ja... Wir sind uns sehr
nahe gekommen. Ich hoffe, Sie verstehen das nicht falsch. Ich will damit sagen,
wir sprechen auf eine sehr vertraute Art miteinander, über alle möglichen
Themen, aber mittlerweile auch über seine Erlebnisse in Askaban. Ich hätte das
zuerst nicht zu hoffen gewagt."
Ja,
er hat mir tatsächlich einiges erzählt. Und ich gestehe, dass ich meinem
Vorsatz untreu geworden bin, jedes medizinisch relevante Detail in diesem
Tagebuch festzuhalten. Ich bin zu feige, es tut zu weh. Ich kann und will nicht
schildern, wie es sich anfühlt, wenn die Isolation dich auffrisst oder der
Durst dich langsam verbrennt oder Peitschenhiebe
dich zerfetzen oder Dementoren dir schleichend die Seele aussaugen oder...
Nein, ich kann es nicht, denn ich habe es nicht selbst erlebt, und mir fehlen
die Worte, und ich will es nicht, denn was man schreibt, greift einen
nachhaltiger an, als was man nur hört.
Ich
ging auch gegenüber Dumbledore nicht ins Detail. Ich sagte stattdessen: „Das
ist viel wert für seine Heilung, nicht wahr? Aber in den letzten Tagen stoße
ich immer wieder an eine unsichtbare Grenze. Ich weiß auch nicht, wie ich Ihnen
das beschreiben soll. Erst war er so offen, und plötzlich verschließt er sich
wieder. Ich habe versucht, über andere Dinge mit ihm zu sprechen. Über das
Leiden im allgemeinen, über Einsamkeit, über das Böse, denn das beschäftigt
mich, seit ich weiß, dass es Unmenschen wie die Drywells gibt. Ich habe ihn in
dem Zusammenhang nach allem möglichen gefragt, nach schwarzer Magie und bösen
Flüchen wie dem Cruciatus, aber auch danach, in welchen ganz alltäglichen
Formen wir Leid oder Grausamkeit erleben oder einander zufügen. Es sollte
einfach eines dieser philosophischen Gespräche werden, wie wir sie oft führen.
Ich habe aus meinem bisschen Lebenserfahrung erzählt und wollte auch von ihm
etwas dazu hören, was er erlebt hat (außer Askaban, meine ich). Aber plötzlich
kam gar nichts mehr von ihm. Kein Erfahrungsbericht, keine erkennbare
Gefühlsregung, keinerlei allgemeine Gedanken zum Thema. Seit Tagen schweigen
wir uns sozusagen an. Es tut mir weh, weil wir uns schon so nahe waren. Haben
wir uns denn nichts mehr zu sagen?"
Professor
Dumbledore versuchte mich zu beruhigen: „Nein, ich glaube nicht, dass dort das
Problem liegt. Sie werden sicher noch viele Gespräche miteinander führen.
Lassen Sie ihm Zeit und vor allem... hm... wählen Sie die Themen mit Bedacht!
Fragen Sie ihn nach ein paar schönen Zaubertränken, und er wird den Mund schon
wieder aufkriegen. Lassen Sie ihn mit all seinen schrecklichen Erlebnissen in
Ruhe, Pamina, er hat darüber geredet, und das war wichtig und heilsam, aber er
hat doch genug gelitten, nicht wahr? In Askaban und jetzt, in dem er es noch
einmal durchlebt hat." Er hatte ja recht, aber ich versuchte ihm begreiflich zu
machen, was ich meinte (und selbst nicht recht begriff): „Ja, aber ich werde
das Gefühl nicht los, dass er sich nicht alles von der Seele geredet hat. Nicht
genug, damit er wirklich gesund werden kann. Als ich begann, mit ihm über das
Schlimme zu reden, war es, wie wenn man in lockerer Erde wühlt, um etwas
Verschüttetes auszugraben. Ich kam gut voran. Aber jetzt ist es, als ob ich
plötzlich mit der Schaufel auf Zement stoße und nicht weiterkomme. Doch ich
habe das Gefühl, dass unter dem Zement noch eine Leiche begraben liegt."
„Das
mag sein", sagte Professor Dumbledore seufzend, „aber es ist eine alte Leiche,
ein versteinertes, verhärtetes Fossil. Sie werden nicht bis dahin vordringen,
niemals. Er hat über das, was zuletzt geschehen ist, geredet, solange er noch
konnte, und das ist gut. Aber all das andere... Pamina, diese Leiche liegt
dort, seit Severus ein Kind war, und viele haben neue Erdschichten darüber
aufgehäuft und festgetreten. Der eigentliche Mörder ist vielleicht ein
mächtiger Zauberer, der ihn verlockt und missbraucht und gequält hat. Aber das
Schlimmste waren wohl die vielen kleinen Schritte und Fußtritte, mit denen
andere ihn bis dorthin getrieben und dann darauf herumgetrampelt haben:
Mitschüler, seine Lehrer, seine Schüler, Kollegen, viele Menschen, zu viele.
Lassen Sie es gut sein, mein Kind, daran rühren Sie nicht mehr. Sie haben
Großes geleistet, wenn Sie uns den Severus zurückgegeben haben, wie er vor
Askaban war. Den kleinen Jungen, der vor langer, langer Zeit in ihm gestorben
ist, den bringen Sie nicht zurück. Der liegt da unten begraben, versteinert."
13.
November:
Ich bin Professor Dumbledore so dankbar für
seine Ratschläge von neulich! Er hatte Recht: Wenn ich die schrecklichen Themen
weglasse (über die wir ja wirklich genug geredet haben), dann können Severus
und ich wieder stundenlang die wunderbarsten Gespräche miteinander führen. Dass
wir das täglich tun, sieht man schon daran, wie lange ich keine Zeit mehr zum
Schreiben hatte. Dabei wäre jedes Wort, das wir wechseln, es wert, festgehalten
zu werden. Unsere Unterhaltungen sind manchmal voller Tiefgang, manchmal auch
einfach leicht und unbeschwert. Ich habe Severus in den letzten Tagen oft
lächeln, sogar lachen gesehen. Das ist eine noch schönere Belohnung für die
„Nachtigall", als Tränen in seinen Augen erblickt zu haben. Dieser Mann, der
nicht nur zuletzt so furchtbare Dinge erleben musste, nein, den auch vorher
schon alle Welt nur als verbissen und verschlossen kannte, lässt sich einfach
fallen, öffnet sich, vertraut - MIR!
Und
ich? Ich genieße jeden Augenblick, sauge seine Worte in mich auf, suche, das
gebe ich zu, jede seiner kleinen Berührungen, einfach seine Nähe. Ich bin zu
unerfahren, um diesem Zustand einen Namen geben zu können. Oder ist es
wirklich... was man „Liebe" nennt? Wenn sie sich nicht so anfühlt, wie dann? In
seiner Nähe ist es wie im Himmel, eine Steigerung ist nicht denkbar, also muss
es das wohl sein, und was immer es ist, ich will nur noch das und nichts
anderes. Ich könnte mein Leben und die Ewigkeit damit zubringen, mit ihm in
diesem Garten auf und ab zu gehen, unserem kleinen Paradies. Und keine Schlange
wird uns daraus vertreiben, nicht wahr, die Schlangen sind doch seine Freunde?
Immerhin ist er der Höchste von Slytherin.
Uns
macht es nichts aus, dass der Wind draußen eisig geworden ist und der Winter
naht. Severus ist viel stärker geworden, er hält das gut aus, und wir geben uns
gegenseitig genug Wärme. Unser Paradies ist zu jeder Jahreszeit schön. Immer,
für immer. Severus´ Haut ist weiß wie der Schnee, den man in der Luft schon
riechen kann. Seine Augen sind schwarz wie die Nacht, und es glitzert und
funkelt darin wie die Sterne am Winterhimmel. Sein Haar und sein Umhang
flattern im kalten Wind wie die schwarzen Segel eines Freibeuterschiffes im
Eismeer. Aber wenn seine schlanken Finger leicht und wie zufällig über mein
Gesicht streichen, ist ihre Berührung sanft und warm wie der Frühlingswind. Der
Duft seiner Haut ist wie die Blüten des Frühlings, wie die Hitze des Sommers,
wie die Melancholie des Herbstes und wie die Klarheit des Winters. Er
verspricht... alles. Mein Gott, wie schreibe ich denn heute? So kenne ich mich gar
nicht. Kann mir mal jemand sagen, was mit mir los ist? Werde ich neuerdings
poetisch, oder... was?
21.
November:
NEIN!!!
Hat
nicht jemand ein Stundenglas, damit ich die Zeit zurückdrehen kann? Nur um
einen Tag? Nur einen einzigen Tag zurück, bitte, das ist doch nicht viel, aber
für mich wäre es viel: der Weg aus der Hölle zurück ins Paradies.
Ich
muss mich zwingen, meine Gedanken zu ordnen und alles der Reihe nach
aufzuschreiben.
Heute
früh war die Welt noch in Ordnung. Was heißt „in Ordnung"? Wunderschön war sie!
Ich hatte Severus seine morgendliche Medizin gegeben und sein Bett gemacht, er
war nebenan und nahm ein Bad. Ich freute mich schon auf unseren Gartenrundgang.
Hinter der alten Eiche hatten wir ein Nest seltener Giftpilze entdeckt, und heute
wollten wir wieder nach ihnen sehen, und Severus wollte mir alles über ihre
Anwendung erzählen. Ich öffnete ein Fenster des Krankenflügels zum Lüften, sah
zu, wie sich der Morgennebel in unserem Garten langsam lichtete und war durch
und durch glücklich. Madam Pomfrey kam herein und lobte mich, sie sei mit
meiner Arbeit sehr zufrieden. Das tat mir natürlich auch sehr gut.
Dann
stand plötzlich Severus in der Tür zum Badezimmer, in einen langen Bademantel
gehüllt, unwiderstehlich, duftend und mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Ich
strahlte ihn an und erkundigte mich nach dem Grund seiner guten Laune. „Ich
habe mich gerade im Spiegel gesehen", antwortete er mit einem stolzen und etwas
frechen Grinsen, „und ich muss sagen, ihr zwei habt mich gut wieder hingekriegt.
Man sieht mir Askaban gar nicht mehr an, stimmt´s? Ich finde, ich sehe richtig
gut aus. Und so fühle ich mich aus. Stark und gesund und unternehmungslustig.
Es wird Zeit, dass ich den Krankenflügel verlasse."
Mir
muss in dem Moment alle Farbe aus dem Gesicht gewichen sein, wenn es so etwas
wirklich gibt. Der Schock traf mich wie ein Faustschlag, völlig unvorbereitet.
Natürlich, wenn ich jetzt darüber nachdenke, hätte ich darauf vorbereitet sein
müssen. Jeder Patient wird irgendwann entlassen. Aber er war doch nicht
irgendein Patient, er war Severus, mein Severus, ein Stück meines Lebens. Er
konnte doch nicht einfach gehen! Weiter konnte ich in diesem Augenblick nicht
denken. In meinem Kopf war nur noch Platz für den einen Gedanken: „Severus geht!"
Ich hatte ein paar Wochen lang in der Illusion gelebt, es würde immer so
weitergehen, ich könnte immer und ewig mit ihm in unserem kleinen Paradies
bleiben und die Welt draußen würde sich ohne uns weiterdrehen. Nein, er durfte
nicht gehen, er war doch krank und brauchte mich! Und ich... ich brauchte ihn
doch...
Ich
war unfähig zu sprechen. Zum Glück war Madam Pomfrey auch noch da, und wie es
ihre Art ist, war sie strikt dagegen, einen Patienten früher als geplant zu
entlassen. In ihrem üblichen strengen Tonfall sagte sie: „Professor Snape, Sie
bleiben! Die Entscheidung, wann Sie sich genug erholt haben, werden Sie mir
überlassen, und außerdem werden dann einige abschließende Untersuchungen nötig
sein." Ich war erleichtert und warf ihr einen dankbaren Blick zu. Wenn mich
auch vor wenigen Minuten brutal die Erkenntnis getroffen hatte, dass unser
glücklicher Zustand ständigen Beisammenseins nicht von Dauer war, dann wollte
ich sein Ende doch so weit wie möglich hinausschieben.
Doch
Severus sah die Sache anders. Ein wütender Blick aus seinen schwarzen Augen
traf Madam Pomfrey und machte gleich darauf einem überheblichen Grinsen Platz.
„Das werden wir ja sehen", sagte er
spöttisch, ging seelenruhig zu seinem Schrank und begann, seine wenigen
Sachen zusammenzupacken. Als er sein Bündel beisammen hatte, schritt er auf die
Ausgangstür zu und drückte energisch die Klinke herunter. Die Tür blieb zu.
Severus
fuhr herum und schaute Madam Pomfrey giftig an. „Tja", sagte sie mit einiger
Genugtuung, „manchmal ist eine kleine, alte Medihexe doch schneller als ein
schlauer Slytherin. Sie können rütteln, soviel Sie wollen, diese Tür bleibt
verschlossen, solange ich es für richtig halte." Tatsächlich hatte Severus
wütend an der Klinke zu rütteln begonnen, doch nun ließ er davon ab und fasste
sich wieder. „Meinen Sie wirklich?" fragte er verächtlich und durchquerte mit
langen Schritten den Krankenflügel. Mit einer lässigen Armbewegung wollte er
die Tür zum Garten aufstoßen - doch sie gab nicht nach. Als Severus feststellte,
dass auch diese Tür verschlossen war, malte sich pures Entsetzen auf seinem
Gesicht. Ruckartig drehte er sich um, und sein Blick fiel erst auf Madam
Pomfrey auf der anderen Seite des Raumes, dann auf mich, die ich neben der Tür
stand. Ja, ich hatte sie verriegelt. Meine Chefin nickte mir zufrieden zu, und
da begriff er. „Du, Pamina?" flüsterte er tonlos. Ich meinte: „Es ist nur zu
deinem Besten, Severus. Bitte tu, was Madam Pomfrey sagt! Du bist noch nicht
ganz gesund, du musst hier bleiben! Bitte!" Er sah mich flehend an und stieß
heiser hervor: „Gib mir den Schlüssel!" Ich schüttelte heftig den Kopf: „Es
gibt keinen Schlüssel. Die beiden Türschlösser sind magisch verriegelt, nur das
Personal kennt den Code." „Dann öffne mir!" verlangte er, „oder sag mir den
Code!" Wieder schüttelte ich energisch den Kopf.
Severus
sah mich mit einem unendlich langen Blick an, fassungslos, ungläubig,
enttäuscht. Er murmelte: „Ich dachte, du wärest meine Komplizin..." Dann wurde
seine Stimme lauter und aufgeregter, als er verbittert sagte: „Es war ein
Fehler, dir zu vertrauen, irgendwem zu vertrauen, es ist immer ein Fehler! Man
sollte grundsätzlich nur auf sich selbst vertrauen!" Er fing an, im
Krankenflügel auf und ab zu gehen, ja, zu rennen, zwischen den beiden Türen hin
und her. Immer hin und her, wie ein Raubtier im Käfig. Er drehte völlig durch.
Sinnlos immer hin und her, von einer Tür zur anderen, nur um immer wieder
festzustellen, dass sich keine von ihnen öffnete. Sein Umhang flatterte hinter
ihm her, sein Gesicht war verzerrt, seine Fäuste geballt. Madam Pomfrey und ich
standen erschrocken daneben und warfen uns ratlose Blicke zu. Sein Atem ging
keuchend und stoßweise, vor Anstrengung, wie ich zunächst annahm, doch als er
endlich stehen blieb, sah ich, was es war: Panik! Sie stand ihm deutlich ins
Gesicht geschrieben, flackerte in seinem Blick. Diesem beinahe irren,
verzweifelten Blick. Wie ein gehetztes Tier sah er aus, zitternd, schnaufend
und diese Augen... diese Augen... Nie habe ich solche Angst in den Augen eines
Menschen gesehen! Was war denn nur in ihn gefahren?
„Jetzt
weiß ich, was hier gespielt wird!" keuchte er, „hier ist Askaban! Askaban! Es
hat nie aufgehört, nie! Ihr seid wie Drywell! Ihr sperrt mich ein!" Ich war
schockiert, doch ich versuchte ihn zu beruhigen: „Severus! Wie kannst du so
etwas von uns denken? Wir wollen doch nur dein Bestes." Er trat näher zu mir,
sah mir direkt in die Augen und zischte: „Du willst nur mein Bestes? Komplizin?
Verräterin? Ich kann dir sagen, was du von mir willst: Du, Nachtigall, du
wolltest Tränen in meinen Augen sehen. Du wolltest deinen Lehrer endlich einmal
schwach sehen, genau wie Drywell junior. Du wolltest mich hilflos sehen, wie
der alte Drywell. Nur so erträgst du mich, du willst nicht, dass ich stark
werde. Lieber sperrst du mich ein!"
„Alohomora!" brüllte er die Tür an, doch nich