NIGHT AND DAY


     VON LORELEI LEE


     Feedbacks: Lorelei Lee





Kapitel 1 - 18 (ENDE)


Disclaimer:

Anmerkung: diese Story entstand vor Erscheinen von Band 5 und ist dadurch jetzt natürlich ziemlich AU…

 

 

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Disclaimer: Harry Potter und Co. gehören JKR, bzw. Warner. Ausser den Charakteren, die ich erfunden habe und dem Plot, gehört mir wie immer nix und ich bekomme auch kein Geld dafür.

 

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Kapitel 1

Memories are made of this

 

Es war ein Sonntag Abend im Herbst und die Hogwarts-Lehrer hatten sich ausserplanmässig im Lehrerzimmer versammelt. Das neue Schuljahr hatte schon seit einigen Wochen begonnen, doch dann hatte Professor Vektor eine dringende Eule erhalten und sie hatte bis auf Weiteres bei Professor Dumbledore Urlaub aus familiären Gründen beantragt und auch erhalten. Obwohl die Stelle sofort inseriert worden war, hatte sich lange Zeit niemand gefunden, der sich für einen Job mit ungewisser Dauer interessiert hätte. Daher hatten sich Professor Flitwick, Professor Snape und Professor McGonagall zähneknirschend die Vertretung für die Arithmantik-Stunden geteilt. Doch endlich hatte sich wohl eine geeignete Bewerberin gefunden und der Direktor hatte die Lehrerschaft gebeten, sich zu versammeln, damit er die neue Kollegin vorstellen konnte.

 

Snape, Lupin - der seit dem letzten Jahr wieder Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichtete - und Professor Sprout standen in einer Ecke beieinander und unterhielten sich gedämpft.

„Wie war der Name noch gleich?" fragte Sprout gerade.

Snape musterte gelangweilt die Decke, doch Lupin antwortete bereitwillig.

„Professor Lexington." Er wandte sich an Snape. „Severus, war in unserer Jahrgangsstufe nicht auch ein Mädchen mit diesem Namen? In Ravenclaw? Meinst du sie könnte es sein?"

„Wohl kaum", äusserte Snape desinteressiert.

„Nein, das glaube ich auch nicht" mischte sich Sprout ein. „Sie hat sich doch noch in ihrem letzten Jahr mit ihrem Klassenkameraden verlobt, mit diesem - na, wie hiess er noch... Waterford!" rief sie plötzlich aus und strahlte die beiden Männer an. „Und so, wie ich gehört habe, hat sie den dann auch geheiratet."

„Ach, ja, richtig", bestätigte Lupin. „Aber weißt du noch, wie die Lexington mit Vornamen hiess - es fällt mir im Moment nicht mehr ein..." Er sah Snape fragend an.

Doch Snape reagierte nicht, denn sein Blick war starr auf die Tür gerichtet, durch die in diesem Moment Dumbeldore in Begleitung einer aparten Frau eintrat. Sie trug einen dunkelblauen Umhang, hatte rotblondes Haar, das sie hochgesteckt trug und veilchenblaue Augen.

 

„So, meine Liebe. Treten Sie nur ein, damit ich sie mit Ihren zukünftigen Kollegen bekannt machen kann", sagte Dumbledore galant.

„Rozelda!" stiess Snape halblaut hervor. Es klang fast wie ein Fluch.

„Richtig, Rozelda..." erwiderte Lupin erleichtert, doch dann bemerkte er Snapes starren Blick und folgte ihm, bis zu der Frau in Dumbledores Begleitung. Als er sie auch erkannte, entfuhr ihm unwillkürlich ein leises „oh-oh".

 

„Ich darf Ihnen Professor Rozelda Lexington vorstellen, die sich glücklicherweise bereit erklärt hat uns aus unserer personellen Patsche zu helfen", stelle Dumbledore die neue Lehrerin freundlich lächelnd vor. Auch Rozelda lächelte, doch ihr Lächeln war automatisch und erreichte nicht ihre Augen.

„Einige von Ihnen erinnern sich vielleicht noch an Professor Lexington - sie hat damals auch ihren Abschluss hier in Hogwarts gemacht." Dumbledore machte eine kleine Handbewegung in die Ecke, in der Snape und Lupin standen. Rozeldas Blick folgte dieser Geste.

„Natürlich", bestätigte sie mit klarer Stimme. „Ich freue mich sehr, euch wiederzusehen. Remus, Severus." Sie nickte ihnen zu und ihr Lächeln vertiefte sich für einige Sekunden.

Snape spürte einen leichten Druck auf seinem Arm und bemerkte, dass Lupin ihm - von den anderen unbemerkt - wie zur Warnung oder um ihn zurück zu halten die Hand auf den Arm gelegt hatte und ihn mit einem seltsamen Ausdruck ansah.

Snape schüttelte die Finger ungehalten ab und sandte einen giftigen Blick in Lupins Richtung.

 

Rozelda macht mit Dumbledore die Runde durch das Lehrerkollegium, schüttelte jedem die Hand und wechselte einige Worte mit ihnen.

Als die Reihe an Snape, Lupin und Sprout kam, begrüsste sie Snape als Letzten.

„Hallo, Severus" sagte sie mit einem leichten Vibrieren in der Stimme. „Es ist lange her."

„Allerdings. Müsste es eigentlich nicht eher Professor Waterford heissen?" fragte er kalt.

Ein amüsiertes Glitzern liess Rozeldas veilchenblaue Augen kurz erstrahlen.

„Nein, das müsste es nicht. Ich habe meinen Mädchennamen wieder angenommen."

„Ihre Tochter wurde übrigens für Ravenclaw eingeteilt", warf Dumbledore an Rozelda gewandt ein. „Aber das war wohl zu erwarten, nicht wahr?" er schmunzelte.

„Allerdings", erwiderte Rozelda stolz. „Sie wird doch die 5. Klasse besuchen, Professor?" fragte sie Dumbledore und entfernte sich mit ihm von der kleinen Gruppe.

 

Snape verliess die Zusammenkunft fast augenblicklich, dicht gefolgt von Lupin. Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander durch die Gänge. An der Treppe, wo sich ihre Wege zwangsläufig trennen mussten, blieb Snape stehen und funkelte Lupin zornig an.

„Was sollte das vorhin eigentlich?" zischte er böse.

„Ich dachte, es wäre gut, dich von einer übereilten Reaktion zurückzuhalten", erwiderte Lupin ungerührt.

„Wie bitte?!" fragte Snape scharf.

„Mein Gott, Severus. Es war damals wirklich kein Geheimnis. Sogar die Luschen aus Hufflepuff wussten, dass du und Zelda...", doch weiter kam er nicht.

„Remus?" unterbrach ihn Snape nicht unfreundlich.

„Ja?"

„Krepier'!" knurrte Snape, drehte sich auf dem Absatz um und strebte mit wehender Robe seinen Räumlichkeiten zu.

„Auch dir eine gute Nacht", rief ihm Lupin heiter nach, dann ging er die Treppe hoch zu seinem eigenen Zimmer.

 

 

Lupin hatte vorgehabt, noch etwas zu lesen, bevor er zu Bett ging. Deshalb zog er sich den Sessel näher ans Feuer und holte ein Buch aus dem Regal. Doch kaum hatte er sich gesetzt, legte er das Buch wieder beiseite und starrte stattdessen nachdenklich in die züngelnden Flammen.

Dieses Jahr würde möglicherweise noch verrückter werden, als die letzten drei. Angefangen hatte alles damit, dass Sirius nach dem Trimagischen Turnier bei ihm auf der Matte gestanden hatte, um sich eine Zeit lang bei ihm zu verstecken. Es kam, wie es kommen musste, als Sirius nach drei Wochen wieder verschwand um einen Auftrag für Dumbledore auszuführen, hatten beide ihre Beziehung - die zwar seit ihrem gemeinsamen letzten Schuljahr bestanden hatte, jedoch über ein paar nervöse Küsse nicht hinausgegangen war und die durch Sirius Verhaftung ein jähes Ende genommen hatte - wieder aufgenommen und intensiviert. Ein zärtliches Lächeln huschte über Lupins Gesicht, wenn er an seinen Partner und Liebhaber dachte - wo er jetzt gerade wohl steckte? Sie hatten sich nie bemüht, ihre Liebe geheim zu halten, allerdings hatte Lupin mit Rücksicht auf seinen Beruf darauf bestanden, seine Sexualität nicht an die grosse Glocke zu hängen. Die meisten Lehrer wussten jedoch Bescheid und es schien sie nicht zu stören. Auch Severus nicht und das war das Unglaublichste an der ganzen Angelegenheit.

Seltsamerweise hatte etwas, das Lupin nachträglich als die grösste Fehleinschätzung seines Lebens verbuchte zu einem entspannteren Umgang zwischen dem Werwolf und dem Zaubertränkelehrer geführt.

Sirius hatte sich vorletzten Sommer - nur Lupin zuliebe - bereit erklärt ein Gespräch mit Severus zu führen. Lupin hatte sich davon eine endgültige Aussöhnung erhofft, doch geendet hatte es mit einer blutigen Lippe bei Severus und einem blauen Auge bei Sirius. Lupins Zorn hatte sich darauf hin über Sirius ergossen, dem er so interessante Titel wie ‚sturer Holzkopf' verliehen hatte. Anscheinend hatte dies entscheidend dazu beigetragen, dass Lupin im nächsten Schuljahr, als er wieder unterrichtete, von Severus zwar nicht freundlich aufgenommen wurde, aber dieser ihm immerhin ohne offensichtliche Abscheu oder Misstrauen entgegentrat.

Im Laufe der Monate hatte Lupin gelernt mit Severus umzugehen und sich nicht an seiner schroffen und zynischen Art zu stören. Nahezu unmerklich hatten diese beiden speziellen Charaktere - ein Werwolf und ein Todesser-Spion - eine Ebene gefunden auf der sie miteinander umgehen konnten.

Dennoch war es für die Schüler und einige der Lehrer ein nie versiegender Quell des Erstaunens, wenn sie beiden miteinander sprechen sahen. Höflich und gutgelaunt der Eine, sarkastisch und düster der Andere.

Lupin seufzte. Und nun war auch noch Rozelda aufgetaucht. Er würde in nächster Zeit den lieben Severus etwas genauer im Auge behalten. Man konnte nie voraussagen, wie ein Mann wie Severus Snape auf seine verflossene Liebe reagieren würde.

 

 

Kapitel 2

A little less conversation

 

Professor Lexington unterrichtete nun seit einer Woche und sie und ihre Tochter waren natürlich ‚das' Thema der Schule. Die Siebtklässler hatten an diesem Freitag Nachmittag zum Ersten Mal Unterricht bei ihr gehabt und Harry und Ron brannten auf Neuigkeiten von Hermine. Kaum hatte diese den Gemeinschaftsraum der Gryffindors betreten, stürzten die beiden Jungen auf sie zu und nötigten sie in den nächsten Sessel.

„Nun erzähl mal", forderte Harry sie auf. „Wie ist sie denn so?"

„Meinst du, die Haarfarbe ist echt? Justin schwört, dass er auch so eine Augenfarbe noch nie gesehen hat. Er meint sie trägt bestimmt Kontakterbsen", sprudelte Ron hervor.

„Kontaktlinsen, Ron", verbesserte Hermine automatisch. „Es heisst Kontaktlinsen."

Ron winkte ungeduldig ab „Wie auch immer."

Harry und Hermine grinsten sich an. Ron hatte immer noch einige Probleme mit Muggelausdrücken.

„Ach, nach der ersten Stunde kann man noch nicht viel über sie sagen, aber ich denke, sie hat das Fach im Griff. Ich hoffe nur, wir kommen mit dem ganzen Stoff für die Abschlussprüfungen durch." Hermine runzelte besorgt die Stirn und die beiden Jungen stöhnten verhalten.

„Hermine, manchmal machst du dir einfach zu viele Sorgen", sagte Harry. „Anstatt dass du dich freust, dass diese Vertretungsregelung endlich aufgehört hat und du wieder regulären Unterricht hast, machst du dir jetzt schon Gedanken über die Prüfungen."

„Eben", bestätigte Ron. „Du solltest lieber froh sein, dass du Snape in Arithmantik endlich los bist."

„So übel war er gar nicht", murmelte Hermine.

„Wie bitte?" riefen Ron und Harry gleichzeitig.

„Naja", gab Hermine widerstrebend zu. „Ich sag's ja auch nicht gern, aber ich finde man sollte ihm gegenüber auch mal ein bisschen fair sein. Er hat dieses Fach immerhin noch nie unterrichtet und ich bin mir sicher, dass er seit seinem Studium nicht mehr daran gedacht hat, aber in seinem Unterricht haben wir mehr gelernt als bei Flitwick."

„Fair?! Snape gegenüber?!" stiess Ron verblüfft hervor. „Hermine bist du krank?" er beäugte sie misstrauisch. „Wenn ja, dann bleib ja weg von mir. Daran will ich mich auf keinen Fall anstecken. Oder hängt es damit zusammen, dass du dieses Jahr Schulsprecherin geworden bist?" Er knuffte Harry in die Seite. „Sag' doch auch mal was."

„Ach, ich weiss auch nicht", erwiderte Harry verschlossen. „Snape wird sicher nie mein Lieblingslehrer, aber immerhin hat er mir schon ein paar Mal aus der Patsche geholfen..."

Darauf wusste keiner der beiden anderen etwas zu sagen und nach einer Weile nahm Harry den Faden wieder auf. „Aber ist euch schon aufgefallen, dass Snape die neue Lehrerin vollständig ignoriert?"

„Du hast es also auch gemerkt?" fragte Hermine erfreut. „Ich dachte schon, ich hätte mich vielleicht geirrt."

„Ignorieren?" fragte Ron verständnislos.

„Ja, natürlich. Wenn es sonst einen neuen Lehrer gab, hat Snape immer sehr deutlich gezeigt, was er von demjenigen hält. Meistens war es Verachtung", fügte Hermine nachdenklich hinzu.

„Genau, aber jetzt tut er so, als ob Professor Lexington überhaupt nicht da wäre. Das ist schon komisch, wenn man es sich genau überlegt", sagte Harry.

„Ach, übrigens, Harry, ich habe da noch etwas gehört, was dich als Quidditch-Kapitän vielleicht interessieren würde", bemerkte Ron.

„Ja, was denn?" fragte Harry neugierig.

„Es geht das Gerücht um, dass der Kapitän der Ravenclaws Professor Lexingtons Tochter in die Mannschaft aufgenommen hat."

„Hui." Harry pfiff leise durch die Zähne. „In welcher Position?"

„Jägerin, soviel ich weiss."

Hermine verdrehte die Augen - Quidditch! - damit war der Abend gelaufen.

 

++++

 

Ungefähr zur gleichen Zeit sass Snape in seinem Büro und korrigierte Aufsätze, als es an der Tür klopfte. Snape reagierte nicht darauf. Er war heute in keiner gesprächigen Stimmung. Die Erstklässler, die er heute unterrichtet hatte schlugen an Inkompetenz sogar noch Longbottom und das wollte etwas heissen.

Es klopfte wieder und dieses Mal sah er mit gerunzelter Stirn kurz auf. So penetrant konnte nur Lupin sein.

„Ich habe keine Lust mich mit dir zu unterhalten, Remus", rief er laut und korrigierte weiter. Dann hörte er, wie sich die Tür öffnete und knallte gereizt seine Feder auf den Tisch, dass die Tinte spritzte.

„Wie deutlich muss ich eigentlich noch..." Dann erkannte er seinen Fehler.

In seinem Büro stand nicht Lupin, sondern Rozelda.

„Guten Abend, Severus", begrüsste sie ihn ungezwungen.

Sein Blick verfinsterte sich.

„Ich habe keine Zeit", erwiderte er kühl und nahm seine Feder wieder auf.

„Übertriebene Empfindsamkeit könnte mich zu der Annahme verleiten, dass du mir aus dem Weg gehst", stellte sie leichthin fest. „Willst du mir keinen Platz anbieten?"

Ein finsterer Blick glitt über Rozelda hinweg, doch dann lenkte Snape plötzlich ein.

„Bitte." Er wies mit der Hand auf einen der Stühle und Rozelda setzte sich.

„Was willst du hier?" fragte er kalt.

Ein leicht überlegenes Lächeln huschte über ihre Lippen. „Diese Frage lässt sich auf vielerlei Weise interpretieren." Sie zählte an ihren Fingern ab. „Erstens: was machst du hier in England. Zweitens: was machst du hier in Hogwarts. Drittens: was machst du hier in meinem Büro."

Sie sah ihn abwartend an.

„In dieser Reihenfolge", knurrte er.

Rozelda lächelte verhalten.

„Ich dachte, es wäre an der Zeit, dass Rowena ihre eigentliche Heimat kennen lernt."

„Rowena", sagte Snape und musterte Rozelda abschätzend.

„Ja, meine Tochter", erklärte sie ruhig. „Du musst sie kennen, da sie bereits Unterricht bei dir hatte."

„Allerdings", bestätigte er knapp. Rowena war beim Zaubertrankunterricht der Hufflepuff/Ravenclaw Fünftklässler gewesen. Er hatte erwartet, dass sie Rozelda ähnlicher sehen würde, doch anstatt rotblonder Haare und blauer Augen hatte sie dunkle Augen und hellbraunes Haar und die einzige Ähnlichkeit mit ihrer Mutter bestand in ihrem Lächeln und in einem leichten Rotstich ihrer Haare.

„Und ich bin hier in Hogwarts, weil ich in den letzten Jahren nach Möglichkeit immer versucht habe eine Lehrerstelle an der Schule zu bekommen, die meine Tochter besucht. In den letzten Jahren waren wir übrigens in Beauxbatons."

„Gibt es auch noch einen Mr. Waterford oder darf ich deine Äusserung vom letzten Sonntag so verstehen, dass er klug genug war um dich zu einer jungen Witwe zu machen?" fragte er sarkastisch und beobachtete mit Genugtuung, wie sich die ersten Risse in Rozeldas Gelassenheit zeigten.

„Falls es dich interessiert - ich habe mich scheiden lassen", erläuterte sie widerwillig.

„Du hast dich scheiden lassen? Bist du dir sicher, dass es nicht eher umgekehrt war?" fragte er ölig.

„Oh, ja, da bin ich mir sicher!" entgegnete sie gereizt. „Ich habe vor fünf Jahren die Scheidung eingereicht, als ich herausgefunden habe, dass er versucht hat seine Impotenz in anderen Betten zu kurieren!"

„Ich könnte mir vorstellen, dass ihm bei einem Eisblock wie dir nichts anderes übrig blieb", unterstellte Snape mit einem boshaften Lächeln.

Rozeldas Lippen zitterten.

„Warum sagst du so etwas? Glaubst du denn, das war alles so einfach für mich?!"

„Was willst du von mir?" fragte er ungerührt.

„Du hast mir immer noch nicht verziehen, nicht wahr?" fragte sie leise und sah ihn wehmütig an.

Snape erwiderte eine Weile stumm ihren Blick, doch dann fixierte er das Bücherregal an der Wand hinter ihr.

Rozelda stand auf.

„Ich wollte nur, dass du weißt, dass du nicht der Einzige warst, der unter dieser Ehe gelitten hat."

Sie hielt den Kopf leicht gesenkt und verliess sein Büro ohne ein weiteres Wort.

Snape hatte sie aufhalten wollen, doch als er endlich die richtigen Worte gefunden hatte, war es schon zu spät und die Tür hatte sich hinter ihr geschlossen.

Einige Sekunden lang blieb er regungslos in seinem Stuhl sitzen, dann fegte er mit einer plötzlichen Armbewegung alle Utensilien von seinem Schreibtisch.

 

 

Kapitel 3

I could have danced all night

 

Die ganze Schule fieberte in freudiger Erregung dem letzten Freitag vor den Weihnachtsferien entgegen, denn Dumbledore hatte ihnen einen Weihnachtsball versprochen. Als der grosse Abend endlich angebrochen war, wurden Hermine und Ginny von Harry und Ron abgeholt und in den grossen Saal begleitet.

Hermine trug ein bordeauxrotes Kleid mit langen Ärmeln und einem knöchellangen, sanft schwingenden Rock. Ihre Haare hatte sie locker hochgesteckt und sie fragte sich zum wiederholten Mal warum sie sich eigentlich so hübsch gemacht hatte.

‚Wahrscheinlich habe ich mich von Ginnys Begeisterung anstecken lassen', dachte sie säuerlich. Sie hatte auch überhaupt keine Lust mit einem von den Jungs zu tanzen - die sahen in ihr doch nur den guten Kumpel, der ihnen mit den Hausaufgaben helfen sollte und nicht die junge Frau, die sich nach Beachtung sehnte. Trotzdem liess sie sich von ihnen und Ginny mitschleppen und heuchelte Bewunderung für die gelungene Dekoration des Saales.

 

 

Es gab ausser Hermine noch jemanden, dem der Sinn nicht nach einem Ball stand. Severus Snape stand etwas abseits der anderen Lehrer und überlegte sich im Stillen, wann er anstandshalber diese idiotische Veranstaltung verlassen konnte, ohne Anlass zu einer dummen Bemerkung seitens seiner lieben Kollegen zu geben. Für eine Weile schien alles nach Plan zu laufen, sogar Lupin hielt sich heute auf Distanz, als zu seiner Überraschung Rozelda mit einem lieblichen Lächeln auf den Lippen auf ihn zutrat.

 

„Ich glaube, ich schulde dir noch einen Tanz", flüsterte Rozelda ihm zu.

„Du schuldest mir gar nichts", entgegnete Snape kalt, ohne sie anzusehen.

„Gehen wir einen Moment nach draussen?" lockte sie zärtlich und ihre schmale Hand schob sich für einen Augenblick in seine und berührte leicht seine Handinnenfläche.

Er sah sie an und nickte unwillkürlich. Dann begleitete er sie in den nächtlichen Garten.

Sie legte einen einfachen Wärmezauber um beide, dann trotz des fehlenden Schnees war es nachts empfindlich kalt.

Wieder stahl sich ihre Hand in die seine und dieses Mal konnte er nicht anders. Er hielt sie fest.

„Warum hast du mich damals nicht wenigstens gewarnt?" fragte er.

„Ich weiss, das war sehr schlecht von mir", antwortete sie leise mit belegter Stimme. „Aber ich konnte es einfach nicht. Ich hätte es nicht ertragen, den Schmerz in deinem Gesicht zu sehen."

„Und deshalb hast du lieber gewartet, bis dieser Waterford auf unserem Schulabschlussball eure Verlobung bekannt gegeben hat", stiess er zornig hervor.

„Ich habe immer nur dich geliebt", bekannte sie und versuchte vergeblich ein Schluchzen zu unterdrücken.

„Trotzdem hast du Waterford geheiratet", entgegnete Snape ungerührt.

„Ich war doch noch so jung und meine Familie hätte nie zugelassen, dass ich mich mit jemand verbinde, der nicht in irgendeiner Beziehung zum Haus Ravenclaw steht. Und schon gar nicht mit jemand aus Slytherin. Was hätte ich denn tun sollen?" Sie zog ein Taschentuch hervor und betupfte ihre Augen.

„Ich wünschte, ich könnte dir glauben", sagte Snape bitter und ging allein in den Ballsaal zurück.

 

Dort angelangt, war sein sehnlichster Wunsch, diese Veranstaltung so schnell wie möglich zu verlassen, doch schon nach wenigen Schritten vertrat ihm Lupin den Weg zum Ausgang.

„Wo willst du hin?" fragte Lupin.

„Raus", erwiderte Snape knapp.

„Oh, nein, das wirst du nicht tun", stellte Lupin gelassen fest und drückte ihm ein Glas in die Hand. „Ich habe dir etwas zu trinken besorgt. Ich dachte, du könntest es brauchen."

„Lass' mich in Ruhe und geh' mir aus dem Weg!"

„Nein, das werde ich nicht tun", äusserte Lupin bestimmt. „Es hat gereicht, dass du dich auf unserem Abschlussball wegen Rozelda komplett zum Narren gemacht hast. Und solange ich hier bin, werde ich nicht zulassen, dass so etwas zum Zweiten Mal passiert. Und jetzt trink' endlich."

Snape starrte Lupin wortlos an, doch dann trank er das Glas in einem Zug aus. Dem angenehmen Brennen nach, das sich in seinem Körper ausbreitete, war es wohl Whiskey gewesen.

Lupin nippte lediglich an seinem Drink. „Du solltest sie vergessen", äusserte er leichthin. „Sie spielt nur mit dir."

„Woher willst du das wissen?" fragte Snape rau.

„Ich habe selbst schon ein paar Mal mit Männern gespielt - ich weiss, wie so etwas aussieht und wie es funktioniert", entgegnete Lupin trocken. „Du solltest nicht mehr an sie denken und dich stattdessen einmal in deinem Leben ein bisschen amüsieren. Dies ist ein Weihnachtsball, Severus - keine Beerdigung."

„Den Teufel werde ich tun", knurrte Snape, drückte Lupin sein leeres Glas in die Hand und ging weiter in Richtung Ausgang.

 

 

„Also, was ist jetzt, Hermine - tanzt du jetzt mit uns?" fragte Harry bereits zum x-ten Mal an diesem Abend.

„Nein, ich habe euch schon hundert Mal erklärt, dass ich keine Lust habe", gab Hermine ärgerlich zurück.

„Ja, schon", gab Ron grinsend zurück. „Aber deshalb müssen wir das noch lange nicht glauben.

„Ginny hat schliesslich auch schon mit uns getanzt", versetzte Harry.

„Könnt ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen", stöhnte Hermine.

„In Ruhe lassen? Beim Weihnachtsball? Das ist ein bisschen zuviel verlangt", stellte Ron unbarmherzig fest.

Harry stupste Ron in den Oberarm. „Pst, Ron, vielleicht kann sie gar nicht tanzen."

„Natürlich kann ich tanzen", explodierte Hermine. „Und ihr wisst das auch genau. Wir waren schliesslich in derselben Tanzstunde."

„Ja", grinste Ron. „Und mir tun die Füsse immer noch weh. Aber, Harry, vielleicht liegt es auch daran, dass in der ‚Geschichte Hogwarts' steht, dass Schulsprecher nicht tanzen dürfen."

„Das ist doch alles Quatsch!" rief Hermine empört. „Ich kann tanzen, ich darf tanzen und ich werde tanzen - aber nicht mit euch!"

„Mit wem denn dann?" fragte Harry hinterhältig.

„Von mir aus mit dem Erstbesten, der mir über den Weg läuft!"

„Wetten, dass nicht?" stichelte Ron.

„Wetten, dass doch!" fauchte Hermine und drehte sich auf dem Absatz um und wäre beinahe in Snape hineingerannt, der gerade dem Ausgang zustrebte. Beide blieben abrupt nur wenige Zentimeter voneinander entfernt stehen.

 

Snape starrte düster auf sie hinunter und Hermine fing schon an sich zu entschuldigen.

„Oh, Verzeihung, Sir, ich..." dann hörte sie unterdrücktes Gekicher hinter ihrem Rücken und sie drehte sich irritiert zu Ron und Harry um, die beide ein breites Grinsen nicht unterdrücken konnten.

Panik stieg in Hermine auf. Sie hatte gerade gewettet, dass sie mit dem Erstbesten... Oh Gott! Ausgerechnet Snape!

„Das gilt nicht", zischte sie panisch den beiden Jungen zu.

„Oh, doch", flüsterte Harry zurück. „Das gilt."

Snape hatte diesen kurzen Austausch beobachtet und vermutete, dass dieses infame Trio wieder etwas ausgebrütet hatte. Hatte Lupin ihm nicht geraten, sich auf diesem Ball zu amüsieren? Immerhin hatte er ihm nicht vorgeschrieben, wie dieses Amüsement auszusehen hatte und im Moment hätte er es äusserst amüsant gefunden diesen drei Unruhestiftern Strafarbeiten aufzubrummen. Er wartete deshalb ab, was wohl dahinter stecken mochte.

Als sich Hermine ihm wieder zuwandte hob er deshalb lediglich eine Augenbraue. Es überraschte ihn, dass sie aufgeregt, aber entschlossen zu sein schien.

„Professor Snape, Sir..." sie räusperte sich nervös. „Tanzen Sie?"

Seine Mundwinkel zuckten unmerklich.

„Nein, im Moment stehe ich hier und versuche zu ergründen, was Sie eigentlich von mir wollen, Miss Granger", sagte er mit einem Hauch von Ungeduld in seiner Stimme.

Hermine biss sich nervös auf die Unterlippe. Hatte Snape gerade einen Scherz gemacht, oder litt sie schon an einem Adreanlin-Schock? Doch so leicht würde sie nicht aufgeben! Sie nahm all ihren Mut zusammen und sprach ihn erneut an.

„W-würden Sie mit mir tanzen, Professor?"

Snape musterte sie mit Interesse.

„Eine Mutprobe, Miss Granger?" flüsterte er so leise, dass nur Hermine es hören konnte.

Sie wurde rot bis unter die Haarspitzen.

„So etwas Ähnliches", flüsterte sie genauso leise und etwas atemlos zurück. „Tanzen Sie jetzt mit mir, bitte!" wisperte sie mit flehentlich aufgerissenen Augen. Sie konnte förmlich spüren, wie Ron und Harry hinter ihrem Rücken vor Schadenfreude fast platzten.

Einen Augenblick war Snape im Zweifel, ob er hier das Ziel eines derben Scherzes oder doch der Retter für eine Jungfrau in Nöten war. Er kam zu dem Schluss, dass diese Überlegungen eigentlich unrelevant waren. Wenn es ein Scherz sein sollte, dann würde er im Endeffekt als Lehrer immer noch am längeren Hebel sitzen und als er in diesem Moment aus den Augenwinkeln heraus wahrnahm, dass Rozelda gerade wieder den Saal betreten hatte, fällte er eine Entscheidung.

„Es ist mir eine Ehre", sagte er kühl, aber nicht unfreundlich zu Hermine, die einen Moment brauchte um sich von dem Schock zu erholen. Doch als sie in seinem Gesicht nur milden Spott las, gab sie sich einen Ruck und legte ihre Hand in seine.

 

Die Kapelle spielte einen langsamen Walzer und Hermine fühlte Snapes Hand auf ihrem Rücken während seine Finger ihre Hand umschlossen. Automatisch legte sie ihre linke Hand leicht auf seine Schulter und ihr Adrenalin-Schock erreichte seinen Höhepunkt.

‚Was tue ich hier eigentlich?' fragte sie sich fast schon verzweifelt. ‚Und das alles nur, weil ich vor den Jungs keinen Rückzieher machen wollte' dachte sie bitter. Ihre Nervosität nahm von Sekunde zu Sekunde zu, doch als nichts weiter geschah, sondern Snape einfach nur schweigend mit ihr tanzte, legte sich ihre Panik wieder genug, damit sie überrascht feststellen konnte, dass Snape ausgezeichnet tanzte.

„Wenn es keine Mutprobe war, dann muss es eine Wette gewesen sein", äusserte Snape unvermittelt und Hermines Herz setzte für ein paar Schläge aus.

„Haben Sie gewonnen oder verloren, Miss Granger?"

„Gewonnen", antwortete Hermine einsilbig, da eine ungewohnte Schüchternheit ihre Zunge lähmte.

„So schweigsam heute, Miss Granger?"

Vorsichtig schielte Hermine zu ihm empor. Neckte er sie etwa?

„Es ist höflich, sich während des Tanzes ein wenig zu unterhalten, Miss Granger."

Hermine wurde wieder rot. Das war einfach zu viel für einen Abend. Nahm der Tanz denn kein Ende? ‚Also gut', feuerte sie sich selbst an, ‚sag' was - irgendetwas'.

„Ich hatte keine Ahnung, dass Sie so gut tanz..." Sie biss sich entsetzt auf die Unterlippe. ‚Oh Gott, was rede ich da eigentlich?'. Sie versuchte es erneut. „Ich meine, ich habe Sie noch nie tanz..." Ihre Stimme erstarb. ‚Okay, das war's. Jetzt hält er mich zu Recht für eine komplette Idiotin'.

„Die Tatsache, dass Sie mich gewisse Dinge nie tun sehen, heisst nicht, dass ich sie nicht beherrsche", antwortete Snape erstaunlich gelassen. Hermine starrte ihn mit weitaufgerissenen Augen an. Kein Hohn, kein Spott? Die Frage ‚Wer sind Sie und was haben Sie mit Professor Snape gemacht?' drängte sich ihr auf, doch sie hielt sicherheitshalber den Mund.

„Und Sie würden auch wesentlich besser tanzen, wenn Sie aufhören würden, wie ein erschrecktes Kaninchen in die Gegend zu starren", ergänzte Snape mit leichtem Sarkasmus.

„Das Kaninchen vor der Schlange", platzte Hermine heraus und konnte ein Kichern nicht unterdrücken.

„Miss Granger, Sie haben ja Humor", spöttelte Snape leise, doch Hermines Spannung hatte sich endlich gelöst und sie lächelte ihn vorsichtig an.

Snape sah vielleicht einen Moment zu lang in ihre leuchtenden Augen, denn auch über seine Lippen huschte die Andeutung eines Lächelns.

 

Lupin beobachtete den Zaubertränkelehrer und seine Tanzpartnerin mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

„Ich glaube das einfach nicht!" rief eine weibliche Stimme dicht an seinem Ohr und eine kräftige Hand packte Lupin fast schmerzhaft am Arm.

Lupin drehte den Kopf zur Seite und grinste, als er Madam Hooch erkannte.

„Ist das da wirklich Snape?!" Hooch war völlig entgeistert.

„Ja, es hat ganz den Anschein", antwortete Lupin gutgelaunt. „Aber würdest du bitte aufhören, mir den Arm zu zerquetschen? Danke."

„Was um alles in der Welt tut er da?"

„Er amüsiert sich, würde ich sagen", erwiderte Lupin trocken und setzte in Gedanken ein ‚Endlich' hinzu.

„Ich denke, ich werde heute Abend auch noch ein Tänzchen mit ihm wagen", hauchte Professor Trelawney ätherisch, die sich zu ihnen gesellt hatte.

Hooch warf ihr einen finsteren Blick zu. „Hinten anstellen, Schwester", knurrte sie entschlossen.

„Wenn Sie solange mit mir vorlieb nehmen wollen, Sibyll", äusserte Lupin gottergeben und machte eine leichte Verbeugung in Trelawneys Richtung.

 

Der Abstand zwischen Hermine und Snape, der zu Anfang reichlich bemessen gewesen war, hatte sich unmerklich verringert, ohne dass es einem von ihnen bewusst geworden wäre. Erst als sich ihre Körper leicht berührten, erkannte Hermine, wie nahe sie ihm war und dass es sie erstaunlicherweise nicht mehr störte. Ihr Herz begann gerade ein ganz klein wenig schneller zu schlagen, als der Tanz vorbei war.

„Soll ich Sie zu Ihren Freunden zurückbringen, Miss Granger?"

„Nein, danke. Ich fürchte, das wäre zuviel des Guten. Ich möchte die beiden ungern überfordern", erwiderte sie forsch.

Snapes Mundwinkel zuckten leicht und er sah ihr noch eine Weile nach, wie sie sich ihren Weg zurück zu Ron und Harry bahnte, die sie beide mit offenem Mund anstarrten. Doch dann stand Madam Hooch mit kriegerisch funkelnden Augen vor ihm.

„Okay, Severus, nachdem du mich über fünf Jahre hingehalten hast, gehört der nächste Tanz mir."

Snape unterdrückte ein Stöhnen. Hätte er nur nie auf Lupins Ratschlag gehört!

 

 

Kapitel 4

Come together

 

Am Morgen nach dem Ball stieg Snape allein auf den Astronomieturm um etwas frische Luft zu schnappen, solange in Hogwarts alles wegen der in die Weihnachtsferien abreisenden Schüler Kopf stand.

Er hatte nicht sehr viel geschlafen in der letzten Nacht und die kalte Luft erfrischte ihn. Er beobachtete die dunstigen Wolkenschleier am Himmel und fragte sich müssig, ob es wohl schneien würde, als er Schritte auf der Treppe hörte und sich kurz darauf Rozelda zu ihm gesellte.

„Man könnte glauben, du verfolgst mich", sagte Snape und musterte sie distanziert.

Rozelda bemühte sich um heitere Unbekümmertheit, doch ihre Augenlider flatterten leicht.

„Es bleibt mir ja fast nichts anderes übrig, Severus."

Er machte Anstalten, den Turm zu verlassen, doch ihre Stimme hielt ihn zurück.

„Severus, bitte... lass' mich dir doch erklären..."

Er drehte sich zu ihr um, wollte nur noch einen kurzen Blick auf sie werfen, bevor er zurück in seine Räume ging, doch ihre faszinierenden veilchenblauen Augen hielten ihn zurück.

„Also gut, was hast du mir zu sagen?"

„Du hast mir gefehlt..."

„Es lag allein in deiner Hand - aber du hast dich für Waterford entschieden", versetzte Snape kalt.

„Aber das habe ich doch schon gestern versucht zu erklären", sie blickte ihn flehentlich an. „Meine Familie hat dieses Band geknüpft - wie hätte ich mich gegen sie alle durchsetzen sollen? Ich hatte gehofft, ich könnte dich vergessen, doch das konnte ich nicht."

Snapes Augen verengten sich.

„Nein, das konntest du wohl nicht - oder warum wärst du sonst in jener Nacht zu mir gekommen?"

„Severus", protestierte sie schwach.

„In jener Nacht hast du das Bett mit mir geteilt, doch als ich am nächsten Morgen aufwachte, warst du schon weg und im Begriff Mrs. Waterford zu werden. Eine unbedeutende Tatsache, die du offensichtlich vergessen hattest mir vorher mitzuteilen, denn ich habe es erst eine volle Woche später durch Zufall erfahren!"

Tränen schimmerten in Rozeldas Augen, doch Snape war noch nicht fertig.

„Und wenn wir gerade dabei sind: ich habe wohl gemerkt, dass du damals schon keine Jungfrau mehr warst", entgegnete er scharf.

Rozelda atmete tief durch.

„Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mit Waterford geschlafen und es war jämmerlich", antwortete sie bitter.

„Und deshalb bist du zu mir gekommen? Um noch eine schöne Erinnerung zu haben?" fragte Snape höhnisch.

„Nein, ich bin zu dir gekommen, weil ich nicht mehr zurück wollte - aber ich bin mitten in der Nacht aufgewacht und da hat mich der Mut verlassen... und ausserdem, Severus", ihre Stimme sank zu einem Flüstern herab, „Warst du damals schon ein Todesser... eine Frau und eine Familie hätten dich nur unnötig gefährdet..." Ihre Stimme bebte. „Es hätte dich verletzbar... erpressbar gemacht... und das wollte ich am Allerwenigsten. Deshalb bin ich in jener Nacht gegangen und habe am nächsten Morgen Waterford geheiratet."

Als sie aufgehört hatte zu sprechen, wurde es auf dem Turm sehr still.

„Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden, aber manchmal braucht man etwas mehr als nur Zeit", sagte Snape nach einer Weile und sah sie lange an. „Gehen wir wieder nach unten?" fragte er ruhig und Rozelda nickte dankbar.

 

++++

 

Eine Woche später kam Snape auf einem seiner routinemässigen Kontrollgänge an der Bibliothek vorbei. Es war Samstag und die Schule war wie ausgestorben, da die wenigen Schüler, die ihre Ferien hier verbrachten, entweder draussen im Schnee herumtobten oder Hogsmeade unsicher machten.

Umso mehr erstaunte es ihn, dass er das Rascheln von Papier und Pergamentrollen vernahm. Er warf einen Blick durch die offene Tür und sah Hermine allein an einem der Tische sitzen. Er hatte Hermine seit dem Ball nicht mehr gesehen und etwas in ihrer Haltung weckte sein Interesse. Er hatte nichts Besonderes vor und beschloss deshalb ein paar Worte mit ihr zu wechseln.

Hermine war so vertieft in ihre Studien, dass sie ihn erst bemerkte, als er sie ansprach.

„So allein heute, Miss Granger?"

Hermine zuckte leicht zusammen und hob ruckartig den Kopf, doch als sie ihn erkannte, beruhigte sie sich wieder.

„Ja, Ron und Harry sind nach Hogsmeade gegangen", antwortete sie ruhig und wunderte sich selbst, warum sie nicht viel nervöser war. Immerhin sprach sie gerade mit Snape, dem Schrecken aller Schüler - obwohl sie ihn schon seit einer Weile nicht mehr so nannte, wenn sie an ihn dachte. Und sie dachte seit dem Ball etwas öfter an ihn als dies früher der Fall gewesen war.

„Warum sitzen Sie dann hier und lernen? Sogar Sie haben Ferien, Miss Granger."

Sie beschloss, den leisen Spott in seiner Stimme zu ignorieren.

„Oh, das sind keine Hausaufgaben, Professor. Ich bereite mich auf die Sitzung der Schulsprecher mit den Vertrauensschülern vor", gab sie bereitwillig Auskunft.

„Nehmen Sie das nicht alles ein wenig zu ernst?" fragte Snape mit einem forschenden Ausdruck in seinen Augen.

„Es ist für mich eine grosse Ehre, zur Schulsprecherin ernannt worden zu sein. Und deshalb nehme ich dieses Amt auch sehr ernst. Wenn das falsch sein sollte, dann ist es eben falsch", antwortete Hermine bestimmt und wunderte sich, woher sie eigentlich den Mut nahm, so mit Snape zu sprechen.

Snapes Mundwinkel zuckten kaum merklich.

„Ich glaube, eher friert die Hölle zu, als dass Sie einmal etwas falsch machen würden, Miss Granger."

Mit diesen Worten verliess er die Bibliothek wieder und Hermine sah ihm mit offenem Mund nach.

Hatte sie sich das nur eingebildet, oder hatte Snape tatsächlich schon wieder einen Scherz gemacht? Was immer es war - er hatte sich definitiv verändert und der neue Snape gefiel ihr ausnehmend gut.

 

+++

 

Nachdem die Schule nach den Winterferien wieder angefangen hatte, fieberten die meisten der Schüler und der Lehrer dem nächsten Quidditch-Spiel zwischen Ravenclaw und Gryffindor entgegen. Beim ersten Spiel von Ravenclaw gegen Hufflepuff war Rowena Lexington noch nicht eingesetzt worden, doch dieses Mal sollte sie als Jägerin ihre erste Chance bekommen. Da noch niemand sie auf einem Besen gesehen hatte , war sie eine unbekannte Grösse, die Harry in seiner Eigenschaft als Mannschaftskapitän nicht geringes Kopfzerbrechen bereitete. Auch ausserhalb des Spielfeldes dachte er oft an die selbstbewusste Fünfzehnjährige. Er hatte auf dem Ball einige Male mit ihr getanzt und er wechselte oft ein paar Worte mit ihr, wenn sie sich zufällig trafen. Harry musste sich selbst eingestehen, dass er an der fröhlichen und schlagfertigen Ravenclaw Gefallen gefunden hatte. Trotzdem bereitete es ihm keine Schwierigkeiten, seinen Treibern und seinem Hüter vor dem Spiel die Anweisung zu geben, sie notfalls vom Besen zu hauen, wenn es denn sein musste.

 

Es war Anfang Februar und der Boden war zwar schneefrei, aber hartgefroren. Die Sonne schien, doch die Luft war immer noch eisig und Lupin, der neben Dumbledore sass, war froh, dass er seinen alten Gryffindor-Schal wieder gefunden hatte. Der letzte Vollmond steckte ihm noch in den Knochen, er fror erbärmlich und die Tatsache, dass einige Sitzreihen vor ihm Rozelda sich direkt neben Severus platziert hatte, trug nicht gerade dazu bei seine Laune zu heben. Er wusste nicht wieso, aber er konnte diese Frau einfach nicht ausstehen. Und um alles noch zu verschlimmern, schien Severus sie seit Neuestem mit mehr Rücksicht zu behandeln. Offensichtlich schien Severus eine Wiederauflage ihrer Beziehung nicht mehr so kategorisch abzulehnen wie noch vor wenigen Wochen.

 

„Severus, wer ist eigentlich dieser Junge?" fragte Rozelda, als die Gryffindor-Mannschaft das Spielfeld betrat und zeigte dabei auf Harry.

„Du weißt nicht wer das ist?" fragte Snape mild überrascht zurück.

„Nein, ich habe ihn noch nie in meinem Unterricht gesehen. Er hat wahrscheinlich andere Fächer belegt."

„Das ist Harry Potter, Rozelda. Der berühmte Harry Potter", antwortete Snape spöttisch.

„Ein Gryffindor...", sagte Rozelda nachdenklich. „Er hat auf dem Ball ein paar Mal mit Rowena getanzt und ich habe sie seither auch einige Male zusammen gesehen."

„Sicher bringt deine Tochter nur ihre Heldenverehrung zum Ausdruck", erwiderte Snape gelangweilt.

„Ich möchte nicht, dass sie sich weiterhin mit ihm trifft", sagte Rozelda bestimmt. „Rede du mit diesem Potter, dass er die Finger von meiner Tochter lassen soll", verlangte sie von Snape.

Snape reagierte äusserst unwirsch.

„Was habe ich denn damit zu tun? Solltest du vergessen haben, dass Minerva seine Hauslehrerin ist und ich überhaupt nichts mit dem Jungen zu tun habe?"

„Nein, das habe ich nicht vergessen. Aber nach allem, was ich so gehört habe, scheinst du der einzige Lehrer - ausser Dumbledore - zu sein, dem er etwas Respekt entgegenbringt. Alle anderen Lehrer sind ja viel zu begeistert von ihm, um ihm einmal eine Rüge zu erteilen", behauptete Rozelda stur.

So ungern Snape das auch zugab, Rozeldas Sicht der Dinge schmeichelte ihm - dennoch spürte er kein gesteigertes Verlangen sich zwischen zwei hormonbeladene Teenager zu stellen, die ihn nichts angingen.

„Warum stört dich das überhaupt?" fragte er ungnädig. „Dutzende von Müttern wären begeistert über Mr. Potter als potenziellen Schwiegersohn. Oder hängt es vielleicht wieder mal mit deiner standesbewussten Familie zusammen?"

„Wie bitte?"

„Wessen Idee war es eigentlich, deine Tochter ausgerechnet Rowena zu nennen?" seine Stimme hatte einen leicht giftigen Ton angenommen und Rozelda ging in Verteidigungsstellung.

„Immerhin war meine Urgrossmutter eine geborene Ravenclaw - eine Tatsache auf die ich und Rowena mit Recht stolz sein können. Das hat mit einem Standesdünkel, wie du ihn mir hier unterstellst überhaupt nichts zu tun! Ich will auch nur nicht, dass meine Tochter jetzt schon mit Jungs anfängt. Sie ist immerhin erst fünfzehn!"

Snape sagte daraufhin nichts mehr und das restliche Spiel herrschte ein ungemütliches Schweigen zwischen den beiden Lehrern.

 

Lupin achtete zu Anfang des Spieles hauptsächlich auf Harry um Sirius im nächsten Brief alles über seinen Patensohn berichten zu können, doch als Rowena ein Tor nach dem anderen schoss, richtete sich seine Aufmerksamkeit auf die neue Jägerin der Ravenclaws. Er beobachtete sie fasziniert, bis ihm bei einem ihrer Flugmanöver ein ziemlich dummer Gedanke kam.

„Eine begabte Fliegerin, nicht wahr?" hörte er Dumbledore fragen.

„Ja", gab Lupin zögernd zu. „Aber ihr Flugstil kommt mir so bekannt vor... ich habe zwar Rozelda nie fliegen sehen, aber hat Waterford nicht eine Zeit lang Quidditch gespielt?"

„Nein, nie", antwortete Dumbledore mit einem amüsierten Funkeln in den Augen.

„Ja, aber dann..." Lupins Stimme erstarb und sein Blick glitt wie unter Zwang zu dem Platz auf dem Severus sass. „Das kann doch nicht sein!"

„Ich sehe, Ihre Gedanken gehen in die gleiche Richtung wie meine", entgegnete Dumbledore.

 

 

Gryffindor gewann das Spiel knapp. Sie hatten am Ende nur 10 Punkte Vorsprung vor Ravenclaw. Harry hegte keinerlei Zweifel darüber, dass sie das Spiel - hauptsächlich wegen Rowena - sicher verloren hätten, wenn er den Schnatz nur eine Minute später gefangen hätte. Er gratulierte ihr zu ihrer aussergewöhnlichen Leistung und fand es sehr anziehend, dass sie zwar über das Lob errötete, doch seinen Blick offen erwiderte.

 

++++

 

Am nächsten Tag kündigte Snape zum Ende seines Unterrichtes an, dass er auch dieses Jahr wieder einen vierwöchigen Intensivkurs für die Abschlussjahrgänge abhalten würde.

„Wenn Sie Interesse daran haben, oder über ein Studium der Zaubertränke nachdenken, wird Ihnen dieser Kurs von Nutzen sein. Eine Liste in die Sie sich eintragen können, hängt in der Eingangshalle. Es werden allerdings nur 10 Schüler daran teilnehmen können. Sollten sich mehr Interessenten melden, werde ich eine Auswahl treffen", erläuterte er den Siebtklässlern aus Gryffindor und Slytherin. Fast gleichzeitig klingelte es zum Ende der Stunde und die Schüler erhoben sich und strebten dem Ausgang zu.

„Miss Granger", rief Snape über den Lärm der aufbrechenden Schüler hinweg. „Sie bleiben noch einen Moment." Er setzte sich wieder an seinen Pult und machte sich einige Notizen. Erst als der letzte Schüler gegangen war, wandte er sich an Hermine, die äusserlich ruhig vor ihm stand.

„Ich vermute, Sie werden sich auch für den Kurs anmelden, Miss Granger."

„Ja, das habe ich allerdings vor", antwortete sie ungezwungen.

Er musterte sie einen Moment, dann nickte er.

„Sie sind sehr begabt und werden zweifellos eine Bereicherung für diesen Kurs sein."

‚Begabt?' Hermine glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. War sie plötzlich gestorben und in den Himmel gekommen oder hatte Snape ihr gerade ein Kompliment gemacht? Sie entschied sich für das Letztere.

„Danke, Sir", sagte sie deshalb erfreut.

„Ich sagte begabt, Miss Granger", dämpfte er ihre Begeisterung. „Begabt, nicht brilliant."

„Ja, natürlich, Sir", antwortete Hermine spitz. „Ich hatte vergessen, dass ich für Sie nur eine unerträgliche Besserwisserin bin." Ihr war plötzlich wieder eingefallen, wie er sie in ihrem dritten Schuljahr vor der ganzen Klasse genannt hatte. „Kann ich jetzt gehen?"

Snape musterte sie mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck.

„Nein, setzen Sie sich noch für einen Moment", sagte er dann und wies auf einen Platz in der ersten Bankreihe.

Hermine gehorchte und wartete mit einer Mischung aus Gewissensbissen, Trotz und Neugier auf seine nächste Äusserung.

„Ich weiss, dass die Schüler mich für hart und ungerecht halten. Aber das Leben ist hart und ungerecht. Sie stimmen mir sicher zu, dass in einer gerechten Welt Mr. Potter nicht ohne Eltern hätte aufwachsen müssen..." Er hielt einen Moment inne. „Ich muss Prioritäten setzen und der beliebteste Lehrer Hogwarts zu werden rangiert dabei ganz unten auf der Liste."

Snape wusste selbst nicht genau, warum er Hermine das alles sagte. Er wollte sich ganz sicher nicht bei ihr entschuldigen, aber warum war es plötzlich so wichtig, dass sie ihn verstand?

„Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel geben, Miss Granger. Wie würden Sie reagieren, wenn Sie einen Tag vor der Abschlussprüfung feststellen würden, dass Sie vergessen haben sich auf eines der Fächer vorzubereiten und in diesem Moment Mr. Potter und Mr. Weasley nichts Wichtigeres zu tun hätten, als mit Ihnen die letzten Schiedsrichterentscheidungen beim Quidditch zu besprechen?"

„Ich würde sie zum Teufel..." antwortete Hermine spontan und biss sich dann auf die Unterlippe, bevor sie den Satz beendete. Sie sah ihren Lehrer an und sie hatte das Gefühl, also ob sich irgendwo eine Tür einen winzigen Spaltbreit geöffnet hatte. „Ich würde sie zum Teufel schicken", erklärte sie mit Nachdruck und stand dann auf. „Danke, Herr Professor. Ich denke, ich verstehe jetzt."

 

 

Kapitel 5

I wanna be loved by you

 

In den folgenden Tagen fühlte Snape immer öfter Hermines ruhigen, klugen Blick auf sich ruhen und es war ihm seltsamerweise nicht im mindesten unangenehm. Er schätzte ihre Intelligenz und er begrüsste ihre ruhige Art und ihre zunehmende intellektuelle Reife, die sie zu einer ausgezeichneten Schülersprecherin machten.

 

Da sein Leben seit einiger Zeit - auch dank Rozelda - etwas strapaziös geworden war, versuchte er, sich zusätzlichen Ärger - wenn möglich - vom Hals zu halten. Er brauchte einen klaren Kopf um sich über seine Gefühle für Rozelda klar zu werden. Zu lange war er es gewöhnt gewesen sie für das, was sie ihm einst angetan hatte, zu verachten. Doch jetzt, nachdem er ihre Seite der Geschichte kannte, wusste er nicht, wie er sich verhalten sollte. Ein Teil von ihm tendierte zu Lupins Sicht der Dinge, doch ein anderer Teil sehnte sich danach, ihr Glauben zu schenken.

 

Daher bestand eine seiner Massnahmen um unnötigen Ärger zu vermeiden darin, dass er Longbottom in seinem Unterricht einfach ignorierte um seine eigenen Nerven zu schonen.

Dies führte einerseits dazu, dass Hermine dem armen Neville besser helfen konnte und Neville im Unterricht nicht mehr so nervös war. Snape bemerkte dies nach einiger Zeit und ärgerte sich, dass er nicht schon früher auf diese Idee gekommen war. Er liess einige Unterrichtsstunden verstreichen, bevor er der Klasse - zu Wiederholungszwecken - aufgab eine Schrumpflösung zu brauen, die er schon vor Jahren mit ihnen durchgenommen hatte. Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete er Longbottom und stellte mit einer gewissen grimmigen Genugtuung fest, dass der Bengel diesen Trank tatsächlich ohne fremde Einmischung braute. Als die Stunde fast beendet war, schritt Snape durch die Bankreihen und vergab Noten für die Schrumpflösungen. Schliesslich erreichte er auch Longbottom, dessen Hände vor Aufregung zitterten.

Snape liess sich Zeit - er schöpfte ein wenig von der Flüssigkeit ab und liess sie wieder in den Kessel zurück plätschern. Dann zückte er sein Notizbuch.

„Etwas zu wässrig, Longbottom. Sieben von zehn Punkten", sagte er kalt und bemerkte im Weitergehen, dass Longbottom vor Glück fast ohnmächtig wurde. Als er vor Hermine stand, fiel ihm ein, dass er einen Ruf zu verlieren hatte und liess deshalb kein gutes Haar an ihrer Schrumpflösung, doch egal, was er auch zu ihr sagte, nichts vermochte das Leuchten in ihrem Blick auszulöschen.

 

 

Abends im Gryffindor-Gemeinschaftsraum waren Nevilles gute Noten im Zaubertränkeunterricht immer noch das heisseste Gesprächsthema. Auch, dass Hermine nur drei Punkte erhalten hatte wurde ausgiebig besprochen. Nur Hermine bekam davon nicht allzuviel mit. Sie sass mit träumerischem Ausdruck in einem der Sessel und nahm augenscheinlich nichts von ihrer Umgebung wahr.

„...von Ihnen hätte ich wesentlich mehr erwartet, Miss Granger!" Ron gab unter grossem Gelächter eine gelungene Parodie von Snape zum Besten. „Man sollte nicht glauben, dass Sie schon in der Abschlussklasse sind, Miss Granger. Es ist wirklich..."

„Hey, Hermine." Harry hatte sie angestupst und Hermine sah irritiert auf. „Nun lach' doch auch mal. Oder ärgerst du dich immer noch über Snape?"

„Was? Nein... ich bin müde. Ich gehe ins Bett. Gute Nacht, Harry."

Harry beäugte sie misstrauisch.

„Sag' mal, was ist eigentlich los mit dir in letzter Zeit?" rief er ihr hinterher, doch Hermine antwortete nicht.

 

Als sie in ihrem Zimmer war, ging sie keineswegs gleich zu Bett. Stattdessen stellte sei einen Stuhl an ihr Fenster und setzte sich gedankenschwer darauf. Die Ellbogen auf das Fenterbrett gestellt und das Kinn in die Hände gestützt sass sie lange da und starrte in die Dunkelheit hinaus.

Wann hatte sie eigentlich aufgehört, Snapes eisigen Blick und seine sarkastischen Bemerkungen persönlich zu nehmen und angefangen mehr in ihm zu sehen, als nur einen Lehrer?

Wann hatte sie zum ersten Mal den Mann in ihm wahrgenommen? War es schon damals gewesen, als er Arithmantik unterrichtet hatte und sie von seinem Unterricht mehr profitiert hatte, als bei den anderen Lehrern? Sicher hatte auch der Weihnachtsball einen grossen Anteil an ihrer veränderten Sichtweise. Manchmal glaubte sie immer noch seine kräftigen Hände auf ihrer Haut zu spüren, die für jemanden der den meisten Teil seiner Zeit in feuchtkalten Kerkergewölben verbrachte, überraschend warm gewesen waren. An diesem Abend hatte sie auch seinen scharfzüngigen, zynischen Sinn für Humor entdeckt, der eine Seite in ihr ansprach, welche die meiste Zeit im Verborgenen schlummerte.

Sie dachte auch gerne an die wenigen kurzen Gespräche zurück, die er in diesem Schuljahr mit ihr geführt hatte. Sie war nicht so anmaßend zu glauben, dass sie ihn nun wirklich verstehen würde, aber er hatte ihr dadurch einen kleinen Einblick in seine Persönlichkeit gewährt, die sie überaus interessant fand.

Er war sicher kein sehr gutaussehender Mann, doch sie fühlte sich dennoch auf unerklärliche Weise von ihm angezogen. Sie entschied, dass das Schönste an ihm seine dunklen Augen und seine ausdrucksstarken Hände waren. Eine neuerliche Prüfung ihrer Gefühle führte sie zu der Erkenntnis, dass sie zwar nicht sonderlich angetan war von dem Lehrer Professor Snape, aber unrettbar in den Mann Severus Snape verliebt war.

 

Verliebt! Sie fühlte, wie ihr Herz bei diesem Gedanken heftiger pochte. Flüchtig dachte sie an ihre Schwärmerei für Professor Lockhart als sie in der zweiten Klasse gewesen war, doch dann schüttelte sie energisch den Kopf. Nein! Die Gefühle, die sie jetzt empfand waren anders. Sie war nicht blind für Snapes Fehler, aber...

Dann kam ihr ein äusserst unangenehmer Gedanke in den Sinn.

Sie war Schulsprecherin und beinahe täglich kamen verzweifelte Schüler zu ihr um sich über Snapes Ungerechtigkeiten zu beschweren oder sich bei ihr über seinen Sarkasmus auszuweinen. Was sollte sie zukünftig nur tun? Sie war nun ganz gewiss nicht mehr in der Lage den Hilfe suchenden Schülern einen objektiven Rat zu erteilen - am Ende verriet sie sich noch unabsichtlich!

Das war nicht gut - das war definitiv gar nicht gut. Was hatte sie sich überhaupt dabei gedacht? Immerhin war sie selbst noch eine Schülerin und er war ihr Lehrer!

Hermine stöhnte verhalten und ihr Kopf sank deprimiert auf das Fensterbrett.

 

Am nächsten Tag bat sie Professor Dumbledore um ein Gespräch.

 

++++

 

„Was kann ich für unsere reizende Schulsprecherin tun?" begrüsste der Direktor sie freundlich.

Hermine setzte sich und Dumbledore fiel auf, dass sie reichlich blass aussah.

„Darf ich Ihnen etwas anbieten, Miss Granger? Tee? Oder ein paar Plätzchen?"

„Nein, danke, Herr Professor", sagte Hermine mit fester Stimme. „Ich wollte sie lediglich bitten, mich von meinem Amt als Schulsprecherin zu entbinden und jemand anderen zu ernennen."

Dumbledores weise Augen ruhten auf ihr und Hermine senkte beschämt den Kopf.

„Ich werde keine so weitreichende Entscheidung treffen, ohne Ihre Gründe zu kennen", sagte er schliesslich.

„Die Gründe sind rein persönlicher Natur und tun deshalb nichts zur Sache", antwortete Hermine um Sachlichkeit bemüht.

„Ich fürchte, dass ich diese Antwort nicht akzeptieren kann, mein Kind."

Hermine fuhr sich mit der Hand durch die Haare und kaute nervös auf ihrer Unterlippe.

Dumbledore blieb geduldig. „Nicht vielleicht doch ein Schokoladenplätzchen?" fragte er freundlich und bot Hermine eine offene Schachtel mit Plätzchen an.

Hermine schüttelte stumm den Kopf. Dann schien sie sich einen Ruck zu geben. Sie sah Dumbledore direkt in die Augen.

„Es sind emotionale Gründe. Und ich glaube nicht, dass ich mein Amt als Schulsprecherin unter diesen Umständen noch so ausfüllen kann, wie ich es sollte", erläuterte Hermine zögernd.

 

Der Direktor liess diese Antwort auf sich wirken und dachte gründlich darüber nach. Miss Granger musste wohl ein Faible für einen der Lehrer entwickelt haben. Eine andere Schlussfolgerung liessen ihre Antworten - oder besser ihre Weigerung auf seine Fragen zu antworten - nicht zu. Es konnte nichts anderes sein. Um welchen Lehrer mochte es sich wohl handeln? Die Auswahl war schnell getroffen. In einem - für Schülerinnen - attraktiven Alter waren nur zwei Lehrer. Severus und Remus. Ob Miss Granger wohl darüber orientiert war, dass der Letztere gleichgeschlechtliche Beziehungen bevorzugte? Dumbledore war sich in diesem Punkt nicht sicher, aber er tippte trotzdem auf Severus. Dieser Fall war kompliziert. Er würde in Ruhe darüber nachdenken müssen.

„Miss Granger, kommen Sie doch bitte in zwei Stunden wieder zu mir. Bis dahin werde ich eine Entscheidung getroffen haben."

Hermine nickte und war froh, wieder aufstehen zu dürfen. Sie hatte schon befürchtet, sie würde mit der Wahrheit nicht länger hinterm Berg halten können.

 

 

Als er allein war, zauberte sich Dumbledore ein Tasse Kräutertee herbei und tunkte ein Schokoladenplätzchen ein. Nach dem dritten Plätzchen hatte er seine Gedanken soweit geordnet, dass er Miss Grangers Problem erneut angehen konnte.

Er ging davon aus, dass sich Miss Granger in Severus verliebt hatte. Das war in so weit ein Problem, als dass sie seine Schülerin war und Dumbledore nicht wusste, ob es sich nur um eine vorübergehende Schwärmerei handelte, oder ob ihre Gefühle tiefer gingen. Eine Liebelei zwischen dem Lehrkörper und den Schülern war selbstverständlich nicht erwünscht, doch andererseits behagte es dem Direktor auch nicht sonderlich, dass Rozelda Lexington viel zu offensichtlich ihre Netze nach Severus auswarf. Vielleicht ergab sich hier eine Möglichkeit...

 

 

Pünktlich zwei Stunden später sass Hermine wieder Dumbledore gegenüber, der sie freundlich anlächelte. Für Hermines Geschmack fiel sein Lächeln vielleicht etwas zu verschmitzt aus und sie ahnte Fürchterliches.

„Miss Granger, ich habe mich entschieden, in Ihrem Fall nicht allein die Entscheidung zu treffen."

„Ach", stöhnte Hermine ahnungsvoll.

„Ja, ich denke, Sie sollten Ihr Problem noch einem anderen Lehrer vortragen. Ich würde mich dann der Empfehlung dieses Lehrers anschliessen."

„Und an welchen Lehrer hatten Sie da gedacht? Vielleicht an Professor McGonagall? Sie ist immerhin meine Hauslehrerin", schlug Hermine suggestiv vor.

Doch Professor Dumbledore schüttelte den Kopf.

„Nein, ich dachte an jemand Objektiveren. Minerva wäre unter Umständen doch etwas parteiisch und würde Sie womöglich dazu überreden im Amt zu bleiben." Er zwinkerte leicht mit den Augen. „Ich dachte an Professor Snape."

Hermine schloss für eine Sekunde die Augen. ‚Warum ich?' dachte sie niedergeschlagen.

„Ich möchte lieber nicht mit Professor Snape darüber sprechen", wandte Hermine erstaunlich beherrscht ein.

„Dann bleiben Sie Schulsprecherin."

„Das kann ich auch nicht", jammerte Hermine, doch Dumbledore lächelte nur und liess sich nicht erweichen.

„Treffen Sie Ihre Entscheidung, Miss Granger und jetzt wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag."

 

 

Kapitel 6

Something stupid

 

Hermine liess nach dem Gespräch mit Dumbledore einige Tage verstreichen während derer sie sich verzweifelt bemühte, von allem Abstand zu gewinnen und eine logische Entscheidung zu treffen. Doch sie schlief schlecht und demzufolge waren ihre logischen Fähigkeiten nicht gerade auf der Höhe. Schliesslich wurde es für sie zur fixen Idee, dass sie ihr Amt als Schulsprecherin loswerden musste, koste es was es wolle. Deshalb stand sie eines Samstag nachmittags vor Snapes Büro und bevor sie wusste, was sie eigentlich tat, hatte sie auch schon angeklopft.

 

Snape korrigierte gerade Aufsätze als es an seine Tür klopfte. Auf sein „Herein" öffnete sich die Tür und Hermine trat ein.

Er sah nur kurz auf. „Was kann ich für Sie tun?" fragte er knapp und fuhr fort, die Aufsätze zu studieren.

„Ich muss mit Ihnen sprechen, Professor Snape", sagte sie mit einem seltsamen Unterton der Snape hellhörig werden liess. Er legte die Feder und die Aufsätze beiseite und lud Hermine mit einer Handbewegung ein, Platz zu nehmen.

„In welcher Angelegenheit?"

Sie schluckte.

„Ich möchte Sie bitten, mich von meinem Amt als Schulsprecherin zu entbinden", antwortete sie gepresst.

Snape musterte sie unwillig.

„Sollten Sie mit dieser Bitte nicht eher beim Direktor dieser Schule vorsprechen?" fragte er mit abweisendem Unterton.

„Da war ich schon. Er hat mich zu Ihnen geschickt. Er wollte in dieser Angelegenheit Ihre Meinung hören."

Snape fiel auf, dass Hermines Gesichtsfarbe schon mehrfach von rot zu leichenblass gewechselt hatte und eine dunkle Ahnung stieg in ihm hoch.

„Warum schickt er Sie dann vor und spricht mich nicht selbst darauf an?" fragte er neutral.

„Er wollte, dass ich es persönlich mit Ihnen bespreche."

„Ich wüsste nicht, was es da zu besprechen gibt. Sie sind eine hervorragende Schulsprecherin und ich denke nicht daran Ihrer Bitte zu entsprechen", erwiderte er schroff. Was zum Teufel ging hier eigentlich vor? „Und wie kommen Sie eigentlich auf diese absurde Idee?"

„Ich glaube, dass ich mein Amt nicht mehr mit der gebotenen Objektivität ausführen kann", sagte Hermine mit leicht bebender Stimme.

„Und was verleitet Sie zu dieser völlig irrationalen Annahme?" fragte Snape sarkastisch.

Hermine wurde wieder blass und verknotete nervös ihre Finger ineinander. Dann stand sie abrupt auf.

„Ich... ich... verzeihen Sie, dass ich Ihre Zeit vergeudet habe... ich", stiess sie erregt hervor. Hermine drehte sich um und machte eine paar rasche Schritte zur Tür, doch dann drehte sie sich wieder um und sah unschlüssig zu Snape, der sie mit einer seltsamen Mischung aus Zorn und Verblüffung anstarrte.

Sie biss sich auf die Unterlippe und trat wieder näher an seinen Schreibtisch, wo sie stehen blieb.

„Es sind sehr persönliche, emotionelle Gründe, die ich nicht mit Ihnen besprechen werde", flüsterte sie aufgelöst und senkte ihren Blick während sie wieder auf den Stuhl vor Snapes Schreibtisch sank.

 

Snape erstarrte für einen Moment. Hatte er gerade richtig gehört? Ihr ganzes Verhalten ergab doch nur einen Sinn, wenn Miss Granger glaubte, in einen der Lehrer verliebt zu sein. Sprach sie am Ende gar von Remus? Sollte sie vielleicht nicht wissen, dass... Seine Augen verengten sich, während er darüber nachdachte, wie sie gerade seinem Blick ausgewichen war - das hatte sie doch schon vor Wochen aufgegeben ... sollte sie möglicherweise in ihn...? Doch bevor er sich noch zu einer Reaktion entschliessen konnte, brach Hermine das Schweigen, bevor es unangenehm zu werden drohte.

„Nachdem ich mich soeben völlig idiotisch benommen habe, werden Sie jetzt sicher das Bedürfnis haben, eine entsprechende Bemerkung zu machen - ich habe nur eine Bitte: könnten wir diesen Programmpunkt etwas schneller hinter uns bringen, damit Sie anschliessend meine Amtsenthebung befürworten können und ich dann endlich diesen Raum verlassen kann?" fragte sie mit wässriger Stimme und gesenktem Blick.

Snape bemerkte, dass sie sich mit dem Handrücken eine Träne von der Wange wischte. Diese simple Geste berührte ihn merkwürdig. Er zog aus seinem Umhang eines seiner Taschentücher, dann stand er auf, ging um den Schreibtisch herum und drückte es ihr in ihre zitternden Hände. Er lehnte sich an seinen Schreibtisch und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Warum sollte ich etwas dergleichen tun? Gefühle haben nur selten etwas Lächerliches an sich", bemerkte er dumpf.

Hermine seufzte verzagt.

„Kann ich jetzt wieder gehen?" fragte sie leise.

„Nein, nicht bevor Sie sich wieder einigermassen beruhigt haben", befahl Snape. „Wenn Sie jemand sieht, wie Sie in diesem Zustand mein Büro verlassen, wird jeder annehmen, ich hätte Sie zu hart angepackt und alle Vertrauensschüler würden meinen Kopf fordern. Das wollen Sie doch nicht, oder?"

Hermine lächelte matt.

„Na, sehen Sie, es geht doch", sagte er überraschend sanft. „Ich nehme an, Sie haben sich in jemanden verliebt, der etwas... unpassend für Sie ist?"

Hermine hielt für einen Moment den Atem an und streifte Snape mit einem wachen Blick. Doch Snape hatte sich wieder völlig in der Gewalt und liess sich nicht anmerken, dass er glaubte, Bescheid zu wissen. Hermine konnte in seinen Zügen nur milde Neugier erkennen , jedoch keinerlei Argwohn. Sie atmete erleichtert aus und nickte.

„Befriedigen Sie meine Neugier, Miss Granger? Gibt es keinen... passenderen Mann, in den Sie Ihre Gefühle investieren könnten?"

Seine neutrale Haltung gab ihr wieder genug Mut, um ihm zu antworten. Solange er nur nicht merkte, dass er derjenige war...

„Nein", murmelte sie verschnupft.

„Nein?" er hob eine Augenbraue. „Mr. Weasley - oder vielleicht sogar Mr. Krum?"

„Nein", sie schüttelte den Kopf. „Mit Viktor, das... das war nichts... und Ron und ich...", sie seufzte. „Es hat einfach nicht funktioniert. Wir sind nur Freunde."

Snape räusperte sich.

„Wahrscheinlich sind Sie einer kurzfristigen Verblendung erlegen, Miss Granger - niemand kann Ihnen das zum Vorwurf machen. Wahrscheinlich werden Sie sich noch vor den Osterferien fragen, wie Sie sich je einbilden konnten, zärtlichere Gefühle für... denjenigen zu empfinden. Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf - denken Sie nicht mehr darüber nach." Seine Stimme war spröde.

Hermine wischte sich erneut über die Augen und fragte dann mit belegter Stimme: „Darf ich jetzt gehen?"

„Ja, Miss Granger." Er setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch.

„Würden Sie mir noch eine Notiz für Professor Dumbledore mitgeben?" fragte sie ungewohnt schüchtern.

„Nein, das werde ich nicht, Miss Granger. Ich halte die grosse Bedeutung, die Sie dieser Angelegenheit offensichtlich beimessen, für völlig ungerechtfertigt. Soweit es mich angeht, hat dieser Vorfall nie stattgefunden. Und ich denke nicht daran, wegen einiger fehlgeleiteter Emotionen die beste Schulsprecherin, die wir je hatten, zu verlieren. Auf Wiedersehen, Miss Granger."

 

Hermine schluckte. Das war eine deutliche Absage gewesen und ein noch viel deutlicherer Rausschmiss. Doch Hermine hatte hinter seinen schroffen Worten so etwas wie Rücksichtnahme entdeckt. Halb und halb hatte sie ja gehofft, dass er sich während dieser Unterredung ekelhaft genug benehmen würde, um ihre Gefühle für ihn im Keim zu ersticken. Leider hatte sich diese Hoffnung als trügerisch erwiesen.

Allerdings schien er sich sehr sicher zu sein, dass es sich bei ihr nur um eine spätpubertäre Schwärmerei handelte, die schnell wieder verfliegen würde.

Wenn sie sich selbst da auch nur so sicher sein könnte! Aber vielleicht hatte er ja doch Recht und ihre Gefühle für ihn würden sich von alleine wieder auf ein normales Mass reduzieren. Sie hoffte es, denn ihre ersten Erfahrungen mit der Liebe hatten sie bereits gelehrt, dass unerwiderte Gefühle nicht besonders erfreulich waren. Je schneller sie sich Professor Snape aus dem Kopf schlug, umso besser. Mit diesen guten Vorsätzen verliess sie sein Büro. Erst als sie schon fast wieder in ihrem Zimmer war, fiel ihr auf, dass sie immer noch sein Taschentuch in ihrer Hand hielt.

 

++++

 

Snape versuchte noch einige Stunden nach Hermines Offenbarung die Schüleraufsätze zu korrigieren - leider vergeblich. Es gelang ihm nicht, sich länger als zwei Minuten darauf zu konzentrieren, bevor sein Gedanken zurück zu Hermine flogen. Vor seinem geistigen Auge sah er sie immer noch auf dem Stuhl vor sich sitzen - rührend in ihrer Offenheit, bezaubernd in ihrem Vertrauen in ihn, bewundernswert in ihrer Entschlossenheit, geknickt, aber nicht gebrochen...

So konnte das nicht weitergehen! Entschlossen legte er die Feder beiseite und stand auf.

Dann holte er eine Flasche Rotwein aus dem Regal und ging zu Lupin.

 

 

„Severus?" sagte Lupin mit einem leichten Fragezeichen in der Stimme. „Ist etwas passiert?" fügte er beunruhigt hinzu.

„Warum muss etwas passiert sein, nur weil ich einmal bei dir auf ein Glas Wein vorbeischaue?" Er reichte Lupin die Flasche. „Du tust das bei mir ständig", endete er gereizt.

„Ist ja schon gut, dann ist also nichts passiert", beschwichtigte Lupin. „Setz' dich, ich hole die Gläser."

Lupin öffnete die Flasche und nahm gegenüber von Snape in dem zweiten Sessel vor dem Kamin Platz. Er schenkte beiden ein, reichte Snape sein Glas und stellte die Flasche zwischen ihnen auf den Boden.

Sie tranken schweigend, beide in ihre eigenen Gedanken versunken, während das Kaminfeuer langsam herunterbrannte. Erst als die Flasche fast leer war, brach Snape das Schweigen.

„Remus, verstehst du die Frauen?"

Lupins Blick huschte kurz über Snape und richtete sich dann wieder auf das Feuer. Das war es also was ihn so beschäftigte!

„Nein, aber da fragst du auch den Falschen." Er lächelte entschuldigend. „Wie du weißt, sind Frauen nicht unbedingt mein Spezialgebiet."

Snape beugte sich in seinem Sessel vor und stützte sein Kinn in seine Hand.

„Erst Rozelda und jetzt...", sagte er halb zu sich selbst, doch Lupin wurde hellhörig.

„Und...? Wer ist ‚und', Severus?"

„Niemand", log Snape.

Lupin lächelte fein. „So, so. Welcher der zahlreichen Schönheiten hast du das Herz gebrochen, Severus?"

„Mach' dich nicht lächerlich", knurrte Snape. „Sieh' mich doch an! Ich habe nichts, was ich einer Frau bieten könnte. Du brauchst nur einen x-beliebigen Schüler zu fragen und er wird dir bestätigen, dass ich ein schreckliches Temperament habe, ungerecht und nachtragend bin. Keine vernünftige Frau würde es länger als fünf Minuten mit mir aushalten", bemerkte er bitter.

„Manchmal können auch fünf Minuten sehr befriedigend sein", entgegnete Lupin leichthin. „Aber wenn es keine vernünftige Frau sein darf, warum versuchst du es nicht einmal mit einer Unvernünftigen?"

Ein finsterer Blick traf ihn.

„Entschuldige, das war ein schlechter Scherz, ich weiss."

„Soll ich dir sagen, wieviele Frauen es bisher in meinem Leben gab?" fragte Snape aufgewühlt. „Eine! Genau Eine! Rozelda war die einzige Frau in meinem Leben, die meine Liebe erwidert hat... zumindest eine Zeit lang... nur sie und..."

„Und? Das sagst du jetzt schon zum zweiten Mal. Ist sie hübsch?", stichelte Lupin freundlich um sein Mitleid und seine Besorgnis zu verbergen.

Snape starrte schweigend in die Flammen.

„Ich sollte mich besser damit abfinden, dass es einfach nicht möglich ist, mit mir auszukommen", sagte er dann düster.

„Ich komme mit dir aus", entgegnete Lupin sanft.

„Du bist ein Mann", stellte Snape fest.

„Vielleicht solltest du aufhören, dich mit Frauen zu befassen und anfangen über Männer nachzudenken", äusserte Lupin heiter und nippte an seinem Wein.

Ein zweiter finsterer Blick traf Lupin.

„Ich will davon nichts hören", sagte Snape streng.

„Welch ein Verlust", seufzte Lupin theatralisch. „Nun gut, unser Verlust - der Frauen Gewinn. Wirst du mir jetzt endlich sagen, wer ‚und' ist? Du bist doch sicher nicht hierher gekommen um nur über Rozelda zu sprechen."

„Miss Granger war heute bei mir", gab Snape widerwillig zu.

„Hermine?!" Lupin verschluckte sich an seinem Wein und rang für einige Minuten krampfhaft nach Luft.

„Du willst doch nicht ernsthaft behaupten...", keuchte Lupin, als er wieder sprechen konnte.

„Ich verstehe es ja auch nicht - aber ich glaube, dass sie sich in mich verliebt hat", berichtete Snape mit einem seltsamen Unterton in der Stimme.

„Hat sie das gesagt?" fragte Lupin ungläubig.

„Natürlich nicht! Aber ihre Andeutungen lassen beim besten Willen keinen anderen Schluss zu."

Lupin musterte ihn nachdenklich.

„Und wie sind deine Gefühle für sie?" fragte er leise.

„Herrgott, Remus! Sie ist meine Schülerin. Das ist völlig indiskutabel!"

„Ja", gab Lupin zu. „Aber das Schuljahr dauert nicht mehr allzu lange..."

„Hat dir schon jemand gesagt, dass du unmoralisch bist?" fragte Snape angewidert.

„Oh ja." Lupin lächelte verschwommen bei der Erinnerung. „Aber ich muss zugeben, wenn Sirius es sagt, klingt es bei Weitem aufregender."

 

 

Kapitel 7

Shattered dreams

 

An einem der nächsten Tage blieb Snape während der Mittagspause der grossen Halle fern und verbrachte die Zeit in seinem Klassenzimmer. Er beaufsichtigte ein Experiment, das er für den Unterricht vorbereitet hatte. Es war wichtig, die Temperatur zu diesem Zeitpunkt streng zu überwachen, denn die Tinktur sollte zwar kochen, durfte aber nicht anfangen zu schäumen. Ein Geräusch an der Tür liess ihn aufsehen.

Rozelda stand mit einem lieblichen Lächeln im Türrahmen.

„Hier steckst du also."

Dann kam sie mit wiegenden Schritten auf ihn zu.

„Du hast mich gesucht?" fragte Snape gleichgültig und reduzierte die Hitze unter dem Kessel. Er drehte sich zu Rozelda um und stellte unwillig fest, dass sie schon sehr nahe bei ihm stand.

„Ja", sagte sie. „Und jetzt habe ich dich gefunden. Du warst nicht beim Mittagessen."

„Und jetzt erzählst du mir sicher gleich, dass du dir Sorgen um mich gemacht hast", erwiderte Snape sarkastisch.

Rozelda rückte noch ein klein wenig näher an ihn heran und lächelte herausfordernd.

„Wäre das so abwegig?"

Snape schwieg.

„Nun", fuhr Rozelda fort, „Es ist dir vielleicht entgangen, dass heute Valentinstag ist... aber ich habe daran gedacht und eine Flasche Champagner kaltgestellt. Ich habe gedacht, wir könnten nach dem Abendessen ein paar Gläschen miteinander trinken und... in alten Erinnerungen schwelgen", hauchte sie leicht anzüglich und legte ihre Arme um seinen Hals.

„Dachtest du dabei an eine bestimmte Erinnerung?" fragte Snape nach aussen hin beherrscht und ärgerte sich gleichzeitig darüber, dass er auf ihre körperliche Nähe zu reagieren begann.

„Oh ja", hauchte sie verführerisch und ihre Stimme war um eine Terz tiefer als gewöhnlich. „Die Nacht in der Bretagne... der einsame Strand..." Sie zog ihn enger an sich. Ihr Kopf war leicht geneigt, ihre schimmernden Lippen öffneten sich einen Spalt und die Lider über ihren veilchenblauen Augen senkten sich langsam.

Snape spürte, wie sein Mund trocken wurde.

Er wollte sie von sich schieben, doch bevor er diesen Gedanken in die Tat umsetzen konnte, hatte sie seinen Kopf zu sich herunter gezogen und ihn auf den Mund geküsst. Er spürte wie sein Körper auf ihre bebenden Lippen reagierten und schlang seine Arme um sie. Er erwiderte ihren Kuss stürmisch und fühlte, wie ein Zittern ihren Körper durchlief. Für einen Moment fielen die Jahre von ihm ab und alles war genauso wundervoll wie damals.

 

Auch er erinnerte sich lebhaft an diese Nacht vor... wie lange war das jetzt her? Rozelda lebte damals mit ihrem Ehemann in der Bretagne - irgendwo an der Küste. Sie hatte ihm einen Brief geschrieben und ihn gebeten sie zu besuchen. Er wusste nicht mehr, warum er ihrer Bitte nachgekommen war, doch er hatte sich für einige Tage von allen Verpflichtungen freigemacht und war nach Frankreich gereist.

Ihr Mann war bei seiner Ankunft nicht dagewesen und Rozelda erwähnte ihn auch mit keinem Wort. Er hatte sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen und war ihrem Zauber sofort wieder erlegen. Wie alt war er damals gewesen? 22? 23? Der Tag hatte mit einer leidenschaftlichen Nacht an einem einsamen Strand geendet. Er hatte geglaubt, sie würde ihren Mann verlassen und mit ihm zurück nach England gehen, doch als er sie am Morgen darauf angesprochen hatte, hatte sie ihn mit harten Worten zurückgewiesen. Von diesem Tag an hatte er sie gehasst. Bis jetzt... bis heute... und diese Nacht hatte er nie vergessen können.

 

Er unterbrach den Kuss und schob Rozelda von sich.

„Diese Nacht war ein Fehler", sagte er dumpf. „Es wäre besser, nicht mehr daran zu denken."

Ihre Augen blitzten. „Ein Fehler? Damals hast du nicht so gedacht."

Es klingelte zur nächsten Unterrichtsstunde.

Rozelda sah ihn mit merkwürdig angespanntem Gesichtsausdruck an.

„Ich für meinen Teil bereue nichts", sagte sie mit Nachdruck. „Ohne diese Nacht hätte ich bis heute noch keine Tochter."

„Was soll das heissen?!" rief Snape.<