Feedbacks: Lorelei Lee
Kapitel 1 - 18 (ENDE)
Anmerkung: diese
Story entstand vor Erscheinen von Band 5 und ist dadurch jetzt natürlich
ziemlich AU…
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Disclaimer:
Harry Potter und Co. gehören JKR, bzw. Warner. Ausser den Charakteren, die ich
erfunden habe und dem Plot, gehört mir wie immer nix und ich bekomme auch kein
Geld dafür.
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Kapitel 1
Memories are made of this
Es war ein
Sonntag Abend im Herbst und die Hogwarts-Lehrer hatten sich ausserplanmässig im
Lehrerzimmer versammelt. Das neue Schuljahr hatte schon seit einigen Wochen
begonnen, doch dann hatte Professor Vektor eine dringende Eule erhalten und sie
hatte bis auf Weiteres bei Professor Dumbledore Urlaub aus familiären Gründen
beantragt und auch erhalten. Obwohl die Stelle sofort inseriert worden war,
hatte sich lange Zeit niemand gefunden, der sich für einen Job mit ungewisser
Dauer interessiert hätte. Daher hatten sich Professor Flitwick, Professor Snape
und Professor McGonagall zähneknirschend die Vertretung für die
Arithmantik-Stunden geteilt. Doch endlich hatte sich wohl eine geeignete
Bewerberin gefunden und der Direktor hatte die Lehrerschaft gebeten, sich zu
versammeln, damit er die neue Kollegin vorstellen konnte.
Snape, Lupin -
der seit dem letzten Jahr wieder Verteidigung gegen die dunklen Künste
unterrichtete - und Professor Sprout standen in einer Ecke beieinander und
unterhielten sich gedämpft.
„Wie war der
Name noch gleich?" fragte Sprout gerade.
Snape musterte
gelangweilt die Decke, doch Lupin antwortete bereitwillig.
„Professor
Lexington." Er wandte sich an Snape. „Severus, war in unserer Jahrgangsstufe
nicht auch ein Mädchen mit diesem Namen? In Ravenclaw? Meinst du sie könnte es
sein?"
„Wohl kaum",
äusserte Snape desinteressiert.
„Nein, das
glaube ich auch nicht" mischte sich Sprout ein. „Sie hat sich doch noch in
ihrem letzten Jahr mit ihrem Klassenkameraden verlobt, mit diesem - na, wie
hiess er noch... Waterford!" rief sie plötzlich aus und strahlte die beiden
Männer an. „Und so, wie ich gehört habe, hat sie den dann auch geheiratet."
„Ach, ja,
richtig", bestätigte Lupin. „Aber weißt du noch, wie die Lexington mit Vornamen
hiess - es fällt mir im Moment nicht mehr ein..." Er sah Snape fragend an.
Doch Snape
reagierte nicht, denn sein Blick war starr auf die Tür gerichtet, durch die in
diesem Moment Dumbeldore in Begleitung einer aparten Frau eintrat. Sie trug
einen dunkelblauen Umhang, hatte rotblondes Haar, das sie hochgesteckt trug und
veilchenblaue Augen.
„So, meine
Liebe. Treten Sie nur ein, damit ich sie mit Ihren zukünftigen Kollegen bekannt
machen kann", sagte Dumbledore galant.
„Rozelda!"
stiess Snape halblaut hervor. Es klang fast wie ein Fluch.
„Richtig, Rozelda..." erwiderte Lupin
erleichtert, doch dann bemerkte er Snapes starren Blick und folgte ihm, bis zu
der Frau in Dumbledores Begleitung. Als er sie auch erkannte, entfuhr ihm
unwillkürlich ein leises „oh-oh".
„Ich darf Ihnen
Professor Rozelda Lexington vorstellen, die sich glücklicherweise bereit
erklärt hat uns aus unserer personellen Patsche zu helfen", stelle Dumbledore
die neue Lehrerin freundlich lächelnd vor. Auch Rozelda lächelte, doch ihr
Lächeln war automatisch und erreichte nicht ihre Augen.
„Einige von
Ihnen erinnern sich vielleicht noch an Professor Lexington - sie hat damals
auch ihren Abschluss hier in Hogwarts gemacht." Dumbledore machte eine kleine
Handbewegung in die Ecke, in der Snape und Lupin standen. Rozeldas Blick folgte
dieser Geste.
„Natürlich", bestätigte
sie mit klarer Stimme. „Ich freue mich sehr, euch wiederzusehen. Remus,
Severus." Sie nickte ihnen zu und ihr Lächeln vertiefte sich für einige
Sekunden.
Snape spürte
einen leichten Druck auf seinem Arm und bemerkte, dass Lupin ihm - von den
anderen unbemerkt - wie zur Warnung oder um ihn zurück zu halten die Hand auf
den Arm gelegt hatte und ihn mit einem seltsamen Ausdruck ansah.
Snape schüttelte
die Finger ungehalten ab und sandte einen giftigen Blick in Lupins Richtung.
Rozelda macht
mit Dumbledore die Runde durch das Lehrerkollegium, schüttelte jedem die Hand
und wechselte einige Worte mit ihnen.
Als die Reihe an
Snape, Lupin und Sprout kam, begrüsste sie Snape als Letzten.
„Hallo, Severus"
sagte sie mit einem leichten Vibrieren in der Stimme. „Es ist lange her."
„Allerdings.
Müsste es eigentlich nicht eher Professor Waterford heissen?" fragte er kalt.
Ein amüsiertes
Glitzern liess Rozeldas veilchenblaue Augen kurz erstrahlen.
„Nein, das
müsste es nicht. Ich habe meinen Mädchennamen wieder angenommen."
„Ihre Tochter
wurde übrigens für Ravenclaw eingeteilt", warf Dumbledore an Rozelda gewandt
ein. „Aber das war wohl zu erwarten, nicht wahr?" er schmunzelte.
„Allerdings",
erwiderte Rozelda stolz. „Sie wird doch die 5. Klasse besuchen, Professor?" fragte
sie Dumbledore und entfernte sich mit ihm von der kleinen Gruppe.
Snape verliess
die Zusammenkunft fast augenblicklich, dicht gefolgt von Lupin. Eine Weile
gingen sie schweigend nebeneinander durch die Gänge. An der Treppe, wo sich
ihre Wege zwangsläufig trennen mussten, blieb Snape stehen und funkelte Lupin
zornig an.
„Was sollte das
vorhin eigentlich?" zischte er böse.
„Ich dachte, es
wäre gut, dich von einer übereilten Reaktion zurückzuhalten", erwiderte Lupin
ungerührt.
„Wie bitte?!"
fragte Snape scharf.
„Mein Gott,
Severus. Es war damals wirklich kein Geheimnis. Sogar die Luschen aus
Hufflepuff wussten, dass du und Zelda...", doch weiter kam er nicht.
„Remus?"
unterbrach ihn Snape nicht unfreundlich.
„Ja?"
„Krepier'!"
knurrte Snape, drehte sich auf dem Absatz um und strebte mit wehender Robe
seinen Räumlichkeiten zu.
„Auch dir eine
gute Nacht", rief ihm Lupin heiter nach, dann ging er die Treppe hoch zu seinem
eigenen Zimmer.
Lupin hatte
vorgehabt, noch etwas zu lesen, bevor er zu Bett ging. Deshalb zog er sich den
Sessel näher ans Feuer und holte ein Buch aus dem Regal. Doch kaum hatte er
sich gesetzt, legte er das Buch wieder beiseite und starrte stattdessen
nachdenklich in die züngelnden Flammen.
Dieses Jahr
würde möglicherweise noch verrückter werden, als die letzten drei. Angefangen
hatte alles damit, dass Sirius nach dem Trimagischen Turnier bei ihm auf der
Matte gestanden hatte, um sich eine Zeit lang bei ihm zu verstecken. Es kam,
wie es kommen musste, als Sirius nach drei Wochen wieder verschwand um einen
Auftrag für Dumbledore auszuführen, hatten beide ihre Beziehung - die zwar seit
ihrem gemeinsamen letzten Schuljahr bestanden hatte, jedoch über ein paar
nervöse Küsse nicht hinausgegangen war und die durch Sirius Verhaftung ein
jähes Ende genommen hatte - wieder aufgenommen und intensiviert. Ein zärtliches
Lächeln huschte über Lupins Gesicht, wenn er an seinen Partner und Liebhaber
dachte - wo er jetzt gerade wohl steckte? Sie hatten sich nie bemüht, ihre
Liebe geheim zu halten, allerdings hatte Lupin mit Rücksicht auf seinen Beruf
darauf bestanden, seine Sexualität nicht an die grosse Glocke zu hängen. Die
meisten Lehrer wussten jedoch Bescheid und es schien sie nicht zu stören. Auch
Severus nicht und das war das Unglaublichste an der ganzen Angelegenheit.
Seltsamerweise
hatte etwas, das Lupin nachträglich als die grösste Fehleinschätzung seines
Lebens verbuchte zu einem entspannteren Umgang zwischen dem Werwolf und dem
Zaubertränkelehrer geführt.
Sirius hatte sich vorletzten Sommer - nur Lupin
zuliebe - bereit erklärt ein Gespräch mit Severus zu führen. Lupin hatte sich
davon eine endgültige Aussöhnung erhofft, doch geendet hatte es mit einer
blutigen Lippe bei Severus und einem blauen Auge bei Sirius. Lupins Zorn hatte
sich darauf hin über Sirius ergossen, dem er so interessante Titel wie ‚sturer
Holzkopf' verliehen hatte. Anscheinend hatte dies entscheidend dazu
beigetragen, dass Lupin im nächsten Schuljahr, als er wieder unterrichtete, von
Severus zwar nicht freundlich aufgenommen wurde, aber dieser ihm immerhin ohne
offensichtliche Abscheu oder Misstrauen entgegentrat.
Im Laufe der
Monate hatte Lupin gelernt mit Severus umzugehen und sich nicht an seiner
schroffen und zynischen Art zu stören. Nahezu unmerklich hatten diese beiden
speziellen Charaktere - ein Werwolf und ein Todesser-Spion - eine Ebene
gefunden auf der sie miteinander umgehen konnten.
Dennoch war es
für die Schüler und einige der Lehrer ein nie versiegender Quell des
Erstaunens, wenn sie beiden miteinander sprechen sahen. Höflich und gutgelaunt
der Eine, sarkastisch und düster der Andere.
Lupin seufzte.
Und nun war auch noch Rozelda aufgetaucht. Er würde in nächster Zeit den lieben
Severus etwas genauer im Auge behalten. Man konnte nie voraussagen, wie ein
Mann wie Severus Snape auf seine verflossene Liebe reagieren würde.
Kapitel 2
A little less conversation
Professor
Lexington unterrichtete nun seit einer Woche und sie und ihre Tochter waren
natürlich ‚das' Thema der Schule. Die Siebtklässler hatten an diesem Freitag
Nachmittag zum Ersten Mal Unterricht bei ihr gehabt und Harry und Ron brannten
auf Neuigkeiten von Hermine. Kaum hatte diese den Gemeinschaftsraum der
Gryffindors betreten, stürzten die beiden Jungen auf sie zu und nötigten sie in
den nächsten Sessel.
„Nun erzähl
mal", forderte Harry sie auf. „Wie ist sie denn so?"
„Meinst du, die
Haarfarbe ist echt? Justin schwört, dass er auch so eine Augenfarbe noch nie
gesehen hat. Er meint sie trägt bestimmt Kontakterbsen", sprudelte Ron hervor.
„Kontaktlinsen,
Ron", verbesserte Hermine automatisch. „Es heisst Kontaktlinsen."
Ron winkte
ungeduldig ab „Wie auch immer."
Harry und
Hermine grinsten sich an. Ron hatte immer noch einige Probleme mit
Muggelausdrücken.
„Ach, nach der
ersten Stunde kann man noch nicht viel über sie sagen, aber ich denke, sie hat
das Fach im Griff. Ich hoffe nur, wir kommen mit dem ganzen Stoff für die
Abschlussprüfungen durch." Hermine runzelte besorgt die Stirn und die beiden
Jungen stöhnten verhalten.
„Hermine,
manchmal machst du dir einfach zu viele Sorgen", sagte Harry. „Anstatt dass du
dich freust, dass diese Vertretungsregelung endlich aufgehört hat und du wieder
regulären Unterricht hast, machst du dir jetzt schon Gedanken über die
Prüfungen."
„Eben",
bestätigte Ron. „Du solltest lieber froh sein, dass du Snape in Arithmantik
endlich los bist."
„So übel war er
gar nicht", murmelte Hermine.
„Wie bitte?"
riefen Ron und Harry gleichzeitig.
„Naja", gab
Hermine widerstrebend zu. „Ich sag's ja auch nicht gern, aber ich finde man
sollte ihm gegenüber auch mal ein bisschen fair sein. Er hat dieses Fach
immerhin noch nie unterrichtet und ich bin mir sicher, dass er seit seinem
Studium nicht mehr daran gedacht hat, aber in seinem Unterricht haben wir mehr
gelernt als bei Flitwick."
„Fair?! Snape
gegenüber?!" stiess Ron verblüfft hervor. „Hermine bist du krank?" er beäugte
sie misstrauisch. „Wenn ja, dann bleib ja weg von mir. Daran will ich mich auf
keinen Fall anstecken. Oder hängt es damit zusammen, dass du dieses Jahr
Schulsprecherin geworden bist?" Er knuffte Harry in die Seite. „Sag' doch auch
mal was."
„Ach, ich weiss
auch nicht", erwiderte Harry verschlossen. „Snape wird sicher nie mein
Lieblingslehrer, aber immerhin hat er mir schon ein paar Mal aus der Patsche
geholfen..."
Darauf wusste
keiner der beiden anderen etwas zu sagen und nach einer Weile nahm Harry den
Faden wieder auf. „Aber ist euch schon aufgefallen, dass Snape die neue
Lehrerin vollständig ignoriert?"
„Du hast es also
auch gemerkt?" fragte Hermine erfreut. „Ich dachte schon, ich hätte mich
vielleicht geirrt."
„Ignorieren?"
fragte Ron verständnislos.
„Ja, natürlich.
Wenn es sonst einen neuen Lehrer gab, hat Snape immer sehr deutlich gezeigt,
was er von demjenigen hält. Meistens war es Verachtung", fügte Hermine
nachdenklich hinzu.
„Genau, aber
jetzt tut er so, als ob Professor Lexington überhaupt nicht da wäre. Das ist
schon komisch, wenn man es sich genau überlegt", sagte Harry.
„Ach, übrigens,
Harry, ich habe da noch etwas gehört, was dich als Quidditch-Kapitän vielleicht
interessieren würde", bemerkte Ron.
„Ja, was denn?"
fragte Harry neugierig.
„Es geht das
Gerücht um, dass der Kapitän der Ravenclaws Professor Lexingtons Tochter in die
Mannschaft aufgenommen hat."
„Hui." Harry
pfiff leise durch die Zähne. „In welcher Position?"
„Jägerin, soviel
ich weiss."
Hermine
verdrehte die Augen - Quidditch! - damit war der Abend gelaufen.
++++
Ungefähr zur
gleichen Zeit sass Snape in seinem Büro und korrigierte Aufsätze, als es an der
Tür klopfte. Snape reagierte nicht darauf. Er war heute in keiner gesprächigen
Stimmung. Die Erstklässler, die er heute unterrichtet hatte schlugen an
Inkompetenz sogar noch Longbottom und das wollte etwas heissen.
Es klopfte
wieder und dieses Mal sah er mit gerunzelter Stirn kurz auf. So penetrant
konnte nur Lupin sein.
„Ich habe keine
Lust mich mit dir zu unterhalten, Remus", rief er laut und korrigierte weiter.
Dann hörte er, wie sich die Tür öffnete und knallte gereizt seine Feder auf den
Tisch, dass die Tinte spritzte.
„Wie deutlich
muss ich eigentlich noch..." Dann erkannte er seinen Fehler.
In seinem Büro
stand nicht Lupin, sondern Rozelda.
„Guten Abend,
Severus", begrüsste sie ihn ungezwungen.
Sein Blick
verfinsterte sich.
„Ich habe keine
Zeit", erwiderte er kühl und nahm seine Feder wieder auf.
„Übertriebene
Empfindsamkeit könnte mich zu der Annahme verleiten, dass du mir aus dem Weg
gehst", stellte sie leichthin fest. „Willst du mir keinen Platz anbieten?"
Ein finsterer
Blick glitt über Rozelda hinweg, doch dann lenkte Snape plötzlich ein.
„Bitte." Er wies
mit der Hand auf einen der Stühle und Rozelda setzte sich.
„Was willst du
hier?" fragte er kalt.
Ein leicht
überlegenes Lächeln huschte über ihre Lippen. „Diese Frage lässt sich auf
vielerlei Weise interpretieren." Sie zählte an ihren Fingern ab. „Erstens: was
machst du hier in England. Zweitens: was machst du hier in Hogwarts. Drittens:
was machst du hier in meinem Büro."
Sie sah ihn
abwartend an.
„In dieser
Reihenfolge", knurrte er.
Rozelda lächelte
verhalten.
„Ich dachte, es
wäre an der Zeit, dass Rowena ihre eigentliche Heimat kennen lernt."
„Rowena", sagte
Snape und musterte Rozelda abschätzend.
„Ja, meine
Tochter", erklärte sie ruhig. „Du musst sie kennen, da sie bereits Unterricht
bei dir hatte."
„Allerdings",
bestätigte er knapp. Rowena war beim Zaubertrankunterricht der
Hufflepuff/Ravenclaw Fünftklässler gewesen. Er hatte erwartet, dass sie Rozelda
ähnlicher sehen würde, doch anstatt rotblonder Haare und blauer Augen hatte sie
dunkle Augen und hellbraunes Haar und die einzige Ähnlichkeit mit ihrer Mutter
bestand in ihrem Lächeln und in einem leichten Rotstich ihrer Haare.
„Und ich bin
hier in Hogwarts, weil ich in den letzten Jahren nach Möglichkeit immer
versucht habe eine Lehrerstelle an der Schule zu bekommen, die meine Tochter
besucht. In den letzten Jahren waren wir übrigens in Beauxbatons."
„Gibt es auch
noch einen Mr. Waterford oder darf ich deine Äusserung vom letzten Sonntag so
verstehen, dass er klug genug war um dich zu einer jungen Witwe zu machen?"
fragte er sarkastisch und beobachtete mit Genugtuung, wie sich die ersten Risse
in Rozeldas Gelassenheit zeigten.
„Falls es dich
interessiert - ich habe mich scheiden lassen", erläuterte sie widerwillig.
„Du hast dich
scheiden lassen? Bist du dir sicher, dass es nicht eher umgekehrt war?" fragte
er ölig.
„Oh, ja, da bin
ich mir sicher!" entgegnete sie gereizt. „Ich habe vor fünf Jahren die
Scheidung eingereicht, als ich herausgefunden habe, dass er versucht hat seine
Impotenz in anderen Betten zu kurieren!"
„Ich könnte mir
vorstellen, dass ihm bei einem Eisblock wie dir nichts anderes übrig blieb",
unterstellte Snape mit einem boshaften Lächeln.
Rozeldas Lippen
zitterten.
„Warum sagst du
so etwas? Glaubst du denn, das war alles so einfach für mich?!"
„Was willst du
von mir?" fragte er ungerührt.
„Du hast mir
immer noch nicht verziehen, nicht wahr?" fragte sie leise und sah ihn wehmütig
an.
Snape erwiderte
eine Weile stumm ihren Blick, doch dann fixierte er das Bücherregal an der Wand
hinter ihr.
Rozelda stand
auf.
„Ich wollte nur,
dass du weißt, dass du nicht der Einzige warst, der unter dieser Ehe gelitten
hat."
Sie hielt den
Kopf leicht gesenkt und verliess sein Büro ohne ein weiteres Wort.
Snape hatte sie
aufhalten wollen, doch als er endlich die richtigen Worte gefunden hatte, war
es schon zu spät und die Tür hatte sich hinter ihr geschlossen.
Einige Sekunden
lang blieb er regungslos in seinem Stuhl sitzen, dann fegte er mit einer
plötzlichen Armbewegung alle Utensilien von seinem Schreibtisch.
Kapitel 3
I could have danced all night
Die ganze Schule fieberte in freudiger Erregung
dem letzten Freitag vor den Weihnachtsferien entgegen, denn Dumbledore hatte
ihnen einen Weihnachtsball versprochen. Als der grosse Abend endlich
angebrochen war, wurden Hermine und Ginny von Harry und Ron abgeholt und in den
grossen Saal begleitet.
Hermine trug ein
bordeauxrotes Kleid mit langen Ärmeln und einem knöchellangen, sanft
schwingenden Rock. Ihre Haare hatte sie locker hochgesteckt und sie fragte sich
zum wiederholten Mal warum sie sich eigentlich so hübsch gemacht hatte.
‚Wahrscheinlich
habe ich mich von Ginnys Begeisterung anstecken lassen', dachte sie säuerlich.
Sie hatte auch überhaupt keine Lust mit einem von den Jungs zu tanzen - die
sahen in ihr doch nur den guten Kumpel, der ihnen mit den Hausaufgaben helfen
sollte und nicht die junge Frau, die sich nach Beachtung sehnte. Trotzdem liess
sie sich von ihnen und Ginny mitschleppen und heuchelte Bewunderung für die
gelungene Dekoration des Saales.
Es gab ausser
Hermine noch jemanden, dem der Sinn nicht nach einem Ball stand. Severus Snape
stand etwas abseits der anderen Lehrer und überlegte sich im Stillen, wann er
anstandshalber diese idiotische Veranstaltung verlassen konnte, ohne Anlass zu
einer dummen Bemerkung seitens seiner lieben Kollegen zu geben. Für eine Weile
schien alles nach Plan zu laufen, sogar Lupin hielt sich heute auf Distanz, als
zu seiner Überraschung Rozelda mit einem lieblichen Lächeln auf den Lippen auf
ihn zutrat.
„Ich glaube, ich
schulde dir noch einen Tanz", flüsterte Rozelda ihm zu.
„Du schuldest
mir gar nichts", entgegnete Snape kalt, ohne sie anzusehen.
„Gehen wir einen
Moment nach draussen?" lockte sie zärtlich und ihre schmale Hand schob sich für
einen Augenblick in seine und berührte leicht seine Handinnenfläche.
Er sah sie an
und nickte unwillkürlich. Dann begleitete er sie in den nächtlichen Garten.
Sie legte einen
einfachen Wärmezauber um beide, dann trotz des fehlenden Schnees war es nachts
empfindlich kalt.
Wieder stahl
sich ihre Hand in die seine und dieses Mal konnte er nicht anders. Er hielt sie
fest.
„Warum hast du
mich damals nicht wenigstens gewarnt?" fragte er.
„Ich weiss, das
war sehr schlecht von mir", antwortete sie leise mit belegter Stimme. „Aber ich
konnte es einfach nicht. Ich hätte es nicht ertragen, den Schmerz in deinem
Gesicht zu sehen."
„Und deshalb
hast du lieber gewartet, bis dieser Waterford auf unserem Schulabschlussball
eure Verlobung bekannt gegeben hat", stiess er zornig hervor.
„Ich habe immer
nur dich geliebt", bekannte sie und versuchte vergeblich ein Schluchzen zu
unterdrücken.
„Trotzdem hast
du Waterford geheiratet", entgegnete Snape ungerührt.
„Ich war doch
noch so jung und meine Familie hätte nie zugelassen, dass ich mich mit jemand
verbinde, der nicht in irgendeiner Beziehung zum Haus Ravenclaw steht. Und
schon gar nicht mit jemand aus Slytherin. Was hätte ich denn tun sollen?" Sie
zog ein Taschentuch hervor und betupfte ihre Augen.
„Ich wünschte,
ich könnte dir glauben", sagte Snape bitter und ging allein in den Ballsaal
zurück.
Dort angelangt,
war sein sehnlichster Wunsch, diese Veranstaltung so schnell wie möglich zu
verlassen, doch schon nach wenigen Schritten vertrat ihm Lupin den Weg zum
Ausgang.
„Wo willst du
hin?" fragte Lupin.
„Raus",
erwiderte Snape knapp.
„Oh, nein, das
wirst du nicht tun", stellte Lupin gelassen fest und drückte ihm ein Glas in
die Hand. „Ich habe dir etwas zu trinken besorgt. Ich dachte, du könntest es
brauchen."
„Lass' mich in
Ruhe und geh' mir aus dem Weg!"
„Nein, das werde
ich nicht tun", äusserte Lupin bestimmt. „Es hat gereicht, dass du dich auf
unserem Abschlussball wegen Rozelda komplett zum Narren gemacht hast. Und
solange ich hier bin, werde ich nicht zulassen, dass so etwas zum Zweiten Mal
passiert. Und jetzt trink' endlich."
Snape starrte
Lupin wortlos an, doch dann trank er das Glas in einem Zug aus. Dem angenehmen
Brennen nach, das sich in seinem Körper ausbreitete, war es wohl Whiskey
gewesen.
Lupin nippte
lediglich an seinem Drink. „Du solltest sie vergessen", äusserte er leichthin.
„Sie spielt nur mit dir."
„Woher willst du
das wissen?" fragte Snape rau.
„Ich habe selbst
schon ein paar Mal mit Männern gespielt - ich weiss, wie so etwas aussieht und
wie es funktioniert", entgegnete Lupin trocken. „Du solltest nicht mehr an sie
denken und dich stattdessen einmal in deinem Leben ein bisschen amüsieren. Dies
ist ein Weihnachtsball, Severus - keine Beerdigung."
„Den Teufel
werde ich tun", knurrte Snape, drückte Lupin sein leeres Glas in die Hand und
ging weiter in Richtung Ausgang.
„Also, was ist
jetzt, Hermine - tanzt du jetzt mit uns?" fragte Harry bereits zum x-ten Mal an
diesem Abend.
„Nein, ich habe
euch schon hundert Mal erklärt, dass ich keine Lust habe", gab Hermine
ärgerlich zurück.
„Ja, schon", gab
Ron grinsend zurück. „Aber deshalb müssen wir das noch lange nicht glauben.
„Ginny hat
schliesslich auch schon mit uns getanzt", versetzte Harry.
„Könnt ihr mich
nicht einfach in Ruhe lassen", stöhnte Hermine.
„In Ruhe lassen?
Beim Weihnachtsball? Das ist ein bisschen zuviel verlangt", stellte Ron unbarmherzig
fest.
Harry stupste
Ron in den Oberarm. „Pst, Ron, vielleicht kann sie gar nicht tanzen."
„Natürlich kann
ich tanzen", explodierte Hermine. „Und ihr wisst das auch genau. Wir waren
schliesslich in derselben Tanzstunde."
„Ja", grinste
Ron. „Und mir tun die Füsse immer noch weh. Aber, Harry, vielleicht liegt es
auch daran, dass in der ‚Geschichte Hogwarts' steht, dass Schulsprecher nicht
tanzen dürfen."
„Das ist doch
alles Quatsch!" rief Hermine empört. „Ich kann tanzen, ich darf tanzen und ich
werde tanzen - aber nicht mit euch!"
„Mit wem denn
dann?" fragte Harry hinterhältig.
„Von mir aus mit
dem Erstbesten, der mir über den Weg läuft!"
„Wetten, dass
nicht?" stichelte Ron.
„Wetten, dass
doch!" fauchte Hermine und drehte sich auf dem Absatz um und wäre beinahe in
Snape hineingerannt, der gerade dem Ausgang zustrebte. Beide blieben abrupt nur
wenige Zentimeter voneinander entfernt stehen.
Snape starrte
düster auf sie hinunter und Hermine fing schon an sich zu entschuldigen.
„Oh, Verzeihung,
Sir, ich..." dann hörte sie unterdrücktes Gekicher hinter ihrem Rücken und sie
drehte sich irritiert zu Ron und Harry um, die beide ein breites Grinsen nicht
unterdrücken konnten.
Panik stieg in
Hermine auf. Sie hatte gerade gewettet, dass sie mit dem Erstbesten... Oh Gott!
Ausgerechnet Snape!
„Das gilt
nicht", zischte sie panisch den beiden Jungen zu.
„Oh, doch",
flüsterte Harry zurück. „Das gilt."
Snape hatte
diesen kurzen Austausch beobachtet und vermutete, dass dieses infame Trio
wieder etwas ausgebrütet hatte. Hatte Lupin ihm nicht geraten, sich auf diesem
Ball zu amüsieren? Immerhin hatte er ihm nicht vorgeschrieben, wie dieses
Amüsement auszusehen hatte und im Moment hätte er es äusserst amüsant gefunden
diesen drei Unruhestiftern Strafarbeiten aufzubrummen. Er wartete deshalb ab,
was wohl dahinter stecken mochte.
Als sich Hermine
ihm wieder zuwandte hob er deshalb lediglich eine Augenbraue. Es überraschte
ihn, dass sie aufgeregt, aber entschlossen zu sein schien.
„Professor
Snape, Sir..." sie räusperte sich nervös. „Tanzen Sie?"
Seine Mundwinkel
zuckten unmerklich.
„Nein, im Moment
stehe ich hier und versuche zu ergründen, was Sie eigentlich von mir wollen,
Miss Granger", sagte er mit einem Hauch von Ungeduld in seiner Stimme.
Hermine biss
sich nervös auf die Unterlippe. Hatte Snape gerade einen Scherz gemacht, oder
litt sie schon an einem Adreanlin-Schock? Doch so leicht würde sie nicht
aufgeben! Sie nahm all ihren Mut zusammen und sprach ihn erneut an.
„W-würden Sie
mit mir tanzen, Professor?"
Snape musterte
sie mit Interesse.
„Eine Mutprobe,
Miss Granger?" flüsterte er so leise, dass nur Hermine es hören konnte.
Sie wurde rot
bis unter die Haarspitzen.
„So etwas
Ähnliches", flüsterte sie genauso leise und etwas atemlos zurück. „Tanzen Sie
jetzt mit mir, bitte!" wisperte sie mit flehentlich aufgerissenen Augen. Sie
konnte förmlich spüren, wie Ron und Harry hinter ihrem Rücken vor Schadenfreude
fast platzten.
Einen Augenblick
war Snape im Zweifel, ob er hier das Ziel eines derben Scherzes oder doch der
Retter für eine Jungfrau in Nöten war. Er kam zu dem Schluss, dass diese
Überlegungen eigentlich unrelevant waren. Wenn es ein Scherz sein sollte, dann
würde er im Endeffekt als Lehrer immer noch am längeren Hebel sitzen und als er
in diesem Moment aus den Augenwinkeln heraus wahrnahm, dass Rozelda gerade
wieder den Saal betreten hatte, fällte er eine Entscheidung.
„Es ist mir eine
Ehre", sagte er kühl, aber nicht unfreundlich zu Hermine, die einen Moment
brauchte um sich von dem Schock zu erholen. Doch als sie in seinem Gesicht nur
milden Spott las, gab sie sich einen Ruck und legte ihre Hand in seine.
Die Kapelle
spielte einen langsamen Walzer und Hermine fühlte Snapes Hand auf ihrem Rücken
während seine Finger ihre Hand umschlossen. Automatisch legte sie ihre linke
Hand leicht auf seine Schulter und ihr Adrenalin-Schock erreichte seinen
Höhepunkt.
‚Was tue ich
hier eigentlich?' fragte sie sich fast schon verzweifelt. ‚Und das alles nur,
weil ich vor den Jungs keinen Rückzieher machen wollte' dachte sie bitter. Ihre
Nervosität nahm von Sekunde zu Sekunde zu, doch als nichts weiter geschah,
sondern Snape einfach nur schweigend mit ihr tanzte, legte sich ihre Panik
wieder genug, damit sie überrascht feststellen konnte, dass Snape ausgezeichnet
tanzte.
„Wenn es keine
Mutprobe war, dann muss es eine Wette gewesen sein", äusserte Snape
unvermittelt und Hermines Herz setzte für ein paar Schläge aus.
„Haben Sie
gewonnen oder verloren, Miss Granger?"
„Gewonnen",
antwortete Hermine einsilbig, da eine ungewohnte Schüchternheit ihre Zunge
lähmte.
„So schweigsam
heute, Miss Granger?"
Vorsichtig
schielte Hermine zu ihm empor. Neckte er sie etwa?
„Es ist höflich,
sich während des Tanzes ein wenig zu unterhalten, Miss Granger."
Hermine wurde
wieder rot. Das war einfach zu viel für einen Abend. Nahm der Tanz denn kein
Ende? ‚Also gut', feuerte sie sich selbst an, ‚sag' was - irgendetwas'.
„Ich hatte keine
Ahnung, dass Sie so gut tanz..." Sie biss sich entsetzt auf die Unterlippe. ‚Oh
Gott, was rede ich da eigentlich?'. Sie versuchte es erneut. „Ich meine, ich
habe Sie noch nie tanz..." Ihre Stimme erstarb. ‚Okay, das war's. Jetzt hält er
mich zu Recht für eine komplette Idiotin'.
„Die Tatsache,
dass Sie mich gewisse Dinge nie tun sehen, heisst nicht, dass ich sie nicht
beherrsche", antwortete Snape erstaunlich gelassen. Hermine starrte ihn mit
weitaufgerissenen Augen an. Kein Hohn, kein Spott? Die Frage ‚Wer sind Sie und
was haben Sie mit Professor Snape gemacht?' drängte sich ihr auf, doch sie
hielt sicherheitshalber den Mund.
„Und Sie würden
auch wesentlich besser tanzen, wenn Sie aufhören würden, wie ein erschrecktes
Kaninchen in die Gegend zu starren", ergänzte Snape mit leichtem Sarkasmus.
„Das Kaninchen
vor der Schlange", platzte Hermine heraus und konnte ein Kichern nicht
unterdrücken.
„Miss Granger,
Sie haben ja Humor", spöttelte Snape leise, doch Hermines Spannung hatte sich
endlich gelöst und sie lächelte ihn vorsichtig an.
Snape sah
vielleicht einen Moment zu lang in ihre leuchtenden Augen, denn auch über seine
Lippen huschte die Andeutung eines Lächelns.
Lupin
beobachtete den Zaubertränkelehrer und seine Tanzpartnerin mit einem
zufriedenen Lächeln auf den Lippen.
„Ich glaube das
einfach nicht!" rief eine weibliche Stimme dicht an seinem Ohr und eine
kräftige Hand packte Lupin fast schmerzhaft am Arm.
Lupin drehte den
Kopf zur Seite und grinste, als er Madam Hooch erkannte.
„Ist das da
wirklich Snape?!" Hooch war völlig entgeistert.
„Ja, es hat ganz
den Anschein", antwortete Lupin gutgelaunt. „Aber würdest du bitte aufhören,
mir den Arm zu zerquetschen? Danke."
„Was um alles in
der Welt tut er da?"
„Er amüsiert
sich, würde ich sagen", erwiderte Lupin trocken und setzte in Gedanken ein
‚Endlich' hinzu.
„Ich denke, ich
werde heute Abend auch noch ein Tänzchen mit ihm wagen", hauchte Professor
Trelawney ätherisch, die sich zu ihnen gesellt hatte.
Hooch warf ihr
einen finsteren Blick zu. „Hinten anstellen, Schwester", knurrte sie
entschlossen.
„Wenn Sie
solange mit mir vorlieb nehmen wollen, Sibyll", äusserte Lupin gottergeben und
machte eine leichte Verbeugung in Trelawneys Richtung.
Der Abstand
zwischen Hermine und Snape, der zu Anfang reichlich bemessen gewesen war, hatte
sich unmerklich verringert, ohne dass es einem von ihnen bewusst geworden wäre.
Erst als sich ihre Körper leicht berührten, erkannte Hermine, wie nahe sie ihm
war und dass es sie erstaunlicherweise nicht mehr störte. Ihr Herz begann
gerade ein ganz klein wenig schneller zu schlagen, als der Tanz vorbei war.
„Soll ich Sie zu
Ihren Freunden zurückbringen, Miss Granger?"
„Nein, danke.
Ich fürchte, das wäre zuviel des Guten. Ich möchte die beiden ungern
überfordern", erwiderte sie forsch.
Snapes
Mundwinkel zuckten leicht und er sah ihr noch eine Weile nach, wie sie sich
ihren Weg zurück zu Ron und Harry bahnte, die sie beide mit offenem Mund
anstarrten. Doch dann stand Madam Hooch mit kriegerisch funkelnden Augen vor
ihm.
„Okay, Severus,
nachdem du mich über fünf Jahre hingehalten hast, gehört der nächste Tanz mir."
Snape
unterdrückte ein Stöhnen. Hätte er nur nie auf Lupins Ratschlag gehört!
Come together
Am Morgen nach
dem Ball stieg Snape allein auf den Astronomieturm um etwas frische Luft zu
schnappen, solange in Hogwarts alles wegen der in die Weihnachtsferien
abreisenden Schüler Kopf stand.
Er hatte nicht
sehr viel geschlafen in der letzten Nacht und die kalte Luft erfrischte ihn. Er
beobachtete die dunstigen Wolkenschleier am Himmel und fragte sich müssig, ob
es wohl schneien würde, als er Schritte auf der Treppe hörte und sich kurz
darauf Rozelda zu ihm gesellte.
„Man könnte
glauben, du verfolgst mich", sagte Snape und musterte sie distanziert.
Rozelda bemühte
sich um heitere Unbekümmertheit, doch ihre Augenlider flatterten leicht.
„Es bleibt mir
ja fast nichts anderes übrig, Severus."
Er machte
Anstalten, den Turm zu verlassen, doch ihre Stimme hielt ihn zurück.
„Severus,
bitte... lass' mich dir doch erklären..."
Er drehte sich
zu ihr um, wollte nur noch einen kurzen Blick auf sie werfen, bevor er zurück
in seine Räume ging, doch ihre faszinierenden veilchenblauen Augen hielten ihn
zurück.
„Also gut, was
hast du mir zu sagen?"
„Du hast mir
gefehlt..."
„Es lag allein
in deiner Hand - aber du hast dich für Waterford entschieden", versetzte Snape
kalt.
„Aber das habe
ich doch schon gestern versucht zu erklären", sie blickte ihn flehentlich an.
„Meine Familie hat dieses Band geknüpft - wie hätte ich mich gegen sie alle
durchsetzen sollen? Ich hatte gehofft, ich könnte dich vergessen, doch das
konnte ich nicht."
Snapes Augen
verengten sich.
„Nein, das
konntest du wohl nicht - oder warum wärst du sonst in jener Nacht zu mir
gekommen?"
„Severus",
protestierte sie schwach.
„In jener Nacht
hast du das Bett mit mir geteilt, doch als ich am nächsten Morgen aufwachte,
warst du schon weg und im Begriff Mrs. Waterford zu werden. Eine unbedeutende
Tatsache, die du offensichtlich vergessen hattest mir vorher mitzuteilen, denn
ich habe es erst eine volle Woche später durch Zufall erfahren!"
Tränen
schimmerten in Rozeldas Augen, doch Snape war noch nicht fertig.
„Und wenn wir gerade
dabei sind: ich habe wohl gemerkt, dass du damals schon keine Jungfrau mehr
warst", entgegnete er scharf.
Rozelda atmete
tief durch.
„Ich hatte zu
diesem Zeitpunkt bereits mit Waterford geschlafen und es war jämmerlich",
antwortete sie bitter.
„Und deshalb
bist du zu mir gekommen? Um noch eine schöne Erinnerung zu haben?" fragte Snape
höhnisch.
„Nein, ich bin
zu dir gekommen, weil ich nicht mehr zurück wollte - aber ich bin mitten in der
Nacht aufgewacht und da hat mich der Mut verlassen... und ausserdem, Severus",
ihre Stimme sank zu einem Flüstern herab, „Warst du damals schon ein
Todesser... eine Frau und eine Familie hätten dich nur unnötig gefährdet..."
Ihre Stimme bebte. „Es hätte dich verletzbar... erpressbar gemacht... und das
wollte ich am Allerwenigsten. Deshalb bin ich in jener Nacht gegangen und habe
am nächsten Morgen Waterford geheiratet."
Als sie
aufgehört hatte zu sprechen, wurde es auf dem Turm sehr still.
„Man sagt, die
Zeit heilt alle Wunden, aber manchmal braucht man etwas mehr als nur Zeit",
sagte Snape nach einer Weile und sah sie lange an. „Gehen wir wieder nach
unten?" fragte er ruhig und Rozelda nickte dankbar.
++++
Eine Woche
später kam Snape auf einem seiner routinemässigen Kontrollgänge an der
Bibliothek vorbei. Es war Samstag und die Schule war wie ausgestorben, da die
wenigen Schüler, die ihre Ferien hier verbrachten, entweder draussen im Schnee
herumtobten oder Hogsmeade unsicher machten.
Umso mehr
erstaunte es ihn, dass er das Rascheln von Papier und Pergamentrollen vernahm.
Er warf einen Blick durch die offene Tür und sah Hermine allein an einem der
Tische sitzen. Er hatte Hermine seit dem Ball nicht mehr gesehen und etwas in
ihrer Haltung weckte sein Interesse. Er hatte nichts Besonderes vor und
beschloss deshalb ein paar Worte mit ihr zu wechseln.
Hermine war so
vertieft in ihre Studien, dass sie ihn erst bemerkte, als er sie ansprach.
„So allein
heute, Miss Granger?"
Hermine zuckte
leicht zusammen und hob ruckartig den Kopf, doch als sie ihn erkannte,
beruhigte sie sich wieder.
„Ja, Ron und
Harry sind nach Hogsmeade gegangen", antwortete sie ruhig und wunderte sich
selbst, warum sie nicht viel nervöser war. Immerhin sprach sie gerade mit
Snape, dem Schrecken aller Schüler - obwohl sie ihn schon seit einer Weile
nicht mehr so nannte, wenn sie an ihn dachte. Und sie dachte seit dem Ball
etwas öfter an ihn als dies früher der Fall gewesen war.
„Warum sitzen
Sie dann hier und lernen? Sogar Sie haben Ferien, Miss Granger."
Sie beschloss,
den leisen Spott in seiner Stimme zu ignorieren.
„Oh, das sind
keine Hausaufgaben, Professor. Ich bereite mich auf die Sitzung der
Schulsprecher mit den Vertrauensschülern vor", gab sie bereitwillig Auskunft.
„Nehmen Sie das
nicht alles ein wenig zu ernst?" fragte Snape mit einem forschenden Ausdruck in
seinen Augen.
„Es ist für mich
eine grosse Ehre, zur Schulsprecherin ernannt worden zu sein. Und deshalb nehme
ich dieses Amt auch sehr ernst. Wenn das falsch sein sollte, dann ist es eben
falsch", antwortete Hermine bestimmt und wunderte sich, woher sie eigentlich
den Mut nahm, so mit Snape zu sprechen.
Snapes
Mundwinkel zuckten kaum merklich.
„Ich glaube,
eher friert die Hölle zu, als dass Sie einmal etwas falsch machen würden, Miss
Granger."
Mit diesen
Worten verliess er die Bibliothek wieder und Hermine sah ihm mit offenem Mund
nach.
Hatte sie sich
das nur eingebildet, oder hatte Snape tatsächlich schon wieder einen Scherz
gemacht? Was immer es war - er hatte sich definitiv verändert und der neue
Snape gefiel ihr ausnehmend gut.
+++
Nachdem die
Schule nach den Winterferien wieder angefangen hatte, fieberten die meisten der
Schüler und der Lehrer dem nächsten Quidditch-Spiel zwischen Ravenclaw und
Gryffindor entgegen. Beim ersten Spiel von Ravenclaw gegen Hufflepuff war
Rowena Lexington noch nicht eingesetzt worden, doch dieses Mal sollte sie als
Jägerin ihre erste Chance bekommen. Da noch niemand sie auf einem Besen gesehen
hatte , war sie eine unbekannte Grösse, die Harry in seiner Eigenschaft als
Mannschaftskapitän nicht geringes Kopfzerbrechen bereitete. Auch ausserhalb des
Spielfeldes dachte er oft an die selbstbewusste Fünfzehnjährige. Er hatte auf
dem Ball einige Male mit ihr getanzt und er wechselte oft ein paar Worte mit
ihr, wenn sie sich zufällig trafen. Harry musste sich selbst eingestehen, dass
er an der fröhlichen und schlagfertigen Ravenclaw Gefallen gefunden hatte.
Trotzdem bereitete es ihm keine Schwierigkeiten, seinen Treibern und seinem
Hüter vor dem Spiel die Anweisung zu geben, sie notfalls vom Besen zu hauen,
wenn es denn sein musste.
Es war Anfang
Februar und der Boden war zwar schneefrei, aber hartgefroren. Die Sonne schien,
doch die Luft war immer noch eisig und Lupin, der neben Dumbledore sass, war
froh, dass er seinen alten Gryffindor-Schal wieder gefunden hatte. Der letzte
Vollmond steckte ihm noch in den Knochen, er fror erbärmlich und die Tatsache,
dass einige Sitzreihen vor ihm Rozelda sich direkt neben Severus platziert
hatte, trug nicht gerade dazu bei seine Laune zu heben. Er wusste nicht wieso,
aber er konnte diese Frau einfach nicht ausstehen. Und um alles noch zu
verschlimmern, schien Severus sie seit Neuestem mit mehr Rücksicht zu
behandeln. Offensichtlich schien Severus eine Wiederauflage ihrer Beziehung
nicht mehr so kategorisch abzulehnen wie noch vor wenigen Wochen.
„Severus, wer
ist eigentlich dieser Junge?" fragte Rozelda, als die Gryffindor-Mannschaft das
Spielfeld betrat und zeigte dabei auf Harry.
„Du weißt nicht
wer das ist?" fragte Snape mild überrascht zurück.
„Nein, ich habe
ihn noch nie in meinem Unterricht gesehen. Er hat wahrscheinlich andere Fächer
belegt."
„Das ist Harry
Potter, Rozelda. Der berühmte Harry Potter", antwortete Snape spöttisch.
„Ein
Gryffindor...", sagte Rozelda nachdenklich. „Er hat auf dem Ball ein paar Mal
mit Rowena getanzt und ich habe sie seither auch einige Male zusammen gesehen."
„Sicher bringt
deine Tochter nur ihre Heldenverehrung zum Ausdruck", erwiderte Snape
gelangweilt.
„Ich möchte
nicht, dass sie sich weiterhin mit ihm trifft", sagte Rozelda bestimmt. „Rede
du mit diesem Potter, dass er die Finger von meiner Tochter lassen soll",
verlangte sie von Snape.
Snape reagierte
äusserst unwirsch.
„Was habe ich
denn damit zu tun? Solltest du vergessen haben, dass Minerva seine Hauslehrerin
ist und ich überhaupt nichts mit dem Jungen zu tun habe?"
„Nein, das habe
ich nicht vergessen. Aber nach allem, was ich so gehört habe, scheinst du der
einzige Lehrer - ausser Dumbledore - zu sein, dem er etwas Respekt
entgegenbringt. Alle anderen Lehrer sind ja viel zu begeistert von ihm, um ihm
einmal eine Rüge zu erteilen", behauptete Rozelda stur.
So ungern Snape
das auch zugab, Rozeldas Sicht der Dinge schmeichelte ihm - dennoch spürte er
kein gesteigertes Verlangen sich zwischen zwei hormonbeladene Teenager zu
stellen, die ihn nichts angingen.
„Warum stört
dich das überhaupt?" fragte er ungnädig. „Dutzende von Müttern wären begeistert
über Mr. Potter als potenziellen Schwiegersohn. Oder hängt es vielleicht wieder
mal mit deiner standesbewussten Familie zusammen?"
„Wie bitte?"
„Wessen Idee war
es eigentlich, deine Tochter ausgerechnet Rowena zu nennen?" seine Stimme hatte
einen leicht giftigen Ton angenommen und Rozelda ging in Verteidigungsstellung.
„Immerhin war
meine Urgrossmutter eine geborene Ravenclaw - eine Tatsache auf die ich und Rowena
mit Recht stolz sein können. Das hat mit einem Standesdünkel, wie du ihn mir
hier unterstellst überhaupt nichts zu tun! Ich will auch nur nicht, dass meine
Tochter jetzt schon mit Jungs anfängt. Sie ist immerhin erst fünfzehn!"
Snape sagte
daraufhin nichts mehr und das restliche Spiel herrschte ein ungemütliches
Schweigen zwischen den beiden Lehrern.
Lupin achtete zu
Anfang des Spieles hauptsächlich auf Harry um Sirius im nächsten Brief alles
über seinen Patensohn berichten zu können, doch als Rowena ein Tor nach dem
anderen schoss, richtete sich seine Aufmerksamkeit auf die neue Jägerin der
Ravenclaws. Er beobachtete sie fasziniert, bis ihm bei einem ihrer Flugmanöver
ein ziemlich dummer Gedanke kam.
„Eine begabte
Fliegerin, nicht wahr?" hörte er Dumbledore fragen.
„Ja", gab Lupin
zögernd zu. „Aber ihr Flugstil kommt mir so bekannt vor... ich habe zwar
Rozelda nie fliegen sehen, aber hat Waterford nicht eine Zeit lang Quidditch
gespielt?"
„Nein, nie",
antwortete Dumbledore mit einem amüsierten Funkeln in den Augen.
„Ja, aber
dann..." Lupins Stimme erstarb und sein Blick glitt wie unter Zwang zu dem
Platz auf dem Severus sass. „Das kann doch nicht sein!"
„Ich sehe, Ihre
Gedanken gehen in die gleiche Richtung wie meine", entgegnete Dumbledore.
Gryffindor
gewann das Spiel knapp. Sie hatten am Ende nur 10 Punkte Vorsprung vor
Ravenclaw. Harry hegte keinerlei Zweifel darüber, dass sie das Spiel -
hauptsächlich wegen Rowena - sicher verloren hätten, wenn er den Schnatz nur
eine Minute später gefangen hätte. Er gratulierte ihr zu ihrer
aussergewöhnlichen Leistung und fand es sehr anziehend, dass sie zwar über das
Lob errötete, doch seinen Blick offen erwiderte.
++++
Am nächsten Tag
kündigte Snape zum Ende seines Unterrichtes an, dass er auch dieses Jahr wieder
einen vierwöchigen Intensivkurs für die Abschlussjahrgänge abhalten würde.
„Wenn Sie
Interesse daran haben, oder über ein Studium der Zaubertränke nachdenken, wird
Ihnen dieser Kurs von Nutzen sein. Eine Liste in die Sie sich eintragen können,
hängt in der Eingangshalle. Es werden allerdings nur 10 Schüler daran
teilnehmen können. Sollten sich mehr Interessenten melden, werde ich eine
Auswahl treffen", erläuterte er den Siebtklässlern aus Gryffindor und
Slytherin. Fast gleichzeitig klingelte es zum Ende der Stunde und die Schüler
erhoben sich und strebten dem Ausgang zu.
„Miss Granger",
rief Snape über den Lärm der aufbrechenden Schüler hinweg. „Sie bleiben noch
einen Moment." Er setzte sich wieder an seinen Pult und machte sich einige
Notizen. Erst als der letzte Schüler gegangen war, wandte er sich an Hermine,
die äusserlich ruhig vor ihm stand.
„Ich vermute, Sie werden sich auch für den
Kurs anmelden, Miss Granger."
„Ja, das habe
ich allerdings vor", antwortete sie ungezwungen.
Er musterte sie
einen Moment, dann nickte er.
„Sie sind sehr
begabt und werden zweifellos eine Bereicherung für diesen Kurs sein."
‚Begabt?'
Hermine glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. War sie plötzlich gestorben und in
den Himmel gekommen oder hatte Snape ihr gerade ein Kompliment gemacht? Sie
entschied sich für das Letztere.
„Danke, Sir",
sagte sie deshalb erfreut.
„Ich sagte
begabt, Miss Granger", dämpfte er ihre Begeisterung. „Begabt, nicht brilliant."
„Ja, natürlich,
Sir", antwortete Hermine spitz. „Ich hatte vergessen, dass ich für Sie nur eine
unerträgliche Besserwisserin bin." Ihr war plötzlich wieder eingefallen, wie er
sie in ihrem dritten Schuljahr vor der ganzen Klasse genannt hatte. „Kann ich
jetzt gehen?"
Snape musterte
sie mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck.
„Nein, setzen
Sie sich noch für einen Moment", sagte er dann und wies auf einen Platz in der
ersten Bankreihe.
Hermine
gehorchte und wartete mit einer Mischung aus Gewissensbissen, Trotz und Neugier
auf seine nächste Äusserung.
„Ich weiss, dass
die Schüler mich für hart und ungerecht halten. Aber das Leben ist hart und
ungerecht. Sie stimmen mir sicher zu, dass in einer gerechten Welt Mr. Potter
nicht ohne Eltern hätte aufwachsen müssen..." Er hielt einen Moment inne. „Ich
muss Prioritäten setzen und der beliebteste Lehrer Hogwarts zu werden rangiert
dabei ganz unten auf der Liste."
Snape wusste
selbst nicht genau, warum er Hermine das alles sagte. Er wollte sich ganz
sicher nicht bei ihr entschuldigen, aber warum war es plötzlich so wichtig,
dass sie ihn verstand?
„Lassen Sie mich
Ihnen ein Beispiel geben, Miss Granger. Wie würden Sie reagieren, wenn Sie
einen Tag vor der Abschlussprüfung feststellen würden, dass Sie vergessen haben
sich auf eines der Fächer vorzubereiten und in diesem Moment Mr. Potter und Mr.
Weasley nichts Wichtigeres zu tun hätten, als mit Ihnen die letzten
Schiedsrichterentscheidungen beim Quidditch zu besprechen?"
„Ich würde sie
zum Teufel..." antwortete Hermine spontan und biss sich dann auf die
Unterlippe, bevor sie den Satz beendete. Sie sah ihren Lehrer an und sie hatte
das Gefühl, also ob sich irgendwo eine Tür einen winzigen Spaltbreit geöffnet
hatte. „Ich würde sie zum Teufel schicken", erklärte sie mit Nachdruck und
stand dann auf. „Danke, Herr Professor. Ich denke, ich verstehe jetzt."
Kapitel 5
I wanna be loved by you
In den folgenden Tagen fühlte Snape immer öfter
Hermines ruhigen, klugen Blick auf sich ruhen und es war ihm seltsamerweise
nicht im mindesten unangenehm. Er schätzte ihre Intelligenz und er begrüsste
ihre ruhige Art und ihre zunehmende intellektuelle Reife, die sie zu einer
ausgezeichneten Schülersprecherin machten.
Da sein Leben
seit einiger Zeit - auch dank Rozelda - etwas strapaziös geworden war,
versuchte er, sich zusätzlichen Ärger - wenn möglich - vom Hals zu halten. Er
brauchte einen klaren Kopf um sich über seine Gefühle für Rozelda klar zu
werden. Zu lange war er es gewöhnt gewesen sie für das, was sie ihm einst
angetan hatte, zu verachten. Doch jetzt, nachdem er ihre Seite der Geschichte
kannte, wusste er nicht, wie er sich verhalten sollte. Ein Teil von ihm
tendierte zu Lupins Sicht der Dinge, doch ein anderer Teil sehnte sich danach,
ihr Glauben zu schenken.
Daher bestand
eine seiner Massnahmen um unnötigen Ärger zu vermeiden darin, dass er Longbottom
in seinem Unterricht einfach ignorierte um seine eigenen Nerven zu schonen.
Dies führte
einerseits dazu, dass Hermine dem armen Neville besser helfen konnte und
Neville im Unterricht nicht mehr so nervös war. Snape bemerkte dies nach
einiger Zeit und ärgerte sich, dass er nicht schon früher auf diese Idee
gekommen war. Er liess einige Unterrichtsstunden verstreichen, bevor er der
Klasse - zu Wiederholungszwecken - aufgab eine Schrumpflösung zu brauen, die er
schon vor Jahren mit ihnen durchgenommen hatte. Aus den Augenwinkeln heraus
beobachtete er Longbottom und stellte mit einer gewissen grimmigen Genugtuung
fest, dass der Bengel diesen Trank tatsächlich ohne fremde Einmischung braute.
Als die Stunde fast beendet war, schritt Snape durch die Bankreihen und vergab
Noten für die Schrumpflösungen. Schliesslich erreichte er auch Longbottom,
dessen Hände vor Aufregung zitterten.
Snape liess sich
Zeit - er schöpfte ein wenig von der Flüssigkeit ab und liess sie wieder in den
Kessel zurück plätschern. Dann zückte er sein Notizbuch.
„Etwas zu
wässrig, Longbottom. Sieben von zehn Punkten", sagte er kalt und bemerkte im
Weitergehen, dass Longbottom vor Glück fast ohnmächtig wurde. Als er vor
Hermine stand, fiel ihm ein, dass er einen Ruf zu verlieren hatte und liess deshalb
kein gutes Haar an ihrer Schrumpflösung, doch egal, was er auch zu ihr sagte,
nichts vermochte das Leuchten in ihrem Blick auszulöschen.
Abends im
Gryffindor-Gemeinschaftsraum waren Nevilles gute Noten im
Zaubertränkeunterricht immer noch das heisseste Gesprächsthema. Auch, dass
Hermine nur drei Punkte erhalten hatte wurde ausgiebig besprochen. Nur Hermine
bekam davon nicht allzuviel mit. Sie sass mit träumerischem Ausdruck in einem
der Sessel und nahm augenscheinlich nichts von ihrer Umgebung wahr.
„...von Ihnen
hätte ich wesentlich mehr erwartet, Miss Granger!" Ron gab unter grossem
Gelächter eine gelungene Parodie von Snape zum Besten. „Man sollte nicht
glauben, dass Sie schon in der Abschlussklasse sind, Miss Granger. Es ist
wirklich..."
„Hey, Hermine."
Harry hatte sie angestupst und Hermine sah irritiert auf. „Nun lach' doch auch
mal. Oder ärgerst du dich immer noch über Snape?"
„Was? Nein...
ich bin müde. Ich gehe ins Bett. Gute Nacht, Harry."
Harry beäugte
sie misstrauisch.
„Sag' mal, was
ist eigentlich los mit dir in letzter Zeit?" rief er ihr hinterher, doch
Hermine antwortete nicht.
Als sie in ihrem
Zimmer war, ging sie keineswegs gleich zu Bett. Stattdessen stellte sei einen
Stuhl an ihr Fenster und setzte sich gedankenschwer darauf. Die Ellbogen auf
das Fenterbrett gestellt und das Kinn in die Hände gestützt sass sie lange da
und starrte in die Dunkelheit hinaus.
Wann hatte sie
eigentlich aufgehört, Snapes eisigen Blick und seine sarkastischen Bemerkungen
persönlich zu nehmen und angefangen mehr in ihm zu sehen, als nur einen Lehrer?
Wann hatte sie
zum ersten Mal den Mann in ihm wahrgenommen? War es schon damals gewesen, als
er Arithmantik unterrichtet hatte und sie von seinem Unterricht mehr profitiert
hatte, als bei den anderen Lehrern? Sicher hatte auch der Weihnachtsball einen
grossen Anteil an ihrer veränderten Sichtweise. Manchmal glaubte sie immer noch
seine kräftigen Hände auf ihrer Haut zu spüren, die für jemanden der den
meisten Teil seiner Zeit in feuchtkalten Kerkergewölben verbrachte,
überraschend warm gewesen waren. An diesem Abend hatte sie auch seinen
scharfzüngigen, zynischen Sinn für Humor entdeckt, der eine Seite in ihr
ansprach, welche die meiste Zeit im Verborgenen schlummerte.
Sie dachte auch
gerne an die wenigen kurzen Gespräche zurück, die er in diesem Schuljahr mit
ihr geführt hatte. Sie war nicht so anmaßend zu glauben, dass sie ihn nun
wirklich verstehen würde, aber er hatte ihr dadurch einen kleinen Einblick in
seine Persönlichkeit gewährt, die sie überaus interessant fand.
Er war sicher
kein sehr gutaussehender Mann, doch sie fühlte sich dennoch auf unerklärliche
Weise von ihm angezogen. Sie entschied, dass das Schönste an ihm seine dunklen
Augen und seine ausdrucksstarken Hände waren. Eine neuerliche Prüfung ihrer
Gefühle führte sie zu der Erkenntnis, dass sie zwar nicht sonderlich angetan
war von dem Lehrer Professor Snape, aber unrettbar in den Mann Severus Snape
verliebt war.
Verliebt! Sie
fühlte, wie ihr Herz bei diesem Gedanken heftiger pochte. Flüchtig dachte sie
an ihre Schwärmerei für Professor Lockhart als sie in der zweiten Klasse
gewesen war, doch dann schüttelte sie energisch den Kopf. Nein! Die Gefühle,
die sie jetzt empfand waren anders. Sie war nicht blind für Snapes Fehler,
aber...
Dann kam ihr ein
äusserst unangenehmer Gedanke in den Sinn.
Sie war
Schulsprecherin und beinahe täglich kamen verzweifelte Schüler zu ihr um sich
über Snapes Ungerechtigkeiten zu beschweren oder sich bei ihr über seinen
Sarkasmus auszuweinen. Was sollte sie zukünftig nur tun? Sie war nun ganz
gewiss nicht mehr in der Lage den Hilfe suchenden Schülern einen objektiven Rat
zu erteilen - am Ende verriet sie sich noch unabsichtlich!
Das war nicht
gut - das war definitiv gar nicht gut. Was hatte sie sich überhaupt dabei
gedacht? Immerhin war sie selbst noch eine Schülerin und er war ihr Lehrer!
Hermine stöhnte
verhalten und ihr Kopf sank deprimiert auf das Fensterbrett.
Am nächsten Tag
bat sie Professor Dumbledore um ein Gespräch.
++++
„Was kann ich
für unsere reizende Schulsprecherin tun?" begrüsste der Direktor sie
freundlich.
Hermine setzte
sich und Dumbledore fiel auf, dass sie reichlich blass aussah.
„Darf ich Ihnen
etwas anbieten, Miss Granger? Tee? Oder ein paar Plätzchen?"
„Nein, danke,
Herr Professor", sagte Hermine mit fester Stimme. „Ich wollte sie lediglich
bitten, mich von meinem Amt als Schulsprecherin zu entbinden und jemand anderen
zu ernennen."
Dumbledores
weise Augen ruhten auf ihr und Hermine senkte beschämt den Kopf.
„Ich werde keine
so weitreichende Entscheidung treffen, ohne Ihre Gründe zu kennen", sagte er
schliesslich.
„Die Gründe sind
rein persönlicher Natur und tun deshalb nichts zur Sache", antwortete Hermine
um Sachlichkeit bemüht.
„Ich fürchte,
dass ich diese Antwort nicht akzeptieren kann, mein Kind."
Hermine fuhr
sich mit der Hand durch die Haare und kaute nervös auf ihrer Unterlippe.
Dumbledore blieb
geduldig. „Nicht vielleicht doch ein Schokoladenplätzchen?" fragte er
freundlich und bot Hermine eine offene Schachtel mit Plätzchen an.
Hermine schüttelte
stumm den Kopf. Dann schien sie sich einen Ruck zu geben. Sie sah Dumbledore
direkt in die Augen.
„Es sind
emotionale Gründe. Und ich glaube nicht, dass ich mein Amt als Schulsprecherin
unter diesen Umständen noch so ausfüllen kann, wie ich es sollte", erläuterte
Hermine zögernd.
Der Direktor
liess diese Antwort auf sich wirken und dachte gründlich darüber nach. Miss
Granger musste wohl ein Faible für einen der Lehrer entwickelt haben. Eine
andere Schlussfolgerung liessen ihre Antworten - oder besser ihre Weigerung auf
seine Fragen zu antworten - nicht zu. Es konnte nichts anderes sein. Um welchen
Lehrer mochte es sich wohl handeln? Die Auswahl war schnell getroffen. In einem
- für Schülerinnen - attraktiven Alter waren nur zwei Lehrer. Severus und Remus.
Ob Miss Granger wohl darüber orientiert war, dass der Letztere
gleichgeschlechtliche Beziehungen bevorzugte? Dumbledore war sich in diesem
Punkt nicht sicher, aber er tippte trotzdem auf Severus. Dieser Fall war
kompliziert. Er würde in Ruhe darüber nachdenken müssen.
„Miss Granger,
kommen Sie doch bitte in zwei Stunden wieder zu mir. Bis dahin werde ich eine
Entscheidung getroffen haben."
Hermine nickte
und war froh, wieder aufstehen zu dürfen. Sie hatte schon befürchtet, sie würde
mit der Wahrheit nicht länger hinterm Berg halten können.
Als er allein
war, zauberte sich Dumbledore ein Tasse Kräutertee herbei und tunkte ein
Schokoladenplätzchen ein. Nach dem dritten Plätzchen hatte er seine Gedanken
soweit geordnet, dass er Miss Grangers Problem erneut angehen konnte.
Er ging davon
aus, dass sich Miss Granger in Severus verliebt hatte. Das war in so weit ein
Problem, als dass sie seine Schülerin war und Dumbledore nicht wusste, ob es
sich nur um eine vorübergehende Schwärmerei handelte, oder ob ihre Gefühle
tiefer gingen. Eine Liebelei zwischen dem Lehrkörper und den Schülern war
selbstverständlich nicht erwünscht, doch andererseits behagte es dem Direktor
auch nicht sonderlich, dass Rozelda Lexington viel zu offensichtlich ihre Netze
nach Severus auswarf. Vielleicht ergab sich hier eine Möglichkeit...
Pünktlich zwei
Stunden später sass Hermine wieder Dumbledore gegenüber, der sie freundlich
anlächelte. Für Hermines Geschmack fiel sein Lächeln vielleicht etwas zu
verschmitzt aus und sie ahnte Fürchterliches.
„Miss Granger,
ich habe mich entschieden, in Ihrem Fall nicht allein die Entscheidung zu
treffen."
„Ach", stöhnte
Hermine ahnungsvoll.
„Ja, ich denke,
Sie sollten Ihr Problem noch einem anderen Lehrer vortragen. Ich würde mich
dann der Empfehlung dieses Lehrers anschliessen."
„Und an welchen
Lehrer hatten Sie da gedacht? Vielleicht an Professor McGonagall? Sie ist
immerhin meine Hauslehrerin", schlug Hermine suggestiv vor.
Doch Professor
Dumbledore schüttelte den Kopf.
„Nein, ich
dachte an jemand Objektiveren. Minerva wäre unter Umständen doch etwas
parteiisch und würde Sie womöglich dazu überreden im Amt zu bleiben." Er
zwinkerte leicht mit den Augen. „Ich dachte an Professor Snape."
Hermine schloss
für eine Sekunde die Augen. ‚Warum ich?' dachte sie niedergeschlagen.
„Ich möchte
lieber nicht mit Professor Snape darüber sprechen", wandte Hermine erstaunlich
beherrscht ein.
„Dann bleiben
Sie Schulsprecherin."
„Das kann ich
auch nicht", jammerte Hermine, doch Dumbledore lächelte nur und liess sich
nicht erweichen.
„Treffen Sie
Ihre Entscheidung, Miss Granger und jetzt wünsche ich Ihnen noch einen schönen
Tag."
Kapitel 6
Something stupid
Hermine liess
nach dem Gespräch mit Dumbledore einige Tage verstreichen während derer sie
sich verzweifelt bemühte, von allem Abstand zu gewinnen und eine logische
Entscheidung zu treffen. Doch sie schlief schlecht und demzufolge waren ihre
logischen Fähigkeiten nicht gerade auf der Höhe. Schliesslich wurde es für sie
zur fixen Idee, dass sie ihr Amt als Schulsprecherin loswerden musste, koste es
was es wolle. Deshalb stand sie eines Samstag nachmittags vor Snapes Büro und
bevor sie wusste, was sie eigentlich tat, hatte sie auch schon angeklopft.
Snape
korrigierte gerade Aufsätze als es an seine Tür klopfte. Auf sein „Herein"
öffnete sich die Tür und Hermine trat ein.
Er sah nur kurz
auf. „Was kann ich für Sie tun?" fragte er knapp und fuhr fort, die Aufsätze zu
studieren.
„Ich muss mit Ihnen sprechen, Professor Snape",
sagte sie mit einem seltsamen Unterton der Snape hellhörig werden liess. Er
legte die Feder und die Aufsätze beiseite und lud Hermine mit einer
Handbewegung ein, Platz zu nehmen.
„In welcher
Angelegenheit?"
Sie schluckte.
„Ich möchte Sie
bitten, mich von meinem Amt als Schulsprecherin zu entbinden", antwortete sie
gepresst.
Snape musterte
sie unwillig.
„Sollten Sie mit
dieser Bitte nicht eher beim Direktor dieser Schule vorsprechen?" fragte er mit
abweisendem Unterton.
„Da war ich
schon. Er hat mich zu Ihnen geschickt. Er wollte in dieser Angelegenheit Ihre
Meinung hören."
Snape fiel auf,
dass Hermines Gesichtsfarbe schon mehrfach von rot zu leichenblass gewechselt
hatte und eine dunkle Ahnung stieg in ihm hoch.
„Warum schickt
er Sie dann vor und spricht mich nicht selbst darauf an?" fragte er neutral.
„Er wollte, dass
ich es persönlich mit Ihnen bespreche."
„Ich wüsste
nicht, was es da zu besprechen gibt. Sie sind eine hervorragende
Schulsprecherin und ich denke nicht daran Ihrer Bitte zu entsprechen",
erwiderte er schroff. Was zum Teufel ging hier eigentlich vor? „Und wie kommen
Sie eigentlich auf diese absurde Idee?"
„Ich glaube,
dass ich mein Amt nicht mehr mit der gebotenen Objektivität ausführen kann",
sagte Hermine mit leicht bebender Stimme.
„Und was
verleitet Sie zu dieser völlig irrationalen Annahme?" fragte Snape sarkastisch.
Hermine wurde
wieder blass und verknotete nervös ihre Finger ineinander. Dann stand sie
abrupt auf.
„Ich... ich...
verzeihen Sie, dass ich Ihre Zeit vergeudet habe... ich", stiess sie erregt
hervor. Hermine drehte sich um und machte eine paar rasche Schritte zur Tür,
doch dann drehte sie sich wieder um und sah unschlüssig zu Snape, der sie mit
einer seltsamen Mischung aus Zorn und Verblüffung anstarrte.
Sie biss sich
auf die Unterlippe und trat wieder näher an seinen Schreibtisch, wo sie stehen
blieb.
„Es sind sehr
persönliche, emotionelle Gründe, die ich nicht mit Ihnen besprechen werde",
flüsterte sie aufgelöst und senkte ihren Blick während sie wieder auf den Stuhl
vor Snapes Schreibtisch sank.
Snape erstarrte
für einen Moment. Hatte er gerade richtig gehört? Ihr ganzes Verhalten ergab
doch nur einen Sinn, wenn Miss Granger glaubte, in einen der Lehrer verliebt zu
sein. Sprach sie am Ende gar von Remus? Sollte sie vielleicht nicht wissen,
dass... Seine Augen verengten sich, während er darüber nachdachte, wie sie
gerade seinem Blick ausgewichen war - das hatte sie doch schon vor Wochen
aufgegeben ... sollte sie möglicherweise in ihn...? Doch bevor er sich noch zu
einer Reaktion entschliessen konnte, brach Hermine das Schweigen, bevor es
unangenehm zu werden drohte.
„Nachdem ich
mich soeben völlig idiotisch benommen habe, werden Sie jetzt sicher das
Bedürfnis haben, eine entsprechende Bemerkung zu machen - ich habe nur eine
Bitte: könnten wir diesen Programmpunkt etwas schneller hinter uns bringen,
damit Sie anschliessend meine Amtsenthebung befürworten können und ich dann
endlich diesen Raum verlassen kann?" fragte sie mit wässriger Stimme und
gesenktem Blick.
Snape bemerkte,
dass sie sich mit dem Handrücken eine Träne von der Wange wischte. Diese simple
Geste berührte ihn merkwürdig. Er zog aus seinem Umhang eines seiner
Taschentücher, dann stand er auf, ging um den Schreibtisch herum und drückte es
ihr in ihre zitternden Hände. Er lehnte sich an seinen Schreibtisch und
verschränkte die Arme vor der Brust.
„Warum sollte
ich etwas dergleichen tun? Gefühle haben nur selten etwas Lächerliches an
sich", bemerkte er dumpf.
Hermine seufzte
verzagt.
„Kann ich jetzt
wieder gehen?" fragte sie leise.
„Nein, nicht
bevor Sie sich wieder einigermassen beruhigt haben", befahl Snape. „Wenn Sie
jemand sieht, wie Sie in diesem Zustand mein Büro verlassen, wird jeder
annehmen, ich hätte Sie zu hart angepackt und alle Vertrauensschüler würden
meinen Kopf fordern. Das wollen Sie doch nicht, oder?"
Hermine lächelte
matt.
„Na, sehen Sie,
es geht doch", sagte er überraschend sanft. „Ich nehme an, Sie haben sich in
jemanden verliebt, der etwas... unpassend für Sie ist?"
Hermine hielt
für einen Moment den Atem an und streifte Snape mit einem wachen Blick. Doch
Snape hatte sich wieder völlig in der Gewalt und liess sich nicht anmerken,
dass er glaubte, Bescheid zu wissen. Hermine konnte in seinen Zügen nur milde
Neugier erkennen , jedoch keinerlei Argwohn. Sie atmete erleichtert aus und
nickte.
„Befriedigen Sie
meine Neugier, Miss Granger? Gibt es keinen... passenderen Mann, in den Sie
Ihre Gefühle investieren könnten?"
Seine neutrale
Haltung gab ihr wieder genug Mut, um ihm zu antworten. Solange er nur nicht
merkte, dass er derjenige war...
„Nein", murmelte
sie verschnupft.
„Nein?" er hob
eine Augenbraue. „Mr. Weasley - oder vielleicht sogar Mr. Krum?"
„Nein", sie
schüttelte den Kopf. „Mit Viktor, das... das war nichts... und Ron und ich...",
sie seufzte. „Es hat einfach nicht funktioniert. Wir sind nur Freunde."
Snape räusperte
sich.
„Wahrscheinlich
sind Sie einer kurzfristigen Verblendung erlegen, Miss Granger - niemand kann
Ihnen das zum Vorwurf machen. Wahrscheinlich werden Sie sich noch vor den
Osterferien fragen, wie Sie sich je einbilden konnten, zärtlichere Gefühle
für... denjenigen zu empfinden. Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf -
denken Sie nicht mehr darüber nach." Seine Stimme war spröde.
Hermine wischte
sich erneut über die Augen und fragte dann mit belegter Stimme: „Darf ich jetzt
gehen?"
„Ja, Miss
Granger." Er setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch.
„Würden Sie mir
noch eine Notiz für Professor Dumbledore mitgeben?" fragte sie ungewohnt
schüchtern.
„Nein, das werde
ich nicht, Miss Granger. Ich halte die grosse Bedeutung, die Sie dieser
Angelegenheit offensichtlich beimessen, für völlig ungerechtfertigt. Soweit es
mich angeht, hat dieser Vorfall nie stattgefunden. Und ich denke nicht daran,
wegen einiger fehlgeleiteter Emotionen die beste Schulsprecherin, die wir je
hatten, zu verlieren. Auf Wiedersehen, Miss Granger."
Hermine
schluckte. Das war eine deutliche Absage gewesen und ein noch viel deutlicherer
Rausschmiss. Doch Hermine hatte hinter seinen schroffen Worten so etwas wie
Rücksichtnahme entdeckt. Halb und halb hatte sie ja gehofft, dass er sich
während dieser Unterredung ekelhaft genug benehmen würde, um ihre Gefühle für
ihn im Keim zu ersticken. Leider hatte sich diese Hoffnung als trügerisch
erwiesen.
Allerdings
schien er sich sehr sicher zu sein, dass es sich bei ihr nur um eine
spätpubertäre Schwärmerei handelte, die schnell wieder verfliegen würde.
Wenn sie sich
selbst da auch nur so sicher sein könnte! Aber vielleicht hatte er ja doch
Recht und ihre Gefühle für ihn würden sich von alleine wieder auf ein normales
Mass reduzieren. Sie hoffte es, denn ihre ersten Erfahrungen mit der Liebe
hatten sie bereits gelehrt, dass unerwiderte Gefühle nicht besonders erfreulich
waren. Je schneller sie sich Professor Snape aus dem Kopf schlug, umso besser.
Mit diesen guten Vorsätzen verliess sie sein Büro. Erst als sie schon fast
wieder in ihrem Zimmer war, fiel ihr auf, dass sie immer noch sein Taschentuch
in ihrer Hand hielt.
++++
Snape versuchte
noch einige Stunden nach Hermines Offenbarung die Schüleraufsätze zu
korrigieren - leider vergeblich. Es gelang ihm nicht, sich länger als zwei
Minuten darauf zu konzentrieren, bevor sein Gedanken zurück zu Hermine flogen.
Vor seinem geistigen Auge sah er sie immer noch auf dem Stuhl vor sich sitzen -
rührend in ihrer Offenheit, bezaubernd in ihrem Vertrauen in ihn,
bewundernswert in ihrer Entschlossenheit, geknickt, aber nicht gebrochen...
So konnte das
nicht weitergehen! Entschlossen legte er die Feder beiseite und stand auf.
Dann holte er
eine Flasche Rotwein aus dem Regal und ging zu Lupin.
„Severus?" sagte
Lupin mit einem leichten Fragezeichen in der Stimme. „Ist etwas passiert?"
fügte er beunruhigt hinzu.
„Warum muss
etwas passiert sein, nur weil ich einmal bei dir auf ein Glas Wein
vorbeischaue?" Er reichte Lupin die Flasche. „Du tust das bei mir ständig",
endete er gereizt.
„Ist ja schon
gut, dann ist also nichts passiert", beschwichtigte Lupin. „Setz' dich, ich
hole die Gläser."
Lupin öffnete
die Flasche und nahm gegenüber von Snape in dem zweiten Sessel vor dem Kamin
Platz. Er schenkte beiden ein, reichte Snape sein Glas und stellte die Flasche
zwischen ihnen auf den Boden.
Sie tranken
schweigend, beide in ihre eigenen Gedanken versunken, während das Kaminfeuer
langsam herunterbrannte. Erst als die Flasche fast leer war, brach Snape das
Schweigen.
„Remus,
verstehst du die Frauen?"
Lupins Blick
huschte kurz über Snape und richtete sich dann wieder auf das Feuer. Das war es
also was ihn so beschäftigte!
„Nein, aber da
fragst du auch den Falschen." Er lächelte entschuldigend. „Wie du weißt, sind
Frauen nicht unbedingt mein Spezialgebiet."
Snape beugte
sich in seinem Sessel vor und stützte sein Kinn in seine Hand.
„Erst Rozelda
und jetzt...", sagte er halb zu sich selbst, doch Lupin wurde hellhörig.
„Und...? Wer ist
‚und', Severus?"
„Niemand", log
Snape.
Lupin lächelte
fein. „So, so. Welcher der zahlreichen Schönheiten hast du das Herz gebrochen,
Severus?"
„Mach' dich
nicht lächerlich", knurrte Snape. „Sieh' mich doch an! Ich habe nichts, was ich
einer Frau bieten könnte. Du brauchst nur einen x-beliebigen Schüler zu fragen
und er wird dir bestätigen, dass ich ein schreckliches Temperament habe,
ungerecht und nachtragend bin. Keine vernünftige Frau würde es länger als fünf
Minuten mit mir aushalten", bemerkte er bitter.
„Manchmal können
auch fünf Minuten sehr befriedigend sein", entgegnete Lupin leichthin. „Aber
wenn es keine vernünftige Frau sein darf, warum versuchst du es nicht einmal
mit einer Unvernünftigen?"
Ein finsterer
Blick traf ihn.
„Entschuldige,
das war ein schlechter Scherz, ich weiss."
„Soll ich dir
sagen, wieviele Frauen es bisher in meinem Leben gab?" fragte Snape aufgewühlt.
„Eine! Genau Eine! Rozelda war die einzige Frau in meinem Leben, die meine
Liebe erwidert hat... zumindest eine Zeit lang... nur sie und..."
„Und? Das sagst
du jetzt schon zum zweiten Mal. Ist sie hübsch?", stichelte Lupin freundlich um
sein Mitleid und seine Besorgnis zu verbergen.
Snape starrte
schweigend in die Flammen.
„Ich sollte mich
besser damit abfinden, dass es einfach nicht möglich ist, mit mir auszukommen",
sagte er dann düster.
„Ich komme mit
dir aus", entgegnete Lupin sanft.
„Du bist ein
Mann", stellte Snape fest.
„Vielleicht
solltest du aufhören, dich mit Frauen zu befassen und anfangen über Männer
nachzudenken", äusserte Lupin heiter und nippte an seinem Wein.
Ein zweiter
finsterer Blick traf Lupin.
„Ich will davon
nichts hören", sagte Snape streng.
„Welch ein
Verlust", seufzte Lupin theatralisch. „Nun gut, unser Verlust - der Frauen
Gewinn. Wirst du mir jetzt endlich sagen, wer ‚und' ist? Du bist doch sicher
nicht hierher gekommen um nur über Rozelda zu sprechen."
„Miss Granger
war heute bei mir", gab Snape widerwillig zu.
„Hermine?!"
Lupin verschluckte sich an seinem Wein und rang für einige Minuten krampfhaft
nach Luft.
„Du willst doch
nicht ernsthaft behaupten...", keuchte Lupin, als er wieder sprechen konnte.
„Ich verstehe es
ja auch nicht - aber ich glaube, dass sie sich in mich verliebt hat",
berichtete Snape mit einem seltsamen Unterton in der Stimme.
„Hat sie das
gesagt?" fragte Lupin ungläubig.
„Natürlich
nicht! Aber ihre Andeutungen lassen beim besten Willen keinen anderen Schluss
zu."
Lupin musterte
ihn nachdenklich.
„Und wie sind
deine Gefühle für sie?" fragte er leise.
„Herrgott,
Remus! Sie ist meine Schülerin. Das ist völlig indiskutabel!"
„Ja", gab Lupin
zu. „Aber das Schuljahr dauert nicht mehr allzu lange..."
„Hat dir schon
jemand gesagt, dass du unmoralisch bist?" fragte Snape angewidert.
„Oh ja." Lupin
lächelte verschwommen bei der Erinnerung. „Aber ich muss zugeben, wenn Sirius es
sagt, klingt es bei Weitem aufregender."
Kapitel 7
Shattered dreams
An einem der
nächsten Tage blieb Snape während der Mittagspause der grossen Halle fern und
verbrachte die Zeit in seinem Klassenzimmer. Er beaufsichtigte ein Experiment,
das er für den Unterricht vorbereitet hatte. Es war wichtig, die Temperatur zu
diesem Zeitpunkt streng zu überwachen, denn die Tinktur sollte zwar kochen,
durfte aber nicht anfangen zu schäumen. Ein Geräusch an der Tür liess ihn
aufsehen.
Rozelda stand
mit einem lieblichen Lächeln im Türrahmen.
„Hier steckst du
also."
Dann kam sie mit
wiegenden Schritten auf ihn zu.
„Du hast mich
gesucht?" fragte Snape gleichgültig und reduzierte die Hitze unter dem Kessel.
Er drehte sich zu Rozelda um und stellte unwillig fest, dass sie schon sehr
nahe bei ihm stand.
„Ja", sagte sie.
„Und jetzt habe ich dich gefunden. Du warst nicht beim Mittagessen."
„Und jetzt
erzählst du mir sicher gleich, dass du dir Sorgen um mich gemacht hast",
erwiderte Snape sarkastisch.
Rozelda rückte
noch ein klein wenig näher an ihn heran und lächelte herausfordernd.
„Wäre das so
abwegig?"
Snape schwieg.
„Nun", fuhr
Rozelda fort, „Es ist dir vielleicht entgangen, dass heute Valentinstag ist...
aber ich habe daran gedacht und eine Flasche Champagner kaltgestellt. Ich habe
gedacht, wir könnten nach dem Abendessen ein paar Gläschen miteinander trinken
und... in alten Erinnerungen schwelgen", hauchte sie leicht anzüglich und legte
ihre Arme um seinen Hals.
„Dachtest du
dabei an eine bestimmte Erinnerung?" fragte Snape nach aussen hin beherrscht
und ärgerte sich gleichzeitig darüber, dass er auf ihre körperliche Nähe zu
reagieren begann.
„Oh ja", hauchte
sie verführerisch und ihre Stimme war um eine Terz tiefer als gewöhnlich. „Die
Nacht in der Bretagne... der einsame Strand..." Sie zog ihn enger an sich. Ihr
Kopf war leicht geneigt, ihre schimmernden Lippen öffneten sich einen Spalt und
die Lider über ihren veilchenblauen Augen senkten sich langsam.
Snape spürte,
wie sein Mund trocken wurde.
Er wollte sie
von sich schieben, doch bevor er diesen Gedanken in die Tat umsetzen konnte,
hatte sie seinen Kopf zu sich herunter gezogen und ihn auf den Mund geküsst. Er
spürte wie sein Körper auf ihre bebenden Lippen reagierten und schlang seine
Arme um sie. Er erwiderte ihren Kuss stürmisch und fühlte, wie ein Zittern
ihren Körper durchlief. Für einen Moment fielen die Jahre von ihm ab und alles
war genauso wundervoll wie damals.
Auch er
erinnerte sich lebhaft an diese Nacht vor... wie lange war das jetzt her?
Rozelda lebte damals mit ihrem Ehemann in der Bretagne - irgendwo an der Küste.
Sie hatte ihm einen Brief geschrieben und ihn gebeten sie zu besuchen. Er
wusste nicht mehr, warum er ihrer Bitte nachgekommen war, doch er hatte sich
für einige Tage von allen Verpflichtungen freigemacht und war nach Frankreich
gereist.
Ihr Mann war bei
seiner Ankunft nicht dagewesen und Rozelda erwähnte ihn auch mit keinem Wort.
Er hatte sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen und war ihrem Zauber sofort
wieder erlegen. Wie alt war er damals gewesen? 22? 23? Der Tag hatte mit einer
leidenschaftlichen Nacht an einem einsamen Strand geendet. Er hatte geglaubt,
sie würde ihren Mann verlassen und mit ihm zurück nach England gehen, doch als
er sie am Morgen darauf angesprochen hatte, hatte sie ihn mit harten Worten
zurückgewiesen. Von diesem Tag an hatte er sie gehasst. Bis jetzt... bis
heute... und diese Nacht hatte er nie vergessen können.
Er unterbrach
den Kuss und schob Rozelda von sich.
„Diese Nacht war
ein Fehler", sagte er dumpf. „Es wäre besser, nicht mehr daran zu denken."
Ihre Augen
blitzten. „Ein Fehler? Damals hast du nicht so gedacht."
Es klingelte zur
nächsten Unterrichtsstunde.
Rozelda sah ihn
mit merkwürdig angespanntem Gesichtsausdruck an.
„Ich für meinen
Teil bereue nichts", sagte sie mit Nachdruck. „Ohne diese Nacht hätte ich bis
heute noch keine Tochter."
„Was soll das
heissen?!" rief Snape.