Ein Blick in die Hölle
von Chalebh
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Tief in den Himmel verklingt |
Matt im Schoß liegt die Hand, |
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Ricarda
Huch |
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Ich
gab die geriebenen Wurzeln des Lonchocarpus in meinen Kessel. Die Flüssigkeit
begann nun heftiger zu blubbern und verfärbte sich zu einem schreienden Pink.
Ein wenig verunsichert blickte ich in Hermines Kessel, der links neben mir
stand. Ihr Zaubertrank war noch blau, obwohl sie ebenfalls die Wurzeln hinein gegeben
hatte…
In
diesem Augenblick explodierte mein Kessel mit einem ohrenbetäubenden Knall.
Sein Inhalt verteilte sich als wabbelige Brocken über meine Schuluniform. Kleine
Rauchwolken, die um mich herum aufstiegen, zeigten, dass die Masse sich in den
Stoff fraß.
Die
Slytherins auf der anderen Seite des Klassenraumes stimmten wie auf Kommando
ein schallendes Gelächter an. Aber auch einige meiner Mitschüler aus Gryffindor
konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Hatte
ich in den vergangenen Jahren meine dilettantischen Versuche, einen Zaubertrank
oder Zauberspruch zustande zu bringen, immer mit einem Lächeln quittiert, war
heute etwas anders. Ich wollte auf einmal nicht mehr ständig das Gespött der
ganzen Schule sein.
Wut
kroch in mir hoch…
„Mr.
Longbottom", brüllte Snape, als er auf mich zugestürzt kam, „fünfzig Punkte
Abzug wegen sinnloser Verschwendung von Zaubertrankzutaten! Und wischen Sie
diese Schweinerei auf!"
Zornig
zückte ich meinen Zauberstab und rief. „Pituitapartará!" Als Folge stoben aus
dem Brei rosa und blaue Funken und der Qualm, der aus dem Stoff meiner Kleider
drang, wurde dichter. Das Gebräu hatte mittlerweile Sickel große Löcher in meine
Schuluniform gefressen, durch die man nun mein Unterhemd sah. - Das Gelächter
der Slytherins, in das nun auch die Gryffindors einstimmten, wurde
unerträglich.
„Wenn
ich es nicht besser wüsste", hörte ich Snapes höhnische Stimme, „dann würde ich
vermuten, man hat Sie als Säugling mit einem Muggelbalg verwechselt. Als
Zauberer sind Sie absolut unfähig." Seine hasserfüllten, dunklen Augen
schwebten drohend über mir und ich fühlte, wie mir meine ohnmächtige Wut unter
seinem Blick Tränen in die Augen trieb.
Ich
musste hier raus, sonst würde ich anfangen zu weinen und würde damit zum
vollkommenen Gespött der Slytherins. Doch da mischte sich noch etwas anderes in
meinen Zorn: Das Wissen, dass Snape Recht hatte.
Als
Zauberer war ich eine Niete, das wusste ich schon lange und es war auch nicht
weiter schlimm. Was allerdings schlimm war, war die Tatsache, dass meine
Großmutter es auch noch allen in meinem Beisein erzählen musste: „Wissen Sie, er
hat nicht das Talent seines Vater…" - Aber nur weil sie es sagte, gab das Snape
noch lange nicht das Recht mich derart bloß zu stellen.
„Besser ein unfähiger Zauberer", brüllte
ich mit einer sich überschlagenden Stimme, „als
ein kaltblütiger Mörder, der immer noch frei rum läuft!"
Das
Gelächter verstummte schlagartig. Snape war wohl zu überrascht, um in diesem
Augenblick zu reagieren. Ich rannte aus dem Kerker und knallte die schwere
Eichentür hinter mir zu.
+ + + + +
Als
ich vor dem Bild der fetten Dame ankam, liefen mir Tränen über die Wangen.
„Passwort?",
fragte sie.
„HÄNSCHEN KLEIN!"
„Nein,
mein Kleiner", sagte sie mit gerunzelter Stirn, „das war das Passwort der
letzten Woche. Wenn Du das P…"
„Vergiss es!", schnauzte ich sie an, „Von
mir aus kann es auch ‚Häschen in der Grube' oder ‚Alle meine Entchen' sein, das
interessiert mich einen Scheißdreck!"
„Unfreundlicher
Bengel!", schimpfte sie hinter mir her, als ich den Gang zurück zur Eingangshalle
lief.
Mir
war klar, dass ich in den letzten zehn Minuten alles getan hatte, dass man mich
ohne große Probleme von der Schule werfen konnte. - Interessanter Weise hatte
ich nicht einmal Angst davor. - Es kümmerte mich einfach nicht.
Das
Letzte; was ich jetzt wollte, waren irgendwelche schrägen Blicke oder blöden Bemerkungen
meiner Mitschüler. Also ging ich dahin, wo mich definitiv niemand suchen würde
- in eines von Professor Sprouts Gewächshäusern.
Als
ich das Treibhaus drei betrat, empfing mich ein warmer und vertrauter Geruch
von Erde und Pflanzendüfte. Meine Wut wallte noch einmal auf und so trat ich
mit dem Fuß heftig gegen einen Metalleimer, der an der Tür auf dem Boden stand.
Scheppernd rollte er durch den Gang und blieb in einer dunklen Ecke unter der
Venemosa Tentacula liegen. Missmutig ging ich weiter bis ich den Eimer erreicht
hatte. Ich drehte ihn um, so dass ich mich auf seinen Boden setzen konnte.
Langsam
trockneten meine Tränen und meine Wut machte der Verzweiflung in mir Platz. Ich
fühlte, wie sich die Ranken der Pflanze vorsichtig über meine Schulter
bewegten. Sanft tätschelte ich sie und dachte, dass es vielleicht besser
gewesen wäre, wenn ich mich unter eine Würgfeige gesetzt hätte. - Ihre Triebe
hätten meiner sinnlosen Existenz ein schnelles Ende gesetzt.
+ + + + +
„Mr.
Longbottom!" Professor Sprout beugte sich zu mir, „Gott sei Dank, dass ich Sie gefunden
habe."
„Leider",
murmelte ich schlaftrunken. Vorsichtig befreite ich mich aus den Ranken und
Stacheln der Venemosa, an deren Stamm ich eingeschlafen war. Draußen war es
bereits dunkel und ein kühler Luftzug ließ mich frösteln. Im trüben Licht der
Laterne in Professor Sprouts Hand sah ich, dass meine Schuluniform eigentlich
nur noch aus Löchern bestand, die von schmalen Stoffstreifen zusammengehalten
wurden.
„Der
Schulleiter möchte Sie sprechen, Mr. Longbottom", sagte Professor Sprout leise.
„Was haben Sie sich nur dabei gedacht?"
„Ich
weiß es nicht." Ich senkte den Kopf. Was auch immer mich dazu gebracht hatte,
war verschwunden und mein altes, angsterfülltes Ich hatte es ersetzt. Ich
wünschte mir im Moment nichts sehnlicher, als es ungeschehen zu machen.
Langsam,
und doch viel zu schnell, brachte Professor Sprout mich zur Eingangshalle. Dort
stand Professor McGonagall wie eine Rachgöttin und meinte: „Danke, Ivy, ich
werde ihn zu Dumbledore bringen."
„Seien
Sie nicht so streng mit ihm, Minerva", bat Professor Sprout meine Hauslehrerin.
„Wir
werden sehen", antwortete sie kühl und zu mir gewandt meinte sie: „Kommen Sie,
Mr. Longbottom."
Es
war das erste Mal, dass ich mich davor fürchtete, Dumbledore zu sehen. Hätte
McGonagall auf der Treppe zu Dumbledores Büro nicht hinter mir gestanden, ich
hätte auf dem Absatz kehrt gemacht und wäre wieder ins Gewächshaus geflüchtet.
+ + + + +
Nun
stand ich also in diesem großen, runden Büro, betrachtete intensiv meine
Schuhspitzen und wäre am liebsten im Boden versunken. Dumbledore saß ruhig an
seinem Schreibtisch und blickte mich mit seinen klaren, blauen Augen scharf an.
Nach einer Weile sagte er: „Professor Snape hat mich darüber informiert, dass
Sie ihn vor der gesamten Klasse als Mörder bezeichnet haben. Entspricht dies
den Tatsachen?"
„Ja."
Ich fixierte das Teppichmuster.
„Und
warum haben Sie ihn so genannt?"
Jetzt
schaute ich Dumbledore ungläubig an. Wieso wollte er das wissen? Ich hatte
einen Lehrer öffentlich beschuldigt, spielte es da noch eine Rolle, warum ich
es getan hatte?
Ein
wenig hilflos blickte ich mich zu Professor McGonagall um, die hinter mir
stand. Ihr Gesicht war ausdruckslos.
„W-weil…",
stotterte ich, „i-ich habe einen Z-zaubertrank falsch zubereitet und der K-kessel
ist explodiert."
Dumbledore
beobachtete mich wortlos und wartete, dass ich weiter erzählte.
„Das
passiert ständig", fügte ich entschuldigend hinzu. „P-professor Snape hat mich
als unfähig bezeichnet."
Dumbledore
sagte immer noch kein Wort.
„Was
ja stimmt", sagte ich leise. „Ich wurde wütend, weil die anderen über mich
gelacht haben, und da habe ich ihn angebrüllt und gesagt, es wäre besser ein
unfähiger Zauberer zu sein als ein Mörder. - Das ist alles, Sir."
Langsam
erhob sich Dumbledore hinter seinem Schreibtisch, „Mmh - Professor Snape fordert,
Sie der Schule zu verweisen", und kam nun auf mich zu. „Was ist Ihre Meinung?"
„Dass
er Recht hat, Sir", meinte ich geknickt. „Mir ist klar… Meine Oma wird… "
„Belassen
wir es für heute Abend dabei, mein Junge." Dumbledores Gesicht vermittelte eine
Zuversicht, die ich nicht teilte. „Ich werde Ihnen meine Entscheidung über Ihre
Anwesenheit auf dieser Schule bis zu den Sommerferien morgen Früh mitteilen."
„Ja,
Sir." Mit hängendem Kopf ging ich zum Ausgang.
+ + + + +
Ich
stand noch auf dem Treppenabsatz und versuchte meine zitternden Knie zu
kontrollieren, als ich McGonagalls Stimme hörte: „Sie wollen ihn doch nicht
wirklich von der Schule verweisen, Albus?"
Ich
begann zu horchen.
„Das
liegt nicht mehr in meiner Hand. Severus hat bereits einen entsprechenden
Antrag an den Schulrat gestellt."
„Albus,
der Junge…"
„Minerva",
unterbrach Dumbledore sie, „ich weiß, Severus behandelt den Jungen nicht
korrekt, aber das bedeutet nicht, dass Longbottom ihn ungestraft öffentlich als
Mörder bezeichnen darf…"
Als
McGonagall ihm antwortete, hörte ich in ihrer Stimme einen unterdrückten Ärger:
„Wenn der Schulrat ihn von der Schule weist, dann macht man den Jungen für diese Situation
verantwortlich. Sie wissen genauso gut wie ich, Albus, dass dem nicht so ist."
„Minerva…"
„Nein,
Albus, Ihnen muss doch klar gewesen sein, dass so etwas früher oder später
einmal passieren musste. Es erstaunt mich, dass es überhaupt so lange gut
gegangen ist. Wir wissen beide, dass Severus' Hass berechtigt ist, aber es ist
falsch, wenn er einen Unschuldigen trifft. Der Junge kann nichts für die
Vergangenheit."
Dumbledore
schwieg. Dann meinte er: „Ich werde sehen, was ich tun kann. Doch ich habe
keine allzu große Hoffnung."
McGonagalls
Schritte näherten sich der Tür, hinter der ich noch immer stand. Schnell lief
ich die Treppe hinunter und dann weiter zum Gryffindor-Turm.
+ + + + +
Als
ich am nächsten Morgen beim Frühstück saß, bekam ich eine Eule mit einem
offiziellen Brief. Er war von Dumbledore und lautete:
Sehr
geehrter Mr. Longbottom.
In
Anbetracht des gestrigen Ereignisses halte ich es für angebracht, dass Sie Ihr
Schuljahr bereits heute beenden. Sie werden für die verbleibenden Tage bis zu
den Sommerferien vom Unterricht freigestellt.
Über
Ihren Verbleib in diesem Internat wird der Schulrat am Ende der Sommerferien
beraten. Ich hoffe, dass sich bis dahin die Gemüter etwas beruhigt haben.
Ihre
Großmutter habe ich bereits über das Vorgefallene und die möglichen
Konsequenzen unterrichtet.
Hagrid
wird Sie heute Nachmittag nach London begleiten.
Hochachtungsvoll,
Albus Dumbledore
Schulleiter.
Damit
war also meine Schulzeit in Hogwarts zu Ende. Ich glaubte nicht, dass der
Schulrat etwas anderes als meinen Schulverweis beschließen würde. Nach dem, was
ich gestern Nacht belauscht hatte, würde auch eine Entschuldigung bei Snape
nichts ändern. Und das Schlimmste würde erst noch kommen: Die Reaktion meiner
Großmutter, wenn ich heute nach Hause kam.
+ + + + +
Schweigend
nahm sie mich in Empfang. „Geh schon mal ins Haus, Neville", sagte sie, „Ich
möchte mit Hagrid kurz unter vier Augen sprechen.
Langsam
trottete ich ins Haus und ging in mein Zimmer. Meine Verzweiflung begann sich
wieder in eine ohnmächtige Wut zu verwandeln. Missmutig setzte ich mich auf mein
Bett.
Nach
quälend langer Zeit kam endlich meine Großmutter zu mir ins Zimmer. Ich
erwartete eine Schimpftirade, doch sie hatte Tränen in den Augen und sagte
leise: „Wie konntest Du das nur tun, Neville? Man wird Dich von der Schule
verweisen. Wenn Dein Vater -"
„Das ist mir egal!", brüllte ich sie an,
„Ich bin nicht mein Vater! Ich bin nicht perfekt. Ich habe es satt, es allen
und jedem Recht zu machen. Lass mich
endlich in Ruhe!"
Die
Hand, mit der mir meine Großmutter tröstend über die Haare streichen wollte,
stieß ich heftig zur Seite und rannte aus dem Zimmer.
Was
ich jetzt wollte, war Stille - und der einzige Ort, an dem niemand mit mir
reden würde, war das Krankenzimmer meiner Eltern.
+ + + + +
Die
letzten Jahre war es für mich wie eine Strafe gewesen, meine Eltern in den
Ferien besuchen zu müssen, doch jetzt würde es eine Erleichterung sein.
Der
Pförtner am St. Mungo's kannte mich und stellte daher keine Fragen, was ich so
spät noch im Krankenhaus wollte. Mit einem kurzen Kopfnicken öffnete er mir die
Eingangstür. Langsam stieg ich die Treppen zur geschlossenen Abteilung im
vierten Stock hoch.
Auf
dem Gang der Station kam mir die Dienst habende Schwester entgegen.
„Hallo,
Neville", sagte sie freundlich, „ich will Deinen Eltern gerade ihr Abendessen
bringen. Nimmst Du mir die Tabletts ab?"
Ich
nickte und ging mit ihr zur Stationsküche. In einem Wärmeschrank befanden sich
übereinander geschoben ungefähr zwanzig Tabletts. Auf ihnen standen Plastikteller
mit unterschiedlich großen Unterteilungen, in denen das Essen und die Beilagen
aufgeteilt waren. Auf dem Küchenschrank sah ich ein weiteres Tablett mit einem
Becher, einer flachen Schüssel und einem Esslöffel.
Das
erinnerte mich an einen Patienten, der eine Zeit lang mit meinen Eltern im
selben Zimmer gelegen hatte. Auf seinem Nachtschrank hatte immer ein solches
Tablett mit einer Schüssel gestanden, in der sich Brei befand. Die Schwestern
mussten ihn füttern - und meistens lief ihm während des Essens ein Teil des
Breis wieder aus dem Mund. Ich hatte mich vor diesem Anblick geekelt. Und jedes
Mal, wenn ich mich daran erinnerte, so auch in diesem Augenblick, musste ich
einen heftigen Brechreiz unterdrücken. Ich hatte deswegen Schuldgefühlte, aber
ich konnte es nicht ändern. - Und ich dankte Gott, dass meine Eltern ohne Hilfe
essen konnten.
+ + + + +
Ich
nahm also zwei der Tabletts und ging zum Zimmer meiner Eltern. Sie teilten es
mit vier weiteren Patienten. Es war eigentlich verrückt, immerhin hatten sie
als Auroren ihre Gesundheit eingebüßt und doch wollte das Ministerium nichts weiter
für sie erübrigen, als ein Sechs-Bett-Zimmer. Die Ärzte sagten zwar, die
Anwesenheit von anderen würde sich positiv auf eine Heilung auswirken, aber
daran glaubte ich nicht.
„Hallo,
Mum… Dad", sagte ich, als ich ins Zimmer kam. Die Tabletts stellte ich auf
einen Tisch, der neben ihren Betten am Fenster stand. Ich küsste beide sanft
auf die Wange und half ihnen in ihre Morgenmäntel. Als sie sich an den Tisch
gesetzt hatten, begannen sie zu essen. Sie taten es genauso unbewusst, wie sie
atmeten oder schliefen. Während ich meine Eltern beobachtete kroch wieder diese
verzweifelte Wut in mir hoch.
Es
war ungefähr zwei Stunden später, als ich die leeren Teller zurück in die Küche
brachte.
Die
Schwester blickte mich an und fragte: „Hast Du schon was gegessen?" Ich
schüttelte mit dem Kopf. „Dann setzt Dich, es gibt Pastete."
Sie
schnitt mir ein großes Stück ab, legte es auf einen Teller, den sie vor mir auf
den Tisch stellte. Hastig aß ich die Pastete auf, um dann schnell wieder in die
Ruhe und Gleichgültigkeit des Zimmers meiner Eltern zurückzukehren.
Als
ich auf den Gang trat sah ich aus den Augenwinkeln eine dünne, dunkel gekleidete
Gestalt an mir vorbei laufen, die ich nicht weiter beachtete.
+ + + + +
Mum
und Dad hatten sich wieder ins Bett gelegt. Einen Augenblick betrachtete ich
sie mit einem undefinierbaren, traurigen Schuldgefühl, weil ich sie nicht so
mögen konnte wie sie waren. Um mich davon abzulenken, holte ich aus dem Schrank
meiner Mutter ein Buch heraus.
Manchmal
kam es vor, dass meine Großmutter mich allein zu meinen Eltern ins Krankenhaus
schickte. Dabei hatte ich es mir angewöhnt, ihnen während dieser Besuche etwas
vorzulesen, denn irgendwie schaffte ich es nicht, mich mit ihnen zu
unterhalten. Nicht, weil ich der Meinung war, sie bekämen nichts mit, aber es
war deprimierend zu reden und keine Antwort zu bekommen. Besuchte meine
Großmutter meine Eltern, dann plapperte sie fortwährend, erzählte ihnen all
diese belanglosen Kleinigkeiten, die seit ihrem letzten Besuch passiert waren.
Und ich, ich schwieg und schämte mich wegen meiner Gefühle.
+ + + + +
Nachdem
ich drei Kapitel gelesen hatte, legte ich das Buch zurück und verabschiedete
mich, indem ich beide auf die Wange küsste. Sie beachteten mich nicht weiter.
Es
war bereits ziemlich finster und der Krankenhausflur war nur schwach
beleuchtet. Plötzlich rauschte wieder diese dunkle Gestalt an mir vorbei und
lief mit wehendem Umhang durch die Tür der Station. Ein unangenehmes Gefühl des
Widererkennens beschlich mich. Hätte ich es nicht besser gewusst, ich hätte
schwören können, dass es Snape war.
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Meine
Großmutter hatte sich auch am nächsten Morgen noch nicht beruhig. Das Frühstück
war bedrückend. Anstatt mit mir zu schimpfen, saß sie mir mit rot geweinten
Augen schweigend gegenüber und schnieft hin und wieder. - Ich musste aus diesem
Zimmer raus.
Entgegen
meinen üblichen Gewohnheiten ging ich wieder zu meinen Eltern ins Krankenhaus
und blieb den ganzen Tag - diesmal ein Tag ohne Schuldgefühle oder schlechtem
Gewissen.
Als
ich am späten Abend das Krankenzimmer meiner Eltern verließ, sah ich wieder
diesen Mann, der gerade die geschlossene Station durch die Tür verließ. Da ich
weniger überrascht war, ihn zu sehen, betrachtete ich ihn diesen kurzen Moment
genauer. Der Mann hatte wirklich eine unangenehme Ähnlichkeit mit Snape.
+ + + + +
Auch
am nächsten Tag ging ich wieder ins Krankenhaus - freiwillig, obwohl mich
diesmal meine Großmutter begleitete. Sie hatte wie immer einen großen Strauß
Blumen dabei: „Damit es in dem Zimmer etwas gemütlicher ist." wie sie zu sagen
pflegte.
Kaum
hatte Sie den Raum betreten, begann sie auch schon zu erzählen: Sie nahm sich
kaum Zeit zum Luft holen. Und ich saß schweigend auf einem Stuhl und kämpfte
wieder gegen diese Gefühle in mir, die ich doch eigentlich in der Gegenwart
meiner Eltern nicht haben dürfte. Irgendwann meinte meine Großmutter zu mir:
„Stell doch bitte die Blumen ins Wasser, Neville."
Erleichtert
verließ ich das Zimmer. Als ich zur Küche ging, um die Vase mit Wasser zu
füllen, fiel mir wieder dieser Mann auf. Doch heute musste er gerade gekommen
sein, denn er ging den Gang entlang, der zu den Zimmern hinter dem
Schwesternzimmer führte. Ich blieb stehen und beobachtete ihn. Am Ende des Flurs
wandte er sich zu einer Tür auf der linken Seite, öffnete sie und ging in den
dahinter liegenden Raum. In diesem Augenblick hob sich sein Profil deutlich vor
dem hellen Gangfenster ab: Es war Snape!
Die
restliche Besuchszeit verbrachte ich damit, darüber nachzudenken, was Snape auf
der geschlossenen Abteilung zu suchen hatte. „Wenn ich ihn nach seinem Benehmen
während des Unterrichts beurteilen müsste, dann wäre er hier sicherlich
richtig", dachte ich bitter. Mich irritierte die Tatsache, dass ich ihn nie
vorher im St. Mungo's gesehen hatte. Aber dann fiel mir ein, dass ich selten so
spät abends meine Eltern besucht hatte.
Mein
Ärger über Snape war Neugierde gewichen. Was machte er hier?
+ + + + +
Hatte
mich in den letzten Tagen, die Sehnsucht nach Stille ins Krankenhaus getrieben,
so ließ mich nun diese Frage nicht zur Ruhe kommen. Es war wie ein Zwang, ich
musste herausfinden, warum Snape die geschlossene Abteilung besuchte.
Ich
hätte es mir einfach machen und die Schwester fragen können, aber dann hätte ich
riskiert, dass Snape davon erfuhr - also beobachtete ich lieber.
Ich
fand sehr schnell heraus, dass er immer am Abend kam und ungefähr zwei Stunden
blieb. Das Zimmer, in das er ging, lag am anderen Ende des Korridors. Da an den
Türen dieser Abteilung keine Namensschilder befestigt waren, konnte ich nicht
feststellen wer dort lag und fragen wollte ich aus dem genannten Grund nicht.
Je
länger ich über Snapes Besuche auf der geschlossenen Abteilung nachdachte, umso
eigenartiger erschienen sie mir. Er kam und verschwand wie ein Geist. Er wirkte
wie ein Fremdkörper und doch schien er mit der gleichen Selbstverständlichkeit
hierher zu gehören.
Hätte
ich meinen Verstand benutzt, dann hätte er mich davon abhalten müssen,
herauszufinden, was sich in diesem Zimmer befand, das Snape jeden Abend
besuchte. Doch so wurde der Drang, sein Geheimnis herauszufinden, immer größer.
+ + + + +
Die
Sommerferien waren fast zur Hälfte vorbei, als ich diesem Drang nicht mehr
widerstehen konnte. Es war ein früher Sonntagnachmittag und Granny wollte noch
eine alte Freundin besuchen, die auf der Station für magische Haushaltsunfälle
lag, so dass ich allein nach Hause gehen sollte.
Doch
anstatt das St. Mungo's zu verlassen, lief ich wieder in den vierten Stock und
schlich mich leise am Schwesternzimmer vorbei. Als ich das Ende des Ganges
erreicht hatte und vor der Tür stand, in der Snape jedes Mal verschwunden war,
atmete ich tief durch und drückte die Türklinke herunter.
Es
war ein Einzelzimmer. Der kleine Raum war für ein Krankenzimmer ungewöhnlich
eingerichtet. Die Wände waren in einem warmen Ockerton gestrichen. Am Fenster
hingen Tüllgardinen, davor stand ein schwerer Ledersessel mit einen niedrigen
Tisch und einer Leselampe. An der Wand darüber hing ein Regal mit Büchern. An
der linken Seite des Zimmers stand ein Bett mit einem Nachttisch und einem
Stuhl davor. Das Bett war anscheinend leer. Ich trat einen Schritt weiter in
den Raum. Jetzt sah ich, dass ich mich getäuscht hatte.
Der
Anblick, der sich mir bot, war grauenhaft. So grauenhaft, dass ich nicht einmal
schreien konnte. Ich starrte nur mit weit aufgerissenem Mund auf das „Ding",
was da im Bett lag. Ein Würgereiz kroch in meinem Hals nach oben. Mein Blick
hing wie gebannt an dem, was ich sah. Ich konnte meine Augen nicht abwenden.
Und so tastete ich wie blind nach der Tür.
Als
ich die Tür erreicht hatte, schaffte ich es irgendwie mich umzudrehen. Ich
wollte nur noch fliehen - dem Horror in diesem Raum entkommen.
+ + + + +
Ich
war keine zwei Schritte gelaufen, als ich gegen jemanden stieß: Snape. In seinem
Gesicht sah ich den puren Hass. Seine Augen hatten sich zu Schlitzen verengt
und bevor ich auch nur ans Wegrennen denken konnte, packte er mich an meinem
T-Shirt und zog mich zu sich.
Sein
Gesicht schwebte wenige Zentimeter vor meinem.
„Hast
Du Deine Neugierde befriedigen können?" flüsterte er bedrohlich leise, „Warum
bleibst Du nicht noch etwas und schaust sie Dir genauer an?"
Damit
schob er mich wieder zurück in das Zimmer und schloss die Tür hinter uns.
Ich
starrte aus dem Fenster. Ziemlich rüde packte Snape meinen Kopf und drehte ihn
in Richtung Bett.
„Los,
schau hin!", zischte er, „Sieh sie Dir an!"
Ich
machte meine Augen zu. Meine Atmung ging stoßweise.
„Mach
Deine Augen auf!", befahl er mir, als er bemerkte, dass ich sie geschlossen
hatte und er schob mich dichter an das Bett heran. Meine Furcht vor Snape war in
diesem Augenblick größer als vor dem, was ich nun erneut sehen würde.
+ + + + +
In
diesem Bett lag ein Mensch - oder zumindest das, was von ihm übrig war. Das
Gesicht war nur noch eine regungslose Fratze. Die Augenhöhlen waren leer, nicht
einmal milchig-trübe Augäpfel waren noch vorhanden. Dort, wo die Nase hätte
sein sollen, befand sich ein unförmiges Loch. Der Mund stand durch die
verzerrten Gesichtszüge offen, in ihm sah ich weder Zähne noch Zunge. Die
Ohrmuscheln waren zerfetzt und die wenigen Haare, die noch übrig waren, wuchsen
in dünnen, schwarzen Büscheln aus der Kopfhaut.
Die
gesamte Haut dieser Kreatur besaß eine unnatürliche violett-blaue Farbe und war
runzlig, als wäre der Körper darunter geschrumpft. Die Arme, die auf der
Bettdecke lagen, schienen nur noch aus Knochen zu bestehen, über die man eine
viel zu große Haut gezogen hatte. Die Finger waren dürr und zu einer steifen
Klaue verkrampft.
Der
Körper, der sich unter der Bettdecke abzeichnete, schien für den Kopf viel zu
klein zu sein. Es war, als fehlte etwas. Plötzlich wurde mir klar, dass sich
unter der Decke nur der Rumpf verbarg, und ich musste würgen. Die Bettdecke hob
und senkte sich unmerklich - im selben Rhythmus hörte ich ein stockend
röchelndes Geräusch.
Mein
Brechreiz wurde so stark, dass ich mich von Snape losriss, gegen das
Krankenbett stieß und zum Waschbecken taumelte, das neben der Tür an der Wand
montiert war, und mich darin übergab. Meine Knie wurden weich.
„Warum
machen Sie das?", brachte ich schließlich hervor.
„Ich
mache gar nichts, Longbottom." In seiner Stimme hörte ich einen Hass, der weit
über das Maß hinausging, mit dem er mich in der Schule anredete. „Das hier ist
das Leben. Das, was von ihm übrig ist…"
Wieder
musste ich mich übergeben. Um den galligen Geschmack im Mund loszuwerden,
drehte ich den Wasserhahn auf und trank von dem laufenden Strahl.
+ + + + +
Bis
auf das gurgelnde Wasser, war es still im Raum. Aber… das stimmte nicht ganz. Aus
dem Röcheln war ein hohes, leises Wimmer geworden, das mir eine Gänsehaut
verursachte. Als ich mich vom Waschbecken weg drehte und wieder in Richtung des
Krankenbettes schaute, sah ich, wie Snape sich über diese Kreatur beugte und
leise flüsterte: „ Es ist alles in Ordnung, Seren. Du brauchst keine Angst zu
haben. Ich bin da, mein kleiner Stern. Es wird Dir nichts passieren. Ich werde
es nicht zulassen." Er strich ihr mit einer Geste über das Gesicht, die von
einer schmerzlichen, verzweifelten Zärtlichkeit war. Als er sie auf die Stirn
küsste, spürte ich Ekel in mir aufsteigen.
Doch
es war eigenartig, diesen Mann zu beobachten, der in Hogwarts die Verkörperung
der Grausamkeit war. Danach gefragt, hätte ich es abgestritten, dass er zu
solch einer Geste überhaupt fähig war. Aber er war es und ich hatte das Gefühl,
dass alles, an das ich geglaubt hatte, sich in diesem Augenblick in Luft auflösen
würde.
Vielleicht
war es das, was mich in diesem Raum festhielt. Ich stellte das Wasser ab und
blieb unschlüssig stehen. Nach Snapes Reaktion auf meine unerwünschte
Anwesenheit hätte ich wohl besser verschwinden sollen, aber ich konnte nicht.
Um
nicht erneut zu riskieren, mich zu übergeben, starrte ich an die Wand über dem
Bett. Dort hingen zwei Photographien. Die größere der beiden Aufnahmen zeigte
eine junge Hexe mit dunklen Haaren und großen Augen - sie war etwa zehn Jahre
alt - die im Augenblick mit einem traurigen Blick auf das blickte, was sich
unter ihr am Krankenbett abspielte. Das zweite Bild zeigte dieselbe Hexe in
einer Rawenclaw-Schuluniform, ein wenig älter als auf dem ersten Porträt, die
mich freundlich lächelnd anblickte, neben ihr stand Snape, etwas jünger als
heute, der mit finsterem Blick in meine Richtung starrte. Das Mädchen schien
seine düstere Miene zu bemerken, denn jetzt wandte sie sich ihm zu und umarmte
ihn herzlich. Lachend gab sie ihm einen Kuss auf die Wange. Der Snape im Bild
wandte nun seine Aufmerksamkeit von mir ab und schaute die junge Hexe an und
erwiderte den Kuss mit genau der Zärtlichkeit, mit der der reale Snape sich
diesem Wesen im Krankenbett gewidmet hatte.
Einzig
die beiden Bilder ließen mich zu der Überzeugung kommen, dass es sich bei
diesem Menschen im Krankenbett um das Mädchen von den Photos handeln musste.
„Wer
ist -", begann ich den Satz, als es an der Tür klopfte. Snape reagierte nicht.
Ich drehte mich um und sah im Türrahmen die Schwester stehen. In der Hand hielt
sie ein Tablett auf dem eine flache Schüssel und eine Schnabeltasse standen.
„Ich
bringe Serens Abendessen, Professor", sagte sie und ging zum Tisch, auf dem sie
das Tablett abstellte. Mit einem kurzen Kopfnicken in meine Richtung verließ
sie wieder den Raum und schloss die Tür hinter sich.
+ + + + +
Es
wurde wieder still im Raum. Nur noch das Röcheln - Serens Röcheln korrigierte
ich mich in Gedanken - war zu hören.
Ich
weiß nicht, wie lange ich am Fußende des Bettes stand und auf die geschlossene
Tür starrte. Plötzlich vernahm ich Snapes Stimme, sie war leise und schneidend:
„Wenn Du schon hier bist, dann kannst Du Dich auch nützlich machen. Gib mir die
Tasse!"
Ich
tat, was er mir eben befohlen hatte. Wortlos und mit einem Blick, in dem sich
Hass und Verachtung paarten, nahm er mir den Becher aus der Hand. Nun wandte er
sich wieder dem - Mädchen zu, hob ihren Kopf mit einem Arm leicht an, hielt ihr
die Schnabeltasse vorsichtig an den Mund und gab ihr zu trinken.
Unschlüssig
blieb ich hinter Snape stehen und starrte auf seinen Rücken. Irgendwo fand ich
den Mut meine Frage von vor einigen Minuten erneut zu stellen: „Wer ist sie?"
Anstatt
einer Antwort stellte Snape den Becher auf den Beistelltisch und legte das
Mädchen wieder zurück in die Kissen. Dann drehte er sich um und der Ausdruck in
seinen Augen ließ mich zurückweichen. Wenn Blicke töten könnten, hätte ich in
diesem Augenblick meinen letzten Atemzug getan.
„Wieso
interessiert Dich das, Longbottom?", zischte er. „Es hat bisher auch niemanden
interessiert." Irritiert blickte ich ihn an.
„I-i-ich
verstehe nicht?", stottert ich verwirrt.
„Nein?
Das erstaunt mich. Vielleicht soll ich es Dir erklären?" sagte er mit
triefenden Sarkasmus. Bei diesen Worten kam er mir gefährlich nah. Ich
schluckte und traf eine Entscheidung, schlimmer konnte es nicht mehr werden.
Dann erinnerte ich mich an McGonagalls Worte. Ich kratzte meinen ganzen Mut
zusammen.
„Ja",
sagte ich leise, „ich möchte wissen, warum Sie mich so hassen."
+ + + + +
Sein
Blick wurde starr. Mir wurde klar, dass er mit dieser Antwort nicht gerechnet
hatte. Seine Augen suchten die Photographie an der Wand, so als müsse er Kraft
schöpfen. Doch das Zögern dauerte nur einen Moment - vielleicht hatte ich es
mir auch nur eingebildet. Als Snape sprach, war seine Stimme tonlos. Sie
verriet nichts, weder Hass noch Wut…
„Ich
hasse Dich nicht, Longbottom, ich verachte Dich… Dich und alle, die sind wie
Du. - Die glauben auf der richtigen Seite zu stehen. - Die ihre Taten mit dem
Gesetz rechtfertigen, das sie selbst gemacht haben und doch nichts weiter sind
als feige Mörder." Snapes Stimme war nur noch ein Flüstern. Ich wollte zu einer
Erwiderung ansetzen, doch Snape sprach bereits weiter. „Du bezeichnest mich als
einen Mörder. Nun, das bin ich. Ich habe es nie geleugnet. Doch bei allem, was
ich getan habe, gab es Grenzen, die ich niemals überschritten habe."
„Und
als was bezeichnen Sie es, wenn Menschen..." Meine Stimme wurde lauter und
überschlug sich. Plötzlich sah ich meine Mutter vor mir, wie sie teilnahmslos
auf einem Stuhl in ihrem Krankenzimmer saß. Den Satz konnte ich nicht zu Ende
sprechen. Ich brach ab und fragte stattdessen: „Wo ist Ihre Grenze? Sie haben getötet und Sie bereuen es nicht
einmal." Meine Stimme bestand jetzt aus purer Verachtung. Kalte Wut kroch in
mir hoch.
„Was
weißt Du von Reue, Longbottom. Was weißt Du davon, was es heißt, die Kinder
derer zu unterrichten, die für das hier verantwortlich sind." Dabei blickte er
wieder zum Bett.
„Das
ist keine Rechtfertigung", ereiferte ich mich.
„Ich
will mich nicht rechtfertigen, Longbottom. Alles, was ich will, ist
Gerechtigkeit."
Ich
schnaubte ungläubig. „Sie haben getötet und Sie laufen frei herum. Und Sie verlangen Gerechtigkeit?"
„Ich
habe vor Gericht gestanden, Longbottom." Snapes Augen verengten sich zu
Schlitzen. „Ich war bereit, für das, was ich getan habe, die Konsequenzen zu
tragen. Hätte man mich nach Askaban geschickt, ich wäre gegangen. Doch man hat
mich in allen Punkten freigesprochen."
„Also was verlangen Sie dann noch?",
brüllte ich ihn an.
„Ich
verlange", sagte er leise, „dass die, die meiner Schwester das angetan haben,
vor Gericht gestellt werden. Ich will, dass die Welt sie als das sieht, was sie
sind.
„Wen
meinen Sie?" Ich hatte eine ungute Vermutung, aber ich wollte diesen Gedanken
nicht weiter denken.
„Auroren,
Longbottom", zischte Snape, „die, die von allen als Helden im Kampf gegen den
Unsagbaren verehrt werden. - Leute, wie Deine Eltern… Bestien, die …
„Meine Eltern sind keine Bestien!",
schrie ich. Meine Stimme musste man wohl auf der ganzen Station gehört haben.
Snapes Mund formte ein zynisches Lächeln.
„Es
geht nicht um Deine Eltern, Longbottom. Was mit ihnen ist, ist mir völlig egal.
Es geht darum, wofür sie stehen. Vertreter des Ministeriums, die angeblich im
Namen des Gesetzes gehandelt haben und sich dabei das Gesetz so zurechtgebogen
haben, wie es ihnen passte. Und das Ministerium hat dafür gesorgt, dass sie
niemals für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden können. Egal, welche Grausamkeiten
sie begangen haben, man hat dafür gesorgt, dass man ihnen nichts nachweisen
kann." Den letzten Satz hatte er leise und mit einer Abscheu gesprochen, die
mir unter die Haut ging.
+ + + + +
Ich
starrte Snape ungläubig an. Es waren Anschuldigungen, auf die ich im Moment keine
Erwiderung wusste. An einem anderen Ort hätte ich die Vorwürfe mit einem
Achselzucken abgetan, sie wären zu phantastisch gewesen. - Außerdem, was hätte
man von einem ehemaligen Todesser anders erwartet. „Auroren, die sich nicht
besser als die benahmen, die sie jagten. So wie Snape es hinstellte waren Auroren"
- nein, verbesserte ich mich - „einige Auroren Todesser auf Seiten des Gesetzes."
Doch
irgendetwas sagte mir, dass die Worte, die voller Anschuldigungen und
Bitterkeit waren, die Wahrheit darstellten. Aber ich weigerte mich, es zu
akzeptieren.
„Sie
werden ihre Gründe haben", meinte ich.
Kaum,
dass ich den Satz beendet hatte, hatte sich Snape auf mich gestürzt und mich an
die Wand gepresst. Seine Hände hatte er um meinen Hals gelegt, seine Daumen
pressten auf meinen Kehlkopf. Wenn er noch etwas mehr zu drückte, bekäme ich
keine Luft mehr.
Snapes
Gesicht schwebte nur Zentimeter vor meinem und seine Gesichtszüge waren zu
einer Grimasse verzogen. „Gründe!",
schrie er, „Wenn es in Deinen Augen ein Grund ist ein zwölfjähriges Mädchen,
das allein im Haus ist und für niemanden eine Gefahr darstellt, so
zuzurichten, nur weil ihr Bruder ein Todesser ist…" Während er sprach, hatten
sich seine Finger fester um meinen Hals geschlossen.
„Vielleicht
hat sie sich gewehrt", warf ich keuchend ein.
Snape
ließ meinen Hals los und zog abrupt seine Hände weg, so als hätte er sich eben verbrannt.
„Nein",
sagte er leise und in seinem Gesicht las ich Resignation, „man hat es
überprüft. Der letzte Zauberspruch, den sie mit ihrem Zauberstab ausgeführt hatte,
war ‚Lumos'."
Ich
schluckte. „Damit kann man doch niemanden töten", flüsterte ich. „Aber was
haben sie denn dann damit bezweckt?"
Doch
die Antwort auf diese Frage blieb er mir schuldig.
Snape
wandte sich ab und starrte aus dem Fenster; er fixierte einen Punkt irgendwo
draußen auf dem Krankenhaushof. Die Stille wurde unerträglich und je länger
Snape schweigend aus dem Fenster blickte, desto unruhiger wurde ich. Meine
Augen irrten unstetig zwischen ihm, den Bildern an der Wand und Seren, die im
Krankenbett lag und deren Atmung nun etwas normaler war, hin und her.
„Sie
wussten genau", unterbrach Snape plötzlich die Stille, „dass niemand außer
Seren zu Hause war." - Ich starrte ihn an. - „Das Ministerium hatte mich lange
genug beobachten lassen, um zu wissen, wie der Tagesablauf bei uns zu Hause
war. Mein Vater befand sich zu einer Befragung im Ministerium, die Aufforderung
hatte er ein paar Tage vorher erhalten, meine Mutter besuchte ihre kranke
Schwester und mich hatte der Dunkle Lord zu sich gerufen." Seine Stimme war
vollkommen ohne Gefühl und gerade deswegen schien jeder Satz, jedes Wort, das
er sprach, in meinem Kopf zu hämmern. „Sie sind in unser Haus eingedrungen, um
es zu durchsuchen - wie sie sagen. Im Untersuchungsbericht steht, dass meine
Schwester Widerstand geleistet hätte." Er lachte bitter. „Wahrscheinlich hat
sie die Haustür nicht geöffnet. Aber ich kann verstehen, dass vier Auroren sich
gegen ein kleines Mädchen nicht anders wehren konnten als mit dem Cruciatus-Fluch…"
Ich
verstand den letzten Satz so, wie er gemeint war: Verzweiflung, die sich nicht
anders ihren Weg bahnen konnte als in bitterem Sarkasmus.
Was
ich an dieser gesamten Situation aber nicht begriff war: „Die unverzeihlichen
Flüche werden doch registriert?"
„Natürlich",
hörte ich Snapes tonlose Stimme. Noch ehe ich wirklich begriff, welche
Tragweite diese Bestätigung hatte, redete er schon weiter: „Longbottom, es gibt
daneben auch andere, legale Flüche, die eine ähnliche, unwesentlich schwächere Wirkung
haben. Außerdem - selbst wenn alle vier gleichzeitig den Cruciatus ausgesprochen hätten und dieser dadurch mit einem
verstärkten Effekt auf Seren getroffen wäre, es hätte niemals ausgereicht, sie so zuzurichten."
+ + + + +
Es
entstand wieder diese Stille.
Auf
einmal fiel mir das Denken schwer. Ich wollte nicht begreifen, was dieser Satz
bedeutete und doch quälten sich meine Gedanken bis sie zum Grund vorgedrungen
waren. Wenn selbst vier kombinierte Flüche nicht aus gereicht hätten, dann
mussten die Auroren mehrmals gegen Seren vorgegangen sein. Die
Schlussfolgerung, die sich daraus ergab war…
„Folter",
flüsterte ich, als mich die Erkenntnis wie ein Boxhieb traf, „sie haben sie
gefoltert." Ungläubig blickte ich von Snape zu Seren. Die ersten Flüche hätte
ich noch als Zufall oder Unfall abtun können, weil die Auroren die zwölfjährige
Seren mit einem Todesser - also mit Snape - verwechselt hatten… Unvorstellbar,
aber möglich… Dennoch hätte dies nicht zu solch einer Verstümmelung führen
dürfen. Aber die Realität lag vor mir - das Ergebnis unvorstellbarer
Grausamkeiten.
„Aber
wenn das Ministerium wüsste, dass Ihre Schwester durch Auroren…"
„Longbottom,
wie naiv bist Du eigentlich? Sie wissen es." - Ich hörte etwas in Snapes
Stimme, das ich nicht einordnen konnte. - „Aber wie hat der Minister es in
seiner Rede vor dem Zauberrat so passend ausgedrückt: ‚Im Kampf gegen den
Unaussprechlichen müssen Opfer gebracht werden, aber es sind Opfer für eine
gerechte Sache. Ein notwendiges Übel, das die Zauberergemeinschaft in Kauf
nehmen muss.'" - Auf einmal konnte ich den Tonfall einordnen: es war die
Ohnmacht absolut nichts dagegen unternehmen zu können. - „Sieht sie wie etwas
aus, das man in Kauf nehmen müsste?"
Ich
schüttelte langsam den Kopf, obwohl es eher eine rhetorische Frage gewesen war.
„Die
offizielle Lesart bezeichnet das als ‚Kollateralschaden'. Ein harmloses Wort,
nicht wahr?" Snape starrte mich an, dann blickte er wieder aus dem Fenster
Mir
fielen plötzlich einige Berichte im Tagespropheten wieder ein, in denen ein
Sprecher des Ministeriums dieses Wort gebraucht hatte. - Ich machte mich von
Snapes Anblick los und starrte aufs Bett - zu Seren. Mir wurde abermals
schlecht, aber nicht, weil ich mich vor Serens Anblick ekelte, sondern weil mir
in diesem Augenblick die Menschenverachtung hinter diesem Wort klar wurde.
Welche Grausamkeiten damit kaschiert wurden.
Seren
hatte keine Schuld getroffen. Ihr einziger Fehler war gewesen, dass sie einen
Todesser als Bruder gehabt hatte.
+ + + + +
Wenn
ich in diesem Augenblick geglaubt hatte, es könne nichts mehr Schlimmeres
kommen, der Horror wäre zu Ende, so belehrte mich Snape eines Besseren: „Sie sind
aus dem Haus fort gegangen - und sie haben sie liegen lassen. - Sie hätten ihr
helfen können, aber sie haben es nicht getan - Sie hat mehr als einen Tag
hilflos dagelegen, bis ich sie gefunden habe. Als man sie dann endlich ins St.
Mungo's brachte, war es für eine mögliche Heilung schon zu spät. Alles, was die
Heiler vermochten, war…" Er brach ab und die Stimme, die ich sonst nur als kalt
und gefühllos kannte, erstickte nun beinahe in Tränen.
„Sie
am Leben zu erhalten", ergänzte ich seinen Satz. Doch bevor ich ihn beendet
hatte, war mir klar, dass es nicht stimmte. „Nein", verbesserte ich mich, „sie
haben sie am Sterben gehindert." Meine Stimme zitterte, als ich es sagte und
dabei Snape fixierte.
Er
drehte sich langsam vom Fenster weg und ich sah die feuchten Streifen, die sich
auf seinen Wangen gebildet hatten. „Und ich kann nichts dagegen tun. Sie ist zu
schwach, um zu leben, aber zu stark, um zu sterben. Wenn nicht ein Wunder
geschieht wird sie in diesem blinden, tauben und zerstörten Körper
dahinvegetieren…" Snape blickte zu seiner Schwester und als er weiter sprach,
zitterte seine Stimme ebenfalls. „Ich bete jede Sekunde, bei jedem Atemzug, den
sie macht, dass ihr Geist genauso zerstört ist, und sie von allem nichts mehr
mitbekommt. Wäre es anders, ich könnte es nicht ertragen."
+ + + + +
Ich
wusste nicht, wie ich mit dem, was Snape mir eben erzählt hatte, umgehen
sollte, wie ich damit fertig werden sollte. Ich ließ mich in den Sessel sinken
und fixierte einen unbestimmten Punkt auf dem Fußboden vor mir.
In
der Stille, die sich nun im Raum ausbreitete, dröhnte der Satz: „Sie sind
schlimmer als Mörder!" immer und immer wieder durch meinen Kopf.
Langsam
begriff ich, warum mich Snape hasste. Meine Eltern und ich verkörperten alles,
was ihm oder besser gesagt seiner Schwester verwehrt wurde. Seren lag vergessen
und weggeschlossen von der Welt in diesem kleinen Krankenzimmer. Es gab
niemanden, den ihr Schicksal interessierte. Meine Eltern waren Auroren, und
diese wurden in der magischen Welt hoch geachtet. Auroren waren Helden - ohne
Fehl. Niemand stellte dies in Frage, obwohl es einige unter ihnen gab, die es
ausnutzten, die sich über das Gesetz stellten. Auroren, die die Macht, die sie
hatten, wissentlich missbrauchten. Auch wenn Snapes Schwester aus Zufall verletzt
worden wäre - doch daran glaubte ich nicht - hätte man diese Auroren zur
Verantwortung ziehen müssen. Ein Verfahren vor dem Wizengamot wäre das mindeste
gewesen…
Serens
Geschichte warf für mich auch ganz persönliche Fragen auf. Nicht, dass ich an
der Rechtschaffenheit meiner Eltern gezweifelt hätte, aber was wusste ich
wirklich von ihnen, was von dem, was sie als Auroren getan hatten? Meine
Großmutter sprach nur selten darüber und ich hatte nie den Wunsch verspürt
nachzuhaken, um die Wahrheit zu erfahren. Ich wusste im Moment nicht einmal, ob
ich irgendwann den Mut dazu finden würde, aber ich begriff, dass Wahrheit etwas
sehr subjektives sein konnte.
+ + + + +
Geistesabwesend
beobachtete ich, wie Snape die flache Schüssel vom Tisch nahm und sich an Serens
Bett setzte und begann, sie zu füttern.
Während
er Löffel Brei um Löffel Brei in Serens Mund schob, erzählte er weiter, es war
als wäre ein Damm gebrochen, der nicht mehr zu schließen war. „Todesser, die
Auroren umgebracht hatten, wurden erbarmungslos verfolgt, sie wurden bestraft,
auch wenn dies ihre Taten nicht ungeschehen machen kann. Doch ich kann nicht
einmal die, die ihr das angetan haben vor Gericht bringen, weil das Ministerium
sie schützt. - Sie haben sie gequält und ermordet, aber für dieses Verbrechen
wird niemals jemand vor Gericht stehen. Keine Gerechtigkeit. - Doch auch die
würde mir Seren nicht zurückbringen. Die Helden der Zaubererwelt sind schlimmer
als gemeine Mörder. Als sie mich nach Askaban gebracht hatten, verlangte das
Ministerium sogar, Seren müsse das St. Mungo's verlassen, es sei hier kein
Platz für jemanden wie sie, jemandem, dem man nicht mehr helfen kann -"
„Und
deren Bruder ein Todesser ist", dachte ich bitter, doch die Verbitterung bezog
sich auf die Handlungsweise des Ministeriums.
„Wäre
Dumbledore nicht gewesen… Er hat dafür gesorgt, dass sie hier blieben kann. Sie
ist sein Patenkind. - Auch wenn es die Realität von der Öffentlichkeit fern
hält, aber es ist wohl leichter vor der Wahrheit die Augen zu verschließen, als
sich der Grausamkeit der Realität zu stellen. - Macht ist eine gefährliche
Waffe, nur die wenigsten können mit ihr umgehen - egal ob gut oder böse. Und
ich weiß, wovon ich rede."
Abrupt
brach er seinen Monolog ab. Mit einem leisen Klappern stellte er die Schale auf
den Nachttisch und tupfte Seren mit einem Tuch, das er vorher auf ihre Brust
gelegt hatte, den Mund ab. Bedächtig faltete er es zusammen, stand auf und
starrte wieder aus dem Fenster.
Abermals
wurde es still - nur dieses Röcheln.
Meine
Gedanken begannen nach dem Warum für Serens Folter zu suchen:
„Informationsbeschaffung… Snape war vom Ministerium beobachtet worden… Ein
kleines Mädchen konnte wohl kaum Dinge wissen, die die Auroren noch nicht in
Erfahrung gebracht hatten. Nein. Warum also dann? Blieb nur noch ein Grund:
Foltern um des Folterns willen."
Ich
schluckte.
Wie
groß musste Snapes Hass auf Voldemort sein, wenn er trotzdem auf Seiten des
Ministeriums stand. - Oder galt seine Loyalität nur Dumbledore? - Oder spielte
er ein falsches Spiel, um sich so an den Schuldigen zu rächen?
+ + + + +
Langsam
erhob ich mich aus dem Sessel und ging einige Schritte in Richtung des
Krankenbetts. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich wirklich hilflos.
Es gab nichts, absolut nichts, was ich tun konnte, jedes Wort und jede Geste
wären sinnlos. - Und ich verstand Snapes Gefühle, begriff jede einzelne seiner
Reaktionen und würde seine Handlungsweise niemals mehr verurteilen können.
Dieser
Raum war seine persönliche Hölle. Sobald ich dieses Zimmer verließ, hatte ich
sie hinter mir gelassen. Er kehrte jeden Tag aufs Neue in sie zurück.
Serens
Atmung hatte sich wieder in ein rasselndes Röcheln verändert. Unwillkürlich
blickte ich zu Snape, aber er starrte immer noch auf das Fensterkreuz. Aus den
Augenwinkeln sah ich, wie ein Teil des Breis, mit dem Snape seine Schwester
gefüttert hatte, mit Speichel verdünnt ihr wieder aus dem Mund lief.
Ich
nahm mein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte wie selbstverständlich
über Serens Mund und ihr Kinn, um den Brei zu entfernen. Da war kein
unangenehmes Gefühl in mir, es war so, als müsste es so sein.
Als
ich mich wieder vom Bett wegdrehte, sah ich Snape wie er mich mit einem
eigenartigen Blick beobachtete. Ich faltete das Taschentuch wieder zusammen und
steckte es weg. Etwas sagte mir, ich sollte jetzt besser gehen.
Langsam
lief ich zur Tür und öffnete sie. Ich drehte mich noch mal zu Snape um, der
sich wieder über seine Schwester gebeugt hatte.
„Es
tut mir Leid, Sir", sagte ich leise, bevor ich die Tür schloss und den Gang entlang
zum Ausgang der Station ging.
+ + + + +
Nach
den Sommerferien kehrte ich wieder nach Hogwarts zurück. Snape hatte seinen
Antrag auf meinen Schulverweis zurückgezogen. Keiner von uns erwähnte jemals,
was im St. Mungo's passiert war.
April
2004