BITTERSÜßER NACHTSCHATTEN

       von Smilla

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Kapitel 1

Kapitel 1


Die junge Frau sah sich neugierig in dem düsteren Kellergewölbe um. Sie strich sogar mit den Fingerspitzen an einer Reihe Gläser entlang, aus denen seltsame Pflanzen und konservierte Teile noch seltsamerer Tiere sie anstarrten. Snape hasste es, wenn man mit seinen Sachen so umging. Ihre Finger würden fettige Abdrücke auf dem blanken Glas hinterlassen, dessen dunkles Glühen seinem Sinn für Ästhetik so viel bedeutete. Er erwartete Ehrfurcht vor seiner Arbeit und vor der Schönheit eines perfekt gelungenen Trankes oder eben dem ganzen Ambiente seines Reiches. Mochten andere es einen "Kerker" nennen, sie begriffen nichts. Es war quälend, sein Leben lang fast ausnahmslos von Ignoranten umgeben zu sein. Von manch einem Zauberer hätte er mehr erwartet. Nicht aber von dieser kleinen Muggelfrau. Er vergab ihr ihr völlig unangemessenes Verhalten und biss schweigend die Zähne zusammen, als sie seine Gläser entweihte. Es wunderte ihn nur, dass sie nach allem, was sie heute nacht erlebt hatte, noch so sorglos-neugierig und naiv sein konnte. Versteh einer die Muggel! Snape hielt nichts von Voldemorts dumpfen Parolen, dass Muggel und Schlammblüter "unwertes Leben" seien. Aber wenn er sie so beobachtete, schien sie ihm doch fast so etwas wie ein "niederes Tier" zu sein. Das war keine Rechtfertigung, ihnen Leid zuzufügen. Snape achtete jedes Wesen in seiner Besonderheit oder Absonderlichkeit, war er es doch selbst gewohnt, vom Rest der Welt als so ziemlich das Abnormste betrachtet zu werden, was herumlief. Mit einem gewissen Neid registrierte er die naive Unbekümmertheit der Muggelfrau. Das Grauen so leicht vergessen zu können, das Denken so problemlos abzuschalten, welch unbezahlbare Fähigkeit.

Sie hörte endlich auf, ihre Spur über die Gläserreihen zu ziehen und wandte sich lächelnd zu ihm um. "Sie sind Biologe, nicht wahr?" fragte sie, und mit einem Blick auf die mit bunten Flüssigkeiten gefüllten Phiolen auf seinem Schreibtisch, von denen einige noch dampften, ergänzte sie: "Oder Chemiker." Er nickte knapp. Er war derjenige, der hier Fragen stellen sollte. "Sie können nicht lange hierbleiben", sagte er, "aber vorher muss ich ein paar Dinge klären.
Miss...?" "Smith, Annie Smith. Sagen Sie einfach Annie zu mir. Und wie heißen Sie?" "Das tut nichts zur Sache." Sie zog einen halb belustigten Schmollmund: "Das ist unfair, Sie wissen mehr als ich." Treffend bemerkt, dachte er sarkastisch. Aber hörbar (kaum hörbar und gefährlich leise) erwiderte er: "Ich habe nie behauptet, fair zu sein." Sie schauderte spielerisch: "Hu! Sie sind schon ein unheimlicher Kauz! Lassen Sie doch mal das Eis aus ihrer Stimme und ihrem Blick weg und lachen Sie einfach!" "Ich wüsste nicht, was es zu lachen gäbe", entgegnete er trocken. Annie musterte ihn plötzlich mit einem ernsten, prüfenden und - mitleidigen! Blick. Er hasste das. Es war seine Aufgabe, andere zu prüfen, nicht geprüft zu werden. "Sie hatten wohl nicht viel zu lachen im Leben?" fragte sie teilnahmsvoll. Nun wurde es aber wirklich Zeit, dass er sie los wurde.

"Gehen wir das Ganze noch einmal durch. Warum waren Sie in diesem Wald?" "Braucht man dafür einen Grund?" fragte Annie amüsiert, "ich bin einfach nur spazierengegangen." "Nachts", schnaubte Snape und verdrehte die Augen, "allein in einem dunklen Wald. In diesem Wald! Nun gut... Was passierte dann?" "Diese Leute kamen plötzlich hinter den Bäumen hervor und griffen mich an. Ohne jeden Grund. Sie sahen schrecklich aus. Sie hatten lange schwarze Mäntel an und Masken vor den Gesichtern. Das muss so eine Art Ku Klux Clan gewesen sein. Aber ich dachte immer, die gäbe es nur in Amerika, und außerdem bin ich nicht schwarz." Snape nickte ungeduldig: "Und weiter?" "Erst haben sie nur versucht, mich einzuschüchtern. Sie haben schmutzige Witze gemacht und ich dachte, sie wollten mich vergewaltigen. Aber dann zogen sie so komische Stäbe aus den Taschen. Das müssen eine Art Elektroschocker gewesen sein, denn wenn sie sie auf mich richteten, hatte ich entsetzliche Schmerzen." Snape war beruhigt, dass sie alles auf Muggelart interpretierte. Allzuviel schien sie nicht kapiert zu haben. Trotzdem würde er nachher ihre Erinnerung löschen. Hastig, als wollte sie gern dieses Thema beenden, sprach sie weiter: "Und dann sagte der eine, der ihr Anführer zu sein schien, sie sollten mich töten. Da kriegte ich echt die Panik. Einer von ihnen trat vor und wollte diese Aufgabe erledigen. Er sagte, er hätte noch eine Belohnung gut für irgendetwas, und er wollte mich für sich allein haben. Er wollte mit mir, versteckt hinter den Bäumen... nun ja, was Männer halt mit hilflosen Frauen tun, um sich zu 'belohnen', denke ich. Anschließend wollte er mich noch etwas quälen und dann töten und meine Leiche wegschaffen. Sein Boss war einverstanden, und er nahm mich mit." Wieder nickte Snape kurz: "Das war ich." "Ja", flüsterte sie, "und ich hatte grässliche Angst vor Ihnen. Aber Sie sind nur ein Stück weit mit mir gegangen, und dann haben sie mich ganz fest am Arm gepackt und diese alte Blechbüchse, die herumlag, angefasst und... und dann wurde mir schwindlig, und dann waren wir an dem Eingang zu diesem unterirdischen Gang, und Sie haben mich da reingeschleift, und dann sind wir hier drinnen gelandet. Wie... wie haben Sie das bloß gemacht?" "Das tut nichts zur Sache", antwortete er schroff, "seien Sie einfach froh, dass Sie hier sind." Sie nickte hilflos. "Diese anderen", flüsterte sie, "die denken, ich sei tot, nicht wahr?" "Ja." "Sie sind doch auch einer von denen. Warum haben Sie mir geholfen?" "Sagen Sie einfach nur 'danke'!" fauchte er.

"Ja", sagte sie leise und ernsthaft, "danke! Ich werde Ihnen ewig dankbar sein, Mr...?" Aber darauf fiel er nicht herein. "Finden Sie sich damit ab, meinen Namen nicht zu kennen." "Dann muss ich Ihnen einen Namen geben. Ich brauche etwas, woran ich mich erinnern kann." "Ganz sicher nicht", dachte Snape. Annie ging wieder an den Regalen entlang, diesmal an einigen Flaschen mit Zaubertrank-Grundstoffen vorbei. Mit einem Mal lachte sie leise und hell und tippte mit dem Fingernagel gegen ein Etikett. "Das da!" sagte sie, "das passt zu Ihnen. So werde ich Sie nennen: 'Bittersüßer Nachtschatten'!" Aber plötzlich wurde sein Blick, der vorher kühl gewesen war, eiskalt. Annie erschrak. "Das war ein schlechter Witz!" zischte er und packte sie hart am Arm. "Aber..." "Still! Bringen wir das hier zu Ende." Mit plötzlicher Hast zog er seinen Zauberstab und belegte Annie mit einem Vergessenszauber. Dann trat er mit ihr in den Kamin, hielt sie fest an sich geklammert, streute Flohpulver und reiste mit ihr in die Hütte außerhalb des Waldes, die er für solche Zwecke benutzte. Er öffnete gewaltsam die Augenlider der größtenteils noch bewusstlosen Frau und starrte mit dem hypnotischen Blick einer Schlange in ihre Augen. "Du wirst dich zwar an nichts erinnern", sprach er beschwörerisch, "aber eins soll dir eingeprägt bleiben: eine unbestimmte Angst vor diesem Wald. Du - wirst - diesen - Wald - nie - wieder - betreten!" Sie nickte in Trance. Er sah sie prüfend an. Es schien gewirkt zu haben. Das war das letzte Mal, dass er sie sah.

Erschöpft sank er nach seiner Rückkehr auf einen Stuhl. Sein Blick fiel auf das bewusste Fläschchen, und er sprang wieder auf. Bittersüßer Nachtschatten! Ausgerechnet. Snape ergriff das Fläschchen mit Gift und zerschmetterte es an der dicken, kalten Steinmauer seines Kerkers.



Kapitel 2

Kühl. Dunkel. Still. Der schlaksige Junge lehnte sich an die kalte Steinmauer und atmete heftig. Er war den ganzen Weg hier herunter gerannt. Wieder einmal auf der Flucht. Auf der Flucht vor seinen Peinigern, vor allen Menschen, vor sich selbst. Hier unten war die Ruhe, die er suchte, die er in sich selbst vergeblich suchte. Hier war sein Versteck, hier waren seine geliebten Bücher, in die man flüchten konnte, seine Experimente, die den Geist wach hielten, seine Mixturen, die ihm ein Gefühl von Macht verliehen. Alles, was sein Leben lebenswert machte. Wenn überhaupt. In der Welt da oben, im Tageslicht, gab es nur Schmerz. Das war so, seit er als Elfjähriger hier angekommen war, voll törichter Hoffnungen. Nun war er in der letzten Klasse und hoffte schon lange nicht mehr auf Dinge wie "Freundschaft" und "Verständnis". Außer vielleicht von seinem Lieblingslehrer, Dumbledore. Aber auch der hatte ihn belogen. Er hatte ihn damals aus dem leeren Haus abgeholt und hierher gebracht, und er hatte ihm versprochen: "In Hogwarts wirst du die Geborgenheit wiederfinden, die du verloren hast. Keine Familie zwar, aber doch etwas ähnliches." Hätte er ihn doch nur dort sitzen lassen, vielleicht wäre er dann einfach gestorben. Niemand hätte nach ihm geschaut. Die Auroren hatten sich ja auch nicht um ihn gekümmert, als sie seine Eltern abholten. Warum musste Dumbledore...

Nein, dies hier war keine Familie. Auch nichts Ähnliches. Das hier waren ein Haufen von Kindern, die so grausam waren, wie Kinder eben sind. Vor allem in der Hackordnung eines Internats. Eine solche Gesellschaft funktioniert wunderbar, vorausgesetzt sie hat einen Sündenbock, auf dem man alles Negative abladen kann und der dafür büßen muss. Schwer büßen. Severus bot sich wunderbar für diesen Job an. Ein dünner, blasser Junge, eher schwächlich, unerträglich intelligent und besserwisserisch, der geborene Außenseiter. Und seine unheimlich schwarzen Augen und Haare passten zu dem Image, das ihm anhing: Er war der Sohn von Schwarzmagiern und selbst, wie Frau Professor Blimp bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit betonte, "von Grund auf verdorben". Die Tatsache, dass er mit elf Jahren mehr Flüche beherrschte als jeder Schulabgänger, war ja Beweis genug. Professor Blimp kompensierte ihre Wut darüber, dass dieses gefährliche Kind auf der Schule sein durfte, indem sie jedes noch so kleine Vergehen seinerseits wahrnahm und als Gelegenheit für drastische Strafen nutzte. Sie liebte es, ihn vor seinen Mitschülern zu erniedrigen. Schwer zu sagen, wie viele ihrer Unterrichtsstunden (bevorzugt Doppelstunden) Severus Snape in der Ecke stehend oder auch kniend zugebracht hatte. Sie achtete konsequent darauf, dass die Strafe keine Minute vor Unterrichtsende abgebrochen wurde, egal, wie weiß sein blasses Gesicht noch wurde. In Ohnmacht gefallen war er nur einmal. Das war, als er die ganze Zeit die Hände hochhalten sollte. Dumbledore hatte ihr Vorwürfe gemacht, als sie sich im Krankenflügel am Bett des Jungen begegneten. Aber er hatte ihr nichts zu sagen, er war schließlich nicht der Schulleiter, und sie war älter als er. Ihre ziemlich direkt ausgesprochene Drohung, jedem Kind Punkte abzuziehen, das mit dem "verdorbenen" Snape redete oder spielte, wäre wohl ziemlich unnötig gewesen. Manchmal sprachen sie schon mit ihm, aber dann nur gehässige Dinge, und das übersah sie großzügig. Gewissenhaft erinnerten Professor Blimp und all die braven Kinder Severus täglich daran, dass er hier nichts verloren hatte. So einer gehörte eigentlich da hin, wo seine Eltern waren. Zu Ferienbeginn fand sich auch mit Sicherheit jedesmal wenigstens einer, der fragte: "Na, fährst du heim zu deinen Eltern? Nach Askaban?" Nein, er fuhr nicht nach Askaban, niemals. Minderjährige hatten dort kein Besuchsrecht. Vielleicht zu ihrem eigenen Schutz. Severus hatte seine Eltern nicht mehr gesehen, seit er elf Jahre alt war. Er verbrachte die Sommerferien bei einem entfernten Verwandten, der sich wenig um ihn kümmerte, und das war ihm recht so.

Er war trotz allem groß geworden. Nun stand er kurz vor seinem Schulabschluss, und mit ziemlicher Sicherheit würde es einer der besten Abschlüsse dieses Jahrgangs werden. Wo er danach hingehen sollte, wusste er nicht. Oft genug hatte er sich nur von hier fortgewünscht, aber jetzt begann es zunehmend, ihm Angst zu machen. Er würde zum zweiten Mal im Leben sein Zuhause verlieren, auch wenn er hier nie glücklich gewesen war.

Severus bestrich die Prellung an seinem Arm mit einer selbstgemachten Salbe, die ihm die dauernden Wege in den Krankenflügel ersparte. Er hatte keine Lust, sich jedesmal dort zu präsentieren, wenn ihn wieder jemand verprügelt hatte. Es tat ja heute auch gar nicht so weh wie manches andere Mal, vor allem nicht wie damals, als Professor Blimp ihn endlich einmal bei einer größeren Untat erwischt hatte: dem unerlaubten "Ausleihen" eines Buches aus der Verbotenen Abteilung der Bibliothek. Damals hatte er Bekanntschaft mit der sogenannten "Folterkammer" des Hausmeisters und mit dessen Stock gemacht. Professor Dumbledore, dieser idealistische Lehrer, versuchte seit langem, ein Verbot dieser Form der Bestrafung und die Versiegelung dieses Zimmers durchzusetzen. Immerhin hatte er erreicht, dass es nur noch in besonders schweren Fällen zum Einsatz kam. Doch in diesem Fall hatte die Blimp es geschafft, den Schulleiter von der entsprechenden Schwere des Vergehens und der allgemeinen Gefährlichkeit des jungen Verbrechers zu überzeugen. Nun, jedenfalls damals hatte er sich diese Salbe zubereitet, was ihm schon oft zugute gekommen war.

Er stellte den Tiegel mit Salbe zurück ins Regal, und sein Blick blieb an einer bestimmten Flasche hängen, deren Etikett recht abgegriffen aussah. "Bittersüßer Nachtschatten (Solania dulcamara)", lautete die Aufschrift. Ein hochwirksames Gift, doch Snape, das kleine Naturtalent im Mischen von Tränken, wusste ihn genau so zu dosieren, dass er keinen Schaden anrichtete. Keinen direkt spürbaren jedenfalls. Der Trank aus 33 verschiedenen Essenzen, einschließlich eben des so entscheidenden Bittersüßen Nachtschattens, war das Tor zu einer besseren Welt. Je nach genauer Zusammensetzung, ließ er ihn Schlaf finden, den er sonst nicht fand. Oder er ließ ihn schwindelerregende Höhen des Glücks erleben, die nicht für einen wie ihn bestimmt waren. Sicher, auf die Dauer tat der Trank seinem Körper nicht gut. Er machte ihn immer magerer und blasser, und vielleicht würde er irgendwann ganz verschwunden sein. Es würde niemanden stören, ihn selbst am allerwenigsten.

Severus mischte sich mit großer Sorgfalt eine frische Portion des Trankes zusammen und wollte das Glas gerade an die Lippen setzen, als unerwartet jemand in sein Kellerversteck eindrang. Snape zuckte zusammen. Das war noch nie passiert. War er nicht einmal hier mehr sicher? Im Halbdunkel erkannte er Lucius Malfoy. Er war der Anführer einer Bande von Slytherins. Leute aus Snapes Haus, doch sie waren nie freundlicher zu ihm gewesen als der Rest der Schüler. Im Grunde waren sie zu niemandem besonders freundlich. Malfoy, Avery, Rosier und Wilkes.

Der große Junge mit den langen, silberblonden Haaren schnupperte in die Luft, wo es bitter und süß zugleich roch. Snape beneidete ihn um diese Haare und um alles mögliche: seine intakte und zudem reiche und mächtige Familie, die Tatsache, dass er Freunde hatte und dass er, obschon offensichtlich oft auf verbotenen Pfaden unterwegs, selten erwischt wurde. Und wenn doch, wurde ihm niemals eine solche Behandlung zuteil wie Snape. Die Lehrer, selbst die Blimp, hatten gehörigen Respekt vor seiner einflussreichen Familie, die Schüler vor seiner Schönheit. Er mochte noch so Böses im Schilde führen - er wirkte immer "hell" mit seinen seidigen, blondschimmernden Haaren und blauen Augen und seinem Lächeln. Severus hingegen konnte noch so gute Absichten haben, er sah immer "dunkel" aus, mit rabenschwarzen Haaren und Augen und einem bleichen Gesicht, das das Lächeln verlernt hatte und von Tag zu Tag ungesünder aussah. Zudem nannten sie ihn einen hässlichen Kerl, wegen seiner ständig fettigen Haare. Kaum einer erinnerte sich noch daran, dass Severus´ schwarze Haare von Natur aus ebenso seidig waren wie Lucius´. Er vermied es weitgehend, sie zu waschen, seit ihn im zweiten Schuljahr zwei ältere Schüler solange mit dem Kopf unter den Wasserhahn gedrückt hatten, bis er fast erstickt war. (Lange noch vor dem Mordanschlag gegen Snape durch seinen Mitschüler Sirius Black, dem herausragendsten in einer langen Kette von traumatischen Erlebnissen.) Nur eine kurze Phase hatte es gegeben, wo er sich täglich zur Tortur des Haarewaschens zwang. Das war letztes Jahr, als er seine erste und wohl letzte Liebe erlebte. Er hätte es eigentlich wissen müssen, dass sie nur mit ihm spielte. Am Ende hatte sie ihre Wette gewonnen und sich einen Haufen Süßigkeiten von ihren Freunden verdient, für die gelungene Vorführung, wie der dämliche Snape allen Ernstes am verabredeten Treffpunkt wartete und ihr eine Liebeserklärung machte. Sie hatten alle viel zu lachen gehabt, vor allem das Mädchen. Seitdem hielt Snape sich fast nur noch im Keller auf. Und sah es überhaupt nicht mehr ein, sich mit Haarewaschen zu quälen. Und musste immer häufiger nachts im Verbotenen Wald Nachschub an Bittersüßem Nachtschatten pflücken.

"Was ist das für ein Zeug?" fragte Lucius Malfoy. "Mein Trank", entgegnete Severus und bemühte sich, mit ruhiger Stimme zu sprechen. Lucius schnupperte wieder. "Ein Rauschtrank, stimmt´s? Das riecht man. Du weißt, dass Rauschtränke streng verboten sind, ja? Du weißt auch, was Professor Blimp mit dir macht, wenn sie dich damit erwischt, ja? Du wirst von der Schule fliegen, ein paar Wochen vor deinem Abschluss. Wie schade um den Musterschüler Snape. Die ganzen sieben unschönen Jahre in Hogwarts umsonst. Und was sie mit dir macht, bevor du gehen darfst, kannst du dir auch ausmalen, oder?" Severus schluckte. Ja, das konnte er. "Geh schon und sag es ihr", resignierte er mit matter Stimme. Doch Lucius machte keine Anstalten zu gehen. "Du könntest mich vielleicht davon überzeugen, darauf zu verzichten", sagte er mit öliger Stimme. "Und wie?" fragte Snape überrascht, "was verlangst du dafür?" Lucius schloss seine Finger um das Glas, das Severus immer noch umklammert hielt und entwand es seinem Griff. "Das hier!" Snape glaubte sich verhört zu haben. Doch Lucius bekräftigte seine Forderung: "Du kannst zu unserer Bande gehören, wenn du uns regelmäßig damit versorgst. Ist doch schön, dass du mal zu was nütze bist, oder?"

Seitdem gehörte Severus Snape dazu. Nicht, dass sie ihn besonders mochten oder auch nur so taten. Aber sie brauchten ihn, denn nur er konnte den Trank brauen und ihnen selige Träume verschaffen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Severus das Gefühl, zwar nicht geliebt, aber immerhin gebraucht zu werden.  


Kapitel 3

Severus hatte Hogwarts seit einigen Jahren hinter sich gelassen. Er war Jahrgangsbester gewesen, doch Professor Blimp hatte durch persönliche und sehr engagierte Vorsprache bei allen in Frage kommenden Institutionen dafür gesorgt, dass er keine Arbeitsstelle fand. Sie war der Meinung, dass Snape nun endlich alt genug sei, um ihn nach Askaban zu bringen, wo er hingehörte. Nach Askaban, wo seine beiden Eltern inzwischen gestorben waren. Doch leider hatte sie nichts in der Hand, was dies hinreichend begründet hätte. Seitdem war einige Zeit vergangen, die alte Blimp sowie der Schulleiter und der Hausmeister mit der "Folterkammer" waren in den Ruhestand versetzt worden, Snape hatte Hogwarts vergessen, und Hogwarts hatte Snape vergessen. Während seine ehemaligen Klassenkameraden, trotz weniger glänzender Abschlussnoten, an den verschiedensten Orten Karriere machten, lebte und arbeitete Snape im Herrenhaus der Malfoys, wieder einmal in den Keller verbannt wie etwas, das zu peinlich ist, um es bei Tageslicht irgendwem zu zeigen. Dort unten in seinem Reich braute er Tränke, vor allem natürlich stets neuen Nachschub eines ganz bestimmten Trankes, und lebte von der Gnade Lucius Malfoys. Abends versammelte sich die alte Bande meist in seinem Keller, und dann tranken sie gemeinsam ihr Elixier der schönen Träume. Tagsüber ließen sie Snape allein, und auch nachts schienen sie immer unterwegs zu sein, nachdem sie sich mit dem Trank in ein Hochgefühl von Macht und Stärke versetzt hatten. Nie erzählten sie ihm von ihren Unternehmungen, aber es schienen furchtbar wichtige Dinge zu sein. Jedenfalls taten sie so. Eines Tages kamen sie schon morgens in seinen Keller hinab. Sie rochen nach Wald und waren noch ausgelassener als sonst. An ihren Armen hatten sie seltsame Tätowierungen. Sie feierten irgendetwas, mit einer Extraportion des Trankes, und er durfte mitfeiern. Aber was sie feierten, sagten sie ihm nicht.

Nicht lange danach ließen sie ihn wissen, dass sie seinen Trank nicht mehr brauchten. Snape geriet in Panik. Wenn sie das Zeug nicht mehr brauchten, brauchten sie ihn nicht mehr. Wo sollte er hin? "Warum wollt ihr kein Elixier mehr?" fragte er mit ununterdrückbarem Zittern in der Stimme, und dann versuchte er es mit Erpressung: "Ich glaube nicht, dass ihr ohne meinen Trank leben könnt. Ihr seid süchtig, ihr werdet nach drei Tagen auf den Knien darum betteln!" Lucius winkte verächtlich ab: "Das Zeug hat kaum noch eine Wirkung auf uns. Der Gewöhnungseffekt. Das musste ja irgendwann so kommen. Wir haben etwas Neues, was uns einen besseren Kick gibt." Snape schluckte trocken. Konnte es sein, dass jemand ihn, den Meister im Tränkebrauen, überflügelt und nutzlos gemacht hatte? "Was ist es?" stammelte er kaum hörbar. Lucius beugte sich zu ihm herunter und flüsterte geheimnisvoll, obwohl weit und breit niemand war, der sie hätte belauschen können: "Kennst du den Imperiusfluch?" Snape nickte. Lucius grinste: "Klar, warum frage ich überhaupt? Du kanntest schon als Erstklässler alle Unverzeihlichen Flüche. Aber weißt du auch, was für ein geiles Gefühl es sein kann, beherrscht zu werden?" Snape schüttelte den Kopf und sah ihn verständnislos an. Er stellte es sich schrecklich und demütigend vor, unter dem Imperiusfluch zu stehen, des eigenen Willens beraubt und zu Sklavenhandlungen verurteilt. Lucius schien seine Gedanken zu erraten: "Du denkst, es ist nicht gerade toll, was? Aber wenn du den richtigen Meister findest, ist es eine Erfahrung, die viel berauschender ist als jeder bescheuerte Trank. Totale Hingabe, verstehst du? An den, den du verehrst. Er zwingt dich zu allerhand irren Taten, die du normalerweise nie wagen würdest." Severus versuchte den Sinn dieser Worte einigermaßen nachzuvollziehen, aber es fiel ihm schwer. Alles, was er verstand, war, dass er nun wie ein herrenloser Hund auf der Straße sitzen würde. Müde schlurfte er in eine Ecke, zog seinen Koffer hervor und ließ mit dem Zauberstab etliche Habseligkeiten in den Koffer segeln. "Was machst du da?" fragte Lucius mit scheinbarem Erstaunen. "Ich gehe", murmelte Snape. Doch Lucius hielt ihn am Arm fest: "Aber nein! Lieber Severus! Wie kannst du nur glauben, dass wir dich einfach so gehen lassen? Du bist doch nicht nur unser Tränkebrauer, sondern unser Freund!" Ungläubig starrte Snape ihn an, und für einen Augenblick regte sich eine unsinnige Hoffnung in ihm. "Du bleibst", bestimmte Lucius, "wir brauchen ja noch andere Tränke als den einen. Und du sollst teilhaben an unseren neuen Genüssen. Komm heute nacht mit zu unserem Meister! Auch er wird dein Freund sein wollen, glaub mir!" Lucius´ Augen glitzerten, und sein schmieriges Lächeln wurde sehr breit.

In dieser Nacht bekam auch Severus das Brandmal auf den Unterarm geprägt. Er musste sich dabei fast übergeben, nicht nur vor Schmerz, sondern auch vor Widerwillen. Es war erniedrigend, und er hasste nichts mehr als Erniedrigung, die er zu oft erfahren hatte.  Doch offensichtlich war es nötig, um weiterhin dazu zu gehören. Zu seinen alten und neuen "Freunden" und zu ihm, dem Meister, Lord Voldemort. Zugegebenermaßen faszinierte ihn der Meister. Er schien immense magische Kräfte zu besitzen, und er strebte nach nicht weniger als der Weltherrschaft. Er war rücksichtslos und hatte sich sicher nie so viel gefallen lassen wie der dumme, kleine Severus Snape. Bestimmt konnte man viel von ihm lernen.

Als Snape das erste Mal mit dem Imperius-Fluch belegt wurde, fühlte er sich noch elender als beim Einbrennen des Mals. Dies hier war die größte denkbare Erniedrigung. Er war Voldemorts Spielzeug, und der Meister ließ ihn eine Reihe unsinniger Dinge tun, unter dem Gelächter der anderen Todesser. Es war wie damals, als die versammelten Schüler laut lachend aus ihrem Versteck hervorgebrochen waren, gerade in dem Moment, als er das Mädchen küssen wollte. Snape wusste, dass man sich mit einem starken Willen gegen den Imperius-Fluch zur Wehr setzen konnte, aber er schaffte es nicht. Er war zu schwach. Natürlich.

Im Laufe der Wochen gewöhnte sich Severus an den willenlosen Zustand unter Voldemorts Imperius-Fluch. Tatsächlich begann er allmählich, die Freuden dieses Zustandes zu erleben, von denen Malfoy gesprochen hatte. Es tat auf seltsame Weise gut, sich ganz fallen zu lassen, selbstvergessen zu tun, was der Meister verlangte, nichts entscheiden, nichts verantworten zu müssen. Es ähnelte tatsächlich dem Rausch durch den Trank. Es befriedigte. Und es sicherte ihm seine Zugehörigkeit. Die Stunden, in denen er Voldemorts Sklave war, erfüllten ihn mit einem Gefühl totaler Zugehörigkeit. So ähnlich stellte er es sich vor, geliebt zu werden.

Und dann kam der große Tag. Lord Voldemort ehrte seinen treuen Diener Severus Snape vor allen anderen. Es war ein so ganz anderes Gefühl, als vor aller Augen in der Ecke zu stehen und als Beispiel für menschlichen Abschaum ausgestellt zu werden. Sehr ungewohnt, sehr rauschhaft, besser als jeder Trank oder Fluch. Severus spürte, dass er alles tun würde, nur um dieses Gefühl noch ein paar Mal in seinem Leben erfahren zu dürfen. Und Voldemort versprach ihm eine Belohnung für seinen treuen, bedingungslosen Gehorsam. Er sollte zum ersten Mal eine wahrhaft würdige Aufgabe erhalten, die kleinen Spielchen zur Brechung des Willens waren vorbei. "Ich werde dich jetzt mit dem Imperius-Fluch belegen", verkündete Voldemort feierlich, "und du wirst große Dinge tun." Mehr verriet er ihm nicht. Wenn er erst unter dem Fluch stand, würde er genau wissen, was er zu tun hatte.

Snape fühlte, wie sein Wille, seine Gefühle, sein ewiger Schmerz von ihm abfielen. Er tauchte hinein in einen wohligen Nebel und versank immer tiefer darin. Die anderen hörten ihn wohlig aufstöhnen. Undeutlich nahm er wahr, wie er sich durch den Wald bewegte. Dann stand da ein Mann vor ihm. Nein, er kniete. Wie er selbst so oft, in der Ecke des Klassenzimmers. Und in seinen Augen stand nackte Angst. Snape wusste nicht, wer der Mann war oder was ihm solche Angst machte. Es war doch alles so wundervoll hier. Sie schwebten auf einer Wolke aus Glück. Snapes Hand mit dem Zauberstab darinnen streckte sich nach vorn und wies auf den Mann. Wie durch eine Schicht aus dicken Polstern hörte er ihn schreien. Doch die Stimme in seinem Kopf war lauter, und sie sagte unaufhörlich: "Avada Kedavra!" Snapes Lippen begannen, die Worte mitzuformen, lautlos zuerst. Dann straffte sich sein Körper, er fühlte sich von einer Welle magischer Kraft durchströmt und rief laut und deutlich: "Avada Kedavra!" Irgendwo hinter dem Nebel zuckte ein grünes Licht. Dann wurde plötzlich der Imperius-Fluch von ihm genommen. Severus Snape erwachte wie aus einem tiefen Traum und sah sich um. Wo war er? Sein Blick fiel auf die verkrümmte Leiche vor ihm, dann auf den Zauberstab in seiner Hand. Von mehr als nur einer bösen Ahnung gepackt, befahl er mit tonlosem Flüstern dem Zauberstab: "Priori Incantatem!" Und der Zauberstab zeigte ihm seinen letzten Fluch. Er sah das Abbild eines Mannes, der, von einem grünen Blitz getroffen, leblos in sich zusammensank. Snape rannte ein paar Meter weit und übergab sich. Er rannte weiter und weiter.

Es schienen ihm Tage, die er nur gerannt war, fast ohne Pausen. Er war nicht zum Haus der Malfoys zurückgekehrt. Es war ihm auch niemand gefolgt. Sie schienen sich sicher zu sein, dass er zurückkehren würde, so wie er sich immer sicher gewesen war, dass sie erneut nach seinem Trank fragen würden. Warum aber hatten seine Füße ihn ausgerechnet hierher getragen? An einen Ort, den er tausendemale verflucht hatte, an den er nicht mehr gehörte und nie gehört hatte. Und doch war es die einzige Zuflucht, die er kannte. Es gab den unterirdischen Gang tatsächlich noch immer, und er führte in das vertraute Kellerloch, und niemand schien es nach ihm und Malfoy entdeckt zu haben, denn sogar seine Gläser und Flaschen standen noch da, als wäre er erst gestern gegangen. Nur die dicke Staubschicht auf dem Glas verriet, dass es nicht so war. Sie verdeckte die Etiketten, doch Snape fand mit einem einzigen Griff die richtige Flasche. Bittersüßer Nachtschatten (Solania dulcamara).

Mit geübten Handgriffen stellte er die Mischung her. Eine neue Mischung. Der Anteil an Bittersüßem Nachtschatten war höher denn je. Das Elixier roch süßer denn je und bitterer denn je. Dies war sein neuestes, sein letztes Experiment. Und er kannte bereits das Resultat. Seine Hand zitterte nicht, als er das dampfende Glas an die Lippen setzte.  



Kapitel 4


Nebel. Eingebettet in einen dichten Nebel, so weit weg von den Geräuschen und Anblicken der Welt und von allem Fühlen und Denken. Nebel...

Grünliches Licht hinter dem Nebel...
"Priori Incantatem!"... Nein!!! NEIIIIIIIIIIIIIIIIN!!!

Mit einem lauten Schrei fuhr Snape so plötzlich senkrecht hoch, dass sein schwacher Kreislauf wieder kollabierte und er auf das Bett zurückfiel. Doch seine Augen blieben geöffnet. Weit aufgerissen. Trotzdem nahmen sie die Welt noch immer wie durch einen Nebel wahr, der sich nur sehr langsam lichtete. Das nächste, was aus dem Nebel auftauchte, war Schmerz. Ein scharfer, brennender Scherz, der seine Eingeweide ausglühte, wie es schien. Er wollte sich zusammenkrümmen, um den Schmerz zu lindern, doch er war zu kraftlos dazu. Entsetzen malte sich in seinem totenblassen, von kaltem Schweiß glänzenden Gesicht. Der Schrei hatte seine ganze restliche Kraft verbraucht. Er brachte nur noch ein schwaches Stöhnen zustande.

Plötzlich eine Berührung. Der Körper, eben noch nicht zu der geringsten Bewegung fähig, zuckte heftig zusammen. Die wenigen Berührungen, die Snape kannte, bedeuteten Schmerz. Doch diese war anders. So anders, als alles, was er kannte. Langsam entspannten sich seine verkrampften, zitternden Muskeln wieder und wenn man einer Berührung "lauschen" könnte, so tat er es jetzt. Abwartend und völlig überrumpelt von etwas, das nicht zuzuordnen war, so fremd und doch so... tröstlich? Nie gekannt... Doch, tief, ganz tief vergraben in ihm, verschüttet von einem Berg grausamer Erinnerungen, war ein solches Gefühl gespeichert. Damals, scheinbar vor Jahrtausenden, als er noch Sevvie hieß und eine Mutter hatte. Als er krank war und ihre Hand auf seinem glühenden Köpfchen spürte.

Dumbledore ließ seine Hand auf der Stirn des Kranken ruhen und bewegte sie nur kurz und sanft, um eine Strähne nassen, schwarzen Haares beiseite zu schieben. Er hatte die Hand seit vielen Stunden nicht fortgenommen, egal ob sie fast taub wurde. Nur als Snape hochschreckte, war die Berührung für einen Moment unterbrochen gewesen. Diese Hand hatte die glühende Hitze gespürt und den kalten Schweiß, und das Zittern, das den ganzen mageren Körper schüttelte.

Nach weiteren Unendlichkeiten tauchte Severus Snape schließlich aus dem Nebel auf. Er öffnete seine Augen, und das erste, was sie erblickten, war ein anderes Paar Augen, hell und freundlich und voller Sorge und Kummer, hinter den halbmondförmigen Gläsern einer Brille. Snape konnte seinen Blick nicht abwenden von diesem liebevollen Ausdruck, der tatsächlich und unfassbarer Weise ihm zu gelten schien. Und Dumbledore seinerseits schaute ganz tief in diese schwarzen Augen und las soviel Trauer darin, dass ihm die Tränen kamen. Er hatte viele traurige Augen gesehen, in seiner Laufbahn als Lehrer, Kinderaugen zumeist, aber nie etwas Derartiges. Aus diesen Augen war jeder Glanz verschwunden, sie waren wie unergründlich tiefe, schwarze Brunnen, auf deren Grund, könnte irgendjemand durch die Abgründe der Dunkelheit sehen, man riesige Ansammlungen von Schmerz finden würde.

"Severus...!" brachte Dumbledore mit erstickter, heiserer Stimme hervor. "Professor... Dumbledore?" kam ein schwaches, ungläubiges Flüstern zurück. "Ja", sagte der Ältere sanft, "aber nenne mich Albus. Ich bin nicht mehr dein Lehrer." "Was... ist... ?" Das Sprechen strengte Snape sichtbar an. "Schscht!" machte Dumbledore und drückte seinen Kopf behutsam zurück auf das Kissen, "du musst nicht sprechen. Ich rede jetzt. Ich sage dir alles." Er sammelte kurz seine Gedanken, dann erzählte er: "Du bist zu uns zurückgekehrt, mein Junge. Ich habe dich im Keller gefunden. Du hattest dich vergiftet." Ja, jetzt wusste Snape wieder alles ganz genau. Außer, wieso Dumbledore ausgerechnet heute einen Spaziergang in ein geheimes und jahrelang unbenutztes Kellerverlies unternommen hatte. Schon in Severus´ Schulzeit hatte dieser Mann immer das Gefühl vermittelt, als wisse er irgendwie alles.
Dumbledore sprach weiter: "Madam Pomfrey, die jetzige Krankenschwester, und ich haben viele entsetzlich lange Stunden um dein Leben gebangt. Wir haben die Essenzen entschlüsselt, aus denen der Trank bestand, und ein genaues Gegengift hergestellt. Was nicht einfach war. Hätte unser ehemals bester Schüler im Fach 'Zaubertränke' mir dabei zur Hand gehen können, wäre es wesentlich leichter gewesen." Bei den letzten Worten blitzten seine ernsten Augen für einen Moment schelmisch auf. Doch gleich danach sprach wieder tiefe Trauer aus seinem Gesicht. "Severus, mein Junge", fragte er, während seine Hand immer wieder über die schwarzen Haare strich, "warum hast du dir das angetan?"

Mit der Gegenfrage hatte er nicht gerechnet. Snapes schwache Stimme ächzte: "Warum haben Sie... hast du... mich gerettet?" Es klang wie eine Anklage. Dumbledore erschrak, doch er bemühte sich, mit ganz ruhiger Stimme zu antworten. "Weil du es wert bist, gerettet zu werden, Severus." "Nein, das bin ich nicht", erwiderte Snape leise, und plötzlich liefen ihm Tränen über die ausgehöhlten Wangen. Angestaute Tränen, die er seit Jahren nicht mehr geweint hatte. Er streckte Dumbledore seinen Arm entgegen: "Ich bin ein Todesser!" Zu seiner Überrraschung nickte Dumbledore völlig unbeeindruckt: "Ich habe das Mal auf deinem Arm schon längst gesehen. Glaubst du, ein Zeichen auf der Haut kann mir den Blick auf einen ganzen Menschen versperren? Du bist ein verzweifelter junger Mensch, du bist mein Schüler, dem großes Unrecht angetan wurde, du bist mein Gast, der zu mir zurückgekehrt ist, du bist ein Kranker, der Hilfe braucht, und an irgendeiner Ecke deines Wesens bist du auch noch ein Todesser." Snape drehte sein Gesicht zur Seite, um Dumbledores Augen auszuweichen, und drückte es in das Kissen. "Aber du hast nicht alles gesehen", schluchzte er, "denn ich bin auch ein Mörder!" Dumbledore versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass er nun doch erschrak. Er legte seine Hand wieder beruhigend auf Snapes Kopf und ließ die Worte ebenso aus ihm herausfließen, wie die Tränen. Es dauerte lange, denn Snape sprach stockend und widerwillig, und die Anstrengung zwang ihn zu häufigen Pausen. Doch wenn Albus Dumbledore etwas hatte und zu geben verstand wie kein anderer, dann waren es Zeit und Geduld. Schließlich hatte er in seinem Kopf die wirren Fetzen der Erzählung zu einem sinnvollen Ganzen zusammengefügt. Sein Gesicht wirkte so zufrieden, als sei eine Erwartung, die er gesetzt hatte, nicht enttäuscht worden. "Du standest unter dem Imperiusfluch", beruhigte er Snape, der sein Gesicht immer noch im Kissen vergrub und vom Schluchzen geschüttelt wurde, "du bist kein Mörder." "Doch!" kam ein Aufschrei aus dem Kissen, "der Mann ist tot! Ihm ist es egal, warum ich das getan habe! Er ist tot!" "Aber es ist nicht deine Schuld", entgegnete Dumbledore geduldig, "es ist allein die Schuld der Menschen, die dich missbraucht haben. Voldemort hat ihn getötet, nicht du." Snapes Gesicht drehte sich mit einem Ruck aus dem Kissen zu ihm herum: "Nein, gib dir keine Mühe, es ist meine Schuld! Man kann sich gegen den Imperius-Fluch wehren. Aber ich habe es nicht getan." Dumbledore schüttelte den Kopf: "Dazu gehört eine immense Kraft der Magie und des eigenen Willens. Nur ganz wenige können das, vor allem wenn der Meister sehr stark ist. Du hattest keine Chance." Snapes verzweifelter Gesichtsausdruck entblößte seine zusammengebissenen Zähne. Er schüttelte unwillig den Kopf und stieß hervor: "Mich hat er angesehen, nicht Voldemort! Vor seinem Tod und danach. Seine Augen haben mich angefleht, mich angestarrt wie ein Monster, mich verflucht für immer und ewig!" Dumbledore seufzte: "Ach, Severus. Mein Junge. Quäl dich doch nicht so! Bitte!" Snape sagte nichts mehr zu diesem Thema, doch Dumbledore wusste, dass er ihn nicht überzeugt hatte. Er kannte die trotzige Sturheit seines Schülers noch gut genug.

Snape wechselte das Thema zu handfesteren Problemen: "Also, du hast mich ins Leben zurückgerufen, es ist nun einmal passiert. Und wo soll ich jetzt hin? Es gibt keinen Platz für mich auf der Erde." Dumbledore sah in Snapes Gesicht, das ganz offen war, wie das eines fragenden Kindes, und wusste, dass dies keine zynische Fangfrage war, sondern sein voller Ernst. Im nächsten Moment aber schlug dieser schon um in bitteren Sarkasmus: "Ah, doch, es gibt einen Platz für Mörder wie mich. Ich habe Professor Blimp endlich den Grund geliefert, mich nach Askaban zu bringen." Dumbledore runzelte unwillig die Stirn: "Professor Blimp ist nicht mehr an der Schule. Und du bist kein Mörder. Für Taten, die unter dem Imperius-Fluch begangen wurden, kommt man nicht nach Askaban." Snape lachte kurz und bitter auf: "Bist du dir sicher, dass sie es so genau nehmen? Bei mir?" Dumbledore dachte kurz nach und musste sich eingestehen, dass er sich nicht so sicher war, wie er gern wollte. "Es wird zu keiner Gerichtsverhandlung kommen", sagte er dann mit fester Stimme, "niemand außer dir und mir soll je erfahren, was passiert ist." Snape verzog die Mundwinkel zu einem winzigen, spöttischen Grinsen: "Also nicht einmal Platz in Askaban für mich. Und wo dann?" Er hatte erwartet, seinen alten Lehrer in Verlegenheit und langes Grübeln zu stürzen, doch dieser antwortete ohne eine Sekunde des Zögerns: "Hier."

Snape starrte ihn einen Moment lang ungläubig an, dann schüttelte er so energisch, wie sein geschwächter Zustand es erlaubte, den Kopf. "Nein, nein, nein! Nicht ausgerechnet hier. Ich habe nie hierher gehört. Und jetzt bin ich nicht einmal mehr ein Schüler, Albus, was soll ich... " "Uns fehlt ein guter Lehrer für Zaubertränke", unterbrach ihn Dumbledore, "Severus, es gibt keine Blimp mehr, und keine Folterkammer! Diese Schule ist ein anderer Ort geworden! Und ich bin ihr Direktor." "Du?!" "Ja." "Aber..." Dumbledore ergriff beide Hände des jungen Mannes und sah ihm in die Augen: "Severus! Ich weiß, wieviel dir hier an diesem Ort angetan wurde, und damals musste ich es mit ansehen und konnte es nicht verhindern. Ich möchte es hier, an diesem Ort, an dir wieder gutmachen, so weit es eben geht. Gib mir eine Chance, Severus! Bitte!" Snapes Blick wirkte hilflos. Hätte Dumbledore gesagt, er wolle ihm, Snape, eine Chance geben, dann hätte er seine Hand ausgeschlagen. Aber nun sollte er, Snape, das verdorbene Kind, das abschreckende Beispiel, der Todesser, Albus Dumbledore eine Chance geben?! Wer war er denn, um "nein" zu sagen? In Dumbledores Augen blitzte so etwas wie Triumph auf, als er in Snapes bestürztes Gesicht blickte.  




Kapitel 5


"Professor Snape?" Der Zaubertrank-Meister sah von dem Kessel auf, in dem er gerade hingebungsvoll rührte. Er blickte hinunter in ein ängstliches Kindergesicht. Der furchtsame Ausdruck machte ihn gleich misstrauisch, und schon sein zweiter Blick bestätigte seinen Verdacht: Dieser Schüler hatte eine kleine Katastrophe angerichtet. Ein weiteres Glied in einer unendlich langen Kette kleinerer und größerer Unfälle, die diese Kinder Tag für Tag produzierten. Mit sehr genervtem Gesichtsausdruck registrierte Snape die Brandlöcher im Umhang des Jungen. "Aha", stellte er mit leiser Stimme fest, "Sie haben also meine Vorsichtsmaßnahmen missachtet. Natürlich." Snape sprach gern mit so leiser, bedrohlicher Stimme, weil er sah, dass es die Schüler mit mehr Furcht erfüllte als das Geschrei und Gepolter mancher Lehrer. Diese Tatsache erfüllte ihn mit Befriedigung, denn Furcht ist so etwas wie Ehrfurcht. Er fühlte sich in solchen Augenblicken respektiert, und nur wer soviel Mangel an Respekt erlebt hatte wie er, wusste dieses Gefühl wirklich zu schätzen. Das Kind sah immer noch zu ihm auf. Snape hob leicht die Augenbrauen und fragte mit gleichbleibend leiser, eindringlicher Stimme: "Was genau habe ich euch vor unserem Experiment über den Umgang mit der Feuerkrötenhaut gesagt?" "Ich... ich weiß es nicht", stammelte der Junge. "Das wiederum wusste ich!" erwiderte Snape, "ich sehe langsam nicht mehr ein, warum ich euch überhaupt noch vor den Gefahren des Lebens warne. Ihr hört ja doch nicht zu. Ihr glaubt, das Schlimmste, was einem auf der Welt passieren könnte, wären ein paar Punkte weniger für euer Haus. Nun, also dann... 10 Punkte Abzug für Gryffindor."

Der Junge entgegnete nichts, er war nur froh, auf seinen Platz zurückkehren zu dürfen. Aber seine Hausgenossen nahmen Snapes Worte nicht kommentarlos hin. Aufgeregtes Getuschel und Gezischel in den Reihen der Gryffindors. Es brauchte nicht Snapes feines Gehör, um den Inhalt der Gespräche mitzubekommen. Er wusste ohnehin, wie sehr ihn manche hassten, und dass gerade die Gryffindor-Kinder hartnäckig dem Gerücht anhingen, Professor Snape sei die Ungerechtigkeit in Person und ein besonderer Feind aller Gryffindors. Aber was konnte er dafür, dass es gerade in diesem Haus so von verwöhnten Bälgern wimmelte, die meinten, die ganze Welt sei nur zu ihrem Vergnügen da und nichts könnte ihnen ernsthaft etwas anhaben. Oft genug brachten sie sich mit ihrem vielgerühmten "Mut" (er nannte es Leichtsinn) in Schwierigkeiten, und er durfte sie wieder herausholen. Oder eben dafür sorgen, dass es gar nicht erst so weit kam, aber das sahen sie natürlich nicht. Sollten Sie ihn nur hassen, das war ein vertrautes Gefühl und eine gesteigerte Form von Furcht und Ehrfurcht.

Snape zuckte zusammen, als er die Bemerkung einer Schülerin aus der hintersten Reihe hörte. Manchmal ist ein gutes Gehör ein wahrer Fluch! Er hätte sie manchmal lieber nicht tuscheln gehört, wenn er die Große Halle zum Essen betrat, und auch die Worte dieses Mädchens eben waren nicht unbedingt hörenswert: "Ach, lasst doch! Lasst euch nicht ärgern von Snape, der dummen, hässlichen Schleimkröte!" Unterdrücktes Gelächter in den Bankreihen. Snapes Augen wurden schwärzer als schwarz. Dies war nicht Furcht, auch nicht Hass, dies war Spott. Grausamer, respektloser Spott! Sie hatte es geschafft, Snapes schwache Stelle zu treffen. Mit großen Schritten eilte er zur hintersten Reihe, sein Umhang wogte beim Laufen wie ein bildlicher Ausdruck seines Zorns. Seine ganze kühle, manchmal eisig wirkende Beherrschung war von ihm abgefallen, als er mit bebender Stimme donnerte: "50 Punkte Abzug für Gryffindor! Und Sie, junge Dame, werden nach Schulschluss die Früchte des Schleimbeerenstrauches ernten und mir in die Vorratskammer tragen, da sie das Thema offensichtlich begeistert." Er warf ihr einen triumphierenden Blick zu, doch sie guckte nur trotzig und frech zurück. Wahrscheinlich verachtete sie ihn jetzt nur noch mehr. Snape ärgerte sich über sich selbst, dass er sich so hatte provozieren lassen. Er hätte seine Gefühle nicht vor den Schülern zeigen dürfen. Denn wenn man Gefühle zeigte, bot man nur eine Angriffsfläche für Verletzungen. Das sollte er eigentlich seit vielen, vielen Jahren wissen. Aber verdammt, sie durfte nicht so mit ihm reden! Er war ihr Lehrer, er war der Zaubertrank-Meister, derjenige, der Punkte verteilte und abzog. Er war nicht mehr das Scheusal, das in der Ecke stand!

Nein, sein Platz war vor ihnen, und dorthin kehrte er nun zurück, indem er sich zu betont langsamen Schritten zwang.
"Der Unterricht ist beendet", verkündete Snape mit leiser Stimme, scheinbar hochkonzentriert über seinen Kessel gebeugt und ohne sich nach den Schülern umzusehen.

Endlich waren sie weg. Sein Reich gehörte wieder ihm allein. Snape setzte sich auf einen Schemel vor dem brodelnden Kessel und ließ seinen Blick liebevoll über die Gläserreihen im Regal wandern. In diesen Flaschen waren, wie er neuen Schülern in seiner Begrüßungsansprache zu sagen pflegte, Ruhm, Ansehen und auch der Tod verkorkt. Mehr noch, sein Leben. Sein Blick blieb an der Flasche hängen, in der ein trügerisches Paradies eingeschlossen war: "Bittersüßer Nachtschatten (Solania dulcamara)". Dies war kein Teil seines Lebens mehr. Dafür hatte Dumbledore gesorgt. Mit unendlicher Geduld hatte er Snape geholfen, ein Leben ohne Rauschtrank zu führen. Severus´ Seele hatte aufgehört, danach zu schreien, und sein Körper hatte sich von der schleichenden Vergiftung erholt. Wer ihn nicht länger kannte, mochte meinen, Snape sei immer noch ein sehr dünner, blasser Mensch. Aber die wenigen, die sich noch an den ausgemergelten, hohlwangigen, totenbleichen jungen Mann erinnerten, der vor Jahren hier aufgetaucht war, sahen den Unterschied deutlich. Professor Snape wirkte keinesfalls mehr wie ein todkrankes armes Ding, auch nicht wie ein schwächlicher, angsterfüllter Schuljunge. Er strahlte Kraft und Stolz aus, wenn er hoch aufgerichtet und von seinem schwarzen Umhang umweht durch die Gänge rauschte, jeder Schritt eine Forderung, jeder Blick eine Prüfung. Seine ganze Haltung drückte Wertschätzung aus: die seiner eigenen Person und seiner Arbeit. Und dasselbe erwartete er von seiner Umwelt, nicht mehr und nicht weniger. Ja, er wirkte sehr selbstbewusst, geradezu einschüchternd. An manchen Tagen fühlte er sich wirklich so. An manchen bewunderte er höchstens sein eigenes Schauspieltalent. An letzteren Tagen beobachteten Außenstehende an ihm ein besonderes Maß an Zynismus und Ironie und ein winziges, sarkastisches Lächeln.
Schlangen sind giftig - um sich selbst zu schützen.

Snapes Blick wanderte von der Flasche mit Bittersüßem Nachtschatten weiter an´s Ende des Regals. Die große, leere Schüssel dort würde noch vor heute Abend randvoll mit ekelerregenden Schleimbeeren gefüllt sein. Der Gedanke daran erfüllte ihn mit Genugtuung.

Hoffentlich würde die Nacht so erfreulich sein wie der Abend. War es denn zuviel verlangt, dass er einfach nur durchschlafen könnte? Nicht geplagt von Schlaflosigkeit oder bösen Träumen? Nicht verfolgt von den Augen eines sterbenden Mannes? Auch nicht von denen Professor Blimps... Sie hatte die unangenehme Angewohnheit, in seinen Träumen zu erscheinen und ihn, den Meister der Zaubertränke, vom Lehrerpult wegzuzerren, um ihn zwei Stunden lang vor den Augen seiner Schüler in der Ecke knien zu lassen. Aber die Hauptsache war, dass er überhaupt in seinem Bett liegen würde. Dass ihn das unerbittliche Brandmal auf seinem Arm nicht in den Wald rufen würde, zu einem Treffen mit Lord Voldemort. Ihn, Severus Snape, den Todesser. Den Spion.

So sehr ihm vor diesen Treffen graute, so sehr er fürchtete, entlarvt zu werden oder dem Fluch diesmal nicht genug Kraft entgegensetzen zu können - es steckte ein seltsames Vergnügen in diesem Status des Doppelspions. Dumbledore glaubte, er bespitzele den Dunklen Lord für ihn (und damit hatte er recht); Voldemort glaubte, er bespitzele den Schulleiter von Hogwarts für ihn (und darin irrte er sich gewaltig; es machte Spaß, den "Herrn der Welt" an der Nase herumzuführen). Was wirklich zählte, war aber das hohe Ansehen, das er bei beiden genoss! Er war wichtig, wichtiger noch als in seiner Lehrerfunktion, er war unersetzlich. Seine magischen Fähigkeiten und sein Spürsinn waren unvergleichlich und wurden als solche gewürdigt.

Ein Teil dieser Fähigkeiten hatte von Anfang an in ihm selbst gelegen, ein ungehobener Schatz, verschüttet von Bergen von Unrat und Verachtung, die man in seiner Kindheit darüber ausgekippt hatte. Den anderen Teil verdankte er Dumbledore: seiner Geduld, den Schatz auszugraben, seinem Vertrauen, seinem Training. Er hatte ihn gelehrt, mit seinem eigenen Willen den Imperius-Fluch zu brechen. Diese Fähigkeit hatte schon manchem Opfer Voldemorts das Leben gerettet: all denen, die Snape sich als persönliche Beute zuteilen ließ, während er vorgab, unter dem mörderischen Befehl seines Herrn zu stehen. Bisher war es nicht aufgeflogen. Wie gesagt, er war ein guter Schauspieler.
Was die andere Seite anging: Seine Zugehörigkeit zu den Todessern war bekannt geworden, nicht aber die Tatsache, dass er einen Mann getötet hatte. Dumbledore hütete sein Geheimnis wie ein Drache einen Schatz, und auch aus der Schlinge einer Anklage wegen Todesserei hatte er ihn gezogen. Die Bürgschaft des angesehensten Zauberers der Weißen Magie hatte ihn vor Askaban geschützt, und nun war er ihr Spion. Nein, nur seiner, der Rest der "Guten", all diese Heuchler, waren ihm egal.

Während Snape noch überlegte, was er jetzt nach dem Unterricht mit seiner freien Zeit anfangen solle, schwebte eine Eule herein. Eine Nachricht von Dumbledore. Er bat seinen Meister der Zaubertränke zu einer Unterredung in sein Büro.

Snape machte sich sogleich auf den Weg. Während er die Treppen hinaufstieg, überlegte er, aus welchem Anlass ihm Albus eine so förmliche Einladung schickte. Das kam selten vor und musste etwas zu bedeuten haben. Eine leise Hoffnung flüsterte ihm ein, dass er ja vielleicht doch noch den Posten des Lehrers für Verteidigung gegen die dunklen Künste bekommen würde. Immerhin war die Stelle schon wieder einmal frei geworden. Bisher hatten sie aber jedesmal die unfähigsten Leute ihm vorgezogen. Jedesmal derselbe stumme Vorwurf, dass er zwar viel, aber vielleicht zuviel von den dunklen Künsten verstehe. Das Ministerium traute ihm nicht. Aber Dumbledore vertraute ihm. Einer der schlimmsten Momente seines Lebens war es gewesen, als der Auror Mad-Eye Moody (nicht der echte, wie sich später herausstellte) behauptete, Dumbledore habe den Befehl gegeben, Snapes Büro zu durchsuchen. Er lebte doch von Dumbledores Vertrauen! Zum Glück hatte er recht gehabt, dieses Vertrauen nicht anzuzweifeln.

Tja, Albus Dumbledore... (Snape, in Gedanken versunken, wich gerade noch rechtzeitig einer Trickstufe aus). Im Grunde stand er nun unter seinem "Imperius-Fluch", wenn auch zu einem guten Zweck. Dieser Mann hatte eine unglaubliche Macht über ihn, denn er war der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der ihm vertraute und dem er vertraute. Er hätte alles für ihn getan... und er tat es ja auch, indem er diese riskanten Aufgaben übernahm. Aber Albus war es wert. Er hatte, wenn auch Jahre verspätet, doch noch das Versprechen gehalten, das er dem elfjährigen Severus im leeren Haus seiner Eltern gegeben hatte: Hogwarts zu seinem Zuhause zu machen, wo er Geborgenheit finden würde. Keine ganze Familie, nein, aber doch so etwas wie einen Vater. Snapes Hand strich beim Gehen sachte auf dem Treppengeländer entlang. Hogwarts fühlte sich heute so anders an als in seiner Schulzeit. Mochten viele der Meinung sein, Snape sei ein ewig missmutiger Zeitgenosse; sie kannten nicht den früheren Snape, sonst hätten sie bemerkt, dass er inzwischen viel zufriedener wirkte. Es wäre zuviel verlangt gewesen, nach alldem einen fröhlichen Menschen aus ihm zu machen. Aber er war auf dem besten Wege, sich ein klein wenig un-unglücklich zu fühlen. "Brausezauberstäbchen", sagte er, und die fahrbare Treppe zu Dumbledores Büro kam zu ihm herunter.

Dumbledore bot ihm einen Stuhl und eine Schale besagter Brausezauberstäbchen an. Er wirkte ungewohnt ernst. Konnte es neue Probleme mit Voldemort geben? "Severus..." begann der Schulleiter etwas zögerlich, "ich... es gab Beschwerden über dich." Snape sah ihn erschrocken an. Dieses Thema hatte er nicht erwartet. "Beschwerden?" fragte er, "wer...?" "Schüler", antwortete Dumbledore, "und auch einige Eltern." Er legte die Hand auf ein Pergament, das vom Elternbeirat zu kommen schien. "Was... wirft man mir vor?" fragte Snape und versuchte sein Entsetzen zu verbergen. Dumbledore räusperte sich verlegen: "Ähem... nun ja... Es gab Klagen, du würdest einige Schüler ungerecht behandeln, du wärst zu streng, würdest wegen jeder Kleinigkeit Punkte abziehen und allein durch dein ganzes Auftreten den Kindern Angst machen."

Snape hörte die Anklage und fühlte innerhalb einer einzigen Minute seine ganze Welt zusammenbrechen. Er wollte soviel dazu sagen, aber er brachte kein Wort heraus. Er fühlte sich wie damals in der Ecke des Klassenzimmers, mit all seinen Fehlern den Blicken anderer ausgesetzt und mit Vorwürfen überschüttet. Dort hatte ihm auch immer ein dicker Knoten den Hals zugeschnürt. Er wollte zu Dumbledore sagen: "Was habe ich denn getan? Ich habe jedenfalls nie ein Kind in die Ecke gestellt oder bis zur Ohnmacht knien lassen. Ich habe nie ein Kind mit dem Stock geschlagen. Ich ziehen ihnen Punkte ab, ja, aber niemals dafür, dass sie mit einem Kind, das ich nicht mag, reden. Ich kann sie nicht ausstehen, das stimmt. Aber weisst du nicht, dass ich mein Leben für sie geben würde?" Das alles wollte er sagen, wollte es seinem einzigen Freund entgegenschreien, aber kein Laut drang über seine Lippen.

Hätte Albus das alles nicht auch ohne Worte wissen müssen? Snape hatte immer gedacht, er würde ihn verstehen. Das tat er also nicht. Albus Dumbledore schimpfte mit ihm. Der einzige, bei dem es wirklich noch weh tat.

Welch eine Ironie des Schicksals: Als Schüler hatte er nicht hierher gepasst, weil diese Schule zu streng war. Jetzt passte er als Lehrer nicht hierher, weil sie sich geändert hatte und er nun zu streng war.

Severus fühlte sich schrecklich klein; er wollte sich am liebsten in Dumbledores Arme stürzen und sich darin festkrallen wie damals, nach dem Abtransport seiner Eltern. Aber schon damals hatte es nichts genutzt.

Er fühlte sich wieder wie damals in Malfoys Keller, als man ihm mitgeteilt hatte, dass sie seinen Trank nicht mehr brauchten. Als er seinen Koffer zu packen anfing und sich fühlte wie ein herrenloser Hund auf der Straße. Aber diesmal gab es keinen mehr, der ihn zurückrufen würde, und kein Ort auf der Welt war mehr übrig, an den er fliehen konnte. Wenn er heute abend seinen Koffer packte, wohin würde er dann gehen? Zurück zu Lucius Malfoy? Nein, um keinen Preis der Welt. Er wollte nicht ein wahrer Todesser werden. Lieber kein Freund mehr auf der Welt, als diese.

Nein. Er würde keinen Koffer brauchen, da wo er hinging. Ein letzter Weg zurück in seinen Keller. Bittersüßer Nachtschatten. Pur diesmal. Er brauchte kein Elixier der Träume mehr, nur noch den traumlosen Schlaf. Die Wirkung würde schnell und gründlich sein. Ohne Rückfahrkarte diesmal.

Dumbledore hatte lange geduldig nur dagesesssen und auf Snapes Reaktion gewartet, doch langsam wurde ihm sein Schweigen unheimlich. Er sah ihn durch die halbmondförmigen Brillengläser besorgt an: "Severus?"

Snape hob den Kopf und blickte ihm in die Augen, und als Dumbledore diesen Blick sah, fing er bereits an zu begreifen, wie tief seine Worte ihn getroffen hatten. Es war der Blick des Kindes, das die Auroren gerade aus den Armen seiner Mutter gerissen hatten. Der Blick des hoffnungslosen, von Gift verseuchten jungen Mannes auf dem Krankenbett.

Snape fand endlich seine Stimme wieder. Sie war leise und tonlos und unendlich hoffnungslos. "Ich weiss, was du mir sagen willst, Albus. Ich gehöre nicht hierher." Er stand auf und wollte gehen. 

Dumbledore packte ihn am Arm. Er sah ihn mit einem fassungslosen Kopfschütteln an und sagte sehr ernst: "Severus! Das würde ich niemals sagen oder auch nur denken! Das verspreche ich dir." Er nahm ihn in den Arm und sagte mit einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete: "Du gehörst hierher. So wie du bist."




Epilog

Wenige Tage nach dem Gespräch mit Dumbledore ereignete sich der Vorfall mit Annie Smith im Wald.

Snape saß vor dem Kamin, den er zum Reisen per Flohpulver benutzte, an dem man aber auch wunderbar seine Füße wärmen konnte. Auf dem Boden lagen immer noch die Scherben des Fläschchens, das er vor Wut gegen die Wand geschmettert hatte. Die verdunstende Pfütze verströmte einen letzten Hauch von bittersüßem Duft. Snape hatte keine Lust, die Bescherung jetzt wegzuräumen. Das hatte Zeit. Er wollte sich jetzt nur in diesem Sessel und in der Wärme des Feuers räkeln.

Das Gift aus dem zerbrochenen Fläschchen würde er nicht ersetzen. Er brauchte es nicht mehr. Nicht nach dem Gespräch mit Albus. Eigentlich musste er dieser dummen, kleinen Muggelfrau dankbar sein, dass sie ihn dazu getrieben hatte, es ein für allemal zu vernichten.

Warum hatte er sich bloß schon wieder so provozieren lassen? Sie konnte doch nicht wissen, welche Bedeutung ihr Scherz für ihn hatte. Sie hatte ihn "Bittersüßer Nachtschatten" genannt. Was für eine Idee! Die meisten Menschen würden ihn sicher nur als "Bitteren Nachtschatten" bezeichnen!

"Bittersüßer Nachtschatten"! Eigentlich gar nicht schlecht. Äußerst ungewohnt, so genannt zu werden, aber nicht schlecht. Das Grinsen, das Severus Snapes Mund umspielte, war so breit, dass er sich selbst im Spiegel nicht erkannt hätte.