von Chaleb
Über Euer Feedback freut sich: Chalebh
Anmerkung: Die Figuren und das Drumherum gehören Ms
Rowling. Ich habe mir sie mir für einen kurzen Augenblick ausgeliehen.
Die folgende Geschichte passt nicht ganz in den Ablauf, den Ms Rowling in „Harry Potter and the Order of Phoenix“ vorgegeben hat, aber ich habe die Handlung vor dem Erscheinen des fünften Bandes entworfen und wollte sie jetzt nicht mehr ändern.
+
+ + + +
Dumbledore räusperte sich und an den vier langen Tischen in der
Großen Halle stoppte jede Unterhaltung.
„Ich habe noch eine weitere Ankündigung zu machen.“ Er räusperte
sich erneut. „Denjenigen von Ihnen, die aufgrund der Vorkommnisse im
Ministerium in diesem Sommer Ihre Apparier-Prüfung nicht ablegen konnten, geben
wir die Möglichkeit, diese nachzuholen. Die Tests werden am 10. Oktober nach
dem Unterricht stattfinden. Sofern Sie die Prüfung ablegen wollen, melden Sie
sich bitte bei Professor McGonagall.“
„Super!“, flüsterte mir Sarah über den Tisch hinweg zu. „Ich hatte
schon die Befürchtung, ich müsste ein ganzes Jahr warten. Es ist blöd, wenn Du
in der Familie die Einzige bist, die mit Flohpulver oder einem Portschlüssel
verreisen muss.“
„Wem sagst Du das“, stimmte ich ihr zu. „Ich habe sechs ältere
Brüder und es nervt, wenn sie ständig irgendwo ohne Vorwarnung auftauchen. Wenn
ich diesen Test bestanden habe, werde mir etwas so Abgefahrenes ausdenken, dass
selbst Fred und George vor Neid erblassen.“
Sarah grinste. „Schade, dass sie nicht mehr hier sind. Es ist ohne
sie ziemlich langweilig im Gemeinschaftsraum.“
Offen gestanden reichte mir Rons Anwesenheit. Ältere Brüder
konnten ziemlich anstrengend sein, besonders wenn man die einzige Schwester,
und zudem die Jüngste in der Familie war.
„Also, melden wir uns an?“, fragte ich meine Freundin.
„Na klar. Ich frage mich nur, wie sie es mit dem
Apparier-Schutzzauber regeln. Stell Dir mal vor, Du willst die Prüfung ablegen
und nichts passiert, weil es auf dem Gelände von Hogwarts nicht möglich ist zu
apparieren.“
„Oder Du zersplinterst Dich.“ Ich grinste bei der Vorstellung,
dass Teile von mir überall auf den Ländereien von Hogwarts auftauchen würden.
Wir amüsierten uns während des Abendessens noch einige Zeit mit
den möglichen Konsequenzen, falls die Aufhebung des Schutzzaubers misslang.
+
+ + + +
Die Schlange, die sich vor McGonagalls Büro gebildet hatte,
reichte bis zum nächsten Korridor. Fast der gesamte fünfte Jahrgang und einige
Sechstklässler hatten sich bereits eingefunden, um sich für den Apparier-Test
einzutragen. Der 10. Oktober würde ein langer Nachmittag werden.
+
+ + + +
Der Oktober kam und mit ihm der Prüfungstag. In Anbetracht der
vielen Schüler, die sich angemeldet hatten, hatte die Schulleitung entschieden,
den Nachmittagsunterricht ausfallen zu lassen. In meine Prüfungsnervosität
mischte sich ein wenig Schadenfreude: eine Doppelstunde weniger Zaubertränke.
Nach der schriftlichen Prüfung, die wir in der Großen Halle
abgelegt hatten, scheuchte uns Mr. Loom von der zuständigen Abteilung im
Ministerium ins Freie.
„Nun werden Sie den praktischen Teil des Tests ablegen. Ich weise
Sie nochmals daraufhin, dass Sie beide Prüfungsteile bestanden haben müssen, um
die amtliche Bescheinigung für das Apparieren zu erhalten.“ Er redete in einem
nasalen Singsang, der mir ziemlich auf die Nerven ging.
„Mein Assistent“, dabei klopfte er einem kleinen, schmächtigen
Zauberer auf die Schulter, „hat bereits Ihre schriftlichen Tests korrigiert und
wird nun die Namen derer vorlesen, die nicht zur praktischen Prüfung zu
gelassen sind.“
„Die Ärmsten“, flüsterte Sarah mir ins Ohr, „die werden zum
Gespött der gesamten Schule.“
„Schhh!“, zischte ich leise.
Der kleine Zauberer hatte begonnen, die Liste vorzulesen. Als er
bei „L“ angelangt war, atmete Sarah auf.
Der Fluch meines Nachnamens spannte mich noch ein wenig länger auf
die Folter. Als nach „Teasdale, John“ keine weiteren Namen aufgerufen wurden,
konnte ich ebenfalls aufatmen. Es wäre auch zu peinlich geworden, wenn ich
bereits im schriftlichen Teil durchgefallen wäre.
Die Aufgerufenen schlichen unter dem Gejohle der Slytherins zurück
in die Schule.
Jetzt ergriff Mr. Loom wieder das Wort: „Ihre praktische Prüfung
wird aus zwei Teilen bestehen. Mein Assistent…“, dabei schlug er dem
schmächtigen Zauberer wieder auf die Schulter.
„Wenn der so weitermacht, rammt er ihn noch ungespitzt in den
Boden“, raunte Sarah mir grinsend zu.“
„… wird Sie an einem Endpunkt erwarten. Sie werden zum einen eine
Langstrecken-Apparierung durchführen, zum anderen wird Ihre Fähigkeit beim
Apparieren auf kurzen Distanzen geprüft.“
„Aber, Sir“, ein Junge aus Hufflepuff meldete sich zu Wort. „Was
ist mit dem Schutzzauber?“
„Der Schutzzauber“, näselte Mr. Loom, „wurde für heute Nachmittag
aufgehoben. Sie können also gefahrlos Ihren Test absolvieren.“ Damit wandte er
sich wieder an seinen Assistenten und nickte ihm kurz zu. Mit einem leisen
Plopp verschwand dieser im Nichts.
Mr. Loom blickte auf seine Kladde und rief: „Adams, Lora“.
„Na toll“, flüsterte ich Sarah zu, „es geht nach Alphabet. Dann
stehe ich bis zum Abendessen hier.“
Sie tröstete mich mit einem mitleidigen Blick.
Nach drei erfolgreich abgeschlossenen Prüfungen, hatten wir
begriffen, welches genau die beiden Aufgaben waren: Die Langstrecken-Apparation
ging nach London, in die Diagon Alley und zurück, und für den zweiten Teil
mussten wir zu Hagrids Hütte und zurück apparieren.
+
+ + + +
Die Prüfungen zogen sich endlos hin. Endlich wurde „Kendall,
Sarah“ aufgerufen und meine Freundin stand auf und meinte „Wünsch mir Glück!“
Ich lächelte nervös und sagte: „Du schaffst das schon. Ich drück
Dir die Daumen.“
Sie schaffte es ohne Probleme.
Um den Überblick zu behalten, schickte Mr. Loom die bereits geprüften
Schüler zurück in das Schloss.
Mittlerweile wurde es schon dunkel und der Schulhof hatte sich
geleert. Ich war die Letzte, die ihre Prüfung ablegen musste.
„Weasley, Ginevra“, näselte Mr. Loom und ich wurde nervös.
Außerdem meldete sich mein Magen, ich hatte Hunger. Und mit leerem Magen konnte
ich mich nur schwer konzentrieren.
Den ersten Teil nach London bestand ich ohne Probleme. Als ich
wieder in Hogwarts war, meinte Mr. Loom: „Bravo, meine Liebe. Sie haben den
Dreh raus.“ Sein Tonfall und vor allem was er sagte, ging mir derart auf die
Nerven, dass ich meine Aufmerksamkeit verlor, und wahrscheinlich war dies der
Auslöser für das, was nun geschehen sollte.
Mein Magen knurrte heftiger und auf dem leeren Schulhof schien es
von den Mauern zurückzuschallen. „Nun, Miss Weasley?“, näselte Mr. Loom und
begann, nervös mit dem Stift auf die Kladde zu trommeln. Ich versuchte mich
verzweifelt auf Hagrids Hütte zu konzentrieren. – Dann apparierte ich.
+ + + + +
Doch der Ort, wo ich wieder auftauchte, war keinesfalls Hagrids
Hütte. Ich stand in einem Wohnzimmer. Ein wenig orientierungslos blickte ich
mich um. Wo zum Jobberknoll war ich?
Die Einrichtung des Raumes war geschmackvoll. Vor dem Kamin stand
ein bequemes Sofa und in der Feuerstelle brannten knisternd Holzscheite. Aus
einem Nachbarraum drang gedämpft ein melodisches Singen.
Als ich meinen Verstand wieder zusammengeklaubt hatte und
unbemerkt verschwinden wollte, ging die Tür auf und das Singen wurde lauter.
Im Türrahmen stand ein Mann… ein nackter Mann. Hätte er sich nicht
gerade mit einem großen Handtuch die Haare frottiert, das die meiste Zeit einen
großen Teil seines Unterleibs verdeckte, wäre mein Blick ungehindert auf sein
Glied gefallen.
Es brauchte eine Weile bis mein Gehirn realisiert hatte, dass er
wirklich vollkommen unbekleidet war. Augenblicklich hob ich ruckartig den Kopf
und blickte in sein Gesicht.
Snape!
Plötzlich fehlte mir die Luft zum Atmen und mir wurde schwarz vor
Augen.
+
+ + + +
„Miss Weasley!“, rief eine Stimme und jemand klopfte mir auf die
Wangen. „Miss Weasley, wachen Sie auf.“
Als ich die Augen aufschlug, sah ich zuerst nur einen unscharfen
Umriss, dann fokussierten meine Pupillen die Person vor mir. Das Gesicht zu der
Stimme gehörte Madam Pomfrey.
Ich hob meinen Kopf ein wenig.
„Was machen Sie für Sachen, Miss Weasley“, sagte sie mit einem
leisen Vorwurf in der Stimme und fühlte besorgt meinen Puls
Das gab mir Zeit, mich zurechtzufinden. Ich lag auf einem Sofa und
hatte einige Kissen unter den Beinen. Hinter Madam Pomfrey, an der
gegenüberliegenden Wand gelehnt, stand Snape. Er war in seine üblichen
schwarzen Gewänder gekleidet. Sein Gesicht war unbewegt, aber seine Augen
fixierten mich. Unter diesem Blick fielen mir die letzten Sekunden vor meiner
Bewusstlosigkeit wieder ein. Das Blut schoss mir in die Wangen.
„Na, da bekommen Sie ja schon wieder etwas Farbe“, ließ sich Madam
Pomfrey vernehmen.
Ich wollte nur noch raus aus diesem Raum. Also setzte ich mich
aufrecht hin, um aufzustehen. Mir wurde sofort wieder schwummrig.
Durch diesen Nebel hörte ich Madam Pomfreys energische Stimme:
„Severus, helfen Sie mir bitte. Ich bringe Miss Weasley auf die Krankenstation.
Sie scheint doch etwas stärker mitgenommen zu sein.“
Einen Augenblick passierte gar nichts, dann fühlte ich, wie ich
von zwei Paar Armen auf die Füße gestellt wurde. Meine Knie knickten ein.
„Hoppla“, meinte Madam Pomfrey, „ich glaube, Severus, Sie müssen
sie tragen.“
Das durfte nicht geschehen. Die ganze Angelegenheit war schon
peinlich genug; ich wollte nicht noch mehr gedemütigt werden.
„Es geht schon“, murmelte ich und zwang meine Knie in eine
durchgedrückte Position.
Den Weg zur Krankenstation lief ich mit ziemlich ungelenken
Bewegungen, gestützt von Madam Pomfrey und – zu meinem Leidwesen – Professor
Snape.
Snape verschwand ohne einen Kommentar, kaum, dass er mich in Madam
Pomfreys Reich abgeliefert hatte.
+
+ + + +
Mein falsches Apparieren war in den nächsten Tagen das
Gesprächsthema an der Schule. Die Tatsache, dass ich durch die Prüfung
gerasselt war, trat in den Hintergrund. Viel wichtiger war, dass ich in Snapes
Privaträumen gelandet war.
„Wie sieht’s dort aus?“ war noch die harmloseste Frage. Meine
Antworten bestanden in der Regel aus einem Achselzucken, denn ich war ja die
meiste Zeit bewusstlos gewesen.
Und alles was ich hätte erzählen können, würden sie mir sowieso
nicht glauben. Der Gedanke, dass Snape ein gemütliches Wohnzimmer besaß, war
geradezu lachhaft.
„Wenn ich in Snapes Wohnräumen gelandet wäre und er hätte mich
dabei erwischt, wäre ich auch ohnmächtig geworden“, konstatierte Sarah. „Hat er
was gesagt?“
Ich schüttelte wortlos den Kopf.
In Gedanken dankte ich Merlin, sämtlichen Schutzgeistern und
allen, die mir sonst noch einfielen, dass niemand meiner Mitschüler die volle
Wahrheit kannte.
Die Bemerkungen, die sie jetzt schon machten, waren bereits
peinlich genug. Wäre die Tatsache bekannt geworden, dass ich Snape nackt
gesehen hatte, nicht auszudenken!
+
+ + + +
Das Wochenende wurde zu einem Spießrutenlauf. Überall wo ich
auftauchte, wurde ich entweder von Pfiffen empfangen (meistens Slytherins) oder
mit tosendem Applaus (die restlichen Schüler). Das Abendessen am Sonntag ließ
ich deshalb vollkommen entnervt ausfallen.
Sarah erbarmte sich und brachte einige belegte Brote mit in den
Gemeinschaftsraum. Wir setzten uns vor den Kamin und ich begann zu essen.
„Ginny“, fragte Sarah, „was ist los? Früher hättest Du über so
etwas gelacht und es mit einem Achselzucken abgetan.“
„Ich weiß“, meinte ich lahm.
„Selbst Fred und George haben das nicht fertig gebracht“, grinste
sie. „Snapes Gesicht hätte ich gerne gesehen, als Du bei ihm aufgetaucht bist.“
Ich verzog meinen Mund zu einem gequälten Lächeln. Sarah war
wirklich ein Schatz. Sie wollte mich aufheitern. Nur konnte sie nichts dazu,
dass ich mich an Snapes Gesichtsausdruck nicht erinnern wollte.
„Ich überlege, ob ich mich bei Snape entschuldigen soll?“
„Entschuldigen?“ Sarah klang entrüstet. „Wofür entschuldigen?“
„Na ja“, meinte ich, „immerhin bin ich ohne Einladung in seiner
Wohnung aufgetaucht.“
„Du hast es doch nicht mit Absicht getan.“
„Darum geht es doch gar nicht“, antwortete ich gereizt. „Was
würdest Du machen, wenn plötzlich ein Fremder in Deinem Zimmer auftauchen
würde?“
„Du hast ja Recht“, meinte Sarah zerknirscht. „Aber überleg doch
mal. Snape wird Dir eher den Kopf abreißen, als Deine Entschuldigung
akzeptieren. Außerdem was ist schon groß passiert?“
In diesem Punkt musste ich ihr zustimmen. Aber meine Eltern hatten
meine Brüder und mich so erzogen, dass wir uns für das, was wir ausgefressen
hatten, ob gewollt oder ungewollt, entschuldigten. Doch das war nicht der
einzige Grund, weshalb ich überlegte, mich bei Snape zu entschuldigen.
Ich erinnerte mich an die Reaktion meines Bruders Charlie, als wir
anderen uns in den Ferien zu Hause über Snapes Ungerechtigkeiten und seine
herablassende Art beklagten und einige der schlimmsten Vorfälle erzählten, die
uns mit ihm passiert waren. Charlie hatte nur leise gelächelt. Später als wir
allein waren, fragte ich ihn, weshalb er denn nicht ebenfalls seine Erlebnisse
mit Snape zum Besten gab.
„Weißt Du, meine Kleine“, sagte er, „Snape ist gar nicht so
schlimm, wie er tut. Sein Sarkasmus und seine anmaßende Art sind nur Fassade.“
Ich blickte ihn an: „Wieso?“
„Als Schutz.“
„Wovor sollte sich Snape schützen wollen?“ Dann platzte ich
ziemlich heftig heraus: „Man sollte eher andere vor ihm schützen!“
Wieder lächelte Charlie. „Vielleicht sollte man ihn eher vor sich
selbst schützen.“ Als er meinen skeptischen Blick bemerkte, küsste er mich als
Antwort sanft auf die Stirn.
„Wie kommst Du darauf?“, beharrte ich. Charlie war zwar mein
Lieblingsbruder, aber seine Ansicht über Snape konnte ich nicht teilen.
„Weil – ich weiß es einfach.“, meinte er.
Unabhängig von der Meinung, die mein Bruder über Snape hatte,
hatte ich das Gefühl, würde ich mich nicht entschuldigen, würden für mich die
drei verbleibenden Schuljahre verdammt lang werden.
+
+ + + +
Da ich es vermeiden wollte, Snape in seiner Wohnung aufzusuchen,
wartete ich bis zum Dienstag. Ich hatte mir vorgenommen, im Anschluss an die
Doppelstunde Zaubertränke am Nachmittag zu ihm zugehen und mich zu
entschuldigen. Auch auf die Gefahr hin, dass er mir – wie Sarah es ausdrückte –
den Kopf abriss.
Während des Unterrichts war Snape unausstehlich gewesen und mein
Mut schrumpfte mit jeder Minute. Am Ende hatte er allen Schülern einschließlich
der Slytherins eine Strafarbeit aufgebrummt.
Langsam packte ich meine Schulsachen zusammen bis sich der Kerker
geleert hatte. Dann war ich mit ihm allein, was Snape gar nicht zu registrieren
schien. Er räumte einige Zaubertrankzutaten in einen der Schränke hinter seinem
Pult.
Ich ging langsam zu ihm und räusperte mich. Er wirbelte herum und
bellte: „Was ist?“
Der Rest meines Mutes hatte sich verabschiedet. Unwillkürlich wich
ich einen Schritt zurück.
Wütend funkelte er mich an. „Sie? Haben Sie noch nicht genug
gesehen?“
Ich wurde rot und blickte auf meine Fußspitzen.
„Wenn Sie nur auf Ihre Füße starren wollen, können Sie das auch
draußen.“ Er fing an Fläschchen mit Giften zu sortieren.
„Ich wollte mich bei Ihnen entschuldigen“, sagte ich leise.
„Was nuscheln Sie da?“ Snape hatte sich wieder umgedreht.
„Ähh…“ Ich holte tief Luft: „Ich wollte mich bei Ihnen
entschuldigen.“ Auf seiner Stirn bildete sich eine tiefe Falte. „Es tut mir
Leid, dass ich beim Apparieren bei Ihnen herein geplatzt bin. Es war keine
Absicht.“
„Das will ich auch stark hoffen“, blaffte er.
Er fixierte mich und ich starrte einen Moment zurück, dann schlug
ich die Augen nieder und ging zu meinen Platz. Ich holte meine Tasche und lief
zur Tür. Die Entschuldigung war ein Misserfolg gewesen. Mir war es viel zu
peinlich, als dass ich wütend auf Snape gewesen wäre.
+
+ + + +
Gerade als ich die Türklinke herunterdrücken wollte, gab es im
Gang vor dem Kerker einen ohrenbetäubenden Krach. Durch die Ritzen unter der
Tür drang eine feine Staubwolke. Dann hörte man ein hohes Kichern.
„Peeves!“, bellte Snape und stürmte an die Tür. Ich konnte gerade
noch zur Seite ausweichen. Mit einer geschmeidigen Bewegung hatte er den
Zauberstab gezückt und rief: „Trasgopara!“ Ein greller Lichtblitz durchdrang
das Holz der Kerkertür und das Kichern wurde kurz durch ein schrilles
Quietschen unterbrochen. Doch dann ging das Lachen in größerer Lautstärke
weiter.
Snapes Gesicht verzog sich in unbändiger Wut. Er schlug mit seinem
Zauberstab fast die Tür ein, als er „Pegotestira!“ brüllte. Das Kichern wurde
leiser. Peeves entfernte sich offensichtlich vom Kerker.
Ich hatte dieses Schauspiel bis jetzt mit offenem Mund beobachtet
und starrte nun ziemlich verwirrt auf Snape, der in ohnmächtigem Zorn versuchte
den Eingang zu öffnen. Doch die Tür rührte sich nicht – weder als er mit roher Gewalt
an der Klinke riss noch als er mehr als ein Dutzend Zaubersprüche, die mir alle
unbekannt waren, auf sie niederprasseln ließ.
Es änderte nichts: Wir waren in diesem Kerker eingeschlossen.
Meine Tasche ängstlich vor die Brust gedrückt entfernte ich mich
von Snape in eine der Bankreihen.
Mit zittriger Stimme fragte ich: „Und jetzt?“
Snape blickte überrascht zu mir herüber. Er hatte meine
Anwesenheit anscheinend wieder vergessen.
„Wenn wir Glück haben vermissen sie uns beim Abendessen. Ansonsten
dürfte es bis morgen früh dauern.“
„Bis morgen früh?“ In mir stieg so etwas wie Panik davor auf, eine
ganze Nacht mit Snape in diesem Kerker verbringen zu müssen.
„Ja, leider.“ Snape ging wieder zu seinem Schreibpult zurück. „Es
war meine letzte Unterrichtsstunde für heute. Und da ich nicht regelmäßig zum
Abendessen erscheine…“
„… wird man nicht nach ihm suchen“, ergänzte ich den Satz in
Gedanken. Und ich war mir nicht sicher, dass Sarah meine Abwesenheit so stark
beunruhigte und sie deshalb McGonagall eine Meldung machen würde.
Etwas an Snapes Stimme war unnatürlich. Ich brauchte einen
Augenblick, um zu begreifen, dass ihm diese Situation ebenfalls unangenehm war.
Den Tonfall kannte ich nur zu gut von mir selbst: Er zeugte von unterdrückter
Panik.
Dieses Gefühl rückte Snape auf einmal in die Nähe eines
menschlichen Wesens. Und ich wurde mutiger.
„Was ist los?“ Ich kam langsam zum Schreibpult. Dabei stieß ich an
einen Kessel, der quietschend über den Steinfußboden schrappte.
Snape, der sich in der Zwischenzeit wieder seinem Flaschenkabinett
zugewandt hatte, wirbelte herum und die Angst, die ich in seiner Stimme
wahrgenommen hatte, zeigte sich nun auch in seinen Augen.
„Nichts! Was soll los sein?“ Snape versuchte seine Stimme
abweisend und harsch klingen zu lassen, aber es war nur ein hohes Krächzen, das
aus seinem Hals kam.
Mein Mut wuchs. Als ich vor seinem Schreibpult stand, erschien es
mir, als könne sich Snape nur mühsam zurückhalten, nicht davon zu laufen.
„Sie haben Klaustrophobie“, stellte ich sachlich fest. Dies war im
Moment der einzige logische Grund, der mir einfiel, weshalb dieser Mann so
eigenartig reagierte.
+
+ + + +
Snape schwieg. Seine Finger umklammerten eine braune Glasflasche
so fest, dass die Fingerknöchel weiß unter der blassen Haut hervorschimmerten.
Er vermied es, mich anzublicken. Da begriff ich.
„Sie haben Angst“, sagte ich verblüfft, „vor mir! Sie…“
Weiter kam ich kam nicht, denn Snape hastete hinter seinem Pult
hervor und lief in die äußerste Ecke des Kerkers.
„Bleiben Sie, wo Sie sind“, keuchte er. Es fehlte nicht viel und
er hätte seinen Zauberstab gezückt.
„Warum?“ Ich versuchte die Situation einzuordnen. „Ist es wegen
neulich?“
„Miss Weasley“, hörte ich Snapes Stimme, die sich immer noch im
Falsett befand, leicht gequält aus der Ecke, „das wäre zuviel der Ehre.“
Etwas hielt mich davon ab, mich ihm zu nähern. Um die Situation
nicht noch mehr eskalieren zu lassen, setzte ich mich in die erste Bankreihe
auf der anderen Seite des Kerkers und legte meine Tasche auf den Tisch.
Mein Blick fixierte Snape, der jetzt zitternd an der Wand stand.
„Ich verstehe nicht“, sagte ich leise. „Ich… habe ich irgendetwas
anderes getan, weshalb Sie so reagieren?“
Ein Knirschen unterbrach die Stille. Snape hatte die Glasflasche,
die er in der Hand hielt, zerbrochen. Die Flüssigkeit, die aus seiner
verkrampften Faust tropfte, färbte sich langsam rot. Er schien es nicht zu
bemerken.
Es vergingen einige Minuten ohne ein weiteres Geräusch. Snape
stand immer noch in der Ecke und hielt die Glasreste in seiner geschlossenen
Faust. Das Blut lief nun an seinem Unterarm herunter.
+
+ + + +
Ich traf eine Entscheidung. Langsam erhob ich mich von meinem
Stuhl, nahm den Zauberstab aus der Umhangtasche und ging vorsichtig auf ihn zu.
„Sir“, sagte ich sanft, „Sie sollten sich um Ihre Hand kümmern.“
Keine Reaktion. „Erlauben Sie, dass ich die Verletzung verarzte?“
Mittlerweile stand ich ihm direkt gegenüber. Langsam streckte ich
meine Finger aus, um seine verletzte Hand nach unten zu drücken und um sie
genauer zu betrachten.
Die Panik, die in seinen Augen stand, erinnerte mich an ein Tier,
das Todesqualen litt. Aber er zog seine Hand nicht zurück.
Vorsichtig löste ich seine verkrampften Finger und mit einem
leisen Klirren fielen einige größere Glasscherben zu Boden. Mehrere Splitter
steckten jedoch noch in seiner Handfläche. Als ich einen von ihnen herauszog,
wurde die Blutung stärker.
„Hemorragia detendere!“, flüsterte ich und strich mit dem
Zauberstab über die Wunde. Nach und nach entfernte ich so die Glasscherben aus
seiner Hand. Am Schluss sprach ich noch einen Heilzauber, den meine Mutter
immer verwendet hatte, wenn wir Kinder verletzt vom Spielen nach Hause kamen.
Behutsam ließ ich Snapes Hand los und ging wieder zu dem Platz
zurück, auf dem ich gesessen hatte.
Der gehetzte Ausdruck in seinen Augen verschwand allmählich. Ich
konnte nur erahnen, welche Anstrengung es ihn kosten musste, sich zu beruhigen.
„Es hat nichts mit Ihnen zu tun“, sagte Snape nach einiger Zeit.
Mir fiel ein, dass ich ihm vor dem Vorfall mit der Glasflasche eine Frage
gestellt hatte. Er schluckte hart. „Ich fühle mich in der Gegenwart von anderen
Menschen unwohl.“
Ich konnte ein bitteres Lachen nicht unterdrücken. „Unwohl? Sie
haben eben reagiert, als sei Ihr schlimmster Alptraum Wirklichkeit geworden.“
„Damit haben Sie voll ins Schwarze getroffen.“ Snapes Stimme gab
nun nichts mehr von seiner inneren Aufruhr preis. Ob seine Augen noch etwas von
seiner Angst zeigten, konnte ich nicht sagen, denn er blickte fortwährend seine
Handfläche an.
In meinem Kopf begannen sich die Gedanken zu überschlagen, als
eine Frage plötzlich die Oberhand gewann: „Aber Sie sind Lehrer? Ich meine, sie
unterrichten, sie sind mit Schülern zusammen, mit den Lehrern...“ Die einzelnen
Worte kamen stoßweise. Dann schloss ich mit einem vollkommen ungläubigen
„Warum?“ mein Gestammel.
Nun war er es, der bitter auflachte. „Warum? Miss Weasley, welche
Möglichkeiten hat ein Ausgestoßener? Persönliche Vorlieben sind das Letzte, was
ich mir leisten kann.“
Sein Tonfall hatte wieder den Spott und die Überlegenheit
angenommen, die ich von ihm gewohnt war. Aber ich bemerkte, dass es aufgesetzt
wirkte.
Es hatte immer aufgesetzt gewirkt, nur war es mir bisher nie
aufgefallen.
Ich versuchte krampfhaft, eine passende Antwort zu finden. Leider
fiel mir keine ein.
„Es tut mir Leid“, flüsterte ich und senkte den Kopf.
Es war ernst gemeint. Snapes körperliche Verletzbarkeit und seine
Unfähigkeit darauf zu reagieren hatten meine Angst vor ihm verschwinden lassen.
Mir war klar, dass ich seine Gefühle nicht nachempfinden konnte,
dazu reichte meine Vorstellungskraft nicht aus. Aber ich begriff, dass jede
Sekunde, die er mit uns Schüler in einem Raum verbrachte, seine Beherrschung
bis zum Äußersten strapazierte. Dass er als Lehrer arbeitete, war eine Strafe –
er schien sich, wofür auch immer, bestrafen zu wollen.
Es entstand ein Schweigen. Snape setzte sich ebenfalls an einen
Tisch. Allerdings an einen, der am weitesten von meinem Platz entfernt war.
Am schwächer werdenden Lichtfleck, den das Fenster auf den
Kerkerfußboden warf, sah ich, dass es langsam Abend wurde. Mein Magen machte
sich knurrend bemerkbar.
„Sir, gibt es keine Möglichkeit hier herauszukommen oder jemandem
eine Nachricht zukommen zu lassen?“
„Miss Weasley“, meinte Snape gequält, „gäbe es einen Weg, hier
herauszukommen, dann hätte ich ihn garantiert gewählt. Aber ich habe, als ich
anfing in diesem Raum zu unterrichten, einige permanente Schutzzauber über den
Kerker gelegt, die ein Eindringen genauso unmöglich machen wie ein
Herauskommen. Was mich jetzt leider daran hindert, Hilfe zu erreichen.“
Das Knurren meines Magens wurde lauter.
Plötzlich erschien vor mir auf dem Tisch ein Teller mit Sandwichs
und ein großes Glas Kürbissaft. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Snape seinen
Zauberstab in den Falten seines Umhangs verschwinden ließ.
„Danke“, sagte ich leise und griff zu.
Es entstand wieder diese lähmende Stille.
Irgendetwas in mir drängte sich danach, mich mit ihm zu unterhalten.
„Es ist komisch“, sagte ich unvermittelt, „ich bin es gar nicht
gewöhnt alleine zu essen.“ Ich kaute einen Bissen. „Es ist immer jemand da
gewesen, mit dem ich mich unterhalten konnte.“
Snape blickte mich wortlos an.
„Hier sind es meine Freunde“, meinte ich nachdenklich, „zuhause
ist es meine Familie.“
Er blickte auf seine ineinander verschränkten Hände, die er vor
sich auf den Tisch legt hatte. Ich biss mir auf die Lippe, ich hatte von
Freunden und Familie gesprochen, etwas, von dem mir in diesem Augenblick klar
wurde, das er es nie gehabt hatte.
Ich nahm den Teller, auf dem noch einige belegte Brote lagen, und
ging damit langsam zu Snape hinüber.
„Wollen Sie nicht ebenfalls etwas essen, Professor?“ Ich stellte
den Teller neben ihm auf den Tisch. Hektisch zog er die Hände zurück.
Um nicht erneut eine massive Reaktion zu provozieren, setzte ich
mich wieder zurück auf meinen Platz und begann, das Glas mit dem Kürbissaft in
meinen Fingern zu drehen.
+
+ + + +
Die Dunkelheit machte es mir unmöglich, Snapes Gesicht zu
beobachten. Ich musste mich auf mein Gehör verlassen.
Plötzlich hörte ich seine Stimme: „Incendio!“ Die Kerzen auf einem
dreiarmigen Leuchter begannen zu brennen und warfen ein unruhiges Licht auf
Snapes Gestalt.
Zögernd ergriff er den Leuchter und den Teller. Dann kam er zu mir
und stellte beides auf den Tisch. Er zog sich einen Stuhl aus der Bankreihe und
setzte sich. Allerdings achtete er darauf, dass sich der Tisch zwischen uns
befand.
In dem flackernden Schein der Kerzen sah ich in seinem Gesicht
keine Angst mehr, für Snapes Verhältnisse war es sogar fast entspannt. Seine
Augen blickten offen. „Verzeihen Sie, dass ich so heftig… reagiert habe.“ Ein
wenig zitterte seine Stimme.
Ich musste ihn wohl ziemlich verblüfft angeschaut haben, denn nun
erschien ein fast unmerkbares Lächeln auf seinen Zügen. Oder war es nur das
Kerzenlicht?
„Ich bewundere Ihren Mut“, sagte Snape sachlich. „Die wenigsten
Menschen hätten sich, wären sie an Ihrer Stelle gewesen, so verhalten.“
Ich konnte es nicht glauben, machte er mir wirklich ein
Kompliment? Meine Irritation nahm zu. Wieder dieses Schweigen und ich hoffte,
er würde es brechen. Aber das war wohl zu viel verlangt.
Mir war klar, dass er sich auf mein Benehmen hier im Kerker bezog,
doch mir fiel nichts ein, was ich darauf hätte erwidern können.
So nahm ich meinen Mut zusammen und sagte: „Vielen Dank, dass Sie
Madam Pomfrey nichts gesagt haben. Es wäre ziemlich peinlich geworden.“
Zum ersten Mal sah ich ein wirklich entspanntes Lächeln in seinem
Gesicht, obwohl ihm klar sein musste, dass ich mich auf die Ereignisse bei
meinem Apparier-Test bezog. „Ja“, sagte er, „es wäre ziemlich peinlich
geworden. Aber nicht nur für Sie. Ich glaube, meinem Ruf hätte es auch nicht
sonderlich gut getan.“
Ich starrte ihn an. Sollte das ein Witz sein? Er schien meinen
inneren Zwiespalt zu spüren. „Ich weiß, was Sie sagen wollen. So wie ich mich
benehme, könnte es mir doch egal sein, aber ‑“ Er hielt kurz inne, „es
ist ein Unterschied Schüler im Unterricht zu – ähm –“
„… drangsalieren“, half ich ihm aus.
„Ja, vielleicht. Oder sich vor einer Schülerin nackt zu zeigen.
Auch wenn es nur ein unglücklicher Zufall war“, fügte er schnell hinzu, denn
ich hatte zu einer Erwiderung angesetzt.
Es entstand so etwas wie eine normale Unterhaltung. Snapes heftige
Reaktion von vorhin erschien mir im Augenblick wie ein böser Traum.
Ich beschloss, mich auf dieses Gespräch einzulassen: „Ich frage
mich, woran es gelegen hat?“
„Miss Weasley“, Snape fand seinen spöttischen Tonfall wieder, „Sie
haben bei der Apparier-Prüfung den elementarsten aller Fehler gemacht. Sie
haben sich ablenken lassen, von etwas oder jemandem.
„Mr. Loom“, sagte ich und nickte.
„Lassen Sie mich raten, er war Ihnen unangenehm.“ Sein Lächeln
wurde wieder angespannter. „Ihr Unterbewusstsein hat eine Brücke zu dem
Menschen geschlagen, der das entsprechende Pendant bildete: mich.“
Ich blickte ihn verständnislos an.
„Ich bin Ihnen widerwärtig.“ Meinen Protest erstickte er mit einer
Handbewegung. „Beleidigen Sie nicht meine Intelligenz, Miss Weasley, indem Sie
offensichtliches leugnen. Nun, Ihr Verstand hat eine Verbindung zwischen Loom
und mir hergestellt und als Konsequenz sind Sie bei mir im Wohnzimmer gelandet.
Bis hier hin ist es Ihr Fehler.“
Ich blickte ein wenig betreten auf seine Hände, die er vor sich
auf den Tisch gelegt hatte.
„Dass Sie just in dem Moment erschienen, als ich meine Dusche
beendet hatte und…“ Er schien nach einer passenden Formulierung zu suchen.
Mir fiel nur das Wort „nackt“ ein, doch es schien in dieser
Situation unpassend und so schwieg ich weiterhin.
„… und ich so, wie mich Gott geschaffen hat, vor Ihnen stand, war
lediglich schlechtes Timing“, beendete Snape seine Ausführungen.
Ich traute mich nicht, in sein Gesicht zu blicken, und beobachtete
daher immer noch seine Hände. Die Finger hatte er leicht verkrampft in einander
verschränkt.
„Warum?“, platzte ich plötzlich heraus.
„Warum was?“ Nun konnte Snape meinem Gedankensprung nicht folgen.
Ich wurde knallrot. Aber ich nahm meinen wieder erstarkten Mut
zusammen und blickte ihm ins Gesicht: „Warum reagieren Sie so panisch? Wieso
sind Sie immer so unfreundlich?“
Anspannung zeigte sich in seinen Zügen: „Weil ich nicht vorhabe,
zum beliebtesten Lehrer von Hogwarts gewählt zu werden.“
Ich blickte ihn skeptisch an und verzog das Gesicht.
„Wenn ich etwas nicht leiden kann, dann sind es Menschen, die die
einfachsten Zusammenhänge nicht begreifen“, fügte er hinzu.
„Es kann nicht jeder das Glück haben, Ihre Intelligenz zu
besitzen“, meinte ich sarkastisch.
„Miss Weasley, es ist kein Glück mit großer Intelligenz bedacht
worden zu sein, es ist vielmehr ein Fluch.“ Sein Gesichtsausdruck zeigte mir,
dass er es ernst meinte.
„Das erklärt aber nicht Ihre Überreaktion mit der Glasflasche.“
Snape schwieg einen Augenblick, dann sagte er nachdenklich: „Mir
fiel es nie leicht, mit anderen Menschen umzugehen, weder als Kind noch als
junger Mann. Genauso wenig wie ich mit meiner Art Sympathien gewann, genauso
wenig haben mir die anderen geholfen, ihre zu gewinnen. Es ist zu viel
passiert, als dass ich mich noch in der Gegenwart von Menschen wohl fühlen
könnte.
„Warum sind Sie dann Lehrer geworden?“
„Das Wort ‚warum’ scheint heute Ihr Lieblingswort zu sein“, lenkte
er ab.
„Sie weichen mir aus“, antwortete ich. Doch als mir einfiel, dass
ich nicht in der Position war, Antworten von ihm zu fordern, meinte ich
zerknirscht: „Entschuldigen Sie.“
„Man merkt, dass Sie fünf ältere Brüder haben. Sie geben nicht so
leicht auf.“ Die Anspannung wich etwas aus seinen Zügen. „Nun… die ganze
Situation ist ohnehin… ziemlich verrückt. Dann lassen Sie sie uns noch etwas
verrückter machen. Ich werde Ihnen erzählen, warum ich hier bin.“
+
+ + + +
Zu jeder anderen Zeit wäre ich begierig gewesen, das zu erfahren,
aber nun wäre ich am liebsten aufgestanden und hätte mich mit den Worten: „Ich
glaube, es ist doch keine so gute Idee“ verabschiedet.
Snape schaute auf seine Hände und begann mit leiser, unsicherer
Stimme zu sprechen. „Ich stamme aus einer sehr alten Zaubererfamilie… reich und
angesehen. Mein Vater war ein herrschsüchtiger, gefühlskalter Mann, der nichts
weiter in seinem Leben geleistet hatte, als den Regeln der Tradition zu folgen.
Und die Tradition war das Wichtigste. Er stellte sie über alles; sie war das
Korsett, in das er alles in seiner Umgebung presste. Auch mir hat er sehr früh
diese Zwangsjacke angelegt. Ein Bestandteil dieser Tradition war, eine passende
Frau aus einer ebenso alten und angesehenen Zaubererfamilie zu heiraten und
durch sie eine Familie zugründen.“
Diese Wortwahl war eigenartig. „Er hat Ihre Mutter nicht geliebt?“
„Nein. Er erachtete sie als ein notwendiges Übel, nur dazu da, ihm
zu einem Erben zu verhelfen.“ Seine Augen blickten traurig. „Und als sie ihre
Aufgabe erfüllt hatte, war sie nutzlos wie ein alter Hofhund. So hat er sie
auch behandelt.“ Den letzten Satz sprach er so leise, dass ich ihn kaum
verstand.
„Warum hat sie ihn dann geheiratet, wenn er sie nicht geliebt
hat?“
„Liebe, Miss Weasley, ist eine Erfindung, die dem Fortkommen der
Familie im Wege steht… Man ließ ihr keine andere Wahl. Die Snapes waren sehr
angesehen und einflussreich. Sie machte eine ‚gute’ Partie. Alles andere war
unwichtig.“
„Sie war ebenfalls in einer Tradition gefangen“, stellte ich
bitter fest.
Snape nickte kaum merklich. „Aber das ist ein anderes Kapitel. Ich
denke, es gehört nicht hierher.“
Er schwieg eine Weile, dann sprach er mit tonloser Stimme weiter:
„Meine Erziehung wurde von meinem Vater überwacht. Das bedeutete, wenn ich mich
nicht entsprechend der Tradition verhielt, gab es Schläge. Zu meinem Unglück
stellte sich bald heraus, dass ich eine ungewöhnlich starke magische Begabung
besaß. Damit wurde ich unverzichtbar. Das Ziel meines Vaters war es, der
Familie durch mich zu Macht und Einfluss zu verhelfen, die noch kein Snape –
und er am allerwenigsten – je besessen hatte.
„Er wollte nur sich selbst dazu verhelfen. Er hat Sie benutzt!“,
meinte ich aufgebracht.
Snape lächelte dünn. „Egal, was die Beweggründe meines Vaters waren,
er plante meine Karriere mit militärischer Präzision. Ich war vier, als er die
ersten Hauslehrer engagierte. Von diesem Zeitpunkt an unterlag mein Leben dem
Stundenplan, den mein Vater für mich ausgearbeitet hatte. Ihn interessierte es
nicht, welche Wünsche oder Bedürfnisse ich hatte. Wichtig war nur das große
Ziel.“
Ich musste den Reiz unterdrücken, meine Hand auf die seine zu
legen, um ihn zu trösten.
„Zuerst sträubte ich mich dagegen, die meiste Zeit des Tages im
Schulzimmer zu verbringen und Zaubersprüche zu üben. Doch sehr bald merkte ich,
dass ich mich in die Bücher flüchten konnte, wenn ich dem Brüllen meines Vaters
oder dem Schluchzen und Weinen meiner Mutter entkommen wollte. Ich verbrachte
mehr und mehr Zeit damit, Zaubertrankrezepte auswendig zu lernen… es half mir
zu vergessen.“
Seine monotone Stimme verriet mir deutlich, wie viel Bitterkeit
und Verzweiflung er unterdrückte.
„Haben Sie denn nie mit anderen Kindern gespielt?“, fragte ich
ungläubig. „Das wäre doch besser gewesen, als sich in den Büchern zu
vergraben.“
„Nun, für den Erben des Hauses Snape war es nicht schicklich, mit
den Kindern von irgendwelchen Zaubererfamilien zu spielen. Und die Kinder, die
mein Vater billigte, waren meist meine Vettern und Cousinen. Allesamt dumm wie
Bohnenstroh!“
„Aber dafür konnten sie doch nichts.“ Seine heftige Reaktion
erschien mir ungerecht.
„Nein, das konnten sie nicht.“ Regungslos starrte er in die
Kerzenflammen. „Doch ich hatte nicht gelernt, meinen Verstand zurückzuhalten.
Wenn sie etwas – in meinen Augen falsches oder absurdes – taten, dann sagte ich
es ihnen ins Gesicht. Ob ich sie damit verletzte, kümmerte mich nicht. Mein
Hochmut stand dem meines Vaters in nichts nach. Doch ich glaubte eine
Berechtigung dafür zu haben: meine Intelligenz.“
Er räusperte sich. „Und der Stolz meines Vaters auf meine Begabung
machte es nur noch schlimmer. Er führte mich seinen Freunden wie eine
Zirkusattraktion vor. Ich musste ihnen die schwierigsten Zaubersprüche
vorführen, die ich beherrschte. Keinen noch so komplizierten Zaubertrank durfte
ich aussparen, damit auch ja jedem auffiel, welches Genie sein Sohn war.“
Als er erneut hustete, schob ich ihm das Glas mit dem Kürbissaft
hin. Er trank einen Schluck. Dann sprach er weiter: „Die Gefühle, die ich in
ihren Augen sah, hielt ich zuerst für Bewunderung, aber mir wurde sehr schnell
klar, dass sie Angst vor mir hatten und mich für eine Missgeburt der Hölle
hielten.“
„Woher wollen Sie das so genau wissen?“ Meine Stimme krächzte ein
wenig.
„Weil die Mädchen schreiend davonliefen, wenn ich auftauchte, und
die Jungen „Freak!“ hinter mir herriefen.“ Er schwieg.
+
+ + + +
Das flackernde Kerzenlicht malte zuckende Schatten an die
Kerkerwände und gab dieser Unterhaltung einen surrealen Anstrich. Sanft legte ich
meine Hand auf seine verkrampft ineinander verschränkten Finger. Seine Haut
glühte. Langsam entzog er seine Hände meiner Berührung.
„Ich war weder Fisch noch Fleisch“, meinte er gedehnt. „Ich war zu
klein, als dass mich die Erwachsenen akzeptiert hätten, und zu klug, um bei den
albernen Kinderspielen meiner Cousins mitzumachen. Obwohl… ich hätte manchmal
alles gegeben, wenn mich einer von ihnen gefragt hätte, ob ich nicht mitspielen
wollte… Aber das passierte nicht und mein Stolz ließ es nicht zu, mich
anzubiedern, also trottete ich nach meinen Vorstellungen im Wohnzimmer in eine
Ecke und vergrub mich in irgendeinem Buch.“
„Hat Ihre Mutter Ihnen nicht helfen können? Sie hätte doch
zumindest die…“ Es fiel mir schwer die richtigen Worte zu finden. „Sie hätte
verhindern müssen, dass Ihr Vater Sie zu einem Hanswurst macht.“
Snape blickte mich schweigend an. An seinem Gesichtsausdruck sah
ich, dass er seine Antwort sehr genau abwägte. „Sie hatte schon lange
aufgegeben gegen meinen Vater aufzubegehren.“ Wieder versuchte er Worte zu
finden, die mir die Situation verständlich machen sollten. „Es braucht nicht
viel, um jemandes Willen zu brechen. Meine Mutter war zart und verletzlich. Sie
hat ihm…“ Er brach ab und senkte seinen Kopf. Ich bemerkte, dass er um Fassung
rang. Plötzlich stand er auf und ging zum Lehrerpult.
„Er will nicht, dass ich ihn weinen sehe“, schoss es mir durch den
Kopf. Ich musste gegen ein peinliches Gefühl ankämpfen. Hinzu kam Sorge, um
einen Menschen, dem ich bisher nur mit Abneigung begegnet war. Die ganze
Situation war grotesk.
„Sie war lange krank und als ich zehn war, starb sie.“ Snapes
Stimme klang dunkel. „Mein Vater hielt es nun für das Beste, mich auf ein
Internat zu schicken – nach Hogwarts. Die Zeit, die ich hier als Schüler verbrachte,
war… eine einzige Demütigung, schrecklicher als alles was ich bis dahin erlebt
hatte.“
„Was ist passiert?“ Ich biss mir auf die Zunge, das hätte ich
nicht fragen sollen.
Er drehte sich wieder zu mir um. Seine Lippen waren
zusammengepresst.
„Ich war ehrgeizig, hungrig nach Anerkennung um jeden Preis, und
so schickte mich der Sprechende Hut anstatt nach Ravenclaw nach Slytherin –
sehr zum Missfallen meines Vaters.“ Snape atmete tief durch. „Aber hier war
etwas, das er nicht ändern konnte und ich spürte, dass ich mich so an ihm
rächen konnte… Vielleicht war es das, was mich zu einem wahren Slytherin werden
ließ.“
Langsam kam er wieder zu seinem Stuhl zurück. „Aufgrund meines
Privatunterrichts übersprang ich die ersten beiden Klassen. Der Teufelskreis begann
erneut. Ich war wieder einmal zu klein – zu klug – zu unbeholfen. Während die
anderen ihre Wochenenden in Hogsmeade genossen, musste ich in der Schule
zurückbleiben. Also lernte ich. Doch anstatt Anerkennung und Respekt zu
bekommen, verspotteten sie mich und trieben auf meine Kosten üble Scherze.“
Ich starrte in eine Kerzenflamme, während Snape weiter sprach:
„Ich begann ein Schutzschild aus Häme und Überheblichkeit aufzubauen. Und ich
schwor mir, irgendwann würden sie nicht mehr über mich lachen. Irgendwann
würden sie es sein, die in Angst vor mir erzitterten.“
Er erzählte das alles so, als seien es Dinge, die nicht ihm
sondern einem anderen passiert waren. Wenn er irgendwelche Gefühle empfand, so
hatte er sie jetzt wieder unter Kontrolle.
„Nach zwei Jahren Hogwarts hatte ich bereits den gesamten
Schulstoff gelernt, so dass ich theoretisch meine NEWTs hätte ablegen können.
Dumbledore, der damals Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichtete,
verhinderte dies. Er verweigerte die Zustimmung, die mir erlaubt hätte, auch in
seinem Fach eine vorgezogene Abschlussprüfung abzulegen. Damit wurde ich zu den
NEWTs nicht zugelassen.
„Sie müssen sehr wütend auf ihn gewesen sein.“ Langsam begann ich
Snapes Verhalten zu verstehen. Ich war zu Hause das Nesthäkchen und wie oft kam
es vor, dass meine fünf Brüder mich aufzogen. Um ihnen nicht zu zeigen, wie
sehr mich Verhalten manchmal verletzte, flüchtete ich mich in beißenden Spott.
Wahrscheinlich verhielt sich Snape ähnlich.
„Hätte ich nicht so viel Respekt vor ihm gehabt, ich hätte ihm die
schlimmsten Flüche auf den Hals gehetzt.“ Ein bittres Lächeln umspielte jetzt
Snapes Mund. „Er begründete seine Ablehnung damit: Ich hätte nicht die
notwendige Reife. – Wie Recht er damit hatte, begriff ich erst viel später – zu
spät.“
+
+ + + +
Ich hatte eine dunkle Ahnung darüber, worauf er hinaus wollte. Ich
hatte es mir aus Gesprächen, bei denen ich meine Eltern belauscht hatte,
zusammen gereimt.
„In Slytherin gab es eine Gruppe von Schülern“, erzählte Snape
weiter, „sie hatten sich zu einem Bund zusammengeschlossen und erkannten, dass
ich ihnen hilfreich sein konnte. Mir waren ihre Absichten egal, weil sie mir
etwas gaben, wonach ich mich am meisten sehnte: das Gefühl von Anerkennung. Sie
respektieren mich… respektieren mein Wissen. Und ich hatte zum ersten Mal das
Gefühl von wahrer Macht.“
„Sie wurden ein Todesser“, sagte ich tonlos und blickte ihn direkt
an.
Er nickte, ein wenig verblüfft, dass ich es erraten hatte.
„Allerdings erst als ich Hogwarts verlassen hatte. Meine Künste waren
Voldemorts Anhänger anscheinend wichtig genug, dass sie ihren Einfluss geltend
machten, um mir eine vorgezogene Abschlussprüfung zu ermöglichen. – Es
schmeichelte mir.“
„Wie alt waren Sie da?“, erkundigte ich mich neugierig. Snape
neigte nicht zu Übertreibungen. Wenn Voldemort sein Wissen als wichtig
empfunden hatte, dann entsprach dies der Wahrheit. Ich konnte nachempfinden,
welche Gefühle solche Aufmerksamkeiten in einem auslösten. Auch mir hätte dies
geschmeichelt – würde ich etwas anderes behaupten, wäre es gelogen.
„Ich war sechzehn“, antwortete er und fügte mit belegter Stimme
hinzu: „Der Stolz meines Vaters über meinen Abschluss wich rasender Wut, als er
herausfand, dass ich mich den Todessern angeschlossen hatte. Wäre ich noch der
kleine Junge gewesen, er hätte mich verprügelt. So konnte er sich nichts
anderes tun, als mich aus dem Haus zu werfen. Er hat bis heute…“ Snape ließ
diesen Satz unbeendet.
Kälte kroch langsam meine Beine hoch. Snapes Gesichtszüge waren
selbst im flackernden Kerzenschein vollkommen unbewegt.
„Nun schloss ich mich vollends den Todessern an.“ Seine Stimme war
nur noch ein Flüstern: „Ich glaube, genau das war es, was Dumbledore verhindern
wollte, aber er hat es nicht geschafft.“ Es schwang so etwas wie Verzweiflung
in seinen Worten mit. „Ich genoss die Macht, die es mir bot. Ich berauschte
mich an der Situation, dass ich zu Voldemorts Vertrauten zählte, während alle
in der Zaubererwelt in Angst erstarrten, wenn sie nur seinen Namen hörten.“
Jetzt brach er ab, so als wüsste er nicht, wie er das Grauen schildern sollte.
Die Stille unterstrich überdies das Entsetzen, das sich jetzt in seinen Augen
zeigte.
„Ersparen Sie mir, Ihnen zu schildern, zu welchem Monster ich
verkam.“ Nur mit Mühe konnte er seine Stimme kontrollieren. „Ich schaffe es bis
heute noch nicht, ohne Abscheu mein Spiegelbild zu betrachten oder auch nur
eine Nacht ohne Alpträume durchzuschlafen.“
„Wie haben Sie es geschafft, sich von Voldemort zu lösen?“ Meine
Stimme zitterte – weniger vor Anspannung als vor Anteilnahme.
„Geschafft?“ Er lachte trocken. „Ich habe es nicht geschafft.
Dumbledore war es… Bei einem Auftrag ging alles schief. Die Auroren ergriffen
mich und ich wurde nach Askaban gebracht. Als ich dann vor Gericht stand, war
es Dumbledore, der für mich aussagte. Nach allem, was ich getan hatte, war er
immer noch bereit mir sein Vertrauen zu schenken. – Die Richter sprachen mich
frei.“
„Hat Dumbledore von Ihnen verlangt, dass Sie als Spion zu den
Todessern zurückkehren?“
„Sie wissen viel, Miss Weasley“, lächelte Snape traurig. „Nein, er
hat es nicht verlangt. Es war meine eigene Entscheidung. Es ist die Sühne für
meine Taten. Doch bevor ich soweit war, verkroch ich mich in diesen Kerkern.“
Er machte mit seiner Hand eine Bewegung in Richtung des Raumes. „Ich konnte
nicht in die Gesichter der Menschen blicken, die ich in Angst und Schrecken
versetzt hatte. Der Rausch der Macht war verflogen, geblieben war nur noch
Abscheu und eine Einsamkeit, die von Schuldgefühlen ausgefüllt wird.“
Ich fühlte einen Kloß im Hals. Mein Unbehagen, das ich in Snapes
Gegenwart gefühlt hatte, war einer Unsicherheit gewichen, wie ich mich
zukünftig ihm gegenüber verhalten sollte.
„Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt“, sagte er
beherrscht. „Als der alte Zaubertränke-Lehrer nach einer schweren Krankheit die
Schule verließ, bat mich Dumbledore, den Unterricht zu übernehmen. Ich folgte
seiner Bitte, was hätte ich auch sonst tun können.“
Nun wandte Snape den Blick ab und betrachtete seine Hände, als er
mit leiser Stimme sagte: „Ich muss nun damit zurrecht kommen, dass ich in die
Gesichter der Kinder schaue, deren Eltern und Familien ich auf dem Gewissen
habe. Hätte man mich nach Askaban geschickt, dann hätten die Dementoren meiner
Qual irgendwann ein Ende gesetzt; so aber starrt sie mir jeden morgen ins
Gesicht. ‑“
Meine Augen brannten und auch in Snapes Augenwinkeln sah ich
Tränen. Doch es waren keine Tränen über sein eignes Schicksal, damit hatte er
sich abgefunden.
Im Leuchter befanden sich nur noch kurze Kerzenstummel, die kurz
vorm Verlöschen waren. Durch das Kerkerfenster sah man bereits die erste
Helligkeit des kommenden Morgens.
+
+ + + +
Ein Klopfen weckte mich. Ich brauchte einen Augenblick, um mich
zurecht zu finden. Ich lag auf einer Liege, die in einem Kerker stand. Mir fiel
die letzte Nacht wieder ein und ich drehte meinen Kopf.
Snape saß am Lehrertisch und las in einem dicken Buch. Er blickte
hoch und einen Augenblick lang meinte ich, eine Lesebrille auf seiner Nase zu
sehen. Er wirkte so unnahbar wie immer.
Waren die Ereignisse der letzten Stunden real gewesen oder hatte
ich geträumt? Ich war geneigt, letzteres zu vermuten.
Es klopfte erneut.
„Severus!“, drang Dumbledores Stimme an mein Ohr. „Sind Sie da
drin?“
Bevor Snape Dumbledore antworten konnte, öffnete sich bereits die
Kerkertür und der Schuldirektor trat mit gezücktem Zauberstab ein. Täuschte ich
mich oder blickte er besorgt – zuerst zu Snape dann zu mir.
„Wie geht es Ihnen?“, fragte Dumbledore. Es war mir im ersten
Augenblick nicht klar, an wen er sich gewandt hatte. Da Snape nicht antwortete,
musste wohl ich gemeint sein, obwohl…
„Ein wenig müde, Sir“, sagte ich leise, als ich mich von der Liege
erhob. Dumbledore drehte sich zu mir um und ich ergänzte: „Wenn Sie erlauben,
würde ich mich jetzt sehr gerne duschen.“
Dumbledore nickte. Snape starrte mich an. Nichts weiter. Ich
drehte mich um und ging zur Tür.
„Miss Weasley!“ Snapes Stimme klang schneidend.
„Ja, Sir?“ Zitternd drehte ich mich um. Mein Unbehagen war wieder
da.
„Ihre Entschuldigung ist akzeptiert“, sagte er leise in einem
freundlichen Tonfall, wie ich ihn von Snape noch nie gehört hatte.
„D-Danke“, stotterte ich ein wenig verblüfft und sah plötzlich so
etwas wie Wärme und Seelenfriede in seinen Augen.
Dumbledore blickte erstaunt zu Snape, doch ich bemerkte, wie ein
verstehendes Lächeln unter dem Bart entstand.
Als ich den Kerker verließ, fiel mir wieder Charlies Bemerkung
über Snape ein. „Mein Bruder war schon immer ein guter Menschenkenner“, dachte
ich und mit einem Lächeln stieg ich die Treppen zum Gryffindorturm empor.
+
+ + + + ENDE + +
+ + +
PS: Das
ist meine erste veröffentlichte Fan-Fiction, also seid bitte beim Feedback
nicht ganz so streng. Für Hinweise, was ich besser machen könnte, bin ich aber
trotzdem dankbar. Chalebh