NACH SO VIELEN JAHREN

     von Kira


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Kapitel 1-5



Am Ende der Story findet ihr einen Song von EISBRECHER dazu, der wunderbar passt. Am besten ganz laut und im Dunkeln zu hören....


1. Kapitel


"Es ist so lange her...so lange, dass wir uns zuletzt sahen. Bitte erzähle mir, wie es dir in all den Jahren ergangen ist."

Das Licht war gedämpft und die Kerze auf dem Tisch vor ihnen flackerte leicht, als neue Gäste das Restaurant betraten. Dieses Wiedersehen kam Hermine so unwirklich vor, dass sie sich zum wiederholten Male fragte, ob es nur ein Traum sei.

"Ich kann mich nicht beklagen. Das Leben hat es gut mit mir gemeint", erwiderte Hermine und sah ihrem Freund aus Kindertagen in die Augen.

Für einen Moment hatte sie beinahe geglaubt, er würde nach ihrer Hand greifen, doch im letzten Augenblick hatte er seine Finger vor sich auf der Tischplatte ineinander verschränkt.

Hermine betrachtete ihn eingehend. Er sah so völlig anders aus als früher. Die für ihn so typische Brille war Kontaktlinsen gewichen; das damals dichte schwarze Haar war von silbernen Strähnen durchzogen. Die Narbe auf seiner Stirn war unverkennbar, doch die auf seiner rechten Wange fiel bei weitem noch mehr ins Auge. Auch diese war inzwischen verblasst, doch sie kündete von der letzten großen Schlacht, die Harry beinahe mit dem Leben bezahlt hatte. Dies schien beinahe in einem anderen Leben gewesen zu sein, und es war ruhig um den ehemaligen Kriegshelden geworden.

Hermine kam zu dem Schluss, dass er zufrieden aussah.

"Wie geht es Faye?", fragte Hermine und bemühte sich um ein freundliches Lächeln.

Harrys Hände krampften sich etwas mehr ineinander, doch auch er bemühte sich um einen neutralen Ton.

"Es geht ihr gut. Die Kinder halten sie in Atem. Mich auch, um ehrlich zu sein. Debby wird demnächst heiraten."

Hermine stieß einen überraschten Laut aus und schüttelte ungläubig den Kopf.

"Meine Güte, sie ist jetzt wie alt?"

Harry sprach so, als könne er es selbst nicht glauben: "Sie wird zweiundzwanzig, in diesem Sommer."

"Bist du mit ihrer Wahl glücklich?", erkundigte sich Hermine.

Harry schüttelte knapp den Kopf. "Ja,...doch."

Ein Lachen entfuhr Hermine, dann fragte sie neckend: "Warum machst du dann eine verneinende Geste?"

"Es ist nicht einfach, die Kinder gehen zu lassen. Ich hatte es mir nicht so schwer vorgestellt - vielleicht hatte ich einfach keine Vergleichsmöglichkeiten", erwiderte Harry nun lebhafter.

Hermine schwieg einen Moment. Harry hatte in seiner Kindheit das Konzept Familie nicht sonderlich positiv vor Augen geführt bekommen. Es erstaunte sie nicht, dass er Debby für sich behalten wollte, so lange es ging. Es erstaunte Hermine auch nicht, dass die Familie für Harry das Allerwichtigste gewesen war, nachdem er sich in Faye verliebt hatte. Faye, die wunderschöne, und doch so unendlich eifersüchtige Faye.

Harry schien lesen zu können, was sich in Hermines Gedanken abspielte, und für einen Moment schlug er die Augen nieder.

"Was damals geschehen ist...es tut mir leid, Hermine...", doch sie unterbrach ihn sofort.

"Es ist gar nichts geschehen, Harry. Es war ein Missverständnis, das wir leider nie aufklären konnten. Aber inzwischen glaube ich, dass es besser so war. Du und Faye, ihr seid glücklich, und ich war eine Gefahr für sie...egal, ob es begründet war oder nicht...es ist gut, dass es so gekommen ist, denn sonst würdest du heute keine Sorgenfalten im Gesicht bekommen, wenn du daran denkst, deine ältere Tochter hergeben zu müssen."

Harry präsentierte ihr gleich ein paar dieser Sorgenfalten, als er sie nun entschuldigend ansah.

"Ich hätte damals anders reagieren müssen, es tut mir leid, Hermine."

"Du warst verliebt, und Faye hätte es eigentlich sehen müssen, dass du dank ihr völlig blind für alles andere warst. Aber lass uns nicht mehr darüber reden - diese Wunden sind längst verheilt."

"Ich habe ihr gesagt, dass wir uns heute treffen", sagte Harry und beobachtete sorgfältig Hermines Reaktion darauf.

"Was hat sie dazu gesagt?", fragte Hermine interessiert.

"Nun, sie sagte mir, dass ich dir Grüße ausrichten soll."

Hermine konnte es nicht verhindern, dass ihr ein Schnauben entfuhr.

"Inzwischen sieht sie mich wohl nicht mehr als Gefahr an. Vielleicht liegt es an meinem neuen Image. Auf dem Foto, das seit neuestem von meinem Verlag veröffentlicht wird, sehe ich verdammt alt aus - ach, was soll's, ich BIN alt."

Diesmal war es Harry, der ihr ins Wort fiel.

"Du BIST nicht alt. Du bist immer noch wunderschön. Auf eine gefährliche Art schön."

Hermine sah ihn überrascht an und bemerkte, wie er plötzlich seine Hände damit beschäftigte, die Tischdecken glattzustreichen.

Sie erwiderte nichts auf das Kompliment, denn sie wussten beide, dass es seinem letzten Satz eine zu tiefe Bedeutung verliehen hätte.

"Was macht dein neues Buch?", erkundigte sich Harry statt dessen.

Hermine winkte ab.

"Es sind bislang nur ein paar Seiten - es werden noch Monate vergehen, bis es Gestalt angenommen hat."

Harry nickte und hielt dann inne: "Und du willst wirklich über IHN schreiben? Bist du dir sicher, dass das eine gute Idee ist? Wie lange sitzt er jetzt schon in Askaban?"

Statt direkt darauf zu antworten, erwiderte Hermine schlicht: "Sie werden ihn nicht wieder herauslassen, egal wie lange er lebt, sie behalten ihn dort."

Harrys Blick wurde finster.

"Ich weiß, dass du dich gerade besonders intensiv mit seiner Geschichte befasst, aber damals in der großen Schlacht - er hätte uns beinahe alle getötet. Warum schreibst du ausgerechnet über ihn? Was fasziniert dich an seinem Fall?"

Nun war es an Hermine, die ohnehin glatte Tischdecke mit den Händen zu bearbeiten.

"Ich möchte die Dinge von damals für mich selbst klären - und wie Schriftsteller das so zu tun pflegen, reicht es mir nicht, darüber nachzudenken, sondern ich muss gleich ein ganzes Buch über ihn schreiben." Hermine versuchte mit einem Lächeln das Gesagte zu entschärfen, doch es gelang ihr nicht.

"Es ist lange her, dass diese Dinge geschehen sind. Glaubst du nicht auch, dass es besser wäre, all das hinter dir zu lassen, statt es wieder auszugraben? Was er damals getan hat...Hermine, willst du das etwa auch in deinem Buch verarbeiten? Ich kann nicht glauben, dass du ihm die Genugtuung geben willst, indem du der Öffentlichkeit preis gibst, was er dir damals antat."

"Ich möchte mit dir nicht über ihn reden", sagte Hermine plötzlich bestimmt, dann wurden ihre Augen schmal, "ist ER der Grund, warum du dich plötzlich mit mir treffen wolltest? Erst vorgestern erschien der Zeitungsartikel über meine neue Arbeit, und gestern meldest du dich plötzlich nach all den Jahren, um dich mit mir zu treffen. Selbst den Zorn deiner Ehefrau hast du dafür in Kauf genommen - liegt es an ihm? Harry, liegt es an Snape, dass wir jetzt hier zusammensitzen?"

Einen Moment hatte ihr Gegenüber zu lange gezögert und Hermine schnappte hörbar nach Luft.

"Das ist es also! Als du mir deinen Brief geschickt hast, da glaubte ich meinen Augen nicht trauen zu können. All die Jahre über hast du lieber Abstand von mir gehalten, damit Faye nicht Amok läuft, wenn sie mich sieht. Ich war ihr nie geheuer und sie hat dir gedroht, dich zu verlassen, wenn wir weiterhin Kontakt haben. Ich habe das akzeptiert, deinetwegen. Du hast mich auch nie so sehr vermisst, dass du deiner Frau den Unterschied zwischen einer innigen Freundschaft und einer Affäre klar gemacht hättest, aber jetzt...jetzt, da ich über Severus schreiben möchte, da lodert der Zorn in dir so hoch, dass du all deine Vorsicht vergisst, und dich mit mir treffen willst. Ich glaube das nicht, Harry Potter...ich will das eigentlich nicht glauben!"

Einige andere Gäste sahen zu ihnen hinüber, doch weder Harry, noch Hermine bemerkten sie. Wütend starrten sie sich eine Zeit lang an, als ein leises Räuspern erklang und der Kellner damit um ihre Aufmerksamkeit bat.

"Haben die Herrschaften schon gewählt?", fragte er auf äußerste Höflichkeit bedacht, als wolle er seinen Gästen damit ebenfalls diesen Kodex in Erinnerung rufen.

"Später", knurrte Harry ihn an, worauf der Kellner sich prompt entfernte.

Hermine rief dem Mann hinterher: "Bringen Sie mir einen Weißwein", ehe sie Harrys Blick erwiderte. Sie wusste, was als nächstes kommen würde.

"Du hast ihn Severus genannt. Himmel, Hermine...ich begreife das alles nicht, wieso ist dieser Mörder plötzlich Severus für dich?"

"Er bot mir an, ihn beim Vornamen zu nennen, als ich ihn zuletzt in Askaban besuchte."

Diese Information schien eine halbe Ewigkeit zu brauchen, ehe sie in Harrys Gehirn Fuß gefasst hatte.

"Du hast ihn besucht?"

"Wie sonst sollte ich wohl meine Recherchen komplettieren können. Es ist immer schwer, über jemanden zu schreiben, und es wäre geradezu unsinnig, keine Fragen an die Person zu richten, über die man schreibt, wenn sie noch lebt und man damit diese Option hat."

"Du redest mit dem Kerl? Du nennst ihn Severus?" Bei Harry klang der Vorname seines ehemaligen Lehrers jedesmal wie ein anstößiges Wort, wenn er ihn aussprach; dann fuhr er leiser fort: "Hast du vergessen, was er mit dir gemacht hat?"

"Nein, das habe ich nicht! Ich habe ihn auch danach gefragt", erwiderte Hermine betont ruhig.

"Na, da bin ich aber gespannt", sagte Harry, verschränkte die Arme und lehnte sich erwartungsvoll zurück, wobei er ein spöttisches Lächeln aufsetzte.

Hermines Gesicht verschloss sich, als sie nun entschieden sagte: "Du wirst es in meinem Buch nachlesen können. Und nun lass uns endlich bestellen, damit dieser Abend nicht in einem völligen Desaster endet!"


2. Kapitel


Der Abend mit Harry war anstrengend gewesen. Sehr viel anstrengender, als Hermine es erwartet hatte. Natürlich war ihr in einem hinteren Winkel ihres Geistes klar gewesen, dass es die Neugier - ja , vielleicht sogar die Empörung über ihre neuen Buchpläne gewesen war, die ihn auf den Plan gerufen hatten. Aber da war einmal so viel mehr zwischen ihnen gewesen - eine Freundschaft, die so fest gewesen war, dass sie Gefahren gemeinsam hatten bestehen können und Feinde aus dem Weg räumen. Diese Gefahren hatten zuletzt einen hohen Tribut gefordert - einen zu hohen Tribut, an diese Dreierfreundschaft aus Kindertagen. Das goldene Trio war gewaltsam auseinandergerissen worden, und es war Ron bis heute nicht möglich, sich an die Dinge zu erinnern, die damals geschehen waren.

Sie hatten ihren Freund in dem Moment verloren, als der Cruciatus unerträglich geworden war und seinen Verstand einfach ausgeknipst hatte, wie ein Muggel einen Lichtschalter umlegt.

Rons Mutter hatte es ebenfalls fast den Verstand gekostet, dass er den Weg in die Realität nicht mehr zurückgefunden hatte. Und doch war allen klar gewesen, dass ansonsten Ginny sein Schicksal erlitten hätte. Ron hatte sich geopfert, und wenn Molly auch noch so viele Tränen weinte, so wusste sie dennoch, dass er ein Held war...ein Held, der sich seit Jahren einzig fragte, wie viele Gipsplatten die Decke über ihm aufwies. Nach all der Zeit hätte man denken können, dass er - selbst in seinem Zustand - des ewigen Zählens hätte müde werden müssen, aber als Hermine ihn zuletzt sah, hatte er nicht ein einziges mal den Kopf zu ihr hinabgesenkt. Die Medimagier in St. Mungos hatten längst aufgegeben und Hermine wusste, dass jede neue Anwendung nur zur Beruhigung der Familie diente. Molly und Arthur war es nur ein äußerst bescheidener Trost, dass ihre komplette Familie den Krieg überlebt hatte, denn über eines waren sie sich im Klaren....auch wenn Ron nicht tot war, sein Leben hatte er dennoch gelassen.

Hermine wusste, dass man ihr keinen Vorwurf machte - und doch...konnte sie sich wirklich frei sprechen?

Für einen Moment schloss sie die Augen und versuchte die Erinnerungen zu verdrängen.

Doch kurz darauf trat wieder das gestrige Essen in ihr Gedächtnis und sie sah erneut Harry vor sich, wie er mühsam beherrscht das Lammragout in sich hineinschaufelte.

Sie hatten lange geschwiegen und Hermine hatte noch während der Hauptspeise gewusst, dass es kein Gespräch danach geben würde. Harry hatte darauf bestanden, die komplette Rechnung zu bezahlen. Das war eher ein Ausdruck dafür gewesen, dass er ihr nichts schulden, als dass er den Gentleman herauskehren wollte.

Hermine hatte ihm den Gefallen getan. Es spielte ohnehin keine Rolle mehr. Noch einmal würde sie nicht auf eine Einladung von ihm reagieren. Es gab Dinge, die konnte auch die Zeit nicht heilen und mehr als jemals zuvor war Hermine klar geworden, dass Faye nur ein vorgeschobener Grund für ihre Entfremdung gewesen war.

Damals, nachdem Hermine glaubte, nur noch ihren Freund Harry zu haben, mit dem sie reden konnte - mit dem sie das Schreckliche teilen konnte - hatte er sich von ihr gelöst. Er hatte sich anderen Dingen zugewandt - der Suche nach einem Menschen, der ihn liebte, und dem er nicht ständig verzeihen musste. In Faye hatte er diesen Menschen gefunden. Noch dazu hatte sie ihm ermöglicht, den Kontakt mit Hermine zu beenden, ohne dass er sich wirklich Vorwürfe machen musste. Er hatte es für Faye getan - für ihre gemeinsame Zukunft, nicht um die Vergangenheit zu begraben - doch war es nicht genau darum primär gegangen?

Hermine schüttelte innerlich den Kopf. Es war unfair, Harry die alleinige Schuld an dem Bruch zu geben. Wie lange hätten sie es wohl noch ausgehalten, sich zu sehen und ständig über das zu reden, was geschehen war?

Nicht einmal gestern, nach all den Jahren, waren sie dazu in der Lage gewesen.

Es lag nicht an Harry allein. Sie hatte ihm gesagt, dass sie mit ihm nicht über Snape reden wollte - und das war der springende Punkt. Harry war dabei gewesen - damals - und doch hatte er nichts begriffen. Nichts von dem was Hermine geschehen war, hatte er je begriffen und er war nie in der Lage gewesen, die richtigen Fragen zu stellen. Schon wieder ein Vorwurf - ein ungerechtfertigter Vorwurf an einen Freund, der zu wenig Kraft hatte, um eine andere Seite seiner Freundin zu sehen. Und sie war zu kraftlos gewesen, sie ihm zu zeigen. Alles was geschehen war, passte ins Bild. Nun ging sie den einzigen Weg, der ihr blieb - sie musste denjenigen fragen, der ihr das alles angetan hatte. Sie hatte ihn bereits zu umkreisen begonnen und er hatte es natürlich sofort bemerkt. Es hatte ihn amüsiert. Nie im Leben hätte Hermine gedacht, dass sie eine solche Seite an ihm entdecken würde, aber er hatte ihr offen gesagt, dass sie eine Abwechslung für ihn sei.

Eine Abwechslung - war sie das damals auch für ihn gewesen? Ein Spielball, eine Trophäe, ein Zeichen seiner Macht?

Sie musste es herausfinden!

Er war heute so anders als damals.

Die langen Jahren in Askaban hatten ihre Spuren hinterlassen.

Auch ohne die Folterungen durch die Dementoren, in der Anfangszeit seiner Haft, hätte er heute wie ein alter Mann ausgesehen.

Was sie in ihm gesehen hatte, als sie vor drei Tagen zum ersten mal, nach all den Jahren ihm gegenüber gesessen hatte, hatte sie jedoch zutiefst erschreckt.

Das Erschrecken hatte keineswegs einem verwahrlosten Zustand gegolten, von dem sie geglaubt hatte, dass sie ihn so vorfinden würde - das Erschrecken galt viel mehr seinem ungebrochenen Blick.

Snapes Augen waren nicht gealtert. Sie sahen direkt in sie hinein und Hermine hatte alle Schutzschilde hochgefahren, die sie in diesem Moment hatte mobilisieren können.

Das waren die gleichen Augen, die sie damals angesehen hatten, als er ihr...

Hermine ballte ihre Hände zu Fäusten.

'Nicht schwach werden jetzt...nicht schwach werden', beschwor sie sich selbst.

Es war lange her und er hatte nichts mehr von dem Schrecken an sich, den er damals verbreitet hatte. Die Dementoren und die lange Haft, hatten einen anderen Menschen aus ihm gemacht. Warum, bei Merlin, sahen seine Augen dann genauso aus, wie damals in dem Augenblick, als er ihr das Schrecklichste angetan hatte, was sie sich hatte vorstellen können?

Er hatte es vor aller Augen getan, was die Sache um so unerträglicher gemacht hatte, denn es gab nichts, das sie danach noch vor den anderen hätte verbergen können - gar nichts!

Die Dementoren hatten schon seit beinahe zwei Jahrzehnten damit aufgehört, ihm die Dinge zu entreißen, die seinem Leben einen erträglichen Glanz verliehen hatten. Hermine wusste, dass sich einiges wieder in seinem Bewusstsein hatte ansammeln können; was ihn eindeutig davor bewahrt hatte, dem Irrsinn anheim zu fallen.

Askaban war ein Gefängnis, das sich eindeutig der Folter bedient hatte - doch es war unter dem neuen Zaubereiminister zu einem Ort geworden, an dem die Gefangenen auch rehabilitiert wurden. Ein Schritt, den man dem lebenslänglich verurteilten Snape natürlich nicht gewährte - aber die Aussetzung der Todesstrafe hatte man ihm ausgesprochen. Auch danach hatte sie ihn gefragt, nach dem, was er bei dieser Mitteilung empfunden habe, und einen seiner tiefen Seufzer zur Antwort erhalten, die er immer dann von sich gab, wenn er der Worte müde war.

Wie viele dieser Seufzer würde sie wohl noch zu hören bekommen? Denn ihre Recherchen standen erst am Anfang - und damit auch ihre Besuche bei ihm.

Hermine blickte in den Spiegel und strich den grauen Pullover glatt, den sie zur schwarzen Hose gewählt hatte. Er würde vielleicht glauben, sie hätte diese Wahl getroffen, um sich bei ihm einzuschmeicheln - viel eher war es jedoch so, dass sie meist diese Farben wählte, ohne, dass es eine tiefere Bedeutung für sie hätte. Keine tiefere Bedeutung...ebensowenig Bedeutung, wie die Tatsache, dass sie stets langärmelige, weite Kleidung trug, die ihre Figur so gut verhüllte, wie es nur ging. Vielleicht war es gar nicht die Schuld des Fotografen, dass ihr neues Autorenbild so unvorteilhaft aussah. Vielleicht hätte sie lächeln sollen. Lächeln...oh ja, das war lange her. Beinahe hatte sie geglaubt, dass Harry es wieder hervorlocken könnte, als er über sein Leben und seine Probleme sprach. Die Probleme eines glücklichen Familienvaters. Hermine hatte ihm gesagt, dass das Leben es gut mit ihr gemeint hatte. Das war keine Lüge - aber es war auch keine Wahrheit.

Sie hatte bekommen, wonach sie gestrebt hatte - und kein bisschen mehr.

Es wurde Zeit, neue Dinge zu fordern. Jetzt und in diesem Moment, als Askabans Tore sich für sie öffneten, um sie als Besucherin einzulassen, wurde ihr klar, dass sie bereits vor drei Tagen begonnen hatte, diese Dinge zu fordern...und erstaunlicherweise schien Snape gewillt, ihrem Wunsch nachzukommen.


3. Kapitel


Seine Augen empfingen sie auch jetzt mit dem gleichen Blick, wie schon drei Tage zuvor - mit zurückhaltendem Interesse. Er hatte sich leicht erhoben, als sie den Raum betrat. Wie schon bei ihrem letzten Besuch, hatte man ihn angekettet und das Klirren der Metallglieder rief eine Gänsehaut bei ihr hervor. Snape selbst schien es nicht zu stören, dass seine höfliche Geste von dem unverkennbaren Klang der eingeschränkten Bewegungsfreiheit begleitet wurde.

"Wie geht es Ihnen, Severus?", begann Hermine die Unterhaltung, für die sie sich gedankliche Notizen gemacht hatte.

"Es geht mir besser, seit man mich vor fast einer halben Stunde informierte, dass ich Besuch hätte. Man ließ Sie warten, während man mich vorbereitete - das tut mir leid. Es sind immer so viele Vorsichtsmaßnahmen zu beachten, damit ich Ihnen kein Leid zufügen kann, während unserer Begegnungen."

Hermine suchte in seinem Blick nach Sarkasmus, aber er schien es tatsächlich zu bedauern, dass er ihr diese Umstände des Wartens machen musste.

Sie wusste, dass sie riskierte, dass er sich verschloss, dennoch ging sie auf das Gesagte ein.

"Vielleicht wären die Vorsichtsmaßnahmen nicht ganz so aufwändig, wenn Sie nicht bereits bewiesen hätten, dass Sie dazu durchaus in der Lage sind."

Seine Stimme blieb ruhig, als er erwiderte: "Ich denke, dass die Maßnahmen immer dieselben sind. Und auch die Prozedur, die ich danach zu absolvieren habe, wird die gleiche sein, wie bei Ihrem letzten Besuch. Selbst wenn ich darauf verzichte, Ihnen an die Gurgel zu gehen."

"Welche Prozedur?", fragte Hermine verblüfft.

"Nun...die gedankliche Kontrolle."

Ein höchst unangenehmes Gefühl breitete sich in Hermines Magen aus, und ihre Stimme klang so atemlos, dass sie ihm damit ein Lächeln entlockte.

"Was ist das für eine gedankliche Kontrolle?"

Er erklärte es ihr mit nicht mehr Emotion, als wenn er ihr von seinem letzten Mittagsmahl berichten würde.

"Nach unserem Gespräch werde ich dazu...angehalten...meine Gedanken offenzulegen. Sie werden von den Mindguards kontrolliert. Jedes Anzeichen von Gewalt, Hass, Brutalität und unzüchtigen Gedanken, wird in meiner Akte vermerkt. Wenn nichts gefunden wird, darf ich meine Gedanken wieder an mich nehmen, ohne dass darüber Eintragungen stattfinden."

Hermine sah ihn einen Moment sprachlos an, ehe sie ungläubig fragte: Mindguards? Ich habe nie zuvor davon gehört."

"Sie befinden sich in einer Testphase. Die offizielle Bekanntgabe wird wohl erst erfolgen, wenn sie sich als zuverlässig erwiesen haben."

"Sind sie zuverlässig?", fragte Hermine, weil ihr ein Glitzern in den Augen ihres ehemaligen Lehrers nicht verborgen geblieben war.

Er nickte vage.

"Ja, soweit schon."

Hermine bemühte sich, nicht sichtbar zu schlucken.

"Haben diese Mindguards nach meinem letzten Besuch einen Eintrag in Ihrer Akte vorgenommen?"

"Nur einen", gab er unumwunden zurück.

Hermine war nun versucht, seinem Blick auszuweichen, doch sie widerstand der Versuchung und fragte mit kalter Stimme: "Verraten Sie mir auch welchen?"

Das altbekannte Schnauben schien seine Antwort zu ersetzen und Hermine atmete tief durch.

"Also würden Sie mir wirklich an die Gurgel gehen, wenn man die Vorsichtsmaßnahmen nicht penibel einhalten würde?"

Ein weiteres Schnauben folgte, ehe er die Stimme senkte und leise antwortete: "Man fand keine Gewalt in meinen Gedanken, keinen Hass, keine Brutalität. Man fand den Gedanken, dass ich Ihre Brüste gerne berühren würde. Es war ein Reflex, dem ich nichts entgegensetzen konnte, als Ihre Brustwarzen sich aufrichteten, während ich Ihnen erlaubte, mich beim Vornamen zu nennen."

Nun wich Hermine seinem Blick doch aus. Nervös wanderten ihre Augen zur hinteren Tür, von der sie jederzeit bestimmen konnte, wann sie sich öffnen sollte, um ihn wieder in seine Zelle bringen zu lassen.

Er bemerkte ihr Ausweichen und schüttelte leicht den Kopf.

"Ich werde auch heute an diesem Gedanken scheitern, fürchte ich. Und das, obwohl Sie sich immer solche Mühe geben, sich unvorteilhaft zu kleiden. Es tut mir leid."

Wie von Magneten angezogen, blickte sie ihm nun direkt in die dunklen Augen und glaubte erneut ein Aufblitzen darin zu sehen.

"Ich möchte nichts mehr davon hören!", erwiderte Hermine bestimmt.

Er schüttelte leicht den Kopf: "Natürlich nicht. Aber Sie fragten mich nach der Zuverlässigkeit der Mindguards, und ich dachte, es sei interessant für Ihr Buch."

Hermine taxierte ihn und schickte ihm dann ein spöttisches Lächeln.

"Sie wollen mich provozieren", stellte sie leise fest.

"Nein, das wollte ich nicht. Und ich würde Ihnen sogar gerne sagen, dass ich Ihre aufgerichteten Brustwarzen nicht nur für unzüchtige Gedanken nutzte, sondern auch eine tiefe Zufriedenheit daraus zog, dass ich Sie mit einer so einfachen Geste körperlich so berühren konnte. Und das ist der Punkt, in dem die Mindguards meiner Meinung nach letztendlich doch versagen, denn dieses Gefühl war durchaus nicht unzüchtig, aber es wurde mit dem Wunsch, nach der Berührung Ihrer Brüste gleichgesetzt - das ist nicht fair, oder? Es ist so, als würde man einen Kuss aus Liebe verdammen, weil er sich zu dem Wunsch entwickelt, Sex mit der Person haben zu wollen, mit der man ihn teilt. Wo setzt also der unzüchtige Gedanke ein? Abgesehen davon, dass ich keine Gefahr in unzüchtigen Gedanken erkennen kann. Doch das sieht man hier eindeutig anders...und vermutlich sehen Sie das ohnehin völlig anders, nicht wahr, Hermine?"

"Ich...ich denke, es wird seinen Grund haben, dass man diese Form der Gedanken hier kontrolliert. Und die Grenze ist schnell überschritten, wie Ihr Beispiel wohl zeigt."

Er schickte ihr ein kaltes Lächeln: "Also hätte ich nicht denken dürfen, dass es schön ist, dass ich Sie auf so einfache Art erfreuen kann, weil ich unweigerlich im Anschluss denke, dass ich Ihre Brüste gerne berühren würde, die so eindeutig Signale gaben, auf die ich wohl kaum anders reagieren konnte?"

"Ich werde mich bemühen, keine Signale mehr zu geben", erwiderte Hermine prompt.

"Zu spät - ich werde heute einen weiteren unzüchtigen Gedanken in meiner Akte wiederfinden. Wenn Sie mich noch öfter besuchen, werden die bislang weißen Seiten sich unweigerlich füllen. Ich mag Ihnen alt und ausgebrannt vorkommen, aber ich bin nicht tot, Hermine...und ich fürchte, ich kann meinen Geist auch nur sehr schlecht dazu bewegen, sich so zu verhalten."

Hermine verschränkte unweigerlich die Arme vor der Brust, als sie erwiderte: "Dann sollte ich nicht mehr herkommen. Ich möchte nicht Schuld sein, dass Ihre tadellose Akte sich mit diesen negativen Einträgen füllt."

"Sie wissen, dass eine andere Akte sich längst mit negativen Einträgen gefüllt hat. Sie selbst haben dazu beigetragen, als Sie nichts von dem ausließen, was ich Ihnen damals...angetan habe. Ich werde also mit Stolz auf die fehlgeleiteten Gedanken schauen; auch wenn man mir deshalb Dementoren in die Zelle schicken sollte - ich werde auf die verbotenen Gedanken schauen, die sich im Laufe der Zeit neu ansammeln werden."

"Tun Sie, was Sie nicht lassen können, aber geben Sie mir nicht die Schuld daran - ich habe keine Schuld, wenn Sie sich nicht beherrschen können."

"Ich auch nicht", gab er schlicht zurück und zuckte mit den Schultern.

Hermine ließ einen Moment verstreichen und fragte dann so sachlich wie möglich nach: "Kann ich mit meinen Fragen beginnen?"

"Natürlich. Ich möchte Ihre kostbare Zeit nicht länger in Anspruch nehmen, als sie mir bereit sind zu schenken. Lenken Sie mich ab, Hermine."

Sie ignorierte den letzten Satz, der so offensichtlich an ihr Gespräch von vorhin anknüpfte und begann ihn nach Daten zu fragen, um ihre gedankliche Zeittafel komplett zu machen.

Snape antwortete ihr ohne zu zögern. Offensichtlich hatte er sich im Vorfeld ihres Gesprächs die wichtigsten Eckdaten seines Lebens ins Gedächtnis gerufen.

Hermine notierte sich das Gesagte auf einen kleinen Block, den sie zu diesem Zweck mit in den Besucherraum nehmen durfte. Sie verwendete keinerlei Magie, da diese in diesem Raum strickt verboten war; doch man hatte ihr die Möglichkeit gegeben, ihre Aufzeichnungen von ihm unterzeichnen zu lassen, um den Wahrheitsgehalt - wenn schon nicht magisch, so doch durch seine Unterschrift - bestätigen zu lassen. Sie selbst konnte dazu die Schutzbarriere durchdringen, doch ihm gelang das nicht, und so war sie darauf angewiesen, dass der Wärter ihr den Block am Ende des Gespräches wieder aushändigte. Keine Magie in diesem Raum, doch unweigerlich fühlte sich Hermine an Snapes magische Fähigkeiten zurückerinnert, als er zu erzählen begann.

Auch über die Anfänge als Lehrer auf Hogwarts hatte er ihr bereitwillig Auskunft gegeben, nachdem er Fragen nach seiner Kindheit erst einmal zurückgestellt wissen wollte.

Hermine kam dieser Bitte nach, da sie spürte, dass es kontraproduktiv wäre, ihm eine solche Bitte abzuschlagen.

Nach gut einer Stunde ließ sich ein Wärter blicken, der ihr stumm bedeutete, dass ihre Zeit um sei.

Hermine nickte knapp und fing dann Snapes Blick auf.

"Wird Zeit für die Prozedur", sagte er kalt.

"Ja, das wird es wohl. Wie ich schon sagte, werde ich mich demnächst bemühen, Sie nicht zu solchen Gedanken zu verleiten. Gibt es etwas, das ich dafür tun kann?"

Er betrachtete sie eine Zeit lang schweigend, ehe er erwiderte: "Nein, nichts. Machen Sie sich keine Sorgen darüber. Darf ich Ihnen auch eine Frage stellen, Hermine?"

"Nun, das war schon eine, oder?", versuchte sie ihr Unbehagen zu überspielen.

Er schickte ihr ein knappes Lächeln und fragte plötzlich, indem er sich so weit zu ihr beugte, dass die Ketten dramatisch rasselten: "Wie oft denken Sie an das zurück, was ich mit Ihnen tat? Was empfinden Sie heute dabei?"

Hermine wich unwillkürlich zurück und beobachtete atemlos, wie der Wärter ihn abführte, indem er erklärte, dass der Gefangene nun in seine Zelle zurück müsse, nachdem er ihr den Block gereicht hatte.
Snapes letztes Lächeln zeigte ihr, dass er den Zeitpunkt seiner Frage nicht umsonst gewählt hatte, und Hermine war froh, dass sie sich keiner Prozedur würde unterziehen müssen, denn in diesem Moment hätte sie ihn am liebsten getötet.


4. Kapitel


Hermine hatte ihre Kleidung in die Schmutzwäsche geworfen. Es schien ihr, als läge sein Blick immer noch darauf, und sie wollte vom Körper haben, was er auch nur irgendwie berührt hatte.

Nur mit Unterwäsche bekleidet, brach plötzlich ein Zittern über sie herein.

Sie konnte dem nicht entkommen, was er berührt hatte - dazu hätte sie sich schon töten müssen. Wieder der Gedanke ans Töten - Hermine kam zu dem Schluss, dass ihr neues Unterfangen alles andere als gut für ihr Seelenheil war. Sie dachte darüber nach ihn zu töten - und nur kurz darauf, sich selbst zu töten - sah so ihr großer Befreiunggsschlag aus? Diese Gedanken hatte sie doch schon seit Jahren hinter sich gelassen. Wenn sie davon nicht überzeugt gewesen wäre, dann hätte sie sich dem Kontakt mit Snape niemals gestellt.

Sie musste nur ihre Gedanken sortieren. Sich wieder beruhigen und ihn beim nächsten mal auflaufen lassen. Sie konnte das - ganz sicher! In Gedanken hatte sie es tausendmal durchgespielt - doch in ihren Gedanken war er anders gewesen. Er war ein Psychopath gewesen, der einem höchstens Leid tun konnte, für die Dinge, die sein verwirrter Geist sich ausdachte. Aber bislang hatte er nichts von diesem Psychopathen gezeigt - alles, was er ihr gesagt hatte, war so einleuchtend gewesen - und dann hatte er ihr diese Frage gestellt, die alles hervorholte, was sie längst glaubte hinter sich gelassen zu haben.

Vielleicht hatte Harry doch Recht gehabt und sie verschaffte Snape Genugtuung, indem er sie selbst unter diesen Umständen noch quälen konnte. 'Sei vorsichtig, Hermine', warnte sie sich selbst, 'du bist der Boss. Du kannst jederzeit dafür sorgen, dass euer Gespräch beendet wird, und du bist sicher vor ihm, denn sie werden dich warnen, wenn seine Gedanken gefährlich werden.'

Eine zweite Stimme gesellte sich zur ersten und klang kritisch: 'Werden sie dich wirklich warnen? Noch ist das Projekt Mindguards nicht offiziell. Du bist genauso ein Versuchskaninchen wie er.'

Erschrocken über diesen Gedanken zwang sie sich wiederum zur Ruhe.

"Es geht nur um Recherchen", sagte sie laut, um ihren inneren Stimmen Einhalt zu gebieten.

"Du stellst ihm Fragen und wenn er dabei den Wunsch hegt, deine Brüste berühren zu wollen, so ist das alleine sein Problem, denn eines steht ganz sicher fest - er wird sie nie berühren können, weil seine Hände von Ketten daran gehindert werden - was er damit in seiner Zelle macht, ist nicht deine Sache - und wenn er die Gedanken an dich dazu benutzen sollte, um sich zu stimulieren, dann werden sie ihn drankriegen. Er wird so und so keine Freude daran haben, dich für solche Zwecke zu benutzen. Der Preis wäre zu hoch, denn wenn er das täte, dann würden sie ihm wieder Dementoren schicken, und das wird er nicht riskieren."

Hermine griff nach ihrem Pyjama und schlüpfte hinein, dann ließ sie sich auf dem Bett nieder.

Einen Moment verharrte sie so, schließlich zog sie die Beine an ihren Körper und versuchte das Gefühl zu unterdrücken, das sich in ihr aufbaute, als sie an seine Stimme dachte, wie er ihr gestanden hatte, dass er ihre Brüste hatte berühren wollen. Er hatte das so sachlich getan, so selbstverständlich - und verdammt, sie wusste, dass es eine verständliche Reaktion war. Er hatte ein Recht so zu fühlen. Das Alter hatte seine Haare ergrauen lassen und die Falten tiefer in seine Haut gefurcht, aber es stand außer Zweifel, dass er durchaus nicht lethargisch war, und es war kein Wunder, dass er Erregung empfand, wenn er steife Brustwarzen erblickte.

Und sie selbst? Empfand sie etwa gerade ein Prickeln dabei, dass sie ihn erregen konnte? Das war lächerlich! Sie war keine Schülerin mehr! Sie war nicht einmal mehr eine junge Frau! Warum sollte sie sich die Schuld geben, wenn er körperlich auf sie ansprach? Es gab überhaupt nur einen Grund, warum er ihr das unter die Nase gerieben hatte, und das war der, dass er seine damalige Macht über sie wieder aufleben lassen wollte. Hermine würde das niemals zulassen. Es war Jahre her und er hatte keine Macht mehr über sie!

Ihr Körper war immer noch ihrer - trotz allem - und er würde niemals auch nur wieder einen Finger an sie legen können.

Gedankenverloren rieben ihre Hände über den Stoff ihres Pyjamas. Ihre Brustwarzen konnten wirklich zu einer enormen Größe anschwellen. Hermine rieb heftiger und bald fanden ihre Hände den Weg zwischen ihre Beine. Als sie von einem Orgasmus geschüttelt wurde, vermischte sich diese Lust mit einem einzigen Gedanken: "Es ist deine Strafe, Snape, dass dir diese Form der sexuellen Erfüllung nun schon so lange, und für den Rest deines Lebens verwehrt bleibt."


Als Hermine am nächsten morgen erwachte, fühlte sie sich gelöst. Was immer sie gestern auch bewogen hatte, sich das erste mal seit langem selbst zu befriedigen, hatte eine nachhaltige Wirkung auf ihr Wohlbefinden.

Sie blickte versonnen zum Fenster hinaus und zog die Bettdecke ein wenig höher, um sich darin einzukuscheln. Es war eigenartig, ihre nackten Beine aneinanderreiben zu spüren. Schon seit ewigen Zeiten war sie sich selbst nicht mehr so sinnlich erschienen.

Zaghaft schob sie beide Hände unter die Decke und berührte ihren Bauch sanft. Die Haut reagierte sofort mit einem wohligen Schauer. Genießerisch schloss sie die Augen und kam zu dem Schluss, dass die Erfahrung von gestern eine Erneuerung brauchen könne, die sie vor niemandem zu rechtfertigen brauchte. Seit Jahren lebte sie allein und hatte viel zu lange darauf verzichtet, sich selbst ein wenig liebevoll zu behandeln.

Sie hatte ein Recht darauf, und niemand konnte ihr das nehmen.

Ihr letzter Freund, Robert, hatte sie einmal dabei erwischt, wie sie es sich selbst gemacht hatte. Er hatte sich gekränkt gefühlt - nicht Manns genug, seine Freundin zu befriedigen. Nur kurz darauf war seine Meinung umgeschlagen und er hatte ihr nahegelegt, ihre Verhütungstränke auf Wirkstoffe zu prüfen, die die Lust unnatürlich stark steigerten, als sei es falsch, dass sie Lust empfand, wenn nicht er sich herabließ, sie hervorzulocken.. Ein Wort hatte das andere gegeben und schließlich hatte Robert das Feld geräumt. Seltsamerweise hatte Hermine nach dieser, wiederum gescheiterten Beziehung, selbst in Erwägung gezogen, dass es falsch sein könnte, ihren Körper unnötig selbst zu berühren, auch wenn ihr dies inzwischen als einzige Möglichkeit erschien, dem wachsenden Begehren zumindest ab und an den quälenden Druck zu nehmen. Vielleicht lag es an Roberts letzten Worten, bevor er danach auf der Stelle mit all seinen Sachen disappariert war. Er hatte ihr entgegengeschleudert, dass es ihn stets Überwindung gekostet hatte, sie körperlich zu lieben, und dass es wohl besser sei, wenn sie diese Sache in Zukunft selbst in die Hand nähme.

Ja, es war schwer den Anblick zu ertragen, wenn sie entkleidet war.

Doch jetzt war ihr Körper unter der Bettdecke begraben und sie musste nicht sehen, was Snape ihr hinterlassen hatte. Er hatte sie gefragt, wie oft sie daran zurückdachte - was sie dabei empfand.

Die Lust wurde plötzlich im Keim erstickt und nachdem Hermine eingesehen hatte, dass sie sie nicht mehr würde aufbauen können, zog sie sich das Kissen über den Kopf und murmelte hinein: "Ich denke ständig daran, du elender Bastard...ständig! Du hast mein Leben zerstört! Du hast mich um alles betrogen - und du wirst dich dafür entschuldigen - diesmal werde ICH das Spiel gewinnen"


Eine kleine Rache - nur eine winzig kleine, und vielleicht würde sie nur dazu taugen, ihm Respekt abzuverlangen, aber das würde ihr reichen.

Hermine wartete darauf, dass er bereit wäre, und man sie in den Besucherraum bringen würde.

Sie strich ihren Rock glatt, der kurz über dem Knie endete. Gerade als Zweifel in ihr aufkamen, ob sie richtig gehandelt hatte, wurde sie gerufen. Ihr war mulmig bei dem Gedanken, dass sie zu so niederträchtiger Rache greifen konnte. Aber war es nicht tausendmal schlimmer, was er ihr angetan hatte? Er war nur den kritischen Blicken der Mindguards ausgesetzt - sie war die letzten zwei Jahrzehnte jedem unerträglich geworden, der intimen Kontakt mit ihr hatte.

'Eine kleine Rache', schoss es ihr abermals durch den Kopf, als sie den Besucherraum betrat. Er blickte auf und erhob sich. Doch diesmal deutete er keine Verbeugung an, sondern wandte sich so abrupt um, dass die Ketten, mit denen er an den Tisch gefesselt war, sichtbar in seine Handgelenke schnitten. Hermine blieb wie angewurzelt stehen, als er seine Stimme erhob und nach dem Wärter rief.

Sofort wurde die Tür geöffnet und Snape verlangte, dass man ihn auf der Stelle in seine Zelle zurückbringen sollte.

Hermine wusste kaum wie ihr geschah, als man ihn abführte. Bevor er durch die hintere Tür trat, drehte er sich noch einmal zu ihr herum und seine Stimme klang aufgebracht: "Soll ich den Dementoren einen Gruß von Ihnen ausrichten?" Damit schloss sich die Tür hinter ihm und allein dieses metallische Schließen ließ einen kalten Schauer durch Hermines Körper jagen, der sie wie eine eisige Welle erfasste.

Immer wieder redete sie sich ein, dass es nicht kindisch von ihr gewesen war, diese dumme Aktion gestartet zu haben. Ja - er hatte heute das Gespräch verweigert und sie hatte einsehen müssen, dass er ebensoviel Macht dazu hatte, wie sie.

Doch was war schon geschehen? Sie hatte die falsche Kleiderwahl getroffen - eine Wahl, von der ihr hatte klar sein müssen, dass sie ihn in Schwierigkeiten bringen würde.

Ja, es war verwerflich gewesen - biestig und gemein.

Doch was waren die Worte, die sie für seine Taten an ihr anführen konnte? Herrschsucht? Grausamkeit? Der Wunsch, sie zu demütigen und vielleicht sogar zu töten?

Bei Merlin, um wie vieles schlimmer hatte er sich an ihr versündigt!

Dennoch warf sie zuhause den Rock in die hinterste Ecke des Schrankes und knallte die Türen wütend zu.

So ging das nicht! Es kam alles viel zu dicht an sie heran - viel zu dicht!

Die vergangenen Jahre mussten ausreichen, um solche Kurzschlussreaktionen zu verhindern, denn viel mehr Zeit würde ihr nicht bleiben. Snape war kein Mensch, der einem einen zweiten Versuch gewähren würde. Wenn sie ihn jetzt nicht umstimmen konnte, würden ihr die Tore von Askaban zukünftig verschlossen bleiben, wenn sie um einen Besuch bei ihm bitten würde.

Einen Moment überlegte sie, die ganze Sache fallen zu lassen, dann riss sie die Kleiderschranktüren auf und griff nach einem unförmigen Pullover, den Molly Weasley in der Phase ihres völligen nervlichen Zusammenbruchs für sie gestrickt hatte. Jahre später hatte Molly sich erst wieder daran erinnert, und sich von Hermine versichern lassen, dass diese ihn fortgeschmissen habe, doch Hermine hatte ihn behalten, aus einem Grund heraus, den sie sich selbst als eine Art Mahnmal erklärte. Es war erschreckend, wie viele Stunden Molly damit verbracht haben musste, dieses monsterhafte Teil zu stricken, ohne überhaupt etwas davon mitbekommen zu haben.

Jetzt wirkte er wie ein Sack, den Hermine an den Ärmeln krempeln musste, damit sie die Hände überhaupt benutzen konnte.

In Askaban schien man erstaunt, sie nach so kurzer Zeit bereits wieder zu sehen, und Hermine rechnete mit einer Weigerung Snapes, sie überhaupt empfangen zu wollen.

Aber eine halbe Stunde später wurde sie erneut in den Besucherraum geführt, und fand ihn am Tisch sitzend vor. Die höfliche Begrüßung ließ er ausfallen, sondern sah sie nur abwartend an.

Als der Wärter die Ketten und Schutzzauber geprüft hatte ließ er sie allein.

"Ich...es tut mir leid. Das war dumm von mir. Ich wollte Sie nicht in Schwierigkeiten bringen", sagte Hermine, nachdem sie sich ihm gegenübergesetzt hatte.

Sein Blick lag kalt auf ihr, ehe er ihr ein flüchtiges Lächeln schickte.

"Doch, genau das wollten Sie. Und ich muss Sie dazu beglückwünschen - es ist Ihnen gelungen, mir weiteren Besuch zu verschaffen. Der Anblick ihrer Beine ist im Schlund eines Dementoren verschwunden - keine schöne Vorstellung, oder? Aber das haben Sie sich selbst so ausgesucht - ich war nur der Vermittler."

Hermine schlug die Augen nieder und wagte nicht, ihn wieder anzusehen.

"Wie ich sehe, haben Sie nun zum anderen Extrem gegriffen. Ich hoffe, Sie haben das Stricken inzwischen aufgegeben."

Hermine musste unwillkürlich lachen, weil er den letzten Satz beinahe hoffnungsfroh von sich gegeben hatte.

"Das ist nicht mein Werk - Molly Weasley hat ihn gestrickt, kurz nachdem Ron...", sie verstummte plötzlich, und ihr Blick wurde hart.

Snape nickte vage und lehnte sich zurück.

"Mr. Weasley ist vermutlich an dem Crucitus gestorben?", fragte er knapp.

Hermine konnte kaum glauben, dass er nicht wusste, was Ron widerfahren war. Alles was damals geschehen war, hatte ihr Leben so nachhaltig verändert, dass es ihr vorkam, als müsse die ganze Welt davon wissen. Aber Snape war so schnell in Askaban gelandet und im Griff der Dementoren dem ständigen Zerfleischen seiner Gedanken ausgesetzt gewesen, dass er vermutlich wirklich keine Ahnung hatte, was aus Ron geworden war.

Und dann geschah etwas, mit dem Hermine niemals gerechnet hätte.

Sie war hergekommen, um von ihm die Dinge zu erfahren, die sie nie verstanden hatte, und doch sagte er nun mit bittender Stimme: "Erzählen Sie mir von damals, Hermine. Erzählen Sie mir, was sich ereignete, nachdem ich fort war."

5. Kapitel


Hermine sah Snape an, dessen forschender Ausdruck bereits wieder soweit abgeschwächt war, dass man ihm allenfalls mildes Interesse entnehmen konnte. Dennoch war Hermine der bittende Ton nicht entgangen, und sie sah die Möglichkeit, ihm ebenfalls einige der Dinge zu entlocken, ohne dass sie einen zu hohen Preis dafür zahlen müsste.

Ihre Stimme klang anfangs bleiern, doch sein sporadisches Nicken ließ sie schon bald lebhafter berichten.

"Ron ist an dem Cruciatus nicht gestorben, aber er hat ihm den Verstand geraubt. Er ist zerbrochen, ähnlich, wie es wohl den Longbottoms geschehen ist. Selbst als der Lord ihn nicht mehr beachtete, hat Ron sich erneut in die Schusslinie gebracht. Es war wegen Ginny Weasley, erinnern Sie sich?"

Snape nickte: "Ja, ich erinnere mich."

Ein wütendes Schnauben entfuhr Hermine: "Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben? Ginny ist Ihnen nur knapp entkommen, und um sie zu schützen, hat Ron sich dieser seelenraubenden Folter ausgesetzt, und alles was Sie sagen ist, dass Sie sich erinnern?"

"Das war es, wonach Sie mich fragten! Sie fragten, ob ich mich erinnern würde - und ja, ich erinnere mich! Was wollen Sie noch?"

Hermine verkrampfte die Hände ineinander und ihre Stimme war nur ein Flüstern: "Vielleicht möchte ich hören, dass es Ihnen leid tut."

"Das tut es nicht", gab er knapp zurück und sah sie offen an, ehe er hinzufügte: "Ich hatte meine Wahl ohnehin schon getroffen."

Hermine fühlte Wut hochsteigen. Eiskalte Wut, die sie ihm am liebsten wie frostige kleine Nadeln ins Gesicht gespien hätte.

Als habe er ihre Gedanken gelesen, kniff er die Augen ein wenig zusammen, ehe er ruhig erwiderte: "Warum dieses Mitleid für die kleine Weasley? Ihr Bruder hat sich für sie geopfert, wer hat sich für Sie geopfert, Hermine?"

Das Blut rauschte plötzlich in Hermines Ohren, als er diese Frage stellte und sie dabei interessiert beobachtete. In ihrem Gehirn machte etwas klick, und dieses Klicken hätte eigentlich hilfreich sein müssen. Es war das Geräusch des jahrelang antrainierten Sicherungsschalters, der sie vor völliger Hysterie bewahren sollte. Er war ausgelöst wurden, aber die verhängnisvolle Verbindung zum irrationalen Teil ihres Gehirns - dem Teil, der die grenzenlose Wut beherbergte - war dennoch nicht zuverlässig unterbrochen worden.

"Halten Sie den Mund, Snape! Halten Sie Ihren verdammten Mund!", hauchte sie um Kontrolle bemüht.

Er tat, als hätte er ihre Wut nicht bemerkt: "Aber meine Frage ist berechtigt. Warum hat sich Ihr Freund Potter nicht für Sie geopfert? Er war doch dort. Er hat zugesehen, nicht wahr? Ich war ganz auf Sie konzentriert, Hermine. Glauben Sie nicht auch, er hätte es schaffen können, mich zu hindern? Sicher, er hätte dafür sterben müssen, aber waren Sie ihm das nicht wert? Er hat zugesehen, was ich mit Ihnen tat..."

Ehe Hermine richtig realisierte, was seine Worte bei ihr auslösten, hatte sie sich über den Tisch gestürzt und ihre Fingernägel bohrten sich in seine Augen.

Er schrie nicht einmal, sondern gab nur ein gequältes Keuchen von sich, als er plötzlich unter Hermine weggerissen wurde. Fast im gleichen Augenblick wurde Hermine zu Boden geschleudert und sie spürte, wie Fesseln ihre Hände banden. Ihr Haar hing ihr wirr ins Gesicht und ihr Atem ging stoßweise. Zwei Wärter zerrten sie auf die Beine und einer brüllte auf sie ein.

Hermine hörte nichts von dem, was er sagte. Ihr hasserfüllter Blick ging zu Snape, der sie ansah.

In seinem linken Augapfel hatte sich Blut gesammelt, das das Weiß in einem schaurigen Rot schimmern ließ. Sein rechter Liddeckel blutete ebenfalls und er er musste ihn schließen, während er sie nun ansah.

Hermine nahm am Rande wahr, wie der Wärter ihr androhte, dass sie für diesen tätlichen Angriff belangt werden würde.

Es war ihr egal. Snape blutete und das war ihr Verdienst! Das Beste, was sie seit langem vollbracht hatte. Wären diese Wärter doch nur nicht so verdammt schnell zur Stelle gewesen. Sie hätte diese bislang unveränderten Augen zerstören können. Diese Augen, die die Angst in ihrem Blick genossen hatte, als er ihrer damals Habhaft geworden war.

Ihr Atem ging immer noch viel zu schnell und der Wärter herrschte sie plötzlich an, dass sie sich beruhigen solle. Erst jetzt bemerkte Hermine, dass ihre Fingernägel sich nun in ihre eigene Handfläche bohrten und bereits blutige Male hinterließen.

In dem ganzen Tumult erklang Snapes Stimme ruhig und vernünftig.

"Lassen Sie sie wieder frei. Sie hat nur auf das reagiert, was ich gesagt habe. Ich habe sie provoziert. Die Mindguards werden dies bestätigen können, denn ich sagte ihr, dass ich sie vor mir sehe, wie sie sich qualvoll unter mir windet, während ich sie brutal nehme. Eine Vorstellung, die Gewalt und unzüchtige Gedanken wohl formvollendet kombiniert. Es war eine durchaus verständliche Reaktion, dass sie mir dafür am liebsten die Augen ausgekratzt hätte. Dennoch würde ich bei ihrem nächsten Besuch gerne eine Schutzbarriere in beide Richtungen sehen, wenn es möglich wäre", damit sah er den Wärter fragend an, der Hermine noch in Gewahrsam hielt.

"Ich bin mir nicht sicher, ob ein weiterer Besuch genehmigt werden wird", gab dieser kopfschüttelnd zurück und nahm Hermine die Fesseln ab, dann sah er sie mahnend an.

"Sie gehen jetzt! Und Sie Snape, werden sich heute einer besonders gründlichen Prozedur unterziehen müssen. Mann, in Ihrer Haut möchte ich nicht stecken! Vielleicht sollten Sie freiwillig auf diese Besuche verzichten, denn in all den Jahren hatten Sie Ruhe vor den Dementoren. Hat es Ihnen nicht gereicht, dass Sie heute bereits einen in der Zelle hatten? Sie wissen, dass es diesmal noch schlimmer werden wird."

Snape öffnete kurz das verletzte Auge und sah Hermine an, während er ruhig sagte: "Ja, das weiß ich. Und dennoch möchte ich auf die Besuche nicht verzichten. Sehen wir uns morgen, Hermine?

Es gibt noch viele Dinge zu klären."

Der Wärter seufzte genervt; Hermine ignorierte ihn.

Ihre Stimme klang kalt, doch ihr Blick loderte bei dieser Herausforderung.

"Ja, ich werde morgen herkommen, und wenn man mich einlässt, so werden wir die Dinge klären, verlassen Sie sich drauf!"


Den ganzen Rückweg über hämmerte es in Hermines Kopf, als würden sich die Gedanken einen Weg nach draußen bahnen wollen, wenn sie nicht bereit wäre, sie zuzulassen.

Und schließlich musste sie sich der Erkenntnis stellen.

Snape hatte sie in Schutz genommen. Er hatte gelogen, damit man sie unbehelligt gehen ließ.

Was immer er in seinen Gedanken auch gesehen haben mochte, er hatte ihr nichts dergleichen gesagt, dass er sie qualvoll unter sich begraben sehen wollte. Hermine zweifelte nicht daran, dass die Mindguards ein solches Bild in seinem Kopf vorfinden würden, doch sie war sich beinahe sicher, dass er es nachträglich dort gut sichtbar platziert hatte.

Es würde verzeichnet werden, und im Anschluss würde seine Strafe erfolgen. Wenn er bislang ruhige Nächte in seiner Zelle hatte verbringen können, so würde heute sein Schrei durch die Gänge hallen, wenn die Demontoren seinen Geist nach noch mehr dieser Gedanken auf den Kopf stellen würden.

Hermine wurde übel bei dem Gedanken. Und dennoch...hatte er etwa nicht genau daran gedacht, als er sie damals in die Finger bekommen hatte? Konnten die Dementoren ihm diese Gedanken jemals endgültig nehmen?

Nicht, wenn er andere Gedanken so präsent hielt, dass die Dementoren regelrecht über sie stolpern konnten. Gedanken, die er nun lediglich vorgab zu haben. Wollte er die Erinnerungen an damals durch fingierte Gedanken schützen? Doch was wusste Snape überhaupt noch von damals? Es wurde Zeit, dass sie es herausfand. Zum Teufel mit dem Buch; sie wussten beide, worum es in Wirklichkeit ging. Und nun schuldete sie ihm etwas. Es war nicht zu glauben. Dieses Monster saß als lebenslang Verurteilter in Askaban und hatte es geschafft, dass sie sich in seiner Schuld fühlte.

Als sie sich auf ihr Bett sinken ließ, legte sie den Arm über ihr Gesicht.

Ob sie seine Wunden heilen würden? Konnte es sein, dass sie ihn erst medizinisch versorgten, ehe sie beginnen würden ihn zu quälen?

Hermine drehte sich wütend auf die Seite und zog sich das Kissen über den Kopf.

Wen kümmerte das schon?

Hatte er sie damals gefragt, ob sie verletzt sei, als er ihr vor aller Augen den Zaubererumhang heruntergerissen hatte? Hatte er sich darum gekümmert, ob er ihr wehtat, als er ihre Bluse zerfetzt hatte und sie mit verdrehtem Arm zu Boden gedrückt hatte?

Hatte er auf ihre Schreie gehört, als er ihr Gewalt angetan hatte?

Sollte er doch die ganze Nacht schreien, bis seine Stimme versagen würde. Und so schlief Hermine ein, bis sie mitten in der Nacht von einem gellenden Schmerzenslaut geweckt wurde.

"Severus!", schrie sie und es brauchte einen Moment, bis sie das Gefühl einordnen konnte, das Übelkeit in ihr hervorrief. Es war Sorge. Sorge um den Mann, der sie gefoltert hatte.

Sorge um den Mann, der ihr unvorstellbares Leid zugefügt hatte.

"Nein", murmelte sie leise, "Nein, ich hasse dich...ich hasse dich!"

Hermine flüsterte es so lange, bis sie einsah, dass der Schlaf sie so schnell nicht wieder einholte. Manchmal war der nächtliche Geist verwirrt. Doch Hermine würde es nicht zulassen, dass Snape es schaffte, sie zu verwirren. Er war der verurteilte Mörder und sie eine erwachsene Frau, die die Wahrheit ergründen wollte. Warum, verdammt nochmal, stolperte sie dabei immer wieder über Dinge, die einfach keinen Sinn ergaben? Warum hatte er für sie gelogen? Warum hatte er dafür gesorgt, dass man ihr die Fesseln wieder abnahm. Fürchtet er, noch mehr belastende Gedanken in seiner Akte vorzufinden, wenn er sich an ihrer Hilflosigkeit ergötzte? Damals hatte ihm das durchaus gefallen. Sie hatte es gesehen, als seine Augen in die ihren getaucht waren. Sie hatte es gehört, als er ihr zugeflüstert hatte: "Halt still und füge dich. Du kannst mir nicht entkommen. Von jetzt an nie mehr! Du gehörst mir - besser, du bist jetzt artig, sonst kommt es noch schlimmer - viel schlimmer!"


tbc