Still Life - Momentaufnahmen
von
The
Treacle Tart
übersetzt von Tryphena
Severus
Snape schießt einige Fotos und sieht mache Dinge zum ersten
Mal.
Category: Fanfiction
> Slash;
Featured Characters: Remus; Genre: Drama, Romance;
Rating: 17+; Written Pre HBP
Author's
Notes: Teil des Severus Snape Fuh-Q Fest – „Snape
war nicht bewusst gewesen, dass dies als Fetisch betrachtet werden
konnte.“ Danke an Kari für ihre Hilfe. Ein besonderes
Dankeschön an Luthien und T’Boy für ihr Mitleid. Und
ein ganz besonders großes DANKE an Isis, weil sie der Meinung
war, dass diese Fanfic besondere Aufmerksamkeit verdient hätte –
und für ihr Mitleid mit mir.
Schließlich und
endlich ein letztes Dankeschön an Portkey für einen letzten
püfenden Blick auf das Werk.
____________________________
Aufmerksam
betrachtete Severus Snape den neumodischen Apparat auf seinem Tisch.
Er betrachtete ihn mit derselben besorgten Neugier, die er
normalerweise für die Prüfung des jüngsten
Longbottom’schen Brau-Desasters reservierte. Der kleine
silbrige Kasten mit den Knöpfen und der kreisrunden Linse sah
interessant aus.
Hätte Creevey auch nur ein halbes Gehirn
gehabt, so hätte er es besser wissen müssen und nicht
versucht, kompromittierende Fotos der Quidditch-Spielerinnen unter
der Dusche zu machen – egal wieviel dieser Finnegan ihm dafür
geboten hatte. Nicht während Snape Aufsicht hatte. Aber leider
waren Gryffindors nun einmal nicht für ihre Intelligenz bekannt.
Snapes Mund verzog sich. Manche hätten es vielleicht ein Lächeln
genannt, andere einen Gesichtskrampf. Er erinnerte sich an den
Ausdruck auf dem Gesicht dieses Trottels, als er ihm fünfzig
Hauspunkte abzog, eine Woche Strafarbeiten aufbrummte, und seine
geliebte Kamera konfiszierte.
Ah, die kleinen Freuden des
Lehrerdaseins!
Snape hatte sich nie viel aus Muggel-Dingen
gemacht. Abgesehen vielleicht von dem etwa ein Dutzend Romanen, die
er für schlaflose Nächte im Regal stehen hatte. Oder den
kosmetischen Produkten, mit deren Hilfe er endlich das verfluchte
fettige Haar und die trockene Haut in den Griff bekam, die ihn
jahrzehntelang geplagt hatten. Und die Kollegen wussten genau, dass
sie besser keinen Kommentar zu dem Krach abgaben, den man nachts aus
den Kerkern hören konnte, und der erstaunlich nach Oper klang
und sich in manchen Nächten verblüffend nach Jazz anhörte.
Nein, Muggel-Artefakte erschienen dem Meister der Zaubertränke
völlig sinnlos, und dieser lächerlich aussehende Kasten auf
seinem Tisch war keine Ausnahme.
Mit einer magischen Kamera
konnte der Fotograf ganze Szenen nachstellen. Kopien der Personen,
deren Bild eingefangen wurde, winkten, lächelten und
interagierten mit dem Betrachter des Fotos. Dieses Muggel-Gerät
fing nur einen einzigen Moment ein – und wozu war das schon
gut? War ein Bild, das sich nicht bewegte, wirklich tausend…
was auch immer wert? dachte Snape hochmütig. Was konnte
denn an diesem Apparat so Besonderes sein, dass der kleine Creevey
bei der Beschlagnahmung deswegen heulte? Snape nahm ihn in die
Hand und untersuchte ihn zum wiederholten Mal. Er würde es
selbst herausfinden müssen.
Snape steckte die kleine
Kamera in eine extra zu diesem Zweck herbeigezauberte Tasche in
seiner weitesten Robe. Er war sicher, dass sie dort niemand entdecken
würde. Nie zuvor hatte er sich jemandem gegenüber für
seine Handlungen in Erklärungsnot gesehen und er hatte keinerlei
Absicht, jetzt damit anzufangen. Sein Tagesablauf änderte sich
nicht, er beobachtete lediglich seine Umgebung etwas aufmerksamer als
sonst. Wenn er auf eine Szene stieß, die ihm interessant
erschien, positionierte er sich so, dass er nicht gesehen werden
konnte und schoss ein Foto.
Irgendwann erreichte das Zählwerk
auf dem Gerät die Zahl vierundzwanzig, und die putzige kleine
Kamera gab ein merkwürdiges surrendes Geräusch von sich,
das ihm ein paar seltsame Blicke verblüffter Schüler
einbrachte. Zurück in der Einsamkeit seines Büros legte er
den Apparat auf seinen Tisch und bedachte ihn mit seinem stechendsten
Blick – dem, der Hufflepuffs in Tränen ausbrechen ließ
und Ravenclaws für zwei Tage in nervöse Zuckungen
versetzte.
Die Kamera zeigte sich davon unbeeindruckt.
Keiner
der Knöpfe schien mehr zu funktionieren und oben auf dem Gehäuse
blinkte ständig ein kleines Lämpchen. Snape starrte das
anscheinend nicht ordnungsgemäß hergestellte Gerät,
das von Sekunde zu Sekunde schlechter zu funktionieren schien,
finster an. Als er es leicht mit seinem Zauberstab antippte und leise
Alohomora sagte, sprang der Verschlussdeckel auf. Eine kurze
Untersuchung brachte ein kleines, zylindrisches Objekt zum Vorschein,
das es sich im Inneren der Kamera gemütlich gemacht hatte. Auf
dem Objekt stand das Wort „Film“. Ein flüchtiger
Blick in einige Nachschlagewerke erbrachte, dass dies der Bestandteil
war, der die Bilder enthielt.
Snape war fasziniert.
Er
nahm den kleinen Zylinder in die Hand und bestaunte ihn. Selbst er
musste den Muggeln Bewunderung zollen; sie fanden Mittel und Wege, um
das Fehlen jeglicher echten Fähigkeiten zu kompensieren. Seine
Nachschlagewerke verrieten ihm, dass er diesen Film zur Entwicklung
an eine Muggel-Einrichtung verschicken musste. Er brauchte eine
Quelle außerhalb der magischen Welt. Obwohl er sich unsicher
war, hätte er schwören können, dass er so etwas wie
gespannte Vorfreude empfand. Er schickte heimlich eine Nachricht an
Connor MacManus, seinen Kontaktmann in der Muggel-Welt und die
Verbindung zu all den Dingen, deren Besitz er niemals zugeben würde,
und bald darauf war der Film verschickt, damit die Bilder daraus
extrahiert werden konnten.
Nach drei Tagen flog eine tüchtig
aussehende Schleiereule in die belebte Große Halle. Sie hielt
einen dicken Umschlag in ihren Fängen. Die Aufmerksamkeit aller
war auf Snape gerichtet, der noch nie zuvor eine öffentliche
Eule erhalten hatte. Er legte den Umschlag zur Seite, als ob er
völlig unwichtig wäre und er darüber verärgert
sei, ihn überhaupt bekommen zu haben. Nach der Mahrzeit stand er
ruhig auf, nahm den Umschlag zur Hand, als hätte er ihn fast
vergessen, und begab sich in sein Privatbüro. Dort angekommen
riss er das Paket auf und sah die Bilder penibel durch.
Er
nörgelte angesichts der merkwürdigen Blickwinkel einiger
Fotos und der schlechten Ausleuchtung bei anderen. In einem Bild
hatte die kleine Weasley rote Augen, die noch greller waren als ihre
lächerlichen Haare. Könnte die Kamera wohl die Überreste
einer Besessenheit durch Dämonen erkennen? dachte er
bestürzt. Ein anderes Foto zeigte die Granger; ihr Kopf war am
Mund abgeschnitten. Könnte sie wohl seine Gedanken und
innersten Wünsche erkennen? fragte er sich fasziniert. Ein
drittes Foto zeigte den Rotzlöffel von Malfoy. Sein Gesicht war
zu der scheußlichsten Grimasse verzogen, die Snape je gesehen
hatte. Könnte diese Kamera die wahre Natur eines Menschen
enthüllen? Was für eine Art schwarzer Magie war das?
staunte er gespannt.
Im Großen und Ganzen war er
drauf und dran, das Experiment als Fehlschlag zu bezeichnen, doch
ganz unten im Stapel fand er einen Schnappschuss, der seine
Aufmerksamkeit auf sich zog. Albus Dumbledore sprach vor Treibhaus
sieben mit Professor Sprout. Zunächst fiel ihm an dem Foto
nichts Besonderes auf, aber dann war Snape davon wie hypnotisiert. Es
war das einzige Mal, an das er sich erinnern konnte, dass der
Direktor so alt aussah, wie er wirklich war. Snape konnte die Falten
in seinem Gesicht und das traurige Schimmern in seinen Augen genau
erkennen. Er sah müde aus. Zerbrechlich. Er war der mächtigste
Zauberer der Welt und er sah aus, als ob er gleich zu Staub
zerfiele.
Wenn dies ein magisches Foto wäre, würde
der Dumbledore auf dem Bild winken und so wohl kalkuliert wie immer
nicken, wenn er geneigt war, die Existenz seines Gegenübers
wahrzunehmen. Aber in der Muggel-Fotografie konnte Dumbledore sich
nicht verstecken. Dieser eine Augenblick war für die Ewigkeit
festgehalten und enthüllte alles, worüber er sonst vor dem
Rest der Welt einen Schleier gelegt hätte, denn der Rest der
Welt sollte niemals sehen, dass auch er nur ein Mensch war. Ein
müder, zerbrechlicher, alter Mann.
Snape starrte das Bild
stundenlang an und untersuchte jede noch so kleine Einzelheit. Wie
Dumbledores Robe in der Mittagssonne glänzte. Wie Sprouts Haare
in unterschiedlichen Richtungen abstanden, wodurch sie leicht
verrückt aussah. Der Schatten eines vorüberfliegenden
Vogels, der den Boden zu ihren Füßen verdunkelte. Eine
Gruppe rennender Kinder im Hintergrund, die vermutlich gerade zu spät
zum Unterricht kamen. Der Bruchteil einer Sekunde, wie eingefroren,
und auf diesem Hochglanzpapier nur für seine Augen
bewahrt.
Seine leichte Neugier wandelte sich in gesundes
Interesse.
Er schrieb an Connor und bat um Nachschub von
diesem erstaunlichen Film. Mehrere Wochen lang beschwerten sich die
Leute in Hogwarts nun über merkwürdige klickende Geräusche
zu den unmöglichsten Zeiten, gar nicht zu reden von blendenden
Lichtblitzen, die aus dem Nichts zu kommen schienen. Und einmal hätte
Neville Longbottom schwören können, dass er hinter einer
Rüstung auf dem Flur im dritten Stock ein merkwürdig
surrendes Geräusch gehört hatte.
Snape sah die
nächsten Fotoserien beinahe mit Spannung durch, was bedeutete,
dass er nicht spöttisch grinste und tatsächlich an etwas
mehr Interesse hatte als am systematischen Quälen der
Schülerschaft. Nach nur sechs Filmrollen hatte er es geschafft,
die Winkel seiner Fotos deutlich zu verbessern, aber die
Lichtverhältnisse erschienen ihm noch nicht richtig zu sein. Es
waren keine abgeschnittenen Köpfe mehr dabei, aber viele seiner
Fotoobjekte zeigten Anzeichen von dämonischer Besessenheit.
Er
war mehr als enttäuscht von seinen jüngsten Versuchen, bis
er ein Bild entdeckte, an das er sich kaum erinnern konnte. Während
eines Nachtspaziergangs durch seinen privaten Kräutergarten, bei
dem er einige Orionblüten gepflückt hatten, die sich nur im
Mondlicht öffneten, hatte Snape jemanden auf einem Besen
Loopings fliegen sehen. Zu seiner Überraschung war es Madam
Hooch. Er brachte sich sorgfältig in Stellung und machte einen
Schnappschuss. Das Resultat hielt er in der Hand.
Dieser
alberne kleine Silberkasten mit seinen Knöpfen und der
kreisrunden Glaslinse hatte ein Bild von Madam Hooch eingefangen, wie
er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie lehnte sich auf dem Besen
nach vorn, die Augen wild und lauthals lachend, ihr Haar vom Wind
nach hinten geweht. Sie sah aus wie ein Kind, das auf einem Besen
fliegt, den es vertrauensseligen Eltern entwendet hat. Er hatte in
jener Nacht kein Wort von ihr gehört, aber in diesem Bild konnte
er sie hören: ihr Lachen, ihre Freude, ihr ungetrübtes
Glück.
Er konnte beinahe den an ihr vorbeipeitschenden
Wind fühlen. Er konnte beinahe den Wacholder in der Abendluft
riechen. Sie hatte noch nie so glücklich ausgesehen, wie in
dieser einfachen Momentaufnahme. Niemand hatte je so glücklich
ausgesehen, wie in dieser einfachen Momentaufnahme. Bei diesem
Gedanken hielt er inne. Hatte er vergessen, wie es war, sich wegen
irgendetwas so zu fühlen?
Dann bemerkte er, dass sie
einen Feuerblitz ritt. Es gab nur einen davon auf Hogwarts –
und es war nicht ihrer.
Er entschied sich, seine Fotos noch
einmal durchzusehen, sorgfältiger diesmal, und danach Ausschau
zu halten, was er vielleicht übersehen hatte. Er bemerkte, wie
der jüngste Weasley und die geschwätzige kleine Granger
sich heimlich Blicke zuwarfen, wenn sie dachten, dass es niemand
bemerkte. In mehr als einem Bild sah er Draco, wie er die beiden
anstarrte, und sein Gesicht drückte weder Zorn noch Verärgerung
aus. Ganz im Gegenteil. Es war derselbe Blick, mit dem Hagrid einen
Krug mit seinem Lieblings-Ale anschauen würde, nachdem er einen
Monat lang nichts getrunken hatte. Es ließ sich jedoch nicht
herausfinden, ob er Granger oder Weasley ansah. Da gab es definitiv
interessante Möglichkeiten.
Ihm fiel ein anderes Bild
auf, in dem einige der Haustiere zu sehen waren, die nachts durch
Hogwarts streiften, wenn der Rest der Schule in tiefem Schlaf lag. Zu
seiner Überraschung erkannte er, dass er ein Bild von Krummbein,
Mrs. Norris und – anscheinend – Minerva McGonagall in
ihrer Animagus-Form gemacht hatte, wie sie einträchtig am See
beisammen saßen. Er fragte sich kurz, ob sie sich regelmäßig
trafen. Wie oft durchstreifte Minerva das Gelände mit ihren
Katzenfreunden? Es schien ihr jedoch angenehm zu sein; sie sah aus
als hätte sie Spaß. Er konnte sie beinahe schnurren hören.
Ist es einfacher, mit der Welt klarzukommen, wenn man eine Katze
ist? dachte er mit einem unerwarteten Anflug von Eifersucht.
Plötzlich wünschte er sich, er könnte sich zu ihnen
gesellen, still am See sitzen, und einfach einmal an gar nichts
denken.
Er inspizierte die Fotos weiter.
Potter sah
aufsässig aus. Das war keine Überraschung. Dass Longbottom
auch so aussah schon. Parvati Patil starrte Justin Finch-Fletchley
mondäugig an. Das war zu erwarten. Dass Lavender Brown aber
Parvati Patil mondäugig anstarrte, war es nicht. Crabbe and
Goyle händchenhaltend unter dem Slytherin-Tisch? Snape zerriss
dieses Foto schnell. Manche Dinge sollten einfach nicht gesehen
werden. Niemals.
Obwohl seine jüngsten Anstrengungen in
der einen oder anderen Weise durchaus bemerkenswert waren, gab es
noch viel Spielraum für Verbesserungen. Severus Snape war
niemand, der sich von idiotischer Muggel-Technik unterkriegen ließ.
Das konnte er besser, dachte er verärgert. Vielleicht war es
Zeit für einige grundlegende Nachforschungen.
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Madam
Pince sah ihn misstrauisch an, als er das Dutzend Bücher zum
Thema Fotografie auslieh, die die Abteilung für Muggelkunst und
-geschichte ihrer Bibliothek hergab. Severus Snape besuchte sonst
immer nur den nicht öffentlich zugänglichen Teil der
Bibliothek und er hatte noch niemals vorher ein Buch ausgeliehen.
Wenn sie es nicht besser gewusst hätte, hätte sie Stein und
Bein geschworen, dass er sogar „Danke“ sagte, als sie ihm
das erbetene Material brachte. Sie schrieb sich ein
Erinnerungspergamentchen für ein sofortiges Gespräch mit
dem Direktor. Irgendetwas stimmte ganz offensichtlich nicht.
„Vielsafttrank?“ fragte sie sich. Vielleicht testete er
gerade etwas von der „ungewöhnlichen“ Flora aus der
Sprout’schen Privatsammlung? Oder vielleicht war er doch
endlich übergeschnappt und geisteskrank geworden. Manchmal ist
die offensichtlichste Antwort die richtige. Sie zuckte mit den
Schultern, bevor sie abrupt einige lärmende Drittklässler
zum Schweigen brachte.
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Snape
bat Filch, die Strafarbeiten an diesem Abend zu übernehmen, und
begann, die aus der Bibliothek ausgeliehenen Bücher
durchzuschauen. Bevor er es merkte, hatte er Stunden damit verbracht,
Abschnitte zu Technik und Komposition, Beleuchtung und
professioneller Ausstattung zu lesen. Die Kapitel zur Entwicklung in
der eigenen Dunkelkammer faszinierten ihn. Er dachte dabei an den
ungenutzten Lagerraum im Westkorridor seiner Kerkerwohnung. Auszüge
zum Thema, wie verschiedene im Entwicklungsprozess verwendete
Lösungen und Chemikalien das Aussehen der Bilder verändern
können, ließen ihn bis in die frühen Morgendstunden
weiterlesen. Es schien unbegrenzte Möglichkeiten zu geben.
Sein
gesundes Interesse wandelte sich zu einer gesteigerten
Faszination.
Am nächsten Morgen verpasste Snape das
Frühstück und war gezwungen, den Stundenplan und die
Unterrichtsvorbereitung im Eilverfahren fertigzustellen, nachdem er
sie am Vorabend so sträflich vernachlässigt hatte. Leise
murmelnd und mit heftigem Zauberstabgefuchtel schaffte er es
irgendwie, gerade noch rechtzeitig zum Eintreffen der Schüler
der ersten Unterrichtsstunde sein typisches Hohnlächeln
aufzusetzen.
„Heute werden Sie das Sominae-Elixir
brauen“, sagte er langsam. „Es handelt sich um ein
leichtes Beruhigungsmittel, das unsere Medi-Hexe oft bei den
überspannteren Schülern einsetzt, insbesondere in der
Prüfungszeit. Wenn Sie die Anweisungen auf der Tafel nicht
genauestens einhalten, wird dieses milde Sedativum zu einem
Suchtgift, dessen Besitz übrigens zufällig strafbar ist.
Wenn Sie den Trank nicht korrekt brauen, gebe ich Ihnen eine Null für
die Arbeit. Sollten Sie es schaffen, eine Straftat zu begehen, werde
ich mich gezwungen sehen, Sie von den örtlichen Behörden
festnehmen zu lassen. Sie haben eine Stunde Zeit.”
Normalerweise
patrouillierte er zwischen den Kesseln und genoss es, die
ungeschickteren Schüler nach allen Regeln der Kunst abzukanzeln.
Heute jedoch saß er steif hinter seinem Pult. Auf seinem Schoß
lag verborgen vor neugierigen Schülerblicken ein kleines Buch
mit dem Titel „Grundlagen der Belichtung“. Er war so
versunken in der Welt der Blenden und Verschlusszeiten, Tiefenschärfe
und Belichtungsmesser, Auflösung und Winkel, dass er völlig
vergaß, die Klasse zu entlassen, die nach dem Ende der Stunde
20 Minuten lang geduldig wartete, weil die Schüler zu viel Angst
hatten, was geschehen könnte, wenn sie ihn
unterbrachen.
„Worauf warten Sie denn noch?“
bellte er, als er sie bemerkte. Er blätterte um, völlig
ungestört von dem Gewusel an Schülern, die nur zu versessen
darauf waren, seinen Unterrichtsraum zu verlassen. Ein leises
„Professor?“ ließ ihn aufschauen. Colin Creevey
stand vor seinem Pult, trat nervös von einem Fuß auf den
anderen und biss sich auf die Unterlippe. „Ja“,
antwortete Snape fast nervös.
„Ich wollte nur
fragen, Professor“, er machte eine Pause und schluckte. „Sie
haben meine Kamera jetzt seit fast zwei Monaten und … Ich
wüsste gern… ob ich sie wohl zurück haben kann. Sie
haben gesagt, nach meinen Strafarbeiten, aber…“
„Ah,
ja… natürlich“, antwortete er langsam und nickte,
als ob er über Creeveys Gestotter nachdächte. „Ich
habe sie tatsächlich sogar dabei. Ich wollte sie Ihnen heute
zurück geben.“ Eine ganz leicht zitternde Hand gab Creevey
sein Eigentum zurück. Der kleine Gryffindor fegte mit einem
Lächeln und einem begeisterten „Danke, Sir“ aus dem
Raum. Severus Snape saß hinter einer Staubfahne, die er zurück
ließ, und fragte sich, ob es wohl jemand bemerken würde,
wenn er einem Schüler einen Schockzauber verpasste – nur
einen ganz kleinen.
Die Klasse, die das Pech hatte, nach
seinem Zusammentreffen mit Mr. Creevey bei ihm Unterricht zu haben,
schrieb einen unangekündigten Test, erhielt drei Rollen
Pergament als Hausaufgabe aufgebrummt, und jeder, der irgendein
Geräusch von sich gab, wurde für den Rest des Jahres dazu
verdonnert, Longbottoms Tränke zu testen.
An diesem Abend
stürmte Snape in seine Räumlichkeiten zurück. Er riss
sich die Robe herunter, schenkte sich ein Glas Portwein ein, stürzte
es hinunter und schleuderte das Glas in den Kamin, wo daraufhin die
Flammen emporloderten und den Kaminsims schwärzten. Seine
schlechte Laune verschlechterte sich noch weiter, als seine Augen
über die Fotografie-Bücher schweiften, die überall auf
seinem Tisch und Stuhl lagen. Er war drauf und dran, den Stapel mit
seinem Zauberstab in Brand zu setzen, als seine Augen an einem
kleinen Heft mit dem Titel „Die richtige Ausrüstung –
Fotografiehandbuch für Anfänger“ hängen blieben.
Langsam griff er danach und begann zu lesen.
Zwei Wochen
später rauschten während des Mittagessens vier Eulen in die
Große Halle. Zusammen trugen sie ein ziemlich großes
Paket und sie flogen direkt auf den Tränkemeister zu.
Das
Paket wurde sanft vor ihm abgesetzt. Ohne irgend einen Kommentar an
seine Tischgenossen enlohnte er die Eulen und ließ das Paket
aus der Halle schweben, durch den Hof, den Gang in den Kerker
hinunter und in sein Schlafzimmer. Er ließ dem Direktor melden,
er sei krank und brauche eine Vertretung für seinen Unterricht
für die nächsten drei Tage.
Die gesteigerte
Faszination war zu seinem neuesten Hobby geworden.
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Drei
Monate später stand Severus Snape in seiner Dunkelkammer und
entwickelte gerade seinen letzten Film, als er von einem merkwürdigen
Geräusch abgelenkt wurde. Ein schneller Blick durch den Raum
bestätigte ihm, dass er ganz sicher allein war. Trotzdem war da
noch immer dieses Summen. Summen? Bei Merlin, das kam ja von ihm! Er
summte. Was für ein Glück, dass er allein war! Für so
etwas durfte es keine Zeugen geben.
Aber es gab Zeugen. Seit
Monaten hatte er Gryffindor nicht einen Hauspunkt abgezogen. Seit
Monaten hatte er nicht eine Strafarbeit ausgeteilt. Seit Monaten
hatte er nicht mehr auf Longbottoms Arbeit und Potters Abstammung
herumgehackt. Die gesamte Schule fragte sich, was aus ihrem
mürrischen Zaubertränkemeister geworden war. Er schien
verschwunden zu sein.
Verdatterte Schüler betraten den
Unterrichtsraum für Zaubertränke und fanden die Anweisungen
für die Stunde und die Hausaufgaben an der Tafel angeschrieben.
Professor Snape sprach für zehn Minuten, wiederholte den Stoff
der vorherigen Stunde, teilte ihnen mit, was sie in dieser Stunde zu
tun hatten und ließ sie an die Arbeit gehen. Hausaufgaben
wurden mit oberflächlichen Bemerkungen und einer Note zurück
gegeben. Das war zwar durchaus normal für Hogwarts, aber absolut
nicht normal für das Fach Zaubertränke. Normalerweise
schwammen die Hausaufgaben in roter Tinte und waren mit Bemerkungen
versehen, die vor Sarkasmus nur so trieften.
Es war ehrlich
gesagt langweilig.
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Die
Lehrer hatten eine Wette darüber abgeschlossen, was wohl mit
Severus Snape los war. Endora Sprout vermutete, Snape sei verliebt,
da nur wahre Liebe einen Mann so grundlegend zum Besseren verändern
könne. Sie hastete davon, um die „ungewöhnliche“
Flora in ihrer Spezialsammlung zu überprüfen. Filius
Flitwick meinte, vielleicht habe er genug von der Maske, die er all
die Jahre kultiviert hatte, und werde endlich etwas lockerer.
Insgeheim fragte er sich, ob Snape sich an experimenteller Brauerei
versuchte. Minerva McGonagall verfocht die Ansicht, er sei endlich
übergeschnappt und geisteskrank geworden. Manchmal ist die
offensichtlichste Antwort die richtige.
Die Debatte fand kein
Ende. Der einzige, der keine Meinung dazu hatte, war Remus Lupin. Zum
zweiten Mal war er auf den Posten des Lehrers für Verteidigung
gegen die dunklen Künste berufen worden. Remus war still und
zufrieden damit, die anderen zu beobachten, wie sie versuchten, das
Unverständliche zu verstehen. Severus Snape war angenehm im
Umgang, beinahe freundlich, sagten sie. Aber Tatsache war, dass er
sich fast nie sehen ließ. Hastig nahm er die Mahlzeiten ein,
absolvierte seine Aufsichtszeiten in Rekordkürze und sprach fast
nie mit irgendjemandem.
Manche hielten das für eine
wesentliche Verbesserung.
Aber nicht Remus Lupin. Obwohl Snape
umgänglich genug zu sein schien, konnten Remus’
empfindliche Wolfssinne einen ganz schwachen Geruch nach Chemikalien
wahrnehmen, der an seiner Kleidung haftete. Er hatte nichts
dergleichen zuvor schon einmal gerochen. Ihm war bewusst, was die
anderen wirklich dachten, auch wenn sie es nicht laut aussprachen,
aber das Aroma, das in Snapes Robe hing, hatte nichts mit Pflanzen,
Kräutern oder Trankzutaten zu tun. Seine Neugier war erwacht; es
war Zeit, dem Tränkemeister einen Besuch abzustatten.
Der
Werwolf machte sich auf den Weg zu Snapes Privatwohnung und hatte
eine Flasche Merlot und ein nettes Lächeln dabei. Äußerlich
war er der Inbegriff der Ruhe, innerlich war er nervös. Er und
Snape waren nie wirklich gut miteinander ausgekommen, obwohl er es
versucht hatte. Dafür konnte er Snape eigentlich nicht die
Schuld geben; ihre gemeinsame Vergangenheit war dafür zu
turbulent gewesen. Nach Jahrzehnten und einem gemeinsamen Kampf in
zwei Kriegen jedoch sollte man meinen, dass Snape das Kriegsbeil
woanders begraben würde als in Lupins Stirn. Zumindest hoffte
er das.
Er wollte gerade anklopfen, als sich die Tür vor
ihm öffnete. Severus Snape stürzte heraus und war dabei,
unbeholfen seine Robe zuzuknöpfen. Die Luft war voll des
mittlerweile vertrauten Geruchs von Chemikalien, den Lupin schon seit
Wochen wahrgenommen hatte. „Was tust du denn hier?“ Snape
knurrte fast.
„Ich dachte, ich komme einmal vorbei,
bringe dir ein Friedensangebot und schaue, wie es dir geht“,
antwortete Lupin leise.
Remus wusste, dass Snape dem Direktor
versprochen hatte, sein Bestes zu tun, um – wie hatte er es
noch ausgedrückt – „den Flohzirkus nicht zu
verhexen“. Er erwartete trotzdem, dass Snape seinen üblichen
geringschätzigen Kommentar und eine verächtliche
Beleidigung von sich geben würde, wie er es seit Lupins erneuter
Einstellung bei jeder Gelegenheit getan hatte. Aber Snape stand nur
da und starrte ihn ruhig, fast perplex an. Es war ein seltsames
Gefühl für Lupin. Er hätte schwören können,
dass diese dunklen Ebenholzaugen ihn eingehend prüften, so als
würde Snape etwas untersuchen, was er noch nie zuvor gesehen
hatte. Und dann war der Moment der Trance genauso plötzlich
wieder vorbei.
„Man hat mich in den Gemeinschaftsraum
der Slytherins gerufen. Ich muss dort etwas klären. Du kannst
reinkommen und im Wohnzimmer auf mich warten, wenn Du willst, aber Du
bleibst im Wohnzimmer und gehst nirgendwo anders hin.
Verstanden?“
Er hörte sich so an, als ob er Lupin
der fantasievollsten Strafe unterziehen würde, die er sich
ausdenken konnte, wenn er sich nicht daran hielte. Und Snape war
fantasievoll. Lupin nickte kurz und sagte: „Natürlich“,
als er eintrat.
Snape ließ ihn sofort allein zurück
und beinahe genauso schnell übernahm der Teil von Lupins Gehirn
das Kommando, in dem der Rumtreiber steckte. Er war allein, in Snapes
Privatwohnung, auf unbestimmte Zeit. Er wollte nur herausfinden, was
mit Snape nicht stimmte. Wer würde darin schon ein Vergehen
sehen?
Eine schnelle Durchsuchung des Wohnzimmers verriet ihm
nichts. Aber er nahm die Fährte dieser verflixten Chemikalien
auf, die in der Luft hing. Wie ein entschlossener Bluthund folgte der
der Duftspur durch einen langen Korridor bis zu einer
furchterregenden Tür. Er öffnete sie und war unsicher, was
er dort vorfinden würde, aber nicht in Millionen Jahren hätte
er erwartet, das zu sehen, was er sah.
Der Raum war
vollgestopft mit technischer Ausrüstung. Muggel-Technik. Das
erklärte die riesigen Pakete, die mehrmals pro Woche für
Snape in die Große Halle geflogen kamen. Dutzende von Kameras
und und eine unwahrscheinliche Anzahl von Zubehör waren in dem
Raum verstaut. In einer Ecke stand ein Stativ neben mehreren
tragbaren Lampen. Remus bekam große Augen bei dem Gedanken,
dass Snape für all dies ein Vermögen ausgegeben haben
musste.
Seine Neugier siegte und er begann sich umzusehen. An
den Wänden hingen gerahmte Fotos, von denen Remus annahm, dass
Snape sie gemacht hatte. Auf einem Bild sprach Dumbledore mit Sprout.
Eins, auf dem Madam Hooch beim Fliegen zu sehen war. Eins von drei
Katzen, die am See spielten. Eins von Professor Flitwick, der sich
selbst zum Schweben brachte, um ein Buch auf einem hohen Regal zu
erreichen. Mehrere Fotos vom Schloss und dem Gelände zu
unterschiedlichen Tageszeiten. Eins von einer Herde Zentauren, die
sich in der Abenddämmerung unterhielten. Eins von der
Riesenkrake, deren Tentakel aus dem Wasser schauten, als ob sie
winkte. Es gab sogar ein paar von Harry und seinen Freunden beim
Quidditch, auf denen sie fast so jung aussahen, wie sie waren. Remus
erinnerte sich nicht, sie jemals so jung gesehen zu haben. Er stellte
erstaunt fest, dass diese Fotos eigentlich ziemlich gut waren. Sie
waren sogar schön.
Hatte wirklich Snape sie gemacht? Mit
dieser Muggel-Technik?
Er wandte seine Aufmerksamkeit zwei
scheinbar brandneuen Bücherregalen zu. Eines war voller
Literatur zum Thema Fotografie, alles Muggel-Bücher. Auf dem
anderen standen mehrere in Leder gebundene Alben. Sie waren tadellos
und akribisch geordnet. Jedes Album trug einen in Gold geprägten
Titel auf dem Rücken.
Snape schien seine Fotos thematisch
geordnet zu haben. Für jeden Anlass gab es ein Album. Manche
waren noch leer, aber es sah so aus, als ob Snape erwartete, sie bald
mit Fotos füllen zu können. Okay, dies war also ein
relativ neues Hobby, stellte Remus fest und vermutete, dass
dieses Hobby etwa um die Zeit eingesetzt hatte, als Severus zu
verschwinden begann.
Remus fuhr fort, die Fotoalben zu
untersuchen. Ein ganzes Regalbrett war voll mit Fotos von Schülern.
„Pubertäre Pläsiere“ enthielt Fotos von
Quidditch-Spielen und Schachturnieren. Von Schülern, die im Hof
herumrannten und in ihren Gemeinschaftsräumen Karten spielten.
Von Ron, der versuchte, Dean Zauberschnippschnapp beizubringen, und
Dean, der versuchte, Ron Muggel-Fußball beizubringen.
Für
jedes Quidditch-Team gab es einen eigenen Ordner. Die Spieler waren
einzeln und in Gruppen fotografiert worden, in der Luft und am Boden.
Die Bilder fingen Gesichtsausdrücke und nervliche Anspannung
ein. Man sah den Schweiß das Gesicht der Hufflepuff-Hüterin
herunterrinnen, die einen Ravenclaw-Jäger durch Blicke
einzuschüchtern versuchte.
Die Schachturniere waren aus
verschiedenen Blickwinkeln fotografiert, einschließlich
Draufsichten der Schachbretter. Man sah die Konzentration auf den
Gesichtern der Spieler und spürte ihre Nervosität beim
Griff zur Dame oder zum Bauern. Auf einem Foto konnte Remus das
Spiegelbild einer geschlagenen Dame in den Brillengläsern des
gegnerischen Spielers erkennen.
Das nächste Album trug
den Titel „Plag und Mühsal“ und enthielt Fotos von
lernenden Schülern. Schüler, die unter den Bäumen
lasen, in Unterrichtsräumen lernten oder etwas in der Bibliothek
recherchierten. Hermine, die beim Gehen einen Stapel Bücher
balancierte, der höher war als sie selbst, brachte Remus zum
Lächeln.
Hannah Abbot mischte Trankzutaten. Blaise Zabini
zeichnete Sternkarten. Terry Boot topfte Eisenhut im Gewächshaus
um. In einer Serie von etwa dreißig Bildern hatte Snape Adrian
Pucey fotografiert, wie er einen Kanarienvogel in einen gelb
gefiederten Hut verwandelte. Ein Foto verschmolz mit dem nächsten
und Remus hatte das Gefühl, dass er das Geschehen der
Verwandlung tatsächlich nachvollziehen könnte, wenn er die
Bilder nur eines nach dem anderen durch die Hand gleiten ließe.
Das
nächste Regalbrett enthielt Fotos von den Lehrern. Im
Lehrerzimmer, beim Pfeifen der Quidditch-Spiele, im Unterricht,
lachend in den Fluren, bei Wein oder Bier in den Drei Besen. Manche
waren witzig, wie das eines rotgesichtigen Hagrid, der einer noch
rotgesichtigeren Minerva einen Wangenkuss gab. Manche waren
interessant, wie das von Professor Sinistra, die eine Darstellung des
Großen Bären heraufbeschwor und in den hohlen Händen
hielt, wobei der Glanz auf ihr Gesicht abstrahlte. Manche waren
rührend, wie das von Madam Pomfrey, die einen Erstklässler
mit Heimweh tröstete. Manche waren traurig, wie das von Filch,
der sich allein, nur mit seiner zusammengerollten Katze auf dem
Schoß, betrank.
Diese Fotos offenbarten Emotionen, die
Remus dem Tränkemeister niemals zugetraut hätte. Sie waren
wunderschön und wehmütig, manchmal inspirierend, manchmal
nachdenklich, und sie waren überhaupt nicht wie Severus Snape.
Jedenfalls nicht wie der Severus Snape, den er kannte.
Es gab
ein paar Alben mit dem Titel „Konzepte des Selbst“, die
zeigten, wie Snape versuchte, sich selbst zu fotografieren. Die
ersten waren erbärmlich schlecht; merkwürdige Winkel,
abgeschnittene Köpfe, verschwommene Aufnahmen. Seltsamerweise
hatte Snape all diese Versuche behalten, als ob er Aufzeichnungen
seines Fortschritts archivieren wollte. Denn als Remus die Fotos
weiter durchsah, wurden sie deutlich besser und kreativer. Fotos, die
mit Hilfe von Spiegeln gemacht worden waren, Spiegelbilder in
Flaschen mit Zaubertränken, ein Bild seiner durch die Luft
wehenden Robe, ohne dass ein Körper zu sehen gewesen wäre.
Es gab ein Foto, in dem Snapes Abbild in der Lache eines
verschütteten Trankes verzerrt wurde, der Remus entfernt an den
Wolfsbann-Trank erinnerte, den er jeden Monat einnahm.
Über
alle diese Bilder hinweg konnte Remus die ersten Anfängerversuche
erkennen und sehen, welch enorme Fortschritte Snape wohl in nur
wenigen Monaten gemacht hatte. Die eher unbeholfenen Versuche
entwickelten sich schnell zu atemberaubenden Fotografien. Es war,
gelinde gesagt, sehr aufschlussreich.
Ihm kam ein Gedanke. Er
nahm willkürlich einige Alben heraus und blätterte sie
durch. Er runzelte die Stirn und nahm weitere Alben zur Hand. Es gab
nicht ein einziges Foto von ihm selbst. Nirgends. Es gab Bilder der
Schüler und Lehrerschaft, der Geister und Hauselfen, der Flora
und Fauna der Umgebung - aber nicht ein Bild des Werwolfs. Das
betrübte ihn ein wenig. Er hatte gedacht, sie hätten
zumindest diese offene Abneigung hinter sich gelassen. Zumindest
hatte er das gehofft.
Diese Fotos sprachen zu Remus. Sie
erzählten beredt von dem Fotografen und waren dabei viel
deutlicher als ein Buch oder niedergeschriebene Worte es je hätten
sein können. Remus wünschte sich, mit Snape über sein
neues Hobby zu sprechen. Wie hatte er es entdeckt? Was trieb ihn an?
Wie wählte er aus, was er fotografierte? Und was er nicht
fotografierte?
Erschreckt stellte er fest, dass er sich schon
seit zwei Stunden in diesem Raum befand. Er lief bereits Gefahr,
erwischt zu werden, und machte sich daher, wenn auch widerwillig, auf
den Rückweg. Mit der unberührten Weinflasche hinterließ
er auf dem kleinen Tischchen neben Severus' Sessel eine Nachricht und
ging Er konnte sich beim besten Willen nicht mehr erinnern, was er
ursprünglich für den Grund für Snapes Veränderung
gehalten hatte. Was immer es jedoch gewesen war, er hatte sich ganz
offensichtlich gründlich geirrt. Eines wusste er jedoch genau -
Irgendwann war Snapes neuestes Hobby zu einer ungebremsten
Besessenheit geworden.
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In
den nächsten Wochen war sich Remus Snapes Anwesenheit mehr denn
je bewusst, er hielt an jeder Ecke nach ihm Ausschau, schaute in
seinem Büro vorbei, versuchte, bei den Mahlzeiten neben ihm zu
sitzen. Er wünschte sich verzweifelt, ihn „zufällig“
beim Fotografieren zu überraschen. Jedes Mal, wenn er hinter
sich Blätter rascheln hörte oder einen Blick auf sich zu
spüren glaubte, drehte er sich hastig um in der Hoffnung, einen
Blick in dunkle Ebenholzaugen zu erhaschen. In Wahrheit, dachte er,
war er wohl selbst ein wenig besessen, denn seit er Snapes Fotoalben
gesehen hatte, hätte er schwören können, dass er
verfolgt und fotografiert wurde. Er seufzte, wenn er sich eingestand,
dass dies nicht der Fall sein konnte. Er erinnerte sich selbst daran,
dass es nicht ein einziges Bild von ihm in all den Alben gab, die er
durchgesehen hatte. Nicht eines.
Trotz dieser ernüchternden
Tatsache konnte Remus nicht umhin, an Snapes Fotos zu denken und
daran, was sie über einen Mann enthüllten, der sich
ansonsten vor der Welt versteckte. Nun, das stimmte nicht ganz; er
versteckte sich nicht wirklich – er wählte lediglich
sorgfältig aus, welches Gesicht er anderen zeigte. Remus wollte
diesen anderen Snape kennen lernen, den, der die Welt durch eine
Linse betrachtete und Dinge auf eine Weise sah, die Wahrheiten
zeigte, die wir oft verdrängen, und Details offenbarte, die wir
oft übersehen.
Remus ertappte sich selbst dabei, wie er
in seinem Kopf Fotos arrangierte, während er sich durch den Tag
bewegte. Alles wurde zu einem Bild in seinem geistigen Fotoalbum. Es
war schon seltsam, wie anders alles aussah, wenn es auf diese Weise
betrachtet wurde, wenn man eine Szene oder einen Augenblick
auswählte, sich auf diesen konzentrierte und den Rest der Welt
aussperrte. Er wollte mehr lernen. Mehr sehen. Er wollte verstehen.
Seit er in Snapes privates Paradies eingedrungen war, wünschte
er sich jede Nacht, wieder dorthin zurückzukehren. Er sehnte
sich danach, sich die Fotos noch einmal anzusehen. Er würde bald
die Chance dazu haben.
Trotz all seiner Anstrengungen,
ausgedehnteren Kontakt mit den Schülern zu vermeiden, musste
Snape an diesem Abend eine Strafarbeit beaufsichtigen. Harry hatte
sich den ganzen Tag bei Remus darüber beschwert, der schnell
erkannte, dass dies seine Chance war. Unter einem geliehenen
Unsichtbarkeitsumhang wartete er im Flur darauf, dass Snape seine
Wohnung verließ. Als er schließlich heraustrat,
explodierte praktischerweise am entgegengesetzten Ende des Gangs eine
Stinkbombe. Snape wirbelte herum und rannte ans Ende des Ganges,
wobei er die Tür zu seiner Wohnung weit offen stehen ließ.
Während Snape durch die Explosion abgelenkt war, schlich sich
Remus ins Wohnzimmer und stand regungslos in der Ecke neben einem
Tisch. Snape kehrte zurück, knurrte etwas von „Bauch
aufschlitzen“ und „Eingeweide herausreißen“
und knallte seine Tür zu.
Einige Minuten verstrichen,
während Remus leise wartete. Schließlich fühlte er
sich sicher, nahm seinen Unsichtbarkeitsumhang ab und begab sich den
Korridor hinunter. Er war gerade auf halbem Wege zwischen dem
Wohnzimmer und seinem Ziel, als er hörte, wie sich jemand am
Türschloss zu schaffen machte. Jemand kam herein und er roch
auffallend nach Severus Snape. In Panik hechtete Remus durch die
erste Tür, die er erreichen konnte, und kauerte sich in einer
Ecke zusammen. Er schloss die Augen und lauschte nervös. Es
dauerte eine Ewigkeit, bis Snape fand, was auch immer er vergessen
hatte, und wieder ging, wobei er erneut die Tür hinter sich
zuknallte. Mit einem Seufzer der Erleichterung öffnete Remus
schließlich die Augen. Ungläubig stellte er fest, dass er
sich in Snapes Schlafzimmer befand.
Dieses Zimmer war
Gegenstand der wildesten Spekulationen. Es gab die unglaublichsten
Gerüchte und Wetten darauf, wie Snape sein Schlafzimmer
eingerichtet hatte. Madam Hooch insistierte, dass er dort Peitschen,
Ketten und andere Folterinstrumente aufbewahrte. Professor McGonagall
behauptete, es sei grün, mit Spiegeln unter der Decke …
und voller Peitschen, Ketten und anderer Folterinstrumente. Filius
Flitwick war sich sicher, dass er dort seine ungeliebtesten Schüler
gefangen hielt … und Peitschen, Ketten und andere
Folterinstrumente dort aufbewahrte.
Remus fragte sich, ob er
ihnen sagen sollte, wie sehr sie daneben lagen. Die Einrichtung war
antik und sehr elegant; die Bettwäsche war grün, gemischt
mit Rot- und Bernsteintönen – wie ein warmer Herbsttag. Es
gab weder Peitschen, noch Ketten, noch angekettete Schüler. Es
gab dort nichts Bemerkenswertes – außer einem Bücherregal
und einem Dutzend Fotoalben.
Bücherregale im
Schlafzimmer? Remus’ Augenbrauen schossen nach oben. Hatte sich
die ungebremste Besessenheit zu etwas anderem gewandelt? Remus ging
zögernd zu den Alben hinüber. Sie hatten alle denselben
Titel: „Das Enigma“. Was wäre wohl für Severus
Snape so rätselhaft, dass er diesem Mysterium hunderte und
aberhunderte von Fotos widmete? So sehr Remus es auch herausfinden
wollte, er konnte sich nicht dazu überwinden, sie
anzuschauen.
Er fühlte sich wie ein unberechtigter
Eindringling. Wäre dies sein Schlafzimmer, wären diese
seine privaten Alben, und würde Snape sie durchsehen, er wäre
erzürnt. Es war so, als würde man einen unerlaubten Blick
in ein Tagebuch werfen. Es war etwas Persönliches, etwas
Intimes. Diese Alben waren sogar so persönlich, dass Snape sie
nicht bei den anderen aufbewahrte, so persönlich, dass er sie in
seinem Schlafzimmer anschaute.
Es hatte noch viel Platz in den
Bücherregalen gegeben, die Remus neulich in dem anderen Raum
entdeckt hatte. Das war erst drei Wochen her; unmöglich, konnte
Snape die leeren Regalbretter bereits vollständig mit Fotos
gefüllt haben. Diese Bilder hier mussten für ihn eine
besondere Bedeutung haben.
Remus trat einige Schritte zurück,
weg von dem Regal. Es war schlimm genug, dass er sich in diese
Wohnung geschlichen hatte, und schlimm genug, dass er sich Snapes
Besitztümer anschaute, aber das hier war falsch – noch
mehr als alles andere – und damit konnte er nicht leben. Er
stand da, mit dem Blick auf die Alben und ließ seinen Kopf
hängen. Er führ sich mit der Hand durchs Haar, seufzte und
schüttelte niedergeschlagen den Kopf. Er wandte sich um, um zu
gehen, als jemand sagte:
„Jetzt bist du so weit
gekommen.“ Die Stimme war dunkel. „Warum willst du jetzt
aufhören?“
Remus fuhr herum. Severus Snape stand in
der Tür. Remus war mehr als überrascht, dass er nicht
Funken sprühte vor Zorn. Doch sein Gesichtsausdruck war gelassen
und irgenwie sehr traurig.
„Severus“, antwortete
Remus hastig , „Ich wollte nicht… Ich meine, ich wollte
schon, aber ich habe nicht… Ich konnte nicht…“
„Du
fragst dich vermutlich, wie das alles angefangen hat…“
begann Snape zu sprechen, ging zum Regal hinüber und nahm das
erste Album heraus. „Um ehrlich zu sein, ich weiß es
selbst nicht genau.“
Seine Stimme kam wie aus weiter
Ferne, sie war voller Schmerz und irgendwie losgelöst. Remus
fragte sich, mit wem er wohl sprach; vielleicht war die
Geisteskrankheit doch nicht so weit her geholt?
Severus sprach
einfach weiter, ohne die Worte wirklich an ihn zu richten. „Ich
bin nicht gut im Umgang mit Menschen… naja, das ist
wahrscheinlich die Untertreibung des Jahrhunderts.“ Er lachte
kurz auf. „Ich mag es nicht, wenn man sich nahe kommt, man wird
zu anhänglich und das kann zu nichts Gutem führen.“
Er
setzte sich auf die Bettkante und hielt das geschlossene Album auf
dem Schoß.
„Es ist wirklich merkwürdig.
Fotografieren. Man ist weit weg von allen anderen, eigentlich nur ein
Beobachter. Weit weg von allem, und doch irgendwie noch Teil davon.
Diese albernen Geräte erlauben mir, am Lebens anderer Menschen
teilzuhaben, ohne Gefahr zu laufen, mich in irgendeiner Form zu
binden. Es ist… es handelt sich um eine geschichtliche
Chronik, eine künstlerische Aussage, ein persönliches
Verweilen… Dieses Hobby macht süchtig. Als ich einmal
angefangen hatte, konnte ich nicht mehr aufhören. Ich bin es
nicht gewohnt, die Kontrolle über mich zu verlieren…
natürlich habe ich meine Launen, aber das ist wohl verständlich,
solange diese Schule noch von Potter und einer Horde Weasleys
befallen ist, aber nicht über meinen Geist… Ich habe noch
niemals zuvor die Orientierung verloren.“ Er machte eine kurze
Pause und seufzte. „Aber dann passierte etwas völlig
Unerwartetes. In meinem Eifer, alles zu fotografieren, sah ich
plötzlich etwas, das ich nicht zu sehen beabsichtigt hatte.“
Er öffnete das Album auf seinem Schoß und nahm ein
einzelnes Foto heraus. „An einem besonders heiteren und schönen
Morgen fotografierte ich die Morgendämmerung, als meine Kamera
etwas einfing, dass ich erst bemerkte, nachdem ich den Film
entwickelt hatte.“
Er hielt Remus das Foto hin.
Es
war ein überwältigendes Bild des Sonnenaufgangs. Der Himmel
war in herrliche Farben getaucht: rot, blau und gelb. Doch obwohl
dies ein wunderschönes Foto war, konnte Remus nicht erkennen,
was er darauf sehen sollte. Seine Augen wanderten zu Snape hinüber,
der ruhig da saß und auf seine Hände blickte. Remus traute
sich nicht zu fragen, wonach er Ausschau halten sollte und musterte
das Bild weiter, bis ihm etwas ins Auge fiel. Auf einer Fensterbank
im höchsten Turm des Schlosses saß eine einsame Gestalt
und beobachtete den Sonnenaufgang. Es war jemand, den Remus sehr gut
kannte.
„Ich wusste nicht, dass ich dich fotografiert
hatte, als ich dieses Bild machte. Ich habe es … ich habe dich
erst später gesehen. Ich ging am nächsten Morgen wieder
hinaus und du warst wieder da. An derselben Stelle, in derselben
Haltung, mit demselben Ausdruck im Gesicht. Ich ging am nächsten
Tag ein drittes Mal und du warst wieder da. Und pünktlich an
jedem darauf folgenden Morgen warst du da, saßest still dort,
um den Sonnenaufgang zu beobachten. Sogar am Morgen nach deiner
Verwandlung zurück in deine menschliche Gestalt, nach einer
Vollmondnacht, warst du da. Und jedes Mal habe ich ein Bild
gemacht.“
Er überreichte Remus das Album und Remus
blätterte es durch. Seite auf Seite enthielt es Bilder von ihm
auf seiner Fensterbank, wie er den Sonnenaufgang beobachtete. An den
Fotos war abgesehen von der Menge nichts Spektakuläres. Die
Aufahmen mussten mehrere Monate umfassen. Gegen Ende zoomten die
Bilder näher an das Fenster, wo er saß, so dass es nicht
länger Bilder des Turmes sondern von Remus selbst waren.
„Es
steht Angst in deinen Augen, wenn du die Morgendämmerung
anschaust. Wusstest du das? Angst und Hoffnung, Ärger,
Traurigkeit und Freude. Ich habe noch nie zuvor gesehen, dass etwas
so viele Emotionen gleichzeitig hervorruft. Ich hatte nicht geglaubt,
dass es möglich ist, all diese Dinge gleichzeitig zu fühlen.
Sie widersprachen einander, und doch ergaben sie alle einen Sinn. Du
musstest all diese Dinge fühlen. Es war normal. Es war…
menschlich.“
Remus war sich sicher, dass Snape nicht
mehr zu ihm sprach – wenn er überhaupt je zu ihm
gesprochen hatte. Aber er hatte offensichtlich den Drang, diese Dinge
auszusprechen, und so ließ ihn Remus ungestört reden, ohne
Snapes Beichte zu unterbrechen.
„Ich bin nicht sicher,
zu welchem Zeitpunkt dieser kleine Zeitvertreib zu etwas anderem
wurde. Je mehr ich sah, desto mehr wollte ich sehen. Also begann
ich, noch mehr Fotos zu machen. Aber egal, was ich fotografierte,
kein einziges Bild war so faszinierend wie die Bilder in diesem
Album. Ich musste mehr sehen.“
Er verstummte für
eine Weile, und Remus fragte sich, ob er nun etwas sagen oder tun
sollte. Mehr was? fragte er sich. Er sah zu den Alben im Regal
hinüber und, ohne zu wissen warum, nahm er eines davon heraus
und schaute hinein. Es war voller Fotos. Fotos von ihm.
Remus
Lupin, wie er unterrichtete. Remus Lupin beim Lesen. Remus Lupin beim
Essen. Remus Lupin, der mit Hermine Granger sprach. Remus Lupin, der
Ron Weasley Privatunterricht erteilte. Remus Lupin, der mit Harry
Potter lachte. Ein Bier mit Hagrid trank. Eine Notiz schrieb.
Professor McGonagall anlächelte. Neben Professor Flitwick saß.
Seite für Seite und Album für Album voller Fotos, dabei
hatte er überhaupt nicht gewusst, dass er beobachtet, überwacht,
erforscht wurde. Mehr als ein Dutzend Fotoalben standen in diesem
Regal und alle enthielten Bilder von ihm.
Und dann dämmerte
es ihm. Das Fotografieren war nicht länger die Besessenheit
sondern der Werwolf selbst. Er wusste nicht, was er sagen
sollte.
„Ich erkannte, dass du neulich abends
irgendetwas bemerkt haben musstest, denn seitdem war es unmöglich,
ungestört ein Bild von dir zu machen. Es schien, als hieltest du
Ausschau nach mir. Du schienst immer zu wissen, wann ich in deiner
Nähe war. Ich muss sagen, ich bin irgendwie erleichtert. Wenn du
es nicht herausgefunden hättest – ich wüsste nicht,
wie lange ich noch so hätte weitermachen können. Ich
entschuldige mich dafür, dass ich dich verfolgt und mich zu
diesem Zweck an dich herangeschlichen habe. Ich entschuldige mich aus
Respekt vor deiner Ehre und meiner Privatsphäre.“
Er
erhob sich. „Ich glaube, du findest selbst hinaus.“
Er
ging an Lupin vorbei, doch eine Hand, die sich leicht auf seine
Schulter legte, ließ ihn innehalten.
„Severus“,
flüsterte Remus mit leiser, trauriger Stimme, als sie einander
Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden. Remus sah ihn zögernd
an. Severus war nicht gut darin, nicht mehr Herr seiner selbst zu
sein. Es verwirrte ihn. Es machte ihm Angst. Das, woraus seine
Wirklichkeit bestand, war plötzlich nicht mehr real. Er musste
sich der Tatsache stellen, dass die Welt nicht immer so war, wie er
glaubte. Dass es Ebenen gab, die er nicht verstand, und dass er auf
diesen Ebenen Dinge vorfand, die seine Welt veränderten. Einmal
verändert ließ sich die Veränderung nicht mehr
umkehren.
Männer wie Severus Snape brauchten klar
definierte Grenzen zwischen Gut und Böse. Selbst wenn er
zwischen den Seiten täglich ein Grenzgänger war, spielte es
keine Rolle; es spielte nur eine Rolle, dass diese Grenze überhaupt
existierte. Seine Kamera fing eine Welt ein, in der starke Menschen
schwach waren, wo Helden sich versteckten, wo die Gefasstesten die
Fähigkeit zu großer Freude und die Fröhlichsten die
Fähigkeit zu großer Trauer zeigten. Wo die Stärksten
schwach erschienen und die Schwächsten stark. Wo die Welt nicht
mehr den Regeln folgte, an die er inbrünstig geglaubt hatte.
Seine eigenen Fotografien bewiesen es.
Und jetzt war da dieses
Monster, das er jahrzehntelang gehasst hatte. Seine eigenen Hände,
seine eigenen Augen zeigten ihm jedoch, dass dieses Monster die
Gefühle eines Menschen hatte. Er war ein Mensch. Kein Werwolf
sondern ein Mensch. Kein Tier sondern ein Mann. Menschlich. Wie
konnte man von ihm verlangen, auch damit noch umzugehen? Die Welt um
ihn herum war nicht mehr, wie er sie zu kennen geglaubt hatte. Sie
war durch einen kleinen silbrigen Kasten mit Knöpfen und einer
kreisrunden Glaslinse für immer verändert worden.
Einmal
verändert ließ sie sich nicht mehr umkehren.
Nein,
Severus war es nicht gewohnt, nicht Herr seiner selbst zu sein. Das
äußere Zeichen dafür war die sonst so schneidende
Stimme, die jetzt verloren klang, das sonst selbstbewusste Auftreten,
das jetzt erschüttert wirkte, und sonst kalte, ebenholzschwarze
Augen, die jetzt nichts mehr sehen zu wollen schienen, weil sie schon
zu viel gesehen hatten.
Wochenlang hatte Remus nach diesen
Ebenholzaugen Ausschau gehalten, weil er hoffte, dass Severus ihn
sehen würde wie die anderen – die anderen, die er
fotografierte. Dass er ihn für würdig erachtete, in sein
persönliches visuelles Archiv einzugehen. Er erkannte in diesem
Moment, dass Severus ihn längst gesehen hatte, dass er ihn so
gesehen hatte, wie es noch niemand vorher versucht hatte. Zwei
Männer, die die Seele des jeweils anderen erforscht hatten,
sahen und erkannten sich zum ersten Mal.
Ohne noch etwas zu
sagen, beugte Remus sich vor und drückte seine Lippen sanft auf
Severus’ Mund. Er löste sich von ihm und suchte im
Gesichtsausdruck des Tränkemeisters nach einem Zeichen für
die Richtigkeit seines Tuns. Er erhielt es in Form eines Lächelns
– eines echten Lächelns. Mehr Ermutigung brauchte er
nicht. Er hob seine Hand an Severus’ Kinn und streichelte es
sanft, bevor er sie in seinen Nacken legte und ihn an sich zog.
Es
war ein langsamer, weicher Kuss. Eine gemächliche, lange
Forschungsreise, da beide jede einzelne kostbare Sekunde auskosten
wollten. Feuchte, warme Zungen umspielten einander, weich und würzig
wie Honig. Zähne bissen sanft in weiche Lippen. Ein leises
Seufzen schwebte langsam durch die Luft.
Eine Hand lag
zögerlich auf Severus’ Hüfte. Als sie keinen
Widerstand spürte, wanderte sie weiter nach hinten und zog ihn
noch näher an den anderen heran. Mit einer Hand fest um seinen
Rumpf un der anderen noch immer in seinem Nacken fühlte sich
Severus ungewohnt sicher, wie verankert an der Stelle, wo er stand.
Obwohl das Herz in seiner Brust wild schlug, war er ruhig und
gelassen. Zaghaft legte er seine eigenen Hände auf Remus’
Brust. Instinktiv begannen sie, das zu berühren und zu
erforschen, was sie in den vorhergehenden Monaten fotografiert
hatten.
Wie erfüllend auch sein letztes Hobby gewesen
war, Severus konnte nicht leugnen, dass dieses neue ein großes
Potential hatte. Die Welt durch die Linse zu beobachten war ein
sicherer Weg gewesen, um am Leben teilzunehmen, aber er brachte
keineswegs sein Blut zum Kochen. Er machte ihn nicht schwindlig vor
Gefühlen und Verlangen. Er fühlte sich definitiv nicht so
gut an.
Remus löste sich schließlich von ihm. Er
atmete schnell und tief. „Es ist spät geworden“,
sagte er, „aber ich will nicht gehen.“
„Dann
geh nicht“, war die samtige Antwort.
„Ich bin mir
nicht sicher, dass das eine gute Idee ist”, sagte er scheu.
„Ich glaube, du und ich sind hier auf etwas gestoßen, das
keiner von uns beiden erwartet hat. Ich möchte es nicht dadurch
verderben, dass wir uns jetzt in etwas hineinstürzen, nur weil
ich es will.”
Er lächelte schief. „Wir sind
keine Kinder mehr, Remus. Wir kennen uns schon seit
Jahrzehnten.“
Remus lächelte zurück. „Aber
wir haben uns erst heute Abend gegenseitig erkannt.”
Severus
legte die Hand auf Remus’ Gesicht und ließ seine Finger
langsam über Wange und Lippen wandern. „Ich glaube, dass
wir uns schon vor langer Zeit erkannt haben. Unter den damaligen
Umständen waren wir nur nicht in der Lage, damit etwas
anzufangen.“ Severus lehnte sich vor und drückte einen
kurzen Kuss auf die Lippen, die er kurz zuvor noch berührt
hatte, und fuhr fort:
„Remus, keiner von uns ist es
gewohnt, etwas zu wollen und es ohne grässliche Konsequenzen
auch zu bekommen, aber ich glaube, es ist möglich.“
„Ich
weiß, dass es möglich ist, aber ist es auch richtig? Ist
dies die beste Art und Weise, damit umzugehen?“
„Vermutlich
nicht… aber manchmal ist es nötig, ohne vorherige Prüfung
zu handeln und ohne sich zu viele Gedanken zu machen. Denn wenn man
über etwas zu lange nachdenkt, redet man sich selbst nur ein,
doch besser einen sichereren Weg einzuschlagen. Aber manchmal sind es
die Risiken, die wir eingehen, die uns zu Zielen führen, die wir
immer erhofft haben, aber die zu erreichen wir uns niemals hätten
träumen lassen.“
Remus lächelte. Interessante
Philosophie. Klingt sehr nach einem Gryffindor in dir.”
Severus
schnaubte. „Noch mehr solche Äußerungen und du
fliegst ganz schnell hier raus, wie du dir unschwer vorstellen
kannst.“
Remus berührte ihn wieder mit seinen
Händen und begann, Severus’ Robe aufzuknöpfen. „Nun,
das wollen wir doch nicht, oder? Ich bin sicher, dass mir noch andere
Äußerungen einfallen, die dir mehr zusagen.“
„Daran
habe ich keinen Zweifel.“
Ihre Küsse wurden nur
unterbrochen durch das langame, methodische Entfernen überflüssiger
Kleidungsstücke; geflüsterte Namen und Anrufungen von
Göttern, von deren Existenz keiner von ihnen zuvor gewusst
hatte. Augenblick für Augenblick ging an ihnen vorüber wie
Momentaufnahmen in einem Fotoalbum, die nur für ihre Augen
bestimmt waren.
Severus mit nacktem Oberkörper, den Kopf
zurückgeworfen, der den Hals für Remus’ perlweiße
Zähne entblößte.
Remus, der seine Wange an
Severus’ Schulter rieb.
Severus’ Finger, die durch
die Haare auf Remus’ Brust strichen.
Remus, der die
weichen Haare auf Severus’ Abdomen küsste, während er
den Gürtel seiner Hose löste.
Severus auf Remus’
Armen, der ihn zum wartenden Bett trug.
Remus, der seinen
Liebsten tief in den Mund nahm, und der Ausdruck ungehemmter Ekstase
auf Severus’ Gesicht.
Severus auf dem Rücken, seine
Beine um Remus’ Schultern geschlungen, als der erste Stoß
den Punkt fand, der beiden Mond und Sterne vom Himmel holte.
Remus,
der zum ersten Mal in seinem Leben nicht als Wolf sondern als Mann
heulte.
Feucht schimmerndes Sperma auf Severus’ Torso
und Remus, der sich vorbeugte, um den Honig zu schmecken.
Ein
harter Kuss voller Dankbarkeit.
Eine sanfte Berührung
voller Verehrung.
Ein Lächeln im Austausch für ein
Lächeln.
Und ein Lachen. Ein Lachen. Ein Lachen.
Zwei
aneinander gekuschelte Liebende, vereint im Schlaf, die Finger
miteinander verflochten.
Und zum ersten Mal seit zwanzig
Jahren zwei Gestalten auf einer Fensterbank, die vom höchsten
Turm des Schlosses aus den Sonnenaufgang beobachteten.
Ende