MANTIKORE UND WEITERE VERWICKLUNGEN
Eine Kurzgeschichte in 7 Kapiteln
von Black Cat
Disclaimer: Die Rechte an den Figuren in dieser Geschichte liegen ausschließlich bei J. K. Rowling, ich habe mir die Figuren nur ausgeliehen um diese Geschichte zu schreiben.
Ach ja, und ein Feedback für die Geschichte wird gerne in Empfang genommen. :-)
Kapitel I
Es war einer dieser schönen ersten Sommertage im Juni, als Hermine Granger frühmorgens zur Arbeit ging. Eigentlich wäre sie viel lieber Zuhause geblieben, aber ihre Arbeit machte ihr genug Spaß, so dass sie sich zusammenreißen konnte und wie gewohnt die Erste in der Zentralbibliothek des Zaubereiministeriums war. Kaum angekommen, kochte sie sich erst einmal einen Tee und fing dann bereits an, die überall verstreut herumliegenden Bücher zu sichten und einzusortieren.
Ihre Kollegen trafen nach und nach ein, die ersten Besucher ließen auch nicht lange auf sich warten, und nachdem zumindest wieder im Großen und Ganzen Ordnung am Arbeitsplatz herrschte nahm Hermine sich eine Auszeit, um in Ruhe ihren zweiten Tee zu trinken. Klein und unauffällig saß sie mit ihrer Tasse hinter dem Besuchertresen und genoß die 10 Minuten Zeit nur für sich, als sie plötzlich hörte: „Da fragen Sie am besten meine Kollegin, die kennt sich in dem Fachbereich Alte Zaubertränke am besten aus, die wird Ihnen sicherlich weiterhelfen können. Warten Sie, ich suche sie für Sie, ich denke, sie macht wohl gerade Pause.“ Hermine sackte ein wenig in sich zusammen, heute war ihr wohl nicht einmal die Pause vergönnt. Schon stand ihre Kollegin Mrs. Gardner vor ihr und sah sie fragend an. „Es tut mir leid, wenn ich Dich in der Pause störe, aber ich habe da einen Besucher, der braucht eines der Bücher über Zaubertränke im Mittelalter, da bin ich ehrlich gesagt ein wenig mit überfragt... Wärst Du so lieb und übernimmst das?“ „Klar...“ nuschelte Hermine, stand langsam auf, und sah sich unverhofft einem paar schwarzer Augen gegenüber. Wie Tintenkleckse sahen sie aus. Dunkel und leider auch vertraut. Genau wie der Geruch nach getrockneten Kräutern, der ihr in die Nase stieg, jahrelang hat sie diesen Geruch eingeatmet...
„Professor Snape, Sie brauchen Hilfe?“
Eine hochgezogene Augenbraue antwortete ihr. Oh nein, nicht das auch noch, ging es ihm durch den Kopf. „Miss Granger, es überrascht mich nicht im geringsten, Sie hier zu sehen. Auch wenn ich gestehen muss, dass ich auf Ihre Anwesenheit auch noch gerne die nächsten Jahre verzichtet hätte. Jetzt werden Sie mich wahrscheinlich mit Ihrer besserwisserischen Art so lange nerven, bis ich versucht bin meine Studien abzubrechen, nur um Ihnen zu entkommen. Ja, ich brauche Ihre Hilfe, aber einigen wir uns auf ein möglichst schweigendes Miteinander, das könnte für beide Seiten besser sein, Miss Granger.“
Nun war es an Hermine, eine Augenbraue hochzuziehen. So ein widerliches arrogantes Ekel, er ist darauf angewiesen, dass ich ihm helfe, und im gleichen Atemzug beleidigt er mich. Unglaublich! dachte sie... „Wie Sie wünschen. Und welches Buch suchen Sie jetzt genau?“ „Merlins handschriftlich verfasstes Werk über die Anwendung bestimmter Zaubertränke im Zusammenhang mit Vergiftungen durch magische Tiere. Haben Sie es da?“ Schnell ging Hermine im Geiste die besonders seltenen Bücher durch, und fand, was sie suchte. „Ja, aber es gehört leider zu den Büchern, die wir wegen ihrer Seltenheit nicht ausleihen, Sie müssten das Buch hier vor Ort einsehen und gegebenenfalls kopieren. Ich hoffe, das ist nicht weiter schlimm?“ Snape entfuhr ein Seufzer, er hatte spätestens in dem Moment wo er Hermine Granger gesehen hat gehofft, dass er sich nur das Buch schnappen müsste, und ihr dann wieder entkommen könnte. Es schien gerade so, dass heute einfach nicht sein Tag war. Oder seine Woche, wie immer man es nun sehen wollte. Er sah Hermine abschätzend an, dann endlich antwortete er auf ihre Frage. „Dieser Umstand erschwert die Sache für mich, aber wenn es denn nun so sein muss, dann sehe ich das Buch eben vor Ort ein. Hauptsache, ich kann es überhaupt einsehen. Sie haben ja keine Ahnung, wie wichtig dieses Buch im Moment für mich ist. Also, holen Sie es her, dann werde ich sehen, was ich daraus machen kann.“
Hermine wunderte sich im stillen darüber, was wohl Severus Snape bewogen haben mag, auf indirekte Weise zuzugeben, dass er nicht alle möglichen und unmöglichen Zaubertränke aus dem Kopf beherrschte, und was wohl an diesem Buch so besonders sein sollte, dass er es unbedingt einsehen musste, ging aber im gleichen Moment los, um das Buch zu holen. Während sie noch in die richtige Abteilung ging zog sie schon ihren Zauberstab, um die magische Barriere, die die wertvollsten Bücher abschirmte, zu öffnen. Es dauerte nur Momente, bis sie mit dem Buch wiederkam, doch Snape schien schon ungeduldig gewartet zu haben. „Haben Sie es?“ fragte er überflüssigerweise, als Hermine das große verstaubte Buch auf den Tresen legte. Sie sah ihn nur kurz verständnislos an, und verkniff sich ihre giftige Antwort. „Sie können das Buch dort drüben an den Tischen einsehen, dort haben Sie Ruhe. Falls Sie noch Fragen haben oder weitere Bücher benötigen, wissen Sie ja, wo Sie mich finden.“
Es vergingen vier Tage, an denen Severus Snape jeden Morgen früh in die Bibliothek kam, sich das Buch von Hermine aushändigen ließ, es abends wieder bei ihr abgab, und sich auf wunderbare Weise jeder weitere Kontakt vermeiden ließ. Keine bissigen Kommentare, keine Bemerkungen von oben herab, und kein weiterer Sarkasmus. Beide bemühten sich redlich, während der kurzen Kontakte eine höfliche Distanz zu wahren, was bestens zu funktionieren schien, und das war alles. Hermine hatte den Schreck, ihren verhassten ehemaligen Zaubertränke-Lehrer vor sich stehen zu sehen, endlich weitestgehend sacken lassen, und inzwischen musste sie auch mit Bewunderung feststellen, dass sich Snape mit gleicher Begeisterung und voller Enthusiasmus mit einem Buch beschäftigen konnte, wie sie es von sich selber kannte. Heimlich beobachtete sie ihn, wie er das Buch las, kopierte, sich Anmerkungen machte, gelegentlich den Kopf schüttelte und Anmerkungen wieder durchstrich, und wie vorsichtig er mit den alten Seiten umging, die jederzeit auseinanderfallen würden, wären sie nicht magisch verstärkt. Ich hätte nie gedacht, dass er mit anderen Dingen als seinen Zutaten und Tränken so sorgsam und pfleglich umgeht. Es fiel ihr schwer, es zuzugeben, aber Hermine war beeindruckt. Und noch immer fragte sie sich, warum er wohl dieses bestimmte Buch so verzweifelt haben musste, seit Jahren schon hatte niemand mehr danach gefragt. Warum er? Warum jetzt?
Kapitel II
Am fünften Tag kam Hermine wie gewohnt in aller Frühe zur Arbeit, nur um Snape schon vor der Tür wartend zu finden. „Guten Morgen, Professor, was treibt Sie denn so früh hierher? Wir haben ja noch gar nicht geöffnet!“ „Miss Granger, ich wäre ihnen sehr zu Dank verpflichtet, wenn Sie mich heute eventuell schon früher hereinlassen könnten, ich muss dringend weiterarbeiten, und ich dachte, mit Ihnen könnte man vielleicht reden...“ Snape sah gehetzt aus, unruhig blickten seine Augen in alle Richtungen, bis er Hermines Blick fixierte. Schwarz. Rastlos. Und da war noch etwas anderes, das Hermine nicht zuordnen konnte. Fragend? Bittend? Ihr war nie aufgefallen, dass seine Augen irgendeine Art von Gefühl in sich haben konnten. Er schien immer so kühl und unnahbar zu sein, doch jetzt in diesem Moment schienen seine Augen tatsächlich ein Spiegel zur Seele zu sein. Und irgendwie machte in dies verletzlich. Menschlich.
„Na gut, kommen Sie. Das muss aber ein Geheimnis zwischen uns beiden bleiben, ich bekomme große Schwierigkeiten, wenn das jemand mitbekommt. Hier im Ministerium sind alle sehr auf die Einhaltung von Regeln bedacht, und die Regel besagt, dass Besucher nur zu Geschäftszeiten willkommen sind. Einverstanden?“ Warum mache ich das bloß? Verdammt, das kann mich meinen Job kosten, und das wegen Snape, ausgerechnet! Snape nickte und leise öffnete sie die Tür und ging voran. Snape folgte ihr lautlos. Als sie sich nach ihm umdrehen wollte um zu sehen, ob er ihr folgte, wäre sie beinahe in ihn hineingelaufen. Da war er wieder, dieser Geruch, nach Kräutern und noch irgendetwas anderem. Ob er wohl immer so riecht? Der Gedanke war schneller da, als Hermine realisierte, was sich in ihrem Kopf abspielte. Schnell drehte sie sich wieder um und bedeutete Snape, ihr leise zu folgen. Sie gingen hinter den Tresen, wo eigentlich nur das Personal Zutritt hatte, und Hermine führte ihn in eine kleine Ecke, die von außen nicht einsehbar war, und wo ein niedriger Hocker stand. „Bleiben Sie hier und setzen Sie sich, ich hole Ihnen schon einmal das Buch. Möchten Sie auch einen Tee?“ Die Worte waren heraus, bevor Hermine Einhalt gebieten konnte. Mit Erstaunen blickte Snape sie an. War das etwa eine höfliche Frage gewesen?! „Ja, sehr gerne, Miss Granger, ich hatte heute noch keine Zeit für jegliche Form von Frühstück. Ein Tee wäre wirklich sehr schön!“ Nun war es an Hermine, erstaunt dreinzublicken, mit einer solchen Antwort hatte sie nicht gerechnet, höchstens mit einem geknurrten Hinweis auf den Umstand, dass sie gefälligst am besten überhaupt nicht zu reden hatte. Achselzuckend holte sie ihm das Buch, und machte sich gleich darauf in der Teeküche daran, zwei Becher mit Tee vorzubereiten. Als sie zurückkam war Snape bereits mit dem Buch beschäftigt; nur geistesabwesend nahm er von dem Tee und ihr Notiz, stellte den Becher nach dem ersten Schluck gleich wieder ab und arbeitete verbissen weiter. Hermine prüfte noch einmal, ob Snape wirklich nicht auf den ersten Blick zu sehen war, und machte sich dann an die Arbeit. Wie jeden Tag lagen Unmengen an Büchern herum, die wieder einsortiert werden mussten (wofür sich einige Kollegen offenbar nicht zuständig fühlten, wie Hermine argwöhnte), und Vorbestellungen mussten rausgesucht werden. Hermine war gerade dabei, die Stapel an Büchern schon einmal grob vorzusortieren, als... „Miss Granger? Könnten Sie mir wohl einmal helfen?“ Er spricht mich an?! Vielleicht sollte ich ihm jeden Tag Tee kochen, das scheint seine furchtbare Arroganz wenigstens auf ein erträgliches Maß zu besänftigen... Langsam ging Hermine zu ihm herüber und fragte sich, was wohl das Problem sein könnte. Er blickte zu ihr auf, ohne den Finger aus dem Buch zu nehmen, mit dem er wohl eine Textstelle markierte. Er hatte gepflegte Hände, das sah sie erst jetzt. Warum war ihr das nicht vorher aufgefallen? „Miss Granger? Sind sie anwesend? Oder erscheint es nur so?“ Erschrocken zuckte Hermine zusammen. Es war immer noch so, dass diese Stimme sie in leichte Panik versetzte, wenn sie sie aus Tagträumereien riss. Nur dass ihr in diesem Fall bestimmt keine Hauspunkte abgezogen werden können. „Entschuldigen Sie, Professor, ich bin einfach noch nicht ganz wach, fürchte ich. Was gibt es denn?“ „Ich frage mich, ob sie wohl eine Rolle Pergament für mich hätten, ich habe in der Eile wohl meine Schreibunterlagen Zuhause vergessen...“ Hermine konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Dass solch ein Fauxpas ausgerechnet Snape passiert... Nur zu gut konnte sie sich daran erinnern, wie er regiert hat, wenn mal ein Schüler Materialien zu seinem Unterricht vergessen hatte. Der Verlust von Hauspunkten war da noch die harmlosere Art und Weise, seinem Unmut Luft zu machen. „Bestimmt. Warten Sie mal kurz, ja? Ich geh mal nachschauen.“ Während Hermine sich auf die Suche nach einer neuen Rolle Pergament machte kam Snape nicht umhin, ihr hinterher zu sehen. Sie hat sich tatsächlich zu einer souveränen jungen Frau gemausert. Selbst von mir lässt sie sich nicht mehr aus der Ruhe bringen, und wenn doch, dann merkt man ihr das nicht an. Respektable Leistung! Als Hermine zurückkam, war Snape gerade erst wieder im Buch versunken. Wäre ja noch schöner wenn sie merken würde, dass ich über sie nachdenke! Er lächelte ihr leicht zu, als sie ihm das Pergament gab, und vergrub sich dann wieder in den Aufzeichnungen Merlins. Als die ersten Kollegen hereinkamen schafften sie es irgendwie, es so aussehen zu lassen, als ob Snape auch eben erst hereingekommen wäre, und Hermine entging jeder Form von Bestrafung.
Auch am nächsten Tag stand Snape wieder viel zu früh vor der Tür, und wieder ließ Hermine ihn früher hinein. Nachdem sie beiden Tee gekocht hatte, nahm sie sich nun für den Tag vor das große Geheimnis zu lüften. Sie hatte das Gefühl, dass er ihr zumindest die Antwort auf diese Frage schuldig wäre, nachdem sie ihn nun schon immer früher hereingelassen hat und somit gefährlich am Abgrund entlangschrammte. Irgendwann am frühen Nachmittag ergab sich dann die perfekte Gelegenheit. „Professor, sagen Sie, warum brauchen Sie dieses Buch denn so dringend? Mir kommt es so vor, als ob es unglaublich wichtig für Sie ist, das Buch komplett durchzuarbeiten?!“ Snape sah aus seinen Aufzeichnungen hoch und musterte Hermine. Warum will sie das wissen? Er zuckte mit den Schultern. „Sagen wir, jemand hat ein Problem mit dem Stachel eines Mantikors. Nun hege ich die Hoffnung, dass sich in diesen alten Aufzeichnungen ein Rezept für einen Trank findet, der die Wirkung neutralisiert, ja im besten Fall umkehrt. Bisher habe ich noch nicht wirklich viel nützliches gefunden, aber Hinweise, und diese versuche ich jetzt so gut als möglich zu deuten. Hilft Ihnen das weiter, Miss Granger? Und warum wollen Sie das überhaupt wissen?“ Fragend blickte er sie jetzt an. Sie wurde leicht rot. „Oh, ich war nur neugierig. Verzeihung...“ .Er will also jemanden helfen? Und warum habe ich noch nie wirklich etwas über Mantikore gelesen? Als ob er ihre Gedanken lesen könnte, lächelte er sie an. „Hören Sie, Miss Granger, der Stachel eines Mantikors ist im Regelfall tödlich, wenn auch mit zeitlicher Verzögerung, und das Tier an sich ist so selten, dass es kaum Aufzeichnungen darüber gibt, wie man gegen das Gift vorgehen kann. Wenn Sie mich jetzt also in Ruhe weiterarbeiten lassen, und ich vielleicht die Lösung für unser Problem finde, dann werde ich ihnen gerne weiteres erzählen, aber nicht hier. Was halten Sie von 19 Uhr bei Farmer’s Mill? Wäre Ihnen das recht?“ Ich hab sie nicht wirklich gerade zum Essen eingeladen, oder?! Oh du meine Güte, welcher Teufel hat mich da denn gerade geritten?! Hermine sackte das gesamte Blut in die Beine. Essen gehen? Mit Snape?! Wie bitte was?!? Sie sah ihn an, wie das Kaninchen die Schlange. Das Schlimmste war: sie würde ihm zu gerne zusagen, aber das könnte sie dann im Leben nicht ihren Freunden erzählen. Die würden wahrscheinlich völlig durchdrehen! Aber egal, was soll’s, die müssen das ja nicht erfahren, und ihr Bauch und sie sagten: „Ja, gerne!“ Snape versuchte ruhig zu bleiben, und murmelte nur ein „Dann ist ja gut.“, bevor er versuchte, sich wieder dem Buch zu widmen. Hoffentlich wird sie mir nicht wieder Löcher in den Bauch fragen, und mich mit ihrer besserwisserischen Art nerven, das könnte ich ja gerade noch gebrauchen... Hermine drehte sich um, um sich wieder an die Arbeit zu machen, doch an Konzentration war nicht mehr wirklich zu denken. Ich gehe tatsächlich mit Snape zum Essen, ich muss ja völlig verrückt geworden sein! Naja, aber wenigstens werde ich wohl noch das ein oder andere über Mantikore lernen, das soll es mir wert sein!
Es war kurz vor 19 Uhr als Hermine vor dem Restaurant auftauchte. Sie hatte sich nach längerer Überlegung dagegen entschieden, sich fein herauszuputzen, und sich nur schnell eine andere Jeans und eine frische Bluse übergezogen. Als Snape auftauchte war sie nicht im geringsten überrascht, dass er seine übliche schwarze Kleidung mit dem für ihn so typischen schwarzen Umhang trug, der bereits leicht abgetragen aussah, allerdings noch nicht schlimm genug, um ersetzt zu werden. Ohne ein weiteres Wort der Begrüßung sah er sie fragend an. „Wollen wir vielleicht hereingehen, oder gedenken Sie hier draußen den Abend zu verbringen, Miss Granger?“ Hermine zuckte nur mit den Schultern, und Snape war höflich genug, ihr die Tür aufzuhalten. Den Stuhl rückte er allerdings nicht zurecht, aber das wäre vermutlich auch zu weit gegangen. Auch seine Höflichkeit gegenüber Hermine kannte klar definierte Grenzen. Immerhin war dies nur ein im weitesten Sinne geschäftliches Dinner, und nichts privates.
Während sie auf die Vorspeise warteten wurden nur einige wenige Worte gewechselt, hauptsächlich über nichtssagende Themen. Dann kam endlich das Essen, und es gab einen guten Grund, nicht mehr miteinander zu reden. Doch schon während der Wartepause zum Hauptgang brach Hermine das Schweigen. „Professor, was können Sie mir über Mantikore erzählen? Ich kann mich nicht erinnern, jemals detaillierte Aufzeichnungen über sie gefunden zu haben, sie scheinen also wirklich sehr selten zu sein?“ Jetzt geht es also los. Mir ist anscheinend wirklich keine Ruhe vergönnt, nicht mal beim Essen. Und ich war es auch noch, der sie eingeladen hat! „Miss Granger, Mantikore gehören mit zu den gefährlichsten und seltensten Tieren, die es gibt, wenn man sie denn Tiere nennen will. Sie haben den Kopf eines Menschen, allerdings mit drei Reihen Löwenzähnen, den Körper eines Löwen und einen Schwanz, der mit Giftstacheln besetzt ist. Warum man hier in Europa so wenig über sie weiß hängt vermutlich damit zusammen, dass Mantikore hauptsächlich zwischen dem nahen Osten und Indien verbreitet sind, und...“ Hermine unterbrach ihn. „Warum sagen Sie, dass Mantikore nicht ganze Tiere sind?“ „Weil Mantikore die menschlichen Sprache sprechen, und zeitweilig auch sehr vernünftig erscheinen, bis es sie plötzlich überkommt und sie zum Mörder werden. Ihre Lieblingsspeise ist Menschenfleisch, das darf man nie vergessen. Im Übrigen ist der Mantikor von der Abteilung zur Regulierung und Kontrolle Magischer Kreaturen in der Klassifizierung XXXXX eingestuft. Sie wissen sicherlich, was das bedeutet, Miss Granger?“ „Dass ein Mantikor unmöglich trainiert oder gezähmt werden kann, und er als unberechenbarer Töter von Zauberern und Muggeln gilt. Ja, die Klassifizierung ist mir bekannt. Immerhin arbeite ich im Ministerium, Professor! Was ich mich nur frage, und ich hoffe Sie nehmen mir diese Frage nicht übel: Wer sollte verrückt genug sein, sich mit einem Mantikor einzulassen, und hat jetzt einen Giftstachel abbekommen?“ Snape schnitt sein Roastbeef klein, nahm einen Bissen, und sah Hermine direkt an. „Fällt Ihnen denn wirklich niemand ein, der so verrückt ist, und der jedes magische Geschöpf für seinen besten Freund hält, Miss Granger? Ich dachte, Ihre Frage von eben wäre fast schon überflüssig!“ Hermine verschluckte sich fast an ihrem Weißwein. „Hagrid?!“ „Aber natürlich Hagrid, wer denn sonst? Deswegen wurde ich auch von meinen Pflichten als Lehrer befreit, um in Ruhe nach einem Gegenmittel zu suchen. Oder haben Sie sich etwa nicht einmal gefragt, weshalb ich mitten im Schuljahr die Muße habe, tagein und tagaus in der Bibliothek des Ministeriums meine Zeit zu verbringen? Miss Granger, ich dachte, es wäre offensichtlich, dass ich in Schulangelegenheiten unterwegs bin.“ Hermine musste schwer schlucken. Hagrid, und von einem Mantikor vergiftet... Typisch für ihn, aber jetzt hatte sie erst recht einen Grund, um Snape behilflich zu sein. Sie sah ihm direkt in die schwarzen unergründlichen Augen, als sie sagte: „Ich werde Ihnen morgen alle Bücher besorgen, die ich irgendwie in Zusammenhang mit Mantikoren bringen kann. Und ich habe da einen Bekannten, der in der Abteilung zur Kontrolle magischer Kreaturen arbeitet, vielleicht kann er uns ja weiterhelfen.“ Uns? Hat sie gerade uns gesagt? Plural? Ach, was soll’s, es gibt mit Sicherheit unangenehmere Mitarbeiter und Helfer, immerhin weiß sie im Regelfall, was sie tut! „Gut, Miss Granger, das könnte wirklich weiterhelfen. Und nun zu angenehmeren Dingen: Noch ein Glas Wein für Sie?“
Am nächsten Morgen war Hermine nicht im geringsten überrascht, Snape bereits vor der Tür stehen zu sehen. Der letzte Abend ging ihr einfach nicht aus dem Kopf. Sie war betrübt, dass es Hagrid war, der vergiftet worden ist, jedoch war sie sich ganz tief in sich drin sicher, dass Snape schon einen Weg finden würde, um ihm zu helfen. Sie sah ja selbst jeden Tag mit eigenen Augen, wie sehr er sich bemühte, um das Problem zu lösen, und soweit sie wusste, hatte er bislang noch jedes Problem gelöst. Da konnte ihn doch das Gift des Mantikors nicht in die Schranken verweisen? Aber was ihr noch sehr viel mehr Kopfzerbrechen bereitete: Nachdem die Sache mit dem Mantikor ausdiskutiert war ergab sich ein herrlich zwangloses Gespräch, in dem sie sogar über Hermines Zeit in Hogwarts geredet haben. Zwar wurde der Unterricht bei ihm nicht mit einem Wort erwähnt, und das mit gutem Grund, aber es war schön, mal wieder zu hören wie es den anderen Lehrern erging, und wie sich die Schüler so machten. Offensichtlich gab es eine neue Clique, die jede Art von Streichen auf ihr Konto verbuchen konnte, sozusagen die Nachfolger der Weasley-Zwillinge. Und zu ihrem Erstaunen musste Hermine feststellen, dass Snape wohl über einige Scherze zumindest ein wenig amüsiert war. Er scheint also doch nicht völlig humorlos zu sein! Und nun stand er da und wartete auf sie, damit sie ihm die Tür aufschloss und ihm Tee kochte, wie schon die letzten beiden Tage.
„Guten Morgen, Miss Granger.“ Er wünscht mir einen guten Morgen? Wie komme ich denn zu der Ehre?! „Guten Morgen, Professor.“ Irgendwie war es schon seltsam, wenn sie sich vorstellte, dass sie noch einen Abend zuvor mit ihm essen war. Und irgendetwas schien sich geändert zu haben. Wenn sie nur wüsste, was es war. Lag es vielleicht nur daran, dass er zum ersten Mal in all den Jahren, die sie ihn nun schon kannte oder glaubte zu kennen, einen guten Morgen gewünscht hat? Sie verschob den Gedanken so gut es ging und machte sich daran, die Tür zu öffnen.
Wenige Stunden später saßen die beiden an zwei zusammengeschobenen Tischen beieinander und arbeiteten sich gemeinsam durch eine Unmenge von wild verteilten Büchern. „Hier, Professor, ich glaub ich hab etwas gefunden! Ach nein, doch nicht, das geht hier nur um Bisswunden von Mantikoren, nicht aber um die Stacheln. Ich such weiter!“ Zwischendurch rannte Hermine in die Abteilung zur Kontrolle magischer Geschöpfe, um ihren Bekannten James um Hilfe zu bitten. Es dauerte dann auch nicht lange, bis er in die Bibliothek herunterkam und dem Stapel Bücher noch ein paar Exemplare hinzufügte, mit dem dezenten Hinweis versehen, dass er die Bücher schnellstmöglich zurück bräuchte, da sie die Abteilung eigentlich gar nicht hätten verlassen dürfen. Wie Miss Granger das wohl hinbekommen hat? Vielleicht hätte ich sie schon viel früher im Hilfe bitten sollen, sie war schon immer eine kluge junge Dame, und sie wusste immer, wo sie Informationen zu finden hat. Zwar fanden sie nicht genau das, was sie suchten, aber sie fanden immer mehr Querverweise, die sie dem eigentlichen Ziel immer näher brachten.
Die Stunden verflogen nur so, und irgendwann mussten auch Hermine und Snape die Bibliothek verlassen. Auf dem Weg nach Hause fragte sich Hermine noch, wo Snape wohl wohnen würde, oder ob er jeden Abend nach Hogwarts zurück apparieren würde; seltsam, dass sie ihn das nicht gefragt hatte!
Sie war schwer überrascht, als es spät abends noch an ihre Tür klopfte. Wer sollte das denn um diese Zeit sein? Es war fast 22 Uhr! Schnell warf sie sich einen Morgenmantel über und öffnete die Tür. Es war Snape. „Es tut mir leid, dass ich Sie so spät noch störe, Miss Granger, aber ich glaube, ich brauche ihre Hilfe. Ich denke, dass ich weiß, wo ich ein Gegengift finden kann, dazu müsste ich aber noch einmal in die Bibliothek. Wir haben es schon den ganzen Tag übersehen, dabei befand es sich direkt vor unseren Nasen, wenn ich mich nicht täusche!“ Seine Augen leuchteten, und man sah ihm auf den ersten Blick an, dass er unruhig war. „Phew, Professor Snape, das ist nicht Ihr Ernst! Es ist schon schwer genug, Sie morgens heimlich mit hereinzubringen, aber wenn wir das jetzt tun, dann verliere ich mit Sicherheit meinen Job! Ist es denn wirklich so eilig? Können Sie nicht bis morgen früh warten? Ich meine, Hagrid liegt doch nicht im Sterben, oder so?“ „Miss Granger, würde ich um diese Uhrzeit vor Ihrer Tür stehen, wenn es nicht dringend genug wäre? Meinen Sie vielleicht, ich hätte kein Privatleben mehr, und tue dieses zu meiner eigenen Freude und Belustigung?! Natürlich ist es mein Ernst! Also, helfen Sie mir nun, oder nicht?“ Er sah Hermine an, und dieser Blick ging hinunter bis in ihre tiefste Seele. Oh, diese verdammten Augen! Sie schloss die Augen, um sich diesem Blick zu entziehen, und nickte vorsichtig mit dem Kopf. „Okay. Ich mach’s. Aber glauben Sie mir, wenn ich hierdurch meinen Job verliere, dann werde ich Sie mit anschwärzen. Ich werde im Zweifelsfall nicht alleine die ganze Schuld tragen, haben wir uns verstanden?! Und ich tue dies hier für Hagrid, nicht für Sie, ist das klar?“ „Miss Granger, ich hätte schwören können, dass Sie es doch zum Teil für mich tun.“ Dies war eine Feststellung, keine Frage. Dieses arrogante Ekel, wer denkt er eigentlich, wer er ist?! Schnell zog sich Hermine an, während Snape draußen wartete. Ich werde den Teufel tun und ihn noch in meine Wohnung bitten, soll er doch draußen warten und glücklich sein, dass es im Moment wenigstens nicht regnet! Sie apparierten gemeinsam vor dem Ministerium, und schafften es an den Empfangszauberern vorbei mit der Begründung, Hermine hätte etwas vergessen, und Snape sei nur ihre Begleitung. Keiner von beiden hätte gedacht, dass es so einfach sein würde, und so standen sie schneller in der Bibliothek, als sie dachten. Snape hatte Recht gehabt, als er meinte die Lösung hätte sich direkt vor ihnen befunden; einerseits war Hermine erleichtert, dass er Hagrid nun endlich helfen konnte, andererseits war es fast schon eklig zuzusehen, wie Snape wieder in seine alte Arroganz zurückfiel, nur weil er (wie üblich, wie er betonte) im Recht geblieben war. Schnell griff sich Hermine das erstbeste Buch, das sie finden konnte, um den Empfangszauberern keinen Grund zur Nachfrage zu geben, und eilte dann mit Snape hinaus auf die Straße.
„Nun, Miss Granger, ich werde auf dem kürzesten Weg nach Hogwarts zurückkehren, ich werde dort gebraucht, wie Sie sicherlich wissen. Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, ich hätte nicht gedacht, dass Sie doch so risikofreudig sind. Ich scheine Sie doch falsch eingeschätzt zu haben.“ Plötzlich stand Hermine alleine da. Snape war weg, einfach disappariert. Ohne ihr die Gelegenheit zu geben, auch noch ein paar Worte zu sagen. Wütend kam sie nach Hause und genehmigte sich ausnahmsweise noch einen Whiskey, Scotch, Single Malt. Was ging nur in diesem Mann vor? Sie einfach so stehen zu lassen, nachdem sie ihm so viel geholfen hatte! Dabei hatte sie schon fast gedacht, dass der alte ewige Streit zu einem Ende gefunden hätte. Dass die Schulzeit jetzt endgültig beendet wäre, und er sie als vollwertiges Mitglied der Zauberergesellschaft betrachtet. Immerhin hatten sie sich doch zwischendurch recht passabel unterhalten?! Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie augenscheinlich doch nur über Belanglosigkeiten geredet hatten, oder auch über Hermines Leben. Nie jedoch über ihn. Noch immer war er ihr so unbekannt wie damals, als er noch ihr Lehrer war. Verdammte Axt, ich hasse soetwas! Müde nahm sie noch einen Schluck Whiskey, dann ging sie endlich in’s Bett.
Es war ein Samstag, wie er im Buche steht. Erst spät stand Hermine auf und kochte sich einen Tee. Der Wasserkocher brauchte ewig, aber es gab nun einmal Muggeldinge (Artefakte, wie sie das Ministerium nannte), die sie nie ganz aus ihrer Welt verbannen wollte. Als die Eule vor dem Fenster auftauchte, glaubte Hermine an die Lieferung der Wochenendausgabe des Tagespropheten, und machte das Fenster auf, um die Eule hereinzulassen. Doch es war nicht der Tagesprophet. Es war ein Brief. Hermine kannte die Eule nicht, also konnte es kein Brief ihrer Freunde sein. Pig und Hedwig hätte sie schon von weitem erkannt. Aber wer könnte ihr denn schreiben? Vorsichtig löste Hermine den Brief vom Bein der Eule und stellte dem Tier eine Schale mit Wasser und etwas Futter hin. Der Brief war eindeutig an sie adressiert, doch die Schrift kam ihr nur entfernt bekannt vor. Vorsichtig öffnete sie den Brief und musste sich erst einmal hinsetzen als sie denn sah, von wem dieser Brief kam.
Liebe Miss Granger,
ich bedaure es zutiefst, dass ich vor einer Woche so schnell nach Hogwarts zurückkehren musste. In der Tat hatte ich Ihnen gegenüber nicht erwähnt wie ernst es um Hagrid steht, da ich Sie nicht weiter aufregen wollte. Ich wusste, diese Nachricht hätte Sie vermutlich in große Sorge versetzt, und ich war, wie Sie vermutlich bereits bemerkt haben, doch sehr auf Ihre Hilfe in dieser Angelegenheit angewiesen. Ohne Ihre Hilfe, da bin ich mir sicher, würde ich noch heute in der Bibliothek sitzen und diverse Bücher sichten, die sich letztendlich alle als eine falsche Fährte herausgestellt haben.
Und nun noch eine erfreuliche Nachricht: Hagrid befindet sich wieder auf dem Weg der Besserung, er erzählt schon jetzt, dass der Mantikor es bestimmt nicht böse gemeint hat, das wäre alles nur ein Unfall gewesen. Sie wissen ja selbst, wie Hagrid in diesen Dingen ist. Für mich klingt das alles schon wieder so, als wenn Hagrid bald wieder vollständig hergestellt auf den Beinen ist. Sie brauchen sich also keine Sorgen mehr zu machen, außer vielleicht, dass er als nächstes ein noch gefährlicheres Tier mitbringt. Er lässt Ihnen übrigens herzliche Grüße ausrichten und möchte Ihnen bald selbst eine Eule schicken. Er war, gelinde gesagt, ein wenig überrascht als ich ihm mitteilte, dass ich gedenke Ihnen zu schreiben, aber das ist keine große Überraschung.
Ich habe auch noch einen weiteren Grund, Ihnen zu schreiben. Bitte seien Sie nicht zu überrascht, wenn Sie dies hier lesen (in der Tat war ich ein wenig überrascht von mir selbst, als ich den Entschluss fasste!), doch ich würde Sie für Ihre Mühe, die Sie mit mir hatten, erneut gerne zum Essen einladen. Ich hoffe, Sie nehmen diese Einladung an? Falls nicht sehe ich mich gezwungen, dem Haus Gryffindor erneut Hauspunkte abzuziehen, ein Grund findet sich schon, und das möchten Sie doch sicherlich verhindern?
Ich warte auf Ihre Antwort,
Ihr ehemaliger Lehrer
Severus Snape
Hermine atmete erst einmal tief durch. Sie hatte vieles erwartet, dies hier aber nicht. Dieser Brief war so freundlich geschrieben, wie ein Brief nur freundlich sein kann, und das an sich war schon eine Überraschung. Dann aber auch noch diese Einladung zu einem weiteren Essen? Hätte man ihr das vor einigen Minuten erzählt, dann hätte sie nur gelacht. Jetzt aber war sie schlichtweg sprachlos. Erneut flog eine Eule vor ihr Fenster, und diesmal war es wirklich der Tagesprophet. Geistesabwesend steckte sie das passende Geld in die kleine Tasche am Bein des Vogels, und trank erst einmal einen Schluck Tee. Dann las sie den Brief noch ein zweites und ein drittes Mal durch. In ihrem Kopf schwirrte es. Sollte sie die Einladung annehmen? Ach, verdammt, ich hab ja eh nichts zu verlieren, im schlimmsten Fall kann ich ja jederzeit wieder nach Hause gehen! Sie griff nach einem passenden Stück Pergament und schrieb Ihre Antwort:
Ich fasse mich kurz: ich nehme Ihre Einladung zum Essen an. Bitte sagen Sie mir rechtzeitig, wann und wo wir uns treffen.
Hermine Granger
P.S. Gruß auch an Hagrid
Dann schickte sie die Eule zurück nach Hogwarts.
Es regnete in Strömen, schon den ganzen Tag lang, und man konnte nicht mehr verleugnen, dass der Herbst jetzt mit aller Macht da war und den letzten Hauch von Sommer verdrängte. Aber was soll man kurz vor Halloween schon erwarten? Hermine stand frierend vor dem Restaurant und wartete darauf, dass Snape endlich auftauchen würde. Er kam jetzt schon 10 Minuten zu spät, und Hermine wurde langsam ungeduldig. Endlich sah sie eine schwarz gewandete Gestalt auf sich zukommen. Aber konnte das sein? Snape sah heute einfach... gut aus. Er trug einen offensichtlich nagelneuen schwarzen Umhang, der ihm außerordentlich gut stand, das musste Hermine zugeben. Schon stand er vor ihr. „Guten Abend, Miss Granger, ich bitte meine Verspätung zu entschuldigen, es gab in der Schule noch einige Dinge mit den üblichen Unruhestiftern zu klären. Ich hatte nicht vor, Sie so lange in diesem Wetter warten zu lassen. Verzeihen Sie mir?“ Galant bot er seinen Arm an. Hermine war angenehm überrascht. In ihm scheint doch mehr zu stecken, als es sonst den Anschein machte! Sie hakte sich bei ihm unter, und gemeinsam betraten sie das Restaurant.
Das Restaurant an sich war eine weitere Überraschung für Hermine. Es war ruhig, gediegen, und versprach vom ersten Eindruck her einen exzellenten Service. Plötzlich war Hermine froh, sich dieses Mal besser hergerichtet zu haben als das erste Mal, als sie mit Snape zum Essen ging. Selbstsicher führte Snape sie zu einem reservierten Platz in einer ruhigen Ecke, und dieses Mal rückte er ihr auch den Stuhl zurecht. Als Hermine erst einmal stehenblieb, um all diese Eindrücke sacken zu lassen, sah er sie fragend an. „Möchten Sie sich nicht setzen, Miss Granger? Oder ziehen Sie eine Stehparty vor?“ Täuschte sie sich, oder sah sie eine gewisse Belustigung in seinem Blick? Schnell setzte sie sich auf den angebotenen Stuhl und wartete, bis auch Snape endlich Platz nahm. Bevor er auch nur ein weiteres Wort sagen konnte, nutzte sie schnell die Gelegenheit um ihren Gedanken Luft zu machen. „Professor, Sie scheinen ja keine Mühen gescheut zu haben, um diesen Abend zu gestalten. Aber wieso?! Ich dachte eigentlich... naja, ich habe Sie halt anders eingeschätzt, wissen Sie...“ Eine leichte Röte stieg in Hermines Gesicht auf. Eigentlich wollte sie das alles nicht so direkt formuliert haben, aber jetzt war ihr das einfach rausgerutscht. Während Hermine sich noch im stillen für ihre Direktheit verfluchte, stahl sich ein kleines Lächeln in Snapes Mundwinkel. Wenigstens diese Überraschung ist mir in vollem Maße geglückt. „Miss Granger, ich denke ich war eine ganze Zeit eine Pest für Sie. Glauben Sie nicht, dass Sie zumindest eine kleine Wiedergutmachung verdienen? Außerdem muss ich gestehen, dass die Gespräche mit Ihnen im gewissen Maße inspirierend waren. Das sollte wohl als Rechtfertigung reichen?“ Hermine konnte kaum glauben, was Sie dort zu hören bekam. Inspirierend? Ausgerechnet ich? Und das aus seinem Munde? Verrückte Welt... Es war ein Glück für sie, dass in diesem Moment der Kellner kam um die Karten zu bringen, und sie somit einen Grund hatte, um hierauf nicht antworten zu müssen. Sie widmete sich ganz dem Studium der Karte, entschied sich für Lammfilet und einen trockenen leichten Rotwein, und versuchte noch lange Zeit beschäftigt und unentschlossen auszusehen, um einer Antwort aus dem Wege zu gehen. Wenn er all das gutmachen wollte, was er mir an Ärger verursacht hat, müsste er mich vermutlich die nächsten zehn Jahre jeden Abend ausführen. Und nur in die teuersten Restaurants! Aber das hieße, dass ich ihn noch zehn Jahre länger ertragen müsste. Aber so, wie er momentan ist, könnte man das vielleicht glatt noch überstehen... Er scheint zumindest nicht mehr so verbissen zu sein wie sonst. Da kam auch schon wieder der Kellner, um die Bestellungen aufzunehmen. Beide lächelten sich verschwörerisch an, als sie feststellen mussten, dass sie sich für das gleiche Gericht entschieden haben, doch dieser Moment verging auch ebenso schnell wieder wie er gekommen war. Verdammt, warum habe ich ihr hübsches Lächeln nicht schon früher bemerkt? Severus, alter Junge, reiß dich zusammen, ansonsten reitest du dich da noch ganz schön rein... So war dies hier eindeutig nicht geplant! Snape spielte am Stiel seines Weinglases herum. „Sagen Sie, Miss Granger, wie ist es eigentlich gekommen, dass Sie in der Zentralbibliothek Arbeit gefunden haben? Ich muss schon sagen, dass es genau die Art Beruf ist, die ich mir für Sie hätte vorstellen können, Sie waren ja schon immer ein echter Bücherwurm.“ Hermine grinste. „Ach, wissen Sie, ich habe einfach Glück gehabt. Eine ältere Kollegin ist ausgeschieden, und ich war zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle. Mehr war das nicht. Einfach nur Glück.“ Jetzt sah sie ihm direkt in Augen. „Aber warum sprechen wir zur Abwechslung nicht einmal von Ihnen? Sie reden nie von sich. Haben Sie etwa etwas zu verbergen? Zumindest ist es das, was die Schüler in Hogwarts immer behauptet haben: Dass Sie ein echter Geheimniskrämer sind. Was steckt hinter dieser Maske? Oder sind Sie etwa tatsächlich so verbissen, wie Sie immer tun?“ Das will sie nicht wirklich wissen, nicht wahr, Severus? Wenn sie die Wahrheit wüsste, dann würde sie nicht mehr mit mir an diesem Tisch sitzen wollen. Oder würde sie vielleicht begreifen, verstehen? Oh Merlin, was soll ich bloß tun?! „Nein, Miss Granger, ich kann Ihnen versichern, dass ich nicht halb so verbissen bin, wie es immer scheint, aber ich habe meine guten Gründe, warum ich so erscheinen möchte. Es würde Sie zu Tode langweilen, wenn ich über mich erzählen würde. Lassen wir die schlafenden Hunde besser ruhen. Aber sagen Sie, hatten Sie noch Ärger wegen unseres nächtlichen Einbruchs in die Bibliothek?“
Der Rest des Abends verlief in ein angenehmes Gespräch verstrickt, und selbst Snape ließ sich zu einigem Gelächter hinreißen. Hermine musste so langsam ihre Meinung über ihn revidieren. Er war ein überraschend angenehmer Tischgenosse und noch dazu höflich und zuvorkommend. Von dem alten arroganten Ekel, dass Sie noch vor ein paar Wochen im Gedächtnis hatte, war nicht mehr viel übrig geblieben. Oh, wenn sie das Ron und Harry erzählte! Die würden ihr bestimmt kein Wort glauben! Hermine entschloss sich, noch am selben Abend eine Eule an die beiden zu schicken, und freute sich jetzt schon auf die entsetzte Reaktion. Als das Restaurant endlich schließen wollte brachte Snape sie noch bis vor die Haustür. „Nun, Miss Granger, ich hoffe doch sehr, dass Ihnen dieser Abend gefallen hat. Ich habe keine Kosten und Mühen gescheut, also hoffe ich doch sehr, dass das alles nicht umsonst war?“ „Danke, es war ein wirklich schöner Abend! Vielen Dank für alles, so viel hatte ich ehrlich gesagt gar nicht erwartet.“ Dann war es also doch die richtige Entscheidung. Oh, warum muss sie mich mit diesen braunen Augen nur so ansehen? Man könnte fast meinen... Nein. Bestimmt nicht. „Dann werde ich Sie jetzt an dieser Stelle allein lassen und Ihrer wohlverdienten Ruhe überlassen. Gute Nacht, Miss Granger!“ „Gute Nacht, Professor!“ Und schon war er wieder weg. Hermine drehte sich um, um die Tür zu öffnen. Es war ein ganz normales Muggelschloß, das zur Tür einer ganz normalen Muggelwohnung gehörte, doch sie bekam es nicht auf Anhieb auf. Ihre Hände zitterten. Aber sie schob alles auf die Kälte, die die Nacht mit sich brachte.
Der Duft nach frischgebackenen Plätzchen lag in der Luft, und überall wurde fleißig die letzten Dekorationen für Weihnachten angebracht, das nur noch einen Tag entfernt war. Hermine seufzte und griff zum nächsten Buch, das einsortiert werden musste. Eigentlich hatte sie vorgehabt, Weihnachten mit Ron und Harry zu verbringen, da ihre Eltern in den Urlaub fahren wollten und erst im neuen Jahr zurückkommen würden, aber Ron und Harry haben spontan beschlossen, Charlie und seine Drachen zu besuchen. Toll, wenn man sich so auf seine Freunde verlassen konnte. Jetzt sah es ganz so aus, als ob sie Weihnachten ganz alleine verbringen würde, denn auch ihre Kolleginnen fuhren allesamt zu ihren Familien. Aber sie wollte positiv denken und freute sich, dass sie auf diese Weise endlich einmal genug Zeit haben würde, um den letzten Brief von Snape zu beantworten. Seit sie das letzte Mal essen gegangen waren vergingen nie mehr als ein paar wenige Wochen, bis ein neuer Brief eintraf. Am Anfang ein wenig skeptisch dem Umstand gegenüber, dass sie sich ausgerechnet mit Snape lange Briefe schrieb, hatte sie schon bald gelernt diesen Austausch mit ihm zu mögen. Er hielt sie auf dem laufenden, was in Hogwarts passierte, und erzählte immer mal wieder von den Streichen der Schüler. Sie hatte das Gefühl, dass sie zur Zeit die einzige Person war, die erahnen konnte, dass sich Snape eigentlich königlich über diese Streiche amüsierte (obwohl er nach wie vor dafür berüchtigt war, überdurchschnittlich viele Hauspunkte für derartige Aktionen abzuziehen). Inzwischen fand sie es nicht einmal mehr im Ansatz seltsam, dass sie sich mit Snape so gut verstand, auch wenn Ron und Harry genau so reagiert haben, wie sie sich das ausgemalt hatte. Aber die haben ihn ja auch nicht so kennengelernt wie ich! Was sie den beiden wohlweislich verschwiegen hatte war der Umstand, dass sie ständig über Snape nachdenken musste. Ihr ging einfach dieser letzte Abend im Restaurant nicht aus dem Kopf, und wie gelöst er zum Ende hin schien. Das war wirklich nicht mehr der Snape, den sie jahrelang verabscheut hatte. Dies hier war ein völlig anderer Mensch. Geheimnisvoll, ja, aber sie hatte keine Angst mehr vor ihm. Im Gegenteil, sie freute sich stets, wenn denn mal wieder ein Brief von ihm eintraf. Einige Briefe waren kurz und knapp, andere länger, man wusste nie, was als nächstes kommt. Aber eines hatten alle Briefe gemeinsam: sie entbehrten jeder Form von Sarkasmus, für die Snape stets berüchtigt gewesen war.
Am nächsten Morgen, dem Weihnachtsmorgen, stand Hermine frühzeitig auf und kochte sich ihren morgendlichen Tee. Sie hatte sich fest vorgenommen, so schnell als möglich an Snape zu schreiben, vielleicht erreichte ihn der Brief dann ja noch pünktlich zu Weihnachten. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und griff zu Feder und Pergament.
Lieber Professor Snape,
ich hoffe, dass Sie dieser Brief noch pünktlich zu Weihnachten erreicht. Ich habe es leider nicht geschafft, Ihnen früher zu schreiben, habe Sie aber nicht vergessen. Deswegen wünsche ich Ihnen an dieser Stelle frohe Weihnachten und gesegnete Feiertage!
Ich hatte vor, diese Feiertage entweder bei meinen Eltern oder bei Ron und Harry zu verbringen, aber wie es scheint bin ich alleine auf mich gestellt sitzen gelassen worden. Können Sie sich das vorstellen? Ich glaube, das wird das tristeste Weihnachtsfest, das ich je erlebt habe. Alle fahren weg, nur ich bleibe übrig. Ich finde das schon ein wenig unfair. Ich kann mir aber schon vorstellen, was Sie dazu zu sagen hätten, sogar den Tonfall kann ich mir lebhaft vorstellen. Es wäre schön, jetzt mit Ihnen persönlich reden zu können, ich denke oft an den Abend, als wir zuletzt essen gegangen sind. Ich hatte immer die Hoffnung, dass wir diesen Abend wiederholen könnten, aber das hat wohl nicht sein sollen.
Ich hatte sogar schon den Gedanken, dass ich Sie zu Weihnachten in Hogwarts besuche, ich habe die Große Halle so festlich hergerichtet immer geliebt. Und wenn Sie da sind, dann hätte ich ja wenigstens Sie um Dispute jeder Art zu führen. Nur seien Sie versichert, dass ich mich nicht mehr von Ihrer Art einschüchtern lassen würde, inzwischen habe ich einiges dazugelernt!
Wäre es vermessen zu sagen, dass ich Sie jetzt gerne um mich hätte und Sie vermisse?
Herzlichst,
Hermine Granger
Hermine las sich den Brief noch einmal durch und erbleichte. Den konnte Sie unmöglich so abschicken! Warum zur Hölle hatte sie all das geschrieben?! Weil es stimmt, du dummes Schaf! Sie blickte aus dem Fenster und unterdrückte die Tränen. War es das also, das sie manchmal um den Schlaf brachte? Snape? Wollte sie sich das einfach all die Wochen nicht eingestehen? Sie erinnerte sich wieder lebhaft an den Abend im Restaurant vor etwas mehr als zwei Monaten, an den Mann, den sie dort erst kennengelernt hatte. Hastig drehte sie sich um und verließ die Küche. Sie ging auf geradem Weg in das Wohnzimmer, griff sich dort ihre Kuscheldecke, und verkroch sich mit ihren Gedanken auf dem Sofa. Oh, warum musste sie gerade jetzt allein sein? Ein wenig Ablenkung würde ihr sicherlich guttun. Sie griff sich ein Buch, den neuesten Roman einer Muggelautorin, und versuchte zu lesen, aber immer wieder wanderten ihre Gedanken ab. Sie schaltete den Fernseher ein, musste aber feststellen, dass alle Sender nur fröhliche Familiensendungen zeigten, und die machten ihr nur noch mehr klar, dass sie Weihnachten alleine auf dem Sofa saß.
Es war schon kurz nach 17 Uhr, als es energisch an ihre Tür klopfte. Hermine rappelte sich auf und erwartete einen ihrer Nachbarn zu sehen, die Plumpudding vorbeibrachten, doch es war Snape. Ausgerechnet. „Darf ich hereinkommen, Miss Granger, nur kurz?“ Hermine machte die Tür weiter auf und ließ Snape hinein. Sie wohnt also tatsächlich wie ein Muggel, warum nur überrascht mich das nicht? „Ich möchte Sie auch nicht lange belästigen, aber da meine Eule zur Zeit ein wenig im Stress war möchte ich Ihnen die Weihnachtskarte selbst überbringen. Dann kommt sie wenigstens pünktlich an.“ Hermine sagte weiter nichts, sie wusste auch nicht was sie hätte sagen können, sondern griff nur nach der Karte in Snape’s Hand. Vorsichtig machte sie sie auf. Es war eine typische Weihnachtskarte für Zauberer, vorne sah man Misteln (echte natürlich) und kleine Glöckchen, die fröhlich Jingle Bells klingelten. Innen drin standen in Snape’s typischer verschnörkelter Handschrift die Worte „Frohe Weihnachten, Miss Granger, und Gesundheit und Glück für das neue Jahr!“ Eigentlich nichts besonderes, aber diese Karte war ihm die Mühe wert, sie persönlich zu überbringen. Für Hermine war diese Karte ein Schatz, auch wenn sie das nie zugegeben hätte.
„Vielen Dank, Professor, ich hatte nicht damit gerechnet... Ich hab ja gar nichts für Sie! Wollen Sie denn wenigstens einen Tee mit mir trinken? Das ist ja wohl das Mindeste, was ich anbieten kann... Gehen Sie doch schon einmal ins Wohnzimmer, ich koche nur schnell welchen, ja?“ Und schon verschwand Hermine in der Küche. Snape ging in das Wohnzimmer und sah sich interessiert um. Ja, diese Wohnung passt zu ihr. Unmengen an Muggelgerätschaften, und noch viel mehr Bücher... Er sah den Schreibtisch und das Pergament, das noch immer darauf lag. Neugierig trat er näher.
Als Hermine aus der Küche zurückkam, mit einer Teekanne und zwei Bechern in der Hand, stand Snape mitten im Raum und sah sie an. Er konnte noch immer kaum glauben, was er da gerade gelesen hatte. Sie und ihn vermissen? Wohl kaum! Und warum hatte sie den Brief denn dann nicht abgeschickt, wenn dem wirklich so wäre? Schwungvoll setzte Hermine die Kanne und die Becher auf dem Tisch ab, um das Zittern ihrer Hände zu überspielen. Zeitgleich fühlte sich Snape wie erstarrt. „Der Tee ist fertig! Setzen Sie sich doch, ja?“ Sie lächelte ihn an, als ob nichts los wäre, aber Snape wusste es besser. Auch wenn er es nicht wahrhaben wollte. Sollte sie vielleicht doch... Nein, bestimmt nicht, ein für alle Mal, nein! „Professor, ist alles in Ordnung mit Ihnen? Sie sehen ein wenig blasser aus als sonst, und das soll schon etwas heißen...“ Jetzt versucht sie auch noch Scherze zu machen... Grundgütiger Merlin... Hermine stand inzwischen direkt vor ihm. „Professor Snape?“ Snape versuchte etwas zu sagen, aber es kam kein Ton heraus. Er räusperte sich kräftig, und versuchte es dann erneut. „Hermine, es tut mir leid, wenn ich hiermit alles durcheinander bringen sollte...“ und küsste sie sanft auf den Mund. Hermines Herz schlug ihr bis zum Halse. Oh Gott, passiert dies wirklich gerade? Sollte er... ich meine... oooohhh! Vorsichtig erwiderte sie diesen Kuss. Staunend sahen die beiden sich lange Zeit an. War es das, was sie beide verband? Severus Snape nahm Hermine vorsichtig in den Arm, noch immer voller Staunen. „Nun, Hermine, was ist es, das Du immer schon über mich wissen wolltest?“
Ende