Die Stadt des Lichts

Teile 9-12
(neue Systematisierung der Autorin)

von

Centauria




Feedback: Centauria




Die Stadt des Lichts – Teil 9


Es war in einer lauen, fast noch heißen Nacht Mitte August, als man eine hübsche junge Frau die Straßen von London entlang schlendern sehen konnte. Ihr Gang war beschwingt, ihre Augen blickten sich wach in der Gegend um. Sie war zweifellos ein Blickfang, auch wenn ihr das selber nicht wirklich bewusst zu sein schien. Das Auffälligste an ihr war wohl ihre Frisur, die in einem ziemlich schrillen pink zu wild abstehenden Schnecken aufgedreht war und das hübsche Gesicht mit den dunkel geschminkten, braunen Augen fast verblassen ließ.

Tonks sah sich in der ungewohnten Umgebung um. Sie kam nicht oft nach Muggellondon, wenn sie nicht gerade ein Anfall von Einkaufslust überfiel. Doch heute brauchte sie dringend Abwechslung; die letzten Wochen waren für sie nicht einfach gewesen. Sie hatte schon lange geahnt, dass Harry sich in Ginny verliebt hatte, aber als er es ihr letztendlich auf dem Fest von Lugnasadh bestätigt hatte, war es doch ein kleiner Stich für sie gewesen. Sie war sich nicht sicher, ob es die pure Eitelkeit war, die an ihr nagte, weil er sich doch so bald nach ihrer Trennung in eine andere verliebt hatte (und dann auch noch in Ginny, mit der er ohnehin schon während sie noch ein Paar gewesen waren, etwas gehabt hatte...) oder ob sie doch noch emotional an ihm hing.

Nicht, dass Tonks etwas gegen Ginny persönlich hatte; soweit sie es verfolgt hatte, war die jüngste Weasley in den letzten Jahren zu einer sehr patenten jungen Frau geworden, aber mit Harry hatte Tonks immerhin ihre bisher längste Beziehung geführt...

Nein, sie wollte heute Abend nicht mehr darüber nachdenken; sie hatte Benedict, ihren kleinen Sohn, Hermine übergeben und wollte diese Nacht nur für sich genießen; ohne Trauer über vergangene Lieben und ohne Gedanken an neue Beziehungen ... sie wollte einfach etwas Spaß haben.

Früher war sie mal eine regelrechte Partyratte gewesen. Als sie noch auf Hogwarts war, hatte sie ständig mit Freundinnen heimlich kleine Feten im Schloss organisiert, die irgendwann zum Kult ihres Jahrgangs geworden waren. Immer wieder hatten sie neue, versteckte Räume entdeckt, die sie für ihre Zwecke nutzten und es war regelrecht zu einem Sport geworden, immer geeignetere Zimmer zu finden, so dass sie für Lehrer noch schwerer aufzuspüren waren. Dann, während ihrer Ausbildungszeit zur Aurorin, hatte sie ihre ehemaligen Mitschülerinnen häufig auf Feste und in Discos geschleppt. Doch mit dem Berufsalltag und der ständigen großen Verantwortung war sie ruhiger geworden; erst recht seit sie mit Harry zusammen gewesen war.

Es war mittlerweile dunkel und vor der Disco in einer der Hauptstraßen, die in London auch nachts noch rege befahren war, tummelten sich einige junge Leute, die auf den Einlass warteten. Tonks spürte eine fast kribblige Vorfreude in ihrem Bauch, als sie sich hinten anstellte. Endlich mal wieder richtig tanzen!

Die Leute hier waren zwar alle etwas jünger als sie mit ihren im Dezember diesen Jahres immerhin schon dreißig Jahren, doch das fiel in der Dunkelheit und bei ihrem schrillen Outfit nicht großartig auf. Vor ihr standen zwei junge Frauen, vielleicht um die zwanzig, die sich lebhaft über Kosmetikartikel unterhielten. Tonks lauschte einen Augenblick amüsiert, dann tippte sie einer der beiden von hinten auf die Schulter.

Hi!“, grüßte sie freundlich, als die junge Frau sich umdrehte, „Sagt mal, wisst ihr, was hier so für Musik läuft?“

Die beiden Frauen musterten Tonks mit unverhohlener Skepsis von den pinkfarbenen, gestylten Haaren über ihr in Neonfarben leuchtendes Top hinunter zu den roten Lederhosen mit dem breiten Hüftgürtel.

Nichts, was deinem Geschmack entsprechen dürfte!“, sagte die Kleinere der beiden schließlich reichlich abweisend. Tonks gluckste.

Ach, weißt du, da bin ich ziemlich flexibel!“

Schrill trifft es wohl besser!“, flüsterte die Größere ihrer Freundin zu und drehte sich demonstrativ wieder nach vorne. Ein lautes, ploppendes Geräusch ließ sie allerdings schnell wieder herumfahren ... doch dort, wo eben noch die seltsam gestylte Frau gestanden hatte, war nun Leere.

Wo ist die Tussi denn hin?“, fragte die Größere irritiert und blickte sich suchend um. Doch außer einiger niedriger Büschen und vereinzelter Straßenlaternen war die Straße hinter ihnen leer. Nur in der Ferne sah man eine alte Frau mit ihrem Hund spazieren gehen. Die Kleinere zuckte desinteressiert mit den Schultern und drehte sich wieder zu der wartenden Schlange um.

Tonks hingegen war mitten in die tanzende Menge im Inneren der Disco appariert. Sie wusste, dass Magiern so ein riskantes Verhalten inmitten von Muggeln verboten war, als Aurorin sollte sie diese wichtigen Gesetze eigentlich auch befolgen, aber ihr war heute einfach danach, etwas Ausgeflipptes zu tun und in der Überfülle der Tanzfläche fiel es niemandem auf, dass sie wie aus dem Nichts plötzlich in einem der Käfige, in denen man eine besondere Tanzshow hinlegen konnte, aufgetaucht war.

Ein alter Song aus den achtziger Jahren schallte mit mächtigen Bässen durch den Raum; Tonks kannte ihn sehr gut. Ständig hatte sie ihn in ihrer Jugend mit ohrenbetäubender Lautstärke gehört und lauthals mitgesungen. Es war der Titel „Girls just wanna have fun“ und Tonks jubelte freudig, als sie das Lied erkannte.

Sie war allein in dem Käfig und begann ohne Hemmungen, wild zu tanzen. Einige ihrer pinkfarbenen Haarknötchen lösten sich, als sie ihren Kopf stürmisch hin und her warf und wippende bunte Löckchen umtanzten ihr Gesicht, während sich ihr ganzer Körper in Musik zu verwandeln schien. Ihre Beine waren es gewohnt, zu Rhythmen zu tanzen, ihre Hüften liebten den Schwung der Musik und ihre Arme machten mal anmutige, mal unkontrollierte Bewegungen. Es dauerte nur wenige Takte, bis Tonks die Aufmerksamkeit einiger junger Männer auf sich gezogen hatte, doch das interessierte sie nicht besonders. Sie tanzte nur für sich, nicht für die Männer, die ihre Bewegungen ganz eindeutig als anzüglich deuteten, besonders als sie sich an den Gittern des Käfigs festhielt und breitbeinig in die Hocke ging, um sofort wieder schwungvoll hoch zu schnellen und sich, wild ihre Hüften schwingend, im Kreis drehte.

Sie hörte ein Pfeifkonzert unter sich losgehen und grinste kurz, ohne die Verehrer eines Blickes zu würdigen. Einer der Männer hatte anscheinend schon genug getrunken, um den Mut zu besitzen, einfach zu ihr in den Käfig zu krabbeln. Überrascht fand sich Tonks bei der nächsten Drehung direkt in seinen Armen wieder. Sie lachte und befreite sich galant aus seinen Fängen, dann gab sie ihm einen sanften Stoß vor die Brust und er fiel rückwärts wieder aus dem Käfig hinaus. Die unten stehenden Männer fingen ihn (mehr oder weniger freiwillig) auf und sie ließ ein herausforderndes Lächeln über ihre Fanschar huschen, bevor sie sich wieder auf die Musik konzentrierte.

Am anderen Ende des Raums betraten gerade die beiden Freundinnen aus der Warteschlange die Tanzfläche und bekamen ihre Münder kaum noch zu, als sie Tonks entdeckten.

Hey, Schnecke! Komm doch mal runter zu uns!“, brüllte gerade einer der Männer zu Tonks hoch.

Und wovon träumst du nachts?“, rief sie zurück und registrierte beiläufig, dass es sich bei dem Mann durchaus um ein attraktives Exemplar handelte.

Von dir natürlich!“

Sie lachte und erspähte dann durch Zufall an der Bar eine Frau, die die tanzenden und grölenden Menschen gelassen und etwas amüsiert betrachtete. Sie hielt einen Cocktail in der einen Hand, eine Zigarette in der anderen und schaute anscheinend schon eine geraume Weile zu Tonks hinüber, denn nun, als ihre Blicke sich trafen, hob sie kurz eine Augenbraue und schmunzelte ein wenig, bevor sie ihr Glas andeutungsweise in Tonks´ Richtung hob, als wolle sie ihr zutrinken und dann langsam ihre Lippen um den Strohhalm ihres Cocktails schloss.

Tonks grinste; sie fühlte sich heute zu allen Schandtaten aufgelegt. Behände sprang sie inmitten die Ansammlung von Jungs unter ihrem Käfig und steuerte dann, ohne einen ihrer Verehrer noch näher zu beachten, gezielt auf die Frau zu, die ihr erwartungsvoll entgegenblickte.

Hallo!“, rief sie über den Lärm hinweg und blieb vor ihr stehen.

Hallo!“ Die Frau lächelte ein wenig. Sie mochte in Tonks´ Alter sein, maximal Mitte Dreißig. Sie hatte dickes, braunes Haar, das ihr in glänzenden Locken bis knapp über die Schultern reichte. Die dunklen Augen funkelten in einem anziehenden, wenn auch nicht klassisch schönem Gesicht. Sie strahlte eine natürliche Würde und Gelassenheit aus, die sehr fesselnd wirkte. Tonks ließ sich neben ihr auf einem der Barhocker nieder.

Du hast die Jungs ja schwer beeindruckt!“ Die Frau hatte sich zu ihr rübergebeugt, um in ihr Ohr sprechen zu können. „Die armen Teenies kriegen heut Nacht bestimmt alle feuchte Träume!“

Tonks lachte laut schallend auf.

Wieso arm?“, rief sie fröhlich zurück. „Sollen sie sich doch freuen!“

Na, ich weiß nicht!“ Die Frau blickte sie nun aus ihren funkelnden, braunen Augen direkt an. „Nichts gegen orgiastische Träume, aber dass bei Männern immer gleich das ganze Laken einsauen müssen...“

Tja ja, Frau zu sein hat Vorzüge!“ Tonks grinste und winkte dem Barkeeper zu. „Einen Erdbeer-Rum-Cocktail bitte!“

Kommt sofort, schöne Frau!“, brüllte er über die Musik hinweg zurück.

Herzchen, wenn ich schön aussehen will, dann style ich mich anders!“, erwiderte Tonks lachend und drehte sich wieder ihrer neuen Bekanntschaft zu, die sie interessiert beobachtet hatte.

Wieso?“, fragte sie nun, „Die Haare sehen toll aus, das Top und diese Hose betonen deine Figur geradezu gefährlich; wenn du noch schöner aussehen würdest, würdest du die ganze Disco lahm legen, weil alle dich nur noch anstarren würden.“

Tonks lächelte charmant und wurde glatt ein wenig rot. Es war lange her, seit sie das letzte Mal bewusst mit einer Frau geflirtet hatte.

Bist du oft hier?“, fragte sie die andere neugierig.

Nee, zum ersten Mal. Ich bin auf ... na sagen wir mal Geschäftsreise hier in London und dachte, ich lass den Abend irgendwie relaxt ausklingen, nachdem ich den ganzen Tag öde Meetings mit ziemlich geizigen Kerlen hatte“, erklärte die junge Frau dicht an Tonks´ Ohr, weil man sich bei dem Lärm nur entweder laut schreiend oder dicht beieinander verständigen konnte. Der Duft eines recht teuren Parfums stieg Tonks in die Nase und sie betrachtete die großen, dunklen Augen aus der Nähe. Sie waren hübsch geschminkt, ansonsten wirkte das Gesicht aber sehr naturbelassen mit seinem leicht gebräunten Teint, der auf südliche Abstammung schließen ließ; vielleicht Mittelmeerraum, vermutete Tonks.

Tanzen wir?“, wurde Tonks da von hinten angebrüllt. Ein junger Mann, bestimmt fünf Jahre jünger als sie selbst und seinem unsicheren Stand nach zu urteilen schon reichlich in Cocktails gebadet an diesem Abend, grinste sie jungenhaft an.

Nee, lass mal, Schatzi“, rief Tonks zurück und wandte sich wieder der braunhaarig gelockten Frau zu, die sie amüsiert anlächelte.

Nicht mehr in Stimmung zum Tanzen?“

Das hab ich nicht gesagt!“, erwiderte Tonks grinsend und reichte der anderen galant die Hand. Die beiden erregten einiges an Aufsehen, als sie die Tanzfläche betraten und, sofort perfekt miteinander harmonierend, zu tanzen begannen.

Es war Tonks, die nach vier Songs als erste außer Puste geriet, was sie selber fast schockierte; sie war früher dafür bekannt gewesen, keinen Tanz auszulassen und das über Stunden, wenn es sein musste. Sie war eindeutig außer Training und die Schwangerschaft letztes Jahr hatte zusätzlich an ihrer Kondition genagt.

Lass uns noch was trinken, ja?“, rief sie ihrer Begleiterin atemlos zu. Doch diese hielt sie an beiden Hände fest und lächelte sie an. Dann zog sie sie ein Stück zu sich heran.

Ich wohne in einem ganz reizenden Hotel nur etwa zehn Minuten zu Fuß von hier. Da kann man auch etwas trinken ... wenn man will.“ Ihr Lächeln war bezaubernd und ihre großen, braunen Augen verführerisch. Tonks spürte einen Fahrstuhl in ihrem Bauch auf und ab fahren. Es war wirklich lange her, seit sie mit Frauen zuletzt so ausgelassen geschäkert hatte ... und ein bisschen Nervosität machte sich in ihr breit. Sie blickte der anderen einen Moment schweigend in die Augen, als wolle sie so herausfinden, ob sie auf diesen eindeutigen Verführungsversuch eingehen wollte oder lieber nicht. Doch ehe sich es sich versah, hatte die andere ihr eine Hand ins Kreuz gelegt und drückte sie nun mit ziemlicher Entschlossenheit an sich heran.

Oder magst du nicht?“, fragte sie sanft und noch immer bezaubernd lächelnd. Tonks musste schmunzeln.

Wer könnte denn da widerstehen?“, fragte sie kokett und selbst ihr ungestümes Naturell war überrascht, als sie keine drei Sekunden später die weichen, sanften Lippen der anderen auf den ihren spürte. Tonks konnte sich ein kurzes Grinsen nicht verkneifen; die unbekannte Schöne wusste zweifellos, was sie wollte. Tonks mochte diese Art an Menschen, ja, sie fand sie sogar verführerisch. Sie schloss die Augen, um sich dem ungewohnten Gefühl des Kusses dieser Fremden in der reizüberfluteten Umgebung hingeben zu können. Die Lippen schmeckten nach süßlichem Cocktail und waren sanft wie der Flügelschlag eines Schmetterlings auf ihrer Haut. Die Lippen umfingen sie behutsam, achtsam und ohne jegliches Drängen, als wollten sie lediglich mal anfragen. Es war Tonks, die als erste die Lippen ein Stück weit öffnete und auch dann noch hielt die andere sich zurück. Richtig, es war diese spezielle Art der Sinnlichkeit gewesen, die sie an weiblichen Küssen immer so prickelnd gefunden hatte. Tonks lächelte in den zärtlichen Kuss hinein. Um sie herum grölten einige ziemlich betrunkene Männer haltlos und ekstatisch. Immer wieder schrien sie „Ausziehen!“ „Ausziehen!“ und „Ja! Los! Runter mit den Klamotten!“ und „Ja, steck der Ollen die Zunge in den Hals, Baby!“. Einige besonders dreiste Exemplare fragten auch laut schreiend an, ob man nicht mal zu dritt auf die Toilette verschwinden könne und das in erschreckend eindeutiger Wortwahl. Irgendwann wurde es Tonks zu viel und sie machte sich von dem Kuss los, um den aufgeheizten, jungen Männern einen ermüdeten Blick zu zuwerfen.

Och, Jungs, jetzt ist doch aber auch langsam mal gut, oder?“, rief sie. „Wir werden uns definitiv nicht hier ausziehen und auch keinen von euch mitnehmen, oder?“ Sie blickte ihrer Gegenüber in die Augen, ein Fünkchen von Schalk und Erotik sprühte zwischen ihnen. Ihre Begleiterin schüttelte den Kopf und Tonks hakte sich bei ihr ein.

Okay, lass uns gehen!“

Das Pfeifkonzert der Männer verfolgte sie noch bis vor die Tür, wo die erfrischende, milde Nachtluft sie wie ein schwarzer Mantel umfing.




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Es war ein sonniger Sonntagmorgen und Hermine war dem kleinen Benedict fast dankbar, dass er sie mit einem ziemlich herzzerreißenden Geschrei schon um sieben Uhr früh aus dem Bett jagte.

Die Sonne strahlte in ihr Schlosszimmer und Hermine streckte sich gähnend, bevor sie mit einem Satz aus dem Bett sprang und zu dem kleinen Kinderbettchen ging, in dem ihr Pflegekindchen auf allen Vieren hockte und aus Leibeskräften brüllte, während große Tränen über seine roten Wangen kullerten.

Hey, Benedict!“, sprach sie ihn sanft an und fasste unter seine Ärmchen, um ihn hochheben zu können. „Was ist denn los? Vermisst du die Mama?“ Sie schnupperte kurz an ihm und rümpfte die Nase. „Oh! Schmutziger Popo, was?“ Sie grinste ihn an und legte ihn auf ihrem Couchtisch ab, um ihm die Windeln auszuziehen.

Hey Mum!“, grüßte da ihr eigener Spross und stürmte aus seinem Zimmer zu ihr hinüber. Er hatte noch seinen grünen Schlafanzug an, den er von Severus zu seinem letzten Geburtstag geschenkt gekriegt hatte. Der Pyjama war ihm längst wieder zu klein, doch Adrian weigerte sich beharrlich, einen anderen auch nur anzuprobieren. Dieser hier musste es sein und Hermine hatte die Befürchtung, dass er ihn noch in seiner eigenen Hochzeitsnacht tragen würde. Zweifelsohne war der Pyjama sehr schön: Er war mit beweglichen Bildern aus einem Urwald verziert und zwischen den hellen und dunklen Grüntönen sah man immer wieder einen bunten Vogel aufflattern und im dichten Laubwerk verschwinden.

Pfui! Was stinkt denn hier so?“, fragte Adrian, als er sich seiner Mutter und Benedict näherte.

Benedicts Po!“, erwiderte Hermine trocken, während sie nach ihrem Zauberstab griff und ihn auf eben diesen stinkenden Po richtete. „Ratzeputz!“

Bäh! Das ist ja eklig!“, kommentierte Adrian näselnd, weil er sich demonstrativ die Nase zuhielt.

Du hast früher auch nicht besser gerochen!“, versicherte ihm Hermine.

Ich hab mal in die Hosen gemacht?“, empörte sich Adrian und sie musste lachen.

Oh ja, mein Großer, bis du so ungefähr zwei Jahre alt warst, hast du ziemlich regelmäßig und verlässlich in die Windeln gemacht!“

Und hört Benni damit auch noch auf?“, vergewisserte sich Adrian vorsichtshalber und ließ die Finger wieder von seiner Nase sinken, um vorsichtig Probe zu schnüffeln, ob die Luft wieder rein war.

Impervius!“, murmelte Hermine, um das kleine, etwas gerötete Hinterteil des Babys wasserabweisend zu machen und so vor Entzündungen zu schützen. Dann blickte sie ihren Sohn an.

Sicherlich hört er damit auch auf! Und nenn ihn nicht immer Benni, du weißt, Harry mag das nicht!“

Aber Be-ne-dict ist so lang!“, maulte Adrian und schaute auf das frisch gewindelte, strahlende Baby vor sich.

Komm, wir gehen runter, frühstücken!“, forderte Hermine ihn auf. „Und wenn du Lust hast, können wir danach in den Wald gehen.“

Musst du nicht arbeiten?“, fragte Adrian freudig. Seine Mutter schüttelte den Kopf und hob Benedict hoch.

Darf ich ihn tragen?“, bettelte Adrian und hielt seine Arme auf. Hermine blickte ihn kurz abwägend an.

Komm schon, Mum! Tonks lässt mich auch immer!“, versuchte er, seine zögernde Mutter zu überzeugen. Schließlich lächelte sie und legte das Baby vorsichtig in Adrians Arme. Sie ging vor und hielt dem ganz behutsam laufenden Adrian, der das ihm anvertraute kleine Menschlein in seinen Armen nicht aus den Augen ließ, die Tür auf. Auf dem Weg zur Treppe kam ihnen Draco entgegen und blickte sie mürrisch an.

Morgen Draco!“, grüßte Hermine.

Morgen!“, gab er knurrig zurück.

Morgen Brummbär!“, feixte Adrian, blickte dann aber schnell wieder auf die Stufen vor sich, um ja nicht zu stolpern.

Sei nicht immer so unverschämt, du Rotzlöffel!“, fuhr Draco ihn an.

Dann sei du nicht immer so muffig, du Dönzbacke!“, murmelte Adrian leise vor sich hin und Hermine musste sich hinter ihm mühsam das Lachen verkneifen.

Süßer, konzentrier dich bitte auf die Treppe, ja?“, gebot sie ihm.

Im Esszimmer trafen sie einen übermüdeten und etwas staubig aussehenden Harry, der über einer Tasse Tee hing und mit kleinen Augen die Überschriften des Tagespropheten überflog.

Morgen Harry!“ Hermine lächelte ihm zu. Harry gähnte ausgiebig.

Hi Mine! Hi Adrian!“, sagte er dann und schaute ihnen träge entgegen. Doch dann runzelte er überrascht die Stirn. „Was macht ihr denn mit Benedict?“

Tonks ist gestern Abend ausgegangen und weil du ja Nachtschicht hattest, hat Benedict bei mir geschlafen“, erklärte Hermine und setzte sich Harry gegenüber hin, während Adrian Harry seinen Schützling übergab.

Tonks ist ausgegangen?“, wiederholte der perplexe Vater ungläubig und griff automatisch nach der Flasche mit warmer Milch, die ihm Dracos Hauself Twinker pflichtbewusst in die Hand drückte.

Ja, darf sie nicht?“, fragte Hermine etwas gereizt. „Nur weil sie jetzt Mutter ist, heißt das ja wohl nicht, dass sie sich nicht mehr amüsieren darf, oder?“

Ist ja, gut, Hermine! Komm wieder runter! So hab ich das doch gar nicht gemeint!“, murrte Harry und schob Benedict den Nuckel in den Mund. Doch der Kleine schien diese nachlässige Behandlung übel zu nehmen, spuckte den Nuckel sofort wieder aus und den Schluck Milch gleich hinterher.

Bäh!“, rief Harry entsetzt und schreckte zurück, als die Milch zielsicher sein Gesicht traf. Draco lachte hämisch und Harry gab ein wütendes Geräusch von sich.

Harry, du machst das voll falsch!“, beklagte Adrian, der noch immer neben Harrys Stuhl stand und das Baby beobachtete. Tonks hatte ihn den Kleinen oft füttern lassen, wenn sie auf Adrian aufgepasst hatte und er freute sich jedes Mal wie ein Schneekönig, wenn Benedict ihn erwartungsvoll anstrahlte, sobald er seine Milchflasche sah.

Wo ist Tonks denn hin?“, fragte Harry, Adrians Protest ignorierend.

In irgendeine Disco nehme ich mal an; sie sagte was von Tanzen gehen“, erklärte Hermine nicht besonders auskunftsfreudig.

In eine Disco?“, wiederholte Harry anscheinend fassungslos.

Musst du alles noch mal nachplappern, was ich gerade gesagt habe?“, fuhr Hermine ihn ungeduldig an.

Entschuldige mal, aber ich werde ja wohl noch erstaunt sein dürfen! Tonks war nie in einer Disco, als wir noch zusammen waren!“, rechtfertigte er sich bockig.

Aber ihr seid ja nicht mehr zusammen!“, erinnerte Hermine ihn zuckersüß und wieder gab Draco ein Geräusch von sich, das ziemlich schadenfroh klang. Harry warf ihm einen bissigen Blick zu. Er hatte ohnehin eine ungemeine Wut auf Malfoy, weil er vermutete, dass er es nur dem zu verdanken hatte, dass Ginny sich seit Lugnasadh nicht mehr bei ihm gemeldet hatte. Er konnte nicht wissen, dass der andere ebenso sehnsüchtig auf eine Nachricht des heißbegehrten Rotschopfes wartete...

Benedict schrie nun wie am Spieß, weil er einerseits Hunger hatte und andererseits unglücklich darüber war, von seinem Vater einfach ignoriert zu werden. Harry stöhnte überfordert auf und blickte zu dem kleinen, buntgelockten Jungen hinab. Benedict hatte es immer noch nicht gelernt, zu kontrollieren, wie sich sein Äußeres veränderte. Madam Pomfrey hatte während einer der nachgeburtlichen Untersuchungen gesagt, dass sich das vermutlich auch erst mit zwei bis drei Jahren, wenn das explizite Gedächtnis einsetzte und die Energie von der reinen Emotion hin zu Denk- und Kombinierfähigkeit wechselte, geben würde.

Lass doch Adrian ihn füttern!“, schlug Hermine vor, „Der macht das so gern und ich glaube, die beiden verstehen sich gut!“

Harry nickte und hielt Adrian den Kleinen. Adrian strahlte glücklich und setzte sich schnell auf den Stuhl neben Harry, bevor er sich Benedict in die Arme legen ließ. Dann griff er nach der Flasche.

Oh! Mama, die ist zu heiß, die Milch! Kannst du die kühler hexen?“

Hermine lächelte mit einem gewissen Stolz über ihren klugen und fürsorglichen Sohn und schwenkte ihren Zauberstab über die Flasche.

Besser?“

Adrian nickte und blickte dann zu Benedict hinab.

So, Benni, dann lass es dir schmecken!“, sagte er leise und schob dem Winzling den Nuckel zwischen die Lippen. Freudig schmatzend begann Benedict nun, zu saugen und Adrian schaute ihm verzückt zu.

Morgen zusammen!“, grüßte da eine völlig übernächtigt und zerzaust aussehende Tonks. Ihre pinkfarbenen Locken waren nur noch vereinzelt zu kleinen Knötchen aufgedreht; überwiegend baumelten sie ihr wirr ins Gesicht. Die Schminke sah hier und da etwas verwischt aus um die Augen und ihre Lippen wirkten sehr gerötet. Das bunte Top hatte sie links herum an und ihre Augen waren winzig, so müde schien sie zu sein, doch aus ihrem Gesicht strahlte ein ziemlich spitzbübisches Lächeln. Harry musterte sie einmal von oben bis unten. Sein Blick blieb kurz an der Naht ihres Tops hängen, er runzelte die Stirn und blickte ihr dann wieder in die Augen.

Du hast dein Oberteil falsch herum an!“, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen.

Oh!“ Tonks blickte an sich hinab, errötete ein wenig und grinste dann in die Runde. Ihr Blick blieb an Adrian hängen. „Och, das ist aber lieb, dass du dich um Benni kümmerst!“, sagte sie vergnügt.

Benedict!“, murmelte Harry, „Er heißt Benedict!“

Was bist du denn so mufflig, heute, mh?“ Sie wuschelte mit allen fünf Fingern durch Harrys Haare, als sie an ihm vorbei ging, um sich dann neben Adrian auf einen Stuhl fallen zu lassen.

Du könntest ja nur auch mir Bescheid sagen, bevor du die Nacht über Party machst und unseren Sohn einfach in Pflege gibst!“, ließ Harry nun seinem Ärger freien Lauf.

In Pflege?“, wiederholte Tonks erstaunt. „Er war bei Hermine!“

Harry sah unzufrieden zwischen den beiden Frauen hin und her, schien aber kein angemessenes Gegenargument zu finden und erhob sich schließlich.

Ich muss erstmal schlafen!“, murmelte er und Tonks nickte.

Das glaub ich auch! Träum was Süßes!“

Danke!“, knurrte er, während er Richtung Haupthalle verschwand.

Mann, hat der Typ wieder eine Laune!“, ließ sich nun Draco vom anderen Ende der großen Tafel vernehmen.

Ja, wie gut, dass du immer so prima Laune hast, was Draco?“, feixte Tonks und zwinkerte ihm zu.

Sie erntete nur ein Schnauben und lachte.

Hast du dich gut amüsiert?“, erkundigte sich Hermine schließlich und Tonks blickte sie an.

Ja, durchaus!“, erwiderte sie lächelnd.

Anscheinend ziemlich gut, wenn sie sogar ihr T-Shirt dazu aus hatte!“, bemerkte Draco mit einem ziemlich anzüglichen Seitenblick zu Tonks. Tonks schmunzelte verschmitzt.

Das, mein Lieber, hat dich nun wirklich überhaupt nicht zu interessieren!“

Wieso nicht?“, schnappte er.

Na, immerhin sind wir verwandt und innerhalb von Familien sollte man Intimes doch eher...“

Was?“, unterbrach er sie und sah ernsthaft entsetzt aus. Tonks grinste noch breiter, als hätte sie auf diesen Moment lange gewartet.

Du wusstest das wirklich nicht, oder?“, fragte sie, doch so verwirrt, wie er dreinschaute, war diese Frage überflüssig. „Kein Wunder; der Rest der Familie hat meine Mutter damals für gestorben erklärt, als sie sich mit meinem Vater einließ“, erklärte Tonks.

Inwiefern sind wir verwandt?“, fragte Draco etwas heiser.

Du bist mein Cousin!“, meinte Tonks unbekümmert und griff nach einer Zimtschnecke.

Cousin?“, wiederholte Draco dumpf und starrte sie fassungslos an. „Du bist meine Cousine?“

Tonks lachte wieder vergnügt.

Ja, das folgt logischerweise daraus!“, sagte sie trocken. Hermine war nicht minder verblüfft über diese Enthüllung.

Also, dass du mit Sirius irgendwie verwandt warst, dass ist mir ja gerade noch so bekannt, aber dass Draco dein Cousin ist, hast du nie gesagt!“, mischte sie sich irritiert ein.

Nee?“, wunderte sich Tonks, „Mmmh, nun. Sirius war unser beider Großcousin, wir sind aber Cousin und Cousine ersten Grades; unsere Mütter sind ... waren ... Schwestern!“

Was?“, rief Draco entsetzt aus. „Warum weiß ich davon nichts?“

Nun, das wird daran liegen, dass die ganze Blackfamilie meine Mutter Andromeda für tot erklärt hat, als sie meinen muggelstämmigen Vater geheiratet hat!“, erklärte Tonks geduldig. „Das Beste, was ihr passieren konnte, wenn ihr mich fragt!“

Andromeda?“, wiederholte Draco fassungslos. „Ich habe eine Tante, die Andromeda heißt?“

Jap!“

Und meine Mutter war deine Tante?“

Ja, Draco, wird sie dann wohl!“, warf Hermine, ungehalten über seine Begriffsstutzigkeit, ein.

Und Bellatrix ist auch deine Tante?“, fragte Draco unbeirrt weiter.

Jap!“ Tonks schien unbeeindruckt von diesen Familienverhältnissen. „Ich hab aber weder Narcissa, noch Bellatrix in meiner Kindheit auch nur ein Mal zu Gesicht bekommen. Mit Bellatrix bin ich das erste Mal als Aurorin aneinander gestoßen ... als sie Sirius getötet hat ... und mich anschließend auch noch hat k.o. gehen lassen...“

Draco schaute etwas pikiert drein.

Aber du wusstest die ganze Zeit, dass wir verwandt sind?“, fragte er schließlich immer noch durcheinander. Er hatte sich stets mutterseelenallein gefühlt, nachdem seine Eltern gestorben waren und dabei war eine nahe Verwandte die ganze Zeit in seiner unmittelbaren Nähe gewesen; eine Tatsache, die er schwer in seinem Kopf auf die Reihe bekam. Gerade weil er Tonks von Anfang an gemocht hatte und sie so gänzlich gar nicht in das Schema passen wollte, das er seiner Familie zuordnen würde...

Meine Mutter hat mir irgendwann als ich fünfzehn oder so war erzählt, dass unsere Familie eigentlich viel größer ist, aber weder die Großeltern, noch die Tanten, Neffen, Onkel oder Cousins noch mit uns sprechen, beziehungsweise überhaupt nur von mir wissen, weil sie nach der Verlobung meiner Eltern den Kontakt abgebrochen hatten“, erzählte Tonks, die mittlerweile wieder ziemlich munter schien. „Von dir habe ich erst durch Harry erfahren, weil du ja in seinem Jahrgang warst und ich damals, als Harry in der Fünften oder so war, mal abkommandiert worden war, um ihn zu beschützen. Ja und da habe ich irgendwo deinen Nachnamen aufgeschnappt, wahrscheinlich als Harry mal wieder über dich hergezogen hat!“ Tonks grinste vielsagend. „Ich wusste, dass Tantchen Narcissa einen Malfoy geheiratet hatte, meine Mutter hatte oft genug darüber gespottet, dass ihre Schwestern nur in die reichsten und hirnamputiertesten Familien einheiraten würden ... und als das dann eintraf, konnte sie sich einen gewissen Hohn nicht verkneifen!“

Aber warum hast du nie etwas gesagt?“, wollte Draco wissen. Tonks lächelte ihn freundlich an.

Ganz einfach: Ich war mir ziemlich sicher, dass dich diese Tatsache nicht besonders glücklich machen würde!“, sagte sie dann aufrichtig. „Schließlich hat deine Familie die Verwandtschaft mit meiner Mutter stets als Schande betrachtet und so gut es ging totgeschwiegen.“

Draco nickte schweigsam.

Und warum hast du mir nichts gesagt?“, fragte nun auch Hermine, die ähnlich fassungslos wie Draco schien.

Das war nicht bewusst!“, versicherte Tonks. „Ich hab es selber oft ganz vergessen, weil Verwandtschaft für mich irgendwie etwas ist, was man seit Kindertagen kennt und Draco habe ich zwar während eurer Schulzeit manchmal gesehen, aber wirklich einander vorgestellt haben wir uns erst auf dieser Feier damals zu Rons und Bridgets Verlobung. Und da war ich schon weit über zwanzig und zu dieser Zeit noch eine völlig neue Bekanntschaft als nahen Verwandten einzuordnen, das ist ganz schön merkwürdig!“

Draco starrte Tonks nur stumm an, während Hermine gedankenvoll nickte.

Außerdem hab ich diesen Verwandtschaftssachen noch nie so große Bedeutung beigemessen“, fuhr Tonks fort. „Die sogenannten reinblütigen Zauberer sind doch alle irgendwie Cousins, Neffen, verschwägert oder sonst was.“

Hermine nickte wieder und warf Draco kurz einen etwas besorgten Seitenblick zu, als dieser seinen Blick nicht mehr von seiner neugewonnenen Cousine abwenden zu können schien.

Hey! Draco!“ Tonks stieß ihn über den Tisch hinweg an. „Stehst du jetzt unter Schock?“

Quatsch!“, murmelte er und schüttelte schnell den Kopf. „Ich find nur, du hättest es wirklich eher sagen können!“

Nun weißt du´s ja!“ Sie lächelte ihn an. Er nickte und erhob sich dann. Hermine blickte ihm nachdenklich hinterher und drehte dabei ihren Müslilöffel im Mund hin und her, um das Sahneyoghurt ablecken zu können. Dann steckte sie den Löffel gedankenverloren in ihre Kaffeetasse und blickte Tonks an.

Ich glaube, es war gut, dass er das erfahren hat!“, meinte sie und Tonks nickte.

Ein bisschen mehr familiärer Halt könnte ihm wirklich nicht schaden“, bestätigte sie, „Gerade, wenn...“ Sie brach ab und Hermine schaute sie wachsam an.

Wenn was?“, fragte sie drängend.

Naja, ich glaube, Harry hat sich wirklich in Ginny verknallt, meinst du nicht?“, gab Tonks zu bedenken, „Und wir wissen, was das letzte Mal passiert ist, als Draco die beiden nur in einer harmlosen Umarmung gesehen hat!“

Meinst du nicht, dass es nur mit diesem Buch zusammenhängt, was Harry empfindet?“, überlegte Hermine. Tonks zuckte mit den Schultern.

Mag sein, aber wir kennen auch den guten, alten Harry, nicht wahr? Er ist nicht besonders talentiert darin, Gefühle zu rationalisieren!“ Tonks grinste. „Er wird sich nicht dagegen wehren können und es wird ihm auch egal sein, woher die Gefühle nun wirklich kommen, solange er sie so intensiv empfindet!“

Aber Dumbledore hat doch schon an Ginny appelliert, Draco nicht zu verlassen!“, warf Hermine ein.

Ginny ist seit Jahren in Harry verliebt“, hielt Tonks entgegen und blickte Hermine dann verschwörerisch an. „Und wir beide wissen, wie schwer es ist, seinem Charme zu widerstehen, wenn er wirklich darauf anlegt, einen zu verführen!“ Sie zwinkerte der leicht errötenden Freundin zu. Hermine war es immer noch unangenehm, gerade von Tonks daran erinnert zu werden, dass sie sich mal von Harry hatte verführen lassen...

Soll ich noch mal mit Ginny reden?“, fragte sie schnell, doch Tonks schüttelte den Kopf.

Ich halte das nicht für richtig! Ich meine, die beiden haben sich schon geküsst! Was soll es denn bringen, wenn sie sich jetzt nacheinander verzehren und sich nicht bekommen? Das kriegt dann so eine „Romeo und Julia“ - Atmosphäre und das intensiviert solche Gefühle erfahrungsgemäß eher, als dass es sie abklingen lässt!“

Hermine nickte schließlich zustimmend.

Wer sind denn Romeo und Julia?“, fragte Adrian und beide Frauen fuhren zu ihm herum. Sie hatten bei ihrem Gespräch seine Anwesenheit völlig vergessen.

Ähm, das ist ein Liebespaar aus einem Roman. Nun zumindest glauben alle, dass es nur ein Roman war, man kann das ja nie so genau wissen!“, erklärte Hermine und Tonks lachte beipflichtend. „Sie durften einander nicht bekommen, weil ihr Umfeld, ihre Familien und Freunde dagegen waren, dabei haben sie sich leidenschaftlich geliebt!“

Und Harry und Ginny lieben sich jetzt auch so?“, erkundigte sich Adrian. Hermine schaute äußerst unbehaglich aus der Wäsche.

Nun weißt du...“ Sie blickte Tonks hilfesuchend an, doch diese zuckte nur mit den Schultern. „Adrian, ich bin ja sonst kein Freund davon, aber eigentlich ist dieses Thema ein Geheimnis, verstehst dDu?“

Du meinst, man darf das keinem erzählen? So, wie dass wir Magier sind?“, vergewisserte er sich.

Genau!“ Hermine nickte erleichtert.

Die arme Ginny!“, meinte Adrian irgendwann nachdenklich und streichelte Benedict, der satt und zufrieden auf seinem Schoß eingeschlafen war, gedankenverloren durch das Haar, das sich bei jedem schnorchelnden Einatmen des Kleinen blau und bei jedem Ausatmen rot verfärbte.

Warum?“, wollte Tonks wissen.

Naja, das muss doch sehr gemein sein, wenn man jemanden liebt und nicht mit ihm zusammen sein darf!“, begründete Adrian mitfühlend. Hermine lächelte ihn liebevoll an. „Aber warum liebt denn Ginny nicht mehr Draco? Und warum liebt Harry nicht mehr Tonks?“, fragte Adrian dann plötzlich.

Weil Gefühle sich im Laufe der Zeit ändern können“, erklärte Tonks sachlich. Adrian warf sofort einen wachsamen Blick zu seiner Mutter.

Aber Papa und du; eure Gefühle werden sich nie ändern, oder?“, fragte er so streng, dass Hermine sich wieder einmal sehr an Severus´ Tonfall erinnert fühlte.

Da habe ich im Augenblick keine große Hoffnung, nein!“, antwortete sie trocken und Tonks lachte quietschend auf.

Adrian, magst du mit Benedict schon mal raus in den Schlossgarten gehen?“, fragte Hermine dann wenig dezent, „Ich komm dann auch gleich nach!“

Adrian schaute sie missmutig an.

Jaja, jetzt kommen wieder die Themen, die ich nicht hören darf!“, kommentierte er scharfsinnig.

Sei nicht beleidigt! Du erzählst mir doch auch nicht alles! Erwachsene haben eben auch ihre Geheimnisse. Und manche davon weißt du ja sogar schon, weil du schon so ein großer Junge bist!“

Ist ja gut, Mum, ich geh ja schon!“ Er grinste sie an und umklammerte Benedict gewissenhaft, als er mit ihm in die große Halle verschwand.

Und pass auf, wenn du ihn durch den Rosengang trägst! Nicht, dass er sich kratzt!“, rief Hermine ihm hinterher.

Adrian passt immer sehr gewissenhaft auf!“, beruhigte Tonks sie, „Eher lässt er sich selber völlig zerkratzen, als dass er auch nur einen Dorn in Bennis Nähe kommen lässt!“

Hermine nickte lächelnd.

Ja, ich weiß, er liebt den Kleinen abgöttisch!“

So und nun willst du wissen, wie meine Nacht war und warum ich mein Top falsch herum an haben, richtig?“, fragte Tonks keck grinsend.

Wenn du es unbedingt erzählen willst, hör ich dir zu!“, erwiderte Hermine grinsend.

Also ich war in einer Muggeldisco in London“, begann Tonks „Die liegt ziemlich nah an der Hauptstraße beim Central Park, weißt du? Da, wo die Metro ist. Naja, ist ja auch egal. Die Disco war jedenfalls rappelvoll. Die Jungs ganz schnuckelig, bisschen grün noch hinter den Ohren, aber ganz süß. Ich hab da ein bisschen getanzt und nen paar Drinks genommen und dann wieder getanzt und...“

Tonks, komm zur Sache!“, unterbrach Hermine sie neugierig. Die Freundin grinste verschmitzt.

...und dann hab ich mich abschleppen lassen!“, endete sie trocken und lehnte sich betont relaxt auf ihrem Stuhl zurück, um sich den Rest ihres Zimthörnchens in den Mund zu schieben.

Du hast dich abschleppen lassen?“, wiederholte Hermine fast ungläubig, „Gleich so am ersten Abend?“

Tonks zuckte grinsend mit den Schultern.

Warum nicht? Wenn´s passt, dann passt´s!“

Hermine schaute sie etwas nachdenklich an, dann beugte sie sich über den Tisch und fragte:

Von wem denn?“

Tonks warf Hermine kurz einen Blick zu, ihre Mundwinkel zuckten, als könne sie sich nur mühsam das Lachen verkneifen. Sie kaute den Rest ihres Hörnchens und schluckte den Bissen hinunter.

Jetzt wirst du also doch neugierig, ja?“ Sie schmunzelte und zwei Grübchen kamen auf ihren Wangen zum Vorschein. Hermine nickte ungeduldig.

Natürlich! Also nun sag schon!“ Sie kroch noch ein Stück weiter über den Tisch auf Tonks zu, gerade so, als wolle sie dieser die Einzelheiten gleich aus der Nase ziehen. „Wie heißt er? Sieht er gut aus? Wie alt? Wie war er?“

Tonks sah kurz etwas unentschlossen aus, fast unsicher hätte man meinen können. Doch dann überwand sie sich.

Name: Vianne. Aussehen: Sehr apart. Alter: Um die dreißig und sie war großartig!“ Tonks mied für einen Moment Hermines Augen, weil sie sich vor deren Reaktion doch ein wenig fürchtete. Doch Hermine war für den Augenblick zu geplättet, als dass sie überhaupt hätte reagieren können. Sie starrte Tonks an, während sie deren Worte verdaute, ihre Augenbrauen zogen sich in die Höhe, bis ihre Stirn ganz gerunzelt war, einmal öffnete sich ihr Mund, doch bevor sie etwas sagen konnte, schloss sie ihn wieder und ihre Zähne schlugen aufeinander.

Scheint, als gäbe es mehrere Dinge, die du noch nicht von mir weißt!“, sagte Tonks schließlich sanft lächelnd. Hermine nickte, die Freundin noch immer anstarrend.

Du hattest was mit einer Frau?“, fragte sie schließlich vollkommen fassungslos.

Jap!“ Tonks lächelte sie noch immer offen und freundlich an. „Och komm schon, Minchen, du wirst doch jetzt nicht spießig werden!“

Ich? Nein!“ Hermine schüttelte wild abwehrend ihre Locken. „Ich ... ich bin nur etwas ... überrascht, weil ... nun ja, du hast noch nie erwähnt, dass du irgendwie...“ Sie brach ab und versuchte, ihre Verwirrung in den Griff zu bekommen. „Hat sich das gestern ... so ... zufällig ergeben oder hattest du früher auch schon mal...?“, setzte sie dann schließlich zu einem neuen Versuch an, das Thema zu besprechen, ohne vollkommen hinterweltlerisch zu wirken.

Es hat sich zwar irgendwie zufällig ergeben, aber ich hab früher auch schon mal etwas mit Frauen gehabt, ja!“ Tonks schien langsam Spaß an der Unterhaltung und besonders an Hermines offensichtlicher Verlegenheit zu finden. Sie grinste die Freundin verschmitzt an, als warte sie auf weitere Fragen.

Okay!“, meinte Hermine und schließlich siegte die Neugierde in ihr. „Und, wie ist das?“

Anders!“, erwiderte Tonks und lachte. Dann überlegte sie kurz. „Frauen flirten schon ganz anders; geschickter irgendwie und geistreicher. Sie küssen auch anders, berühren anders, verführen anders. Nicht immer besser, sehr selten schlechter, aber definitiv anders. Es gibt genauso wie bei Männern eher unsensible, plumpe Exemplare, wie...“ Sie überlegte kurz und kniff dabei angestrengt die Augen zusammen. „David! Genau, mein allererster Freund! Der war total plump! Und dann gibt’s aber auch solche, wo Frau völlig dahin schmilzt ... wie bei Harry zum Beispiel. Vianne war eher so der Dahinschmelztyp!“

Okay!“, machte Hermine wieder und versuchte krampfhaft, nicht rot zu werden, während sich Bilder vor ihrem inneren Auge aufbauten, von denen sie inständig hoffte, dass niemals jemand sie in ihrem Kopf finden würde...

Und was ... also ich meine, wie ... aber du willst jetzt nicht...“, stammelte sie und Tonks lachte hell auf.

Süße, was genau willst du sagen?“, fragte sie fröhlich und goss sich noch etwas Kaffee ein.

Seid ihr jetzt ... zusammen oder so was?“, brachte Hermine schließlich hervor und Tonks prustete in ihren Kaffee und stellte die Tasse geräuschvoll wieder ab.

Nein, wo denkst du hin?“, entgegnete sie überrascht, „Süße, ich mag manchmal Spaß daran finden, mit einer Frau ins Bett zu gehen, aber deswegen bin ich noch nicht lesbisch und will mit ihr das Leben teilen...“

Verstehe!“, murmelte Hermine und kam sich unglaublich spießig und naiv vor.

Echt?“, fragte Tonks spaßig, „Du siehst gerade gar nicht so aus...“

Ich hatte halt noch nicht soooo viele One-Night-Stands und schon gar nicht mit Frauen!“, erwiderte Hermine nun mit einer Mischung aus Verlegenheit und Trotz. „Und der One-Night-Stand, den ich mit Harry hatte, der war ja nicht mal als ein solcher geplant!“, fügte sie dann hinzu. Tonks nickte verständnisvoll.

Für die meisten Frauen sind One-Night-Stands auch glaube ich nicht wirklich befriedigend“, überlegte sie dann, „Es dauert meist ewig, bis eine einem Typen erklärt hat, was sie im Bett mag, wie was bei ihr funktioniert und was er tun muss, um sie wirklich zu befriedigen. Da macht es wirklich wenig Sinn, mal eben für´ne Fünfminutennummer mit einem in die Kiste zu hüpfen. Was nicht heißen soll, dass ich es irgendwie verwerflich finde, wenn Frauen so was tun; jede muss selber wissen, ob es ihr etwas bringt und wenn es nur die Bestätigung alle paar Monate ist, dass sie die Typen noch haben kann ... wobei ich dieses Motiv etwas traurig finde...“

Und warum hast du One-Night-Stands?“, erkundigte sich Hermine, nun wieder neugierig geworden. Tonks grinste wieder verschmitzt.

Ich bin eine Metamorphmagie; ich kann meinen Körper je nach Bedarf so verändern, dass mir der Sex auch etwas bringt. Da kann sich ein Typ auch noch so blöde anstellen, weißt du, wo alle anderen Frauen immer meckern „Ich merk nix von dem, was der da macht!“, ich schustere mir das immer so zurecht, dass es passt, wenn du verstehst, was ich meine!“

Hermine nickte, erneut etwas verlegen.

Ich fürchte, die Typen werden bei mir gnadenlos verwöhnt, was das angeht“, sinnierte Tonks und schob sich eine Weintraube zwischen die Lippen, „Meine Nachfolgerinnen haben wahrscheinlich ihre liebe Mühe, dem entsprechenden Mann beizubringen, dass es nicht immer so einfach ist!“

Zumindest bei Harry musst du dir da denke ich keine Sorgen machen, der ist ziemlich einfallsreich, wenn ich das recht in Erinnerung habe“, meinte Hermine etwas schüchtern lächelnd.

Echt?“, fragte Tonks und klang dabei geradezu verwundert, „Also, dass er sich in Bemühungen, die Frau auf ihre Kosten zu bringen, umgebracht hätte, würde ich aber auch nicht gerade behaupten...“

Hermine lachte.

Naja, aber wenn er merkt, dass der herkömmliche Weg, an den Männer ja immer noch gerne glauben, nicht so funktioniert, dann bemüht er sich durchaus auf alternativem Wege!“, erklärte sie etwas umständlich und Tonks lachte wieder.

Ah! Der Klassiker, ja?“

Ich weiß nicht, ist es ein Klassiker?“, fragte Hermine verwundert.

Ich glaub schon!“, Tonks nickte, „Aber wahrscheinlich kann Frau noch von Glück reden, wenn die Männer in dem Fall, dass sie es anders nicht gebacken kriegen, zu Alternativmethoden greifen und sich nicht einfach umdrehen und laut schnarchend einschlafen!“

Hermine kicherte und Tonks erhob sich grinsend.

So, Süße, jetzt brauch ich aber dringend eine Mütze Schlaf!“ Sie gähnte demonstrativ. „Ist es okay, wenn ich dir Benni noch eine Weile überlasse?“

Klar!“ Hermine nickte und stand ebenfalls auf. „Ich hatte Adrian eh versprochen, dass wir heute Vormittag rausgehen, da können wir auch mit deinem Spross spielen!“



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Draco hockte gedankenversunken in seinem Zimmer und starrte aus dem Fenster, wo man in der Ferne, hinter vereinzelten Baumwipfeln, das nächste Muggeldorf mit seinen kleinen Dächern und Zäunen erkennen konnte.

Tonks ist meine Cousine!

Er bekam diesen Sachverhalt noch immer nicht in seinen Schädel hinein. All die Jahre hatte Tonks nichts gesagt! Er erinnerte sich noch dunkel daran, wie er sie damals, vor knapp sieben Jahren, zum ersten Mal gesehen hatte. Es war auf der Verlobung von Weasley und seiner vorlauten, sommersprossigen Frau gewesen, zu der ihn Hermine einfach eingeladen hatte in einem ihrer zahlreichen Versuche, ihn unter ihren Freunden zu integrieren. Tonks hatte ihn vollkommen vorbehaltlos angesprochen und ihm sofort Hilfe zugesagt, als sie von seinen damaligen Problemen wegen seiner Ausbildungsstelle im Ministerium erfahren hatte. Sie musste damals schon gewusst haben, dass sie gerade zum ersten Mal ihrem Cousin gegenüberstand, aber sie hatte nichts gesagt!

Ja, er hatte sie gemocht, auch wenn er ihre unkonventionelle und manchmal etwas deplatzierte Art gelegentlich reichlich peinlich fand, so war ihre Herzlichkeit auf der anderen Seite dermaßen vereinnahmend, dass er sich ihr einfach nicht entziehen konnte. Außerdem war sie stets so hilfsbereit gewesen, wenn er mal wieder im Schlamassel gesteckt hatte; soweit er sich erinnern konnte, hatte sie sich immer sofort gemeinsam mit Hermine auf seine Seite geschlagen. Und sie war auf den Jahresfesten, wo alle anderen ihn mit grimmigen Gesichtern stillschweigend geduldet hatten, immer auf ihn zugegangen und hatte ihn bestmöglich unterhalten, damit er sich nicht ausgeschlossen fühlte.

Ob das alles nur familiäres Verantwortungsgefühl gewesen war? Dieser Gedanke durchzuckte Draco plötzlich und schmerzhaft. Wenn sie die ganze Zeit gewusst hatte, dass er ihr kleiner Cousin war, dann konnte es ja auch sein, dass sie sich nur aus verwandtschaftlichem Pflichtgefühl heraus um ihn gekümmert hatte...




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Es schien die Zeit der Gefühlsverwirrungen zu sein, denn zur selben Zeit machte sich im fernen Süddeutschland auch Ginny zum wiederholten Male Gedanken über die Hintergründe für die Zuneigung, die eine bestimmte Person ihr plötzlich zukommen ließ. Wie sie es auch drehte und wendete, sie bekam Harry einfach nicht mehr aus ihrem Kopf. Es war zum verzweifeln: Da hatte sie es nun endlich, nach jahrelangem, aussichtslosem Schmachten geschafft, sich diesen Mann aus dem Kopf zu schlagen ... zumindest soweit, dass sie akzeptieren konnte, ihn nicht zu bekommen, ohne dass dabei ihre Welt zusammenbrach ... und nun dieser eine Kuss und es war wieder um sie geschehen.

Sie hatte sich selber strikt untersagt, ihn wiederzusehen; sie wusste genau, wenn sie in seine Augen sah, dann würde sie ihm nicht mehr widerstehen können und das wollte sie nicht riskieren.

Wütend über sich selber und diese Situation warf sie den Schwamm ins Abwaschwasser, dass es nur so spritzte.

Hey!“, rief Claudius, der ihr mit dem Abtrocknen zur Hand ging, vorwurfsvoll, während er entsetzt zurücksprang.

`tschuldige!“, murmelte Ginny leise. Dann trocknete sie sich die Hände ab und wandte sich vom Spülbecken ab.

Ich mach später weiter!“, versprach sie und ging, ohne die Kinder und Patricia, die am Küchentisch saßen, in die Augen zu schauen, hinauf in ihr Zimmer.

Doch es war in diesem engen Haushalt unmöglich, seine Gefühle zu verbergen oder sich damit zu verstecken. Es dauerte keine fünf Minuten, bis es vorsichtig an ihrer Tür klopfte.

Ja!“, sagte Ginny leise und hörte, wie hinter ihr die Tür geöffnet wurde und jemand eintrat. Sie drehte sich nicht um. Sie hatte sich auf einen kleinen Hocker vor das Fenster gesetzt und blickte hinunter in den spätsommerlichen Garten, der in voller und prächtiger Blüte stand. Die Natur hatte etwas sehr Beruhigendes für sie; komischerweise war ihr das erst bewusst, seit sie hier lebte; auch ihre Kindheit hatte sie in ländlicher Umgebung verbracht, aber der Stellenwert, den die Apfelbaumblätter vor ihrem Fenster und die von der Augustsonne gewärmte Erde unten im Garten für sie hatte, war ein Produkt ihres Zusammenlebens mit den Frauen hier. Sie erschreckte nicht, als sich eine warme Hand auf ihre Schulter legte.

Ginny, ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie hab ich das Gefühl, es könnte dir nicht schaden, darüber zu reden!“, hörte sie Laras helle, freundliche Stimme hinter sich. Ginny gab einen Stoßseufzer von sich und zuckte dann mit den Schultern.

Keine Ahnung, das würde auch nichts ändern!“, murmelte sie undeutlich, denn ihr Kinn lag auf ihrem Handrücken und so sprach es sich etwas schlecht.

Vielleicht würde es aber etwas mehr Klarheit in deine Überlegungen bringen!“, versuchte Lara, sie zu überzeugen und ließ sich auf Ginnys Bett fallen, um zu verdeutlichen, dass sie nicht vorhatte, bald wieder zu gehen.

Es dauerte noch eine Weile, bis Ginny sich schließlich vom Fenster abwandte und zu Lara umdrehte. Sie war blass um die Nase und ihre Augen waren von dunklen Schatten umrandet, als hätte sie einige Nächste damit zugebracht, über etwas nachzugrübeln.

Ist es wegen Draco?“, machte Lara erneut den Anfang. Ginny zuckte wieder mit den Schultern.

Irgendwie ja und irgendwie nein“, sagte sie vage, „Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll!“

Lara schmunzelte ein wenig.

Weißt du, es würde es mir erleichtern, die Lage zu verstehen, wenn ich wüsste, was zur Auswahl steht!“, meinte sie und zwinkerte Ginny aufmunternd zu. Ginny gab ein kurzes Lachen von sich.

Ich...“ Sie gab erneut ein geräuschvolles Seufzen von sich und warf die Arme in die Luft. „Ach, scheiße! Ist das alles kompliziert und verfahren!“, rief sie dann und stampfte mit einem Fuß auf. Lara beobachtete sie, halb amüsiert und halb gespannt. Ginny nahm einen tiefen Atemzug und dann sprudelte sie los. „Also, ich hab mich in Harry verliebt! Was jetzt nicht unbedingt die Neuigkeit des Jahrhunderts ist. Aber wahrscheinlich ist die Bezeichnung „verliebt“ dafür die Untertreibung des Jahrtausends: Dieser Mann ist einfach der Traum für mich; ich liebe einfach alles an ihm und ich würde alles für ihn tun. Das ist so, seit ich ihn das erste Mal gesehen habe! Unvorstellbar oder? Aber es stimmt. Die Gefühle haben sich natürlich im Laufe des Erwachsenwerdens gewandelt und so, aber dieses Grundgefühl der Liebe ist geblieben ... oder sogar noch stärker geworden, fürchte ich.

Aber wie auch immer: Ich hatte das über all die Jahre soooo gut im Griff. Und ich habe mich auch in andere Männer verliebt und gerade mit Draco ist es in letzter Zeit total schön geworden, seit er endlich ein bisschen aus seinem Schneckenhaus rausgekrochen ist! Und dann muss Harry plötzlich, nach dieser Ewigkeit, die wir uns nun kennen, so´n Flitz kriegen und meinen, er hätte sich in mich verliebt!“

Lara hatte während Ginnys Schilderung erst die Augenbrauen hochgezogen, dann das Gesicht verzogen und schließlich den Atem angehalten. Nun ließ sie den Atem pfeifend zwischen gespitzten Lippen entweichen, während ihre Augen einen suchenden Bogen über die Zimmerdecke beschrieben, als würde dort oben irgendwo die Antwort für Ginnys Problem stehen.

Ach du Scheiße!“, sagte sie schließlich nur und stützte dann ihren Ellenbogen auf ein Knie und ihr Kinn auf ihre Hand, während sie Ginny wieder aufmerksam ansah.

Ja!“, rief Ginny aus, „Da hast du den Nagel auf den Kopf getroffen!“

Also hatte Draco doch Recht, als er neulich zu den Todessern abgezischt ist, weil er Harry und dich gesehen hat?“, fragte Lara.

Ja und nein. Da war ja gar nichts zwischen uns!“, erklärte Ginny, „Aber wenn man so will, könnte man natürlich behaupten, Draco hätte das vorhergesehen.“

Aber von deinen Gefühlen jetzt ahnt er nichts?“, vergewisserte sich Lara. Ginny zuckte mit den Schultern.

Ich hoffe nein! Neulich, an Lugnasadh, da hat er mich gefragt, ob ich über Nacht bei ihm bleibe und ich meinte was von „zu müde“ und so und seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen. Es ist in diesem Fall fast ein Glück, dass das in unserem Verhältnis wirklich nichts Besonderes ist...“

Lara lachte kurz auf und nickte.

Ich bin so durcheinander. Es ist einfach grauenvoll!“, fuhr Ginny da auch schon fort und es kam ihr selber vor, als hätte Lara mit ihrem Angebot, zuzuhören, eine Art Schleuse in ihr geöffnet, durch die nun tosende, angestaute Gefühlsfluten strömten. „Ich meine, all die Jahre seit ich bei euch lebe, habe ich mir so mühsam erarbeitet, mich Draco gegenüber zu behaupten, nicht mehr diese kindischen Spielchen mitzuspielen, zu meinen Gefühlen zu stehen, selbst wenn er mich zurückweist. Und nun, da das endlich Früchte zu tragen scheint und er auch offener wird und es richtig schön zwischen uns werden könnte, da muss das mit Harry wieder hochkommen! Das ist doch nicht fair!“

Naja!“, hielt Lara dagegen, „Im Leben geschieht nichts zufällig. Und es ist äußerst unwahrscheinlich, dass Draco einfach so plötzlich zahmer wird. Ich nehme an, er hat die Gefahr unbewusst wahrgenommen und darauf entsprechend reagiert, weil er Angst hat, dich zu verlieren.“

Wie soll er das denn wahrgenommen haben?“, fragte Ginny ungläubig.

Harry war doch in der Zeit, in der er sich scheinbar irgendwie in dich verliebt hat, oft genug hier, um Draco Nachhilfe zu geben. Das sind ganz subtile, kleine Zeichen und Verhaltensänderungen des anderen, die uns dazu veranlassen, Gefahr zu wittern. Vielleicht war er plötzlich immer ein bisschen verbindlicher im Umgang mit dir, hat dich öfter mal wie zufällig berührt oder dich länger angeschaut, lauter solche Winzigkeiten, die einzeln der absolute Zufall sein können, aber dennoch wird Draco sie mitbekommen haben“, erklärte Lara. Ginny schaute sie nachdenklich an.

Und du meinst, deswegen versucht er jetzt, so lieb zu sein, wie es ihm nur möglich ist, damit ich bei ihm bleibe?“, schlussfolgerte sie.

Unbewusst, ja!“ Lara nickte. Ginny stöhnte und ließ den Kopf auf ihre Knie sinken. „Aber das ist doch auch voll gemein!“, hörte man sie unter endlos rotem Haar hervor murmeln, „Ich