Die Stadt des Lichts 31 - 37

von

Centauria




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Vorbemerkung:

Ich muss für diesen achten Teil meiner Story dringende Spoilerwarnung in Bezug auf den offiziellen sechsten Harry-Potter-Band aussprechen, weil sich die Charaktere inhaltlich recht ausführlich damit auseinandersetzen...

Also; allen, die das Buch noch nicht gelesen haben und keine wichtigen Details daraus erfahren möchten, rate ich, sich diesen Teil erst nach Oktober, oder wann immer ihr das Buch lest, zu Gemüte zu ziehen.

Ferner möchte ich noch darauf hinweisen, dass ich mich recht kritisch mit dem sechsten Band befasst habe (wer die Story bisher aufmerksam verfolgt hat, der wird das vorhergesehen haben). Deswegen möchte ich diesbezüglich vorwarnen; wer absolut und bedingungslos begeistert war von HP6, der wird sich über mich wahrscheinlich etwas ärgern nach diesem Teil... aber ich glaube, damit kann ich leben :-)

So, wenn ihr jetzt alle diese Warnungen bedacht und sorgsam erwogen habt und trotzdem bin dem Lesen beginnen wollt, dann freut es mich sehr!

In diesem Sinne; viel Vergnügen!

 

Kapitel 31

 

 

Hermine saß in ihrem Turmzimmer auf Hogwarts und drehte gedankenverloren eine Schreibfeder zwischen ihren Fingern. Das tat sie nun schon etwa seit einer viertel Stunde, ohne dass es ihr bisher bewusst geworden wäre.

Sie starrte aus dem Fenster auf den Nebelverhangenden See. Regenströme ergossen sich nun schon seit Tagen über das winterliche Schottland, doch Hermine war sich nicht sicher, ob das allein der Grund für ihre trübe Stimmung war.

Ihre dritte Abschlussklasse in Hogwarts hatte vor einer Woche ihre Prüfungen absolviert. Fast alle hatten gute Ergebnisse erzielt; eigentlich könnte sie stolz sein.

Doch irgendetwas in ihrem Inneren fühlte sich ruhelos und unzufrieden.

Sie schämte sich für diese Gedanken, denn sie wusste genau, was für eine Ehre ihr zuteil geworden war, als Albus Dumbledore ihr damals das Angebot für diese Stelle gemacht hatte! Und sie wusste auch, was für eine Leistung es ihrerseits war, immer noch in diesem Amt zu sein; schließlich hatte doch seit Jahren kein Lehrer länger als ein Schuljahr auf diesem Posten durchgehalten.

Doch nach drei Jahren des Unterrichtens war Hermine sich nicht mehr sicher, dass dies der Beruf war, den sie auf Dauer ausüben wollte. Ihre erste Abschlussklasse war absolut motivierend gewesen; sie hatten Hermines Kenntnisstand hart auf die Probe gestellt und sie zu gedanklichen und philosophischen Höchstleistungen herausgefordert.

Doch Hermine sollte sich getäuscht haben, wenn sie angenommen hatte, dies sei der Alltag eines Lehrers. Im zweiten Jahr war das ernüchternde Erwachen gefolgt mit einer Ansammlung von unmotivierten Schlaftabletten, die sich nur mühsam durch die Prüfungen gehangelt hatten. In diesem Schuljahr dann hatte sie sich selbst diese unmotivierten Schlaftabletten zurückgewünscht, weil seit den Abschlussprüfungen die Slytherins ihrer siebten Klasse unschöne Attacken gegen sie gestartet hatten.

Langsam aber sicher kam es Hermine so vor, als sei ihre erste Abschlussklasse ein Wunder oder gar nur ein schöner Traum gewesen. Sicher, es gab immer wieder einige kluge Köpfe unter den Schülern, die schlaue Fragen stellten und dann und wann musste Hermine sogar mal in eines ihrer unzähligen dicken Bücher schauen, um eine dieser Fragen zu beantworten, aber überwiegend war der Unterricht zur Routine geworden. Und es war Hermine ein zu großes Grundbedürfnis, stetig selber zu lernen, als dass sie diese Routine ertragen konnte, wenn der Unterricht dann auch noch zum reinen Spießroutenlauf gegen die Beleidigungen und offnen Anfeindungen der Slytherins wurde...

Sie seufzte und legte die Feder zur Seite. Ihre Finger waren schwarz von der Tinte, doch das bemerkte sie nicht. Sie stützte ihr Kinn auf die Hände auf und starrte weiter aus dem Fenster.

Sie fühlte sich gelangweilt; ja, das war es.

Sie hatte keine Lust, den Rest ihres Lebens mittelmäßig begabten und zum Teil sogar völlig unmotivierten Schülern Abwehrmagie beizubringen, eintönige Hausaufgaben zu lesen und Fehlerüberladende Klausuren zu korrigieren. Sie hatte keine Lust, täglich die nervtötenden Sticheleien der Slytherins zu ertragen und Hauspunkte abzuziehen, mit lärmenden Schülern auf den Fluren zusammenzukrachen und nächtliche Streuner einzusammeln.

Sie fuhr sich durch das zerzauste, lockige Haar und erhob sich. Adrian war noch bei Maureens Unterricht und ihre kleine Wohnung kam ihr plötzlich leer und verlassen vor.

Übellaunig warf sie einen letzten Blick auf den unerledigten Stapel von Hausaufgaben zurück, bevor sie sich ihren Umhang überzog und zur Wohnungstür hinausging.

 

Die Gänge des westlichen Schlossteils waren hauptsächlich mit Gryffindors gefüllt, die Hermine am Erträglichsten von allen Schülern fand (was nicht wirklich verwunderlich war....).

Eine Drittklässlerin kam ihr mit einem dicken Buch unter dem Arm entgegen und grüßte freundlich lächelnd.

Hermine nickte ihr zu und eilte dann Richtung Eingangshalle davon. Hier wimmelte es von Schülern, die von einem Schlossteil zum anderen schlenderten, eilten, rannten und trödelten. Einige trugen Bücher unter dem Arm, andere waren in Gespräche vertieft, die eindeutig nichts mit Unterrichtsinhalten zu tun hatten (es sei denn man unterhielt sich neuerdings kichernd und hinter vorgehaltener Hand tuschelnd über die Zutaten von Zaubertränken...).

„Professor Granger!" Ein Fünftklässler rannte ihr hinterher, als sie schon das Regenüberflutete Gelände erreicht hatte.

Sie drehte sich entnervt um.

„Was denn Boris?", fragte sie, als sie den Schüler erkannte. Es war ein netter und durchaus fleißiger Junge; leider nicht besonders begabt, aber sehr bemüht.

„Ich wollte sie etwas zu den Hausaufgaben fragen, die wir für morgen aufhaben. Ich verstehe Ihre eine Frage nicht!" Der dunkelhaarige Junge, der etwas kleiner war als Hermine und ein schmales, ziemlich verpickeltes Gesicht hatte, schaute sie aus großen, hellbraunen Augen an. Die Regentropfen hingen in seinen dünnen, braunen Haaren und tropften vereinzelt über seine Nasenspitze zu seinen Lippen.

Hermine haderte mit sich. Ihr stand jetzt wirklich nicht der Sinn danach, privaten Nachhilfeunterricht zu erteilen! Ihr vertrautes Pflichtbewusstsein kämpfte mit einer neuen, ihr fast unheimlich erscheinenden inneren Rebellion.

„Boris, ich habe das im Unterricht doch wirklich ausführlich erklärt, oder?", begann sie und hoffte, ihre Stimme würde nicht gereizt klingen, „Frag doch erstmal Deine Mitschüler, wenn es dann wirklich noch Unklarheiten gibt, komm heute Abend in die große Halle. Ich hab da nach dem Abendessen Aufsicht."

Boris nickte etwas eingeschüchtert und rannte zurück ins Schloss. Hermine schürzte die Lippen und blickte kurz zum Himmel empor. Mittlerweile war sie vollkommen durchnässt und ihr war eisigkalt. Der Himmel war grau, eigentlich fast schwarz und es schüttete ununterbrochen.

Seufzend stapfte sie durch die modrige Wiese Richtung Ausgang von dannen.

 

Sie schüttelte sich wie ein junger Hund, als sie unter dem Vordach des Aurorenquartiers angekommen war. Hier in Irland regnete es fast noch mehr als in Schottland, auch wenn es um einige Grad milder war.

„Assiccare!", murmelte sie und richtete ihren Zauberstab erst auf ihre Kleidung und dann auf ihre Haare. Beides fühlte sich im Handumdrehen trocken und warm an. Sie nickte zufrieden und klopfte dann gegen die Küchentür.

„Tonks?", rief sie, als niemand öffnete. Doch sie erhielt keine Antwort.

Schließlich trat sie ein.

„Hermine? Ich bin in meinem Zimmer!", hörte sie da Tonks´ Stimme vom anderen Ende des kleinen Cottages. Sie durchquerte die Wohnküche, die noch appetitanregend nach einem knoblauchhaltigen Mittagessern roch, ging den schmalen Flur entlang und trat dann in Tonks´ Zimmer, in der Mitte auf der linken Seite, ein.

Es war das größte Zimmer im Cottage, wurde aber überwiegend von Arbeitsutensilien wie den Auragraphen, Bücherüberladenden Regalen und anderen, magischen Gegenständen ausgefüllt. Nur der hintere Teil des Raums war mit Tonks´ eigenen Möbeln eingerichtet.

Hermine entdeckte die Freundin im Schneidersitz auf ihrem Bett sitzend, den kleinen Benedict an ihre Brust gelegt.

Tonks blickte ihr lächelnd entgegen. Ihre Haare waren von einem geradezu aufdringlichen Quietschrosa und ihre Kleidung sah nicht minder schrill aus.

„Ich konnte gerade nicht aufmachen!", erklärte sie und deutete mit einem Kopfnicken auf das kleine Bündel in ihren Armen.

„Ach so, verstehe." Hermine beugte sich zu ihr runter und küsste sie auf die Wange, dann strich sie dem nuckelnden Benedict über das kleine, mit einigen kastanienbraunen Haaren bedeckte Köpfchen und ließ sich in einen bequemen, schon etwas älteren Sessel aus orangefarbenem Plüsch fallen.

„Was treibt Dich denn hierher?", fragte Tonks neugierig; seit Hermine in Hogwarts unterrichtete, sah man sie nur noch selten alltags im Aurorenquartier.

„Ich weiß nicht...", begann Hermine zögerlich und schaute aus dem Fenster, das hinter Tonks´ Bett das verregnete Grün Irlands zeigte.

„Oh oh!", kommentierte Tonks, „Was ist los?"

Hermine musste lachen. Sie und Tonks verstanden sich wirklich blind und ohne Worte!

„Es ist eigentlich nichts Konkretes", druckste Hermine herum, „Ich weiß nicht, ich glaube, mich nervt der Alltag!"

„Der Alltag?", fragte Tonks erstaunt zurück, „Wie? Der Beziehungsalltag? Dann ist wohl doch was dran, dass Beziehungen langweilig werden, sobald man heiratet..."

Sie schaute mit nachdenklich gerunzelter Stirn in Hermines Augen und diese musste lachen.

„Nein, ich rede nicht von Severus! Mich nervt die Arbeit auf Hogwarts!"

„Oh!" Tonks riss alarmiert die Augen auf.

„Die Schüler stressen mich, das Unterrichten ist mittlerweile einfach nur noch Routine und ich fühle mich, abgesehen davon, dass es ein Haufen Arbeit ist, ständig Hausarbeiten und Klausuren zu korrigieren, irgendwie unterfordert und gelangweilt!", fuhr Hermine fast trotzig fort.

Tonks starrte sie immer noch aus großen Augen an.

„Du willst doch nicht etwa kündigen?"

„Ich weiß nicht, nein." Hermine fühlte sich unbehaglich. „Ich glaube, dass wäre nicht nur das Dümmste, sondern auch das Unverschämteste, was ich machen könnte!"

Tonks nickte.

„Schließlich bist Du seit Jahren die erste Lehrerin in „Verteidigung gegen die dunklen Künste", die länger als ein Schuljahr überlebt hat, bei Verstand geblieben ist und nicht schwer kriminell, todesserisch oder sonst wie katastrophal gewesen ist!"

„Ist ja richtig! Ich weiß ja auch, was für eine Ehre es war, dass Albus mich gebeten hat, diese Stelle zu übernehmen." Hermine sah Schuldbewusst aus. „Trotzdem; ich glaube nicht, dass ich das ein Leben lang machen möchte. Ich hab keine Lust, irgendwann so übellaunig zu enden, wie Severus!"

Nun lachte Tonks so herzlich, dass Benedict an ihrem Busen mitwippte.

„Mine, ich glaube, für die ständig miese Laune Deines Mannes sind noch andere Faktoren, als nur seine Lehrtätigkeit verantwortlich!"

„Klar, aber trotzdem..." Hermine lachte, als Benedict aufhörte zu trinken und ein lautes Bäuerchen machte. Tonks legte ihn sich über die Schulter während sie mit einer Hand ihren BH wieder zuhexte und die Bluse Knopf für Knopf durch je einen eleganten Wink mit dem Zauberstab verschloss. Dann legte sie das Baby auf ihr Bett und deckte es behutsam zu. Der Kleine schien unmittelbar eingeschlafen zu sein, denn schon bald hörte man ihn selig schmatzend gleichmäßig und tief atmen.

„Was willst Du denn stattdessen machen?", fragte Tonks schließlich und schaute Hermine plötzlich mit strahlenden Augen an. „Willst Du doch wieder als Aurorin arbeiten?"

Hermine schmunzelte über den Gesichtsausdruck der Freundin.

„Ich habe mir noch keine Gedanken gemacht, was ich sonst machen wollen würde", erklärte sie dann, „Ich hab mich ja noch nicht mal entschlossen, wirklich aufzuhören mit dem Unterrichten."

„Hast Du schon mal mit Severus darüber geredet?", erkundigte sich Tonks und schaute Hermine verwundert an, als diese zynisch auflachte.

„Klar, wir diskutieren ständig über unsere persönlichen Wünsche und Zukunftspläne!" Ihre Stimme klang etwas bissig und Tonks blickte pikiert zu Boden.

„Hat sich seit Eurer Hochzeit nichts verändert?", schlussfolgerte sie.

Hermine schüttelte den Kopf.

„Kann ich so nicht sagen, denn er geht mir seitdem stetig aus dem Weg!", erklärte sie bitter.

Tonks verzog betroffen den Mund.

„Ich meine, ich habe ja nicht ernsthaft geglaubt, dass er durch eine Hochzeit zum Treusorgenden Vater und Partner wird", fuhr Hermine fort und schaute wieder aus dem Fenster in den Regen hinaus. „Aber so eine Spur von Hoffnung war da schon."

„Und Du bist Dir sicher, dass Du so einen Partner haben wollen würdest?", fragte Tonks grüblerisch. „Vielleicht würde Dich so einer auch total langweilen!"

Durch die halb geöffnete Zimmertür hörten sie das Quietschen der Eingangstür am anderen Ende des Flurs, kurz darauf fiel die Tür ins Schloss.

Hermine sah Tonks fragend an, doch diese schüttelte nur Schulterzuckend den Kopf.

Des Rätsels Lösung ließ nicht lange auf sich warten; nur Augenblicke später steckte Harry den Kopf zur Tür herein.

„Hi!", begrüßte er voll Überraschung Hermine, welche mit einem halben Lächeln den Gruß erwiderte und sich dann erhob.

„Was ist denn hier für eine Stimmung?", erkundigte sich Harry gut gelaunt und umarmte Hermine flüchtig, als diese an ihm vorbeigehen wollte.

„Frauengespräche?", hakte er nach und machte Anstalten, Hermine festzuhalten.

„Hallo Harry!", meinte Tonks hinter ihm und er drehte sich zu ihr um.

„Hallo!" Etwas schuldbewusst ging er zu seiner Freundin hinüber, doch diese erhob sich im selben Moment und ließ ihn stehen.

„Warte Mine! Ich bring Dich zur Tür!"

Die beiden Frauen gingen schweigend durch den Flur in die Küche.

„Männer!" murmelte Hermine dann mit einem Blick in die Augen ihrer Freundin. Tonks lächelte etwas gequält und küsste Hermine zum Abschied auf die Wange.

 

 

Der Wald hatte die übliche, beruhigende Wirkung auf Hermine und sie sog die Luft tief ein. Es erschien ihr wie ein Segen, dass sie zwei Mal am Tag hierher musste, um Adrian zum Unterricht zu bringen und wieder abzuholen. Es war, als erinnere sie sich in diesen Momenten an die wesentlichen Dinge im Leben.

Es war kälter hier in Deutschland und Hermine zog instinktiv den Umhang fester um sich, als sie durch das knallrote Gartentörchen trat, das zu dem Haus von Maureen, Patricia und Lara führte. Der Vorgarten war recht kahl zu der winterlichen Jahreszeit, nur einige hohe Tannen säumten den schmalen Weg bis zu dem kleinen, gemütlichen Häuschen, aus dessen Schornstein eine Rauchwolke quoll.

Hermine klopfte an und hörte sofort Kinderschritte sich rennend der Tür nähren.

„Hallo Hermine!", rief Lorence, der jüngste Spross aus dem Frauenhaushalt, aber mit seinen gerade sieben Jahren immer noch ein knappes halbes Jahr älter als Adrian.

„Hallo Lorence!" Hermine gab dem schwarzhaarigen Jungen ihre Hand, welche er grinsend ergriff und wild schüttelte.

„Na, seid Ihr schon fertig mit Schule für heute?", erkundigte sich Hermine lächelnd.

„Joa, Mama hat heute unterrichtet, weil Maureen mit ihrem Freund was machen musste", erzählte Lorence auskunftsfreudig, während er vor Hermine her in die Wohnküche ging.

„Hallo Hermine!", wurde sie dort von einem Stimmenchor begrüßt.

„Hallo Zusammen!" Sie winkte in die Runde. Lara, die Mutter von Lorence und Luci saß von der kleinen Kinderschar umringt an dem großen Esstisch in der Mitte der Küche. Der vierzehnjährige Marcel fiel optisch mittlerweile etwas aus der Reihe der Kinder heraus, weil er unglaublich gewachsen war im letzten Jahr.

„Da kommt er ganz nach seinem Vater!", hatte Maureen einmal gesagt und war ihrem Spross liebevoll durch das dunkelrote, volle Haar gefahren.

„Wie geht es eigentlich Tonks und dem Baby?", erkundigte sich Marcel mit immer noch etwas ungewohnt klingender, tiefer Stimme. Seine grünen Augen hatten etwas sehr eindringliches und Hermine konnte sich vorstellen, dass er mal ein regelrechter Frauenschwarm werden würde mit seiner höflichen, offenen Art und diesen tiefgrünen Augen.

„Tonks geht´s gut und Benedict auch!" Hermine lächelte ihn an. Es war ein offenes Geheimnis, dass Marcel bis über beide Ohren in Tonks verliebt war. „Der Kleine macht nicht viel außer trinken, schlafen und scheißen, aber das macht er wohl alles sehr gründlich!"

Die Kinder lachten.

„Grüßt Du Tonks von mir?", bat Marcel und lächelte, so dass zwei niedliche Grübchen auf seinen hellen Wangen zum Vorschein kamen.

„Klar! Da wird sie sich freuen!"

„Mama, schau mal! Das lesen wir gerade." Adrian drängte sich zwischen Hermine und Marcel und reichte ihr ein Buch. Sie brauchte nur einen kurzen Blick auf den Umschlag zu werfen, um zu wissen, worum es sich bei dem Buch handelte.

„Nehmt ihr die Bücher im Unterricht durch?", fragte sie überrascht an Lara gewandt, als sie den Titel „Harry Potter und der Stein der Weisen" erkannt hatte.

Lara schmunzelte.

„Maureen meinte, es sei der beste Einstieg in alte Mythologien, aktuelle Mysterien und auch eine spielerische Weise, das, was auf der Welt vor sich geht, zu erklären."

„Spielerisch?" Hermine zog die Augenbrauen hoch. „Lass das bloß nicht Severus hören! Der kriegt einen Koller, wenn er erfährt, dass seine Übermittlungen immer mehr zum Märchenbuch werden!"

Lara lachte hell auf.

„Ich hoffe, er weiß, dass wir hier ganz bestimmt nicht naiv mit dem kostbaren Gedankengut umgehen, das er dort mühevoll hat verarbeiten lassen!"

„Mama, da steht ganz viel über Dich und Harry drin und über Papa." Adrian erkämpfte sich mühsam die Aufmerksamkeit seiner Mutter zurück. „Uh, mir wurde es richtig gruslig, als ich gelesen hab, wie Harry seine erste Zaubertrankstunde hatte! Ist Papa immer so gemein zu Schülern?"

Hermine konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Es wäre eine Lüge, wenn ich das jetzt abstreite, Maus!" Sie strich ihm durch die schwarzen Locken.

„Auweia!", meinte Adrian und blickte sie etwas bekümmert an.

„Das kannst Du laut sagen!" Hermine grinste. „Wollen wir dann los?"

Adrian nickte und die beiden verabschiedeten sich.

 

Als sie die verregnete Landschaft Schottlands erreicht hatten, kehrte Hermines innere Unruhe zurück. Der Anblick Hogwarts, den sie stets mit einer Art zu Hause, einem geliebten Ort des schier unerschöpflichen Wissens verbunden hatte, ging ihr mehr und mehr auf die Nerven.

„Können wir zu Papa gehen?", fragte Adrian neben ihr. Er hatte sich die blaue Kapuze seines Pullovers tief in die Stirn gezogen und seine großen Augen schauten sie flehend an.

„Ja, können wir. Ich bring Dich zumindest gerne hin. Dann muss ich aber noch arbeiten." Hermine stieß die große Eingangstür auf und wandte sich nach rechts, wo es zu den Kerkern ging. Auf dem Weg hexte sie sich und Adrian wieder trocken, was der so selbstverständlich hinnahm, wie ein Muggelkind, wenn die Mutter den Regenschirm aufspannte...

Das Schloss war um diese Zeit überfüllt mit Schülern; die meisten hatten bereits Unterrichtsschluss und waren auf dem Weg in die Bibliothek oder ihre Domizile, unterhielten sich, lachten, tratschten und stritten.

„Professor!"

Hermine drehte sich zu dem Ruf hin um.

„Hallo!" Eine atemlose Susan Cole erreichte sie.

„Hallo Susan, was gibt´s?", erkundigte sich Hermine kurz angebunden.

„Ich wollte Sie bitten, dass wir unser Referat verschieben können. Sie wissen schon, das über die Bannzauber in Matriarchatskulturen, das Jenny und ich am Freitag halten sollten! Wir schaffen das nicht, wir haben von McGonagall und Snape so viel aufbekommen..."

Hermine spürte, wie ihre Geduld sie verließ und Ärger in ihr aufstieg.

„Also erstens, Susan, werden Lehrer immer noch mit dem Zusatz „Professor" betitelt und zweitens leuchtet mir nicht wirklich ein, wieso die Arbeit für meinen Unterricht hinter der für die Professoren McGonagall und Snape zurückstehen sollte!"

Adrian schaute seine Mutter mit leichter Überraschung in den dunklen Augen an, Susan hingegen schien schwer verstört.

„Tut mir Leid, Professor Granger!", murmelte sie leise und wandte sich dann eilig ab.

Hermine stieß einen gereizten Seufzer aus und nickte dann Adrian zu, weiterzugehen.

„Bist Du böse auf Susan?", erkundigte er sich und ergriff wie automatisch ihre Hand.

„Nicht wirklich auf Susan persönlich", versuchte Hermine zu erklären, „Aber ich war schließlich auch mal Schülerin und ich wäre nie auf die Idee gekommen, einen Lehrer darum zu bitten, ein Referat zu verschieben, nur weil ich meine Arbeitsaufteilung nicht besser organisiert bekomme. Das ist doch eine Frechheit! Und warum bittet sie das ausgerechnet mich? Warum fragt sie nicht Professor McGonagall oder Severus?"

Hermine wurde sich erst während ihrer Schimpftirade ihrer Worte wirklich bewusst und musste unwillkürlich lachen.

„Na gut, Deinen Vater würde ich wahrscheinlich als Allerletzten um so einen Aufschub bitten!"

Hermine grinste Adrian an.

Dann standen sie vor der Tür zu Snapes Privaträumen und Hermine blickte Adrian auffordernd an, zu klopfen.

Ein unwirsches „Herein" fauchte ihnen entgegen.

„Bist Du Dir sicher, dass Du da wirklich rein willst?", fragte Hermine. Doch Adrian nickte bestimmt und so öffnete sie die Tür.

Snape saß umringt von einem guten Dutzend Büchern in einem seiner Sessel und schien mit irgendeiner Tatsache hochgradig unzufrieden zu sein. Das war nicht weiter ungewöhnlich und Hermine wäre es auch nicht aufgefallen, wenn ihr nicht die Auswahl der Buchtitel ins Auge gefallen wäre. Sie hatten alle sämtlich nichts mit Zaubertränken zu tun, sondern vielmehr mit Abwehr okklumantischer...

Doch Adrian riss sie aus ihren Überlegungen, als er seinem Vater ohne Vorwarnung auf den Schoß sprang und dabei das zuletzt studierte Buch zu Boden riss.

„Adrian!", fuhr Severus ihn an und der Kleine zuckte etwas zusammen und sah seinen Vater schuldbewusst an.

Hermine blieb an der Tür stehen, die Lippen in Verärgerung geschürzt, die Augen entnervt gen Himmel gerichtet.

„Er wollte Dich gerne besuchen!", sagte sie und auch wer sie nicht gut kannte, konnte unmöglich den bedrohlichen Tonfall in ihrer Stimme überhören.

„Du weißt genau, dass ich um diese Zeit arbeite, Hermine, wieso kannst Du ihn nicht später herbringen?" Snapes Augen funkelten sie an.

„Weil Adrian nicht nach Deinem Terminkalender funktioniert und ich ebenfalls zu arbeiten habe und mich trotzdem um ihn kümmere!" Sie blitzte ihn an.

Adrian saß etwas verstört auf dem Schoß seines Vaters und betrachtete scheinbar hoch interessiert die Knöpfe seiner Robe.

Snape erhob sich blitzschnell und erst in letzter Minute fiel ihm ein, mit einem geistesgegenwärtigem Griff unter die Arme seines Sohnes, diesen vor dem Sturz zu Boden zu bewahren. Dann, ohne sich weiter um den empörten Blick Adrians zu kümmern, ging er auf Hermine zu, die Augen starr auf sie gerichtet.

Er blieb genau vor ihr stehen.

Sie starrte zurück, nicht bereit, auch nur einen Millimeter vor ihm zurück zu weichen. Zu genau kannte sie seine bedrohlichen Gebärden und fragte sich mal wieder, wann er endlich begreifen würde, dass er damit bei ihr wenig Eindruck erweckte. Sie hatte ihn zu sehr durchschaut in all den Jahren, um sich ernsthaft von diesen Gesten verängstigen zu lassen.

„Hermine, ich bin gerade nicht in der Stimmung, mich mit Dir um Erziehungsfragen zu streiten, also hättest Du vielleicht die Güte, mich einfach weiterarbeiten zu lassen?" Seine Stimme war gleichzeitig seidig und Messerscharf wie sie es aus seinen schlimmsten Unterrichtsansprachen kannte. Kurz fragte sie sich, was für eine Katastrophe nun schon wieder sein Leben gekreuzt hatte, dass er in solch einer Stimmung war. Dann aber unterdrückte sie den Impuls, ihn verständnisvoll danach zu fragen und wandte sich mit einem wütenden Blick von ihm ab.

„Adrian, kommst Du mit?", fragte sie und schaute ihren Sohn geradezu beschwörend an. Adrian, der gerade damit beschäftigt gewesen war, die Buchtitel seines Vaters zu entziffern, erhob sich unmittelbar aus seiner hockenden Position und nickte.

Er würdigte seinen Vater keines Blickes, als er an ihm vorbei zu seiner Mutter ging und ergriff eilig Hermines Hand, als diese sich zur Tür wandte.

Laut knallend ließ sie sie hinter sich wieder ins Schloss fallen und vergaß bei ihren eiligen Schritten durch den langen, nur spärlich erleuchteten Gang fast, dass ihr Sohn bei weitem nicht so schnell laufen konnte, wie sie selber.

„Mama, was ist mit Papa?", fragte Adrian und zog an ihrer Hand, als wolle er sie bremsen. Hermine atmete einmal tief ein und aus, dann verlangsamte sie ihre Schritte und blickte ihrem Sohn in die Augen.

„Ich habe nicht den Schimmer einer Ahnung, Maus!"

„Ist er böse auf uns?" Adrian sah bekümmert aus.

„Mein Süßer, wenn ich jede Laune Deines Vaters auf mich bezogen hätte, dann wäre ich mittlerweile in der Klapse gelandet!" Bittere Ironie troff aus ihren Worten.

„In der was?", fragte Adrian irritiert.

„Klapse; Klapsmühle. Das ist ein unschönes Wort für einen Ort, an dem man in der Muggelwelt Menschen verwahrt, die ernsthafte Probleme haben und die allein nicht mehr meistern können."

„Und was machen Magier mit solchen Menschen?", erkundigte sich ihr wissbegieriger Spross.

„St. Mungus. Dort wo Deine Oma lag", antwortete Hermine knapp.

„Oh!", machte Adrian leise und schaute seine Mutter behutsam an.

Sie waren mittlerweile wieder in der Eingangshalle angekommen, in der es im Gegensatz zu den Kerkergängen noch immer lebhaft zuging. Hermine zog ihren Sohn energisch durch die umherlaufenden Schülergrüppchen hindurch und hoffte, dass sie durch ihre Körpersprache allein überdeutlich machte, dass sie im Augenblick nicht angesprochen werden wollte.

„Was ist denn nun mit Papa?", fragte Adrian, als sie die Treppen hinauf zu den Westflügeln erreicht hatten.

„Professor Granger!"

„Ich werde noch wahnsinnig!", murmelte Hermine leise, bevor sie tief Luft holte und sich umdrehte.

„Was ist?" Noch während sie diese zwei Worte aussprach, war sie über ihre eigene Stimme erschrocken. Sie hatte den Eindruck, diese Lehrtätigkeit tat ihrem Menschenbild auf Dauer gar nicht gut!

„Können Sie uns nicht vielleicht doch einen kleinen, nur einen klitzekleinen Hinweis darauf geben, worüber Sie den Test morgen schreiben?" Einer ihrer Sechstklässler sah sie aus großen, bittenden Augen an.

„Nein kann ich nicht!", fuhr sie ihn geladen an und drehte sich dann so abrupt um, dass ihr Umhang weit wehend um sie herumflog, als sie energisch weiter die Treppe erklomm.

Es hätte sie selbst gegruselt, wenn sie gesehen hätte, wie sehr sie in diesem Moment dem Mann, über den sie sich gerade so ärgerte, geähnelt hatte...

 

Ihre Hochzeit mit Severus war jetzt einen guten Monat her und Hermine konnte mittlerweile ein Gefühl tiefer Frustration nicht mehr verdrängen. Wenn sie sich irgendwo insgeheim erhofft hatte, dass ihre Beziehung zueinander doch ein wenig enger werden würde, dass er sich ihr ein wenig mehr öffnen würde, sie ein wenig mehr Zeit miteinander verbringen würden, so war spätestens in diesem Moment jetzt der Augenblick der Wahrheit: Eher das Gegenteil traf zu!

Hermine hatte sich kaum getraut, sich das einzugestehen, aber irgendwo tief in ihrem Inneren verstärkte sich der Verdacht, dass der Spruch, den Severus eigentlich im Scherz auf ihrer Hochzeit gemacht hatte; dass er sie eigentlich nur geheiratet hatte, damit sie ihm nicht bei der erstbesten Gelegenheit den Laufpass geben konnte, mehr Wahrheit beinhaltete, als ihr lieb war.

Sie hätte es wissen müssen, warf sie sich selber vor: Severus Snape war kein Mann, der eine Frau aus romantischen Gründen ehelichte...eigentlich war er kein Mann, der überhaupt heiratete!

Sie war sich sicher, auf seine Weise liebte er sie, liebte er sie so sehr, dass er sie aus reiner Furcht, sie irgendwie zu verlieren, um jeden Preis an sich binden wollte.

Doch sie fühlte sich auf eigenartige Weise unwohl seit dieser Hochzeit. Es schien ihr fast, als würde er sich seitdem erheblich weniger Mühe geben, auf sie einzugehen und stattdessen fast unablässig seine schlechte Laune an ihr und Adrian auslassen.

Und diese Laune war aus irgendeinem Grund, den er ihr natürlich nicht verriet, seit Mitte Januar geradezu beängstigend schlecht...

 

Frustriert warf Hermine den Stapel mit Klassenarbeiten auf den Korbstuhl neben ihrem Schreibtisch. Sie hatte im Augenblick einfach keinen Nerv dafür, sich die wirklich peinlichen Fehler der Zweitklässler durchzulesen.

Sie stand auf und ging hinüber zu Adrians Zimmer. Der Kleine saß in seiner Hängematte und schaute durch ein magisches Fernglas, das es ermöglichte, auch bei Dunkelheit scharf und farbig zu sehen, durch das große Fenster hinüber zum Quidditschfeld, wo die Ravenclaws stets mittwochs nach dem Abendessen trainierten.

Nach dem Abendessen!

Hermine durchfuhr es wie ein eiskalter Hagelschauer; sie hatte ihre Aufsicht in der großen Halle verschlafen!

„Adrian, ich muss runter in die große Halle!", rief sie schon halb im Hinausrennen, „Willst Du mitkommen?"

Sofort hörte sie ihn im Nebenzimmer zu Boden springen.

„Klar!" Er machte neben ihr eine Vollbremsung und strahlte sie an.

 

Schon von weitem hörte Hermine, dass etwas hier unten ganz und gar nicht stimmte. Merkwürdige, halb abgewürgte Schreie und Rufe tönten ihr aus der großen Halle entgegen. Die Türen waren geschlossen, doch es bedurfte nur eines flüchtigen Winks mit ihrem Zauberstab und Hermine trat mit energischen Schritten hindurch.

Sie erblickte eine größere Schülerzahl dicht zusammengedrängt nahe dem Slytherintisch. Irgendetwas verbargen sie in ihrer Mitte.

„Adrian, Du bleibst hier!", ordnete sie mit einem knappen Blick auf ihren Sohn an und drückte ihn auf eine Bank am Ravenclawtisch nahe dem Eingang.

Die Schüler hatten ihr Eintreten nicht bemerkt und selbst als Hermine näher kam, wandte sich ihr kein Blick zu.

„Was ist hier los?", fragte sie laut, als sie hinter der Ansammlung von Schülern stand.

Die hinten Stehenden fuhren erschrocken zu ihr herum. Es waren ausnahmslos Slytherins. Hermine spürte ein kurzes, flaues Gefühl in ihrer Magengegend und blickte sich rasch nach Adrian um, der sie ein wenig ängstlich ansah.

Dann drehte sie sich wieder um und schob einige Schüler auseinander, die sich sofort grob zu wehren begannen.

„Was ist hier los?", wiederholte sie und ihre Stimme bekam einen etwas schrillen Klang.

Doch sie war noch immer nicht zum Kern der Schülergruppe vorgedrungen und konnte nicht erkennen, was sie verbargen.

„Professor Granger!" Kurz lichtete sich die Schülerschar und ein Siebtklässler aus dem Hause Slytherin trat auf sie zu. Er überragte sie um fast einen Kopf und unterstützte diese Position durch ein herablassendes Lächeln schamlos.

„Numley! Was treiben Sie hier?" Hermine versuchte krampfhaft, ihrer Stimme Strenge zu verleihen, die die Angst überdeckte.

„Das ist nur ein kleines hausinternes...Spielchen." Der große junge Mann sah sie aus kühlen, blauen Augen an. Er war auf unsympathische Weise gut aussehend und wirkte arrogant und selbstverliebt.

Hermine kniff die Augen zusammen.

„Treten Sie zur Seite!", herrschte sie ihn dann an, doch er verschränkte nur grinsend die Arme vor der muskulären Brust.

„Haben wir Ihnen immer noch nicht begreiflich gemacht, dass wir auf ein Schlammblut wie Sie nicht hören?", fragte er mit unverhohlener Überheblichkeit kalt.

Hermine verschlug es für einen Moment die Sprache.

Dann hob sie ihren Zauberstab und richtete ihn unmittelbar auf Numleys Brust.

„Sie gehen jetzt aus dem Weg oder ich sorge dafür, dass Sie den Rest der Woche im Krankenflügel verbringen!", fauchte sie. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie sämtliche Slytherins ihrerseits die Zauberstäbe zückten, nur Numley selber stand vollkommen unbekümmert mit diesem arroganten Grinsen im Gesicht vor ihr.

Expelliarmus!" rief sie und machte einen weiten Schlenker mit ihrem Zauberstab um die Schülermeute, noch ehe sie überlegen konnte, was es zu bedeuten hatte, dass Schüler gegen sie die Zauberstäbe erhoben.

Knapp fünfzehn Zauberstäbe flogen ihr entgegen, doch sie machte nur einen gewandten Schritt zur Seite und ließ die Stäbe neben sich mit leisem Klappern zu Boden gehen.

„Seid Ihr vollkommen übergeschnappt?", schrie sie aufgebracht, „Was fällt Euch ein, gegen einen Eurer Professoren den Zauberstab zu erheben?"

Numleys Grinsen war nur flüchtig verblasst, er schien sich seiner überlegenen Rolle sehr sicher zu sein.

„Wie ich schon sagte, unsere Kreise lassen sich von Schlammblütern nichts befehlen und erst recht nichts verbieten!" Seine Stimme klang schmierig und hasserfüllt zugleich.

Hermines Gelassenheit war ohnehin nicht die Größte, aber diese unverhohlene Respektlosigkeit und Demütigung drohte, sie zu entwaffnen.

„Ich sag es Euch zum letzten Mal: Geht mir aus dem Weg, oder..."

Mama!"

Hermine fuhr herum und ehe sie sich noch beherrschen konnte, zielte sie auf den Slytherin, der sich Adrian nährte.

Stupor!"

Blitzschnell drehte sie sich wieder zu den restlichen Schülern um und machte erneut eine ausschweifende Bewegung mit dem Zauberstab.

„Petrificus Totalus!"

Die knapp fünfzehn Slytherins fielen starr zu Boden und endlich hatte Hermine freien Blick auf das, was sich im Inneren dieses Kreises abgespielt hatte.

Sie zitterte am ganzen Körper und ihr Puls raste.

Erst jetzt wurde sie sich des Wimmerns wieder bewusst, das sie beim Eintreten in die große Halle gehört hatte.

Und dann sah sie die Quelle dieses kläglichen Geräuschs.

Eine Erstklässlerin aus Gryffindor lag am Boden, ihr Rock hochgezogen, so dass ihre gepunktete Baumwollunterhose zu sehen war, ihre Bluse zerfetzt, der nackte Oberkörper durch zwei schmale, blasse Arme geschützt.

Hermine wurde für einen Moment schwarz vor Augen.

Wo waren sie hingeraten, dass solche Übergriffe in Hogwarts möglich waren?

Mit dem Gefühl grauenvoller Übelkeit erinnerte sie sich daran, dass es ihre Verantwortung gewesen war, hier zu dieser Zeit für Ordnung zu sorgen. Doch diese Tatsache änderte nichts daran, dass es beängstigend war, dass Schüler dieser Schule überhaupt auf solche Ideen kamen!

Sie kniete sich zu der Kleinen hinab. Das lange, blonde Haar verdeckte einen Teil ihres Gesichts.

„Angela, ist alles okay?" Hermine strich ihr die dicken Haarsträhnen aus dem Gesicht und es kamen Tränenspuren in dem hübschen, kleinen Gesicht zum Vorschein. Das Mädchen schien unfähig, zu sprechen. Sie blickte nur zu Boden.

„Was haben die mit Dir gemacht?", fragte Hermine behutsam. Doch Angela antwortete nicht.

Hermine drehte sich zu Adrian um.

„Adrian, renn ganz schnell zu Deinem Vater und hol ihn her, ja?", bat Hermine und Adrian nickte sofort.

„Warte!", hielt sie ihn auf und richtete den Zauberstab auf ihn. „Grida!"

Adrian sah sie kurz erstaunt an, als der helle Lichtschein ihn warm durchströmte. Als seine Mutter ihn aber nur aufmunternd anlächelte, rannte er so schnell seine Beine ihn trugen Richtung Kerker davon. Mit dem Schutzzauber würden ihn hoffentlich nicht andere Slytherins unterwegs angreifen, betete Hermine im Stillen, bevor sie sich wieder Angela zuwandte.

„Angela, was haben die von Dir gewollt?", fragte sie eindringlich, während sie versuchte, die zerrissene Bluse um das Mädchen zu schlingen.

„Ich hatte..." Das dünne Stimmchen brach weg.

„Ich wollte nur meine..." Das Zittern war zu stark und Angela brach erneut ab.

Hermine legte einen Arm um sie.

„Ich wollte meine Hausaufgaben holen." Angela wurde von einem Schluchzen geschüttelt. „Ich hab... ich hab sie beim Abendessen vergessen. Aber als ich runterkam... es waren alle Türen verschlossen. Oh, wär ich doch einfach wieder umgekehrt!" Sie schlug die Hände vor ihr Gesicht.

„Die Türen waren verschlossen?", fragte Hermine und hoffte, die Kleine würde weiter sprechen.

Angela nickte und wischte sich über das tränennasse Gesicht.

„Ich bin reingegangen und da standen die ganzen Slytherins in einem Kreis und haben komische Formeln gemurmelt. Ich wollte sofort wieder verschwinden, aber einer hat mich bemerkt und einen Stuporfluch ausgesprochen. Dann weiß ich nicht mehr genau, was passiert ist. Als ich wieder zu mir kam, standen die alle um mich herum und einer kniete vor mir und zog meinen Rock..."

Sie begann, bitterlich zu weinen.

„Was ist hier los?", donnerte es da hinter ihnen durch den großen Raum und Hermine fühlte, wie Erleichterung sie durchströmte.

Adrian kam hinter seinem Vater in die große Halle gerannt. Er schien atemlos und Hermine lächelte ihn kurz dankbar an; er musste gerannt sein, als ginge es um sein Leben.

„Diese Schüler" Hermine deutete flüchtig auf die erstarrten Slytherins am Boden. „haben hier irgendeine merkwürdige Session abgezogen und als sie von Angela gestört wurden, haben sie sie erst mit dem Stupor gelähmt und dann fast vergewaltigt, wie es aussieht."

Snape erfasste mit einem knappen Blick durch die Halle die Lage. Er sah Hermine nicht an.

„Als ich dazwischen gehen wollte, haben sie mich mit ihren Zauberstäben bedroht", endete Hermine, als sie Snapes Blick auf die herumliegenden Stäbe schweifen sah.

Er schürzte die Lippen.

„Hattest Du nicht heute hier Aufsicht?", fragte er dann mit samtweicher Stimme. Hermine wurde rot und nickte beschämt.

„Ich bin zu spät gekommen", sagte sie leise und fühlte sich grauenvoll.

Nun starrte er sie an und es war ihr unmöglich, seinen Blick zu deuten.

„Hast Du eine Ahnung, was die hier veranstaltet oder geplant haben?", fragte sie mit belegter Stimme, „Ich meine, die Schüler wissen doch auch, dass ich hier immer mittwochs..." Sie brach ab und wurde kreidebleich. Snape schien im selben Augenblick zu demselben Schluss gekommen zu sein.

„Bring das Mädchen zu Poppy Pomfrey!", befahl er knapp und schaute dann hasserfüllt zu den am Boden liegenden Jungen. „Um die hier kümmere ich mich!"

Er wartete, bis Hermine mit Adrian und Angela die große Halle verlassen hatte, dann zauberte er mit einem energischen Wink seines Zauberstabs die riesigen Tür zu. Das laute Krachen übertönte nur knapp sein tiefes Ausatmen, bevor er die Starre von den Körpern seiner Schüler nahm.

Er ließ ihnen kaum fünf Sekunden, um sich zu orientieren.

„Was hat er Euch befohlen?", fragte er kalt, den Zauberstab noch immer erhoben. „Solltet Ihr Professor Granger und ihren Sohn zu ihm bringen?"

Einige Schüler bemerkten ihn erst jetzt, wie er da einige Meter vor ihnen in seine schwarze Robe gehüllt stand und sie finster anstarrte. Sie blickten etwas verunsichert zwischen ihrem Hauslehrer und ihrem Anführer Numley hin und her. Snape war trotz der vielen Gerüchte, die um ihn rankten wie Rosensträucher um ein altes Schloss, eine durchaus Furchteinflößende Respektperson bei den Slytherins. Es galt als gefährlich, wer es schaffte, den dunklen Lord zu betrügen und dann noch länger als einige Wochen zu überleben.

Doch Numley nahm den anderen die Entscheidung zwischen Gehorsamkeit gegenüber dem Lehrer und Loyalität gegenüber ihrem Anführer ab. Er blickte Snape voll offener Geringschätzung in die Augen.

„Was geht Sie das an, Snape? Sie sind doch nichts ein feiger Verräter!"

Ein kurzes Zucken ging über Snapes Gesicht, als er einen Schritt auf Numley zuging, den Zauberstab bedrohlich auf ihn gerichtet.

„Wage es nicht, Dich mit mir anzulegen, Numley!", zischte er leise, „Das haben schon andere nicht überlebt."

„Der dunkle Lord hat mittlerweile Mittel gefunden, seine treuen Anhänger zu schützen vor kümmerlichen Blutsverrätern wie Ihnen!" Das verächtliche und arrogante Lächeln hatte sich wieder auf den Zügen des Slytherin eingefunden.

„Ach, hat er das?", wiederholte Snape mit gleichgültig klingender Stimme, während er in seinem Inneren fieberhaft grübelte, was Numley damit meinen könnte.

„Also, antworte mir! Was solltet Ihr mit Professor Granger machen?", zischte er dann erneut.

„Fragen Sie ihn doch selbst, wenn Sie doch so scheinbar keine Furcht vor ihm verspüren!", fauchte Numley zurück.

Snape schauderte bei dem Gedanken, doch er blickte seinem Schüler mit unerbittlicher Härte in die Augen.

„Ihr alle" Seine Augen schweiften über die anwesenden Schüler, ohne dass er den Kopf bewegte. „geht jetzt schnurstracks in die Slytherinräume und ich werde eigens dafür sorgen, dass Ihr dort erst wieder herauskommt, wenn morgen früh der Unterricht beginnt!", erklärte er bedrohlich.

„Sie wollen uns einschließen?", empörte sich ein Schüler, doch Snapes scharfer Blick ließ ihn verstummen.

„Los! Vorwärts!", herrschte er die Slytherins mit erhobenem Zauberstab an.

Es war für ihn ein Gefühl der persönlichen Demütigung, die Schüler seines eigenen Hauses mit erhobenem Zauberstab durch das Schloss zu treiben, um sie dann unter Arrest zu stellen, doch er wusste, alles andere würde eine Gefahr für die gesamte Schule bedeuten; und die Schule war ohnehin in Gefahr...

 

 

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

 

 

Draco Malfoy brauchte eine Weile, bis er wusste, wo er war. Er war aus einem grauenhaften Alptraum in die Höhe geschossen und saß nun schweratmend und schweißgebadet in seinem Bett. Das Zimmer war dunkel und er hatte keine Ahnung, wie spät es war.

„Scheiße!", murmelte er leise und fuhr sich mit der Handfläche über die feuchte Stirn. Das war das dritte Mal innerhalb von einer Woche, dass ihn dieser Traum plagte.

Er trocknete sich den schweißgenässten Oberkörper an der Bettdecke ab und tastete dann etwas unbeholfen nach seinem Zauberstab auf dem Nachtisch.

Lumos maxima!" Er richtete den Stab auf den Leuchter an der Decke, welcher augenblicklich entflammt wurde. Dann warf er einen Blick auf die große, antike Standuhr an der Wand gegenüber.

Kurz nach sechs!

Draco stöhnte und warf sich zurück in die Kissen. Es lohnte nicht wirklich, noch mal einzuschlafen; er musste um halb acht bei seinem aktuellen Projekt vor Ort sein; es handelte sich um ein altes Schloss in Schottland, das bis vor kurzem als Geheimtreffpunkt für britische Aurorenteams gedient hatte, nun aber wieder in seine ursprüngliche Funktion als Muggelmuseum verwandelt werden sollte. Draco war vom Ministerium höchstpersönlich engagiert worden, was ihn nach all den Eskapaden in den vergangenen Jahren ziemlich wunderte! Der Auftrag brachte viel Geld, auch wenn er Draco keinen Spaß machte; er gestaltete lieber Muggelgebäude magietauglich um, als umgekehrt. Es kam ihm vor, wie eine Verstümmelung, sämtliche Zeichen magischer Herkunft vernichten und das Gebäude muggeltauglich zu machen.

Warum nehme ich solche Aufträge eigentlich an? Ginny hat völlig Recht! Das Geld brauche ich nun wirklich nicht!

Er setzte sich auf und setzte die nackten Beine auf den Boden.

Ginny...

Er erhob sich und streckte sich ausgiebig. Seine Rippen kamen knochig unter dem schmalen Oberkörper zum Vorschein. Schlaftrunken griff er nach der schwarzen Hose, der er am Vorabend über den Kleiderständer gehängt hatte. Er stieg hinein, zog sie über die Boxershorts und schloss den Reißverschluss.

Seine Gedanken kreisten weiter um Ginny.

Schon wieder hatte er sie seit Wochen nicht gesehen. Auf Hermines Hochzeit hatte es so ausgesehen, als hätte sie ihre Wut von neulich im Schwimmbad vergessen, dennoch wollte er das Risiko, dass sie ihn rausschmiss nicht eingehen, also besuchte er sie vorsichtshalber nicht, obwohl er sich mittlerweile in guten Momenten eingestand, dass sie ihm gut tat...

Ein Denkkonzept, das man schlicht „Draco-Logik" nennen konnte.

Das Vertrackte an dieser Logik war, dass es ihm selber damit schlecht ging.

 

Draco unterdrückte ein Gähnen und machte sich auf den Weg nach unten. Die geschwungene Treppe lag in der morgendlichen Dunkelheit des schottischen Winters und eine einsame Stille umhüllte das gesamte, große Anwesen Malfoy Manors.

„Twinker!", rief Draco streng, als er den Hauself nicht im Wohnzimmer antraf. Dann ließ er sich auf dem hellen Leinensofa nieder und griff nach dem Tagespropheten.

Es verging keine Minute, bis Twinker eintrat; ein Tablett mit Dracos Frühstück auf den schmächtigen, gräulichen Ärmchen balancierend.

„Guten Morgen, Sir! Ihr Frühstück, Sir! Haben Sie sonst noch Wünsche, Sir?"

„Nein!" Draco blickte nicht von der Zeitung auf, während er blind nach der Kaffeetasse tastete und dann das heiße Getränk an seine Lippen führte.

„Autsch!" rief er und leckte sich über die verbrühten Lippen.

„Wie oft hab ich Dir gesagt, Du sollst den Kaffee nicht kochendheiß servieren, Du dummes Ding!", fauchte er Twinker an, der augenblicklich in Deckung ging und sich dann schuldbewusst einen herumliegenden Aktenordner über den kahlen, schrumpligen Schädel zog.

Draco schüttelte frustriert den Kopf und erhob sich. Er hatte ohnehin keinen großen Hunger, also streifte er sich seinen vornehmen, schwarzen Umhang über und verließ das Haus.

Draußen herrschte unerbittliche Kälte und Draco zog mit einem unterdrückten Bibbern den Umhang enger um sich. Es war noch immer dunkel und der Weg bis zum Tor erschien ihm unendlich lang.

 

Er apparierte, sobald er das Grundstück verlassen hatte und fand sich im Handumdrehen vor dem großen Schloss nahe dem berüchtigten See von Loch Ness wieder. Draco wusste von seinem Vater, dass dies hier ein beliebter Ort des dunklen Lords war, um Neueinsteiger einer Feuertaufe zu unterziehen. Legendär war die Affinität Lord Voldemorts zu schlangenartigen Ungeheuern.

Draco schüttelte sich unwillkürlich und trat eilig in die große Vorhalle des Schlosses ein.

„Schau an, schau an, so sieht man sich wieder!"

Draco fuhr herum, doch er konnte nichts sehen. Es war zu dunkel hier drinnen.

Lumos!", murmelte er und presste sich mit dem Rücken gegen die Wand, während er mit zitternder Hand den Zauberstab durch den Raum führte.

Ein hämisches Lachen erklang, das Draco schließlich erkannte.

„Goyle!", rief Draco und räusperte sich, als seine Stimme erschreckend hoch und kratzig klang.

„Richtig, Malfoy!" Ein bulliger Mann trat aus dem Schatten eines riesigen Wandgemäldes heraus und mit ihm etwa zehn andere Todesser.

 

 

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

 

 

„So, wo waren wir stehen geblieben?", begann Hermine am nächsten Morgen den Unterricht in ihrer vierten Klasse. Einige Finger erhoben sich zögerlich. Hermine deutete auf einen Jungen in der ersten Reihe, der sonst nie viel zu sagen pflegte.

„Wir sollten die bisher bekannten Arten der Abwehr gegen Schwarzmagie aufschreiben und herausarbeiten, welche Magie in welche spezielle Situation passt!", erklärte der Ravenclaw etwas schüchtern.

„Ja, richtig! Und nennst Du uns auch ein paar Beispiele aus Deiner Arbeit?", forderte Hermine ihn auf und schwang sich auf ihren Lehrerpult, eine Position, die sie sich während ihrer Lehrzeit angewöhnt hatte.

Der Junge wühlte fahrig in seinen Unterlagen, was Hermine mit wachsender Ungeduld verfolgte. Schließlich begann er zögerlich vorzulesen.

„Die schwarze Magie zeigt viele Seiten und deshalb muss auch die weiße Magie viele Gegenseiten..."

„Stopp!", unterbrach ihn Hermine, „Julian, vielleicht bist Du so nett und versuchst es mal mit einem freien Vortrag?"

Julian schluckte und lief rot an.

„Was ist denn jetzt? Du hast doch die Hausaufgaben gemacht! Dann wirst Du doch jetzt auch was dazu sagen können!" Hermine schaute ihn unerbittlich an.

„Also, ein Mittel gegen Schwarzmagier sind Abwehrzauber...", kam es leise aus Julians Mund.

„Ja, korrekt!" Hermine seufzte verstohlen. „Ein Beispiel für Abwehrzauber bitte!"

Julian blickte sich verstört um.

„Ähm...der Stupor?"

„Ja, der Stupor gehört auch dazu!", bestätigte Hermine und wünschte sich, sie hätte jemals ein Studium in Pädagogik belegt, um in solchen Situationen nicht die Nerven zu verlieren.

„Ja, bitte Carmen, eh Du Dir beim Melden den Arm ausrenkst!" Hermine amüsierte sich über das Mädchen seit der ersten Stunde, weil es sie sehr an sich selbst als Schülerin erinnerte: Bei dem Versuch, auf sich aufmerksam zu machen, kroch Carmen beim Melden fast über den Tisch und machte dazu ein Gesicht, als ginge es bei ihrem Beitrag um Leben und Tod.

„Soll ich meine ganze Arbeit...?"

„Nein!" Hermine hob entsetzt beide Hände. „Bitte nur jeder ein Beispiel. Vielleicht eines, das ihr persönlich für besonders relevant haltet oder mit dem ihr am ehesten selber agieren würdet."

„Okay, die Planetenmagie!", sagte Carmen und schien sich zu freuen, als der Rest der Klasse in unverständiges Gemurmel ausbrach.

Hermine holte tief Luft.

„Ja, Carmen, lange recherchiert nehme ich mal an, um diesen Beitrag zu finden, den Du jetzt natürlich in einem Extrareferat erklären wirst, damit die anderen ihn auch verstehen."

Carmen schien für einen Moment zu überlegen, ob die Worte ihrer Lehrerin böse gemeint waren oder nicht. Aber Hermine lächelte noch, also begann sie.

Die Schülerin räusperte sich gewissenhaft und ruckelte sich etwas zwanghaft auf ihrem Stuhl zurecht.

„Also, bei der Plantetenmagie geht es darum, die verschiedenen Eigenschaften und Wirkbereiche der Planeten zu kennen und diese gezielt für bestimmte Anlässe zu nutzen. Dabei bedient man sich der anrufenden, beziehungsweise der bannenden Hexagrammritualistsik."

„Ein Hexagramm ist was?", fragte Hermine an die anderen Schüler gewandt, doch die schüttelten nur ratlos die Köpfe.

„Carmen?", fragte Hermine und natürlich begann die Schülerin sofort eifrig, den Begriff zu erläutern.

„Ein Hexagramm ist ein Symbol, das aus einem nach oben gerichteten Dreieck, Zeichen des Männlichen, und einem nach unten gerichteten Dreieck, Zeichen des Weiblichen, besteht. Die beiden gehen ineinander über und ergeben so eine sternartige Form. Das Hexagramm gilt im Gegensatz zum Pentagramm, das als „irdisch" beschrieben wird, als „kosmisch". Es ist ein uraltes Zeichen und steht für die Gegensätzlichkeiten des Seins, den Dualismus." Carmen sah Hermine Beifall heischend an, doch Hermine nickte nur knapp.

„Jeder Planet hat ein eigenes Symbol, das bei der Anrufung mit dem Zauberstab in ein solches Hexagramm gezeichnet wird", fuhr Carmen fort und klang nun etwas verunsichert, weil ihre Lehrerin sonst dafür bekannt war, mehr Lob auszuteilen.

„Bei der Anrufung wird das Hexagramm stets im Uhrzeiger, bei der Bannung im Entgegengesetzten Uhrzeigersinn gezeichnet", erklärte sie weiter und wieder nickte Hermine.

„Ist Dir auch bekannt, wo man so ein Planetenritual normalerweise ausführt?", fragte sie die Schülerin dann.

Carmen biss sich auf die Unterlippe und überlegte einen Moment.

„In einem ganz normalen Schutzkreis, würde ich sagen!", antwortete sie dann überzeugt.

„Gut!", bestätigte Hermine und wandte sich dann an den Rest der Klasse. „Aus Astrologie ist euch bekannt, dass man jedem Planeten bestimmte Eigenschaften, Metalle, Farben, Edelsteine und Pflanzen zuordnet. Das ist natürlich für die Abwehrmagie von großer Bedeutung, diese Eigenschaften und Zuordnungen, die man auch Symbollogiken nennt, zu kennen, um den richtigen Planeten für eine bestimmte Aktion zu wählen.

Also, der Reihe nach: Jeder von euch nennt einen Planeten mit den dazugehörigen Komponenten: Willy, Du fängst an!" Sie deutete auf einen kleinen, dicklichen Jungen in der ersten Reihe, der gerade heimlich unter dem Tisch ein Zimttörtchen vernascht hatte und sich nun vor Schreck fast verschluckte.

„Und dafür gibt es fünf Punkte Abzug von Hufflepuff!", erklärte Hermine säuerlich. Die Hufflepuffs stöhnten leise und sahen ihren Hauskumpanen strafend an.

„Sonne!", begann der nun, die Backentaschen immer noch mit etwas Kuchen verstopft, „Symbollogiken sind Männlichkeit, Intellekt und Logik. Metall und Farbe ist Gold, Edelstein Topas und die Pflanze Lorbeer!"

Hermine nickte mit noch immer etwas ärgerlichem Gesichtsausdruck und schaute dann Willys Nachbarn auffordernd an.

„Mond bedeutet Weiblichkeit, Intuition, Traum, Zyklus. Farbe und Metall ist glaub ich Silber. Edelstein? Klar, der Mondstein. Und Pflanze? So was Süßliches; Jasmin und so!"

„Okay! Weiter!" Hermine blickte die Schülerin eine Reihe dahinter an.

„Ich nehm Merkur. Zu dem gehört Quecksilber als Metall, Salbei als Pflanze, Feueropal als Stein und er steht für Kommunikation, Heilkunde, Geschäfte, Klugheit", erklärte die Schülerin und ihre Nachbarin begann sofort nervös und stockend mit der Venus.

„Venus ist der Liebesplanet mit Kupfer als Metall und Grün als Farbe. Rose passt als Pflanze und Smaragd ist ein passender Stein!"

„Völlig richtig, Mary!"

„Mars ist Sexualität und Triebkraft, Wettbewerb und Aggression", fuhr ein Schüler aus Gryffindor fort. „Eisen ist sein Metall, Rot seine Farbe, Rubin der Stein und Nesseln seine Pflanzen."

„Jupiter hat Zinn als Metall und blau als Farbe. Amethyst und Zinnkraut gehören noch zur Symbollogik. Eigenschaften sind Üppigkeit, Reichtum, Religion, Weihe und so!"

„Und zu guter Letzt, was fehlt?", fragte Hermine.

„Saturn!", meldete sich Carmen sofort wieder eifrig zu Wort und Hermine ließ sie gewähren. „Er steht im Gegensatz zu Jupiter für Beschränkungen, Härte, Einweihungen, Erdung und Durchhaltevermögen. Blei wird ihm zugeordnet und seine Farbe ist schwarz. Der Onyx als Edelstein und die Nachtschattengewächse als Pflanzen gehören ihm an."

„Ja, das waren sie alle!" Hermine nickte recht zufrieden. „Nun handelt es sich bei der Planetenmagie um ein eher präventives Modell. Wer kann mir sagen, was damit gemeint ist?"

Wieder schoss Carmens Finger in die Höhe, doch Hermine wartete, wenn auch mit ungeduldig wippendem Fuß, bis sich noch eine andere Schülerin meldete.

„Ja, Lilian!"

„Präventiv bedeutet in dem Zusammenhang glaub ich, dass man sie nicht wirklich vor Ort, also in einer aktiven Kampfsituation, einsetzen kann, sondern eher in Vorbereitung auf eine zu erwartende Auseinadersetzung benutzt."

„Ganz genau. Fallen Euch dazu weitere Magiearten ein?"

„Symbolmagie!", meldete sich ein Junge zu Wort, der gerade so heftig im Stimmbruch war, dass man ihn manchmal kaum verstand. Der Rest der Klasse kicherte stets, wenn er etwas sagte.

„Ruhe!", herrschte Hermine die Schüler an und blickte dann wieder den Jungen an. „Ja, sehr gut, Gregor!"

„Und Göttinnenanrufung!", fügte dieser mit kicksender Stimme hinzu.

„Auch das!", bestätigte Hermine und war zufrieden, als diesmal keiner ein Kichern wagte. Vielleicht sollte sie sich mal ein paar pädagogische Tipps von Severus holen, überlegte sie kurz sarkastisch.

„Gut, noch was?"

„Divination?", schlug ein anderer vor und Hermine stutzte.

„Wahrsagen?", versicherte sie sich, „Als Präventivmagie?"

„Naja", versuchte der Schüler, seinen Ansatz zu erklären, „Wenn man wirklich gut ist in Hellsichtigkeit, dann kann man doch dadurch vorhersehen, wie ein eventueller Kampf abläuft und sich dementsprechend besser darauf vorbereiten."

„Ich verstehe, was Du meinst, aber das zählt trotzdem nicht zur Präventivmagie, weil Du nichts beeinflusst", erläuterte Hermine, „Du kannst zwar dann aufgrund Deiner Vorhersage Präventivmaßnamen treffen, zum Beispiel eine passende Göttin um Hilfe bitten oder ein entsprechendes Symbol am vorhergesehen Kampfplatz anbringen, aber die Divination selber ist keine solche Präventivmaßnahme."

Der Schüler nickte verstehend.

„Habt ihr auch irgendwelche Maßnahmen gefunden, die man direkt im Kampf anwendet, also abgesehen von Abwehrmagie wie Lähm- und Entwaffnungszauber?", erkundigte sich Hermine.

„Unsichtbarkeitszauber!", meldete sich eine piepsige, kleine Stimme aus der letzten Reihe. Ein schmächtiger Junge mit hellblonden, feinen Haaren und fast durchsichtiger Haut schaute Hermine erwartungsvoll aus noch kindlich großen Augen an. Man glaubte ihm sofort, dass jede Art von

sich-Unsichtbar-machen ihm absolut gelegen käme.

„Ähm, Du meinst Tarnumhänge?", fragte Hermine etwas irritiert und der Blonde lief dunkelrot an.

„Nein, Professor!", piepste er und es schien, als versuche er selber gerade fieberhaft, unsichtbar zu werden. „Ich habe...aber wahrscheinlich war es falsch, ich werde es falsch gelesen haben, schon gut!"

„Nein, Timmy, sag doch mal, wo hast Du das denn gefunden und was genau besagt der Text, den Du da gelesen hast?" Hermine schwang sich vom Pult herunter und ging durch die Schülerreihen hindurch zu Tim hin. Der schien vor Nervosität fast vom Stuhl zu fallen.

„Ich habe das aus dem Buch „Uralte Magie in der Moderne"", begann Tim gewissenhaft und versuchte nebenbei das Zittern seiner zierlichen Hände unter Kontrolle zu bekommen, „Da war geschrieben, dass es Magiern möglich ist, sich durch ihre Willenskraft für Mitmenschen unsichtbar zu machen, auch wenn ihre Körper noch real tastbar sind. Aber durch ihre Willenskraft ist es ihnen auch möglich, dass ihre Mitmenschen zum Beispiel nicht einfach in sie hineinrennen."

Hermine blieb Stirnrunzelnd neben ihm stehen und stützte sich mit einer Hand auf seiner Stuhllehne auf, während sie ihm über die Schulter hinweg in seine Unterlagen schaute.

Sofort kam ihr die Situation aus ihrer Ausbildung wieder in den Kopf, als sie mit Tonks Todesserauras bei dem magischen Freizeitzentrum gesichtet hatte, dann aber, als sie mit Marcus Suddern hinappariert war, keine angetroffen hatte.

Die Auroren waren sich einig gewesen, dass die wenigen registrierten Tarnumhänge sich in den Händen der Aurorenteams befanden, folglich dies also nicht als Begründung für dieses Phänomen in Frage kam.

Sollte der kleine Timmy auf etwas gestoßen sein, dass in der Sachlage an sich so simpel, Hermine aber dennoch nicht bekannt war?

 

 

~~~~~~Fortsetzung folgt in Kürze~~~~~~~~~

 

 

Draco stand wie erstarrt in der Mitte der großen Eingangshalle, die bis vor kurzem noch Tagungsstätte für Auroren gewesen war. Was hätte er darum gegeben, diese Auroren jetzt um sich zu haben; so wenig wie er diese Gestalten sonst ausstehen konnte mit ihrem Gutmensch-Getue, wie er es im Stillen gerne schimpfte.

Die meisten Gesichter der ihn nun umzingelnden Todesser kamen ihm bekannt vor, natürlich; viele von ihnen waren ehemalige Klassenkameraden, die einst auf sein Kommando gehört hatten. So leicht wurden aus scheinbar Untergebenen gefährliche Todfeinde!

„Was wollt ihr?", brachte Draco hervor, während seine Knie sich anfühlten, als würden sie ihm gleich den Dienst verweigern.

„Nur eine nette kleine Unterhaltung unter alten Freunden!" Ein Hochgewachsener junger Mann kam auf ihn zu, den Zauberstab direkt auf Dracos Brust gerichtet. Draco kannte das Gesicht des anderen; der ehemalige Slytherin war in Hogwarts einen Jahrgang über ihm gewesen.

„Aha! Und worüber?" Dracos Stimme klang brüchig.

Die anderen Männer lachten höhnisch.

„Worüber? Ach Malfoy, ich bitte Dich! Stell Dich nicht dümmer, als Du bist!" Der Slytherin kam noch näher. Draco konnte nun seine brutalen, groben Gesichtsformen erkennen und das kalte Grau seiner Augen.

„Du weißt, der dunkle Lord schätzt es nicht sehr, wenn man alte Traditionen bricht." Der junge Mann blieb vor ihm stehen. „Und noch weniger schätzt er Verrat!" Mit einer plötzlichen Bewegung packte er Draco am Kragen und schleuderte ihn dann zu Boden.

Draco wusste nicht, was er tun sollte. Demut war eindeutig die beste Haltung, wenn man eh keine Chance zur Flucht hatte; das hatte sein Vater ihn gelehrt, wie sonst kaum etwas in seiner Kindheit.

„Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit Dir rede, Du kümmerlicher Lappen!", fauchte der Slytherin und trat mit einem Stiefel in Dracos Rücken.

Der Schmerz durchfuhr ihn wie ein Messerstich, doch Draco zwang sich, aufzusehen.

„Womit soll ich denn Verrat an dem dunklen Lord begangen haben?", wagte er, zu fragen.

Wieder ertönte das kalte Lachen der Todesser in seinen Ohren.

„Crabbe! Goyle! War der Kerl zu Schulzeiten auch schon so dumm oder ist er das erst seit er sich mit Potter und seinesgleichen rumtreibt?", rief der Anführer der Gruppe.

Crabbe und Goyle nickten nur dümmlich und grinsten.

„Ich treibe mich nicht mit Potter rum!", murmelte Draco fast ein wenig bockig.

„Ach! Bist Du nicht ständig bei den Auroren zu netten kleinen Heidenfestchen eingeladen, statt neben uns gegen diesen Abschaum zu kämpfen?" Abermals spürte Draco den Tritt des Stiefels in seiner Wirbelsäule, doch er biss die Zähne zusammen.

„Trotzdem habe ich nie jemanden verraten!", stieß er hervor. „Ich arbeite ja nicht mit denen zusammen oder so was!"

„Halt´s Maul, Malfoy!", schrie der Slytherin plötzlich und Draco krümmte sich instinktiv zusammen, als erwarte er heftige Schläge.

„Pass auf, Du kleine, verräterische Ratte!" Der junge Mann hockte sich neben Draco und hielt ihm den Zauberstab unter das Kinn, wie um Draco zu zwingen, ihn wieder anzusehen. „Der dunkle Lord scheint aus irgendwelchen Gründen Wert auf Dich zu legen, obwohl wir ihm gesagt haben, was Du für ein Waschlappen bist! Dich einfach nur zu töten, wäre ein schönerer Job gewesen! Du erscheinst zum nächsten Todessertreffen, das ist ein Befehl, den Du befolgen solltest, sonst..." Der Slytherin ließ den Zauberstab langsam bis zur Höhe von Dracos Herz sinken und grinste ihn dann fies an.

Dann erhob er sich abrupt und im nächsten Moment hörte Draco hinter sich das Geräusch des Disapparierens.

Es vergingen Minuten, bis er es wagte, sich wieder zu rühren. Todesängste jagten ihm durch Mark und Bein.

All die Jahre hatten sie ihn mit Missachtung davonkommen lassen. Warum wurde der dunkle Lord ausgerechnet jetzt, wo sein Leben endlich so etwas wie Struktur und einen Rahmen gefunden hatte, auf ihn aufmerksam? Draco hatte all die Jahre versucht, zu verdrängen, dass Lord Voldemort niemals vergaß, schon gar nicht die, die ihn verlassen hatten.

Als alles um ihn herum ruhig blieb, drehte sich Draco schließlich vorsichtig um. Die Eingangshalle war verlassen und still, das Tageslicht brach langsam durch die großen Fenster herein, als versuchte es, mit seinen Sonnenstrahlen ein wenig Trost zu spenden, dorthin, wo gerade noch Dunkelheit gewesen war.

Draco setzte sich auf. Er stand unter Schock und sein Rücken schmerzte heftig an den Stellen, wo die Eisenkappen des Stiefels ihn getroffen hatten. Draco wusste nicht im Geringsten, was er nun tun sollte. Sie würden ihn töten, wenn er nicht gehorchte, daran bestand kein Zweifel. Zweifelhaft war eher, dass er am Leben blieb, selbst wenn er folgte. Der Dunkle Lord war bekannt dafür, Menschen erst bis aufs Blut zu demütigen und dann grausam umbringen zu lassen, wenn er mit ihnen eine persönliche Rechnung offen hatte!

Flucht!

Draco schöpfte für einen kurzen Moment Hoffnung. Schon einmal war er entkommen; der anderen Seite allerdings...

Aber damals war es dem gesamten Ministerium nicht geglückt, ihn ausfindig zu machen. Allerdings nur, weil Ginny ihm geholfen und Hermine und Tonks ihn nicht verraten hatten, als sie seinen Aufenthaltsort mit Hilfe der Auragraphen geortet hatten.

Hermine!

Sie würde ihm sicher noch mal helfen!

Aber was sollte sie tun? Sie war nicht mal mehr als Aurorin tätig! Und der Rest des Teams, abgesehen von Tonks, würde ihn wahrscheinlich lieber tot als lebendig sehen...

Ginny...

Nein! Das ging auf gar keinen Fall! Er konnte nicht noch mal auf Knien bei ihr ankommen und sie anflehen, ihm den Arsch zu retten!

Oder?

Dracos Stolz war eindeutig von geringer Größe, als seine Furcht...

 

 

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

 

 

„Severus!" Hermine trommelte mit einer Faust gegen die massive Tür zu seinem Büro. Sie hatte am vergangenen Abend Stunden damit zugebracht, ihn zu suchen, doch weder in seinen Räumen, noch bei den Slytherins (deren Räume komischerweise mit unentschlüsselbaren Zaubern verriegelt gewesen waren...) hatte sie ihn angetroffen.

Sie hatte die kleine Angela sicher bei Madam Pomfrey abgeliefert; dort wusste sie sie in guten und fürsorglichen Händen. Anschließend hatte sie Adrian zurück in ihre kleine Wohnung gebracht und ihm erklärt, dass sie allein wieder weg müsste und er unbedingt hier bleiben müsse. Sie hatte die Tür mit doppelten und dreifachen Schutzzaubern belegt und war schließlich zu Dumbledores Büro gegangen, um ihm den Vorfall zu melden. Auf dem Weg dorthin hatte sie fast inständig gehofft, dass Albus von sich aus sagen würde, es wäre zu gefährlich für sie und Adrian, länger auf Hogwarts zu bleiben, doch sie hatte den Direktor gar nicht angetroffen.

Seitdem hatte sie das Schloss nach Severus durchsucht -ohne Erfolg.

Auch am Morgen vor dem Unterricht war im ganzen Schloss keine Spur von ihm gewesen. Hermine geriet langsam in Panik. Der Zwischenfall am Vortag in der großen Halle saß ihr wie ein Furchteinflößender Todesengel im Nacken. Nur mit äußerster Disziplin hatte sie die zwei Doppelstunden am Vormittag herumgebracht und war dann in der Mittagspause unmittelbar wieder zu Severus´ Räumen geeilt- abermals vergeblich.

Nun stand sie vor seinem Büro und fühlte sich durchaus bereit, die Tür notfalls auch einzutreten, wenn sie ihn nicht bald ausfindig machte...

Doch da öffnete sich die Tür und er stand ihr gegenüber. Er sah erschöpft aus und seine Gesichtsfarbe hatte einen ungesunden, gelblichen Farbton.

„Wo warst Du?", fuhr sie ihn an, als ihre Sorge und Angst plötzlich in Wut umschlug. Er antwortete ihr nicht, starrte sie nur aus übermüdeten, schwarzen Augen an.

Hermine musterte ihn kritisch.

„Alles in Ordnung?", fragte sie schließlich vorsichtig.

Er schnaubte kalt.

„Alles bestens!", knurrte er und blieb im Türrahmen stehen.

„Was geht hier vor, Severus?" Sie ließ seinen Augen keine Chance, den ihren auszuweichen.

„Ich habe zu arbeiten!" Er machte Anstalten, sich abzuwenden und die Tür einfach wieder zuzuschlagen.

„Das ist jetzt nicht Dein Ernst!", fauchte Hermine ihn an, „Deine Schüler haben mir und Deinem Sohn aufgelauert, um wer weiß was mit uns zu veranstalten, sie haben eine Schülerin gequält und alles was Du dazu zu sagen hast, ist, Du hast zu arbeiten?"

Er antwortete nicht.

„Severus, verdammt! Rede mit mir!", rief sie hilflos.

„Es ist besser, Du gehst jetzt!" Seine Stimme klang kontrolliert, die Worte berechnet.

„Es ist besser, ich...?" Hermine verschlug es die Sprache. Wut und Ohnmacht stritten sich in ihr. Sie spürte, dass er ihr etwas Bedeutsames verschwieg und es verletzte sie, genauso wie es ihr Angst machte.

„Du hättest mich nicht heiraten sollen, Severus, wenn Du so wenig Vertrauen zu mir hast!" Sie ließ ihren Blick kurz an ihm hinab gleiten, dann drehte sie sich um und ging.

 

 

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

 

 

„Ginny! Besuch für Dich!", rief Lara ins erste Stockwerk hinauf, als sie durch das Küchenfenster Draco auf das kleine, rote Häuschen zukommen sah. Es war gerade später Vormittag und Maureen und Patricia waren im Nebenzimmer mit den Kindern beschäftigt, während Lara das Essen für alle vorbereitete.

Da klopfte es auch schon und Lara ging zur Tür.

„Hi Draco!" Sie trat zur Seite, um ihn eintreten zu lassen. „Komm schnell rein, es ist ja saukalt draußen!"

Sie lächelte und schob ihn in Richtung Küche, damit sie schnell die Tür wieder schließen konnte. Draco war leichenblass und sah aus, als würde er jeden Moment zusammenbrechen.

„Was ist denn mit Dir los?", fragte Lara besorgt, als sie ihm in der Küche gegenüberstand. „Du bist doch nicht krank oder? Schlepp uns hier bloß keine Magendarmgrippe oder so was an! Das ist mit so vielen Kindern kein Vergnügen; wir haben nur ein Klo!"

Draco antwortete nicht, er blickte in Richtung Treppe, als ob er hoffte, Ginny dort zu entdecken, doch sie schien Laras Rufen nicht gehört zu haben.

„Ginny ist oben!", erklärte Lara, als sie einsah, dass Draco scheinbar nicht in kommunikativer Stimmung war. Er nickte stumm und erklomm die Treppe.

Musik schalte ihm entgegen; fröhliche Musik mit kräftigem, tiefem Frauengesang, die zum Tanzen einladen würde, wenn er nicht gerade eher in der Laune dazu gewesen wäre, sich in irgendein Erdloch einzubuddeln...

Gleich im ersten Zimmer auf der linken Seite, das den beiden Mädchen, Luci und Maja, gehörte, fand er Ginny. Sie war mit ihrem Zauberstab unterwegs und schien sauberzumachen; auf ziemlich eigentümliche Art und Weise. Sie fegte mit mehreren Drehungen im Rhythmus der Musik durch das Zimmer, so dass ihre langen, roten Haare nur so durch die Luft flatterten und schwang hin und wieder graziös mit dem Zauberstab, um die herumliegenden Kleidungsstücke in die Kleiderschränke zu befördern und den Boden zu reinigen. Schubladen schnappten auf und zu, Schranktüren öffneten und schlossen sich (im Takt der Musik!) und Hosen flogen in rhythmischen Wellenbewegungen durch die Luft.

Ginny hörte ihn nicht hereinkommen und bei ihrer nächsten Drehung knallte sie direkt gegen ihn. Wäre er nicht so in Gedanken gewesen, hätte er sich vermutlich auf den Beinen halten können; so krachte er aber mit ihr gemeinsam zu Boden.

Er gab einen Aufschrei von sich, als er direkt auf die schmerzenden Hämatome seines Rückens fiel.

„Um Himmels Willen, Draco!", rief Ginny aus, als sie erkannte, auf wen sie da gefallen war. „Was machst Du denn hier? Warum schleichst Du Dich so an?"

Dracos Nase blutete, scheinbar hatte er ihren Ellenbogen beim Sturz abbekommen.

Ginny rappelte sich von ihm auf und kniete sich über ihn, um vorsichtig seine Nase zu befühlen.

„Tut´s weh?", fragte sie mitfühlend, doch er schüttelte stumm den Kopf. Sie zog ein Taschentusch aus ihrer Hosentasche.

„Hier!"

„Danke!", murmelte er und hielt es sich unter die blutende Nase.

„Komm mit in mein Zimmer da kannst Du Dich einen Moment hinlegen, bis es aufhört." Ginny stand auf und nahm ihn beim Arm, um ihn vom Boden hochzuziehen. Dann schob sie ihn behutsam vor sich her durch den Flur zu ihrem Zimmer.

Hier war es warm und gemütlich, Orangenduft strömte aus einer Duftkerze, die unter dem Fenster auf einem kleinen Holztisch stand. Ginny beförderte Draco zum Bett und drückte ihn in eine liegende Position.

„Was machst Du denn hier?", fragte sie dann erneut.

Draco hatte plötzlich das Gefühl, alles nur geträumt zu haben; hier schien alles so friedlich und ruhig...hier bei ihr...

„Ich..." Er versuchte, sich aufzusetzen, aber ihm war plötzlich furchtbar schwindlig und schlecht.

„Ich habe da gerade so einen Auftrag", begann er, weil er einfach nicht wusste, was er sagen sollte. Eigentlich hatte er sich gar nicht überlegt, was genau er von ihr wollte. Er konnte sie schließlich schlecht fragen, ob er hier bleiben konnte.

„Hier in der Nähe oder was?", fragte sie erstaunt und auch ein wenig ungläubig.

„Nein!" Er winkte ab. Dann holte er tief Luft.

„Ginny, ich bin in Schwierigkeiten und ich muss untertauchen!"

Sie sah ihn an. Dass er Probleme hatte, war unschwer zu erkennen; er sah grauenhaft aus. Sie überlegte nur, was es zu bedeuten hatte, dass er damit ausgerechnet zu ihr kam. Einerseits freute es sie, weil er ihr bisher seinen Kummer und seine Sorgen stets verschwiegen hatte, andererseits drängte sich ihr der Gedanke auf, dass er immer nur zu ihr kam, wenn er wirklich so in der Klemme saß, dass er nicht mehr weiter wusste; wie damals, als das Ministerium hinter ihm her gewesen war...

„Was ist denn passiert?", fragte sie vorsichtig.

„Das...das kann ich Dir nicht sagen!", sagte er schroff.

„Warum erzählst Du es mir dann überhaupt?", erwiderte sie ein wenig verletzt.

„Ich...ich brauche Deine Hilfe!", sagte er und klang dabei sehr gedemütigt.

„Inwiefern?" Sie versuchte, in seinem Gesicht zu lesen, was hier vor sich ging, aber seine Miene war wie versteinert.

„Ich..." Plötzlich drehte er sich auf die Seite und sah sie an. „Ich habe keine Ahnung, inwiefern! Ich weiß nur, dass ich, wenn ich nicht verschwinde, so gut wie tot bin!"

Ginny lief ein kalter Schauer über den Rücken, als ihr die Bedeutung seiner Worte Stück für Stück bewusst wurden. Sie hatte irgendwie gehofft, dass er bei dem Ministerium wieder in irgendeinen Verdacht geraten war; das war zwar ärgerlich und durchaus beruflich Existenzbedrohend, aber keineswegs lebensgefährlich. Und seit das Ministerium die Verdächtigen und Schuldiggesprochenen nicht mehr nach Askaban schicken konnte, war man nicht mal mehr der unerfreulichen Gegenwart der Dementoren ausgesetzt.

Ginny brauchte einen Moment, bis sie die Tragweite seiner Worte richtig begriff; sie hatte unbewusst mit ihrem Einzug bei den drei Frauen auch die Probleme der Magierwelt, die tägliche Lebensgefahr all jener, die sich Voldemort entweder in den Weg stellten oder zu seinen bevorzugten Angriffspunkten gehörten, die ständige Angst, einen falschen Schritt zu machen, den falschen Leuten die falschen Dinge zu erzählen...all das hatte sie hinter sich gelassen, als sie in dieses kleine Häuschen fern von ihrer bisherigen Realität eingezogen war.

Hier galten eigene Gesetze, die jeder befolgte; sie basierten auf zwei einfachen Grundregeln: Respekt und Kommunikation. Ginny wusste, dass das nur möglich war, weil sie von keinem abhängig waren; sie bauten den größten Teil ihrer Nahrung selber an und den Rest kauften sie von Geld, dass sie durch den Verkauf von Handarbeiten, Töpfereien, Tees und Kräutertinkturen auf dem Mark verdienten.

Es war wie ein kleines Paradies, wie ein Aussteigen aus dem Irrsinn, der den Rest der Gesellschaft überschattete.

„Voldemort?", fragte sie leise und er zuckte zusammen.

„Sprich seinen Namen nicht aus!", fuhr er sie automatisch an. Doch er schien die Heftigkeit seiner Stimme zu bereuen; er schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf. Dann blickte er ihr wieder in die Augen.

„Draco, ich weiß nicht, was ich tun kann. Ich meine, natürlich wird keiner etwas dagegen haben, wenn Du eine Weile hier bleibst, aber das ist ja keine Lösung!" Ginny klang leicht verzweifelt. „Willst Du nicht vielleicht...Hermine fragen, ob sie Dir helfen kann. Ich meine, sie ist schließlich ausgebildete Aurorin und Tonks wird Dir sicher auch..."

„Ich kann nicht mehr in die Magierwelt zurück!", unterbrach er sie. „Die werden mich finden, egal was ich tue!"

„Hermine kommt jeden Tag hierher", wandte Ginny ein, „Adrian wird doch von Maureen und Patricia unterrichtet."

Langsam schien er etwas Ruhe zu finden. Es kam Ginny vor, als atme er zum ersten Mal, seit er auf ihrem Bett lag, wieder.

„Okay!", sagte er schließlich leise und es war ihr, als würde er sie kurz anlächeln. Sie konnte sich nicht beherrschen, ihm eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Er zuckte zurück, als sie ihn berührte, doch sie ließ sich nicht abschrecken und fuhr mit ihrer Hand sanft über sein angespanntes Gesicht.

„Mach Dir keine Sorgen, Draco!" Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Er spürte plötzlich wie Tränen in ihm aufstiegen, ohne dass er sagen konnte, warum. Er presste die Augen zusammen, um sie zu unterdrücken. Irgendein überwältigendes Gefühl überflutete ihn von tief unten. Vielleicht war es die Angst? Oder die Erleichterung, dass sie ihn nicht weggeschickt hatte? Oder...

Ihre Lippen berührten sanft seinen Mund. Überrascht öffnete er die Augen und sah ihr hübsches Gesicht ganz nah vor sich; ihre Augen waren geschlossen, ihr Gesichtsausdruck beinahe zärtlich.

Er schlang beide Arme um sie und erwiderte ihren Kuss.

„Ginny! Draco! Essen!", rief es von unten laut zu ihnen empor.

Blitzschnell hatte Draco sich aufgesetzt und Ginny dabei fast zu Boden gestoßen.

„Tschuldigung!", murmelte er, als sie sich wieder aufrappelte.

„Komm mit!", sagte sie lächelnd und ging zur Tür.

 

Unten herrschte fröhliches Chaos. Die sechs Kinder waren dabei, den Tisch zu decken und veranstalteten dabei ziemlichen Lärm, Maureen und Patricia versuchten, sich über den klirrenden Geräuschpegel hinweg zu unterhalten und Lara war dabei, dass Essen über die Kinderköpfe hinweg sicher auf den Tisch zu befördern. Seit Adrian die Wochentage über bei ihnen war, war es noch ein Stück enger geworden, wenn alle zur gleichen Zeit in der Wohnküche herumwuselten. Dafür hatte aber der kleine Jamy, der Sohn von Noel, die bei dem Todesserangriff auf das Aurorenteam gestorben war, einen Platz bei seiner Verwandtschaft in England gefunden. Er hatte sich gut erholt unter der Obhut dieser ungewöhnlichen Familie und auch wenn besonders Ginny, an der Jamy sehr gehangen hatte, ihn anfangs ziemlich vermisst hatte, war es doch besser für ihn, wieder in einen Magierhaushalt zurückzukehren.

„Ah! Wir haben Besuch!", rief Patricia, als sie Draco sah und winkte ihm zu.

„Hallo Draco!", grüßte Maureen und sofort fielen die Kinder mehrstimmig in die Begrüßung ein.

Draco nickte nur knapp in die Runde und folgte Ginny zum Tisch.

„Du isst doch mit?", fragte Lara und hielt einen weiteren Teller bereit.

Wieder nickte er.

Dann setzte sich die versammelte Hausgemeinschaft hin und es wurde unter lautem Krakeelen aufgetan.

Draco bekam nicht wirklich mit, was die anderen redeten oder was er aß, er fühlte sich innerlich wie gelähmt. Was sollte er denn bloß tun? Wenn die Todesser es auf ihn abgesehen hatten; da kam er doch im Leben nicht wieder raus!

„Hey! Draco!" Luci, die früher mal sehr in Draco verschossen war, stieß ihn unsanft von der Seite an. Er zuckte zusammen und starrte sie an.

„Was denn?", fragte er unwirsch.

„Ich hab´s ja immer nicht glauben wollen, aber Du bist echt ganz schön böse!", verkündete sie und Claudius, ihr zwei Jahre älterer Cousin, lachte lauthals auf. Er war es gewesen, der Luci früher immer davon hatte überzeugen wollen, dass Draco „ein Böser" war, doch sie hatte ihren Liebling verteidigt bis aufs Blut.

„Warum?", blaffte er sie gereizt an, „Was hab ich denn gemacht?"

Maureen schaute Draco ruhig an.

„Luci bezog das wohl eher auf das erste Buch über Euch, das wir gerade im Unterricht zusammen lesen und besprechen", erklärte sie freundlich, als Luci Draco nur verschreckt anschaute.

Draco knurrte irgendetwas vor sich hin und blickte dann krampfhaft auf seinen Teller.

Maureen ließ ihn nicht aus den Augen, sagte jedoch nichts mehr, bis die anderen aufgegessen hatten und sich erhoben.

„Adrian und Maja sind mit Abwaschen dran!", rief Lorence, als Marcel ihm einen Stapel Teller in die Hand drücken wollte.

„Ich versteh immer noch nicht, wieso ihr das nich einfach Ginny mit ihrem Zauberstab machen lasst!", kommentierte Adrian, begab sich aber folgsam an das große Spülbecken und krempelte die Ärmel seines kleinen, karierten Holzfällerhemds hoch. „Meine Mama macht auch immer nur eine Bewegung mit dem Zauberstab und schon is alles sauber! Und Ginny kann das doch auch!"

Ginny lachte und strich Adrian über die schwarzen Locken.

„Recht hast Du ja, aber die Mehrheit hier im Haus besteht eben nicht aus Magiern, so wie Deine Eltern welche sind und deshalb handhaben wir das hier so!"

„Schneller geht´s trotzdem!", murmelte Adrian.

„Jetzt nöl nicht rum, sondern wasch!" Maja stieß ihn von der Seite an und grinste frech.

„So, wollen wir dann jetzt nach draußen gehen?", rief Patricia über die Kinderstimmen hinweg. „Wir wollten heute noch den winterlichen Wald mit seinen Bewohnern und Pflanzen erkunden!"

„Oh Mama, das ist doch aber saukalt!", maulte Claudius, dessen hellbraune Haare in unbändigen Wirbeln vom Kopf abstanden.

„Dann musst Du Dich eben warm anziehen, mein Junge!" Patricia stemmte die Hände in die Hüften und wartete demonstrativ an der Tür zur Veranda. „Los jetzt!"

„Und wir?", protestierte Adrian vom Waschbecken. Sein Gesicht war voller Schaum und er erinnerte ein bisschen an einen sehr jungen Weihnachtsmann.

„Wir sind erstmal nur im Garten! Wir laufen Euch nicht weg, keine Bange, Adrian!" Patricia grinste.

Maureen lächelte still, und beobachtete aufmerksam, wie Draco fast erleichtert aufatmete, als die Verandatür hinter Patricia und der Kinderschar zufiel.

„Ärger?", fragte sie leise über den Tisch hinweg.

Er hatte während des gesamten Essens ihren Blick gemieden, nun war auch noch Ginny bei Adrian und Maja und er war dieser schier hellsichtigen Frau hilflos ausgeliefert.

„Kann man so sagen!", schnarrte er und kramte währenddessen in seiner Hosentasche nach seinem Tabak.

Maureen lehnte sich zurück und verfolgte jede seiner Bewegungen. Er zog eines der Blättchen hervor und begann, den duftenden Tabak darin einzuwickeln.

Maureen hatte nicht vor, etwas zu sagen; Draco wusste, dass er hier drin nicht rauchen durfte und sie ging davon aus, dass er das respektieren würde.

Als er das Papierblättchen angeleckt und zugeklebt hatte, sah er sie schließlich an.

„Die Todesser sind hinter mir her!", murmelte er. Dann machte er Anstalten, sich zu erheben, um zum Rauchen hinaus zu gehen.

Maureen hielt ihn nicht auf. Sie sah ihm bloß nach, nachdenklich und schweigsam.

„Hat er Dir gesagt, was genau passiert ist?", fragte Ginny, sobald Draco die Verandatür hinter sich zugezogen hatte.

Maureen blickte zu ihr auf und lächelte.

„Nein!", sagte sie freundlich und erhob sich.

„So fertig!", rief Adrian und rannte in den Flur, um seine Winterjacke zu holen. Während er sich eifrig anzog, drückte er Ginny seine Mütze und Handschuhe in die Hand und sah sie neugierig an.

„Warum ist Draco denn hier? Der ist doch sonst immer nur bei den Parties da!"

Ginny lächelte und setzte Adrian die rote Pudelmütze mit der langen Quaste auf den Kopf.

„Ich weiß es auch nicht so genau!" Sie hielt Adrian einen Handschuh entgegen und er steckte seine kleinen Finger hinein.

„Draco ist fast so schlecht gelaunt, wie mein Papa immer!", bemerkte er und Ginny lachte auf.

„Da sagst Du was! Aber die sind schließlich auch beide Slytherins!" Sie hielt ihm den zweiten Handschuh hin.

„Was ist Slytherin?", fragte er und sah einfach umwerfend niedlich aus, wie er so mit seiner roten Mütze und den dazu passenden roten Pausbäckchen zu ihr aufsah aus seinen riesigen, dunklen Augen.

„Das ist eines der vier Häuser, in das man in Hogwarts einsortiert wird. Sie haben alle charakteristische Merkmale", erklärte Ginny.

„Echt? Ich wohn doch auch auf Hogwarts, in was für einem Haus bin ich?" Er folgte ihr zur Verandatür.

„Da kommt man erst rein, wenn man dort Schüler ist, da musst Du Dich noch etwas gedulden!" Sie hielt ihm die Tür aus. „Viel Spaß!"

Er winkte ihr zu und kurze Zeit später sah man sechs bunte Mützen in unterschiedlicher Höhe angeführt von einem braunen Haarschopf im Wald verschwinden.

Draco kam wieder in die Küche und bibberte unwillkürlich.

„Bei der Kälte könnte man Nichtraucher werden, was?", meinte Ginny leise, während sie den Tisch abwischte. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er sie beobachtete.

„Hast Du Maureen schon gefragt?", erkundigte sie sich beiläufig.

„Was?", fragte er und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Spüle.

„Na, ob Du vorübergehend hier bleiben kannst!", erwiderte sie ungeduldig und sah ihn an.

Er schüttelte den Kopf.

 

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Snape hörte ihre Schritte sich entfernen und es war ihm, als ob das symbolischen Charakter hätte. Die Schritte wurden immer leiser und dann war er wieder allein; allein im Dunklen der kalten Kerker, allein mit seinen Sorgen, allein mit seiner Furcht.

Er wusste, dass sie enttäuscht von ihm war und er wusste, dass sie damit Recht hatte...einmal mehr.

Doch es war ihm unmöglich, ihr zu erzählen, was er in den letzten Wochen erfahren hatte. Es lag nicht in seiner Natur, seine Bedenken und Sorgen zu teilen; auch wenn er sie liebte.

Und diese Geschichte war von einer Dimension, die er niemandem anvertrauen konnte, nicht einmal Dumbledore...obwohl er es eigentlich wissen müsste.

Snape setzte sich an seinen Schreibtisch und starrte auf die Hausarbeiten, die er korrigieren musste. Was, wenn es tatsächlich wahr würde?

Was, wenn seine schlimmsten Befürchtungen sich erfüllen würden?

 

 

 

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Direkt nach ihrer letzten Unterrichtsstunde apparierte Hermine wie jeden Tag nach Süddeutschland, um Adrian abzuholen.

Sie kochte noch immer vor Wut über Severus´ Verhalten.

Was verschwieg er ihr bloß?

Sie hatte schon in den letzten Wochen bemerkt, dass er fast jeden Abend das Schloss verließ: Wann immer sie ihn hatte besuchen wollen, hatte sie vor verschlossener Tür gestanden.

Wo trieb er sich abends herum?

Wenn es sich hier nicht um Severus Snape handeln würde, würde sie glatt vermuten, er ginge fremd, aber allein der Gedanke schien ihr abstrus.

Aber das war noch nicht alles: Seine Laune hatte sich in diesen Wochen immens verschlechtert, auf eine Art, die sogar für Severus beängstigend war. Man musste nicht besonders empathisch sein, um zu wissen, dass ihn irgendetwas elementar beunruhigte.

Hermine machte sich Sorgen. Etwas, das Severus so belastete, war mit hoher Wahrscheinlichkeit ziemlich brisant! Gleichzeitig war sie wütend und verletzt, dass er sie immer noch aus seinem Leben ausschloss und das gerade, wenn es sich scheinbar um etwas so Bedeutsames handelte.

 

Sie klopfte an die rote Holztür und wurde von Ginny begrüßt.

„Hi Hermine!" Sie ließ die Freundin eintreten.

„Huch! Es ist ja so ruhig hier, wo sind denn die Kinder?", fragte Hermine und streifte ihren Umhang ab.

„Im Wald!" Ginny blickte sich kurz um, dann flüsterte sie Hermine zu: „Du, Draco steckt glaub ich total in der Klemme. Es hat wohl was mit Voldemort zu tun. Er wollte mit Dir reden!"

Hermine blickte sie beunruhigt an und ging mit einem flauen Gefühl im Bauch in die Küche.

Draco saß zusammengesunken am Küchentisch und stierte ziemlich apathisch in den Raum. Er blickte auf, als Hermine eintrat.

„Hallo!", sagte sie vorsichtig.

„Tag!", schnarrte er.

„Wie geht´s?", fragte sie weiter und blieb vor ihm stehen.

„Wie soll´s mir gehen? Beschissen!" Er sah sie aus eisblauen Augen an.

Sie fragte sich kurz, wie sie damals auf die Idee hatte kommen können, mit ihm rumzuknutschen; er schien ihr plötzlich überhaupt nicht mehr attraktiv, wie er dort so kraftlos und frustriert am Tisch hing wie ein nasser Sack...

Dann besann sie sich auf Ginnys Worte.

„Ärger?", erkundigte sie sich.

„Können wir das vielleicht auch irgendwo besprechen, wo nicht jeden Augenblick die Bälger zur Tür reinkommen können?", brummte er. Hermine zuckte mit den Schultern und sah Ginny an, die ärgerlich den Mund verzogen hatte, dann aber zur Treppe deutete.

„Mein Zimmer!", sagte sie knapp und verfolgte missmutig, wie Draco sich erhob und an Hermine vorbei das erste Stockwerk anpeilte. Hermine blickte Ginny etwas hilflos an.

„Kommst Du nicht mit?", wisperte sie ihr zu, bevor sie ihm folgte.

Ginny zuckte mit den Schultern.

„Ich glaube kaum, dass er das will!", bemerkte sie giftig.

Hermine hätte es dafür umso mehr gewollt; sie hatte der Freundin gegenüber noch immer ein schlechtes Gewissen und auch wenn diese anscheinend nicht die Spur einer Ahnung hatte, dass mal etwas zwischen ihr und Draco gelaufen war. Dennoch hatte Hermine irgendwie das Bedürfnis, Ginny zu versichern, dass sie an Draco keinerlei Interesse mehr hatte und auch keinerlei Verlangen danach hatte, mit ihm allein in einem Zimmer zu sein.

Einen kurzen Moment überlegte sie, ob sie die Freundin nicht einfach überreden sollte, mit hochzukommen, doch dann zuckte sie hilflos mit den Schultern und eilte hinter Draco her.

Hinter der Biegung des Flurs im ersten Stock sah sie gerade noch, wie Draco in Ginnys Zimmer verschwand.

Ärgerlich darüber, wie er hier selbstverständlich über Raum und Lage verfügte, ging sie ihm nach.

„Meinst Du nicht, es ist ein klein wenig unhöflich, wenn Du ihr Zimmer benutzt, sie aber nicht mit hoch bittest?", fragte sie ihn, sobald sie Ginnys Zimmer betreten hatte.

„Hab ich´s ihr irgendwie untersagt?", blaffte er zurück.

„Meine Güte, hast Du eine Laune! Das muss heute irgendwie in der Luft liegen!" Hermine schaute ihn säuerlich an.

„Soll ich Ginny holen?" bot sie dann an, als sie einsah, dass mit Streitereien an Draco kein Herankommen war.

„Das nun auch wieder nicht!", entschied er und schloss die Tür.

Unbehaglich ließ Hermine sich auf Ginnys Bett nieder, während Draco zum Fenster ging und dann die Arme verschränkte.

„Die haben mir heute Morgen aufgelauert. Bestimmt zwanzig Todesser, viele davon aus unserem Jahrgang oder dem darüber." Er starrte auf die verschneite Landschaft. „Sie haben mich erpresst; entweder ich erscheine zum nächsten Todessertreffen oder sie bringen mich um!"

Hermine saß einen Moment wie vom Donner gerührt da. So lange war es gutgegangen! Sie war immer auch ein wenig stolz gewesen, dass Draco sich für einen anderen Weg als die Fußstapfen seines widerlichen Vaters entschieden hatte. Fast hatte sie es verdrängt, dass Voldemort eigentlich kein unwesentliches Interesse an Draco haben konnte, schließlich war es eine persönliche Beleidigung, die lange Familientradition der Malfoys zu brechen, Schwarzmagiern wie Riddle zu dienen.

„Und Du hast Dich entschieden, nicht hinzugehen?", fragte sie schließlich mit belegter Stimme.

Er drehte sich mit einer ruckartigen Bewegung zu ihr um.

„Wie kommst Du darauf?"

Sie lächelte ihn mild an.

„Wärst Du sonst hier und würdest mit mir reden wollen?"

Er begann, im Zimmer auf und ab zu laufen wie ein eingesperrtes Tier.

„Ich weiß nicht, was ich tun soll!" Seine Stimme klang brüchig. „Sicher, hier können die mich kaum aufspüren, aber das ist nun echt keine Lösung! Und diese kreischenden Bälger machen mich wahnsinnig!"

Hermine blickte ihn nachdenklich an.

„Draco, was soll ich da jetzt machen? Ich bin zwar Aurorin und natürlich würde Dir mein ehemaliges Team helfen, aber Du weißt, die sind gegen Riddle auch ziemlich machtlos. Die Auroren können höchstens bei Überfällen sofort vor Ort sein und versuchen, größere Pläne zu vereiteln, aber gegen die Schar von Todessern hat momentan keiner eine Chance."

„Aber was soll ich denn jetzt machen?" Dracos Stimme klang einen Augenblick fast hysterisch. „Ich meine, ich bin doch so gut wie tot, sobald ich einen Fuß in die Magierwelt setze!"

„Harry haben auch alle schon so gut wie tot geglaubt, als damals diese Sache mit der Prophezeiung herauskam und er lebt immer noch!", versuchte Hermine, ihm Mut zu machen.

„Potter hat aber auch eine Leibgarde von Auroren um sich herum!", zischte Draco.

„Harry ist auch manchmal allein unterwegs!", wandte Hermine ein.

„Potter ist ja auch der Superheld des Jahrtausends!", blaffte Draco abfällig.

„Er steht aber auch ganz oben auf Riddles Abschussliste!", entgegnete Hermine nun etwas gereizter. „Und dort steht er schon seit seiner Geburt und er lebt immer noch! Und das nun mittlerweile seit knapp fünfundzwanzig Jahren!"

„Ich bin aber nicht Potter!", schrie Draco und sie zuckte ein wenig zusammen.

„Nein, bist Du nicht!", stellte sie dann sachlich fest und erhob sich. „Draco, ich mach Folgendes: Ich erzähle dem Team von Deinem Problem und dann warten wir ab, was die für Vorschläge machen, okay?"

Draco blickte zu Boden und nickte.

Und wieder einmal half Hermine ihm aus der Patsche; das wurde langsam ein Verhaltensmuster zwischen ihnen. Tief in seinem Inneren wusste er, dass er ihre Gutmütigkeit wirklich nicht verdient hatte, doch er brachte im Augenblick trotzdem kein Wort des Dankes über die Lippen...wieder einmal...

 

 

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„Sag mal Mine, hast Du Sehnsucht nach mir?" Tonks strahlte die Freundin an und erhob sich von ihrem Bett. „Ich mein, das ist jetzt das zweite Mal innerhalb von zwei Tagen, dass Du spontan vorbeikommst!"

„Hallo Tonks!", rief Adrian und umarmte sie stürmisch.

„Hey, mein Heißgeliebtes Mausebärchen!" Tonks kitzelte ihn ab, bis er atemlos vor ihr zu Boden ging.

„Wo hast Du denn Deinen eigenen Nachwuchs gelassen?" Hermine blickte sich in Tonks´ Zimmer um.

„Der ist bei Harry", erklärte sie, „Ich wollte mal eine Runde schlafen!"

„Oh! Harry ist da?"

Tonks nickte.

„Warum habt Ihr denn immer noch getrennte Zimmer?", erkundigte sich Hermine, „Ich dachte, es sei wieder alles okay seit Benedicts Geburt."

Tonks zuckte mit den Schultern und schaute in den Spiegel neben ihrer Tür. Mit einem kurzen Augenzusammenkneifen hatte sie ihre eben noch hellroten Haare in eine fesche schwarze Kurzhaarfrisur verwandelt und dazu leuchtend blaue Augen kreiert.

„Sind die anderen auch da?", fragte Hermine hoffnungsvoll.

„Auf jeden Fall waren sie es, bevor ich mich hingelegt habe." Tonks winkte Hermine zu, ihr zu folgen. „Hast Du denn niemanden gesehen, als Du rein gekommen bist?"

„Nee, die Küchentür war nur angelehnt und das Haus war still", erklärte Hermine und folgte Tonks zur letzten Tür auf der rechten Seite des Flurs.