
Inhalt: Nach fünf Monaten des spurlosen Verschwindens ist Hermine wieder aufgetaucht. Draco Malfoy war es, der sie nach Hogwarts zurückgebracht hat. Sie selbst scheint keine Erinnerung mehr an die Zeit ihres Verschwindens zu haben. Doch das stimmt nicht. Was keiner ihrer Freunde wissen darf, ist, daß sie und Draco Malfoy inzwischen mehr als nur ein tödliches Geheimnis miteinander teilen ... und was keiner der beiden selbst weiß, ist, daß auf sie noch Geheimnisse warten, die besser unentdeckt blieben ... (eine Geschichte über Hogwarts, die Magie und darüber, das nichts so ist, wie es zu sein scheint. Mit HP, DD, RW, SS, DL und dem Rest von Hogwarts)
Anmerkung:
Diese Geschichte baut nahtlos auf Das Herz der Dunkelheit auf.
Wenn du sie nicht kennst, hier eine kurze Zusammenfassung:
Hermine
fiel bei einem Kampf den Todessern in die Hände. Um ihr Leben zu
retten, wurde sie von Snape in den Dunklen Künsten ausgebildet.
Dem Dunklen Lord gegenüber verkaufte der Zaubertrankmeister
seine Idee so, daß er behauptet, er wolle sie als Waffe gegen
Dumbledore und Harry einsetzen. Hermine und Snape hatten indes ihre
eigenen Pläne. Der Tränkemeister bildet Hermine in den fünf
Monaten ihrer Gefangenschaft zu einer Kriegerin gegen die Dunkelheit
aus.
In dieser Zeit kamen sich Snape und Hermine näher, doch
zu ihrer beider Sicherheit, mußte Snape diese Erinnerungen tief
in Hermine verbergen. Das wahre Ausmaß ihrer Gefühle ihm
gegenüber hat sie vergessen - oder zumindest scheint es so.
Nach Hermines beendeter Ausbildung und ihrem Zaubererduell gegen
Antonin Dolohow war der Dunkle Lord von ihren Leistungen so sehr
beeindruckt, daß er sie in den Kreis seiner Todesser aufnahm
und sie unter seinen persönlichen Schutz stellte. Was die
Todesser davon hielten, kann sich jeder denken, doch das Wort des
Dunklen Lords ist für sie Gesetz.
Wenig später brachte
Draco Malfoy Hermine in einer fingierten Flucht nach Hogwarts zurück.
Dort angekommen täuschte sie einen Gedächtnisverlust vor
und Draco schwieg beharrlich zu ihrer Flucht, sagte, er könne
nicht darüber reden, müsse sich selbst schützen und
verlor kein weiteres Wort mehr darüber. Hermine, die während
ihrer Zeit bei den Todessern Furchtbares erleben mußte, traut
Draco Malfoy nicht. Sie weiß, daß sie bei diesem
Doppelverrat ganz auf sich allein gestellt ist. Ein einziges falsches
Wort kann für sie und Snape den Tod bedeuten. Doch so lange sie
für den Dunklen Lord arbeitet und die Falle für Harry und
Dumbledore vorbereitet, so lange muß sie mit Draco Malfoy
zusammenarbeiten. Ob es ihr gefällt oder nicht.
Hermine
weiß, sie hat sich verändert. Wie sehr, ist ihr nicht
bewußt. Doch auch der junge Malfoy hat sich verändert. Er
hat Dinge mitansehen müssen, die er nie wieder wird vergessen
können. Das hat ihn verändert. Alles, woran er von
Kindheitstagen an geglaubt hat, stellt er inzwischen in Frage. Und
auch er fühlt, daß für ihn die Zeit kommen wird, eine
Entscheidung zu treffen ...
... und wenn du mehr wissen
willst, mußt du die Geschichte(n) schon lesen. ;-)
Ich gehe
auf nichts ein, was sich durch die Vorgeschichte erklärt. Wenn
du diese nicht gelesen hast und etwas erscheint dir schräg an
dieser Story, solltest du vielleicht auch Das Herz der Dunkelheit
lesen. :-)
Disclaimer: Dies ist eine FanFic, die aus purer Freude an Frau Rowlings Universum geschrieben wurde. Die darin verwendeten Figuren und Schauplätze sind geistiges Eigentum von J.K. Rowling (und teilweise Warner Bros.), die sämtlichen Rechte daran besitzen. Das einzige, was mir gehört ist ein Vorratsschrank, ein Labyrinth, ein paar Zaubersprüche, die Geschichte selbst sowie die Idee zu dieser Geschichte. Mein tief empfundener Dank geht an Frau Rowling für ihr Geschenk an uns: der Welt des Harry Potters.
...
man sagt: "Der Zweck heiligt die Mittel"
dagegen
steht: "Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen
gepflastert"
Kapitel
1: Von alten und neuen Freundschaften
Es waren
Hermines ersten Tage zurück in Hogwarts ... und sie fühlten
sich wunderbar an! Fünf Monate war sie in Snapes kleinem Haus
gefangen gewesen. Und fünf Monate war es nur ein pendeln
zwischen Küche, Bad, ihrem eigenen Zimmer, dem magischen Raum
und dem Labor im Keller gewesen. Tag ein, Tag aus, von Abwechslung
keine Spur ...
Sah man einmal von jener Nacht ab, in der sie und
Dolohow sich duelliert hatten. Und das war keine Nacht, an die sich
Hermine gern zurückerinnerte.
Nun aber war sie in
Hogwarts! Hier wo ihr seit Jahren alles vertraut war. Gleichzeitig
aber war ihr die Schule nach den fünf Monaten in Gefangenschaft
fremd geworden. Das fünf Monate einen Menschen dermaßen
verändern konnten, hätte sie sich niemals vorstellen
können. Und doch, genau das war geschehen.
Als Hermine
Granger war sie verschwunden, und zurückgekommen war sie als
Gryffindor, Kriegerin gegen die Dunkelheit, Waffe des Dunklen Lords.
Und es war gerade diese Doppelfunktion, die ihre eigene innere
Zerrissenheit am besten widerspiegelte. Sie hatte sich verändert.
Sie hatte sich bereit erklärt, in diesem Spiel das Ass im Ärmel
zu sein, vielleicht sogar der Joker.
In den vergangenen
Monaten hatte sie ihre Unschuld verloren - und das auf mehr als nur
einer Art und Weise. In einem einzigen Moment hatte sie die
Vollkommenheit ihrer Seele geopfert, und sie hatte es freiwillig
getan.
Alles hatte sich verändert. Sie hatte sich
verändert. Und es gab nur einen einzigen, für den sie
Loyalität empfand, einen einzigen, für den sie dieses
Wagnis eingegangen war, einen einzigen, dem sie vertraute: Und das
war Professor Snape.
Was Harry oder die anderen davon
hielten, hätten sie es gewußt, war ihr herzlich egal. Sie
hatte sich entschieden, dort in Hogwarts weiterzumachen, wo Snape
hatte aufhören müssen. Sie hatte sein Blatt aufgenommen,
und sie würde dieses Spiel weiterspielen und beenden. Und zwar
auf ihre Art.
Snape hatte sie in den vergangenen Monaten
vieles gelehrt, doch vor allem hatte er sie eins gelehrt:
Keiner
bestimmte das Schicksal eines Menschen. Keiner außer ihm
selbst! Und Hermine hatte sich entschlossen, ihr eigenes Schicksal in
die Hand zu nehmen, ihr eigenes Schicksal zu sein. Und das war auch
der Grund, warum sie Harry Voldemort ausliefern würde. Auch
Harry würde sich seinem Schicksal stellen müssen.
Die
ersten Tage in Hogwarts gestalteten sich wie das Absolvieren eines
Dauermarathons in der Entgegennahme des Besuchs ihrer Freunde
und Eltern. Besonders ihre Eltern sahen es nur ungern, daß sie
sich entschieden hatte, das Restschuljahr in Hogwarts zu verbringen.
Sie waren gemeinsam mit Arthur und Molly Weasley angekommen und
hatten sich mit Dumbledores Unterstützung ein Zimmer in
Hogsmeade nehmen können. Als Muggel wäre es ihnen ohne
Dumbledores Zuspruch kaum möglich gewesen im magischen Dorf
unterzukommen.
Der ganze Tag ihres Wiedersehens hatte sich wie
eine endlose Abfolge des sich Drückens, Weinens und Umarmens
gestaltet. Nicht zu vergessen die von Hermine Willkommen geheißenen
Unterbrechungen durch das Mittagessen, den Kaffee und Kuchen und das
Abendessen.
Nichtsdestotrotz hatte Hermine den Tag mit ihren
Eltern genossen. Und als sie sich Abends trennten, waren ihre Eltern
halbwegs mit dem Gedanken versöhnt, ihre Tochter erst wieder zu
den Sommerferien zu sehen, die ohnehin nicht mehr zu lange auf sich
warten ließen. Und bis dahin, so hatte Hermine gesagt, würde
sie versuchen, Stoff nachzuholen. Wo könne sie das besser, als
in Hogwarts? Bestechende Logik. Ihre Eltern hatten dem nichts
entgegenzusetzen.
Die Zwillinge waren tagsdarauf
vorbeigekommen. Es hatte ein großes Hallo gegeben und Fred und
George hatten zunächst alle Hände voll zu tun gehabt, sich
ihre Bewunderer vom Hals zu halten. Seit ihrem legendären Abgang
vor zwei Jahren und der Eröffnung ihrer Scherzartikelläden
waren die beide gefragte Männer. Daß sie dabei nebenher,
wie alle anderen Weasleys, noch aktiv gegen Voldemort kämpften,
hätte sich vermutlich keiner, der nicht im Orden war, von den
beiden vorstellen können. Hermine hatte den viel zu kurzen
Nachmittag und den daraufhin folgenden langen, langen Abend mit den
Zwillingen im Gemeinschaftsraum der Gryffindors genossen.
Es war
ein herrlicher Tag gewesen, angefüllt von Anektoden,
Scherzartikeln, derben Witze über Gedächtnisschwund,
aufkommender Senilität und ... ratet mal ... einer endlosen
Abfolge von Drückerei garniert mit unterdrückter Rührung.
Hermine jedenfalls hatte Tränen gelacht und gemeint, sie
könnten sich ja demnächst als Sandwich versuchen, wenn die
Drückerei kein Ende nähme. Und die Zwillinge waren diesem
Gedanken gegenüber offensichtlich nicht abgeneigt gewesen.
Hermine jedenfalls war am späten Abend schmunzelnd zu Bett
gegangen - allein!
Nur Rons Verhalten in diesen Tagen schien
ihr mehr als seltsam zu sein. Sie hatte den Eindruck, daß er
ihr absichtlich aus dem Weg ging. Luna wiederum begann zu stottern,
wenn sie zufällig auf Ron traf. Meistens war dann einer der
beiden sehr schnell und ziemlich spurlos von der Bildfläche
verschwunden. Hermine begann sich zu fragen, ob die beiden Krach
miteinander hatten oder wie sich ihr Verhalten sonst hätte
erklären können.
Auch Krummbein hatte sich ganz anders
verhalten, als sie erwartet hatte. Daß er ein besonderer Kater
war, hatte sie stets gewußt. Ein halber Kniesel eben. Doch daß
er das dunkle Mal hatte spüren können, dies hätte fast
zu einer Katastrophe geführt.
Er hatte sie erst am Tag nach
ihrer Rückkehr gesehen und war freudig mauzend auf sie
zugelaufen. Schwanz in die Höh und Schnurrhaare nach vorn
ausgestreckt. Dann aber war er so plötzlich stehengeblieben,
als sei er gegen eine Mauer gerannt. Mit einem wütenden Fachen
hatte er sie angesprungen und sich wie ein tollwütiger Kater
über ihren rechten Arm hermachen wollen. Und es war nur ein
rechtzeitig ausgesprochenes Petrificus Totalus gewesen, das
sie davor bewahrt hatte, daß ihr Ärmel zerrissen und das
Todessermal zum Vorschein gekommen wäre.
Alle waren ratlos
gewesen. Hermine aber hatte gesagt, daß er sich wohl erst
wieder an sie gewöhnen müsse. Sie hatte den Kater auf ihr
Zimmer getragen und sich später vor ihm ausgezogen. Wie sie sich
bei dieser Stripteasenummer vor ihrem Kater gefühlt hatte, war
eine Sache gewesen. Doch wie der Kater auf die Zeichen auf ihren
Körper reagiert hatte, eine ganz andere.
Still hatte er
dagesessen. Hatte sie mit seinen großen gelben Augen ruhig
angesehen und sein Blick war den durch ihren Körper gleitende
und auf ihrer Haut erscheinenden Zeichen gefolgt. Hermine war in die
Knie gegangen und hatte ihm vorsichtig eine Hand entgegengestreckt.
Und er war vorgetreten, hatte an ihr geschnuppert und dann laut zu
schnurren begonnen.
Wenig später war aus Hermines Zimmer
unterdücktes leises Kichern gequollen. Der Kater hatte begonnen,
den Zeichen auf ihrem Körper zu folgen. Seine Pfoten patschten
auf Hermines Körper und seine Schnurrhaare kitzelten sie, wenn
er sich zu ihr vorbeugte und an ihrer Haut schnupperte, weil er
glaubte, eines der Zeichen gefangen zu haben. Doch da dieses Spiel
nicht gerade von Erfolg für den Kater gekrönt war, gab er
es schließlich auf und blieb einfach schnurrend auf ihrem Schoß
sitzen, während sie ihn kraulte. Hermine hatte sich an diesem
Abend sehr glücklich gefühlt. Krummbein war nun der
einzige, der wußte, was mit ihr los war - und er akzeptierte
sie.
Während ihre Freunde im Unterricht saßen oder
in Arbeitsgruppen beschäftigt waren, begann sich Hermine nach
einigen Tagen darüber Gedanken zu machen, was der Dunkle Lord
von ihr erwartete. Bisher hatte sie noch keine Möglichkeit
gehabt, Malfoy unter vier Augen zu sehen. Doch das mußte sich
ändern. Schließlich war er ihr Kontaktmann, und nur er
wußte, was als nächstes geschehen sollte. Zudem wollte sie
ihre Sachen zurückhaben.
Abgesehen vom Orden und ihren
Freunden wußte keiner, was geschehen war. Auf Hermines
plötzliches Verschwinden, auf die Gerüchte über ihren
angeblichen Tod, war niemals eingegangen worden. Und auch daß
sie jetzt nach fünfmonatiger Abwesenheit wieder aufgetaucht war
und einen Sonderstatus einnahm, wurde von ihren Mitschülern zwar
registriert, doch bis auf ein paar gehässige Bemerkungen aus den
Reihen der Slytherins, sprach niemand Hermine direkt darauf an. Hier
und da wurde getuschelt, daß sie als Austauschschülerin
bei einer anderen Zauberschule gewesen und von dort heruntergeflogen
war. Und das führte natürlich zu weiteren Gerüchten.
Von Fehlverhalten war die Rede, von einer Affaire mit einem
Lehrer
Hermine war es egal. Und tatsächlich fand sie die
Vorstellung von einer Affaire mit einem Lehrer ziemlich lustig. Traf
das die Wahrheit doch noch am meisten. Nur das ihre "Affaire"
eine Gefangenschaft in Snapes Haus gewesen war.
Sie jedenfalls
fand die Idee von der, der Schule verwiesenen „Austauschschülerin",
einfach genial und fragte sich, ob nicht einer der Lehrer die Quelle
dieses Gerüchts war. Zumindest aber war damit die Neugierde
aller befriedigt.
Mit Dumbledore und McGonagall hatte Hermine
ausgehandelt, daß sie das letzte Schuljahr wiederholen würde.
Auch dies kam dem Gerücht ihres Herauswurfs entgegen.
Hermine
hatte bei ihrem Gespräch mit dem Schulleiter und ihrer
Hauslehrerin argumentiert, daß sie den fünfmonatigen
Unterrichtsverlust unmöglich zu ihrer eigenen Zufriedenheit
aufholen könne und sie sich ihre Noten nicht dadurch verderben
wolle, daß sie jetzt einen Abschluß mit aller Gewalt
herbeiführen würde.
Doch sie wolle auf eigene Faust
Lehrstoff nacharbeiten und dies würde sie auch vom Grübeln
abhalten, hatte sie gesagt.
Dumbledore und McGonagall waren
einverstanden gewesen, hatte Hermine doch stets bewiesen, daß
sie eine disziplinierte und erfolgsorientierte Schülerin war und
durchaus selbständig lernen konnte.
Darüber hinaus,
hatte der Schulleiter gesagt, könne sie zu jeder Tages- oder
Nachtzeit bei ihm vorbeikommen.
Hermine hatte sich bei seinen
Worten des Gefühls nicht erwehren können, daß der
Professor ihr den Gedächtnisverlust nicht ganz abnahm. Dennoch
hakte er nie nach.
Und so war es zwischenzeitlich Freitag
geworden. Es war der vierte Tag ihrer Rückkehr.
Hermine
saß mit Ron am See. Es war ein ruhiger, freundlicher Abend und
ihr Freund hatte sie auf einen Spaziergang eingeladen.
„Erinnerst
du dich", fragte Ron, „weißt du noch, wie wir uns
ständig gestritten und genervt haben, bevor ..."
Er
brach ab, sah sie unsicher an und blickte schnell wieder auf den See.
„Na klar! Wie könnte ich das vergessen haben. Aber ich
kann dir nicht sagen, warum das so war. Irgendwie kommen mir die
Gründe für unsere Streitereinen heute so nichtig vor.
Ehrlich, ich verstehe mich selbst nicht mehr. Dabei -", einen
Moment verstummte Hermine, „dabei bist du doch einer meiner
besten Freunde, Ron, und ich mag dich wirklich sehr. Keine Ahnung,
warum du mich immer so schnell auf die Palme gebracht hast."
Der
rothaarige Junge sah wieder zu Hermine.
„Wirklich
nicht?"
Hermine blickte ihn verwirrt an.
„Ich war in
dich verliebt, Hermine! Aber ich wußte es nicht. Ich wußte
es erst, als ich mich mit deinem Tod abfinden mußte, als ich
begriff -"
Ron traten bei diesen Worten Tränen in die
Augen. Er wischte sie weg und schniefte. Hermine starrte ihn an, war
wie vor den Kopf gestoßen.
Ron war in sie verliebt -
gewesen? Hieß das, daß er sie jetzt nicht mehr liebte?
Und sie? Liebte sie Ron? War sie etwa auch in Ron verliebt -
gewesen?
Hermine versuchte sich zu erinnern, versuchte sich
wieder die Gefühle in Erinnerung zu rufen, die sie für Ron
gehabt hatte. War sie in ihn verliebt gewesen? War das der Grund
ihrer ständigen Streitereien? Verdrängte Gefühle?
Und
jetzt? Was war jetzt?
Dutzende von Fragen stürmten
gleichzeitig auf Hermine ein. Sie sah ihren Freund mit irritiertem
Blick an, stand auf und began, unruhig auf und ab zu gehen. Immer
wieder blickte sie zu ihm hinüber, setzte zu Fragen an, die
jedoch noch auf ihren Lippen erstarben, weil sie eigentlich gar nicht
wußte, was sie hätte fragen sollen.
„Komm",
sagte Ron ruhig und wies auf den Platz neben sich, „setz' dich
wieder. Es fällt mir sowieso nicht leicht mit dir über
meine Gefühle zu sprechen. Mit deinem hin und her laufen, machst
du es mir nur noch schwerer."
Hermine setzte sich, bemerkte
unbewußt, daß Ron sich viel erwachsener benahm, als sie
ihn in Erinnerung hatte. Kaum daß sie saß, nahm er ihre
Hand und sah sie ernst an.
„Als du starbst", sagte er
und Hermine zog eine Braue hoch, Ron lächelte verlegen, „als
ich dachte, du seist tot", verbesserte er sich, „da schien
auch in mir etwas zu sterben.
Es war schrecklich. Ich fühlte
mich taub und leer - etwas fehlte, und irgendwie schien es nur
passend, daß ich auch noch mein Bein verloren hatte."
Hermine runzelte die Stirn, sah Ron verwirrt an. „Lange
Geschichte", sagte dieser, „erzähl ich dir später."
Er fuhr fort: „Ich war allein. Allein mit diesen Gefühlen
... so allein wie ich es noch nie in meinem Leben gewesen war. Harry
hatte seine eigene Probleme, machte sich furchtbare Vorwürfe
wegen dem, was geschehen war. Es war ja nicht seine Schuld, aber du
kennst ihn ja. Weißt ja, wie er ist ...
Und ich? Ich hatte
nicht nur meine beste Freundin verloren, sondern auch das Mädchen,
in das ich verliebt gewesen war. Nur daß ich es nicht gewußt
hatte. Und irgendwie machte das alles sogar noch schlimmer.
Allein
George und Fred, Mom und Ginny waren mir eine Hilfe ... und Luna. Sie
kümmerte sich um mich, hörte mir zu, half mir mit dem neuen
Bein zurechtzukommen ...
Sie war einfach für mich da,
lachte mit mir und über mich. Auf ihre komische,
verdrehte verrückte Art und Weise war sie für mich da ...
du weißt schon ..."
Hermines und Rons Blicke
begegneten sich kurz und sie mußten beide auflachen. Aber
Hermine wußte, das keiner von ihnen beiden es böse gemeint
hatte.
„Na ja", fuhr Ron fort, „nach einiger Zeit
wurde mir klar, daß ich mich in sie verliebt hatte. Es war eine
ziemliche Überraschung für mich. Aber dieses Mal wollte ich
es mir nicht vermasseln, dieses mal wollte ich die Chance wahrnehmen
und zu meinen Gefühlen stehen. Ich sagte es ihr. Ich war so
aufgeregt, daß ich nur herumstottern konnte! Es war eine
ziemlich peinliche Angelegenheit! Aber zu meiner Überraschung
sagte sie, daß sie sich auch in mich verliebt hatte und ...na
ja, seit dem sind wir ein Paar. Ein ziemlich verrücktes
vermutlich."
Ron verstummte und sah Hermine mit großen
Augen an.
„Das ist es, was ich dir sagen wollte. Warum ich
mich vielleicht auch so komisch in deiner Nähe verhalten
habe."
Hermine tätschelte beruhigend Rons Hand.
Tatsächlich fühlte sie sich erleichtert. Ron hatte so
geheimnisvoll getan, daß sie sich gefragt hatte, ob er etwas
wußte, was er besser nicht hätte wissen sollen.
„Schon
gut", murmelte sie, ließ Rons Hand los und stand auf. Sie
ging in Richtung des Ufers und in einer Geste der Einsamkeit, legte
sie sich die Arme um die Schultern, starrte aufs dunkle Wasser und
drängte ihre Tränen zurück.
Das Leben war
weitergegangen.
Während sie Tag für Tag mit Snape
trainierte, gegen die Versuchungen der Schwarzen Magie ankämpfte
und am Ende zur Mörderin geworden war, hatten ihre Freunde sie
betrauert und danach mit ihrem Leben weitergemacht.
Das war nicht
fair!
Heißer Zorn flammte in ihr auf. Sie wollte schreien,
wollte ihrer Wut freien Lauf lassen, wollte etwas kaputt machen. Und
das dunkle kalte Wasser des Sees schwappte an ihre Füße,
lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich und zog ihren so plötzlich
aufgewallten Zorn zu sich in die Tiefe. Hermine beruhigte sich
wieder.
Das Sonnenlicht brach sich glitzernd auf der Oberfläche
des Sees, aus den Bäumen am Ufer drang der Gesang der Vögel
und Hermine erkannte, das in Hogwarts das Leben einfach nur
weitergegangen war. Was ihr ungerecht vorkam, war nur das Leben
gewesen.
Hermine fühlte, wie sich ein Arm um ihre Schultern
legte. Ron stand neben ihr.
„Es tut mir leid, Hermine",
sagte er. „Ich war davon überzeugt, daß du tot
warst. Ich hatte nicht die Kraft zu hoffen. Hatte nicht die Kraft,
das Unmögliche zu erwarten.
Du warst allein zurückgelassen
worden, unfähig zu disapparieren. Wie hättest du überleben
können? Du konntest nur tot sein. Niemand hätte der
Armee der Inferi entkommen können ... und doch, du bist es. Du
lebst! Wie konntest du es nur schaffen?"
Einen Moment lang
schnürte es Hermine die Kehle zu, unmerklich schüttelte sie
den Kopf. Trauer stieg in ihr auf. Trauer um eine erste Liebe, die
sie nie hatte erfahren dürfen. Sie seufzte und umarmte ihren
Freund, schmiegte sich an ihn, flüsterte:
„Halte mich
einfach nur fest, Ron. Frag nicht. Halt mich fest, weil du in einem
anderem Leben meine erste Liebe hättest sein können."
Sie
lagen sich lange in den Armen, hielten sich fest und erinnerten sich
an all ihre gemeinsam bestandenen Abenteuer. An den Spaß, den
sie erlebt hatten, an all die Gefahren, die sie gemeinsam überwunden
hatten - und sie wußten beide, daß es nie wieder so sein
würde.
Sie waren erwachsen geworden.
****
„Granger.
Ich muß mit dir reden."
Hermine drehte sich um. Sie war
gerade mit Ron auf dem Weg zur Schule zurück gewesen.
Nachdem
sie sich ausgesprochen hatten, hatten sie noch einen langen
Spaziergang entlang des Sees gemacht. Ron hatte ihr von seinem Bein
erzählt, wie er es verloren hatte. Hatte ihr die von den
Zwillingen aufgepeppte und nun durch Zauberei und Microchips
gesteuerte Muggelprothese gezeigt. Mit Begeisterung hatte er davon
erzählt, wie er sich die Prothese in einer Muggelklinik hatte
anpassen lassen. Wie überrascht und erstaunt er gewesen war,
festzustellen, daß Muggel so fortschrittlich auf dem Gebiet der
Körperprothesen waren. So viel fortschrittlicher als die gesamte
Zaubererwelt, sagte er, was vermutlich daran lag, daß es eben
nur wenig Dinge gab, die in der Welt der Zauberer nicht durch
Zauberei wiedergutzumachen sei.
Muggel, stellte Ron fest, mußten
sich eben anders behelfen. Jedenfalls, sagte er, war er froh, daß
er nicht so altmodisch wie Moody war, der mit einer Prothese herum
lief, die einem Käpt'n Ahab Ehre gemacht hätte.
„Malfoy",
sagte sie nun überrascht. Sie starrte den blassen Jungen an und
hatte sich schon gefragt, wann er endlich Kontakt mit ihr aufnehmen
wollte.
„Auch ich würde gern mit dir reden",
antwortete sie.
Ron war stehen geblieben, blickte von einem zum
anderen und wußte, daß er sich vermutlich umsonst Sorgen
machte. Schließlich hatte Malfoy Hermine wieder zurückgebracht.
Dennoch traute er dem weißblonden jungen Mann keinen Meter über
den Weg, konnte ihn nach wie vor nicht ausstehen.
„Ich bleib
in der Nähe", sagte er daher. Doch Hermine schüttelte
den Kopf.
„Nein. Das will ich nicht. Malfoy wird mir schon
nichts tun. Schließlich hat er mich nach Hogwarts
zurückgebracht. Und ich hab eine Menge Fragen an ihn, die er mir
bestimmt nicht beantwortet, wenn du bleibst. Außerdem kann ich
sehr gut auf mich selbst aufpassen."
Etwas an Hermines Worten
ließ Ron kurz stutzen und er warf Hermine einen forschenden
Blick zu. Dann aber ging er, mit einem letzten warnenden Blick
Richtung Malfoy, allein weiter.
Hermine nahm ihren Zauberstab zur
Hand. Malfoys Augen blitzten auf und er griff nach seinem.
„Bleib
ruhig, Malfoy", sagte Hermine kopfschüttelnd. „Ich
will nur das hier tun."
Mit einer ausholenden Bewegung des
Zauberstabs zog sie einen Kreis um sich und den jungen Mann. Ihre
Lippen bewegten sich dabei kaum. Sie wandte eine von ihr
weiterentwickelte Form des Muffliato Zaubers an. Der Kreis,
der sie nun umschloß, würde sich mit ihnen bewegen und
keiner würde ihnen zuhören können. Gleichgültig
ob sich jemand zufällig in ihre Nähe bewegte oder
beabsichtigte sie durch Zauber zu belauschen.
„Es waren
aufregende Tage", stellte Hermine sachlich fest. „Wie ist
es dir dabei ergangen, Malfoy? Hegt irgendwer Verdacht?"
Draco
schüttelte stumm den Kopf. Er griff in seinen Umhang und gab
Hermine die kleine Box zurück, in der sie die Sachen aus Snapes
Haus aufbewahrte. Malfoy wußte nicht, was sich darin befand.
Hermine hatte die Box magisch versiegelt.
„Ahh", sagte
sie leise, „danke."
Dann sah sie sich um,
sagte:
„Komm, laß uns aus der unmittelbaren Nähe
Hogwarts verschwinden. Machen wir einen Spaziergang zum See."
Malfoy
folgte Hermine, sprach aber kein Wort.
Das konnte ja lustig
werden, dachte die junge Frau. Würde sie ihm jedes Wort einzeln
aus der Nase ziehen müssen?
Ein paar Schüler anderer
Häuser kamen ihnen entgegen. Sie blickten die beiden verwundert
an, gingen dann tuschelnd an ihnen vorüber und sahen ihnen
später nach.
Nachdem sie eine Weile stumm dem Pfad gefolgt
waren und ihnen niemand mehr entgegenkam, fragte Malfoy:
„Kannst
du dich in Hogwarts frei bewegen?"
„Natürlich",
antwortete Hermine und fand diese Frage ziemlich merkwürdig.
„Gut.
Du mußt in die Kerker kommen. Es ist wichtig. Aber ich denke,
wir können damit noch bis zur nächsten Woche warten. Wir
sollten uns ab heute öfter treffen, einfach so tun als würden
wir uns anfreunden. Das wird die beste Tarnung für unsere
Zusammenarbeit sein. Mir gefällt das genauso wenig wie dir",
sagte Malfoy schnell, als er einem Blick auf Hermines skeptisches
Gesicht warf, „und ich will mir erst gar nicht vorstellen, was
meine Freunde davon halten. Aber es ist sein Befehl."
Malfoy verstummte und sah düster auf den See. Hermine wußte,
wie schwer es ihm fallen mußte, sich gegen die Freunde seines
eigenen Hauses zu stellen, so zu tun, als würde er sich mit
einer Gryffindor anfreunden - einem Schlammblut. Und fast hätte
sie gesagt, daß es ihr leid tat, dabei war er es doch, der in
dieser Welt der verdrehten Moralvorstellungen lebte!
„Was
sagt der Dunkle Lord noch?" fragte sie stattdessen.
„Du
bist seine Waffe, Granger, da muß er nicht viel mehr sagen. Ich
werde dich schützen und unterstützen. Zudem werde ich
versuchen, dir Crabbe und Goyle vom Hals zu halten. Denn ich habe
nicht den Eindruck, das sie über dich Bescheid wissen. Aber
daran kann ich nichts ändern. Die Information über deinen
Status müssen von ihren Vätern kommen. Ich werde versuchen,
sie dir vom Leib zu halten. Doch ob sie auf mich hören, wenn sie
den Verdacht bekommen, daß sich etwas zwischen dir und mir tut
..."
Hermines und Dracos Blicke begegneten sich. Sie
erkannte, wie sehr er unter der Vorstellung seines Statusverlusts
litt. Ohne es zu wollen, sagte sie:
„Wenn der Dunkle Lord
gesiegt hat, wird bekannt werden, daß du nur in seinem Namen
gehandelt hast. Man wird dich dafür bewundern und respektieren.
Schließlich bist du es, der sein Vertrauen hat, nicht
sie."
Malfoy nickte.
„Ich weiß",
antwortete er. „Vielleicht ...", begann er, brach dann
aber ab. Und Hermine hatte den Eindruck, daß er etwas sagen
wollte, sich aber dazu nicht entschließen konnte. Schließlich
schüttelte er nur den Kopf, atmete tief durch und sagte:
„Ich
werde morgen nach dem Frühstück an euren Tisch kommen und
dich auffordern, mit mir spazieren zu gehen. Es ist Samstag, da
werden es nicht zu viele mitkriegen. Die meisten kommen ja ohnehin
erst zum Mittag in die Große Halle.
Trotzdem wird es im
Handumdrehen seine Runde machen. Da bin ich mir sicher. Es ist in
jedem Fall eine Revolution. Granger und Malfoy gehen spazieren - und
das ohne sich gegenseitig an die Kehle zu gehen ...", der junge
Mann grinste sie schief an und verdrehte die Augen. Und auch über
Hermines Gesicht huschte so etwas wie ein Lächeln. Der Gedanke
daran war wirklich komisch.
Dann gingen sie gemeinsam zurück.
Schweigend und jeder in seinen eigenen Gedanken vertieft. In der
Eingangshalle trennten sich ihre Wege. Ihnen war klar, daß sie
die ganze Zeit über von Schülern anderer Häuser
gesehen worden waren. Und auch mancher Lehrer hatte den Spaziergang
der beiden mit ungläubigen Blick
verfolgt.
****
„Hermine!"
Hermine
erkannte Harrys Stimme. Überrascht blieb sie stehen, drehte sich
um und sah Harry in Begleitung von Ginny auf sich zukommen.
„War
das Malfoy?" fragte dieser.
„Yep", antwortete sie
kurz, nur um dann gereizt zu fragen:
„Überwacht ihr
mich jetzt schon?"
„Nein!" rief Ginny empört.
„Was ist denn das für eine komische Idee? Wir wollten mit
dir und meinem Bruder zum Abendessen gehen, doch dann kam Ron ohne
dich zurück und du warst jetzt noch über eine Stunde allein
mit Malfoy unterwegs ...", Ginny verstummte. „Wir haben
uns einfach nur Sorgen um dich gemacht, Hermine. Das ist alles. Es
ist schließlich Malfoy!"
Hermines Blick wurde
weich.
„Entschuldige", murmelte sie. „Ich bin
wohl nur deshalb so gereizt, weil ich so hungrig bin. Wart ihr schon
essen?"
„Nein, wir haben auf dich gewartet. Ron wurde
es zu lang. Er ist inzwischen vorgegangen", antwortete
Harry.
„Vernünftiger Mann!" schmunzelte Hermine
und eilte in Richtung der großen Halle davon. „Na los,
ihr Beiden!" rief sie ihnen zu, „wo bleibt ihr? Ron ißt
uns noch alles weg!"
Ginny und Harry sahen sich stumm an und
folgten ihr. Die ganze Zeit über hatten sie Hermine und Malfoy
auf der Karte der Marauder im Auge behalten.
Sie trauten Malfoy
nicht und wollten sichergehen, daß er ihr nichts tat. Doch
Hermine und der Slytherin waren nur am See entlanggegangen, hatten
sich offensichtlich nur unterhalten. Trotzdem ... seltsam war das
schon ...
Das Frühstück lag längst schon hinter
ihr. Inzwischen war es kurz vor zehn, und Hermine wußte nicht,
was sie hätte noch essen können. Sie sah nervös und
zum wiederholten Mal zum Tisch der Slytherins hinüber. Malfoy
unterhielt sich seit einer geschlagenen Stunde mit einem
schwarzhaarigen Klassenkameraden und nur selten blickte er auf. Nicht
einmal für Crabbe, Goyle oder Parkinson hatte er einen Blick
übrig.
Hermine sah sich den schwarzhaarigen jungen Mann
genauer an und glaubte sich daran zu erinnern, daß sein Name
Theodor Nott war.
Nott, dachte sie und ihr fiel ein, daß es
einen Todesser Namens Nott gab. Vermutlich war das Theodors Vater.
Malfoys Gesprächspartner war also ein potenzieller
Verbündeter.
Samstagmorgen.
Es war totlangweilig
so lange am Tisch sitzenzubleiben. Ron, Ginny und Harry waren erst
gar nicht zum Frühstück herunter gekommen. Sie schliefen
lieber länger und von den anderen ihres Jahrgangs war keiner
mehr anwesend. Lediglich ein paar jüngere saßen noch am
Tisch, doch die ließen Hermine in Ruhe.
Und die ganze Zeit
über wartete Hermine darauf, daß Malfoy endlich zum Tisch
kam und sie zum Spaziergang einlud.
Aber vielleicht hatte er es
sich anders überlegt, und sie konnte es ihm nicht verübeln.
Sie jedenfalls würde nicht an den Tisch der Slytherins
gehen und ihrerseits Malfoy ansprechen. Irgendwie gestaltete sich
ihre Zusammenarbeit doch schwieriger, als sie vermutet hatte.
Und
bei diesen Gedankengängen stutzte Hermine schließlich und
atmete tief durch.
Was tat sie hier eigentlich? fragte sie sich.
Wovor hatte sie Angst?
Dort drüben saßen ihre
Verbündeten, nicht hier am Tisch der Gryffindors. Sie sollte
endlich wieder beginnen, wie die Kriegerin zu denken, zu der sie
ausgebildet worden war. Sie war nicht länger Schülerin
Hogwarts! Und wenn Malfoy nicht kam, dann mußte sie eben an
seinen Tisch gehen.
Abrupt stand Hermine auf. Einige neugierige
Blicke blieben an ihr hängen, doch die wandten sich schnell
wieder ab. Nichts war geschehen.
Doch das würde sich gleich
ändern, dachte Hermine und ging entschlossen in Richtung des
Tisch der Slytherins.
Die Hintergrundgeräusche, das Rücken
der Stühle, das leise Klappern des Bestecks wie auch das
gleichmäßige Murmeln der Stimmen wurde leiser. Es
verstummte, als Hermine den Tisch der Slytherins erreichte. Pansy
Parkinson, die schmachtend in Malfoys Nähe saß, warf
Hermine einen hochmütigen und verächtlichen Blick zu. Goyle
und Crabbe grinsten sich frech zu, und Goyle sagte laut:
„Sag
mal, riechst du das? Was ist das nur für ein ätzender
Gestank?" fragte er mit einem leichten Ellbogenstubser Crabbe,
und dieser verzog nur angewidert das Gesicht, konnte sich allerdings
sein fieses Grinsen nicht verbeißen.
Goyle sagte:
„Stinkt
nach Muggel, stinkt nach deren dreckiger Brut."
Parkinson
brach in schrilles lautes Gelächter aus und Crabbe tat, als
müsse er sich übergeben. Malfoy, der in sein Gespräch
mit Nott vertieft gewesen war, blickte überrascht auf. Er hatte
gar nicht bemerkt, daß Hermine an den Tisch getreten war.
„Maul
halten!" bellte er in befehlsgewohntem Ton zornig in Richtung
seiner ständigen Begleiter. Er stand auf. Parkinson blieb vor
Überraschung der Mund offen. Goyle und Crabbe verstummten
schlagartig, waren wie vor den Kopf geschlagen.
„Tut mir
leid", sagte der blonde Mann leise in Richtung Hermine, während
diese mit kühlem Blick die Slytherins am Tisch maß. Dann
wandte sie sich an Malfoy:
„Ich dachte, wir wollten
spazieren gehen. Oder täusche ich mich?"
Man hätte
in dem großen Saal eine Stecknadel fallen hören können,
so still war es geworden. Malfoy kam auf sie zu und sagte:
„Nein,
das tust du nicht. Gehen wir."
Hermine bemerkte im fortgehen
die fassungslosen Gesichter, die ihnen von allen Tischen
nachstarrten. Sie hatte allerdings auch bemerkt, daß Theodor
Nott sie die ganze Zeit mit interessiertem Blick gemustert hatte.
„... und was ist es, das ich mir in den Kerkern ansehen
soll?" fragte Hermine zum vermutlich hundertsten Mal.
Malfoy
lachte.
„Du läßt nicht locker, was? Aber ich sag
dir: Du mußt es mit deinen eigenen Augen sehen. Es ist einfach
zu phantastisch. Ich werde es dir jedenfalls nicht verraten."
„Du
weißt, ich könnte dir befehlen, es mir zu sagen ...",
sagte Hermine mit herausfordernden Ton in der Stimme.
Malfoys
Blick verdunkelte sich, er zog die Brauen zusammen. Hermine lachte
und winkte ab.
„Nein, laß mal gut sein. Ich habe keine
Lust auf Machtspielchen, das ist ein Slytherin Ding, nicht meins.
Außerdem hast du mich jetzt neugierig gemacht.
Also: Ich
werde es mir ansehen! Was auch immer es ist - behalte so lange
das Geheimnis nur für dich", schmunzelte sie und hob
augenzwinkernd ihre Flasche Butterbier. Aus Malfoys Augen verschwand
der Zorn und auch er griff nach seiner Flasche. Sie stießen
miteinander an.
„Gutes Picknick", stellte der junge
Mann anerkennend fest.
Hermine nickte zustimmend. Sie hatte es gut
vorbereitet. Sie hatte das Picknick in der Box verschwinden lassen
und diese daraufhin nochmals verkleinert. Ihr war klar gewesen, daß
sie nach einem so spektakulären Abgang lange genug wegbleiben
mußten, um ihren Mitschülern genügend Zeit zu geben,
Gerüchte in die Welt zu setzten. Und so hatte sie - mit Dobbys
Unterstützung - alles für ein gemütliches Picknick
zusammengepackt.
Malfoy und Granger, dachte Hermine, legte sich
zurück und starrte durch das Geäst des Baums in den blauen
Himmel. Das war ebenso wahrscheinlich, wie daß eine
muggelgeborene Hexe Todesser wurde. Und bei dem Gedanken huschte ein
dunkler Schatten über ihr Gesicht.
„Granger."
Hermine
drehte sich Malfoy zu. Draco lehnte mit dem Rücken am Baum und
sah sie nachdenklich an. Es überraschte Hermine, wie entspannt
sie beide in der Gegenwart des anderen sein konnten. Und ebenso
überraschte sie die Tatsache, daß sie seine Gegenwart
nicht als unangenehm empfand.
Die ganze Zeit über hatten sie
Reizthemen gemieden und Hermine hatte sich von Malfoy erzählen
lassen, was während ihrer Abwesenheit in Hogwarts geschehen war.
Und obwohl sie das alles schon von ihren Freunden gehört hatte,
war der Blickwinkel auf die Geschehnisse in Hogwarts aus den Augen
eines Slytherinschülers natürlich ein ganz anderer.
„Mmm?"
„Ich schätze, wir sollten uns mit
unseren Vornamen anreden."
Hermine setzte sich auf. Die
angenehme Schläfrigkeit mit der sie das üppige
Mittagspicknick verdaut hatte, war wie weggeblasen. Sprachlos,
ja fast schon schockiert, starrte sie Malfoy an und bemerkte
überrascht den Humor in dessen Blick, als er beruhigend
anfügte:
„Das heißt natürlich nicht, daß
wir heiraten müssen."
„Sehr witzig, Mm- m- ",
sie erstickte fast daran, seinen Namen nicht auszusprechen und die
Kurve zu seinem Vornamen zu kriegen. Schließlich schaffte sie
es, doch es klang fast so, als würde sie sich daran erbrechen:
„... Draco!"
Der weißblonde junge Mann
grinste.
„Na also, geht doch."
Hermine zog eine
Braue hoch und sah ihn herausfordernd an. Er räusperte sich,
sagte dann leise, kaum hörbar:
„Hermine."
Ihre
Blicke begegneten sich. Sie hatten beide den gleichen Gedanken:
Wir
sind verdammt.
****
Hermine
und Draco machten das Beste aus ihrem erzwungenen gemeinsamen Tag:
Sie duellierten sich.
„Verflucht!" rief Hermine
verärgert, als sie den lebendig gewordenen Wurzeln auswich, die
sich um ihre Knöchel zu winden drohten. Gleichzeitig wehrte sie
Malfoys Fluch ab. Der Junge war wirklich gut, dachte sie. Aber das
war wahrscheinlich der einzige Vorteil, wenn man in einer
Todesserfamilie aufwuchs: Man lernte richtig üble Flüche.
„Jetzt
reichts!"
Eine anmutige Bewegung ihres Zauberstabs ließ
sie in die Luft steigen, ein weiterer Schwenk und die Wurzeln wandten
sich Malfoy zu, wickelten sich um seine Füße. Er stolperte
und ging zu Boden. Hermine entwaffnete ihn mit einem Expelliarmus.
Ein gedachtes Accio Dracos Zauberstab später lag
Malfoys Zauberstab in ihrer Hand.
Sie schwebte wieder zu Boden.
Malfoy wehrte sich vergeblich gegen die Wurzeln, die sich immer
fester um seinen Körper wickelten.
„Granger",
keuchte er angestrengt. „Die drehen mir die Luft ab. Laß
mich los."
Hermine kniete sich neben Draco und sah ihn mit
unbewegter Miene an.
„Es gab Momente in meinem Leben",
flüsterte sie dann, „in denen ich mir gewünscht
hatte, dich töten zu können. Nicht daß ich damals die
Macht oder den Nerv dazu gehabt hätte."
Sie beugte
sich vor und betrachtete ihn sich genauer. Draco keuchte, sein
Gesicht war rot und je mehr er sich wehrte, desto stärker
schnitten ihm die Wurzeln ins Fleisch. Hermine erkannte, daß er
in echten Schwierigkeiten steckte. Ihr Zauberstab berührte
schließlich die Wurzeln an seinem Hals und an seiner Brust. Sie
lockerten sich, gaben ihn jedoch nicht frei.
Draco bekam wieder
Luft - und gierig atmete er ein. Ihm war schwindlig und sein Hals tat
ihm vom Würgegriff der Wurzeln weh. Was hier geschah, hatte sich
seiner Kontrolle entzogen. Mit Granger stimmte irgendwas nicht, so
viel war klar. Sie benahm sich wie eine völlig Fremde, war wie
ausgewechselt.
Dieser Kampf hatte sie verändert. Es war, als
hätte er ein Programm in ihr aufgerufen, das nun ganz
automatisch ablief. Wieviel von dem, was hier geschah, war von ihr
gewollt, fragte er sich beunruhigt. Hatte sie sich selbst noch unter
Kontrolle, oder kontrollierte das dunkle Mal sie? Der Professor hatte
gesagt, daß es dazu kommen konnte. Und er hatte ihm auch
gesagt, was er dagegen tun mußte, wenn es so weit war. Nur
waren sie beide davon ausgegangen, daß er die Kontrolle haben
und nicht ihr ausgeliefert sein würde. Denn genau das war er
jetzt. Ihr ausgeliefert, und es gefiel ihm überhaupt nicht.
Seine Lippen bewegten sich, er versuchte etwas zu sagen, doch Hermine
legte ihm die Finger auf den Mund.
„Schschh."
Draco
bemerkte eine kleine Wunde an Hermines Schläfe. Blut floß
ihr über die Wange. Sie selbst hatte es nicht bemerkt. Sie
starrte ihn einfach an und in ihre Augen war ein seltsamer Ausdruck
getreten. Draco konnte ihn nicht deuten.
Was für eine
hübsche Beute er doch war, stellte Hermine verwundert fest. Ihre
Hand streckte sich ohne ihr Zutun aus und berührte seine Brust,
strich zögernd darüber.
Wie fest sich seine Muskulatur
anfühlte, dachte sie überrascht und beugte sich vor, atmete
den süßen Duft seines Schweißes ein.
All das
erinnerte sie an etwas, an irgendetwas, das sie vergessen hatte.
Immer wenn sie den Zipfel dieser Erinnerung fast schon in ihren
Händen hielt, entglitt er ihr. Es war wichtig gewesen. Und sie
hatte vergessen! Sie konnte es in sich fühlen, ganz tief in
sich. Da war etwas. Hermine schloß die Augen.
Dieser
Geruch, dieses angestrengte Atem. Das Klopfen des Herzens in der
Brust. Es hatte irgend etwas damit zu tun. Und da war noch etwas
anderes.
Hermine dachte nicht weiter nach, als sie sich auf Draco
legte. Sie fühlte den Körper unter sich und fühlte,
daß es richtig war. Ihr Becken begann sich wie von selbst an
ihm zu reiben. Ihre Lippen suchten nach seinen. Sie seufzte leise.
Oh ja, das war richtig. Das Blut schoß ihr ins Becken und
es begann an den richtigen Stellen zu kribbeln. Ihre Hände
glitten durch Dracos Haar. Sie waren zu kurz. Sie hätten länger
sein müssen.
Sie knabberte an seinen Lippen und dann war
etwas in ihrem Bewußtsein. Es flammte kurz auf und Hermine sog
scharf die Luft ein, erstarrte.
Da waren zwei Körper in der
Dunkelheit. Zwei Körper, die in Ekstase miteinander verschlugen
waren. Da waren Hände auf ihrem Körper. Sie hielten sie
fest. Sie waren sanft, waren zärtlich. Und doch ließen sie
ihr keine Chance ihrer Lust zu entkommen. In der Dunkelheit gab es
keine Grenzen mehr, keine Kontrolle. Nur noch Hingabe, bedingungslose
Ekstase.
Hermine stöhnte, atmete schwer. Das war es! Das
war es, was sie vergessen hatte, und sie wollte es wieder haben!
Sie
rieb ihre Wange an Dracos. Ihr Blut verschmierte sich auf ihren
beiden Gesichtern. Draco wollte sich wehren, doch kaum daß er
sich bewegte, umschlangen ihn die Wurzeln fester, drückten ihm
die Luft ab. Er stöhnte vor Schmerz und Hermine dachte, es wäre
Lust.
Sie küßte Draco, saugte an seinen Lippen und
versuchte mit ihrer Zunge in seinen Mund einzudringen.
Doch es
gelang ihr nicht. Und so rieb sie ihre Wange an seiner. Ihre Hände
strichen über Dracos verkrampften, verschwitzten Körper und
sie fühlte nicht, daß sie längst schon Grenzen
überschritten hatte, die jenseits ihres Verstandes lagen. Sie
fühlte nicht, das dunkle Instinkte die Kontrolle übernommen
hatten.
Ihre Zunge wurde immer fordernder und ihre Hände
grober. Mit einem Mal schien es unwichtig, ob sie ihm weh tat oder
nicht. Wenn er nicht mitmachte, war es seine Schuld. Sie wußte,
was sie wollte, und sie würde es sich nehmen.
„Laß
mich los", brüllte ihr in diesem Moment eine laute wütenden
Stimme ins Ohr, und sie durchschnitt ihre Erregung mit schmerzhafter
Klarheit. Der Körper unter ihr bäumte sich auf.
„Du
begehst an mir das gleiche Unrecht, das dir angetan wurde, Granger!
Lies es mir von den Lippen: Ich - will - dich -
nicht!"
Hermine war schon beim ersten wutentbrannten Schrei
von Draco weggesprungen. Sie hatte ihn verwirrt und schockiert
angesehen, nur um bei seinem letzten Satz entsetzt den Zauberstab zu
schwenken und Malfoy von seinen ihn würgenden Fesseln zu
befreien.
Hustend und sich über den Hals reibend, hatte sich
der junge Mann schneller erhoben, als es Hermine für möglich
gehalten hatte.
Vorsichtig legte sie seinen Zauberstab auf Boden
und zog sich rückwärtsgehend langsam von ihm zurück.
Sie konnte nicht glauben, was sie im Begriff gewesen war zu tun.
Tränen der Scham und des Entsetzens liefen ihr über die
Wangen. Ihr wurde klar, daß sie bereit gewesen war, ihm ihren
Willen aufzuzwingen. Und es hatte sie nicht im geringsten
interessiert, ob er sie wollte oder nicht.
Das dunkle Mal flammte
auf. Bohrender Schmerz ließ Hermine aufschreien, und sie preßte
den Arm an sich. Dann wandte sich ab und rannte Hals über Kopf
davon. Weg von Malfoy, dem sie unmöglich jemals wieder in die
Augen sehen konnte.
Später fand Malfoy Hermine auf einem
großen Findling sitzend. Sie wiegte sich vor und zurück,
hielt sich immer noch ihren rechten Arm und weinte herzzereißend.
Der junge Mann konnte sich vorstellen, warum sie so weinte. Es
war wohl weniger der Schmerz, der vom dunklen Mal herrührte, als
viel mehr die Erkenntnis, daß sie ihm fast das gleiche angetan
hatte, was ihr angetan worden war. Sie tat ihm leid.
„Hey,
Granger!" rief er halblaut.
Hermine sprang vom Fels herunter
und starrte ihn erschrocken an. Sie sah jämmerlich aus. Ihre
Augen waren verquollen, die Nase rot. Die eine Hälfte ihres
Gesichts war immer noch von Blut verschmiert.
„Bleib bloß
weg von mir!" rief sie entsetzt. Doch Draco lachte nur und kam
weiter auf sie zu.
„Hey", meine er lachend, „bleib
bloß weg von mir sollte eigentlich mein Spruch sein! Und
jetzt bleib cool, Granger. Es ist nichts passiert."
Hermine
schien unentschlossen zu sein, ob sie bleiben oder weglaufen sollte.
Und dann stand auch schon Malfoy vor ihr und drückte sie auf den
Fels zurück.
„Du bist verletzt, Granger", stellte
er fest. „Und es ist meine Aufgabe, mich um dich zu
kümmern."
Er nahm seinen Zauberstab und Hermine zuckte
zurück. Malfoy verdrehte die Augen und erinnerte sich viel zu
deutlich daran, daß er gestern genauso reagiert hatte. Das
jahrelange Mißtrauen zwischen ihnen war ein belastendes Erbe in
ihrer Zusammenarbeit.
„Bleib einfach ruhig sitzen",
knurrte er daher leise.
Fünf Minuten später war Hermines
Wunde verheilt und sie wieder sauber. Nur noch ihre Augen brannten
von den Tränen, und sie traute sich nicht, Malfoy ins Gesicht zu
sehen.
„Rück mal zur Seite, Granger - ähm -
Hermine, da ist genug Platz für uns beide."
Malfoy
wartete nicht lange, sondern setzte sich im gleichen Atemzug neben
Hermine, die sofort wegsprang.
„Großer Merlin!"
rief Malfoy und war genervt, „es ist nichts passiert. Okay? Und
jetzt setz dich wieder neben mich."
Hermine schüttelte
den Kopf. Sie hielt sich mit beiden Armen fest umschlungen und war
fast genauso blaß wie Malfoy.
„Ich bin ein Monster",
flüsterte sie und starrte zu Boden. Dann rieb sie sich unbewußt
über den rechten Unterarm. Der junge Mann stand auf.
„Hermine",
sagte er erst, „du bist kein Monster. Nimm das aus dem
Mund von einem, der echte Monster kennt, okay?"
Hermine hob
zögernd den Blick. Ehrlichkeit lag in Draco Malfoys grauen Augen
- und etwas anderes. Mitgefühl? Sorge? Was auch immer es war, es
paßte nicht in das Bild, das sie sich von Draco Maloy gemacht
hatte. Es verwirrte Hermine nur zusätzlich.
Sie atmete tief
durch.
„Ooo-kaaay. Aber wie kann es jetzt weitergehen? Wie
kannst du -"
„Ich denke, wir vergessen einfach die
letzte halbe Stunde", unterbrach er sie.
„Laß
uns mit unserem Picknick weitermachen und wir tun so, als sei nichts
geschehen. Es ist auch nichts geschehen.
Sag mal, warten da nicht
noch ein paar Flaschen Butterbier auf uns und waren nicht ein paar
Blaubeerpfannkuchen übrig geblieben?"
Er bot ihr
freundschaftlich den Arm an. Zögernd ging Hermine auf seine
Geste der Versöhnung ein. Draco fühlte ihr Zittern und
legte beruhigend die Hand auf die ihre. Sie war eiskalt. Er rieb sie
und lächelte Hermine an.
„Wir müssen nicht grausam
zueinander sein, um sein Werk zu verrichten, oder?"
„Nein",
flüsterte Hermine, „nein, daß müssen wir
wirklich nicht.
Danke, Draco ... und - es tut mir leid. Wirklich.
Ich weiß nicht, was da passiert ist. Ich weiß es einfach
nicht. Aber es tut mir ganz furchtbar leid, das mußt du
glauben."
Er nickte nur und erwiderte nichts.
Sie
gingen still zurück zum Picknickplatz, als Hermine plötzlich
stehenblieb. Vor ihnen erhob sich die alterwürdige Schule wie
eine gewaltige Festung. Sie stand auf einem Berg, einem kantigen
alten Felsenrücken, und trotzte allen Anfeindungen und Gefahren.
Und das schon seit Jahrhunderten.
„Ich kann verstehen, warum
es hier stattfinden soll", sagte Hermine leise und Draco zog
verwundert die Brauen hoch. „Dies ist der einzige Ort in der
Welt, der uns Hexen und Zauberern ein zu Hause gibt. Der einzige Ort,
der uns unabhängig von unserer Abstammung, willkommen heißt.
Nur einer, der in der Muggelwelt aufgewachsen ist, kann das
verstehen. Und keiner versteht das besser als ich."
Draco
wiederum verstand gar nichts mehr. Doch er fragte nicht nach.
Allerdings fragte er sich selbst, ob Hermine etwas über Lord
Voldemort wußte, was er nicht wußte.
Sie
verbrachten noch gemeinsam den Rest des Nachmittags. Und als sie am
Abend zurückgingen, war ihnen beiden klar, daß nach dem
heutigen Tag nichts mehr so sein würde wie früher.
****
„Ich
kann nicht glauben, daß du den ganzen Tag mit dem Typ unterwegs
bist! Ausgerechnet Malfoy! Du haßt den Kerl doch, oder hast du
das etwa auch vergessen?"
Hermines Ohrfeige traf Ron, kaum
daß er den Satz beendet hatte. Erschreckt sprang der junge Mann
zurück und rieb sich über die Wange.
„Hey",
brummte er, doch sein Protest ging in Hermines Worten unter.
„Wie
kannst du nur?!" rief sie empört. „Wie kannst du
nur wagen, dich über meinen Gedächtnisverlust derart lustig
zu machen? Weißt du eigentlich wie furchtbar es ist, sich an
die letzten fünf Monate seines Lebens nicht erinnern zu können?
Nicht zu wissen, was geschehen ist, oder was mit einem gemacht worden
ist?
GLAUBST DU, DAS IST LUSTIG? Glaubst du, ich grüble
nicht jede Nacht darüber nach, was mit mir passiert ist? Glaubst
du ernsthaft, daß ich nicht alles unternehmen
werde, um das herauszufinden?
Und wenn das bedeutet, daß
ich mit Malfoy meine Tage verbringen muß - dann ist das eben
so! ES IST MIR EGAL! Ich will nur wissen, was mit mir passiert
ist. Und jetzt geh mir aus dem Weg, du ... du riesiger dummer
Hornochse, du!"
Hermine stieß Ron wütend
aus ihrem Weg und stampfte an ihm vorbei, verließ den
Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Das Bild mit der fetten Dame
klappte mit einem tiefen Seufzer hinter ihr zu und nach der Stille,
die ihren Abgang gefolgt war, erhob sich wieder leises
Stimmengemurmel.
Jenseits der Tür jedoch breitete sich auf
Hermines Gesicht ein zufriedenes Grinsen aus. Es war besser gelaufen
als gedacht.
Nun konnte sie in aller Ruhe nach unten in die
Kerker gehen und sich Professor Snapes Räume ansehen.
Seit
ihrer Rückkehr brannte sie darauf, einen Blick in seine
Räumlichkeiten zu werfen. Das es blanke Neugier war, war ihr
klar. Aber andererseits mußte sie ohnehin seine Räume
aufsuchen, da sie noch eine Menge zu erledigen hatte.
Schnell
huschte Hermine aus dem Korridor in Snapes Räume. Der Professor
hatte ihr die entsprechenden Gegenflüche genannt.
„Lumos."
Das
schwache Licht des illuminierten Zauberstabs erhellte einen düsteren
Raum. Hermines Augen gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit
und sie fand Kerzen auf dem Schreibtisch und Fackeln an den Wänden.
Ein Incendio später wurde der Raum von Licht erhellt.
Doch das ließ ihn lediglich noch abschreckender und düsterer
wirken. Auf Hermines Gesicht breitete sich ein Grinsen aus. Oh ja,
dachte sie belustigt. Hier fühlte sich ein Severus Snape
wohl!
Regalwände, die bis zur Decke mit Büchern und
Pergamentrollen vollgestopft waren. Dazwischen Einmachgläser, in
denen Pflanzen- und Tierpräparate
schwammen. Manche von ihnen
schienen noch von unheimlichem Leben erfüllt zu sein, während
es aus anderen wiederum nur gespenstisch leuchtete. Alles wirkte
düster, unheimlich und irgendwie verboten.
Hermine schritt
durch den Raum und warf sich in den speckigen, abgewetzten
Ohrensessel hinter dem peinlich genau aufgeräumten Schreibtisch.
Ihre Finger strichen liebevoll über das alte Leder, und
immer noch hatte sie das Grinsen im Gesicht. Es war einfach zu
wundervoll!
Und dann lachte sie laut auf und dachte
kopfschüttelnd, daß sie beim Professor einen ganz schönen
Knacks bekommen hatte, wenn sie diesen düsteren Ort als
kuschelig empfand. Trotzdem sie konnte sich des warmen und wohligen
Gefühls, das in ihrer Brust aufstieg, nicht verschließen.
Hermine war glücklich über das Vertrauen, das ihr
der Professor mit dem Nutzen seiner Räume bewiesen hatte. Nicht
nur, daß sie hier einen Ort hatte, an dem sie, sicher vor
unliebsamen Überraschungen und Störungen, im Verborgenen
arbeiten konnte, sie hatte hier auch einen Platz, an dem sie dem
Professor nahe sein konnte.
Dies hier waren seine Räume.
Hier lebte und schlief er, wenn er in Hogwarts war. Hier in diesem
Sessel, hatte auch er gesessen.
Wieder strich sie über
die speckige Armlehne. Dann aber stand sie auf, ging in den
angrenzenden Raum, entflammte die Fackeln an den Wänden und sah
sich neugierig um.
Schock!
Dies war der Schlaf- und
Wohnbereich, und alles hier war - freundlich geradezu harmonisch!
Der Raum, in dem sie stand, war sparsam, fast schon spartanisch
eingerichtet. Er wurde von einem mannsgroßen gemauerten Kamin
beherrscht. Zwei große dunkelrote Ledersessel standen davor,
dazwischen ein kleiner mahagonifarbener hölzerner Tisch, der ein
wenig an eine kunsthandwerkliche Arbeit im britisch-indischen
Kolonialstil erinnerte. Ein Buch lag auf dem Tisch und Hermine ging
neugierig hinüber, nahm es in die Hand.
Traumzeit und
Magie, stand darauf. Hermine drehte es um und las den Buchrücken.
Schamanen gab es in allen Kulturkreisen rund um die Welt. Und
es gibt sie noch heute. Sie sind die Hüter uralten Wissens.
Schamanen sind Reisende auf den Ebenen des Bewußtseins, die den
meisten Menschen wohl für immer verschlossen bleiben werden. Sie
sind Forscher, Priester, Heiler und Abenteuerer. Und sie bewegen sich
auf Pfaden, die so alt sind, daß es sie schon seit Anbeginn der
Menschheit gibt.
Begleiten Sie den Ethnologen Professor Arthur
Michaelson (mit Lehrstuhl in Adelaide/Australien) und seinen Freund
und Forscherkollegen Albus Brian Dumbledore (Fachberater in Fragen
der Magie) auf ihren Reisen zu den Wurzeln der Menschheit. Betreten
Sie mit ihnen eine ebenso faszinierende wie gefährliche Welt, in
der Zauberei, Hexerei, Begegnungen mit Tiergeistern und Göttern
ebenso Wirklichkeit sind, wie für uns moderne Menschen das
Fernsehen, die Mikrowelle oder Reisen zum Mond.
Unten auf
dem Einband sah man die freundlich lächenden Gesichter zweier
älterer Herren - und eines davon war das des Professors
Dumbledore. Die Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen,
den Bart in mehreren langen, geflochten Zöpfen hinter dem Nacken
verschwindend, grinste er freundlich in die Kamera. Ein breitrandiger
Hut beschattete sein Gesicht. Tatsächlich sah er aus wie der
Weihnachtsmann auf LSD.
Hermine ließ das Buch fassungslos
sinken. Dann sah sie noch einmal genauer hin. Nein, das war kein
Scherz. Es war ein Muggelbuch. Und wie Hogwarts Schulleiter auf
dessen Einband kam, wollte sie nicht wissen. Genauso wenig wie, was
das Hexereiministerium davon halten würde, sollten die es
wissen. Doch irgendwie bezweifelte Hermine das.
Zauberer lasen
nur dann Muggelbücher, wenn sie es mußten. Oder wenn sie,
wie Rons Vater, auf Muggel abfuhren. Kein normaler Zauberer würde
diese Buch jemals in die Finger nehmen. Dumbledors Geheimnis schützte
sich von selbst.
Sie stellte es auf dem Kaminsims ab, um nicht
länger daraufzustarren und beschloß, es einfach zu
ignorieren. Dann sah sie sich weiter um.
Die Felswände
waren sauber verputzt, doch weder Bilder noch Wandteppiche zierten
sie. Hier im Raum herrschte Klarheit und Ordnung.
Allein ein
bordeauxroter flauschiger Wollteppich lag als einziger Farbtupfer auf
dem mit Holzdielen verkleideten Boden. Einige weitere wenige
Möbelstücke (wieder im kolonialstil) verliehen dem Raum
einen Hauch von Eleganz aber auch Gemütlichkeit. Dieser Bereich
der Wohnung war das totale Gegenteil zum vollgestopften, düsteren
Vorzimmer. Und als Hermine sich ein wenig von ihrer Überraschung
erholt hatte, ging sie weiter und entdeckte Professor Snapes
Schlafzimmer.
Auch hier sauber verputzte Felswände,
Dielenboden und nur einige wenige Möbelstücke. Mittelpunkt
des Schlafzimmers war ein großes Bett. Auch in diesem Raum gab
es einen Kamin, einen kleinen allerdings.
Aus einem verzauberten
Fenster im Zimmer drang Licht ein. Hermine ging hin, zog den Vorhang
beiseite und sah auf den See, der im Licht der untergehenden Sonne
glänzte. Neben dem Fenster war eine Tür und Hermine dachte,
das es vermutlich das Bad war. Neugierig öffnete sie die Tür
und warf einen Blick hinein. Schnell schloß sie diese wieder
und lehnte sich erschrocken an die Tür.
Der Professor
spinnte!
Zögernd öffnete sie noch einmal die Tür
und sah hinein. Das war kein Bad, dachte sie, es war eine römische
Therme! Und wie paßte dieses Becken überhaupt hier hinein?
Es mußte eine Illusion sein, konnte unmöglich real
sein.
Vorsichtig betrat sie den Raum, stand auf warmen
Marmorplatten, hörte das Plätschern des kleinen Wasserfalls
am hinteren Ende des Raums, der das Becken speiste und sah auf die
schimmernden Lichtreflexe im Wasser, die aus einer verborgenen
Lichtquelle im Becken stammen mußten und sich an den
Marmorsäulen und in der Decke widerspiegelten.
Hermine frage
sich, wo die Toilette in diesem Raum war. Und kaum daß dieser
Gedanken in ihrem Kopf erschienen war, verschwand die luxuriöse
Therme und ein nüchternes kleines Bad war plötzlich da.
Dusche, Toilette, Waschtisch, Spiegel, kleiner Wäscheschrank.
Aber wo war die Therme? Hatte sie es sich nur eingebildet? Oder war
dies vielleicht auch ein magischer Raum?
Hermine zückte
ihren Zauberstab, dachte an die Therme und - nichts geschah.
Kein
magischer Raum. Nur ein kleines Bad.
Hermine schloß
entäuscht die Tür hinter sich. Nur um sie dann wieder
schnell aufzureißen, als erwarte sie, die Therme dabei zu
ertappen, wie sie wieder auftauchte. Doch nichts dergleichen war
geschehen. Sie sah immer noch auf ein kleines funktionelles Bad und
frustriert schloß Hermine die Tür. Schade.
Dann trat
sie ans Fenster heran und dachte, daß dies ein schöner
Trick war. Im Zaubereiministerium hatten sie auch verzauberten
Fenster.
Sie wandte sich ab und begab sich wieder ins
Wohnzimmer. Das also waren Professor Snapes Räume. Sie wußte
nicht, was sie erwartet hatte, aber so hatte sie es sich nicht
vorgestellt. Der düstere vollgestopfte Vorraum entsprach schon
mehr ihren Vorstellungen, nicht aber diese klaren freundlichen Räume.
Snape steckte voller Überraschungen.
Dann entflammte sie im
Kamin das magische Feuer, wie es ihr der Professor gezeigt hatte. Sie
sprach den Zauber und die Wand hinter dem Kamin schob sich zur Seite,
gab den Blick auf einen dahinterliegenden Raum frei.
Hermine griff
nach der Fackel und schritt durchs kalte Feuer. Kaum daß sie
den verborgenen Raum betreten hatte, schob sich die Kaminwand schon
wieder vor den Durchgang.
Hermine sah sich um.
Wie nicht
anders zu erwarten, war dies ein nüchterner, zweckmäßiger
Raum. Die Wände waren blanker Fels ebenso der Boden. Lediglich
eine Schicht aus gestampften Lehm bedeckt ihn, glich die Unebenheiten
aus.
Eiserne Käfige hingen von der Decke und in ihnen
schwebten blasse faustgroße Energiekugeln, die den Raum mit
schwachem Licht erhellten.
Hermine richtete ihren Zauberstab auf
sie und mit dem entsprechenden Zauber flammt eine Kugel nach der
anderen auf. Hermine nickte anerkennend.
Professor Snape war ein
weitaus mächtigerer Zauberer, als es ihm die meisten zustehen
würden. Nicht nur, daß er selbst Zauber und Flüche
entwickelte, er war von den beiden mächtigsten Zauberern dieser
Zeit unterrichtet worden. Hatte von beiden gelernt.
Und Hermine
hatte direkt davon profitieren können. Denn der Professor hatte
nichts von seinem Wissen zurückgehalten, hatte sie in allem
unterstützt und ermutigt, zu dem sie sich fähig gefühlt
hatte.
Der Professor, dachte Hermine, war kein schlechter Mensch.
Und es war ihr nicht bewußt, daß sie damit etwas dachte,
was ihr bis vor einem halben Jahr nicht einmal in den Sinn gekommen
wäre.
Hermine schritt die Regalreihen ab und sah sich um. Sie
notierte in Gedanken, was sie brauchen konnte und verwarf alle Ideen,
die sich nicht würden realisieren lassen. Doch für die
wichtigsten ihrer Ideen hatte sie alles beisammen. Sie mußte
sich nur noch ans Brauen der Tränke und ans Ausformulieren der
noch nicht ausgereiften Flüche machen. Kurzum: Sie mußte
sich an die Arbeit machen!
****
„Ron, was ist nur
in dich gefahren? Du benimmst dich wie ein Idiot! Was Hermine tut,
ist ihre Sache, und wenn sie sich mit Malfoy trifft, geht uns das
nichts an!"
Ginny starrte ihren Bruder wütend an, der
sich nur völlig verdattert über die Wange rieb, und am
liebsten hätte sie ihm auch eine Ohrfeige verpaßt.
„Dann
... aber ... warum ...", stotterte dieser und sah hilfesuchend
zu Harry. Dieser zuckte aber nur mit den Achseln, als ob er damit
sagen wolle:
Ich stelle mich nicht zwischen zwei Weasleys.
Womit
er vermutlich mehr Weisheit bewies, als es Ron gerade getan hatte.
„Aber du kannst doch unmöglich gutheißen, daß
Hermine mit Malfoy abhängt! Malfoy, Ginny! Nicht irgend
wer. Es ist Malfoy!"
„Das weiß ich!"
schrie seine Schwester ungehalten zurück. „Und ich finde
das genauso beschissen wie du! Aber - wir haben kein Recht uns da
einzumischen, verstehst du das nicht? Selbst wenn es Malfoy ist!"
Luna sah den streitenden Geschwister zu. In Hogwarts konnten die
Schüler der anderen Häuser einen fremden Gemeinschaftsraum
betreten, wenn sie dazu eingelanden wurde. Und natürlich war
sie, als Rons Freundin, hier willkommen.
Leise sagte sie:
„Aber
vielleicht mögen sich die beiden inzwischen?"
Die
Blicke, die ihr die Geschwister zuwarfen, hätten jeden anderen
getötet. Luna aber lächelte nur verträumt, als ob ihr
die Vorstellung von Hermine und Malfoy gefiele. Sie wußte nicht
wirklich, was geschehen war, sie wußte nur, daß Hermine
vermißt worden war und daß Malfoy irgend etwas mit ihrer
Rückkehr zu tun hatte. Sie dachte an Shakespeare, dachte an
Romeo und Julia, und fand das alles unglaublich romantisch. Und so
fuhr sie fort.
„Na ja, warum nicht? Malfoy ist richtig nett
zu Hermine, seit sie wieder da ist. Ist das nicht irgendwie total
romantisch?"
„Luna", sagte Ron und war drauf und
dran, etwas zu sagen, was ihm später leid tun würde. Doch
bevor er es aussprechen konnte, sagte Harry:
„Was ist, wenn
Luna recht hat?"
„Harry!" riefen die Geschwister
empört und wie aus einem Mund. Luna aber lächelte Harry
dankbar an.
„Nein, ehrlich. Was wenn da mehr zwischen den
beiden ist? Ich meine, er hat sie von sonst wo zurückgebracht
und wir wissen nicht, was in all den Monaten geschehen ist. Wir
wissen nicht, was mit Hermine geschehen ist. Was ist, wenn er
sich die ganze Zeit um sie gekümmert hat? Was, wenn er sie
tatsächlich irgendwie ... lieb gewonnen hat?
Das einzige, was
ich weiß, ist, daß Malfoy sein Wort gehalten hat. Er hat
gesagt, er würde Hermine zurückbringen, und das hat er
getan. Und Luna hat recht. Er ist seitdem richtig nett zu ihr, hat
bisher auch keinen von uns beleidigt oder angegriffen. Es kommt mir
vor, als hätte er sich verändert und -"
„...
das hat auch Hermine!" unterbrach ihn Ron, bellte seine Worte
wütend in die Runde. „Sagt mal fällt das keinem von
euch auf? Bin nur ich es, der das sieht? Es ist, als ob eine andere
Person zu uns zurückgekehrt ist. Es ist zwar Hermine, aber
gleichzeitig ist sie es nicht. Seht ihr das nicht?
Und ebenso ist
es mit Malfoy. Ich meine, seht euch den Kerl doch mal an! Der geht
mit Hermine spazieren, verschwindet einen ganzen Samstag mit ihr ...
und ... und keiner hat 'ne Ahnung, wo die beiden waren, was sie
gemacht haben - und ehrlich gesagt, will ich es gar nicht wissen!
Aber, verdammt noch mal, irgend etwas stimmt da nicht. Merkt ihr das
nicht?"
„Ich weiß nicht", sagte Ginny jetzt
merklich ruhiger geworden. „Stimmt schon, daß Hermine
sich verändert hat. Aber ist das nicht normal? Sie kann sich an
die letzten fünf Monate ihres Lebens nicht erinnern! Und Malfoy
ist die einzige Verbindung zu diesen verloren gegangenen Monaten. Ich
kann mir schon vorstellen, warum sie versucht, mit ihm in Kontakt zu
kommen - besonders wenn man bedenkt, daß er jetzt", Ginny
runzelte die Stirn und sah einen Moment lang reichlich irritiert aus,
„so nett zu ihr ist ..."
„Da ist was faul daran.
Da ist ganz gewaltig etwas faul!" sagte Ron.
„Und was,
glaubst du, sollten wir tun?" fragte Harry ihn direkt. „Sie
einsperren? Sie nicht fortgehen lassen?"
„Dumbledore!"
kam es sofort aus Rons Mund geschossen. „Warum nicht Dumbledore
fragen. Der müßte doch erkennen, ob Hermine mit einem
Fluch belegt ist oder nicht. Ich meine, sie war wahrscheinlich die
ganze Zeit bei den Todessern! Es wäre doch nur logisch, wenn die
sie mit dem Imperiusfluch belegt zurückschicken würden. Na
klar! Irgendwann steht sie Mitten in der Nacht in unserem Zimmer und
-"
„Ach, sei still, Ron. Dumbledore hat das schon
gecheckt. Ich hab ihn selbst danach gefragt", unterbrach ihn
Harry.
„Was? Ehrlich?" fragte Ron, und auch Ginny sah
ihren Freund überrascht an.
„Ja", meinte dieser.
„Glaubt ihr, mir ist nicht aufgefallen, daß sich Hermine
irgendwie anders verhält? Und das sie sich jetzt mit Malfoy
trifft ... Auch mir gefällt das nicht. Ich hab gestern Nacht mit
Dumbledore darüber geredet, hab ihn gefragt, ob er geprüft
hat, daß mit Hermine auch alles in Ordnung sei. Und er hat
gesagt, daß es keinen Fluch gibt, der ihr anhängt. Er und
McGonagall hatten das schon in der ersten Nacht nach Hermines
Rückkehr überprüft. Also ... was auch immer zwischen
ihr und Malfoy ist", Harry zuckt ratlos mit den Schultern, „mit
'nem Fluch hat das nichts zu tun."
Ein tiefes und bedrücktes
Schweigen breitete sich zwischen den Freunden aus. Das Feuer im Kamin
knackte leise und es wurde draußen langsam dunkler. Nur noch
wenige hielten sich im Gemeinschaftsraum der Gryffindors auf, die
meisten waren zum Essen nach unten gegangen. Schließlich sagte
Luna:
„Gehen wir Essen, Ron? Kommt ihr mit?"
Lunas
Freund nickte. Harry aber schüttelte den Kopf und auch Ginny
verneinte. Ron und Luna verließen die Gemeinschaftsräume.
„Aber
du glaubst es auch nicht, oder?" fragte Ginny schließlich
Harry. „Das mit ihr alles in Ordnung ist ..."
„Gott,
ich weiß nicht", murmelte dieser erschöpft und strich
sich mit der Hand über die Stirn, rieb sich die Narbe. „Hab
keine Ahnung. Ich hoffe nur", er sah auf, und Ginny begegnete
seinem gequältem Blick, „ich hoffe nur, daß sie mir
eines Tages vergeben kann, daß ich sie damals allein
zurückgelassen hab."
Dann verbarg er sein Gesicht
zwischen den Händen und seine Schultern zuckten, als er stille
Tränen um eine, wie es ihm schien, längst verlorene
Freundschaft weinte. Ginny setzte sich neben ihn und legte ihm
trösten die Arme um die Schultern.
„Ach Harry, es war
nicht deine Schuld. Du bist benutzt worden, du kannst nichts dafür",
flüsterte sie ihm zu. „Tu dir das nicht an ... es war
nicht deine Schuld ..."
****
An
den Tischen der Slytherins und Gryffindors wurden zögernde
Blicke ausgetauscht. Jeder der dort Sitzenden schien nach dem jeweils
Vermißten Ausschau zu halten. Es war schon der zweite Abend in
Folge, daß Hermine und Malfoy zum Abendessen fehlten. Gerüchten
zufolge waren die beiden gestern, am Sonntag, in Hogsmeade gesehen
worden.
Lachend und durch die Straßen bummelnd, als gäbe
es keinen Voldemort, der die Welt ins Chaos stürzen wolle, als
sei es normal, daß eine Hermine Granger (Schlammblut)
und ein Draco Malfoy (Todessersohn) gemeinsam ausgingen.
Die
Schüler im siebten Schuljahr hatten am Wochenende und auch
unterhalb der Woche freien Ausgang. Einzige Bedingung war, daß
sie vor Mitternacht in Hogwarts zurück waren. Ansonsten konnten
sie ihre Freizeit nach dem Unterricht gestalten, wie sie wollten, so
lange sie nicht gegen die Regeln der Schule verstieß.
Schließlich waren sie alle volljährig.
Harry sah
unauffällig zum Tisch der Slytherins. Goyle und Crabbe saßen,
die Köpfe zusammengesteckt, neben einem schwarzhaarigen
Mitschüler und schienen etwas auszuhecken. Dieser schüttelte
jedoch nur den Kopf und seine Antwort schien den beiden gar nicht zu
gefallen. Goyle lief rot an, stand abrupt auf und verließ
wütenden Schitts den Saal. Crabbe warf seinem schwarzhaarigen
Klassenkameraden - Harry erinnerte sich an den Namen: Nott, Theodor
Nott - einen geringschätzigen Blick zu und rannte Goyle
hinterher. Nott aber schnaubte nur, schüttelte den Kopf, und
dann begegneten sich ihre Blicke. Einen Moment lang starrten sie sich
an. Dann geschah das Unfaßbare:
Nott hob sein Glas und
trank Harry zu. Dabei lächelte er. Doch sein Lächeln hatte
etwas Verschlagenes, etwas Verdorbenes, so daß Harry
schnell wegsah und so tat, als hätte er es nicht bemerkt.
Doch
er war nicht der Einzige, der es gesehen hatte. Neville beugte sich
zu Harry vor, sagte: „Ich frage mich, was man den Slytherins
seit Neustem unters Essen mischt. Die spinnen doch - allesamt! Und
was hat das mit Hermine und Malfoy auf sich? Weißt du was? Ist
da was dran an den Gerüchten?"
Harry sah in Longbottems
rundes Gesicht und wie immer strahlte es Freundlichkeit und
Arglosigkeit aus. Nevilles Neugierde war einfach nur Neugierde. Da
war kein Mißtrauen, keine Sensationsgier. Viel eher so etwas
wie Besorgnis.
„Ich weiß nichts, Neville. Ich weiß
nicht mal was von Gerüchten. Wenn du es genauer wissen willst,
mußt du schon Hermine fragen. Ich halte mich da raus."
„Hmmpf,
verstehe", murmelte sein Freund leise. „Ich dachte nur
..."
„Aber ist schon irgendwie schon komisch",
setzte Neville erneut an. „Zuerst ist Hermine monatelang weg,
keiner weiß, was los ist - beziehungsweise", er warf Harry
einen vorwurfsvollen Blick zu, „keiner sagt einem was. Und dann
taucht sie wie aus dem Nichts wieder auf. Und plötzlich heißt
es, sie wäre auf einer anderen Zaubererschule gewesen, wäre
von dort geflogen ... als ob Hermine etwas ausfressen könne, das
zu einem Herauswurf führt. Bei jedem anderen würde ich das
glauben, aber nicht bei Hermine. Und sie hat sich verändert ...
ist auch noch mit Malfoy befreundet. Ausgerechnet Malfoy ..."
„Du
findest also, daß sie sich verändert hat?" hakte
Harry neugierig nach.
Neville rubbelte sich nachdenklich über
den Nasenrücken.
„Ja, irgendwie schon. Irgendwas an ihr
ist anders. Ich könnte dir nicht einmal genau sagen, was.
Irgendetwas in ihrem Blick hat sich verändert - ist es dir denn
nicht auch aufgefallen?"
Harry schüttelte stumm den
Kopf.
„Ich weiß nicht", Neville runzelte die
Stirn. „Sie sieht einen an und dann -"
„Ja?"
fragte Harry.
„Ach was, das bilde ich mir nur ein ...",
murmelte sein Freund leise.
Harry legte ihm die Hand auf den
Arm.
„Neville. Was glaubst du in ihrem Blick gesehen zu
haben?"
Der Junge mit dem runden Gesicht schüttelte den
Kopf. Dann aber seufzte er, sagte:
„Die letzte Woche habe
ich sie ein paar mal gedankenverloren im Gemeinschaftsraum aus dem
Fenster starren sehen. Doch sobald sie bemerkte, daß sie
beobachtet wurde, sah sie sich um und dann ... "
Er
verstummte.
„Neville?"
„In ihren Augen habe
ich die gleiche Finsternis gesehen, die ich bisher nur bei einem
gesehen hab. Und es hat mir das Schaudern gegeben ..."
„Snape",
murmelte Harry düster. Neville nickte nur.
„Ja, aber da
war auch noch etwas anderes", sagte er dann. „Da lag noch
so ein seltsam wissender Ausdruck in ihren Augen. Als ob sie etwas
wisse, was kein anderer weiß. Etwas, das ihr weh tat. Und
hinter dieser Dunkelheit in ihrem Blick -"
Harry hatte wie
gebannt zugehört und als Neville verstummte, mußte
er nachhaken.
„Was, Neville? Was?"
„Sie hat
mir Angst gemacht, Harry. Allein ihr Blick hat mir Angst gemacht. Ich
weiß etwas, das ich besser nicht wissen sollte."
Dann
stand Neville auf und ging schnell in Richtung des Ausgangs, hoffte,
so den unbequemen Fragen seines Freundes auszuweichen. Doch Harry
wollte es jetzt erst recht wissen. Er rannte Neville hinterher,
schnappte ihn beim Arm und hielt ihn zurück.
„Was? Was
weißt du?" fragte er leise.
Neville atmete so schwer,
als hätte er gerade einen Sprint hinter sich. Er war blaß.
„Ich
kenne diesen Blick. Ich habe ihn schon einmal gesehen, Harry. Damals
beim Kampf im Zauberreiministerium. Als Bellatix Lestrange mich
folterte, habe ich es in ihren Augen gesehen. Und in Hermines Blick
habe es auch gesehen.
Ich konnte in ihren Augen die Gewißheit
erkennen, daß sie mich jederzeit töten könne, wenn
sie es nur wollte. Das ist es, was ich gesehen habe. Die Macht zu
töten. Ich weiß, daß Hermine in der
Zwischenzeit gelernt hat zu töten. Und ich wünschte, ich
hätte es niemals gesehen."
Und mit diesen Worten riß
sich sein Freund von ihm los, verließ eilig den Großen
Saal.
Harry blieb verstört und wie erstarrt stehen, bis er
sich Sekunden später, was ihm allerdings wie eine Ewigkeit
vorkam, ebenfalls auf den Weg machte. Die ganze Zeit über
glaubte er sich verhört zu haben.
Hermine. Töten.
Zwei
Worte, die so überhaupt nicht zusammenpaßten. Neville
mußte sich getäuscht haben. Natürlich hatte er sich
getäuscht!
Was auch immer Neville in Hermines Blick zu sehen
geglaubt hatte, das konnte es nicht gewesen sein. Hermine war
keine Mörderin!
****
„Morgen also."
„Yep!"
antwortete Draco Malfoy. „Du wirst ziemlich beeindruckt
sein."
„Also das ist auch das Mindeste, was ich
erwarten kann, nachdem du mich jetzt schon tagelang dermaßen
auf die Folter spannst", sagte Hermine schmunzelnd.
„Und
Danke für das Abendessen. Aber ich hätte durchaus für
mich selbst zahlen können."
„Geht schon klar",
murmelte der junge Mann leise, als wäre es ihm peinlich, darauf
angesprochen zu werden. „Schließlich war es meine Idee,
heute in die Drei Besen zu gehen. Nichts dabei."
Eigentlich
war eine Menge dabei. Schließlich ließen sich die beiden
bewußt zusammen sehen. Sie lachten und hatten tatsächlich
Spaß miteinander. Draco erzählte Hermine von Goyles und
Crabbes gesammelten Mißgeschicken. Was einfach nur zu komisch
war. Hermine konnte kaum glauben, wie dämlich die beiden
tatsächlich waren.
Im Gegenzug erzählte sie Draco von
ihren Abenteuern mit Harry. Von der Kammer des Schreckens, dem
Riesenschachspiel, bei dem Ron sich damals selbst geopfert hatte (was
Draco zu einem erstaunten Augenbrauehochziehen bewegt hatte), von
ihrem Flug mit den Thestralen und anderen Abenteuern, die ansatzweise
bekannt und unverfänglich genug waren.
Wieder mieden sie
beide Themen, die sie nur in eine Ecke gedrängt hätten. Sie
waren beide höflich darauf bedacht, ihre gemeinsam verbrachte
Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten.
Nach dem Essen
machten sie sich auf den Heimweg und bevor sie das Schulgelände
betraten, sagte Hermine:
„Ich schlage vor, morgen aufs
Abendbrot zu verzichten. Wir könnten uns noch während dem
Abendessen in den Kerkern treffen. Schätze, dann haben wir die
besten Chancen, unentdeckt zu bleiben."
Draco nickte.
„Gute
Idee", sagte er. „Treffen wir uns vor Professor Snapes
Räumen. Die sind abgelegen und ich wüßte nicht, warum
sich jemand dort herumtreiben sollte. Von dort aus können wir
auch gleich in die richtige Richtung starten. Ich erwarte dich morgen
dort. Okay?"
Hermine stimmte zu, und da sie ohnehin morgen
dort arbeiten mußte, kam es ihr mehr als gelegen.
Wenig
später trennten sich in der Eingangshalle ihre Wege. Es war
schon spät geworden und sie waren auf dem Heimweg niemanden
begegnet. Auch hatten sie nicht die brennenden drei Augenpaare
bemerkt, die jeder ihrer Bewegungen gefolgt waren. Zwei davon hatten
Hermine mit unverhohlenem Haß angesehen, daß dritte
Augenpaar jedoch hatte verwundert auf die entspannten Gesichter der
beiden gesehen und Harry hatte sich in diesem Moment gefragt, was
denn an einer Freundschaft zwischen Hermine und Malfoy so schlimm
wäre. Nur daß er selbst nicht so recht daran glauben
wollte ...
„Hermine!"
Harrys Stimme. Verwundert
drehte sich sie um. Ihr Freund saß auf der Treppe und winkte
ihr zu.
„Was machst du noch hier, Harry?"
„Tatsächlich
habe ich auf dich gewartet."
Hermines offenes Gesicht
verschloß sich sofort. Es war zu erkennen, daß sie
dachte, er habe ihr nur hinterher spionieren wollen.
„Ich
habe hier auf dich gewartet, weil ich irgendwie immer noch nicht
glauben kann, daß du und Malfoy -"
„Wir freunden
uns an, Harry. Da ist nicht mehr. Schließlich -", Hermine
verstummte und setzte sich zu Harry auf die Treppe, wisperte kaum
hörbar:
„Schließlich hat er mich von sonst wo
zurückgebracht. Und auch wenn es dich nichts angeht: Er scheint
mich zu mögen - seltsamerweise."
„Dann kommt dir
das auch komisch vor?" flüsterte Harry erleichtert zurück.
Hermine konnte Harrys Erleichterung regelrecht spüren und wußte,
daß jetzt eine gute Gelegenheit gekommen war, seine Zweifel zu
zerstreuen.
„Natürlich! Glaubst du ernsthaft, daß
mir das nicht auch komisch vorkommt? Malfoy hat mich jahrelang
beleidigt, hat nie eine Möglichkeit verpaßt, mir meine
Abstammung unter die Nase zu reiben und jetzt ist er so nett ...
Natürlich kommt mir das komisch vor! Aber er ist
meine einzige Chance, an die Ereignisse der letzten fünf Monate
heranzukommen. Und die laß ich mir nicht durch Mißtrauen
oder Vorurteile kaputt machen."
Harry seufzte auf.
„Ich
bin ja so froh, daß du das sagst. Ich dachte schon ... ähm,
na ja ... äh ... also ich dachte ...", duckste Harry
herum.
„Was?" schmunzelte Hermine leise. „Das
Malfoy und ich, das wir -? Ist nicht dein Ernst, oder?"
Einen
Moment lang herrschte peinliches Schweigen zwischen ihnen, das dann
von ihrem beiderseitigen unterdrückten Gelächter
unterbrochen wurde.
„Ich komm mir so blöd vor, daß
ich das gedacht habe" flüsterte Harry. „Aber
irgendwie scheint das jeder zu denken. Ich bin nur froh, daß du
und er, oder vielmehr daß ihr nicht - ach egal! Du weißt
schon."
Hermine stand auf.
„Komm, wir müssen
vor Mitternacht in unseren Räumen sein. Ach, jetzt wo ich dich
gerade da hab - ich wollte dich noch um einen Gefallen bitten."
Sie
streckte die Hand aus und half ihrem Freund hoch.
„Ja?"
„Kannst
du mir die Karte und deinen Tarnumhang ausleihen?"
„Was?"
platzte es verblüfft aus Harry heraus.
„Ich - na ja -
ich traue ihm nicht wirklich. Mit der Karte könnte ich ihn im
Auge behalten, seine Wege verfolgen und wenn mir was komisch
vorkommt, könnte ich ihm mit dem Mantel folgen und sehen, was er
wirklich im Sinn hat.
Glaub bloß nicht, daß mir sein
Verhalten nicht auch komisch vorkommt. Ich will einfach nicht - weiß
nicht - in eine Falle laufen oder so ..."
Hermine sah Harry
mit unschuldigem Blick an. Sie wußte, sie hatte die richtigen
Fäden gezogen, ihn im richtigen Moment erwischt.
„Na
klar", sagte ihr Freund erleichtert und schien über ihre
Vorsicht erfreut zu sein.
Hermine lächelte ihn aufrichtig
an. Alles lief wie geschmiert. Wenn sie die Karte und den Umhang
hatte, würde Harry ihr nicht nachspionieren können.
Außerdem hatte sie soeben alle seine Zweifel beiseite gewischt
und ihm bewiesen, daß sie keineswegs naiv oder zu
vertrauensselig war. Sie hakte sich bei Harry ein und sagte
leise:
„Ich bin so froh, wieder zurück zu sein. Und ich
bin froh, dich zum Freund zu haben."
Und sie fühlte sich
kein bißchen schlecht dabei. Schließlich stimmte was sie
sagte.
Kapitel
2: Dunkle Geheimnisse, schmerzhafte Geständnisse
Hermine
zerrieb den getrockneten Beifuß über der kochenden
Flüssigkeit im Kessel und dicker beißender Rauch stieg
auf. Als dieser sich verflüchtigte, sah die junge Hexe, daß
die zuvor graue und undurchsichtige Flüssigkeit im Kessel klar
geworden war. Der Beifuß hatte getan, was er hatte tun sollen.
Er hatte alle Schwebestoffe an sich gebunden und sank nun zu
Boden.
„Hervorragend", flüsterte Hermine, nahm
vorsichtig den Kessel vom Feuer, wartete ein wenig und schüttete
schließlich die klare Flüssigkeit ab. Sie war nur an der
festen Masse am Boden interessiert, die an mit Quecksilber
verseuchten Schlamm erinnerte. Schnell kratzte sie die Paste vom
Kesselboden ab und ließ sie auf einer Marmorplatte
auskühlen.
Dann gab sie nach und nach die Tinkturen, die sie
bereits beim Professor gebraut hatte tröpfchenweise und in
vorbestimmter Reihenfolge darunter. Wieder und wieder verstrich sie
geduldig die Paste und murmelte dabei ununterbrochen Zaubersprüche,
bis schließlich alle Tinkturen aufgebraucht waren. Jetzt mußte
die Paste nur noch durchtrocknen, damit sie zu Pulver zerrreiben
werden konnte.
Aber das würde frühestens in zwei Tagen
möglich sein. Hermine war mit dem Ergebnis ihrer heutigen Arbeit
mehr als zufrieden. Dies war der schwierigste Teil dieses Zaubers
gewesen, und er hatte genauso geklappt, wie sie es sich gewünscht
hatte.
Bald schon würde Draco auftauchen und sie
abholen. Und auch wenn Hermine es sich nicht eingestehen wollte, so
war sie doch schon mächtig neugierig auf das, was er ihr zeigen
wollte. Warum nur machte er so ein großes Geheimnis
daraus?
Hermine verließ das verborgene Laboratorium. Sie
setzte sich an den Schreibtisch des Professors und lehnte sich
zurück. Seit dem frühen Nachmittag war sie in Snapes Räume
und hatte ununterbrochen an ihren Rezepturen gearbeitet. Nun fühlte
sie sich müde und erschöpft, fühlte sich einsam und im
Augenblick sogar ein wenig frustriert.
Niemand war da, mit dem
sie reden konnte. Sie mußte ihre Rolle spielen, mußte
funktionieren und gleichzeitig mußte sie ihre Vorbereitungen
treffen. Doch so lange sie nicht wußte, was der Dunkle Lord von
ihr erwartete, konnte sie nur an ihren vorab gefaßten
Verteidigungsstrategien arbeiten.
Sie seufzte.
Einen
Moment lang glaubte sie zu wissen, wie der Professor sich in all den
Jahren gefühlt haben mußte. Nie zu wissen, ob man mit dem
nächsten Schritt auffliegen würde, nie zu wissen, ob man
die Rolle des Doppelspions überzeugend genug spielte.
Überzeugend genug, um zu überleben.
Kein Wunder, daß
er immer so übellaunig gewesen war. Kein Wunder, daß er zu
so einem Zyniker geworden war. Auch sie hatte in den letzten Tagen
immer wieder Anflüge von bitterem Zynismus unterdrücken
müssen.
Hermine warf einen Blick auf die Karte der Marauder.
Harry hatte ihr diese heute morgen zusammen mit dem Tarnumhang in die
Hände gedrückt und ihr dabei zugelächelt. Er war so
vertrauensselig, dachte sie gerührt und sah, daß Draco
schon vor der Tür zu Professor Snapes Räumen stand, und
anscheinend auf sie wartete.
Überrascht faltete sie die
Karte zusammen und legte sie in die oberste Schublade des
Schreibtischs. Dann griff sie nach ihrem Umhang und für einen
Moment zögerte sie. Doch dann verwarf sie den Gedanken an den
Tarnumhang, da ohnehin jeder beim Essen sein dürfte. Sie öffnete
die Tür und Draco starrte sie überrascht an.
„Du -
du hast Zugang zu den Räumen des Professors?"
„Natürlich",
sagte Hermine knapp, freute sich aber insgeheim über Malfoys
Verblüffung. „Schließlich muß ich für
meine Arbeit Dinge erledigen, die meine Mitschüler nichts
angehen. Und wo sollte ich das schon tun können?"
Draco
nickte. Natürlich hatte sie recht. Dennoch hatte es ihn
überrascht, sie aus den Räumen des Professors kommen zu
sehen. Dabei hätte er doch wissen müssen, daß sie
Professor Snapes volles Vertrauen besaß.
Trug sie doch die
alten Zeichen, die sie vor dem Übel des Dunklen Mals schützten
(Draco hätte sie nur zu gern gesehen). Obwohl es ihn regelrecht
umgehauen hatte, als ihm der Professor davon erzählt und ihn in
die zusätzlichen Schutzmaßnahmen eingeweiht hatte.
Snape
hatte gesagt, daß trotz des magischen Schutzes vieles noch
schief gehen konnte und daß er auf Granger achten solle. Das
dunkle Mal und die Magie der Schutzzeichen bekämpften sich
ständig. Tatsächlich hätte Granger mehr Zeit
gebraucht, um sich an diese widersprüchliche Magie anzupassen,
um zu lernen, damit umzugehen. Doch das war nicht möglich
gewesen. Snape hatte ihm gesagt, daß er sie schützen
müsse, notfalls auch vor sich selbst.
Darco hatte nur
genickt, hatte die Instruktionen Snapes entgegengenommen und sich
insgeheim gefragt, ob die Granger inzwischen zu mehr geworden war,
als nur zur Waffe des Dunklen Lords. Er hatte sich gefragt, warum der
Professor dieses Risiko eingegangen war, warum er ihr die
Schutzzeichen übertragen hatte.
Keiner der anderen Todesser
durfte davon wissen, es war einem Verrat an dem Dunklen Lord
gleichzusetzen. Er selbst war nur durch Zufall dahintergekommen und
hatte diese Erkenntnis fast mit seinem Leben bezahlt. Hätte er
den Professor nicht davon überzeugen können, daß auch
er diesen Schutz vor dem Wahn des dunklen Mals wollte, hätte ihn
Snape wohl getötet. Draco hatte kaum einen Zweifel daran.
Er
starrte gedankenverloren Hermine an, der es schließlich zu bunt
wurde:
„Also, wo gehts hin?"
„Oh", sagte
der junge Mann und ein verlegenes Lächeln überzog sein
Gesicht. „Ich war total in Gedanken. Wir müssen da lang",
er wies in den Gang, rechts von ihnen, wo man in einiger Entfernung
im Halbdunkel eine Abzweigung sehen konnte. „Ich schätze,
du warst noch nie so tief unten, oder?"
Hermine schüttelte
den Kopf.
„Nö", sagte sie. „Das ist
Slytherin Land. Kein Gryffindor würde sich freiwillig hier unten
herumtreiben. Außer, man ist zur Strafarbeit einbestellt. Aber
selbst dann ist man ja nie so tief in den Kerkern ..."
Draco
nickte.
„Dann laß uns losgehen. Ich verspreche dir,
du wirst überrascht sein."
Doch nicht einmal eine Minute
später, noch bevor sie die Abzweigung erreichten, hörte
Hermine Goyles Stimme in ihrem Rücken sagen:
„Ich soll
dich von meinem Vater grüßen, Granger. Er läßt
dir ausrichten, daß er sich darauf freut, deine Eltern
kennenzulernen - ganz besonders deine Mutter."
Goyle lachte
laut auf. Es war ein gehässiges, gemeines Lachen und es verhieß
nichts Gutes.
Hermine war so abrupt stehengeblieben, als sei sie
gegen eine Mauer gelaufen. Sie atmete tief durch und schloß
kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete, traf Draco ein so
finsterer Blick, daß es ihm kalt wurde. Dann drehte sie sich
um.
****
Auch Draco war beim Klang von Goyles Stimme
wie vor den Kopf gestoßen stehengeblieben. Er konnte kaum
glauben, daß Gregory hinter seinem Rücken aufgetaucht war.
Der Blick, den ihm Hermine zugeworfen hatte, ging ihm durch Mark und
Bein. Was machte sein Freund hier? Warum sagte er solchen Blödsinn
und hatte er überhaupt eine Ahnung, welches gefährliche
Spiel er trieb?
Ganz offensichtlich nicht. Denn Gregorys
Vater würde sicherlich nichts mit der ganzen Sache zu tun haben.
Kein Todesser würde sich gegen das Wort des Dunklen Lords
stellen. Draco erkannte, daß dies einzig und allein von Goyle
ausging.
Auch er drehte sich um und fauchte seinen Freund wütend
an:
„Sei still, Gregory. Was machst du hier? Ich hab
dich doch in die Große Halle gehen sehen. Spionierst du mir
etwa nach?"
Er wandte sich wieder Hermine zu, war um eine
Spur blasser geworden. Seine gute Laune war wie weggeblasen. Er wußte
nur zu gut, wie dünn das Eis war, auf dem er stand, und sollte
es brechen - er wollte lieber nicht daran denken.
Goyle war
in größerer Gefahr, als er es auch nur ahnen konnte. Und
dieser Narr hatte zusätzlich auch noch ihn in Gefahr gebracht.
Hermine konnte durchaus annehmen, daß sie von ihm in eine Falle
gelockt worden war, und das es hier eher um das Pflegen alter
Feindschaften als um das Festigen neuer Bündnisse ging.
Ihre
Allianz war noch zu jung, zu zerbrechlich für echtes Vertrauen.
Draco wußte das. Und er wußte, er würde Hermine
beweisen müssen, daß er auf ihrer Seite stand, daß
sie sich auf ihn verlassen konnte.
„Laß mich das
regeln, Hermine", sagte er daher beschwichtigend zu seiner
Begleiterin, die Goyle mit einem lauernden Ausdruck in ihren Augen
betrachtete. Draco gefiel dieser Blick überhaupt nicht. Er
fühlte, wie sich Hermine veränderte. Er sah es an ihrer
Körperhaltung, bemerkte es am harten kalten Glanz in ihren
Augen.
„Ist das deine Überraschung, Malfoy?"
knurrte sie leise. „Ein dreckiger kleiner Hinterhalt. Hast du
vergessen, wer ich bin?"
„Nein, Hermine! Das ist nicht
mein Werk, okay? Aber ich krieg das wieder hin, hörst du. Laß
mich das machen. Das ist jetzt eine Slytherin Angelegenheit, und ich
erledige das."
Hermine schnaubte, sagte aber nichts. Draco
ging auf Goyle zu, versuchte ihn in zurückzudrängen,
zischte.
„Mach das du wegkommst, verschwinde von hier,
Goyle. Was hier geschieht, kann dir egal sein. Es geht dich nichts
an! Geh essen, ärgere ein paar Erstkläßler, mach was
du willst, aber: Verpiß dich!"
Doch
sein Freund war wie angewurzelt stehengeblieben, ließ sich
nicht von ihm zurückdrängen, starrte stattdessen feindselig
zu Hermine und angewidert auf ihn.
„Seit wann bist du so ein
verdammter Schlammblutfreund geworden, Draco? Du gehst mit dieser
Schlampe aus, triffst dich mit ihr in den Kerkern. Und dann sprecht
ihr euch mit euren Vornamen an. Ist da was zwischen euch?
Mann,
das ist ... so krank, so widerlich, daß ich kotzen möchte!
Ich erkenne dich nicht wieder. Weiß eigentlich dein Vater, was
du hier treibst? Weiß er, daß du ... und die da ...",
Goyle deutete angewidert auf Hermine, schien nicht einmal ihren Namen
aussprechen zu wollen.
Malfoy wartete nicht länger, zog
seinen Zauberstab und stellte sich zwischen ihn und Hermine.
„Das
reicht, Goyle! Was ich hier mache, geht dich nichts an. Ich sags dir
im Guten und ich sags dir nur einmal:
Halt die Klappe und mach
das du fortkommst. Halt dich fern von uns! Und in Zukunft wirst du
sie mit Respekt behandeln. Hau ab bevor ich die Geduld verliere."
Der
bullige junge Mann starrte seinen Freund an, verstand nicht, warum
dieser so - ja, geradezu verzweifelt wirkte. Wüßte er es
nicht besser, würde er denken, Draco versuche ihn vor
irgendetwas zu schützen. Aber Dracos gezückter Zauberstab
sprach da eine ganz andere Sprache.
„Du bedrohst mich wegen
dieser Drecksschlampe? Wir sind Freunde, Mann, hast du das vergessen?
Wie kannst du dich nur so besudeln? Wie kannst du dich mit so einer
einlassen? Hat die dich verhext oder warum -"
Ein Fluch traf
Draco in den Rücken. Er wurde weggeschleudert und prallte hart
an die gegenüber liegende Wand, wo er benommen liegen blieb.
Hermine drehte sich um und sah Crabbe einige Meter hinter sich
stehen. Er sah mehr den je wie ein Schwein aus, dachte Hermine
respektlos. Sein rundes Gesicht glänzte speckig und er war blaß.
Ganz offensichtlich war es ihm nicht leicht gefallen, seinen
Freund hinterrücks zu verhexen. Doch dann blieb sein Blick an
Hermine hängen und das übliche fiese Grinsen trat in sein
Gesicht.
„Hallo Schlammblut."
Hermine lächelte
kalt. Sie hatte geahnt, daß es so weit kommen würde, und
sie spürte in diesem Moment wie Ruhe und Klarheit über sie
kamen. Wie von selbst lag der Zauberstab in ihrer Hand.
„Hallo,
Slytherinjungs. Keine Lust mehr Befehle entgegenzunehmen? Wollt ihr
etwa anfangen, selbständig zu denken?"
Sie lachte kalt
und humorlos auf. Unterdrückter Zynismus erwachte. Ihre Stimme
war beißend, scharf wie ätzendes Gift:
„Schlechter
Zeitpunkt, keine gute Idee. Schließlich habt ihr euer Hirn
gerade an die Wand geklatscht."
Mit dem Kopf deutete sie auf
den am Boden liegenden Malfoy.
„Cruc-"
Hermine
blockte lässig Goyles Fluch ab, er taumelte zurück. Ihr
gedachtes Stupor schockte Crabbe, bevor dieser auch nur eine
Chance hatte, irgend etwas zu sagen. Ein weiterer Fluch und Crabbes
Zauberstab flog außer Reichweite, verschwand im Dunkel des
Korridors. Goyle indes versuchte Hermine zu entwaffnen, doch wieder
blockte sie mit geradezu verächtlicher Nachlässigkeit
seinen Fluch und entwaffnete stattdessen ihn.
„Das ist doch
ein Witz, Goyle, oder? Ein Unverzeihlicher Fluch von dir? Hast
du den Cruciatus Fluch eigentlich schon an einem Menschen ausprobiert
oder bislang nur Hunde und Katzen damit gequält?"
Hermine
schnaubte verächtlich, spazierte auf ihn zu. Lässig und mit
der Arroganz desjenigen, der die Macht hatte. In Goyle keimte der
Verdacht auf, einen Riesenfehler begangen zu haben.
„Hermine
...", krächzte Draco vom Boden. Er hatte sich mühsam
auf die Knie gestemmt und schüttelte benommen den Kopf. „Hermine
Granger ... tu nichts -"
„Halt du dich da raus, Draco.
Das ist jetzt meine Angelegenheit. Das geht nur noch mich und Goyle
hier etwas an."
„Glaubst du etwa, ich hab Angst vor
einem dreckigen Schlammblut wie dir, Granger? Ob mit oder ohne
Zauberstab, das ist mir egal. Für mich bist und bleibst du nur
Dreck!" rief der grobschlächtige Junge und mit einem Sprung
aus dem Stand, versuchte er Hermine einfach umzureißen.
Doch
seine Gegnerin schwang kurz den Zauberstab, murmelte eine Beschwörung
und Goyle erstarrte mitten in der Luft. Hing wie ein Standbild, noch
mitten im Sprung, fest, und konnte sich nicht mehr regen. Hermine
aber lächelte ungerührt und umschritt ihn.
„Wie
fühlt sich das an, Goyle? Nicht gut, oder? Bestimmt kein gutes
Gefühl so ohne Bodenhaftung völlig hilflos in der Luft zu
hängen", grinste sie.
Goyle knurrte: „Laß
mich runter, Granger. Ich schwöre dir, du bereust es. Laß
mich runter -"
Hermine unterbrach ihm.
„Sonst
was, Goyle? Hmm? Was willst du tun? Mich mit deinen dummen
Beleidigungen zu Tode langweilen? Willst du mich anspucken oder mit
deinem Mundgeruch umhauen? Vielleicht möchtest du auch so lange
schreien, bis du platzt? Also ich gebe zu, das ist eine so widerliche
Vorstellung, daß ich versucht bin, dich freizulassen. Natürlich
können wir auch auf Crabbe warten, bis er zu sich kommt.
Vielleicht hilft der dir ..."
Hermine gähnte
gelangweilt.
„Ach, aber weißt du was? Ich denke, so
gefällst du mir doch noch am besten. Wie du schwitzend in der
Luft hängst und vor Angst stinkst. Das hat was für sich ...
gefällt mir. Außerdem hast du noch eine Lektion zu
lernen."
Draco kam wieder auf die Beine. Hermines Zauberstab
wies sofort in seine Richtung.
„Bleib wo du bist, Draco. Ich
will dich nur ungern verletzten. Also zwinge mich nicht. Das ist
jetzt mein Spiel. Zauberstab zu mir!"
Der junge Mann hob
seine Hände, zeigte, daß er den Zauberstab nicht mehr
hatte.
„Accio Draco Malfoys Zauberstab!" rief Hermine.
Dieser flog ihr in die Hand, sie legte ihn zur Seite.
„Eine
falsche Bewegung, ein falsches Wort, und du gehst wieder zu Boden,
Draco. Leg dich nicht mir mir an - bitte!"
„Granger
... Hermine. Tu ihnen nichts. Die haben doch ganz offensichtlich
keine Ahnung, was los ist. Die wissen nicht, was geschehen ist,
wissen nicht -"
„Wissen was nicht?" zischte
Hermine, ohne ihn dabei anzusehen. Stattdessen starrte sie, immer
noch kalt lächelnd, Goyle an, dem allmählich Angstschweiß
auf die Stirn trat.
„... zu was du fähig bist",
beendete Draco murmelnd seinen Satz.
Doch Hermine schien ihm
gar nicht mehr zugehört zu haben. Immer noch starrte sie Goyle
an, der wie eine fette Fliege direkt vor ihrer Nase hing. Er war
widerlich.
Ihr Lächeln geronn zu einer grotesken Grimasse,
und der Ausdruck in ihren Augen wurden immer kälter.
Dann
allerdings runzelte sie die Stirn. Sie hob den Blick und sah suchend
in den dunklen Gang hinter Crabbe. Leise sagte sie:
„Theodor
Nott, ich warne dich. Ich weiß, daß du da bist.
Halte dich raus. Das hier geht nur Goyle und mich etwas an."
Der
schwarzhaarige junge Mann trat aus den Schatten hervor. Er wies seine
leeren Hände vor.
„Ich bin nur als Beobachter hier,
Granger. Du kannst mit den beiden tun, was du willst. Ich weiß,
wer du bist und werde dich bestimmt nicht aufhalten."
Hermines
Blick war abschätzend und kalt, dann aber nickte sie.
„Theodor!"
rief Goyle entsetzt, doch Nott sah ihn nur verächtlich an.
„Ich
hab euch beide gewarnt! Hatte ich euch nicht gesagt, daß ihr
die Finger von ihr lassen sollt? Glaubt ihr, Draco weiß nicht,
was er tut? Glaubt ihr Idioten, Draco würde sich mit einem
Schlammblut einlassen? Wenn ihr das geglaubt habt, seid ihr noch
dämlicher, als ich es für möglich gehalten hab. Und
das, was jetzt geschieht, geschieht euch nur zurecht!"
Beim
Wort Schlammblut zuckte Hermines Zauberstab kurz in Notts Richtung,
doch dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder Goyle zu.
„War
nicht als Beleidigung gedacht, Granger", bemerkte Nott
kurz.
„Und wenn schon ... Du glaubst gar nicht, wie egal mir
das ist. Ich weiß nur eins", sagte Hermine mit einer
Stimme, die so leise war, daß sie wie heiser klang. Und in
ihren Augen blitzte etwas auf, das Irrsinn nicht unähnlich war.
„Ich bin seine Waffe", sagte sie. „Und
wenn er mich für würdig erachtet, seine Waffe
zu sein, dann können mich deine Worte nicht beleidigen, Nott."
Ein böses verschlagenes Lächeln trat in ihr Gesicht.
Grausamkeit, kalt wie Eis, glitzerte in ihren Augen. Sie sah kurz auf
und fixierte Nott:
„Aber andererseits könnte er
es als Beleidigung ansehen, wenn du so verächtlich über die
Wahl seiner Waffen denkst."
Nott wurde blaß und
schluckte. Hermine wandte sich mit einem zufriedenen Lächeln
wieder Goyle zu.
„Und nun zu dir", sagte sie
ruhig. Und der junge Mann fühlte, wie ihm die Angst die Kehle
zuschnürte, wie sich seine Gedärme zu Wasser verwandelten
und wie es in seinem Bauch rumorte.
Auch Hermine bemerkte seine
Angst - und genoß sie. Sie starrte ihn einfach nur an, war kalt
und berechnend. Beobachtete ungerührt wie Schweißperlen
ihm das Haar verklebten, wie sie sich zu einem feuchten kleinen Strom
sammelten und ihm über Wangen und den speckigen Nacken
liefen.
Sein Gesicht war käsig und glänzte vor Schweiß.
Hermine wußte, daß er kurz davor stand, in Panik zu
fallen. Sie beugte sich zu ihm vor, schnupperte an ihm. Gierig sog
sie seinen Geruch ein, nur um dann zurückzuschrecken, als hätte
sie an etwas Widerlichem gerochen.
Hermine umkreiste ihn. Sie
strich um ihn, wie ein Raubtier um die Beute. Gierig und hungrig,
bereit zum tödlichen Schlag auszuholen.
Draco und Nott
beobachteten sie. Draco war beunruhigt, Nott hingegen fasziniert.
Sein Vater hatte ihm gesagt, daß diese Frau zu schützen
sei. Der Dunkle Lord hatte sie ausgewählt und unter seinen
Schutz gestellt. Und auch wenn der junge Mann das nicht begriff, so
war er doch hierher gekommen, um sie vor Goyle und Crabbe zu
schützen. Doch das war ganz offensichtlich überflüssig
gewesen. Sie schien sehr gut auf sich selbst aufpassen zu können.
Und so blieb er einfach nur stehen und beobachtete fasziniert das
Schauspiel, das sich ihm bot.
Merlin, dachte Hermine erregt
und angewidert zugleich, wie Goyle stank!
Er stank nach Schweiß
und Angst, hatte große weit aufgerissene Augen und Hermine sah
wie das Blut unter seiner Halsschlagader pulsieren. Sein Atem war
keuchend. Die aufglimmende Panik stand in seinen Augen. Sein weißes
Gesicht war vom Schweiß naß und er kämpfte darum,
der aufsteigenden Übelkeit in sich nicht nachzugeben.
Doch
das war nicht genug, beschloß Hermine. Er mußte lernen,
daß er sich nie mit ihr anlegen durfte. Daß er ihr
niemals in die Quere kommen durfte! Sie mußte ihm eine
Lektion erteilen!
Hermine hielt ihren Zauberstab in Golyes
Gesichtsfeld, dachte Transformo Sphagis und vor Goyles
entsetzten Augen verwandelte sich dieser in einen unterarmlangen
Dolch.
„Draco!" rief er mit einer vor Angst sich
überschlagenden Stimme. Das Weiß in seinen Augen glänzte
und er versuchte sich aus den unsichtbaren Fessel zu befreien.
Zappelte wild, wandte sich wie ein Fisch im Netz, doch es war ihm
unmöglich, sich zu befreien. Und Goyle fühlte, wie sein
Körper ihn betrog, wie er aus lauter Angst ...
„Draco!"
rief er mit geradezu jämmerlich pipsiger Kinderstimme und
schluchzte:
„Draco ..."
Hermine sah kurz zu Draco
und richtete den Dolch auf ihn als sie bemerkte, daß er
instinktiv einen Schritt vor gegangen war.
„Bleib wo du
bist, Draco. Halte dich heraus. Ich will dich nicht
verletzen."
„Hermine ..."
„Deinem Freund
wird nichts geschehen, außer daß er -" Hermine
schnüffelte.
Sie hatte erreicht, was sie wollte. Angewidert
verzog sie das Gesicht und beendete ihren Satz: „... ein paar
neue Hosen braucht."
Dann wandte sie sich dem in der Luft
hängenden Goyle zu.
„Und jetzt höre mir gut zu,
Fettsack!
Frag deinen Vater nach Dolohow. Er soll dir erzählen,
was aus dem geworden ist", sagte sie. Und ihre Stimme wurde
leise, wurde zum leisen Schnurren einer großen zufriedenen
Katze. Sie beugte sich vor, flüsterte:
„Und wenn er
dir geantwortet hat, dann solltest du wissen, daß Dolohow einen
Fehler machte. Er unterschätzte mich. Und glaub mir, Goyle,
diesen Fehler willst du nicht nicht machen. Besonders nicht
jetzt, da ich unter dem Schutz von jemandem stehe, der dich wie eine
Fliege zerquetschen wird, wenn du dich gegen mich stellst."
Sie
wandte sich ab, tat, als wolle sie gehen. Goyle entspannte sich. Doch
dann blieb Hermine mit einem nachdenklichen Blick auf den Dolch in
ihrer Hand stehen und schüttelte kaum merklich und mit einem
leisen Lachen den Kopf.
„Ach, wie dumm von mir! Muß
wohl daran liegen, daß ich ein Schlammblut bin."
Sie
wandte sich Goyle wieder zu.
„Weißt du, das ist ein
wirklich verzwickter kleiner Zauber! Der Zauberstab läßt
sich doch tatsächlich nur mit Blut in seine alte Form bringen.
Heißt wohl, daß einer von uns bluten muß - und
rate mal, wer das sein wird ..."
Mit diesen Worten
griff sie nach Goyles Ohr und schnitt es mit einer einzigen Bewegung
ab. Der Dolch verwandelte sich augenblicklich in den Zauberstab
zurück.
Goyle keuchte mehr vor Schrecken als Schmerz auf,
Draco aber schrie vor Entsetzen auf. Theodor Nott sah ohne eine
äußere Regung zu, während Hermine Goyles
abgeschnittenes Ohr diesem an die Wunde preßte und es, leise
Beschwörungen murmelnd, wieder mit seinem Kopf verheilen
ließ.
Dann entließ sie Goyle mit einem Wink des
Zauberstabs und dieser fiel schwer zu Boden, wo er sich hastig ans
Ohr langte, es befühlte und erleichtert feststellte, daß
es vollkommen verheilt war. Nur noch das klebrige Blut an seinen Hals
und auf seinem Hemd erinnerte daran, was gerade geschehen war. Er sah
auf, starrte mit flackerndem Blick auf Hermine, die ihn ihrerseits
kalt ansah.
„Ich sage es nur einmal, Goyle", sagte sie.
„Bleib - mir - fern! Das nächste Mal ist es
vielleicht nicht dein Ohr, sondern dein Hals, der die Bekanntschaft
des Dolchs macht."
Sie ging neben ihm in die Hocke und Goyle,
der mehr als doppelt so schwer wie Hermine war, und sie mit einer
lässigen Bewegung seines Armes hätte umhauen können,
zuckte wie ein verängstigtes Kind vor ihr zurück. Hermines
Augen waren dunkel, fast schon schwarz. Ihr Gesichtsausdruck kalt und
leer. Doch ihre Stimme war sanft und klar:
„Ich gehe davon
aus, daß du weißt, was das Beste für dich ist. Ich
denke, du wirst diesen kleinen Zwischenfall für dich
behalten."
Goyle nickte. Hecktisch, bestätigend,
verängstigt. Und Hermine stand auf, ging. Sie ließ einen
bewußlosen Crabbe zurück, einen Goyle, der sich selbst
beschmutzt hatte und einen Theodor Nott, der begriffen hatte, warum
der Dunkle Lord Hermine zu seiner Waffe bestimmt hatte.
Nur Draco
sah Hermine nach und wußte, daß sie mit ihnen allen
gespielt hatte, daß ihre Macht seine Vorstellungen bei weitem
übertrafen. Und er wußte, daß er ihr
schnellstmöglich folgen mußte. Dies hier war die
Situation, vor der Snape gewarnt hatte.
****
Hermine
fühlte sich so gut wie schon seit langen nicht mehr. Ein
Hochgefühl durchfloß ihre Adern und sie wünschte sich
nichts mehr, als es mit ihren Freunden teilen zu können. Sie
wünschte sich, sie könne sie erfahren lassen, wie
wundervoll es war, die Angst in den Augen des Gegners zu sehen.
Defensiver Magie, dachte sie geringschätzig, das war doch
nur etwas für Feiglinge, für Schwächlinge! Für
diejenigen, die kein Rückgrat hatten, die keinen Schmerz
ertragen konnten. Doch für den Kampf gegen das Böse mußte
man wissen, was man tat, mußte man bereit sein, Schmerzen zu
ertragen und ebenso, Schmerzen auszuteilen. Im Kampf gegen das Böse
gab es keinen Platz für Zweifel, Furcht oder Moral. Wer gegen
das Böse kämpfte und zauderte, hatte schon verloren.
Snape
- Professor Snape - korrigierte sie sich, hatte sie zur Kriegerin
ausgebildet. Er hatte sie gelehrt, wie hinderlich Moral war, wie
tödlich Zweifel enden konnten. Und jetzt, gerade jetzt, war sie
ohne Zweifel gewesen, hatte gehandelt, ohne zu zögern. Nur so
hatte sie drei Gegner gleichzeitig in Schach halten können.
Sie
war bereit, oh ja, das war sie! Sie fühlte es. In ihr wuchs der
Hunger, sich zu beweisen. Sie wollte endlich in die Schlacht ziehen.
Wollte klare Fronten! Sie wollte zu Ende bringen, was sie vor so
vielen Monaten begonnen hatte und was sie die Vollkommenheit ihrer
Seele gekostet hatte.
Sie wollte nicht länger warten. Sie
fühlte sich wie ein Pfeil, der gespannt im Bogen lag und nur
darauf wartete, seinem Ziel entgegen zu schießen. Und sie
wollte Schmerzen verbreiten. Sie wollte eine tiefe
blutige Spur hinter sich ziehen und wollte todbringend in
ihrem Ziel enden. Oh, sie hatte es so satt zu warten!
Und
Hermines Herz ertrank in ihren dunklen Gefühlen. Sie bemerkte
nicht, wie sie immer tiefer in die Kerker vordrang, wie die Wände
ringsum mehr und mehr groben Fels wichen, wie die Fackeln immer
spärlicher wurden.
Das Hochgefühl, das sie trug, ließ
sie alles ringsum vergessen. Hermine begann sich auszumalen, wie sie
mit Crabbe und Goyle spielte. Wie sie die beiden in den Gryffindor
Turm mit hochnahm und jeder dort mit ihnen spielen durfte wie -.
Und
dann überkam sie mit der Gewalt eines wilden Raubtiers rasender
Schmerz. Brannte sich wie ein Lavastrom durch ihre Nervenbahnen, und
ließ sie mit einem kaum mehr menschlich zu nennenden Aufschrei
zu Boden gehen.
Glühend heiß gewordene Schutzzeichen
rasten durch ihr Fleisch in Richtung der rechten Körperseite.
Hermines Fingernägel bohrten sich ohne ihr Zutun in ihre Haut.
Sie hinterließen dort blutige Schrammen wo sie sich versuchte
die Haut, ja sogar das Fleisch vom Körper zu reißen und
mit ihr all die schützenden Zeichen.
Hermine wollte
die Kraft, die Macht des dunklen Mals. Sie wollte sich ihm
hingeben, wünschte sich nichts sehnlicher, als sich mit seiner
Macht zu vermählen.
Oh, sie wußte, dieser entsetzliche
Schmerz würde enden, sobald sie sich der Dunkelheit ergeben
hatte, sobald sie in ihr unterging.
Doch da war diese andere
Magie in ihr. Diese magischen Zeichen, die mit ihrer Seele
verschmolzen waren. Die nur ein Bündel zuckenden schreienden
Fleisches aus ihr machten. Die nicht zuließen, daß sie
sich mit der Dunkelheit, der schwarzen Finsternis in ihrem Herzen,
verband.
Sie mußte sie los werden! Sie mußte sie
irgendwie los werden!
Wieder und wieder krallten sich ihre
Fingernägel in ihre Haut, versuchten die magischen Symbole von
sich zu reißen. Doch sie drangen kaum tiefer als bis unter die
Haut. Sie erreichten nicht den Schutz der alten Magie, die sich
untrennbar mit ihrer Seele verwoben hatte und die längst schon
zu einem Teil ihrer selbst geworden war.
Und so lag Hermine da,
schrie und heulte, war mehr Tier als Mensch und versuchte sich, die
Haut und das Fleisch von den Knochen zu reißen, zerkratzte sich
und hätte sich ihr Fleisch sogar von den Knochen geschnitten,
hätte ihr jemand ein Messer in die Hand gegeben.
Doch
schließlich, nach einer schier endlosen Zeit der Agonie, begann
sie sich zu erinnern. Erinnerte sie sich daran, wer sie war, und wo
sie war. Und Hermine erkannte, daß sie von hier fort mußte.
Ihre Muskeln zitterten vor Anstrengung, als sie versuchte
sich hochzustemmen. Sie wollte wenigstens auf die Knie kommen. Ihr
war bewußt, daß die Kerker der denkbar schlechteste Ort
für einen Gryffindor waren, um hilflos aufgefunden zu werden.
Für den Moment schien der Krieg um ihre Seele zu ruhen. Und
Hermine versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Was war
geschehen?
Sie versuchte sich daran zu erinnern wie sie
hierher gelangt war, was sie hier machte, doch da flammte ein
weiteres Mal der Schmerz in ihr auf. So gewaltig, so unbeschreiblich
in seiner Macht, das sich Hermine nicht vorstellen konnte, wie man so
etwas überleben konnte.
Wieder war es die uralte Magie,
waren es die Schutzzeichen, die nun mit aller Gewalt gegen das Übel
des dunklen Mals ankämpften.
Da waren Stimmen in ihrem Kopf.
Fremde Stimmen, die in einer uralten Sprache flüsterten. Hermine
verstand sie nicht, und es war ihr egal, was sie sagten. Sie sollten
einfach nur still sein!
Wie ein glühendes Eisen brannte sich
der Schmerz direkt hinter ihrer Stirn in ihre Seele, reichte tief
hinab bis zum Grund ihres Seins.
Diese Stimmen! Diese verdammten
Stimmen! Warum blieben sie nicht still! Warum hielten sie nicht ihre
verdammte Klappe? Oh, der Schmerz! Der Schmerz ...
Er war so
intensiv, das sie nicht einmal hätte schreien konnte, selbst
wenn sie es gewollt hätte.
Hermine verkrampfte sich still
und brach endgültig zusammen.
Einem fernen Echo gleich hörte
sie etwas. Geräusche drangen zu ihr vor. Schritte! Jemand mußte
sie entdeckt haben.
Blind vor Schmerz, schweißnaß und
am ganzen Leib zitternd, bemerkte sie nur einen dunklen Schatten, der
schnell größer wurde. Hermine wußte, daß man
sie in dieser Lage nicht finden durfte, daß dies ihren ganzen
Auftrag gefährden würde. Niemand durfte das dunkle Mal
sehen, noch die alten Zeichen.
Wieder versuchte sie sich
hochzustemmen, versuchte fortzukriechen. Doch ihre Muskeln versagten,
gehorchten ihr nicht.
Die Gestalt erreichte sie, beugte sich über
sie und Hände griffen nach ihr. Hermine schlug in Panik um sich,
schrie. Eine Hand legte sich vor ihren Mund, erstickte ihr Schreien.
„Hör damit auf, Granger! Ich bin es - Draco - Draco
Malfoy. Ich bin hier, um dir zu helfen. Professor Snape schickt mich,
er hat das kommen sehen. Er hat mir gesagt, was ich zu tun hab. Und
jetzt hör endlich auf, dich zu wehren!"
Professor
Snape! Das war alles, was Hermine verstand. Doch es reichte aus,
damit sie aufhörte, sich zu wehren. Hände griffen nach ihr,
zogen sie hoch und dann wurde sie immer tiefer in die dunklen Gewölbe
des Kerkers hineingezogen, wo sie schließlich das Bewußtsein
verlor.
Jemand war bei ihr, zog ihr vorsichtig das Shirt über
den Kopf. Hermine wehrte sich.
„Still!"
Ihre Arme
wurden festgehalten, das Shirt blieb auf halbem Weg stecken und
verdeckte ihr die Sicht. Der Schmerz war immer noch da. Er war
allumfassend, alles bestimmend und ohne Anfang oder Ende. Hermine
wollte tot sein, einfach nur tot sein. Sie wollte, daß es ein
Ende nahm.
„Bitte", flüsterte sie ins Nichts
hinein. Es war ihr egal, wer bei ihr war. „Ich kann nicht noch
mehr ertragen. Ich will, das es aufhört."
Mit einem Ruck
wurde ihr das Shirt vom Kopf gezogen und Hermine starrte in Draco
Malfoys blasses Gesicht. Sie schwieg, starrt ihn an. Und er starrte
wie gebannt auf die weißglühenden Zeichen auf ihrem
Körper.
Er hatte es gewußt. Natürlich. Doch die
Schutzzeichen bei ihrer Arbeit zu sehen, war etwas ganz anderes, als
nur von ihnen zu wissen.
Sie schienen über Hermines Körper
zu fließen, versanken für einen Sekundenbruchteil in ihrem
Fleisch, nur um dann an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Sie
verharrten niemals länger als einige Sekunden auf einer Stelle,
verschmolzen dort ineinander, formten sich zu neuen Zeichen,
wandelten sich zu Beschwörungsformeln um und waren dann auch
schon wieder weg.
Draco bemerkte in stillem Entsetzen die tiefen
blutigen Kratzer auf Hermines Haut. Ahnte, daß sie sich diese
selbst zugefügt hatte, als sie versucht hatte, sich die
magischen Zeichen vom Körper zu reißen.
„Draco",
flüsterte Hermine erschöpft, Tränen rannen aus ihren
Augenwinkel. „Hilf mir. Ich kann diesen Schmerz nicht länger
ertragen. Ich brauche die Hilfe des Professors. Er muß mir
helfen, du mußt mich zu ihm bringen. Aber wenn das nicht
möglich ist, dann töte mich, bring mich um. Bitte. Ich kann
so nicht weiterleben ..."
Der weißblonde junge Mann
starrte sie mit seinen blassen grauen Augen ausdruckslos an.
„Ich
kann dich nicht zu Snape bringen", sagte er schließlich.
„Aber er hat das vorausgesehen. Er hat geahnt, daß das
passieren würde. Ich weiß, was ich zu tun habe, wie ich
dir helfen kann. Hab keine Angst. Du kannst mir vertrauen."
Malfoy
griff in seinen Umhang, holte eine Phiole heraus, entfernte den
versiegelten Verschluß, hob Hermines Kopf an und hielt sie ihr
an die Lippen.
„Hier ... trink. Hab Vertrauen. Es ist vom
Professor."
Und Hermine trank, vertraute auf Draco Malfoys
Wort, hatte sie doch ohnehin keine andere Wahl. Und wenn es ein Gift
war, so konnte es kaum schmerzhafter sein, als das, was sie gerade
erlitt.
Drei Schluck trank sie, drei Schluck, die Erlösung
brachten. Die wild über ihren Körper eilenden glühenden
Zeichen beruhigten sich, wurden langsamer, begannen sich in einer
Linie zu ordnen.
Hermine atmete hörbar aus, schloß
erleichtert die Augen und entspannte sich. Es war ihr gar nicht
bewußt