Labyrinth der Finsternis


von Darkchild




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Die Autorin hat eine Homepage zu Rickman und Snape.
Hier gibt es u. a. auch Interessantes über den Zaubertränkemeister zu lesen.



Kapitel 1-4

Inhalt: Nach fünf Monaten des spurlosen Verschwindens ist Hermine wieder aufgetaucht. Draco Malfoy war es, der sie nach Hogwarts zurückgebracht hat. Sie selbst scheint keine Erinnerung mehr an die Zeit ihres Verschwindens zu haben. Doch das stimmt nicht. Was keiner ihrer Freunde wissen darf, ist, daß sie und Draco Malfoy inzwischen mehr als nur ein tödliches Geheimnis miteinander teilen ... und was keiner der beiden selbst weiß, ist, daß auf sie noch Geheimnisse warten, die besser unentdeckt blieben ... (eine Geschichte über Hogwarts, die Magie und darüber, das nichts so ist, wie es zu sein scheint. Mit HP, DD, RW, SS, DL und dem Rest von Hogwarts)


Anmerkung: Diese Geschichte baut nahtlos auf Das Herz der Dunkelheit auf. Wenn du sie nicht kennst, hier eine kurze Zusammenfassung:

Hermine fiel bei einem Kampf den Todessern in die Hände. Um ihr Leben zu retten, wurde sie von Snape in den Dunklen Künsten ausgebildet. Dem Dunklen Lord gegenüber verkaufte der Zaubertrank­meister seine Idee so, daß er behauptet, er wolle sie als Waffe gegen Dumbledore und Harry einsetzen. Hermine und Snape hatten indes ihre eigenen Pläne. Der Tränkemeister bildet Hermine in den fünf Monaten ihrer Gefangenschaft zu einer Kriegerin gegen die Dunkelheit aus.
In dieser Zeit kamen sich Snape und Hermine näher, doch zu ihrer beider Sicherheit, mußte Snape diese Erinnerungen tief in Hermine verbergen. Das wahre Ausmaß ihrer Gefühle ihm gegenüber hat sie vergessen - oder zumindest scheint es so.
Nach Hermines beendeter Ausbildung und ihrem Zaubererduell gegen Antonin Dolohow war der Dunkle Lord von ihren Leistungen so sehr beeindruckt, daß er sie in den Kreis seiner Todesser aufnahm und sie unter seinen persönlichen Schutz stellte. Was die Todesser davon hielten, kann sich jeder denken, doch das Wort des Dunklen Lords ist für sie Gesetz.
Wenig später brachte Draco Malfoy Hermine in einer fingierten Flucht nach Hogwarts zurück. Dort angekommen täuschte sie einen Gedächtnisverlust vor und Draco schwieg beharrlich zu ihrer Flucht, sagte, er könne nicht darüber reden, müsse sich selbst schützen und verlor kein weiteres Wort mehr darüber. Hermine, die während ihrer Zeit bei den Todessern Furchtbares erleben mußte, traut Draco Malfoy nicht. Sie weiß, daß sie bei diesem Doppelverrat ganz auf sich allein gestellt ist. Ein einziges falsches Wort kann für sie und Snape den Tod bedeuten. Doch so lange sie für den Dunklen Lord arbeitet und die Falle für Harry und Dumbledore vorbereitet, so lange muß sie mit Draco Malfoy zusammenarbeiten. Ob es ihr gefällt oder nicht.

Hermine weiß, sie hat sich verändert. Wie sehr, ist ihr nicht bewußt. Doch auch der junge Malfoy hat sich verändert. Er hat Dinge mitansehen müssen, die er nie wieder wird vergessen können. Das hat ihn verändert. Alles, woran er von Kindheitstagen an geglaubt hat, stellt er inzwischen in Frage. Und auch er fühlt, daß für ihn die Zeit kommen wird, eine Entscheidung zu treffen ...

... und wenn du mehr wissen willst, mußt du die Geschichte(n) schon lesen. ;-)
Ich gehe auf nichts ein, was sich durch die Vorgeschichte erklärt. Wenn du diese nicht gelesen hast und etwas erscheint dir schräg an dieser Story, solltest du vielleicht auch Das Herz der Dunkelheit lesen. :-)


Disclaimer: Dies ist eine FanFic, die aus purer Freude an Frau Rowlings Universum geschrieben wurde. Die darin verwendeten Figuren und Schauplätze sind geistiges Eigentum von J.K. Rowling (und teilweise Warner Bros.), die sämtlichen Rechte daran besitzen. Das einzige, was mir gehört ist ein Vorrats­schrank, ein Labyrinth, ein paar Zaubersprüche, die Geschichte selbst sowie die Idee zu dieser Geschichte. Mein tief empfundener Dank geht an Frau Rowling für ihr Geschenk an uns: der Welt des Harry Potters.




... man sagt: "Der Zweck heiligt die Mittel"
dagegen steht: "Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert"


Kapitel 1: Von alten und neuen Freundschaften

Es waren Hermines ersten Tage zurück in Hogwarts ... und sie fühlten sich wunderbar an! Fünf Monate war sie in Snapes kleinem Haus gefangen gewesen. Und fünf Monate war es nur ein pendeln zwischen Küche, Bad, ihrem eigenen Zimmer, dem magischen Raum und dem Labor im Keller gewesen. Tag ein, Tag aus, von Abwechslung keine Spur ...
Sah man einmal von jener Nacht ab, in der sie und Dolohow sich duelliert hatten. Und das war keine Nacht, an die sich Hermine gern zurückerinnerte.

Nun aber war sie in Hogwarts! Hier wo ihr seit Jahren alles vertraut war. Gleichzeitig aber war ihr die Schule nach den fünf Monaten in Gefangenschaft fremd geworden. Das fünf Monate einen Menschen dermaßen verändern konnten, hätte sie sich niemals vorstellen können. Und doch, genau das war geschehen.
Als Hermine Granger war sie verschwunden, und zurückgekommen war sie als Gryffindor, Kriegerin gegen die Dunkelheit, Waffe des Dunklen Lords.
Und es war gerade diese Doppelfunktion, die ihre eigene innere Zerrissenheit am besten widerspiegelte. Sie hatte sich verändert. Sie hatte sich bereit erklärt, in diesem Spiel das Ass im Ärmel zu sein, vielleicht sogar der Joker.

In den vergangenen Monaten hatte sie ihre Unschuld verloren - und das auf mehr als nur einer Art und Weise. In einem einzigen Moment hatte sie die Vollkommenheit ihrer Seele geopfert, und sie hatte es freiwillig getan.
Alles hatte sich verändert. Sie hatte sich verändert. Und es gab nur einen einzigen, für den sie Loyalität empfand, einen einzigen, für den sie dieses Wagnis eingegangen war, einen einzigen, dem sie vertraute: Und das war Professor Snape.
Was Harry oder die anderen davon hielten, hätten sie es gewußt, war ihr herzlich egal. Sie hatte sich entschieden, dort in Hogwarts weiterzumachen, wo Snape hatte aufhören müssen. Sie hatte sein Blatt aufgenommen, und sie würde dieses Spiel weiterspielen und beenden. Und zwar auf ihre Art.

Snape hatte sie in den vergangenen Monaten vieles gelehrt, doch vor allem hatte er sie eins gelehrt:
Keiner bestimmte das Schicksal eines Menschen. Keiner außer ihm selbst! Und Hermine hatte sich entschlossen, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen, ihr eigenes Schicksal zu sein. Und das war auch der Grund, warum sie Harry Voldemort ausliefern würde. Auch Harry würde sich seinem Schicksal stellen müssen.

Die ersten Tage in Hogwarts gestalteten sich wie das Absolvieren eines Dauer­marathons in der Entgegennahme des Besuchs ihrer Freunde und Eltern. Besonders ihre Eltern sahen es nur ungern, daß sie sich entschieden hatte, das Restschuljahr in Hogwarts zu verbringen. Sie waren gemeinsam mit Arthur und Molly Weasley angekommen und hatten sich mit Dumbledores Unterstützung ein Zimmer in Hogsmeade nehmen können. Als Muggel wäre es ihnen ohne Dumbledores Zuspruch kaum möglich gewesen im magischen Dorf unterzukommen.
Der ganze Tag ihres Wiedersehens hatte sich wie eine endlose Abfolge des sich Drückens, Weinens und Umarmens gestaltet. Nicht zu vergessen die von Hermine Willkommen geheißenen Unterbrechungen durch das Mittagessen, den Kaffee und Kuchen und das Abendessen.
Nichtsdestotrotz hatte Hermine den Tag mit ihren Eltern genossen. Und als sie sich Abends trennten, waren ihre Eltern halbwegs mit dem Gedanken versöhnt, ihre Tochter erst wieder zu den Sommerferien zu sehen, die ohnehin nicht mehr zu lange auf sich warten ließen. Und bis dahin, so hatte Hermine gesagt, würde sie versuchen, Stoff nachzuholen. Wo könne sie das besser, als in Hogwarts? Bestechende Logik. Ihre Eltern hatten dem nichts entgegenzusetzen.

Die Zwillinge waren tagsdarauf vorbeigekommen. Es hatte ein großes Hallo gegeben und Fred und George hatten zunächst alle Hände voll zu tun gehabt, sich ihre Bewunderer vom Hals zu halten. Seit ihrem legendären Abgang vor zwei Jahren und der Eröffnung ihrer Scherzartikelläden waren die beide gefragte Männer. Daß sie dabei nebenher, wie alle anderen Weasleys, noch aktiv gegen Voldemort kämpften, hätte sich vermutlich keiner, der nicht im Orden war, von den beiden vorstellen können. Hermine hatte den viel zu kurzen Nachmittag und den daraufhin folgenden langen, langen Abend mit den Zwillingen im Gemeinschaftsraum der Gryffindors genossen.
Es war ein herrlicher Tag gewesen, angefüllt von Anektoden, Scherzartikeln, derben Witze über Gedächtnisschwund, aufkommender Senilität und ... ratet mal ... einer endlosen Abfolge von Drückerei garniert mit unterdrückter Rührung.
Hermine jedenfalls hatte Tränen gelacht und gemeint, sie könnten sich ja demnächst als Sandwich versuchen, wenn die Drückerei kein Ende nähme. Und die Zwillinge waren diesem Gedanken gegenüber offensichtlich nicht abgeneigt gewesen.
Hermine jedenfalls war am späten Abend schmunzelnd zu Bett gegangen - allein!

Nur Rons Verhalten in diesen Tagen schien ihr mehr als seltsam zu sein. Sie hatte den Eindruck, daß er ihr absichtlich aus dem Weg ging. Luna wiederum begann zu stottern, wenn sie zufällig auf Ron traf. Meistens war dann einer der beiden sehr schnell und ziemlich spurlos von der Bildfläche verschwunden. Hermine begann sich zu fragen, ob die beiden Krach miteinander hatten oder wie sich ihr Verhalten sonst hätte erklären können.
Auch Krummbein hatte sich ganz anders verhalten, als sie erwartet hatte. Daß er ein besonderer Kater war, hatte sie stets gewußt. Ein halber Kniesel eben. Doch daß er das dunkle Mal hatte spüren können, dies hätte fast zu einer Katastrophe geführt.
Er hatte sie erst am Tag nach ihrer Rückkehr gesehen und war freudig mauzend auf sie zugelaufen. Schwanz in die Höh und Schnurrhaare nach vorn ausgestreckt. Dann aber war er so plötzlich stehen­geblieben, als sei er gegen eine Mauer gerannt. Mit einem wütenden Fachen hatte er sie angesprungen und sich wie ein tollwütiger Kater über ihren rechten Arm hermachen wollen. Und es war nur ein rechtzeitig ausgesprochenes Petrificus Totalus gewesen, das sie davor bewahrt hatte, daß ihr Ärmel zerrissen und das Todessermal zum Vorschein gekommen wäre.
Alle waren ratlos gewesen. Hermine aber hatte gesagt, daß er sich wohl erst wieder an sie gewöhnen müsse. Sie hatte den Kater auf ihr Zimmer getragen und sich später vor ihm ausgezogen. Wie sie sich bei dieser Stripteasenummer vor ihrem Kater gefühlt hatte, war eine Sache gewesen. Doch wie der Kater auf die Zeichen auf ihren Körper reagiert hatte, eine ganz andere.
Still hatte er dagesessen. Hatte sie mit seinen großen gelben Augen ruhig angesehen und sein Blick war den durch ihren Körper gleitende und auf ihrer Haut erscheinenden Zeichen gefolgt. Hermine war in die Knie gegangen und hatte ihm vorsichtig eine Hand entgegengestreckt. Und er war vorgetreten, hatte an ihr geschnuppert und dann laut zu schnurren begonnen.
Wenig später war aus Hermines Zimmer unterdücktes leises Kichern gequollen. Der Kater hatte begonnen, den Zeichen auf ihrem Körper zu folgen. Seine Pfoten patschten auf Hermines Körper und seine Schnurrhaare kitzelten sie, wenn er sich zu ihr vorbeugte und an ihrer Haut schnupperte, weil er glaubte, eines der Zeichen gefangen zu haben. Doch da dieses Spiel nicht gerade von Erfolg für den Kater gekrönt war, gab er es schließlich auf und blieb einfach schnurrend auf ihrem Schoß sitzen, während sie ihn kraulte. Hermine hatte sich an diesem Abend sehr glücklich gefühlt. Krummbein war nun der einzige, der wußte, was mit ihr los war - und er akzeptierte sie.

Während ihre Freunde im Unterricht saßen oder in Arbeitsgruppen beschäftigt waren, begann sich Hermine nach einigen Tagen darüber Gedanken zu machen, was der Dunkle Lord von ihr erwartete. Bisher hatte sie noch keine Möglichkeit gehabt, Malfoy unter vier Augen zu sehen. Doch das mußte sich ändern. Schließlich war er ihr Kontaktmann, und nur er wußte, was als nächstes geschehen sollte. Zudem wollte sie ihre Sachen zurückhaben.

Abgesehen vom Orden und ihren Freunden wußte keiner, was geschehen war. Auf Hermines plötzliches Verschwinden, auf die Gerüchte über ihren angeblichen Tod, war niemals eingegangen worden. Und auch daß sie jetzt nach fünfmonatiger Abwesenheit wieder aufgetaucht war und einen Sonderstatus einnahm, wurde von ihren Mitschülern zwar registriert, doch bis auf ein paar gehässige Bemerkungen aus den Reihen der Slytherins, sprach niemand Hermine direkt darauf an. Hier und da wurde getuschelt, daß sie als Austauschschülerin bei einer anderen Zauberschule gewesen und von dort heruntergeflogen war. Und das führte natürlich zu weiteren Gerüchten. Von Fehlverhalten war die Rede, von einer Affaire mit einem Lehrer
Hermine war es egal. Und tatsächlich fand sie die Vorstellung von einer Affaire mit einem Lehrer ziemlich lustig. Traf das die Wahrheit doch noch am meisten. Nur das ihre "Affaire" eine Gefangenschaft in Snapes Haus gewesen war.
Sie jedenfalls fand die Idee von der, der Schule verwiesenen „Austauschschülerin", einfach genial und fragte sich, ob nicht einer der Lehrer die Quelle dieses Gerüchts war. Zumindest aber war damit die Neugierde aller befriedigt.

Mit Dumbledore und McGonagall hatte Hermine ausgehandelt, daß sie das letzte Schuljahr wiederholen würde. Auch dies kam dem Gerücht ihres Herauswurfs entgegen.
Hermine hatte bei ihrem Gespräch mit dem Schulleiter und ihrer Hauslehrerin argumentiert, daß sie den fünfmonatigen Unterrichtsverlust unmöglich zu ihrer eigenen Zufriedenheit aufholen könne und sie sich ihre Noten nicht dadurch verderben wolle, daß sie jetzt einen Abschluß mit aller Gewalt herbeiführen würde.
Doch sie wolle auf eigene Faust Lehrstoff nacharbeiten und dies würde sie auch vom Grübeln abhalten, hatte sie gesagt.
Dumbledore und McGonagall waren einverstanden gewesen, hatte Hermine doch stets bewiesen, daß sie eine disziplinierte und erfolgsorientierte Schülerin war und durchaus selbständig lernen konnte.
Darüber hinaus, hatte der Schulleiter gesagt, könne sie zu jeder Tages- oder Nachtzeit bei ihm vorbeikommen.
Hermine hatte sich bei seinen Worten des Gefühls nicht erwehren können, daß der Professor ihr den Gedächtnisverlust nicht ganz abnahm. Dennoch hakte er nie nach.

Und so war es zwischenzeitlich Freitag geworden. Es war der vierte Tag ihrer Rückkehr.

Hermine saß mit Ron am See. Es war ein ruhiger, freundlicher Abend und ihr Freund hatte sie auf einen Spaziergang eingeladen.
„Erinnerst du dich", fragte Ron, „weißt du noch, wie wir uns ständig gestritten und genervt haben, bevor ..."
Er brach ab, sah sie unsicher an und blickte schnell wieder auf den See.
„Na klar! Wie könnte ich das vergessen haben. Aber ich kann dir nicht sagen, warum das so war. Irgendwie kommen mir die Gründe für unsere Streitereinen heute so nichtig vor. Ehrlich, ich verstehe mich selbst nicht mehr. Dabei -", einen Moment verstummte Hermine, „dabei bist du doch einer meiner besten Freunde, Ron, und ich mag dich wirklich sehr. Keine Ahnung, warum du mich immer so schnell auf die Palme gebracht hast."
Der rothaarige Junge sah wieder zu Hermine.
„Wirklich nicht?"
Hermine blickte ihn verwirrt an.
„Ich war in dich verliebt, Hermine! Aber ich wußte es nicht. Ich wußte es erst, als ich mich mit deinem Tod abfinden mußte, als ich begriff -"
Ron traten bei diesen Worten Tränen in die Augen. Er wischte sie weg und schniefte. Hermine starrte ihn an, war wie vor den Kopf gestoßen.
Ron war in sie verliebt - gewesen? Hieß das, daß er sie jetzt nicht mehr liebte?
Und sie? Liebte sie Ron? War sie etwa auch in Ron verliebt - gewesen?
Hermine versuchte sich zu erinnern, versuchte sich wieder die Gefühle in Erinnerung zu rufen, die sie für Ron gehabt hatte. War sie in ihn verliebt gewesen? War das der Grund ihrer ständigen Streitereien? Verdrängte Gefühle?
Und jetzt? Was war jetzt?
Dutzende von Fragen stürmten gleichzeitig auf Hermine ein. Sie sah ihren Freund mit irritiertem Blick an, stand auf und began, unruhig auf und ab zu gehen. Immer wieder blickte sie zu ihm hinüber, setzte zu Fragen an, die jedoch noch auf ihren Lippen erstarben, weil sie eigentlich gar nicht wußte, was sie hätte fragen sollen.
„Komm", sagte Ron ruhig und wies auf den Platz neben sich, „setz' dich wieder. Es fällt mir sowieso nicht leicht mit dir über meine Gefühle zu sprechen. Mit deinem hin und her laufen, machst du es mir nur noch schwerer."
Hermine setzte sich, bemerkte unbewußt, daß Ron sich viel erwachsener benahm, als sie ihn in Erinnerung hatte. Kaum daß sie saß, nahm er ihre Hand und sah sie ernst an.
„Als du starbst", sagte er und Hermine zog eine Braue hoch, Ron lächelte verlegen, „als ich dachte, du seist tot", verbesserte er sich, „da schien auch in mir etwas zu sterben.
Es war schrecklich. Ich fühlte mich taub und leer - etwas fehlte, und irgendwie schien es nur passend, daß ich auch noch mein Bein verloren hatte."
Hermine runzelte die Stirn, sah Ron verwirrt an. „Lange Geschichte", sagte dieser, „erzähl ich dir später."
Er fuhr fort: „Ich war allein. Allein mit diesen Gefühlen ... so allein wie ich es noch nie in meinem Leben gewesen war. Harry hatte seine eigene Probleme, machte sich furchtbare Vorwürfe wegen dem, was geschehen war. Es war ja nicht seine Schuld, aber du kennst ihn ja. Weißt ja, wie er ist ...
Und ich? Ich hatte nicht nur meine beste Freundin verloren, sondern auch das Mädchen, in das ich verliebt gewesen war. Nur daß ich es nicht gewußt hatte. Und irgendwie machte das alles sogar noch schlimmer.
Allein George und Fred, Mom und Ginny waren mir eine Hilfe ... und Luna. Sie kümmerte sich um mich, hörte mir zu, half mir mit dem neuen Bein zurechtzu­kommen ...
Sie war einfach für mich da, lachte mit mir und über mich. Auf ihre komische, verdrehte verrückte Art und Weise war sie für mich da ... du weißt schon ..."
Hermines und Rons Blicke begegneten sich kurz und sie mußten beide auflachen. Aber Hermine wußte, das keiner von ihnen beiden es böse gemeint hatte.
„Na ja", fuhr Ron fort, „nach einiger Zeit wurde mir klar, daß ich mich in sie verliebt hatte. Es war eine ziemliche Überraschung für mich. Aber dieses Mal wollte ich es mir nicht vermasseln, dieses mal wollte ich die Chance wahrnehmen und zu meinen Gefühlen stehen. Ich sagte es ihr. Ich war so aufgeregt, daß ich nur herumstottern konnte! Es war eine ziemlich peinliche Angelegenheit! Aber zu meiner Überraschung sagte sie, daß sie sich auch in mich verliebt hatte und ...na ja, seit dem sind wir ein Paar. Ein ziemlich verrücktes vermutlich."
Ron verstummte und sah Hermine mit großen Augen an.
„Das ist es, was ich dir sagen wollte. Warum ich mich vielleicht auch so komisch in deiner Nähe verhalten habe."
Hermine tätschelte beruhigend Rons Hand. Tatsächlich fühlte sie sich erleichtert. Ron hatte so geheimnisvoll getan, daß sie sich gefragt hatte, ob er etwas wußte, was er besser nicht hätte wissen sollen.
„Schon gut", murmelte sie, ließ Rons Hand los und stand auf. Sie ging in Richtung des Ufers und in einer Geste der Einsamkeit, legte sie sich die Arme um die Schultern, starrte aufs dunkle Wasser und drängte ihre Tränen zurück.
Das Leben war weitergegangen.
Während sie Tag für Tag mit Snape trainierte, gegen die Versuchungen der Schwarzen Magie ankämpfte und am Ende zur Mörderin geworden war, hatten ihre Freunde sie betrauert und danach mit ihrem Leben weitergemacht.
Das war nicht fair!
Heißer Zorn flammte in ihr auf. Sie wollte schreien, wollte ihrer Wut freien Lauf lassen, wollte etwas kaputt machen. Und das dunkle kalte Wasser des Sees schwappte an ihre Füße, lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich und zog ihren so plötzlich aufgewallten Zorn zu sich in die Tiefe. Hermine beruhigte sich wieder.
Das Sonnenlicht brach sich glitzernd auf der Oberfläche des Sees, aus den Bäumen am Ufer drang der Gesang der Vögel und Hermine erkannte, das in Hogwarts das Leben einfach nur weitergegangen war. Was ihr ungerecht vorkam, war nur das Leben gewesen.
Hermine fühlte, wie sich ein Arm um ihre Schultern legte. Ron stand neben ihr.
„Es tut mir leid, Hermine", sagte er. „Ich war davon überzeugt, daß du tot warst. Ich hatte nicht die Kraft zu hoffen. Hatte nicht die Kraft, das Unmögliche zu erwarten.
Du warst allein zurückgelassen worden, unfähig zu disapparieren. Wie hättest du überleben können? Du konntest nur tot sein. Niemand hätte der Armee der Inferi entkommen können ... und doch, du bist es. Du lebst! Wie konntest du es nur schaffen?"
Einen Moment lang schnürte es Hermine die Kehle zu, unmerklich schüttelte sie den Kopf. Trauer stieg in ihr auf. Trauer um eine erste Liebe, die sie nie hatte erfahren dürfen. Sie seufzte und umarmte ihren Freund, schmiegte sich an ihn, flüsterte:
„Halte mich einfach nur fest, Ron. Frag nicht. Halt mich fest, weil du in einem anderem Leben meine erste Liebe hättest sein können."
Sie lagen sich lange in den Armen, hielten sich fest und erinnerten sich an all ihre gemeinsam bestandenen Abenteuer. An den Spaß, den sie erlebt hatten, an all die Gefahren, die sie gemeinsam überwunden hatten - und sie wußten beide, daß es nie wieder so sein würde.

Sie waren erwachsen geworden.

****

„Granger. Ich muß mit dir reden."
Hermine drehte sich um. Sie war gerade mit Ron auf dem Weg zur Schule zurück gewesen.
Nachdem sie sich ausgesprochen hatten, hatten sie noch einen langen Spaziergang entlang des Sees gemacht. Ron hatte ihr von seinem Bein erzählt, wie er es verloren hatte. Hatte ihr die von den Zwillingen aufgepeppte und nun durch Zauberei und Microchips gesteuerte Muggelprothese gezeigt. Mit Begeisterung hatte er davon erzählt, wie er sich die Prothese in einer Muggelklinik hatte anpassen lassen. Wie überrascht und erstaunt er gewesen war, festzustellen, daß Muggel so fortschrittlich auf dem Gebiet der Körperprothesen waren. So viel fortschrittlicher als die gesamte Zaubererwelt, sagte er, was vermutlich daran lag, daß es eben nur wenig Dinge gab, die in der Welt der Zauberer nicht durch Zauberei wiedergutzumachen sei.
Muggel, stellte Ron fest, mußten sich eben anders behelfen. Jedenfalls, sagte er, war er froh, daß er nicht so altmodisch wie Moody war, der mit einer Prothese herum lief, die einem Käpt'n Ahab Ehre gemacht hätte.

„Malfoy", sagte sie nun überrascht. Sie starrte den blassen Jungen an und hatte sich schon gefragt, wann er endlich Kontakt mit ihr aufnehmen wollte.
„Auch ich würde gern mit dir reden", antwortete sie.
Ron war stehen geblieben, blickte von einem zum anderen und wußte, daß er sich vermutlich umsonst Sorgen machte. Schließlich hatte Malfoy Hermine wieder zurückgebracht. Dennoch traute er dem weißblonden jungen Mann keinen Meter über den Weg, konnte ihn nach wie vor nicht ausstehen.
„Ich bleib in der Nähe", sagte er daher. Doch Hermine schüttelte den Kopf.
„Nein. Das will ich nicht. Malfoy wird mir schon nichts tun. Schließlich hat er mich nach Hogwarts zurückgebracht. Und ich hab eine Menge Fragen an ihn, die er mir bestimmt nicht beantwortet, wenn du bleibst. Außerdem kann ich sehr gut auf mich selbst aufpassen."
Etwas an Hermines Worten ließ Ron kurz stutzen und er warf Hermine einen forschenden Blick zu. Dann aber ging er, mit einem letzten warnenden Blick Richtung Malfoy, allein weiter.
Hermine nahm ihren Zauberstab zur Hand. Malfoys Augen blitzten auf und er griff nach seinem.
„Bleib ruhig, Malfoy", sagte Hermine kopfschüttelnd. „Ich will nur das hier tun."
Mit einer ausholenden Bewegung des Zauberstabs zog sie einen Kreis um sich und den jungen Mann. Ihre Lippen bewegten sich dabei kaum. Sie wandte eine von ihr weiterentwickelte Form des Muffliato Zaubers an. Der Kreis, der sie nun umschloß, würde sich mit ihnen bewegen und keiner würde ihnen zuhören können. Gleichgültig ob sich jemand zufällig in ihre Nähe bewegte oder beabsichtigte sie durch Zauber zu belauschen.
„Es waren aufregende Tage", stellte Hermine sachlich fest. „Wie ist es dir dabei ergangen, Malfoy? Hegt irgendwer Verdacht?"
Draco schüttelte stumm den Kopf. Er griff in seinen Umhang und gab Hermine die kleine Box zurück, in der sie die Sachen aus Snapes Haus aufbewahrte. Malfoy wußte nicht, was sich darin befand. Hermine hatte die Box magisch versiegelt.
„Ahh", sagte sie leise, „danke."
Dann sah sie sich um, sagte:
„Komm, laß uns aus der unmittelbaren Nähe Hogwarts verschwinden. Machen wir einen Spaziergang zum See."
Malfoy folgte Hermine, sprach aber kein Wort.
Das konnte ja lustig werden, dachte die junge Frau. Würde sie ihm jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen müssen?
Ein paar Schüler anderer Häuser kamen ihnen entgegen. Sie blickten die beiden verwundert an, gingen dann tuschelnd an ihnen vorüber und sahen ihnen später nach.
Nachdem sie eine Weile stumm dem Pfad gefolgt waren und ihnen niemand mehr entgegenkam, fragte Malfoy:
„Kannst du dich in Hogwarts frei bewegen?"
„Natürlich", antwortete Hermine und fand diese Frage ziemlich merkwürdig.
„Gut. Du mußt in die Kerker kommen. Es ist wichtig. Aber ich denke, wir können damit noch bis zur nächsten Woche warten. Wir sollten uns ab heute öfter treffen, einfach so tun als würden wir uns anfreunden. Das wird die beste Tarnung für unsere Zusammenarbeit sein. Mir gefällt das genauso wenig wie dir", sagte Malfoy schnell, als er einem Blick auf Hermines skeptisches Gesicht warf, „und ich will mir erst gar nicht vorstellen, was meine Freunde davon halten. Aber es ist sein Befehl."
Malfoy verstummte und sah düster auf den See. Hermine wußte, wie schwer es ihm fallen mußte, sich gegen die Freunde seines eigenen Hauses zu stellen, so zu tun, als würde er sich mit einer Gryffindor anfreunden - einem Schlammblut. Und fast hätte sie gesagt, daß es ihr leid tat, dabei war er es doch, der in dieser Welt der verdrehten Moralvorstellungen lebte!
„Was sagt der Dunkle Lord noch?" fragte sie stattdessen.
„Du bist seine Waffe, Granger, da muß er nicht viel mehr sagen. Ich werde dich schützen und unterstützen. Zudem werde ich versuchen, dir Crabbe und Goyle vom Hals zu halten. Denn ich habe nicht den Eindruck, das sie über dich Bescheid wissen. Aber daran kann ich nichts ändern. Die Information über deinen Status müssen von ihren Vätern kommen. Ich werde versuchen, sie dir vom Leib zu halten. Doch ob sie auf mich hören, wenn sie den Verdacht bekommen, daß sich etwas zwischen dir und mir tut ..."
Hermines und Dracos Blicke begegneten sich. Sie erkannte, wie sehr er unter der Vorstellung seines Statusverlusts litt. Ohne es zu wollen, sagte sie:
„Wenn der Dunkle Lord gesiegt hat, wird bekannt werden, daß du nur in seinem Namen gehandelt hast. Man wird dich dafür bewundern und respektieren. Schließlich bist du es, der sein Vertrauen hat, nicht sie."
Malfoy nickte.
„Ich weiß", antwortete er. „Vielleicht ...", begann er, brach dann aber ab. Und Hermine hatte den Eindruck, daß er etwas sagen wollte, sich aber dazu nicht entschließen konnte. Schließlich schüttelte er nur den Kopf, atmete tief durch und sagte:
„Ich werde morgen nach dem Frühstück an euren Tisch kommen und dich auffordern, mit mir spazieren zu gehen. Es ist Samstag, da werden es nicht zu viele mitkriegen. Die meisten kommen ja ohnehin erst zum Mittag in die Große Halle.
Trotzdem wird es im Handumdrehen seine Runde machen. Da bin ich mir sicher. Es ist in jedem Fall eine Revolution. Granger und Malfoy gehen spazieren - und das ohne sich gegenseitig an die Kehle zu gehen ...", der junge Mann grinste sie schief an und verdrehte die Augen. Und auch über Hermines Gesicht huschte so etwas wie ein Lächeln. Der Gedanke daran war wirklich komisch.
Dann gingen sie gemeinsam zurück. Schweigend und jeder in seinen eigenen Gedanken vertieft. In der Eingangshalle trennten sich ihre Wege. Ihnen war klar, daß sie die ganze Zeit über von Schülern anderer Häuser gesehen worden waren. Und auch mancher Lehrer hatte den Spaziergang der beiden mit ungläubigen Blick verfolgt.

****

„Hermine!"
Hermine erkannte Harrys Stimme. Überrascht blieb sie stehen, drehte sich um und sah Harry in Begleitung von Ginny auf sich zukommen.
„War das Malfoy?" fragte dieser.
„Yep", antwortete sie kurz, nur um dann gereizt zu fragen:
„Überwacht ihr mich jetzt schon?"
„Nein!" rief Ginny empört. „Was ist denn das für eine komische Idee? Wir wollten mit dir und meinem Bruder zum Abendessen gehen, doch dann kam Ron ohne dich zurück und du warst jetzt noch über eine Stunde allein mit Malfoy unterwegs ...", Ginny verstummte. „Wir haben uns einfach nur Sorgen um dich gemacht, Hermine. Das ist alles. Es ist schließlich Malfoy!"
Hermines Blick wurde weich.
„Entschuldige", murmelte sie. „Ich bin wohl nur deshalb so gereizt, weil ich so hungrig bin. Wart ihr schon essen?"
„Nein, wir haben auf dich gewartet. Ron wurde es zu lang. Er ist inzwischen vorgegangen", antwortete Harry.
„Vernünftiger Mann!" schmunzelte Hermine und eilte in Richtung der großen Halle davon. „Na los, ihr Beiden!" rief sie ihnen zu, „wo bleibt ihr? Ron ißt uns noch alles weg!"
Ginny und Harry sahen sich stumm an und folgten ihr. Die ganze Zeit über hatten sie Hermine und Malfoy auf der Karte der Marauder im Auge behalten.
Sie trauten Malfoy nicht und wollten sichergehen, daß er ihr nichts tat. Doch Hermine und der Slytherin waren nur am See entlanggegangen, hatten sich offensichtlich nur unterhalten. Trotzdem ... seltsam war das schon ...

Das Frühstück lag längst schon hinter ihr. Inzwischen war es kurz vor zehn, und Hermine wußte nicht, was sie hätte noch essen können. Sie sah nervös und zum wiederholten Mal zum Tisch der Slytherins hinüber. Malfoy unterhielt sich seit einer geschlagenen Stunde mit einem schwarzhaarigen Klassenkameraden und nur selten blickte er auf. Nicht einmal für Crabbe, Goyle oder Parkinson hatte er einen Blick übrig.
Hermine sah sich den schwarzhaarigen jungen Mann genauer an und glaubte sich daran zu erinnern, daß sein Name Theodor Nott war.
Nott, dachte sie und ihr fiel ein, daß es einen Todesser Namens Nott gab. Vermutlich war das Theodors Vater. Malfoys Gesprächspartner war also ein potenzieller Verbündeter.

Samstagmorgen.

Es war totlangweilig so lange am Tisch sitzenzubleiben. Ron, Ginny und Harry waren erst gar nicht zum Frühstück herunter gekommen. Sie schliefen lieber länger und von den anderen ihres Jahrgangs war keiner mehr anwesend. Lediglich ein paar jüngere saßen noch am Tisch, doch die ließen Hermine in Ruhe.
Und die ganze Zeit über wartete Hermine darauf, daß Malfoy endlich zum Tisch kam und sie zum Spaziergang einlud.
Aber vielleicht hatte er es sich anders überlegt, und sie konnte es ihm nicht verübeln. Sie jedenfalls würde nicht an den Tisch der Slytherins gehen und ihrerseits Malfoy ansprechen. Irgendwie gestaltete sich ihre Zusammenarbeit doch schwieriger, als sie vermutet hatte.
Und bei diesen Gedankengängen stutzte Hermine schließlich und atmete tief durch.
Was tat sie hier eigentlich? fragte sie sich. Wovor hatte sie Angst?
Dort drüben saßen ihre Verbündeten, nicht hier am Tisch der Gryffindors. Sie sollte endlich wieder beginnen, wie die Kriegerin zu denken, zu der sie ausgebildet worden war. Sie war nicht länger Schülerin Hogwarts! Und wenn Malfoy nicht kam, dann mußte sie eben an seinen Tisch gehen.
Abrupt stand Hermine auf. Einige neugierige Blicke blieben an ihr hängen, doch die wandten sich schnell wieder ab. Nichts war geschehen.
Doch das würde sich gleich ändern, dachte Hermine und ging entschlossen in Richtung des Tisch der Slytherins.
Die Hintergrundgeräusche, das Rücken der Stühle, das leise Klappern des Bestecks wie auch das gleichmäßige Murmeln der Stimmen wurde leiser. Es verstummte, als Hermine den Tisch der Slytherins erreichte. Pansy Parkinson, die schmachtend in Malfoys Nähe saß, warf Hermine einen hochmütigen und verächtlichen Blick zu. Goyle und Crabbe grinsten sich frech zu, und Goyle sagte laut:
„Sag mal, riechst du das? Was ist das nur für ein ätzender Gestank?" fragte er mit einem leichten Ellbogenstubser Crabbe, und dieser verzog nur angewidert das Gesicht, konnte sich allerdings sein fieses Grinsen nicht verbeißen.
Goyle sagte:
„Stinkt nach Muggel, stinkt nach deren dreckiger Brut."
Parkinson brach in schrilles lautes Gelächter aus und Crabbe tat, als müsse er sich übergeben. Malfoy, der in sein Gespräch mit Nott vertieft gewesen war, blickte überrascht auf. Er hatte gar nicht bemerkt, daß Hermine an den Tisch getreten war.
„Maul halten!" bellte er in befehlsgewohntem Ton zornig in Richtung seiner ständigen Begleiter. Er stand auf. Parkinson blieb vor Überraschung der Mund offen. Goyle und Crabbe verstummten schlagartig, waren wie vor den Kopf geschlagen.
„Tut mir leid", sagte der blonde Mann leise in Richtung Hermine, während diese mit kühlem Blick die Slytherins am Tisch maß. Dann wandte sie sich an Malfoy:
„Ich dachte, wir wollten spazieren gehen. Oder täusche ich mich?"
Man hätte in dem großen Saal eine Stecknadel fallen hören können, so still war es geworden. Malfoy kam auf sie zu und sagte:
„Nein, das tust du nicht. Gehen wir."
Hermine bemerkte im fortgehen die fassungslosen Gesichter, die ihnen von allen Tischen nachstarrten. Sie hatte allerdings auch bemerkt, daß Theodor Nott sie die ganze Zeit mit interessiertem Blick gemustert hatte.

„... und was ist es, das ich mir in den Kerkern ansehen soll?" fragte Hermine zum vermutlich hundertsten Mal.
Malfoy lachte.
„Du läßt nicht locker, was? Aber ich sag dir: Du mußt es mit deinen eigenen Augen sehen. Es ist einfach zu phantastisch. Ich werde es dir jedenfalls nicht verraten."
„Du weißt, ich könnte dir befehlen, es mir zu sagen ...", sagte Hermine mit herausfordernden Ton in der Stimme.
Malfoys Blick verdunkelte sich, er zog die Brauen zusammen. Hermine lachte und winkte ab.
„Nein, laß mal gut sein. Ich habe keine Lust auf Machtspielchen, das ist ein Slytherin Ding, nicht meins. Außerdem hast du mich jetzt neugierig gemacht.
Also: Ich werde es mir ansehen! Was auch immer es ist - behalte so lange das Geheimnis nur für dich", schmunzelte sie und hob augenzwinkernd ihre Flasche Butterbier. Aus Malfoys Augen verschwand der Zorn und auch er griff nach seiner Flasche. Sie stießen miteinander an.
„Gutes Picknick", stellte der junge Mann anerkennend fest.
Hermine nickte zustimmend. Sie hatte es gut vorbereitet. Sie hatte das Picknick in der Box verschwinden lassen und diese daraufhin nochmals verkleinert. Ihr war klar gewesen, daß sie nach einem so spektakulären Abgang lange genug wegbleiben mußten, um ihren Mitschülern genügend Zeit zu geben, Gerüchte in die Welt zu setzten. Und so hatte sie - mit Dobbys Unterstützung - alles für ein gemütliches Picknick zusammengepackt.
Malfoy und Granger, dachte Hermine, legte sich zurück und starrte durch das Geäst des Baums in den blauen Himmel. Das war ebenso wahrscheinlich, wie daß eine muggelgeborene Hexe Todesser wurde. Und bei dem Gedanken huschte ein dunkler Schatten über ihr Gesicht.
„Granger."
Hermine drehte sich Malfoy zu. Draco lehnte mit dem Rücken am Baum und sah sie nachdenklich an. Es überraschte Hermine, wie entspannt sie beide in der Gegenwart des anderen sein konnten. Und ebenso überraschte sie die Tatsache, daß sie seine Gegenwart nicht als unangenehm empfand.
Die ganze Zeit über hatten sie Reizthemen gemieden und Hermine hatte sich von Malfoy erzählen lassen, was während ihrer Abwesenheit in Hogwarts geschehen war. Und obwohl sie das alles schon von ihren Freunden gehört hatte, war der Blickwinkel auf die Geschehnisse in Hogwarts aus den Augen eines Slytherinschülers natürlich ein ganz anderer.
„Mmm?"
„Ich schätze, wir sollten uns mit unseren Vornamen anreden."
Hermine setzte sich auf. Die angenehme Schläfrigkeit mit der sie das üppige Mittags­picknick verdaut hatte, war wie weggeblasen. Sprachlos, ja fast schon schockiert, starrte sie Malfoy an und bemerkte überrascht den Humor in dessen Blick, als er beruhigend anfügte:
„Das heißt natürlich nicht, daß wir heiraten müssen."
„Sehr witzig, Mm- m- ", sie erstickte fast daran, seinen Namen nicht auszusprechen und die Kurve zu seinem Vornamen zu kriegen. Schließlich schaffte sie es, doch es klang fast so, als würde sie sich daran erbrechen: „... Draco!"
Der weißblonde junge Mann grinste.
„Na also, geht doch."
Hermine zog eine Braue hoch und sah ihn herausfordernd an. Er räusperte sich, sagte dann leise, kaum hörbar:
„Hermine."
Ihre Blicke begegneten sich. Sie hatten beide den gleichen Gedanken:
Wir sind verdammt.

****


Hermine und Draco machten das Beste aus ihrem erzwungenen gemeinsamen Tag:
Sie duellierten sich.

„Verflucht!" rief Hermine verärgert, als sie den lebendig gewordenen Wurzeln auswich, die sich um ihre Knöchel zu winden drohten. Gleichzeitig wehrte sie Malfoys Fluch ab. Der Junge war wirklich gut, dachte sie. Aber das war wahrscheinlich der einzige Vorteil, wenn man in einer Todesserfamilie aufwuchs: Man lernte richtig üble Flüche.
„Jetzt reichts!"
Eine anmutige Bewegung ihres Zauberstabs ließ sie in die Luft steigen, ein weiterer Schwenk und die Wurzeln wandten sich Malfoy zu, wickelten sich um seine Füße. Er stolperte und ging zu Boden. Hermine entwaffnete ihn mit einem Expelliarmus.
Ein gedachtes Accio Dracos Zauberstab später lag Malfoys Zauberstab in ihrer Hand.
Sie schwebte wieder zu Boden. Malfoy wehrte sich vergeblich gegen die Wurzeln, die sich immer fester um seinen Körper wickelten.
„Granger", keuchte er angestrengt. „Die drehen mir die Luft ab. Laß mich los."
Hermine kniete sich neben Draco und sah ihn mit unbewegter Miene an.
„Es gab Momente in meinem Leben", flüsterte sie dann, „in denen ich mir gewünscht hatte, dich töten zu können. Nicht daß ich damals die Macht oder den Nerv dazu gehabt hätte."

Sie beugte sich vor und betrachtete ihn sich genauer. Draco keuchte, sein Gesicht war rot und je mehr er sich wehrte, desto stärker schnitten ihm die Wurzeln ins Fleisch. Hermine erkannte, daß er in echten Schwierigkeiten steckte. Ihr Zauberstab berührte schließlich die Wurzeln an seinem Hals und an seiner Brust. Sie lockerten sich, gaben ihn jedoch nicht frei.
Draco bekam wieder Luft - und gierig atmete er ein. Ihm war schwindlig und sein Hals tat ihm vom Würgegriff der Wurzeln weh. Was hier geschah, hatte sich seiner Kontrolle entzogen. Mit Granger stimmte irgendwas nicht, so viel war klar. Sie benahm sich wie eine völlig Fremde, war wie ausgewechselt.
Dieser Kampf hatte sie verändert. Es war, als hätte er ein Programm in ihr aufgerufen, das nun ganz automatisch ablief. Wieviel von dem, was hier geschah, war von ihr gewollt, fragte er sich beunruhigt. Hatte sie sich selbst noch unter Kontrolle, oder kontrollierte das dunkle Mal sie? Der Professor hatte gesagt, daß es dazu kommen konnte. Und er hatte ihm auch gesagt, was er dagegen tun mußte, wenn es so weit war. Nur waren sie beide davon ausgegangen, daß er die Kontrolle haben und nicht ihr ausgeliefert sein würde. Denn genau das war er jetzt. Ihr ausgeliefert, und es gefiel ihm überhaupt nicht. Seine Lippen bewegten sich, er versuchte etwas zu sagen, doch Hermine legte ihm die Finger auf den Mund.
„Schschh."
Draco bemerkte eine kleine Wunde an Hermines Schläfe. Blut floß ihr über die Wange. Sie selbst hatte es nicht bemerkt. Sie starrte ihn einfach an und in ihre Augen war ein seltsamer Ausdruck getreten. Draco konnte ihn nicht deuten.

Was für eine hübsche Beute er doch war, stellte Hermine verwundert fest. Ihre Hand streckte sich ohne ihr Zutun aus und berührte seine Brust, strich zögernd darüber.
Wie fest sich seine Muskulatur anfühlte, dachte sie überrascht und beugte sich vor, atmete den süßen Duft seines Schweißes ein.
All das erinnerte sie an etwas, an irgendetwas, das sie vergessen hatte. Immer wenn sie den Zipfel dieser Erinnerung fast schon in ihren Händen hielt, entglitt er ihr. Es war wichtig gewesen. Und sie hatte vergessen! Sie konnte es in sich fühlen, ganz tief in sich. Da war etwas. Hermine schloß die Augen.
Dieser Geruch, dieses angestrengte Atem. Das Klopfen des Herzens in der Brust. Es hatte irgend etwas damit zu tun. Und da war noch etwas anderes.
Hermine dachte nicht weiter nach, als sie sich auf Draco legte. Sie fühlte den Körper unter sich und fühlte, daß es richtig war. Ihr Becken begann sich wie von selbst an ihm zu reiben. Ihre Lippen suchten nach seinen. Sie seufzte leise.
Oh ja, das war richtig. Das Blut schoß ihr ins Becken und es begann an den richtigen Stellen zu kribbeln. Ihre Hände glitten durch Dracos Haar. Sie waren zu kurz. Sie hätten länger sein müssen.
Sie knabberte an seinen Lippen und dann war etwas in ihrem Bewußtsein. Es flammte kurz auf und Hermine sog scharf die Luft ein, erstarrte.
Da waren zwei Körper in der Dunkelheit. Zwei Körper, die in Ekstase miteinander verschlugen waren. Da waren Hände auf ihrem Körper. Sie hielten sie fest. Sie waren sanft, waren zärtlich. Und doch ließen sie ihr keine Chance ihrer Lust zu entkommen. In der Dunkelheit gab es keine Grenzen mehr, keine Kontrolle. Nur noch Hingabe, bedingungslose Ekstase.

Hermine stöhnte, atmete schwer. Das war es! Das war es, was sie vergessen hatte, und sie wollte es wieder haben!
Sie rieb ihre Wange an Dracos. Ihr Blut verschmierte sich auf ihren beiden Gesichtern. Draco wollte sich wehren, doch kaum daß er sich bewegte, umschlangen ihn die Wurzeln fester, drückten ihm die Luft ab. Er stöhnte vor Schmerz und Hermine dachte, es wäre Lust.
Sie küßte Draco, saugte an seinen Lippen und versuchte mit ihrer Zunge in seinen Mund einzudringen.
Doch es gelang ihr nicht. Und so rieb sie ihre Wange an seiner. Ihre Hände strichen über Dracos verkrampften, verschwitzten Körper und sie fühlte nicht, daß sie längst schon Grenzen überschritten hatte, die jenseits ihres Verstandes lagen. Sie fühlte nicht, das dunkle Instinkte die Kontrolle übernommen hatten.
Ihre Zunge wurde immer fordernder und ihre Hände grober. Mit einem Mal schien es unwichtig, ob sie ihm weh tat oder nicht. Wenn er nicht mitmachte, war es seine Schuld. Sie wußte, was sie wollte, und sie würde es sich nehmen.
„Laß mich los", brüllte ihr in diesem Moment eine laute wütenden Stimme ins Ohr, und sie durchschnitt ihre Erregung mit schmerzhafter Klarheit. Der Körper unter ihr bäumte sich auf.
„Du begehst an mir das gleiche Unrecht, das dir angetan wurde, Granger! Lies es mir von den Lippen: Ich - will - dich - nicht!"
Hermine war schon beim ersten wutentbrannten Schrei von Draco weggesprungen. Sie hatte ihn verwirrt und schockiert angesehen, nur um bei seinem letzten Satz entsetzt den Zauberstab zu schwenken und Malfoy von seinen ihn würgenden Fesseln zu befreien.
Hustend und sich über den Hals reibend, hatte sich der junge Mann schneller erhoben, als es Hermine für möglich gehalten hatte.
Vorsichtig legte sie seinen Zauberstab auf Boden und zog sich rückwärtsgehend langsam von ihm zurück. Sie konnte nicht glauben, was sie im Begriff gewesen war zu tun. Tränen der Scham und des Entsetzens liefen ihr über die Wangen. Ihr wurde klar, daß sie bereit gewesen war, ihm ihren Willen aufzuzwingen. Und es hatte sie nicht im geringsten interessiert, ob er sie wollte oder nicht.
Das dunkle Mal flammte auf. Bohrender Schmerz ließ Hermine aufschreien, und sie preßte den Arm an sich. Dann wandte sich ab und rannte Hals über Kopf davon. Weg von Malfoy, dem sie unmöglich jemals wieder in die Augen sehen konnte.

Später fand Malfoy Hermine auf einem großen Findling sitzend. Sie wiegte sich vor und zurück, hielt sich immer noch ihren rechten Arm und weinte herzzereißend.
Der junge Mann konnte sich vorstellen, warum sie so weinte. Es war wohl weniger der Schmerz, der vom dunklen Mal herrührte, als viel mehr die Erkenntnis, daß sie ihm fast das gleiche angetan hatte, was ihr angetan worden war. Sie tat ihm leid.
„Hey, Granger!" rief er halblaut.
Hermine sprang vom Fels herunter und starrte ihn erschrocken an. Sie sah jämmerlich aus. Ihre Augen waren verquollen, die Nase rot. Die eine Hälfte ihres Gesichts war immer noch von Blut verschmiert.
„Bleib bloß weg von mir!" rief sie entsetzt. Doch Draco lachte nur und kam weiter auf sie zu.
„Hey", meine er lachend, „bleib bloß weg von mir sollte eigentlich mein Spruch sein! Und jetzt bleib cool, Granger. Es ist nichts passiert."
Hermine schien unentschlossen zu sein, ob sie bleiben oder weglaufen sollte. Und dann stand auch schon Malfoy vor ihr und drückte sie auf den Fels zurück.
„Du bist verletzt, Granger", stellte er fest. „Und es ist meine Aufgabe, mich um dich zu kümmern."
Er nahm seinen Zauberstab und Hermine zuckte zurück. Malfoy verdrehte die Augen und erinnerte sich viel zu deutlich daran, daß er gestern genauso reagiert hatte. Das jahrelange Mißtrauen zwischen ihnen war ein belastendes Erbe in ihrer Zusammenarbeit.
„Bleib einfach ruhig sitzen", knurrte er daher leise.
Fünf Minuten später war Hermines Wunde verheilt und sie wieder sauber. Nur noch ihre Augen brannten von den Tränen, und sie traute sich nicht, Malfoy ins Gesicht zu sehen.
„Rück mal zur Seite, Granger - ähm - Hermine, da ist genug Platz für uns beide."
Malfoy wartete nicht lange, sondern setzte sich im gleichen Atemzug neben Hermine, die sofort wegsprang.
„Großer Merlin!" rief Malfoy und war genervt, „es ist nichts passiert. Okay? Und jetzt setz dich wieder neben mich."
Hermine schüttelte den Kopf. Sie hielt sich mit beiden Armen fest umschlungen und war fast genauso blaß wie Malfoy.
„Ich bin ein Monster", flüsterte sie und starrte zu Boden. Dann rieb sie sich unbewußt über den rechten Unterarm. Der junge Mann stand auf.
„Hermine", sagte er erst, „du bist kein Monster. Nimm das aus dem Mund von einem, der echte Monster kennt, okay?"
Hermine hob zögernd den Blick. Ehrlichkeit lag in Draco Malfoys grauen Augen - und etwas anderes. Mitgefühl? Sorge? Was auch immer es war, es paßte nicht in das Bild, das sie sich von Draco Maloy gemacht hatte. Es verwirrte Hermine nur zusätzlich.
Sie atmete tief durch.
„Ooo-kaaay. Aber wie kann es jetzt weitergehen? Wie kannst du -"
„Ich denke, wir vergessen einfach die letzte halbe Stunde", unterbrach er sie.
„Laß uns mit unserem Picknick weitermachen und wir tun so, als sei nichts geschehen. Es ist auch nichts geschehen.
Sag mal, warten da nicht noch ein paar Flaschen Butterbier auf uns und waren nicht ein paar Blaubeerpfannkuchen übrig geblieben?"
Er bot ihr freundschaftlich den Arm an. Zögernd ging Hermine auf seine Geste der Versöhnung ein. Draco fühlte ihr Zittern und legte beruhigend die Hand auf die ihre. Sie war eiskalt. Er rieb sie und lächelte Hermine an.
„Wir müssen nicht grausam zueinander sein, um sein Werk zu verrichten, oder?"
„Nein", flüsterte Hermine, „nein, daß müssen wir wirklich nicht.
Danke, Draco ... und - es tut mir leid. Wirklich. Ich weiß nicht, was da passiert ist. Ich weiß es einfach nicht. Aber es tut mir ganz furchtbar leid, das mußt du glauben."
Er nickte nur und erwiderte nichts.

Sie gingen still zurück zum Picknickplatz, als Hermine plötzlich stehenblieb. Vor ihnen erhob sich die alterwürdige Schule wie eine gewaltige Festung. Sie stand auf einem Berg, einem kantigen alten Felsenrücken, und trotzte allen Anfeindungen und Gefahren. Und das schon seit Jahrhunderten.
„Ich kann verstehen, warum es hier stattfinden soll", sagte Hermine leise und Draco zog verwundert die Brauen hoch. „Dies ist der einzige Ort in der Welt, der uns Hexen und Zauberern ein zu Hause gibt. Der einzige Ort, der uns unabhängig von unserer Abstammung, willkommen heißt. Nur einer, der in der Muggelwelt aufgewachsen ist, kann das verstehen. Und keiner versteht das besser als ich."
Draco wiederum verstand gar nichts mehr. Doch er fragte nicht nach. Allerdings fragte er sich selbst, ob Hermine etwas über Lord Voldemort wußte, was er nicht wußte.

Sie verbrachten noch gemeinsam den Rest des Nachmittags. Und als sie am Abend zurückgingen, war ihnen beiden klar, daß nach dem heutigen Tag nichts mehr so sein würde wie früher.

****

„Ich kann nicht glauben, daß du den ganzen Tag mit dem Typ unterwegs bist! Ausgerechnet Malfoy! Du haßt den Kerl doch, oder hast du das etwa auch vergessen?"
Hermines Ohrfeige traf Ron, kaum daß er den Satz beendet hatte. Erschreckt sprang der junge Mann zurück und rieb sich über die Wange.
„Hey", brummte er, doch sein Protest ging in Hermines Worten unter.
Wie kannst du nur?!" rief sie empört. „Wie kannst du nur wagen, dich über meinen Gedächtnisverlust derart lustig zu machen? Weißt du eigentlich wie furchtbar es ist, sich an die letzten fünf Monate seines Lebens nicht erinnern zu können? Nicht zu wissen, was geschehen ist, oder was mit einem gemacht worden ist?
GLAUBST DU, DAS IST LUSTIG? Glaubst du, ich grüble nicht jede Nacht darüber nach, was mit mir passiert ist? Glaubst du ernsthaft, daß ich nicht alles unternehmen werde, um das herauszufinden?
Und wenn das bedeutet, daß ich mit Malfoy meine Tage verbringen muß - dann ist das eben so! ES IST MIR EGAL! Ich will nur wissen, was mit mir passiert ist. Und jetzt geh mir aus dem Weg, du ... du riesiger dummer Hornochse, du!"
Hermine stieß Ron wütend aus ihrem Weg und stampfte an ihm vorbei, verließ den Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Das Bild mit der fetten Dame klappte mit einem tiefen Seufzer hinter ihr zu und nach der Stille, die ihren Abgang gefolgt war, erhob sich wieder leises Stimmengemurmel.
Jenseits der Tür jedoch breitete sich auf Hermines Gesicht ein zufriedenes Grinsen aus. Es war besser gelaufen als gedacht.
Nun konnte sie in aller Ruhe nach unten in die Kerker gehen und sich Professor Snapes Räume ansehen.
Seit ihrer Rückkehr brannte sie darauf, einen Blick in seine Räumlichkeiten zu werfen. Das es blanke Neugier war, war ihr klar. Aber andererseits mußte sie ohnehin seine Räume aufsuchen, da sie noch eine Menge zu erledigen hatte.

Schnell huschte Hermine aus dem Korridor in Snapes Räume. Der Professor hatte ihr die entsprechenden Gegenflüche genannt.
Lumos."
Das schwache Licht des illuminierten Zauberstabs erhellte einen düsteren Raum. Hermines Augen gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit und sie fand Kerzen auf dem Schreibtisch und Fackeln an den Wänden. Ein Incendio später wurde der Raum von Licht erhellt. Doch das ließ ihn lediglich noch abschreckender und düsterer wirken. Auf Hermines Gesicht breitete sich ein Grinsen aus. Oh ja, dachte sie belustigt. Hier fühlte sich ein Severus Snape wohl!

Regalwände, die bis zur Decke mit Büchern und Pergamentrollen vollgestopft waren. Dazwischen Einmachgläser, in denen Pflanzen- und Tierpräparate
schwammen. Manche von ihnen schienen noch von unheimlichem Leben erfüllt zu sein, während es aus anderen wiederum nur gespenstisch leuchtete. Alles wirkte düster, unheimlich und irgendwie verboten.
Hermine schritt durch den Raum und warf sich in den speckigen, abgewetzten Ohrensessel hinter dem peinlich genau aufgeräumten Schreibtisch.
Ihre Finger strichen liebevoll über das alte Leder, und immer noch hatte sie das Grinsen im Gesicht. Es war einfach zu wundervoll!
Und dann lachte sie laut auf und dachte kopfschüttelnd, daß sie beim Professor einen ganz schönen Knacks bekommen hatte, wenn sie diesen düsteren Ort als kuschelig empfand. Trotzdem sie konnte sich des warmen und wohligen Gefühls, das in ihrer Brust aufstieg, nicht verschließen.

Hermine war glücklich über das Vertrauen, das ihr der Professor mit dem Nutzen seiner Räume bewiesen hatte. Nicht nur, daß sie hier einen Ort hatte, an dem sie, sicher vor unliebsamen Überraschungen und Störungen, im Verborgenen arbeiten konnte, sie hatte hier auch einen Platz, an dem sie dem Professor nahe sein konnte.
Dies hier waren seine Räume. Hier lebte und schlief er, wenn er in Hogwarts war. Hier in diesem Sessel, hatte auch er gesessen.

Wieder strich sie über die speckige Armlehne. Dann aber stand sie auf, ging in den angrenzenden Raum, entflammte die Fackeln an den Wänden und sah sich neugierig um.
Schock!
Dies war der Schlaf- und Wohnbereich, und alles hier war - freundlich geradezu harmonisch!
Der Raum, in dem sie stand, war sparsam, fast schon spartanisch eingerichtet. Er wurde von einem mannsgroßen gemauerten Kamin beherrscht. Zwei große dunkelrote Ledersessel standen davor, dazwischen ein kleiner mahagonifarbener hölzerner Tisch, der ein wenig an eine kunsthandwerkliche Arbeit im britisch-indischen Kolonialstil erinnerte. Ein Buch lag auf dem Tisch und Hermine ging neugierig hinüber, nahm es in die Hand.

Traumzeit und Magie, stand darauf. Hermine drehte es um und las den Buchrücken.
Schamanen gab es in allen Kulturkreisen rund um die Welt. Und es gibt sie noch heute. Sie sind die Hüter uralten Wissens. Schamanen sind Reisende auf den Ebenen des Bewußtseins, die den meisten Menschen wohl für immer verschlossen bleiben werden. Sie sind Forscher, Priester, Heiler und Abenteuerer. Und sie bewegen sich auf Pfaden, die so alt sind, daß es sie schon seit Anbeginn der Menschheit gibt.
Begleiten Sie den Ethnologen Professor Arthur Michaelson (mit Lehrstuhl in Adelaide/Australien) und seinen Freund und Forscherkollegen Albus Brian Dumbledore (Fachberater in Fragen der Magie) auf ihren Reisen zu den Wurzeln der Menschheit. Betreten Sie mit ihnen eine ebenso faszinierende wie gefährliche Welt, in der Zauberei, Hexerei, Begegnungen mit Tiergeistern und Göttern ebenso Wirklichkeit sind, wie für uns moderne Menschen das Fernsehen, die Mikrowelle oder Reisen zum Mond.


Unten auf dem Einband sah man die freundlich lächenden Gesichter zweier älterer Herren - und eines davon war das des Professors Dumbledore. Die Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen, den Bart in mehreren langen, geflochten Zöpfen hinter dem Nacken verschwindend, grinste er freundlich in die Kamera. Ein breitrandiger Hut beschattete sein Gesicht. Tatsächlich sah er aus wie der Weihnachtsmann auf LSD.
Hermine ließ das Buch fassungslos sinken. Dann sah sie noch einmal genauer hin. Nein, das war kein Scherz. Es war ein Muggelbuch. Und wie Hogwarts Schulleiter auf dessen Einband kam, wollte sie nicht wissen. Genauso wenig wie, was das Hexereiministerium davon halten würde, sollten die es wissen. Doch irgendwie bezweifelte Hermine das.
Zauberer lasen nur dann Muggelbücher, wenn sie es mußten. Oder wenn sie, wie Rons Vater, auf Muggel abfuhren. Kein normaler Zauberer würde diese Buch jemals in die Finger nehmen. Dumbledors Geheimnis schützte sich von selbst.
Sie stellte es auf dem Kaminsims ab, um nicht länger daraufzustarren und beschloß, es einfach zu ignorieren. Dann sah sie sich weiter um.

Die Felswände waren sauber verputzt, doch weder Bilder noch Wandteppiche zierten sie. Hier im Raum herrschte Klarheit und Ordnung.
Allein ein bordeauxroter flauschiger Wollteppich lag als einziger Farbtupfer auf dem mit Holzdielen verkleideten Boden. Einige weitere wenige Möbelstücke (wieder im kolonialstil) verliehen dem Raum einen Hauch von Eleganz aber auch Gemütlichkeit. Dieser Bereich der Wohnung war das totale Gegenteil zum vollgestopften, düsteren Vorzimmer. Und als Hermine sich ein wenig von ihrer Überraschung erholt hatte, ging sie weiter und entdeckte Professor Snapes Schlafzimmer.
Auch hier sauber verputzte Felswände, Dielenboden und nur einige wenige Möbelstücke. Mittelpunkt des Schlafzimmers war ein großes Bett. Auch in diesem Raum gab es einen Kamin, einen kleinen allerdings.
Aus einem verzauberten Fenster im Zimmer drang Licht ein. Hermine ging hin, zog den Vorhang beiseite und sah auf den See, der im Licht der untergehenden Sonne glänzte. Neben dem Fenster war eine Tür und Hermine dachte, das es vermutlich das Bad war. Neugierig öffnete sie die Tür und warf einen Blick hinein. Schnell schloß sie diese wieder und lehnte sich erschrocken an die Tür.
Der Professor spinnte!
Zögernd öffnete sie noch einmal die Tür und sah hinein. Das war kein Bad, dachte sie, es war eine römische Therme! Und wie paßte dieses Becken überhaupt hier hinein? Es mußte eine Illusion sein, konnte unmöglich real sein.
Vorsichtig betrat sie den Raum, stand auf warmen Marmorplatten, hörte das Plätschern des kleinen Wasserfalls am hinteren Ende des Raums, der das Becken speiste und sah auf die schimmernden Lichtreflexe im Wasser, die aus einer verborgenen Lichtquelle im Becken stammen mußten und sich an den Marmorsäulen und in der Decke widerspiegelten.
Hermine frage sich, wo die Toilette in diesem Raum war. Und kaum daß dieser Gedanken in ihrem Kopf erschienen war, verschwand die luxuriöse Therme und ein nüchternes kleines Bad war plötzlich da.
Dusche, Toilette, Waschtisch, Spiegel, kleiner Wäscheschrank. Aber wo war die Therme? Hatte sie es sich nur eingebildet? Oder war dies vielleicht auch ein magischer Raum?
Hermine zückte ihren Zauberstab, dachte an die Therme und - nichts geschah.
Kein magischer Raum. Nur ein kleines Bad.
Hermine schloß entäuscht die Tür hinter sich. Nur um sie dann wieder schnell aufzureißen, als erwarte sie, die Therme dabei zu ertappen, wie sie wieder auftauchte. Doch nichts dergleichen war geschehen. Sie sah immer noch auf ein kleines funktionelles Bad und frustriert schloß Hermine die Tür. Schade.
Dann trat sie ans Fenster heran und dachte, daß dies ein schöner Trick war. Im Zaubereiministerium hatten sie auch verzauberten Fenster.

Sie wandte sich ab und begab sich wieder ins Wohnzimmer. Das also waren Professor Snapes Räume. Sie wußte nicht, was sie erwartet hatte, aber so hatte sie es sich nicht vorgestellt. Der düstere vollgestopfte Vorraum entsprach schon mehr ihren Vorstellungen, nicht aber diese klaren freundlichen Räume. Snape steckte voller Überraschungen.
Dann entflammte sie im Kamin das magische Feuer, wie es ihr der Professor gezeigt hatte. Sie sprach den Zauber und die Wand hinter dem Kamin schob sich zur Seite, gab den Blick auf einen dahinterliegenden Raum frei.
Hermine griff nach der Fackel und schritt durchs kalte Feuer. Kaum daß sie den verborgenen Raum betreten hatte, schob sich die Kaminwand schon wieder vor den Durchgang.
Hermine sah sich um.
Wie nicht anders zu erwarten, war dies ein nüchterner, zweckmäßiger Raum. Die Wände waren blanker Fels ebenso der Boden. Lediglich eine Schicht aus gestampften Lehm bedeckt ihn, glich die Unebenheiten aus.
Eiserne Käfige hingen von der Decke und in ihnen schwebten blasse faustgroße Energiekugeln, die den Raum mit schwachem Licht erhellten.
Hermine richtete ihren Zauberstab auf sie und mit dem entsprechenden Zauber flammt eine Kugel nach der anderen auf. Hermine nickte anerkennend.
Professor Snape war ein weitaus mächtigerer Zauberer, als es ihm die meisten zustehen würden. Nicht nur, daß er selbst Zauber und Flüche entwickelte, er war von den beiden mächtigsten Zauberern dieser Zeit unterrichtet worden. Hatte von beiden gelernt.
Und Hermine hatte direkt davon profitieren können. Denn der Professor hatte nichts von seinem Wissen zurückgehalten, hatte sie in allem unterstützt und ermutigt, zu dem sie sich fähig gefühlt hatte.
Der Professor, dachte Hermine, war kein schlechter Mensch. Und es war ihr nicht bewußt, daß sie damit etwas dachte, was ihr bis vor einem halben Jahr nicht einmal in den Sinn gekommen wäre.
Hermine schritt die Regalreihen ab und sah sich um. Sie notierte in Gedanken, was sie brauchen konnte und verwarf alle Ideen, die sich nicht würden realisieren lassen. Doch für die wichtigsten ihrer Ideen hatte sie alles beisammen. Sie mußte sich nur noch ans Brauen der Tränke und ans Ausformulieren der noch nicht ausgereiften Flüche machen. Kurzum: Sie mußte sich an die Arbeit machen!

****

„Ron, was ist nur in dich gefahren? Du benimmst dich wie ein Idiot! Was Hermine tut, ist ihre Sache, und wenn sie sich mit Malfoy trifft, geht uns das nichts an!"
Ginny starrte ihren Bruder wütend an, der sich nur völlig verdattert über die Wange rieb, und am liebsten hätte sie ihm auch eine Ohrfeige verpaßt.
„Dann ... aber ... warum ...", stotterte dieser und sah hilfesuchend zu Harry. Dieser zuckte aber nur mit den Achseln, als ob er damit sagen wolle:
Ich stelle mich nicht zwischen zwei Weasleys.
Womit er vermutlich mehr Weisheit bewies, als es Ron gerade getan hatte.
„Aber du kannst doch unmöglich gutheißen, daß Hermine mit Malfoy abhängt! Malfoy, Ginny! Nicht irgend wer. Es ist Malfoy!"
Das weiß ich!" schrie seine Schwester ungehalten zurück. „Und ich finde das genauso beschissen wie du! Aber - wir haben kein Recht uns da einzumischen, verstehst du das nicht? Selbst wenn es Malfoy ist!"
Luna sah den streitenden Geschwister zu. In Hogwarts konnten die Schüler der anderen Häuser einen fremden Gemeinschaftsraum betreten, wenn sie dazu eingelanden wurde. Und natürlich war sie, als Rons Freundin, hier willkommen.
Leise sagte sie:
„Aber vielleicht mögen sich die beiden inzwischen?"
Die Blicke, die ihr die Geschwister zuwarfen, hätten jeden anderen getötet. Luna aber lächelte nur verträumt, als ob ihr die Vorstellung von Hermine und Malfoy gefiele. Sie wußte nicht wirklich, was geschehen war, sie wußte nur, daß Hermine vermißt worden war und daß Malfoy irgend etwas mit ihrer Rückkehr zu tun hatte. Sie dachte an Shakespeare, dachte an Romeo und Julia, und fand das alles unglaublich romantisch. Und so fuhr sie fort.
„Na ja, warum nicht? Malfoy ist richtig nett zu Hermine, seit sie wieder da ist. Ist das nicht irgendwie total romantisch?"
„Luna", sagte Ron und war drauf und dran, etwas zu sagen, was ihm später leid tun würde. Doch bevor er es aussprechen konnte, sagte Harry:
„Was ist, wenn Luna recht hat?"
„Harry!" riefen die Geschwister empört und wie aus einem Mund. Luna aber lächelte Harry dankbar an.
„Nein, ehrlich. Was wenn da mehr zwischen den beiden ist? Ich meine, er hat sie von sonst wo zurückgebracht und wir wissen nicht, was in all den Monaten geschehen ist. Wir wissen nicht, was mit Hermine geschehen ist. Was ist, wenn er sich die ganze Zeit um sie gekümmert hat? Was, wenn er sie tatsächlich irgendwie ... lieb gewonnen hat?
Das einzige, was ich weiß, ist, daß Malfoy sein Wort gehalten hat. Er hat gesagt, er würde Hermine zurückbringen, und das hat er getan. Und Luna hat recht. Er ist seitdem richtig nett zu ihr, hat bisher auch keinen von uns beleidigt oder angegriffen. Es kommt mir vor, als hätte er sich verändert und -"
„... das hat auch Hermine!" unterbrach ihn Ron, bellte seine Worte wütend in die Runde. „Sagt mal fällt das keinem von euch auf? Bin nur ich es, der das sieht? Es ist, als ob eine andere Person zu uns zurückgekehrt ist. Es ist zwar Hermine, aber gleichzeitig ist sie es nicht. Seht ihr das nicht?
Und ebenso ist es mit Malfoy. Ich meine, seht euch den Kerl doch mal an! Der geht mit Hermine spazieren, verschwindet einen ganzen Samstag mit ihr ... und ... und keiner hat 'ne Ahnung, wo die beiden waren, was sie gemacht haben - und ehrlich gesagt, will ich es gar nicht wissen! Aber, verdammt noch mal, irgend etwas stimmt da nicht. Merkt ihr das nicht?"
„Ich weiß nicht", sagte Ginny jetzt merklich ruhiger geworden. „Stimmt schon, daß Hermine sich verändert hat. Aber ist das nicht normal? Sie kann sich an die letzten fünf Monate ihres Lebens nicht erinnern! Und Malfoy ist die einzige Verbindung zu diesen verloren gegangenen Monaten. Ich kann mir schon vorstellen, warum sie versucht, mit ihm in Kontakt zu kommen - besonders wenn man bedenkt, daß er jetzt", Ginny runzelte die Stirn und sah einen Moment lang reichlich irritiert aus, „so nett zu ihr ist ..."
„Da ist was faul daran. Da ist ganz gewaltig etwas faul!" sagte Ron.
„Und was, glaubst du, sollten wir tun?" fragte Harry ihn direkt. „Sie einsperren? Sie nicht fortgehen lassen?"
„Dumbledore!" kam es sofort aus Rons Mund geschossen. „Warum nicht Dumbledore fragen. Der müßte doch erkennen, ob Hermine mit einem Fluch belegt ist oder nicht. Ich meine, sie war wahrscheinlich die ganze Zeit bei den Todessern! Es wäre doch nur logisch, wenn die sie mit dem Imperiusfluch belegt zurückschicken würden. Na klar! Irgendwann steht sie Mitten in der Nacht in unserem Zimmer und -"
„Ach, sei still, Ron. Dumbledore hat das schon gecheckt. Ich hab ihn selbst danach gefragt", unterbrach ihn Harry.
„Was? Ehrlich?" fragte Ron, und auch Ginny sah ihren Freund überrascht an.
„Ja", meinte dieser. „Glaubt ihr, mir ist nicht aufgefallen, daß sich Hermine irgendwie anders verhält? Und das sie sich jetzt mit Malfoy trifft ... Auch mir gefällt das nicht. Ich hab gestern Nacht mit Dumbledore darüber geredet, hab ihn gefragt, ob er geprüft hat, daß mit Hermine auch alles in Ordnung sei. Und er hat gesagt, daß es keinen Fluch gibt, der ihr anhängt. Er und McGonagall hatten das schon in der ersten Nacht nach Hermines Rückkehr überprüft. Also ... was auch immer zwischen ihr und Malfoy ist", Harry zuckt ratlos mit den Schultern, „mit 'nem Fluch hat das nichts zu tun."
Ein tiefes und bedrücktes Schweigen breitete sich zwischen den Freunden aus. Das Feuer im Kamin knackte leise und es wurde draußen langsam dunkler. Nur noch wenige hielten sich im Gemeinschaftsraum der Gryffindors auf, die meisten waren zum Essen nach unten gegangen. Schließlich sagte Luna:
„Gehen wir Essen, Ron? Kommt ihr mit?"
Lunas Freund nickte. Harry aber schüttelte den Kopf und auch Ginny verneinte. Ron und Luna verließen die Gemeinschaftsräume.
„Aber du glaubst es auch nicht, oder?" fragte Ginny schließlich Harry. „Das mit ihr alles in Ordnung ist ..."
„Gott, ich weiß nicht", murmelte dieser erschöpft und strich sich mit der Hand über die Stirn, rieb sich die Narbe. „Hab keine Ahnung. Ich hoffe nur", er sah auf, und Ginny begegnete seinem gequältem Blick, „ich hoffe nur, daß sie mir eines Tages vergeben kann, daß ich sie damals allein zurückgelassen hab."
Dann verbarg er sein Gesicht zwischen den Händen und seine Schultern zuckten, als er stille Tränen um eine, wie es ihm schien, längst verlorene Freundschaft weinte. Ginny setzte sich neben ihn und legte ihm trösten die Arme um die Schultern.
„Ach Harry, es war nicht deine Schuld. Du bist benutzt worden, du kannst nichts dafür", flüsterte sie ihm zu. „Tu dir das nicht an ... es war nicht deine Schuld ..."

****


An den Tischen der Slytherins und Gryffindors wurden zögernde Blicke ausgetauscht. Jeder der dort Sitzenden schien nach dem jeweils Vermißten Ausschau zu halten. Es war schon der zweite Abend in Folge, daß Hermine und Malfoy zum Abendessen fehlten. Gerüchten zufolge waren die beiden gestern, am Sonntag, in Hogsmeade gesehen worden.
Lachend und durch die Straßen bummelnd, als gäbe es keinen Voldemort, der die Welt ins Chaos stürzen wolle, als sei es normal, daß eine Hermine Granger (Schlammblut) und ein Draco Malfoy (Todessersohn) gemeinsam ausgingen.
Die Schüler im siebten Schuljahr hatten am Wochenende und auch unterhalb der Woche freien Ausgang. Einzige Bedingung war, daß sie vor Mitternacht in Hogwarts zurück waren. Ansonsten konnten sie ihre Freizeit nach dem Unterricht gestalten, wie sie wollten, so lange sie nicht gegen die Regeln der Schule verstieß. Schließlich waren sie alle volljährig.

Harry sah unauffällig zum Tisch der Slytherins. Goyle und Crabbe saßen, die Köpfe zusammengesteckt, neben einem schwarzhaarigen Mitschüler und schienen etwas auszuhecken. Dieser schüttelte jedoch nur den Kopf und seine Antwort schien den beiden gar nicht zu gefallen. Goyle lief rot an, stand abrupt auf und verließ wütenden Schitts den Saal. Crabbe warf seinem schwarzhaarigen Klassenkameraden - Harry erinnerte sich an den Namen: Nott, Theodor Nott - einen geringschätzigen Blick zu und rannte Goyle hinterher. Nott aber schnaubte nur, schüttelte den Kopf, und dann begegneten sich ihre Blicke. Einen Moment lang starrten sie sich an. Dann geschah das Unfaßbare:
Nott hob sein Glas und trank Harry zu. Dabei lächelte er. Doch sein Lächeln hatte etwas Ver­schlagenes, etwas Verdorbenes, so daß Harry schnell wegsah und so tat, als hätte er es nicht bemerkt.
Doch er war nicht der Einzige, der es gesehen hatte. Neville beugte sich zu Harry vor, sagte: „Ich frage mich, was man den Slytherins seit Neustem unters Essen mischt. Die spinnen doch - allesamt! Und was hat das mit Hermine und Malfoy auf sich? Weißt du was? Ist da was dran an den Gerüchten?"
Harry sah in Longbottems rundes Gesicht und wie immer strahlte es Freundlichkeit und Arglosigkeit aus. Nevilles Neugierde war einfach nur Neugierde. Da war kein Mißtrauen, keine Sensationsgier. Viel eher so etwas wie Besorgnis.
„Ich weiß nichts, Neville. Ich weiß nicht mal was von Gerüchten. Wenn du es genauer wissen willst, mußt du schon Hermine fragen. Ich halte mich da raus."
„Hmmpf, verstehe", murmelte sein Freund leise. „Ich dachte nur ..."
„Aber ist schon irgendwie schon komisch", setzte Neville erneut an. „Zuerst ist Hermine monatelang weg, keiner weiß, was los ist - beziehungsweise", er warf Harry einen vorwurfsvollen Blick zu, „keiner sagt einem was. Und dann taucht sie wie aus dem Nichts wieder auf. Und plötzlich heißt es, sie wäre auf einer anderen Zaubererschule gewesen, wäre von dort geflogen ... als ob Hermine etwas ausfressen könne, das zu einem Herauswurf führt. Bei jedem anderen würde ich das glauben, aber nicht bei Hermine. Und sie hat sich verändert ... ist auch noch mit Malfoy befreundet. Ausgerechnet Malfoy ..."
„Du findest also, daß sie sich verändert hat?" hakte Harry neugierig nach.
Neville rubbelte sich nachdenklich über den Nasenrücken.
„Ja, irgendwie schon. Irgendwas an ihr ist anders. Ich könnte dir nicht einmal genau sagen, was. Irgendetwas in ihrem Blick hat sich verändert - ist es dir denn nicht auch aufgefallen?"
Harry schüttelte stumm den Kopf.
„Ich weiß nicht", Neville runzelte die Stirn. „Sie sieht einen an und dann -"
„Ja?" fragte Harry.
„Ach was, das bilde ich mir nur ein ...", murmelte sein Freund leise.
Harry legte ihm die Hand auf den Arm.
„Neville. Was glaubst du in ihrem Blick gesehen zu haben?"
Der Junge mit dem runden Gesicht schüttelte den Kopf. Dann aber seufzte er, sagte:
„Die letzte Woche habe ich sie ein paar mal gedankenverloren im Gemeinschaftsraum aus dem Fenster starren sehen. Doch sobald sie bemerkte, daß sie beobachtet wurde, sah sie sich um und dann ... "
Er verstummte.
„Neville?"
„In ihren Augen habe ich die gleiche Finsternis gesehen, die ich bisher nur bei einem gesehen hab. Und es hat mir das Schaudern gegeben ..."
„Snape", murmelte Harry düster. Neville nickte nur.
„Ja, aber da war auch noch etwas anderes", sagte er dann. „Da lag noch so ein seltsam wissender Ausdruck in ihren Augen. Als ob sie etwas wisse, was kein anderer weiß. Etwas, das ihr weh tat. Und hinter dieser Dunkelheit in ihrem Blick -"
Harry hatte wie gebannt zugehört und als Neville verstummte, mußte er nachhaken.
„Was, Neville? Was?"
„Sie hat mir Angst gemacht, Harry. Allein ihr Blick hat mir Angst gemacht. Ich weiß etwas, das ich besser nicht wissen sollte."
Dann stand Neville auf und ging schnell in Richtung des Ausgangs, hoffte, so den unbequemen Fragen seines Freundes auszuweichen. Doch Harry wollte es jetzt erst recht wissen. Er rannte Neville hinterher, schnappte ihn beim Arm und hielt ihn zurück.
„Was? Was weißt du?" fragte er leise.
Neville atmete so schwer, als hätte er gerade einen Sprint hinter sich. Er war blaß.
„Ich kenne diesen Blick. Ich habe ihn schon einmal gesehen, Harry. Damals beim Kampf im Zauberreiministerium. Als Bellatix Lestrange mich folterte, habe ich es in ihren Augen gesehen. Und in Hermines Blick habe es auch gesehen.
Ich konnte in ihren Augen die Gewißheit erkennen, daß sie mich jederzeit töten könne, wenn sie es nur wollte. Das ist es, was ich gesehen habe. Die Macht zu töten. Ich weiß, daß Hermine in der Zwischenzeit gelernt hat zu töten. Und ich wünschte, ich hätte es niemals gesehen."
Und mit diesen Worten riß sich sein Freund von ihm los, verließ eilig den Großen Saal.
Harry blieb verstört und wie erstarrt stehen, bis er sich Sekunden später, was ihm allerdings wie eine Ewigkeit vorkam, ebenfalls auf den Weg machte. Die ganze Zeit über glaubte er sich verhört zu haben.
Hermine. Töten.
Zwei Worte, die so überhaupt nicht zusammenpaßten. Neville mußte sich getäuscht haben. Natürlich hatte er sich getäuscht!
Was auch immer Neville in Hermines Blick zu sehen geglaubt hatte, das konnte es nicht gewesen sein. Hermine war keine Mörderin!

****

„Morgen also."
„Yep!" antwortete Draco Malfoy. „Du wirst ziemlich beeindruckt sein."
„Also das ist auch das Mindeste, was ich erwarten kann, nachdem du mich jetzt schon tagelang dermaßen auf die Folter spannst", sagte Hermine schmunzelnd.
„Und Danke für das Abendessen. Aber ich hätte durchaus für mich selbst zahlen können."
„Geht schon klar", murmelte der junge Mann leise, als wäre es ihm peinlich, darauf angesprochen zu werden. „Schließlich war es meine Idee, heute in die Drei Besen zu gehen. Nichts dabei."
Eigentlich war eine Menge dabei. Schließlich ließen sich die beiden bewußt zusammen sehen. Sie lachten und hatten tatsächlich Spaß miteinander. Draco erzählte Hermine von Goyles und Crabbes gesammelten Mißgeschicken. Was einfach nur zu komisch war. Hermine konnte kaum glauben, wie dämlich die beiden tatsächlich waren.
Im Gegenzug erzählte sie Draco von ihren Abenteuern mit Harry. Von der Kammer des Schreckens, dem Riesenschachspiel, bei dem Ron sich damals selbst geopfert hatte (was Draco zu einem erstaunten Augenbrauehochziehen bewegt hatte), von ihrem Flug mit den Thestralen und anderen Abenteuern, die ansatzweise bekannt und unverfänglich genug waren.
Wieder mieden sie beide Themen, die sie nur in eine Ecke gedrängt hätten. Sie waren beide höflich darauf bedacht, ihre gemeinsam verbrachte Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten.
Nach dem Essen machten sie sich auf den Heimweg und bevor sie das Schulgelände betraten, sagte Hermine:
„Ich schlage vor, morgen aufs Abendbrot zu verzichten. Wir könnten uns noch während dem Abendessen in den Kerkern treffen. Schätze, dann haben wir die besten Chancen, unentdeckt zu bleiben."
Draco nickte.
„Gute Idee", sagte er. „Treffen wir uns vor Professor Snapes Räumen. Die sind abgelegen und ich wüßte nicht, warum sich jemand dort herumtreiben sollte. Von dort aus können wir auch gleich in die richtige Richtung starten. Ich erwarte dich morgen dort. Okay?"
Hermine stimmte zu, und da sie ohnehin morgen dort arbeiten mußte, kam es ihr mehr als gelegen.
Wenig später trennten sich in der Eingangshalle ihre Wege. Es war schon spät geworden und sie waren auf dem Heimweg niemanden begegnet. Auch hatten sie nicht die brennenden drei Augenpaare bemerkt, die jeder ihrer Bewegungen gefolgt waren. Zwei davon hatten Hermine mit unverhohlenem Haß angesehen, daß dritte Augenpaar jedoch hatte verwundert auf die entspannten Gesichter der beiden gesehen und Harry hatte sich in diesem Moment gefragt, was denn an einer Freundschaft zwischen Hermine und Malfoy so schlimm wäre. Nur daß er selbst nicht so recht daran glauben wollte ...

„Hermine!"
Harrys Stimme. Verwundert drehte sich sie um. Ihr Freund saß auf der Treppe und winkte ihr zu.
„Was machst du noch hier, Harry?"
„Tatsächlich habe ich auf dich gewartet."
Hermines offenes Gesicht verschloß sich sofort. Es war zu erkennen, daß sie dachte, er habe ihr nur hinterher spionieren wollen.
„Ich habe hier auf dich gewartet, weil ich irgendwie immer noch nicht glauben kann, daß du und Malfoy -"
„Wir freunden uns an, Harry. Da ist nicht mehr. Schließlich -", Hermine verstummte und setzte sich zu Harry auf die Treppe, wisperte kaum hörbar:
„Schließlich hat er mich von sonst wo zurückgebracht. Und auch wenn es dich nichts angeht: Er scheint mich zu mögen - seltsamerweise."
„Dann kommt dir das auch komisch vor?" flüsterte Harry erleichtert zurück. Hermine konnte Harrys Erleichterung regelrecht spüren und wußte, daß jetzt eine gute Gelegenheit gekommen war, seine Zweifel zu zerstreuen.
„Natürlich! Glaubst du ernsthaft, daß mir das nicht auch komisch vorkommt? Malfoy hat mich jahrelang beleidigt, hat nie eine Möglichkeit verpaßt, mir meine Abstammung unter die Nase zu reiben und jetzt ist er so nett ...
Natürlich kommt mir das komisch vor! Aber er ist meine einzige Chance, an die Ereignisse der letzten fünf Monate heranzukommen. Und die laß ich mir nicht durch Mißtrauen oder Vorurteile kaputt machen."
Harry seufzte auf.
„Ich bin ja so froh, daß du das sagst. Ich dachte schon ... ähm, na ja ... äh ... also ich dachte ...", duckste Harry herum.
„Was?" schmunzelte Hermine leise. „Das Malfoy und ich, das wir -? Ist nicht dein Ernst, oder?"
Einen Moment lang herrschte peinliches Schweigen zwischen ihnen, das dann von ihrem beiderseitigen unterdrückten Gelächter unterbrochen wurde.
„Ich komm mir so blöd vor, daß ich das gedacht habe" flüsterte Harry. „Aber irgendwie scheint das jeder zu denken. Ich bin nur froh, daß du und er, oder vielmehr daß ihr nicht - ach egal! Du weißt schon."
Hermine stand auf.
„Komm, wir müssen vor Mitternacht in unseren Räumen sein. Ach, jetzt wo ich dich gerade da hab - ich wollte dich noch um einen Gefallen bitten."
Sie streckte die Hand aus und half ihrem Freund hoch.
„Ja?"
„Kannst du mir die Karte und deinen Tarnumhang ausleihen?"
„Was?" platzte es verblüfft aus Harry heraus.
„Ich - na ja - ich traue ihm nicht wirklich. Mit der Karte könnte ich ihn im Auge behalten, seine Wege verfolgen und wenn mir was komisch vorkommt, könnte ich ihm mit dem Mantel folgen und sehen, was er wirklich im Sinn hat.
Glaub bloß nicht, daß mir sein Verhalten nicht auch komisch vorkommt. Ich will einfach nicht - weiß nicht - in eine Falle laufen oder so ..."
Hermine sah Harry mit unschuldigem Blick an. Sie wußte, sie hatte die richtigen Fäden gezogen, ihn im richtigen Moment erwischt.
„Na klar", sagte ihr Freund erleichtert und schien über ihre Vorsicht erfreut zu sein.
Hermine lächelte ihn aufrichtig an. Alles lief wie geschmiert. Wenn sie die Karte und den Umhang hatte, würde Harry ihr nicht nachspionieren können. Außerdem hatte sie soeben alle seine Zweifel beiseite gewischt und ihm bewiesen, daß sie keineswegs naiv oder zu vertrauensselig war. Sie hakte sich bei Harry ein und sagte leise:
„Ich bin so froh, wieder zurück zu sein. Und ich bin froh, dich zum Freund zu haben."
Und sie fühlte sich kein bißchen schlecht dabei. Schließlich stimmte was sie sagte.






Kapitel 2: Dunkle Geheimnisse, schmerzhafte Geständnisse


Hermine zerrieb den getrockneten Beifuß über der kochenden Flüssigkeit im Kessel und dicker beißender Rauch stieg auf. Als dieser sich verflüchtigte, sah die junge Hexe, daß die zuvor graue und undurchsichtige Flüssigkeit im Kessel klar geworden war. Der Beifuß hatte getan, was er hatte tun sollen. Er hatte alle Schwebestoffe an sich gebunden und sank nun zu Boden.
„Hervorragend", flüsterte Hermine, nahm vorsichtig den Kessel vom Feuer, wartete ein wenig und schüttete schließlich die klare Flüssigkeit ab. Sie war nur an der festen Masse am Boden interessiert, die an mit Quecksilber verseuchten Schlamm erinnerte. Schnell kratzte sie die Paste vom Kesselboden ab und ließ sie auf einer Marmorplatte auskühlen.
Dann gab sie nach und nach die Tinkturen, die sie bereits beim Professor gebraut hatte tröpfchenweise und in vorbestimmter Reihenfolge darunter. Wieder und wieder verstrich sie geduldig die Paste und murmelte dabei ununterbrochen Zaubersprüche, bis schließlich alle Tinkturen aufgebraucht waren. Jetzt mußte die Paste nur noch durchtrocknen, damit sie zu Pulver zerrreiben werden konnte.
Aber das würde frühestens in zwei Tagen möglich sein. Hermine war mit dem Ergebnis ihrer heutigen Arbeit mehr als zufrieden. Dies war der schwierigste Teil dieses Zaubers gewesen, und er hatte genauso geklappt, wie sie es sich gewünscht hatte.

Bald schon würde Draco auftauchen und sie abholen. Und auch wenn Hermine es sich nicht eingestehen wollte, so war sie doch schon mächtig neugierig auf das, was er ihr zeigen wollte. Warum nur machte er so ein großes Geheimnis daraus?
Hermine verließ das verborgene Laboratorium. Sie setzte sich an den Schreibtisch des Professors und lehnte sich zurück. Seit dem frühen Nachmittag war sie in Snapes Räume und hatte ununterbrochen an ihren Rezepturen gearbeitet. Nun fühlte sie sich müde und erschöpft, fühlte sich einsam und im Augenblick sogar ein wenig frustriert.
Niemand war da, mit dem sie reden konnte. Sie mußte ihre Rolle spielen, mußte funktionieren und gleichzeitig mußte sie ihre Vorbereitungen treffen. Doch so lange sie nicht wußte, was der Dunkle Lord von ihr erwartete, konnte sie nur an ihren vorab gefaßten Verteidigungs­strategien arbeiten.

Sie seufzte.

Einen Moment lang glaubte sie zu wissen, wie der Professor sich in all den Jahren gefühlt haben mußte. Nie zu wissen, ob man mit dem nächsten Schritt auffliegen würde, nie zu wissen, ob man die Rolle des Doppelspions überzeugend genug spielte. Überzeugend genug, um zu überleben.
Kein Wunder, daß er immer so übellaunig gewesen war. Kein Wunder, daß er zu so einem Zyniker geworden war. Auch sie hatte in den letzten Tagen immer wieder Anflüge von bitterem Zynismus unterdrücken müssen.
Hermine warf einen Blick auf die Karte der Marauder. Harry hatte ihr diese heute morgen zusammen mit dem Tarnumhang in die Hände gedrückt und ihr dabei zugelächelt. Er war so vertrauensselig, dachte sie gerührt und sah, daß Draco schon vor der Tür zu Professor Snapes Räumen stand, und anscheinend auf sie wartete.
Überrascht faltete sie die Karte zusammen und legte sie in die oberste Schublade des Schreibtischs. Dann griff sie nach ihrem Umhang und für einen Moment zögerte sie. Doch dann verwarf sie den Gedanken an den Tarnumhang, da ohnehin jeder beim Essen sein dürfte. Sie öffnete die Tür und Draco starrte sie überrascht an.
„Du - du hast Zugang zu den Räumen des Professors?"
„Natürlich", sagte Hermine knapp, freute sich aber insgeheim über Malfoys Verblüffung. „Schließlich muß ich für meine Arbeit Dinge erledigen, die meine Mitschüler nichts angehen. Und wo sollte ich das schon tun können?"
Draco nickte. Natürlich hatte sie recht. Dennoch hatte es ihn überrascht, sie aus den Räumen des Professors kommen zu sehen. Dabei hätte er doch wissen müssen, daß sie Professor Snapes volles Vertrauen besaß.
Trug sie doch die alten Zeichen, die sie vor dem Übel des Dunklen Mals schützten (Draco hätte sie nur zu gern gesehen). Obwohl es ihn regelrecht umgehauen hatte, als ihm der Professor davon erzählt und ihn in die zusätzlichen Schutzmaßnahmen eingeweiht hatte.
Snape hatte gesagt, daß trotz des magischen Schutzes vieles noch schief gehen konnte und daß er auf Granger achten solle. Das dunkle Mal und die Magie der Schutzzeichen bekämpften sich ständig. Tatsächlich hätte Granger mehr Zeit gebraucht, um sich an diese widersprüchliche Magie anzupassen, um zu lernen, damit umzugehen. Doch das war nicht möglich gewesen. Snape hatte ihm gesagt, daß er sie schützen müsse, notfalls auch vor sich selbst.
Darco hatte nur genickt, hatte die Instruktionen Snapes entgegengenommen und sich insgeheim gefragt, ob die Granger inzwischen zu mehr geworden war, als nur zur Waffe des Dunklen Lords. Er hatte sich gefragt, warum der Professor dieses Risiko eingegangen war, warum er ihr die Schutzzeichen übertragen hatte.
Keiner der anderen Todesser durfte davon wissen, es war einem Verrat an dem Dunklen Lord gleichzusetzen. Er selbst war nur durch Zufall dahintergekommen und hatte diese Erkenntnis fast mit seinem Leben bezahlt. Hätte er den Professor nicht davon überzeugen können, daß auch er diesen Schutz vor dem Wahn des dunklen Mals wollte, hätte ihn Snape wohl getötet. Draco hatte kaum einen Zweifel daran.
Er starrte gedankenverloren Hermine an, der es schließlich zu bunt wurde:
„Also, wo gehts hin?"
„Oh", sagte der junge Mann und ein verlegenes Lächeln überzog sein Gesicht. „Ich war total in Gedanken. Wir müssen da lang", er wies in den Gang, rechts von ihnen, wo man in einiger Entfernung im Halbdunkel eine Abzweigung sehen konnte. „Ich schätze, du warst noch nie so tief unten, oder?"
Hermine schüttelte den Kopf.
„Nö", sagte sie. „Das ist Slytherin Land. Kein Gryffindor würde sich freiwillig hier unten herumtreiben. Außer, man ist zur Strafarbeit einbestellt. Aber selbst dann ist man ja nie so tief in den Kerkern ..."
Draco nickte.
„Dann laß uns losgehen. Ich verspreche dir, du wirst überrascht sein."
Doch nicht einmal eine Minute später, noch bevor sie die Abzweigung erreichten, hörte Hermine Goyles Stimme in ihrem Rücken sagen:
„Ich soll dich von meinem Vater grüßen, Granger. Er läßt dir ausrichten, daß er sich darauf freut, deine Eltern kennenzulernen - ganz besonders deine Mutter."
Goyle lachte laut auf. Es war ein gehässiges, gemeines Lachen und es verhieß nichts Gutes.
Hermine war so abrupt stehengeblieben, als sei sie gegen eine Mauer gelaufen. Sie atmete tief durch und schloß kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete, traf Draco ein so finsterer Blick, daß es ihm kalt wurde. Dann drehte sie sich um.

****

Auch Draco war beim Klang von Goyles Stimme wie vor den Kopf gestoßen stehengeblieben. Er konnte kaum glauben, daß Gregory hinter seinem Rücken aufgetaucht war. Der Blick, den ihm Hermine zugeworfen hatte, ging ihm durch Mark und Bein. Was machte sein Freund hier? Warum sagte er solchen Blödsinn und hatte er überhaupt eine Ahnung, welches gefährliche Spiel er trieb?

Ganz offensichtlich nicht. Denn Gregorys Vater würde sicherlich nichts mit der ganzen Sache zu tun haben. Kein Todesser würde sich gegen das Wort des Dunklen Lords stellen. Draco erkannte, daß dies einzig und allein von Goyle ausging.
Auch er drehte sich um und fauchte seinen Freund wütend an:
Sei still, Gregory. Was machst du hier? Ich hab dich doch in die Große Halle gehen sehen. Spionierst du mir etwa nach?"
Er wandte sich wieder Hermine zu, war um eine Spur blasser geworden. Seine gute Laune war wie weggeblasen. Er wußte nur zu gut, wie dünn das Eis war, auf dem er stand, und sollte es brechen - er wollte lieber nicht daran denken.

Goyle war in größerer Gefahr, als er es auch nur ahnen konnte. Und dieser Narr hatte zusätzlich auch noch ihn in Gefahr gebracht. Hermine konnte durchaus annehmen, daß sie von ihm in eine Falle gelockt worden war, und das es hier eher um das Pflegen alter Feindschaften als um das Festigen neuer Bündnisse ging.
Ihre Allianz war noch zu jung, zu zerbrechlich für echtes Vertrauen. Draco wußte das. Und er wußte, er würde Hermine beweisen müssen, daß er auf ihrer Seite stand, daß sie sich auf ihn verlassen konnte.
„Laß mich das regeln, Hermine", sagte er daher beschwichtigend zu seiner Begleiterin, die Goyle mit einem lauernden Ausdruck in ihren Augen betrachtete. Draco gefiel dieser Blick überhaupt nicht. Er fühlte, wie sich Hermine veränderte. Er sah es an ihrer Körperhaltung, bemerkte es am harten kalten Glanz in ihren Augen.
„Ist das deine Überraschung, Malfoy?" knurrte sie leise. „Ein dreckiger kleiner Hinterhalt. Hast du vergessen, wer ich bin?"
„Nein, Hermine! Das ist nicht mein Werk, okay? Aber ich krieg das wieder hin, hörst du. Laß mich das machen. Das ist jetzt eine Slytherin Angelegenheit, und ich erledige das."
Hermine schnaubte, sagte aber nichts. Draco ging auf Goyle zu, versuchte ihn in zurückzudrängen, zischte.
„Mach das du wegkommst, verschwinde von hier, Goyle. Was hier geschieht, kann dir egal sein. Es geht dich nichts an! Geh essen, ärgere ein paar Erstkläßler, mach was du willst, aber: Verpiß dich!"

Doch sein Freund war wie angewurzelt stehengeblieben, ließ sich nicht von ihm zurückdrängen, starrte stattdessen feindselig zu Hermine und angewidert auf ihn.
„Seit wann bist du so ein verdammter Schlammblutfreund geworden, Draco? Du gehst mit dieser Schlampe aus, triffst dich mit ihr in den Kerkern. Und dann sprecht ihr euch mit euren Vornamen an. Ist da was zwischen euch?
Mann, das ist ... so krank, so widerlich, daß ich kotzen möchte! Ich erkenne dich nicht wieder. Weiß eigentlich dein Vater, was du hier treibst? Weiß er, daß du ... und die da ...", Goyle deutete angewidert auf Hermine, schien nicht einmal ihren Namen aussprechen zu wollen.
Malfoy wartete nicht länger, zog seinen Zauberstab und stellte sich zwischen ihn und Hermine.
„Das reicht, Goyle! Was ich hier mache, geht dich nichts an. Ich sags dir im Guten und ich sags dir nur einmal:
Halt die Klappe und mach das du fortkommst. Halt dich fern von uns! Und in Zukunft wirst du sie mit Respekt behandeln. Hau ab bevor ich die Geduld verliere."
Der bullige junge Mann starrte seinen Freund an, verstand nicht, warum dieser so - ja, geradezu verzweifelt wirkte. Wüßte er es nicht besser, würde er denken, Draco versuche ihn vor irgendetwas zu schützen. Aber Dracos gezückter Zauberstab sprach da eine ganz andere Sprache.
„Du bedrohst mich wegen dieser Drecksschlampe? Wir sind Freunde, Mann, hast du das vergessen? Wie kannst du dich nur so besudeln? Wie kannst du dich mit so einer einlassen? Hat die dich verhext oder warum -"
Ein Fluch traf Draco in den Rücken. Er wurde weggeschleudert und prallte hart an die gegenüber liegende Wand, wo er benommen liegen blieb. Hermine drehte sich um und sah Crabbe einige Meter hinter sich stehen. Er sah mehr den je wie ein Schwein aus, dachte Hermine respektlos. Sein rundes Gesicht glänzte speckig und er war blaß.
Ganz offensichtlich war es ihm nicht leicht gefallen, seinen Freund hinterrücks zu verhexen. Doch dann blieb sein Blick an Hermine hängen und das übliche fiese Grinsen trat in sein Gesicht.
„Hallo Schlammblut."

Hermine lächelte kalt. Sie hatte geahnt, daß es so weit kommen würde, und sie spürte in diesem Moment wie Ruhe und Klarheit über sie kamen. Wie von selbst lag der Zauberstab in ihrer Hand.
„Hallo, Slytherinjungs. Keine Lust mehr Befehle entgegenzunehmen? Wollt ihr etwa anfangen, selbständig zu denken?"
Sie lachte kalt und humorlos auf. Unterdrückter Zynismus erwachte. Ihre Stimme war beißend, scharf wie ätzendes Gift:
„Schlechter Zeitpunkt, keine gute Idee. Schließlich habt ihr euer Hirn gerade an die Wand geklatscht."
Mit dem Kopf deutete sie auf den am Boden liegenden Malfoy.
Cruc-"
Hermine blockte lässig Goyles Fluch ab, er taumelte zurück. Ihr gedachtes Stupor schockte Crabbe, bevor dieser auch nur eine Chance hatte, irgend etwas zu sagen. Ein weiterer Fluch und Crabbes Zauberstab flog außer Reichweite, verschwand im Dunkel des Korridors. Goyle indes versuchte Hermine zu entwaffnen, doch wieder blockte sie mit geradezu verächtlicher Nachlässigkeit seinen Fluch und entwaffnete stattdessen ihn.
„Das ist doch ein Witz, Goyle, oder? Ein Unverzeihlicher Fluch von dir? Hast du den Cruciatus Fluch eigentlich schon an einem Menschen ausprobiert oder bislang nur Hunde und Katzen damit gequält?"
Hermine schnaubte verächtlich, spazierte auf ihn zu. Lässig und mit der Arroganz desjenigen, der die Macht hatte. In Goyle keimte der Verdacht auf, einen Riesenfehler begangen zu haben.
„Hermine ...", krächzte Draco vom Boden. Er hatte sich mühsam auf die Knie gestemmt und schüttelte benommen den Kopf. „Hermine Granger ... tu nichts -"
„Halt du dich da raus, Draco. Das ist jetzt meine Angelegenheit. Das geht nur noch mich und Goyle hier etwas an."
„Glaubst du etwa, ich hab Angst vor einem dreckigen Schlammblut wie dir, Granger? Ob mit oder ohne Zauberstab, das ist mir egal. Für mich bist und bleibst du nur Dreck!" rief der grobschlächtige Junge und mit einem Sprung aus dem Stand, versuchte er Hermine einfach umzureißen.
Doch seine Gegnerin schwang kurz den Zauberstab, murmelte eine Beschwörung und Goyle erstarrte mitten in der Luft. Hing wie ein Standbild, noch mitten im Sprung, fest, und konnte sich nicht mehr regen. Hermine aber lächelte ungerührt und umschritt ihn.
„Wie fühlt sich das an, Goyle? Nicht gut, oder? Bestimmt kein gutes Gefühl so ohne Bodenhaftung völlig hilflos in der Luft zu hängen", grinste sie.
Goyle knurrte: „Laß mich runter, Granger. Ich schwöre dir, du bereust es. Laß mich runter -"
Hermine unterbrach ihm.
Sonst was, Goyle? Hmm? Was willst du tun? Mich mit deinen dummen Beleidigungen zu Tode langweilen? Willst du mich anspucken oder mit deinem Mundgeruch umhauen? Vielleicht möchtest du auch so lange schreien, bis du platzt? Also ich gebe zu, das ist eine so widerliche Vorstellung, daß ich versucht bin, dich freizulassen. Natürlich können wir auch auf Crabbe warten, bis er zu sich kommt. Vielleicht hilft der dir ..."
Hermine gähnte gelangweilt.
„Ach, aber weißt du was? Ich denke, so gefällst du mir doch noch am besten. Wie du schwitzend in der Luft hängst und vor Angst stinkst. Das hat was für sich ... gefällt mir. Außerdem hast du noch eine Lektion zu lernen."
Draco kam wieder auf die Beine. Hermines Zauberstab wies sofort in seine Richtung.
„Bleib wo du bist, Draco. Ich will dich nur ungern verletzten. Also zwinge mich nicht. Das ist jetzt mein Spiel. Zauberstab zu mir!"
Der junge Mann hob seine Hände, zeigte, daß er den Zauberstab nicht mehr hatte.
„Accio Draco Malfoys Zauberstab!" rief Hermine. Dieser flog ihr in die Hand, sie legte ihn zur Seite.
„Eine falsche Bewegung, ein falsches Wort, und du gehst wieder zu Boden, Draco. Leg dich nicht mir mir an - bitte!"
„Granger ... Hermine. Tu ihnen nichts. Die haben doch ganz offensichtlich keine Ahnung, was los ist. Die wissen nicht, was geschehen ist, wissen nicht -"
Wissen was nicht?" zischte Hermine, ohne ihn dabei anzusehen. Stattdessen starrte sie, immer noch kalt lächelnd, Goyle an, dem allmählich Angstschweiß auf die Stirn trat.
„... zu was du fähig bist", beendete Draco murmelnd seinen Satz.

Doch Hermine schien ihm gar nicht mehr zugehört zu haben. Immer noch starrte sie Goyle an, der wie eine fette Fliege direkt vor ihrer Nase hing. Er war widerlich.
Ihr Lächeln geronn zu einer grotesken Grimasse, und der Ausdruck in ihren Augen wurden immer kälter.
Dann allerdings runzelte sie die Stirn. Sie hob den Blick und sah suchend in den dunklen Gang hinter Crabbe. Leise sagte sie:
„Theodor Nott, ich warne dich. Ich weiß, daß du da bist. Halte dich raus. Das hier geht nur Goyle und mich etwas an."
Der schwarzhaarige junge Mann trat aus den Schatten hervor. Er wies seine leeren Hände vor.
„Ich bin nur als Beobachter hier, Granger. Du kannst mit den beiden tun, was du willst. Ich weiß, wer du bist und werde dich bestimmt nicht aufhalten."

Hermines Blick war abschätzend und kalt, dann aber nickte sie.
„Theodor!" rief Goyle entsetzt, doch Nott sah ihn nur verächtlich an.
„Ich hab euch beide gewarnt! Hatte ich euch nicht gesagt, daß ihr die Finger von ihr lassen sollt? Glaubt ihr, Draco weiß nicht, was er tut? Glaubt ihr Idioten, Draco würde sich mit einem Schlammblut einlassen? Wenn ihr das geglaubt habt, seid ihr noch dämlicher, als ich es für möglich gehalten hab. Und das, was jetzt geschieht, geschieht euch nur zurecht!"
Beim Wort Schlammblut zuckte Hermines Zauberstab kurz in Notts Richtung, doch dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder Goyle zu.
„War nicht als Beleidigung gedacht, Granger", bemerkte Nott kurz.
„Und wenn schon ... Du glaubst gar nicht, wie egal mir das ist. Ich weiß nur eins", sagte Hermine mit einer Stimme, die so leise war, daß sie wie heiser klang. Und in ihren Augen blitzte etwas auf, das Irrsinn nicht unähnlich war.
„Ich bin seine Waffe", sagte sie. „Und wenn er mich für würdig erachtet, seine Waffe zu sein, dann können mich deine Worte nicht beleidigen, Nott."
Ein böses verschlagenes Lächeln trat in ihr Gesicht. Grausamkeit, kalt wie Eis, glitzerte in ihren Augen. Sie sah kurz auf und fixierte Nott:
„Aber andererseits könnte er es als Beleidigung ansehen, wenn du so verächtlich über die Wahl seiner Waffen denkst."
Nott wurde blaß und schluckte. Hermine wandte sich mit einem zufriedenen Lächeln wieder Goyle zu.

„Und nun zu dir", sagte sie ruhig. Und der junge Mann fühlte, wie ihm die Angst die Kehle zuschnürte, wie sich seine Gedärme zu Wasser verwandelten und wie es in seinem Bauch rumorte.
Auch Hermine bemerkte seine Angst - und genoß sie. Sie starrte ihn einfach nur an, war kalt und berechnend. Beobachtete ungerührt wie Schweißperlen ihm das Haar verklebten, wie sie sich zu einem feuchten kleinen Strom sammelten und ihm über Wangen und den speckigen Nacken liefen.
Sein Gesicht war käsig und glänzte vor Schweiß. Hermine wußte, daß er kurz davor stand, in Panik zu fallen. Sie beugte sich zu ihm vor, schnupperte an ihm. Gierig sog sie seinen Geruch ein, nur um dann zurückzuschrecken, als hätte sie an etwas Widerlichem gerochen.
Hermine umkreiste ihn. Sie strich um ihn, wie ein Raubtier um die Beute. Gierig und hungrig, bereit zum tödlichen Schlag auszuholen.

Draco und Nott beobachteten sie. Draco war beunruhigt, Nott hingegen fasziniert. Sein Vater hatte ihm gesagt, daß diese Frau zu schützen sei. Der Dunkle Lord hatte sie ausgewählt und unter seinen Schutz gestellt. Und auch wenn der junge Mann das nicht begriff, so war er doch hierher gekommen, um sie vor Goyle und Crabbe zu schützen. Doch das war ganz offensichtlich überflüssig gewesen. Sie schien sehr gut auf sich selbst aufpassen zu können. Und so blieb er einfach nur stehen und beobachtete fasziniert das Schauspiel, das sich ihm bot.

Merlin, dachte Hermine erregt und angewidert zugleich, wie Goyle stank!
Er stank nach Schweiß und Angst, hatte große weit aufgerissene Augen und Hermine sah wie das Blut unter seiner Halsschlagader pulsieren. Sein Atem war keuchend. Die aufglimmende Panik stand in seinen Augen. Sein weißes Gesicht war vom Schweiß naß und er kämpfte darum, der aufsteigenden Übelkeit in sich nicht nachzugeben.

Doch das war nicht genug, beschloß Hermine. Er mußte lernen, daß er sich nie mit ihr anlegen durfte. Daß er ihr niemals in die Quere kommen durfte! Sie mußte ihm eine Lektion erteilen!
Hermine hielt ihren Zauberstab in Golyes Gesichtsfeld, dachte Transformo Sphagis und vor Goyles entsetzten Augen verwandelte sich dieser in einen unterarm­langen Dolch.
„Draco!" rief er mit einer vor Angst sich überschlagenden Stimme. Das Weiß in seinen Augen glänzte und er versuchte sich aus den unsichtbaren Fessel zu befreien. Zappelte wild, wandte sich wie ein Fisch im Netz, doch es war ihm unmöglich, sich zu befreien. Und Goyle fühlte, wie sein Körper ihn betrog, wie er aus lauter Angst ...
„Draco!" rief er mit geradezu jämmerlich pipsiger Kinderstimme und schluchzte:
„Draco ..."
Hermine sah kurz zu Draco und richtete den Dolch auf ihn als sie bemerkte, daß er instinktiv einen Schritt vor gegangen war.
„Bleib wo du bist, Draco. Halte dich heraus. Ich will dich nicht verletzen."
„Hermine ..."
„Deinem Freund wird nichts geschehen, außer daß er -" Hermine schnüffelte.
Sie hatte erreicht, was sie wollte. Angewidert verzog sie das Gesicht und beendete ihren Satz: „... ein paar neue Hosen braucht."
Dann wandte sie sich dem in der Luft hängenden Goyle zu.
„Und jetzt höre mir gut zu, Fettsack!
Frag deinen Vater nach Dolohow. Er soll dir erzählen, was aus dem geworden ist", sagte sie. Und ihre Stimme wurde leise, wurde zum leisen Schnurren einer großen zufriedenen Katze. Sie beugte sich vor, flüsterte:
„Und wenn er dir geantwortet hat, dann solltest du wissen, daß Dolohow einen Fehler machte. Er unterschätzte mich. Und glaub mir, Goyle, diesen Fehler willst du nicht nicht machen. Besonders nicht jetzt, da ich unter dem Schutz von jemandem stehe, der dich wie eine Fliege zerquetschen wird, wenn du dich gegen mich stellst."
Sie wandte sich ab, tat, als wolle sie gehen. Goyle entspannte sich. Doch dann blieb Hermine mit einem nachdenklichen Blick auf den Dolch in ihrer Hand stehen und schüttelte kaum merklich und mit einem leisen Lachen den Kopf.
„Ach, wie dumm von mir! Muß wohl daran liegen, daß ich ein Schlammblut bin."
Sie wandte sich Goyle wieder zu.
„Weißt du, das ist ein wirklich verzwickter kleiner Zauber! Der Zauberstab läßt sich doch tatsächlich nur mit Blut in seine alte Form bringen. Heißt wohl, daß einer von uns bluten muß - und rate mal, wer das sein wird ..."

Mit diesen Worten griff sie nach Goyles Ohr und schnitt es mit einer einzigen Bewegung ab. Der Dolch verwandelte sich augenblicklich in den Zauberstab zurück.
Goyle keuchte mehr vor Schrecken als Schmerz auf, Draco aber schrie vor Entsetzen auf. Theodor Nott sah ohne eine äußere Regung zu, während Hermine Goyles abgeschnittenes Ohr diesem an die Wunde preßte und es, leise Beschwörungen murmelnd, wieder mit seinem Kopf verheilen ließ.
Dann entließ sie Goyle mit einem Wink des Zauberstabs und dieser fiel schwer zu Boden, wo er sich hastig ans Ohr langte, es befühlte und erleichtert feststellte, daß es vollkommen verheilt war. Nur noch das klebrige Blut an seinen Hals und auf seinem Hemd erinnerte daran, was gerade geschehen war. Er sah auf, starrte mit flackerndem Blick auf Hermine, die ihn ihrerseits kalt ansah.
„Ich sage es nur einmal, Goyle", sagte sie. „Bleib - mir - fern! Das nächste Mal ist es vielleicht nicht dein Ohr, sondern dein Hals, der die Bekanntschaft des Dolchs macht."
Sie ging neben ihm in die Hocke und Goyle, der mehr als doppelt so schwer wie Hermine war, und sie mit einer lässigen Bewegung seines Armes hätte umhauen können, zuckte wie ein verängstigtes Kind vor ihr zurück. Hermines Augen waren dunkel, fast schon schwarz. Ihr Gesichtsausdruck kalt und leer. Doch ihre Stimme war sanft und klar:
„Ich gehe davon aus, daß du weißt, was das Beste für dich ist. Ich denke, du wirst diesen kleinen Zwischenfall für dich behalten."
Goyle nickte. Hecktisch, bestätigend, verängstigt. Und Hermine stand auf, ging. Sie ließ einen bewußlosen Crabbe zurück, einen Goyle, der sich selbst beschmutzt hatte und einen Theodor Nott, der begriffen hatte, warum der Dunkle Lord Hermine zu seiner Waffe bestimmt hatte.
Nur Draco sah Hermine nach und wußte, daß sie mit ihnen allen gespielt hatte, daß ihre Macht seine Vorstellungen bei weitem übertrafen. Und er wußte, daß er ihr schnellstmöglich folgen mußte. Dies hier war die Situation, vor der Snape gewarnt hatte.

****


Hermine fühlte sich so gut wie schon seit langen nicht mehr. Ein Hochgefühl durchfloß ihre Adern und sie wünschte sich nichts mehr, als es mit ihren Freunden teilen zu können. Sie wünschte sich, sie könne sie erfahren lassen, wie wundervoll es war, die Angst in den Augen des Gegners zu sehen.
Defensiver Magie, dachte sie geringschätzig, das war doch nur etwas für Feiglinge, für Schwächlinge! Für diejenigen, die kein Rückgrat hatten, die keinen Schmerz ertragen konnten. Doch für den Kampf gegen das Böse mußte man wissen, was man tat, mußte man bereit sein, Schmerzen zu ertragen und ebenso, Schmerzen auszuteilen. Im Kampf gegen das Böse gab es keinen Platz für Zweifel, Furcht oder Moral. Wer gegen das Böse kämpfte und zauderte, hatte schon verloren.

Snape - Professor Snape - korrigierte sie sich, hatte sie zur Kriegerin ausgebildet. Er hatte sie gelehrt, wie hinderlich Moral war, wie tödlich Zweifel enden konnten. Und jetzt, gerade jetzt, war sie ohne Zweifel gewesen, hatte gehandelt, ohne zu zögern. Nur so hatte sie drei Gegner gleichzeitig in Schach halten können.
Sie war bereit, oh ja, das war sie! Sie fühlte es. In ihr wuchs der Hunger, sich zu beweisen. Sie wollte endlich in die Schlacht ziehen. Wollte klare Fronten! Sie wollte zu Ende bringen, was sie vor so vielen Monaten begonnen hatte und was sie die Vollkommenheit ihrer Seele gekostet hatte.
Sie wollte nicht länger warten. Sie fühlte sich wie ein Pfeil, der gespannt im Bogen lag und nur darauf wartete, seinem Ziel entgegen zu schießen. Und sie wollte Schmerzen verbreiten. Sie wollte eine tiefe blutige Spur hinter sich ziehen und wollte todbringend in ihrem Ziel enden. Oh, sie hatte es so satt zu warten!

Und Hermines Herz ertrank in ihren dunklen Gefühlen. Sie bemerkte nicht, wie sie immer tiefer in die Kerker vordrang, wie die Wände ringsum mehr und mehr groben Fels wichen, wie die Fackeln immer spärlicher wurden.
Das Hochgefühl, das sie trug, ließ sie alles ringsum vergessen. Hermine begann sich auszumalen, wie sie mit Crabbe und Goyle spielte. Wie sie die beiden in den Gryffindor Turm mit hochnahm und jeder dort mit ihnen spielen durfte wie -.

Und dann überkam sie mit der Gewalt eines wilden Raubtiers rasender Schmerz. Brannte sich wie ein Lavastrom durch ihre Nervenbahnen, und ließ sie mit einem kaum mehr menschlich zu nennenden Aufschrei zu Boden gehen.
Glühend heiß gewordene Schutzzeichen rasten durch ihr Fleisch in Richtung der rechten Körperseite. Hermines Fingernägel bohrten sich ohne ihr Zutun in ihre Haut. Sie hinterließen dort blutige Schrammen wo sie sich versuchte die Haut, ja sogar das Fleisch vom Körper zu reißen und mit ihr all die schützenden Zeichen.
Hermine wollte die Kraft, die Macht des dunklen Mals. Sie wollte sich ihm hingeben, wünschte sich nichts sehnlicher, als sich mit seiner Macht zu vermählen.
Oh, sie wußte, dieser entsetzliche Schmerz würde enden, sobald sie sich der Dunkelheit ergeben hatte, sobald sie in ihr unterging.
Doch da war diese andere Magie in ihr. Diese magischen Zeichen, die mit ihrer Seele verschmolzen waren. Die nur ein Bündel zuckenden schreienden Fleisches aus ihr machten. Die nicht zuließen, daß sie sich mit der Dunkelheit, der schwarzen Finsternis in ihrem Herzen, verband.
Sie mußte sie los werden! Sie mußte sie irgendwie los werden!
Wieder und wieder krallten sich ihre Fingernägel in ihre Haut, versuchten die magischen Symbole von sich zu reißen. Doch sie drangen kaum tiefer als bis unter die Haut. Sie erreichten nicht den Schutz der alten Magie, die sich untrennbar mit ihrer Seele verwoben hatte und die längst schon zu einem Teil ihrer selbst geworden war.
Und so lag Hermine da, schrie und heulte, war mehr Tier als Mensch und versuchte sich, die Haut und das Fleisch von den Knochen zu reißen, zerkratzte sich und hätte sich ihr Fleisch sogar von den Knochen geschnitten, hätte ihr jemand ein Messer in die Hand gegeben.
Doch schließlich, nach einer schier endlosen Zeit der Agonie, begann sie sich zu erinnern. Erinnerte sie sich daran, wer sie war, und wo sie war. Und Hermine erkannte, daß sie von hier fort mußte.

Ihre Muskeln zitterten vor Anstrengung, als sie versuchte sich hochzustemmen. Sie wollte wenigstens auf die Knie kommen. Ihr war bewußt, daß die Kerker der denkbar schlechteste Ort für einen Gryffindor waren, um hilflos aufgefunden zu werden.
Für den Moment schien der Krieg um ihre Seele zu ruhen. Und Hermine versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Was war geschehen?

Sie versuchte sich daran zu erinnern wie sie hierher gelangt war, was sie hier machte, doch da flammte ein weiteres Mal der Schmerz in ihr auf. So gewaltig, so unbeschreiblich in seiner Macht, das sich Hermine nicht vorstellen konnte, wie man so etwas überleben konnte.
Wieder war es die uralte Magie, waren es die Schutzzeichen, die nun mit aller Gewalt gegen das Übel des dunklen Mals ankämpften.
Da waren Stimmen in ihrem Kopf. Fremde Stimmen, die in einer uralten Sprache flüsterten. Hermine verstand sie nicht, und es war ihr egal, was sie sagten. Sie sollten einfach nur still sein!
Wie ein glühendes Eisen brannte sich der Schmerz direkt hinter ihrer Stirn in ihre Seele, reichte tief hinab bis zum Grund ihres Seins.
Diese Stimmen! Diese verdammten Stimmen! Warum blieben sie nicht still! Warum hielten sie nicht ihre verdammte Klappe? Oh, der Schmerz! Der Schmerz ...
Er war so intensiv, das sie nicht einmal hätte schreien konnte, selbst wenn sie es gewollt hätte.
Hermine verkrampfte sich still und brach endgültig zusammen.
Einem fernen Echo gleich hörte sie etwas. Geräusche drangen zu ihr vor. Schritte! Jemand mußte sie entdeckt haben.
Blind vor Schmerz, schweißnaß und am ganzen Leib zitternd, bemerkte sie nur einen dunklen Schatten, der schnell größer wurde. Hermine wußte, daß man sie in dieser Lage nicht finden durfte, daß dies ihren ganzen Auftrag gefährden würde. Niemand durfte das dunkle Mal sehen, noch die alten Zeichen.
Wieder versuchte sie sich hochzustemmen, versuchte fortzukriechen. Doch ihre Muskeln versagten, gehorchten ihr nicht.
Die Gestalt erreichte sie, beugte sich über sie und Hände griffen nach ihr. Hermine schlug in Panik um sich, schrie. Eine Hand legte sich vor ihren Mund, erstickte ihr Schreien.
„Hör damit auf, Granger! Ich bin es - Draco - Draco Malfoy. Ich bin hier, um dir zu helfen. Professor Snape schickt mich, er hat das kommen sehen. Er hat mir gesagt, was ich zu tun hab. Und jetzt hör endlich auf, dich zu wehren!"
Professor Snape! Das war alles, was Hermine verstand. Doch es reichte aus, damit sie aufhörte, sich zu wehren. Hände griffen nach ihr, zogen sie hoch und dann wurde sie immer tiefer in die dunklen Gewölbe des Kerkers hineingezogen, wo sie schließlich das Bewußtsein verlor.

Jemand war bei ihr, zog ihr vorsichtig das Shirt über den Kopf. Hermine wehrte sich.
„Still!"
Ihre Arme wurden festgehalten, das Shirt blieb auf halbem Weg stecken und verdeckte ihr die Sicht. Der Schmerz war immer noch da. Er war allumfassend, alles bestimmend und ohne Anfang oder Ende. Hermine wollte tot sein, einfach nur tot sein. Sie wollte, daß es ein Ende nahm.
„Bitte", flüsterte sie ins Nichts hinein. Es war ihr egal, wer bei ihr war. „Ich kann nicht noch mehr ertragen. Ich will, das es aufhört."
Mit einem Ruck wurde ihr das Shirt vom Kopf gezogen und Hermine starrte in Draco Malfoys blasses Gesicht. Sie schwieg, starrt ihn an. Und er starrte wie gebannt auf die weißglühenden Zeichen auf ihrem Körper.
Er hatte es gewußt. Natürlich. Doch die Schutzzeichen bei ihrer Arbeit zu sehen, war etwas ganz anderes, als nur von ihnen zu wissen.
Sie schienen über Hermines Körper zu fließen, versanken für einen Sekundenbruchteil in ihrem Fleisch, nur um dann an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Sie verharrten niemals länger als einige Sekunden auf einer Stelle, verschmolzen dort ineinander, formten sich zu neuen Zeichen, wandelten sich zu Beschwörungsformeln um und waren dann auch schon wieder weg.
Draco bemerkte in stillem Entsetzen die tiefen blutigen Kratzer auf Hermines Haut. Ahnte, daß sie sich diese selbst zugefügt hatte, als sie versucht hatte, sich die magischen Zeichen vom Körper zu reißen.
„Draco", flüsterte Hermine erschöpft, Tränen rannen aus ihren Augenwinkel. „Hilf mir. Ich kann diesen Schmerz nicht länger ertragen. Ich brauche die Hilfe des Professors. Er muß mir helfen, du mußt mich zu ihm bringen. Aber wenn das nicht möglich ist, dann töte mich, bring mich um. Bitte. Ich kann so nicht weiterleben ..."
Der weißblonde junge Mann starrte sie mit seinen blassen grauen Augen ausdruckslos an.
„Ich kann dich nicht zu Snape bringen", sagte er schließlich. „Aber er hat das vorausgesehen. Er hat geahnt, daß das passieren würde. Ich weiß, was ich zu tun habe, wie ich dir helfen kann. Hab keine Angst. Du kannst mir vertrauen."
Malfoy griff in seinen Umhang, holte eine Phiole heraus, entfernte den versiegelten Verschluß, hob Hermines Kopf an und hielt sie ihr an die Lippen.
„Hier ... trink. Hab Vertrauen. Es ist vom Professor."
Und Hermine trank, vertraute auf Draco Malfoys Wort, hatte sie doch ohnehin keine andere Wahl. Und wenn es ein Gift war, so konnte es kaum schmerzhafter sein, als das, was sie gerade erlitt.
Drei Schluck trank sie, drei Schluck, die Erlösung brachten. Die wild über ihren Körper eilenden glühenden Zeichen beruhigten sich, wurden langsamer, begannen sich in einer Linie zu ordnen.
Hermine atmete hörbar aus, schloß erleichtert die Augen und entspannte sich. Es war ihr gar nicht bewußt