KAMPF UM DIE ZAUBERERWELT

von Vero

Feedback: Vero



Kapitel 1-14



Kampf um die Zaubererwelt

Fortsetzung von Schuld und Sühne


SSHG-Geschichte – Die Figuren, die in der folgenden Story vorkommen, sind geistiges Eigentum von JK. Rowling. Mit der Veröffentlichung dieser Fanfiction sind keine finanziellen Interessen verbunden.


Story: Harry, Ron und Hermine sind kein Trio mehr, Snape ist verschwunden und Voldemort erlangt nach Dumbledores Tod immer größere Macht in der Zaubererwelt. Kann ihn noch jemand aufhalten? Und was ist aus den Freunden und Feinden aus Hogwarts geworden?

Spielt nach Band 6.



Prolog

In einem Haus in einem kleinen Dorf in einer ländlichen Gegend nahe der Stadt Oxford wurde der erste Geburtstag eines Kindes gefeiert. Die Großeltern des Kindes hatten den Tisch festlich gedeckt und trugen gerade die Geburttagstorte herein. In der Mitte der Torte war eine Kerze platziert und ringsherum stand in Zuckerbuchstaben „Happy Birthday Bianca.“


Das kleine Mädchen saß in seinem hohen Kinderstühlchen und sah mit großen Augen die Torte an. Sie begriff noch nicht richtig, was die Torte bedeutete, aber sie wusste, dass die Torte für sie bestimmt war.


Die Großmutter, eine attraktive, schlanke Frau Mitte Vierzig mit hellbraunen Haaren nahm das Mädchen aus dem Stuhl heraus auf ihren Arm, küsste es und sagte: „Alles Gute, mein Schatz, zu deinem ersten Geburtstag.“


Inzwischen war auch der Großvater des Mädchens hereingekommen. Er war ein paar Jahre älter als seine Frau, ebenfalls schlank und attraktiv, mit dunkleren Haaren und Augen als seine Frau. Seine energischen Gesichtszüge wurden beim Anblick des Kindes weich. Er nahm Bianca aus den Armen seiner Frau und küsste sie ebenfalls. „Geht es dir gut, meine Liebling?“, fragte er.


Bianca nickte ernsthaft. Sie mochte ihre Großeltern sehr und besonders ihr Großvater war eine Respektsperson, auf dessen Worte und noch mehr dessen Gesten sie genau achtete. Dann verzogen sich ihre kindlichen Züge und sie fragte leicht weinerlich: „Mami, wo ist Mami?“


Mami kommt gleich, mein Schatz“, antwortet die Großmutter mit einem beruhigenden Lächeln. „Sie ist noch an der großen Schule, weißt du, sie muss noch ein bisschen etwas lernen, das sie dir dann beibringen kann.“ Vermutlich verstand das kleine Mädchen noch nicht, was ihre Großmutter sagte, aber der beruhigende Tonfall ließ sie wieder lächeln.


Das Lächeln wurde zu einem glückseligen Lachen, als die Haustür ins Schloss fiel und eine junge Frau hereinstürmte. Ihre braunen Haare hingen wirr herunter und sie war etwas außer Atem, als ob sie das letzte Stück des Weges gerannt wäre. Das hatte sie, genauer gesagt, auch getan. Sie konnte es nicht erwarten, ihre Tochter, die ihren ersten Geburtstag feierte und die aufgeregt „Mami, Mami“ rief, in ihren Armen zu halten.


Die junge Frau lächelte überglücklich, als sie das Kind in ihre Arme schloss.



Kapitel 1

Zwei Jahre später auf den Tag genau spielte sich die gleiche Szene wieder ab. Das kleine Mädchen feierte seinen dritten Geburtstag und die Großeltern hatten wiederum alles für das Fest vorbereitet. Die Mutter des Kindes war ebenfalls schon zu Hause. Sie hatte die letzte Vorlesung des Tages ausfallen lassen, um rechtzeitig mit ihrer Tochter das Geburtstagsfest zu eröffnen und die Gäste zu begrüßen. Die Freunde und Freundinnen des Mädchens kamen aus dem gleichen Ort und wurden von ihren Müttern begleitet. Das kleine Mädchen war aufgeregt über den Trubel und freute sich über die vielen Geschenke. Sie wollte sich gleich darauf stürzen, aber ihre Mutter sagte sanft: „Nein, mein Schatz, zuerst wollen wir deine Freunde bewirten. Sie sind hungrig und durstig. Wenn sie satt sind, dann darfst du die vielen Geschenke auspacken, die sie dir mitgebracht haben.“


Bianca nickte ernsthaft. Sie war ein intelligentes kleines Mädchen, das sehr viel Lerneifer zeigte und über die Fähigkeit, sich fast alles schnell merken zu können, verfügte. Sie hatte erstaunlich schnell sprechen gelernt – manchmal sehr zum Leidwesen ihrer Mutter und ihrer Großeltern, die sich ab und zu etwas weniger Wissbegierde gewünscht hätten. Aber andererseits war die Mutter des Mädchens ebenfalls sehr intelligent und hatte die meisten Prüfungen in Oxford mit Auszeichnung bestanden. Wenn die Zwischenexamen beendet waren, würden die beiden erst mal Urlaub machen – in Italien, hatte die Mama gesagt. Dort war es viel wärmer als hier, auch im Januar. Der Geburtstag des Kindes war am 9. Januar.


Danach würden die beiden für ein Jahr in ein großes Land über dem Meer gehen, wo ihre Mama noch mehr lernen würde. Doch dann würden sie wieder nach England zurückkehren und die Mama würde ihre Abschlussprüfungen machen. Und für Bianca wäre es dann auch bald soweit mit dem Schulbesuch.


Aber heute war nur eines wichtig: ihr Geburtstag und ihre Freunde, die ihr so viele Geschenke mitgebracht hatten. Bianca schielte verstohlen zu dem Berg von Päckchen und seufzte beglückt.


Doch bevor sich Biancas Traum von den Geschenken erfüllen konnte, war ein lautes Surren in der Luft zu hören und danach mehrere vernehmliche Geräusche, die sich wie „Plopps“ anhörten. Und dann geschah etwas Unfassbares: Zugleich mit den „Plopps“ tauchten Gestalten wie aus heiterem Himmel auf – Gestalten, die ganz und gar nicht in das friedliche Wohnzimmer passen wollten. Abgesehen davon, dass keiner wusste, woher sie so plötzlich kamen. Aber über Letzteres machte sich keiner Gedanken, denn beim Anblick der 5 Männer brach Panik aus. Die Kinder schrieen angstvoll und die Mütter, die sie eigentlich beruhigen sollten, kreischten entweder ebenfalls angstvoll oder waren zu keiner Bewegung fähig.


Was war geschehen? Die brünette junge Frau versuchte die Situation zu analysieren, so wie sie es in ihrem Studienfach der Mathematik gelernt hatte. Alles musste einen logischen Grund haben. So lehrte es die Wissenschaft. Aber diese Gestalten waren weder logisch noch in irgendeiner Form einer Gruppierung zuzuordnen. Blitzschnell schoss ihr der Gedanke an eine terroristische Vereinigung mit dem Ziel des Menschenraubs zur Erfüllung politischer Ziele durch den Kopf. Aber warum sollten politische Aktivisten ausrechnet ihre Erpressungsopfer in einem kleinen, langweiligen Dorf in der Provinz suchen?


Und warum waren die Männer so seltsam angezogen, mit schwarzen Umhängen und silbernen Masken wie in einem Mantel-und-Degen-Film aus Hollywood. Aber aus welchem Grund und ohne Vorankündigung sollte Hollywood hier drehen?


Und wieso tauchten die Männer so unvermittelt auf? Ihr fiel dazu die US-Serie ‚Raumschiff Enterprise’ ein mit ihrem geflügelten Ausdruck: ‚Beam me up, Scottie.’


Aber das eine war Fiktion. Und das andere, das sich gerade in dem Wohnzimmer der Familie abspielte, war Realität! Oder träumte sie? Hatte sie einen Albtraum? Nein, ihre kleine Tochter rannte mit einem ängstlichen „Mami, Mami“ auf sie zu und die junge Frau nahm sie sofort auf den Arm, um sie vor den Männern, die jetzt begonnen hatten, die Frauen und Kinder, die sich instinktiv aneinandergedrängt hatten, auseinander zu treiben, zu beschützen.


Offensichtlich suchten die Männer etwas oder genauer gesagt, jemanden. Und ganz offensichtlich hatten sie den auch bald gefunden. Zwei der Männer fischten aus dem Gewimmel von Frauen und Kindern ein Kind heraus, das erst vor kurzer Zeit mit seinen Eltern und seinem Kindermädchen hergezogen war. Es war ein kleiner Junge, ein Jahr älter als Bianca mit hellblonden Haaren und blauen Augen. Er hieß Ashley McGregor und sein Vater, so hieß es, war ein einflussreicher Politiker. Die Familie sei aufs Land gezogen, um vor dem Presserummel Ruhe zu finden.


Die Eltern des Kindes waren jedoch beide abwesend – sie hatten wichtige Termine wahrzunehmen, hatte das Kindermädchen ehrfürchtig versichert. Der kleine Ashley war eine stilles Kind, ein wenig trauriges Kind, das wohl schon ahnte, wie bedeutend seine Eltern waren und dass er nur im Hintergrund eine Rolle spielte. Aber am heutigen Tag schien er die – ungewollte – Hauptrolle zu spielen.


Nachdem die Männer Ashley in ihren Fängen hatten, sprach einer davon zum ersten Mal seit ihrem Eintreffen – ein riesenhafter Kerl, der allein schon die ganze Gesellschaft in die Flucht geschlagen hätte, wenn sie die Möglichkeit zur Flucht gehabt hätten. Dies wurde aber von zwei Männern verhindert, die sofort die Ausgänge des Zimmers bewachten. Sie hatten allerdings weder Schusswaffen noch Messer oder ähnliches. Vielmehr schienen ihre Waffen aus merkwürdigen Stäben zu bestehen, die aussahen wie der Zeigestock eines Lehrers. Allerdings schienen diese Stöcke aus Holz zu sein.


Der Riese sagte: „Wir haben unsere Aufgabe erfüllt und es war leichter als wir dachten. McGregor scheint sich seiner Tarnung wirklich sehr sicher zu sein.“ Er lachte dröhnend, so dass die anderen – außer den Eindringlingen – erschrocken zusammen zuckten. „Verschwinden wir!“


Nicht so hastig“, ließ sich eine andere Stimme vernehmen. Der Sprecher war deutlich kleiner und hatte weißblondes Haar. Der Stimme nach handelte es sich um einen jungen Mann. „Ich weiß nicht, wo ihr eure Augen habt, aber ich zumindest habe das Schlammblut erkannt, in dessen Haus wir uns befinden“, sagte der junge Mann in einem schnarrenden, unangenehmen Tonfall. „Das Schlammblut…“, krächzte heiser ein weiterer Eindringling. Dieser war zwar nicht so groß wie der erste, der gesprochen hatte, aber er war vielleicht noch Furcht einflößender.


Er war schmutzig und hatte eine gelbgraue, ungepflegte Mähne. Von ihm ging ein undefinierbarer Gestank aus. Dreck und …Blut? Er fuhr fort: „Das Schlammblut, mit dem du auf der Schule warst? Das dich spüren ließ, dass du ein kleiner Wichtigtuer warst? Das dich sogar geohrfeigt hat?“ Der Mann lachte heiser. Der junge Mann machte eine Bewegung, als ob er auf ihn losgehen wollte, besann sich aber dann.


Ganz genau um dieses Schlammblut handelt es sich“, knirschte der junge Mann. Und wie du weißt, habe ich noch eine Rechnung mit ihr offen. Wir nehmen sie ebenfalls mit – sie und ihr Balg!“


Aber du kennst die Befehle des Lords!“, mahnte der Riese. Seine Stimme klang besorgt. „Wir sollen nur den Jungen zu ihm bringen, sonst niemanden. Und es soll kein unnötiges Aufsehen erregt werden.“ „Ja, genau“, ließ sich der Heisere wieder vernehmen. Wir schnappen uns den Jungen, machen die Übrigen platt und verschwinden.“ Er leckte sich dabei genüsslich die Lefzen, wie es der jungen Frau vorkam.


Nein!“. Die schnarrende Stimme des jungen Mannes verfügte plötzlich über ungeahnte Autorität. „Ich bin vom Dunklen Lord beauftragt, diese Mission zu leiten und deshalb wirst auch du meinen Befehlen gehorchen, Greyback! Wir nehmen den Jungen, das Schlammblut und ihre Tochter und verschwinden.


Der Mann, der Greyback genannt wurde, widersprach nicht mehr. Aus seinen blutunterlaufenen, gelben Augen schoss er dem jungen Mann einen giftigen Blick zu, folgte dann aber dem Beispiel der anderen Männer und versetzte die Anwesenden mit seiner Waffe in einen Schlaf oder eine Ohnmacht.


Alles war so schnell gegangen, dass die Familie und die Gäste noch vor Angst erstarrt waren und gar nicht reagieren konnten, bis alles vorbei war. Wahrscheinlich war dies das Beste für die Anwesenden, die damit wohl ihr Leben und ihre Gesundheit bewahrten. Einzig der Hausherr hatte sich zu Anfang den Eindringlichen in den Weg gestellt und wollte aus dem Zimmer, um Hilfe zu holen. Dieses Vorhaben wurde mit einem Schlag aus der unbekannten Waffe verhindert. Der Hausherr sank blutüberströmt zu Boden. Seine Frau, die ihm helfen wollte, wurde ebenfalls außer Gefecht gesetzt.


Ihre Tochter nahm diese Ereignisse nur am Rande wahr. Durch die Gefangennahme des Jungen und die eigene, unmittelbare Bedrohung war sie zu sehr abgelenkt, um sich um ihre Eltern kümmern zu können. Sie war außer sich vor Besorgnis und Angst. Der junge Mann kannte sie offenbar. Woher kannte er sie? Wer war er? Wohin brachte er sie? Diese Gedanken schossen pfeilschnell durch ihren Kopf und bevor sie irgendetwas dazu äußern konnte, wurden sie und ihre Tochter von dem Riesen gepackt und in einem Wirbel von Luft und Staub und Wind davongetragen.



Kapitel 2

Als die junge Frau ihre Umgebung wieder wahrnahm, fand sie sich mit ihrer Tochter in einer riesigen Halle auf einem Steinboden liegend wieder. Neben den beiden lag der kleine Ashley, der sich ebenfalls wieder regte und wie die beiden anderen mühsam auf die Beine kam.


Die junge Frau drückte nun beide Kinder an sich und sah sich in der Halle um. Sie schienen sich in einem Schloss, einem Herrensitz oder in einer Burg zu befinden. Die Halle war groß und rechteckig und es waren bestimmt 50 Leute darin versammelt. Die Anwesenden trugen zwar keine Masken, waren aber trotzdem sehr merkwürdig gekleidet. Alle trugen Umhänge, die Frauen lange Kleider darunter und viele hatten spitze Hüte auf dem Kopf. Die meisten der Männer hatten lange Haare und alle hatten die Art Waffe, die die junge Frau bei dem Überfall auf ihr Haus schon bemerkt hatte, dabei.


Ein unbestimmtes, aber starkes Angstgefühl befiel die junge Frau. Wo waren die beiden Kinder und sie gelandet? Abgesehen von der Art und Weise, wie sie dorthin gekommen waren! Doch wer waren diese Leute? Diese Antwort auf diese Frage schien ihr wichtiger als alles andere zu sein. Möglicherweise gehörten sie einer Art Sekte an. Der jungen Frau schossen furchtbare Gedanken durch den Kopf. Waren diese Leute Satanisten, die sie und vor allem die beiden Kinder als Opfer eines grausigen Rituals missbrauchen würden? Oder waren es Kinderschänder, die ja über alle möglichen Kontakte und Verbindungen verfügten, wie ständig in den Nachrichten zu hören war? Die junge Frau musste alle ihre Selbstbeherrschung zusammennehmen, um nicht vor den Kindern einer Panikattacke zu erliegen.


Sie zwang sich, tief einzuatmen und nach einer Weile wurde die Umgebung, die in ihrer Panik verschwamm, wieder klarer.


Inzwischen hatte der junge Mann mit der schnarrenden Stimme seine Maske abgenommen und ging auf das Kopfende der Halle gegenüber der riesigen Eingangtür zu, wo sich auf einem Podest eine Art Thronsessel befand. Darauf saß ein Wesen, das wahrscheinlich ein Mann war. Dieser Mann (?) verfügte über ein höchst merkwürdiges Aussehen. Er war lang und überaus dünn und er hatte anstelle eines Gesichts eine Fratze, die nur entfernte Ähnlichkeit mit einem menschlichen Gesicht hatte.


Er glich vielmehr einem Wesen, das aus einer Schlange und einem Menschen gemacht schien. Die junge Frau schüttelte leise den Kopf bei diesen konfusen Gedanken. Schlange und Mensch! Wie absurd! Neben dem Thronsessel stand noch ein Mann, wie die junge Frau flüchtig bemerkte.


Wen hast du da mitgebracht?“, fragte der Mann auf dem Thronsessel mit einer hohen, kalten Stimme. Der junge Mann mit den weißblonden Haaren verbeugte sich tief und erwiderte mit deutlicher Nervosität in der Stimme: „Das ist Hermine Granger, das Schlammblut, das in der Schule die beste Freundin von Harry Potter war. Und das Mädchen scheint ihre Tochter zu sein.“


Bei dem Namen ‚Harry Potter’ ging ein aufgeregtes Gemurmel durch den Raum. Auch der Mann in dem Sessel beugte sich gespannt nach vorne. „Und was willst du damit sagen, Draco?“, fragte er mit - wie es der jungen Frau – Hermine - schien – falscher Freundlichkeit in der Stimme. Und überhaupt – woher wusste dieser Draco (?) ihren Namen? Hermine lauschte weiterhin gebannt der Unterhaltung.


Draco hatte inzwischen tief Luft geholt und sagte: „Ich glaube, dass sie uns möglicherweise zu Potter führen kann. Der Bastard hat bestimmt noch Kontakt zu seiner Schlammblut-Freundin, so dick wie die in der Schule befreundet waren.“


Aber diese Granger lebt doch unter lauter Muggeln. Wie soll sie da noch Kontakt zu Potter haben?“ Draco schwieg.


Daraufhin rührte sich der Mann, der neben dem Thronsessel stand, erstmals. Er war groß, schlank und hatte schwarze Haare, die ihm strähnig bis fast auf die Schultern herunterhingen. Sein blasses Gesicht wurde beherrscht von einer großen Nase und kalten, schwarzen Augen. Auch seine Kleidung war schwarz, abgesehen von einem weißen Kragen und weißen Manschetten, die knapp unter seinem Anzug hervorschauten. Sein langer, schwarzer Umhang bauschte sich um ihn, als er mit gemessenen, eleganten Schritten auf Draco zuging und sagte: „Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, my Lord, ist dieser Gedanke gar nicht so abwegig. Es gibt ja Möglichkeiten, um festzustellen, ob diese Verbindung noch besteht. Wenn Sie gestatten“, er machte eine leichte Verbeugung zu dem Mann in dem Sessel, „werde ich es herausfinden.“ Die Stimme des Mannes war leise und tief.


Nur zu, Severus, mein Freund“, sagte die hohe, kalte Stimme mit einem leutseligen Unterton.


Der Mann in Schwarz ging auf Hermine zu. Als er dicht vor ihr stand, zog er einen Stab aus seiner Robe, hielt ihn dicht vor ihr Gesicht und sagte: „Legilemens!“


Hermine erschrak und taumelte ein paar Schritte rückwärts. Der Man folgte ihr und Hermine hatte plötzlich den Eindruck, als ob Ameisen in ihrem Kopf spazieren gingen. Nach ein paar Augenblicken ließ er seinen Stab wieder sinken und das merkwürdige Gefühl in ihrem Kopf verschwand.


Der Mann, den der „Lord“ Severus genannt hatte, ging zu diesem zurück und sagte: „ Ihr Gedächtnis wurde verändert. Sie muss wohl die Zaubererwelt verlassen haben, denn ihre Erinnerungen an die Zeit in Hogwarts sind nicht mehr zu erkennen. Stattdessen besitzt sie Erinnerungen an eine Muggelschule.“


Die hohe Stimme stieß ein kaltes Lachen aus. “Also doch ein Fehler, Draco“, sagte er drohend. Draco begann zu zittern.


Vielleicht doch nicht ganz, my Lord“, ließ sich die leise, tiefe Stimme wieder vernehmen. „Vielleicht ist sie uns in anderer Form, als Draco es sich vorgestellt hat, nützlich.“ Der „Lord“ blickte leicht ärgerlich auf Severus. „Was meinst du damit? Wie könnte uns dieses Schlammblut noch nützen, wenn sie nicht einmal mehr Erinnerungen an ihre Freunde besitzt?“


Nun, ihre Erinnerungen mögen weg sein, aber nicht unbedingt ihre magischen Fähigkeiten. Das sollten wir überprüfen.“ „Und wenn schon“, meinte der „Lord“ jetzt ungeduldig, „wir können sie nicht mehr gebrauchen.“


Plötzlich ertönte ein heiseres Lachen im Saal. Der Mann mit den schmutzigen Haaren, den Hermine schon bei dem Überfall wahrgenommen hatte, hatte es ausgestoßen. Sein Gesicht war furchterregend. Genau so schmutzig wie seine Haare war auch seine übrige Erscheinung. Seine Zähne waren lang und gelb und erinnerten sie an die Fangzähne eines Raubtiers. „Vielleicht hat Snape ja eine besondere Verwendung für das Schlammblut. Etwas, wofür sie nicht unbedingt Magie benötigt. Sie sehen ja gar nicht so übel aus, die beiden Schlammblüter.“ Er leckte sich genießerisch die Lippen (‚Lefzen’, dachte Hermine und schauderte).


Snape ignorierte den Einwurf und sagte, zu dem Mann in dem Sessel gewandt: „Nun ja, wie Sie wissen, my Lord, benötige ich dringend Unterstützung bei der Herstellung von Zaubertränken. Und bisher war niemand“ – bei diesen Worten sah er sich mit vernichtender Miene im Saal um – „in der Lage, mir vernünftige Dienste zu leisten, geschweige denn, mir zu assistieren!“


Und du meinst, dass dieses Schlammblut deine Erwartungen erfüllt?“, fragte die hohe Stimme zweifelnd.


Sie war die beste Schülerin, die ich je hatte“, entgegnete Severus kalt. Erneutes Gemurmel erhob sich im Saal. Hermine meinte die Worte „Gryffinor“ oder so ähnlich zu hören und „wie kann er das behaupten...“ Snape fuhr fort: „auch wenn sie eine Gryffindor, eine Potter-Freundin und eine verdammt lästige Besserwisserin war, so waren ihre magischen Fähigkeiten über jeden Zweifel erhaben. Und genau diese Fähigkeiten gilt es für den Dunklen Lord auszunutzen. Denn nur sein Wohlergehen und die Ausweitung seiner Macht stehen an erster Stelle.“ Seine Stimme war am Schluss lauter und noch kälter geworden und übertönte das ansteigende Gemurmel im Saal.


Der Dunkle Lord ließ ein kurzes Lachen vernehmen, aus dem Anerkennung sprach.


Du bist ein wahrer Freund, Severus, und an Klugheit hast du allen hier“ – er bedachte die Anwesenden mit einem verächtlichen Blick – „viel voraus. Ja, ich stimme dir zu. Das Schlammblut kann sich als nützlich erweisen. Ich übereigne sie dir zu deinem ausschließlichen Gebrauch.“


Snape verbeugte sich wiederum leicht vor dem Dunklen Lord.


Dann ging er auf Hermine zu, wurde aber von der bellenden Stimme Greybacks aufgehalten. „Sehr schön, Snape, du erhältst die Frau und ich das Kind. Das wäre dann ein fairer Handel.“


Snape drehte sich langsam zu Greyback um, musterte diesen mit einem leicht genervten Gesichtsausdruck und sagte mit einer Stimme, die klang, als ob er einem besonders begriffsstutzigen Schüler etwas erklärte: „Wie du sicherlich nicht wissen kannst (woher auch), gehört diese Frau zu den Menschen, die ihr Kind niemals hergeben würden. Wenn man es ihr wegnimmt, wird sie nicht mehr zu gebrauchen sein. Ich nehme also die Frau und das Kind oder ich verzichte auf beide!“


Mit diesen Worten wandte sich Snape an den Dunklen Lord. Seine Miene war gleichgültig.


Der Dunkle Lord meinte: „Severus hat Recht. Er benötigt dringend einen Assistenten. Das Kind wird ihm ebenfalls übergeben – nur ihm!“ Dieser Hinweis ging an Greyback. Die hohe, kalte Stimme erinnerte an ein Zischen. Greyback schien beeindruckt zu sein und senkte den Kopf.


Snape blieb knapp vor Hermine und ihrer Tochter stehen, musterte sie mit seinem kalten, leeren Blick und befahl: „Mitkommen!“ Den kleinen Ashley hatte eine Frau in einem langen dunklen Umhang an die Hand genommen und weggezerrt. Ashley schrie und weinte laut. Die Frau nahm ihren Stab, hielt ihn an die Kehle des Kindes und murmelte etwas. Sofort war kein Laut mehr zu vernehmen. Lediglich der Mund des Kindes klappte mitleiderregend auf und zu.


Hermine wollte fragen, was mit dem kleinen Jungen passierte, aber Snape verließ ohne ein weiteres Wort und ohne sich umzusehen, ob sie ihm folgte, den Saal. Nach ihren bisherigen Eindrücken erschien es Hermine sicherer, ihm zu folgen, denn alles andere hatte bestimmt schreckliche Folgen für ihr Kind und sie. Das war bei den großen Schritten, mit denen er den Flur hinunterfegte, gar nicht so einfach. Er ging zu dem riesigen, steinernen Treppenhaus und stieg zwei Stockwerke hinauf. Dann wandte er sich zur linken Seite, bis sie vor einer großen, geschnitzten Holztür standen.



Kapitel 3

Harry Potter fluchte. Es war nicht das erste Mal, dass er und Ron versuchten, in dieses verdammte Riddle-Haus zu gelangen. Das Haus war mit Zaubern nur so gespickt. Seit der Zeit, als vor 6 Jahren Tom Riddle, der Zaubererwelt besser bekannt als Lord Voldemort, sein Elternhaus ein letztes Mal aufsuchte, um sich von den Strapazen seines Halblebens zu erholen, war das Haus von niemandem mehr betreten worden. Der alte Muggel, der das Haus hütete, war tot – Voldemort hatte ihn selber mit seinem Todesfluch erledigt – und kein anderer Muggel war je wieder näher als 100 Meter an das Haus herangekommen.


Aus welchem Grund das Haus so stark geschützt war, wusste Harry. Es barg eines der Seelenstückchen von Lord Voldemort. Ein Horcrux war darin versteckt. Nun ging es darum, die Zauber, die das Haus umgaben, zu brechen, den Horcrux zu finden und ihn unschädlich zu machen.


Und genau da lag das Problem. Weder er noch Ron, der ihm die letzten dreieinhalb Jahre nicht von der Seite gewichen war, konnten einen Zauber finden, der die Banne löste.


Neben Harry ertönte ein inzwischen gewohntes Geräusch. Ron seufzte. Und Harry wusste genau, was nun folgen würde. Er sprach im Geiste Ron Kommentar mit.


Verdammt, Harry, ich kenne nur einen Menschen, der diesen Zauber hätte lösen können. Hermine! Warum ist sie nicht bei uns. Wo, zum Teufel noch Mal, ist sie? Sie wusste doch genau, dass wir sie brauchen würden. Dass sie uns fehlen wird.“ Beim letzten Satz war Rons Stimme leise geworden. Er sah weg und Harry wusste, dass Rons Wut nur vorgetäuscht war. Ron ging Hermines Verrat, wie er es nannte, immer noch genau so nahe, als sei dies erst gestern passiert. Als hätte sie erst gestern ihren Entschluss verkündet, die Zaubererwelt und damit auch ihre Freunde, mit denen sie seit 6 Jahren durch dick und dünn gegangen war, zu verlassen.


Als Ron es zum ersten Mal hörte, starrte er Hermine nur fassungslos an, schüttelte den Kopf und meinte nur: Das ist der Schock. Du musst wieder mal was Anständiges essen. In der letzten Zeit hast du ja nur noch winzige Portionen zu dir genommen. Wenn du wieder vernünftig isst, wird alles sich wieder einrenken und du siehst ein, was für einen Schwachsinn du da gerade von dir gegeben hast.“


Doch Hermine sah ihn nur undurchdringlich an, seufzte und wandte den Blick ab. Sie verlor nicht mehr viele Worte über ihr Weggehen und weder Harry noch Ron konnten sich wirklich einen Reim darauf machen. Als es dann wirklich amtlich war, dass Hermine sie verlassen würde, hatte es eine unschöne Szene zwischen Ron und ihr gegeben. Das heißt, Ron hatte ihr eine Szene gemacht und Hermine hatte ihn mit einem Zauber abgeblockt, der ihn die nächsten Tage davon abhielt, mehr als einen Löffel in seinen kraftlosen Händen zu halten.


Hermine hatte sich deshalb nur von Harry verabschiedet, wenn man das kurze „Lebewohl“ überhaupt so bezeichnen konnte oder wollte. Harry hatte nur gesagt: “Es ist wohl unnötig, dich zu fragen, was das Alles bedeutet, oder?“


Hermine hatte ihn angesehen, ihr Blick war sehr, sehr ernst und traurig, da war sich Harry sicher. „Ja“, antwortete sie. „Ich kann nichts weiter dazu sagen. Ich wünsche dir alles Glück der Welt bei deiner Suche nach den Horcruxen - und Harry“, hatte sie noch mit einem festen Blick in sein Gesicht hinzugefügt – „du schaffst es. Da bin ich ganz sicher. Nicht weil ich die Verantwortung auf dich allein abwälzen will (da blitzte wieder ein bisschen Hermine, die Streberin durch), sondern weil ich überzeugt davon bin, dass du Voldemort besiegen wirst!“


Sie hatte den Namen mit Absicht laut ausgesprochen und hatte damit Dumbledores Meinung Tribut gezollt, der ja immer gemeint hatte, dass man den Namen, den sich Tom Riddle angemaßt hatte, ruhig aussprechen dürfte. Dann umarmte sie Harry kurz, aber innig und sagte zögernd: „Vielleicht sieht Ron es eines Tages ein, dass wir nicht zusammengepasst hätten. Ich hoffe für ihn, dass es möglichst schnell passiert.“


Nach diesen Worten verließ Hermine den Gemeinschaftsraum der Gryffindors und keiner hatte sie wieder gesehen. Sie war wohl wirklich in die Muggelwelt zurückgekehrt und war dort ‚untergetaucht’.


Harry war nach dem 6. Schuljahr für 4 Wochen zu den Dursleys zurückgegangen. Er tat es, weil er es Dumbledore versprochen hatte. Aber am Tag nach seinem 17. Geburtstag verließ er den Ligusterweg für immer. Er ging, ohne sich zu verabschieden. Er hinterließ lediglich eine Nachricht, aus der hervorging, dass er gehen würde und dass die Dursleys sicher sein konnten, dass Harry nie mehr zurückkehren würde. Sie wären nun die Bürde, die sie 16 Jahre getragen hatten, los.


Harry war überzeugt davon, dass dies ein Freudenfest bei den Dursleys auslösen würde.


Er ging zuerst in den Fuchsbau, wo er seine restlichen Ferien verbringen und der Hochzeit von Fleur und Bill beiwohnen wollte. Die Hochzeitsfeier war trotz aller furchtbaren Geschehnisse ein freudiges Fest. Die Braut war unwirklich schön, wie selbst Ginny neidlos anerkennen musste. Seit Fleurs selbstlosem Bekenntnis zu ihrem Bruder Bill hatte sich Ginnys Einstellung gegenüber Fleur grundlegend geändert. Sie war zwar kein überzeugter Fan von Fleur, aber sie schätzte sie als Menschen und als künftige Schwägerin.


Über Hermines Verlust verlor Ginny kaum ein Wort. Aber jeder wusste, dass sie ungeheuer wütend auf Hermine war, deren Abtauchen sie als Feigheit auslegte. Harry selbst empfand Hermines Verschwinden nicht als Verrat, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass Hermine ihn und Ron freiwillig oder gar mit böser Absicht verließ. Auch Feigheit war nicht Hermines Art. Sie versuchte zwar immer wieder, Ron und ihn von irgendwelchen Heldentaten abzuhalten, aber das geschah nicht aus Feigheit, wie Harry und Ron sehr wohl wussten, sondern weil sie entweder Angst um sie hatte oder befürchtete, Gryffindor könnte Hauspunkte verlieren.


Ansonsten hatte Hermine – bei aller Vorsicht, die sie manchmal an den Tag legte, immer bewiesen, dass sie für ihre Freunde da war. Nein, Harry war überzeugt, dass etwas ganz anderes hinter Hermines Verschwinden aus der Zaubererwelt steckte. Etwas, über das ihre Freunde nichts wussten. Harry erinnerte sich, dass sie sich im letzten Halbjahr in Hogwarts verändert hatte. Da war das Erlebnis mit Snape (diesem verräterischen Schwein, wie Harry sofort wutentbrannt dachte), das ihr einige Zeit zu schaffen gemacht hatte. Aber irgendwann war dies vorbei – das hatte sie ihnen versichert und sie war dann eine Zeitlang auch wieder ganz die Alte. Sie hatte sogar eine Beziehung mit einem Ravenclaw begonnen (netter Mensch, dieser Patrick Brownes). Aber dann war sie plötzlich mehr auf sich selber und ihren Ehrgeiz konzentriert, hatte ihre Beziehung mit Patrick beendet und hatte sogar Projektarbeiten mit Snape angenommen.


Die Beendigung von Hermines Beziehung hätte Harry unter normalen Umständen eher weniger interessiert, aber sein Objekt der Begierde – Ginny Weasley – hatte nichts Besseres zu tun gehabt, als sich prompt den gutaussehenden (Harry gab es zähneknirschend zu) Ravenclaw zu angeln und mit ihm einige Wochen herumzuturteln. So lange jedenfalls, bis sie resigniert zu dem Entschluss kam, dass der gute Patrick wohl immer noch an Hermine hing, die sich jedoch mehr für ihre Projektarbeiten mit Snape (Harry schüttelte sich innerlich) als für alles andere zu interessieren schien.


Aber dennoch: Ginny kam nach dem Umweg über Patrick dann doch noch in seine Arme – unter dem Beifall von mindestens 50 Leuten in der Großen Halle. Harry entriss sich gewaltsam diesen wehmütigen Erinnerungen und hielt sich auch wiederum vor Augen, dass er seinen Weg allein gehen musste – ohne seine Angebetete.


Harry hatte die feste Absicht, nach Bills und Fleurs Hochzeit den Fuchsbau zu verlassen und nach Godrics Hollow zu gehen. Den Weg dorthin hatte ihm ausgerechnet seine Tante Petunia gezeigt, die Harry kurz an dessen Geburtstag eine verzauberte Landkarte gegeben hatte.


Ich habe sie auf dem Speicher gefunden“, sagte sie mit angeekelter Miene. „Deine Mutter hat sie mir gegeben. Sie sagte, ich würde darin den Weg zu ihr finden, wenn ich sie besuchen wollte. „Bei diesen Worten verzogen sich ihre dünnen Lippen zu einem verächtlichen Grinsen. „Was glaubte sie denn, was ich dort gewollt hätte? Vernon hätte es nie zugelassen. Und ich hätte Dudley niemals mit dieser seltsamen, widernatürlichen Gesellschaft in Kontakt gebracht.“


Trotz dieser harschen Worte glaubte Harry ein kleines bisschen Trauer aus der Stimme seiner Tante herauszuhören. Tat ihr der Tod ihrer Schwester vielleicht doch ein bisschen Leid?


Vielleicht hat meine Mum gedacht, dass ihre einzige Schwester sie einmal besuchen möchte. Um zu sehen, wie sie lebt und wie es ihr geht?“, antwortete Harry sanft.


Er sah die Röte in die mageren Wangen seiner Tante aufsteigen. Sie entgegnete jedoch nichts, sondern verließ leise schnaubend das Zimmer.


Harry blickte auf die Landkarte in seinen Händen. Er sah neben den Muggelhäusern und Landschaften weitere Straßen und Häuser leuchten, von denen die Muggel nichts ahnten. Er legte den Zauberstab auf die Karte und sagte „Godrics Hollow“. Sofort blinkte von dem Haus seiner Verwandten eine Verbindung zu einer Ortschaft, die im Westen des Landes lag, auf. Das Dorf trug den Namen „Godrics Hollow“.


Doch die Realisierung seines Vorhabens war schwieriger, als Harry dachte. Gleich nach der Hochzeit fingen Remus Lupin und Mad-Eye Moody an, Harry zu bearbeiten, nach Hogwarts zurückzukehren. Es war inzwischen sicher, dass die Schule weiterbetrieben würde. Scrimgouer hatte diese Entscheidung vor allem deshalb getroffen, um Stärke zu demonstrieren und gegenüber den Machenschaften von ‚Du-weißt-schon-Wem’ nicht einzuknicken. Professor McGonagall war zur Schulleiterin ernannt worden.


Du musst deinen Abschluss machen, Harry. Dumbledore hat das von dir erwartet. Er hat so große Hoffnungen in dich gesetzt. Denk daran, wie viel Zeit und Kraft er für dich aufgewendet hat.“ Remus hielt einen Moment inne. „Und Sirius hätte es auch gewollt. Umso mehr, als Snape der Mörder Dumbledores ist. Sirius hätte gewollt, dass du Voldemort und Snape findest. Doch dafür musst du soviel Wissen wie möglich erwerben. Das 7. Schuljahr in Hogwarts bietet noch vieles für das praktische Leben. “


Doch die Absolvierung des 7. Schuljahres war noch nicht alles, was die beiden wollten. Harry sollte danach die Ausbildung zum Auroren machen – wie er es sich seit seinem 4. Schuljahr vorgenommen hatte. Doch die Umstände hatten Harry seinen Berufswunsch vergessen lassen. Harry wollte nur noch Rache. Für seine Eltern. Für Dumbledore. Für Sirius. Für sich.


Doch als er dies äußerte, setzte ihm Mad-Eye Moody schwer zu. „Unsinn, Potter, die Rache kommt zu ihrer Zeit. Dafür ist es jetzt noch zu früh. Rache ist eine Speise, die am besten eiskalt genossen wird.“ Moodys richtiges Auge blickte Harry an; sein magisches Auge blickte durch ihn durch. „Ja, du bist wütend, Potter. Aber die Wut ist kein guter Ratgeber. Du hast nur ein Ziel: Voldemort zu töten. Nur du kannst es. Aber du musst sämtliche Mittel kennen, um den Kampf zu gewinnen.“


Ich habe schon einmal gegen den Dunklen Lord gekämpft“, knurrte Harry, „und ich habe nicht gegen ihn verloren.“


Moody nickte. „Du bist dem Dunklen Lord tatsächlich schon im Kampf gegenübergestanden; das ist wahr. Und er hat dich nicht besiegt. Das ist richtig. Aber du hast ihn auch nicht besiegt.“


Harry schwieg. Was gab es da noch zu entgegnen? Er wusste, dass die beiden Recht hatten. Harry kehrte zur Schule zurück und er und Ron absolvierten nach dem Hogwarts-Abschluss ihre Auroren.-Ausbildung. In den Dienst des Ministeriums traten sie allerdings nie – so gern Scrimgouer dies auch gesehen hätte.


Als Harry seine Vorbereitung für den Kampf gegen Voldemort endlich auch in den Augen der Mitglieder des Ordens des Phönix abgeschlossen hatte, befolgte er als ersten Schritt die Maßnahmen, die Dumbledore ihm als Weg zum Sieg über Voldemort gezeigt hatte: die Suche nach den Horcruxen. Nur wenn er diese finden und vernichten konnte, war es möglich, Voldemort selbst zu vernichten.



Kapitel 4

Snape hob seinen Zauberstab, die Tür öffnete sich und Snape ließ Hermine und ihre Tochter eintreten. Sie standen in einem großen holzgetäfelten Raum, der wohl als Wohnraum und gleichzeitig als Bibliothek diente, denn zwei der Wände waren voll gestellt mit Bücherregalen. Von dem Raum führten noch ein paar andere Türen in andere Gemächer, wie Hermine auf den ersten Blick feststellte.


Hermine drückte ihre Tochter fester an sich und betrachtete ängstlich den Mann, der in der Mitte des Zimmers stehen geblieben war und Mutter und Tochter mit seinem kalten, leicht verächtlichen Blick musterte. Was würde nun geschehen? Hundert Fragen brannten Hermine auf der Zunge, aber bevor sie nur eine davon äußern konnte, sagte Snape: „Sie haben gehört, warum Sie hier sind und was ich von Ihnen erwarte.“ Seine Stimme hatte einen gebieterischen Unterton, als ob er an Gehorsam gewohnt war.


Hermine erwiderte: „Ja, ich habe es gehört, aber wenn Sie mir die Bemerkung gestatten (bei diesen Worten wurde ihre Stimme einen Ton schärfer), ich habe es nicht verstanden!“ Hermine war sich wohl bewusst, dass ihre Stimme leicht aufgebracht klang. Aber es war schließlich an ihm, es ihr das Ganze hier zu erklären. Sie fuhr fort: „Ich habe den Eindruck, dass mich viele der Leute hier kennen – Sie eingeschlossen – aber ich kann mich an niemanden erinnern. Und ich habe nicht den Eindruck, dass ich dies bedauern muss!“ Hermines Stimme war lauter und schärfer geworden, als sie bemerkte, dass Snapes Lippen sich zu einem höhnischen Grinsen verzogen.


Noch immer die gleiche gryffindorsche Überheblichkeit“, zischte er. „Insofern haben Sie sich nicht verändert. Kämpfen wie ein Löwe oder besser gesagt, wie eine Löwin, selbst in der Höhle des Feindes!“


Hermine meinte, eine leise Anerkennung aus seinen Worten herauszuhören. Doch sie fuhr noch ärgerlicher fort: „Ich würde das gerne bestätigen, wenn ich wüsste, was das alles hier zu bedeuten hat. Was bedeutet ‚gryffindorsche Überheblichkeit’? Das Wort habe ich vorhin in der Halle schon einmal gehört. Und alle haben es verstanden – alle außer mir, versteht sich!“


Bianca schlang ihre Ärmchen fester um ihre Hermine, als sie die Wut ihrer Mutter bemerkte. Snape kam auf die beiden zu. „Bevor Sie sich weiter mit mir streiten, sollten Sie Ihre Tochter ins Bett bringen. Das Kind könnte Schaden nehmen an dem Übermut seiner Mutter“, sagte er grimmig.


Mein Kind zu Bett bringen?“, stieß Hermine fassungslos hervor. „Bin ich hier in einem Hotel? Habe ich hier ein Zimmer reserviert mit extra Kinderbett? Und mit einem Babysitter, der sie in den Schlaf singt?“ Angesichts des bitteren Hohns in ihrer Stimme zog Snape eine Augenbraue in die Höhe. „So etwas Ähnliches“, entgegnete er knapp.


Hermine klappte der Mund auf. Hatte sie richtig gehört? Oder wollte er sie verarsch…? Sie kniff misstrauisch die Augen zusammen und wartete auf Snapes nächste Reaktion. Er nahm seinen Zauberstab und tippte damit an eine kleine, silberne Glocke, die auf dem Kamin stand.


Augenblicklich erschien mit einem leisen Knall eine kleine, äußerst seltsame Gestalt in dem Zimmer. Hermine stieß einen Schrei aus und Bianca zuckte zusammen. Dann sahen beide neugierig das kleine Geschöpf an, das so unvermutet vor ihnen aufgetaucht war. Es war nicht viel größer als Bianca, aber äußerst hässlich mit seiner platten Nase, seinen großen Glubschaugen und großen Fledermausohren. Bekleidet war es mit einer Art Tunika aus hellblauem Stoff.


Snape deutete auf das Geschöpf und sagte mit gelangweilter Miene: „Das ist Wendy.“ Angesichts Hermines ratloser Miene fügte er hinzu – sein Ton glich dabei einem Nachhilfelehrer, der seinem minderbemittelten Schüler eine einfache Aufgabe zum dritten Mal erklärt – „Wendy ist eine Hauselfe. Das sind bei uns die Babysitter - oder ganz allgemein gesagt - Dienstboten. Sie wird sich um Ihre Tochter kümmern.“ Hermine sah die Hauselfe zweifelnd an.


Wendy sagte mit piepsiger Stimme: „ Miss gehen mit mir. Wendy zeigt Ihnen Ihr Zimmer und kümmert sich um die kleine Miss.“ Hermines Misstrauen legte sich etwas. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass dieses seltsame Geschöpf etwas Böses im Sinn hatte. Wendy trippelte voraus, öffnete mit einem Fingerschnipsen die Tür, ging durch einen kurzen Flur und öffnete eine weitere Tür. Dann standen sie in einem hellen Schlafzimmer, das mit einem Himmelbett ausgestattet war. Ansonsten befanden sich noch ein Schrank, eine Frisierkommode, zwei Sesselchen sowie ein Tisch mit 2 Stühlen in dem Zimmer. Wendy öffnete die Tür zu einem weiteren, kleineren Schlafzimmer, das ein Kinderbett und einen Schrank, ein Kinderstühlchen sowie ein paar Spielsachen enthielt, wie Hermine auf den ersten Blick feststellen konnte. Eine weitere Tür führte in ein geräumiges, altmodisch ausgestattetes Badezimmer.


Hermine ließ Bianca auf den Boden herunter und die beiden sahen sich um. Bianca schien ganz fasziniert von der Hauselfe, die sie mit großen Augen betrachtete. Wendy fragte: „Wie heißt die kleine Miss?“ „Bianca“, erwiderte das Mädchen ernst. „Hat Bianca Hunger und Durst?“, fragte die Hauselfe. Bianca nickte eifrig.


Wendy schnippte daraufhin mit den Fingern und auf dem Tisch erschien ein Tablett mit belegten Broten, Kuchen und ein Saftkrug mit einem Glas. Wendy schenkte eine goldgelbe Flüssigkeit von dem Krug in das Glas und reichte es dem Kind. Bianca trank begierig. „Schmeckt gut“, sagte sie. Hermine nahm ihr das Glas aus der Hand, probierte ebenfalls und sagte: „Das ist wirklich gut. Was ist das?“


Kürbissaft, Miss“, piepste Wendy. „Miss sollten aber wieder zu Professor Snape gehen. Er wartet auf Sie“, fügte die Elfe etwas ängstlich hinzu. „Wendy kümmert sich um Miss Bianca.“


Hermine beugte sich zu ihrer Tochter hinunter. „Mami muss noch einmal fort. Du bleibst hier und Wendy bringt dich ins Bett, wenn du gegessen hast. Ist das so gut für dich, mein Schatz?“ Bianca überlegte einen Moment, sah Wendy an und nickte dann wieder ernsthaft. „Ja. Mami.“


Schlaf schön, mein Liebling“, sagte Hermine zärtlich, „Mami ist bald wieder da.“ Mit einem weiteren Blick auf ihre Tochter und die Hauselfe, die wirklich rührend besorgt um Bianca schien, ging sie hinaus und mit schnellen Schritten in das Wohnzimmer zurück, wo Snape, einen Arm auf den Kaminsims gestützt, auf sie wartete.


Bei seinem Anblick erlosch das Gefühl der Beruhigung, das sie angesichts des Zimmers und der Hauselfe, die sich um ihre Tochter kümmerte, empfunden hatte und das Gefühl der Furcht, begleitet von Wut, stieg wieder in Hermine hoch. Snapes Miene war Verachtung und eine gewisse Arroganz zu entnehmen. Wahrscheinlich war es unter seiner Würde, sich um die Belange seiner …Gefangenen, Sklavin oder was auch immer sie war, selbst zu kümmern. Noch dazu einer Gefangenen, die von seiner Welt nicht die geringste Ahnung hatte, aber ihm assistieren sollte. Seiner Welt? Was war das für eine Welt?


Hermine öffnete den Mund, um genau diese Frage zu stellen. Bevor sie jedoch etwas äußern konnte, hob Snape die Hand, um ihr zu bedeuten, dass sie schweigen sollte. Dann zog er wiederum – diesmal allerdings beide Augenbrauen hoch und sagte in einem neutralen Tonfall, in den er eine Winzigkeit Verachtung legte: „Sie befinden sich hier in der Welt der Hexen und Zauberer. Diese existiert neben der Welt der nicht magischen Menschen, die wir Muggel nennen. Sie waren – obwohl muggelstämmig – selbst ein Teil dieser Welt. Sie haben die Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei besucht und waren dort die beste Schülerin.“


Hermine wollte ihn mit der Frage unterbrechen, woher er das alles wusste und woher er sie kannte, doch Snape hob wiederum die Hand.


Sie waren natürlich nicht nur die Beste, sondern auch diejenige, die sich durch ihre Wissbegierde und ihre ständige Besserwisserei hervorgetan hat.“ Ein höhnisches Lächeln umspielte Snapes Lippen. „Aber nichts desto trotz haben Sie – in Begleitung ihrer beiden Freunde Potter und Weasley – ständig die Schulregeln gebrochen, was Ihnen aber fast nichts geschadet hat, da der Direktor, Professor Dumbledore, ständig seine schützende Hand über Sie alle, besonders aber über Potter, gehalten hat. In Hogwarts gibt es 4 Häuser, denen die Schüler zugeteilt werden. Sie werden – ihren persönlichen Fähigkeiten entsprechend – magisch ausgewählt. Sie und Ihre Freunde waren natürlich in Gryffindor“ – Snape schürzte verächtlich die Lippen – „wo angeblich die mutigsten und tapfersten aller Magier herkommen. Sie fragen sich, woher ich das alles weiß – nun, ich war 6 Jahre lang Ihr Lehrer.“


Hermine stand starr vor Erstaunen da. Sie klappte den Mund auf, ohne ein Wort hervorzubringen, als sie die immer unwahrscheinlicher klingenden Dinge aus ihrem bisherigen Leben hörte. Insbesondere die Ankündigung, dass dieser Mensch ihr Lehrer gewesen sein sollte, machte sie fassungslos. Er gehörte doch eindeutig zu den bösen Leuten, die sie überfallen und gefangen genommen hatten. Und wer waren die Freunde, die Snape erwähnt hatte? Sie kannte niemanden mit diesen Namen. Sie hatte wohl ein paar Freunde gehabt – in Kent, wo die Familie früher gewohnt hatte – und in Oxford waren unter ihren Kommilitonen ebenfalls ein paar Freunde.


Andererseits zweifelte sie nicht an Snapes Worten. Ihr Gefühl sagte ihr, dass er zwar ein Bösewicht, aber kein Lügner war.


Warum weiß ich nichts mehr von all dem?“, flüsterte sie fassungslos.


Weil Sie die Zaubererwelt verlassen haben. Sie haben Ihren Zauberstab abgegeben und das Ministerium hat Ihr Gedächtnis verändert. Die Erinnerungen an Hogwarts wurden beseitigt und dafür wurden Ihnen Erinnerungen an eine Muggelschulzeit eingegeben.“


Hermine sah ihn immer noch fassungslos an. „Das Ministerium? Welches Ministerium?“, fragte sie.


Das Zaubereiministerium“, entgegnete Snape, nun schon deutlich ungehaltener. Geduld schien wohl nicht zu seinen Stärken zu zählen.


Aber warum soll ich Ihnen dann nützlich sein? Und was passiert mit meiner Tochter? Und mit dem kleinen Jungen?“


Sie fragen zuviel“, antwortete er kurz. „Der Junge wird vom Dunklen Lord benötigt, um ein weiteres Ziel in der Ausweitung seiner Macht zu erreichen. Ihre Tochter bleibt hier, wie Sie schon gehört haben, zusammen mit Ihnen – falls – „ und er sah sie dabei drohend an, „Sie mir nützlich und gehorsam sind.“


Hermines Stolz bäumte sich auf. „Ich soll also Ihre Sklavin sein? Niemals!“


Sie erwartete eine scharfe Antwort, doch er erwiderte sanft: „Haben Sie denn eine Wahl?“


Hermine sah ihn an. Snape schürzte wiederum höhnisch die Lippen. Er wusste, dass er gewonnen hatte.


Sie hatte keine Wahl.


Was musste sie für Snape tun?’, fragte sich Hermine ängstlich. Ihm assistieren? In welchen dunklen Angelegenheiten? Und für welche geheimnisvollen Zwecke? Und würde die Assistenz in seiner Laborarbeit enden oder erwartete er noch mehr von ihr? Sie musterte ihn verstohlen. Er war kein attraktiver Mann im herkömmlichen Sinn. Dazu war er viel zu abweisend und kalt.


Sie haben mir immer noch nicht gesagt, was ich tun soll“, begann sie nochmals.


Er fauchte sie an. „Sie wollten ja schließlich die ganze Zeit andere Dinge hören, nicht wahr? Was haben Sie denn in den letzten, sagen wir 3 Jahren gemacht? Wissen Sie das noch?“


Ja“, fauchte Hermine zurück. „Stellen Sie sich vor, der Unfall war vor ungefähr dreieinhalb Jahren. Seither funktioniert mein Gedächtnis wieder einwandfrei“.


Snape hob ruckartig den Kopf. „Welcher Unfall?“, fragte er scharf.


Der Bootsunfall, bei dem, bei dem….Biancas Vater umkam.“ Hermines Stimme war kaum noch zu hören. „Ich kann mich gar nicht erinnern. Sie haben es mir erzählt. Ich hatte eine Amnesie. Als ich wieder zu Bewusstsein gelangte, zogen meine Eltern fort und ich ging nach Oxford, um zu studieren.“


Eine Amnesie.“ Seine Stimme war tonlos. Hermine schwieg. Jedes Mal, wenn sie daran dachte, wie Biancas Vater ums Leben gekommen sein musste, wurde ihr schlecht und sie hatte ein unwirkliches Gefühl dabei. Sie konnte sich überhaupt nicht mehr an ihn erinnern - weder an sein Aussehen noch an seine Stimme oder sein Wesen. Es war ihr persönlicher Albtraum. Und sie fürchtete bis zum heutigen Tag nichts so sehr wie die Frage Biancas nach ihrem Vater. Eine Frage, die das Kind zweifelsohne stellen würde. Und auf die Hermine keine Antwort wusste.


Doch nun kam ihr der Gedanke, dass das vielleicht gar nicht so war. Dass Biancas Vater vielleicht in der Welt zu finden war, in die sie am heutigen Tag wieder zurückgeschleudert worden war.


Snape wurde nun richtig ungeduldig. „Bevor Sie sich weiteren Tagträumen hingeben“, sagte er schneidend, „werden Sie sich in mein Labor bemühen. Wir werden dort Ihre magischen Fähigkeiten testen.“


Er durchquerte mit großen Schritten den Raum und öffnete eine Tür in einer Nische Diese zeigte eine Wendeltreppe, die offenbar abwärts führte. Hermine beeilte sich, Snape zu folgen, um ihn nicht noch mehr zu verärgern.



Kapitel 5

Hogwarts – ein Schloss mit vielen Türmen hoch über einem großen See. Die untergehende Wintersonne spiegelte sich in den Fenstern der Großen Halle und alles wirkte auf den ersten Blick wie immer.


Doch wer die Schule kannte, dem fiel bei näherem Hinsehen auf, dass sich kein Leben zu regen schien. Obwohl der Unterricht für den Nachmittag vorbei sein musste, war auf dem Quidditschfeld kein einziger Schüler, geschweige denn ein ganzes Quidditsch-Team auf seinem Besen unterwegs.


Auch die Hütte von Hagrid schien verlassen. Kein Rauch kräuselte über dem Kamin, kein Fang bellte und keine seltsamen magischen Geschöpfe waren um die Hütte herum zu bemerken. Auch im Schlosshof befanden sich keine Schüler und keine Lehrer. Nicht einmal Filch, der Hausmeister, streifte umher. Wenn nicht beim Hinsehen Lichter hinter den Fenstern geleuchtet hätten, hätte der Betrachter meinen können, das Schloss sei verlassen.


Professor McGonagall, die Schulleiterin, sah aus ihrem Bürofenster hinunter auf den verlassenen Schulgrund und seufzte. Es war nicht einfach, die Schüler im Haus zu behalten. Ihr natürlicher Bewegungsdrang wurde gebremst und Konflikte brachen viel häufiger aus als sonst. Aber es war viel zu gefährlich, die Schüler bei hereinbrechender Dunkelheit nach draußen zu lassen. Seitdem Professor Dumbledore tot war und Voldemort immer mehr an Macht und Einfluss gewann, wurde es immer schwieriger, die Schule und seine Insassen zu schützen. Die mächtigen Banne und Zauber, die Dumbledore einst gelegt hatte, existierten zwar noch, aber Professor McGonagall wusste nicht, ob und wann sie von den Anhängern des Dunklen Lords überwunden werden konnten.


Nach Dumbledores Tod war Voldemort der mächtigste Magier – das wurde sogar vom Zaubereiministerium so gesehen. Unter vorgehaltener Hand zwar, aber Minerva McGonagall hatte dies aus Scrimgouer herausgekitzelt, als er die drastischen Sicherheitsmaßnahmen für Hogwarts einführte. Die Welt der weißen Magier hatte dem Dunklen Lord niemand Ebenbürtigen entgegenzusetzen. Jedenfalls war nichts darüber bekannt, dass es einen Magier geben könnte, der Voldemort bezwingen konnte.


Mit Ausnahme von Harry Potter.


Dieser junge Mann hatte es als Baby fertig gebracht, den Dunklen Lord um seine Macht zu bringen. Wie das genau passierte, konnte niemand sagen. Nicht einmal Dumbledore hatte es gewusst; er konnte es nur ahnen und seine Vermutungen an Harry weitergeben. Nach ihrer Aurorenausbildung war Harry zusammen mit Ron aufgebrochen, um die fehlenden Horcruxe zu suchen und zu vernichten. Denn erst wenn Voldemorts Seelenstückchen zerstört waren, konnte Harry ihm selber gegenüber treten und ihn zum finalen Kampf stellen.


Minerva McGonagall dachte oft an Harry Potter und seinen treuen Weggefährten Ronald Weasley, den alle Welt nur Ron nannte. Sie hatte Angst um die beiden, die sich auf den unendlich gefährlichen Weg begeben hatten und von denen sie schon seit Monaten nichts mehr gehört hatte. Sie wusste nur, dass die beiden in Harrys Elternhaus in Godrics Hollow waren und dort wichtige Hinweise erhalten hatten. So viel hatte ihr Harry per Eulenpost mitgeteilt. Allerdings hatte er gleichzeitig geeult, dass er aus Sicherheitsgründen keine weiteren Nachrichten mehr senden könne, da man nicht genau wisse, in welchem Umfang die Eulenpost bereits von Voldemorts Leuten unterwandert sei. Er hatte ihr ausrichten lassen, dass alles in Ordnung sei, so lange sie nichts Gegenteiliges hörte. Professor McGonagall hätte dies nur zu gern geglaubt.


Sie war nicht nur um Harry besorgt, weil er anscheinend der einzige Zauberer war, der Voldemort besiegen konnte, sondern weil sie ihn und seine Freunde mochte. Sie hatten sie zwar in ihrer Schulzeit des Öfteren auf die Palme gebracht (Hauslehrerin des Potterschen Trios zu sein war eine Zumutung!), aber sie schätzte den Mut und die Intelligenz, die den meisten ihrer Handlungen zugrunde lag. Für das Thema Intelligenz war eigentlich ein Mitglied des Trios zuständig, das den beiden anderen nicht mehr zur Seite stand. Hermine Granger hatte die Zaubererwelt nach Dumbledores Tod überraschend verlassen. Sie gab als Grund an, dass sie sich in der Welt der Muggel sicherer fühlen würde und ihre Eltern sie gern wieder in ihren eigenen Reihen hätten. Sie hätte auch in der Muggelwelt eine gute Zukunftschance. Der Tod Dumbledores und die Umstände, dass ein Lehrer seinen Tod verursacht hatte, dem sie und ihre Freunde sechs Jahre lang vertraut hatten (trotz dessen ständiger Ungerechtigkeiten), brachten Hermine zu der Erkenntnis, dass ihr Vertrauen in die Zaubererwelt so nachhaltig erschüttert sei, dass sie diese verlassen müsse.


Niemand konnte sie umstimmen. Hermine war in diesen Tagen anders als sonst. Sie war verschlossen, sprach kaum etwas und kapselte sich total ab. Professor McGonagall, die vermutete, dass Hermine sich die Schuld gab, dass Snape aus seinem Büro in den Turm gelangen konnte, versuchte ihr dies in einem ernsthaften Gespräch auszureden. Doch das sei nicht der Grund für ihre Entscheidung, hatte Hermine ihr versichert. Sie wolle wieder zurück zu ihren Eltern und „ihrer“ Welt, wie sie sich ausrückte.


Harry und insbesondere Ron wirkten verzweifelt angesichts Hermines Flucht, wie sie es nannten. Doch auch die beiden konnten nichts ausrichten. Hermine gab ihren Zauberstab beim Ministerium ab, ihr Gedächtnis wurde verändert und sie würde keine Ahnung mehr haben von den sechs Schuljahren in Hogwarts. Und niemand wusste, wo sie war. So waren die Regeln, wenn jemand die Zaubererwelt verließ. Das Ministerium legte einen Schutzzauber auf die Person und diese war unauffindbar.


Auch in Hogwarts selbst hatte sich viel verändert. Die Schule wurde unter größten Sicherheitsvorkehrungen weiterbetrieben. Eine davon war die Ausgangssperre bei Dunkelheit. Eine weitere war ein allgemeines Quidditsch-Verbot, was die Schüler und die Lehrer noch härter traf. Somit konnten sich die Emotionen der jungen Zauberer nicht mehr in sportlicher Betätigung abbauen, was die Aggressivität untereinander steigerte.


Sie hatten als Ersatz Duellierclubs eingeführt, wo gleichzeitig die Abwehr gegen feindliche Zauber und dunkle Künste trainiert wurden. Das half. Hinzu kam, dass nur drei der vier Häuser von Hogwarts weiterbetrieben werden durften. Wen der Sprechende Hut nach Slytherin stecken wollte, wurde wieder nach Hause geschickt. Diese Maßnahme führte zu viel Unmut bei den Zaubererfamilien, die Anhänger von Slytherin waren. Sie verwiesen mit Recht darauf, dass längst nicht alle Anhänger Voldemorts aus Slytherin kamen und dass andererseits längst nicht alle ehemaligen Slytherin-Schüler Anhänger Voldemort wurden.


Doch das Ministerium blieb hart. Scrimgouer wollte damit wieder einmal ein Exempel statuieren und Stärke demonstrieren. Minerva McGonagall war nicht glücklich darüber, dass bestimmte Schüler ausgeschlossen wurden. Sie fand es zum einen ungerecht, zum anderen schlicht dumm. Denn die Eltern der abgewiesenen Schüler waren natürlich höchst verärgert und einige liefen aus diesem Grund zum Dunklen Lord über oder schickten ihre Kinder nach Durmstrang, das sich inzwischen offen zu Voldemort bekannte. Andererseits hielten sich durch die Schließung Slytherins die Feindseligkeiten der Schüler untereinander in Grenzen. Trotzdem – das Zaubererinministerium hatte kein Recht, einen Gründer Hogwarts zu verdammen. Professor Dumbledore hätte dies auch nicht zugelassen. Wieder einmal zeigte sich, wie sehr er fehlte.


Ein Klopfen an der Tür schreckte sie aus ihren Grübeleien auf. „Herein!“, rief sie und ein Mann und eine junge Frau traten ein. Der Mann war etwa 40 Jahre alt, doch sein Haar war bereits von grauen Strähnen durchzogen und hing zerzaust um sein schmales Gesicht. Seine Augen waren braun und mit goldenen Sprenkeln versehen. Seine Stimme klang erschöpft und heiser, als er sagte: „Es ist schon wieder passiert, Professor McGonagall.“


Minerva McGonagall sah auf. „Wer ist es diesesmal?“, fragte sie angstvoll.


Der Sohn von Brian und Allison McGregor“, antwortete die junge Frau. Auch sie war blass und dünn mit hellbraunen Haaren und traurigen Augen.


Ist er tot, Nymphadora?“, fragte Professor McGonagall.


Nein“, erklärte Nymphadora Tonks. „Entführt.“


Minerva McGonagall schloss die Augen. „Und was will er diesesmal?“, fragte sie erschöpft.


Er will, dass die Anhänger Slytherins wieder in Hogwarts aufgenommen werden. Und er verlangt, dass Lucius Malfoy rehabilitiert und wieder Schulbeirat wird.“


Lucius Malfoy ist ein verurteilter Verbrecher, der aus Askaban ausgebrochen ist“, entgegnete Professor McGonagall scharf. „Scrimgouer kann das nicht akzeptieren.“


Der Minister hat eine Sitzung des Vorstands des Zauberergamots einberufen. Ich habe gerade die Eule in Empfang genommen. Heute Abend um 20 Uhr.“ Minerva McGonagall nickte dem Mann, der kein anderer als Professor Lupin war und der wiederum Verteidigung gegen die Dunklen Künste in Hogwarts unterrichtete, mit sorgenvoller Miene zu.


Als die beiden gegangen waren – Tonks war noch immer eine der Auroren, die das Zaubereiministerium zum Schutz Hogwarts abgestellt hatte – wandte sie sich dem Porträt von Albus Dumbledore zu, der sie mit seinen hellblauen Augen über der halbmondförmigen Brille mit leicht gerunzelter Stirn musterte. „Oh Albus“, seufzte sie, „wenn wir Sie doch nur noch an unserer Seite hätten!“


Was wäre dann anders, meine Liebe?“, fragte das Abbild von Albus Dumbledore sanft. „Sie wissen doch, dass nur einer Voldemort besiegen kann. Und das ist der junge Harry Potter. Wir haben ihm das Rüstzeug dafür während seiner Schulzeit gegeben. Haben Sie Vertrauen in den Jungen.“ Ein kehliges Lachen entfuhr dem Abbild von Albus Dumbledore. „Dem jungen Mann, muss ich wohl sagen.“, korrigierte er sich.


Ja, Albus, er ist inzwischen 20 Jahre alt. Und ich habe schon so lange nichts mehr von ihm gehört. Ich hoffe sehr, dass er noch lebt und dass es ihm gut geht.“


Das tut es, seien Sie versichert, Minerva. Im anderen Fall hätten Sie etwas darüber gehört.“


Minerva McGonagall musterte das Porträt scharf. „Wieder eine Ihrer Spezialitäten, Albus? Welchen Extra-Zauber haben Sie sich denn wieder ausgedacht?“


Doch der Albus Dumbledore auf dem Porträt lächelte nur spitzbübisch und schwieg.


Minerva McGonagalls Miene veränderte mit einemmal. Ihre Züge wurden hart und sie sagte in einem scharfe Ton: „Wenn Sie doch nur Snape nicht so bedingungslos vertraut hätten. Dann hätten wir Sie noch an unserer Seite und wären für den Kampf mit „Du-weißt-schon-wem“ viel besser gerüstet.“


Albus Porträtabbild wurde sehr schnell wieder ernst. „Ich habe Severus Snape immer vertraut“, sagte er. „Bitte sagen Sie mir doch, woher Sie das Vertrauen nahmen.“ Minerva McGonagall wusste, dass sie keine Antwort auf diese Frage bekommen würde. Und tatsächlich verstummte der Albus Dumbledore auf dem Porträt und nahm eine steife Haltung in. Minerva seufzte wieder. Der Gedanke an Snape versetzte sie stets in Wut, gemischt mit Verzweiflung. Sie hatte es nie verwunden, dass ein so langjähriger Kollege eine solche Tat begehen konnte. Auch wenn sie und Snape nicht die dicksten Freunde waren, so hatten sie sich doch gegenseitig Respekt gezeigt. Und Snapes Brillanz als Zauberer war unumstößlich. Minerva kannte mit Ausnahme von Dumbledore und Voldemort keinen Zauberer, der über größere magische Fähigkeiten verfügte und begabter war als Severus Snape. Daraus leitete sich auch ihre Verzweiflung ab. Sie hatten mit einem Schlag die 2 besten Zauberer verloren, die ihre Welt kannte. Albus Dumbledore war gestorben und Severus Snape war zur anderen Seite gewechselt. Oder wieder dorthin zurückgekehrt, wo er schon immer gestanden hatte.


Minerva seufzte ein weiteres Mal und bereitete sich auf die Sitzung beim Zauberergamot am Abend vor.



Kapitel 6

Hermine war hinter Snape die lange Wendeltreppe hinuntergeeilt. Das Treppenhaus wurde lediglich von ein paar Fackeln erhellt und sie musste gut aufpassen, um in dem Halbdunkel nicht zu stolpern. Snapes Labor musste sich in den Kerkern des Schlosses befinden, denn die Luft wurde immer kälter, je weiter sie hinunterstiegen. Vor einer eisernen Tür machte Snape halt, zückte seinen Zauberstab und murmelte etwas Unverständliches.


Die Tür öffnete sich und sie betraten einen runden Raum, dessen Wände mit Regalen bestückt waren. In den Regalen standen Flaschen und Schachteln sowie Gefäße mit wie es schien, konservierten Tierwesen. Hermine schauderte. Nicht nur wegen der kalten Luft, sondern vor allem, weil ihr die Atmosphäre so gespenstisch vorkam. ‚Wie in Frankensteins Labor’, dachte sie sich und schüttelte sich innerlich.


Snape musterte sie mit seinem üblichen kalten, leeren Blick, ging zum Kamin und sagte mit einem Schwung seines Zauberstabs: “Fuego.“ Sofort brannte im Kamin ein Feuer, das den Raum in kurzer Zeit in erträgliche Temperaturen hüllte. Dann brachte er einige Fackeln mit kurzem Antippen seines Zauberstabs zum Erstrahlen. Durch die Wärme und das Licht verlor der Raum viel von dem gespenstischen Eindruck, der Hermine so erschreckt hatte. Snape ging zu dem großen Schreibtisch, zog einen weiteren Zauberstab daraus hervor und reichte ihn Hermine. Dann deutete er auf eine Tasse und sagte, sie solle sie zum Schweben bringen. Er zeigte ihr, wie sie ihren Zauberstab schwingen und welchen Zauber sie benutzen sollte.


Hermine sah zunächst zweifelnd drein, aber als sie den Zauberstab hob und schwang, wusste sie plötzlich, dass sie es konnte. Sie wusste nicht, was sie mit „Wingardium Leviosa“ schon alles zum Schweben gebracht hatte, aber sie ließ die Tasse problemlos durch den Raum schweben und stellte sie vorsichtig auf den Tisch zurück.


Snapes Miene ließ Befriedigung erkennen. „Das war immerhin ein Anfang“, bemerkte er in neutralem Ton und ließ weitere Aufgaben folgen: die Verwandlung eines Kerzenständers in eine weiße Maus sowie die Lähmung des Tierchens, als dieses die Flucht ergreifen wollte, klappte reibungslos.


Sie scheinen noch über alle Ihre magische Fähigkeiten zu verfügen“, meinte er mit leicht spöttischer Miene. „Ich werden Ihnen deshalb eine Menge Stoff zum Üben geben, solange ich weg bin.“


Hermine hob den Kopf. „Sie gehen weg?“ Ihre Stimme hatte einen leicht panischen Klang. Obwohl sie ihn mit großem Misstrauen begegnete, erschien er ihr jetzt, da er sie verlassen würde, als das einzig Verlässliche in dieser seltsamen Welt und sie hatte Angst um ihre Tochter und um sich, wenn sie plötzlich auf sich allein gestellt waren.


Wo gehen Sie hin? Wie lange bleiben Sie weg? Was geschieht so lange mit uns?“


Snapes Miene verfinsterte sich bei diesen hastig hervorgesprudelten Fragen. „Ich habe Ihnen schon einmal gesagt: Sie fragen zuviel!“, fauchte er sie an. Denken Sie daran, was ich vorhin gesagt habe und tun Sie, was ich Ihnen befohlen habe: Lernen Sie zaubern! Sie werden dieses Labor benutzen. Sie können über alles verfügen, was Sie dazu brauchen. Alles andere“ - Snape blickte Hermine drohend an – „lassen Sie gefälligst in Ruhe! Verstanden?“ Seine dunklen Augen funkelten sie in beeindruckend böser Weise an. „Diese Einrichtung hier ist durch besondere Zauber geschützt. Ich rate Ihnen, keine davon durchbrechen zu wollen. Im Übrigen wird Wendy für Sie sorgen. Sie müssen nur mit dem Zauberstab, den Sie von jetzt an immer mit sich führen werden, die Glocke in Ihrem Zimmer oder im Wohnzimmer, das Sie als Bibliothek nutzen können, zu berühren und Wendy wird erscheinen. Sie werden mit niemand Anderem hier Kontakt haben. Sie haben gehört, was der Dunkle Lord verfügt hat: Sie stehen ausschließlich mir zur Verfügung. Ihre Tochter kann sich den anderen Kindern hier anschließen; Wendy wird sie zum Spielplatz bringen und wieder holen.“


Hermine sah skeptisch drein. „Wird ihr dort auch nichts geschehen? Die anderen Kinder sind doch Zaubererkinder. Werden sie Bianca akzeptieren?“


Snape betrachtete Hermine wie eine Nachhilfeschülerin, die ihn einen ganzen Nachmittag aufgehalten hatte, ohne irgendetwas zu kapieren. „Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit Kindern, die zugegebenermaßen älter waren als Ihre Tochter, haben diese ihre eigenen Gesetze. Ich glaube kaum, dass sich in der Beziehung Zaubererkinder wesentlich von Muggelkindern unterscheiden. Ihre Tochter muss sich hier und dort behaupten, meinen Sie nicht? Und was die magischen Fähigkeiten betrifft, die Sie als gefährlich einstufen: Wer sagt Ihnen denn, dass die Kleine nicht auch darüber verfügt? Immerhin hat sie eine Mutter, die Klassenbeste in der besten Schule für Hexerei und Zauberei war.“


Hermine schwirrte der Kopf bei diesen Worten. Selbstverständlich war es möglich, dass auch Bianca magische Kräfte besaß. Aber alles war so neu für Hermine und so unfassbar. Und sie hatte noch so viele Fragen an Snape, aber er wollte sie verlassen! Sie konnte nicht an sich halten und fragte weiter: „Wenn Sie Lehrer an der besten Schule für Hexerei und Zaubererei waren, warum sind Sie von dort weggegangen? Und wer ist der Dunkle Lord? Herrscht er über die Zaubererwelt? Und was ist mit dem Ministerium? Ich begreife das alles nicht!“


Snape hatte ihr mit wachsender Ungeduld zugehört. Er sagte mit gefährlich leiser Stimme: „Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass Sie zu viele Fragen stellen?“


Hermine und fauchte ihn wütend an: „Stellen Sie sich doch mal vor, nur spaßeshalber, Sie landen in einer für Sie völlig fremden Welt, in der furchtbar viele Menschen Sie kennen. Sie selbst kennen natürlich niemanden. Was würden Sie tun? Das Ganze als Abenteuer auffassen, so wie im ‚Planet der Affen?’ Oder gar ganz lustig wie ‚Pipi in Takatukaland?“ Snape sah bei diesen Worten ganz und gar verdattert drein und Hermine musste grinsen. Offensichtlich verstand er nur Bahnhof. Vorausgesetzt, es gab so etwas wie Bahnhöfe in seiner Welt, wie sich Hermine insgeheim zynisch fragte.


Snape hatte sich inzwischen wieder gefasst und entgegnete scharf: „Ich habe nicht die geringste Ahnung, was Sie mit diesen Muggelbegriffen zum Ausdruck bringen wollen. Aber ich rate Ihnen, sich so bald als möglich mit unserer Welt anzufreunden. Sie wird, wie ich vermute, für einige Zeit Ihre Heimat werden. Und da Sie ja doch nicht aufhören werden mit Ihrer lästigen Fragerei, werde ich Ihnen Folgendes sagen: Der Dunkle Lord ist zurückgekommen, nachdem er 13 Jahre lang verschwunden war. Zuvor hatte er viele Anhänger um sich geschart und war auf dem besten Weg, die Herrschaft über die Zaubererwelt an sich zu reißen. Er wurde – so unwirklich das klingen mag – von einem einjährigen Kind um seine Macht gebracht. Er wollte das Kind töten und ist dabei selbst fast gestorben. Das Kind hieß Harry Potter.“


Den Namen habe ich schon gehört. Vorhin in der Großen Halle hat ihn jemand erwähnt.“, keuchte Hermine aufgeregt.


Ja, genau“, entgegnete Snape, „und vielleicht haben Sie auch vernommen, dass Sie und Harry Potter die besten Freunde in Hogwarts waren. Abgesehen von Ronald Weasley, der den dritten Teil des Trios bildete.“ Aus Snapes Stimme war deutlicher Abscheu zu entnehmen.


Doch Hermine achtete nicht darauf; sie war vielmehr völlig perplex von den ganzen Eindrücken, die sich ihr heute aufgetan hatten.


Und Sie?“, flüsterte sie atemlos. „Welche Rolle haben Sie dabei gespielt? Professor Snape?“


Snape drehte sich ruckartig zu ihr um. „Warum nennen Sie mich so?“


Wendy hat diese Bezeichnung für Sie gewählt“, antwortete Hermine.


Snape schürzte die Lippen, ging aber nicht weiter darauf ein. „Meine Rolle in dem Spiel war die des Kundschafters des Dunklen Lords bei dem Direktor von Hogwarts. Albus Dumbledore war sein größter Feind. Ich schlich mich in Hogwarts ein, gewann Dumbledores Vertrauen und konnte so meiner Rolle bestens gerecht werden.“


Sie sagten, Dumbledore war der größte Feind des Dunklen Lords? Ist er das jetzt nicht mehr?“


Nein“, entgegnete Snape kurz. „Dumbledore ist tot. Ich habe ihn getötet. Das erklärt auch, warum ich nicht mehr an der Schule unterrichte.“


Hermine verschlug es die Sprache. Alle Ängste, die sich in den letzten Stunden ein wenig gelegt hatten, kehrten zurück. Sie war in den Händen eines Mörders, in den Händen von vielen Mördern, wie sie vermutete. Und vermutlich würden ihre Tochter und sie dieses Abenteuer nicht überleben. Bevor jedoch die Panik sie überwältigte, riss sie sich zusammen und sagte: „Dann sind Sie jetzt also wieder an Ihrem angestammten Platz? Als Favorit des Dunklen Lords?“


Snape entgegnete nur: „Ich rate Ihnen, kümmern Sie sich nur um die Dinge, die Sie und Ihre Tochter betreffen, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist. Ich werde jetzt gehen. Das Passwort für meine Räume lautet: “Halbblutprinz.“


Mit diesen Worten drehte Snape sich um und verließ das Labor, ohne sich noch einmal umzudrehen oder ihr einen Abschiedgruß zu entbieten.



Kapitel 7

Doch alles Fluchen half nichts, wie Harry Potter ganz genau wusste. Er musste in dieses verdammte Haus gelangen. Er versuchte sich zu erinnern, was Dumbledore ihm alles über Tom Riddle verraten hatte, damals im 6. Schuljahr, in ihren Privatstunden. Durch die Beschreibung von Voldemorts oder vielmehr Tom Riddles Charakter und Vergangenheit mussten sich Hinweise auf den Zugang zu dem Haus ergeben. Etwas anderes hatte Harry nicht zur Verfügung. Er hatte keine Auroren um sich geschart und auch keine anderen Helfershelfer, die ihm den Weg freimachten. Er war auf sich allein gestellt – mit Ron an der Seite natürlich. Das war ungeheuer wertvoll, dachte Harry. Wäre Ron nicht an seiner Seite, dann hätte er die Suche längst aufgegeben, irgendwo auf Voldemort gewartet und sich zum finalen Kampf gestellt. Wider besseres Wissen, denn es genügte ja nicht, Voldemort in seiner jetzigen Gestalt zu töten, solange er über weitere Seelenstückchen verfügte. Erst wenn das letzte Horcrux vernichtet war, konnte Voldemort selbst tödlich getroffen werden.


Und Harry wusste auch, dass noch ein weiter Weg vor ihm lag. Professor Dumbledore hatte angenommen, dass Voldemort seine Seele in insgesamt 7 Teile gestückelt hatte. Harry hatte inzwischen herausgefunden, um welche Gegenstände oder Teile es sich bei den Seelenstückchen von Voldemort handelte oder handeln konnte und ihm war inzwischen auch bekannt, wo weitere Horcruxe versteckt sein mussten. Er listete sie im Geist wieder einmal auf:


  1. Das Tagebuch von Tom Riddle – vernichtet im 2. Schuljahr durch Harry.

  2. Der Ring Salazar Slytherins –vernichtet von Albus Dumbledore.

  3. Die Schlange Nagini – Dumbledore war sich sicher, dass Voldemort diesen äußerst schwierigen Zauber, ein lebendiges Tier als Horcrux zu benutzen, hinbekommen hatte.

  4. Die Tasse von Helga Hufflepuff – sie war hier, in diesem verdammten Haus! Harry war sich absolut sicher. Voldemort hatte ein Seelenstückchen – den Ring - im Haus seiner Mutter und ein weiters mit Sicherheit im Haus seines Vaters, das er zudem selbst einige Zeit bewohnt hatte, versteckt.

  5. Etwas aus dem Besitz von Gryffindor oder Ravenclaw. Harry hatte lange überlegt und war zu dem Schluss gekommen, dass es nichts aus Gryffindors Besitz sein konnte, da Godric Gryffindors einziges Erbe in dem Schwert bestand, das Harry im 2. Schuljahr gegen Tom Riddle zur Hilfe gesandt wurde. Also musste es etwas aus dem Besitz von Rowena Ravenclaw sein. Harry lag Nächte lang wach und meinte, sein Verstand wäre durch die von Voldemort zugefügte Narbe entwichen, als ihm plötzlich eine Idee kam. Bei den Ereignissen nach Voldemorts Rückkehr waren mehrere Menschen verschwunden, darunter auch der Hersteller von Zauberstäben – Mr Olivander. Doch man hatte nie davon gehört, dass plötzlich neue Zauberstäbe in den Händen von Voldemorts Anhängern aufgetaucht waren. Nach allgemeiner Meinung war der bedauernswerte Mr Olivander den Taten von ein paar mordlustigen Todessern zum Opfer gefallen. Die mordeten ja bekanntlich ohne erkennbaren Zusammenhang.

Aber was war, wenn sich in Mr Olivanders seit tausend Jahren bestehenden Geschäft einen Schatz verbarg, für den es sich zu töten lohnte? Tom Riddle war in seinen frühen Jahren weit herumgekommen und er hatte aus Geldmangel oder auch Neugierde viele Jobs angenommen. Warum auch nicht einen bei Mr Olivander? Der vielleicht einen weitaus kostbareren Schatz besaß, als er je zugegeben hätte? Den Zauberstab von Rowena Ravenclaw?

  1. Ein weiteres Horcrux befand sich im Hauptquartier des Ordens des Phönix. Harry hatte dies herausgefunden, als er das Haus am Grimmaudplatz, das ja sein Eigentum war, nach Andenken an Sirius durchsuchte. Doch er fand keine. Sirius Mutter hatte alles, was an den in ihren Augen missratenen Sohn erinnerte, vernichtet.

Harry verstieg sich sogar soweit, ihr Portrait nach Sirius zu befragen und erntete, wie nicht anders zu erwarten war, ein übles Gekreisch und schreckliche Beschimpfungen.

Und einen wichtigen Hinweis.

Außer den Schmähungen auf ihren Erstgeborenen, dieser Missgeburt, ertönte lautes Lob auf ihren zweiten Sohn.

Regulus Adolphus war ein braver Junge, der den Wert des Blutes zu schätzen wusste. Wenn er nicht durch diesen schrecklichen Unfall ums Leben gekommen wäre, würden sich hier keine Schlammblüter, Blutsverräter und anderes Drecksgesindel herumtreiben!’

Harry traf die Erkenntnis wie ein Blitz. Er schloss die Vorhänge vor dem Porträt mit soviel Energie, dass Mrs Blacks Geschrei in einem wüsten Gegurgel unterging. Was hatte sie geschrieen? Regulus Adolphus war ein braver Junge.

Regulus Adolphus Black. R.A.B.

Die Insel. Die Höhle. Der Gifttrank. Das falsche Horcrux. Und – das Amulett, das sie beim Putzen des Hauses gefunden hatten und das keiner öffnen konnte. Zum Glück konnte es niemand öffnen. Denn das Amulett von Voldemorts Mutter war ein weiteres Horcrux

  1. Das letzte und gefährlichste Horcrux war Voldemort selbst. Der Rest eines Menschen, der sein Menschsein immer unterdrückt hatte. Er hatte es vorgezogen, sich in eine Kreatur zu verwandeln, die jeder hasste und fürchtete, anstatt sich auf menschliches Zusammenleben einzulassen. Nur die Macht über Andere war für ihn lebenswert.


Harry schauderte, wie immer, als er an das dachte, was Voldemort darstellte oder darzustellen versuchte. Ron und er waren auf dem Weg nach Hogwarts, wo ein Treffen der Mitglieder des Ordens des Phönix stattfinden sollte. Harry hatte es angeregt. Nachdem er das echte Horcrux in der Vitrine im Wohnzimmer an sich genommen hatte (ohne den Versuch zu machen, es zu öffnen), beschloss er, nach Hogwarts zurückzukehren. In Hogwarts riesiger Bibliothek gab es vielleicht Hinweise auf die dunkle Magie, die dieses Schmuckstück umgab und die es vielleicht ermöglichte, es zu öffnen – ohne gleich selbst zu sterben. Oder sie konnten zumindest den Rat von dem einen oder anderen Schulleiter bekommen – „Wer weiß“, dachte sich Harry.


Doch bevor alle Ordensmitglieder zu dem es zu dem Treffen kommen konnten, vergingen noch ein paar Tage, die Harry nicht ungenutzt verstreichen lassen wollte. Er wollte die Tasse vernichten.


Neben ihm seufzte Ron, dass sich die windschiefen Bretter des Zauns bogen. „Sollen wir hier eigentlich Wurzeln schlagen oder gar verhungern oder verdursten?“


Harry wusste genau, woran Ron dachte: an das gemütliche Pub, in dem sie sich eingemietet hatten und das in der ganzen Gegend für seine genialen Lammkotletts bekannt war. Rons Appetit war genauso ungeschmälert wie in seiner Hogwarts-Zeit. Weder Voldemorts Eskapaden noch Hermines Verschwinden hatten daran etwas ändern können.


Doch Harry ignorierte Rons Einlassungen und zischte ihn an: „Du könntest vielleicht deine Gedanken von übervollen Tellern auf das kleine Problem des Überwindens der Schutzzauber hier richten! Das könnte möglicherweise auch deine Gier nach Abendessen in erreichbare Nähe rücken lassen.“


Ron antwortete leicht beleidigt: „Du bist ja schließlich fürs Denken bei dieser Sch… Mission zuständig. Ich bin nur dein getreuer Begleiter Ronald, der sich um dein Wohlbefinden kümmert und deine Anweisungen ausführt. Wenn du denn welche hast“, fügte Ron leicht gehässig hinzu. „Im Moment erscheinst du mir eher wie ein Mondkalb mit Zauberstab.“


Harry hörte nur mit halbem Ohr Rons quengeligen Kommentaren zu. Er war diese Art ja schon seit Beginn ihrer gemeinsamen Schulzeit gewohnt. Aber ein Stichwort blieb hängen. „Was hast du über Zauberstäbe gesagt?“, fragte Harry.


Nichts“, entgegnete Ron. Nur dass du ziemlich deppert dastehst und mit deinem Zauberstab rumfuchtelst.“


Das war es. Sein Zauberstab und Voldmorts waren Zwillinge. Sie waren aus dem gleichen Holz und ausgestattet mit einer Feder desselben Phönix. Also wenn Voldemort mit seinem Zauberstab das Haus magisch verschlossen hatte, konnte Harry dieses vielleicht magisch wieder öffnen. Er schwang also den Zauberstab und sagte: „Alohomora!“


Nach zwei Sekunden öffnete sich das Tor mit einem Quietschen. Harry und Ron betraten schleunigst das Grundstück, bevor es sich das Tor wieder anders überlegte und bevor Ron sich wieder von seiner Verblüffung erholt hatte. Auch die Haustür ließ sich mit dem gleichen Zauberspruch und Harrys Zauberstab öffnen. Mit Rons Zauberstab funktionierte das nicht. Die Erkenntnis, dass auch ihre Zauberstäbe sich unerwarterterweise in bestimmter Hinsicht glichen, erschien Harry äußerst bedeutsam für seinen Kampf gegen den Bösen Lord zu sein. Er hoffte, dass Voldemort keine Ahnung davon hatte, dass es diese Tatsache gab.


Als sie im Haus waren, blickte sich Harry suchend um fragte genervt: „Wo, zum Henker, fangen wir bloß an zu suchen?“


Diesmal hatte jedoch Ron eine Antwort parat. „Wo würdest du denn eine Tasse aufbewahren, Mann? Im Geschirrschrank natürlich!“


Harry sah seinen Freund an, stutzte kurz und grinste dann ein dermaßen breites Grinsen, das Ron schon lange nicht mehr bei ihm wahrgenommen hatte.


Mensch, Ron, du bist und bleibst der Beste! Natürlich - im Geschirrschrank!“


Er ging schnurstracks in die Küche, öffnete einen von den oberen Schränken und sah Kaffee- und Essgeschirr darin herumstehen. Harry wühlte sich durch das verstaubte Porzellan – Ron sah ihm über die Schulter – und sah in der hintersten Ecke eine Tasse stehen, die viel kleiner und unscheinbarerer war als das übrige, reichlich mit Goldrändern verzierte Geschirr.


Das muss sie sein“, keuchte Harry und wollte sich die Tasse greifen. Doch Ron zerrte ihn weg. „Mach keinen Scheiß, Mann!“, fauchte er. „Du kannst dir doch nicht einfach so ‚Mir-nichts-dir-nichts’ Voldemorts Seelenstückchen greifen und auf dem Boden zerdeppern. Ich wette, dagegen hat er einen kräftigen Schutzzauber eingebaut.“


Harry seufzte wieder und nickte. „Klar, Mann, du hast Recht. Beinahe hätte ich eine Riesendummheit begangen. Aber du kannst mir glauben, der Stress mit den Scheißhorcruxen nervt mich so langsam!“


Das kann ich dir echt nachfühlen, Junge“, erwiderte Ron. Und das ist noch lange nicht das Ende, selbst wenn es dir gelingt, das Ding irgendwie in tausend Stücke zu zerlegen.“


Wir müssen es aus seinem Versteck herausholen. Das kann ich wahrscheinlich mit meinem Zauberstab tun.“ Harry atmete tief ein, hob den Zauberstab und mit einem „Wingardium Leviosa“ schwebte ihnen die Tasse entgegen. So weit so gut. Sie gehorchte zwar Harrys Zauberstab, soweit es nur um die Veränderung ihres Standorts ging, aber das Horcrux würde sich wohl kaum freiwillig vernichten lassen.


Harry ließ die Tasse schweben, signalisierte aber Ron, sich in Sicherheit zu bringen. „Ich werde versuchen, sie zu zerstören, aber verlass du bitte das Grundstück. Falls etwas schief geht, apparierst du sofort nach Hogwarts! Und Ron – bitte versuche nicht, den Helden zu spielen. Hier geht es nur um Eines: Voldemort oder ich!“


Ron nickte und tat – schweren Herzens – was Harry ihm gesagt hatte. Er verließ das Grundstück, ließ aber das Gebäude nicht aus den Augen. Nach wenigen Augenblicken gab es einen Lichtblitz in der Küche und einen so ohrenbetäubenden Lärm, dass Ron sich verzweifelt die Ohren zuhielt und vor Schmerz zu Boden sank.



Kapitel 8

Hermine hatte die Luft angehalten, als Snape seine Strafpredigt losließ und atmete erst einmal geräuschvoll aus. Dann stieß sie ein nervöses Lachen aus. Snape hatte ihr weder gesagt, wo er hinging noch wie lange er fortbleiben würde. Aber zunächst musste sie die Nachricht verdauen, die er ihr ins Gesicht geschleudert hatte: Snape war ein Mörder! Er hatte den Schulleiter, in dessen Diensten er jahrelang gestanden hatte, umgebracht. Es war unfassbar, dachte sich Hermine schaudernd. Was war er nur für ein Mensch? Total gefühllos oder nur ein willfähriger Diener seines Herrn, der widerspruchslos dessen Befehle ausführte? Denn der Befehl zur Ermordung des Schulleiters kam wohl von Voldemort selbst, wie Hermine sich ausrechnete, da dieser der größte Feind Voldemorts war. Warum ausgerechnet ein Schulleiter diese Feindschaft auf sich gezogen hatte, war Hermine schleierhaft. Aber da auch so vieles andere in dieser Welt für sie total undurchschaubar war, nahm sie es zunächst nur als Tatsache zur Kenntnis.


Genau wie die Tatsache, dass Snape, dem sie und ihre Tochter auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren, ein Mörder war. Sie musste herausfinden, was es mit diesem Tod auf sich hatte. Hermine verfügte über eine recht gute Menschenkenntnis und sie konnte sich aufgrund von Snapes Verhalten weder vorstellen, dass er ein kaltblütiger Mörder noch die Marionette seines Herrn war. Sie hielt Snape aufgrund der wenigen Zeit, die sie mit ihm verbracht hatte, für außerordentlich intelligent und zielgerichtet. Er hatte bestimmt nicht viele Freunde in dem Kreis, der den Dunklen Lord umgab – dazu war viel zu selbstsicher und intelligent – aber er genoss wohl den Schutz und das Vertrauen des Dunklen Lords.


Diese Überlegungen halfen Hermine, bei dem Gedanken, einem Mörder ausgeliefert zu sein, nicht in Panik zu verfallen. Er brauchte sie und das gab ihr eine gewisse Sicherheit. Alles andere würde sich finden. Natürlich hatte sie Angst. Um ihre Tochter vor allem. Sie war doch noch so klein und bisher immer behütet und kannte das Böse nur vom Hörensagen – aus Märchen, die sie oder ihre Mutter der Kleinen vorlasen.


Hermine hatte auf einmal das Gefühl, sich mitten in einem der Märchen zu befinden. Hexen und Zauberer gab es ja genug hier. Und auch der Oberbösewicht stand fest. Was fehlte, waren die Guten. Der Prinz, der sich auf sein Pferd schwang, um die Prinzessin zu retten. Oder der gute König, der seine Ritter ausschickte, um das Böse zu bekämpfen. Aber auch die würde es irgendwo geben. Auch wenn einer davon, der Schulleiter, nicht mehr lebte. Er hatte doch bestimmt eine Menge Gefolgsleute, die ihn rächen und das Böse bekämpfen wollten. Und hatte Snape nicht gesagt, dass es ein Zaubereiministerium gab? Dort waren ja bestimmt die Guten am Werk, die das Recht und das Gesetz der Zaubererwelt verteidigen würden.


Durch diese Überlegungen wurde sie wieder ruhiger und sie sagte sich, dass sie im Interesse ihrer Tochter und in ihrem eigenen genau das tun musste, was Snape von ihr verlangte.


Hermine suchte sich die Utensilien zusammen, die sie für ihre Übungen brauchen würde – Snape hatte alles mit einem Schlenker seines Zauberstabs auf einer Rolle Pergament zusammengefasst – und machte sich daran, weitere Schwebe- und Verwandlungszauber zu üben.