
Ein
paar Anmerkungen vorweg zu diesem Kapitel: Was ich bzgl. Kafkas ‚Die
Verwandlung‘ geschrieben habe, stammt aus keiner offiziellen
Interpretationsquelle. Es ist meine eigene Auffassung und kann
genauso gut vollkommener Schwachsinn sein. Der Schwachsinn passte
allerdings so gut in den Zusammenhang hier, dass ich mich dafür
entschieden habe, die Nervenzusammenbrüche eventuell versierter
Leser inkauf zu nehmen. :D
Auf das Gedicht ‚Der Panther‘
von Rainer Maria Rilke bin ich durch Satias Story ‚Der Segen
der Dunkelheit‘ gekommen. Ich hab ihre Erlaubnis, es auch hier
zu benutzen und falls ihr die Story noch nicht kennt, solltet ihr sie
dringend lesen. ;)
***
Free
from all the expectations
he is ready for a life.
He is done
with situations
that
caused trouble, hate and strife.
But he cannot forget the
memories.
(Maria Solheim – The man who left his past)
***
Kapitel 61 – Mores monstrare
Es war dunkel im Wohnzimmer, doch Hermine fand den Weg zum Flügel auch ohne Licht. Sie trug nur einen Morgenmantel, den Severus ihr im Bad gereicht hatte, und ihre Haare fielen schwer und zerzaust auf ihren Rücken. An der Stelle, wo die Spitzen endeten, hatte sich ein großer nasser Fleck gebildet, der feucht und kühl an ihrer Haut klebte.
Ihre Schritte tapsten leise über den Parkettboden, dort wo dieser nicht mit Teppich ausgelegt war. Kälte griff ihre Zehen an und bereitete sich darauf vor, von dort aus ihre Beine nach oben zu krabbeln und ihren Körper vollkommen in Besitz zu nehmen. Sie kümmerte sich nicht darum.
Aus der Küche konnte sie Geräusche vernehmen. Zeugen eines Severus Snapes, der kochte. Ohne Magie, denn so schmeckte es besser. Zumindest war das seine Begründung gewesen. Hermine vermutete, dass er lediglich ebenso gerne kochte, wie er Zaubertränke mischte. Und so ganz konnte sie ihm diese verschwiegene Leidenschaft auch nicht absprechen.
Sie rutschte in die Mitte der langen Bank, die vor dem Flügel stand, und klappte die Abdeckung der Tasten nach oben. Im Halbdunkel konnte sie gerade so eben erkennen, dass sich weiße und schwarze Tasten unterschieden und fand so den Punkt, an dem sie ihre Finger anlegen musste. Von da an allerdings ließ sie sich von ihren leicht eingerosteten Gefühlen leiten und spielte munter drauf los. Bald waren ihre Wangen gerötet und ein freudiges Grinsen lag auf ihrem Gesicht.
Hin und wieder griff sie nach den falschen Tasten und rümpfte die Nase, wann immer ihr ein schräger Ton entkam. Doch sie stellte fest, dass sie rasch besser wurde und zu ihrer alten Hochform zurückfand. Nicht, dass sie jemals wirklich gut gewesen wäre, aber es hatte für die Unterhaltung zu Hause gereicht.
Und zum Abreagieren.
Und auch hier führte es immerhin dazu, dass Severus nach ein paar Minuten als Schatten im Türrahmen auftauchte. Vom Flur aus fiel Licht ins Wohnzimmer und sie konnte die Unförmigkeit des Bademantels sehen, den er selbst sich angezogen hatte. Der dicke Stoff versteckte definitiv das Beste an diesem Mann.
Hermine hielt inne und hoffte, dass er dieser stummen Einladung folgen würde. Nach einigem Zögern tat er dies wirklich und setzte sich neben sie. Übermütig begann sie ein Lied zu spielen, von dem sie wusste, dass man es auch vierhändig spielen konnte. Und nachdem Severus es erkannt hatte, stimmte er mit ein, übernahm die tiefen Oktaven und ließ es zu, dass sie in den gleichen Einklang verfielen, den sie auch bei ihrem ersten Spiel gefunden hatten.
So ähnlich dieser Moment auch dem aus dem Sommer sein mochte, Hermine glaubte keine verschiedeneren Erinnerungen finden zu können. Ihre Gefühle waren komplett gegensätzlich; sie hasste die Liebe zu Severus nicht mehr, sondern hatte sie als einen sehr willkommenen Teil akzeptiert. Ein Teil, den sie niemals wieder hergeben würde, wenn er es ihr gestattete, ihn zu behalten.
Schließlich beendeten sie das Stück und Hermine seufzte zufrieden. „Du solltest dir einen Flügel in deine Wohnung in Hogwarts stellen“, stellte sie nüchtern fest und hörte ihn leise schnauben.
„Ich habe tatsächlich vor nicht allzu langer Zeit mit dem Gedanken gespielt, diesen Flügel nach Hogwarts bringen zu lassen.“
Sie klappte die Abdeckung hinunter und lehnte sich mit einem Arm darauf. „Warum hast du es nicht getan?“
Sie konnte ihn mit einer Schulter zucken sehen. „Ich wagte es nicht, mir vorzustellen, wie du darauf reagieren würdest. Meine Erinnerungen an dieses Instrument haben sich seit dem Sommer verändert.“ Eine leichte Bitterkeit schwang in seinen Worten mit.
Hermines Finger hingegen strichen beinahe zärtlich über das schwarz lackierte Holz. „Ich mag ihn“, sagte sie schlicht und Severus hob seine Augenbrauen.
„Meinst du das ernst?“
Sie lächelte über diese offensichtliche Ungläubigkeit. „Ja, warum nicht? Alles veränderte sich, nachdem wir an diesem Flügel gemeinsam spielten. Wir haben unseren Einklang gefunden, die Umgebung, in der wir perfekt harmonierten. Und ich denke, es war das erste Mal, dass du wirklich verstanden hast, was in mir vorging.“ Sie machte eine Pause und suchte nach der Zustimmung in seinem Gesicht. Dass sie sie wirklich fand, überraschte sie dennoch. „Es gibt genug Gründe, den Flügel zu mögen. Bring ihn nach Hogwarts, Severus!“
Er starrte sie ungläubig an, dann nickte er. Langsam hob er seine Hand und strich ihr durch die feuchten Haare. „Alles, was du willst, Mia.“ Der Kosename ließ sie sanft erzittern und Hermine schloss die Augen. Sie drehte den Kopf so weit, dass sie sein Handgelenk mit ihren Lippen berühren konnte.
„Ich bin froh, dass wir hergekommen sind“, murmelte sie zufrieden und als er den Druck auf ihren Hinterkopf erhöhte, folgte sie dieser Bitte und lehnte sich zu einem Kuss zu ihm.
„Ich auch“, antwortete er schließlich. „Nichtsdestotrotz werden wir arbeiten müssen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Minerva testen wird, was ich dir hier beibringen soll.“
Hermine nickte, auch wenn ihr der Gedanke nicht wirklich gefiel. Sie arbeitete bereits während der Schulzeit mehr, als sie es in irgendeinem anderen Schuljahr auch nur für möglich gehalten hatte. Selbst das dritte Jahr war entspannter gewesen.
Doch sie wusste, dass es vorerst nur eine Frage der Zeit war, ehe sie das alles hinter sich lassen konnten. Sobald Voldemort endgültig zerstört war, würden neue Zeiten anbrechen. Und da Harry seine Okklumentikfähigkeiten kurz vor Beginn der Ferien soweit entwickelt hatte, dass selbst Severus allmählich Hoffnung hatte, dass es klappen könnte, ging es nur noch um das Dunkle Mal, das sie zuvor entfernen mussten.
„Wie lange hast du uns denn in der Schule abgemeldet?“, fragte sie schließlich. Der Trank, an dem sie gerade wegen des Mals arbeitete, hatte in seiner Herstellung bereits so viel Zeit in Anspruch genommen, dass sie ihn ungern von vorne beginnen würde.
„Vier Tage. Und wir werden nicht eine Minute davon damit verbringen, über deinem Trank zu brüten. Ich habe ihn sozusagen auf Eis gelegt. Er wird noch in genau dem gleichen Zustand sein, wenn wir nach Hogwarts zurückkehren. Hier werden wir uns mit dem Basiswissen der Zaubertrankkunst beschäftigen, welches detaillierter und komplizierter ist, sobald man plant, vom Laien zum Meister aufzusteigen. Ich gehe doch recht in der Annahme, dass dies dein Ziel ist, oder?“
Hermine lächelte schief, als sie den Umschwung seiner Stimme bemerkte. Die steife, unterrichtende Art war zurückgekehrt (was angesichts ihres Bekleidungszustandes mehr als befremdlich war). „Ja, das tust du. Ich denke, ich werde mich für ein Studium der Tränke bewerben, wenn ich Hogwarts abschließe. Was hältst du davon?“ Sie erinnerte sich daran, dass sie es ihm eigentlich erst hatte sagen wollen, wenn bereits alles beschlossene Sache war. Doch sie würde ihn nicht wegen einer solchen Kleinigkeit belügen.
Er legte abwägend den Kopf schief. „Ausgehend von deinen Leistungen im Unterricht kann ich dich in diesem Vorhaben nur unterstützen“, entschied er schließlich und Hermine hob abwartend eine Augenbraue.
„Aber?“, half sie ihm auf die Sprünge, als er nicht von alleine damit herausrückte.
„Aber ist es wirklich das, was du willst?“
Ein resignierendes Seufzen entkam ihr, als sie seine Worte vernahm.
Mir scheint, ich kenne Sie besser als erwartet, Professor Snape.
„Bis vor einiger Zeit war es das nicht. Ich weiß nicht, woher der Umschwung kam, aber seitdem ich die Möglichkeit hatte, alleine zu experimentieren und Tränke zu testen, ohne an einen Lehrplan gebunden zu sein, ist mein Interesse an diesem Gebiet sehr groß geworden. Du magst es vielleicht auf meine Gefühle für dich zurückführen, aber das ist es nicht. Ich genieße es auch, alleine im Labor zu arbeiten. Mein Kopf ist wunderbar geordnet, wenn ich einen Trank zubereite. Ich denke, dass ich gerne mehr erfahren würde über den Teil der Magie, der das schafft, wozu Madelaine nur einen Blick braucht.“ Sie lächelte.
Nach ein paar Momenten nickte Severus und schien ihre Gründe damit akzeptiert zu haben. „Wenn das so ist, dann werde ich dich darin unterstützen.“ Seine flache Hand strich über ihren Rücken.
„Das ist schön. Ich denke nicht, dass ich einen besseren Lehrmeister als dich finden könnte.“ Auch wenn es ihr zweifellos schwer fallen würde, sich in seiner Gegenwart auf die Tränke zu konzentrieren.
„Ich hoffe, dass es so ist.“ Hermine sparte sich eine Antwort auf diese Äußerung. „Wollen wir dann gehen? Das Essen ist fertig.“
Hermine nickte lachend bei dem Gedanken an das nächtliche Essen, das er zubereitet hatte. Es musste inzwischen schon auf drei Uhr morgens zugehen. Bisher hatte sie noch nie um diese Uhrzeit gegessen. „Du bringst unseren Rhythmus vollkommen durcheinander mit deinen Plänen“, murmelte sie gespielt anklagend, während sie sich von ihm bei der Hand nehmen ließ und ihm in die Küche folgte.
„Und das hat sogar einen Sinn. Morgen Abend werden wir mit dem Unterricht beginnen und uns auf die Suche nach Zutaten machen, die nachts geerntet werden müssen. Es wäre fatal, wenn du da müde und unkonzentriert wärst.“
„Nun, das stimmt allerdings“, räumte Hermine ein und setzte sich ihm gegenüber an den Tisch.
„Guten Appetit“, sagte er schließlich und hielt sein Glas in die Höhe, in dem ein schwerer Rotwein die letzten zwanzig Minuten gezogen hatte.
„Guten Appetit“, erwiderte Hermine den Gruß und sie stießen an.
***
Die Art, wie Severus Hermine später in sein Schlafzimmer geleitete, ließ sie sich fühlen wie in einem Traum. Draußen war es nach wie vor dunkel, doch sie wusste, wäre jetzt Sommer, würde die Sonne bereits aufgehen. Sie hatten wirklich lange in der Küche gesessen und geredet und sie hatte Dinge über Severus erfahren, die ihr wie ein kleiner Schatz vorkamen.
Der Griff um ihre Hand war gleichermaßen zärtlich und kraftvoll, so dass er sie in Schwingungen versetzte. Er betrachtete sie als Sein und sie war die letzte, die sich dagegen sträuben würde.
Zugegeben, es machte ihr auch etwas Angst. Sie war gerade einmal achtzehn! Das, was sich zwischen ihnen entwickelt hatte, war so groß geworden, dass sie es kaum mehr in seiner Gänze erfassen konnte.
Andererseits sagte niemand, dass es so bleiben musste. Severus war der Letzte, der sie aufhalten würde, wenn sie in dieser Beziehung nicht länger glücklich wäre. Sie vertraute ihm vollkommen, wenn es um diesen Aspekt ihres Zusammenseins ging.
Deswegen ließ sie es auch zu, dass er sie besitzergreifend an sich zog, als sie neben ihm zum Liegen kam. Hier in Scarborough herrschten andere Gesetze und niemals war ihr dies so bewusst gewesen wie jetzt. Hier waren sie einfach ein Mann und eine Frau, die sich liebten und dieses Wunder noch immer nicht so recht begriffen hatten. Hier waren sie beide Schüler, die lernen wollten, die neuen Gegebenheiten so genießen und leben zu können, dass sie beide glücklich wären. Und hier waren sie beide Lehrer, die dem anderen beibrachten, was es zu wissen galt.
Hier waren sie gleichgestellt und als Hermine sich einen Kuss von seinen Lippen stahl, nur weil es sie gerade danach verlangte, und er dies einfach zuließ, wurde es ihr umso deutlicher bewusst. Hier war, wo sie sein wollte. Das war, was sie brauchte.
***
„Wann hast du Geburtstag?“ Hermine keuchte die Worte eher, als dass sie sie sagte, denn Severus legte einen ziemlich schnellen Schritt an den Tag, während er vor ihr durch das Unterholz lief.
Nun allerdings drehte er sich mit verwundertem Blick zu ihr um und gab ihr so die Möglichkeit ein Stück aufzuholen, ehe er weiterging. „Warum willst du das wissen?“
Hermine verdrehte die Augen. Sie waren vor einer Stunde in Snape Manor aufgebrochen. Es musste jetzt etwa neun Uhr abends sein und es war ein verrücktes Gefühl, denn sie waren erst vor drei Stunden aufgestanden. Er hatte es geschafft, ihre innere Uhr komplett aus dem Gleichgewicht zu bringen und nun stellte er das gleiche auch mit ihrem Verstand an. „Weil du gesagt hast, wir sollten die vier Tage hier dazu nutzen, uns besser kennen zu lernen. Ich kann nicht warten, bis du von dir aus alles erzählst, also frage ich.“
Nun blieb er doch stehen und wandte sich zu ihr um. Hermine nutzte die Gelegenheit, sich außer Atem mit einer Hand an einem Baum abzustützen und ihn erschöpft anzusehen. „Übrigens wäre ich dir dankbar, wenn du einen Tick langsamer und wenig forsch gehen könntest“, fügte sie noch hinzu, was ihm ein schadenfrohes Lächeln entlockte.
Er kam die paar Schritte zu ihr zurück und baute sich in einer imposanten Pose vor ihr auf, die Hermine zweifelsohne Angst gemacht hätte, wenn sie diesen Mann nicht schon so gut kennen würde, wie sie es tat. Er würde ihr niemals etwas antun, sofern sie auf ihn hörte. Er hätte sie auch damals nicht geschlagen, wenn sie getan hätte, was er ihr gesagt hatte. Was natürlich nicht bedeutete, dass sie jetzt vorhatte, nach seiner Pfeife zu tanzen.
„Ich werde mein Möglichstes tun“, antwortete er leise, aber so punktgenau akzentuiert, dass Hermine erzitterte.
„Das will ich hoffe. Ich würde die Zutaten gerne noch sehen und nicht vor Erschöpfung zusammenbrechen, wenn wir ankommen.“ Sie hakte ihren Zeigefinger in die Gürtelschlaufe seiner Hose, die durch den Spalt in seinem Umhang hervorblitzte. Dann zog sie ihn zu sich und Severus stolperte, so dass er sich ebenfalls hart am Baum abstützen musste. Hermine spielte mit seinen Blicken und wusste, dass er sie küssen wollte. Nicht, dass sie es nicht wollte, aber vorher hatte sie andere Pläne.
Immer wieder setzte sie an, zog sich dann aber doch wieder zurück. „Du hast mir noch immer nicht auf meine Frage geantwortet“, erinnerte sie ihn süßlich und er verengte seine Augen.
„Am 9. Januar“, ließ er sich schließlich doch zu einer Antwort herab und Hermine nickte zufrieden.
„Gut zu wissen.“ Nun endlich griff sie nach seinem Gesicht und zog es soweit zu sich herunter, dass sie ihn küssen konnte. Seine Lippen schmeckten leicht salzig und zeigten ihr, dass auch ihn diese Wanderung anstrengte.
Sehr aufmunternd.
„Was war der schönste Moment in deinem Leben?“, stellte er dann eine Frage, während er nach ihrer Hand griff und sie mit gemächlicheren Schritten durch den Wald führte.
Hermine war erstaunt gewesen, dass es in so unmittelbarer Nähe zu Snape Manor einen Wald dieser Größe gab. Dennoch genoss sie es nun, so ruhig und vor allem ungestört mit ihm die Gegend zu erkunden. Dass sie bereits in drei Tagen nach Hogwarts zurückkehren sollten, kam ihr sehr unwirklich vor. Beinahe so, als hätte sie ihr altes Leben gegen ein neues ausgetauscht. Ohne die Möglichkeit zurückzukehren.
Nun allerdings begann sie über seine Frage nachzudenken. „Das ist eine schwere Frage...“, seufzte sie nach einigen Minuten, die er ihr ohne zu drängeln gelassen hatte.
„Ich denke nicht. Es ist lediglich die Antwort, die dir Probleme bereitet.“ Er feixte und Hermine verdrehte die Augen.
„Du weißt, was ich meine.“ Er nickte. „Der Begriff ‚schön‘ erhält im Moment eine neue Bedeutung für mich. Es ist schön, mit dir hier…“ Eigentlich wollte sie sagen ‚spazieren zu gehen‘, doch das traf es nicht ganz. „… einen Marathonlauf zu veranstalten“, schloss sie deswegen. „Aber es ist genauso schön, eine gute Note zu bekommen. Nur eben auf eine andere Art.“ Sie schwieg erneut und sah ihn dann nachdenklich an. „Ich denke, der schönste Moment bisher war, als du mir in unserer letzten Nacht hier in Scarborough gesagt hast, dass du mich schon lange begehrt hast.“
Auf diese Antwort hob er eine Augenbraue. „Ich hatte dir etwas Tiefsinnigeres zugetraut.“
„Oh, das was ich meine, ist tiefsinnig!“ Die Augenbraue hob sich noch weiter. „Es war das erste Mal, dass ich mich bei einer mir sehr wichtigen Frage mit der Antwort geirrt hatte. Ich bin immer davon überzeugt gewesen, dass du mir niemals Gefühle dieser Art entgegenbringen würdest. Dass es doch so war, hat mich auf eine Art erfüllt, die nicht mit ‚begehrt werden‘ beschrieben werden kann. Es war mehr. Es war...“ Sie rang um Worte.
„... der schönste Moment deines Lebens?“, half er ihr auf die Sprünge und sie nickte. „Es ist trotzdem kitschig.“
„Und wenn schon.“ Sie zuckte schmollend mit den Schultern. Beide duckten sich unter einem tief hängenden Ast hindurch, während Hermine über ihre nächste Frage nachdachte. Sie mochte dieses Spiel, auf das sie sich mit ihm eingelassen hatte. „Welches ist dein Lieblingsbuch?“, entschied sie sich schließlich und wusste, dass sie ihn damit in tiefe Grübeleien stürzen würde.
Umso überraschter war sie, als er augenblicklich antwortete: „‚Die Verwandlung‘ von Kafka.“ Hermine machte einen erstaunten Laut. „Kennst du es?“
Sie nickte. „Ich habe es mal gelesen, aber ehrlich gesagt hat es mich eher verwirrt als begeistert.“
Er lächelte diabolisch. „Deswegen mag ich es ja.“ Sie schüttelte den Kopf. „Es verströmt eine ganz besondere Magie. Gregor war der Käfer nicht erst, seitdem er auch nach außen hin so ausgesehen hat. Diese Verwandlung hat bloß dazu geführt, dass die anderen es endlich gesehen haben. Ich habe mich oft gefragt, welches Tier ich wäre, wenn ich mich in das Sinnbild meines Seins verwandeln würde. Was wir alle wären.“
Hermine schwieg einen Moment, dann sagte sie: „Panther.“
Er sah sie unverständlich an.
„Dein Tier. Du wärst ein Panther.“ Als seine Verwirrung in Erstaunen umschlug, lachte sie leise auf. „Nein ehrlich, es gibt da dieses Gedicht von Rainer Maria Rilke.“ Sie runzelte kurz die Stirn und zitierte dann: „‚Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht.‘“ Severus sah sie lange an, vielleicht nachdenklich. „Ich habe oft an dieses Gedicht gedacht, während ich darauf wartete, dass du von einem der Treffen zurückkamst. Als ob ich es auf eine vollkommen neue Art verstehen würde. Es passte perfekt.“
Sie beobachtete, wie er den Blick senkte und darüber nachdachte, was er darauf antworten sollte. Schließlich fiel seine Wahl auf etwas anderes, als sie erwartet hatte: „Nun, wenn das so ist... Meine Gedanken zu dieser Frage kreisten meistens um Schlangen, ich denke also, dass ich mit deiner Wahl zufrieden sein kann.“
Hermine kräuselte die Nase. „Schlangen? Meinst du, Nagini hätte dich dann wirklich so häufig gebissen?“ Sie kicherte, als sie seine schmalen Augen auf sich ruhen spürte. Er hasste dieses Thema und sie hielt es für besser, nicht weiter darauf einzugehen. „Du bist dran!“, forderte sie ihn deswegen auf und war froh, dass sie ihn damit wirklich besänftigen konnte.
Severus ließ seine Blicke durch das dunkle Unterholz wandern und überlegte. „Wann hast du das erste Mal Magie angewendet?“
„Bewusst oder unbewusst?“, hakte sie sofort nach, denn die Antwort auf ersteres wäre wesentliche leichter.
„Unbewusst.“ Er lächelte sardonisch.
Sie hätte es wissen sollen. Erneut stöhnte sie leise auf und dachte zurück an die unmittelbare Zeit vor ihrer Aufnahme auf Hogwarts. Dann allerdings fielen ihr mehrere Gelegenheiten auf, die durchaus merkwürdig gewesen waren. Die allerdings zogen sich durch ihr ganzes Leben. „Ich weiß es nicht“, gestand sie dann. „Es sind schon immer Dinge um mich herum passiert, die stellenweise recht merkwürdig waren. Meine Eltern haben es nie hinterfragt, allerdings auch nie etwas dagegen unternommen.“
„An welche Situation erinnerst du dich am deutlichsten?“
Einige Äste knackten unter ihren Füßen und sie schloss die Augen, während sie genauer nachdachte. Severus hielt noch immer ihr Hand und sie ging so dicht neben ihm, dass sie nicht Gefahr lief, mit einem Baum näher Bekanntschaft zu machen. „Ich denke, es war im Kindergarten. An meinem ersten Tag. Da war ein Junge, der mich meiner Zähne wegen gehänselt hat. Er ist mit seinem Stuhl zusammengebrochen, nachdem ich ihn ziemlich lange und böse angestarrt habe.“ Sie errötete leicht und senkte schuldbewusst den Blick.
Severus hingegen lachte laut auf und zog sie vor sich, so dass er ihr Gesicht mit den Händen umfassen konnte. „Ich wusste schon immer, dass eine waschechte Slytherin in dir steckt.“ Er küsste sie zärtlich, doch Hermine drängte sich empört ein Stück von ihm weg. Ihre Blicke ließen ihn erneut grinsen. „Ein sehr sympathischer Zug.“
Hermine grummelte leise und ärgerte sich darüber, dass er sie so leicht besänftigen konnte. „Wovor hast du am meisten Angst?“, schoss sie deswegen sofort die nächste Frage hinterher und hörte ihn theatralisch seufzen, ehe sie ihren Weg fortsetzten.
„U-Bahnen!“, antwortete er schließlich widerwillig.
Hermine sah ihn erstaunt an, ein Lachen nur schwer unterdrückend. „Warum?“ Sie klang wirklich ungläubig und sehr amüsiert.
„Fragst du das wirklich? Hermine, die Dinger fahren unter der Erde!“ Er machte eine bedeutungsschwere Geste mit der Hand. „Und die schließen so große Menschenmassen in sich ein, dass es ein Wunder ist, dass man es ohne Kopfblasenzauber überleben kann. Ich frage mich wirklich, wo da der Sauerstoff herkommt.“ Er schüttelte sich.
„Es gibt ein Belüftungssystem, Severus!“
Er schnaubte abfällig. „Aber nicht in diesen Höllengeräten. U-Bahnen sind eine Erfindung, die direkt vom Lord persönlich hätten kommen können.“ Der Ton seiner Stimme verriet ihr, dass er nicht weiter über dieses Thema diskutieren würde.
Sattdessen blieb er stehen, ließ ein zufriedenes Lächeln über sein Gesicht wandern und veranlasste Hermine so dazu, sich verwirrt umzusehen. „Was weißt du über Mores monstrare?“, fragte er dann mit dem Blick des Lehrers, der todsicher war, etwas gefunden zu haben, von dem sein Schüler keine Ahnung hatte.
Dummerweise musste Hermine zugeben, dass er damit sogar Recht hatte. „Von was?“
„Das habe ich mir gedacht“, stellte er nicht ganz unzufrieden fest und bückte sich. Mit seinem Zauberstab schaffte er Licht, so dass der Boden klar und deutlich sichtbar wurde. „Mores monstrare ist eine äußerst seltene Pflanze mit sehr interessanten Fähigkeiten. Ich habe in meiner Jugend festgestellt, dass sie in diesem Wald recht gut gedeiht und hatte gehofft, dass wir heute einige dieser Blüten finden würden.“ Während er ihr dies erklärte, wischten seine Finger einiges altes Laub beiseite und legten einen kleinen grünen Fleck inmitten des winterlichen Waldbodens frei. „Es ist eine Pflanze, die die trostlose Zeit der Winternächte nutzt, um die schönsten Blüten hervorzubringen. Allein das macht schon deutlich, wie viel magische Kraft in ihr steckt.“ Er pflückte eine der Pflanzen und richtete sich wieder auf, um sie Hermine vor die Nase zu halten.
Fasziniert begutachtete diese die kleine rote Blüte. In der Mitte eines jeden einzelnen Blattes war ein heller blauer Strich, der sich leicht verästelte und wie Adern das tiefe Magenta durchfurchte. Die Blüte war eher klein und unscheinbar und erinnerte von der Form her an eine Miniaturausgabe einer Mohnblüte. Hermine hoffte sehr, dass diese hier stabiler waren und nicht so leicht zerfielen wie ihre wenig magischen Vorbilder.
„Welche Wirkung hat sie?“, fragte sie schließlich und neigte neugierig den Kopf.
Severus lächelte geheimnisvoll. „Finde es heraus!“, wies er sie an und hielt ihr die Blüte mit der Aufforderung hin, sie selbst in die Hand zu nehmen.
Hermine tat es und glaubte, man hätte ihr einen kräftigen Schlag verpasst. Wie ein Zug rasten Bilder und vor allem Emotionen durch ihren Verstand, die nicht ihre eigenen waren. Sie hörte Schreie und Lachen, Stimmen und Geräusche. Sie sah Menschen und Orte, Situationen überschlugen sich, hin und wieder glaubte sie sogar sich selbst zu sehen.
Dann stoppte das alles und was zurückblieb, waren reine Gefühle. Es war, als hätte man ein rasendes Karussell abrupt angehalten.
Abgefahren!
In ihrem Kopf schien alles zu schwappen und sie fühlte sich merkwürdig schwindelig. Es kristallisierte sich eine tiefe Zufriedenheit heraus und etwas, das sie als erfüllte Sehnsucht, als Liebe und Hingabe bezeichnen würde. Es wurde allerdings auch durchzogen von allmählich abschwellender Wut und Angst. Angst vor dem Verlust, Angst davor, nicht zu genügen, zu verletzen. Angst vor Nähe, vor der Unfähigkeit, die Liebe als das Geschenk zu akzeptieren, das sie war. Und der Kampf, es doch zu tun.
Darunter lag etwas Drohendes, das sie nicht genau zuzuordnen vermochte. Es schwelte und pulsierte leicht und auch wenn sie es nicht identifizieren konnte, wusste sie, dass es in absehbarer Zeit ein Thema werden würde. Vorerst ließ sie es auf sich beruhen.
Nach einigen Momenten schwand das Chaos in ihrem Kopf und sie blinzelte irritiert. Severus sah sie ruhig und vielleicht etwas neugierig an. „Was war das?“, fragte sie erstaunt und blickte hinab auf die Blüte in ihrer Hand, die nun wie im Zeitraffer verblühte und zu einem unförmigen braunen Etwas verschrumpelte.
„Was war was?“, spielte er ihr den Ball zurück und sie legte ratlos den Kopf schief.
„Es war, als hätte man mich in ein ausgeflipptes Denkarium gestoßen. Ich habe nichts klar erkannt, aber... es fühlt sich so an, als wüsste ich dennoch alles. Und diese Gefühle... diese...“ Sie runzelte die Stirn und versuchte zu verstehen, was das eben gewesen war. Dabei hatte sie die Hand, auf der die Blüte lag, noch immer vor sich ausgestreckt.
Severus griff danach und drehte sie nachdenklich vor seinem Gesicht. „Mores monstrare ist eine Pflanze, die die Erinnerungen und Empfindungen des Menschen, der sie pflückt, in sich aufnimmt und speichert. Sie wird solange blühen, bis jemand sie empfängt, der ihres Inhaltes würdig ist. Dann zeigt sie alles, was sie zu geben hat. Es ist der Sinn ihrer Existenz.“
Hermine stand der Mund offen, als er ihr dies erklärte. „Dann waren das... deine Erinnerungen und Gefühle?“
Severus nickte. „Wenn man sie für einen Trank benutzen möchte“, fuhr er sachlich fort, „muss sie mit entsprechenden Instrumenten gepflückt werden. Nicht einmal Handschuhe halten die Übertragung auf. Sie hält sich in diesem leeren Zustand solange wie jede andere Pflanze, ist in einem Trank aber dazu in der Lage, die Schwingungen anderer Zutaten in sich aufzunehmen und gezielt an den Bedürftigen abzugeben. Daraus ergibt sich, dass sie ausschließlich für Heiltränke zu verwenden ist.“
Hermine war atemlos und hatte Probleme seinen Ausführungen – so interessant sie auch waren – zu folgen. Sie konnte kaum glauben, welches Geschenk er ihr damit gemacht hatte. „Woher weiß die Pflanze, wer dieser Dinge würdig ist?“, sprang sie dann vorerst zurück, und sah, dass Severus den Mund auf eine resignierende Art verzog. „I-Ich hab mitbekommen, was du über Heiltränke und pflücken gesagt hast, aber… ehrlich gesagt interessiert mich der Teil davor mehr.“ Sie spürte Hitze in ihre Wangen steigen und hoffte, dass er es in der sie umgebenden Dunkelheit nicht sehen würde.
„Sie spürt es“, ließ er sich zu ihrer Freude auf die Frage ein. „Alles, was sie in sich hat, gibt ihr genug Anhaltspunkte dafür. Ich wage zu behaupten, dass Mr Potter sie in die Hand genommen hätte, nur um zu erkennen, dass sie hübsche Blüten treibt. Falls ihm das überhaupt aufgefallen wäre, angesichts der Tatsache, dass sie aus meiner Hand stammt.“
Hermine grinste schief. „Eine wirklich weise Pflanze.“
„Das ist sie.“
Hermine bückte sich schließlich ihrerseits und betrachtete die Pflanzen auf dem Boden. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie eine davon pflückte, und sie spürte, wie etwas von ihr auf die Blüte überging.
Dann wandte sie sich, die Blüte fest mit ihrem Blick fixierend, zu Severus um und hielt sie ihm entgegen. Wenn er es als nur halb so wertvoll empfinden würde, wie sie es eben getan hatte, dann war es mehr, als sie sich hätte wünschen können.
Er starrte die Pflanze an. „Bist du dir sicher, dass du das willst?“, fragte er vorsichtig und Hermine nickte.
„Wir sind hier, um uns kennen zu lernen. Und keine Frage, die du mir stellst, kann dir eine so klare Antwort auf das geben, was dich quält, wie diese Pflanze. Nimm sie, Severus! Nimm sie und erhalte einen Einblick in mich.“
Einige Momente zögerte er noch, dann streckte er seine Hand aus und nahm die Blüte entgegen.
Hermine beobachtete, wie er nach Luft schnappte und die Augen schloss. Kurz schwankte er, doch er fasste sich schnell wieder und fand seinen festen Stand. Die Augen hingegen hielt er nach wie vor geschlossen. Als hätte jemand den Lauf der Zeit verlangsamt, beobachtete sie, wie er reagierte, sah, wie sich Muskeln in seinem Gesicht anspannten und lockerten, zwischen Schmerz und Wonne zu schweben schienen.
Irgendwann entspannte sich sein Ausdruck vollkommen und Hermine legte sich fassungslos eine Hand vor den Mund, als eine Träne aus einem seiner noch immer geschlossenen Augen lief.
Es war nicht die Träne, die sie verwirrte (auch wenn es definitiv merkwürdig war, diese bei ihm zu sehen); es war vielmehr die groteske Wirkung, die sie zusammen mit dem zarten Lächeln auf seinen Lippen hatte.
Als er die Augen wieder aufschlug, hatte sich etwas verändert. Hermine hätte nicht eindeutig benennen können, was es war, aber tiefes Verständnis kam dem wohl am nächsten. Er sagte nichts, sondern hielt ihr nur seine Hand hin. Sie legte ihre hinein und beide wandten sich schweigend von der grünen Stelle mit den Mores monstrare ab und machten sich auf den Weg, um die restlichen Zutaten zu besorgen, die auf ihrer Liste standen.
***
And
I'm haunted
by the lives that I have loved
and actions I have
hated.
I'm haunted
by the lives that wove the web
inside my
haunted head.
(Poe – Haunted)
***
Kapitel 62 – Die Chance
Nach dieser Nacht im Wald konzentrierten sich sowohl Severus als auch Hermine sehr auf den lehrenden Teil des Ausfluges. Sie hatten eine Seite am jeweils anderen gesehen, die mehr zum Kennenlernen beigetragen hatte, als Hermine jemals für möglich gehalten hatte. Kein Fragespiel der Welt hätte es ihr erlaubt, Severus auf diese Art zu verstehen. Und mit keiner Antwort hätte sie ihm so gut begreiflich machen können, was in ihr vorging.
Deswegen hatten sie nun beide das Bedürfnis, sich einer weniger intensiven Beschäftigung hinzugeben und Zeit zu bekommen, all die kleinen Details zu verarbeiten. Er zeigte ihr Pflanzen und Mineralien, die sie zuvor noch nie in der Realität gesehen hatte und nur durch Abbildungen in Büchern zu erkennen vermochte. Für jede einzelne Zutat folgte ebenso eine Einweisung in deren Benutzung, die er ihr meistens praktisch erteilte.
Hermine lernte das Labor kennen, in das Severus sich im Sommer so gerne zurückgezogen hatte, und verstand seine Motivation hinter diesem Rückzug. Das kleine Häuschen war innen nicht magisch vergrößert worden und so drängten sich mitunter sehr spannende Apparaturen auf engstem Raum. Was es zum Einen sehr eng, zum Anderen aber auch sehr praktisch gestaltete. Die Wege zwischen den einzelnen Kesseln und Geräten waren entsprechend kurz und Hermine kam nicht einmal in Bedrängnis mit der Zeit.
Allerdings schaffte es Severus mehr als einmal, sich ihr so geschickt in den Weg zu stellen, dass er sie von der Arbeit abhielt. Und diese Tatsache nutze er oftmals für Dinge, die absolut nichts mit dem Brauen von Zaubertränken zu tun hatten.
Hermine nahm diese Ablenkungen erstaunlich gerne hin. Sie entdeckte neue Seiten an dem Mann, der sie sechs Jahre lang unterrichtet hatte. Ihn ihr Innerstes erkunden zu lassen, ihn so fühlen zu lassen, wie sie es tat, hatte ihm ein großes Maß an Selbstsicherheit zurückgegeben. Er schien ihre Liebe zu ihm endlich als das hinzunehmen, was sie war. Er hörte auf zu hinterfragen, warum sie ihn, ausgerechnet ihn lieben sollte. Er ließ es einfach geschehen.
Dementsprechend waren die drei Tage, die ihnen noch in Scarborough vergönnt waren, sehr harmonisch und von einem Gleichklang durchzogen, den Hermine bisher nur am Flügel erfahren hatte.
***
Nichtsdestotrotz mussten sie zurückkehren. Professor McGonagall würde sicherlich ein sehr aufmerksames Auge auf das haben, was sie anstellten. Hermine hatte schon vor längerem erkennen müssen, dass ihre Hauslehrerin mehr von dem ahnte, was wirklich zwischen ihr und Severus war, als sie selbst unter Folter bereit wäre zuzugeben. Und es gefiel ihr nicht, dass Severus mit dieser Einschätzung Recht gehabt hatte.
Vielleicht hatte auch Professor Dumbledore seine Hände dabei im Spiel. Hermine erinnerte sich nur zu genau an die Akzeptanz, mit der er ihre Gefühle für Severus hingenommen hatte. Auch wenn er diese zweifellos nur an den Tag legen konnte, weil er nicht mehr dazu verpflichtet war einzuschreiten.
Hermine und Severus apparierten am Abend vor dem ersten Weihnachtstag an die Grenze Hogwarts‘ und beide blickten dem Schloss eher missmutig entgegen. Die meisten Fenster waren dunkel, nur aus der Großen Halle und einigen wenigen Lehrerbüros drang Licht nach draußen. Der Schnee stand ihnen bis zu den Knöcheln und ein scharfer Wind fegte die wirbelnden Flocken direkt in ihre Gesichter. Hermine zog ihren Umhang enger um die Schultern.
„Meinst du, Professor McGonagall lässt uns noch mal fünf Wochen anhängen, wenn ich ihr sage, dass ich in den paar Tagen mehr gelernt habe, als in den letzten drei Jahren zusammen?“
Sie sah Severus lachen und seufzte. „Ich denke nicht.“ Seine Hand tastete nach ihrer und umfasste die kalten Finger. „Aber ich verspreche dir, dass wir es im Sommer nachholen werden.“
Dieses Versprechen entlockte ihr ein warmes Lächeln und sie verscheuchte den eisigen Gedanken, dass vor diesen Ferien noch der finale Schlag gegen Voldemort stehen würde und sie noch immer keinen geeigneten Trank hatte, der Severus lebend durch diesen Schlag bringen würde.
„Ist es in Ordnung, wenn ich morgen zu dir komme? Ich würde gerne weiter an dem Trank arbeiten“, wechselte sie dann auch das Thema. Sie hielt es für schlauer, diese Dinge hier draußen zu klären. Bevor sie zurückkehren würden in die Aura der Schule. Hermine hatte sich durch diese Ausstrahlung selten angegriffener gefühlt als gerade jetzt.
„Möchtest du denn nicht in Ruhe Weihnachten feiern?“ Er klang milde überrascht.
Hermine hob eine Augenbraue. „Denkst du, ich habe beinahe einen Monat nach einer möglichst überzeugenden Ausrede gesucht, die Ferien nicht im Fuchsbau verbringen zu müssen, weil ich es auf ein traditionelles Weihnachtsfest abgesehen habe?“ Er hob die Augenbrauen. „Ich habe den anderen Geschenke besorgt und geschickt, weil das von mir erwartet wird. Aber ehrlich gesagt kann ich momentan auf dieses Fest recht gut verzichten.“ Sie rümpfte die Nase bei dem Gedanken an die Zeit, die man jedes Jahr damit verbrachte, einen Baum anzustarren und sich selbst zu sagen, dass es genau das war, was man tun wollte. Zeit war so kostbar. Sie wollte sie sinnvoll nutzen. Und sinnvoll war für sie im Moment die Arbeit an dem Trank.
„Dann ja, es ist in Ordnung, wenn du zu mir kommst.“ Er strich mit seiner Hand an ihrem Gesicht entlang und wiederholte damit auf so wunderbar liebevolle Weise die Geste, mit der damals im Regen alles wirklich ins Rollen gekommen war. Hermine schmiegte sich in diese Berührung.
„Lassen Sie uns gehen, Sir. Sonst gibt Professor McGonagall noch eine Vermisstenanzeige heraus“, durchbrach sie schließlich resolut den Zauber des Moments und trat einen Schritt von Severus zurück.
„Da mögen Sie Recht haben, Miss Granger. Aber ich bin sicherlich nicht derjenige gewesen, der uns so dramatisch aufgehalten hat!“
Hätte sie nicht gewusst, dass es reiner Selbstschutz war, mit dem er sie missbilligend anblitzte und seinen Umhang hinter sich aufbauschte, hätte sie sicherlich nicht lächelnd den Kopf geschüttelt, sondern empört zurückgeschossen.
So allerdings folgte sie dem Mann, den sie auf so komplett gegensätzliche Art kennengelernt hatte, und versuchte nicht daran zu denken, dass sie dieses Spiel noch sechs Monate spielen mussten.
Sechs verdammte Monate...
***
„Miss Granger, ich bin froh, Sie hier anzutreffen.“
Hermine hob überrascht den Kopf, als sie die Stimme ihrer Hauslehrerin durch den leeren Gemeinschaftsraum hallen hörte. Die Hauselfen hatten ihr (entgegen aller Einwände, die sie erhoben hatte) ein Frühstück zubereitet und sie hatte es sich – nachdem sie die Geschenke, die am Fußende ihres Bettes auf sie gewartet hatten, ausgepackt hatte – widerwillig mit einigen Büchern am Tisch bequem gemacht, um danach hinunter in die Kerker zu gehen.
„Guten Morgen, Professor McGonagall. Und frohe Weihnachten!“ Die Verwunderung über diesen Besuch war nach wie vor nicht aus ihrer Stimme gewichen.
„Danke, das wünsche ich Ihnen auch“, erwiderte die Ältere die Wünsche mit einem freundlichen Lächeln und setzte sich Hermine gegenüber an den Tisch.
Diese ließ nun endlich ihre Beine, die sie zuvor auf die Sitzfläche des Stuhls gezogen hatte, auf den Boden sinken. Vor ihr auf dem Teller lag eine halb aufgegessene Scheibe Toast und ihre Haare standen sicherlich zu allen Seiten ab. Sie hatte die Ferien über den gesamten Turm für sich; es war zwar ungewöhnlich, dass wirklich alle Schüler nach Hause gefahren waren, aber sie hatte sich nicht weiter Gedanken darüber gemacht.
„Wie war die Exkursion mit Professor Snape?“, fragte Professor McGonagall nun geradeheraus und Hermine fühlte sich einmal mehr unwohl, ihr noch beinahe im Schlafanzug gegenüber zu sitzen.
„Gut, danke. Ich habe viel gelernt und es sehr genossen, ihm so uneingeschränkt Fragen stellen zu können.“
Professor McGonagall nickte. „Hat es Sie in Ihrem Versuch, ihm das Dunkle Mal zu nehmen, weitergebracht?“
Nun endlich verstand Hermine, worauf Professor McGonagall hinauswollte. Hermines Gesichtsausdruck verschloss sich frustriert. „Nein, leider nicht. Ich arbeite noch immer an der richtigen Dosierung der Zutaten und bin mir bei der einen oder anderen Wirkung auch noch nicht ganz sicher. Aber ich werde nachher weiter daran arbeiten und plane, noch in diesem Jahr die ersten Tests mit Professor Snape durchzuführen.“
Professor McGonagall bedachte sie mit nachdenklichen Blicken. „Unterstützt er Sie eigentlich in Ihren Bemühungen?“
Sie hasste diese Skepsis. „Er tut nichts dagegen und lässt mir freie Hand. Außerdem beantwortet er mir alle meine Fragen“, wich sie einer direkten Antwort aus und presste die Lippen fest zu einem dünnen Strich zusammen. Severus hatte sich zwar seit dem Gespräch vor nicht allzu langer Zeit kooperativer gezeigt. Dennoch half er ihr nicht im Labor oder arbeitete selbst an Theorien. Vermutlich waren seine Probleme mit dem Überleben des Untergangs des Lords ähnlich selbstgebacken und hartnäckig wie ihre Reue wegen Malfoys Tod und Ginnys Bitte.
Verärgerung stieg in Professor McGonagalls Augen. „Dieser sture, unmögliche Mann! Ich werde mit ihm reden. Er kann Sie nicht gänzlich alleine vor dieser Aufgabe stehen lassen.“
„Das tut er nicht. Wie ich gerade sagte, beantwortet er mir alle meine Fragen und treibt mich voran, soweit es ihm möglich ist. Dennoch weiß er selbst nicht, wie das Mal entfernt werden könnte. Außerdem ist er noch immer mit Harrys Unterricht beschäftigt.“ Hermine versuchte ihre Lehrerin mit Blicken zu besänftigen. „Ich weiß, dass Harry großartige Fortschritte macht und dass es nicht mehr lange dauern wird, bis er sich dem Lord entgegenstellen kann. Aber ich bin auch überzeugt von meinen Fähigkeiten. Ich werde bald soweit sein.“
Professor McGonagall verengte skeptisch ihre Augen. „Überanstrengen Sie sich nicht, Miss Granger! Sie sollen in wenigen Monaten auch Ihre Abschlussprüfungen schreiben.“
Ein Nicken war Antwort. „Das weiß ich. Und ich weiß auch, dass ich bereits jetzt bestens vorbereitet bin. Ich habe mein drittes Schuljahr mit einem beinahe 48 Stunden-Tag überstanden. Da werde ich dieses letzte mit 24 Stunden pro Tag und ein paar Projekten nebenbei locker schaffen.“ Hermine lächelte verschwörerisch und konnte erkennen, dass sie damit ins Schwarze getroffen hatte.
„Nun gut, ich werde mich heraushalten. Trotzdem, Miss Granger, passen Sie etwas auf sich auf! Severus kann bisweilen sehr... zynisch sein, wenn man etwas tut, von dem er nicht sehr angetan ist. Lassen Sie sich davon nicht abbringen. Er will den Lord genauso überleben wie wir alle.“ Professor McGonagall erhob sich und nickte Hermine zum Abschied wohlwollend zu.
Die Jüngere verfolgte den Weg ihrer Lehrerin aus dem Gemeinschaftsraum mit nachdenklichen Blicken.
***
Einige Papiere und Bücher fest unter ihren Arm geklemmt, klopfte Hermine drei Stunden später an Severus‘ Tür und hoffte, dass er bald öffnen würde; die Bücher rutschten gefährlich und sie stand bereits auf einem Bein, um sie vor dem Fallen zu bewahren.
„Hilfe!“, jammerte sie deswegen kläglich, als er in der Tür erschien, und Dank eines raschen Zugreifens seinerseits konnte er das Schlimmste verhindern. „Danke.“
„Es gibt Taschen für so etwas“, murmelte er mit einem leichten Kopfschütteln, machte ihr aber dennoch Platz, um das Büro betreten zu können.
„Ich bin zwar eine Streberin, aber ich laufe nicht in den Ferien mit meiner Schultasche rum“, tadelte sie ihn mit empörten Blicken und nachdem sie ihre Sachen auf den Tisch gelegt hatte, ging sie aus zweierlei Gründen zu ihm zurück. Zuerst nahm sie ihm die beiden Bücher ab, die er aufgefangen hatte, dann zog sie seinen Kopf zu sich herunter und küsste ihn zur Begrüßung. „Frohe Weihnachten!“, sagte sie schließlich grinsend und trug auch den Rest ihrer Unterlagen zum Tisch.
„Frohe Weihnachten“, erwiderte er den Wunsch eher halbherzig und stand recht verloren im eigenen Zimmer.
„Wenn es dich nicht stört, würde ich gerne gleich anfangen. Ich hab da so eine Idee...“ Hermine runzelte nachdenklich ihre Stirn und tippte sich mit dem Zeigefinger gegen das Kinn.
„Fühl‘ dich wie Zuhause“, nuschelte er leicht missmutig klingend und wäre Hermine nicht so in ihre Überlegungen vertieft gewesen, hätte sie es sicherlich mitbekommen.
So war ihre Antwort allerdings ein schlichtes „Danke!“ und erneut ihre Unterlagen balancierend, verschwand sie durch die Tür, die ins Labor führte.
***
Einige Stunden später kehrte Hermine mit einem hoffnungsvollen Grinsen und sehr zufriedenem Gesichtsausdruck ins Büro zurück. In einer Hand hielt sie eine kleine Phiole, die bis zum Rand mit einer dunkelgrünen Flüssigkeit gefüllt war.
„Wären Sie eventuell bereit, mir Ihren Arm zur Verfügung zu stellen, Professor Snape?“, fragte sie übermütig und riss ihn so aus seiner Arbeit.
Severus hob den Blick, blinzelte mehrmals und schüttelte dann lachend den Kopf. „Was hast du denn im Labor angestellt?“, erkundigte er sich mit dem Unterton böser Vorahnungen und Hermines Grinsen schwächte bedenklich ab.
„Gar nichts!“
Er hob zweifelnd eine Augenbraue.
„Na gut, vielleicht ist die eine oder andere Mischung etwas...“ Sie gestikulierte mit ihrer freien Hand in der Luft herum, offenbar auf der Suche nach dem richtigen Wort. „... explosiv geworden“, beendete sie schließlich mit rotem Gesicht ihre Erklärung und sah, wie seine Gesichtszüge leicht entglitten. „Aber es steht alles noch und es hatte immerhin ein Resultat!“ Mit der Phiole durch die Luft schwenkend, ging sie zu seinem Schreibtisch hinüber und lehnte sich neben seinem Stuhl gegen die Tischplatte.
Severus hob eine Hand und wischte ihr mit leicht gerunzelter Stirn über die Wange. Dann hielt er ihr seinen Daumen vor die Nase und Hermine sah dunkle Rußspuren darauf. „Explosiv trifft es recht gut, denke ich“, stellte er beinahe missbilligend fest und Hermine fuhr sich mit dem Ärmel ihrer freien Hand über die Wangen. Danach war er stellenweise tiefschwarz gefärbt.
„Ich sehe schlimmer aus als das Labor, ehrlich“, beteuerte sie und war erleichtert, als sie ihn milde lächeln sah.
„Um das Labor mache ich mir keine Sorgen. Es missfällt mir eher, dass ich meinen Arm jetzt dieser Mischung aussetzen soll.“ Seine missmutigen und sehr skeptischen Blicke trafen auf die dunkelgrüne Mischung und Hermine zog einen Schnute.
„Das ist nicht das Resultat der Explosionen, was du wüsstest, wenn du mir helfen würdest, anstatt nur zu nörgeln. Also rück wenigstens deinen Arm heraus, du unmöglicher Mann!“ Ihr kleiner Ausbruch überraschte ihn wirklich. Hermine konnte nicht leugnen, dass sich in den letzten Stunden große Verärgerung über seine Zurückhaltung in ihr aufgebaut hatte. Sie hätte viele Fragen gehabt, die sie ihm gerne gestellt hätte. Und das nach Möglichkeit, ohne ständig aus dem Labor laufen zu müssen.
„Du musst das nicht tun, Mia“, sagte er nach einer langen Stille.
Hermine schnaubte. „Sicher! Ich gucke einfach zu, wie der Mann, den ich liebe, beim Kampf gegen das Böse draufgeht, ohne einen aktiven Part zu übernehmen! Soweit kommt es noch.“ Sie stellte die Phiole auf den Tisch und verschränkte die Arme vor der Brust. Dieses Gespräch schien ein längeres zu werden und zu große Wärmeeinwirkungen, zum Beispiel durch ihre erhitzten Hände, könnten die Wirkung des Trankes verändern. Das wollte sie nicht riskieren.
Severus seufzte leise. „Es tut mir Leid, dass ich dich nicht mehr unterstütze.“
„Warum tust du es dann nicht?“
Unfähig, länger auf seinem Stuhl sitzen zu bleiben, stand er auf und lief dahinter auf und ab. Hermine kannte dieses Verhalten an ihm bereits recht gut und wappnete sich für das, was jetzt auf sie zukommen würde. „Weil ich nicht mehr kann“, antwortete er schließlich und betonte dabei jedes einzelne Wort so eindringlich, dass Hermine schauderte. „Ich habe zwei Jahrzehnte lang darum gekämpft, zu überleben. Nur damit das alles hier irgendwann ein Ende hat. Und jetzt kann ich nicht mehr. Kannst du das verstehen, Hermine?“ Er blieb stehen und legte mit verzerrtem Gesicht den Kopf schief.
Zu ihrer eigenen Überraschung spürte Hermine, wie sie nickte. „Das kann ich.“ Sie selbst hatte sich bis vor wenigen Tagen unfähig gefühlt, auch nur noch einen weiteren Schritt zu machen. Und sie hatte Ansätze der ähnlichen Schwäche bei ihm gefunden, als er ihr die Blüte gegeben hatte. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen. Und nachdem er sie aus dieser Unfähigkeit herausgeführt und ihr neue Kraft gegeben hatte, beabsichtige sie, dasselbe für ihn zu tun. Die Tage in Scarborough waren mehr gewesen, als sie jemals zu hoffen gewagt hatte. Die Zeit mit ihm und den Tränken hatten eine wilde Entschlossenheit in ihr geweckt. Sie würde das alles nicht leichtfertig aufgeben. Sie würde kämpfen.
Severus schnaubte leise. „Ich hasse es. Ich hasse es, das meine Disziplin anscheinend mit dem Lord in dieser verdammten Urne verschwunden ist. Ich kenne mich nicht so, Hermine. Es macht mich wahnsinnig.“ Er fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die Haare und riss die Augen auf eine Art und Weise auf, die tatsächlich an Wahnsinn erinnerte.
Hermine schluckte die Besorgnis, die sich in diesem Moment in ihr aufbaute. Sorge würde Severus nicht weiterhelfen. Doch sie wusste etwas, das vielleicht helfen konnte. Es tat weh, dass sie selbst dies offenbar nicht war, denn wenn es so wäre, hätten die letzten Tage auch ihm Kraft und Entschlossenheit zurückgegeben. Sie war allerdings schlau genug, um zu wissen, dass dies nicht bedeutete, dass er sie nicht so sehr liebte wie sie ihn. Sie hatte seine Gefühle gespürt und bei Merlin, da war so viel Liebe gewesen! So viel, dass es sie wie ein Schlag getroffen hatte.
Nun streckte sie ihm ihre Hand hin und erntete dafür einen verwirrten Blick. „Was hast du vor?“, fragte er scharf und sehr skeptisch.
„Vertrau mir!“, forderte sie mit festem Blick. Sie wusste, dass er ihr nicht folgen würde, wenn sie es ihm jetzt schon sagte. Sie musste ihn wenigstens aus seinen Räumen bekommen. Und obwohl er sie vor wenigen Tagen auf dieselbe Art dazu gebracht hatte, seine Hilfe anzunehmen, zögerte er ein paar Sekunden, ehe er ihre Hand ergriff.
Hermine drehte sich um, ließ die Phiole vergessen auf seinem Schreibtisch stehen und ging zielstrebig auf die Tür des Büros zu. Severus wollte seine Hand aus ihrer ziehen, als sie auf den Flur trat, doch sie hielt ihn resolut davon ab. „Es sind außer mir keine Schüler im Schloss und die Lehrer haben Besseres zu tun, als abends um neun auf den Gängen einer leeren Schule Kontrollgänge zu tätigen“, erklärte sie ihm das Offensichtliche und er knurrte widerwillig.
Sie führte ihn auf Umwegen durch die Schule und hoffte, ihn so etwas verwirren zu können. Mehrere Stockwerke lang gelang ihr dies auch, doch es war nur eine Frage der Zeit gewesen, ehe bei ihm der Groschen fiel.
„Das kannst du dir aus dem Kopf schlagen!“, keifte er in dem Moment mit giftiger Stimme und riss nun doch seine Hand aus ihrer.
Hermine atmete einmal tief durch, ehe sie sich zu ihm umwandte und sich dem wütenden Mann mit entschlossenen Blicken stellte. „Severus, du kannst nicht für immer einen Bogen um dieses Büro machen! Ich denke, du willst wieder unterrichten? Es ist jetzt das Büro von Professor McGonagall und früher oder später wirst du es betreten müssen. Und er wird da sein!“
Ihr Herzschlag raste und sie konnte an dem wilden Flattern an seinem Hals sehen, dass es ihm ähnlich ging. „Ich würde trotzdem gerne selbst entscheiden, wann ich ihm gegenübertrete!“, schnappte er und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich habe dir über ein halbes Jahr Zeit gelassen für diesen Schritt. Wenn es nach mir gegangen wäre, hättest du gleich nach deiner Rückkehr nach Hogwarts zu Professor Dumbledore gehen sollen.“ Sie starrte ihn aufgebracht an und sah, wie er hart schluckte. Hermine wusste später nicht mehr, was an dieser Kleinigkeit dazu geführt hatte, dass ihr ein Licht aufging. Aber es war ein wirklich sehr helles Licht; so hell, dass es regelrecht wehtat. „Es ist dir nie um den Lord gegangen, nicht wahr?“
Er runzelte die Stirn und wurde durch diese Frage wenigstens etwas in seiner bockigen Abwehr unterbrochen. „Was meinst du?“
Hermine schnaubte. „Ich habe Professor Dumbledore gefragt, warum du nicht zu ihm kommen würdest. Er sagte mir, es hätte mit deiner Gedankenkontrolle vor dem Lord zu tun. Bei Merlin, ich war so blind! Das Hochgefühl darüber, dass er nicht endgültig tot ist, hätte so viel mehr dem entsprochen, was du bei Voldemorts Kontrollen hättest empfinden sollen!“ Sie machte eine Pause und ihre Brust hob und senkte sich schnell unter ihren heftigen Atemzügen. „Der Mord an Professor Dumbledore hat dich so tief erschüttert, dass du bis jetzt noch nicht aufgehört hast zu zittern, nicht wahr?“
Sie tat ein paar Schritte auf ihn zu und war froh, dass er nicht weiter zurückwich. Nach langem Zögern nickte er widerwillig. Diese Schwäche zugeben zu müssen, war beinahe mehr, als er ertragen konnte; sie hatte es nicht mal bei der Mores monstrare gespürt. Nicht das, nicht so. Hermine rechnete es ihm hoch an, dass er trotz seiner empfindlichen Reaktion auf dieses Thema nicht auswich oder es resolut verweigerte, auch nur ein Wort darüber zu verlieren.
„Du hasst ihn dafür, dass er dir das angetan hat. Du hasst es, dass du es tun musstest und dass er dir deswegen nicht böse ist. Du hasst es, dass du ein derartiges Spielzeug in seinen Händen gewesen bist. Dass es ihn nicht interessiert hat, wie sehr du unter dieser Tat gelitten hast. Ist es nicht so, Severus?“ Ihre Worte hatten sich beinahe überschlagen und ihre Stimme war immer leiser geworden, bis die letzten Worte kaum mehr als ein eindringliches Flüstern gewesen waren. Sie war ihm immer näher gekommen und er hatte irgendwann angefangen, sich mit angewidertem Gesichtsausdruck weiter nach hinten zu lehnen.
„Ja, verdammt!“, schrie er sie nun an. Seine Stimme hallte von den Wänden wider.
Hermine nickte, zufrieden mit den Schlüssen, die sie nun endlich gezogen hatte. Dass sie mutig genug gewesen war, es bis zum Ende durchzuziehen. Sie wusste, wenn sie eine Chance hatte, ihn in das Büro der Schulleiter zu bekommen, dann jetzt.
„Geh zu ihm, Severus. Sag es ihm! Sag ihm, wie sehr du ihn für alles hasst, was er von dir verlangt hat! Gib ihm eine Chance, sich zu entschuldigen und das zu lindern, was er dir angetan hat! Er kann es vielleicht nicht wiedergutmachen. Aber es kann es zumindest versuchen.“ Ihre Stimme war sanft geworden und nun legte sie ihm eine Hand auf die fest verschränkten Arme.
„Vielleicht will ich keine Entschuldigung“, giftete er, wenn auch wenig nachdrücklich.
Hermine schnaubte erneut. „Das glaubst du doch nicht wirklich, oder? Selbst ich wollte eine, als ich dir sagte, dass es nicht so wäre. Und du hast sie mir gegeben. Glaubst du, ich wäre damals freiwillig zu dir gegangen? Du kamst in mein Zimmer. Diese Möglichkeit hat Professor Dumbledore nicht.“ Sie sah, wie sein Widerstand bröckelte. „Gib ihm eine Chance!“, bat sie ihn dann noch einmal inständig und wartete mit zitternden Händen darauf, dass er ihr seine Entscheidung mitteilte.
Schließlich wandte er den Blick ab und nickte. „In Ordnung.“
Hermine atmete erleichtert auf und er ließ es geschehen, dass sie seine Arme aus der Verschränkung löste und seine Hand erneut ergriff. Den restlichen Weg zum Steinernen Wasserspeier legten sie schweigend zurück und einen Gang eher entließ Hermine ihn aus ihrem Griff, hielt ihn aber kurz zurück. „Ich werde hier warten. Du musst diesen Weg alleine gehen, denn Professor McGonagall wird da sein.“
„Sie wird nicht bleiben“, unterbrach er sie abrupt.
Hermine nickte wissend. „Trotzdem kann ich dir auf diesem Weg nicht beistehen. So wie ich alleine verstehen muss, dass Lucius Malfoy kein Opfer des Krieges ist, um das es einem Leid tun muss, so musst du deinem Mentor alleine gegenübertreten. Er hat dieses Gespräch unter vier Augen verdient.“ Sie strich ihm in einer entschuldigenden Geste über die Wange und Severus schloss seufzend die Augen.
Dann riss er sich kurzentschlossen von ihr los und lief den Gang entlang zum Wasserspeier, ohne sich noch einmal zu ihr umzudrehen. Er trug seinen Umhang nicht, doch Hermine wusste, dass dieser sich weit hinter ihm im Gang bauschen würde, wenn er ihn getragen hätte.
Mit nervösem Gesichtsausdruck und verschränkten Armen lehnte sie sich gegen die Wand und beobachtete, wie Severus das Passwort nannte und auf der Treppe verschwand. Nun würde sie warten müssen.
***
Professor McGonagall hatte ihr Büro bereits eine knappe Minute nach Severus‘ Verschwinden verlassen und Hermine war froh, dass sie sie nicht gesehen hatte. Die Stimmung der Lehrerin schien zwischen Verärgerung und Erleichterung zu pendeln und Hermine konnte sich gut vorstellen, was woher rührte. Sicherlich hatte Severus sie recht bissig aus ihrem Büro vertrieben, was sie ihm garantiert auch übel genommen hätte, wenn es nicht darum gegangen wäre, dass er endlich dem Mann gegenübertrat, der ihn nach wie vor quälte.
Nachdem Professor McGonagall eine Treppe hinabgelaufen war, war es still geworden und Hermine lehnte mit der linken Schulter an der Wand, kaute auf ihrem Daumennagel und hatte die Augenbrauen in einer Art und Weise verzogen, die größte Anspannung, aber auch größte Hoffnung verriet. Sie konnte absolut nichts mehr an dem ändern, das die beiden Männer nun anstellen würden. Selten hatte sie sich so hilflos gefühlt.
Immer wieder hob sie eines ihrer Beine und schlug mit der Fußspitze auf den Boden. Ihr Kopf sackte irgendwann ebenfalls gegen die Wand und nach einer Viertelstunde schloss sie einfach die Augen und versuchte sich vorzustellen, dass sie ganz woanders und das alles hier nicht wirklich wichtig war.
Doch das war es, wie ihr Verstand ihr immer und immer wieder in Erinnerung rief. Zur Antwort wurde ihr Spiel mit dem Fuß nachdrücklicher, so dass es irgendwann beinahe wehtat. Trotz allem blieben ihre Augen geschlossen; sie fühlte sich zu wohl in der schützenden Dunkelheit, die sich so über sie legte.
Hermine erschrak nicht, als sich nach einer Ewigkeit eine Hand auf ihre Schulter legte. Sie hatte ihn gespürt, nicht gehört. Ihre Nackenhaare hatten sich aufgestellt und aus einem ihr unerfindlichen Grund hatte sie einfach gewusst, dass er es war und nicht Mrs Norris, die lautlos auf sie zukam.
Nun also schlug sie schlichtweg die Augen auf und sah abwartend in das ausdruckslose Gesicht ihres ehemaligen Lehrers. „Und?“, fragte sie schließlich, zog ihren Daumen allerdings nur soweit wie nötig von ihrem Mund weg.
Severus nickte erschöpft. Hermine schloss erneut die Augen, dieses Mal aber eher erleichtert; die Anspannung fiel von ihr ab. Sie atmete langgezogen aus und zog ihn zu einer Umarmung zu sich. Severus seufzte befreit, selten hatte sich etwas in ihren Ohren so gut angehört.
„Lass uns bitte gehen, Mia.“
Sie nickte und löste sich von ihm. Seine Blicke wirkten gepeinigt und irgendwie gehetzt. Es war offensichtlich, dass es ihm nicht gut ging. „Es wird immer wehtun“, sagte sie leise. Severus wandte den Blick aus dem Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Flures. Entschlossen fasste sie nach seinem Kinn und drehte sein Gesicht wieder zu sich. „Aber du wirst lernen, damit umzugehen“, erinnerte sie ihn an seine eigenen Worte, was er mit einem Verziehen seines Mundes zur Kenntnis nahm. Sie tippte ihm bedeutungsschwer auf die Brust. „Und für die schwachen Momente hast du mich und Madelaine.“ Hermine zwinkerte verschmitzt.
„In der Tat“, stimmte er ihr schwach zu und lehnte seine Stirn gegen ihre. Hermine beobachtete seine Mimik, die geschlossenen Augen und den Kampf darum, den quälenden Gedanken an den Mord nicht die Oberhand zu lassen. „Was hältst du von einem Weihnachtsessen bei mir?“, fragte er schließlich.
Hermine runzelte nachdenklich die Stirn. Sie war sich nicht sicher, ob sie sich auf dieses Verdrängen einlassen wollte. Doch vermutlich war sie nicht in der Position, seine Methoden anzuzweifeln. „Darf ich meinen Trank vorher testen?“
Severus stöhnte theatralisch. „Wenn es denn unbedingt nötig ist...“
„Und darf ich aussuchen, was wir essen?“, fragte sie sofort weiter.
Er lächelte schmal, als er das Spiel verstanden hatte. „Auch das, mein Liebling“, antwortete er geduldig und Hermine grinste zufrieden.
„Und darf ich dich danach verführen und solange lieben und quälen, dass du nicht mehr genug Kraft hast, mich in mein Bett zu scheuchen?“
Die Worte waren so schnell aus ihrem Mund gestolpert, dass Severus einen Moment brauchte, bis er sie wirklich verstand. Dann verengte er die Augen. „Wolllüstiges kleines Biest“, knurrte er und küsste sie endlich mit dem Versprechen, dass davon noch viel mehr folgen würde. Nachdem Hermine ihren Trank getestet hatte. Aber möglicherweise vor dem Essen...
***
And
the talkin' leads to touchin'
and the touchin' leads to sex
and
then there is no mystery left.
(Rilo Kiley – Portions for foxes)
***
Kapitel 63 – Die Macht des Lichts
Hermine hätte es besser wissen müssen.
Es war definitiv nicht gut gewesen, dass sie es Severus erlaubt hatte, sie auf diese Art zu küssen, kaum dass sie die Tür zu seinem Büro hinter sich geschlossen hatten.
Und noch viel weniger war es gut gewesen, dass sie seinen drängenden Schritten, die immer mehr zum Schlafzimmer lenkten, nachgegeben hatte.
Bei Merlin, sie hatte diesen verdammten Trank testen wollen! Und er hatte sie erneut davon abgebracht. So sehr, dass sie selbst das geplante Essen irgendwann zwischen Ausziehen und willenlos Stöhnen aufgegeben hatten.
Ja, sie hätte es besser wissen müssen.
Doch wirklich bereuen tat sie es nicht. Die Nacht war anders gewesen als sonst; aber das war ja auch ein Detail, das Severus ihr versprochen hatte. Es würde jedes Mal anders sein. Bisher hatte er dieses Versprechen gehalten. Sie freute sich wirklich darauf, einen Langzeittest durchzuführen.
Die Nacht war allerdings auch anders gewesen, weil er anders war. Was auch immer Professor Dumbledore ihm gesagt hatte, er hatte damit eine tiefe Erleichterung bei dem Tränkemeister bewirkt. Selbst in ihren kühnsten Träumen hätte Hermine niemals an einen solchen Ausgang des Gespräches denken mögen. Es war mehr, als sie selbst auf lange Sicht gesehen jemals für möglich gehalten hätte.
Vielleicht war sie deswegen so unglaublich zufrieden, als Severus erschöpft keuchend auf ihr zum Liegen kam. Sein Kopf ruhte irgendwo auf der Höhe ihrer Brust und sein regelmäßiger, wenn auch schneller Atem strich warm an ihrer Brustwarze entlang. Ihre Finger strichen zärtlich durch seine langen schwarzen Haare, die sich leicht feucht anfühlten.
Oh ja, sie hatte ihn definitiv geschafft!
Schließlich wandte sie den Blick von seinem Kopf ab und seinem linken Arm zu. Das Gewicht auf ihrem Körper war noch angenehm und sie wollte die schläfrige Wirkung, die die letzten Stunden auf ihn gehabt hatten, nutzen, um sich das Dunkle Mal genauer anzusehen.
Es war nicht so, als hätte sie niemals zuvor die Gelegenheit dazu gehabt. Doch seitdem Voldemort gestürzt und die meisten Todesser verhaftet worden waren, hatte er ihr die direkte Sicht auf diesen Teil seines Körper weitestgehend untersagt.
Ihre Fingerspitzen berührten die warme Haut an seinem Unterarm vorsichtig und erkundend. Es faszinierte sie, dass man so gar nichts von dem Mal spürte. Nicht einmal, wenn man wusste, dass es da war. Es musste ein Farbstoff sein, der sich so perfekt in die Haut einfügte, dass er sich von dieser lediglich durch die unterschiedliche Absorption des Lichts unterschied.
„Hermine, was machst du da?“, nuschelte er unverständlich und riss sie aus ihrem Gedankengang. Blinzelnd fixierte sie wieder den schwarzen Haarschopf unter ihrem Kinn.
„Ich denke nach.“ Sie runzelte die Stirn und hoffte, dass er nicht weiter auf die Ausflüge ihrer Finger eingehen würde. Dummerweise wusste sie, dass er es dennoch tun würde, alleine schon weil sie es nicht wollte.
„Und dafür musst du das Mal streicheln?“ Er hob schwer den Kopf zu ihr und das Gefühl, als die Haut seiner Wange sich von der ihres Brustbeines löste, war zuerst unangenehm klebrig, dann wurde es kalt. Hermine verzog etwas das Gesicht.
„Ja. Schließlich denke ich darüber nach.“ Sie hob vielsagend ihre Augenbrauen und er ließ sich ihre Begründung lange Sekunden durch den Kopf gehen.
Schließlich seufzte er schwer und rollte sich zur Seite. Hermine atmete auf, als das Gewicht von ihrem Körper verschwand, doch gleichzeitig fühlte es sich auch so an, als hätte sie etwas verloren. „Hörst du eigentlich auch irgendwann einmal auf zu denken?“, fragte er dann und drehte sich so auf die Seite, dass das Dunkle Mal zwischen ihnen lag.
Hermines Blicke schweiften immer wieder hinab zu der schwarzen Zeichnung und sie presste ihre Lippen zu einem schmalen Strich zusammen, bevor sie widerwillig den Kopf schüttelte. „Nicht, bevor ich das Rätsel gelöst habe.“
Er seufzte schwer und schüttelte den Kopf. „Dann denke!“ Er pulte die Decke unter ihren Körpern heraus und breitete sie so über sich und Hermine aus, dass sein Arm nach wie vor frei lag. Er drehte das Mal dem Licht der Kerze zu, so dass sie uneingeschränkte Sicht darauf hatte, schloss dann allerdings bestimmt die Augen und drehte den Kopf ins Dunkel.
Hermine lächelte amüsiert, tat dann aber das, was er ihr gesagt hatte. Schweigend inspizierte sie das Dunkle Mal, nahm jede einzelne Linie genau unter die Lupe und betastete es hin und wieder mit ihren Fingerspitzen. Zu ihrer großen Überraschung wurde Severus‘ Atmung im Laufe der Zeit trotzdem sehr ruhig und gleichmäßig. Er war eingeschlafen; ob nun trotz oder wegen ihrer Berührungen, würde sie vermutlich nie erfahren.
Hermine riss sich nach einigen Minuten von dem Anblick seiner sich hebenden und senkenden Brust ab und konzentrierte sich auf den Gedanken, den sie gehabt hatte, bevor er sie darin unterbrochen hatte.
Absorption, das war es gewesen. Das Mal wirkte, als wäre es aus dem gleichen Material – wenn man Haut als solches bezeichnen konnte. Vielleicht beruhte die Haltbarkeit des Dunklen Mals auf dem Detail, dass es nicht eine körperfremde, sondern nur eine veränderte, aber ursprünglich körpereigene Substanz war. Vielleicht konnte der Trank, den sie an Severus getestet hatte, es deswegen nicht nachhaltig entfernen. Und wenn es wirklich so war, würde auch der Trank, den sie heute gebraut hatte, das Mal nicht beseitigen können, denn alles beruhte auf demselben Prinzip.
Hermine seufzte frustriert. So schlüssig diese Erkenntnis auch sein mochte, sie machte das Ganze nicht leichter. Wie sollte sie eine nahezu körpereigene Substanz entfernen, die noch dazu über ein großes Maß an Selbstheilung verfügte? Sie erinnerte sich noch sehr gut an die Reaktion des Mals auf den Schnitt, den Severus ihm zugefügt hatte. Selbst ihre Angst war dabei noch recht präsent.
Nun setzte sie sich vorsichtig auf und verließ das Bett. Sie musste sich bewegen. Mit diesen ganzen Überlegungen und Vermutungen in ihrem Kopf konnte sie nicht weiter neben dem schlafenden Mann liegen und so tun, als wäre sie ebenso müde. Denn das war sie nicht. Zugegeben, ihr Körper war es vielleicht, nicht aber ihr Verstand.
Hermine zog sich seinen Bademantel über und ging nach vorne ins Büro. Mit fordernden Blicken inspizierte sie das riesige Bücherregal und fand dennoch nicht das, was sie suchte.
Sie wusste, dass die Muggel Tätowierungen entfernen konnten, indem sie Lichtstrahlen bündelten und die in Kollagene eingelagerten Farbstoffe freisetzten, so dass der Körper sie nach und nach abbauen konnte. So einfach würde es mit dieser magischen Tätowierung bei Weitem nicht sein, aber der Ansatz mit dem gebündelten Licht war einer, den sie bisher noch nicht bedacht hatte. Und vor allem einer, der ihr gefiel.
Was war, wenn der Schlüssel zu diesem Rätsel in der sehr viel banaleren und auf physikalischen Gegebenheiten beruhenden Methode der Muggel lag? Das würde immerhin erklären, warum ihre Tränke bisher immer erfolglos gewesen waren.
Bei dieser Überlegung runzelte sie erneut ihre Stirn und tippte sich mit dem Finger gegen die Lippen, während sie die andere Hand in die Hüfte stemmte. Ihre Blicke tasteten die Buchtitel erneut ab und dann blieb sie an einem hängen, der äußerst vielversprechend aussah.
‚Die Zutat Licht‘ von Amanda Hopkins
Hermine zog das Buch aus dem Regal und machte es sich damit im Sessel vor dem Kamin bequem. Die nackten Füße in den Stoff des Bademantels einschlagend, entzündete sie ein Feuer und suchte sich Pergament und Feder. Dann schlug sie das Buch auf und verfolgte die Ansätze ihrer Idee auf fundierten und vor allem magischen Forschungsergebnissen.
***
Sie hatte bereits mehrere Rollen mit Pergament gefüllt, als ein sehr verschlafen aussehender Tränkemeister das Büro betrat. Sein Körper wurde nur unzulänglich von dem eigentlich viel zu kleinen Bademantel verdeckt und Hermine kicherte amüsiert, als sie es sah.
Severus blickte an sich herab und zuckte mit den Schultern. „Jemand hat mir meinen Bademantel geklaut“, knurrte er missmutig und kam zum Sessel hinüber.
„Ich bekenne mich schuldig“, gab Hermine ohne Umschweife zu und streckte ihm ihr Gesicht entgegen, damit er sie küsste. Zufrieden stellte sie fest, dass er ihr Bitten dieser Art ohne Zögern erfüllte.
„Was tust du hier um diese Zeit?“ Er ging an ihr vorbei zum zweiten Sessel und überflog die Pergamente, die Hermine auf den kleinen Tisch zwischen den Sesseln gelegt hatte.
„Recherchieren. Ich hatte da eine Idee, die sich nicht aufschieben ließ.“ Mühsam versuchte sie ein Gähnen zu unterdrücken, doch wirklich gelingen wollte es ihr nicht.
„Nicht einmal bis morgen früh?“, fragte er deswegen skeptisch nach.
Hermine schüttelte resolut den Kopf. „Nicht einmal bis morgen früh.“
„Muss ja eine unglaubliche Idee sein“, kommentierte er wenig verständnisvoll mit hochgezogenen Augenbrauen.
Hermine war etwas enttäuscht über diese Antwort. „Ich hatte eigentlich erwartet, dass du das nachvollziehen könntest.“ Sie strich sich mit den Fingern durch die Haare.
Severus hob missverstanden seinen Blick. „Oh, ich kann es durchaus nachvollziehen. Nur missfällt es mir, dass du dir wegen mir die Nächte um die Ohren schlägst, wo du so offensichtlich müde und erschöpft bist.“
Sie lächelte schmal. „Ich schlage mir gerne die Nächte für dich um die Ohren. Außerdem ist es nur mein vermaledeiter Körper, der müde ist. Mein Verstand funktioniert bestens.“ Sie gähnte erneut. „Wobei ich zugeben muss, dass ich mich meinem Körper nicht mehr lange widersetzen kann.“
„Ich mag deinen Körper immer mehr“, erwiderte er schlicht und stand auf. Ohne dass er Einwände zugelassen hätte, nahm er ihr Feder, Pergament und Buch aus der Hand und zog sie auf die Beine. „Lass uns schlafen gehen und morgen erklärst du mir, was genau du für eine Idee hattest. Ich bin überzeugt, dass sie uns dann weiterbringen wird.“ Er strich ihr ein paar verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht.
„Warum bist du dir da so sicher?“, bohrte sie nach und ihre Finger spielten mit dem Ausschnitt, den der Bademantel über seiner Brust bildete. Da dieser so viel zu klein war, blitzte verführerisch viel nackte Haut hervor und es juckte sie, diese genauer zu erkunden.
„Weil ich dich kenne. Du würdest niemals für eine unbegründete Vermutung das warme Bett verlassen.“
„Hm, anscheinend kennst du mich doch nicht so gut“, erwiderte sie prompt und genoss den verwirrten Blick des Tränkemeisters, ehe sie hinzufügte: „Ich würde für eine unbegründete Vermutung niemals das warme Bett verlassen, in dem du liegst und geradezu faszinierend ruhig schläfst!“
Severus verdrehte die Augen. „Meinetwegen auch das“, wehrte er sich dagegen, zu sentimental auf ihre Worte zu reagieren. „So und anders auch bin ich dafür, dass du jetzt in das inzwischen leider sehr kalte Bett zurückkommst und es wieder zu dem warmen Ort machst, der es noch vor ein paar Stunden gewesen ist!“
Hermine lehnte sich erschöpft mit dem Kopf gegen seine Brust und ließ ein genießendes Seufzen hören, als er seine Hand auf ihren Hinterkopf legte und sie zärtlich streichelte. „Ich mag deinen Vorschlag“, nuschelte sie schließlich und er legte seinen anderen Arm um ihre Schulter, während er sie herumdrehte und nebenbei das Feuer löschte.
„Dann lass ihn uns in die Tat umsetzen.“ Und schob sie entschlossen durch seine Wohnung hinüber ins Schlafzimmer.
***
Am nächsten Morgen glitten Hermines Hände über die leicht schweißige Brust des Tränkemeisters, soweit hinab, dass sie schließlich ihre eigenen Beinen berührte. Er stöhnte kehlig und legte den Kopf in den Nacken, soweit ihm dies möglich war. Dabei hob sich sein Oberkörper ein Stück vom Bett ab und Hermine spürte, wie er noch tiefer in sie glitt. Daraufhin erwiderte sie sein Stöhnen auf beinahe die gleiche Art und sah ihn diabolisch lächeln.
Es dauerte einen kleinen Moment, ehe sie wieder die Kraft hatte, sich auf ihm zu bewegen. Sie hatte nicht erwartet, dass Sex in dieser Position so anstrengend sein konnte. Aber es lohnte sich definitiv; ihre Fingernägel hinterließen gereizte rote Spuren auf seiner Haut.
„Was für eine Idee hattest du, Hermine?“, presste er zwischen zwei ihrer Bewegungen hervor und umfasste ihre Taille, um sie zu unterstützen und etwas energischer zu gestalten. Allein dafür hätte sie ihn gerne geküsst.
Dann allerdings sickerte die Bedeutung seiner Frage in ihren Verstand. „Huh?“, erwiderte sie mehr als irritiert. Sie wollte nicht denken.
Nicht jetzt!
„Deine Idee, die dich letzte Nacht wachgehalten hat!“, bestand er allerdings auf einer Antwort und Hermine ließ sich kraftlos auf seinen Schoß sinken.
„Das ist nicht dein Ernst, oder?“ Es war ein beinahe panisches Kieksen. „Severus, wir haben Sex! Ich will jetzt nicht darüber reden!“
Er hob eine Augenbraue an und musterte sie ungläubig. „Sag das deiner Hand!“ Und nickte zu besagtem Körperteil.
Hermine folgte dem Hinweis und ihre Augen weiteten sich. Wann hatte ihre Hand sich auf sein Mal gelegt? Wann hatte sie die Kontrolle über ihre Gliedmaßen verloren? Das musste an dieser Stellung liegen... „Ähm... ich... mag deinen Arm... Sehr sogar“, versuchte sie sich errötend herauszureden, woraufhin seine Augenbraue noch weiter nach oben wanderte.
Severus nahm mit skeptischen Blicken die Bewegungen wieder auf. Hermine schrie leise und überrascht auf.
Himmel, das fühlt sich gut an!
„Ich will es trotzdem wissen“, forderte er mit scharfer Stimme, die zu Hermines Überraschung ein prickelndes Gefühl in ihrem Körper entstehen ließ. Prickelnde, heiß-kalte Wellen. Sie war definitiv nicht fähig, klar zu denken!
„D-Das Mal untersch... oooh! Unterscheidet sich nur in der... A-Absorption des Lichts von... Bei Salazar, Severus!“ Sie keuchte unkontrolliert, als er begann, ihren Lustpunkt zu reiben.
„Von was?“, erinnerte er sie daran, dass sie ihre Ausführungen noch nicht beendet hatte.
„Sadist!“, presste sie hervor, als seine Finger still hielten.
„Sag es!“, zischte er und hob sich etwas zu ihr hoch. Hermine blitzte ihn wütend an, umfasste allerdings seine Schultern und küsste ihn hart und verlangend. Ihr Becken schob sich sehnsüchtig gegen seines, vielleicht würde er sich ja so dazu bewegen lassen, weiterzumachen.
Doch das Gegenteil war der Fall. Er schob sie ein Stück von sich. „Es unterscheidet sich nur in der Absorption des Lichts von deiner Haut, ist aber ansonsten exakt so aufgebaut, weswegen kaum ein Trank oder Zauber echt von unecht unterscheiden kann. Können wir jetzt weitermachen?“ Sie wimmerte flehend und sah ihn zufrieden grinsen.
„Ich liebe es, wenn du das tust“, knurrte er und hob sie am Po ein Stück hoch, ehe er sie beinahe brutal auf sein Glied zurücksinken ließ. Hermine schnappte überrascht nach Luft, während kribbelnde Hitze durch ihren Unterleib pulsierte.
„W-Wenn ich was tue?“, fragte sie kraftlos, klammerte sich an seinen Schultern fest und legte den Kopf in den Nacken, als er ihr Schlüsselbein küsste und neckte.
„Wenn du diese fachlich formulierten Dinge sagst“, nuschelte er eher abwesend. Es war beruhigend zu wissen, dass die Lust auch ihn des klaren Denkens beraubte und Hermine lächelte amüsiert. Nicht, dass sie es mitbekommen hätte; dafür war sie viel zu gefesselt von den Dingen, die er mit ihrem Körper anstellte.
„Ich plane, einen Trank mit Einfluss von Licht herzustellen, der... h-hoffentlich die Farbstoffe des Mals... Heilige Mutter Merlins!“
Severus hatte mit einem verlangenden Keuchen seine Arme fest um ihren Oberkörper geschlungen und so pressten sich ihre harten Brustwarzen gegen seine feuchte Haut, rieben sich erregend langsam und sensibel daran. Er lachte leise auf, als er ihre Reaktion hörte.
„Erzähl weiter!“, forderte er mit belegter Stimme.
Hermine nickte abwesend. Wo war sie stehen geblieben? „L-Licht... Farbstoffe. Genau, das war’s! Das Licht soll die... die Farbstoffe zerstören und... b-binden.“ Sie unterbrach sich, um sich auf die Unterlippe zu beißen. Warum zum Teufel erregte es sie dermaßen, bei diesen gewissen Dingen über diese anderen Dinge zu reden? Allmählich begann sie wirklich an ihrem Verstand zu zweifeln.
„Wird das für immer halten?“ Gepresste Worte, begleitet von Stöhnen und Lauten, die böse Zungen als Wimmern bezeichnet hätten. Hermine entschied, dass sie ausnahmsweise auch einmal eine dieser bösen Zungen war, und grinste zufrieden.
Ihre Fingernägel kratzten über seinen Rücken und sie hinterließ dunkelrote Flecken an seinem Hals. Salziger Geschmack breitete sich auf ihrer Zunge aus. „Ich weiß es nicht“, gestand sie ihm dann und legte ihre Stirn auf seine Schulter. „Severus, du machst mich wahnsinnig!“, flüsterte sie und im nächsten Moment zogen sich ihre Muskeln ekstatisch um sein Glied zusammen. Nun war sie es, die das Wimmern ausstieß und sich hilflos an ihm festklammerte.
Als sie ihre Augen öffnete, konnte sie sehen, dass auch Severus seinen Höhepunkt erreicht hatte, und nachdem die Wellen der Erregung allmählich abflauten, strich sie ihm eine feuchte Haarsträhne aus seiner Stirn.
„Ich weiß nicht einmal, ob es überhaupt funktioniert. Du hast mich ja aus meiner Recherche gerissen.“ Ihre Augenbraue hob sich beinahe gleichzeitig mit seiner.
„Als ob dich das gestört hätte“, schoss er zurück und Hermine legte nachdenklich den Kopf schief.
„Nicht wirklich“, gab sie lächelnd zu.
Severus ließ sich nach hinten sinken und zog sie mit sich. Sie legten sich so in die Kissen, dass er nach wie vor in ihr blieb und Hermine schloss genießend die Augen über diese Erkenntnis. Die Schwingen der Müdigkeit holten sie immer mehr ein und das, obwohl sie erst vor einer halben Stunde aufgewacht war.
Als Severus ihren Oberkörper an sich zog, dachte sie über diese Tatsache allerdings nicht weiter nach. Es waren immerhin Ferien und sie hatten noch genug Zeit, um sich über Licht und Farbstoffe Gedanken zu machen.
***
„Hermine, tu mir den Gefallen und geh um Merlins Willen vorsichtig mit diesem Zeug um!“
Hermine blickte missmutig zu Severus auf, der den Behälter mit dem Glasstaub beinahe panisch umklammert hielt. Sie hätte diese Reaktion ja durchaus verstehen können, wenn es sich um eine besonders gefährliche Zutat handeln würde, aber diese hier war nicht gefährlich. Sie war bloß sehr... nun, wie sollte sie es sagen? Teuer. Ja, teuer traf es recht gut. Sehr teuer sogar.
„Bin ich jemals unvorsichtig mit einer Zutat umgegangen?“ Sie streckte die Hand nach dem Glasstaub aus. Severus hingegen machte keine Anstalten, das Fläschchen loszulassen.
„Muss ich das wirklich beantworten?“
Hermine dachte einen Moment nach und erinnerte sich an diverse Gelegenheiten, die Neville, Ron oder Harry beinhalteten, wahlweise auch alle drei. Dummerweise war es stets sie gewesen, die das Glas mit irgendeiner Zutat in der Hand gehalten hatte.
„Nein“, entschied sie deswegen und lief rosa an.
Severus nickte dankbar.
„Aber du könntest mir vertrauen! Es sind immerhin keine tollpatschigen Klassenkameraden anwesend!“ Sie verschränkte missbilligend die Arme vor der Brust. Er übertrieb es maßlos.
Gut, der Glasstaub war kein gewöhnlicher Glasstaub. Er war magisch verändert, so dass die mikroskopisch kleinen Partikel Licht auf eine besondere Art in sich aufnahmen und speicherten. Sie bündelten die Strahlen und gaben sie verstärkt wieder ab und das sogar relativ kontrolliert. Das Glas, das er in der Hand hielt, musste ein Vermögen gekostet haben. Und irgendetwas sagte ihr, dass es nicht zur Standardausrüstung eines Schullabors gehörte und dementsprechend auch nicht vom Schuletat bezahlt worden war.
Nichtsdestotrotz war sie sich der Kostbarkeit bewusst. Ebenso wie der Notwendigkeit, die diese für den Trank hatte. Ohne diesen Glasstaub würde es absolut nicht funktionieren, weil sie kein Medium hatte, das das Licht einfangen konnte. Und sie war sich vollkommen sicher, dass alles gut gehen würde, solange die Jungs den Abstand von gut und gerne fünf Stockwerken einhalten würden.
„Das ist ein Grund, für dich aber sicherlich kein Hindernis“, antwortete Severus skeptisch.
Hermine kniff die Augen mit verhaltener Wut zusammen und wackelte mit ihrem Fuß auf dem Boden. „Schön“, schnappte sie und zuckte ein Stück zurück. „Dann komm mit ins Labor und füg‘ diesen blöden Glasstaub selbst dem Trank zu!“ Mit diesen Worten wandte sie sich um und stürmte durch die nur angelehnte Tür ins Nebenzimmer zurück.
Sie hatte bereits vor einigen Stunden begonnen, den Trank zu brauen, dessen Rezept sie sich mühsam aus dem Buch von Amanda Hopkins zusammengeschrieben hatte. Severus hatte es abgesegnet, doch bereits da hatten seine Lippen sich pikiert geschürzt, als er von dem Glasstaub gelesen hatte.
Engstirniger Skeptiker!
Nun rührte sie mehrmals durch den Trank und prüfte, ob er wirklich genauso aussah, wie er aussehen sollte. Schließlich nickte sie zufrieden und machte Platz, als Severus an den Kessel trat. Er warf ihr abschätzende Blicke zu, die sie blitzend erwiderte.
Dann schraubte er vorsichtig das Glas auf und achtete peinlich genau darauf, das nicht ein Krümelchen von dem Glasstaub beiseite fiel. Hermine verdrehte genervt die Augen, auch wenn das eher eine Geste de