
The
world seems not the same
Though I know nothing has changed.
It's
all my state of mind
I can't leave it all behind.
I have to
stand up to be stronger.
(Within Temptation – Pale)
***
Kapitel 37 – Gegenstücke
Das neue Schuljahr brach an und auf eine groteske Art war alles so wie immer und trotzdem anders. Natürlich, die Schüler kamen wieder – aber es waren weniger. Es wurden neue eingeschult – aber es war gerade einmal die Menge zweier Klassen, die auf vier verteilt wurde. Die Lehrer waren anwesend – doch der Direktor fehlte.
Auch Snape würde so lange keinen Unterricht geben, bis seine Zugehörigkeit zur guten Seite öffentlich bekannt gegeben werden konnte. Und das wäre zweifellos erst nach dem Sturz Voldemorts. Bis dahin hatte Professor McGonagall seinen Vorgänger, einen pummeligen, in die Jahre gekommenen Mann namens Horace Slughorn, aus dem Ruhestand zurückgeholt. Niemand wusste, wie sie es geschafft hatte, denn er betonte immer wieder, dass er eigentlich nie geplant hatte, diese Stelle noch einmal einzunehmen.
Hermine vermutete, sie hatte einen Tipp von Professor Dumbledore bekommen.
Die Nachricht, dass Snape nicht unterrichten würde, hatte bei Hermine allerdings eine Kaskade von Gedanken ausgelöst, der sie nur Herr werden konnte, indem sie es rigoros vermied, auch nur im Ansatz über das Thema nachzudenken. Snape war kein Lehrer mehr. Sie nicht seine Schülerin. Es gab nichts, das zwischen ihnen stand. Nichts außer Voldemort, zwanzig Jahre und sein Alter Ego.
Lass das Denken, Hermine, das führt zu nichts!
Hermine saß neben Ginny am Tisch der Gryffindors und lauschte der Rede Professor McGonagalls. Die Hauslehrerin von Gryffindor wirkte ein wenig so, als würde alles unter ihren Händen zerbrechen und kein noch so mächtiger Zauber war dazu in der Lage, diesen Zerfall aufzuhalten. Hermine hatte ihre Lehrerin nie zuvor so machtlos und bemüht zugleich gesehen.
Sie selbst fühlte sich ähnlich. Seitdem Snape sie am vorigen Abend so sehr geschockt und von ihrer Überzeugung abgebracht hatte, schien ein unstillbares Zittern von ihrem Körper Besitz ergriffen zu haben. Sie hatte dem Todesser in die Augen gesehen. Erneut, sollte sie eigentlich sagen, doch das Aufeinandertreffen gestern Abend hatte nichts mit der Nacht zu tun, in der sie ihre Unschuld verloren hatte. Damals war das verzweifelte Flackern in seinen Augen gewesen, das ihr gezeigt hatte, dass das nur eine Maske war. Er hatte ihr wehgetan, das zweifellos, aber sie hatte gewusst, dass er es aus einer Art Zwang heraus getan hatte. Er hatte lediglich die Kontrolle verloren und sie war dumm genug gewesen, nicht abzuwarten, bis er sie wieder hatte.
Nein, das, was gestern Abend in seinen Augen gestanden hatte, war weder verletzt noch verzweifelt gewesen. Das war Erregung und Leidenschaft und Genuss gewesen. Das war der Todesser gewesen, unverfälscht und rein, wenn man auf diese Art überhaupt von einem solchen Geschöpf sprechen konnte. Sie hatte den Severus Snape gesehen, der sich damals aus vollster Überzeugung dazu entschlossen hatte, den Todessern beizutreten. Im uneingeschränkten Bewusstsein darüber, welcher Mittel sie sich bedienten.
Er hatte es akzeptiert.
Erneut durchlief ein Schaudern sie und Hermine rieb verstohlen ihre kalten Hände aneinander. In ihrem Verstand kämpften zwei überaus starke Wünsche miteinander. Der eine wollte weglaufen und Snape aus dem Weg gehen; er hatte erkannt, dass das, worauf sie sich eingelassen hatte, eine Nummer zu groß für sie war. Der andere wollte zu ihm und nachsehen, ob die Maske von gestern noch da, oder bereits wieder verschwunden war; er war sich sicher, dass sie nur einem Irrtum auf den Leim gegangen, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. Hermine wusste nicht, wer gewinnen würde.
Auf jeden Fall nicht die ‚Er-ist-nicht-länger-mein-Lehrer‘-Stimme!
Verdammt!
Zu ihrer Erleichterung nahm Snape ihr diese Entscheidung ab. Als sie nach der Begrüßungsfeier in ihr Zimmer zurückkehrte und insgeheim die Einsamkeit der Ferien zu vermissen begann, fand sie eine kurze Notiz auf ihrem Tisch. Ein zerfranstes Band lag daneben und als Hermine den Blick hob, sah sie, dass ihr Fenster ein Stück offen stand. Anscheinend hatte die Eule, die ihr diese Notiz gebracht hatte, entschieden, dass sie nicht auf Eulenkekse warten, sondern lieber wieder verschwinden würde. Vielleicht hatte sie Angst gehabt, Hermine würde sie zu Snape zurückschicken.
Kluges Tier.
Die Brünette kräuselte die Nase über diese Vorstellung und griff dann mit dem festen Entschluss, sich durch nichts und niemanden – und schon gar nicht durch Snape – ihre Zweifel nehmen, geschweige denn ihre Wut lindern zu lassen, nach dem Brief. Sie faltete das gelbliche Pergament auseinander und ihre Augenbrauen hoben sich, als sie lediglich einen Satz darauf fand.
‚Kommen Sie so bald wie möglich in mein Büro.‘
Kein Absender, doch sie kannte Snapes Schrift gut genug, um ihn einwandfrei als selbigen zu identifizieren. Und selbst wenn nicht, gab es nicht viele Menschen in Hogwarts, die sie zu sich ins Büro bitten würden. Da Professor Dumbledore das Schreiben von Briefen inzwischen hatte aufgeben müssen und Professor McGonagall sie vorhin erst kurz gesprochen hatte, wäre so und anders auch nur Snape übrig geblieben.
Mit nachdenklicher Miene setzte sie sich an den Tisch und las diesen einen Satz mehrmals durch.
...so bald wie möglich...
Hermine schnaubte. Bis vor vierundzwanzig Stunden wäre sie bereits auf halbem Weg in die Kerker gewesen. Jetzt musste sie erst den einen Drang gegen den anderen ausspielen und ihre Beine dazu zwingen, diesen Weg anzutreten.
„Verdammter Bastard!“, fluchte sie lautlos und wischte sich mit gespreizten Fingern durch die Haare. Die Notiz lag drohend vor ihr auf dem Tisch und nachdem sie mehrmals tief durchgeatmet hatte, schnappte sie sich in einem Anflug von Mut ihren Zauberstab und verließ ihr Zimmer.
Hinter ihr schien das Pergament schadenfroh zu knistern, ehe es sich ein paar Zentimeter in die Luft erhob und verbrannte.
***
Der Gemeinschaftsraum war überfüllt und das obwohl sehr viel weniger Schüler als sonst ihn bevölkerten. Es schien, als hätten sich alle hier unten versammelt, um die neuesten Gerüchte und Erkenntnisse auszutauschen und flüchtig traf Hermine Ginnys Blick.
Die Rothaarige saß bei ihren Klassenkameraden und kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. Ginny wusste bei Weitem nicht alles, was im Orden vor sich ging, aber sie wusste genug, um wertvolle Informationen weitergeben zu können. Hermine hoffte sehr, dass sie stark genug war, um diesem inneren Wunsch nicht nachzugeben. Undenkbar, was dann geschehen könnte.
Als die Jüngere seufzend den Blick senkte, wusste Hermine, dass sie alles für sich behalten würde. Ein erleichtertes Pochen tönte durch ihren Körper und als sie weitergehen wollte, wäre sie beinahe mit Colin Creevy zusammengestoßen.
„Hallo, Hermine!“, grüßte der noch immer viel zu kleine Junge begeistert grinsend.
„Hi Colin...“ Er wollte gerade wieder zum Sprechen ansetzen, als Hermine ihn unterbrach: „Hör zu, ich weiß, dass das, was du mir sagen willst, mit Sicherheit überaus wichtig ist, aber ich habe gerade gar keine Zeit. Können wir das auf später verschieben?“ Sie sah ihn zerknirscht an und fragte sich, wie oft sie diesen Spruch in Zukunft noch benutzen würde.
„Sicher! Wir sehen uns.“ Nicht wirklich bekümmert, hob er kurz die Hand zum Abschied und ging zielstrebig zu seiner Klasse zurück. Diese nickten anerkennend und als Hermine sah, dass sie eine leere Butterbierflasche auf dem Tisch liegen hatten, die eines der Mädchen nun zu drehen begann, tat es ihr nicht mal mehr Leid, ihn so abgewimmelt zu haben.
Hermine atmete auf und steuerte nun rasch das Portraitloch an, nur um dieses Gedränge hinter sich zu lassen. Die Gänge waren um diese Zeit bereits verlassen, denn die Regeln in Hogwarts waren verschärft worden. Bis acht Uhr hatten alle in ihren Gemeinschaftsräumen zu sein und Hermine konnte sich nur beglückwünschen, dass sie Schulsprecherin war und dementsprechend aus der Regel fiel.
***
Auf den Gängen herrschte trotz der Sperrstunde ein munteres Treiben. Nicht nur die Lehrer waren allesamt wieder versammelt, auch die Geister von Hogwarts schienen es nun wieder für lohnenswert zu halten, sich hier und dort zu zeigen, und schwebten durch die Flure. Seit dem Treffen in der Bibliothek hatte Hermine nicht auch nur einen Geist gesehen – natürlich abgesehen von Peeves, dem sie an diesem Abend nur mit einer gewaltigen Portion Glück entgangen war. Er stimmte nach wie vor gerne das kleine Lied an, das er sich über ihre leuchtend blaue Erscheinung ausgedacht hatte.
Sie verfluchte Murphy und die Tatsache, dass sie mit diesem äußerst unsympathischen Gesellen offenbar Brüderschaft getrunken hatte und schätzte sich glücklich, als sie endlich vor Snapes Bürotür stand.
Dieses Glücksgefühl währte allerdings nur solange, bis sie klopfte und sich daran erinnerte, warum sie erst jetzt hier war. Für einen Moment schloss sie die Augen und fühlte sich abrupt am Arm durch einen schmalen Spalt in der Tür gezogen. Der Durchgang war schneller wieder zu, als sie gucken konnte, und Snape presste sie mit einem Finger auf den Lippen gegen die Innenseite der Tür.
Nachdem er sich lauschend vergewissert hatte, dass niemand sie gehört hatte, ließ er Hermine los und ging wortlos zu seinem Schreibtisch, beinahe so, als wäre nichts geschehen.
„Was sollte denn das?“, fragte Hermine ungehalten, allerdings leiser als sie es für gewöhnlich getan hätte. Sie hatte das dumme Gefühl, dass Snape durchaus seine Gründe hatte, sie so zu behandeln. Sie hasste lediglich das Prickeln an den Stellen, an denen seine Hände sie berührt hatten.
„Niemand weiß, dass ich hier bin, und ich würde es sehr begrüßen, wenn das auch so bleibt, Miss Granger!“ Seine Stimme klang genauso ungehalten und scharf wie am Abend zuvor und die Worte, die er da benutzt hatte, schossen erneut Angst erregend durch ihren Kopf.
Reiß dich zusammen!
Hermine schloss die Augen und kämpfte um ihre Selbstbeherrschung. Sie hatte diesen Mann geküsst, sie hatte Sex mit ihm gehabt und sie hatte in seinen Augen gesehen, dass er definitiv auf ihrer Seite stand. Diese Angst war absolut unbegründet und kindisch!
Oder?
„Miss Granger?“ Snape sah sie mit ärgerlich verengten Augen an und wartete darauf, dass sie weiter in den Raum trat und sich setzte.
Nur mit Mühe schaffte sie es, diese Erwartungen zu erfüllen. Ihr Herz raste und ihre Hände wurden feucht. „Was wollen Sie von mir, Sir?“, fragte sie dann matt und setzte sich auf den äußersten Rand des Stuhls.
Himmel, er ist nicht mehr mein Lehrer!
Snape musterte ihre Gestalt mit einer hochgezogenen Augenbraue. Hermine gab sich nicht einmal die Mühe, ihre Angst vor ihm zu verbergen. Er sollte ruhig sehen, was er gestern angestellt hatte mit seiner unbeherrschten Art. Die er ja auch jetzt noch nicht abgelegt hatte, sondern beinahe stolz zur Schau trug. In diesem Moment hasste sie ihn abgrundtief.
...nicht mehr mein Lehrer...
„Ich habe eine Aufgabe für Sie“, entschied er sich schließlich, dass ihn ihre Angst nicht störte und er sich problemlos auf sein eigentliches Anliegen konzentrieren konnte.
Hermine ballte die Hände zu Fäusten. „Was für eine Aufgabe?“ In Gedanken fügte sie ein abfälliges ‚Bastard!‘ hinzu, doch dieses traute sie sich nicht zu sagen. Nicht mit diesem Adrenalinpegel im Blut.
... nicht... Lehrer...
Ruhe, verdammt!
„Sie dürfen sich dichterisch betätigen.“ Er lächelte zuckersüß und schob ihr ein kleines Stück Pergament über die Tischplatte.
Hermine zögerte, ihre Blicke fest auf seine Augen konzentriert, ehe sie nach dem Papier griff und die Zeilen überflog. Es war die Beschwörung, die sie in Harrys Erinnerung Wurmschwanz hatte sagen hören. „Was soll ich damit?“
Snape stöhnte frustriert. „Meine Güte, Miss Granger! Reißen Sie sich endlich zusammen und konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche!“
Sie zuckte erschrocken zurück und sah ihn wütend, wenn auch leicht rosa im Gesicht an.
Er ist mein Lehrer, belassen wir es dabei! Das macht es viel leichter, nicht auf diese Lippen zu starren und sich daran zu erinnern, was er damit anstellen konnte...
Snape beugte sich halb über den Tisch, ehe er betont gefasst und deutlich sagte: „Der Basistrank ist fertig. Ich habe ihn heute beendet, während sie der neusten Vergewaltigung des Sprechenden Hutes gelauscht haben.“ Er grinste zufrieden. „Wir sollen das Ritual umkehren, also lassen Sie sich was Hübsches dafür einfallen. Und wenn Sie sich ein paar Bonuspunkte sammeln wollen, dann liefern Sie auch gleich noch die entsprechenden Gegenzutaten dazu.“ Danach ließ er sich wieder zurücksinken und verschränkte zufrieden mit sich und der Welt die Arme vor der Brust.
Himmel, diese Stimme...
Halt! Lehrer, wir erinnern uns?
Hermine ließ ihn nur ungern aus dem Auge, doch es drängte sie danach, die Beschwörung erneut zu lesen. Woher sollte sie wissen, wie man die Gegenstücke dieser Zutaten fand?
Knochen, Fleisch, Blut...
„Unterscheiden sich die Gegenzutaten komplett von diesen, oder muss ich nur die Herkunft ändern?“ Sie bemühte sich um einen sachlichen Ton und hoffte, dass Snape auch wieder zu dieser höflichen Distanz zurückkehrte, die ihr Miteinander ausgezeichnet hatte.
Und tatsächlich sah sie den spöttisch abfälligen Blick schwanken und seine Stimme klang eine Nuance weicher, als er sagte: „Ich fürchte, wir müssen bei diesen Zutaten bleiben. Das Ritual beruht auf der Macht von Knochen, Fleisch und Blut und wir müssen die passenden Gegenstücke finden. Jede dieser Zutaten hatte einen besonderen Sinn für den Lord. Sie haben ihn auf eine gewisse Art stärker gemacht, als es die gleichen Zutaten von beliebigen Leuten getan hätten. Wir müssen die Zutaten finden, die ihn besonders schwächen.“
Hermine spürte, wie sie allmählich ruhiger wurde. Sie flüchtete sich in den Schutz, den zum Einen der große Schreibtisch und zum Anderen das sachliche Thema ihr boten. Sie nickte. „Ich werde mein besten geben.“ Dann stand sie auf, ohne ihn noch eines weiteren Blickes zu würdigen.
„Miss Granger?“, rief er sie noch einmal zurück und bereits an der Tür stehend, drehte sie sich unwillig zu ihm um. „Nehmen Sie den dort.“ Er deutete auf die Lehne des Sessels, der auf der anderen Seite des Raumes vor dem Kamin stand. Darüber hing ein fließender Umhang, den sie im ersten verwirrten Moment für Harrys Tarnumhang hielt. Anscheinend besaß Snape selbst einen solchen, den er ihr nun zur Verfügung stellen wollte.
„Wofür?“, fragte sie skeptisch nach und er verdrehte die Augen.
„Damit Sie nicht einem von Minervas bissigen Wachposten in die Arme laufen und das alles hier auffliegt. Der Orden kann sich keine Verzögerungen erlauben. Also nehmen Sie ihn endlich! Ich werde hier sitzen bleiben und mich nicht rühren.“
Allein die Tatsache, dass er es für nötig hielt, ihr seine letzten Worte an den Kopf zu werfen, machten sie fuchsteufelswild. „Ich habe keine Angst vor Ihnen, Professor Snape!“ Sie setzte sich in Bewegung und gerade, als sie am Sessel angekommen war, knackte sein Stuhl laut und sie wirbelte erschrocken herum.
Snape grinste diabolisch, hatte er sich doch nur nach vorne gelehnt und beobachtete sie genau. „Ach, ehrlich? Das sehe ich anders.“
Sie biss die Zähne hart aufeinander und verfluchte ihre eigene Schreckhaftigkeit. Dann schnappte sie sich den Umhang und stapfte wütend zur Tür.
„Miss Granger?“, rief er sie erneut zurück, ölig und beinahe ekelerregend anschmiegsam klingend.
„Was?“, fragte sie scharf und warf ihm aufgebrachte Blicke zu.
Snape schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Na, na, nicht so vorlaut! Denken Sie daran, das Schuljahr hat begonnen...“
Sie atmete einmal tief durch. „Ja, leider ohne Sie als Lehrer“, erwiderte sie beherrscht.
Super! So viel zum Thema ‚Er ist mein Lehrer‘! Verdammt!
Snape lächelte gekünstelt. Er war ihr vollkommen fremd und das machte ihr Angst. „Zu meinem Bedauern muss ich gestehen, dass es leider so ist, ja...“
Wow... ich bin für ihn auch noch immer seine Schülerin...
Hermine schloss resignierend die Augen. „War es das, was Sie mir noch sagen wollten?“
„Nein.“ Sie sah ihn abwartend und mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Es ist gut so.“
Verwirrt runzelte sie die Stirn. „Was ist gut so?“ Das ganze Spiel begann ihr allmählich wirklich auf die Nerven zu gehen.
„Dass Sie Angst vor mir haben.“ Seiner Stimme fehlte die drohende Schärfe, dennoch sog Hermine zischen die Luft ein. „Und jetzt gehen Sie!“
Er wandte den Blick ab und begann einige Papiere auf seinem Tisch zu sortieren. Hermine zögerte nicht lange, sondern verschwand unter der schützenden Unsichtbarkeit des Umhanges, ehe sie die Tür öffnete und das Büro verließ. Erst in der kühlen Luft des Kerkerganges glaubte sie wieder richtig atmen zu können.
Er wird nie wieder nur mein Lehrer sein.
***
Die Abneigung und Angst gegenüber Severus Snape sprudelte aus einer Hermine unbekannten Quelle beinahe unablässig in ihren Verstand. Sie verbrachte die nächsten Tage fast ausschließlich damit, an dem Gegenfluch zu arbeiten, der die letzten Bestandteile des Trankes benennen, sowie ihn aktivieren würde, sobald Voldemort ihn getrunken hatte. Wie sie das erreichen wollten, darüber dachte sie noch nicht nach.
Die sehr abgeneigten Gefühle gegenüber ihrem Lehrer halfen Hermine allerdings ungemein dabei, konzentriert und entschlossen an dieser Aufgabe zu arbeiten. Sie würde ihm beweisen, dass sie es schaffte und sie würde erst wieder in die Kerker gehen, wenn sie den perfekten Spruch hatte.
Um diesen zu bekommen, vergrub sie sich – wie schon so oft – hinter einer Wand aus Büchern, die schwarzmagische Tränke und Ritual analysierten. Dafür hatte sie sich gezwungenermaßen noch einmal bei Snape eingefunden und hatte erstaunlich schnell die Erlaubnis bekommen, es sich in der Verbotenen Abteilung bequem zu machen.
Am Ende der ersten Schulwoche, die zu ihrer Erleichterung ereignislos und langweilig verlaufen war (natürlich immer abgesehen von den Stunden, die sie mit Lupin im schlosseigenen Wald verbrachte), hatte sie einen ersten Versuch vorzulegen und bat Professor McGonagall darum, mit dem Schulleiter sprechen zu dürfen. Hermine war überzeugt, wenn ihr jemand eine erste Beurteilung liefern konnte, dann Professor Dumbledore.
Der ehemalige Direktor lächelte sie wohlwollend an, als sie das Büro betrat, und Hermine setzte sich rasch auf den Stuhl vor dem Portrait, während sie das Stück Pergament in ihren Händen malträtierte.
„Schön, Sie mal wieder zu sehen, Miss Granger! Wie läuft die Arbeit mit Professor Snape?“
Hermine öffnete den Mund, um zu einer Antwort anzusetzen, doch im letzten Moment wurde ihr bewusst, dass sie drauf und dran gewesen war, sich sämtlichen Frust von der Seele zu reden. Jede noch so private Kleinigkeit. Deswegen räusperte sie sich erst und presste dann ein knappes „Gut!“ hervor.
Professor Dumbledore runzelte die Stirn, sagte jedoch nichts weiter zu diesem Zögern.
„Professor Snape beauftragte mich mit der Erstellung eines Ritualspruches, der den ursprünglichen aussetzen würde. Er scheint im Moment sehr beschäftigt und ich wollte deswegen Sie um Rat bitten, Professor. Ich weiß nicht, ob meine Gedankengänge, die letzten Zutaten betreffend, logisch sind und das Ritual so wirklich funktionieren kann.“ Sie sah unsicher zu dem weißhaarigen Zauberer auf und knetete weiter auf dem Pergament herum.
„Ich werde sehen, inwieweit ich Ihnen helfen kann. Erklären Sie mir Ihre Gedanken, Miss Granger“, forderte er sie freundlich auf und rückte sich die Brille auf der Nase zurecht.
Hermine rollte das Pergament aus und begann, alles von Anfang an zu erklären: „Voldemort nutzte für seine Auferstehung die Knochen seines Vaters, das Fleisch von Wurmschwanz und das Blut von Harry. Es wurde jeweils unwissentlich, willentlich und unwillentlich gegeben und ich denke, das spielt eine entscheidende Rolle. Voldemorts Macht beruht auf Gewalt, deswegen muss der Gegenzauber alles auf freiwilliger Basis beschaffen.“ Sie wartete ab, was Professor Dumbledore zu dieser Schlussfolgerung sagte.
„Das klingt einleuchtend. Fahren Sie fort“, ermunterte er sie nickend.
„Ich begann zu überlegen, welche Gegenstücke der Zutaten man einsetzen könnte. Zweifellos müssen wir bei der Basis Knochen, Fleisch, Blut bleiben, denn es gibt nichts Vergleichbares, das diese Wirkung aussetzen könnte.“ Ein erneuter Blickkontakt, ein weiteres Nicken. Hermine begann sich zunehmend sicherer zu fühlen und straffte ihre Haltung. Nach einer Woche einsamen Recherchierens und Verstehens tat es gut, ihre Gedanken endlich mit jemandem teilen zu können. Sie räusperte sich erneut.
„Für die Knochen des Vaters, die unwissentlich gegeben wurden, dachte ich als Gegenstück an die Knochen der Mutter. Voldemort hasst seinen Vater, nicht wahr?“
Professor Dumbledore nickte. „So ist es wohl, ja.“
„Über seine Mutter konnte er sich kein Urteil bilden, sie starb bei seiner Geburt. Ich denke, sie ist einer seiner Schwachpunkte.“
Der Schulleiter legte nachdenklich die Fingerspitzen aneinander und runzelte die Stirn. „Eine sehr gute Überlegung, Hermine. Ich denke, das könnte funktionieren. Fahren Sie fort!“
„Gibt es eine Möglichkeit, mit den Toten Kontakt aufzunehmen? Wir bräuchten ihr Einverständnis, damit wir uns einige ihrer Knochen aus ihrem Grab nehmen können.“
Professor Dumbledore nickte. „Die gibt es. Es ist nicht besonders schön, aber das müssen wir in diesem Fall in Kauf nehmen. Professor Snape wird sich darum kümmern können.“
Mit dieser Antwort fiel Hermine eine große Last vom Herzen. Sie hatte die ganze Zeit Angst gehabt, dass das Ritual an diesem Detail, dem Einverständnis von Voldemorts Mutter, scheitern könnte.
„Okay. Das Fleisch des Dieners, willentlich gegeben, wollte ich mit dem Fleisch des Feindes ersetzen. Ebenso willentlich, aber mit dem Wunsch der Vernichtung und nicht des Aufbaus. Um einen maximalen Erfolg erzielen zu können, wollte ich Harry für diese Aufgabe um Hilfe bitten. Professor Snape deutete bereits letzte Woche an, dass wir Harry für dieses Ritual brauchen würden und ich denke, es ist die einzige Möglichkeit, die Wirkung seines Blutes im Ausgangsritual aufzuheben.“
Daraufhin folgte ein schweres Seufzen von Professor Dumbledore. „Es wird ihm nicht gefallen, denke ich.“
Hermine lächelte schief. „Nein, das bestimmt nicht. Aber er ist vorgewarnt und er hat es nicht konsequent abgelehnt.“
„Nun, das lässt Hoffnung aufkommen. Ich werde mich mit ihm in Verbindung setzen. Fahren Sie fort!“
„Als letztes muss das Blut des Feindes, mit Gewalt genommen, ausgeglichen werden. Es ist die mächtigste Komponente, denn es war Harrys Blut. Daran habe ich am längsten geknabbert.“ Sie verdrehte genervt die Augen und Professor Dumbledore nickte verstehend. „Bis ich dann bemerkt habe, dass die Lösung direkt vor meiner Nase sitzt.“ Ein durchaus stolzes Lächeln trat auf ihre Lippen und Professor Dumbledore sah sie neugierig an. „Professor Snape.“
Das schien nicht die Antwort zu sein, die Professor Dumbledore erwartet hatte. „Wie soll ich das verstehen?“
Sie holte tief Luft, um den Teil ihrer Überlegungen darzulegen, auf den sie zweifellos am stolzesten war. „Professor Snape ist ein Diener Voldemorts, der allerdings schon lange nicht mehr auf seiner Seite steht.“ Zumindest hoffe ich das, fügte sie in Gedanken hinzu, drängte ihre Zweifel und Ängste allerdings beiseite. „Das Blut eines Dieners, freiwillig gegeben, könnte stark genug sein, um Harrys Blut auszugleichen. Und wenn wir es direkt aus dem Dunklen Mal entnehmen, können wir den Effekt noch einmal verstärken.“
Der frühere Schulleiter ließ seine Blicke nachdenklich schweifen und es vergingen einige Momente, ehe er nickte. „Ich denke, Sie haben großartige Arbeit geleistet. Ich kenne mich mit den Tränken lange nicht so gut aus wie Severus, aber meinen Segen haben Sie. Zeigen Sie ihm Ihren Vorschlag und er wird Ihnen sagen, ob er so brauchbar ist, wie ich es annehme.“
Eine aufgeregte Röte verteilte sich auf Hermines Wangen und sie kaute nervös auf ihrer Unterlippe. „Vielen Dank für Ihre Hilfe, Professor Dumbledore!“ Sie stand auf, gab dem unendlichen Tatendrang nach und freute sich zum ersten Mal seit über einer Woche darauf, zu Snape in die Kerker zu gehen.
„Da nicht für!“, rief Professor Dumbledore ihr noch hinterher, dann war Hermine auch schon auf der Wendeltreppe nach unten verschwunden.
***
Etwa zwanzig Minuten später ließ Snape nachdenklich ihr Pergament sinken, auf dem sowohl die letzten drei Zutaten, als auch der Bannspruch stand. Seine Blicke wanderten noch mehrmals über die Zeilen, sprangen dann zu Hermine, zurück zum Pergament und wieder zu ihr.
Hermine konnte kaum still sitzen, während sie darauf wartete, dass er ihren Vorschlag bis zur Gänze erfasst hatte. Sie hatte dieses Mal darauf verzichtet, es selber zu erklären. Wenn Snape Details erfahren wollte, würde er sie fragen.
„Ich muss sagen, ich bin beeindruckt, Miss Granger“, sagte er schließlich und sie atmete laut vernehmlich auf. Snape hob rasch das Pergament wieder hoch und schien noch einmal einige Einzelheiten durchzugehen, doch Hermine war sich sicher, dass er nur den Anflug eines Lächelns verbergen wollte.
„Dann meinen Sie also, dass der Trank so funktionieren kann?“
Er nickte. „Ich denke schon. Es wird mich einige Tage kosten, die entsprechenden Zutaten für die Geisterbeschwörung von Riddles Mutter aufzutreiben, aber ich bin optimistisch.“
Hätte irgendjemand Hermine vor drei Jahren gesagt, dass sie einmal ein solches Lob von Snape zu hören bekommen würde, sie hätte denjenigen für verrückt erklärt. Diese Worte aus seinem Munde zähmten den Großteil der grenzenlosen Wut und Enttäuschung, die sie in der letzten Woche für ihn empfunden hatte, und das zarte Gefühl der Zuneigung kehrte zurück, wenn auch stark geschwächt durch die Zweifel, die sie noch immer hegte.
„Gut. Wie lange wird es in etwa dauern? Und kann ich bei der Beschwörung dabei sein?“
Er schüttelte vehement den Kopf. „Nein, das wird nicht möglich sein. Das Ritual ist äußerst schwer und... schmerzhaft, ich möchte nicht, dass Sie dabei anwesend sind.“ Hermine wollte gerade Einspruch erheben, als er sehr resolut klingend hinzufügte: „Und ich dulde keinerlei Widerworte in dieser Beziehung! Sie können sich lieber darum kümmern, Mr Potter für seine Beteiligung an diesem Ritual zu begeistern. Es wird sicherlich ein hartes Stück Arbeit, ihn von der Notwendigkeit zu überzeugen, ein Stück seines Fleisches für den Sieg über Voldemort zu opfern.“ Er konnte sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen und Hermine sah ihn beinahe missbilligend an.
„Ich werde das schon irgendwie schaffen. Sorgen Sie nur für die Knochen der Mutter!“ Entschlossen verschränkte sie die Arme vor der Brust.
„Keine Sorge, Miss Granger. Das wird noch das kleinste Übel.“
Es war beinahe, als hätten sie eben einen Wettstreit begonnen. Hermine würde Harry als Gegner haben, Snape die Schwelle des Todes. Hermine war überzeugt, dass sie den leichteren Gegner hatte.
„Wann können wir den Trank vollenden?“, fragte sie abschließend und Snape lehnte sich auf seinen Schreibtisch.
„Sobald Sie Potter überzeugt haben.“ Er funkelte sie kampflustig an.
„Er kann morgen hier sein.“ Sie lächelte verhalten und siegessicher.
„Geben Sie mir zwei Tage, ich muss vorher Zutaten besorgen.“ Ihm schien es nicht zu gefallen, dass er um diesen Aufschub bitten musste.
Hermine genoss es, dass sie einmal besser war als er. „Aber natürlich, Sir!“ Mit diesen Worten stand sie auf und ging zur Tür hinüber, während sie sich den Tarnumhang um den Körper zog und nur ihren Kopf frei ließ. „Wir sehen uns dann am Sonntagabend!“ Dann bedeckte sie auch ihren Kopf und verschwand mit einem zufriedenen Grinsen auf dem Gang.
***
I
wish I knew how it would feel to be free.
I wish I could break all
the chains holding me.
I wish I could say all the things that I
should say.
Say 'em loud say 'em clear
for the whole wide
world to hear.
(Lighthouse Family – Free)
***
Kapitel 38 – Blut
„Hör zu, Harry, das ist unsere einzige, verdammte Chance und wenn du auch nur den kleinsten Wunsch danach verspürst, diesen Krieg zu überleben, dann komm‘ morgen Abend nach Hogwarts und leiste deinen Teil zu diesem Trank!“
Hermine atmete einmal tief durch und wischte sich ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. Sie war seit längerem nicht mehr so aufgebracht gewesen, doch Harry mit seinen ständigen Wenns und Abers und dusseligen Einwänden hatte sie an den Rand des Wahnsinns getrieben. Er schien die Ausmaße des Krieges noch immer nicht wahrhaben zu wollen und auch wenn seine Strategie vielleicht im Verdrängen der Realität lag, so hatte das noch nie zu ihren Spezialitäten gehört und Hermine war nicht gewillt, jetzt damit anzufangen.
Beruhige dich... Ihm bleibt gar nichts anderes übrig.
Professor Dumbledore schien in seinem Rahmen allerdings seinen Spaß zu haben. Er hatte den Kopf in eine Hand gestützt und beobachtete das feurige Gespräch der beiden Freunde. Und feurig war es definitiv, denn sie führten diese Unterhaltung über den Kamin.
„Hermine, ich kann morgen Abend nicht! Wir haben einen Auftrag bekommen und der muss morgen über die Bühne gehen.“ An seiner Sturheit hatte sich nichts geändert.
Hermine ballte die Hände zu Fäusten und wollte gerade eine weitere Tirade an Argumenten und milden Beschimpfungen auf die Ignoranz dieses Kerls loslassen, als Professor Dumbledore sich endlich einschaltete: „Harry, ich denke, dieses Ritual ist um einiges wichtiger als dein Auftrag. Remus kann für dich mitgehen. Finde dich bitte pünktlich hier ein und füge dich den Anweisungen, die Miss Granger und Professor Snape dir geben! Es geht um das Ritual zur Vernichtung Voldemorts. Es gibt nichts Wichtigeres als das.“
Die Stimme des Schulleiters ließ keine Widerworte zu und Hermine nickte unterstützend und setzte dabei ihren besten ‚Ich-hab’s-dir-ja-gleich-gesagt‘-Blick auf. Harry rümpfte missmutig die Nase.
„Schön!“, schnappte er dann und Hermine blinzelte überrascht. „Ich werde da sein! Darf ich dann jetzt bitte endlich gehen?“
Hermine verkniff sich ein Schmunzeln. Dass sein Schmollen nur aufgesetzt war, war offensichtlich. Die Aussicht auf ein baldiges Ende dieses Krieges musste ihn einfach in Hochstimmung versetzen und auch wenn er diese jetzt nicht mit Hermine und Professor Dumbledore teilen wollte, so war sie sich dennoch sicher, dass er später zusammen mit Ron und einer Flasche Feuerwhiskey auf der Veranda des Fuchsbaus sitzen und den Abend genießen würde.
„Aber sicher“, erwiderte Hermine deswegen geschmeidig und mit einem Nicken zu Professor Dumbledore und Hermine trennte Harry die Verbindung. Hermine atmete tief durch und schüttelte angedeutet den Kopf. „Alter Dickschädel“, fluchte sie leise und Professor Dumbledore lachte kurz auf.
„Es wäre doch auch schlimm, wenn er es nicht wäre, oder?“
„Ich weiß ja nicht... Aber ich werde jetzt gehen und mich auf das Ritual morgen vorbereiten. Ich denke, das wird abenteuerlich.“ Professor Dumbledore stimmte ihr mit einem besorgten Nicken zu, denn bisher hatte Hermine Harry noch nicht erzählt, was genau seine Aufgabe sein würde. Zweifellos wäre er davon nicht begeistert.
***
Am Abend des Samstages saß Hermine in ihrem Zimmer und starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Eigentlich war sie hundemüde, denn Lupin hatte am Nachmittag keine einzige Gelegenheit ausgelassen, ihr deutlich zu machen, auf was für einen Kampf sie sich vorbereitete. In ihrem Kopf allerdings wirbelten so viele Gedanken durcheinander, dass sie kaum einen richtig zuordnen konnte. Sie hatte ihre Aufforderung an Snape, ihr einen Beweis für das Vertrauen, das sie ihm schenken wollte, zu geben, erfolgreich verdrängt. Im Nachhinein hatte sie sich sogar gefragt, woher sie den Mut dazu aufgebracht hatte, eine solche Forderung zu stellen.
Als ob er mein Vertrauen wirklich brauchen würde...
Er war nicht weiter darauf eingegangen und hatte es danach mit keinem Wort erwähnt. Also hatte sie es auch nicht getan. Entweder er würde sich etwas einfallen lassen, oder sie würde mit der Erkenntnis leben müssen, dass er ihr Vertrauen nicht wollte.
Irgendwann ergab sie sich resignierend dem Drängeln ihrer Gedanken, zumal diese sich zunehmend nur noch auf ihn konzentriert hatten. Sie griff zur Feder und verharrte damit dicht über dem Pergament, das vor ihr auf dem Tisch lag. Wie sollte sie es am besten anstellen? Vertraut oder distanziert? Was wollte sie erreichen?
Schließlich schrieb sie folgende Frage: Darf ich zu dir kommen?
Es verlangte sie danach, bei ihm zu sein. Vielleicht konnten sie ein bisschen reden, vielleicht würden sie sich auch nur beim Lesen Gesellschaft leisten. Sie würde mit beidem leben können.
Mit einem Wink ihres Zauberstabes löste sich das Pergament vor ihr auf und Hermine hoffte sehr, dass es sein Ziel erreicht hatte. Diese Art der Nachrichtenübertragung funktionierte bisher nur auf kurze Strecken und sie hatte es bisher immer noch von einem Ende des Klassenraumes zum anderen ausprobiert. Natürlich nicht freiwillig; die obskuren Pläne von Ron seine Zaubertränke betreffend hatten ihre keine andere Wahl gelassen.
Nach ein paar Minuten tauchte das Pergament vor ihrer Nase wieder auf und eine Gegenfrage war darunter geschrieben worden: Warum?
Snapes Schrift sah unsicher und irgendwie zittrig aus, was Hermine besorgt die Stirn runzeln ließ. Sie tunkte die Spitze ihrer Feder erneut in die Tinte, zögerte dann aber, was sie antworten sollte. Schließlich entschied sie sich für folgendes: Ich wäre gerne bei dir.
Erneut schickte sie das Pergament auf Reisen und dieses Mal kehrte es schneller zurück. Die Antwort war dieselbe: Warum?
Hermine seufzte frustriert. Warum musste dieser Mann immer alles so genau wissen wollen? Sie setzte die Feder entschlossen aufs Papier und schrieb: Weil ich nervös bin und deine Anwesenheit mich immer beruhigt.
Ein paar Minuten später kam die Antwort: Nervös?
Sie schrieb: Ja, nervös! Ich fühle mich wie vor einer Prüfung...
Die Antwort: Es ist nur ein Ritual. Und es ist bestens vorbereitet. Wenn Potter kommt...
Hermine verengte die Augen, ehe sie antwortete: Er kommt!
Snape schrieb: Fein. Dann brauchst du nicht nervös sein.
Sie war kurz davor, das Pergament zu zerreißen, besann sich aber eines besseren: Bin ich aber! Und wenn es dich stört, dann tu etwas dagegen!
Lange Minuten passierte gar nichts, dann: Gut, komm her. Aber pass auf, dass dich niemand sieht!
Hermine atmete erleichtert auf, vernichtete schweren Herzens diese kleine Unterhaltung und zog sich den Tarnumhang über. Am Wochenende waren die meisten Schüler zu Hause bei ihren Familien, eine Neuerung, die Professor McGonagall angesichts der Angst unter den Zauberern und der unsicheren Lage eingeführt hatte. In dieser Erklärung hatte der wahre Grund nur unterschwellig mitgeschwungen: Wer wusste schon, ob man die Familie sonst noch einmal wiedersah?
Der Tod Professor Dumbledores hatte sie anscheinend schwerer getroffen, als Hermine und alle anderen erwartet hatten. Es war ein unumstößlicher Beweis für die Vergänglichkeit, auch wenn Professor Dumbledore auf eine gewisse Art unsterblich geworden war.
Hermine lief mit eiligen, aber nicht übertrieben lauten Schritten durch die Gänge und stellte fest, dass sie den Weg in die Kerker vermutlich auch blind gefunden hätte. Sie war schon so oft hierher gekommen – in den letzten Wochen vermutlich öfter als in den sechs Jahren davor.
Sie machte sich nicht die Mühe anzuklopfen, sondern schob sich einfach so vorsichtig durch einen schmalen Spalt in der Tür. Snape sah zu ihr auf und der zuerst erschrockene Ausdruck verging, als er nichts sehen konnte. Hermine schmunzelte über die Wirkung, die sie sogar unsichtbar auf ihn hatte, und zog sich dann den Umhang vom Körper.
Etwas verlegen stand sie vor ihm und er sah sie lange an. „Nun, bist du jetzt ruhiger?“, fragte er dann mit bemüht abweisender Miene, doch sie hatte die persönliche Anrede nicht überhört. Es schien, als würde die alte Vertrautheit allmählich wieder zu ihnen zurückkehren. Hermine begann den Zwischenfall auf den Ländereien zu verdrängen und vielleicht tat er es genauso. Sie konnte es nicht akzeptieren, geschweige denn verstehen, solange sie nicht mehr über ihn erfuhr. Aber sie konnte so tun, als wäre es nie passiert.
„Ja“, antwortete sie schlicht. Snape sah sie milde überrascht an und schließlich riss Hermine sich von seinem Anblick los. „Darf ich?“, fragte sie dann und deutete auf sein Bücherregal.
Er forderte sie mit einer Geste dazu auf, sich bei den Büchern zu bedienen, anscheinend erleichtert, dass sie damit die Frage klärte, was sie nun zu tun gedachte. „Sieh‘ es als deinen ersten offiziellen Leseabend an.“
Hermine überging diese Bemerkung und suchte sich eines der Bücher heraus, das sie bereits seit längerem interessiert hatte, das aber thematisch nie zu dem gepasst hatte, mit dem sie sich beschäftigen musste. Sie legte den Tarnumhang auf den Stuhl vor Snapes Schreibtisch und ging zum Kamin hinüber. Mit einem geflüsterten „Incendio!“ entzündete sie ein Feuer darin, das die selbst im Sommer kühlen Kerkerräume aufwärmen würde, und machte es sich im Sessel bequem.
Snape war ihr mit den Blicken gefolgt, das hatte sie gespürt. Dass sie ihm nicht zu nahe kam, im Gegenteil eher erstaunlich großen Abstand zu ihm hielt, schien ihn zu überraschen. Nach ein paar Minuten löste er sich von seinem Schreibtisch und kam in leicht gebückter Haltung und mit einem dünnen Buch zu ihr herüber, setzte sich in den zweiten Sessel. Ein kaum hörbares Stöhnen entkam ihm.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Hermine besorgt nach und er winkte ab.
„Geisterbeschwörung“, erklärte er knapp und sie nickte verstehend.
„Kann ich dir irgendwie helfen?“ Nein, sie würde nicht ausflippen. Sie würde ihm nur helfen, wenn er es wollte. Sie würde ihn auf Abstand halten. Vielleicht verdrängte sie die Begegnung mit dem Todesser, doch sie hatte sie nicht vergessen.
„Nein, es geht schon.“ Er hielt ihrem Blick kurz stand, dann wandte er sich seinem Buch zu. Ein Gedichtband, wie Hermine überrascht erkannte.
Sie verkniff es sich, genauer nachzufragen, und stützte den Kopf in eine Hand, während sie in ihrem Buch zu lesen begann. Nach ein paar Minuten kehrte wirklich eine wundervolle Ruhe zwischen ihnen ein und Hermine fühlte sich so wohl wie seit langem nicht mehr. Die Momente, in denen sie in dieser stummen Übereinkunft mit Snape verbrachte, erinnerten sie an die Zeit in Scarborough und diese Erinnerungen waren es, die sie im Moment aufrecht hielten.
Sie hatte den Todesser nicht vergessen – den Mann, den sie liebte, allerdings genauso wenig.
***
Am Sonntagabend holte Hermine Harry vom Apparationspunkt ab. Sie musste ihm irgendwie erklären, was genau seine Aufgabe sein würde, bevor sie sich mit Snape trafen. Dementsprechend war sie fahrig und hoffte sehr, dass er die Ermahnungen Professor Dumbledores nicht vergessen hatte.
Harry umarmte sie flüchtig und versenkte anschließend die Hände in seinen Hosentaschen. „Wollen wir gehen?“, fragte er dann, klang sehr kurz angebunden und Hermine öffnete den Mund, um etwas zu sagen.
„Ja“, war dann alles, was sie herausbrachte und verzog das Gesicht. „Harry, ich glaube, du solltest wissen, was wir geplant haben, bevor wir uns mit Professor Snape treffen“, brachte sie schließlich mühsam hervor, als sie das Schlossportal bereits erreicht hatten.
„Das ist nicht nötig. Ich weiß es schon. Dumbledore hat heute morgen mit mir gesprochen.“ Er klang enttäuscht und Hermine senkte betreten den Blick.
„Es tut mir Leid, dass ich es dir nicht eher gesagt habe. Ich hatte Angst, du würdest es dann nicht machen.“ Sie kam sich vor wie ein dummes Mädchen und verschränkte die Arme vor der Brust.
Harry fasste sie seufzend an den Schultern und zwang sie so, ihn anzusehen. „Hermine, ich kann diesen Bastard wirklich nicht ausstehen. Aber ich weiß durchaus, wann es nötig ist, sich zusammenzureißen. Es geht um den Sturz Voldemorts und wenn es sein muss, dann opfere ich auch mein Fleisch für diese Sache.“ Er verzog bei der Vorstellung angewidert das Gesicht, doch Hermine war nun wirklich erleichtert. „Ich hätte es nur gerne an einem anderen Tag als heute getan. Dieser Auftrag war mir wichtig.“
Diese Erklärung weckte bei Hermine ein schlechtes Gewissen. „Danke dir, dass du hergekommen bist, Harry“, nuschelte sie leise und umarmte ihn nun noch einmal etwas fester.
„Zu sagen, ich würde es gerne tun, wäre übertrieben...“, begann er mit einem schiefen Lächeln, „… aber ich werde es tun. Und jetzt lass uns gehen, bevor Ihre Garstigkeit einen Grund hat, uns zusammenzustauchen oder Gryffindor Punkte dafür abzuziehen.“
Hermine verkniff sich jede Antwort darauf.
***
Wenige Minuten später klopfte sie vorsichtig gegen die Tür von Snapes Büro. Es war Essenszeit und die vor knapp zwei Stunden aus dem Wochenende zurückgekehrten Schüler waren allesamt in der Großen Halle beim Essen. Sie hatten das Treffen absichtlich so gelegt und würden nun solange in diesem Büro und dem angrenzenden Labor bleiben, bis es acht Uhr vorbei war. Das waren anderthalb Stunden und Hermine spürte ihre Nervosität wieder steigen.
Anderthalb Stunden mit den beiden... Womit hab ich das bloß verdient?
Snape riss die Tür auf und trat zur Seite, um sie einzulassen. „Ein bisschen schneller, wenn es möglich ist. Ich will nicht, dass man uns sieht“, wies er sie genervt an und schloss rasch die Tür wieder.
„Es freut mich auch, Sie zu sehen, Professor Snape“, erwiderte Harry missmutig und Hermine sah, wie seine Kiefer mahlten, nachdem er geendet hatte.
Snape lächelte übertrieben freundlich. „Jetzt sagen Sie nicht, Sie haben mich vermisst, Potter.“ Er hob eine Augenbraue.
Harry wollte gerade zu einer bissigen Erwiderung ansetzen, als Hermine laut räuspernd auf sich aufmerksam machte. Beide Köpfe schnellten zu ihr herum und sie zog eine Augenbraue hoch. „Können wir uns bitte auf das Wesentliche konzentrieren? Wir haben nicht ewig Zeit und ich würde gerne so schnell wie möglich fertig werden.“
Snape wandte sich nach einem letzten bissigen Blickgefecht von Harry ab und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. „Wir sitzen ohnehin bis um acht hier fest, Miss Granger. Also kein Grund zur Eile.“
„Das ist mir bewusst, Professor. Aber ich würde die anderthalb Stunden ungern damit verbringen, irgendwelche Wunden zu versorgen. Also können wir uns darauf einigen, höflich miteinander umzugehen?“ Dabei sah sie besonders Harry mahnend an, der schließlich kapitulierend die Hände hob.
„Wollen Sie mir etwa unterstellen, ich würde mich nicht höflich benehmen, Miss Granger?“
Hermine legte mit zusammengekniffenen Augen den Kopf schief. Eine so offensichtliche Provokation hatte sie von ihm in dieser Situation nicht erwartet. Hatte er möglicherweise doch den Verdacht, dass Harry etwas wissen könnte? „Natürlich nicht, Sir. Das würde ich mir niemals anmaßen“, antwortete sie deswegen vorsichtig.
Er sah ein bisschen so aus, als hätte sie seinen Köder geschickt umgangen. Hermine grinste zufrieden in sich hinein. „Wenn Sie sich dann bitte einen Moment setzen würde, es gibt noch ein paar grundsätzliche Dinge zu besprechen.“
Die beiden taten, worum er sie bat, und Hermine versuchte ihre Nervosität wieder unter Kontrolle zu bekommen. Diese Mischung war wirklich ausgesprochen explosiv und sie spürte, wie die Spannung im Raum bereits jetzt stieg. Das konnte nicht gut gehen.
Nun allerdings sahen sie den Lehrer vorerst abwartend an und schließlich begann Snape: „Wir werden heute zu dritt diesen Trank beginnen und beenden. Miss Granger, Sie werden die Knochen der Mutter hinzufügen, die anderen Zutaten ergeben sich von alleine.“
Er machte eigentlich nur eine kurze Pause, um Luft zu holen, doch Harry unterbrach ihn: „Darf ich fragen, was Sie zu diesem Trank beitragen werden?“
Snape erdolchte ihn quasi mit seinen Blicken und Hermine konnte sehen, wie Harry angestrengt schluckte. „Blut, Mr Potter. Ich werde mein Blut dazu geben.“ Es wurde für einen Moment still und die Spannung stieg weiter. „Dürfte ich dann vielleicht fortfahren?“ Harry nickte. „Vielen Dank. Wie ich bereits erklärte, bevor Sie mich unterbrachen, werden wir diesen Trank zu dritt beenden. Das bedeutet, dass ich jeden, wenn nötig gewaltsam, daran hindern werde, das Labor vorzeitig zu verlassen.“ Er blickte mahnend von einem zum anderen und Hermine hatte keinerlei Zweifel daran, dass er diese Drohung ernst meinte.
„Warum ist das so wichtig, Sir?“, fragte sie vorsichtig. Snape hatte den genauen Ablauf des Rituals noch nicht mit ihr besprochen und dementsprechend war sie momentan auf dem gleichen Wissensstand wie Harry.
„Der Trank wird durch Ihren Bannspruch aktiviert, Miss Granger. Das bedeutet, er muss gesprochen werden, wenn der Lord ihn getrunken hat. Und er kann nur von denen gesprochen werden, die an der Herstellung beteiligt gewesen sind. Wir können es uns nicht erlauben, nur eine einzige Person zu bestimmen, die diese Macht hat. Deswegen ist es wichtig, dass wir alle drei anwesend sind und dass jeder von uns eine der letzten Zutaten in den Trank gibt.“
Hermine nickte und sah, dass Harry diese Begründung auch einleuchtete. „Wie wollen wir das mit dem Trinken überhaupt regeln?“, fragte er dann und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Das wird eindeutig der schwierigste Teil und so sehr es mir auch missfällt, dies zu sagen...“ Snape ließ keinen Zweifel daran, dass er seine letzte Aussage alles andere als so gemeint hatte. „... diese Aufgabe wird Ihnen zukommen, Potter.“
Harry setzte sich aufrecht hin. „Warum mir?“, fragte er bissig und Hermine zog den Kopf ein.
„Der Lord wird sich zweifellos vollkommen auf Sie konzentrieren. Die anderen Todesser und Auroren sind nur nettes Beiwerk. Sie werden als Einziger so nah an ihn herankommen, dass sie auch nur die geringste Chance dazu haben, ihm diesen Trank einzuflößen."
„Und wie soll ich das tun?“
Snape senkte kurz den Blick und Hermine vermutete, dass jetzt der Teil des Planes folgen würde, an dem er die größten Zweifel hatte. „Ich werde versuchen, den Lord mit dem Imperius zu belegen. Sie können davon ausgehen, dass Sie höchstens zwanzig Sekunden Zeit haben. Länger werde ich es nicht schaffen und länger werden die anderen Todesser nicht brauchen, um sich neu zu orientieren. Also zögern Sie nicht, wenn Sie spüren, dass er gefügig ist!“
Harry nickte, wirkte allerdings nicht besonders überzeugt davon. „Mir gefällt dieser Plan immer weniger“, murmelte er und Hermine senkte den Blick.
„Wenn Sie einen Besseren haben, nur zu!“
„Wenn es so wäre, würden wir nicht hier sitzen!“, schnappte Harry zurück und Hermine schloss seufzend die Augen.
Kleinkinder!
Anscheinend zog sie damit Snapes Aufmerksamkeit auf sich, denn er stand abrupt auf und deutete auf die Tür des Labors. „Lassen Sie uns beginnen.“ Sie stand dankbar auf und wollte hinter Harry ins Labor gehen, doch Snape hielt sie zurück und drückte ihr eine kleine Flasche in die Hand, in der gräulicher Staub war. „Das ist Ihre Zutat, Miss Granger.“
Sie betrachtete den Inhalt neugierig und nickte schließlich. „War es... sehr schwer, da ranzukommen?“
„Wie man es nimmt“, erwiderte er vage und sie runzelte die Stirn. Doch Snape schien nicht bereit, ihr weitere Informationen darüber zu geben und scheuchte sie hinter Harry ins Labor.
„Ist das der Trank?“ Harry deutete auf einen von zwei Kesseln, die auf den Tischen im Labor standen. Hermine musterte sie überrascht. Das letzte Mal, als sie hier gewesen war, hatte sich nur ein Kessel hier befunden.
„Nein, der andere.“ Snape ging zu eben diesem Kessel und schien nicht weiter darauf eingehen zu wollen, was sich in dem anderen Kessel befand. Hermine machte Harry mit Blicken klar, dass er nicht nachfragen sollte.
Missmutig stellte er sich zu Snape, welcher ihm beiläufig einen Dolch in die Hand drückte. „Denken Sie nicht einmal daran, ihn für jemand anderen als sich selbst zu benutzen“, mahnte Snape scharf. Harry schluckte und betrachtete die scharfe Klinge skeptisch. „Angst, Potter?“
„Sie nicht?“, schoss Harry zurück und schien Snape mit dieser ehrlichen Antwort zu überraschen.
„Es gibt nichts, wovor Sie sich hier fürchten müssten. Sie tun alles freiwillig!“
„Wie man’s nimmt...“
Dies war der Punkt, an dem Hermine sich wieder einschaltete: „Harry, du musst es freiwillig tun. Das ist eine Bedingung des Rituals, anders funktioniert es nicht.“
„Wenn Sie auch nur den geringsten Zweifel an Ihrem Willen haben, Mr Potter, dann sollten Sie jetzt gehen! Wir werden jemand anderen finden.“ Snape blitzte ihn gereizt an.
Hermine hingegen war der Meinung, dass er sich mit dieser Aussage mächtig weit aus dem Fenster lehnte. Sie brauchten Harry und das wusste er.
Ein paar Momente war es vollkommen still im Labor und Harry starrte von Snapes verärgertem zu Hermines ängstlichem Gesicht. „Lasst uns anfangen“, sagte er dann und Hermine atmete auf.
Snape nickte und rührte den Trank noch einmal um, dann heizte er das Feuer an und bereits nach wenigen Minuten kochte der Trank. „Denken Sie daran, dass wir diesen Teil in vollkommenem Schweigen erfüllen werden. Kein Bannspruch oder der Trank verliert seine Wirkung sofort!“
Sowohl Harry als auch Hermine nickten und traten noch einen Schritt dichter an den Kessel. Die Oberfläche sah genauso aus wie die des Trankes, den Hermine in Harrys Erinnerung gesehen hatte. Gelblich und brodelnd glitzerte sie wie eine Schicht aus Diamanten und sie legte leicht den Kopf schief, als sie es betrachtete.
Schließlich riss sie sich blinzelnd aus den Gedanken und sah zu Snape auf, der ihr eben bedeutete, die Knochen von Voldemorts Mutter in den Trank zu geben. Hermines Herzschlag jagte in die Höhe und sie entkorkte das Fläschchen, das Snape ihr gegeben hatte. Ihre Hand zitterte, als sie es über den Kessel hielt und auskippte.
Der Trank schäumte und brodelte noch intensiver, ein Schauer heller Funken stob daraus empor und hüllte sie alle in stechendes Licht. Ein leichter Verbrennungsgeruch legte sich über das Labor und Hermine vermutete, dass die Funken ihnen allen kleine Löcher in die Roben gebrannt hatten. So sehr dieser Trank auch gegen den anderen arbeiten würde, es war nach wie vor ein schwarzmagischer Trank mit entsprechender Wirkung.
Nachdem sich die Reaktion wieder gelegt und die Farbe zu einem hellen Violett verändert hatte, nickte Snape Harry zu. Hermine beobachtete mit wachsender Nervosität, wie dieser den Dolch fester griff und den Ärmel seines linken Armes nach oben schob. Sie hatte ihn nicht gefragt, wie er dieses Opfer bringen wollte, hoffte aber sehr, dass er dabei weniger brutal zugehen würde als Wurmschwanz.
Der Dunkelhaarige ballte seine freie Hand zu einer festen Faust, so dass die Knöchel weiß hervortraten. Dann legte er die Klinge des Dolches schräg auf die Haut auf der Innenseite seines Unterarmes und atmete einmal tief durch. Hermine sah, dass er den Blick fest darauf konzentriert hatte und schluckte angestrengt. Schließlich zog er die Klinge einmal über seinen Arm und ein Streifen der obersten Hautschichten fiel mit einem Übelkeit erregenden Platschen in den Trank.
Hermine biss sich hart auf die Zunge, um nicht zu schreien. Von Harry kam ein schmerzerfülltes Stöhnen und aus der Wunde an seinem Arm trat hellrotes Blut. Snape griff rasch nach einem sauberen Tuch, das er zuvor bereitgelegt hatte, und presste es auf die Wunde. Seine Blicke sagten eindeutig, dass sie sich später darum kümmern würden.
Währenddessen war der Trank ein weiteres Mal aufgeschäumt und hatte erneut seine Farbe geändert. Aus dem Violett war ein tiefes Blau geworden. Die Funken schwebten dieses Mal länger über ihnen und das Labor glitzerte geheimnisvoll.
Harry biss fest die Zähne aufeinander und stieß mehrmals zischend die Luft aus seinen Lungen. Mit der Hand seines verletzten Armes hielt er sich am Tisch fest, den Kopf gesenkt und offenbar um Fassung ringend. Hermine war versucht, zu ihm zu gehen, doch ein Blick von Snape hielt sie auf ihrem Platz.
Schließlich rissen sie sich wieder zusammen und auch wenn Harry merklich schwankte und sehr blass im Gesicht war, schaffte er es, aufrecht stehen zu bleiben.
Als letzter schob Snape sich seinen Ärmel hoch, ebenfalls den linken. Die feinen Linien des Dunklen Mals wurden sichtbar, seine weiße Haut glänzte fahl im Licht des Zaubertrankes. Snape griff sich einen weiteren Dolch und betrachtete das Zeichen Voldemorts einen Moment lang abfällig.
Hermine hingegen starrte es fasziniert an. Sie hatte es berührt, wusste, wie es sich anfühlte und auch wie es aussah. Dennoch übte es eine ungeheure Anziehungskraft auf sie aus. Es war ein Teil von Snape, zeigte ihr immer wieder, wie gefährlich dieser Mann war. Atemlos fixierte sie die dunkle Zeichnung und erschrak, als er plötzlich mit der Klinge einen tiefen Schnitt hindurch tat und das Blut in den Trank tropfen ließ. Wiederum musste sie einen Schrei unterdrücken. Immer wieder ballte er seine Hand zur Faust und entspannte sie wieder, damit das Blut nicht aufhörte zu laufen.
Der Trank kochte hoch, Teile davon liefen über den Rand des Kessels und die Funken verbrannten Snape seinen Unterarm. Kleine rote Punkte tauchten überall auf seiner Haut auf, während ein dünnes rotes Rinnsal unablässig in den Kessel tropfte. Hermine musste sich zusammenreißen, um nicht vorzeitig zurückzutreten und alles zu verderben.
Es schien ewig zu dauern, bis sich die Mischung wieder beruhigte und in einem satten Grün zur Ruhe kam. Snape starrte noch ein paar Augenblicke in den Kessel, dann nickte er. „Er ist fertig.“
Als wäre dies ein Startsignal gewesen, stolperte Harry nach hinten und stützte sich am dort stehenden Tisch ab, der polternd ein Stück nach hinten rutschte. Das Tuch, das er sich auf den Arm gepresst hatte, war mit Blut durchtränkt und Hermine bekam allmählich den Verdacht, dass er tiefer geschnitten hatte, als sie auf den ersten Blick vermutet hatte.
Unschlüssig flogen ihre Blicke zwischen Harry und Snape hin und her, denn auch sein Schnitt blutete stark und die Verbrennungen sahen übel aus. „Kümmern Sie sich um Potter! Ich komme zurecht“, zischte Snape zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und Hermine nickte zerstreut.
Sie ging zu Harry hinüber und nahm vorsichtig das Tuch von seinem Arm. Aus der Wunde quoll stetig Blut, so viel, dass es bald ein Rinnsal bildete, das auf den Boden zu tropfen begann. „Das ist nicht so schlimm, Harry, das haben wir gleich“, beruhigte Hermine ihn und konnte ihren Herzschlag selbst kaum unter Kontrolle kriegen.
Rasch tastete sie nach ihrem Zauberstab und sprach den einzigen Heilzauber, der ihr auf die Schnelle einfiel. Nachdem dieser seine Wirkung getan hatte, wurde die Blutung weniger, doch die Wunde war noch immer da. „Er wirkt nicht richtig“, flüsterte sie erschrocken.
Harry legte seine andere Hand auf ihre und sah sie aufmunternd an. „Dann führe ihn noch mal aus“, erinnerte er sie an die einzig logische Schlussfolgerung.
„Ja, natürlich...“ Hermine strich sich fahrig die Haare aus der Stirn, während hinter ihr etwas zu Boden fiel. Flüchtig drehte sie sich um; Snape hatte einen Stapel Papiere von seinem Schreibtisch gefegt, als er sich daran festzuhalten versuchte.
„Kümmern Sie sich um ihn!“, schnarrte der Tränkemeister aufgebracht, als er ihren Blick einfing, und presste seine rechte Hand hart auf den Schnitt. Blut quoll unter seinen Fingern hervor.
Severus...
Hermine schüttelte rasch den Kopf und wandte sich wieder Harry zu. Sie musste den Spruch insgesamt fünf Mal anwenden, ehe sich die Haut an Harrys Arm endlich geschlossen hatte und wischte sich dann erschöpft die Haare aus der schweißnassen Stirn. Eine Narbe allerdings war geblieben.
„Ich krieg’s nicht besser hin“, jammerte sie verzweifelt und Harry winkte ab.
„Eine Narbe mehr oder weniger fällt auch nicht auf. Ich glaube, wir sollten uns lieber um Snape kümmern.“ Er nickte zu dem Lehrer hinüber, der mit verbissenem Gesichtsausdruck ein Tuch um seine Schnittwunde band und so die Blutung zu stoppen versuchte.
Hermine keuchte und schaffte es gerade so eben noch, seinen Vornamen, der ihr auf der Zunge gelegen hatte, zu schlucken. Mit mehreren großen Schritten durchquerte sie den Raum und war bei ihm. Resolut zwang sie ihn auf einen Stuhl hinab und entfernte das Tuch, um auch hier mit dem Heilzauber die Verletzung zu schließen.
Harry trat vorsichtig hinter sie und beobachtete, was sie tat. Der eigene Blutverlust hatte ihn anscheinend etwas geschwächt, doch solange er aufrecht stand, konnte Hermine sich nicht dazu bringen, sich jetzt um ihn zu kümmern.
Immer wieder ließ sie den Spruch auf den Schnitt los und immer wieder schien diese ihn gleichmütig zu schlucken. Das Blut tropfte unablässig auf den Boden und bildete eine beinahe schwarze Lache zu ihren Füßen. Hermine wurde zunehmend übel, immer wieder presste sie nun mit ihren eigenen Fingern auf dem Schnitt herum und versuchte ihn zu schließen.
„Es hört nicht auf zu bluten“, nuschelte sie verzweifelt und wischte mit dem Tuch über den Schnitt. „Verflucht, es hört nicht auf, Professor!“
Snape keuchte schmerzerfüllt, als sie sich mit ihrem gesamten Gewicht auf seinen Unterarm stützte, so dass der Knochen beinahe darunter nachgab. Zwei verzweifelte Tränen liefen über Hermines Wangen, wirre Strähnen lockigen Haares klebten an ihren Lippen. Und alles, was sie sah, war das Blut, das einfach nicht zum Stillstand kam.
„Es hört nicht auf, Severus...“, flüsterte sie schließlich schwächlich, warf das Tuch zur Seite, legte ihre flache Hand auf die feucht-warme, klebrige Stelle seines Armes und schloss schluchzend die Augen.
Harry hinter ihr erstarrte, Snape vor ihr ebenso. Hermine kümmerte sich nicht darum.
„Es liegt am Dunklen Mal, Hermine“, erwiderte Snape schließlich angestrengt ruhig und als sie blinzelnd zu ihm aufsah, erkannte sie, dass seine Blicke drohend auf Harry ruhten. Nur die persönliche Anrede beruhigte sie.
„Was soll ich tun?“, fragte sie weiter und presste wieder fester darauf. Ihre Finger waren inzwischen ebenso blutig und klebrig (sie dachte an die Begegnung auf dem Gelände und ihr wurde bewusst, dass sie nun ebenso viel Blut an ihren Händen hatte, wie Snape damals; sein Blut), ihr Gesicht verschwitzt und ihre Bewegungen ruhelos und verängstigt.
Snape wandte sich endlich von Harry ab, der das alles stumm verfolgte, und sah sie mit festem Blick an, legte schließlich eine Hand an ihre Wange und zwang sie so, regelmäßig und tief zu atmen. „Du tust genau das Richtige. Es wird gleich von alleine aufhören und sich schnell schließen.“ Seine Blicke fixierten ihre und gaben Hermine einen abstrusen Halt – immerhin war er derjenige, der verletzt und kurz vorm Verbluten war. Sie sollte ihm helfen und nicht anders herum.
Doch was auch immer er mit ihr tat, es wirkte. Hermines Herzschlag wurde ruhiger, ihre Atmung tiefer. Die Fähigkeit, rational zu denken, kehrte im Ansatz zurück.
Beide hatten die Anwesenheit Harrys beinahe komplett vergessen und Hermine stützte sich nach wie vor mit ihrem ganzen Gewicht auf Snapes Arm. Irgendwann wandte er selbst seine Aufmerksamkeit zu seiner Verletzung und erst da wurde ihr bewusst, dass sie sich vollkommen unentschuldbar verhalten hatte, indem sie Snape mit der persönlichen Anrede betitelt hatte.
Mühsam fing sie seinen Blick ein. „Es tut mir Leid“, flüsterte sie lautlos, als sie es geschafft hatte, und da Harry hinter ihr stand, bekam er davon nichts mit. Snape schloss kurz die Augen und schüttelte angedeutet den Kopf. Es war egal. Harry hatte es vorher auch schon gewusst, oder zumindest geahnt. Diese Szene hatte es ihm nur deutlich vor Augen geführt.
Irgendwann ließ Snape seine Hand sinken und schob die ihre zur Seite. Klebrig löste sie sich von seinem Unterarm. Hermine trat einen Schritt zurück und sah, dass er Recht gehabt hatte. Der Schnitt hatte sich geschlossen und war nur noch als dunkelroter Strich zu sehen. Fasziniert starrte sie darauf und blinzelte schließlich mehrmals, um sich wieder in die Realität zurückzuholen.
„Was ist das für ein merkwürdiges Verhalten?“, fragte sie mit zitternder Stimme und wischte sich mit dem Unterarm über das Gesicht. Das bereits getrocknete Blut an ihren Händen fühlte sich unangenehm starr an.
„Es ist ein Schutzmechanismus. Die starken Blutungen verhindern, dass Verschmutzungen darin bleiben, das rasche Schließen garantiert das Überleben. Der Dunkle Lord hatte schon immer recht genaue Vorstellungen, wenn es um die Wahrung seines Zeichens ging.“ Snape schnaubte abfällig und seine Blicke wanderten zu Harry. „Sind Sie in Ordnung, Mr Potter?“
Diese direkte Frage riss Harry aus seiner Erstarrung und er nickte mechanisch. „Es... geht mir gut.“ Er schluckte.
Snape nickte und Hermine stand betreten daneben. „Ich werde mich waschen gehen“, beschloss sie dann und war froh, diese Ausrede gefunden zu haben. Rasch wandte sie sich zum Becken in der Ecke um und schaltete das Wasser ein. Kühl und frisch lief es über ihre Hände und als sie die roten Wirbel im Abfluss verschwinden sah, bildete sich ein fester Knoten in ihrem Hals. Hermine blinzelte angestrengt und versuchte die Tränen zurückzuhalten, aber so ganz wollte es ihr nicht gelingen. Sie schniefte leise.
„Hermine, ist alles in Ordnung?“, fragte Harry skeptisch und sie nickte rasch.
„Ja, ja, es... geht mir gut.“ Sie sah kurz zu den beiden hinüber und blinzelte erneut gegen die Tränen an, die sie hartnäckig in ihren Augenwinkeln brannten. Snape war damit beschäftigt, den Trank in kleine Phiolen abzufüllen und begann nun, nach einem sehr besorgten Blick zu ihr, weniger sorgfältig, dafür aber schneller zu arbeiten.
„Hier, Potter! Stecken Sie die ein, wenn wir zum Endkampf aufbrechen! Passen Sie auf, dass Sie niemand auf den Gängen sieht und gehen Sie!“, wies er den Dunkelhaarigen schließlich an und Hermine war ihm so unendlich dankbar dafür.
„Aber...“, setzte Harry an, doch Snape ließ ihn nicht ausreden.
„Gehen Sie, Potter! Ich werde mich um sie kümmern, aber bitte... gehen Sie.“ Es war das erste Mal, dass Snape Harry um irgendetwas bat und dies schien den Jungen so sehr zu überraschen, dass er sich dieser Bitte fügte. Hermine hörte, wie wenige Augenblicke später die Tür zum Labor zugezogen wurde.
Sie war mit Snape alleine.
***
I could tell you to go to war.
Or I could march for peace and fighting no more.
But how do I know which is right?
And I hope he does
when he sends you to fight.
(Katie Melua – Spider’s web)
***
Kapitel 39 – Natürlich
Erschöpft stützte sie sich mit einer Hand am Waschbecken ab, während sie die andere vor ihren Mund legte und so verzweifelt die Schluchzer zu unterdrücken versuchte, die sich erbarmungslos an die Oberfläche kämpften.
Snape kam um die Tische herum zu ihr und drehte sie resolut an den Schultern zu sich. Hermine fand sich überraschend schnell an seiner Brust wieder und ihre nassen, noch immer leicht blutigen Hände krallten sich in den Stoff seines Umhanges, während ihre letzte Selbstbeherrschung schwand.
Sein Griff um ihren Oberkörper war fest, beinahe brutal hart und Hermine hatte Probleme, Luft zu bekommen. Doch um nichts in der Welt hätte sie diesen Halt aufgeben wollen. Sie weinte und schluchzte und ihr Körper bebte unablässig unter seinen Händen.
Snape versuchte gar nicht, sie zu beruhigen.
Für einen Moment hatte Hermine wirklich geglaubt, sie würde ihn verlieren. Dass der Schnitt gar nicht mehr aufhören würde zu bluten und dass sie tatenlos daneben stehen würde, während er starb. Das Gefühl kalter Angst, die nur durch seine Anwesenheit nicht in kopflose Panik umgeschlagen war, hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt. Sie wollte das niemals wieder erleben und wusste doch, dass es wieder geschehen würde.
Nach langen Minuten wurde sie ruhiger und das Beben weniger. Trotzdem drückte sie ihre Nase fest gegen seinen Oberkörper und atmete den inzwischen so vertrauten Geruch nach Sanddorn, der nur unwesentlich durch das metallische Aroma seines Blutes getrübt wurde. Seine Hand legte sich auf ihren Hinterkopf und strich rastlos über ihre Haare, Hermine konnte seinen Atem an ihrem Gesicht spüren.
Irgendwann schob er sie vorsichtig eine Armeslänge von sich und sah sie prüfend an. Hermine schluckte und nickte. „Es geht mir gut“, krächzte sie dann wenig glaubhaft und er verdrehte die Augen.
„Du solltest aufhören, das andauernd zu sagen.“ Sie hörte ihn seufzen und dann griff er nach ihren Händen. Er führte sie zum Waschbecken hinüber und begann nun seinerseits, das Blut abzuwaschen. Mit festen und gerade deswegen beruhigenden Bewegungen wischte er über ihre Haut und löste das getrocknete und nun braun verfärbte Blut, das gurgelnd im Abfluss verschwand, so als wäre es nie dagewesen.
Anschließend schnappte er sich einen Waschlappen und machte ihn nass. Er hob ihr Gesicht zu sich hoch und säuberte es vorsichtig von Tränen, Schweiß und schmierigen Blutspuren, die sie darauf hinterlassen hatte. Seine Blicke tasteten ihre Augen auf eine so intensive Art und Weise ab, dass Hermine schauderte und sich wünschte, er würde niemals blinzeln. Es fühlte sich an, als würde er bis in ihre Seele hinabsehen und sie war nicht mehr allein.
Schließlich brach er den Kontakt und Kälte kroch in ihren Körper zurück. „Du solltest jetzt schlafen. Wir müssen den Lord so bald wie möglich angreifen und du wirst eine wichtige Rolle spielen.“
Hermine legte den Kopf schief. „Werde ich das?“
Er nickte, sah sie dabei aber nicht an. „Du wirst diesen Bannspruch sprechen. Ich werde mich gegen die Todesser wehren müssen und Potter wird in der Situation nicht mal mehr seinen Namen kennen. Es liegt an dir Hermine. Pass auf, wo du dich hinstellst. Gehe jedem Kampf aus dem Weg. Und achte auf den Moment, in dem Potter es hoffentlich schafft, den Dunklen Lord zu überwältigen.“
Snape hatte es geschafft, die Angst in gleichem Maße anzuheizen, wie er sie kurz zuvor beruhigt hatte. Hermine begann zu zittern. „Okay“, brachte sie trotzdem hervor. Dann allerdings schüttelte sie ungläubig den Kopf und seufzte mit einem trockenen Lachen. Snape sah sie fragend an und schien ihren Gedanken nicht mehr wirklich folgen zu können.
„Worüber denkst du nach?“, fragte er vorsichtig.
Hermine winkte ab. „Über nichts, absolut gar nichts Wichtiges.“ Sein Blick verriet ihr, dass er diese Antwort nicht durchgehen lassen würde. Erneut seufzend fügte sie sich seinem Befehl. „Weißt du, bis vor kurzem dachte ich noch, ich würde höchstens als Geisel eine Rolle in diesem Krieg spielen und ich bin mir sicher, Voldemort denkt ähnlich, wenn er überhaupt eine Ahnung hat, dass ich existiere. Dass ich nun der Größte seiner Sargnägel sein werde, wird ihm furchtbar sauer aufstoßen.“
Der Tränkemeister nickte nachdenklich. „Er wird jedenfalls nicht ahnen, dass du der Schlüssel bist. Und wenn du mich fragst, ist es gut, dass er ahnungslos sein wird.“ Ein letztes Mal strich er mit dem Waschlappen über ihre Nase. „Mir gefällt es bloß nicht, dass du diese Rolle übernehmen sollst.“ Er fuhr sich gestresst und vielleicht vom Blutverlust geschwächt über die Stirn und räusperte sich. Hermine wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, doch da fuhr er bereits fort: „Der Direktor wird morgen ein Treffen des Ordens einberufen. Wir müssen bis Vollmond warten, da ist der Trank am stärksten. Sag' Lupin, ich habe den Wolfsbanntrank schon angesetzt und werde ihn ihm rechtzeitig schicken. Wir brauchen ihn im Kampf gegen Greyback. Der Lord wird nicht auf ihn verzichten.“
Erneut nickte Hermine.
„Hier sind zwei Phiolen des Trankes. Potter hat auch zwei. Mehr als diese vier Versuche kann ich ihm nicht geben. Es muss reichen. Sag' ihm nicht, dass du auch zwei hast. Sonst strengt er sich nicht genug an. Schick mir eine Eule mit den Beschlüssen des Ordens, schreibe nur das Nötigste auf, keine zu detaillierten Informationen. Und...“ Er machte eine Pause und sah sie nur flüchtig an. „... komm nicht noch einmal her, ehe wir es hinter uns haben.“
Hermine keuchte schockiert. „Was? Warum nicht?“
„Weil es zu gefährlich ist!“, schnappte er gereizt und Hermine stolperte einen Schritt zurück. Snape schloss kurz die Augen und atmete einmal tief durch. „Der Lord wird meine Gedanken überprüfen und ich kann mich nicht gegen ihn wehren, wenn ich an dich denke. Du bringst mich durcheinander, Hermine. Streng genommen sind wir uns schon viel zu nahe. Du bist zu tief in mir…“
Ihr Mund stand ein Stück offen, als er ihr dies eingestand. Sie blinzelte sprachlos und wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. „Das... tut mir Leid.“
Snape schüttelte resolut den Kopf. „Das muss es nicht. Nur... bitte komm nicht noch einmal her.“ Nun fixierte er ihre Blicke nachdrücklich und Hermine nickte.
„Okay.“ Sie drückte die Phiolen an ihre Brust und ging an ihm vorbei zur Tür. Ohne sich noch einmal zu ihm umzudrehen, verließ sie das Labor und schlich sich auf den Gang hinaus. Es war bereits kurz vor acht, mit ein bisschen Glück würde sie niemandem begegnen.
***
Am nächsten Tag war das Büro des Schulleiters überfüllt mit Ordensmitgliedern. Auroren, Lehrer, Ministeriumsangestellte und so viele, denen man ihren Beruf nicht ansah, hatten sich versammelt, vereint in dem Wunsch, Voldemort zu stürzen. Hermine hatte nicht gewusst, dass der Orden so viele Mitglieder hatte. Sie hatte immer nur Teile dieser Organisation zu sehen bekommen. Es fühlte sich irgendwie merkwürdig an, dazu zu gehören.
Merkwürdig, aber definitiv gut.
Und obwohl so viele Menschen anwesend waren – gespannt, verängstigt, entschlossen, besorgt – war es vollkommen still. Harry und Hermine tauschten einige Blicke, Ron versuchte zu verstehen, was eigentlich vor sich ging. Es war das erste Mal, dass Hermine Ron wieder begegnete und auch das fühlte sich merkwürdig an.
Und gut.
Sie hatte ihn vermisst. Aber darüber würde sie sich später Gedanken machen.
„Es ist an der Zeit“, erhob Professor Dumbledore nun seine Stimme. Der Raum schien auf eine verdrehte Art zu erstarren. Nur Fawkes quietschte leise und drehte sich, genüsslich die Flügel streckend, auf seiner Stange um, begutachtete die Versammlung interessiert. „Wir wissen, wo Voldemort sich aufhält“ – nicht wenige zuckten beim Klang des Namens zusammen – „und dank der Arbeit von Miss Granger und Professor Snape haben wir einen Weg gefunden, ihn zu stürzen.“
Nun setzte doch aufgeregtes Getuschel ein und Hermine führte dies auf die Erwähnung von Snape zurück. Sie senkte den Blick und war froh, dass sie sich so weit an den Rand des Geschehens gedrängt hatte. Die meisten suchenden Blicke glitten an ihrer eher unscheinbaren Person vorbei.
„Ruhe, bitte!“, rief Professor Dumbledore schließlich und machte eine beruhigende Geste mit den Händen. „Professor Snape steht nach wie vor im Dienst des Ordens. Ich kann verstehen, dass es Zweifel gab und nicht umsonst habe ich diese belassen. Voldemort hat ohne Frage seine Spione ausgesandt.“ Erneut zuckte die Menge beinahe synchron zusammen, doch keiner beschwerte sich. „Ich bitte euch deswegen darum, ihm zu vertrauen und nicht gegen ihn zu kämpfen, wenn es soweit ist!“
Er blickte abwartend in viele Gesichter und ausnahmslos alle nickten früher oder später. Hermine konnte sehen, dass nicht wenige dabei äußerst grimmige Masken aufgesetzt hatten. Hoffentlich würde sich der Orden an diese Zustimmung auch dann halten, wenn Professor Dumbledore nicht anwesend war, Snape dafür aber persönlich vor ihnen stand. Sie schluckte die aufkommende Angst.
„Miss Granger hat nun noch einige wenige Details, die sie uns mitteilen möchte. Miss Granger...“ Er sah sie wohlwollend an und Hermine löste sich widerwillig von ihrem so herrlich abseits gelegenen Beobachtungsposten.
„Ja, ähm...“ Sie räusperte sich und versuchte die Tatsache zu ignorieren, dass der versammelte Orden des Phönix nur auf sie achtete. „Wie Professor Dumbledore bereits erwähnte, habe ich zusammen mit Professor Snape ein Ritual entwickelt, das Voldemort stürzen wird. Es wird ihm seinen Körper nehmen und ihn in die formlose Existenz zurück zwingen, in der er damals bereits versuchte, den Stein der Weisen zu bekommen.“ Sie machte eine kleine Pause und wischte sich die schweißnassen Hände an der Hose ab. „Wir werden ihn dann in einer Urne einfangen und anschließend in Ruhe nach einer Möglichkeit suchen, ihn vollends zu zerstören.
Das Ritual an sich ist durchgeplant, alle Beteiligten wissen Bescheid. Die Aufgabe der anderen wird es sein, die Todesser von Harry, Voldemort, Professor Snape und mir fernzuhalten. Ich werde die Urne bei mir haben, Professor Snape wird Harry helfen, Voldemort den Trank einzuflößen.“ Diesen letzten Teil ihrer Aufgabe hatte Professor Dumbledore ihr vor Beginn der Versammlung eröffnet und Hermine wurde noch immer nervös, wenn sie daran dachte. Das war eindeutig ein sehr viel wichtigerer Posten, als ihr lieb war.
Andererseits war es die perfekte Wahl. Wie Snape ihr bereits angedroht hatte, würde die Aktivierung des Fluches auf sie zurückfallen. Die Urne musste im richtigen Moment geöffnet und geschlossen werden. Sie trug die wichtigste Aufgabe und konnte doch nicht handeln. Professor Dumbledore hatte ihr verboten, anzugreifen; sie durfte sich nur verteidigen.
Schweigen kehrte ein und Hermine ließ den Anwesenden Zeit, den Plan zu verarbeiten. Schließlich meldete sich ein imposanter Zauberer zu ihrer Rechten, der dem Aussehen nach dem Ministerium angehörte: „Wann wird das alles über die Bühne gehen?“
Hermine nickte unsicher. Diesen Teil hatte sie sich für einen späteren Zeitpunkt aufheben wollen. Dennoch beantwortete sie die Frage, wenn auch widerwillig: „Bei Vollmond.“
Ein Raunen ging durch die Anwesenden. „Professor Lupin?“, fragte sie dann auf gut Glück in die Menge hinein und ihr ehemaliger Lehrer kämpfte sich mit verbissenem Gesichtsausdruck in die vordere Reihe durch. „Professor Snape hat den Trank für Sie bereits vorbereitet und wird ihn Ihnen rechtzeitig zusenden. Ihre Aufgabe wird Greyback sein.“
Lupins Gesichtszüge entspannten sich und er nickte einverstanden. Dann tauchte Tonks an seiner Seite auf und sie schien ganz und gar nicht begeistert davon. „Greyback?“, fragte sie atemlos und Hermine nickte bedächtig.
„Ich schaffe das“, raunte Lupin ihr zu. „Und ich bin der Einzige, der sich mit ihm anlegen kann.“ Die junge Frau mit dem mausgrauen Haar sah ihn verängstigt an, fügte sich dann aber seinen mahnenden Blicken.
„Remus, versuchen Sie, Greyback so weit es geht vom Hauptgeschehen wegzulocken!“, schaltete sich Professor Dumbledore in diesem Moment ein. „Ich möchte es nicht riskieren, dass er weitere Opfer findet.“
„Natürlich, Albus. Ich werde mein Bestes tun.“
Hermine sah Professor Dumbledore dankbar lächeln und nun, da er sich der Führung der Gespräche wieder angenommen hatte, verschwand sie rasch zurück in die Schatten neben dem Kamin. Sie mochte diesen Platz wirklich.
„Edmund“, sprach Professor Dumbledore dann einen weiteren Zauberer gezielt an. Der kleine Mann hatte sich ebenso an den Rand gedrückt wie Hermine und blinzelte aufgeregt, als Professor Dumbledore sich so direkt an ihn wandte. Er erinnerte vom Aussehen her entfernt an Wurmschwanz und Hermine war froh, dass er sich für die richtige Seite entschieden hatte. „Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich um Nagini kümmern könnten. Sie kennen sich doch aus mit Schlangen.“ Das letzte war keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Ja, das tue ich“, antwortete er sichtlich stolz und Hermine vermutete, dass er sich entweder beruflich oder privat lange Zeit mit Schlangen beschäftigt hatte oder noch immer beschäftigte. „Was für eine Schlange ist es? Ich frage nur, damit ich das entsprechende Gegengift mitnehmen kann.“
Professor Dumbledore wandte sich zu Hermine um. „Miss Granger?“
Die Angesprochene blinzelte, als sie erneut im Mittelpunkt stand. „I-Ich werde Ihnen ausreichend davon zuschicken. Ich weiß leider nicht, um was für eine Schlangenart es sich handelt, aber wir haben noch Gegengift vorrätig.“
„Gut, das sollte ausreichen, nicht wahr, Edmund?“
„Aber natürlich.“ Der Zauberer nickte kurz und verschwand dann wieder in der Menge.
„Minerva“, wandte Professor Dumbledore sich dann an Professor McGonagall, die ihren Platz dicht am Portrait eingenommen hatte und mit missmutigen Blicke das Geschehen verfolgte. Nun sah sie ihn direkt und mit fragend hochgezogenen Augenbrauen an. Hermine grinste verstohlen; was die Mimik betraf, hatte sie definitiv gewisse Ähnlichkeiten mit Snape. „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Wurmschwanz im Auge behalten könnten. Sie haben die besten Voraussetzungen, um ihm zu folgen, sollte er sich aus dem Staub machen.“
„Natürlich, Sir“, fügte auch sie sich widerstandslos und Hermine fiel auf, dass alle die gleiche Formulierung benutzten, wenn sie Professor Dumbledores Aufträge annahmen: Natürlich. Und das war es. Auf eine groteske, unverständliche Art war es natürlich, dass Professor Dumbledore da war und sagte, was zu passieren hatte.
Natürlich...
***
Die weitere Aufgabenverteilung war rasch abgeschlossen. Es waren nicht genug Todesser namentlich bekannt, um jedem Kämpfer des Ordens einen zuzuteilen, zumal diese durch ihre Masken nur sehr schwer zu erkennen waren. Jeder würde sich den Gegner nehmen, der ihm gerade unter die Augen kam, und Hermine hoffte sehr, dass die Auroren nicht zögern würden, was die Auswahl der Flüche betraf.
Sie hatte Professor Dumbledore von Snapes Plan, Voldemort dem Imperius zu unterwerfen, berichtet. Der Schulleiter war mehr als skeptisch gewesen, stimmte allerdings zu, dass es vermutlich die einzige Möglichkeit war, Voldemort dazu zu bringen, diesen Trank zu trinken. Außerdem hatte Snape so und anders auch schon genug Dinge getan, die zu einer Anhörung vor dem Ministerium führen würden. So grotesk es auch klang, aber nun machte ein Imperius mehr oder weniger auch nichts mehr aus.
Nichtsdestotrotz schnürte Hermine dieser Gedanke die Kehle zu.
„Das Zeitfenster ist eng, Miss Granger, sehr eng... Ich hoffe, dass Harry es rechtzeitig bemerkt“, hatte Professor Dumbledore sorgenvoll gesagt und es war das erste Mal gewesen, dass Hermine wirklich bewusst geworden war, wie sehr Professor Dumbledore unter seiner neuen Existenz litt. Er sollte mit dort draußen sein und Voldemort die Stirn bieten. Er hatte lange genug gegen diesen Zauberer gekämpft, um das Recht dazu zu haben. Doch er würde es nicht erleben.
So in ihre Gedanken vertieft, blickte Hermine überrascht auf, als ein munteres Treiben einsetzte. Die Anwesenden begannen sich zu unterhalten, viele schwärmten in Richtung der Bürotür. Anscheinend hatte Professor Dumbledore das Treffen beendet.
Hermine löste sich zwar von der Wand, blieb aber vorerst stehen und wartete, bis der Raum sich weit genug geleert hatte, damit sie nicht Gefahr lief, sich in der Menge zu verlieren. Dass sie zögerte, gab Harry und Ron allerdings die Möglichkeit, zu ihr zu kommen.
„Hallo, Mine“, begrüßte Ron sie unsicher und stand ihr verlegen gegenüber.
Hermine musterte ihn befangen. Er hatte sich Harry sehr leichtfertig angeschlossen, was die Meinung gegenüber Snape betraf. Doch bis eben wusste sie nicht, ob er sich der Versöhnung gegenüber genauso aufgeschlossen zeigte. Dass er auf sie zugekommen war, beantwortete ihr diese Frage.
Hermine überlegte nicht lange, ob sie diesen Anfang zulassen sollte. Es gab Wichtigeres zu erledigen, als diese elenden Missverständnisse aufrecht zu erhalten. Sie fiel ihm trocken schluchzend um den Hals.
Perplex stolperte Ron einige Schritte zurück