
Titel: Inter Spem Et Metum: Zwischen Hoffnung und Furcht
Altersfreigabe:
ab 17 – die Story ist keine PWP, aber es werden Szenen mit
diesem Inhalt kommen. Und ich werde vorher nicht warnen!
Spoiler:
Die Story beginnt am Anfang des 5. Schuljahres und zieht sich bis ins
7. Das ganze ist nicht komplett mit den Büchern vereinbar. Ich
hab die groben Geschehnisse belassen, es mir aber erlaubt,
Kleinigkeiten zu ändern. Umbridge taucht z.B. nicht auf.
;)
Inhalt: An ihrem ersten Schultag im 5. Jahr ist Hermine
zufällig auf den Ländereien, als Professor Snape schwer
verletzt von einem der Todessertreffen zurückkehrt. Sie muss
helfen und ahnt dabei nicht, dass dieser eine Abend ihr Leben
drastisch verändern wird.
Hauptcharakter(e)/Paar(e):
Hermine/Snape; am Rande Ginny/Harry und ganz entfernt
Lavender/Ron
Disclaimer: Nichts gehört mir, alles ist
Eigentum von J.K.Rowling.
Kommentar:
Ein riesengroßer Dank geht an die kleine Frau in meinem Ohr,
auch Beta Anja genannt. ;) Dankeschön für die vielen
kleinen und großen Ideen, die die Story lebhaft und weniger
melancholisch gemacht haben; ohne dich wäre sie nicht das, was
sie jetzt ist!
Warnings: NC-17 (auch zwischen Erwachsenen
und Minderjährigen!), Gewalt, Character Death, Hurt/Comfort
***
If you’re a thought
you will want me
to think you.
And I did and did.
(Tori Amos – Scarlet’s walk)
***
Kapitel 1 – Die erste Rückkehr
Es war eine Gewohnheit, beinahe ein Ritual. Eines, das Hermine Granger jedes Mal ein Gefühl tiefer Vorfreude und Zufriedenheit bescherte, wenn sich die Sommerferien dem Ende entgegen neigten. Es machte den Gedanken an ein baldiges Wiedersehen mit dem Schloss, den Lehrern, den Schülern und dem Alltag irgendwie... feierlicher.
Normalerweise war diese Vorfreude auf ein neues Schuljahr vor allem geprägt durch den Tatendrang. Nach all den freien Wochen, in denen sie bisweilen nicht wusste, was sie machen sollte, schien es die Erfüllung eines Traumes, endlich wieder eine Aufgabe zu bekommen. Hermine war immer gerne zur Schule gegangen.
In diesem Jahr war der Gedanke an die Rückkehr nach Hogwarts allerdings vor allem eines: Die Hoffnung auf Antworten.
Seitdem Harry Voldemort begegnet war, waren drei Monate vergangen und bisher hatte keiner von ihnen irgendetwas erfahren. Nicht einmal Ron, der einzige ihrer Freunde, der direkte Verbindungen in die Zaubererwelt auch während der Ferien hatte. Alles blieb still, nichts Grauenhaftes passierte. Zumindest nicht mehr, als zu jeder anderen Ferienzeit auch.
Diese Stille machte sie ganz kribbelig. Etwas stimmte daran nicht. Voldemort war zurückgekehrt und es war schlichtweg undenkbar, dass dies komplett folgenlos blieb. Jahrelang hatte Harry aufs Neue verhindert, dass der Dunkle Lord wieder an die Macht gelangte, weil das wirklich böse Folgen haben würde.
Hermine wartete auf die Folgen, die Konsequenzen. Sie wollte wissen, was vor sich ging. Was Professor Dumbledore wusste. Was irgendjemand wusste. Sie hatte Fragen über Fragen und niemanden in der Nähe, dem sie sie stellen könnte. Es waren die längsten Monate ihres Lebens.
Hermine gab sich alle Mühe, dieses penetrante Unwohlsein mit der Vorfreude auf ihren ganz eigenen Ritus zu Schuljahresbeginn zu überbrücken. Der erste Abend in Hogwarts gehörte den Ländereien. Ein Spaziergang in Ruhe, alleine, nur um die Natur zu sehen und sich zu erinnern, dass Hogwarts mehr als eine Schule war, beinahe ein zweites Zuhause.
Normalerweise war der Wunsch nach dieser Stunde in Einsamkeit einer, den sie schnell erfüllt bekam. Harry und Ron waren für gewöhnlich zu sehr mit sich, Quidditch und Gepäck beschäftigt, um sich großartig darüber zu wundern, dass sie für einige Zeit verschwand. Man sollte nicht meinen, dass sie bereits die letzten zwei Wochen Zeit gehabt hatten, ausreichend über Quidditch zu diskutieren.
Ein Lächeln kräuselte bei diesem Gedanken ihre Lippen.
Heute allerdings hatten die beiden es ihr sehr schwer gemacht. Die Geschehnisse, oder vielmehr ihr Ausbleiben über den Sommer hinweg, hatte in allen den Wunsch nach Erklärungen und Begründungen geweckt. Über Stunden hinweg hatte Hermine die Ländereien sehnsüchtig durch die Fenster beobachtet und ihnen stumm versprochen, es nachzuholen. Später. Abends. Wenn nötig auch Nachts.
Nun ja, Nacht war es noch nicht, doch der Sonnenuntergang hatte bereits vor einer halben Stunde begonnen und am Horizont war lediglich noch ein unterschwelliges Glühen zu sehen. Die Erinnerung an einen warmen Sommertag.
Um sie herum zirpten Grillen im hohen Gras, das Wasser im See gurgelte leise und hin und wieder konnte sie einige Tentakel des Krakens über die Oberfläche streicheln sehen. Am Himmel flogen die ersten Eulen durch die Dämmerung und machten Jagd auf Mäuse und anderes Getier, über das Hermine nicht so genau nachdenken wollte. Ihr reichten die Errungenschaften, die Krummbein ihr regelmäßig präsentierte.
Hinter ihr lag das Schloss entspannt und ruhig in der grünen Landschaft und leuchtete mit seinen Fenstern gemächlich in die hereinbrechende Nacht. Momente, in denen das imposante Gemäuer so still da lag, waren selten und Hermine schlau genug, um diesen Anblick in sich aufzunehmen. Bereits morgen würde der Tumult des Unterrichts wieder Einzug halten und sie hoffentlich in ein trügerisches Gefühl der Sicherheit und Beschäftigung wiegen. Sie brauchten alle etwas Ablenkung. Die einen mehr, die anderen weniger; sie selbst über alle Maßen.
Hermine seufzte verhalten und setzte ihren Weg fort. Dieser erste Rundgang über die Ländereien verlief jedes Jahr anders. Sie wusste noch, dass sie letztes Jahr hinunter zu Hagrid gegangen war. Die Aufregung, die sie beim Abendessen in seinem Gesicht gesehen hatte, gefangen von der Vorstellung des Trimagischen Turniers in Hogwarts, hatte sie dazu getrieben, ihn zu besuchen.
Heute machte sie einen großen Bogen um seine Hütte. Sie hatten vorhin kurz miteinander gesprochen, Befürchtungen und Gerüchte ausgetauscht und beschlossen, dass ihnen vorerst nichts anderes übrig blieb, als zu warten. Darauf, dass Voldemort aktiv wurde. Darauf, dass Dumbledore ihnen sagte, was er wusste. Darauf, dass irgendetwas passierte.
Nein, heute würde sie nicht zu Hagrid gehen. Ihre Beine trugen sie zielsicher in Richtung der äußeren Grenze des Geländes. Irgendwann stand sie vor einem unscheinbaren Zaun. Niemand, der Hogwarts nicht kannte, würde auch nur im Ansatz ermessen können, wie viel Magie dieses schlichte Holz durchzog. Es war das Ende der Sicherheit, in der sie sich so geborgen fühlte.
Hermines Herzschlag beschleunigte sich, als sie ihre Hand ausstreckte und mit unsicheren Fingern über die raue Oberfläche strich. Dann erstarrte sie und ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln, das sie nicht verbergen konnte. Schließlich begann sie leise zu lachen und schüttelte über sich selbst den Kopf. Es war unglaublich, wie viel Bedeutung sie diesem einen Spaziergang beimaß. Es war wirkliche Ehrfurcht gewesen, die ihren Körper eben durchströmt hatte.
Du bist albern, Hermine!
Sie verschränkte die Arme vor der Brust, während sie sich abwandte und am Zaun entlang weiter ging.
Und dennoch... Etwas würde sich ändern. Das Leben in der Zaubererwelt war im Umbruch und sie wäre dumm, wenn sie sich dagegen wehren würde, dies zu sehen. Es gab nichts schlimmeres, als sich gegen Veränderungen zu wehren, so sehr sie manchmal auch schmerzen mochten.
Das beste Beispiel war Cornelius Fudge. Er brachte sie alle in größte Gefahr mit seiner Ablehnung, mit dem irrationalen Ausdruck seiner unbeherrschten Angst vor dem Verlust der Kontrolle. Und Voldemort nutzte dies schamlos aus. Sie konnte nur hoffen, dass Dumbledore rechtzeitig nachgab. Natürlich musste irgendjemand dem Minister die Augen öffnen, doch es wäre schlauer, wenn nicht Dumbledore derjenige wäre. Sonst hätte der Minister zweifelsohne genug Möglichkeiten, um ihnen das Leben und den Kampf gegen Voldemort verdammt schwer zu machen.
So in ihre Gedanken vertieft, erschrak sie heftig, als es hinter dem Zaun leise ploppte. Hermine wirbelte herum und versteckte sich – in Ermangelung einer besseren Möglichkeit – hinter einer Eiche, die dicht neben ihr stand, während sie beobachtete, was geschah.
Eine Gestalt war hinter dem Zaun appariert, verhüllt in weite, schwarze Gewänder; eine weiße Maske wurde vom Licht der Nacht unheimlich beleuchtet. Rasselndes Keuchen klang durch die Stille. Hermine konnte sehen, wie zitternde Finger nach dem Holz des Zauns tasteten und unkoordiniert darüber strichen. Der Körper schwankte, als er sich am Zaun abstützte, dann kletterte er taumelnd und stöhnend auf die andere Seite, nur um dort kraftlos auf die Knie zu sinken.
Die Gedanken der Hexe rasten, ebenso wie ihr Puls. Die Ruhe des Spazierganges – ihres Rituals – war verschwunden. Sie musste etwas tun. Offenbar war die Person verletzt. Andererseits würde es sich dann kaum mehr verbergen lassen, dass sie zu so später Zeit auf den Ländereien gewesen war. Unschlüssig trat sie von einem Bein aufs andere, biss sich auf die Unterlippe und krallte ihre Finger in die harte Rinde des Baumes.
Schließlich brachte ein dumpfer Schlag sie zu einer Entscheidung. Einige Vögel stiegen aus der Krone des Baumes auf und verschwanden flatternd im Nachthimmel. Die Gestalt war auf die Seite gekippt und röchelnd liegen geblieben. Nur wenige Sekunden später wurde es ganz still.
Hermine lief rasch hinüber und drehte die Person auf den Rücken. Dabei rutschte die weiße Maske, die sie bereits von dem Auftritt der Todesser bei der Quidditich-Weltmeisterschaft letztes Jahr kannte, aus dem Gesicht und legte das fahle Gesicht Professor Snapes frei. Die böse Vermutung, die in ihrem Verstand gewabert hatte, war also richtig. Und die Hoffnung, dass er – als Todesser – das Gelände nur betreten konnte, weil er hier Lehrer war, flammte wieder auf.
Snape war offenbar schwer verletzt und ohne Bewusstsein. Nachdem Hermine mit zitternden Fingern nach seinem Puls getastet und ihn schwach und langsam gefunden hatte, schob sie den linken Ärmel seines Umhanges nach oben. Das Dunkle Mal auf seinem Unterarm glänzte rötlich und schien die obersten Hautschichten von innen heraus verbrannt zu haben; es hob sich stark gegen die weiße Haut des Tränkemeisters ab. Hermine verzog das Gesicht, als ihr der Geruch nach verbranntem Fleisch in die Nase stieg.
Mit einem entschlossenen Kopfschütteln riss sie sich aus ihrem Entsetzen und zückte den Zauberstab. „Mobilcorpus!“, murmelte sie dann und Snapes Körper erhob sich neben ihrem auf Hüfthöhe. Der Anblick löste eine befremdliche Hoffnungslosigkeit in ihr aus. Sie sollte nicht hier sein und er sollte nicht in der Lage sein, von ihr gerettet werden zu müssen.
Andererseits, beim Gedanken daran, nun mit dem bewusstlosen Snape durch Hogwarts wandern zu müssen, war Hermine sehr froh, dass es bereits so spät war.
***
„Madam Pomfrey!“
Nun, da sie den Krankenflügel erreicht hatte, klang ihre Stimme seltsam panisch und unbeherrscht. Was im Gegenzug dafür sorgte, dass die Medihexe aufgeregt aus ihrem Büro gelaufen kam, mit einem Fuß nur halb in den rosa Pantoffel geschlüpft, so dass sie schwer um ihr Gleichgewicht kämpfen musste. Ihren magischen Lockenwickler versuchten sich wieder zurück auf ihren Kopf zu ziehen und drehten sich hastig um die eigene Achse.
„Was ist passiert?“, fragte sie mit lauter, herrischer Stimme und zog den verdrehten Morgenmantel über ihre Schultern.
Hermine hatte ihren Lehrer währenddessen auf eines der freien Betten schweben lassen und trat unruhig von einem Bein aufs andere. „Professor Snape... Ländereien... bewusstlos...“, stotterte sie zusammenhanglos und verstummte, als die Medihexe mit ihrer Hand durch die Luft fegte.
Bravo, Hermine! Kein Klassenraum in Sicht und dein Verstand geht auf Reisen! Hoffentlich schreibt er eine Ansichtskarte, ich könnte Unterstützung gebrauchen!
Als Madam Pomfrey Professor Snape flüchtig untersucht und dabei einige stark blutenden Wunden auf seinem Oberkörper entblößt hatte, stöhnte sie ergeben auf. „Holen Sie Professor Dumbledore!“, wies die Ältere sie ohne weiteres an und drängte die Schülerin vom Bett weg, um an den Schrank mit Pasten und Tränken gelangen zu können.
„Aber...“ Hermine starrte auf die geschundene Brust ihres Lehrers. Die weiße Haut war tief zerfurcht und es schien ihr unbegreiflich, warum sie nicht eine breite Blutspur durch das Schloss gezogen hatten.
Der viele Stoff seiner Roben...
„Los!“, keifte Madam Pomfrey in diesem Moment.
Hermine erschrak und nickte rasch. Angesichts der Tatsache, dass sie zu einer sehr unchristlichen Zeit noch außerhalb ihres Bettes war, konnte sie sich wohl glücklich schätzen, dass sie so glimpflich davon kam. Dumbledore würde bestimmt nicht allzu böse sein, wenn er erfuhr, was geschehen war.
Hoffentlich.
***
Der Schulleiter kam ihr bereits auf halbem Wege mit schnellen, aber nichtsdestotrotz würdevollen Schritten entgegen. Die weite Robe flatterte hinter ihm und ließ ihn mehr denn je wie einen gealterten Helden aus einem Muggelcomic erscheinen. Dumpfe Schritte hallten von den Wänden des Flures wider und ein grimmiger Ausdruck stand auf seinem sonst so gutmütigen Gesicht.
Hermine atmete erleichtert auf. Nicht nur, dass sie so wertvolle Zeit sparten; ihr war ebenso eingefallen, dass sie das Passwort zu seinem Büro nicht kannte und dementsprechend machtlos gewesen wäre.
„Professor Dumbledore...“, begann sie außer Atem, doch er winkte ab.
„Ich weiß Bescheid, Miss Granger.“ Er fasste sie am Oberarm und nickte besänftigend.
„Aber... woher?“
„Ich habe da so meine Quellen.“ Dumbledore zwinkerte ihr zu und der gutmütige Ausdruck kehrte für ein paar Sekunden zurück. „Gehen Sie in den Gryffindorturm. Sagen Sie Harry Bescheid, ich werde Sie beide nachher aufklären, soweit mir das möglich ist.“
Hermine nickte und sah dem Direktor hinterher, wie er eilig weiter durch die Gänge hastete. Sie war froh, so gut aus der Sache herausgekommen zu sein und machte sich deswegen auf den Weg in den Turm. Man sollte sein Glück schließlich nicht überstrapazieren.
***
Als sie den Gemeinschaftsraum betrat, schlug ihr die Stille beinahe störend entgegen. Ihr Herz raste und das Pochen klang schwer in ihrem Kopf; es war erträglicher, wenn man es nicht so genau hören musste.
Harry und Ron waren die Einzigen, die noch hier waren. Beide saßen in jeweils einem Sessel vor dem Feuer und waren eingeschlafen. Hermine lief direkt zu Harry und rüttelte ihn unsanft wach.
„Harry, wach auf!“ Am liebsten hätte sie ihn angeschrien, aber die Vorstellung, Ron könne dann auch aufwachen, hielt sie davon ab. Es reichte schon, dass sie sich jetzt mit einem der beiden auseinandersetzen musste und auch wenn sie sich für diesen Gedanken hasste, gerade jetzt hatte sie keine Lust auf Rons Fragen.
„Was... Hermine, wo bist du gewesen?“ Der Junge blinzelte desorientiert und setzte sich im Sessel auf. Gähnend streckte er sich die verspannten Muskeln.
„Draußen. Ich habe Professor Snape vermutlich das Leben gerettet.“ Ihr Flüstern klang hektisch und atemlos und sie wischte sich mit einer Hand über die Stirn. Ein leichter Schweißfilm hatte sich darauf gebildet.
Doch ihre Aussage brachte Harry dazu, sie noch irritierter anzusehen. „Hermine, wovon sprichst du überhaupt?“
Im Sessel neben ihnen drehte sich Ron murrend auf die andere Seite und mit einem Finger auf ihren Lippen bedeutete Hermine dem Dunkelhaarigen, dass er seinen besten Freund schlafen lassen sollte. Es war schon schlimm genug, dass die Portraits sich ihnen zugewandt hatten und unverhohlen neugierig lauschten.
Nachdem Harry widerwillig einverstanden genickt hatte, schloss sie die Augen und atmete einmal tief durch. „Professor Snape apparierte vor der Grenze des Schlosses. Verletzt. Ich habe ihn in den Krankenflügel gebracht. Madam Pomfrey kümmert sich um ihn. Es hat etwas mit Voldemort zu tun, Harry!“
Der Dunkelhaarige starrte sie ein paar Augenblicke lang stumm an. Dann schüttelte er den Kopf und stand auf. Hermine nutzt die Gelegenheit, um sich in seinen Sessel zu setzen und ihren Herzschlag zu beruhigen. „Wie kommst du darauf?“
Sie schnaubte. „Warum sonst sollte Professor Snape noch vor Beginn des Schuljahres aus Hogwarts verschwinden? Was er ja zweifelsohne getan haben muss, um verletzt zurückzukehren.“
Harrys Augen weiteten sich vielsagend und ein halb verlegenes, halb amüsiertes Lächeln trat auf sein Gesicht. Hermine legte empört den Kopf schief. „Ich sollte Dumbledore benachrichtigen und er wird uns nachher ins Bild setzen. Außerdem hatte er die Todessermaske bei sich und das Dunkle Mal auf seinem Arm war aktiv. Und niemand würde sich solche Verletzungen freiwillig zufügen lassen. Also vergiss deine Theorien!“
„Okay, okay. Tut mir Leid.“ Er fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und starrte für einen Moment ins beinahe erloschene Feuer. „Es ist nur so, dass mir meine Variante besser gefallen hätte.“
Hermine senkte betreten den Blick. „Darauf haben wir doch den ganzen Sommer über gewartet, oder nicht?“ Im Grunde war sie froh, dass endlich etwas geschah. Es war zwar nicht besonders angenehm, vor allem nicht für Professor Snape, aber es war etwas, mit dem man umgehen konnte.
Es ist besser als diese verfluchte Stille.
„Sicher.“ Harry zuckte mit den Schultern.
Hermine stand auf und ging zu ihm hinüber. „Dumbledore ist in den Krankenflügel gegangen. Wenn wir wirklich akuten Grund zur Sorge hätten, hätte er sich nicht um Professor Snape gekümmert.“ Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Ja, vermutlich hast du Recht.“ Er lächelte bemüht.
„Nun küsst euch schon!“, quäkte eine der Nippesfiguren auf dem Kaminsims und beide wandten entsetzt den Blick zu dem mit Pastellfarben bemalten Bauernmädchen.
„Halt die Klappe!“, sagten sie im Chor; Hermine lief rot an.
„Pfft...“, kam von dem Mädchen und beleidigt drehte sie ihnen den Rücken zu.
Als Hermine Harry wieder fixierte, konnte sie ihm ansehen, dass er nach wie vor noch über ihre Worte nachdachte und anscheinend nicht vollkommen überzeugt war. Mehr noch, es kam ihr beinahe so vor, als würde er ihr etwas verschweigen.
„Harry, ist alles in Ordnung?“ Sie runzelte die Stirn.
„Sicher! Was sollte nicht in Ordnung sein? Mal abgesehen vom Offensichtlichen.“ Sein letzter Satz triefte vor Sarkasmus.
„Ich weiß es nicht. Sag du es mir!“
Er seufzte. „Es geht mir gut, Hermine. Ehrlich.“ Sie legte prüfend den Kopf schief. „Was wolltest du eigentlich um diese Uhrzeit draußen?“, drehte er dann den Spieß um und verschränkte fordernd die Arme vor der Brust.
Hermine lief rot an. Sie war nicht gewillt, ihre kleines Ritual irgendwem anzuvertrauen, von dem sie wusste, dass er es nicht für sich behalten würde. Ihre Blicke flatterten von Harry zu Ron. „Weißt du, ich finde es ist alles in Ordnung“, erwiderte sie deswegen rasch und Harry grinste zufrieden.
„Schön, dass wir uns einig sind.“
Dass sie sich einig waren, konnte Hermine zwar nicht behaupten, aber vorerst musste sie sich damit zufrieden geben. Sie hoffte bloß, dass Harry Dumbledore gegenüber gesprächiger sein würde, wenn sie später zu ihm gingen.
***
Den Weg bis zu Dumbledores Büro liefen sie in bedrücktem Schweigen, bis sie schließlich vor dem großen, häßlichen Wasserspeier standen und etwas ratlos auf den Eingang starrten. Wie sollten sie ohne Passwort reinkommen?
Ein Zischen hinter ihnen ließ sie herumwirbeln und ein alter Mann in einem Porträt, der sich soeben mit seinem Schwert den Rücken kratzte, flüsterte ihnen zu: „Pomers Peanuts!“
Woraufhin sich Harry und Hermine verdutzt anblickten.
„Huh?“, sagte Harry und das Porträt schüttelte theatralisch den Kopf.
„Das Passwort ist Pomer Peanuts. Albus lässt es euch ausrichten“, erklärte er mit einer Stimme, als würde er einem Hippogreif Arithmantik erklären müssen. „Meine Güte, die Jugend von heute...“ Der Alte steckte sein Schwert enthusiastisch zurück in den Boden neben sich. Es zitterte und schlug ihm gegen sein Knie. „Au!“
Doch Harry und Hermine hatten sich bereits umgedreht und stiegen die Stufen zu Dumbledores Büro hinauf. Dort war es still und Hermine fühlte sich etwas unwohl unter den Blicken des Schulleiters. An der rechten Seite des Raumes hatte es sich Fawkes auf seiner Stange gemütlich gemacht und schielte nur mit einem Auge zu ihnen herüber.
Die ehemaligen Schulleiter in den Portraits an der Wand gaben ihr Bestes, möglichst unbeteiligt auszusehen. Einige hatten die Augen zugekniffen, blinzelten jedoch alle paar Sekunden, nur um es rasch wieder zu schließen. Einer hatte so unauffällig wie möglich ein geschwungenes Hörrohr unter seiner Robe versteckt, während ein anderer beinahe aus dem Bild purzelte, als er sich nach vorne beugte, um zu sehen, wer das Büro betreten hatte.
„Nun, es tut mir leid, dass ich erst jetzt die Gelegenheit habe, Sie auf den neusten Stand der Dinge zu bringen, aber bis vor zwei Stunden gab es noch nichts Neues zu berichten.“ Dumbledore sah sie entschuldigend über seine Brille hinweg an und beugte sich nach vorne. Er nahm eine Schale mit kleinen, runden Bonbons in die Hand und hielt sie den beiden Gryffindors entgegen. „Saure Guggelbees?“, fragte er hoffnungsvoll. Die Bonbon piepsten erschrocken und begannen in der Schale herumzuwirbeln, in der Hoffnung, nicht gegessen zu werden. Erleichtert beruhigten sie sich, als Harry und Hermine den Kopf schüttelten.
„Wie geht es Professor Snape?“, fragte sie mit leiser Stimme und rutschte ein wenig auf ihrem Stuhl hin und her.
Harry dagegen war vollkommen stumm und schien vorerst nur eine beobachtende Position einzunehmen. Hermine war sich sicher, dass sie diese auch gewählt hätte, wäre sie nicht dort draußen gewesen. Sie hatte wirklich Angst um ihren Lehrer gehabt, als dieser bewusstlos zur Seite gekippt war. Professor Snape war zwar ein Bastard, wie er im Buche stand, aber den Tod wünschte sie ihm deswegen nicht.
Er kämpft auf unserer Seite, verdammt!
Oder?
„Es geht ihm soweit gut. Er ist bereits in seine Räume zurückgekehrt und wird morgen für den Unterricht zur Verfügung stehen.“ Der Schulleiter nickte angedeutet und Hermine lächelte. „Weswegen ich Sie herbestellt habe, ist auch eher das, was Professor Snape so zugerichtet hat.“
„Voldemort.“ Harry hatte die kleine Pause des Direktors genutzt und Hermine erschrak leicht.
„In der Tat. Voldemort hat seine Anhänger zum ersten Mal seit dem Ende des Trimagischen Turniers erneut zusammengerufen.“ Ein besorgter Ausdruck legte sich auf die Augen des alten Mannes.
„Was plant er?“
Hermine lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Nicht wegen des Themas, denn das begann nun erst wirklich heikel und bedrückend zu werden. Nein, eher weil sie sich nun in der beobachtenden Position sah, die zuvor Harry innegehabt hatte.
„Professor Snape konnte mir nicht allzu viel über die direkten Pläne Voldemorts berichten. Dieser hatte es vorgezogen, ihn unter einen Cruciatus zu stellen, solange er die weiteren Schritte besprach.“
Hermine sah, wie Harry ergeben seufzend die Augen schloss.
Er hat es erlebt.
Sie schluckte betreten.
„Warum hat Voldemort Snape so zugerichtet? Er ist doch einer von ihnen. Offiziell...“ Das letzte Wort fügte er rasch hinzu.
„Professor Snape...“ Dumbledore machte eine bedeutungsschwere Pause und sah Harry mahnend an. „... war nicht beim ersten Treffen anwesend. Voldemort hegt einen Verdacht, den es aus dem Weg zu räumen gilt. Es wird eine heikle Zeit auf uns zukommen, fürchte ich.“ Es war das erste Mal, dass Hermine den Schulleiter seufzen hörte.
Harry schwieg für eine Weile, dann murmelte er: „Voldemort gewinnt an Macht.“ Er strich sich mit zwei Fingern über seine Narbe und verzog das Gesicht. „Ich kann es spüren.“
Hermines Augen weiteten sich und sie vermutete, dass es das gewesen war, was er ihr vorhin im Gemeinschaftsraum nicht hatte erzählen wollen. Eine zarte Welle aus Angst schwappte durch ihren Körper, die sie allerdings rasch unter Kontrolle bekam. Ihre Blicke flogen fragend zu Dumbledore zurück.
„Das hatte ich befürchtet“, nickte dieser mit gerunzelter Stirn. „Vorerst bleibt uns jedoch keine andere Wahl, als abzuwarten. Voldemort hat, so ungern ich es zugebe, den Zeitplan in der Hand. Wir können nichts unternehmen, solange wir nicht wissen, wo er sich aufhält und was er plant. Ein Großteil der Verantwortung wird bei Professor Snape liegen. Außerdem weigert sich Fudge noch immer, die Möglichkeit seiner Rückkehr in Betracht zu ziehen. Ich konnte gerade noch einem Kontrollposten hier in Hogwarts entgehen.“ Dumbledore sah etwas verlegen aus und Hermine musste trotz seiner Worte milde lächeln. Dass Dumbledore wirklich rechtzeitig nachgegeben hatte, war eine gute Nachricht.
Harry schnaubte allerdings abfällig und schüttelte den Kopf. „Großartig... Voldemort ist zurück, keiner glaubt es und alle Hoffnungen ruhen auf Sn... Professor Snape!“
Hermine hob eine Augenbraue über diese nun beinahe dreiste Abneigung. Sie wusste natürlich, dass Harry Professor Snape nicht im Mindesten mochte, aber dass er Dumbledore das so offen wissen ließ, überraschte sie dennoch.
„Es ist mir durchaus bewusst, dass Sie Professor Snape gegenüber nicht sonderlich viel Vertrauen hegen, Harry, aber tun Sie mir bitte einen Gefallen...“ Dumbledore wartete, bis Harry seine Blicke fixierte und die volle Aufmerksamkeit des Schülers hatte. Hermine hielt unbewusst die Luft an. „Legen Sie es nicht darauf an, seinen Unmut auf sich zu ziehen. Die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit, doch ich habe Sie beide fest in meine Pläne integriert. Wir können es uns nicht leisten, uns durch Differenzen in den eigenen Reihen weiter zu schwächen.“
Hermine schluckte und ließ den angehaltenen Atem entweichen, als Dumbledore geendet hatte. Die Stimmung im Büro war angespannt und gereizt, allerdings auf eine so unterschwellige Art, dass es sich wie die stickig klebrige Sommerluft kurz vor einem Gewitter anfühlte. Am liebsten wäre sie gegangen.
„Ich werde mich bemühen“, willigte Harry leicht zerknirscht wirkend ein und Hermine spürte, wie die ersten Regentropfen fielen und die Lage entspannten. Dann schüttelte sie über ihre Metapher selbst den Kopf und richtete sich etwas auf.
„Gut. Ich denke, es wird jetzt für Sie beide Zeit, ins Bett zu gehen. In wenigen Stunden müssen Sie bereits wieder aufstehen und bitte behalten Sie alles, was wir hier besprochen haben, für sich.“ Dumbledore machte eine Pause, ehe er noch hinzufügte: „Natürlich dürfen Sie Mr Weasley informieren.“ Mit einem Zwinkern gab er ihnen zu verstehen, dass sie gehen durften und Hermine lächelte ihn dankbar an, ehe sie Harry zur Tür folgte. „Miss Granger...“, bat er dann jedoch, so als wäre ihm noch etwas eingefallen. Sie drehte sich mit fragendem Blick zu ihm um. „Auf ein Wort bitte.“
Harrys Blicke wanderten vom Schulleiter zu Hermine und er sah sie fragend an. „Ich warte unten auf dich“, murmelte er dann und sie nickte. Kurz darauf war sie mit dem Direktor allein.
„Setzen Sie sich doch noch für einen Moment.“
Sie tat ihm den Gefallen und das unangenehme Gefühl von vorhin kehrte zurück. Sie hatte sich ausnahmsweise sehr wohl gefühlt in der beobachtenden Position.
„Sie wissen sicherlich, dass es Ihnen nicht gestattet ist, um diese Uhrzeit noch draußen auf den Ländereien unterwegs zu sein“, begann er und Hermines Augen weiteten sich. Sie hatte ihren Regelverstoß schon beinahe vergessen. Als sie jedoch etwas sagen wollte, brachte Dumbledore sie mit einer Geste seiner Hand zum Schweigen. „Ich bin mir durchaus bewusst, dass es ein Glück für Professor Snape war, dass Sie dagewesen sind. Dennoch möchte ich Sie darum bitten, in Zukunft nicht mehr so spät alleine nach draußen zu gehen. Besonders in diesen Zeiten ist es sehr gefährlich, selbst hier in Hogwarts.“ Er sah sie mahnend und bittend an.
„Ja, Professor. Es tut mir sehr Leid, dass ich so gedankenlos gewesen bin.“ Sie senkte den Blick.
„Es ist ja alles gut gegangen.“ Erneut zwinkerte er und Hermine atmete erleichtert auf. „Aber verraten Sie mir doch, was Sie um diese Uhrzeit dort draußen getan haben.“
Sein mahnender Unterton war einem Plauderton gewichen, der sie sich etwas sicherer fühlen ließ. Offensichtlich war sie dieses Mal mit einer Ermahnung davon gekommen.
„Ich... ähm...“ Sie errötete. „Nun ja, am ersten Abend nach den Sommerferien mache ich gerne einen Spaziergang über die Ländereien. So als... Willkommen.“ Sie sah, dass die Falten um seine Augen sich amüsiert kräuselten. „Es ist albern, ich weiß.“
„Das denke ich nicht. Ich finde, es ist eine sehr schöne Geste. Nur verlegen Sie diese das nächste Mal bitte in die früheren Stunden des Tages, ja?“
„Das werde ich.“ Hermine nickte eifrig.
„Dann beeilen Sie sich, dass Sie ins Bett kommen! Es ist bereits spät.“
Sie stand rasch auf. Ein allgemeines Rascheln und Augenschließen begann in den Porträts und die meisten von ihnen schnarchten mit einem Mal verdächtig laut. An der Tür angekommen, blieb Hermine noch einmal stehen. „Danke, Professor Dumbledore.“ Er nickte zur Antwort nur und sie verschwand rasch auf der Wendeltreppe nach unten.
Harry wartete am steinernen Wasserspeier auf sie und gemeinsam beobachteten die beiden Schüler, wie er die Treppe zu Dumbledores Büro wieder verbarg, nachdem Hermine auf den Flur getreten war.
„Was wollte er von dir?“, fragte Harry, als sie sich auf den Weg zurück in ihren Turm machten.
„Nichts wichtiges. Er hat mir nur gesagt, ich soll besser aufpassen.“ Sie war nach wie vor nicht scharf darauf, Harry etwas über ihre Spaziergänge zu erzählen. Dieser musterte sie nun abschätzend, hakte jedoch nicht weiter nach.
„Was meinst du, sollen wir es Ron erzählen?“, wechselte er dann das Thema und sah Hermine dabei nicht an.
„Ich denke schon. Er wird es sowieso irgendwann erfahren. Wir stecken einfach zu tief drin in dieser Sache. Ron wäre in Gefahr, wenn er nicht über alles Bescheid wüsste.“
Harry schwieg für einen Moment. „Ja, vermutlich hast du Recht.“
Hermine grinste. „Sicher hab ich Recht!“ Sie war froh, dass Harry zumindest einmal kurz leise auflachte und als sie an das Portrait der Fetten Dame gelangten, hielt Harry sie noch einmal zurück.
„Du solltest ins Bett gehen, bevor ich Ron wecke. Wenn er erfährt, dass du aus irgendwelchen mysteriösen Gründen nachts auf den Ländereien unterwegs bist, wird er keine Ruhe geben, ehe er den Grund nicht kennt. Womöglich dichtet er dir noch eine Affäre mit Hagrid an.“
Hermine grinste amüsiert. „Gut möglich. Und du dichtest nicht, hm?“
„Nein, ich bin ein mieser Dichter.“ Er zuckte mit den Schultern.
Hermines Grinsen wurde zu einem dankbaren Lächeln und sie umarmte Harry kurz.
„Wie sieht es nun aus, rein oder raus?“, fragte die Fette Dame in diesem Moment unwirsch und Harry verdrehte die Augen.
„Rein!“, antwortete er kurz angebunden und fügte dann das Passwort– ‚pfeifende Einhörner‘ – hinzu, ehe sie noch weiter meckern konnte.
Wie er es versprochen hatte, wartete er, bis Hermine auf der Treppe zu ihrem Zimmer verschwunden war, ehe er sich daran machte, den noch immer schlafenden Ron zu wecken.
***
Hermine hatte trotz der späten Stunde in dieser Nacht Probleme, Schlaf zu finden. Sie dachte über Voldemort nach und vor allem über die Methoden, die er seinen Anhängern gegenüber anwandte. Und sie dachte an Professor Snape und die Qualen, die dieser für die gute Seite nun erduldete. An das Misstrauen, das man ihm von beiden Seiten entgegenbrachte. Ob ihm jemand gesagt hatte, dass sie ihn gefunden hatte?
Ihre Gedanken kehrten erst wieder in die normalen Bahnen zurück, als sie am nächsten Morgen müde und zerschlagen neben einem für ihren Geschmack viel zu ausgeschlafenen Ron saß und die aufgeregten Fragen über sich ergehen lassen musste.
Snape saß am Lehrertisch und stierte grimmig wie immer in die Menge der Schüler, Dumbledore saß am höchsten Punkt der Tafel und war in ein Gespräch mit Professor McGonagall vertieft und als dann auch noch Ron neben ihr leiderfüllt aufstöhnte und auf die ersten beiden Stunden an diesem Tag – Geschichte der Zauberei mit Professor Binns – deutete, war wirklich alles wieder so wie immer.
Oberflächlich gesehen...
***
How many sorrows
do you try to hide
in a world of illusion
that’s covering your mind?
(Eurythmics – The miracle of love)
***
Kapitel 2 – Die zweite Rückkehr
Die erste Hälfte des fünften Schuljahrs verlief erstaunlich ruhig und ausgeglichen. Hermine behielt ihre argwöhnische Neugier noch für einige Monate bei, doch als nach wie vor nichts passierte, zumindest nichts, das sie mitbekommen hätte, legte sich ihre nervöse Aufmerksamkeit und sie konzentrierte sich vollkommen auf den Unterricht – ganz zu Harrys und Rons Entsetzen.
Die Prüfungen am Ende des Schuljahres schienen zumindest in ihren Augen noch Äonen entfernt, weswegen sie Hermines Panik im besten Falle als übertrieben bezeichneten. Allen Einwänden der beiden zum Trotz begann sie jedoch jeden Abend, nachdem sie ihre Hausaufgaben beendet hatte – und die von Harry und Ron meistens gleich dazu – akribisch Lernpläne zu erstellen.
Professor Snapes Verhalten hatte sich ihr gegenüber nicht geändert. Er ignorierte sie entschlossen, quälte Harry und vor allem Neville, bis Letzerer leise wimmernd vor seinem Kessel stand und den Schöpflöffel nicht mehr von der Alraunenwurzel unterscheiden konnte, und gab ihr mit zynischer Selbstgefälligkeit die Schuld dafür.
„Manchmal hasse ich es, eine Gryffindor zu sein“, murmelte Hermine nach einer besonders nervenaufreibenden Stunde Zaubertränke. Harry und Ron sahen sie mit einer Mischung aus Verwirrung und Empörung an. „Wäre ich in Slytherin, könnte ich mich woanders hinsetzen, ohne mir Sorgen um Nevilles Gemütsverfassung machen zu müssen“, erklärte sie dann und die beiden grinsten verhalten.
Es war nicht so, dass sie Neville nicht mochte. Es war vielmehr sehr anstrengend, sich auf zwei Kessel, drei potentiell hochgradig gefährliche Klassenkameraden und einen Lehrer gleichzeitig zu konzentrieren. Zumal Professor Snapes Lieblingsbeschäftigung darin bestand, Harry das Leben schwer zu machen und damit ihre Loyalität ihm gegenüber herauszufordern. Eine Doppelstunde Zaubertränke schlauchte sie mehr als alle anderen Stunden der Woche zusammen.
„Warum erklärst du es Neville nicht einfach? Ich denke nicht, dass er dir einen Vorwurf machen wird, wenn du dich auf deinen Kram konzentrieren willst.“ Ron zuckte beiläufig mit den Schultern und überging die Tatsache, dass sie sich auf ihn ebenso konzentrieren musste wie auf Harry und Neville.
„Hast du schon mal seinen Hundeblick bemerkt?“ Hermine sah Ron vielsagend an. „Nicht mal Professor McGonagall kann dem standhalten!“
„Das kann ich euch aber garantieren! Der Schlawiner schafft es jedes Mal, mir die Antworten zu seinen dusseligen Fragen zu entlocken! Als ob er nicht abwarten könnte, bis die Themen im Unterricht behandelt werden! Sehe ich so aus, als hätte ich nichts zu tun?“, empörte sich eine alte Hexe im Portrait zu ihrer Rechten, die geradezu überladen war mit Setzlingen und frisch geernteten Kräutern.
„Ähm... nein...“, nuschelte Hermine perplex, denn sie wurde von der Alte besonders herausfordernd fixiert.
„Das will ich meinen!“, erwiderte sie spitz und nickte so enthusiastisch, dass ein paar ihrer Setzlinge unsanft zu Boden purzelten.
„Muss ein Frauenproblem sein“, grinste Ron und Hermine schlug ihm empört gegen die Schulter, während sie den Einwurf der Gärtnerhexe mit einem Kopfschütteln abtat und weiterging.
„Hey, ihr beiden! In zwei Wochen sind Ferien, denkt lieber daran als an Neville und Frauenprobleme“, wandte Harry nun ein und Ron nickte zustimmend, anscheinend froh, diese Diskussion beenden zu können.
Hermine lächelte, als sie die Vorfreude auf Harrys Gesicht sah. Sirius hatte ihm eine Woche zuvor eine Eule geschickt und angemeldet, er wolle an Weihnachten im Kamin mit Harry sprechen. Die Aussicht auf ein Wiedersehen mit seinem Paten ließ bei Harry anscheinend sämtlichen Schulstress schwinden.
„Ich denke jetzt erstmal ans Essen! Zaubertränke macht mich irgendwie immer hungrig“, kommentierte Ron mit einem begeisterten Glänzen in den Augen und die drei machten sich auf den Weg in die Große Halle.
***
Pünktlich drei Tage vor Beginn der Ferien begann es zu schneien und Hogwarts, sowie die umgebenden Ländereien versanken zunehmend in einer lückenlosen Decke aus Weiß. Die Unterrichtsstunden, die sie bei Hagrid draußen verbringen mussten, sanken in der Gunst der Schüler beinahe noch unter Zaubertränke, da sie in Professor Snapes Kellerräumen zumindest noch ein Feuer unter dem Kessel hatten, an dem sie sich wärmen konnten.
Hermine war jedes Mal froh, wenn sie sich im Gemeinschaftsraum der Gryffindors aufhalten konnte, denn dort sorgten Hauselfen und Mitschüler dafür, dass das Feuer im Kamin selten erlosch. Eine angenehme Wärme und Gemütlichkeit hatte sich über den Raum gelegt und selbst Hermine fiel das Lernen unter diesen Umständen manches Mal sehr schwer.
Nicht so schwer allerdings wie Ginny, der sie zweimal in der Woche Nachhilfe in Arithmantik gab. An diesem Nachmittag hatten die beiden sich an einen eher abgeschiedenen Tisch zurückgezogen und während Hermines Konzentration durch das Schneetreiben vor den Fenstern gestört wurde (einige ihrer Mitschüler hatten angefangen, Schneeflocken zu verzaubern, so dass diese munter durch die Gegend sausten und sich gegenseitig zu fangen versuchten; was allerdings meistens in faustgroßen Bällen endete, die schließlich irgendwie den Weg in den Gemeinschaftsraum fanden und dort bereits mehr als eine Hausarbeit vernichtet hatten), schweiften Ginnys Blicke immer wieder an Hermine vorbei in den Raum.
Schließlich drehte die Brünette sich mit halb verärgerter, halb neugieriger Miene um und versuchte herauszufinden, was genau Ginnys Blicke immer wieder auf sich zog. Lange musste sie nicht suchen; keine zehn Meter entfernt saßen Harry, Ron, Dean und Seamus zusammen am Tisch und diskutierten über das nächste Quidditchspiel – Rawenclaw gegen Slytherin – das am Samstag stattfinden sollte.
Hermine grinste wissend, als sie sich wieder Ginny zuwandte und diese lief rot an. „Dich hat es ganz schön erwischt, hm?“, fragte Hermine ihre Freundin beinahe mitleidig und Ginny nickte stumm.
„Aber ich fürchte, du hattest Recht, als du mir damals sagtest, der Fall sei hoffnungslos.“ Sie malte mit ihrem Zeigefinger Kreise auf die aufgeschlagene Seite des Buches.
„Das habe ich so nie gesagt. Ich hab gesagt, du sollst dich nicht auf ihn versteifen.“ Die Ältere sah sie eindringlich an, doch Ginny tat diesen minimalen Unterschied mit einem Schulterzucken ab. „Ich denke, du musst ihm nur erstmal wieder in Erinnerung rufen, dass du existierst. Angesichts der Tatsache, dass du jetzt auch im Quidditchteam bist, stehen deine Chancen gar nicht mal so schlecht.“
Ginny sah sie mit großen Augen an und schien über diese Möglichkeit nachzudenken. „Und wie soll ich das anstellen? Immerhin steht mein Name seit Anfang des Schuljahres auf seiner Spielerliste und er hat es vermutlich noch nicht einmal mitbekommen.“
„Och, vielleicht kommt ja irgendein Depp auf die Idee, dass es lustig wäre, deinen Besen zu verzaubern. Dann hast du auf jeden Fall seine Aufmerksamkeit.“ Hermine drehte unschuldig eine ihrer Haarsträhnen um ihren Finger.
Ginny schnaubte. „Super Idee!“, erwiderte sie sarkastisch. „Mine, du bist wesentlich geschickter, wenn es um Nachhilfe geht. Also lass uns weitermachen, vielleicht kann ich dann nachher noch ein bisschen mit den anderen über interessantere Dinge als Arithmantik diskutieren.“
Hermine lächelte schief und wandte sich wieder dem Schulstoff zu. Vermutlich hatte Ginny mit ihrer Aussage gar nicht mal so Unrecht; wenn es um das andere Geschlecht ging, vermasselte sie jede Prüfung.
Mit einem Seufzen wischte sie den Gedanken beiseite. Es gab Wichtigeres.
***
Die Ferien kamen schnell und der erste Weihnachtsmorgen versteckte sich unter willkommener Stille. Harry, Ron und Hermine hatten beschlossen, dieses Jahr in Hogwarts zu bleiben. Mr Weasley hatte über die Feiertage keinen Urlaub bekommen und Harry wollte aufgrund der unsicheren Lage mit Voldemort lieber in Dumbledores Nähe bleiben.
So waren in diesem Jahr nur Ginny, Fred und George nach Hause gefahren und Mrs Weasley hatte sich bereits ausschweifend in einem Heuler bei ihrem jüngsten Sohn beschwert, dass dieses Jahr nur die halbe Familie zu Hause sei („Ronald Weasley! Wage es ja nicht, über Weihnachten in Hogwarts zu bleiben! Ich werde dir deinen Pullover nicht ein weiteres Mal in die Schule schicken! Errol schafft das nicht mehr!“ – was Ron allerdings nur mit einem „Merlin sei Dank!“ kommentierte).
Im Vertrauen hatte Ron ihnen gesagt, dass er froh war, dieses Jahr in Hogwarts zu bleiben. Die Freiheit, die sie hier hatten, war nicht zu vergleichen mit dem Fuchsbau. Hermine hatte jedoch das Gefühl, dass Harry es vermisste. Während für Ron eine Großfamilie bisweilen recht lästig war, fühlte Harry sich dort ausgesprochen wohl.
Sie konnte allerdings nicht leugnen, dass sie es genoss, an diesem ersten Weihnachtstag ungestört in ihrem eigenen Zimmer zu erwachen. Dass sie dann auch noch einen Stapel Geschenke an ihrem Fußende fand, machte die ganze Sache noch einmal interessanter.
Das oberste Paket hatte etwa die Größe eines Buches und es war eine kleine Karte von Harry daran befestigt, auf der die Figuren ein melancholisches Weihnachtslied anstimmten, als sie sie aufklappte. Allerdings nicht ohne vorher ein geflüstertes „Wird ja mal Zeit, dass sie aufwacht! Wir können doch nicht ewig in dieser Karte rumhocken!“ verlauten zu lassen.
Mit einem verhaltenen Lächeln wickelte sie das Paket aus und fand ein wunderschön eingefasstes Notizbuch. Wenn man hineinschrieb, konnte es automatisch die Schriftgroße verkleinern und vergrößern. Eine faszinierende Eigenschaft, die es Hermine erlaubte, besonders viele Notizen zu sammeln. Außerdem begannen die Buchstaben wie wild zu blinken, als sie auf die erste Seite ihren Namen schrieb. „Er hat es tatsächlich bemerkt“, murmelte sie erstaunt, denn ihr jetziges Notizbuch wurde zunehmend voller.
Im Paket von Ron fand sie einen zum Buch passenden Stift – laut Rons Karte vibrierte er, wenn man einen Rechtschreibfehler machte; Hermine bedauerte es, dass sie diese Eigenschaft nie würde nutzen können, ihren letzten Rechtschreibfehler hatte sie in der dritten Klasse gemacht – und eine Auswahl Süßigkeiten aus dem Honigtopf. ‚Nervennahrung für Zaubertränke‘ hatte er darauf geschrieben und Hermine grinste.
Als nächstes öffnete sie eine Karte von ihren Eltern. Sie wünschten ihr ein frohes Fest und versprachen einen großen Einkaufsbummel, wenn Hermine zurück nach Hause kam. Sie wusste, dass ihren Eltern bereits vor einiger Zeit die Ideen ausgegangen waren, was Geschenke betraf. Solange sie noch zu Hause gewohnt hatte, hatte sie wenigstens kleine Hinweise geben können und ihre Mutter war immer aufmerksam genug gewesen, um diese auch zu verstehen. Doch nun, da sie sich kaum mehr als einige Monate im Jahr sahen, wurde es wirklich schwer mit Geschenken.
Hermine strich vorsichtig mit ihren Fingern über die Zeilen und legte die Karte dann zur Seite. Sie würde später eine Eule mit einem langen Brief nach Hause schicken.
Das letzte Paket stammte zweifelsfrei von Hagrid. Es war schon an der ungeschickten Art zu erkennen, mit der es eingewickelt worden war, und Hermine öffnete das Papier mit spitzen Fingern. Bei Geschenken von Hagrid war es immer schlau, sich auf etwas Beißendes vorzubereiten.
Doch dieses Mal fand sie lediglich eine kleine Schachtel, in der ein hübsch geformter Stein in mattem Blauweiß lag. Hermine nahm ihn zögerlich in die Hand und hielt ihn gegen das Licht, drehte und wendete ihn neugierig und lächelte begeistert, als sie ihn schimmern sah. Es fiel ihr schwer, den Blick davon abzuwenden.
Irgendwann gelang es ihr doch und noch immer fasziniert von dem Spiel der tanzenden Punkte legte sie den Stein hinter sich auf die schmale Ablage ihres Bettes und stand auf, um ins Bad zu gehen.
***
Den Tag verbrachten sie mit Schach (Ron musste das neue Set Spielsteine ausprobieren, das Hermine ihm geschenkt hatte, da seine alten sich kaum mehr richtig reparierten und die Bauern und Reiter nur noch über das Brett hinkten, während die Königin es sich zur Angewohnheit gemacht hatte, in den spannendsten Augenblicken in Ohnmacht zu fallen), Tee trinken bei Hagrid und essen. Die Feiertage waren immer eine ausgezeichnete Gelegenheit, um zu viele Süßigkeiten zu entschuldigen und Hermine war durchaus gewillt, diese Entschuldigung auch zu nutzen.
Für das Mittagessen hatte Dumbledore die Haustische erneut an den Seiten der Halle verstaut und einen einzelnen großen Tisch in die Mitte gestellt, an dem die Lehrer und die Hand voll verbliebener Schüler gemeinsam saßen. Die meisten Schüler schienen froh, über die Feiertage der Angst um Voldemort entkommen und nach Hause fahren zu können, so dass außer ihnen nur noch zwei Mädchen aus Hufflepuff mit am Tisch saßen.
Das Essen verlief heiter und dank Dumbledores Bemühungen auch recht ungezwungen. Sogar Professor McGonagall konnte man hin und wieder Lächeln sehen. Nur Professor Snape versteckte sich konsequent hinter seinem leicht angewidert wirkenden Gesichtsausdruck und konzentrierte sich auf sein Essen.
Hermine ertappte sich mehr als einmal dabei, wie sie ihn gedankenverloren ansah und sich fragte, was er erlebt hatte, dass er sich so verschloss. Sie wollte nicht glauben, dass es einfach seine Art war, abweisend und rücksichtslos allen gegenüber zu sein, die ihm zu nahe kamen. Ansonsten hätte Dumbledore ihn wohl kaum als Lehrer eingestellt. Wobei sie seine Fähigkeiten in seinem Fach nicht infrage stellen wollte. Sie wäre die Letzte, die daran zweifeln würde, dass Professor Snape einer der fähigsten Tränkemeister dieser Zeit war.
Einmal sah sie, wie er sich mit nachdenklichem Blick über seinen linken Unterarm fuhr, dann seinen Blick hob, sich argwöhnisch am Tisch umsah und ihrem mit kalter Wut in den Augen begegnete. Hermine erstarrte und verschluckte sich beinahe an ihrem Kürbissaft. Es kostete sie einige Kraft, woanders hinzusehen und so zu tun, als hätte sie nichts bemerkt.
Professor Snape verabschiedete sich kurz darauf vom Essen. Die Hexe beobachtete, wie er mit imposanten Schritten die Halle durchquerte und verschwand. In ihrem Verstand überlegte sie jedoch, was sie von alledem halten sollte.
Stand wieder ein Treffen der Todesser an?
***
Hermine hatte Harry danach aufmerksam beobachtet. Der Schwarzhaarige war unruhig und aufgeregt, was sie allerdings eher dem bevorstehenden Treffen mit Sirius zuschrieb. Doch hin und wieder strich auch er sich flüchtig mit einer Hand über die Narbe. Beiläufig, ohne dem Beachtung zu schenken. Hermine fragte sich, ob er es überhaupt bemerkte. Ob er den Schmerz bemerkte, den sie hinter seinen Gesten vermutete?
Während es draußen bereits dämmerte und Harry und Ron erneut in eine Partie Schach vertieft waren, trat Hermine nachdenklich an eines der Fenster im Gemeinschaftsraum. Von hier aus hatte sie einen guten Blick über die Ländereien, doch die äußere Grenze des Geländes wurde von einem der Giebel verdeckt. Sie müsste weiter hinaufsteigen, um auch diesen letzten Winkel überblicken zu können.
Prüfend sah sie hoch und erkannte den Anflugsturm der Eulerei. Von dort aus wäre es sicherlich kein Problem, zu sehen, was an der Grenze vor sich ging.
Sie nahm sich vor, diesen Gedanken im Hinterkopf zu behalten und wandte sich den beiden anderen zu. Im Moment konnte sie ohnehin nichts ausrichten und selbst wenn heute ein Treffen anstand, bedeutete das nicht, dass Professor Snape erneut so verletzt wie beim ersten Mal zurückkehren würde.
Schließlich schüttelte sie diese Gedanken ab und versuchte das Gefühl der hilflosen Angst zu verdrängen, das sie am ersten Schultag überkommen hatte, als sie die wirkliche Macht Voldemorts zum ersten Mal gesehen hatte.
***
Zwei Stunden später war es endlich soweit und die drei hockten sich erwartungsvoll vor den großen Kamin im Gemeinschaftsraum. Harry starrte leicht nach vorne gelehnt in die Flammen und Hermine sah es mit einem amüsierten Lächeln. Sie freute sich, dass er an diesem Tag zumindest noch ein bisschen Familie bekam und tat es ihm irgendwann gleich.
Ihre Blicke fixierten das tanzende Gelb, die sprühenden Funken und die verkohlenden Holzscheite. Die Wärme strich ihr angenehm über das Gesicht und die Hände und sie begann sich wohlig und schläfrig zu fühlen. Irgendwann stützte sie einen Ellenbogen auf den hinter ihr stehenden Sessel und bettete ihren Kopf in der Handfläche.
Bis es leise ploppte, war sie schon beinahe eingeschlafen. Doch Ron und Harry schafften es mit Leichtigkeit, sie wieder aufzuwecken. Für einen Moment erschrak sie, als sie den Kopf von Sirius so mitten in den Flammen sah, doch dann lächelte sie begeistert und begrüßte Harrys Paten.
„Wie geht es euch?“, fragte er aufrichtig interessiert und wirkte dabei mindestens ebenso aufgeregt wie Harry.
„Uns geht es bestens“, erwiderte dieser dann auch sofort und Hermine und Ron warfen sich viel sagende Blicke zu. „Gibt es etwas Neues von Voldemort?“
Sirius‘ Miene verfinsterte sich unmerklich. „Das wollte ich eigentlich euch fragen. Immerhin sitzt ihr direkt unter Dumbledores Nase und nicht in diesem gottverdammten Haus. Sogar in der Höhle in Hogsmeade hatte ich mehr Kontakt zur Außenwelt!“
„Du übertreibst es! Ich weiß ganz genau, dass du den Tagespropheten bekommst und dass die Treffen des Ordens bei dir stattfinden!“ Sirius blickte etwas schuldbewusst drein.
„Schon möglich...“
„Und außerdem sagt Dumbledore uns gar nichts. Seit dem ersten Treffen der Todesser zu Schuljahresbeginn ist nichts passiert.“ Harry seufzte frustriert und fuhr sich erneut mit der Hand über die Stirn.
„Ist alles in Ordnung, Harry?“ Anscheinend hatte nicht nur Hermine die Bedeutung dieser Geste verstanden, denn der ehemalige Askaban-Häftling sah seinen Patensohn besorgt an und verfluchte es garantiert nicht zum ersten Mal, dass er nicht zu ihnen kommen konnte.
„Es geht mir bestens!“, erwiderte Harry leicht gereizt klingend. „Lasst uns über was anderes reden, ja? Es ist Weihnachten und dieses Thema frustriert mich.“
Hermine straffte ihre Haltung und holte einmal tief Luft. Frustration war nicht unbedingt das, was sie als erstes beim Gedanken an Voldemort empfand und dass Harry so abrupt das Thema abgelehnt, nachdem er es doch begonnen hatte, irritierte sie.. „Wie... ähm... geht es Seidenschnabel?“, fragte sie schließlich in die entstandene Stille hinein und hoffte, dass die Stimmung sich dadurch etwas lockern würde.
***
Tatsächlich hatten sie danach noch einige Zeit ihren Spaß mit Sirius – er erzählte ihnen von Seidenschnabels neuer Vorliebe für Zaubererwackelpudding, der im Mund seinen Geschmack verändert und mit dem man so mit einem Bissen bis zu fünf verschiedene Geschmacksrichtungen kosten konnte – und alle vermieden es konsequent, das Thema auf Voldemort oder ähnlich verfängliche Gebiete zu lenken. Zumindest an Weihnachten wollten sie sich auf andere Dinge konzentrieren und dass ihnen dies wirklich gelang, überraschte alle ein wenig.
„Es tut mir Leid, Harry, aber ich muss jetzt gehen.“ Sirius sah ihn bedauernd an und Harry nickte verständnisvoll.
„Ist schon gut. Wir sehen uns bestimmt bald, oder? Im Kamin, meine ich...“ Er umklammerte mit beiden Händen sein Knie und Hermine glaubte zu sehen, wie seine Finger leicht zitterten.
„Sicher. Wir müssen nur aufpassen, dass es nicht auffällt.“ Sirius lächelte.
„Okay.“
Der Abschied danach fiel recht kurz aus und Hermine spürte selbst etwas Bedauern, als der Mann aus den Flammen verschwand. Die Stimmung schien auf einmal wieder sehr viel kälter und gedrückter zu sein als zuvor.
Doch lange konnte sie sich dieser Erkenntnis nicht hingeben, denn Harry presste neben ihr beide Handballen fest gegen seine Stirn und ließ ein schmerzerfülltes Stöhnen hören.
„Harry, was ist los?“ Sie kämpfte sich auf die Knie und ignorierte das protestierende Kribbeln in ihren eingeschlafenen Beinen, während sie versuchte, Harrys Hände von seinem Gesicht zu ziehen.
„Holt Dumbledore!“, murmelte er heftig atmend und Hermine starrte ihn fassungslos an.
„Wie lange tut dir die Narbe schon so weh?“, fragte sie dann, anstatt seiner Anweisung zu folgen.
„Lange genug! Hermine, bitte...“ Er sackte nach hinten gegen den Sessel und Ron packte ihn rasch an der Schulter, damit er nicht mit dem Kopf gegen die Kante schlug.
„Hol’ Dumbledore, Hermine! Und am besten Madame Pomfrey gleich dazu!“, bat nun auch Ron und Hermine nickte mit heftig schlagendem Herzen, als sie die pure Angst in den aufgerissenen Augen ihres Freundes sah.
Rasch machte sie sich auf den Weg, hörte nicht auf die empörten Rufe der Fetten Dame – „Wenn du schon mitten in der Nacht durchs Schloss geisterst, mach wenigstens die Tür hinter dir zu!“ – und lief geradewegs zu Dumbledores Büro.
Nur wenige Minuten später stand sie außer Atem vor dem steinernen Wasserspeier und versuchte sich an das Passwort zu erinnern. Sie drehte sich um in der Hoffnung, das Porträt an der gegenüberliegenden Wand würde ihr erneut helfen. Doch der alte Mann darin war mitsamt seinem Schwert verschwunden. Eine alte Eiche stand verlassen in dem Bild. „Na gut“, murmelte sie. „Einen Versuch ist es wert. Pomer Peanuts!“, sagte sie laut und deutlich. Doch das Passwort hatte ganz sicher schon vor einer ganzen Weile verändert.
„Verdammter Mist!“, fluchte sie leise und lief nervös auf und ab.
Süßigkeiten... Dumbledore liebt Süßigkeiten.
„Ähm... Zuckerfederkiel?“ Nichts geschah. „Saure Drops?“ Wieder keine Reaktion. „Nun komm schon! Ich hab keine Zeit für diesen Firlefanz!“ Wütend schlug sie mit der flachen Hand gegen die Wand neben dem Wasserspeier und sprang überrascht einen Schritt zurück, als der Durchgang sich öffnete. „Firlefanz? Das muss ich mir merken.“
Nicht sicher, ob das wirklich das Passwort war oder ob Dumbledore bloß ein Einsehen gehabt hatte, wollte sie auf die Treppe nach oben treten und erschrak heftig, als der Schulleiter bereits vor ihr stand. „Was kann ich zu so später Stunde für Sie tun, Miss Granger?“, fragte er ruhig und offensichtlich irritiert.
„Harry! Seine Narbe... im Gemeinschaftsraum“, stammelte sie zusammenhanglos, doch Dumbledore schien diese Auskunft zu reichen, denn er rauschte ohne ein weiteres Wort an ihr vorbei und machte sich auf den Weg.
„Holen Sie Madame Pomfrey hinzu!“, wies er sie über die Schulter hinweg an und Hermine nickte flüchtig.
***
Als sie einige Minuten später im Krankenflügel ankam, brannte ihre Lunge und sie verfluchte die Treppen in Hogwarts.
Wenn die Zaubererwelt angeblich so fortschrittlich ist, warum hat sie noch nie was von Fahrstühlen gehört?
Ausgerechnet jetzt, wo sie es wirklich eilig hatte, hatten sich die Treppen in der Haupthalle in die unmöglichsten Richtungen verbaut und führten nicht dorthin, wo sie hin wollte. Sie hätte schwören können, im dritten Stock gewesen zu sein. Doch nachdem sie zwei Treppen nach oben gestiegen war, fand sie sich im Gang zum Klassenraum des Muggelstudiums wieder – also im Erdgeschoss. Zu ihrer grenzenlosen Frustration war ihr auch noch Peeves über den Weg geschwebt und hatte es äußerst amüsant gefunden, die langen Teppichläufer unter ihren Füßen wegzuziehen, so dass sie schließlich verzweifelt am Hals einer alten Rüstung gehangen hatte. Eine große Schramme in ihrem Gesicht als Beweis dieser wenig eleganten Vorstellung.
Verdammter Poltergeist!
„Miss Granger, was ist denn mit Ihnen passiert?“, fragte die Medihexe, als sie im Morgenmantel aus ihrem Büro kam, dieses Mal wesentlich ruhiger als zu Schuljahresbeginn.
Hermine schüttelte den Kopf. „Harry... Gemeinschaftsraum...“ Und stützte sich keuchend am Türrahmen ab.
„Was ist mit ihm? Setzen Sie sich erstmal!“ Sie führte die Schülerin zu einem der Betten und Hermine setzte sich nur widerwillig. Mit einem Schlenker des Zauberstabes war ihre Schramme verheilt und Madam Pomfrey sah sie abwartend an.
„Sie müssen dorthin! Seine Narbe... Dumbledore ist auch dort“, schaffte sie es dann endlich, eine zusammenhängende Nachricht zu formulieren und war erleichtert, als diese ihre Wirkung nicht verfehlte.
Ich werde besser! Wer braucht schon Klassenräume?
Madame Pomfrey holte eilig ihre Tasche und blieb dann mit einem mahnenden Blick noch kurz vor Hermine stehen. „Sie bleiben noch sitzen und erholen sich, verstanden?“
Die Angesprochene nickte und beobachtete, wie Madame Pomfrey verschwand. Es gefiel ihr allerdings nicht im Mindesten. Sie wollte wissen, was mit Harry war und was das alles zu bedeuten hatte.
Tief durchatmend stand Hermine auf und ging zu einem der Fenster hinüber. Die Ländereien und damit der hell glitzernde Schnee wurden von den wenig erleuchteten Fenstern des Schlosses erhellt und ihr Blick fiel auf die Grenze des Geländes.
Voldemort. Todesser. Professor Snape!
Die Unruhe in Hermines Körper verstärkte sich. Wenn Harrys Narbe so sehr schmerzte, musste Voldemort wirklich schlechte Laune und sehr viel überschüssige Energie haben. Was war, wenn Professor Snape dies alles abbekam und doch wieder so schwer verletzt zurückkehrte wie zu Beginn des Schuljahres? Was war, wenn Voldemort ihn als Spion enttarnt hatte?
Einmal kurz gucken kann ja nicht schaden... Zumal Harry bestimmt ohnehin gerade von ausreichend Personen umsorgt wird.
Obwohl ihre Beine sich wehrten und sie zuerst kaum tragen wollten, machte Hermine sich erneut auf den Weg quer durch das Schloss, nun allerdings mit dem Ziel Eingangshalle, Ländereien und schließlich die Grenze des Schulgeländes.
Dieses Mal waren ihr die Treppen wohl gesonnen und als sie erhitzt und schwitzend aus der Eingangshalle ins Freie trat, schlug ihr die kalte Dezemberluft angenehm entgegen. Die ersten Minuten bemerkte sie nicht, dass sie viel zu dünn angezogen war und in ihren bequemen Hausschuhen schon bald kalte Füße bekam. Als sie an der Stelle ankam, wo sie Professor Snape das erste Mal gefunden hatte, wurde ihr dies alles bewusst.
Es war niemand hier. Kalter Wind pfiff durch die kahlen Äste der Bäume und ein paar einsame Schneeflocken wirbelten vom Zaun. Hermine stand bis zu den Schienbeinen in einer Schicht Neuschnee und ihre Blicke tasteten hastig die Umgebung ab. Im Schnee waren Fußspuren deutlich zu erkennen. Doch sie führten nur zum Zaun hin und nicht wieder zurück zum Schloss. Es war ein Leichtes, ihre eigenen Spuren von den größeren eines Mannes zu unterscheiden und dies bestärkte sie in der Vermutung, dass es ein weiteres Treffen gegeben hatte.
Noch während sie überlegte, ob sie in dieser Kälte warten und eine Lungenentzündung riskieren sollte, ploppte es zum zweiten Mal an diesem Abend neben ihr und sie sah sich einem in schwarze Umhänge gehüllten Professor Snape gegenüber, der sie, nachdem er sie entdeckt hatte, scharf ins Visier nahm. In seiner Hand hielt er eine Maske, die er zweifelsohne kurz zuvor noch getragen hatte, und Hermine wünschte sich, er würde es auch jetzt noch tun. Seine Blicke waren kälter als der Schnee, der langsam an ihren Knöcheln schmolz und in ihre Kleidung sickerte, und er schien wirklich wütend zu sein.
„Was zum Teufel tun Sie hier, Miss Granger?“ Er duckte sich unter dem Zaun hinweg und fasste sie grob am Oberarm.
„Ich...“ Sie wusste absolut nicht, was sie darauf antworten sollte. Was tat sie hier eigentlich? Sich um einen Lehrer sorgen? Noch dazu um Snape? Sie konnte allerdings auch schlecht behaupten, sie würde sich die Beine vertreten. „Ich... ä-ähm... Harry ist... also... zusammengebrochen und ich... wollte sehen, ob alles in Ordnung ist.“
Oh ja, das wird ihn überzeugen!
„Nun, ich denke kaum, dass Mister Potter irgendwo hier auf den Ländereien liegt, oder?“ Seine schnarrende Stimme ließ sie ein Stück kleiner werden und Hermine schluckte.
„N-Nein, Professor Snape“, gab sie dann leise zu und spürte, wie sich der Griff um ihren Oberarm lockerte.
„Dann werden Sie es sicher auch verstehen können, dass ich Gryffindor für diese Aktion fünfzig Punkte abziehen werde. Sie haben absolut keinen Grund, um diese Uhrzeit hier draußen zu sein, Miss Granger! Haben wir uns verstanden?“
Hermine wich ein Stück zurück, als er sich etwas zu ihr herabbeugte. Ein paar weiße Punkte hatten sich in seinen Haaren verteilt und seine Nase glänzte rötlich kalt. „Ja, Sir. Ich...“
„Was?“, unterbrach er sie unwirsch und funkelte sie mit wütenden Augen an.
Hermine hasste es, dass er ihr mit diesem Blick Angst machen konnte und straffte ihre Haltung. Sie kratzte allen Mut zusammen und verengte ihre Augen, ehe sie Professor Snape ihre Beweggründe an den Kopf warf: „Ich hatte Angst, dass Voldemort Ihnen etwas angetan haben könnte und da sich das ganze Schloss gerade um Harry kümmert, hielt ich es für angemessen, nach Ihnen zu sehen. Das ist alles! Sir!“
Professor Snapes Unterkiefer mahlten. „Das ist nicht Ihre Aufgabe!“
„Ich weiß! Aber Sie kennen mich doch, Professor! Ich übernehme gerne Extra-Aufgaben!“
Oh-oh! Blödes, vermaledeites, vorlautes Mundwerk! Verdammt...
„Noch einmal zwanzig Punkte Abzug für Gryffindor! Und jetzt sehen Sie zu, dass Sie ins Schloss zurückkommen! Sollte ich Sie noch ein einziges Mal nachts hier auf den Ländereien erwischen, dann können Sie davon ausgehen, dass Sie der Schule verwiesen werden. Ist das klar?“ Seine Stimme war immer lauter geworden und Hermine musste mit ihrer Beherrschung kämpfen, um nicht vor ihm in Tränen auszubrechen.
„Ja, Sir!“, antwortete sie deswegen kurz und ließ sich ohne weitere Widerworte von ihm zurück ins Schloss führen. Zu ihrer Erleichterung bog er in den Gang zu den Kerkern ein und überließ es ihr, alleine zurück in den Gryffindorturm zu gehen. Anscheinend hatte sie es damit überstanden.
***
Harry saß in einem der Sessel vor dem Kamin, direkt gegenüber von Dumbledore. Madam Pomfrey wuselte um ihn herum und versuchte den Dunkelhaarigen zu untersuchen, was ihr allerdings nicht sehr leicht fiel. Harry berichtete Dumbledore, was geschehen war und was er gesehen hatte, und wurde ständig von der Medihexe unterbrochen.
„Es geht mir gut!“, keifte er in dem Moment, in dem Hermine den Gemeinschaftsraum betrat, und Madam Pomfrey blieb erschrocken stehen. Hermine hatte wohlweislich ihre Klamotten noch im Gang getrocknet und musste nun nur gegen den Drang zu zittern ankämpfen. Sie wollte nicht, dass jemand bemerkte, wo sie gewesen war. Dass Professor Snape ihr siebzig Hauspunkte abgezogen hatte, musste als Strafe reichen.
Sie sah sich nach Ron um, konnte ihn jedoch nirgends entdecken. Deswegen setzte sie sich leise in einen Sessel zu Harry und Professor Dumbledore und gab sich Mühe, Madame Pomfrey nicht im Weg zu stehen.
In diesem Moment beendete diese ihre Untersuchung und verabschiedete sich von Dumbledore. Ihre Blicke lagen für einen Moment missbilligend auf Harry und wanderten dann flüchtig zu Hermine. Diese lächelte ihr beruhigend zu, was sie dann dazu veranlasste, den Raum zu verlassen.
Als sowohl Harry als auch Dumbledore trotzdem schwiegen, räusperte Hermine sich und der Schulleiter sah sie fragend an. „Wo ist Ron?“, erkundigte sie sich vorsichtig und zog die Beine auf die Sitzfläche.
Dumbledore senkte den Blick. „Professor McGonagall hat ihn zu seinem Vater gebracht.“ Ein ungutes Gefühl der Angst breitete sich in Hermine aus. „Mr Weasley wurde im Zaubereiministerium angegriffen und schwer verletzt.“
Sie keuchte. „Nein!“
„Er lebt, Hermine“, murmelte Harry leise, sah sie dabei jedoch nicht an.
„Hast du... es gesehen?“, fragte sie atemlos und ihr Freund nickte.
„Das und noch andere Dinge...“ Er verfiel erneut in Schweigen und Hermine wagte es nicht, weiter nachzufragen.
„Es fand also ein Treffen der Todesser statt“, hakte Dumbledore deswegen weiter nach und Harry nickte, einmal tief durchatmend.
„Ja. Sie waren alle da, der gesamte Kreis.“
„Woher weißt du das?“
„