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Kapitel 1-10 (Ende)
Prolog
Hogwarts
Danach
Er ist tot. Sirius Black ist tot. Getötet durch dieselbe gnadenlose Hand, die auch seinen Bruder Regulus ermordet hat.
Nicht die Meine, nein - Aber ich bin dennoch nicht ganz unschuldig an Sirius Ableben. Habe ihn einmal zu oft schwach angeredet. Einmal zu oft eine zynische Bemerkung fallen lassen, wie ich es so gerne mache. Habe gesagt, er sei ein Feigling, würde sich in der Sicherheit seines Elternhauses verstecken, obwohl ich ganz genau wusste, wie sehr er dieses Haus gehasst und verabscheut hat.
Manchmal war er gemein, oft gedankenlos, hatte immer ein loses Mundwerk. Ein Feigling war er jedoch nie. Tapfer. Furchtlos. Tollkühn - Seinen Freunden loyal, bis über deren Tod hinaus.
Sirius…
Plötzlich bricht meine ganze Vergangenheit über mich herein. Meine Kindheit und Jugend. Alles, was damals war. Fünfzehn lange Jahre habe ich alles verdrängt, es beinahe vollständig vergessen – oder habe mir das wenigstens eingeredet oder es schnellstmöglich vertrieben, wenn es mein Bewusstsein doch einmal an die Ufer meines Verstandes gespült hat.
Ich bin hart geworden und kalt. Gehässig und zynisch. Boshaft - Verbittert. Damit ich meine grenzenlose Einsamkeit besser ertragen kann. Nur in den dunkelsten Stunden der Nacht, in meinen tiefsten Träumen, wenn ich endlich einmal Ruhe fand, habe ich manchmal Streiflichter von damals gesehen. Erinnerungsblitze, die ich so schnell wie möglich verjagt habe, sobald ich wieder wach war und die Möglichkeit dazu hatte.
Alles so lange her.
Jetzt rollen meinen ganzen Erinnerungen wie eine einzige gigantische Flutwelle über mich hinweg. Ertränken mich beinahe.
James Potter - Lily Evans - Sirius Black.
Und auch Hieratus. Schon so lange tot. Ermordet, wie so viele andere auch … Erinnerungen. Alles so ewig her, so verdammt lang…
Es beginnt vor fast dreißig Jahren in…
…Yorkshire
Mein Name ist Severus Ravenous Lucindus Snape. Ravenous nach meinem Vater, Lucindus nach meiner Mutter Lucinda und ich habe vor einiger Zeit meinen zehnten Geburtstag gefeiert.
Geboren wurde ich mitten in der Nacht am 6. April 1958 in einem kleinen Dorf in Yorkshire, einer sehr einsamen, ländlichen Gegend und unser Dorf ist noch abgelegener, als es hier üblich ist.
Seit ich denken kann, leben wir am Rande des Ortes in einer kleinen, schäbigen, uralten Holzhütte – man nennt sie (nur flüsternd) das Rabennest und wir sind anders, als die anderen Leute und werden von fast allen gemieden. Niemand kommt je freiwillig zu unserer Behausung herauf. Wir sind Zauberer und mein Vater sagt, dass wir Reinblüter sind, was heißt, dass wir den meisten anderen Zauberern haushoch überlegen sind und den jämmerlichen Muggel, die hier leben, sowieso. Ich muss ihm das glauben, denn schließlich ist er mein Vater und muss sowas wissen.
Er ist ein großer Mann, erscheint mir immer wie ein lebender Berg. Hat lange, schwarze Haare und eine riesige Hakennase. Beides habe ich von ihm geerbt.
Außerdem hat er grausame, grüngelbe Augen, die meistens blutunterlaufen sind. Mir graut vor seinem zynischen, hundsgemeinen Blick.
Meine Mutter ist ein leises, verhuschtes Wesen, das meinem Vater gegenüber völlig unterwürfig ist. Sie muss einmal sehr hübsch gewesen sein, habe ich gehört, aber jetzt merkt man nichts mehr davon. Von ihr habe ich meine pechschwarzen Augen.
Seit fast drei Jahren gehe ich hier zur Schule und lerne mit den Muggelkindern Lesen und Schreiben. Ich darf keinem sagen, dass wir Zauberer sind, ich darf auch niemand zu mir nach Hause einladen, weil der ja sonst merken würde, was mit uns los ist. Würde ohnehin keiner zu mir kommen, bei dem üblen Ruf, den meine Familie hier in der Gegend hat. Daher habe ich keine Freunde.
Wir sind anders, als die anderen Dorfbewohner. Das beginnt schon bei der Kleidung, lange Roben und Umhänge. Alles in dunklen, trostlosen Farben, grau, braun, schwarz. So ganz anders als die fröhlichen, bunten Sachen der Muggelkinder. Schäbig, verwaschen, gebraucht, abgetragen. In der Schule sehen mich alle ganz eigenartig an und verspotten mich dauernd. Ich höre sie hämisch miteinander flüstern:
„Soll der sich doch mal die Haare waschen!“
„Wie der schon rum läuft. Wie in einem alten Kartoffelsack.“
„Glibberig, schmierig, Schnüffelnase.“
Na ja, meine Nase läuft wirklich oft und dann ziehe ich eben den Rotz hoch. Was soll ich auch sonst machen? Ich habe kein Taschentuch und es wäre noch viel widerlicher, wenn mir das Zeug in den Mund laufen würde, oder? Und ich wasche mir auch die Haare. Na ja, vielleicht nicht so oft, wie ich sollte. Ich hasse kaltes Wasser und es gibt nur selten warmes bei uns in der Hütte.
Mein Vater schreit und tobt, wenn er von den Beleidigungen hört. „Pah, Muggel – Abschaum!“ ist die Lehre, die er mir dann in die Seele pflanzen will. Aber er schreit und tobt ohnehin immer und schlägt mich und meine Mutter – ich weiß nicht, warum er keine Flüche benutzt, aber ich denke, anders macht es ihm mehr Spaß – Er schüttet flaschenweiße Feuerwhiskey in sich hinein, bis er stockbesoffen ist (Vielleicht ist das der Grund, warum er keine Magie benutzt – haut wohl nicht besonders gut hin, wenn man blau wie ein Veilchen ist) und dann verprügelt er uns noch schlimmer, bis er einfach umfällt und irgendwo seinen Vollrausch ausschläft. Ein äußerst unangenehmer, geradezu widerwärtiger Mensch.
Ich bin nicht besonders gut in der Schule. Außer Lesen, Schreiben und Rechnen interessiert mich das alles nicht. Wenn ich elf bin, komme ich ohnehin an die Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberkunst. Dann muss ich mich nicht länger mit den engstirnigen Muggelkindern abgeben. Dort werde ich lernen, meine Magie richtig zu benutzen, aber das dauert noch ein Jahr.
Nachts liege ich oft in meinem Zimmer wach und höre meinen Vater brüllen und poltern, das Schluchzen meiner Mutter und später das Quietschen der Bettfedern im Zimmer nebenan. Es klingt schrecklich, furchtbar, irgendwie grausam. Ich höre das gierige Keuchen meines Vaters und das hilflose Jammern und Schluchzen meiner Mutter. Kein besonders schönes Schlaflied, aber das einzige, das ich je kannte.
Wieder einmal liege ich in meinem Bett und höre meinen Vater rumoren, meine Mutter heulen. Ich habe Angst und versuche nicht zu flennen. Als er wieder anfing zu toben, wollte ich in mein Zimmer verschwinden, aber mein Vater hat mich festgehalten und geschüttelt und gerüttelt, hat mich angeschrieen, weil er aus irgendeinem Grund mit mir unzufrieden war. Das ist er übrigens immer. Er hält mich für jämmerlich, unzureichend und schwach. Ich bin auch nicht besonders groß oder gar stark – fast wie eine Pflanze, die zu wenig Dünger bekommen hat.
Meine
Mutter stand nur daneben und hat flehendlich die Hände gerungen.
Was soll sie auch tun? Sie bekommt ohnehin dauernd Prügel von
ihm und wenn sie sich dazwischen stellt, wird alles nur noch
schlimmer. Kenne ich alles schon. Irgendwie verstehe ich meine
Mutter, aber irgendwie verachte ich sie auch für ihre verdammte
demütige Passivität … Sie ist doch meine Mutter –
sie sollte doch für mich da sein, oder? Warum lässt sie
nicht zu, dass ich sie lieben kann? Ein Kind sollte doch seine Eltern
lieben und ihnen dankbar sein,
oder? Aber meinen Vater kann ich
nur fürchten und meine Mutter nur verachten und im gleichen
Augenblick schäme ich mich jedes Mal schrecklich dafür.
Mein Vater hat mich zu Boden geworfen und den Gürtel von seiner Robe abgeschnallt. Dann hat er wie ein Verrückter auf mich eingeschlagen. Meine fadenscheinige Kleidung hat nicht viel abgehalten und jetzt ist mein Rücken wund und blutig, brüllt vor Schmerzen und ich winde mich vor Demütigung und Pein. Ich warte auf das gewohnte Quietschen der Bettfedern von nebenan, aber es kommt nicht.
Stattdessen höre ich, wie sich die Schritte meines Vaters nähern. Die Angeln meiner Türe quietschen und der große Mann kommt herein. Er nähert sich meinem Bett, mit Schritten, wie die einer Spinne. Ich hasse Spinnen. Sie erinnern mich an meinen Vater. Sein dunkler Umriss beugt sich über mich und er sagt mit leisem Zischen:
„Sohn, das wäre nicht nötig gewesen, du musst nur nett zu mir sein. Deine Mutter, diese alte Vettel ist nie nett zu mir, darum muss ich euch beide auch so häufig züchtigen.“
Dann fummelt er an seiner Robe herum und zieht sie hoch. Seine Gestalt ragt über mir auf, wie ein Berg. Er kommt noch näher, streckt mir seinen Unterleib entgegen.
„Komm“, sagt er, „mach schon. Fass mich an und sei nett zu mir.“
Und ich gehorche ihm, denn ich habe Angst, so schreckliche Angst und mein Rücken brennt von den Gürtelhieben so entsetzlich. Ich könnte heute keine weiteren Schläge mehr ertragen.
Schwach ... jämmerlich ... so hilflos ... und so voller schrecklicher Scham über meine eigene Unzulänglichkeit...
Mein Laken und die Rückseite meines Nachthemds kleben von meinem Blut. Dann klebt auch mein Nachthemd auch vorne an meinem Körper, denn er stöhnt und grunzt, dann lacht er, ein schreckliches, grausames, gefühlloses Lachen und spritzt seinen heißen Saft auf meine bebende Brust. Und es schaudert mich noch mehr und möchte weinen und schreien – möchten den Ekel über das alles aus mir herauskotzen - aber ich traue mich nicht. Denn, wenn ich das mache, heißt er mich eine elende Heulsuse und schlägt wieder zu - auch das kenne ich schon - doch das, was gerade abläuft, ist neu für mich.
Es kommt mir vor, wie eine Ewigkeit, bis er wieder geht, bis ich höre, wie seine Spinnenschritte sich wieder entfernen. Ich starre mit weit offenen Augen in die Dunkelheit. Sie scheint mich zu umschlingen, mich zu würgen, zu ersticken. Ich kann kaum atmen und das Nachthemd reibt an meinem zerschlagenen Rücken.
„Versuch einfach, alles zu vergessen, Severus“, sage ich gequält und verzweifelt zu mir selbst. „Versuch einfach zu schlafen, Severus, morgen ist ein neuer Tag.“
Müde, übernächtigt und vollkommen verwirrt sitze ich am nächsten Tag in der Schule. Ich höre, wie die Muggelkinder mich wieder verspotten. Fünfzehn Kinder aller Alterstufen, die abwechselnd von nur einem Lehrer unterrichtet werden. Ihm ist es egal, wie sie mich behandeln, völlig egal. Er hasst meinen Vater, meine ganze Familie und damit auch mich. Alles so fremd hier, so anders. Eine ganz andere Welt, als die zu Hause. Ich verstehe oft gar nicht, über was sie reden. Manchmal hätte ich wirklich gerne ein paar Freunde, aber das geht ja nicht. Mein Vater. Die schäbige Hütte. Magie…
Meine Gedanken kreisen um und um. Der Lehrer staucht mich zusammen, weil ich zu träumen scheine. Ich reiße mich zusammen und höre ihm zu, bis mein Blick auf das offene Fenster fällt, hinaus in den Frühlingssonnenschein. Meine Gedanken treiben in die nahen Hügel und Wälder. Weit, weit weg...
Heute, nach der Schule, werde ich nicht gleich heimgehen, beschließe ich. Ich werde meine Schultasche nehmen und rennen, einfach immer weiter rennen und rennen. Durch die Hügel und Wälder laufen und frei sein. Einige Stunden lang frei sein, bis es dunkel wird und ich wieder nach Hause muss, zu meinem schreienden und tobenden Vater, zu meiner stillen, weinenden Mutter, die mich beide nicht mögen, denen ich nur im Weg bin ... unerwünscht – ungewollt ... es tut so weh ... Sie wechseln ja kaum Mal ein Wort mit mir...
Das Läuten der Schulglocke reißt mich aus meinen traurigen Gedanken, ich springe auf, greife nach meiner abgenutzten Tasche und renne - renne hinaus in die Sonne. Hinter mir höre ich das unzufriedene Grummeln des Lehrers und das hämische Lachen und Feixen der anderen Kinder.
In die Hügel laufe ich, wie ich es mir ausgemalt habe. Die Sonne scheint hell und freundlich, aber irgendwie können ihre warmen, goldenen Strahlen meinen kalten, klammen Körper nicht richtig erwärmen. Ich friere ohnehin fast immer. Meine Robe reibt an den blutigen Schrunden auf meinem Rücken und mein Kopf ist schwer mit Gedanken und Fragen. Was wollte mein Vater letzte Nacht denn eigentlich von mir? Warum musste ich ihn dort unten anfassen? Und die brennendste Frage: Wird er heute Nacht wieder kommen?
Ich will das nicht...! Schon der leiseste Gedanke daran macht mir mehr als nur Angst und ich fühle mich irgendwie schmutzig.
Ich bin zu einem kleinen Rinnsal gekommen und setze mich auf einen Stein an seinem Ufer. Ich starre in das schnell fließende Wasser und meine Gedanken treiben dahin, wie die toten Blätter und Zweige im Bach. Ich verliere das Gefühl für Zeit und Raum. Bin nichts mehr und niemand. Bin eigentlich gar nicht mehr da.
Es gibt mich nicht mehr...
Plötzlich reißen mich helle Stimmen aus meiner träumerischen Versunkenheit und ich muss zu meinem Leidwesen erkennen, dass es mich doch noch gibt...
Jungs, die ich aus der Schule kenne, kommen näher. Ich will ihnen nicht begegnen, habe keine Lust, mich wieder von ihnen verspotten und verhöhnen zu lassen, ihr hämisches, gemeines Feixen zu hören. Ich will mich verstecken, aber bevor ich auch nur aufstehen kann, sind sie schon zu nahe und haben mich gesehen.
„Schaut mal“, ruft einer von ihnen. „Der schmierige Severus in seinem schäbigen Kartoffelsack. Sag mal, Schnüffelnase, was machst du hier? Das ist unser Revier! Verschwinde oder du wirst es bereuen!“
Er hebt einen Klumpen weiche Erde auf und wirft ihn mir an den Kopf. Ich versuche noch dem Geschoß auszuweichen, aber da haben sich die anderen Kinder auch schon Erdklumpen gegriffen und schmeißen sie auf mich. Auch wenn die Erde weich ist, tut es weh, so entsetzlich, schrecklich weh.
Nicht nur am Körper, sondern auch tief in mir drinnen. Warum können sie mich denn blos nicht leiden? Und wenn sie mich schon nicht leiden können, warum können sie mich dann nicht wenigstens einfach in Ruhe lassen?
Endlich komme ich auf die Beine und fange an zu rennen. Die ganze Bande lautstark johlend hinter mir her. Immer weitere Erdklumpen fliegen mir nach, treffen mich am Rücken, reißen die Striemen wieder auf. Frisches, heißes, klebriges Blut rinnt mir an Rücken und Beinen hinunter und ich renne und renne, als ginge es um mein Leben – vielleicht tut es das auch – es fühlt sich beinahe so an und ich muss gestehen, ich bekomme ziemlich viel Angst, doch ich lasse nicht zu, dass es mich lähmt, dennoch bin ich nicht sehr schnell, aber wohl schnell genug. Die Bäume werden dichter und tiefhängende Äste schlagen in mein Gesicht, greifen nach meinen Haaren. Baumwurzeln wollen meine eiligen Füße zum Stolpern bringen, aber ich überspringe sie in meinem fast atemlosen Lauf. Hinter mir ertönen laute Rufe und schallendes Gejohle. Immer weitere Brocken fliegen hinter mir her. Nach ein paar weiteren Minuten verlieren meine Plagegeister jedoch die Lust an ihrem niederträchtigen Spiel und lassen mich schließlich doch noch entkommen.
Doch wo bin ich? Der Wald hat sich um mich geschlossen und es ist recht dunkel. Mein eiliger Lauf verlangsamt sich, denn mein Körper schmerzt und alles tut mir weh. Ich ringe verzweifelt nach Luft und meine Seite sticht vom schnellen Rennen.
Da! Dort vorne ist wieder ein fröhlich plätschernder Bach, da kann ich mich sauber machen, mir das Blut aus dem Gesicht und vom Körper waschen. Vorsichtig pirsche ich mich heran und fürchte einen erneuten Hinterhalt meiner Peiniger – wäre nicht das erste Mal (ich bin es gewohnt über hinterhältig gestellte Beine zu stolpern, von jemand (den ich nicht erkenne) geschupst zu werden oder auch dass mir wer Kaugummi in die Haare klebt) und so bin ich auf so Einiges vorbereitet - aber diesmal habe ich Glück, es ist niemand da.
Ich lasse meine Schultasche fallen und versuche, meine Robe auszuziehen. Der Stoff klebt widerlich an meiner blutigen Haut. Es zwickt und ziept, als ich sie stöhnend über den Kopf ziehe. Sie reibt an den Schrammen in meinem Gesicht, die mir die peitschenden Äste der Bäume gerissen haben, aber das stört mich kaum – ich bin Schlimmeres gewohnt – wesentlich Schlimmeres.
Ich steige ins Wasser. Es ist eiskalt, aber das ist mir im Augenblick ziemlich egal und es reicht mir ja nur bis zu den Knien. Ich wasche mir das Blut und die Erde vom Körper, aus dem Gesicht, aus den Haaren. Das Wasser brennt zuerst in den Wunden, aber es ist so kalt, dass es schon bald alle Empfindungen betäubt. Dann hole ich meine vollkommen verdreckte Robe ins Wasser und wasche den Schmutz aus dem Stoff, winde das nasse Ding aus und steige aus dem Bach. Ich werfe mir die feuchte Robe um die Schultern und hebe meine Schultasche auf. Dann wandere ich weiter durch den Wald.
Ich bin hier ganz allein, nur ein paar Vögel zwitschern, aber sehen kann ich sie nicht. Ein paar Eichhörnchen flitzen durch die Zweige und es knackt im Gebüsch – ein Fuchs ... ein Hase ... oder etwas Gefährlicheres? weiß nicht ... ist auch egal ... hoffe nur, dass das, was auch immer es ist, keinen Appetit auf einen kleinen, einsamen, blutenden Jungen hat.
Doch die Abstände zwischen den Bäumen werden schnell größer und ich komme zu einer wunderbaren Lichtung. Die Sonne flirrt im hohen Gras und den Blättern der Bäume und Sträucher. Der Wind spielt mit den langen Halmen, biegt sanft die dünnen Äste und treibt verträumte Insekten über den Himmel.
Alles wirkt so ruhig und friedlich - sicher. So Zeitlos.
Weil sich die feuchte Robe auf meiner Haut unangenehm anfühlt, entschließe ich mich, sie in die Sonne zu legen und den Stoff trockenen zu lassen. Meine verwaschene, graue Unterhose klebt an meinem Hintern, aber ich will sie nicht ausziehen. Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich nackt bin (für meinen Geschmack bin ich bereits jetzt zu nackt, aber das lässt sich im Augenblick wohl nicht ändern). Fühle mich dann klein, hilflos und verletzlich und irgendwie schäme ich mich auch meines blassen, zerschlagenen, dürren, mickrigen Körpers.
Ich werfe meine Robe über das hohe Gras und lege mich darauf. Die Sonne ist jetzt wirklich warm und die Insekten summen hypnotisch. Alles ist so still und strahlt eine so unglaubliche Harmonie aus, wie ich sie noch nie in meinem Leben empfunden habe, also lege ich mich auf den Rücken und starre zum Himmel hinauf. Er ist so phantastisch blau und der leichte Wind treibt weiße Wölkchen vor sich her. Sie haben die unwahrscheinlichsten Formen. Da, ein Drache, dort ein Riese und diese sieht aus, wie ein Einhorn…
Meine wirren Gedanken zerfasern rasch und da ich irgendwie todmüde bin, schlafe ich ein.
Als ich wieder aufwache, ist die Sonne gerade dabei, hinter den Hügeln zu verschwinden. Über meinen ganzen Körper zieht sich eine klamme Gänsehaut, alles ist ganz ausgekühlt und ich friere schon wieder mal. Als ich versuche aufzustehen, falle ich gleich wieder hin. Meine ganzen Muskeln sind verkrampft und alles pocht in einem dumpfen, durchdringenden Schmerz. Die angetrockneten Blutkrusten reißen bei jeder Bewegung. Aber es wird immer dunkler und ich muss jetzt wirklich nach Hause – auch wenn ich das sicher nicht will...
Ich mühe mich also in die Höhe und ziehe stöhnend meine verknitterte Robe an, nehme meine Tasche und mache mich ans Gehen. Ich muss sehr weit gelaufen sein, denn es ist ein langer Heimweg und es ist schon recht dunkel, als ich wieder das Dorf erreiche. Dann muss ich noch den gewundenen Pfad den kleinen Hügel hinauf, der zu unserer verfallenen Hütte führt.
Kaum habe ich die Tür geöffnet, da packt mich auch schon die gnadenlose Hand meines Vaters bei meinen langen, glatten Haaren und zerrt mich gewaltsam hinein. Er schleudert mich mit aller Kraft zu Boden, schlägt zu und tritt wie ein Besessener auf mich ein, trifft meinen Rücken, meine Seiten, meinen Magen, ich krümme mich zusammen, um meine empfindlichsten Teile und meinen Kopf zu schützen – nicht wirklich erfolgreich.
Währenddessen brüllt der Alte so laut, dass ich kaum ein Wort verstehen kann.
„...verdammter Bengel ... undankbarer Bastard ... da füttert man dich durch ... das wirst du bereuen ... ich bring dir schon noch Manieren bei...“
Jeder Satzfetzen wird von einem Hieb oder einem Tritt begleitet. Ich hasse es, wenn er so laut wird … und ich fürchte ihn, wie den Teufel persönlich, von dem immer dieser Priester in der Schule redet (nicht, dass ich wirklich verstehe, wovon der spricht, aber es klingt einfach grässlich – allein die Vorstellung auf ewig in einem Feuer zu brennen - Brrr). Doch es scheint, als müsse ich nicht auf den Tod warten, es scheint als sei diese ‚Hölle’ genau hier - hier in unserer schäbigen Hütte und mein Vater sei ihr gnadenloser Fürst.
Ich krümme mich weiterhin schmerzerfüllt zusammen und versuche immer noch meinen Kopf mit den Armen vor seinen harten Hieben zu schützen. Seine Tritte treffen trotzdem meine Nieren, mein Steißbein, meinen Hintern. Ich schreie vor Schmerzen auf, stöhne, wimmere … aber ich flehe nicht um Gnade. Zu genau weiß ich, dass es mir nichts nützen würde, dass es alles nur noch schlimmer machen würde ... nein, der Fürst dieser Hölle kennt sicherlich keinerlei Gnade.
Mein Erzeuger reagiert nicht im Geringsten auf meine Schmerzenslaute oder vielleicht doch, wenn auch nicht so, wie von mir erhofft (verzweifelt ersehnt), vielmehr schreit er nur weiter, bis er heiser ist und schlägt gnadenlos auf mich ein, bis er seinen Arm nicht mehr heben kann und seine Beine schwer werden. Dann packt er mich wieder grausam an den Haaren, schleift mich zum Keller und wirft mich dort die wacklige, ausgetretene Treppe hinunter, dann verriegelt er oben - immer noch lauthals fluchend - die Tür.
Ich höre meine Mutter in der Küche leise und hoffnungslos weinen und schluchzen, aber sie sagt nicht das kleinste Wort gegen ihn, um mir damit irgendwie zu helfen – sie wagt es wohl einfach nicht...
Alles tut mir nun noch mehr weh. Meine Nieren fühlen sich wie heiße, verschrumpelte Dörrpflaumen an und meine Blase drückt entsetzlich. Mir bleibt nichts anderes übrig, als den Urin einfach laufen zu lassen, da ich ihn nicht mehr halten kann – ich kann im Augenblick noch nicht mal aufstehen. Es brennt wie flüssiges Feuer und ich stöhne leise auf, schäme mich so entsetzlich - einzupissen, wie ein kleines Baby - meine Robe ist ganz zerfetzt und es ist schrecklich ungemütlich und dunkel hier unten. Meine stinkende Pisse klebt in meiner Unterhose und trocknet jetzt an meinen Oberschenkeln, reizt meine Haut und macht alles noch mehr wund.
Es knistert und raschelt in der nahezu undurchdringlichen Dunkelheit. Dünne, haarige Füßchen huschen über meine nackten Beine, etwas saugt kitzelnd an meinen blutenden Wunden, leckt den ekelhaften Urin von meiner Haut. Ich weiß nur zu genau, was das ist, aber mir graut davor, darüber ausführlicher nachzudenken – am liebsten würde ich vor Angst leise in mich hinein weinen, aber ich wage es nicht – was, wenn er mich hört...?
Meine Gedanken kreischen ohne Stimme im meinem pochenden Schädel: Spinnen … Hunderte haarige Spinnen mit langen, dünnen Beinen … und Ratten ... Widerliche Ratten, die über meinen geschundenen Leib huschen!
Auf meinem Körper stellt sich jedes einzelne Härchen auf und es beginnt mich zu würgen. Nur aus einem einzigen Grund kotze ich mir nicht die Seele aus dem Leib – ich habe nichts im Magen. Ich muss etwas tun, oder ich fange aus purem Ekel zu schreien an und plötzlich erinnere ich mich daran, wie mein Vater magisch Licht macht, aber ich habe noch keinen eigenen Zauberstab. Trotzdem raune ich fast tonlos „Lumos.“ Ein kränkliches, blaues Flämmchen beginnt auf meiner zitternden Hand zu tanzen und erleuchtet den nachtschwarzen Keller ein wenig – gibt mir ein bisschen Trost und Hoffnung – nur sehr wenig, aber immerhin...
Wieder ein eiliges Huschen von Füßchen und Beinchen - einen langen, nackten, bleichen Rattenschwanz sehe ich noch in einem finsteren Loch in der Fußleiste verschwinden – und - Sie sind weg! Merlin sei Dank, die grässlichen Tiere sind weg!
Ich werde etwas mutiger und recke und strecke mich. Meine Knochen knacken, meine Muskeln fühlen sich heiß und schwer an und meine nasse Unterhose klebt immer noch ekelhaft an mir. Als ich genauer nachsehe, bemerke ich, dass mein Urin sie rötlich gefärbt hat und mein ganzer Unterleib fühlt sich geschwollen, heiß und irgendwie krank an. Es ist noch immer sehr dunkel hier unten, aber das schwache, blaue Flämmchen auf meiner Hand wärmt und tröstet mich.
Wenn mein Vater herausfindet, dass ich magisch Licht machen kann, wird er mich wieder verprügeln. Na und? Wird er schon nicht herausfinden, schließlich weiß ich auch, wie ich es wieder auslöschen kann ... und ich weiß auch, wo mein Vater seine alten, zerlesenen (aber mehr als nur hoch interessanten) Zauberbücher aufbewahrt, fällt mir jetzt ein. Ich werde sie heimlich lesen, beschließe ich. Nochmal lasse ich mich nicht von den Muggelkindern so fertig machen…
Ich denke und plane, plane und denke. Stundenlang. Viel später, es muss schon mitten in der Nacht sein, höre ich wieder die Spinnenschritte und flüstere schnell: „Nox!“ um mein Licht zu löschen. Gerade noch rechtzeitig. Kaum ist es wieder dunkel um mich herum, wird auch schon die Tür aufgerissen und mein Vater steht oben im Rahmen. Er stinkt, wie eine ganze Schnapsbrennerei und schwankt hin und her, poltert ungelenk die Treppe herunter. Er spricht zu mir mit leiser, rauer – aber für mich einfach nur grässlicher - Stimme:
„Komm,
Sohn, ins Bett mit dir. Ich bring dich nach
oben“ –
als würde er es nur gut mit mir meinen – aber leider kenne
ich ihn besser – er meint es mit keinem gut – wohl noch
nicht mal mit sich selbst, wenn ich ehrlich bin...
Er packt mich an der Schulter und zieht mich mit forderndem Griff auf die Beine. Seine Hand ist befehlend und eisern. Da ist nichts Sanftes oder gar Fürsorgliches in seiner Berührung – nur Befehl und Besitzanspruch. Er führt mich die Treppen hinauf und in mein Zimmer. Ich hinke übel und habe peinigende Schmerzen, aber ich folge seinem wortlosen, stählernen Diktat.
Oben angekommen, befiehlt er mir, mich auszuziehen. Meine Robe ist wieder an meinem Blut angetrocknet, aber ich wage es nicht, seinem Befehl zu zögerlich nachzukommen. Die Prügel reichen mir für heute wirklich. Also fetze ich mir einfach den zerrissenen Stoff von der Haut. Es reißt und tut weh, aber egal, ich muss ihm gehorchen, er ist schließlich mein Vater und er hat Macht über mich – ich gehöre ihm, bin sein Eigentum – und das ist wohl der einzige Wert, den ich in dieser von allen gütigen Göttern verlassenen Welt habe...
Ich greife nach meinem Nachthemd, da befiehlt er mir, auch meine Unterhose auszuziehen. Ich mag das gar nicht, aber ich muss es tun. Ich lasse das stinkende, feuchte Ding einfach auf den Boden gleiten und stehe splitternackt vor ihm. Ich schäme mich so sehr, versuche aber mir meine Gefühle nicht anmerken zu lassen – er könnte mehr als nur übel enden, wenn er weiß, wie sehr er mich damit demütigen kann.
Seine großen, knorrigen Hände gleiten über meinen nackten, schutzlosen, dürren Hüften, meine schmalen Oberschenkel hinab, meinen knochigen Hintern hinauf, spielen unbarmherzig mit meinem Kleine-Jungen-Penis. Grob, befehlend, verlangend, gierig - abscheulich. Kein bisschen zärtlich. Ich weiß, dass er das nicht darf – nicht dürfen sollte – doch wer sollte ihn hindern? – ich nicht (viel zu schwach), auch meine Mutter (viel zu verängstigt) nicht und sonst hat keiner auch nur das geringste Interesse an dem kleinen, schutzlosen Jungen namens Severus...
Ich könnte mich vor alles erstickender Abscheu winden, könnte kreischen und toben – wie kann er mich nur auf so eine widerliche, absolut perverse Art anfassen...? - aber ich stehe da, steif wie ein Stock und lasse ihn gewähren – was sollte ich auch sonst tun? Wenn ich mich auch nur im Geringsten wehre, wird er mich tot prügeln, wie einen räudigen Hund, da bin ich mir völlig sicher.
Er nimmt meine bebende Hand, legt sie zwischen seine Beine und ich spüre seine widerlich pochende Erregung – mit läuft es eiskalt den Rücken hinunter und ich ekle mich vor mir selbst – wie kann ich das nur zulassen ... wie kann ich nur ... aber wie könnte ich nicht...?
„Mach“, sagt er nun keuchend. „Sei nett zu mir!“
Ich stehe da, wie vor den Kopf geschlagen und meine Hand liegt reglos - wie eingefroren, wie gelähmt - zwischen seinen Beinen – Ich will das nicht!!!
„Das konntest du gestern aber besser“, faucht er mich eiskalt und wütend an.
Er packt mich grob am Handgelenk und zeigt mir, was ich mit ihm (seinem heißen, harten, widerlichen Ding) tun soll.
„Nicht denken, nicht fühlen“, sage ich wie versteinert zu mir selbst (denn es gibt keine Wahl) und mache einfach.
Ich bin wie ferngesteuert, wie eine Marionette, gar nicht ich selbst, nur eine leere, seelenlose, irgendwie funktionierende Hülle.
Sein Unterleib beginnt zu zucken und zu stoßen. Wieder keucht und stöhnt er und etwas Klebriges, Heißes spritzt in seine Unterhose, über meine unwillige Hand. Dann wendet er sich wortlos, doch mit einem grausam-zynischen Gelächter ab und geht. Die Tür fällt hinter ihm zu, er hat mein Zimmer verlassen. Ich stehe mitten im Raum und weiß nicht, was ich denken soll, weiß nicht, was ich fühlen soll. Ich bewege mich minutenlang um keinen Zentimeter, wische nur gedankenverloren meine klebrige Hand in meinem Bettzeug ab – einfach nur widerlich...
Ich zittere. Wieder läuft mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper. Ich ekle mich vor mir selbst, starre durch das Halbdunkel meines Dachzimmers. Nur das flackernde Licht eines winzigen Kerzenstummels erhellt den kleinen Raum ein wenig. Meine Gedanken rasen und mein Schädel hämmert. Meine Augen sind heiß und brennen.
Schließlich schüttle ich den Kopf. Nur einmal hin und her – als wolle ich die Erinnerung aus meinen Gedanken bannen. Dann zucke ich mit den Schultern, hebe mein Nachthemd vom Boden auf, wo ich es zuvor habe hinfallen lassen, ziehe es über und lege mich ins Bett, nehme meine alte Decke und wickle mich hinein – Geborgenheit? – Nein, sowas kenne ich nicht, aber es muss sich wohl so ähnlich anfühlen, wie in eine wärmende, weiche Decke gewickelt zu sein...
„WAS?“ denke ich etwas zusammenhanglos.
Doch bevor sich der Gedanke richtig in meinem überdrehten Bewusstsein formen kann, hat mich auch schon der Schlaf überfallen, wie ein gemeiner Dieb.
Das
war viele – sehr viele -Jahre lang das letzte Mal, dass ich
traumlos oder auch nur die ganze Nacht durchschlafen konnte. Auch das
letzte Mal, dass ich als Kind einschlief. Als ich am nächsten
Morgen wieder wach wurde, war ich um Jahre älter geworden. Nicht
körperlich – nein, das sicher nicht - aber irgendwo tief
in mir drinnen. Tief in meiner Seele. Ein tiefer Schnitt in mein Ich
– bei Weitem nicht der erste und bei Weitem nicht der letzte –
nur einer von vielen - eines jener Ereignisse, die anfingen, Stück
um Stück das zu zerstören. was die Person namens Severus
Snape ausmacht, bis nur noch das übrig war, was ich heute bin -
wobei ich noch nicht mal selbst so genau sagen kann, was oder wieviel
das
überhaupt noch ist.
Mehr als ein Jahr vergeht.
Ich habe meine Pläne wahr gemacht und habe aus den Zauberbüchern meines Vaters Vieles gelernt. Das Meiste davon lässt sich ohne Zauberstab nicht bewerkstelligen, aber vielleicht ist das auch ganz gut so. Die Versuchung, die Zauber gegen meine Mitschüler einzusetzen, wäre zu groß und es ist von unseren Gesetzen verboten, dass Minderjährige Magie ausüben. Ich kenne also die Zauber, aber ich habe die meisten von ihnen noch nie wirklich eingesetzt.
Mein Vater stattet mir häufig einen seiner verhassten, ekelhaften Besuche ab, meistens nachdem er mich halbtot geprügelt hat. Ich habe keine Ahnung, ob meine Mutter etwas darüber weiß, aber ich glaube, dass sie zumindest etwas davon ahnt. Sie ist noch unfreundlicher und kälter zu mir geworden. Es ist, als sei ich für sie gar nicht mehr da. Sie kümmert sich kaum mehr um mich und meine Sachen (alles ist so schäbig und abgetragen. Meine eigene Kleidung genauso, wie die meiner Eltern. Wir müssen arm sein, sehr arm). Gerade Mal, dass sie noch hin und wieder Essen vor mir auf den Tisch knallt. Reden tut sie überhaupt nicht mehr mit mir (nicht, dass sie früher viel gesprochen hätte) – und es tut weh – schlimmer, als die härtesten Schläge meines Vaters und an einer anderen Stelle – tief in mir drinnen...
Auch wenn ich jedes Mal schreckliche Prügel dafür bekomme und stundenlang in den Keller gesperrt werde, verschwinde ich doch immer wieder in die Wälder und Hügel der Umgebung. Das ist die einzige Art von Freiheit, die ich kenne und - wie gesagt - der Preis dafür ist verflixt hoch.
Meine Lichtung hat noch keiner gefunden und dort fühle ich mich sicher und beinahe schon beschützt und geborgen. Sonst gibt es keinerlei Geborgenheit für mich – nirgendwo - aber Angst macht mir auch nur noch wenig. Selbst an die Ratten und Spinnen habe ich mich inzwischen gewöhnt, schließlich leisten sie mir bei meinen Aufenthalten im Keller jedes Mal – krabbelnd und raschelnd - Gesellschaft. Ich fürchte nur eins: dass mich jemand blos stellt oder demütigt, das ja, aber sonst? Nein, mir macht fast nichts mehr Angst.
Wenn sich meine Mitschüler über mich lustig machen, zahle ich es mit gleicher Münze zurück und ich habe ein richtig zynisches, übles Mundwerk bekommen – sie fürchten meine hämischen Bemerkungen und sie sind mir rhetorisch nicht gewachsen – was heißt, dass sie sich nahezu alle zusammen tun, um mich zu verprügeln – aber ich bin Schmerzen und Prügel gewohnt und keiner von ihnen kann auch nur halb so fest oder grausam zuschlagen, wie mein Vater.
Einige kleinere Zauber funktionieren auch ohne Stab und keiner merkt, wenn ich sie einsetze – manchmal, die einzige Möglichkeit zu entkommen, ohne halb zum Krüppel geschlagen zu werden. Ja, ich bin ziemlich boshaft und hinterhältig geworden, aber das geschieht ihnen Recht, sie müssen mich ja nur in Ruhe lassen, mehr nicht. Ich räche mich immer, wenn sie mich beleidigen oder mir etwas antun, aber meistens gehe ich ihnen einfach nur aus dem Weg – nicht, dass sie mir aus dem Weg gehen würden.
Ich bin immer allein und fühle mich oft schrecklich einsam – verlassen, hilflos und leer – ungewollt.
Es ist schon Mitte August und vor einigen Tagen kam mit der Eulenpost ein Brief für mich. Der erste Brief, den ich je in meinem Leben bekommen habe. Es war die Aufforderung ab September die Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberkunst zu besuchen – wie schon erwartet.
Mein Vater hat mir aus seiner Bibliothek, die benötigten Bücher heraus gesucht. Die meisten davon kenne ich ohnehin schon so gut wie auswendig, aber das habe ich ihm natürlich nicht gesagt (schließlich bin ich ja nicht lebensmüde). Er wird mir einen seiner alten Zauberstäbe geben, wenn er mich in den Hogwarts Express setzt, hat er gemurmelt und meine Mutter hat meine beiden einzigen Roben schwarz gefärbt. Irgendwo im Keller lag eine alte Kiste, die haben sie mir als Koffer gegeben und alles hineingepackt, was ich sonst noch so brauche. Viel ist es wirklich nicht.
Soll ich mich auf die Zukunft freuen? Ich weiß es nicht – wie kann ich mir auch vorstellen, was sein wird, wenn ich nur das hier kenne? Aber es wird gut sein, nicht mehr die ganze Zeit zu Hause leben zu müssen, wo mein Vater mir so unangenehm nahe ist und mich nahezu erstickt, körperlich, wie geistig und seelisch.
Kapitel 1
Das erste Jahr
Beginn der Fehde
Ich sitze im Hogwarts Express und starre verloren aus dem Fenster auf die vorbeieilende Landschaft hinaus, aber meine Gedanken sind nicht bei den Dingen da draußen – sie treiben...
Mein Vater hat uns mit Flohpuder in die Winkelgasse versetzt und von dort aus sind wir zu Fuß nach Kings Cross gegangen. Er hat vor sich hin geflucht, was es doch für ein elendes Leiden sei, dass ich auf Jahre hinaus noch nicht apparieren dürfe und zur Strafe hat er mich meinen schweren Koffer selbst ziehen lassen. Trotzdem war er ungewöhnlich gut gelaunt, als er mir im Tropfenden Kessel den alten Zauberstab in die Hand gedrückt hat.
Über den wahren Grund seiner eigenartigen guten Laune denke ich jetzt nach, während ich weiter blicklos aus dem Fenster starre. Neben mir sitzen einige Jungen und Mädchen und schnattern aufgeregt miteinander. Sie sind in meinem Alter (auch wenn ich mir um viele Jahre älter vorkomme), aber es gibt auch noch viele ältere Jugendliche im Zug, doch ich bemerke sie nur so nebenbei.
Ich denke und denke, aber meine Gedanken gehen drunter und drüber. Gestern Nacht, die letzte Nacht zu Hause für vier Monate, kam er wieder herein, stakte wie eine Spinne in mein Zimmer, stank widerlich nach dem starken Alkohol, atmete schwer und keuchend – ein entsetzliches Geräusch – es verursacht mir jede Menge Alpträume – wenn ich denn mal so halbwegs schlafen kann.
Aber dieses Mal war sein unerwünschter Besuch anders als sonst. Er grabschte nicht nur einfach an mir rum oder ließ mich an sich rumfummeln. Er schob mich grob an die Wand und stieg schnaufend zu mir ins Bett.
„Du bist alt genug“, zischte er „und du wirst jetzt einige Zeit weg sein. Da will ich dir etwas geben, das du nicht so schnell vergisst. Damit du immer weißt, wem du gehörst und wem du zu gehorchen hast.“
Er presste seinen riesigen, knochigen, heißen, verschwitzten, stinkenden Leib an meinen schmächtigen, schwachen Körper. Sein steifer Penis bohrte sich mit einer grausamen, perversen Gier in meinen Rücken, dann packte er meine Pobacken und zog sie auseinander und schob er sein hartes Ding gewaltsam in mich hinein. Es waren furchtbare Schmerzen, tausendmal schlimmer als jede Prügel, die ich bis dahin jemals bezogen hatte. Etwas dehnte sich, gab nach, bis es nicht mehr weiter ging und zerriss. Blut lief mir heiß und klebrig die Schenkel hinunter. Er begann sich ächzend zu bewegen und werkelte grob an mir herum. Ich hätte am Liebsten laut aufgeschrieen vor Schmerzen, vor Ekel, vor Demütigung, aber das durfte ich ja nicht und so biss ich nur verzweifelt in mein Kissen.
Mein Magen zog sich zusammen und mir war kotzübel, doch auch erbrechen durfte ich mich nicht und so schluckte ich den brennenden Magensaft mit verzweifelter Selbstverachtung wieder hinunter. Es dauerte schier ewig, bis er fertig war. Immer noch keuchend und stöhnend stand er auf und ging wortlos.
Mein Hintern brannte wie mit Säure verätzt und alles klebte vor Blut und anderen unsäglichen Dingen. Rasende Schmerzen in meinem Inneren und ein unglaublicher, gewaltiger, riesiger Ekel vor mir selbst. Ich habe mich die halbe Nacht hin und her gewälzt, konnte nicht schlafen, hatte entsetzliche, grausame Schmerzen. Gegen drei Uhr morgens habe ich mich aufs Klo geschlichen und mir das eingetrocknete Blut von den Oberschenkeln gewaschen und geschrubbt.
Beim Pinkeln hat es gebrannt, als käme rostiger Draht aus mir heraus und mein Gang war so spinnenartig geworden, wie der meines Vaters. Meine Pobacken rieben ekelhaft aneinander, wenn ich nicht breitbeinig ging, wie ein Berufsreiter. Als ich wieder im Bett lag, konnte ich vor lauter Erschöpfung schließlich doch noch einschlafen – und hatte mal wieder die inzwischen schon altbekannten Alpträume...
Plötzlich reißt mich eine Streiterei aus meinen schwermütigen Gedanken. Zwei Jungs haben sich in die Wolle gekriegt. Beide haben genauso schwarze Haare wie ich, aber da enden auch schon die Ähnlichkeiten so ziemlich. Der eine ist recht groß und hat schwarze, lustig funkelnde Augen. Der andere ist kleiner, hat das wirrste Haar, das ich je gesehen habe, haselnussbraune – ebenso fröhliche - Augen und trägt eine runde Brille.
„Black“, sagt der Kleinere, „man weiß ja, was man von dieser Familie zu erwarten hat. Schwarze Magier allesamt, schwärzer als schwarz.“
„Halts Maul, Potter, du weißt nicht, wovon du redest!“ faucht der andere zurück.
Sie stehen sich mit geballten Fäusten gegenüber und funkeln sich an. Ich sehe ihnen neugierig und gespannt zu – eine nette Show, die hier geboten wird.
„Was starrst du so, du Schmierlappen?“ geht der Größere, der Black heißt, auf mich los, als er meinen erwartungsvollen Blick bemerkt.
„Black und Potter“, sage ich, schniefe kurz und starre sie weiter unverwandt an.
Ich wüsste nicht, was ich sonst noch sagen sollte – hab keine Erfahrung darin, wie man mit anderen Kids redet oder auch nur über was.
„Wer bist du überhaupt?“ fragt Potter.
Ich nenne meinen Namen und beide beginnen spöttisch zu lachen, aber ihre Körper entspannen sich.
„Snivellus Snape“, sagen sie wie aus einem Mund, werfen sich einen übereinstimmenden Blick zu und lachen sich schief – verdammt, das tut mal wieder weh ... aber nur nichts anmerken lassen...
„Ja“, sagt Potter, „der Name passt. Snivellus - Schnüffelnase.“
„Stimmt“, fügt Black hinzu. „So werden wir dich in Zukunft nennen, Kerl – Snivellus!“
Ich funkle die Beiden hasserfüllt an, sage aber nichts mehr. Ich kenne die Namen. Beide Reinblüter, beide aus einem alten Geschlecht, beide so verdammt reicht, dass ihnen das Gold regelrecht aus dem Arsch fällt. Der eine aus einem weißen, der andere aus einem schwarzen Haus. Mein Vater hat den einen Namen zufrieden, den anderen wütend vor sich hin gemurmelt (daher weiß ich auch das von ihrem Reichtum – der meinem Vater so gar nicht gefällt). Aber so wie es scheint, ist auch der aus dem schwarzen Haus ein weißer. Darüber haben sie wohl auch gestritten. Der Streit scheint aber vorläufig vorbei zu sein, da sie sich jetzt gemeinsam ausgiebig über mich lustig machen können – Nicht, dass ich sowas nicht schon zur Genüge kennen würde – doch irgendwie hatte ich gehofft, dass sich das ändern würde – dass ich ein neues Leben anfangen könnte – dort in Hogwarts, wo man vielleicht grade Mal meinen Familiennamen kennt – ich meine, wo sollten denn meine Eltern denn sonst zur Schule gegangen sein?
Heißer Hass gegen die beiden Jungs brandet in mir auf, brennt in meiner Kehle – sengend, heiß und intensiv. So intensiv, wie nur ein Junge hassen kann, der noch nie einen Freund hatte, der immer nur alleine war, der immer nur alleine für sich kämpfen musste – der es einfach nicht anders kennt, aber der dennoch noch nicht alle Hoffnung verloren hat, aber jetzt wieder ein weiteres Stück davon aufgeben musste. Hass, ja und gleichzeitig unsäglicher Neid darüber, dass sie fröhlich und glücklich miteinander lachen können (Gefühle, die ich zwar bei anderen erkenne, die ich aber noch nie empfunden habe und die ich daher nicht nachvollziehen oder gar verstehen kann – und ehrlich gesagt nur zu gern einmal selbst würde empfinden wollen).
Ein Lachen in einer Art, die mich vollkommen ausschließt und mich zu einem jämmerlichen, absolut wertlosen Nichts schrumpfen lässt. Muss sich denn jeder über mich lustig machen, sobald ich auch nur mit ihm spreche?
Ich wende mich mit dem letzten Rest meines Stolzes (und da ist noch etwas in mir, das man als Stolz bezeichnen kann – vielleicht ist er das Einzige, was mich all die Jahre unter der erstickenden Gewalt meines Vaters hat überstehen lassen, ohne dass ich vollkommen zerbrach) von ihnen ab und starre wieder blicklos aus dem Fenster, höre ihnen aber bei ihrer Unterhaltung weiter zu.
Black erklärt Potter, dass er mit den Ambitionen seiner Familie nichts am Hut hat, dass er es hasst, wie sie sind. Potter grinst, wuschelt sein zerzaustes Haar, damit es noch wirrer von seinem Kopf absteht und nickt. Scheinbar glaubt er ihm. Die Scheibe spiegelt und ich kann sie weiter beobachten, ohne dass sie es bemerken.
Mit der Zeit wird es langweilig und meine Gedanken schweifen erneut ab. Ich denke zum ersten Mal wirklich über die Zukunft nach. Ich weiß, dass es in Hogwarts vier Häuser gibt. Mein Vater war früher in Slytherin. Wahrscheinlich komme ich auch dort hin. Ist mein Vater eigentlich ein schwarzer Magier? Wenn ich an seine Bücher denke, glaube ich das. Werde ich auch ein schwarzer Magier, wenn ich nach Slytherin komme? Keine Ahnung, aber es ist auch egal. Mir geht es eigentlich nur um magisches Wissen. Ganz gleich welcher Richtung. Aber wenn ich es richtig beurteilen kann, sind die Sprüche (wenigstens die komplexeren), die ich heimlich gelernt habe, fast alle schwarzmagisch. Warten wir es also einfach ab.
Der Zug ist angekommen und es ist schon fast dunkel. Alle steigen aus. Katzen miauen, Eulen schuhuhen und hin und wieder quakt eine Kröte. Ich habe kein Haustier – noch nicht mal eine Ratte (auch wenn es davon genügend in unserem Keller geben würde, mag ich die Biester immer noch nicht) - meine Eltern haben es für überflüssig gehalten, mir eins zu schenken. Vielleicht haben sie aber auch kein Gold dafür übrig … und ich hielt es für besser, keine Fragen zu stellen ... für gesünder.
Potter und Black haben sich schon wieder in den Haaren. Sie rangeln miteinander und schubsen sich hin und her, fauchen sich an, wie zwei Straßenkater, die um den Besitz des gleichen Zauns streiten. Echt sehenswert.
Plötzlich kommt ein riesiger Kerl daher geschossen, mindestens drei Meter groß, wildes Haar, wilder Bart und funkelnde Käferaugen – er sieht barbarisch und ziemlich gefährlich aus. Er packt die beiden Jungs an den schwarzhaarigen Köpfen und haut diese mit einem dröhnenden Knall zusammen.
„A Rua is jezad“, sagt er in einem eigenartigen Dialekt. „Habts nix Bessas zum toa, als eich zum Streit´n. Eini do in de Boot, zua de andan Eastklassla!“
Er schleudert die Beiden vehement in Richtung See und sie taumeln in die Boote. Meine Laune hebt sich – eine nette kleine Genugtuung für mich - und ich will ihnen recht beschwingt folgen, als sich wieder die Schmerzen in meinem Hintern bemerkbar machen und ich nur noch gepeinigt und schleichend vorwärts watscheln kann - Spinnenschritte - wie demütigend.
Die Bänke in den Kähnen sind hart und unbequem, aber die Fahrt über den See dauert nicht besonders lange und der Anblick des beleuchteten Schlosses ist so prächtig, dass er mich auch weitgehend ablenkt. Im Schiffchen vor mir haben die beiden Streithähne wieder die Köpfe zusammengesteckt und tuscheln einträchtig. Scheint ja der Beginn einer großartigen Freundschaft zu sein. Mir auch egal, sollen sie doch... (aber in Wahrheit brennt ätzender Neid in meinem Inneren – warum kann nur keiner so mit mir tuscheln? – sich fröhlich unterhalten und lachen?)
Schließlich haben wir das Schloss erreicht. Ich höre, wie die anderen Erstklässler ein wenig unruhig und besorgt über die Auswahlzeremonie tratschen. Auch ich bin neugierig, denn keiner hat mir gesagt, wie die vor sich geht, doch ich will keinen danach fragen – was, wenn sie nur wieder über mich lachen? - Nee, brauche ich echt nicht.
Der Riese scheucht uns in einen engen Raum und wir drängen uns schutzsuchend zusammen. Es ist irgendwie unheimlich hier, aber auch ungemein spannend. Eine große Hexe mit einer quadratischen Brille und einer sehr strengen Frisur kommt herein und schaut uns um Aufmerksamkeit heischend an. So zwingend ist ihr Blick, dass sofort alle verstummen. Dann erklärt sie uns, was uns jetzt erwartet.
Kurz darauf watscheln wir im Gänsemarsch in eine gewaltige Halle. Wir stehen wie verschreckte Schafe zwischen vier langen Tischen und schauen auf einen fünften, an dem Erwachsene sitzen, wohl die Lehrer. An den anderen langen Tischen sitzen - nach ihren Häusern getrennt - die älteren Schüler.
Vor uns steht ein uralter, zerknautschter, schäbiger Zauberhut. Plötzlich öffnet sich an seiner Krempe ein Riss und der Hut beginnt zu singen. Einige zucken erschrocken zusammen, doch derartige Reaktionen, habe ich mir schon längst abgewöhnt – es ist gesünder, bei mir Zuhause, wenn man nicht so schnell zusammenzuckt.
Ich bin nicht schön
Bin alt und grau
Doch meine Pflicht
Kenn ich genau
Es war der kühne Gryffindor,
Der einst mich hat getragen
Der Geist der edlen Gründer vier,
Lässt mich die Auswahl wagen
Folgt ihr dem mut´gen Gryffindor,
So tapfer, stark und kühn?
Ist es das gute Huffelpuff,
Das Ziel für eure Mühen?
Ruft euch das kluge Ravenclaw?
Habt ihr den Kopf dafür?
Seid schlau ihr und von reinem Blut?
Zeigt Slytherin die Tür.
So kommt und setzt mich auf das Haupt
Ich mach es recht und gut.
Ich treff die Wahl, ich weiß genau,
Ich bin der sprechend Hut…
Der alte Zauberhut verstummt wieder und verharrt so reglos, wie zuvor. Die Lehrerin, sie heißt McGonagall, liest unsere Namen alphabetisch von einer Pergamentrolle ab. Einer nach dem anderen setzt den Sprechenden Hut auf. Es dauert ewig, bis ich dran komme. Mir tun die Beine weh vom Stehen, der Hintern vom Sitzen und ich bin ziemlich müde.
Ein alter silberhaariger und –bärtiger Mann schaut mich so durchdringend durch seine halbmond-förmige Brille an, als könne er meine Gedanken lesen. Er scheint irgendwie alles über mich zu wissen. Es ist eigenartig, aber irgendwie vertraue ich ihm, ohne zu wissen warum … und ich fasse wirklich nicht leicht Vertrauen – ich wüsste noch nicht mal wie das geht, denn noch nie gab mir jemand einen Grund dafür.
Black wird nach Gryffindor gewählt und auch Potter kommt dort hin. Endlich bin ich dran. Ich gehe zum Stuhl und setze den alten Hut auf. Er redet mit mir, sagt dass ich großes, magisches Talent habe, starken Ehrgeiz und ein hoch entwickeltes Geltungsbedürfnis. Und dann schickt er mich - wie erwartet und wohl auch erhofft - nach Slytherin. Vielleicht ist mein Vater jetzt endlich mal mit mir zufrieden. Er hat immer von Slytherin vor sich hin gemurmelt.
Ich gehe zum Haustisch der Slytherin hinüber. Die Schüler dort klatschen, wie es die anderen zuvor auch schon bei jeder Wahl getan haben und ich setze mich zu ihnen.
Der silberhaarige Mann ist erst vor kurzem zum Direktor ernannt worden und heißt Dumbledore. Diesen Namen habe ich schon oft gehört. Der Alte gilt als verschroben, aber gleichzeitig auch als der mächtigste weiße Magier unseres Jahrhunderts. Mein Vater verflucht ihn häufig, wenn irgendwas schief gegangen ist. Er mag ihn nicht besonders, glaube ich. Vielleicht fürchtet er ihn auch. Mir hingegen ist er äußerst sympathisch.
Er hat einige Worte zu sagen. Als er mit seiner kleinen Rede fertig ist, erscheint aus der leeren Luft vor uns ein wundervolles Abendessen. Mir liegt sonst nicht viel am Essen und ich esse daheim nur, wenn ich echt Hunger habe (wohl auch, weil ich es dort immer so lieblos und gefühlskalt auf den Tisch geknallt bekomme - kann einem echt den Appetit verderben, wenn man weiß, dass man es nur bekommt, weil es nicht anders geht), aber hier schmeckt es mir wirklich und ich haue rein.
Die Anderen am Tisch plaudern miteinander. Mit mir sprechen sie nicht und meinen Namen haben sie ja bei der Auswahlzeremonie gehört. Kein Grund also, mir irgendwelche Fragen zu stellen oder sich gar mit mir zu unterhalten. Egal. Ich bin so satt, wie noch nie in meinem Leben und so müde, dass ich auf der Stelle einschlafen könnte. Ich fühle mich außerordentlich wohl – beinahe glücklich und dieses Gefühl ist sehr fremd und ungewohnt für mich – aber sehr schön.
Die Vertrauensschüler im fünften Jahr rufen ihre Häuser zusammen und uns führen sie in die Verliese hinunter, dort liegen die Räume der Slytherin. Ich bin mit drei weiteren Jungen in einem geräumigen Schlafsaal mit rohen Steinwänden. Dort stehen vier bequeme, einladenden Himmelbetten und davor unsere Koffer. Jetzt habe ich ein Problem: wie ziehe ich mein Nachthemd an, ohne dass die anderen die Narben auf meinem Rücken und meine schäbige Unterhose sehen? Das will ich nicht, es wäre mir peinlich und ich hasse es außerordentlich, mich vor anderen nackt sehen zu lassen. Aber die Betten haben Vorhänge und dahinter sieht mich keiner – dort kann ich mich verstecken.
Kaum liege ich auf dem weichen Kissen, bin ich auch schon eingeschlafen. Aber nicht für lange. Ein böser Traum weckt mich schon bald wieder auf (und sowas bin ich wie gesagt schon gewohnt, aber ich hatte gehofft, davon verschont zu bleiben – wenigstens hier in Hogwarts). Ich habe von meinem Vater geträumt, von letzter Nacht und bin mit einem leisen Schrei hoch geschreckt. Jetzt sitze ich aufrecht und mit kaltem Schweiß bedeckt im Bett. Mein Hintern tut wieder weh und ich gehe leise aufs Klo. Was sollte ich auch sonst tun?
Durch die schlecht beleuchteten Korridore gleiten durchscheinende Geister und hätten mich sicher erschreckt, hätte ich sie nicht schon beim Essen an den Haustischen gesehen. Die Verliese sind so düster und kalt, sie bedrücken mich, engen mich ein, rauben mir die Luft zum Atmen - ich möchte den offenen Himmel und die Sterne sehen. Da fällt mir die Große Halle ein, die hat eine verzauberte Decke, die so aussieht, wie der Himmel draußen und so schleiche ich mich dort hin.
Ich lege mich einfach auf den Boden (ich bin es durchaus gewohnt am harten Steinboden in unserem Keller Zuhause zu schlafen und so stört es mich nicht weiter) und wickle mich in meinen alten Umhang, starre zur Decke. Der Mond scheint und Wolken ziehen über den Sternenhimmel. Es ist so angenehm und ich lasse meine Gedanken mit den Wolken treiben. Meine Augen werden schwer und ich schlafe schließlich ein - keine üblen Träume quälen mich.
Ich werde wieder wach, als es fast schon hell ist, springe rasch auf und schleiche mich in meinen Schlafsaal zurück. Keiner hat bemerkt, dass ich den größten Teil der Nacht nicht da war. Alle anderen schlummern sorglos und friedlich. Wie es wohl sein mag, so sorglos schlafen zu können?
Ich ziehe mir - wieder hinter den grünen Vorhängen - meine schwarze Robe an. Als die anderen schließlich wach werden, gehe ich mit ihnen zum Frühstück in die Große Halle hinauf.
Die Tage vergehen. Es ist für mich nicht leicht, mit dem ganzen Unterrichtsstoff mitzukommen (auch wenn ich bereits viel zuhause gelernt habe, so war es doch nicht das, was hier im ersten Jahr gefragt ist), aber irgendwie schaffe ich es. Es gibt Muggelstämmige, denen das viel leichter fällt. (Verdammte Schlammblüter, haben mit uns reinblütigen Zauberern nichts gemein. Mein Vater hat mich gelehrt, sie zu verachten, auch die Mischblüter, bei denen nur ein Elternteil magisch ist, sind nichts wert, sagt er, aber ich weiß nicht, ob ich das glauben soll – nicht, wenn sie so gut mit der Magie sind).
Diese Professor McGonagall ist eine großartige Verwandlerin, aber ich möchte ihr nicht in die Quere kommen. Sie ist sehr streng, Hauslehrerin von Gryffindor und stellvertretende Direktorin. Bei ihr fällt es mir besonders schwer, etwas Sinnvolles zu Stande zu bringen. Ich habe einfach kein großes Talent für Verwandlungen und sie nie zuhause geübt – wie denn auch ohne Stab.
Unser Hauslehrer heißt Professor Leech. Er gibt Zaubertränke und die interessieren mich wirklich. Pflanzen und Teile von Tieren und Mineralien, die in Zinnkesseln vor sich hin brodeln und eigenartige Dinge bewerkstelligen. Unheimlich interessant. In diesem Unterricht habe ich auch Black und Potter wieder gesehen. Sie scheinen sich mit einem dritten angefreundet zu haben. Er heißt Remus Lupin und sieht für einen elfjährigen Jungen sehr eigenartig aus. Irgendwie uralt und müde und gleichzeitig sehr jung und nicht ganz gesund. Er hat struppiges, hellbraunes Haar und gelbbraune Augen, die einen warmen, humorvollen Schimmer aufweißen. Er ist etwas größer als ich, wirkt aber ziemlich ausgemergelt. Ein wirklich eigenartiger Bursche.
Die drei hocken dauernd zusammen und hecken spannende Sachen aus. Ich weiß, dass sie oft in der Nacht durch die Schule wandern, weil ich dann selbst auch meistens unterwegs bin. Ich kann immer noch nicht besonders gut schlafen und es ist langweilig, mit offenen Augen in der Dunkelheit zu liegen und an die Decke zu starren. Also, warum nicht durchs Schloss wandern?
Ich würde die Bande nur zu gern bei etwas Unzulässigem erwischen, dann bekämen sie Ärger und ich hätte meine Rache, denn ich bin immer noch sauer auf Potter und Black und würde ihnen ein paar üble Schwierigkeiten wirklich von Herzen vergönnen.
Wenn ich aber mit mir selbst ganz ehrlich bin, wäre ich noch lieber bei ihnen mit dabei, denn sie scheinen immer eine Unmenge Spaß zu haben.
Wenn sie mich sehen, machen sie sich über mich lustig und ich habe mir angewöhnt, ihnen den einen oder anderen Zauber hinterher zu schicken, aber das ist nicht ganz ungefährlich. Sie sind zu dritt und ich bin allein. Besonders Black und Potter sind geradezu geniale Magier, das muss der Neid ihnen lassen. Lupin steht meistens nur daneben und mischt sich nicht ein. Er ist auch recht geschickt im Unterricht, aber bei Weitem nicht so gut, wie die zwei Anderen.
…und von den Lehrern sollte ich mich wohl besser auch nicht erwischen lassen … wäre echt nicht gut für mich und meine Knochen – mein Vater würde sie mir alle einzeln brechen, wenn er einen blauen Brief von der Schule bekommt...
Heute haben wir unsere erste Besenflugstunde. Als ich auf dem Rasen vor dem Schloss ankomme, stehen Potter und sein Klüngel schon dort. Die schon wieder, na bestens - Verflixte Kerle!
Eine sehr junge Lehrerin - Madame Hooch - kommt daher und sagt uns, wie wir die Hexenbesen handhaben sollen und wir steigen auf. Ich bin ziemlich nervös und das krumme und schiefe Ding unter mir macht mir ein wenig Angst – ich bevorzuge es, festen Boden unter meinen Füßen zu haben, denn einen Besen konnten wir uns nie leisten und so habe ich nicht die leiseste Ahnung vom Fliegen.
Der Hexenbesen unter mir steigt hoch, wie ein durchgegangener Hippogreif und bockt wie verrückt, versucht mich abzuwerfen – vielleicht kann er meine Unsicherheit und Angst spüren, wie ein Tier. Unten steht ein Mädchen aus meinem Haus und lacht sich bei diesem Anblick schief. Ich glaube sie heißt Parcy LaCroix. Die Anderen sind mit ihren eigenen Besen beschäftigt, zu mindestens tun sie so. Trotzdem ist das so schrecklich peinlich. Warum kann ich denn nie mit irgendwas mal gut dastehen und Anerkennung oder gar Respekt dafür bekommen?
Schließlich kann ich mich nicht mehr am Griff festhalten und krache runter, wie ein Stein. Mein ganzer Körper dröhnt vom Aufprall. Ich drehe mich ächzend um und stehe schwerfällig auf. Ein schneller Blick beweißt Madame Hooch, dass mir nichts Ernstliches passiert ist. Mein Besen dreht noch eine einsame Runde und geht dann - irgendwie spöttisch - neben mir am Rasen nieder. Ich nehme ihn wieder in die Hand und halte mich krampfhaft daran fest.
Da steigt Potter in den blassblauen Himmel auf und das lenkt alle ab, denn er fliegt wie ein junger Gott. Sein wirres schwarzes Haar fliegt hinter ihm her, die anderen klatschen und jubeln (Neid - brennender Neid in meiner Brust und Wut darauf, dass er es ist, der diese positive Aufmerksamkeit erhält und nicht ich).
Mich beachtet keiner mehr. Ich stehe da, wie der letzte Trottel und alles tut mir weh, aber ich gebe mir alle Mühe, mir nichts anmerken zu lassen. Als Potter wieder landet, steigt einer nach dem anderen auf und dreht seine vorgeschriebene Runde. Keiner von ihnen stellt sich so dämlich an, wie ich, auch wenn keiner so grandios fliegen kann, wie Potter. Lieber Himmel, ist das demütigend und unfair.
Ich stehe verkrümmt neben meinem Besen und sehe ihnen beim Fliegen zu. Madame Hooch schüttelt nur den Kopf, als ihr schweifender Blick auf mich fällt.
„Sie steigen heute wohl besser nicht mehr auf, Mr Snape“, sagt sie ernst zu mir. „Ein Absturz am Tag genügt mir vollkommen.“
Mir auch – auch vollkommen. Ich beschließe, bei weiteren Flugstunden zu fehlen – einfach krank zu sein – Kopfweh oder so.
Und wirklich habe ich erst viele Jahre später gelernt, auf einem Besen zu fliegen. Damals machte es Spaß, aber heute tue ich es nicht mehr wirklich gern – ich habe dafür auch gute Gründe ... lassen wir das ... später mehr davon.
Am Ende der Stunde hinke ich unglücklich zum Schloss zurück und wünsche mir, ich könnte so gehen, dass man nichts mehr von meinem Absturz bemerkt, doch ich kann es nicht wirklich verhindern. Hinter mir höre ich ein fröhliches Lachen und als ich mich umdrehe, sehe ich wie Potter über Black lacht, der meine harte Landung sehr theatralisch nachahmt. Wirklich ein begnadeter Mime, dieses Ekel. Sie haben mein Missgeschick also doch gesehen. Mistkerle! Mein Gesicht wird heiß und ich laufe knallrot an, meine Ohren brennen. Merlin, ist das peinlich! Salazar, bin ich wütend!
Ich beeile mich, in die Räume von Slytherin zurück zu kommen, denn für heute ist der Unterricht zu Ende. Ich sollte eigentlich im Gemeinschaftsraum meine Hausaufgaben erledigen, aber ich kann jetzt keine Gesellschaft und keine spöttischen Blicke ertragen, also gehe ich in den Schlafsaal hinauf.
Fliegen summen herum - Fliegen? Hier unten in den Verliesen? Sie gehen mir auf die Nerven, denn sie können fliegen und ich nicht. Ich ziehe meinen Zauberstab aus der Tasche meiner Robe und blase die Biester aus der Luft. Sie fallen zappelnd auf den Boden und sind kurz darauf Geschichte.
„Na wartet, ihr Kerle! Euch krieg ich noch dran! Euch zeig ich’s noch!“ murmle ich stinkwütend vor mich hin.
Ich meine Potter und Konsorten, nicht die Fliegen, aber in Ermanglung eines Besseren lasse ich meine hilflose Wut an den lästig summenden Fliegen aus.
Sie lachen über mich, spotten und feixen. Alle, sogar meine eigenen Hauskameraden. Dauernd flüstern sie hinter meinem Rücken.
„…Schleimbeutel…“ - „…schäbig…“ - „…Kohlensack…“ - „…noch nie in der Dusche gesehen…“ - „Der soll sich doch mal seine schmierigen Haare waschen!“
Das haben sie auch schon in meiner alten Schule immer gesagt. Aber wenn ich mir die Haare zu oft wasche, fliegen sie mir vor die Augen und das stört mich. Duschen gehe ich sowieso nur, wenn ich völlig sicher sein kann, dass mir keiner dabei zusehen kann, wie gesagt, ich hasse es, wenn mich jemand nackt sieht.
Dennoch habe ich mich ein bisschen mit Hieratus Morch angefreundet oder er sich mit mir, wie man´s nimmt. Er ist in Slytherin der Einzige, der mal mit mir redet, sich sogar länger mit mir unterhält. Es tut gut, nicht ganz so alleine zu sein, aber so ganz vertrauen kann ich Hieratus auch nicht. Wenn die Anderen sich über mich lustig machen, lacht er nicht selten auch mit und wenn er dann bemerkt, dass ich ihn ansehe, hört er sofort damit auf und wird knallrot. Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Ist er nun sowas wie ein Freund, oder ist er keiner?
Halloween kommt und am Abend ist ein Fest in der großen Halle geplant. Heute, beim Frühstück, rief Dumbledore uns zur Ruhe und stellte uns eine neue Schülerin vor. Lily Evans. Sie ist erst jetzt nach Hogwarts gekommen, weil sie die Masern hatte, das ist eine Kinderkrankheit der Muggel. Sie ist also ein Schlammblut. Ein seltsames Gefühl. Eigentlich sollte ich sie deswegen verachten, aber sie scheint etwas Besonderes zu sein. Sie hat herrliches, langes, rotbraunes Haar und wundervolle, leuchtend smaragdgrüne Mandelaugen – die schönsten Augen, die ich je gesehen habe. Ich kann nicht anders, als sie anzustarren, als hätte ich noch nie ein Mädchen gesehen – was auch stimmt – auf diese Art habe ich noch nie ein Mädchen gesehen – Nee, so echt noch nicht.
Dumbledore sagt, dass sie in seinem Büro den Sprechenden Hut aufgesetzt hat und dieser sie nach Gryffindor gewählt hat. Schade. Es wäre mir lieber, wenn sie bei mir in Slytherin wäre, aber das ist wohl kaum möglich, denn es heißt, dass Salazar Slytherin Reinblüter bevorzugt hat und das ist sie nun mal nicht.
Ich kann meine Augen erst von ihr abwenden, als ich Blacks lautes Gelächter höre. Er zeigt auf mich und feixt mit blitzenden Augen. Neben ihm sitzen Potter und Lupin und lachen ebenfalls. Verflixte Mistkerle!
Wir gehen zum Zaubertrankunterricht in die Verliese hinunter. Wie von selbst, habe ich meinen Stab in der Hand und jage Potter einen Wabbelbein in den Rücken. Er eiert herum, wie ein betrunkener Frosch und ich krümme mich in hämischem Gelächter. Er sieht so unglaublich komisch aus. Aber ich lache nicht lange, denn Black wirbelt herum und schickt mir etwas ins Gesicht, das meine Nase zum Bluten bringt und meinen Stab durch die Luft wirbeln lässt. Es klingt wie „Expelliarmus!“
In diesem Moment kommt Leech aus dem Verlies heraus, in dem wir Unterricht haben. Er sieht den gezückten Zauberstab in Blacks Hand und meine blutige Nase. Er kombiniert messerscharf und zieht Gryffindor fünf Punkte ab. „Finite Incantatem!“ beendet er beiläufig Potters herumeiern.
Der Punkteabzug, das geschieht ihnen Recht, aber wenn ich ehrlich bin, hätte ich auch fünf Punkte Abzug verdient, schließlich habe ich dieses Mal mit diesem Mist angefangen.
Wieder sitze ich alleine im Schlafsaal und puste mit meinem Zauberstab Fliegen aus der Luft. In einer Stunde fängt das Halloween Festmahl an. Ich fühle mich so elend, einsam und verloren. Komme mir so beschmutzt vor, höre das dreckige Lachen meines Vaters und rieche seinen stinkenden Whiskeyatem.
Nach der letzten Unterrichtsstunde (heute war es nur am Vormittag, wegen Halloween) bin ich hier runter gegangen und weil ich letzte Nacht wieder fast nicht geschlafen habe (ich konnte nicht und habe Potter und seinem Klüngel nachspioniert), bin ich dann eingeschlafen und hatte wieder mal einen elenden Alptraum von meinem Vater.
Ich sitze voll bekleidet auf meinem Bett und habe die Vorhänge zugezogen. Ich zittere jämmerlich und kalter Schweiß läuft mir den Rücken hinunter. Mir ist kotzübel und meine Vorfreude auf das Fest später hält sich in sehr engen Grenzen. Ich glaube nicht, dass ich viel runter bekommen werde. Ich fühle mich so Scheiße.
Lily Evans saß im Unterricht bei Potter und seinen Freunden. Sie hat sich mit ihnen freundlich unterhalten und glücklich mit ihnen gelacht. Ein wundervolles, perlendes Lachen, das mir wie ein glühendes Messer ins Herz gefahren ist.
„Severus, du musst härter werden, das darf dich alles nicht kümmern. Das muss dir alles egal sein. Mach die Kerle fertig, bevor sie dich fertig machen können. Hier darfst du Magie benutzen, auch wenn du noch minderjährig bist. Der Wabbelbein, war schon mal nicht schlecht, aber du darfst dich nicht dabei erwischen lassen. Du musst es so hindrehen, dass die anderen ihr Fett abbekommen“, murmle ich missmutig und unglücklich vor mich hin.
Ich sitze da, puste weiter die lästigen Fliegen aus der Luft, grüble sauer vor mich hin und warte, bis die Zeit vergeht. Hieratus kommt rein und will mich zum Fest abholen. Ich grinse ihn unfroh an und gehe mit ihm mit. Eigentlich recht nett von ihm, nachzusehen, wo ich abgeblieben bin.
Wie ich es erwartet habe, kann ich fast nichts essen, obwohl alles wirklich köstlich ist. Lilys perlendes Lachen schnürt mir einfach die Kehle zu.
„Schlammblut, Schlammblut“, flüstere ich vor mich hin, aber das nützt auch nichts.
Dieses Mädchen ist wirklich etwas ganz Besonderes.
Es wird Weihnachten und Hieratus hat mich zu sich nach Hause eingeladen. Ich bin zu Dumbledore gegangen und habe gefragt, ob das möglich ist. (Es würde mir viel besser zusagen, Weihnachten mit Hieratus, oder sonst wem zu verbringen, als wieder nach Hause zu müssen). Der Alte hat mich mit sehr traurigen Augen angesehen und gesagt, dass mein Vater ihm bereits eine Eule geschickt hat, um in Erfahrung zu bringen, wann die Ferien anfangen, damit er mich rechtzeitig in Kings Cross abholen kann und dass er sich schon sehr auf mich freut. Wenn der Alte ihm diesen schleimigen Bockmist glaubt, warum schaut er dann so traurig? Ich bin ganz sicher, dass Dumbledore viel mehr weiß, als er zugeben würde.
Der Zug bringt mich nach London. Viele meiner Mitschüler sind im Zug und lachen und quatschen und freuen sich. Aber in mir rührt sich keinerlei frohes Gefühl. Noch weniger, da ich im Abteil nebenan hören kann, wie Potter und Black sich glänzend amüsieren. Höre ein murmelndes Gequassel und fröhliches Lachen.
Ich habe gehört, dass Black die Feiertage bei Potter verbringt, weil er nicht zu sich nach Hause will. Ich habe keine Ahnung, wo Lupin steckt. Er verschwindet von Zeit zu Zeit für ein oder zwei Tage. Jetzt ist er auch mal wieder weg. Seltsamer Kerl, aber wenn er nicht zu Potters Klüngel gehören würde, wäre er eigentlich ganz OK – denke ich mal – ich weiß es nicht wirklich, schließlich kenne ich ihn ja nicht näher und immerhin ist er in Gryffindor, mit denen wir Slytherins nichts zu tun haben wollen (so heißt es jedenfalls in unseren Räumen und wer bin ich, mich dagegen aufzulehnen?)
Hieratus sitzt neben mir und versucht, mich aufzuheitern. Nett von ihm, aber im Moment kann mich nichts aufheitern. Der Gedanke an meinen Vater hängt wie das berüchtigte Schwert des Damokles über mir und die Erinnerung an das Weinen meiner Mutter stimmt mich auch nicht grade fröhlicher.
Wintersturm
Mein Alter hat mich abgeholt und wir sind mit Flohpuder nach Hause gezappt. Meine Mutter hat mich angesehen, als wäre ich etwas, das man sich angeekelt von der Schuhsohle kratzt. Mein Vater nahm sich sofort seine Flasche Feuerwhiskey und begann haltlos zu trinken, bis er so dicht war, dass er anfing zu pöbeln.
Nichts mehr war ihm recht, alles war verkehrt, alles ging ihm auf die Nerven. Meine Mutter, ich, Hogwarts, Dumbledore. Besonders Dumbledore scheint er wie die Pest zu hassen. Ich habe keine Strafen aus Hogwarts, musste noch nicht einmal nachsitzen und es gab erst recht keinen blauen Brief nach Hause. Auch meine Leistungen sind gar nicht so schlecht – eher im Gegenteil.
(Zugegeben, die von Potter und Black sind besser – besonders in Verwandlungen, wo ich mich immer noch jämmerlich anstelle, allerdings kann mir in Zaubertränken kein einziger Mitschüler das Wasser reichen und das stellt mich dann doch sehr zufrieden - aber die beiden haben auch schon einigen Ärger bekommen, weil sie es einfach nicht lassen können, allen anderen alle möglichen und auch unmöglichen Streiche zu spielen).
Mein Vater hat rumgeschimpft und gewettert und als ich nicht darauf reagiert habe, hat er mich an meinen Haaren hoch gezogen und mir hart ins Gesicht geschlagen. Blitzschnell hatte er wieder seinen Gürtel in der Hand und prügelte auf mich ein. Die alten Narben waren in Hogwarts verheilt, aber jetzt verpasste er mir dazu passende Neue.
Meine Mutter saß in der Ecke und heulte vor sich hin. Wieder schleifte er mich an den Haaren nach oben in mein Zimmer und warf mich hinein. Dann hörte ich, wie seine Schritte wieder nach unten polterten, seinen Ruf nach einer neuen Flasche, die hier sei leer.
Jetzt sitze ich auf meinem Bett und die Schmerzen lassen langsam wieder nach. Ich starre trübsinnig vor mich hin und warte auf die Spinnenschritte - er wird reinkommen, wenn er genug gesoffen hat, da bin ich mir mehr als nur sicher.
Und wirklich, lange muss ich nicht darauf warten. Die Treppe knarrt und ich höre den schweren, keuchenden Atem meines Vaters. Die Türe quietscht und er stakt herein.
„Zieh dich aus“, zischt er. „Mach schon, Junge, du musst mich in diesen langen Monaten doch schon sehr vermisst haben.“
Habe ich mit Sicherheit nicht - ich habe mich vor diesem Moment schon den ganzen Tag gefürchtet - aber was soll ich tun? Er ist schließlich mein Vater. Ich muss ihm gehorchen, weil ich ihm gehöre. Ich darf auch keine Magie gegen ihn einsetzen, nicht hier, nicht in meinem Elternhaus, nicht, wenn ich diese Nacht überleben will.
Er steht wie ein Berg über mir und wirft seine Robe ab. Ich bewege mich nicht, mache keine Anstalten mein Nachthemd auszuziehen, bin wie erstarrt. Er packt mich am Kragen und reißt es mir vom Körper. Dabei stranguliert er mich beinahe.
Den Striemen habe ich noch heute und trage daher immer hochgeschlossene Kleidung, damit es keiner sehen kann und möglicher weiße dumme Fragen stellt, die ich weder beantworten kann noch will.
Er zieht mich aus dem Bett und zwingt mich brutal vor sich auf die Knie. Ich ringe keuchend nach Luft und würge. Seine Hand hat er in meine Haare geschlungen. Er reißt daran und es tut schrecklich weh. Tränen treten mir in die Augen, aber ich will nicht weinen - ich wage es nicht. Er zwingt mich still zu halten und dringt von hinten schonungslos in mich ein. Das ist so demütigend. Es ist als würde er mich innerlich mit einem sehr rauen, viel zu dickem Sandpapier bearbeiten. Seine zweite Hand krallt sich in meine Schulter und ich spüre, wie seine Fingernägel in meine Haut eindringen. Er keucht und stöhnt. Wieder fühle ich, wie Blut meine Schenkel hinunter rinnt und schließlich - nach einer schieren Ewigkeit - wie sich sein Sperma damit vermischt.
Ich breche kraftlos am Boden zusammen und höre, wie seine Schritte hinausschwanken, das Schlagen meiner Tür, dann das Schlagen der Tür des Elternschlafzimmers, das Quietschen der Bettfedern und das jämmerliche Schluchzen meiner Mutter.
Ich liege verloren am Boden und will mich nie wieder bewegen. Es ist so eiskalt auf den nackten Dielen. Meine Schulter schmerzt, mein Körper ist verschwitzt und klebrig und mein Hintern brennt wie Feuer. Am liebsten würde ich sterben, einfach nicht mehr sein. Ich fühle mich, so miserabel, so gedemütigt, beschmutzt und missbraucht. Wie der letzte Dreck. Einfach nur wertlos.
Aber dann höre ich eine leise Stimme in meinem Kopf sprechen. Sie ist nüchtern und beinahe ohne Emotionen. Sie sagt, ohne wirklich Worte zu gebrauchen:
„Gib dem Drecksack nicht die Genugtuung. Steh auf, Severus, geh ins Bad und wasch dich ab. Dann gehst du ins Bett und versuchst ein bisschen zu schlafen und morgen … morgen, gehst du wieder in deine geliebten Wälder … Frieden … Freiheit…“
Ich höre auf den Rat der Stimme, rapple mich auf und schwanke mit weichen Knien ins Bad. Dort nehme ich mir einen Lappen und mache ihn mit kaltem Wasser nass, reibe mir das Blut und das klebrige Zeug vom Körper. Meine Haut ist klamm, grau, irgendwie farblos und tot. Ich schaue in den Spiegel: Meine Augen stehen leer, wie schwarze Löcher, in meinem bleichen, angespannten Gesicht. Meine Lippen sind zusammengekniffen und blutig gebissen, schmal, meine Zähne zusammengebissen, gefletscht, wie bei einem bissigen Hund. Ich bin doch erst elf, werde erst im April zwölf, bin noch ein Kind, aber ich fühle mich alt, so uralt und verbraucht. Angeekelt, hilflos, verlassen, leer.
Ungeweinte Tränen brennen in meinen Augen und Hass fetzt in meiner Seele. Hass auf alles, was mich verletzt, sei es nun mein widerlicher Vater oder Potter und sein elender Klüngel. Und meine Mutter, dieses leere, hohle Wesen...
„Spielt keine Rolle, Severus, überhaupt keine Rolle. Nichts fühlen, nicht denken, nur handeln, Severus.“
Ein guter Rat dieser Stimme.
Sie sollte in den folgenden Jahren noch oft zu mir sprechen. Sie sollte dafür sorgen, dass ich weiter lebte, auch wenn ich tausendmal Schluss machen wollte. Sie gab mir die Kraft dazu. aber eigentlich war es nur der Wunsch, den anderen nicht die Genugtuung zu geben, mich scheitern zu sehen, dass ich heute noch lebe.
Fast eine viertel Stunde stehe ich vor dem Spiegel und starre hinein. Mein Gesicht verwandelt sich langsam. Es wird zu einer grässlichen Horrorfratze, hat nichts mehr mit dem Jungen namens Severus Snape zu tun.
„Das musst du werden“, sagt die Stimme in meinem Kopf. „Dann kann dir keiner mehr was.“
Weiter starre ich in den Spiegel, bis alles vor meinen Augen verschwimmt, undeutlich wird, die Bedeutung verliert. Schließlich wende ich mich müde und unglücklich ab und schlappe in mein Bett. Ich schlafe wie ein ängstliches Kaninchen hinterm Strauch. Immer wieder suchen meine Augen die erstickende Dunkelheit ab, bis sie sich langsam auflöst, als schließlich doch die Morgendämmerung über die Hügel gekrochen kommt.
Kaum kann ich draußen Einzelheiten unterscheiden, ziehe ich meine alte Robe an und werfe mir meinen Umhang über, schleiche mich die Treppe hinunter und aus dem Haus. Es ist eiskalt und der Schnee ist recht tief. Ich sinke fast bis zu den Knien ein und mein Atem raucht in einer dichten, weißen Wolke vor meinem fast erstarrten Mund.
Habe ich Hunger? Ich weiß es nicht. Und wenn, auch egal – ich hatte schon öfters mal Hunger. Friere ich? Keine Ahnung – mit ist fast immer kalt. Nur weg von unserer Hütte, von Vater und Mutter, dem ganzen unendlichen Elend. Einfach ein Schritt nach dem anderen. Meine tiefe Spur im Schnee hinter mir, blasses, unberührtes weiß vor mir. Ich ziehe mir die Kapuze über den Kopf, denn meine Ohren brennen in der Kälte. Die Haare in meiner Nase gefrieren, aber ich nähere mich langsam dem Wald.
Hier unter den Bäumen liegt kaum Schnee, aber meine Füße, Beine und Socken sind jetzt schon klatschnass – und kalt, so eiskalt.
„So kalt, wie deine Füße musst du selber werden, Severus, keine Gefühle mehr“, sagt die kleine Stimme in meinem Kopf.
„Ich versuche es“, antworte ich ihr entschlossen. „Ich versuche es wirklich.“
Schritt um Schritt gehe ich weiter. Unter den Bäumen ist es viel einfacher vorwärts zu kommen, als draußen auf offenem Gelände. Meine Lichtung kann nicht mehr weit weg sein.
Da! Endlich kann ich sie sehen. Ich war noch nie im Winter hier, immer viel zu kalt. Sie sieht ganz fremd aus. Kalter Schnee drückt das trockene Gras nieder und eine fahle Sonne bringt das weiß grell zum Leuchten. Die glitzernde, reine Helligkeit brennt in meinen Augen und lässt sie tränen. Ich kann es nicht verhindern und wische mir unwillig mit dem Ärmel meiner Robe übers Gesicht, verschmiere die salzige Feuchtigkeit auf meiner eisigen Haut. Meine Nase läuft und ich schniefe, dabei dringt eisige Luft in meine Lungen und auch sie beginnen wie Feuer zu brennen.
Die Bäume sind so kahl und tot und einsam. So einsam, wie ich es immer bin. Ich hasse den Winter und ich hasse die Kälte!
Plötzlich wird mir alles zu viel und ein schrecklicher Schrei quält sich über meine Lippen. Ich klinge, wie ein hungriger Wolf, der in eine Falle geraten ist und sich die Pfote abgebissen hat, um seine Freiheit wieder zu erlangen und breche zusammen, sinke auf die Knie und weine, flenne wie ein kleines Baby. Ich schreie das endlose Leid, das quälende Elend, den grenzenlosen Kummer, den nie enden wollenden Schmerz aus meiner Seele zum fahlen, leeren Winterhimmel hinauf.
Doch ich erhalte keine Antwort von wo auch immer und das macht mich hilflos wütend, also schlage ich wie von Sinnen mit meinen nackten Fäusten auf den verharschten Schnee. Das gefrorene Zeug ist messerscharf und reißt meine Haut auf. Meine Hände beginnen zu bluten, doch ich achte nicht darauf. Fast eine Stunde lang tobe ich in der Einsamkeit, dann wird mein Inneres kalt, so kalt wie der Schnee auf dem ich kauere.
Es waren die letzten Tränen, die ich auf Jahre hinaus vergießen sollte. So sehr ich es mir auch wünschen sollte, es dauerte schier ewig, bevor ich wieder weinen konnte. Kalt, gefühllos, so wollte ich von nun an sein - redete ich mir damals auf jeden Fall verzweifelt ein.
...und wieder wurde ein weiteres Stück meines Ichs zerstört – vielleicht auch nur tief in mir eingeschlossen – ich weiß es bis heute nicht...
Ich friere so sehr, dass es sich schon fast heiß anfühlt, aber auch diese Unannehmlichkeit sollte mir egal sein. Egal, wie alles andere auch. Es mag jetzt bald Mittag sein und ich sollte eigentlich wieder nach Hause gehen, aber ich will noch nicht. Ewigkeiten lang starre ich blicklos in die Unendlichkeit. Jahre. Jahrzehnte. Jahrhunderte…
Das warme Blut auf meinen Händen gefriert in der Kälte, genau wie die Feuchtigkeit auf meinem Gesicht, meine Nase verklebt. Ich bekomme nur noch Luft, wenn ich durch den Mund atme, keuchend, schnaufend, wie ein uralter Drache. Die eisige Luft beginnt noch stärker in meinen Lungen zu stechen. Aber mir ist das alles egal, so egal.
Dicke Wolken ballen sich am Himmel zusammen und er wird schwefelgelb. Jetzt ist es wirklich Zeit zu gehen, es sieht aus, als wolle es beginnen zu schneien. Ich rapple mich auf die Füße, meine Gelenke knacken und meine Muskeln sind steif. Zu lange habe ich fast bewegungslos im verharschten Schnee gekniet.
Ich quäle mich vorwärts und die Schmerzen, als mein Blut die Muskeln wieder erwärmt, sind exzellent, erlesen. Mir ist jetzt wirklich kalt, eiskalt. Meine Füße spüre ich fast nicht mehr, nur noch die nassen, halb gefrorenen Socken, die mit dem harten Leder an meiner Haut scheuern. Ich fasse mir mit meiner fast gefühllosen Hand ins Gesicht. Es fühlt sich an, wie toter, gefrorener Marmor. Ein trockener Husten löst sich aus meiner Kehle, rollt durch meine Luftröhre, brennt in meinem Hals. Meine Nase beginnt jetzt wieder zu laufen. Der Rotz gefriert in der kalten Luft fast sofort. Das angetrocknete Blut auf meinen Händen lässt glühende Nägel in meine klammen Finger schießen. Was nicht mit verkrustetem Blut bedeckt ist, hat sich bläulich verfärbt.
Ich wickle mich fester in meinen verschlissenen Umhang, stecke meine Hände unter die Achseln, damit sie wieder etwas wärmer werden. Hilft auch nicht viel. Ein eisiger Wind faucht durch die Bäume, sie ächzen, krachen, bersten im Frost, wanken hin und her. Oder bin ich es, der wankt?
Buntes Flirren vor meinen Augen. Blitze, Sterne, ganze Galaxien. Meine Stirn brennt, sie glüht regelrecht. Jeder Schritt fällt mir schwer, ich stolpere, strauchle, falle, stehe wieder auf und schleppe mich schwerfällig weiter. Der wütende Wind treibt Schnee zwischen die Bäume. Die Flocken sind wie Nadeln und peitschen mein Gesicht, reißen mir fast die Haut von den Wangen. Ich ziehe den Kopf zwischen meine Schultern, mache mich klein, mache mich unscheinbar.
Wo bin ich? Was mache ich hier überhaupt?
Weiter, einfach weiter! Kalt wie Eis, Severus, noch kälter als Eis! flüstert die Stimme in mir und ich tappe - taumelnd und schwankend - weiter, immer weiter.
Endlich lichtet sich der Wald und ich komme an den Rand des Dorfes. Ich stolpere wieder, falle hin. Der starke Wind hat den lockeren Schnee in große Haufen an die Hüttenwände geweht, meine Hände treffen auf blankes Eis und fangen wieder an zu bluten. Ich prelle mir die Arme bis in die Ellenbogen, bis in meine Schultern. Ich stöhne auf, ächze – aber meine Arme tragen das Gewicht meines Körpers.
Der Sturm treibt die Eisnadeln über meinen geschundenen Leib, weht mir die Kapuze vom Kopf, spielt so grausam mit meinem wehenden Haar, wie die groben Finger meines verfluchten Vaters. Ich krieche auf allen Vieren auf unsere Hütte zu. Irgendwie schwebe ich über mir selbst und sehe, wie ich mich durch den Blizzard quäle:
Ein kleiner, dürrer Junge, mit fettigem, schwarzem Haar, das im Wind peitscht. Er hat eine laufende, große Hakennase, die fast schon blau ist. Schmale, zusammengepresste Lippen, violettblau. Hin und wieder keucht er, Speichel tropft dann in den Schnee und gefriert sofort in der Kälte. Seine Augen sind zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen