Eine Woche Hölle

     von Aisling


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Tag 1 - 3


Die Siegesfeier

 

Spoiler: alle fünf Bände
Timeline: Die Story spielt im sechsten Schuljahr von Harry. Es ist Ende April/Anfang Mai
Summary: Eine Woche im Leben von Severus Snape. Nichts ist, wie es scheint… oder doch?

Danksagung: An Birgitt. Die wieder ein perfektes Beta geleistet hat.

 

 

Der erste Tag

 

Wir hatten gewonnen. Es war ein harter Kampf gewesen. Zu viele hatten für unser gemeinsames Ziel ihr Leben gelassen und es gab eigentlich keinen Überlebenden, der ohne Verletzung davon gekommen war, aber das Wichtigste war, dass wir siegreich waren.

Es war Abend geworden und ich sah mich um, um zu sehen, wer außer mir noch überlebt hatte. Viele waren wir wirklich nicht mehr, es hatten sich auf dieser einsamen Lichtung nicht mehr als zwanzig Personen versammelt. Die Dämmerung hatte schon eingesetzt und nur der Mond warf schatten. Aber trotz allem hatten wir IHN besiegt.

Er war wahrscheinlich tot, oder mindestens so angeschlagen, dass er uns in den nächsten Monaten nicht mehr schaden konnte und wir wieder Kräfte sammeln konnten.

Und wir hatten seinen Hoffnungsträger gefangen genommen. Zwei von uns bewachten ihn. Einen Prozess würden wir ihm nicht machen. Dafür hatte er uns in den letzten Jahren zu viel angetan. Ich hasste ihn mit jeder Faser meines Seins. Seitdem er in mein Leben getreten war, war mein Lebensstandard von armselig auf unerträglich gesunken, aber das würde sich nach dieser Nacht schlagartig ändern. Er würde sterben. Nicht kurz und schmerzlos, auch nicht durch den Kuss eines Dementors, nein, das wäre noch viel zu gnädig.

Aber ich musste mich noch etwas gedulden, der Lord war noch nicht da. Und niemand würde ohne die Erlaubnis unseres Herrn Harry Potter foltern.

Ein leises Raunen ging durch die Reihen und ließ mich aufblicken. Ich schaute direkt in die Augen meines dunklen Herrn, der erschienen war.

Aber wieso nur musste er immer so lautlos auftauchen? Konnte er nicht wie jeder andere Zauberer beim Apparieren ein leises ‚Plopp' von sich geben? Ich bevorzugte eine Warnung, bevor irgendjemand in meine Nähe kam.

Ich unterdrückte diese rebellischen Gedanken, neigte ergeben meinen Kopf und sank auf meine Knie. Dadurch, dass ich in Gedanken gewesen war, war ich der letzte, der niederkniete.

Ich hielt den Atem an und wartete demütig auf meine Strafe. Aber sie kam nicht. Stattdessen forderte er uns auf aufzustehen.

"Heute ist ein Tag der Freude, Dumbledore ist besiegt und Harry Potter unser Gefangener. Deswegen werde ich auch heute von jeglichen Bestrafungen absehen und wir werden feiern. Eine Nachbesprechung des Kampfes wird allerdings in den nächsten Tagen erfolgen."

‚Wenn wir uns wieder erholt haben und uns seine Strafen nicht töten können', ergänzte ich in Gedanken. Ich war nicht unbedingt begeistert, dass er uns bei Fehlverhalten und Misserfolgen zur Strafe folterte, hätte es an seiner Stelle aber auch nicht anders gemacht. Denn anders war es nicht möglich, eine Gruppe ehrgeiziger Schwarzmagier zu kontrollieren.

Es hatte zwar einige Zeit gedauert, bis er mir wieder vertraut und in seinen engeren Zirkel aufgenommen hatte, aber jetzt war ich nach Malfoy sein zweiter Mann. Stop! Lucius Malfoy war tot. Er hatte sich während der Schlacht mit Ron Weasley angelegt und ihn umgebracht. Davon wurde Potter so abgelenkt, dass wir ihn fassen konnten. Aber nicht bevor er Lucius Malfoy getötet hatte.

Den unverzeihlichen Fluch ‚Avada Kedavra' beherrscht Potter inzwischen. Er war damit schneller als jeder Todesser. Und so etwas stand auf der Seite des Lichts.

Durch den Mord an Malfoy wurde ich zur rechten Hand des dunklen Lords.

Mir wurde plötzlich bewusst, dass sich deswegen auch mein Verhalten ändern musste. Ich löste mich aus der Menge und bewegte mich auf Potter zu, bemühte mich dabei, mein Hinken zu verbergen. Hasserfüllt sah ich ihn an. Er reagierte nicht und starrte weiterhin auf einen imaginären Punkt über dem dunklen Lord.

Ich gab seinen Bewachern einen Wink und forderte sie auf, den verdammten Jungen vor den Lord zu bringen. Erstaunlicher Weise wehrte sich dieser nicht. Er schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein.

Aber dies änderte ein vom dunklen Herrscher geflüstertes ‚Crucio', das Potter wie einen Sack zu Boden stürzen ließ. Er wand sich unter den Schmerzen und schrie seine Pein heraus. Ich konnte zu meiner großen Befriedigung sehen, dass auch er den letzten Kampf nicht unbeschadet überstanden hatte.

Mein Lord hob den Fluch schon nach wenigen Sekunden wieder auf. Potter benötigte einige Minuten, um wieder zu Atem zu kommen.

"Wir kommen jetzt zum Höhepunkt des Abends. Potters Sterben. Habt ihr Vorschläge, um diesen Programmpunkt interessant zu verlängern?" Seidenweich klang die Stimme meines Lords, aber jeder von uns wusste, was er wollte. Nur ein ‚Crucio' würde ihm nicht reichen. Das schwächte Potter zu sehr und würde ihn viel zu schnell umbringen.

Nachdem Crabbe und Goyle einige minderwertige Ideen vorgebracht hatten, und niemand sonst es wagte, einen Vorschlag zu machen, trat ich vor.

Ich warf mich vor dem Lord auf den Boden, senkte in perfekt demütiger Haltung meinen Kopf und wartete, dass er mir das Wort erteilte.

"Giftmischer! Da Lucius es leider nicht geschafft hat, Hogwarts lebend zu verlassen, bist du nun meine rechte Hand. Was für einen Vorschlag hast du?"

"Die anderen Pläne sind nicht schlecht, erschöpfen aber Potters Körper viel zu schnell. Ihr habt mich vor einiger Zeit gebeten, einen Trank zu entwickeln, der ähnlich wie der Crucio-Fluch unendliche Schmerzen bereitet, aber nicht zum Tode führt und auch keine nachweisbaren Folgen hat."

Die erwartungsvollen Blicke der überlebenden Todesser konnte ich fast schon spüren. Deswegen machte ich auch eine kleine Pause, fuhr aber fort, bevor mein Herr ungeduldig wurde.

"Der Trank ist soweit fertig, nur habe ich ihn bisher noch nicht an einem Menschen ausprobieren können. Aber alle Ratten haben ihn überlebt. Ich denke, mit einer kleinen Dosis wird Potter eine Stunde lang unter entsetzlichen Schmerzen leiden. Wenn wir ihm anschließend eine halbe Stunde ‚Erholung' gönnen, damit sich seine Nervenenden regenerieren, wird dies unsere Feier um einige Stunden verlängern."

"Was wird er dabei fühlen?"

"Ich weiß es nicht genau, mein Lord, da es noch kein Mensch genommen hat. Aber nach den Zutaten müsste er das Gefühl haben zu verbrennen. Seine Schreie werden sehr amüsant sein." Ein kleines sarkastisches Lächeln erschien bei diesem Gedanken auf meinem Gesicht. Ich senkte meinen Kopf noch weiter, damit niemand diese Gefühlsregung sah.

"Und wie würde meine rechte Hand nun diese Feier planen?"

Ich dachte kurz nach, was wollte er hören? Wie wollte er Harry Potter sterben sehen?

"Ich denke, mein Lord, dass wir zuerst mit Crabbes Vorschlag beginnen und ihn mit einigen der leichteren Folterflüche bearbeiten sollten. Anschließend bekommt er mein neues Serum und nachdem er sich davon etwas erholt hat und wieder schmerzempfindlich ist, werdet Ihr ihn töten."

"Und was ist mit Goyles Idee?"

"Ihn zu vergewaltigen und mit unseren Händen statt mit Zauber zu quälen?" Ich zog eine Augenbraue hoch. "Ich bezweifle, dass außer euch nach diesem Kampf noch jemand in der Lage ist, sich effektiv an Potter zu vergreifen. Ich persönlich empfinde es als sehr unbefriedigend, nur dabei zuzusehen und ihn nicht selber leiden zu lassen. Aber wenn Ihr wünscht, Potter zu entjungfern…" Es würde vielleicht interessant sein zu erfahren, was mein Herr mit ihm anstellen würde, aber ich wollte ganz bestimmt nicht sehen, welche Gestalt der Körper des dunklen Lord unter seiner Robe angenommen hatte, und das würde sich bei einer Schändung nicht vermeiden lassen. Ein Schaudern unterdrückend fuhr ich fort. "Doch ich würde für unser Vergnügen nicht bis morgen warten, um ihn dann zu schänden und zu töten. Er ist zu oft in letzter Sekunde entwischt."

"Du änderst dich auch nie, Giftmischer." Ich wusste nicht, was er meinte und was dieses seltsame Lächeln auf dem Gesicht meines Herrn bedeutete. Ich hoffte, dass er mir keine Strafe auferlegen würde, weil meine Programmgestaltung nicht den Wünschen meines Lords entsprach. Ich hatte im vorausgegangenen Kampf schon zu viele Flüche abbekommen, um noch größeren Widerstand gegen die Schmerzen leisten zu können.

Nach einer wirkungsvollen Pause, in der ich auf einen Fluch wartete, der auf mich niederprasselte, sprach er weiter.

"Aber du hast Recht." Mit einer kurzen Handbewegung entließ er mich. Ich stand auf und reihte mich wieder in den Kreis ein. Er winkte zwei weitere Todesser nach vorne, die anfingen, Harry Potter mit Flüchen zu belegen. Eigentlich sollte es unmöglich sein, die anderen Todesser unter ihren Masken zu erkennen, doch ich wusste ganz genau, dass Nott und Crabbe das Vergnügen hatten, sich um Potter zu kümmern.

Es waren nur die ‚leichteren' Flüche; keiner davon konnte dem Körper des Jungen wirklich schaden. Aber Potters Schreie zeigten uns, dass sie sehr wirkungsvoll waren.

Ich genoss jeden Moment, den er sich unter den Flüchen wand und seinen Schmerz herausschrie. Tränenströme rannen über sein peinverzerrtes Gesicht.

Irgendwann hörte ich das Knacken seiner Knochen und begriff, dass einer der beiden Folterknechte, Nott, einen Knochenbrecherfluch angewandt hatte. Das war zu viel. Wenn mein Trank noch effektive Auswirkungen zeigen sollte, dann musste Potter halbwegs heil bleiben. Danach konnten sie ihn von mir aus weiter foltern. Aber er sollte der erste Mensch sein, der meinen Trank erprobte.

Das Recht hatte er sich in den letzten Schuljahren erworben.

So trat ich wieder in die Mitte des Kreis, warf mich auf die Knie und wartete, dass der Lord mir seine Aufmerksamkeit schenkte.

Dieser hob die Hand und unterbrach damit Potters Folterung, dann drehte er sich zu mir.

"Was willst du? Ich amüsiere mich gerade prächtig!"

Zur Bestätigung belegte er mich für wenige Sekunden mit dem ‚Crucio'. Ich merkte, wie geschwächt mein Körper vom letzten Kampf war, denn er wand sich vor Schmerzen auf dem Boden. Ich schaffte es allerdings, das Schreien zu unterdrücken.

"Es muss etwas Wichtiges sein, sonst wirst du noch mehr Flüche spüren, bevor wir mit Potter fortfahren." Ich richtete mich auf, so dass ich wieder kniete. Mein Lord hatte in den letzten Jahren gelernt, dass ich auf viele Sprüche wenig oder gar nicht reagierte und mich nur der ‚Crucio-Fluch' zum Schreien brachte. Und so oft, wie er mich mit diesem Fluch belegte, würde ich irgendwann auch dagegen resistent werden.

"Mein Lord, damit mein Serum vernünftig wirkt, muss der Körper des Opfers heil sein, denn wenn ihr versehentlich die Nervenverbindungen unterbrecht, dann ist es unwirksam. Aber wenn er sich vom Serum erholt hat, könnt ihr mit diesen Flüchen fortfahren."

"Ist es so wichtig, dass er sich erholt? Du hast doch nicht etwa Mitleid mit dem Jungen."

"Mit dieser Ratte, Dumbledores Darling? Seinetwegen war in den letzten Jahren das Leben in Hogwarts fast schon unerträglich. Wieso sollte ich Mitleid haben?" Mir gelang ein höhnisches Lächeln. "Nein, aber wenn er die Schmerzattacke des Trankes überwunden hat, wird er für eine kurze Zeit auf keinen weiteren Schmerz reagieren, weil nichts annähernd an diese Pein herankommt, und es wäre doch langweilig, wenn wir ihn mit Folterflüchen belegen und er nicht darauf reagiert."

Verdammt, wieso konnte man nur nie erkennen, was der dunkle Lord dachte? Bei allen anderen konnte ich sogar hinter ihrer Maske in Ansätzen erkennen, was sie dachten, nur bei ihm hatte ich nicht den Hauch einer Chance. Das machte ihn so gefährlich für mich.

Innerlich bereitete ich mich darauf vor, dass er mich zur Strafe für diesen ‚Fehler' beim Trank wieder einmal mit dem ‚Crucio' belegte, aber er tat es nicht. Er schaute mich nur an. Es schien mir wie eine Ewigkeit zu sein. Es war unangenehm, wie mich diese Augen, die schon lange nicht mehr menschlich waren, anstarrten. Es gab Todesser, die unter diesem Blick alles erzählten, nur damit er aufhörte zu starren, aber so tief würde ich niemals sinken. Doch ich wich seinem Blick nach wenigen Sekunden bewusst aus, auch wenn er mich noch nicht niedergezwungen hatte.

Nicht auszudenken, was mit mir passieren würde, sollte ich jemals ein Blickduell gewinnen.

Dann wies der Lord mit einer Handbewegung auf Potters Bewacher und Folterknechte und befahl ihnen, zur Seite zu treten.

"Bitte sehr, Giftmischer, du hast das Spielfeld für dich. Viel Vergnügen."

Ich rappelte mich auf und griff in meine Robe. In einer Tasche, die ich mit einem kleinen Zauber stoßfest gemacht hatte, bewahrte ich einige Zaubertränke auf. Die meisten Flaschen waren jetzt leer, da mir die Tränke in der vorangegangenen Schlacht gute Dienste geleistet hatte. Doch es waren noch einige Mixturen vorhanden, und anhand der Form der Phiole ertastete ich den richtigen Trank und holte ihn hervor. Dann näherte ich mich Potter.

Zu meinem Leidwesen bemerkte er noch nicht einmal, wie ich auf ihn zuging. Ich hätte zu gerne in seine Augen gesehen und seine Angst und Panik genossen. Aber nein, stattdessen lag er auf dem Boden und schien beinahe bewusstlos zu sein.

Trotz allem bereitete es mir eine große Genugtuung, über ihm zu stehen und auf seinen gequälten Körper hinab zu sehen. Er hatte seine Augen geschlossen und atmete stoßweise.

Beinahe kam ich in Versuchung, mich an ihm zu vergreifen. Er sah wirklich hilflos aus. Aber mein Lord hätte mich garantiert dafür bestraft. Deshalb ignorierte ich das Bedürfnis in mir und beugte mich hinab, griff in seine Haare und riss ihn daran hoch. Potter gab nur ein unterdrücktes Wimmern von sich. Sein rechter Arm hing seltsam verrenkt an seinem Körper herunter. Er hielt seine Augen krampfhaft geschlossen.

 

‚Warum muss ausgerechnet ich als Dumbledores Spion auf dieser verdammten Waldlichtung stehen und so tun, als ob es mir Spaß macht, Potter zu foltern? Was würde ich nicht alles lieber machen? Selbst im Büro des Direktors zu sitzen und mit ihm zusammen einen Tee zu trinken, wäre tausendmal besser .'

 

Kaum hatte sich dieser Gedanke aus meinem Unterbewusstsein hochgeschlichen, wusste ich, dass ich einen großen Fehler gemacht hatte. Ich würde es nicht mehr schaffen, Potter das Serum einzuflößen. Ich konzentrierte all meine Kräfte und hörte auch schon Voldemorts Stimme.

"Fasst den Giftmischer! Er ist Dumbledores Spion!"

Damit war mein lange gehegter Verdacht bestätigt, dass er sehr starke telepathische Fähigkeiten hatte. Dies erklärte auch die Entdeckung aller Spione, die das Ministerium auf Voldemort angesetzt hatte…

Dann kamen auch schon die ersten Flüche auf mich zu. Aber sie konnten mich nicht aufhalten. Zusammen mit Harry Potter apparierte ich von der Lichtung. Ich war nicht schnell genug und wurde getroffen, als wir ins ‚Dazwischen'(1) gingen.

 

(1)Das ‚Dazwischen' habe ich Anne McCaffreys Zyklus der Drachenreiter von Pern entnommen. Es bezeichnet die Dimension, die durchquert wird, wenn man teleportiert oder appariert. Das Durchqueren dieser Dimension dauert etwa acht Sekunden. Hauptkennzeichen ist die eisige Kälte, die man in dieser Dimension verspürt.

 

Der zweite Tag

 

Als ich erwachte, bestand mein ganzer Körper aus Schmerzen. Ich hatte das Gefühl, mit glühenden Eisenstäben verprügelt zu werden, sollte ich auch nur mit meinem kleinen Finger zucken. Ich versuchte, die Pein zu ignorieren, hatte aber ziemliche Probleme damit.

Gedanklich zählte ich die Flüche auf, die mich bei meiner Flucht doch noch getroffen hatten. Ich kam auf zwei Avada Kedavra, fünf bis sechs Crucio und einen Knochenbrecherfluch. Die Flüche, die ich mir in der Schlacht um Hogwarts eingefangen hatte, zählte ich gar nicht erst mit.

Ob die Todesser, die keinen Fluch losgeschickt hatten, noch am Leben waren? Voldemort war bestimmt rasend in seinem Zorn. Und eine so kleine Streitmacht noch weiter zu reduzieren, um die Wut abzureagieren, war eigentlich Wahnsinn. Aber Voldemort würde ich nicht als normal bezeichnen.

Durch das Apparieren hatten mich die ganzen Sprüche nur gestreift, und dieser Tatsache verdankte ich mein Leben. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ich meinen Körper soweit unter Kontrolle hatte, dass ich mich wieder bewegen konnte. Seit ich das dunkle Mal hatte, musste ich soviel durchstehen, dass mein Körper Flüche innerhalb relativ kurzer Zeit verarbeiten konnte.

Doch ich musste zugeben, dass ich noch nie so viele Flüche auf einmal abbekommen hatte, und solche Schmerzen, wie ich sie jetzt durchlitt, hatte ich auch nie empfunden. Der Drang, die Pein einfach rauszuschreien, war groß, aber ich konnte ihn unterdrücken. Denn erstens wurde man davon nur heiser und zweitens könnte es unerwünschte Aufmerksamkeit auf uns lenken

 

Nach einiger Zeit hatte ich die Schmerzen soweit unter Kontrolle, dass ich wenigstens meine Augen öffnen konnte.

Seitdem ich mit Harry Potter vor Voldemort geflohen war, mussten einige Stunden vergangen sein, denn die Sonne stand hoch am Himmel.

Vorsichtig, um keine Schmerzattacke zu riskieren, drehte ich meinen Kopf. Ich sah einen verwilderten Garten und ein halb verfallenes Gartenhaus in der Nähe. Wahrscheinlich waren wir auf Muggelgebiet gelandet. Es war das erste Mal gewesen, dass ich apparierte, ohne ein genaues Bild von meinem Ziel zu haben, und dann hatte ich es auch noch ohne Zauberstab machen müssen. Dieses Risiko war notwendig gewesen, denn wenn Voldemort einen Hinweis auf mein Ziel in meinen Gedanken gelesen hätte, wären seine Speichellecker schon längst hier gewesen und meine Chancen zu überleben gleich null. Deswegen hatte ich es gewagt. Auch wenn ich jetzt nicht wusste, wo wir waren. Das Wichtigste war, dass wir lebten und ich die Verfolger zumindest vorläufig abgehängt hatte.

Die Chancen, einen ungezielten Sprung zu überleben, waren auch für erfahrene Zauberer nicht sehr groß. Viele starben daran, dass sie sich in Gegenständen materialisierten, und noch mehr starben, weil sie ohne Ziel das ‚Dazwischen' nicht mehr verlassen konnten.

Aber ich hatte mich auf das sprichwörtliche Glück des Jungen-der-lebt verlassen und wohl Recht gehabt. Harry Potter hatte bisher alles überlebt, nur seine Weggefährten hatten nicht immer so viel Glück. Doch dieses Mal hatte es für uns beide gereicht.

Wo war er eigentlich? Ganz langsam und vorsichtig ließ ich meinen Blick weiterwandern und sah ihn nur wenige Schritte entfernt liegen. Sein Arm war immer noch seltsam verrenkt, und er war bewusstlos.

Ob Voldemort geahnt hatte, dass der Trank, den ich ihm hatte einflößen wollen, ein Heiltrank war?

Serverus Snapes spezielle Kreation, die die Folgen der schlimmsten Flüche linderte. Ganz besonders die des ‚Crucio'.

Eigentlich sollte ich das Rezept meistbietend versteigern und mich von dem Ertrag auf eine einsame Insel zurück ziehen; Bora Bora soll in dieser Jahrszeit sehr schön sein.

Wo war eigentlich die Phiole? Ein Schluck von dem Serum würde auch mir helfen. Bei unserer Flucht hatte ich sie in meiner rechten Hand gehalten.

Ich wollte die Hand heben, aber als eine weitere Schmerzattacke durch meinen Körper lief und mich Sterne sehen ließ, verzichtete ich darauf, mich ruckartig zu bewegen. Stattdessen senkte ich ganz vorsichtig den Kopf. Die Glassplitter, die noch in meiner Handfläche steckten, zeigten mir, dass ich diese Hoffnung auf Linderung begraben konnte.

Was sollte ich nur mit Harry machen? Ich konnte ihn nicht dort liegen lassen, denn dann würde er zu seinen sonstigen Verletzungen auch noch einen kräftigen Sonnenbrand bekommen. Und wenn ich ihn nicht aus dem Gras bekam, bevor die Nacht einsetzte, dann würde er garantiert eine Lungenentzündung bekommen.

Ich sah zum Gartenhaus. Konnte ich es schaffen, ihn bis dort zu bringen?

Mein Körper sagte eindeutig nein. Aber er war es gewohnt, dass ich seine Proteste ignorierte. Ich musste mich nur genügend motivieren, dann würde es schon klappen.

Aber womit? Dumbledore war wahrscheinlich schwer verletzt oder tot. Ich hatte gesehen, wie er während der Schlacht von einem Verräter niedergestreckt wurde. Er war neben Harry Potter der einzige, der wusste, dass ich nur als Spion bei den Todessern gewesen war. Und der Junge glaubte, dass ich nicht auf Dumbledores, sondern nur auf meiner eigenen Seite stand und deswegen jederzeit zu Voldemort wechseln würde, sollte es mir in den Kram passen. Ganz unrecht hatte er nicht, nur hatten Dumledore und ich das gleiche Ziel: Voldemorts Vernichtung.

Alle anderen hielten mich spätestens seit der gestrigen Schlacht für Voldemorts treuen Anhänger. Woher sollten sie auch wissen, dass ich niemals an diesen Verrückten geglaubt hatte, sondern seit meinem siebten Schuljahr für Dumbledore spioniert hatte? Jetzt schlug mein ewiges Misstrauen und die Sorge, von Mitwissern verraten zu werden, auf mich zurück. Aber hatte ich auch ahnen können, dass dieser verrückte Schwarzmagier und seine Gefolgsleute es schafften, Dumbledore und Harry Potter auszuschalten, ohne dass ich dabei starb?

Ich hatte mich noch keinen Zentimeter bewegt und brannte vor Schmerzen. Also musste ich mich anders motivieren.

Wie wäre es mit Zaubertränken? Ich versuchte, die Zutaten des Wolfbanntrankes aufzuzählen und mich dabei zu bewegen.

 

Mist, jetzt war ich zum zweiten Mal gestürzt. Ich konnte mich einfach nicht aufrecht halten, weil mein Körper unkontrolliert zitterte. Das war nur eine der netten Nebenwirkungen des ‚Crucio'. Der hatte mich ja oft genug getroffen, um jetzt solch extreme Reaktionen hervorzurufen.

Ich atmete einmal tief durch und versuchte, mich wieder aufzurichten. Doch ich spürte einen Widerstand. Mein rechtes Bein gab nach und ich konnte es auf einmal nicht mehr belasten. Vorsichtiges bewegen lokalisierte den Schmerzpunkt. Mein rechtes Knie war beim Sturz lädiert worden. Als ob der gebrochene Zeh vom Knochenbrecher-Fluch und das lahme linke Bein vom Kampf um Hogwarts nicht genug stören würden.

Aber nein, für Fortuna war ich ja nur Severus Snape, der absolute Glückspilz. Schließlich hatte ich überlebt, also kein Grund, mich zu beklagen. Besser noch: Weder Voldemorts Häscher noch die ‚Seite der Gerechtigkeit' hatten mich erwischt. Ich hatte also wirklich keinen Grund, mich zu beklagen, aber irgendwie empfand ich die Tatsache, dass ich durch diese Verletzung Harry jetzt nur noch kriechend erreichen konnte, als eine mittlere Katastrophe. Denn diese Fortbewegung war einfach nur würdelos.

Ich durfte noch nicht mal meine Wut und meine Schmerzen herausschreien. Ich wollte nicht riskieren, dass mehr oder weniger harmlose Passanten auf mich aufmerksam wurden. Wenn das Ministerium mich fassen würde, dann würden sie mich ohne Federlesen oder gar Verhandlung den Dementoren vorwerfen, und wenn Voldemort mich in seine Finger bekam, dann würde ich erst gefoltert und anschließend auch von den übergelaufenen Dementoren vernascht werden.

Schöne Aussichten!

Wenn ich es nicht schaffte, Potter zu retten, würde ich sterben. Er war im Moment meine einzige Hoffnung. Das musste doch Ansporn genug sein.

Mit fest zusammengebissenen Zähnen zog ich mich auf Händen und Knien zu dem Jungen-der-lebt. Zentimeter für Zentimeter, eine Bewegung nach der anderen. Meine Augen hatte ich inzwischen geschlossen, denn ich sah vor Schmerzen nur noch Sterne. Um mich abzulenken, versuchte ich, herauszufinden, wie die Sterne, die um meinen Kopf schwirrten, wirklich aussahen.

Nun, sie waren gelb mit einem leichten Grünstich und hatten acht Zacken.

 

Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, und die wenigen Meter kamen mir wie Meilen vor. Doch ich schätzte, dass ich jetzt bei dem Potterjungen angekommen sein musst. Ich öffnete meine Augen und wartete, bis das Flimmern nachgelassen hatte und ich meine Umgebung wahrnehmen konnte. Ich hatte Potter fast erreicht. Berühren konnte ich ihn noch nicht, dafür musste ich mich noch etwas bewegen, aber ich konnte sein Gesicht sehen. Mit geschlossenen Augen hatte er keine Ähnlichkeit mehr mit Lily. Er glich so sehr seinem Vater.

So fies die Streiche der Rumtreiber damals auch gewesen waren, ich hatte es immer als eine Herausforderung gesehen, mich mit ihnen zu messen, und es ihnen mit gleicher Münze heimgezahlt. Wirklich gehasst hatte ich sie nie, auch wenn ich den Eindruck erweckt hatte.

Einer gegen vier hatte ich für ein angemessenes Verhältnis gehalten.

Nur nach dem Vorfall in der Hütte hatte sich meine Haltung ihnen gegenüber verändert, denn ich hatte niemals versucht, einen von ihnen umzubringen, und hätte so etwas niemals getan. Danach hasste ich Black, der mich in diese missliche Lage gebracht hatte. Und James Potter? Er hatte mich zwar gerettet, aber danach hatte er eine überhebliche gönnerhafte Art an sich gehabt, die mich einfach nur zur Weißglut gebracht hatte. Und doch, ich schuldete ihm mein Leben. Zudem war es ein feiner Charakterzug von ihnen gewesen, dass sie sich anschließend noch nicht einmal trauten, sich bei mir zu entschuldigen. Soviel zum Mut und zu der ach so tollen Aufrichtigkeit von Gryffindor. Durch diesen Streich war ich endgültig zu der Überzeugung gekommen, dass ich wirklich niemandem trauen konnte.

Es war zu schade, dass Black an seiner großen Klappe gestorben war, denn mit ihm hatte ich immer noch eine Rechnung offen gehabt. Nur Lupin hatte ich inzwischen verziehen, irgendwie war er ja auch ein Opfer des Streiches gewesen.

Damals hatte ich mich darauf vorbereitet, als Dumbledores Spion von Voldemorts Truppe aufgenommen zu werden. Wenn ich damals gewusst hätte, was mir bevorstand, ich bezweifle, dass ich es mit meinem heutigen Wissen noch einmal tun würde.

Aber damals war ich ein fünfzehnjähriger Zauberschüler gewesen, der auf Rache aus war, zu viele Muggelfilme gesehen hatte und unbedingt ein Spion wie James Bond werden wollte. Selbst Albus hatte mich nicht aufhalten können. Und er hatte es wirklich versucht.

Und was hatte es gebracht? Ich hatte noch nicht einmal Lily und James retten können. Schließlich schuldete ich James noch mein Leben, und es hätte mir eine unheimliche Genugtuung bereitet, wenn er in der Situation gewesen wäre, dass er sich bei mir bedanken musste. Doch so war es nicht gekommen, und ich musste ich Schuld nach seinem Tod auf den Potterjungen übertragen. Nur wusste es der undankbare Bengel gar nicht zu würdigen.

 

Ich hatte es geschafft. Ich hatte die letzten Meter zurückgelegt, war zu Harry Potter gekrochen und lag nun neben ihm. Ich brauchte nur einige Minuten Pause, und dann würde es weitergehen.

Aber erst untersuchte ich ihn. Soweit ich das feststellen konnte, hatte er einen gebrochenen Arm und litt unter den Auswirkungen verschiedener Flüche. Daran konnte ich im Moment nichts ändern. Ich war zu schwach, um die entsprechenden Heilsprüche anzuwenden.

Vorsichtig, um meinen geschundenen Körper nicht noch weiter zu verletzen, ging ich neben meinem Schüler zu Boden. Fünf Minuten Pause und dann musste ich mich wieder aufrappeln. Nur etwas Atem schöpfen. Jetzt wagte ich es nicht, meine Augen zu schließen, denn wenn ich es getan hätte, wäre ich sofort vor Erschöpfung eingeschlafen. Erst musste ich Harry in das Gartenhäuschen bringen.

Wie ich das fertig bringen sollte, war mir allerdings noch nicht klar. Vielleicht schaffte ich es ja, ihn mit einem 'Wingardium Leviosa' schweben zu lassen. Der Spruch war so einfach, dass ich es selbst in diesem Zustand zuwege bringen müsste.

Aber ohne Zauberstab würde nichts funktionieren.

Als ich meinen Kopf drehte, um danach zu suchen, fühlte er sich einfach nur scheußlich an, und ich musste erneut das Bedürfnis, meine Schmerzen herauszuschreien, unterdrücken. Aber das war ja nichts Neues. Ich wartete einen Moment, bis die schlimmsten Schmerzen nachließen. Jetzt musste ich mich nur noch daran erinnern, wo ich dieses bessere Essstäbchen hingepackt hatte. Da es mir nicht einfiel, durchwühlte ich systematisch sämtliche Taschen meines Umhangs.

Ich wusste gar nicht, dass meine Robe so viele Taschen hatte. Und das Abtasten jeder einzelnen erforderte Bewegungen, die glühende Nadeln in mein Gehirn versenkten. Doch ich konnte mir einfach nicht den Luxus leisten, auf meinen Körper zu hören und einfach nur still zu halten, bis die Schmerzen auf ein erträgliches Maß sanken, denn das wäre mein Todesurteil.

Endlich fand ich meinen Stab, heil und unversehrt. Auch Harrys Zauberstab war in der Tasche. Nachdem die anderen Todesser den Jungen vom Schlachtfeld entführt, dabei aber den Zauberstab zurückgelassen hatten, da hatte ich die Gelegenheit eines unbeobachteten Augenblicks genutzt und den Stab mit einem ‚Accio' zu mir gerufen. Aber jetzt benötigte ich mein Werkzeug.

Ich bewegte meine Hand langsam und vorsichtig und zog meinen Stab heraus.

Jetzt musste ich nur noch genügend Konzentration aufbringen, um den Zauber zu wirken, und dann konnte es losgehen.

Ich schaute noch einmal auf Harry, und mir fiel erst jetzt meine stark eingeschränkte Sicht auf. Das konnte doch nicht nur an meinen Verletzungen liegen. Ich hatte auch schon einen Verdacht, was es sein könnte. Aber es war einfach mit zu vielen Schmerzen verbunden, meinen Arm zu heben, als dass ich es jetzt ändern würde.

Später, wenn Harry sicher im Gartenhaus war, dann würde ich die verdammte Todessermaske abnehmen.

 

Gott, war ich stolz, dass der Levitationszauber auf Anhieb klappte. Dabei war es ein Spruch für Erstklässler.

Mit wenigen Bewegungen, die bedingt durch meine Schmerzen langsam und sehr unsicher waren, dirigierte ich den Körper zu der Hütte und ließ ihn sanft davor zu Boden gehen. Jetzt musste ich auch noch dahin bewegenkommen. Levitieren kam nicht in Frage, denn dafür hatte ich weder die Kraft noch die geistige Konzentration. Also war wieder kriechen angesagt.

Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass es für einen Zaubertränkemeister demütigend ist, sich so fortzubewegen?

 

Auf halbem Weg zum Gartenhaus verzweifelte ich. Mein Körper wollte einfach nicht mehr. Mein ganzer Leib wurde von Schmerzschauern gequält, wenn ich mich auch nur um einen Zentimeter bewegte. Zum Glück war ich viel zu fertig, um zu schreien, denn ich hatte jetzt nicht mehr die Kraft, dieses Bedürfnis zu unterdrücken.

Sämtliche Energiereserven waren verbraucht. Wie sagten die Muggel es so schön? ‚Meine Akkus sind leer.'

Im Gegensatz zu Voldemort versuchte ich immer, mich über die Entwicklungen in der Muggelwelt auf dem Laufenden zu halten. Dieser Größenwahnsinnige hatte nie erkannt, wie gefährlich die Muggel werden könnten, sollten sie irgendwann einmal in der Lage sein, mit ihrer ‚Technik' unsere Abwehrzauber zu überwinden.

Schon seltsam, da lag ich vor Schmerzen zusammengekrümmt auf einer verwilderten Wiese und philosophierte über die Muggel.

Sollte ich so enden? Von Schmerzschaudern gepeinigt, nicht in der Lage, auch nur eine Handbewegung zu meiner Verteidigung zu machen? Ich hatte es mir irgendwie anders vorgestellt. Wenn, dann wollte ich einem grandiosen Kampf gegen Voldemort untergehen und allen beweisen, wie sehr sie sich in mir getäuscht hatten. So elend garantiert nicht.

Und wenn ich es nicht schaffen würde, Hilfe zu organisieren, dann wäre nicht nur mein, sondern auch Harrys Schicksal besiegelt. Und ohne Dumbledore und Harry Potter würde nicht nur die Zauberwelt in ein sehr dunkles Zeitalter eintauchen.

Oh ja, ohne mich würde die Welt zu Grunde gehen. Aber selbst dieser Gedanke reichte nicht, dass ich mich noch einmal aufrappelte.

So lag ich keuchend auf dem Boden und schaffte es einfach nicht mehr, mich zu motivieren. Selbst das Atemholen bewirkte inzwischen Schmerzwellen, die durch meinen Körper rasten. Und ich sah, ohne meine Augen zu öffnen, Sternchen, die um meinen Kopf rotierten. Die Sternchen hatten übrigens sieben Zacken, waren weiß und schienen zu pulsieren.

 

Nach einiger Zeit hörte ich ein Stöhnen von dem Potterjungen. Er kam wohl zu Bewusstsein und spürte wieder seinen Körper. Dank Voldemort und seinen Todessern musste er ähnlich schmerzgepeinigt sein wie ich. Und er hatte in seinem Leben noch nicht genügend Erfahrung gemacht, um diese Schmerzen zu ignorieren. Sollte er auch nicht. Selbst meinem ärgsten Feind - gut, Voldemort ist ein Spezialfall - wünschte ich nicht meine Erfahrung mit den dunklen Flüchen.

Ich wollte zu ihm, ihm sagen, dass er nicht mehr in Voldemorts Händen war und dass wir schon einen Weg finden würden, aus diesem Schlamassel rauszukommen. Also zwang ich meinen Körper, sich weiter zu bewegen.

Ob es nun an der neuen Motivation lag oder daran, dass ich eine längere Pause gemacht hatte, jedenfalls ging es weiter. Ich klappte mindestens fünf Mal zusammen und schaffte jedes Mal nur wenige Bewegungen, bis mich mein Körper wieder im Stich ließ. Aber mir gelang es. Dabei hatte ich das Denken schon lange aufgegeben und mich nur auf die nächste Bewegung konzentriert.

 

Irgendwann, ich kann nicht sagen, wie viel Zeit ich dafür brauchte, hielt mich etwas auf. Eigentlich hatte ich nicht vor, meinen Kopf zu bewegen, aber um das Hindernis anzuschauen, musste ich ihn ein kleines Stückchen heben.

Beinahe wäre ich an dieser Herausforderung gescheitert. Doch dann besiegte ich meinen störrischen Körper und sah mir das Hindernis an. Es war gleichzeitig mein Ziel. Ich lag vor der Tür des Gartenhauses.

Wenn ich es schon schaffte, die Hütte anzuschauen, dann konnte ich auch einen Blick auf Potter werfen - ganz langsam und vorsichtig. Er hatte inzwischen wieder sein Bewusstsein verloren. Für ihn war es gnädiger, ohnmächtig zu sein.

Jetzt musste ich die Tür nur noch aufbekommen. Wo ich schon mal dabei war, blickte ich nun auch hoch. Das was ich sah, ließ mich fast verzweifeln. Der Eingang wurde von einem verrosteten Schloss gesichert.

Scheiße, Mist, verfluchter Dreck… Als die Schimpfwörter meiner Muttersprache nicht mehr ausreichten, um meinen Frust loszuwerden, wechselte ich erst zu Latein, dann Französisch, Altgriechisch, Zentaurensprache und Deutsch. Beim Hauselfenkauderwelsch fand ich keine Schimpfwörter, und das beruhigte mich wieder soweit, dass ich mich auf meine Aufgabe konzentrieren konnte.

Woher ich die Energie für diesen Ausbruch hernahm, wusste ich nicht.

Es war nicht so, dass ich keinen Öffnungszauber beherrschte, als Spion musste man mehr Sprüche beherrschen als jeder andere, aber ich war so unendlich erschöpft. Wie sollte ich es nur schaffen? Ich gönnte meinem Körper erst einmal eine weitere Pause, sank auf den Boden und schloss die Augen.

 

Als ich wieder die Kraft hatte, meine Augen zu öffnen und nach oben zu schauen, war ich überrascht, wie tief die Sonne gesunken war, es war fast Abenddämmerung. Ich hatte wohl mehrere Stunden in Bewusstlosigkeit verbracht. Vorsichtig versuchte ich eine Bewegung, um an meinen Zauberstab zu kommen. Die Schmerzen hatten etwas nachgelassen und es funktionierte.

Ich richtete ihn auf das Schloss und sprach leise "Alohomora". Es klappte, zum Glück fiel dass Schloss auch auf den Boden, so dass ich es nicht mehr entfernen brauchte.

Fortuna hatte wohl doch ein Einsehen.

Vorsichtig berührte ich die Tür und schob sie auf. Ein Blick in das Innere zeigte, dass ich wenigstens einmal an diesem verdammten Tag Glück hatte. Das Dach des Gartenhauses schien dicht zu sein und auf dem Holzboden lagen mehrere alte Säcke, die ich als Unterlage für Harry nehmen konnte. Wieder levitierte ich den Jungen, dirigierte ihn in die Hütte und ließ ihn auf das provisorische Bett hinab.

Dann kroch ich auch in die Hütte, vergaß aber nicht, die Türe wieder zu verschließen. Bis auf das niedergetrampelte Gras deutete nichts darauf hin, dass sich jetzt jemand im Gartenhaus aufhielt.

Bevor ich mich neben dem Jungen an die Wand lehnte, nahm ich meinen Umhang ab und deckte Harry damit zu. Eigentlich hätte ich auch die Maske abziehen können, aber ich hatte nicht die Kraft dafür.

Ich überzeugte mich, dass er einigermaßen bequem lag. Versorgen konnte ich seine Verletzungen nicht, aber morgen würde ich für Hilfe sorgen.

Morgen, wenn mein Körper nicht mehr so rebellisch ist, werde ich einen besseren Unterschlupf organisieren, wo ich auch einige Heiltränke brauen kann.'

Mit diesen Gedanken fiel ich in einen erschöpften Schlaf.

 

Der dritte Tag

 

Als ich erwachte, merkte ich direkt, dass die Schmerzen nachgelassen hatten, dafür war ich am Verdursten und meine Blase schien zu platzen. Meine Zunge schien nicht mehr mir selbst zu gehören und ein widerspenstiger Wurm in meinem ausgedörrten Mund zu sein.

Vorsichtig bewegte ich mich. Die erwarteten Schmerzen waren zwar da, aber nicht halb so schlimm wie befürchtet.

Wie lange hatte ich geschlafen, dass es mir schon wieder so gut ging? Das Gartenhaus war eigentlich nur eine Abstellkammer ohne Fenster. Im Raum war ein Dämmerlicht, das jede Zeitbestimmung unmöglich machte.

Ganz langsam stand ich auf und versuchte, das verletzte Knie zu belasten. Es tat zwar weh, aber es funktionierte. Und die Schmerzen waren wiederum erträglich.

Bevor ich die Türe öffnete, beugte ich mich zu Harry Potter. Sein Gesicht war rot und verschwitzt. Er fieberte und warf sich unruhig hin und her. Ich musste schnellstens Hilfe für ihn organisieren, bevor er innerlich verbrannte.

Ich wollte mich gerade von ihm wegbewegen, als er seine Augen öffnete. Mit fiebrigem Blick sah er mich an. Erst nach einiger Zeit schien er in die Realität zurückzufinden und mich zu bemerken. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen, und er versuchte, vor mir wegzukriechen. Ich verstand seine Reaktion nicht wirklich: Ich hatte ihn als Lehrer ziemlich getriezt, aber er hatte mir gegenüber nie Angst gezeigt, ganz im Gegenteil. Er hatte mich bekämpft, wo es nur ging.

Beruhigend wollte ich meine Hand auf seinen unverletzten Arm legen, aber er wehrte mich ab, wollte etwas sagen, bekam aber nur ein panisches Gebrabbel heraus.

Dann wurde mir alles klar. Ich hatte ja noch immer diese verdammte Todessermaske auf. Harry konnte gar nicht wissen, wer sich dahinter verbarg.

Ärgerlich riss ich mir die Maske vom Kopf und sah ihn wieder an. Die Schmerzen, die diese hastige Bewegung verursachte, ignorierte ich. Wie konnte mir nur so ein Fehler passieren? Der Junge wäre beinahe vor Angst gestorben.

Ich wollte beruhigend auf ihn einreden, aber es ging nicht. Mein Hals war so trocken, dass ich nur ein Krächzen herausbrachte. Es war aber nicht nötig, noch etwas zu sagen, da Harrys Augen wieder einen abwesenden Glanz bekamen. Sie schlossen sich, und der Junge versank in Fieberträumen.

Ein Fleck auf dem Todessermantel zeigte mir, dass er in seiner Angst seine Blase entleert hatte. Und wenn ich nicht schnellstmöglich nach draußen kam, würde mir Ähnliches passieren. Das ließ mein Stolz nicht zu. Ich versuchte, mich zu beherrschen, und biss gedanklich die Zähne zusammen.

Mit einem kleinen Zauber beseitigte ich die Flecken auf dem Umhang und Harrys Kleidung. Ich war froh, dass es mir ohne zu große Anstrengung gelang. Dann öffnete ich die Tür, humpelte hinaus und wässerte die Wand. Das plätschernde Geräusch erinnerte mich wieder an meinen Durst.

Ich musste für den Jungen und mich schnellstens Flüssigkeit organisieren, am besten trinkbares Wasser, sonst würden wir dehydrieren und verdursten.

Ein Blick zum Himmel zeigte mir, dass es wohl später Nachmittag war. Kein Wunder, dass ich mich merklich erholt hatte, da ich fast vierundzwanzig Stunden geschlafen hatte.

Aber jetzt musste ich Wasser suchen. Normalerweise hatten die Muggel doch immer eine Wasserleitung in der Nähe ihrer Gartenhäuser. Hoffentlich war es hier genau so.

Prüfend drehte ich eine Runde um das Gartenhaus und wurde auch fündig. Wenn der Wasserhahn nicht abgesperrt war, dann hatten wir Glück. Ansonsten würde ich dafür unser Versteck verlassen müssen. Denn ich hatte bestimmt nicht die Energie, einen Verwandlungszauber zu wirken, der aus Erde wirkliches, trinkbares Wasser machte.

Ich drehte den Hahn. Zuerst wollte er nicht, doch dann konnte ich ihn bewegen. Es quietschte so laut, dass ich mir Sorgen machte, ob uns dieses Geräusch verraten würde. Aber das Risiko musste ich eingehen. Und dann floss das Wasser.

Da ich keine Trinkgefäße hatte, verwandelte ich zwei Steine in einen Krug und einen Becher. Da ich nur die Form, aber nicht die Konsistenz änderte, brauchte ich dafür nur recht wenig magische Kraft. Wenn ein Schüler bei McGonagalls Unterricht so eine Verwandlung vorgewiesen hätte, wäre er durchgefallen. Aber McGonagall war nicht da, um mich zu tadeln, und mich interessierte nur, dass die Gefäße keine Löcher hatten.

Nachdem ich meinen Durst gestillt und mir das Gesicht gewaschen hatte, füllte ich den Krug und ging wieder in die Hütte.

Ich setzte mich zu Harry und hob seinen Kopf an. Er war bewusstlos und bekam nichts mit. Vorsichtig öffnete ich seinen Mund und ließ einige Tropfen Wasser hineinlaufen. Automatisch schluckte er und ersparte mir einige Probleme. Nach und nach flößte ich ihm zwei Becher Wasser ein, bis ich der Meinung war, dass er genug hatte.

Ich legte seinen Kopf vorsichtig auf die Unterlage zurück und lehnte mich kurz an die Wand, um mich wieder zu erholen. Unter normalen Umständen hätten mich in diesem Zustand keine zehn Zentauren von der Stelle bekommen, so erschöpft war ich schon wieder, aber ich musste etwas zum Essen und Zutaten für einen Zaubertrank besorgen.

Deswegen stand ich wider besseres Wissen auf und verließ das Gartenhaus. Ich füllte den Krug wieder auf und setzte ihn und einen gefüllten Becher in Reichweite von Harrys gesundem Arm ab. Sollte er doch erwachen, hatte er eine Möglichkeit, seinen Durst zu stillen. Mehr konnte ich leider nicht für ihn tun.

Dann machte ich mich auf den Weg.

 

Ich versuchte, sämtliche dunkle Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben. Was mir aber wie üblich nicht gelang. Was wäre, wenn ich von Voldemorts Leuten erwischt würde? Sie würden Harry zwar nicht finden, der Junge hatte in der einsamen Hütte aber kaum Chancen, von anderen entdeckt zu werden. Und ohne Hilfe würde er sterben.

Ich war allerdings noch zu geschwächt, um Schutzzauber aufzubauen, die mich unterwegs sichern würden. So musste ich also darauf achten, unter den Muggeln nicht zu viel Aufsehen zu erregen.

 

Ich verließ das verwilderte Grundstück durch ein ziemlich verrostetes Tor und kam auf einen kleinen unbefestigten Weg. Ich blickte prüfend den Pfad entlang, konnte aber nichts Verdächtiges bemerken. Kurz entschlossen bog ich rechts ab.

Eigentlich wollte ich den Ausflug so schnell wie möglich hinter mich bringen. Aber mein verletztes Knie ließ es nicht zu. Ich musste langsam gehen, um mein Hinken zu verbergen. Nach kurzer Zeit stieß der Weg auf eine befestigte Straße. Es war eindeutig eine Wohnsiedlung der Muggel. Nirgendwo sieht man sonst so hässliche uniforme Häuser mit ebenso hässlichen Gärten. Es war ziemlich ruhig, keine Autos fuhren auf der Strasse, und ich sah keine Muggel. So bog ich wieder rechts ab und folgte der Straße.

Vielleicht führte der Weg zu einem Einkaufszentrum. Dann könnte ich etwas zu essen und Muggelmedikamente besorgen. Muggelgeld hatte ich zwar keines, aber ich kannte die eine oder andere Methode, mir unbemerkt die notwendigen Gegenstände zu organisieren.

 

Ich hatte einige hundert Meter zurückgelegt, als mich auf einmal ein Stein am Rücken traf und eine grässliche Jungenstimme rief: "Verschwinde, du Penner! Abschaum wie dich wollen wir hier nicht haben! Wir sind eine anständige Gegend!"

‚NIEMAND bewirft mich ungestraft mit Steinen und NIEMAND nennt mich ungestraft einen Penner! Ganz egal, wie ich aussehen mag.'

Ich drehte mich ganz langsam um, und auf mein Gesicht stahl sich ein Lächeln, vor dem sämtliche Schüler davonrennen würden.

Aber nicht so dieser Bengel. Er hatte den Stein von seinem Grundstück aus geworfen und dachte wohl, dass er hinter diesem Zaun in Sicherheit war. Denn wegrennen konnte er nicht, dafür war er viel zu fett. Er glich einem dicken Fass auf zwei Beinen. Gedanklich berichtigte ich mich, er glich zwei neben einander gestellten Weinfässern auf zwei Beinen; jeder normale Stuhl würde unter ihm zusammenbrechen, so schwer war er.

Mit einer einzigen gleitenden Bewegung trat ich an den Zaun. Zu schade, dass ich keinen Umhang trug, dies würde den unheimlichen Effekt noch verstärken. Die Schmerzen waren mir egal, es kam auf den Eindruck an, den ich machte.

Dem Jungen hatte ich wohl auch so schon etwas wie Angst eingejagt, denn er rückte ein wenig von der Begrenzung ab, so dass er außer Reichweite war.

Als ob mich diese kurze Distanz aufhalten konnte.

"Wie heißt du?" Meine Stimme hatte sich schon wieder soweit erholt, dass ich die Frage in meinem besten Tonfall stellen konnte. Niemand, der noch halbwegs klar im Kopf war, würde es wagen, nicht zu antworten, selbst wenn mein Äußeres noch so heruntergekommen war.

"Dudley, Dudley Dursley!"

Sofort änderten sich meine Pläne. Die Dursleys waren doch die Familie, bei der Harry Potter regelmäßig seine Sommerferien verbrachte. Zum ersten Mal musterte ich das Grundstück mit meinen magischen Fähigkeiten.

Sie waren noch vorhanden. Wenn man nicht darauf achtete, dann bemerkte man sie nicht. Nur wenn man wusste, worauf man achten musste, dann konnte man sie erahnen und doch ging eine unheimliche Macht davon aus. Schutzzauber um das ganze Haus gewoben, die es Voldemorts Leuten unmöglich machten, dieses Gelände zu orten oder gar zu betreten.

Dieser Schutzzauber existierte nur, wenn Dumbledore lebte. Also hatte der alte Mann das Attentat überlebt.

Dieser Ort war das ideale Versteck, um Harry wieder aufzupäppeln.

Niemand rechnete damit, dass ich mich bei Muggeln einquartieren würde.

Kommentarlos drehte ich mich um und ließ den verwirrten Jungen hinter mir zurück. Rache ist süß, und diesem Bengel würde ich die nächsten Tage persönlich das Leben zur Hölle machen.

Irgendwie verstand ich jetzt, warum der Potterjunge sich immer wehrte, die Sommerferien bei seinen Verwandten zu verbringen. Wenn der Junge schon so ekelig war, wie würden erst dessen Eltern sein? Aber sollten sie nur ein falsches Wort sagen, dann würden sie mich kennenlernen.

Ich ging wieder zurück zum Gartenhaus, um Harry zu holen.

 

Sein Fieber war stärker geworden. In seinen wirren Fieberträumen hatte er sich wohl heftig bewegt und dabei den Wasserkrug umgestoßen. Dieser war aber so umgefallen, dass Harry nicht nass geworden war. Ich holte frisches Wasser und flößte ihm noch zwei Becher ein. Dann kümmerte ich mich um mein Äußeres.

Dudley hatte mich als Penner beschimpft. So sah ich bestimmt nicht aus. Gut, durch den Kampf und meine Verletzungen hatte meine Kleidung gelitten, aber ein Penner sah anders aus.

Aber um bei den Dursleys Eindruck zu schinden und für nächste Zeit Ruhe zu haben, musste ich an meiner Erscheinung arbeiten. Ich zückte meinen Zauberstab, brachte mit einem kleinen Spruch meine Kleidung auf Vordermann und befreite mich mit einem anderen Spruch vom Blut, Dreck und Schweiß.

Warum diese Sprüche keine Auswirkungen auf mein Kopfhaar haben, habe ich nie herausgefunden. Also ging ich noch einmal zum Wasserhahn und wusch mir die Haare. So gut es eben ohne Shampoo funktionierte.

Danach musste ich mich einige Minuten ausruhen. Auch wenn ich nicht weit gelaufen war, mein Körper meinte schon wieder, protestieren zu müssen, und zeigte mir Sternchen. Dieses Mal hatten sie allerdings nur sechs Zacken und einen strahlenden Gelbton. Es dauerte einige Minuten, bis ich meinen Körper wieder unter Kontrolle hatte.

Ich rappelte mich wieder hoch, nahm meinen Umhang und zog ihn an. Dann hob ich Harry auf den Arm und machte mich auf den Weg zu seinen Verwandten. Ich war überrascht und erleichtert, wie leicht der Junge war. Wäre er schwerer gewesen, hätte ich ihn nicht tragen können.

Dieses Mal ging ich quer durch die Gärten. Und das Haus der Dursleys war genau so nah, wie ich vermutet hatte. Ich brauchte nur zwei Zäune zu übersteigen und befand mich auf der Rückseite ihres Hauses.

Ich positionierte meinen Umhang so, dass Harry von ihm verdeckt wurde und jeder mich für ziemlich korpulent halten würde; die einbrechende Dämmerung verbesserte meine Verwandlung. Dann begab ich mich zum Eingang. Als ich ihr Türschild sah, musste ich trotz der Umstände grinsen, selten hatte ich etwas Kitschigeres gesehen. Die Vornamen waren mit Blümchen geschmückt. Entschlossen drückte ich den Klingelknopf. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich hörte Stimmengemurmel und dann näherten sich Schritte. Sie waren leicht und energisch, also auf keinen Fall Dudley. Dann öffnete sich die Türe einen Spalt und gleichzeitig stieg mir der Duft eines guten Bratens in die Nase.

Ich wusste sofort, wer heute auf seine übliche Portion verzichten und sie mir freiwillig überlassen würde.

"Wer sind Sie und was wollen Sie um diese Uhrzeit?" Was für ein Besen. Nicht nur die Stimme war schrecklich, sondern das Gesicht, das ich hinter der Sicherheitskette sehen konnte, war sehr unsympathisch. Eigentlich würde ein kleiner Schlenker mit dem Zauberstab reichen, um hineinzukommen, aber da ich den Potterjungen in meinen Armen hielt, konnte ich darauf nicht zurückgreifen. Also griff ich in die Trickkiste.

"Mein Name ist Trelawney, Professor Trelawney. Ich bin ein Lehrer von Harry, und Direktor Dumbledore hat mich in einer... ähm... delikaten Angelegenheit hergeschickt."

Meine Stimme hatte jetzt einen sonoren, angenehmen Ton, mit einem gewissen Timbre, bei dem garantiert jede Frau schwach würde. Nicht aber dieser Drachen. Mrs. Dursley schaute zwar nicht mehr ganz so ekelig, war aber noch nicht bereit, mir die Tür zu öffnen.

"Und wie können wir Ihnen weiterhelfen, Mr. Trelawney?"

Eigentlich sollte ich darauf bestehen, dass sie mich mit Professor anredete, aber Harry wurde in meinen Armen immer schwerer und ich hatte keine Zeit für Diskussionen.

"Wie schon gesagt, es geht um Harry Potter, und wenn Sie Ihren Ruf wahren wollen, wäre es sinnvoll, das Ganze nicht zwischen Tür und Angel zu besprechen, wo Ihre Nachbarn alles mithören können."

"Was hat der Bengel denn jetzt schon wieder angestellt? Nichts als Ärger hat man mit ihm. Wenn er der Schule verwiesen worden ist, dann kann er sich auf etwas gefasst machen! Das hat man nun davon, dass man sich eines verwaisten Jungen annimmt. Allein, was er immer anstellt, wenn er im Sommer hier ist. VERNON! Kommst du bitte, wir haben Besuch."

Währenddessen öffnete sie mir die Tür, ließ mich hinein und schloss sie wieder, nicht ohne einen misstrauischen Blick nach draußen zu werfen.

Dann hörte ich auch schon die schweren Schritte, die sich dem Flur näherten. Es war wohl Vernon Dursley. Ich wollte mit meiner Fracht beladen und unbewaffnet eine Auseinandersetzung vermeiden, also schob ich mich an Petunia Dursley vorbei, ignorierte ihren Protest und eilte die Treppe hoch. Ich machte die erste Tür auf, ging hinein und legte Harry in das dort befindliche Bett. Beinahe hätte ich dabei das Gleichgewicht verloren und mich neben ihn gelegt, aber das konnte ich so gerade eben noch verhindern. Ich stand wieder kurz vor einem Schwächeanfall, aber die Aussicht auf ein gutes Essen hielt mich aufrecht. Mir fiel auf, dass ich seit zwei Tagen nichts mehr gegessen hatte.

Ich stand gerade wieder, als sich auch schon zwei Gestalten hinter mir in den Raum quetschten, und eine von ihnen machte das Licht an. Ich sah in zwei zornige Gesichter, die wohl glaubten, einen Einbrecher vor sich zu haben. Wenn sie wüssten, was ich wirklich war, dann würden sie jeden Dieb willkommen heißen und ihm ihr ganzes Geld geben.

"Was fällt Ihnen ein! Erst behaupten Sie, Harry Potters Lehrer zu sein, und als meine Frau Sie arglos rein lässt, bewegen Sie sich in unserem Heim, als ob es Ihr eigenes wäre. Sie verlassen jetzt auf der Stelle mein Haus!"

Vernons Gebrüll ließ die Wände erzittern, aber mich interessierte das herzlich wenig. Was konnten mir diese Muggel schon antun?

Ich bewegte mich auf die beiden zu und setzte meine ‚Longbottom hat mal wieder einen Kessel explodieren lassen'-Miene auf.

Es wirkte. Sie warfen noch nicht einmal einen Blick auf das Bett hinter mir, bemerkten auch nicht, dass ich plötzlich viel schlanker war als noch vor wenigen Augenblicken, sondern wichen nur erschrocken zurück und machten mir den Weg frei. Ich brauchte noch nicht mal ein Wort zu sagen.

Dudley hörte ich auf der Treppe schnaufen, er wollte wohl auch schauen, was los war. Ich freute mich schon auf sein Gesicht, wenn er den ‚Penner' wiedererkennen würde.

Ich verließ das Zimmer und schaute mir die anderen Räume der oberen Etage flüchtig an. Im Badezimmer machte ich einen längeren Halt. Ich durchwühlte den Medizinschrank und fand fast alles, was Harry im Moment brauchte. Auch für mich fand ich einige Medikamente, die ich sofort einnahm. Normalerweise bevorzugte ich meine Tränke, die wesentlich besser wirkten als diese chemischen Mixturen und auch wesentlich weniger Nebenwirkungen hatten, aber wir beide brauchten jetzt die Mittel und nicht erst, wenn ich wieder in der Lage war zu brauen.

Nachdem ich alles zusammengesucht hatte, was ich zur medizinischen Versorgung benötigte, öffnete ich die Badezimmertür, die ich abgeschlossen hatte. Wie erwartet standen direkt vor mir die beiden Dursleys, die ängstlich zurückschreckten. Petunia hatte wohl versucht, durch das Schlüsselloch zu erkennen, was ich machte. Mich wunderte nur, dass sie nicht gegen die Tür gehämmert hatten, um den Einlass zu erzwingen.

Da sie mir gefolgt waren, hatten sie natürlich auch nicht mitbekommen, dass ihr Ziehsohn in einem ihrer Betten lag.

Was für eine jämmerliche Bande.

Ohne sie weiter zu beachten, ging ich wieder zu Harry.

Als ich den Potterjungen versorgte, kamen sie wieder hinter mir ins Schlafzimmer. Jetzt waren sie zu dritt, da Dudley es doch noch geschafft hatte, die Stufen hochzukommen. Bei seinem Gewicht war das Treppensteigen bestimmt ein Kraftakt.

"Das ist mein Zimmer! Was treibt der Typ in meinem Zimmer? Vater, sag ihm, dass er verschwinden soll!"

Diese weinerliche Stimme bereitete mir Kopfschmerzen. Ich war nah dran, Dudley einen Knebel zu verpassen, ließ es aber, da es eigentlich ein Wunder war, dass ich noch nicht zusammengeklappt war.

Ich drehte mich um und musterte den Bengel. ‚Mann, brauchte der lange, um mich zu erkennen.' Aber schließlich ging Dudley doch noch ein Licht auf. Erstaunlicher Weise hinderte ihn die Erinnerung nicht daran, einen eklatanten Fehler zu begehen. Er kam auf mich zu und versuchte, mich aus dem Zimmer zu zerren, was natürlich zwecklos war. Kein Muggel kann einen Zauberer vom Fleck bewegen, wenn der es nicht will. Ich gönnte mir den Spaß und sah zu, wie er sich dabei abmühte, doch schon nach einigen Sekunden nervte es einfach nur, wie er an mir rumdrückte. So blickte ich ihn einfach nur an. Er schien den Blick zu spüren, schaute mich an, erbleichte, ließ mich los und trat zur Seite.

Das sind die Momente im Leben, die mir einfach nur Spaß machen. Ein Blick und jeder weiß, was ich will.

Dudley schien aber noch nicht wirklich genug zu haben. Er sah sich wohl zum ersten Mal an diesem Abend in seinem Zimmer um und entdeckte Harry auf seinem Bett. Seine Kinnlade klappte runter und dann ließ er wieder ein weinerliches Gejammer ertönen. "Mum, Harry darf nicht in mein Zimmer, sorg' dafür, dass er woanders hinkommt, sein Bett steht doch noch in der Besenkammer. Bringt ihn doch da hin. Er blutet mir sonst noch mein ganzes Bett voll."

Petunias Antwort bekam ich nicht mit, da ich mich zu Harry ans Bett gesetzt hatte und anfing, ihn zu behandeln. Ich musste mich darauf konzentrieren, die Muggelmedizin mit Zauberkraft zu unterstützen. Aber das letzte Wort hatte ich mit dem Dursleyjungen noch nicht gewechselt. Bestimmt nicht.

Dann war ich fertig mit Harrys Versorgung. Den Bruch hatte ich geschient, einige Platzwunden desinfiziert und verbunden und Harry mit einer fiebersenkenden Tablette versorgt. Da er immer noch bewusstlos war, verzichtete ich darauf, ihm etwas zu essen zu besorgen. Harry brauchte nur noch etwas zu trinken und Ruhe, damit die Medikamente wirken konnten. Aber ich musste jetzt etwas essen. Denn wenn ich nicht bald Nahrung bekam, würde ich ziemlich großes Problem haben. Heilzauber empfand ich als extrem kräftezehrend. Und in meinem Zustand hatte ich schon mehr gemacht, als meiner Gesundheit zuträglich war.

Ich erhob mich von Harrys Bett und verließ das Zimmer. Nebenbei packte ich Dudley, der direkt hinter mir stand, an einem Ohr und schob ihn aus dem Raum. Mit seiner Masse gelang es mir auch, seine Eltern aus dem Zimmer zu drängen. Dann schob ich ihn die Treppe runter. Bei seinem Gewicht folgte er mehr dem Gesetz der Schwerkraft, als dass er aus eigener Kraft die Stufen hinab stieg. Ich musste ihn bremsen, damit er nicht hinfiel. Nicht, dass es mich gekümmert hätte, aber in meinem Zustand wäre ich garantiert hinterhergefallen. Das musste ich verhindern.

Als wir unten ankamen, war mein Körper der Meinung, dass diese Aktion doch ein bisschen zu viel des Guten war; ich merkte, wie meine Arme zitterten. Gleichzeitig wurden meine Schmerzen wieder stärker. Aber im Vergleich zu dem, was ich gestern durchgemacht hatte, war es immer noch harmlos. Deswegen ignorierte ich es und folgte meiner Nase. Ich zerrte den Bengel solange mit, bis wir die Küche und den gedeckten Tisch erreicht hatten. Dann ließ ich Dudley los und setzte mich hin. Was der Junge jetzt machte, war mir ziemlich egal. Mich hätte es nicht gewundert, wenn er heulend nach seiner Mutter geschrien hätte. Aber er beließ es dabei, sein Ohr zu reiben und mich anzustarren.

Ich musste etwas essen, um keinen Schwächeanfall zu bekommen. Ich griff den Zauberstab aus meinem Umhang, packte mir magisch aus den Töpfen eine nicht zu große Portion auf den Teller und fing an, in aller Ruhe zu essen. Levitationszauber sind einfach und sehr spektakulär.

Und die Dursleys standen um mich herum und gafften mich an. Ich hatte großen Hunger, aber nach den Entbehrungen der letzten Tage war es ratsam, nur wenig zu essen. Ich hatte keine Lust, alles wieder zu erbrechen. Deswegen aß ich auch langsam, um meinen Magen wieder an die Nahrung zu gewöhnen.

Währenddessen machte ich mir meine Gedanken, was das für eine Familie war, bei der Harry Potter lebte. Irgendwie bezweifelte ich, dass der Junge eine glückliche Kindheit hatte. Und ich fragte mich, ob ich den Jungen in meinem Unterricht wirklich richtig behandelt hatte, besonders in den Sonderstunden.

Aber diese Gedanken hielten mich nicht vom Essen ab. Es war ein gutes Gefühl, einen vollen Magen zu haben. Dabei ich hatte den Eindruck, dass meine Schmerzen nachließen, je voller mein Bauch wurde. Ich aß langsam und kaute sorgfältig, und es schmeckte himmlisch. Aber es konnte auch daran liegen, dass ich so lange nichts mehr gegessen hatte.

Als ich fertig war, nahm ich ein Glas vom Küchentisch, füllte es mit Wasser, griff mir Dudley, der den Fehler gemacht hatte, in meiner Nähe zu bleiben, am Ohr und zerrte ihn zur Treppe. Als ich vor den Stufen stand, ließ ich ihn kurz los, nahm meinen Zauberstab, ignorierte das angstvolle Wimmern des Jungen, und mit einem Wingardium Leviosa ließ ich ihn die Treppe hochschweben. Ich wollte keine halbe Stunde warten, bis er es geschafft hatte, die Stufen zu erklimmen. Ich folgte ihm die Treppe hoch und dirigierte ihn in das Badezimmer. Dort ließ ich ihn nicht allzu sanft zu Boden gehen. Es lag nicht so sehr daran, dass ich ihn quälen wollte, sondern daran, dass ich vor Erschöpfung eine falsche Bewegung gemacht hatte.

"Du hast fünf Minuten." Ob er etwas mit diesem Spruch anfangen konnte, war mir egal, nach dieser Frist war für den Bengel Schlafenszeit, und er würde keine Chance bekommen zu jammern.

Ich ließ nicht zu, dass er die Tür verrammelte, sondern stellte meinen Fuß in den Eingang, so dass er nicht abschließen konnte. Als Dudley nach vier Minuten die Toilette verließ, bugsierte ich ihn in das Schlafzimmer, in dem Harry lag. Dort kümmerte ich mich zuerst um Harry und flößte ihm das Wasser ein. Der wachte während dieser Prozedur nicht auf.

Dudleys Eltern hielten sich die ganze Zeit in meiner Nähe auf, doch ich ignorierte sie und ihr Geschwafel vollkommen. Aber ohne eine Erklärung würden sie wohl die ganze Nacht keine Ruhe geben. Deswegen drehte ich mich um und sah sie einfach nur an. Dies wirkte und sie hielten endlich ihren Mund.

"Dudley bleibt die Nacht über bei mir. Er ist mein Garant, dass ihr nichts Unüberlegtes anstellt. Morgen früh schauen wir, wie es weiter geht."

Ihren schockierten Gesichtern entnahm ich, dass ich sie so überrannt hatte, dass sie bisher noch nicht daran gedacht hatten, etwas zu unternehmen. Sie waren vollkommen verwirrt. Aber ich rechnete fest damit, dass sie früher oder später auf die Idee kommen würden, die Muggelpolizei zu holen.

Mit Dudley als Geisel würden sie es sich jedoch gründlich überlegen. Als sie keine Anstalten machten, das Schlafzimmer zu verlassen, schob ich sie aus dem Raum und machte ihnen die Türe vor der Nase zu.

Jetzt belegte ich den Dursleyjungen mit dem Petrificus Totalus-Zauber. So gefesselt und geknebelt lag er ziemlich unbequem auf dem Boden.

Ein kurzer Blick auf Dudley überzeugte mich, dass die Fesseln nicht zu stark waren. Dann drehte ich ihn um. Er würde die ganze Nacht mit seinem Gesicht zur Wand schlafen, denn ich hatte keine Lust, seinen vorwurfsvollen Blick auf mir zu spüren, wenn ich einschlafen wollte. Albträume hatte ich auch ohne ihn genug.

Ich beugte mich zu Harry, der in einen ruhigen Heilschlaf gefallen war, und entschied, dass das Bett groß genug für uns beide sein würde. Ich zog meinen Umhang aus, nahm aber vorher die Zauberstäbe heraus und legte sie auf den Nachttisch. Dann schob ich Harry ein kleines Stück zur Seite und legte mich neben ihn. Wirklich schlafen würde ich nicht können, aber ich hatte in den letzten Jahren viel Erfahrung gesammelt, mich auch im Dämmerschlaf zu erholen.