
Kapitel 3: Das Ende der Unschuld
Sie
saßen auf futonähnlchen Matten im magischen Raum, der nun
einem Meditationsraum glich. Alles war hell und freundlich, so daß
Hermine und der Professor in ihrer schwarzen Kleidung wie zwei zu
groß geratene Fliegen darin wirkten.
Drei Wochen waren seit
jenem denkwürdigen Gespräch vergangen. Snapes Verhalten
Hermine gegenüber hatte sich seitdem komplett verändert. Er
sprach mehr mit ihr, erklärte ihr ausführlicher, was er von
ihr erwartete, war geduldiger, allerdings auch unnachgiebiger.
Er
zeigte ihr Kniffe und Tricks, die er selbst herausgefunden hatte,
oder die ihn Dumbledore gelehrt hatte. Er setzte alles daran, Hermine
von seinem Wissen und seinen Erkenntnissen profitieren zu lassen.
Und Hermine lernte. Lernte alles, was er ihr aufzeigte, sog es
auf, wie ein trockener Schwamm das Wasser. Sie lernte verblüffend
wirksame Abwehrsprüche und noch erstaunlichere
Beschwörungsformeln, die mehr einem leisen Gesang als
Zauberformeln glichen und mit denen man schrecklichste Wunden und
Verletzungen heilen konnte. Diese Formeln,sagte Snape, waren so alt,
daß keiner mehr sagen konnte, welcher Sprache sie entstammten -
nur, daß sie wirkten.
Aber vor allem unterrichtete er sie
in Bewußseinstechniken. Der Professor lehrte sie, ihre Gefühle
von ihren Gedanken zu trennen, zeigte ihr, wie sie im Handeln
emotionslos werden konnte. Und immer wieder betonte er dabei, wie
wichtig es war, niemals an dem zu Zweifeln, was man tat, stets im
Augenblick zu leben. Für diese Art der Arbeit, sagte er, war es
wichtig zu begreifen, daß es niemals ein Gestern oder ein
Morgen gab, daß einzig das Jetzt ausschlaggebend war.
Nach
nur 10 Tagen begannen sie sich gegenseitig mit dem Cruciatus und
Imperius Fluch zu belegen. Ihren Imperius Fluch brach Snape immer
wieder. Doch er bestätigte, daß ihr Fluch stark genug sei,
um andere zu unterwerfen und daß es bei ihm nur deswegen nicht
klappe, weil er darauf vorbereitet war. Der Imperius Fluch, sagte er,
war immer dann am wirksamsten, wenn das Opfer nicht damit rechnete.
Sie selbst hatte zunächst große Schwierigkeiten
gehabt, Snapes Imperius Fluch zu widerstehen. Doch inzwischen hatte
sie das mit seiner Hilfe gelernt.
Der Cruciatus Fluch allerdings
stand auf einem anderen Blatt.
Hermine hatte große Angst
gehabt, ihn anzuwenden. Allein schon der Gedanke daran war ihr
unerträglich gewesen.
Doch Snape lehrte sie, ihre Gefühle
von ihrem Handeln zu trennen, ihre Zweifel zu überwinden. Und
als sie es schließlich schaffte, Snape mit dem Cruciatus Fluch
zu belegen und ihm zusah, wie er sich vor Schmerzen wandte, wie er
schrie und wie ein Tier heulte, fühlte sie - kein Bedauern,
nicht einmal Mitleid.
Er schrie ihr entgegen, endlich aufzuhören,
daß sie diese Lektion gelernt hatte und Hermine - zögerte.
Fühlte eine Kraft in sich aufsteigen, stark und mächtig,
hörte etwas in sich flüstern. Etwas, das sagte: Du
stehst jetzt über ihm. Du kannst ihn brechen. Du hast die
Macht.
Und Hermine ging neben ihm in die Knie, warf einen
Blick in sein schmerzverzerrtes Gesicht, begegnete seinen dunklen
wissenden Augen - und verstand.
Eine kurze Bewegung des
Zauberstabs und der Fluch war aufgehoben. Sie flößte ihm
den schon bereitstehenden Trank gegen die Schmerzen ein und setzte
sich mit leerem Blick zitternd neben ihn. Sie war fassungslos über
das, was sie gerade getan hatte. Fassungslos über die Gefühle,
die diese Macht in ihr ausgelöst hatte.
Snape war irgendwann
aufgestanden, war gegangen. Hatte sie für den Rest des Tages in
Ruhe gelassen.
Nachdem Hermine sich der dunklen Seite in ihr
selbst gewahr geworden war, nachdem sie verstanden hatte, wie leicht
man der Macht der Magie erlag, übte sie noch härter mit dem
Professor an der Kontrolle ihres Geistes.
Mehr als alles andere
zuvor hatte ihr dieses Erlebnis, dieses Gefühl der aufsteigenden
Macht gezeigt, daß auch sie gegen die Versuchungen der Dunklen
Künste nicht gefeit war. Etwas, was sie noch vor drei Wochen
schlichtweg abgestritten hatte.
Und so war in den vergangenen
Tagen das praktische Training stark zurückgegangen und sie
trafen sich fast ausschließlich im Meditationsraum, um an der
Disziplinierung ihre Geistes zu arbeiten. Heute ging es (wieder
einmal) um Legilimentik und Okklumentik.
„Ich will, daß
Sie in meinen Geist eindringen - oder es zumindest versuchen. Stellen
Sie mir eine Frage und versuchen Sie herauszufinden, ob ich Lüge
oder die Wahrheit sage. Und haben Sie einen Blick auf ihren Geist.
Ich werde mich sehr ungeschickt anstellen und versuchen, hinter ein
paar Ihrer Gedanken zu kommen. So können Sie am Besten selbst
selbst erfahren, wie Sie dies bei anderen tun sollten - geschickter
natürlich."
Hermine nickte.
„Professor Snape,
sagen Sie mir bitte, wer glauben Sie, ist der Verräter im
Orden?"
Hermine hatte ihm diese Frage schon seit einer
Ewigkeit stellen wollen.
Snape lächelte schwach, sagte:
„Ich
halte es für wahrscheinlich, daß Molly Weasley zur
Verräterin geworden ist."
„Was?" lachte
Hermine und fühlte sich von seiner Antwort komplett
überrumpelt.
In diesem Moment bemerkte sie einen unangenehmen
kurzen Schmerz in der Schläfe. Wie blind umhertastende Finger
war da plötzlich eine fremde Präsenz in ihrem Bewußtsein.
Erschreckt starrte sie Snape an.
„Großer Merlin,
Gryffindor!" sagte Snape vorwurfsvoll. „Das war nun
wirklich zu einfach. Hätte ich mich nicht so ungeschickt
angestellt, hätten Sie nicht einmal bemerkt, daß ich in
ihrem Kopf war.
Das war eine erstaunlich schwache Leistung von
Ihnen! Sie dürfen sich von irritierenden unerwarteten Antworten
nicht ablenken lassen. Gleich noch mal."
Das war gemein,
stellte Hermine fest. Aber natürlich hatte er recht. Wie hatte
sie darauf nur so hereinfallen können?
„Entschuldigen
Sie, Professor. Mit so etwas habe ich eben nicht gerechnet. Sie haben
Recht und danke, daß Sie mir diese Lücke in meiner
Verteidigung aufzeigen. Aber meine Frage steht immer noch:
Wer
könnte Ihrer Meinung nach der Verräter sein?"
„Und
ebenso steht auch meine Antwort darauf:
Molly Weasley."
Hermine
starrte Snape ohne mit den Wimpern zu zucken an. Seine Augen waren
eine schwarze undurchdringliche Mauer, sein Gesichtsausdruck
unentschlüsselbar.
„Warum Molly Weasley?" fragte
Hermine schließlich.
„Warum versuchen Sie, es nicht
selbst herauszufinden?" antwortete Snape.
„Legilimens!"
Hermines Zauberstab tippte in Snapes Richtung und sie suchte
in Snapes Verteidigung nach einer schwachen Stelle. Doch da war
nichts. Snapes Geist war zu diszipliniert, zu kontrolliert. Keine
Gefühle drangen von ihm nach außen. Der Zauberspruch war
wirkungslos.
„Ach, wissen Sie was? Das ist mir zu blöd,
Sir - Crucio!"
Professor Snape verkrampfte sich,
schrie auf und Hermine ließ einige Sekunden verstreichen bevor
sie den Fluch aufhob. Seine Verteidigung war nun geschwächt,
seine Gedanken durch den Schmerz verwirrt und unkontrolliert. Ein
Eindringen in seinen Geist war nun ohne zu viel Anstrengung möglich.
Molly Weasley, flüsterte sie in seinem Verstand, suchte nach
Hinweisen, versuchte Zusammenhänge in den Bildern zu erkennen,
die ihr zuflogen.
Molly warf ihr einen mißbilligend Blick
zu, weil sie sich wieder einmal mit Sirius stritt. Hermines Gefühle
für Sirius waren von solchem tiefen Haß, daß sie sie
nicht unterdrücken konnte. Sie verabscheute ihn zutiefst. Molly
versuchte zwischen ihnen zu vermitteln. Doch Hermine stellte fest,daß
sie Molly ebenso nicht leiden konnte - aber Moment mal, das stimmte
doch gar nicht! Hermine wurde sich dessen bewußt, daß sie
in Snapes Kopf war, daß sie seine Gefühle erlebte.
Weiter,
dachte sie.
Sie sah in Mollys Küche alle neun Zeiger der
Weasleyuhr auf tödliche Gefahr stehen.
(Wann war
Snape im Fuchsbau gewesen?)
Sie sah Mad Eye Moody, der die
weinende Molly tröstend im Arm hielt. Tonks hielt Lupins
verkrampfte Hand, sein Gesicht war weiß wie Kalk, er wirkte wie
versteinert. Sie sah auf die kleine versammete Truppe, die stumm in
der Küche des Stammhauses der Blacks saß und stellte jedem
von ihnen einen dampfenden Becher mit einem beruhigendem Trank vor.
In ihrem Herzen fühlte sie grimmige Zufriedenheit.
Sirius
Black war tot.
Hermines Atem stockte kurz. Sie konnte kaum
glauben, daß Snape bei Sirius' Tod so empfunden hatte ... und
dann tauchte etwas anderes auf. Dunkelheit ... zwei ineinander
verschlungene Körper ... Lust, unendliche Lust ... was war das?
Bevor sie dem nachgehen konnte, schnappte etwas wie ein Fußeisen
zu, und Hermine heulte vor Schmerzen auf. Sie starrte erschreckt in
Snapes Augen, und ein feines listiges Lächeln stand seinem
Gesicht. Gewaltsam wurde sie aus seinem Geist herausgeschmissen.
Ein
mörderischer Schmerz loderte hinter ihrer Stirn auf. Sie fühlte,
wie ihr das Blut aus ihrer Nase schoß, griff sich an den
Schädel und schrie: „Aufhören!"
Erinnerungen
wurden ihr nun gewaltsam entrissen. Bilder fluteten aus ihr, ließen
sich nicht mehr zurückhalten. Sie kehrte zurück zur Nacht
... der Nacht in der Dolohow und die anderen - nein!
Ihr Blick
versenkte sich in die kalten schwarzen Augen vor ihr, und sie nahm
sich zurück, was ihr gehörte. Entriß diesem gierigem
Geist ihre Erinnerungen schlug in eiskalter Wut zurück und löste
die Bindung zwischen ihnen.
„Hervorragend, Gryffindor",
sagte Snape leise und wischte sich das Blut von den Lippen, das ihm
nun ebenfalls langsam aus der Nase floß.
„Sie sind
erfolgreich in meinen Geist eingedrungen, und haben mich ebenso
erfolgreich aus dem ihrem geworfen. Für den Rest des Tages haben
Sie frei. Versuchen Sie zu rekapitulieren, wie Sie es gemacht haben.
Verstehen Sie die Mechanismen des Geistes - nutzen Sie sie!"
Hermine
wischte sich ebenfalls das Blut aus dem Gesicht.
„Sir",
sagte sie dann, „ich will weitermachen. Ich will das Avada
Kedavra lernen. Ich denke, ich bin so weit."
Der
schwarzhaarige Mann sah sie lange still an - sie wich seinem
stechenden Blick nicht aus, starrte zurück, bis er mit heiserer
Stimme flüsterte:
„Ja, ich denke, Sie sind so weit.
Morgen, Gryffindor, morgen lernen Sie zu töten."
Hermine
nickte, sagte:
„Gut. Dann lassen Sie uns doch heute Abend
noch ein Duell ausfechten, Sir. Ich habe ein paar neue Flüche,
neue Ideen. Ich will nicht frei haben, ich will kämpfen!"
„Miss
Granger!"
Hermine zuckte zusammen. Snapes Stimme war
schneidend, geradezu messerscharf. Seine Worte trafen sie wie ein
Peitschenschlag.
„Erforschen Sie genau, was gerade in
Ihnen vorgeht! Sie haben nicht umsonst frei. Sie müssen lernen,
Ihre Gefühle zu verstehen. Versuchen Sie zu verstehen, warum Sie
lieber kämpfen möchten, anstatt frei zu haben! Versuchen
Sie zu verstehen, warum Sie den Todesfluch gerade jetzt
erlernen möchten. Denken Sie darüber nach, lernen Sie sich
selbst kennen, begreifen Sie sich selbst!"
Snape stand auf
und ging. Ließ eine aufgewühlte Hermine zurück, die
eine unbändige Energie in sich verspürte. Die danach
brannte sich mit Snape zu duellieren, sich zu beweisen.
Aber der
Professor hatte recht, dachte sie. Das war nicht sie selbst. Oder
wenn sie es war, dann war es ein Teil von ihr, von dem sie bisher
nichts gewußt hatte. Woher kam nur diese Kraft, diese Wut?
Warum wollte sie lieber kämpfen, lieber zerstören, lieber
neue Flüche ausprobieren? Warum wollte sie gerade jetzt den
Todesfluch erlernen. Warum wollte sie das alles tun? Lieber als ...
zur Ruhe zu kommen, zu sich selbst zu finden.
Nun wo es ihr
bewußt wurde, machte es ihr Angst.
Wieder, stellte sie
fest, wieder war sie der Magie auf den Leim gegangen. War ihr ins
Netz gegangen, klebte hilflos darin, wie eine Fliege im Netz der
Spinne. Wieder hatte sie in ihrer Wachsamkeit nachgelassen.
Wieder ... war sie schwach geworden.
Und obwohl sie dies alles
erkannte, brannte immer noch der Wunsch in ihr, die neuen Flüche
auszuprobieren, zu sehen, wie sie wirkten. Ihre Macht
auszuleben.
Hermine schloß die Augen, atmete tief durch und
begann ruhiger zu werden, begann zu meditieren. Sie versuchte ihren
Gefühlen nachzuspüren, versuchte zu verstehen, was die
Macht, die sie inzwischen besaß, in ihr bewirkte.
Professor
Snape hatte so recht gehabt, dachte sie. Nicht in den Dunklen Künsten
lag das Problem, es lag in der Schwäche des menschlichen
Geistes.
~~~~
„Sir?" flüsterte Hermine
schwach.
„Oh, Sie glaubten doch nicht, daß ich es
Ihnen so einfach machen würde?" antwortete der
Professor.
Hermine betrachtete die niedlichen miteinander
spielenden Welpen.
„Das kann ich nicht", murmelte sie.
Snape sah sie kalt an.
„Natürlich können Sie
das. Sie müssen es nur wollen. Dachten Sie, ich würde mit
Insekten kommen? Mit irgendetwas Widerlichem, von dem es Ihnen nichts
ausmacht, es zu töten? Kommen Sie! Jeder von uns hat schon
Fliegen und Spinnen getötet. Dafür bracht man keinen
Todesfluch!"
„Ich kann es nicht", wiederholte
Hermine ihre Worte leise.
Snape sah sie immer noch kalt an, zog
eine Braue hoch und deutete mit dem Zauberstab auf einen der
Welpen.
„Es ist ganz einfach. Und wenn es sie beruhigt: Es
tut dem Tier nicht weh.
Sie müssen ihren Arm in einer
Bewegung auf ihr Ziel richten, ihre Absicht muß glasklar und
eindeutig sein. Gleichzeitig müssen Sie den Fluch aussprechen.
Da darf kein Zweifel, kein Zögern, kein Zaudern sein. Sehen Sie
mir zu."
Snape holte in einer geschmeidigen Bewegung aus,
richtete den Zauberstab auf einen der Welpen und sagte im gleichen
Atemzug Avada Kedavra. Der grüner Strahl traf den Welpen
und dieser sackte einfach in sich zusammen, war augenblicklich tot.
Hermine keuchte auf.
Die beiden anderen Welpen gingen zu ihrem
Geschwister, beschnupperten es, stießen es mit der Schnauze an
und begriffen nicht, was geschehen war.
„Ich will das
nicht", flüsterte Hermine.
„Gestern abend aber
wollten Sie es noch!"
„Das war gestern. Da war ich
nicht ich selbst", antwortete Hermine.
Snape schnaubte.
„Sie
waren gestern Abend ebenso sehr Sie selbst, wie Sie es heute sind.
Nur daß Sie gestern keine Zweifel hatten, sondern die Macht,
die Sie besitzen, umarmten. Dies ist der letzte der Unverzeihlichen
Flüche, aber glauben Sie mir, Gryffindor, er ist bei weitem
nicht so grausam, wie die ersten beiden."
Hermine starrte
Snape fassungslos an. Hatte er den Verstand verloren? Doch dieser
starrte verärgert auf sie zurück, sagte fauchend:
„Glauben
Sie ernsthaft, der Tod sei schlimmer, als Wahnsinn, Folter oder
Versklavung? Ich sage Ihnen, der Tod ist ein meist gnädigeres
Schicksal als das, was der Cruciatus Fluch anrichten kann oder wozu
einen der Imperius Fluch zwingt.
Sie haben doch die Longbottoms
in St. Mungo gesehen, oder etwa nicht? Können Sie sich auch nur
im entferntesten vorstellen, was die beiden durchgemacht haben, um in
diesem Geisteszustand zu enden? Glauben Sie nicht, daß die
beiden wieder und wieder um ihren Tod gefleht haben, daß sie
darum gebettelt haben?
Was, glauben Sie, fühlen Menschen,
die unter dem Imperius Fluch ihre Liebsten verraten haben, die für
deren Tod verantwortlich sind? Sie haben keine Ahnung, Gryffindor,
keine Ahnung!"
Severus Snapes Stimme war immer lauter, immer
wütender geworden. In seinen Augen brannte ein finsteres Feuer
und zornige rote Flecken erschienen auf seinen Wangen.
„Ich
habe in meiner Zeit als Todesser Dinge gesehen, die so entsetzlich
waren, daß sie für mehr als ein Leben reichen. Glauben Sie
mir das! Und eins habe ich damals gelernt."
Snape ging zu den
drei Welpen, kniete sich zu ihnen nieder und streichelte über
den Körper des toten Tieres, während dessen Geschwister ihm
die Hand leckten.
Er sah zu ihr auf, war wieder ruhiger
geworden.
„Der Tod ist das gnädigere Schicksal. Im Tod
liegt Erlösung und für manch einen sogar die Hoffnung auf
einen Neubeginn ..."
Hermine starrte Snape stumm an und
dieser stand auf, stellt sich neben sie, sagte:
„Und nun
Sie. In einer Bewegung: Mit dem Zauberstab ausholen, zielen und den
Fluch dabei aussprechen.
Denken Sie daran: Keine Zweifel, kein
Zaudern und kein Zögern. Es ist immer nur das jetzt, was zählt.
Verschwenden Sie keinen Gedanken an das später."
Hermine
atmete tief durch, wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln.
Ihre Bewegung war von der gleichen Eleganz und Präzision wie die
Snapes. Ihr Zauberstab kam auf einem der Welpen zum ruhen und sie
sprach ohne zu zögern:
Avada Kedavra.
Grünes
Licht erhellte für einen Moment den Raum und zusammen mit einem
jungen Welpen, starb auch die Unschuld in ihrem Herzen.
~~~~
Hermine wachte in der Nacht auf und wußte
nicht, was sie geweckt hatte. Benommen wollte sie wieder einschlafen,
konnte es aber nicht. Ihre Gedanken begannen sich zu
verselbständigen.
Dies war der fünfte Monat ihres
Verschwindens, der fünfte Monat ihrer Ausbildung, und er neigte
sich dem Ende zu. Snape hatte ihr während des heutigen Trainings
gesagt, daß sie in weniger als einer Woche wieder zurück
in Hogwarts sein würde. Vorher allerdings wollte Voldemort sie
noch sehen. Die Waffe begutachten, die sein Vertrauter für ihn
geschmiedet hatte.
Snape hatte es nicht ausgesprochen, doch
Hermine hatte erkannt, daß ihn der Gedanke daran beunruhigte.
Anscheinend hatte er gehofft, Hermine die Begegnung mit dem Dunklen
Lord ersparen zu können.
Hermine selbst hätte es sich
auch gerne erspart. Doch seltsamer Weise hatte sie nie Zweifel daran
gehabt, daß Voldemort sie, bevor man sie nach Hogwarts
zurückschickte, noch in Augenschein nehmen würde. Dies war
ihr von dem Moment an klar gewesen, als Snape zum ersten Mal offen
mit ihr über seine Pläne gesprochen hatte. Seltsam nur, daß
er sich nie darüber Gedanken gemacht hatte.
Hermine
setzte sich auf und griff nach dem Zauberstab. Lumos!
Immer
noch schlief sie auf der alten Matratze, die immer noch auf dem Boden
lag. Ein Bett vermißte sie nicht, war sie meist ohnehin zu
müde, um irgendetwas anderes zu tun, als K.O. auf die Matratze
zu fallen.
In einem Schränkchen daneben bewahrte sie ihre
gebrauten Essenzen und Tränke auf. Ihre Kleidung (eigentlich
Snapes, aber inzwischen sah sie diese als ihre eigene an) hing an der
Tür, der Gryffindorumhang daneben.
Hermine mochte die
schwarze Kleidung. Konnte sich kaum vorstellen, wie sie vorher ohne
diese überhaupt zurecht gekommen war. Schön, dachte sie,
sie war einfarbig (war schwarz überhaupt eine Farbe?), aber sie
war praktisch. Nicht nur, daß sie Schutz bot, Hermine hatte
schon nach kurzer Zeit entdeckt, daß sie niemals schmutzig
wurde.
Womit auch immer sie sich bekleckerte, so verschwitzt sie
auch war, die Kleidung duftete immer angenehm sauber und frisch,
wurde nie dreckig.
Darauf angesprochen sagte Snape, das dies eine
Kombination von Zaubertränken und -sprüchen war, mit denen
er seine Kleidung imprägnierte und besprach. Er hatte dabei sehr
stolz gewirkt, fast wie eine Hausfrau, die ihre neuesten
Haushaltstricks präsentierte. Hermine hatte sich nur mühsam
ein Schmunzeln verkneifen gekonnt.
Aber genial war es schon, was
der Professor mit seiner Kleidung anstellte. Ein Rundumschutz, der
sogar sauber blieb. Jetzt mußte Hermine doch leise lachen.
Das
wars vorerst mit dem Schlaf, dachte sie und stand auf.
Sie würde
in die Küche zum Schrank gehen. Ein warmes Butterbier würde
sicherlich nicht verkehrt sein, sie konnte ein bißchen mit dem
Schrank erzählen und würde dann vielleicht wieder Schlaf
finden können.
Hermine wickelte sich in die Decke (was sie
immer tat, wenn sie in der Nacht nur kurz das Bett verließ),
nahm den Zauberstab und öffnete vorsichtig die Tür.
Alles
war dunkel. Der Professor schlief sicherlich, denn schließlich
war es kurz nach zwei, wie sie festgestellt hatte.
Ob es dem
Schrank recht sein würde, wenn sie jetzt in der Küche
auftauchte? Schlief dieser etwa auch?
Darüber hatte sie sich
noch nie Gedanken gemacht. Aber sie könnte ja einfach mal
vorsichtig in die Küche lugen und dem Schrank ihren Wunsch
zuflüstern. Wenn er nicht darauf reagierte, würde er wohl
schlafen.
Sie dimmte das Licht des Zauberstabs auf den schwachen
rötlichen Schein glühender Kohlen und ging leise die Treppe
herunter. Nach annähernd fünf Monaten im Haus kannte sie
jede knarrende Stelle der Stufen, hätte ihren Weg zur Küche
auch blind gefunden.
Dann drang leises Stimmengemurmel von
jenseits der Wohnzimmertür zu ihr in den Gang vor. Der kaum zu
erahnende Schein einer Kerze ließ einen dünnen Spalt Licht
zwischen der angelehnten Tür und deren Rahmen erkennen.
„Nox!"
dachte Hermine erschreckt.
Sie blieb wie erstarrt in der
Dunkelheit stehen und ohne es eigentlich zu wollen, spitzte sie die
Ohren.
„... wie ein Idiot", hörte sie Professor
Snapes Stimme sagen.
„Du warst schon immer viel zu
hochmütig", erwiderte eine Frauenstimme daraufhin leise.
„Ich hatte dich von Anfang an gewarnt. Damals hattest du meinen
Rat gesucht, doch darauf gehört hast du nicht! Und nun hat dich
deine damalige Entscheidung, diese Fehlentscheidung, bis zu
diesem Punkt in deinem Leben geführt. Hättest du von Anfang
an auf mich gehört, wäre dir viel Leid erspart
geblieben."
„Ach ja? Und ich wäre inzwischen auch
ziemlich tot", erwiderte der Professor sarkastisch.
„Na
und? Der Tod birgt weit weniger Schrecken, als das Leben das du
inzwischen hinter dir hast. Sieh dich doch an! Du bist immer noch ein
junger Mann, Severus, hast immer noch dein Leben vor dir. Doch du
handelst wie ein verbitterter alter Narr. Bist regelrecht von dem
Gedanken besessen, Voldemort zu vernichten. Als ob du dadurch
ungeschehen machen könntest, was du getan hast!
Du benutzt
sogar dieses junge Mädchen, hoffst, daß sie dir den
entscheidenden Vorteil in diesem Kampf bringen wird. Aber was, wenn
du dich täuscht? Was, wenn du scheiterst? Was, wenn sie
scheitert? Möchtest du mit einer weiteren Blutschuld auf deiner
Seele leben? Laß sie gehen. Ich weiß, daß du
sie magst. Du kannst es nicht vor mir verbergen, dafür kenn' ich
dich zu gut. Hat sie denn nicht besseres verdient, als das, was ihr
bevorsteht?"
Hermine fühlte wie sich ihr Magen
zusammenzog. Was würde Professor Snape darauf antworten? Wer war
diese Frau im Wohnzimmer, wieso redete sie so mit ihm?
Hermine
hörte für eine Weile gar nichts mehr. Dann, nach einem
tiefen Seufzen, sagte der Professor:
„Ich kann sie nicht
gehen lassen. Ich wünschte, ich könnte es! Aber es
geschehen seltsame Dinge hier. Dinge, die ich selbst nicht verstehe.
Und es gibt da einiges, von dem du nichts weißt. Wußtest
du zum Beispiel, daß mir vor vielen Jahren gesagt wurde, daß
genau dies hier geschehen würde? Daß ich, der Todesser,
eine Muggelstämmige zu einer mächtigen Hexe
ausgebildet würde?
Ich kann es selbst nicht glauben, kann
nicht glauben, daß es geschieht. Daß ich mitten in dieser
Geschichte stecke und alles ganz genau so geschieht, wie es mir
gesagt wurde. Und weißt du, was das schlimmste an dieser Sache
ist?"
Einen Moment lang herrschte Schweigen von jenseits der
Tür. Hermine versuchte während dessen das gerade gehörte
zu verdauen, versuchte zu begreifen, daß dem Professor
anscheinend prophezeit worden war, daß er sie ausbilden würde.
Doch in diesem Moment flüsterte Snape:
„Das Schlimmste
daran ist, daß es keine Prophezeiung war. Du weißt, was
ich von denen halte. Die sind nur albernes dummes Geschwätz von
irgendwelchen Spinnern. Und ich wünschte, ich hätte das
Gesagte als solches abtun können. Aber ... es war keine
Prophezeiung, kein dummes Geschwätz! Sie sagte mir damals, daß
es ganz einfach mein Schicksal wäre, daß es schon einmal
geschehen war -"
„Sie?" unterbrach ihn die
Frauenstimme neugierig.
„Ich -- Nein, ich mag nicht darüber
reden, will es nicht. Du weißt, wie wenig ich das ganze
Schicksalsgerede mag. Wie ich das Gerede von Prophezeiungen und das
ganze Theater, das darum gemacht wird, verabscheue. Ich glaube
einfach nicht daran!
Ich will viel lieber daran glauben,
daß wir unser eigenes Schicksal bestimmen, daß wir
die Herren über unser Schicksal, über unsere Zukunft sind!
Denn wäre es anders, dann hätte unser Leben keinen tieferen
Sinn und alles ... absolut alles, das wir täten, wäre
bedeutungslos. Wir wären nichts anderes als Marionetten, die an
den Fäden eines unbegreiflichen Schicksals hingen. Nein, ich
weigere mich, an so etwas zu glauben!"
„Aber das bringt
uns immer noch nicht in der Frage weiter, was mit dem Mädchen
geschehen soll. Laß sie gehen, Severus. Sie verdient ein freies
Leben!"
Der Professor schnaubte.
„Natürlich
verdient sie das! Aber du vergißt, wer sie ist. Du vergißt
ihre Abstammung. So lange es einen Voldemort und seine Todesser gibt,
wird es für sie nie ein freies Leben geben. Und das weiß
sie! Und sie ist bereit, für ihre Rechte aufzustehen und dafür
zu kämpfen.
Sie ist zum Wendepunkt in dieser Geschichte
geworden. Glaub mir, ich wünschte mir, ich hätte es
verhindern können. Aber das geht jetzt nicht mehr. Jetzt kann
sie nur noch den Weg gehen, für den sie sich entschieden hat.
Denn ohne sie wird das Morden, Verstümmeln und Quälen noch
lange weitergehen. Ohne sie wird es noch sehr viel mehr Tote geben.
Ich habe ihr die Wahl gelassen. Ich habe sie nicht
gezwungen! Sie hat sich für den Kampf entschieden und ich
habe sie gut ausgebildet. Sie ist tapfer, mutig und nervenstark. Sie
hat alles, was man für einen Sieg braucht. Und ich glaube an
sie. Ich glaube, sie kann es schaffen! Ach was, ich weiß, daß
sie es schaffen kann. Im übrigen ist sie kein Mädchen mehr.
Sie ist eine starke junge Frau. Sie weiß sehr genau, worauf sie
sich eingelassen hat."
Hermine Herz machte bei dieser
Lobesrede über sie einen kleinen Hüpfer. Sie freute sich
über Snapes Worte. Wußte sie doch nun, daß der
Professor tatsächlich das nötige Vertrauen in ihre
Fähigkeiten hatte und es nicht nur ihr gegenüber so
behauptete. Gleichzeitig fühlte sich schlecht, weil sie hinter
der Tür stand und lauschte. Doch sie konnte einfach nicht
weggehen, war viel zu neugierig darauf, was sie sonst noch zu hören
bekam.
„Ich werde auf sie aufpassen, das verspreche ich",
hörte sie den Professor flüstern. „Sie wird nicht in
der Dunkelheit verloren gehen, und ich werde alles in meiner Macht
stehende tun, damit sie diesen Krieg überlebt. Doch mein - und
auch Dumbledores - vorrangigstes Ziel ist Voldemorts Vernichtung.
Persönliche Gefühle müssen da einfach hintenanstehen.
Aber ich werde auf sie aufpassen ..."
Stille.
„Angenommen",
sagte dann die Frauenstimme, „es klappt. Angenommen der Dunkle
Lord kann tatsächlich besiegt und für immer
vernichtet werden. Hast du dir Gedanken gemacht, was danach kommen
könnte?"
„Danach?" lachte Severus Snape kaum
hörbar, als hätte die Frau einen Scherz gemacht, den nur er
verstand, „... danach ...", murmelte er leise,
nachdenklich.
„Weißt du, ich glaube nicht, daß
es für mich ein danach geben wird. Nein, ich glaube, ich werde
zusammen mit dem Dunklen Lord fallen, und das ist vermutlich ganz gut
so."
Die Stimme des Professors verstummte, dann fügte er
mit einem leisen Seufzen noch leise an:
„Ahh ... aber es
wäre schön, gäbe es für mich ein danach
... Ja, ich denke, ich wüßte, was ich täte, wohin ich
gehen würde."
Und dann herrschte Stille von jenseits der
Tür. Hermine hörte, wie sich jemand ein Glas einschenkte.
Schwach glaubte sie, Whisky riechen zu können. Aber vielleicht
bildete sie es sich auch nur ein. Sie schlich leise und auf
Zehenspitzen zurück in ihr Zimmer. Dann lag sie in ihrem Bett
und grübelte über das Gehörte nach.
Wer diese
nächtliche Besucherin?
Sie und der Professor schienen
miteinander sehr vertraut zu sein. Der Professor hatte bei ihr
anscheinend schon öfter Rat eingeholt. Aber wohl nur selten
darauf gehört, wie die Unbekannte es ihm unter die Nase gerieben
hatte. Und soweit Hermine es aus dem kurzen Gesprächfetzen, den
sie gehört hatte, beurteilen konnte, schienen sich die beiden
noch aus einer Zeit vor den Todessern zu kennen. War es eine alte
Schulkameradin?
Was Hermine jedoch bedenklich fand, war, daß
diese Frau über alles Bescheid wußte.
Sie wußte,
daß Professor Snape immer noch auf Dumbledores Seite stand. Und
sie wußte ebenso über ihre eigene Rolle Bescheid.
Wem
würde Professor Snape das alles anvertrauen? Mit wem traf er
sich mitten in der Nacht in seinem Wohnzimmer, um mit ihr alles zu
besprechen?
Hermine versuchte sich einen Reim darauf zu machen,
konnte es aber nicht. Auch spukten ihr noch die Worte des Professors
im Kopf herum, in denen er gesagt hatte, daß er wußte,
daß dies alles geschehen würde. Daß es ihm als sein
Schicksal offenbart worden war. Doch von wem war ihm das offenbart
worden? Und - gab es tatsächlich ein Schicksal? Glaubte sie an
ein Schicksal? Oder hielt sie es wie der Professor? Der lieber dem
Schicksal ins Gesicht spuckte, als sich ihm zu beugen.
Eine halbe
Stunde später hörte sie leise Schritte an ihrem Zimmer
vorübergehen und die Tür zu Professor Snapes Zimmer schloß
sich.
Wieder knallte eine Faust an ihre Tür, wieder
weckte sie das allmorgenliche gleichbleibende unfreundliche
Aufstehen!
Mit einem Schrecken setzte sich Hermine auf.
Sie hatte geglaubt, immer noch wach und grübelnd im Bett zu
liegen. Aber anscheinend war sie doch noch irgendwann in der Nacht
eingeschlafen.
Wer war nur diese Frau gewesen? Hermine spürte
an diesem Morgen etwas seltsames. Sie konnte das Gefühl nicht
einordnen, doch irgendwie beunruhigte es sie, daß es da eine
Frau in Snapes Leben gab, von der sie nichts wußte.
Das
alles irritierte sie so sehr, daß sie beschloß, nicht
länger darüber nachzudenken. Anscheinend vertraute
Snape der Unbekannten und das wiederum sollte auch ihr genügen.
Schließlich wußte diese Frau von Anfang an über
Professor Snapes Doppelspionagetätigkeit Bescheid, und
aufgeflogen war er bis dato nicht. Insoweit war sie vertrauenswürdig.
Basta! Kein Grübeln mehr!
Hermine ging zu ihrem
allmorgenlichen kalten Wolkenbruch. Sie konnte Hogwarts wundervolle
warmen Duschen kaum noch erwarten!
~~~~
„Morgen
Abend werden Sie dem Dunklen Lord gegenüberstehen."
Hermines
Blick flackerte für einen Moment, dann aber sah sie Snape
ausdruckslos an, verschloß sich gegenüber ihrer
aufsteigenden Angst.
„Haben Sie irgendwelche
Verhaltensregeln für mich, Sir?"
Snape bewunderte ihre
Haltung. Sie war zu einer perfekten Kriegerin geworden. Nichts schien
sie mehr verunsichern zu können. Hoffentlich war dem auch so,
dachte er, wenn es morgen ernst wurde.
„Schwierig.
Schließlich sind Sie -" er zögerte.
„Ein
Schlammblut, ich weiß", ergänzte Hermine.
„Ich
werde Sie morgen ebenfalls so nennen - müssen",
fügte er an.
„Kein Problem, Sir. Wenn mich
Beleidigungen aus dem Konzept werfen, dann wäre ich wohl fehl am
Platz und Sie täten gut daran, mich gleich umzubringen",
erwiderte Hermine trocken. In ihren Augen blitzte kurz grimmiger
Humor.
„Wie möchte der Dunkle Lord (auch Hermine hatte
begonnen Voldemort so zu nennen) angesprochen werden, wann soll ich
ihn ansprechen, wie vor ihm niederknien? Ich schätze, er mag
Demutsgesten."
„In der Tat, Gryffindor, das ist einer
seiner Schwachpunkte. Er ist empfänglich für
Schmeicheleien. Allerdings mehr die der subtilen Art. Er kann sehr
gut zwischen aufrichtiger oder auch furchtsamer Bewunderung und
geheuchelter Schmeichelei unterscheiden. Schließlich ist er ein
begnadeter Legilimentor. Es ist schwierig, ihn zu täuschen, doch
das sollten Sie hinkriegen, denn damit rechnet er nicht. Außerdem
wird er sie aufgrund ihrer Abstammung sowieso unterschätzen."
Hermine
nickte. Auch sie glaube daran, die richtigen Gefühle aussenden
zu können, wenn sie in der Nähe des Dunklen Lords war, und
der Professor hatte recht, wenn er sagte, daß Voldemort kaum
mit einer Täuschung rechnen würde. Schließlich
glaubte er, daß Snape loyal an seiner Seite stand, und da sie
von ihm ausgebildet worden war, war auch ihre Loyalität insoweit
geklärt. Und zudem gab es da noch das Druckmittel ihrer Eltern.
Der Professor hatte ihr gesagt, daß er Voldemort davon
überzeugt hatte, daß sie bereit war Harry und Dumbledore
den Todessern im Austausch für das Leben ihrer Eltern
auszuliefern. Er hatte ihn davon überzeugt, daß sie
„vernünftig" war und sich der Imperiusfluch dadurch
von selbst erledigte.
„Da gibt es einen Gefallen, um den ich
Sie bitten möchte, Professor."
Snape zog eine Braue
hoch.
„Zeigen Sie mir, wie Sie sich vor ihm niederknien.
Ich möchte es in der gleichen Art tun. Dadurch werden Parallelen
zwischen uns gezogen. Begonnen durch die Gemeinsamkeit unserer
Kleidung, bis hin zu unserer Art des Kämpfens. Ich halte es für
wichtig, Ihnen morgen in meinem Verhalten, meinen Gesten so ähnlich
wie nur möglich zu sein. Ich kann mir durchaus vorstellen,
dadurch bei ihm Pluspunkte zu machen."
Snape nickte zögernd.
Es war eine gute Idee. Schließlich war er der wohl zur Zeit am
meisten geschätzte Berater des Dunklen Lords.
Der
schwarzhaarige Mann stand auf und mit seinem Zauberstab begann er den
magischen Raum umzuformen. Was zuvor ein Meditationsraum gewesen war,
verwandelte sich binnen kürzester Zeit zu einer
Waldlichtung.
„Sie kennen diesen Ort, Gryffindor",
sagte Snape leise.
Hermine nickte. Es war der Platz, an dem der
Professor sie vor knapp fünf Monaten allein zurückgelassen
hatte, wo - kaum daß er fort war, die Todesser ihre „Späße"
mit ihr getrieben hatten. Hermine erinnerte sich und doch berührte
sie die Erinnerung nicht mehr.
„Auch Morgen werden wir dort
sein. Lord Voldemort hat eine seltsame Vorliebe für diesen Ort
entwickelt. Er scheint sich unter freiem Himmel wohler zu fühlen,
als in einem Haus. Und Nagini kann auf Jagd gehen."
Nagini
war Voldemorts große Schlange, die Arthur Weasley vor zwei
Jahren fast getötet hatte. Sie war der sechste und letzte
Horkrux.
Snapes Zauberstab erschuf eine große verhüllte
dunkle Gestalt. Sie sollte Voldemort darstellen.
„Der Lord
wird Sie ignorieren, bis er denkt, daß Sie seiner
Aufmerksamkeit würdig sind. Er wird Sie als Waffe testen wollen.
Machen Sie sich auf ein Zaubererduell bereit, und bis dahin
halten Sie sich im Hintergrund. Von den Todessern haben Sie nichts zu
befürchten."
Hermine warf ihm einen Blick zu, der
soviel wie 'die sollten sich besser vor mir in Acht nehmen' aussagte.
Auf Snapes Lippen erschien ein feines Lächeln, doch er fuhr
unbeirrt fort:
„Er wird sich natürlich nicht selbst
mit Ihnen duellieren, das wäre eine Zumutung für ihn und
sie wären ihm auch nicht gewachsen. Doch da er einen perfiden
Humor hat, könnte ich mir vorstellen, daß er Sie und
Dolohow gegeneinander ausspielt. Aber auch Draco Malfoy wäre
eine Möglichkeit. Seien Sie sich dessen bewußt.
Wenn
er sagt, daß das Duell bis zum Tod gehen soll, dann töten
Sie, Gryffindor. Denn kein Todesser wird sich zurückhalten.
Denken Sie daran, daß Sie in deren Augen nur ein Schlammblut
sind. Und sollte es dem Dunklen Lord gefallen, uns beide
gegeneinander antreten zu lassen, halten Sie sich nicht zurück.
Ich werde es auch nicht. Und nun sehen sie mir zu."
Snape
ging zügig über die Lichtung, bis er etwa drei Meter vor
der dunklen Gestalt stehenblieb, sich in einer eleganten Bewegung
niederkniete und den Kopf gesenkt hielt. Dann sah er zu ihr und
sagte:
„Ach ja, nicht aufblicken, es sei denn, er gestattet
es. Nur aufstehen, wenn er es wünscht. Und wenn er Sie entläßt,
sich rückwärts gehend mit gesenktem Kopf entfernen. Wie bei
einem König. Er mag diese kleinen Demutsgesten.
Und jetzt
Sie."
Hermine hatte Snapes Bewegungen genau beobachtet und
schaffte es auf Anhieb, sich in der gleichen Eleganz niederzuknien.
„Sehr schön, Gryffindor", flüsterte der
Professor und wieder war Stolz in seinem Herzen, als er Hermines
schlanke Gestalt im schwarz seiner Kleidung sah.
Wenn sie den
morgigen Abend überlebte, würde er alles tun, um sie vor
sich selbst, den Dunklen Künsten, dem Schicksal und dem Tod zu
schützen.
„Gibt es etwas, das Sie noch üben
möchten, irgendetwas das ich für Sie tun kann?"
Hermine
lächelte schwach. Es klang, als würde er ihr die
Henkersmahlzeit offerieren.
„Nicht heute, Professor.
Vielleicht übermorgen. Zunächst einmal möchte ich den
morgigen Tag überleben. Und dazu sollte ich noch etwas an der
Disziplinierung meines Geistes arbeiten, noch meditieren."
Snape
nickte. Zufriedenheit stieg in ihm auf. Sie war zur perfekten
Kriegerin geworden.
Lucius
Malfoy blickte mit kaum verholenem Widerwillen auf Hermine.
„Großer
Merlin, Severus! Sie trägt sogar deine Kleidung."
„Ich
kann sie ja schlecht in Lumpen gehüllt dem Dunklen Lord
präsentieren. Und es war nichts anderes zur Hand."
Lucius
Malfoy blickte immer noch mit hochgezogener Braue auf Hermine.
„Ich
kann kaum glauben, daß sie uns Dumbledore und Potter ausliefern
soll. Warum sollte sie es tun?"
„Blut ist dicker als
Wasser, Lucius", antwortete Severus Snape. „Der Dunkle
Lord garantiert die Sicherheit ihrer Muggeleltern. Jedoch nur, wenn
Potter und Dumbledore wohlbehalten in unseren Armen landen. Miss
Granger sollte das hinkriegen. Sie hat sich in den letzten Monaten
sehr verändert. Nicht wahr, Miss Granger?"
Hermine
begegnete gleichmütig Snapes kaltem Blick. Sie hatte sich das
Haar zu einem geflochtenen Zopf zurückgebunden. Die schwarze
Kleidung und der Überrock ließen sie strenger und älter
wirken.
„So ist es, Sir. Ich weiß, wo ich
stehe."
Malfoy beugte sich interessiert vor.
„Ach,
und wo wäre das?"
„Ich bin ein Schlammblut, Sir.
Da gibt es nicht viel mehr dazu zu sagen", entgegnete Hermine
schlicht.
Malfoy starrte sie für einen Moment sprachlos an.
Dann warf er den Kopf in den Nacken und lachte.
„Severus!
Alle Achtung! Allein dafür gebührt dir Respekt! Steht sie
unter Drogen, hast du sie mit dem Imperius Fluch belegt?"
„Nein",
entgegnete Snape. „Aber es gibt Wahrheiten, die so simpel sind,
daß selbst ein beschränkter Verstand, wie der von Miss
Granger, sie versteht, nicht wahr?" sagte er in ihre Richtung
gewandt und seine schwarzen Augen blitzen boshaft auf.
Hermine
senkte demütig den Kopf, so daß man es durchaus als eine
Bestätigung des eben Gesagten auffassen konnte.
Malfoy
lachte wieder.
Das war es also, dachte Hermine. Hier war ihr
Stapellauf. Entweder sie überlebte den heutigen Abend, oder die
ganze Arbeit der letzten Monate war umsonst. Hermine hatte vor zu
überleben. Sie wollte weder sich noch den Professor enttäuschen.
Sie würde dem Schicksal keine Gelegenheit geben, sich in ihr
Leben einzumischen.
Sie hatte eigene Pläne mit ihrem Leben,
und Lucius Malfoy war nur ein Narr.
Professor Snape und Malfoy
entfernten sich plaudernd, beachteten sie nicht weiter. Und Hermine
zog sich unauffällig in den Schatten der nahen Bäume
zurück, hielt die Gruppe der Todesser im Blick und wartete auf
ihren Auftritt.
Der Professor hatte ihr, bevor sie aufbrachen,
noch einen Trank gegeben, der ihre Sinne schärfen und die
Gefühle noch klarer von ihrem Bewußtsein trennen sollte.
Sie hatte sich kein bißchen anders gefühlt, als sie ihn
getrunken hatte. Doch nun erkannte sie, wie wirksam der Trank war.
Weder Snapes kleinen Gemeinheiten noch Malfoys Verachtung hatten
sie berührt. Sie hatte sich selbst dabei beobachten können,
wie sie gelassen antwortete und ihr Herz kühl blieb.
Gleichzeitig schien ihr so viel mehr aufzufallen als sonst. Fast war
es, als würde ein Teil von ihr alles aus einer anderen, einer
unbeteiligten Perspektive sehen. Sie registrierte jede noch so
winzige Kleinigkeit, schien instinktiv alles richtig zu beurteilen.
Hermine beobachtete die Todesser. Sie waren nicht vollzählig,
erkannte sie. Die Mehrzahl von ihnen war wohl im Auftrag ihres Herrn
unterwegs, so daß gerade mal 12 Todesser anwesend waren. Und
sie alle warteten auf Lord Voldemort. Einige trugen ihre Masken, das
waren wohl die Neuzugänge, die es vorzogen anonym zu bleiben.
Doch diejenigen, von denen man ohnehin wußte, daß sie
Todesser waren, waren unmaskiert.
Hermine sah das Ehepaar
Lestrange; Lucius Malfoys Frau, Narzissa; MacNair, den Henker und ein
plumpes dickes Paar, deren Familienähnlichkeit ihnen ins Gesicht
geschrieben stand. Hermine vermutete es das Geschwisterpaar Amycus
und Alecto war - vielleicht täuschte sie sich auch. Sie erkannte
die kleine Gestalt Peter Pettigrews. Die anderen Todesser hatten ihre
Masken auf. Dolohow war nicht zu sehen, aber vielleicht war er auch
maskiert.
Sie wollte sich die maskierten Todesser gerade genauer
ansehen, um herauszufinden, ob Dolohow nicht doch unter ihnen
war, als sie eine Bewegung im Augenwinkel wahrnahm. Ihre Hand suchte
den Zauberstab. Unauffällig zwar, doch sie war bereit sich zu
verteidigen.
Draco Malfoy tauchte neben ihr auf. Er sah sie mit
einem seltsamen Ausdruck in den Augen an. In seinem Gesicht zeigte
sich nicht die übliche Arroganz. Tatsächlich wirkte er
unsicher. Hermine sah ihn gelassen an.
„Malfoy", sagte
sie.
Er nickte grüßend.
„Granger."
Dann
stellte er sich neben sie und starrte mit ihr auf den Kreis der
Todesser. Dracos Eltern unterhielten sich mit Professor Snape.
Wurmschwanz starrte mit blitzenden Augen aus der Ferne zu Snape,
unterhielt sich gleichzeitig mit einem maskierten Todesser. Die
Lestranges standen mit dem dicken Geschwisterpaar zusammen, zwei
maskierte Todesser waren in einer Unterhaltung mit dem Henker
vertieft. Die anderen standen abwartend da, starrten ins Feuer auf
der Mitte der Lichtung.
Eine angespannte Atmosphäre hing über
dem Platz. Langsam versank die Dämmerung in der Nacht, und die
ersten Sterne kamen heraus. Die Kühle der herannahenden Nacht
kroch aus dem Wald auf die Lichtung.
Hermine genoß es, hier
zu sein. Denn es war ihre erste Nacht außerhalb Snapes Haus
seit nunmehr fünf Monaten. Sie genoß die dumpfe erdige
Feuchtigkeit der Luft, den Duft des Waldes, den würzigen Geruch
des Mooses, den frischen klaren Duft der Pilze und lauschte den
bruchstückhaften Wortfetzen, die von der Lichtung bis zu ihr
hallten. Der Geruch des Rauch lag in der Luft und der Schein des
Lagerfeuers erhellte flackernd die Ausläufer des Waldes.
Vögel
hatten noch bis vor kurzem gesungen, und um sich herum konnte Hermine
das Knacken der Käfer im Holz hören, hörte sie das
leise Huschen der Tiere im Unterholz.
All ihre Sinne waren klar
und entspannt, und so störte sie nicht einmal Draco Malfoys
Anwesenheit. Obwohl sie sich schon fragte, was er hier tat und warum
er ihr noch keine Gehäßigkeiten an den Kopf geworfen
hatte.
Sie drehte sich ihm zu, sah ihn von oben bis unten an, sah
die Todesserkleidung an ihm und fand, daß er wie ein Kind
aussah, das sich zu Halloween verkleidet hatte.
„Malfoy",
sagte sie sanft, so wie es der Professor Snape sie gelehrt hatte,
„was willst du hier? Ich werde nicht abhauen. Du mußt
nicht auf mich aufpassen. Geh .. ich weiß doch wie unerträglich
meine Nähe für dich sein muß."
In Draco
Malfoys Blick veränderte sich etwas. Hermine glaubte für
einen Moment Unglaube darin zu erkennen - und da war noch etwas
anderes. War es Scham?
Hermine runzelte kurz die Stirn. Schnell
sah Malfoy weg, starrte zu Boden.
„Granger", flüsterte
er dann heiser, räusperte sich, fuhr fort. „Es tut mir
leid. Ich konnte nichts tun, hätte auch nichts tun können,
selbst wenn ich es versucht hätte. Aber ich war wie gelähmt.
Ich - ich hatte keine Ahnung ..."
Seine Stimme verstummte. Er
hob den Blick, und dieses Mal ließen sich Schuld und Scham in
seinem Blick nicht unterdrücken.
„Ich wünschte,
ich hätte es verhindern können."
Hermine starrte
den weißblonden jungen Mann stumm an. Sie wußte, daß
er von jener Nacht vor fünf Monaten sprach. Begriff, daß
er Zeuge dessen geworden war, was ihr angetan wurde.
„Geh,
Malfoy", wieder war ihre Stimme nur ein sanftes Flüstern.
„Geh zu deinen Eltern, du gehörst nicht hierher. Meine
Anwesenheit beschmutzt dich nur. Geh."
„Nein",
antwortete der junge Mann trotzig, lauter als zuvor. Seine Brauen
zogen sich zusammen, er sah sie irritiert an, war verwirrt.
„Was
hat er dir angetan, Granger? Du bist gebrochen, hast keinen Stolz
mehr. Was hat er dir angetan?"
Hermines Herz blieb
ebenso kühl wie ihr Blick.
„Ich bin nur ein
Schlammblut, Draco Malfoy. Ich kenne meinen Platz in der
Welt."
Malfoy starrte sie mit kaum verborgenem Entsetzen an.
Er begegnete ihrem kühlen ruhigem Blick, aus dem weder Zorn noch
Wut sprachen, aus dem eigentlich überhaupt kein Gefühl
sprach. Ihre Augen erinnerten ihn in diesem Moment in
erschreckenderweise an Severus Snapes Augen.
Und wie
benommen wandte er sich ab, stackste steifbeinig und wie auf Stelzen
zu seinen Eltern, zu Professor Snape, zu denen er sich dazu stellte,
aber nicht hinhörte. Viel zu sehr war er mit seinen eigenen
Gedanken beschäftigt. Konnte nicht glauben, was er gerade
gesehen, gehört hatte.
Noch viel zu gut erinnerte sich an
ein Mädchen, dessen Augen vor Leben nur so gesprüht hatten.
Ein Mädchen, das ihn einst vor der großen Halle zur Rede
gestellt und ihn geohrfeigt hatte. Deren braunen Augen niemals ihre
Gefühle hatten verbergen können, und deren Blick immer
offen und verletzlich gewesen war ... und nun war das alles weg. Nur
kalte Dunkelheit hatte er in ihrem Blick gesehen. Keine Furcht, keine
Wut, kein Zorn ... einfach gar nichts.
Er hob den Blick und sah
zu den Bäumen hinüber. Hermine Granger stand immer noch
dort. Starrte ungerührt zu ihnen herüber und wartete.
Er
hatte es ihr abgenommen, erkannte Hermine als sie Draco Malfoys
suchenden Blick auffing. Seltsam, daß er sich bei ihr
entschuldigt hatte. Anscheinend war er doch nicht der harte Knochen,
den er so gern in Hogwarts spielte. Es stecke Mitgefühl in ihm.
Wer hätte das gedacht?
Dann verstummten die Todesser.
Alle aufeinmal. Auch Hermine spürte, daß sich etwas
veränderte. Er war gekommen.
~~~~
„Und
nun, Severus, zeige mir den Grund, warum ich in den letzten Monaten
deine Dienste so schmerzlich missen mußte", sagte die
dunkle Gestalt zum Meister der Zaubertränke, und seine Worte
hallten wie ein leises Zischen über die Lichtung.
„Showtime",
dachte Hermine und verbannte jeglichen Zweifel aus ihrem Herzen. Nun
galt es zu zeigen, was sie in den letzten Monaten gelernt hatte.
Sie
lief mit sicherem, schnellem Schritt über den Platz, wußte,
daß jeder sie anstarrte - und ebenso war sie sich dessen
bewußt, daß sie im strengen Schwarz des maßgeschneiderten
Überrocks, mit dem zum schweren Zopf geflochtenem Haar im
Nacken, verdammt gut aussah.
Nichts an ihr erinnerte noch an das
gequälte, gebrochene Mädchen, das vor fünf Monaten
hier gestanden hatte. Geschlagen, verwundet, gedemütigt.
Hermine
blickte zu keinem der Todesser. Sie ging direkt auf den Dunklen Lord
zu, blieb etwa drei Meter von ihm entfernt stehen und kniete sich,
mit einer unnachahmlichen Bewegung aus Eleganz und Anmut, vor ihm
nieder, hielt abwartend den Kopf gesenkt.
Auf der Lichtung
herrschte atemlose Stille. Nur das Knacken des Holzes im Feuer war zu
hören. Aus der Ferne drang der Ruf einer Eule bis zur Lichtung
vor.
Hermine konnte aus dem Augenwinkel sehen, wie der Dunkle Lord
sie langsam umrundete. Fühlte, wie er sie betrachtete,
begutachtete. Wußte, daß sein Geist ihrem nahe war, er
versuchte ihre Gefühle auszuloten. Hermine sandte eine leichte
Welle aus Furcht, Neugier und einem Hauch von Ehrerbietung aus. Würde
sie ihm keine Gefühle zeigen, würde er möglicherweise
mißtrauisch und versuchen, gewaltsam in ihren Geist
einzudringen.
So jedoch mußte er annehmen, daß sie
weder der Okklumentik noch der Legilimentik fähig war.
Er
blieb vor ihr stehen.
„Zumindest konntest du ihr richtiges
Benehmen beibringen, Severus", sagte Voldemort mit einer kaum
mehr menschlich zu nennende Stimme.
„Steh auf. Ich will
dich sehen."
Hermine erhob sich, hielt jedoch ihren Blick
weiterhin gesenkt. Der Dunkle Lord lief noch einmal um sie herum,
taxierte sie, nicht nur mit seinem Blick, sondern auch mit seinem
Geist.
Hermine blieb ruhig, gelassen. Wußte, daß in
diesen Momenten über ihr Leben entschieden wurde.
„Sieh
mir in die Augen, Frau. Begegne dem Blick deines Herren."
Sie
hob den Blick und sah in rote nichtmenschlichen Augen. Die
geschlitzten Pupillen hatten sich geweitet, waren fast rund geworden.
Voldemort starrte sie an und Hermine dachte nur an die Sicherheit
ihrer Eltern. Ließ in sich das Gefühl aufsteigen, daß
sie bereit wäre, dafür alles zu tun. Jede Abscheulichkeit,
jeden Verrat würde sie begehen, wenn sie damit nur ihre Eltern
retten konnte. Und dieses Gefühl entsprach durchaus der
Wahrheit.
Ein kaum zu erahnendes Lächeln umspielte die
schmalen Lippen Voldemorts.
„Ja", flüsterte dieser
kaum hörbar. „Familie ist eine schöne Sache. Man
liebt sie, man haßt sie, man kann nicht mit ihr, noch ohne ihr
leben. Doch am Ende ist man bereit, für sie alles zu
tun."
Seine Pupillen verengten sich wieder. Er atmete tief
ein, seine Nüstern weiteten sich. Für einen Moment schloß
er genießerisch die Augen, als würde er ihren Geruch
schmecken.
„Ahh, Familie!" rief er und breitete in
einer theatralischen Geste die Arme aus. „Ich mag
Menschen mit Familie. Je größer die Familie, desto
besser!"
Er riß die Augen wieder auf, starrte Hermine
direkt an und sagte:
„Die Bitte ist gewährt! Zwei Leben
sind mir zu bringen, um die Sicherheit zweier anderer Leben zu
gewährleisten. Bring mir Dumbledore und Potter und das Leben
deiner Eltern ist gesichert. Darauf hast du das Wort des Dunklen
Lords, Muggelkind. Und nun beweise mir, daß du es auch wert
bist!"
„Antonin!" rief er in die Reihen der
Todessern. Eine große kräftige Gestalt trat vor. Hermine
erkannt in ihr Antonin Dolohow, auch wenn er immer noch seine Maske
trug.
„Sie gehört dir, wenn du sie festnageln kannst",
sagte er und an Hermine gewandt fuhr er fort:
„Du darfst
tun, was auch immer du willst, um ihn aufzuhalten."
Dann
klatschte er befehlend in die Hände und rief:
„Kommt zu
mir, Todesser. Laßt uns sehen, was Severus in fünf Monaten
aus einem Hogwarts Schlammblut machen kann."
Die Todesser
gingen an Hermine vorüber, warfen ihr abschätzige,
verächtliche Blicke zu, mancher grinste boshaft. Nur Draco
Malfoys blasses Gesicht war bar jeglichen Ausdrucks, seine Augen
flackerten.
Die Todesser versammelten sich um Voldemort. Snape
stand direkt an seiner Seite, in seinen Augen brannte ein schwarzes
Feuer. Kurz begegneten sich ihre Blicke.
Hermine ging ohne zu
zögern in Richtung Dolohow und zückte ihren Zauberstab. Der
große Todesser sah sie an und nahm die Maske ab. Der Ausdruck
auf seinem Gesicht sagte alles.
Ein widerwärtiges Grinsen
lag darauf, er leckte sich über die Lippen. Dann nahm er sich
umständlich den Umhang ab, warf ihn nach hinten und sagte:
„Wenn
ich mit dir fertig bin, Kleine, wirst du um den Tod betteln."
Hermine
blickte kühl in Dolowhows Augen, zog eine Braue hoch und
musterte ihn nur verächtlich.
Er machte ihr keine Angst,
stellte sie fest. Doch ihre Reaktion auf seine Drohung, verunsicherte
ihn einen Moment lang, wie sie erkannte.
Hermine nahm Haltung an,
verbeugte sich mit erhobenem Zauberstab vor Dolohow und sagte laut:
„Für den Dunklen Lord!"
Dolohow, von ihrem Tun
völlig überrumpelt, verbeugte sich nun ebenfalls
widerwillig und knurrte zähnefletschend:
„Für den
Dunklen Lord!"
Was hätte er auch anderes sagen
können?
Severus war über diesen cleveren Schachzug
Hermines sehr zufrieden. Sie hatte damit Respekt und Gehorsam
bewiesen. Außerdem hatte sie gerade die Kontrolle übernommen,
ohne daß es Dolohow auch nur bemerkt hätte.
„Crucio!"
rief Dolohow.
Hermine lenkte seinen Fluch mit solcher Lässigkeit
ab, daß zwischen den Reihen der Todesser leise Unruhe
entstand.
„Ist das alles, Dolohow? Die groben Sachen zuerst?
Keine Raffinesse? Stupor!"
Dolohow sprang zur Seite,
Erde spritzte auf, wo Hermines Schockfluch einschlug. Er sandte ihr
mit einer peitschenden Bewegung des Zauberstab den gleichen Fluch zu,
mit dem er sie bereits im Kampf im Zaubereiministerium schwer
verletzt hatte. Hermine blockte und schickte ihm ein gedachtes
Sectumsempra zurück. Die Bewegungen ihres Zauberstabs
glichen denen eines Degens.
Dolohow heulte auf. In seinem Gesicht
erschien ein tiefer Schnitt. Hermine setzte mit einem Impedimenta
nach, doch Dolohow war schon wegappariert.
„Verdammt!"
fluchte Hermine, hatte vergessen, daß sie auf einer Lichtung
stand und von Voldemort und seine Todessern beobachtet wurde. Für
sie war dies wieder zu einer Trainingsstunde geworden. Ihr Geist
arbeitete wie ein präzises Laufwerk, in ihrem Kopf begannen sich
von selbst Angriffs- und Verteidigungsstrategien zu formen. Da waren
keine Zweifel in ihr, keine Ängste, die sie blockierten. Sie war
die perfekte Kriegerin, die nur noch agierte und nicht reagierte.
Noch einmal drehte sie sich im Kreis, dann richtete sie den
Zauberstab in die Flammen des Feuers.
„Ignis Praetorius"
Sie rief die feurigen Leibwächter herbei, die sie
schützen und sich notfalls den Flüchen entgegenstellen
würden, wenn sie sie nicht rechtzeitig entdeckte. Drei waren es
an der Zahl. Zu mehr reichte die Größe des Feuers nicht
aus. Doch drei war eine gute Zahl, wie Hermine dachte.
Zwei der
flammenden Wächter blieben in Hermines Nähe, der dritte
schritt das Gelände ab, hinterließ schwarze Brandspuren im
Gras, beleuchtete die Lichtung.
„Ein interessanter Zauber,
Severus", sagte Lucius Malfoy halblaut zu Snape. „Warum
kennen wir den noch nicht?"
„Miss Granger hat ihn
entwickelt. Sie ist darin erstaunlich geschickt. Mit der richtigen
Motivation läßt sich sogar aus einem Schlammbluthirn
einiges herausholen."
Draco Malfoy sah mit geweiteten Augen
auf Hermine, die von den beiden Feuergestalten geschützt nun
ebenfalls den Platz abschritt. Sie sah so selbstsicher aus, schien
keine Furcht zu haben. War es tatsächlich die selbe Hermine
Granger, mit der er das gleiche Schuljahr besuchte?
Er hatte
erwartet, nach dem, was vor fünf Monaten geschehen war, eine
verschüchterte, gebrochene junge Frau wiederzusehen. Oft hatte
er sich in den vergangenen Monaten mit Scham an das Geschehene
erinnert, hatte sich gewünscht, daß er es hätte
verhindern können. Hatte zu seinem eigenen Erschrecken, seiner
eigenen Verblüffung, die damalige Folterung und Vergewaltigung
als widerwärtig und ekelhaft empfunden. Seine damals anfänglich
empfundene Schadenfreude, hatte sich schnell gelegt, als er ihre
schreckgeweiteten Augen gesehen hatte, war dem blanken Entsetzen
gewichen, als er begriff, daß dies kein Schulhofspiel war,
sondern brutale Wirklichkeit.
Als sein Hauslehrer aufgetaucht
war, hatte er sich im Schatten der Bäume versteckt, hatte nicht
erkannt werden wollen, hatte nicht gewollt, daß Snape bemerkte,
wie er nur tatenlos zugesehen hatte.
„Dolohow!" hörte
er Granger herausfordernd rufen. „Ist das alles?"
Sie
sandte die beiden Feuergestalten weg. Schien von ihnen geblendet zu
sein.
Wo nur steckte Dolohow?
Und nicht nur Draco Malfoy
fragte sich das, sondern auch Hermine. Dann hörte sie ein leises
Plopp.
Gerade noch rechtzeitig ließ sie sich fallen,
um Dolohows Stupor auszuweichen. Mit einem Schlenker ihres
Zauberstabs lösten sich drei lange glühende Schnüre
aus seiner Spitze und Hermine holte noch auf dem Boden liegend aus.
Die Schnüre wickelten sich um Dolohows Beine und brachten ihn zu
Fall. Sofort stürzte sich eine der feurigen Gestalten auf den zu
Boden gegangenen Dolohow, warf sich auf ihn und ein furchtbarer
Schrei gellte über den Platz.
Plopp.
Die feurige
Gestalt erhob sich wieder. Dolohow war weg. Hermine fluchte, sah sich
um. Ein roter Blitz kam aus der Dunkelheit auf sie zu und hätte
sie erwischt, wäre nicht einer ihrer Leibwächter in die
Linie gesprungen.
Er flammte auf, zerbarst und Funken stroben
dort auseinander, wo er zuvor gestanden hatte.
Ein weiterer
Lichtblitz fuhr dieses Mal direkt in eine der Feuergestalten, die
sofort zerbarst und Hermine schickte ein gedachtes Mutilocrudelis
an die Stelle, von der sie vermutete, das Dolohow dort stand. Doch
ihr Fluch verpuffte wirkungslos in den Bäumen, das einzige, was
brach, waren Äste statt Knochen.
Hermine war wieder auf den
Beinen. Nur noch einer ihrer Leibwächter verblieb zu ihrem
Schutz. Verdammtes Apparieren!
Wieder flammte ein Blitz in der
Dunkelheit auf, traf den letzten ihrer Wachen, der aufflammend
zerbarst.
„Noch ein paar Tricks auf Lager, Schlammblut?"
hallte Dolohows Stimme über die Lichtung. Sie klang seltsam
verzerrt.
„Mehr als du Schwein dir vorstellen kannst!"
rief Hermine und umschloß fester den Zauberstab. „Wie
sieht es aus Dolohow? Angst vor dem Schlammblut? Schiß ins
Licht zu kommen?"
Aus dem Dunkel des Waldes schälte sich
eine Gestalt heraus. Sie lief mit festem eiligem Schritt in den
Lichtkreis des Feuers und Hermine erkannte Dolohow. Seine Haare waren
vollständig versengt, die eine Hälfte seines Gesichts war
krebsrot und dick geschwollen. Brandblasen überzogen es. Von dem
Ohr war auf dieser Seite des Kopfes nur noch ein verbrannter
schwarzer Stummel übrig. Die andere Hälfte seines Gesichts
war blutig, quer über die gesamte Fläche des Gesichts
verlief der tiefe Schnitt des Sectumsempra Fluchs, blutete immer
noch. Dollohows Kleidung war mit Brandlöchern durchsetzt, klebte
an den offenen, verbrannten Stellen seines Körper.
„Autsch!",
bemerkte Hermine trocken. „Das sieht ziemlich schmerzhaft
aus."
„Du kleines, mieses Deckstück! Dafür
wirst du bluten!" Dolohow stoppte nicht, ging weiter auf sie zu,
hob seinen Zauberstab: „Cruci-!"
Hermine blockte
den Fluch ab, schickte ihrerseits ein Crucio ab, das aber ins
Leere ging, weil Dolohow schon wieder disappariert war.
Plopp.
Bevor
Hermine reagieren konnte, spürte sie die Spitze eines
Zauberstabs im Rücken. Dolohow war direkt hinter ihr wieder
aufgetaucht.
„Das wars, Schlampe! Zauberstab fallen lassen,
umdrehen."
Hermine ließ den Zauberstab fallen und
drehte sich scheinbar zögernd um. Dolohow kickte ihren
Zauberstab mit dem Fuß weg. Danach ging alles so schnell, daß
später kaum einer der Todesser nachvollziehen konnte, was
geschehen war.
Hermine starrte Dolohow an, der sich seines Sieges
absolut gewiß war. Er verzog sein entstelltes Gesicht zu einem
häßlichen Grinsen und blanke Wut stand in seinen Augen.
Hermine wußte, daß er als nächstes den Cruciatus
Fluch aussprechen würde, sie wußte, daß er sie bis
in den Wahnsinn foltern wollte. Sie blickte ihm kühl in die
Augen und noch bevor sich seine Lippen bewegten, rief sie Accio
Zauberstab, dieser flog ihr in die Hand, gleichzeitig trat sie
Dolohow in den Schritt - etwas womit kein Zauberer rechnete, da dies
die Muggelart des Kämpfen war. Als er aufstöhnend auf die
Knie ging, flüsterte Hermine dem Zauberstab in ihrer Hand zu:
„Transformo Sphagis"
Die Form des
Zauberstabs veränderte sich, etwas blitzte metallisch in ihrer
Hand auf und Hermine sagte leise, mit eiskalter Stimme:
„Schweine
gehören geschlachtet, Dolohow."
Und mit diesen Worten
stieß sie ihm einen Dolch senkrecht in die Brust, der ebenso
lang wie ihr Zauberstab war, und Dolohow blickte entsetzt in Hermines
unbewegtes Gesicht, sein Zauberstab fiel ihm aus seiner zitternden
Hand.
Hermine zog den Dolch mit einem Ruck aus seiner Brust, und
augenblicklich verwandelte sich dieser wieder zurück in ihren
Zauberstab. Seelenruhig hob sie Dolohows Zauberstab auf, während
dieser Blut hustete und sich beide Hände auf die stark blutende
Wunde in seiner Brust preßte.
Hermine wandte sich ab, hatte
keinen weiteren Blick für den Mann hinter sich übrig.
Sie
ging auf die Reihen der Todesser zu, hielt Dolohows Zauberstab in der
einen, ihren eigenen blutigen in der anderen Hand.
Einige Todesser
traten vor, zog ihre Zauberstäbe, wollte Hermine
schocken.
„Nein!" war Voldemorts leises Zischen zu
hören.
Die Todesser verharrten in ihrer Bewegung, blickten
sich unschlüssig an, starrten auf Hermine, die weiterhin auf sie
zuging und sich schließlich vor Voldemort niederkniete.
Sie
blickte nicht auf, doch in ihrer ausgestreckten Faust hielt sie dem
Dunklen Lord Dolohows Zauberstab entgegen.
„Ich hoffe,
Mylord, ich konnte Euch von meinem Nutzen überzeugen."
Eine
gespenstische Stille senkte sich über die Lichtung, die nur vom
gequälten, halberstickten Husten Dolohows unterbrochen
wurde.
Hermine fühlte, wie Voldemort ihr den Zauberstab aus
der Hand nahm. Sie ließ los, senkte den Arm, wartete.
„Herr!"
hörte Hermine Bellatrix Lestrange empört sagen. „Sie
hat Antonin reingelegt! Sie hat ... sie hat in Muggelart gekämpft
... das ist ... das ist -"
„Sei still, Bellatrix",
sagte Voldemort leise. Wieder umrundete er die kniende Hermine, seine
kalten Augen ruhten auf ihr. Im Hintergrund stöhnte Dolohow.
„Warum hast du ihn nicht getötet, Kind? Ich glaube
nicht, daß du mit ihm Mitleid hast."
„Mylord",
sagte Hermine. „Es liegt nicht an mir, ihm den Tod zu bringen.
Er ist Eurer treuer Gefolgsmann. Deshalb habe ich sein Leben
geschont. Doch wenn Ihr es wünscht, töte ich ihn."
„Steh
auf, Kind. Steh auf - und sieh mich an."
Hermine erhob sich,
begegnete Voldemorts starrem Blick.
„Möchtest du ihn
töten?"
„Sein Leben oder Tod sind mir
gleichgültig, Mylord. Doch ja, ich würde es vorziehen, ihn
tot zu sehen. Denn sollte er weiterleben, wird er mein Feind sein.
Und niemals, niemals sollte man seinen Feinden erlauben
weiterzuleben."
Voldemort war zunächst still. Dann aber
begann er leise zu lachen und die Todesser ringsum erstarrten. Sie
blickten verwirrt von Hermine, zum um Luft ringenden Dolohow und dann
zu ihrem Herrn, der immer noch leise in sich hinein
lachte.
„Severus!" sagte Voldemort schließlich.
„Ich bin beeindruckt. Der Test ist bestanden. Sie wird uns
Dumbledore und Potter bringen. Mir gefällt diese Vorstellung!
Wie wundervoll verräterisch, wie außergewöhnlich
intrigant und wie hinreißend boshaft! Dumbledore wird über
seine eigene Gutgläubigkeit zu Fall gebracht werden. Es ist ein
wundervoller Plan."
Voldemort wandte sich wieder Hermine zu,
drückte ihr Dolohows Zauberstab in die Hand.
„Töte
ihn. Nimm seinen Platz ein. Sei meine Waffe!"
Ungläubiges
Gemurmel erhob sich hinter Voldemorts Rücken. Hermine kümmerte
es nicht. Sie verbeugte sich, ging ein paar Schritte rückwärts,
bevor sie sich abwandte und auf Dolohow zuging. Einige Flüche
verfehlte sie nur knapp, sie wußte, daß sie von Professor
Snape abgelenkt worden waren. Qualvolles Schreien erhob sich im
Hintergrund, Voldemort bestrafte diejenigen, die mit seiner
Entscheidung unzufrieden waren. Dann verstummte das Schreien, ging in
keuchenden Atem über.
Hermine erreichte Dolohow und blieb
stehen. Sie wischte all ihre Zweifel beiseite, starrte kalt auf den
bereits im Sterben liegenden Dolohow. Nur noch das leise Knistern des
Feuers erreichte ihr Bewußtsein.
Dolohow begegnete ihrem
Blick mit unversöhnlicher Haß. Seine Lippen formten das
Wort Schlammblut und er spuckte verächtlich vor ihr aus.
Hermines Herz blieb kühl. Sie sagte sich, daß dies
kein Mord war, sondern eine Hinrichtung. Sie war lediglich der
Henker. Dieser Mann hatte sich mit all seinen Morden an Unschuldigen
längst schon selbst zum Tode verurteilt. Und wenn sie ihn heute
Nacht richtete, rettete sie damit all seinen zukünftigen Opfern
das Leben.
Doch jenseits all dieser Logik, jenseits ihres klaren
Verstands, tief in ihrem Innersten, wußte Hermine, daß
kein Mensch das Recht hatte, einen anderen zum Tode zu verurteilen.
Sie wußte, daß sie sich mit den nächsten Worten
selbst verdammte, daß es für sie danach kein zurück
mehr gab. Die Vollkommenheit ihrer Seele würde für immer
verloren sein.
Und doch ... es war der Preis, den sie gewillt war
zu zahlen.
Ihre Bewegung war elegant, war wie der Pinselstrich
eines Künstlers. Sie sprach die Worte ... die Worte, die sie auf
ewig verdammten, und der tödliche Strahl verließ Dolohows
Zauberstab, hüllte ihn für einen Moment in grünes
Licht und er sackte in sich zusammen, war tot.
Hermine drehte sich
um, und ihr Herz war seltsam kühl. Wenn es ihr gerade die Seele
zerrissen hatte, so hatte sie nichts davon bemerkt. Immer noch
unberührt vom Geschehenen ging zu Voldemort zurück und
überreichte ihm kniend Dolohows Zauberstab.
„Gib mir
deinen linken Arm", befahl Voldemort.
Bellatrix Lestrange
fiel plötzlich neben ihr in die Knie, sah mit Tränen in den
Augen zu Voldemort auf, schluchzte:
„Herr, bitte! Bitte,
tut es nicht! Ihr könnt unmöglich dieses ... dieses
Schlammblut uns gleichsetzen. War ich für Euch nicht 15
Jahre in Askaban ... in Askaban! ... zählt das denn
nichts? Habe ich Euch nicht immer treu gedient, war ich nicht immer
eure verläßlichste Verbündete? Herr ...", sie
griff verzweifelt nach seiner Hand, küßte sie, drückte
sie an ihre tränenfeuchte Wange, schloß weinend die Augen,
„... bitte, bitte tut es nicht!"
Voldemort entzog
Bellatrix seine Hand. Starrte sie mit kaltem Blick an und sah, wie es
sie vor Verzweiflung schüttelte. Die einstmals so schöne
Frau schlug sich die Hände vors Gesicht und weinte.
„Bellatrix",
sagte er dann ungewohnt sanft. „Steh auf."
Doch die
dunkelhaarige Frau konnte sich nicht erheben, war zu verzweifelt,
schüttelte nur weinend den Kopf. Voldemort warf ihrer Schwester
einen auffordernden Blick zu.
Narzissa Malfoy half ihrer
Schwester auf, führte sie weg, hielt sie fest.
Voldemort trat
vor die Reihen seiner Todesser, sah jeden einzelnen an.
„Ihr,
die ihr mein Mal tragt, seid meine Verbündeten. Jeder einzelne
von Euch hat mir schon duzende Male seinen Nutzen und seine Treue
bewiesen. Auch wenn ich nicht vergessen habe, daß viele von
Euch sich während der Zeit meiner Abwesenheit verborgen hielten
und meinen Namen verleugnet haben. Doch das ist vorbei! Hier stehen
wir vereint zusammen um eine neue Ära einzuläuten. Um
unsere Reihen vom unreinen Blut zu säubern, um die Muggel auf
ihren Platz in der Welt zu verweisen und um Narren wie Dumbledore
endlich zu beseitigen. Doch dies geht nicht ohne Opfer!
Und wenn
dieses Opfer euer Stolz ist, dann verlange ich das von euch!
Jeder
von euch hat sich meiner Sache mit seinem Leben verschrieben. Jeder
von euch hat mir sein Leben geweiht. Und es ist mein,
es euch zu nehmen oder euch zu lassen.
Und wenn ich beschließe,
die Waffe, die Dumbledore zu Fall bringen und mir Harry Potter in die
Hände spielen wird, mit meinem Mal zu kennzeichnen, dann erwarte
ich, daß das von euch ohne Nachfragen akzeptiert wird!
Hier
und heute Nacht ist das einzige Mal - das einzige Mal! - das ich mich
euch gegenüber erkläre.
Wagt es nie wieder, meine
Entscheidungen in Zweifel zu ziehen. Nie wieder! Und für
dich, Bellatrix, als Zeichen meiner Zuneigung zu dir, werde ich diese
Waffe auf ihrem rechten Arm kennzeichnen. Damit sie sich von euch,
meinen geschätzten Todessern, unterscheidet."
Voldemort
wandte sich wieder Hermine zu.
„Den rechten Arm!"
Hermine
rollt den Ärmel ihres rechten Arms hoch und streckte ihn
Voldemort entgegen. Er legte seinen Zauberstab auf ihren Unterarm,
hielt ihr Handgelenk wie ein Schraubstock fest, sagte:
„Morsmordre"
Hermine schrie auf. Sie
verkrampfte sich, wollte Voldemort ihren Arm entreißen, doch
dieser hielt ihn unnachgiebig fest, preßte den Zauberstab auf
ihren Unterarm und Hermine sah durch den Schleier ihrer Tränen
hindurch, wie das Dunkle Mal sich langsam einbrannte, wie es sich
einem schrecklichen Gift gleich, dunkel und ätzend,
vorarbeitete, wie mehr und mehr der Schädel mit der Schlange
sichtbar wurde.
Dann war es vorbei. Voldemort ließ ihren Arm
los und sie preßte ihn an sich, fühlte, wie etwas mit ihr
geschah. Etwas, das sie nicht mehr unter Kontrolle hatte.
„Steh
auf!" befahl Voldemort.
Hermine erhob sich benommen,
taumelte.
Der Dunkle Lord griff nach Hermines rechtem Arm, riß
ihn hoch und präsentierte den Todessern das Mal.
„Dies
ist meine Waffe!" rief er. „Und als solche habe ich sie
gekennzeichnet! Sie ist einzigartig. Und einzigartig soll sie
bleiben. Sie wird der Stachel im Fleisch meines Gegners sein, sie
wird das Gift sein, an dem er zugrunde geht.
Todesser! Diese
Waffe ist zu schützen. Verbreitet das Wort: Wer sich an ihr
vergreift, vergreift sich an mir."
Er ließ Hermines
Arm los und stieß sie in Snapes Richtung. Nur mühsam
konnte sie sich noch aufrecht halten, Haltung bewahren.
„Bring
sie fort, bereite alles vor. Ich bin zufrieden."
Plopp.
Spinners
End. Das Ende aller Hoffnung, dachte Hermine verwirrt und wollte sich
das brennende Fleisch vom Arm herunterreißen. Sie fühlte
sich krank, ihr war fiebrig und übel. Schnell stieß sie
Snape von sich, der sie die ganze Zeit über gestützt hatte.
Die Übelkeit übermannte sie. Sie wandte sich ab, übergab
sich.
Mit ihrem Ärmel wischte sie sich über den Mund,
sah, daß wie üblich kein Deck auf der Kleidung haften
blieb. Sie lachte unbeherrscht, fast schon irr. Alles wirkte so
seltsam fremd. Sie fühlte sich benommen, ihr war schwindlig, und
sie konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Wieder lachte sie,
deutet auf den sauberen Ärmel und sagte:
„Das ist so
klasse, Professor Snape! Sie sollten das echt vermarkten."
Der
Professor starrte sie mit unruhig flackernden Lichtern in den Augen
an.
„Kommen Sie, Gryffindor. Kommen Sie mit mir mit! Wir
sind gleich zu Hause."
Snape stützte sie, drängte
sie in der Dunkelheit in Richtung des alten Hauses am Straßenende.
Die Straßenbeleuchtung war schon seit Monaten ausgefallen und
weder die Anwohner noch die Stadtverwaltung kümmerte es.
Müll
und Dreck stapelten sich in den Hauseingängen und davor.
Zeitungsfetzen und leere Plastiktüten trieb der Wind vor sich
her. Es waren nur noch wenige Häuser in dieser abgelegenen und
heruntergekommenen Gegend bewohnt. Manche der Häuser waren sogar
von Obdachlosen und Junkies besetzt worden. Und denen war es egal,
was auf der Straße geschah, die wollten nur in Ruhe gelassen
werden oder in Ruhe einen Bruch machen.
Snape und sein Haus
jedoch ließen alle in Frieden. Jeder in dieser Gegend wußte,
daß in seiner Nähe seltsame Dinge geschahen. Und so sah
man nur hier oder da, wie ein Vorhang sich einen Spalt zur Seite
schob oder ein blasses Gesicht hinter einer der trüben
Fensterscheiben auftauchte und ebenso schnell wieder
verschwand.
Hermine sah das alles und kicherte. Snape sah in
seiner schwarzen Kleidung, blaß und hager wie er war, selbst
wie ein drogensüchtiger Gothik aus. Wenn er sich eine gerade mal
halb so alte und um sich herum kotzende andere Süchtige mit nach
Hause nahm, würde dies kaum einen stören.
„Zu
Hause!" wiederholte sie, und ein vager Gedanke erschien in ihrer
Erinnerung. Warum nur fiel es ihr so schwer, sich zu erinnern?
„Ja
... jetzt erinnere ich mich wieder. Sagt man nicht: Home is where
your heart is! Sagt man einfach so, nicht? Aber wo steckt nur
mein Herz ...", fragte sie sich verwirrt, „... blödes
Herz ..."
Ihre Hände tasteten suchend über ihren
Körper und die ganze Zeit über kicherte sie vor sich her,
murmelte lockend: „Komm, komm, komm ... Herzilein .. puut,
puut, puut ... wo steckt du denn nur? Dummes Herz ..."
Endlich
hatten sie das Haus erreicht. Snape tippte mit dem Zauberstab ans
Eingangsschloß und die Tür schwang auf. Gemeinsam
stolperten sie in den engen Flur. Die Tür schwang wieder zu.
Snape versiegelte sie.
Hermine packte Snape am Umhang, zog ihn zu
sich heran und schrie ihn verstört an:
„Mein verdammtes
Herz! Wo ist es? Ich kann es nicht finden! Wo steckt mein verdammtes
Herz?"
„Ich habe es. Es ist bei mir, Gryffindor, keine
Sorge. Ich passe darauf auf."
Er löste sich aus ihrem
Griff, schob sie die Treppe hoch und bugsierte sie in den magischen
Raum. Dieser sah immer noch wie der Meditationsraum aus.
„Ehrlich?"
fragte Hermine verblüfft und fiel taumelnd zu Boden. Dann setzte
sie sich auf. „Es ist bei Ihnen, und Sie passen darauf
auf?"
„Genau so ist es!" bestätigte der
Professor und legte sich eilig den Umhang ab. Er sah noch bleicher
aus als sonst. Hermine dachte respektlos, daß er wie der
Godfather des Punks, wie Iggy Pop aussah. In Snapes Gesicht lag ein
beunruhigter hektischer Ausdruck. Er sah sich suchend um.
„Na
ja, dann ist alles gut!" lachte Hermine erleichtert und erhob
sich torkelnd. Ein Leuchten überzog ihr Gesicht. Sie sah den
Professor erstaunt an. Warum war ihr eigentlich nicht schon früher
aufgefallen, daß er wie der junge Iggy Pop aussah?
Und wer
zum Teufel war eigentlich Iggy Pop, wieso sah dieser wie Professor
Snape aus?
„Professor, hat ihnen eigentlich schon einmal
jemand gesagt, daß sie wie Iggy Pop aussehen? Der sieht genauso
kaputt aus, und das ganz ohne Todesser zu sein. Aber fangen Sie jetzt
bloß nicht zu singen an!"
„Gryffindor, ich weiß
nicht, wer dieser Iggy Pop ist, und ich werde ganz sicher nicht zu
singen anfangen. Und nun zeigen Sie mir ihren Arm."
„Nein!"
erwiderte Hermine trotzig und schob schmollend die Lippe vor. Sie
drückte sich den rechten Arm fester an den Körper. „Das
will ich nicht!"
„Bitte!" unterstrich Snape seine
Forderung.
„Aber er tut so weh! Was ist, wenn Sie mir auch
noch weh tun?"
„Sie wissen, daß ich Ihnen nicht
weh tun will. Aber wenn wir nichts gegen die Vergiftung unternehmen,
wird es bald schon noch sehr viel mehr weh tun."
„V-
Vergiftung?" hauchte Hermine und sah verwirrt auf ihren
Arm.
„Ja, Gryffindor. Vergiftung! Ich hätte nie
gedacht, daß der Dunkle Lord soweit gehen würde, Ihnen das
dunkle Mal einzubrennen. Hätte ich das gewußt, hätte
ich vorher schon alles vorbereitet. Wir müssen jetzt schnell
handeln. Wie hätte ich ahnen sollen, daß Sie ihn so sehr
beeindrucken -"
„Aber ich war auch wirklich klasse",
unterbrach ihn Hermine. „Haben Sie gesehen, wie ich diesen
Blödmann Dolohow platt gemacht habe? Der Idiot! Der wird mich
nie wieder unterschätzen."
„Nein, das wird er wohl
nicht. Denn er ist tot!"
„Tot?" wiederholte
Hermine betroffen. „Aber ... wieso ist der tot? Woran ist der
denn gestorben?"
„Gryffindor, reißen Sie sich
zusammen. Erinnern Sie sich! Sie haben ihn umgebracht",
entgegnete Snape.
„Ich?" schnaubte Hermine
empört, runzelte dann aber die Stirn, begann sich wieder zu
erinnern.
„Ja, stimmt - ich habe ihn getötet! Jetzt
erinnere ich mich wieder. Aber ... wieso hat der das zugelassen?
Wieso hat der sich das von mir bieten lassen und sich dann auch noch
umbringen lassen? Wieso war der Kerl so ein verfluchtes
ARSCHLOCH!"
„Gryffindor ..."
„Wo
ist mein Zauberstab?" fragte Hermine und tastete sich ab, suchte
nach ihm. „So ein Arschloch", murmelte sie dabei. „Läßt
sich zuerst von mir abstechen wie das Schwein, das er war, und dann
auch noch umbringen. Ich wußte ja, daß er ein Arschloch
war, aber nicht was für ein großes! Verdammter Zauberstab,
wo steckt der nur?"
Sie hob den Blick, sah Snape an und
schrie ihm wütend entgegen:
„WO IST MEIN GOTTVERDAMMTER
ZAUBERSTAB?"
„Ich hab ihn an mich genommen. Warum
wollen Sie ihn haben?"
„VIELLEICHT WEIL ICH SIE AUCH
UMBRINGEN MÖCHTE?"
Dann schüttelte sie verwirrt den
Kopf, griff sich an die Stirn und setzte sich wieder torkelnd zu
Boden. Sie sah auf, flüsterte schwach:
„Nein, das will
ich doch nicht. Natürlich will ich das nicht. Was ist das, was
geschieht hier mit mir, Professor?"
Snape ging neben ihr in
die Knie, sah sie ernst an.
„Es ist das dunkle Mal,
Gryffindor. Es beginnt, ihre schlimmsten Eigenschaften in Ihnen zu
wecken. Wir müssen unbedingt etwas dagegen tun, und zwar sofort.
Ich kenne nur einen wirksamen Schutz. Er ist zwar nicht schön,
dafür aber hundertprozentig."
„Scheiß
aufs Aussehen!" flüsterte Hermine. „Ich nehm ihn
sofort. Solange ich das wieder in den Griff kriege. Was ist es?
Tränke, die ich regelmäßig nehmen soll, besondere
Meditatiostechniken oder soll ich mir nie wieder die Haare
waschen?"
Der Lehrer für Zaubertränke verzog
humorlos die Lippen. Gryffindor hatte sich für den
Augenblick anscheinend wieder unter Kontrolle.
Dann stand er auf
und schnaubte resigniert.
„Kaum einer weiß es",
sagte er, und er begann sich mit diesen Worten das Hemd aufzuknöpfen.
„Und es wäre wohl mein Todesurteil, wüßten es
die Todesser, wüßte es der Dunkle Lord ... denn aus dieser
Sache könnte ich mich nicht herausreden", er öffnete
das Hemd und ließ sie einen Blick auf seine Brust werfen.
Unter dem seidigen schwarz der feinen Haare wurde weiße
Haut sichtbar. Ein feines engmaschiges Netz von Narben überzog
sie. Doch das war es wohl kaum, was der Professor meinte.
Denn
auf seiner Haut waren schwarze wandernde Zeichen zu sehen.
Archaische Symbole, die Tätowierungen nicht unähnlich und
doch ganz anders waren. Denn sie tauchten aus dem Nichts auf,
wanderten über Snapes Haut, nur um dann wieder in seinem Fleisch
zu versinken. Es waren magische Zeichen. Formeln und uralte Symbole,
die miteinander verschmolzen, neue komplizierte Muster bildeten, sich
auflösten und weiterwanderten. Tatsächlich schien seine
Haut zeitweise mehr einem beschriebenen Pergament zu ähneln als
echter Haut.
Hermine stand staunend auf, kam näher und
starrte auf Snapes Brust. Sie streckte zögernd ihre Hand aus,
ihre Fingerspitzen strichen sanft über die Zeichen.
Sie
bemerkte nicht, wie Snape bei der Berührung ihrer Fingerspitzen
zusammenzuckte, da sie viel zu sehr damit beschäftigt war
herauszufinden, wann sie diese Zeichen schon mal gesehen hatte. Kurz
flammte ein Bild in ihr auf. Snape, in rostigem Braun überzogen,
dunkle wandernde Flecken darunter. Sie schüttelte benommen den
Kopf. Das Bild verschwand.
„Tätowierungen?" fragte
sie.
Der schwarzhaarige Zauberer schüttelte stumm den Kopf
und knöpfte sich das Hemd wieder zu. Für einem Moment
schien es Hermine, als sei es ihm peinlich, daß sie die Zeichen
gesehen hatte.
„Nein, nicht wirklich. Aber durchaus damit zu
vergleichen. Sie sind der einzige Schutz gegen den Wahnsinn, den das
dunkle Mal verursacht. Ohne diese magischen Zeichen hätte ich
längst schon meinen Verstand verloren."
„Na
klasse!" sagte sie frustriert. Tätowierungen! Als ob sie so
was jemals hatte haben wollen.
„Wie funktioniert es? Ist es
wie beim dunkle Mal? Tut es genauso weh?"
„Ich fürchte
ja", flüsterte der Professor bedauernd.
„Dann
sollten wir es schnellstens hinter uns bringen", sagte Hermine
und begann sich wieder komisch zu fühlen. Ihr Arm brannte wie
Feuer. „Ich mag auch nicht länger darüber
nachdenken."
Schnell wandte sich sich ab, brach vor Übelkeit
aufstöhnend in die Knie und krümmte sich zusammen. Nicht
einmal mehr Übergeben konnte sich, stellte sie frustriert fest.
Nur noch würgen und nach Luft schnappen.
Snape half ihr
wieder auf und betrachtet sich dabei ihren Arm. Auch Hermine warf
einen Blick darauf.
„Oh, Scheiße aber auch!"
entfuhr es ihr. „Upps, Entschuldigung", murmelte sie
kichernd. „Aber mal ehrlich ... Sieht doch echt Scheiße
aus, was? Und das Design erst ... hey, vielleicht sollte ich
damit eine Rockband gründen!"
(„Mudblood and the
Deatheaters", dachte sie kichernd und begann sich in ihren
Gedanken zu verlieren. „Wir machen Magic Rock, yeah Baby. Black
Magic Rock!" und sie konnte bei dem Gedanken kaum noch
stehenbleiben. Lachte lautlos in sich hinein, als sie sich Snape als
Frontman vorstellte und wie er mit seinem Muggelzwilling, Iggy Pop,
die Konzerthallen zum Kochen brachte.)
Snape indessen ignorierte
die still vor sich her kichernde Hermine und betrachtete zutiefst
besorgt das Mal. Es war tiefschwarz und dunkelrote Streifen gingen
von ihm aus. Sie sahen wie eine Blutvergiftung aus und breiteten sich
wie ein feines Netz über ihrem Unterarm aus, hatten fast schon
die Höhe ihres Ellenbogens erreicht.
„Wir müssen
es unbedingt aufhalten!" sagte er. „Und zwar sofort, noch
heute Nacht!"
„Genau!" stimmte Hermine zu, ohne
eigentlich zu wissen, worum es ging. Sie war hungrig, durstig und ihr
war sterbensübel. Der Gedanke an ihre Band war schon wieder
verblaßt. Wenn ihr Arm bloß endlich aufhören würde,
so zu schmerzen. Aber vielleicht konnte sie ihn ja amputieren?
„Hast
du was zu essen hier, Iggy?" fragte sie den hageren Mann vor
sich. „Ich brauch nämlich dringend, was zu essen und
vielleicht noch ein Butterbier. Mann, mir ist so was von übel
... und um anständig kotzen zu können, bräuchte ich
schon was im Bauch. Und wo ist eigentlich nur mein blöder
Zauberstab?"
Wieder fing sie an, sich suchend über ihren
Körper zu tasten. Und Snape?
Er murmelte eine leise
Entschuldigung und belegte Hermine kurzentschlossen mit einem
Petrificus Totalus. Dabei vermied er den Blick in ihre
wutsprühenden Augen.
„Ich bin gleich wieder zurück.
Ich muß noch die Pergamente holen, einen Trank brauen und ...
Na ja, das übliche eben. Bis dahin ... ähem ... haben Sie
es ja bequem."
~~~~
Hermine schwebte in der Luft.
Dieses Mal hatte der Professor sie nicht völlig entkleiden
müssen, hatte ihr die Unterwäsche anlassen können -
aber irgendwie .... irgendwie wurde es schon zu einer Gewohnheit, daß
seine ehemalige Schülerin nackt oder halbnackt in seinem Haus
herumschwebte.
Kühl blickte er auf die vor Wut tobende und
schreiende Hermine. Er hatte sie aus ihrer Starre befreit und zum
Dank dafür, warf sie ihm Wörter an den Kopf, von denen er
nicht einmal vermutet hätte, daß sie diese kannte. Vieles
an ihrem Zustand erinnerte ihn daran, als er sie das erste Mal
geheilt hatte. Damals, als sie von Indien zurückgekommen war.
Doch selbst damals war sie nicht so unberechenbar, so wütend
oder so besessen gewesen. Wieder und wieder hatte sie ihn angespuckt,
ihn mit Dutzenden von Flüchen belegt, die ohne Zauberstab
freilich ohne Wirkung blieben. Doch im Vergleich zu ihrer Verletzung
nach dem Raub des Kristaldolchs, ließ ihn ihr heutiger Zustand
nicht kalt. Dazu hatte er inzwischen viel zuviel über sie
erfahren und mit ihr zusammen erlebt.
Der Professor brachte
Hermine wieder in die Senkrechte, hielt einen dampfenden Becher in
der Hand.
„Ich denke nicht, daß Sie es freiwillig
trinken werden, oder?" meinte er.
„Darauf können
Sie - verdammt noch mal - Gift nehmen, Sie Bastard! Bleiben
Sie mir mit dem Zeug bloß vom Leibe! Bleiben Sie mir vom
Leibe, Sie widerlicher Todesser!
Ich schwöre ihnen, wenn Sie
mich hier herunterlassen, geb' ich Ihnen, was sie verdienen, Sie
Giftmischer, Sie arroganter Muggelhasser! Ich habe Sie längst
durchschaut, Snape! Mich können Sie nicht länger
täuschen!
Crucio! Crucio! Crucio!"
„Kein
Zauberstab, Gryffindor", entgegnete Snape trocken, wie um sie
darauf aufmerksam zu machen, daß ihre Flüche völlig
wirkungslos blieben. Weder ließ er sich von ihrer Wut, noch von
ihrer Sprache aus der Fassung bringen. Er wußte, daß sie
nicht sie selbst war und so griff er nach seinem Zauberstab, deutete
auf sie, sagte:
„Impero!"
Eiskalt erwischt,
dachte Snape. Und im Augenblick hatte sie sowieso keine Kontrolle
über sich und ihren Geist. Sie hätte sich seinem Fluch kaum
widersetzen können.
„Trinken Sie", sagte er sanft,
hielt ihr den Becher an die Lippen und Hermine trank gehorsam.
Es
war ein schmerzstillender, sedativer Trank. Denn er würde ihre
Mitarbeit brauchen. Ohne ihr Zutun, ohne ihre Mitwirkung würden
sich die schützenden Zeichen nicht auf ihren Körper und
erst recht nicht in ihre Seele einbringen lassen. Man mußte die
Macht dieser alten Magie willkommen heißen, denn sonst würde
sie sich einem einfach verweigern.
Nachdem Hermine den Becher
geleert hatte, begann Snape den Raum umzugestalten. Der
Meditationsraum verschwand. Nach kurzer Zeit hatte Snape erreicht,
was er wollte.
Sie befanden sich in einem Raum, der einem
steinernen Gewölbe nicht unähnlich war. Die Wände
waren fein bearbeitet worden. Die Felsenkammer war keines natürlichen
Ursprungs. Fremdartige Zeichen zogen sich über Wände und
Decke hinweg, Gänge führten aus dem Raum weg, verloren sich
in der Tiefe der Finsternis. Im flackernden Schein der Öllampen
wirkten die uralten Zeichen an den Wänden lebendig, erweckten
den Eindruck, sich zu bewegen. Und aus der Ferne hallten Gesänge
bis zu ihnen vor, klangen durch die Felsgänge hindurch seltsam
verzerrt
Der Professor nickte. So war es richtig. Dies war die
richtige Umgebung um die alte Magie heraufzubeschwören. Er ließ
einen steinernen Tisch aus dem Boden wachsen, einem Altartisch nicht
unähnlich. Dann wandte er sich Hermine zu, ließ sie auf
den Tisch hinabschweben und hob den Imperius Fluch auf. Keine
Beleidigungen kamen mehr von ihr.
„Gryffindor?" fragte
er leise. Hermine wandte ihm ihr Gesicht zu. Er begegnete ihren
gequälten Blick.
„Es tut so weh, Sir. Alles tut weh.
Nicht nur mein Körper, in mir tut alles weh. Ich fühle
schreckliche Dinge. Ich will verletzten, will weh tun. Will
diesen schrecklichen Schmerz, den ich fühle, einfach
weitergeben. Ich will nur noch, das es aufhört, Sir. Einfach nur
aufhört ..."
Snape strich ihr sanft über die Stirn,
wischte ihr die Tränen von den Wangen.
„Das wird es
auch. Wir werden es aufhalten. Keine Angst. Ich bin hier und wir
stehen das gemeinsam durch. Aber ich brauche Ihre Mitarbeit."
Hermine
nickte.
„Ich tue alles, was Sie möchten. Ich will nur,
daß es aufhört, ich will wieder ich selbst sein."
Mit
einem Schwenk seines Zauberstabs schwebte die dicke Rolle eines sehr
altes Pergament an ihre Seite, es rollte sich von selbst auf und
blieb schließlich an einer Stelle offen liegen, auf der sich
ein seltsam verschnörkelten Zeichen befand. Snape sah Hermine
an, sagte:
„Ich muß Sie jetzt magisch fesseln. Denn
diese ganze Prozedur ist ziemlich schmerzhaft. Sie könnten
sich oder mich dabei verletzen."
„Schon okay",
flüsterte Hermine und Snape legte ihr magische Fesseln an, band
sie am Fels fest .
Dann legte er seinen Zauberstab an das Zeichen,
sagte Solve und das Zeichen glühte auf, floß wie
flüssiges Metall in die Spitze des Zauberstabs und verschwand
völlig von der Seite des Pergaments. Er legte Hermine die Spitze
des Zauberstabs an die Stirn, dorthin, wo sich das dritte Auge
befand.
„Das hier wird am meisten weh tun. Darum machen wir
es als erstes. Was man hinter sich hat, muß man nicht mehr
fürchten. Wir fangen mit dem schmerzhaftesten an und danach wird
es mit jedem Zeichen einfacher. Das verspreche ich. Und nun:
Heißen
Sie diese uralte Magie willkommen. Laden Sie sie ein zu verweilen und
sich mit Ihnen zu verbinden. Sie soll eins werden mit ihrer Seele.
Sprechen Sie die Formel nach: Conversio coagula - lux in
tenebris."
Hermine schielte auf den Zauberstab an ihrer
Stirn. Das gefiel ihr überhaupt nicht, aber gehorsam sprach sie
die Formel nach, die Spitze des Zauberstabs glühte auf und
Hermine verkrampfte sich, schrie auf und nur die Fesseln hielten sie
auf dem Altartisch.
Dann war es vorbei. Von einem Moment zum
anderen und Hermine fühlte - Wärme. Eine wundervolle Wärme
und Klarheit, die sich langsam ausbreitete aber nicht weiter als bis
zu ihrem Hals vordrang.
Snape hatte derweil das nächste
Symbol auf den Zauberstab übertragen, er hielt ihn an ihre
Kehle.
„Oh", flüsterte Hermine, als sie erkannte,
was hinter den Stellen steckte, an die Snape seinen Zauberstab hielt.
„Die Chakras?"
Professor Snape nickte.
„Ja",
sagte er. „Was wir hier tun, ist älter als unsere
Zaubererwelt, älter als jede Erinnerung in unserer Welt. Diese
Magie reicht so weit zurück, daß sie sich in den Anfängen
der Menschheitsgeschichte verliert. Sie stammt noch aus einer Zeit,
in der es keinen Unterschied zwischen Muggeln, Zauberer und magischen
Geschöpfen gab. Es war eine Zeit, in der die Welt von Magie
durchflutet war. In der alles noch im fließen und entstehen
war. In der noch nichts festgelegt war und andere, uns unbekannte
Wesen, die Welt mit uns bevölkerten.
Es war Dumbledore, der
dieses Wissen von seinen Forschungsreisen mitbrachte. Ich weiß,
daß er mit Schamanen der Muggelwelt in Verbindung steht und mit
ihnen sogar zusammenarbeitete. Er respektiert und achtet sie
sehr. Ich weiß nur wenig darüber, die magische Welt der
Muggel ist mir unbekannt. Doch diese Schamanen haben das uralte
Wissen durch die Jahrtausende hindurch bewahrt, haben es von
Generation zu Generation weitergegeben, ohne sich über die wahre
Bedeutung dieses Wissens, bewußt zu sein. Nicht einmal
Dumbledore oder ich wissen, wie oder warum diese Magie funktioniert -
und vor allem warum sie sowohl bei uns als auch bei Muggel wirkt.
Doch das tut sie. Sie schützt und bewahrt die Seelen der
Menschen vor weiteren Schäden. Und sie kann angerichteten
Schaden sogar heilen. Dazu muß sie sich allerdings mit dem Kern
unserer selbst verbinden, mit unserm ureigensten selbst. Mit unserer
Seele. Nur so kann sie vor weiteren Schäden schützen und
angerichteten Schaden wiedergutmachen. Es geht nicht anders."
Hermine
nickte und noch sechs weitere Mal wiederholten sie den Zauber, doch
jedes Mal tat es weniger weh. Nachdem das letzte Symbol übertragen
war, fühlte sie nur noch eine wohlige Wärme, die ihren
gesamten Körper durchströmte. Der Schmerz des dunklen Mals
war nicht länger vorhanden.
„So!" sagte Professor
Snape. „Für den Moment sollte es ausreichen."
Er
löste ihre magischen Fesseln und half ihr, sich aufzusetzen.
Einen Moment lang wurde Hermine schwindlig. Sie kippte zur Seite und
blieb erschöpft liegen. Sie war so müde, daß sie sich
nicht mehr regen wollte. Erschöpft schloß sie die Augen,
murmelte:
„Lassen Sie mich einfach hier liegen, ich kann
mich nicht mehr rühren. Gute Nacht, Professor."
„Nonsens!"
sagte Snape und hob sie auf. „Ich bring Sie in ihr
Bett."
Hermine legte ihm ganz automatisch die Arme um den
Nacken und kuschelte sich an ihn. Sie fühlte sich rundum
geborgen. Kaum bemerkte sie, wie er sie aus dem magischen Raum hinaus
in ihr Zimmer hinein trug.
Sie sank aus seinen Armen auf die
Matratze, hielt dann aber noch kurz seine Hand fest, zog ihn zu sich
herunter und flüsterte:
„Verzeihen Sie, wenn ich kurz
persönlich werde, Professor. Aber eins muß ich Ihnen noch
sagen. Und im Augenblick bin ich viel zu erschöpft, um mich
morgen daran noch zu erinnern."
Mühsam öffnete sie
kurz die Augen, suchte nach seinem Blick.
Sein Gesicht war nur
ein fahler bleicher Fleck, der sich kaum von der Dunkelheit ihres
Zimmers abhob. Allein das Glitzern seiner schwarzen Augen verriet
ihn.
„Wissen Sie, in den letzten Monaten habe ich meine
Meinung über Sie geändert. Ich glaube, Sie sind gar kein so
übler Mensch, Sie verstehen es nur gut, das zu verbergen. Und
wissen Sie was? Ich glaube, uns verbindet inzwischen sehr viel mehr,
als uns trennt.
Nur das wollte ich ihnen noch sagen. Gute Nacht,
Professor."
Und mit diesen Worten zerknäulte sie ihr
Kissen, legte den Kopf darauf und zog sich die Decke über die
Schultern. Sie war schon eingeschlafen, bevor Snape auch nur irgend
etwas darauf hätte erwidern konnte.
Lange sah er sie in der
Dunkelheit an. Dann strich ihr das Haar aus der Stirn und küßte
sie sanft. Still erhob er sich und flüsterte noch im
Hinausgehen:
„Schlaf gut, Hermine. Ich mag dich
auch."
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Hermine taumelte benommen ins gammlige
Bad, stellte sich in den Zuber und ließ den Wolkenbruch
über sich ergehen. Sie hatte kaum die Augen aufgekriegt und das
kalte Wasser weckte langsam ihre Lebensgeister. Unter Umständen
würde sie diesen morgenlichen Wolkenbruch doch noch vermissen,
stellte sie verschlafen fest und bückte sich nach der Seife.
Dann ließ sie einen spitzen Schrei los.
Ihr ganzer Körper
war voller häßlicher schwarzer Tätowierungen! Und
nicht genug damit. Sie wanderten auch noch kreuz und quer über
ihre Haut, versanken in ihrem Fleisch und tauchten an anderer Stelle
wieder auf!
Dann fiel ihr der gestrige Tag ein. Und langsam, fast
schon ungläubig drehte sie sich ihren rechten Unterarm zu,
blickte auf den Totenkopf und die Schlange - und ihre Beine gaben
einfach unter ihr nach.
Sie platschte ins Wasser, während
die düsteren Wolken über ihrem Kopf, nicht aufhören
wollten, sich zu ergießen. Mit leerem Blick starrt sie auf das
dunkle Mal und fuhr mit dem Zeigefinger die Konturen nach. Dann riß
ein Klopfen an der Tür sie aus ihrer
Erstarrung.
„Gryffindor?"
„A- Alles in
Ordnung, Professor. Ich habe mich nur erschrocken"
„Das
Mal, die Tätowierungen?" kam es fragend von jenseits der
Tür.
„Ja", flüsterte sie, wohl zu leise, als
das Snape sie hätte verstehen können, aber er konnte sich
ohnehin denken, was sie so erschreckt hatte.
„Ich muß
einen Blick darauf werfen", hörte sie seine Stimme zwischen
dem Grollen des Wolkenbruchs sagen. „Muß sehen, ob
wirklich alles in Ordnung ist."
„Später,
Professor", sagte sie lauter. „Ich komme in die Küche
herunter. Dort können Sie es sich ansehen. Nicht jetzt."
Snape
saß in der Küche, trank Tee und wartete. Er war müde,
hatte kaum geschlafen. Die Geschehnisse der letzten Nacht hatten auch
ihn überrollt. Nie hätte er damit gerechnet, daß der
Dunkle Lord einem Muggelabkömmling das dunkle Mal einbrennen
würde. Ihn in die Reihen seiner Todesser aufnehmen würde.
Ein Unding, ein Bruch von allem, woran Todesser glaubten!
Doch
Hermine Granger hatte sich gestern Nacht unglaublich gut geschlagen.
Natürlich war es furchtbar, daß es mit Dolohows Tod
geendet hatte. Tragisch, daß sie jetzt schon hatte töten
müssen. Andererseits war es von Anfang an klar gewesen. Sie
hatte gewußt, worauf sie sich einließ. Keiner erlernte
die Unverzeihlichen Flüche, um sie dann nicht anzuwenden.
Snapes Blick fiel auf die heutige Schlagzeilen des
Tagespropheten. Eigentlich waren es die gleichen wie gestern, wie
tags zuvor, wie schon seit Monaten.
Das Land war in Aufruhr.
Schreckliche Morde geschahen, Familien verschwanden spurlos,
entsetzlich verstümmelte Leichen tauchten auf. In den Ländern
des Ostens herrschten Unruhen. Gerüchte über Armeen von
Inferi, Werwölfen und Vampiren, die ganze Landstriche
verwüsteten, gingen durch die Zauberwelt.
Aber auch die
Muggelwelt war davon längst schon in Mitleidenschaft gezogen.
Die Zaubereiministeren der betroffenen Länder konnten kaum
noch den Schaden eingrenzen. In den Muggelzeitungen fanden sich immer
mehr Berichte über Begegnungen mit fürchterlichen
Gestalten, von denen manche als Werwölfe andere als Vampire oder
wandelnde Tote beschrieben wurden.
Mehr und mehr geriet die Welt
aus den Fugen, und die sauberen Grenzen zwischen der magischen und
nichtmagischen Welt schwanden.
Voldemort mußte endlich
fallen, dachte Snape. Der Schlange mußte der Kopf abgetrennt
werden.
Wenn der Dunkle Lord fiel, würde diese ganze
finstere Revolution in sich zusammenbrechen. Voldemort war der
Kopf, der alles lenkte, der alle einte. Wenn er starb, würden
die dunklen Allianzen, die traditionell schon immer miteinander
zerstritten waren, auseinanderfallen und die Ministerien konnten
alles wieder in die richtigen Bahnen lenken. Die Grenzen zwischen den
Welten würden wieder aufgerichtet werden können.
Und
Hermine Granger, dachte Snape weiter, sie war der Schlüssel zum
Sieg. Heute war ihm das klarer, als jemals zuvor. Er hätte es
sich niemals vorstellen können, doch im Augenblick wünschte
er sich nichts sehnlicher, als daß die alte Frau aus dem
steinernem Labyrinth recht behielt.
Selbst wenn das hieße,
daß es ein Schicksal gab, daß alles nur vorbestimmt war.
Aber daran glaubte er ohnehin nicht. Doch zum ersten Mal erschien
ihm der Gedanke an ein Schicksal nicht mehr ganz so bedrohlich. Zum
ersten Mal konnte er verstehen, warum es Leute gab, die es vorzogen,
an ein Schicksal zu glauben.
Die Tür öffnete sich,
und Hermine trat ein. Sie sah ebenso müde und erschöpft
aus, wie er sich fühlte. Beide hatten sie dunkle Schatten unter
den Augen.
„Wie fühlen Sie sich, Gryffindor?"
fragte er.
Hermine warf ihm einen Blick zu und fand, daß er
heute morgen genauso beschissen aussah, wie sie sich fühlte.
„Ganz
genauso wie sie aussehen, Sir."
Snape schmunzelte. Er glaubte
zu ahnen, daß ihm Hermine fehlen würde. Er hatte sich an
ihre Anwesenheit in seinem Haus gewöhnt, hatte sich an sie
gewöhnt. Und einen Moment lang erschreckte ihn die Erkenntnis,
daß sie ihn verlassen würde, daß er sie nicht länger
würde schützen können.
„Kommen Sie, setzen
Sie sich", sagte er zu ihr. „Kann ich das dunkle Mal
sehen?"
Hermine schlurfte müde an ihm vorbei, klopfte
ihm im Vorübergehen beruhigend auf die Schulter und murmelte:
„Gleich."
Wie seltsam vertraut diese Geste doch
war, dachte der Zauberer. Wie beruhigend, daß sie ihm nicht
mehr auswich. Sein Blick folgte ihr, als sie zum Vorratsschrank ging
und diesen fragte:
„Hast du zufällig irgendwo Kaffee in
dir?"
„Was du willst, Hermine. Severus hat mich heute
sehr großzügig aufgefüllt.
Frühstück?"
„Später.
Zuerst den Kaffee, mein Lieber, mit Milch. Ich muß erst mal
wach werden."
Schon sprang die Klappe auf und ein unglaublich
verführerisch duftender Kaffee stand in einem großen Glas
bereit. Latte Macciato, stellte Hermine erfreut fest.
Mit einem
gemurmelten Danke nahm sie das Glas heraus, schlurfte zum Tisch und
wurde sich erst da wieder des Professors bewußt.
„Oh!"
rief sie aus und setzte sich mit einem entschuldigenden Lächeln
an den Tisch.
Sie rollte sich den Ärmel hoch und legte ihm
ihren Arm hin. Mit der anderen Hand nahm sie das Glas, trank vom
Kaffee. Snape beugte sich vor, strich prüfend über das Mal.
Keine roten Linien waren mehr zu sehen.
„Sehr gut",
flüsterte er zufrieden. „Und die anderen
Zeichen?"
„Krabbeln über meinen Körper,
verschwinden und tauchen wieder auf - irgendwie unheimlich."
„Ach
ja? Na ja, Sie werden sich daran gewöhnen. Es zieht sie immer
dort hin, wo sie gebraucht werden, und wenn sie nichts zu tun haben,
krabbeln sie über den Körper oder versinken in der Tiefe -
ganz wie Sie gesagt haben. Interessanterweise scheinen sie zu wissen,
daß sie nicht auf den sichtbaren Bereichen der Haut erscheinen
sollen. Im Gesicht oder auf den Händen. Kann ich einen Blick auf
sie werfen?"
Hermine leerte den Macciato und fühlte sich
schon besser. Sie öffnete das Hemd, stand auf und ging zum
Professor. Auch er war aufgestanden.
Er beobachtete die
wandernden Zeichen, begutachtete sie, sah zu, wie sie sich
miteinander zu neuen Symbolen verbanden und schien mit dem, was er
sah, hoch zufrieden zu sein.
„Haben Sie überhaupt eine
Idee, wie gut Sie nun vor Schwarzer Magie geschützt sind,
Gryffindor?"
„Vermutlich nicht, Sir."
Snape
schwieg. Sie hatte recht. Sie würde den Nutzen dieses Schutzes
erst zu schätzen wissen, wenn sie ihn wieder brauchte. Und
eigentlich war ihr zu wünschen, daß sie ihn nie wieder
brauchte.
Hermine knöpfte sich das Hemd wieder zu, verstand
plötzlich, warum es Professor Snape peinlich gewesen war, ihr
seine wandernden Tätowierungen zu zeigen.
Irgendwie waren
diese Zeichen etwas zutiefst persönliches. Als ob man jemanden
einen Blick auf die eigene Seele gestattete.
Hermine ging zurück
zum Vorratsschrank, ließ sich noch mal einen Latte machen und
fragte schlürfend:
„Wie wird es jetzt
weitergehen?"
„Draco wird ihr heldenhafter Retter in
der Not sein. Er wird sie befreien."
Hermine prustete. Der
Kaffee lief ihr höchst undamenhaft aus der Nase und sie konnte
nicht anders als laut aufzulachen.
„Draco
Malfoy?"
„Irgendwer muß Sie aus den Klauen der
Todesser entreißen. Und da ich inzwischen ganz offensichtlich
als der Verräter überführt bin, der ich nach Potters
Ansicht schon immer war, kann nur noch Draco in Frage kommen - und
warum auch nicht? Er ist im gleichen Jahrgang wie sie und zumindest
sein Vater ist ein überführter Todesser.
Seine
Verbindung zu den Todessern ist somit glaubhaft. Zudem hofft der
Dunkle Lord, daß Draco in Dumbledores Augen mit einer solchen
Tat vertrauenswürdig wird, eventuell sogar als Informant für
den Orden herangezogen wird. Er könnte zum Ersatzmann für
mich werden und Dumbledore fingierte Informationen über die
Aktionen der Todesser zuspielen. Er könnte mithelfen, die Falle
aufzubauen.
Und Sie haben mit Draco einen Vertrauten des Dunklen
Lords in der Schule. Außerdem", Snape machte kurz eine
Pause, „wurden schon in den letzten Monaten von Draco hier und
da kleine Anmerkungen fallen gelassen. Es wurden Gerüchte
verstreut, daß Sie noch am Leben sein könnten."
„Tatsächlich?"
erwiderte Hermine kühl. „Und warum weiß ich nichts
davon, warum haben Sie mir das verschwiegen?"
Snape schwieg
kurz, antwortete dann unwillig:
„Es hätte durchaus sein
können, daß Draco statt mit einer lebenden Hermine Granger
nur deren Leiche zurückkommt. Alles hing von gestern ab."
„Ich
verstehe", sagte Hermine daraufhin leise. „Trotzdem ist es
lächerlich. Dumbledore wird niemals auf so etwas
hereinfallen."
„Gryffindor", sagte Snape sanft.
„Dumbledore hat eine ganz entscheidende Schwäche, die
jeder kennt: Er möchte an das Gute im Menschen glauben.
Besonders, wenn es sich dabei um einen noch so jungen Menschen wie
Draco handelt. Dumbledore wird darauf reinfallen, auch weil
Sie ihn davon überzeugen werden, daß Draco Sie gerettet
hat."
„Was?"
„Sie haben immer noch
nicht begriffen, nicht wahr? Sie werden Dumbledore und Ihre Freunde
hinters Licht führen müssen. Sie werden dem Plan des
Dunklen Lords folgen, werden helfen, die Falle aufzubauen - und erst
wenn sie steht, erst wenn alles zur Vernichtung Dumbledores und
Potters bereit ist, können Sie Dumbledore einweihen.
Nicht
vorher! Niemals vorher!"
„Aber warum nicht?"
fragte Hermine aufgebracht, war verwirrt. Es gefiel ihr überhaupt
nicht, Dumbledore und ihre Freunde zu betrügen. „Der
Schulleiter könnte uns doch helfen, er könnte mich
unterstützen."
„Nein, verdammt!" Snape schlug
unbeherrscht mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Ich kenne
Dumbledore! Er wird mit seiner verdammten Menschenliebe alles
zunichte machen! Und Ihren Freunden traue ich keinen Meter
über den Weg. Keiner von denen hat auch nur annähernd Ihre
Stärke, Ihren Mut oder Ihre Kenntnisse - die würden nur
alles verderben! Und vergessen Sie nicht den Verräter im Orden.
Wenn der Wind von der Sache kriegt, weil sie Dumbledore oder einen
ihre Freunde in die Sache einweihen ... Gryffindor! Sie können
keinem trauen! Absolut niemandem!"
„Aber dann
... dann stehe ich ganz allein da. Wie soll ich wissen, wann der
richtige Zeitpunkt gekommen ist? Wie soll ich mit Ihnen in
Kontakt treten?"
„So wie auch die Ordensleute - mit
ihrem Patronus. Kommen Sie mit! Sie scheinen im Moment sowieso kein
Hunger zu haben."
Sie verließen die Küche und
Hermine warf dem Schrank noch einen bedauernden Blick zu. Snape ging
in den magischen Raum, zog den Zauberstab und rief: „Finite!"
Mit
einem hellen Lichtblitz verwandelte sich dieser in einen
langweiligen, nüchternen Raum; ohne Möbel, mit weißen
Wänden, etwa dreißig Quadratmeter groß. Hermine sah
den Raum zum ersten Mal in dem Zustand, wie er tatsächlich
war.
„Expecto Patronum!" rief der Professor. Ein
hellsilberner Strahl verließ die Spitze seines Zauberstabs,
färbte sich dann aber schwarz und ein großer Rabe
erschien. Er flog auf Hermine zu, setzte sich auf ihre Schulter und
legte den Kopf an den ihren.
Hermine hörte Snapes Stimme in
ihren Gedanken sagen:
„Das ist mein Patronus. Und genauso
werden sie meine Nachrichten erhalten. Sie werden wissen, daß
Sie keine fingierte Botschaft erhalten. Sie dürfen keinem
anderen glauben. Ich werde keine anderen Botschaften schicken. Keine
schriftlichen, keine mündlichen, gleichgültig was man Ihnen
sagt. Wenn ich etwas von Ihnen will, schicke ich den Patronus."
„Aber
wieso ist er schwarz?" fragte Hermine völlig verwirrt. Der
Patronus war eine silberne Lichtgestalt.
Der Professor lachte
bitter.
„Rufen Sie ihren Patronus herbei."
Hermine
hielt ihren Zauberstab in die Höhe und sprach den
Patronuszauber. Ein silberner Lichtstrahl verließ den
Zauberstab, doch dann verfärbte er sich zu Hermines Entsetzen
schwarz und der Otter, ihr Patronus, sprang auf den Boden und blieb
weiterhin schwarz. Doch ansonsten war er der Patronus, den sie
kannte.
„Wieso ist nun auch mein Patronus schwarz?"
rief sie, wie vor den Kopf gestoßen, aus.
„Das macht
das dunkle Mal, Gryffindor. Wer es trägt, wird nie wieder einen
silbernen Patronus herbeirufen können. Daran erkennen sich
Todesser gegenseitig. Oder glauben Sie, der Orden ist die einzige
Organisation, die diese Kommunikationsmöglichkeit
nutzt?"
Hermine setzte sich zu Boden und der Rabe flog ihr
von der Schulter, landete neben dem Otter.
Eigentlich, dachte
Hermine, waren die beiden nun viel unauffälliger. Sahen mehr
nach echten Tieren als nach einem Zauber aus.
Snape setzte sich
neben sie, betrachtete den Otter, sagte:
„Irgendwie
niedlich. Haben Sie eine Idee, warum es ein Otter ist?"
Hermine
schüttelte den Kopf.
„Mir gefällt ihr Rabe",
sagte sie. „Ich hatte schon befürchtet, es wäre eine
Fledermaus - upps!"
Sie lächelte ihren Professor schief
an, der oft als zu groß geratene Fledermaus bezeichnet
wurde.
„Gehen Sie etwas essen, Gryffindor. Der
Vorratsschrank möchte Sie heute verwöhnen. Ich habe ihn
extra für Sie aufgefüllt."
Hermine nickte und ließ
den Professor zurück. Und tatsächlich schien der
Vorratsschrank an diesem Morgen nur ein Ziel zu verfolgen:
nämlich sie zu mästen. Zwei Stunden später floh sie
förmlich vor der Bemutterung des Schranks aus der Küche. So
vollgestopft war sie noch nie gewesen.
Der Rest des Tages
verlief unspektakulär. Der Professor war nach dem Frühstück
nicht mehr aufgetaucht und Hermine war später noch in die Küche
gegangen, hatte mit dem Schrank die neuesten Ereignisse aus dem
Tagespropheten besprochen und weder sie noch der Schrank hatten den
gestrigen Tag erwähnt.
Danach war sie ins Labor gegangen,
hatte sich um einige ihrer angesetzten Tränke gekümmert und
war früh zu Bett gegangen. An Dolohow hatte sie nicht zu denken
versucht. Und auch nicht daran, daß sie einen Menschen getötet
hatte.