Das Herz der Dunkelheit


von Darkchild




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Die Autorin hat eine Homepage zu Rickman und Snape.
Hier gibt es u. a. auch Interessantes über den Zaubertränkemeister zu lesen.



Kapitel 3


Kapitel 3: Das Ende der Unschuld



Sie saßen auf futonähnlchen Matten im magischen Raum, der nun einem Meditationsraum glich. Alles war hell und freundlich, so daß Hermine und der Professor in ihrer schwarzen Kleidung wie zwei zu groß geratene Fliegen darin wirkten.
Drei Wochen waren seit jenem denkwürdigen Gespräch vergangen. Snapes Verhalten Hermine gegenüber hatte sich seitdem komplett verändert. Er sprach mehr mit ihr, erklärte ihr ausführlicher, was er von ihr erwartete, war geduldiger, allerdings auch unnachgiebiger.
Er zeigte ihr Kniffe und Tricks, die er selbst herausgefunden hatte, oder die ihn Dumbledore gelehrt hatte. Er setzte alles daran, Hermine von seinem Wissen und seinen Erkenntnissen profitieren zu lassen.
Und Hermine lernte. Lernte alles, was er ihr aufzeigte, sog es auf, wie ein trockener Schwamm das Wasser. Sie lernte verblüffend wirksame Abwehrsprüche und noch erstaunlichere Beschwörungsformeln, die mehr einem leisen Gesang als Zauberformeln glichen und mit denen man schrecklichste Wunden und Verletzungen heilen konnte. Diese Formeln,sagte Snape, waren so alt, daß keiner mehr sagen konnte, welcher Sprache sie entstammten - nur, daß sie wirkten.
Aber vor allem unterrichtete er sie in Bewußseinstechniken. Der Professor lehrte sie, ihre Gefühle von ihren Gedanken zu trennen, zeigte ihr, wie sie im Handeln emotionslos werden konnte. Und immer wieder betonte er dabei, wie wichtig es war, niemals an dem zu Zweifeln, was man tat, stets im Augenblick zu leben. Für diese Art der Arbeit, sagte er, war es wichtig zu begreifen, daß es niemals ein Gestern oder ein Morgen gab, daß einzig das Jetzt ausschlaggebend war.
Nach nur 10 Tagen begannen sie sich gegenseitig mit dem Cruciatus und Imperius Fluch zu belegen. Ihren Imperius Fluch brach Snape immer wieder. Doch er bestätigte, daß ihr Fluch stark genug sei, um andere zu unterwerfen und daß es bei ihm nur deswegen nicht klappe, weil er darauf vorbereitet war. Der Imperius Fluch, sagte er, war immer dann am wirksamsten, wenn das Opfer nicht damit rechnete.
Sie selbst hatte zunächst große Schwierigkeiten gehabt, Snapes Imperius Fluch zu widerstehen. Doch inzwischen hatte sie das mit seiner Hilfe gelernt.
Der Cruciatus Fluch allerdings stand auf einem anderen Blatt.
Hermine hatte große Angst gehabt, ihn anzuwenden. Allein schon der Gedanke daran war ihr unerträglich gewesen.
Doch Snape lehrte sie, ihre Gefühle von ihrem Handeln zu trennen, ihre Zweifel zu überwinden. Und als sie es schließlich schaffte, Snape mit dem Cruciatus Fluch zu belegen und ihm zusah, wie er sich vor Schmerzen wandte, wie er schrie und wie ein Tier heulte, fühlte sie - kein Bedauern, nicht einmal Mitleid.
Er schrie ihr entgegen, endlich aufzuhören, daß sie diese Lektion gelernt hatte und Hermine - zögerte. Fühlte eine Kraft in sich aufsteigen, stark und mächtig, hörte etwas in sich flüstern. Etwas, das sagte: Du stehst jetzt über ihm. Du kannst ihn brechen. Du hast die Macht.
Und Hermine ging neben ihm in die Knie, warf einen Blick in sein schmerzverzerrtes Gesicht, begegnete seinen dunklen wissenden Augen - und verstand.
Eine kurze Bewegung des Zauberstabs und der Fluch war aufgehoben. Sie flößte ihm den schon bereitstehenden Trank gegen die Schmerzen ein und setzte sich mit leerem Blick zitternd neben ihn. Sie war fassungslos über das, was sie gerade getan hatte. Fassungslos über die Gefühle, die diese Macht in ihr ausgelöst hatte.
Snape war irgendwann aufgestanden, war gegangen. Hatte sie für den Rest des Tages in Ruhe gelassen.
Nachdem Hermine sich der dunklen Seite in ihr selbst gewahr geworden war, nachdem sie verstanden hatte, wie leicht man der Macht der Magie erlag, übte sie noch härter mit dem Professor an der Kontrolle ihres Geistes.
Mehr als alles andere zuvor hatte ihr dieses Erlebnis, dieses Gefühl der aufsteigenden Macht gezeigt, daß auch sie gegen die Versuchungen der Dunklen Künste nicht gefeit war. Etwas, was sie noch vor drei Wochen schlichtweg abgestritten hatte.
Und so war in den vergangenen Tagen das praktische Training stark zurückgegangen und sie trafen sich fast ausschließlich im Meditationsraum, um an der Disziplinierung ihre Geistes zu arbeiten. Heute ging es (wieder einmal) um Legilimentik und Okklumentik.

„Ich will, daß Sie in meinen Geist eindringen - oder es zumindest versuchen. Stellen Sie mir eine Frage und versuchen Sie herauszufinden, ob ich Lüge oder die Wahrheit sage. Und haben Sie einen Blick auf ihren Geist. Ich werde mich sehr ungeschickt anstellen und versuchen, hinter ein paar Ihrer Gedanken zu kommen. So können Sie am Besten selbst selbst erfahren, wie Sie dies bei anderen tun sollten - geschickter natürlich."
Hermine nickte.
„Professor Snape, sagen Sie mir bitte, wer glauben Sie, ist der Verräter im Orden?"
Hermine hatte ihm diese Frage schon seit einer Ewigkeit stellen wollen.
Snape lächelte schwach, sagte:
„Ich halte es für wahrscheinlich, daß Molly Weasley zur Verräterin geworden ist."
„Was?" lachte Hermine und fühlte sich von seiner Antwort komplett überrumpelt.
In diesem Moment bemerkte sie einen unangenehmen kurzen Schmerz in der Schläfe. Wie blind umhertastende Finger war da plötzlich eine fremde Präsenz in ihrem Bewußtsein. Erschreckt starrte sie Snape an.
„Großer Merlin, Gryffindor!" sagte Snape vorwurfsvoll. „Das war nun wirklich zu einfach. Hätte ich mich nicht so ungeschickt angestellt, hätten Sie nicht einmal bemerkt, daß ich in ihrem Kopf war.
Das war eine erstaunlich schwache Leistung von Ihnen! Sie dürfen sich von irritierenden unerwarteten Antworten nicht ablenken lassen. Gleich noch mal."
Das war gemein, stellte Hermine fest. Aber natürlich hatte er recht. Wie hatte sie darauf nur so hereinfallen können?
„Entschuldigen Sie, Professor. Mit so etwas habe ich eben nicht gerechnet. Sie haben Recht und danke, daß Sie mir diese Lücke in meiner Verteidigung aufzeigen. Aber meine Frage steht immer noch:
Wer könnte Ihrer Meinung nach der Verräter sein?"
„Und ebenso steht auch meine Antwort darauf:
Molly Weasley."
Hermine starrte Snape ohne mit den Wimpern zu zucken an. Seine Augen waren eine schwarze undurchdringliche Mauer, sein Gesichtsausdruck unentschlüsselbar.
„Warum Molly Weasley?" fragte Hermine schließlich.
„Warum versuchen Sie, es nicht selbst herauszufinden?" antwortete Snape.
Legilimens!"
Hermines Zauberstab tippte in Snapes Richtung und sie suchte in Snapes Verteidigung nach einer schwachen Stelle. Doch da war nichts. Snapes Geist war zu diszipliniert, zu kontrolliert. Keine Gefühle drangen von ihm nach außen. Der Zauberspruch war wirkungslos.
„Ach, wissen Sie was? Das ist mir zu blöd, Sir - Crucio!"
Professor Snape verkrampfte sich, schrie auf und Hermine ließ einige Sekunden verstreichen bevor sie den Fluch aufhob. Seine Verteidigung war nun geschwächt, seine Gedanken durch den Schmerz verwirrt und unkontrolliert. Ein Eindringen in seinen Geist war nun ohne zu viel Anstrengung möglich.
Molly Weasley, flüsterte sie in seinem Verstand, suchte nach Hinweisen, versuchte Zusammenhänge in den Bildern zu erkennen, die ihr zuflogen.
Molly warf ihr einen mißbilligend Blick zu, weil sie sich wieder einmal mit Sirius stritt. Hermines Gefühle für Sirius waren von solchem tiefen Haß, daß sie sie nicht unterdrücken konnte. Sie verabscheute ihn zutiefst. Molly versuchte zwischen ihnen zu vermitteln. Doch Hermine stellte fest,daß sie Molly ebenso nicht leiden konnte - aber Moment mal, das stimmte doch gar nicht! Hermine wurde sich dessen bewußt, daß sie in Snapes Kopf war, daß sie seine Gefühle erlebte.
Weiter, dachte sie.
Sie sah in Mollys Küche alle neun Zeiger der Weasleyuhr auf tödliche Gefahr stehen.
(Wann war Snape im Fuchsbau gewesen?)
Sie sah Mad Eye Moody, der die weinende Molly tröstend im Arm hielt. Tonks hielt Lupins verkrampfte Hand, sein Gesicht war weiß wie Kalk, er wirkte wie versteinert. Sie sah auf die kleine versammete Truppe, die stumm in der Küche des Stammhauses der Blacks saß und stellte jedem von ihnen einen dampfenden Becher mit einem beruhigendem Trank vor. In ihrem Herzen fühlte sie grimmige Zufriedenheit.
Sirius Black war tot.
Hermines Atem stockte kurz. Sie konnte kaum glauben, daß Snape bei Sirius' Tod so empfunden hatte ... und dann tauchte etwas anderes auf. Dunkelheit ... zwei ineinander verschlungene Körper ... Lust, unendliche Lust ... was war das?
Bevor sie dem nachgehen konnte, schnappte etwas wie ein Fußeisen zu, und Hermine heulte vor Schmerzen auf. Sie starrte erschreckt in Snapes Augen, und ein feines listiges Lächeln stand seinem Gesicht. Gewaltsam wurde sie aus seinem Geist herausgeschmissen.
Ein mörderischer Schmerz loderte hinter ihrer Stirn auf. Sie fühlte, wie ihr das Blut aus ihrer Nase schoß, griff sich an den Schädel und schrie: „Aufhören!"
Erinnerungen wurden ihr nun gewaltsam entrissen. Bilder fluteten aus ihr, ließen sich nicht mehr zurückhalten. Sie kehrte zurück zur Nacht ... der Nacht in der Dolohow und die anderen - nein!
Ihr Blick versenkte sich in die kalten schwarzen Augen vor ihr, und sie nahm sich zurück, was ihr gehörte. Entriß diesem gierigem Geist ihre Erinnerungen schlug in eiskalter Wut zurück und löste die Bindung zwischen ihnen.
„Hervorragend, Gryffindor", sagte Snape leise und wischte sich das Blut von den Lippen, das ihm nun ebenfalls langsam aus der Nase floß.
„Sie sind erfolgreich in meinen Geist eingedrungen, und haben mich ebenso erfolgreich aus dem ihrem geworfen. Für den Rest des Tages haben Sie frei. Versuchen Sie zu rekapitulieren, wie Sie es gemacht haben. Verstehen Sie die Mechanismen des Geistes - nutzen Sie sie!"
Hermine wischte sich ebenfalls das Blut aus dem Gesicht.
„Sir", sagte sie dann, „ich will weitermachen. Ich will das Avada Kedavra lernen. Ich denke, ich bin so weit."
Der schwarzhaarige Mann sah sie lange still an - sie wich seinem stechenden Blick nicht aus, starrte zurück, bis er mit heiserer Stimme flüsterte:
„Ja, ich denke, Sie sind so weit. Morgen, Gryffindor, morgen lernen Sie zu töten."
Hermine nickte, sagte:
„Gut. Dann lassen Sie uns doch heute Abend noch ein Duell ausfechten, Sir. Ich habe ein paar neue Flüche, neue Ideen. Ich will nicht frei haben, ich will kämpfen!"
Miss Granger!"
Hermine zuckte zusammen. Snapes Stimme war schneidend, geradezu messerscharf. Seine Worte trafen sie wie ein Peitschenschlag.
„Erforschen Sie genau, was gerade in Ihnen vorgeht! Sie haben nicht umsonst frei. Sie müssen lernen, Ihre Gefühle zu verstehen. Versuchen Sie zu verstehen, warum Sie lieber kämpfen möchten, anstatt frei zu haben! Versuchen Sie zu verstehen, warum Sie den Todesfluch gerade jetzt erlernen möchten. Denken Sie darüber nach, lernen Sie sich selbst kennen, begreifen Sie sich selbst!"
Snape stand auf und ging. Ließ eine aufgewühlte Hermine zurück, die eine unbändige Energie in sich verspürte. Die danach brannte sich mit Snape zu duellieren, sich zu beweisen.
Aber der Professor hatte recht, dachte sie. Das war nicht sie selbst. Oder wenn sie es war, dann war es ein Teil von ihr, von dem sie bisher nichts gewußt hatte. Woher kam nur diese Kraft, diese Wut? Warum wollte sie lieber kämpfen, lieber zerstören, lieber neue Flüche ausprobieren? Warum wollte sie gerade jetzt den Todesfluch erlernen. Warum wollte sie das alles tun? Lieber als ... zur Ruhe zu kommen, zu sich selbst zu finden.
Nun wo es ihr bewußt wurde, machte es ihr Angst.
Wieder, stellte sie fest, wieder war sie der Magie auf den Leim gegangen. War ihr ins Netz gegangen, klebte hilflos darin, wie eine Fliege im Netz der Spinne. Wieder hatte sie in ihrer Wachsam­keit nachgelassen. Wieder ... war sie schwach geworden.
Und obwohl sie dies alles erkannte, brannte immer noch der Wunsch in ihr, die neuen Flüche auszuprobieren, zu sehen, wie sie wirkten. Ihre Macht auszuleben.
Hermine schloß die Augen, atmete tief durch und begann ruhiger zu werden, begann zu meditieren. Sie versuchte ihren Gefühlen nachzuspüren, versuchte zu verstehen, was die Macht, die sie inzwischen besaß, in ihr bewirkte.
Professor Snape hatte so recht gehabt, dachte sie. Nicht in den Dunklen Künsten lag das Problem, es lag in der Schwäche des menschlichen Geistes.

~~~~

„Sir?" flüsterte Hermine schwach.
„Oh, Sie glaubten doch nicht, daß ich es Ihnen so einfach machen würde?" antwortete der Professor.
Hermine betrachtete die niedlichen miteinander spielenden Welpen.
„Das kann ich nicht", murmelte sie.
Snape sah sie kalt an.
„Natürlich können Sie das. Sie müssen es nur wollen. Dachten Sie, ich würde mit Insekten kommen? Mit irgendetwas Widerlichem, von dem es Ihnen nichts ausmacht, es zu töten? Kommen Sie! Jeder von uns hat schon Fliegen und Spinnen getötet. Dafür bracht man keinen Todesfluch!"
„Ich kann es nicht", wiederholte Hermine ihre Worte leise.
Snape sah sie immer noch kalt an, zog eine Braue hoch und deutete mit dem Zauberstab auf einen der Welpen.
„Es ist ganz einfach. Und wenn es sie beruhigt: Es tut dem Tier nicht weh.
Sie müssen ihren Arm in einer Bewegung auf ihr Ziel richten, ihre Absicht muß glasklar und eindeutig sein. Gleichzeitig müssen Sie den Fluch aussprechen. Da darf kein Zweifel, kein Zögern, kein Zaudern sein. Sehen Sie mir zu."
Snape holte in einer geschmeidigen Bewegung aus, richtete den Zauberstab auf einen der Welpen und sagte im gleichen Atemzug Avada Kedavra. Der grüner Strahl traf den Welpen und dieser sackte einfach in sich zusammen, war augenblicklich tot.
Hermine keuchte auf.
Die beiden anderen Welpen gingen zu ihrem Geschwister, beschnupperten es, stießen es mit der Schnauze an und begriffen nicht, was geschehen war.
„Ich will das nicht", flüsterte Hermine.
„Gestern abend aber wollten Sie es noch!"
„Das war gestern. Da war ich nicht ich selbst", antwortete Hermine.
Snape schnaubte.
„Sie waren gestern Abend ebenso sehr Sie selbst, wie Sie es heute sind. Nur daß Sie gestern keine Zweifel hatten, sondern die Macht, die Sie besitzen, umarmten. Dies ist der letzte der Unverzeihlichen Flüche, aber glauben Sie mir, Gryffindor, er ist bei weitem nicht so grausam, wie die ersten beiden."
Hermine starrte Snape fassungslos an. Hatte er den Verstand verloren? Doch dieser starrte verärgert auf sie zurück, sagte fauchend:
„Glauben Sie ernsthaft, der Tod sei schlimmer, als Wahnsinn, Folter oder Versklavung? Ich sage Ihnen, der Tod ist ein meist gnädigeres Schicksal als das, was der Cruciatus Fluch anrichten kann oder wozu einen der Imperius Fluch zwingt.
Sie haben doch die Longbottoms in St. Mungo gesehen, oder etwa nicht? Können Sie sich auch nur im entferntesten vorstellen, was die beiden durchgemacht haben, um in diesem Geisteszustand zu enden? Glauben Sie nicht, daß die beiden wieder und wieder um ihren Tod gefleht haben, daß sie darum gebettelt haben?
Was, glauben Sie, fühlen Menschen, die unter dem Imperius Fluch ihre Liebsten verraten haben, die für deren Tod verantwortlich sind? Sie haben keine Ahnung, Gryffindor, keine Ahnung!"
Severus Snapes Stimme war immer lauter, immer wütender geworden. In seinen Augen brannte ein finsteres Feuer und zornige rote Flecken erschienen auf seinen Wangen.
„Ich habe in meiner Zeit als Todesser Dinge gesehen, die so entsetzlich waren, daß sie für mehr als ein Leben reichen. Glauben Sie mir das! Und eins habe ich damals gelernt."
Snape ging zu den drei Welpen, kniete sich zu ihnen nieder und streichelte über den Körper des toten Tieres, während dessen Geschwister ihm die Hand leckten.
Er sah zu ihr auf, war wieder ruhiger geworden.
„Der Tod ist das gnädigere Schicksal. Im Tod liegt Erlösung und für manch einen sogar die Hoffnung auf einen Neubeginn ..."
Hermine starrte Snape stumm an und dieser stand auf, stellt sich neben sie, sagte:
„Und nun Sie. In einer Bewegung: Mit dem Zauberstab ausholen, zielen und den Fluch dabei aussprechen.
Denken Sie daran: Keine Zweifel, kein Zaudern und kein Zögern. Es ist immer nur das jetzt, was zählt. Verschwenden Sie keinen Gedanken an das später."
Hermine atmete tief durch, wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Ihre Bewegung war von der gleichen Eleganz und Präzision wie die Snapes. Ihr Zauberstab kam auf einem der Welpen zum ruhen und sie sprach ohne zu zögern:
Avada Kedavra.
Grünes Licht erhellte für einen Moment den Raum und zusammen mit einem jungen Welpen, starb auch die Unschuld in ihrem Herzen.

~~~~

Hermine wachte in der Nacht auf und wußte nicht, was sie geweckt hatte. Benommen wollte sie wieder einschlafen, konnte es aber nicht. Ihre Gedanken begannen sich zu verselbständigen.
Dies war der fünfte Monat ihres Verschwindens, der fünfte Monat ihrer Ausbildung, und er neigte sich dem Ende zu. Snape hatte ihr während des heutigen Trainings gesagt, daß sie in weniger als einer Woche wieder zurück in Hogwarts sein würde. Vorher allerdings wollte Voldemort sie noch sehen. Die Waffe begutachten, die sein Vertrauter für ihn geschmiedet hatte.
Snape hatte es nicht ausgesprochen, doch Hermine hatte erkannt, daß ihn der Gedanke daran beunruhigte. Anscheinend hatte er gehofft, Hermine die Begegnung mit dem Dunklen Lord ersparen zu können.
Hermine selbst hätte es sich auch gerne erspart. Doch seltsamer Weise hatte sie nie Zweifel daran gehabt, daß Voldemort sie, bevor man sie nach Hogwarts zurückschickte, noch in Augenschein nehmen würde. Dies war ihr von dem Moment an klar gewesen, als Snape zum ersten Mal offen mit ihr über seine Pläne gesprochen hatte. Seltsam nur, daß er sich nie darüber Gedanken gemacht hatte.

Hermine setzte sich auf und griff nach dem Zauberstab. Lumos!
Immer noch schlief sie auf der alten Matratze, die immer noch auf dem Boden lag. Ein Bett vermißte sie nicht, war sie meist ohnehin zu müde, um irgendetwas anderes zu tun, als K.O. auf die Matratze zu fallen.
In einem Schränkchen daneben bewahrte sie ihre gebrauten Essenzen und Tränke auf. Ihre Kleidung (eigentlich Snapes, aber inzwischen sah sie diese als ihre eigene an) hing an der Tür, der Gryffindorumhang daneben.
Hermine mochte die schwarze Kleidung. Konnte sich kaum vorstellen, wie sie vorher ohne diese überhaupt zurecht gekommen war. Schön, dachte sie, sie war einfarbig (war schwarz überhaupt eine Farbe?), aber sie war praktisch. Nicht nur, daß sie Schutz bot, Hermine hatte schon nach kurzer Zeit entdeckt, daß sie niemals schmutzig wurde.
Womit auch immer sie sich bekleckerte, so verschwitzt sie auch war, die Kleidung duftete immer angenehm sauber und frisch, wurde nie dreckig.
Darauf angesprochen sagte Snape, das dies eine Kombination von Zaubertränken und -sprüchen war, mit denen er seine Kleidung imprägnierte und besprach. Er hatte dabei sehr stolz gewirkt, fast wie eine Hausfrau, die ihre neuesten Haushaltstricks präsentierte. Hermine hatte sich nur mühsam ein Schmunzeln verkneifen gekonnt.
Aber genial war es schon, was der Professor mit seiner Kleidung anstellte. Ein Rundumschutz, der sogar sauber blieb. Jetzt mußte Hermine doch leise lachen.
Das wars vorerst mit dem Schlaf, dachte sie und stand auf.
Sie würde in die Küche zum Schrank gehen. Ein warmes Butterbier würde sicherlich nicht verkehrt sein, sie konnte ein bißchen mit dem Schrank erzählen und würde dann vielleicht wieder Schlaf finden können.
Hermine wickelte sich in die Decke (was sie immer tat, wenn sie in der Nacht nur kurz das Bett verließ), nahm den Zauberstab und öffnete vorsichtig die Tür.
Alles war dunkel. Der Professor schlief sicherlich, denn schließlich war es kurz nach zwei, wie sie festgestellt hatte.
Ob es dem Schrank recht sein würde, wenn sie jetzt in der Küche auftauchte? Schlief dieser etwa auch?
Darüber hatte sie sich noch nie Gedanken gemacht. Aber sie könnte ja einfach mal vorsichtig in die Küche lugen und dem Schrank ihren Wunsch zuflüstern. Wenn er nicht darauf reagierte, würde er wohl schlafen.
Sie dimmte das Licht des Zauberstabs auf den schwachen rötlichen Schein glühender Kohlen und ging leise die Treppe herunter. Nach annähernd fünf Monaten im Haus kannte sie jede knarrende Stelle der Stufen, hätte ihren Weg zur Küche auch blind gefunden.
Dann drang leises Stimmengemurmel von jenseits der Wohnzimmertür zu ihr in den Gang vor. Der kaum zu erahnende Schein einer Kerze ließ einen dünnen Spalt Licht zwischen der angelehnten Tür und deren Rahmen erkennen.
Nox!" dachte Hermine erschreckt.
Sie blieb wie erstarrt in der Dunkelheit stehen und ohne es eigentlich zu wollen, spitzte sie die Ohren.
„... wie ein Idiot", hörte sie Professor Snapes Stimme sagen.
„Du warst schon immer viel zu hochmütig", erwiderte eine Frauenstimme daraufhin leise. „Ich hatte dich von Anfang an gewarnt. Damals hattest du meinen Rat gesucht, doch darauf gehört hast du nicht! Und nun hat dich deine damalige Entscheidung, diese Fehlentscheidung, bis zu diesem Punkt in deinem Leben geführt. Hättest du von Anfang an auf mich gehört, wäre dir viel Leid erspart geblieben."
„Ach ja? Und ich wäre inzwischen auch ziemlich tot", erwiderte der Professor sarkastisch.
„Na und? Der Tod birgt weit weniger Schrecken, als das Leben das du inzwischen hinter dir hast. Sieh dich doch an! Du bist immer noch ein junger Mann, Severus, hast immer noch dein Leben vor dir. Doch du handelst wie ein verbitterter alter Narr. Bist regelrecht von dem Gedanken besessen, Voldemort zu vernichten. Als ob du dadurch ungeschehen machen könntest, was du getan hast!
Du benutzt sogar dieses junge Mädchen, hoffst, daß sie dir den entscheidenden Vorteil in diesem Kampf bringen wird. Aber was, wenn du dich täuscht? Was, wenn du scheiterst? Was, wenn sie scheitert? Möchtest du mit einer weiteren Blutschuld auf deiner Seele leben? Laß sie gehen. Ich weiß, daß du sie magst. Du kannst es nicht vor mir verbergen, dafür kenn' ich dich zu gut. Hat sie denn nicht besseres verdient, als das, was ihr bevorsteht?"
Hermine fühlte wie sich ihr Magen zusammenzog. Was würde Professor Snape darauf antworten? Wer war diese Frau im Wohnzimmer, wieso redete sie so mit ihm?
Hermine hörte für eine Weile gar nichts mehr. Dann, nach einem tiefen Seufzen, sagte der Professor:
„Ich kann sie nicht gehen lassen. Ich wünschte, ich könnte es! Aber es geschehen seltsame Dinge hier. Dinge, die ich selbst nicht verstehe. Und es gibt da einiges, von dem du nichts weißt. Wußtest du zum Beispiel, daß mir vor vielen Jahren gesagt wurde, daß genau dies hier geschehen würde? Daß ich, der Todesser, eine Muggelstämmige zu einer mächtigen Hexe ausgebildet würde?
Ich kann es selbst nicht glauben, kann nicht glauben, daß es geschieht. Daß ich mitten in dieser Geschichte stecke und alles ganz genau so geschieht, wie es mir gesagt wurde. Und weißt du, was das schlimmste an dieser Sache ist?"
Einen Moment lang herrschte Schweigen von jenseits der Tür. Hermine versuchte während dessen das gerade gehörte zu verdauen, versuchte zu begreifen, daß dem Professor anscheinend prophezeit worden war, daß er sie ausbilden würde. Doch in diesem Moment flüsterte Snape:
„Das Schlimmste daran ist, daß es keine Prophezeiung war. Du weißt, was ich von denen halte. Die sind nur albernes dummes Geschwätz von irgendwelchen Spinnern. Und ich wünschte, ich hätte das Gesagte als solches abtun können. Aber ... es war keine Prophezeiung, kein dummes Geschwätz! Sie sagte mir damals, daß es ganz einfach mein Schicksal wäre, daß es schon einmal geschehen war -"
„Sie?" unterbrach ihn die Frauenstimme neugierig.
„Ich -- Nein, ich mag nicht darüber reden, will es nicht. Du weißt, wie wenig ich das ganze Schicksalsgerede mag. Wie ich das Gerede von Prophezeiungen und das ganze Theater, das darum gemacht wird, verabscheue. Ich glaube einfach nicht daran!
Ich will viel lieber daran glauben, daß wir unser eigenes Schicksal bestimmen, daß wir die Herren über unser Schicksal, über unsere Zukunft sind! Denn wäre es anders, dann hätte unser Leben keinen tieferen Sinn und alles ... absolut alles, das wir täten, wäre bedeutungslos. Wir wären nichts anderes als Marionetten, die an den Fäden eines unbegreiflichen Schicksals hingen. Nein, ich weigere mich, an so etwas zu glauben!"
„Aber das bringt uns immer noch nicht in der Frage weiter, was mit dem Mädchen geschehen soll. Laß sie gehen, Severus. Sie verdient ein freies Leben!"
Der Professor schnaubte.
„Natürlich verdient sie das! Aber du vergißt, wer sie ist. Du vergißt ihre Abstammung. So lange es einen Voldemort und seine Todesser gibt, wird es für sie nie ein freies Leben geben. Und das weiß sie! Und sie ist bereit, für ihre Rechte aufzustehen und dafür zu kämpfen.
Sie ist zum Wendepunkt in dieser Geschichte geworden. Glaub mir, ich wünschte mir, ich hätte es verhindern können. Aber das geht jetzt nicht mehr. Jetzt kann sie nur noch den Weg gehen, für den sie sich entschieden hat. Denn ohne sie wird das Morden, Verstümmeln und Quälen noch lange weitergehen. Ohne sie wird es noch sehr viel mehr Tote geben.
Ich habe ihr die Wahl gelassen. Ich habe sie nicht gezwungen! Sie hat sich für den Kampf entschieden und ich habe sie gut ausgebildet. Sie ist tapfer, mutig und nervenstark. Sie hat alles, was man für einen Sieg braucht. Und ich glaube an sie. Ich glaube, sie kann es schaffen! Ach was, ich weiß, daß sie es schaffen kann. Im übrigen ist sie kein Mädchen mehr. Sie ist eine starke junge Frau. Sie weiß sehr genau, worauf sie sich eingelassen hat."
Hermine Herz machte bei dieser Lobesrede über sie einen kleinen Hüpfer. Sie freute sich über Snapes Worte. Wußte sie doch nun, daß der Professor tatsächlich das nötige Vertrauen in ihre Fähigkeiten hatte und es nicht nur ihr gegenüber so behauptete. Gleichzeitig fühlte sich schlecht, weil sie hinter der Tür stand und lauschte. Doch sie konnte einfach nicht weggehen, war viel zu neugierig darauf, was sie sonst noch zu hören bekam.
„Ich werde auf sie aufpassen, das verspreche ich", hörte sie den Professor flüstern. „Sie wird nicht in der Dunkelheit verloren gehen, und ich werde alles in meiner Macht stehende tun, damit sie diesen Krieg überlebt. Doch mein - und auch Dumbledores - vorrangigstes Ziel ist Voldemorts Vernichtung. Persönliche Gefühle müssen da einfach hintenanstehen. Aber ich werde auf sie aufpassen ..."
Stille.
„Angenommen", sagte dann die Frauenstimme, „es klappt. Angenommen der Dunkle Lord kann tatsächlich besiegt und für immer vernichtet werden. Hast du dir Gedanken gemacht, was danach kommen könnte?"
„Danach?" lachte Severus Snape kaum hörbar, als hätte die Frau einen Scherz gemacht, den nur er verstand, „... danach ...", murmelte er leise, nachdenklich.
„Weißt du, ich glaube nicht, daß es für mich ein danach geben wird. Nein, ich glaube, ich werde zusammen mit dem Dunklen Lord fallen, und das ist vermutlich ganz gut so."
Die Stimme des Professors verstummte, dann fügte er mit einem leisen Seufzen noch leise an:
„Ahh ... aber es wäre schön, gäbe es für mich ein danach ... Ja, ich denke, ich wüßte, was ich täte, wohin ich gehen würde."
Und dann herrschte Stille von jenseits der Tür. Hermine hörte, wie sich jemand ein Glas einschenkte. Schwach glaubte sie, Whisky riechen zu können. Aber vielleicht bildete sie es sich auch nur ein. Sie schlich leise und auf Zehenspitzen zurück in ihr Zimmer. Dann lag sie in ihrem Bett und grübelte über das Gehörte nach.
Wer diese nächtliche Besucherin?
Sie und der Professor schienen miteinander sehr vertraut zu sein. Der Professor hatte bei ihr anscheinend schon öfter Rat eingeholt. Aber wohl nur selten darauf gehört, wie die Unbekannte es ihm unter die Nase gerieben hatte. Und soweit Hermine es aus dem kurzen Gesprächfetzen, den sie gehört hatte, beurteilen konnte, schienen sich die beiden noch aus einer Zeit vor den Todessern zu kennen. War es eine alte Schulkameradin?
Was Hermine jedoch bedenklich fand, war, daß diese Frau über alles Bescheid wußte.
Sie wußte, daß Professor Snape immer noch auf Dumbledores Seite stand. Und sie wußte ebenso über ihre eigene Rolle Bescheid.
Wem würde Professor Snape das alles anvertrauen? Mit wem traf er sich mitten in der Nacht in seinem Wohnzimmer, um mit ihr alles zu besprechen?
Hermine versuchte sich einen Reim darauf zu machen, konnte es aber nicht. Auch spukten ihr noch die Worte des Professors im Kopf herum, in denen er gesagt hatte, daß er wußte, daß dies alles geschehen würde. Daß es ihm als sein Schicksal offenbart worden war. Doch von wem war ihm das offenbart worden? Und - gab es tatsächlich ein Schicksal? Glaubte sie an ein Schicksal? Oder hielt sie es wie der Professor? Der lieber dem Schicksal ins Gesicht spuckte, als sich ihm zu beugen.
Eine halbe Stunde später hörte sie leise Schritte an ihrem Zimmer vorübergehen und die Tür zu Professor Snapes Zimmer schloß sich.

Wieder knallte eine Faust an ihre Tür, wieder weckte sie das allmorgenliche gleichbleibende unfreundliche Aufstehen!
Mit einem Schrecken setzte sich Hermine auf. Sie hatte geglaubt, immer noch wach und grübelnd im Bett zu liegen. Aber anscheinend war sie doch noch irgendwann in der Nacht eingeschlafen.
Wer war nur diese Frau gewesen? Hermine spürte an diesem Morgen etwas seltsames. Sie konnte das Gefühl nicht einordnen, doch irgendwie beunruhigte es sie, daß es da eine Frau in Snapes Leben gab, von der sie nichts wußte.
Das alles irritierte sie so sehr, daß sie beschloß, nicht länger darüber nachzu­denken. Anscheinend vertraute Snape der Unbekannten und das wiederum sollte auch ihr genügen. Schließlich wußte diese Frau von Anfang an über Professor Snapes Doppelspionagetätigkeit Bescheid, und aufgeflogen war er bis dato nicht. Insoweit war sie vertrauenswürdig. Basta! Kein Grübeln mehr!
Hermine ging zu ihrem allmorgenlichen kalten Wolkenbruch. Sie konnte Hogwarts wundervolle warmen Duschen kaum noch erwarten!

~~~~

„Morgen Abend werden Sie dem Dunklen Lord gegenüberstehen."
Hermines Blick flackerte für einen Moment, dann aber sah sie Snape ausdruckslos an, verschloß sich gegenüber ihrer aufsteigenden Angst.
„Haben Sie irgendwelche Verhaltensregeln für mich, Sir?"
Snape bewunderte ihre Haltung. Sie war zu einer perfekten Kriegerin geworden. Nichts schien sie mehr verunsichern zu können. Hoffentlich war dem auch so, dachte er, wenn es morgen ernst wurde.
„Schwierig. Schließlich sind Sie -" er zögerte.
„Ein Schlammblut, ich weiß", ergänzte Hermine.
„Ich werde Sie morgen ebenfalls so nennen - müssen", fügte er an.
„Kein Problem, Sir. Wenn mich Beleidigungen aus dem Konzept werfen, dann wäre ich wohl fehl am Platz und Sie täten gut daran, mich gleich umzubringen", erwiderte Hermine trocken. In ihren Augen blitzte kurz grimmiger Humor.
„Wie möchte der Dunkle Lord (auch Hermine hatte begonnen Voldemort so zu nennen) angesprochen werden, wann soll ich ihn ansprechen, wie vor ihm niederknien? Ich schätze, er mag Demutsgesten."
„In der Tat, Gryffindor, das ist einer seiner Schwachpunkte. Er ist empfänglich für Schmeicheleien. Allerdings mehr die der subtilen Art. Er kann sehr gut zwischen aufrichtiger oder auch furchtsamer Bewunderung und geheuchelter Schmeichelei unterscheiden. Schließlich ist er ein begnadeter Legilimentor. Es ist schwierig, ihn zu täuschen, doch das sollten Sie hinkriegen, denn damit rechnet er nicht. Außerdem wird er sie aufgrund ihrer Abstammung sowieso unterschätzen."
Hermine nickte. Auch sie glaube daran, die richtigen Gefühle aussenden zu können, wenn sie in der Nähe des Dunklen Lords war, und der Professor hatte recht, wenn er sagte, daß Voldemort kaum mit einer Täuschung rechnen würde. Schließlich glaubte er, daß Snape loyal an seiner Seite stand, und da sie von ihm ausgebildet worden war, war auch ihre Loyalität insoweit geklärt. Und zudem gab es da noch das Druckmittel ihrer Eltern. Der Professor hatte ihr gesagt, daß er Voldemort davon überzeugt hatte, daß sie bereit war Harry und Dumbledore den Todessern im Austausch für das Leben ihrer Eltern auszuliefern. Er hatte ihn davon überzeugt, daß sie „vernünftig" war und sich der Imperiusfluch dadurch von selbst erledigte.
„Da gibt es einen Gefallen, um den ich Sie bitten möchte, Professor."
Snape zog eine Braue hoch.
„Zeigen Sie mir, wie Sie sich vor ihm niederknien. Ich möchte es in der gleichen Art tun. Dadurch werden Parallelen zwischen uns gezogen. Begonnen durch die Gemeinsamkeit unserer Kleidung, bis hin zu unserer Art des Kämpfens. Ich halte es für wichtig, Ihnen morgen in meinem Verhalten, meinen Gesten so ähnlich wie nur möglich zu sein. Ich kann mir durchaus vorstellen, dadurch bei ihm Pluspunkte zu machen."
Snape nickte zögernd. Es war eine gute Idee. Schließlich war er der wohl zur Zeit am meisten geschätzte Berater des Dunklen Lords.
Der schwarzhaarige Mann stand auf und mit seinem Zauberstab begann er den magischen Raum umzuformen. Was zuvor ein Meditationsraum gewesen war, verwandelte sich binnen kürzester Zeit zu einer Waldlichtung.
„Sie kennen diesen Ort, Gryffindor", sagte Snape leise.
Hermine nickte. Es war der Platz, an dem der Professor sie vor knapp fünf Monaten allein zurückgelassen hatte, wo - kaum daß er fort war, die Todesser ihre „Späße" mit ihr getrieben hatten. Hermine erinnerte sich und doch berührte sie die Erinnerung nicht mehr.
„Auch Morgen werden wir dort sein. Lord Voldemort hat eine seltsame Vorliebe für diesen Ort entwickelt. Er scheint sich unter freiem Himmel wohler zu fühlen, als in einem Haus. Und Nagini kann auf Jagd gehen."
Nagini war Voldemorts große Schlange, die Arthur Weasley vor zwei Jahren fast getötet hatte. Sie war der sechste und letzte Horkrux.
Snapes Zauberstab erschuf eine große verhüllte dunkle Gestalt. Sie sollte Voldemort darstellen.
„Der Lord wird Sie ignorieren, bis er denkt, daß Sie seiner Aufmerksamkeit würdig sind. Er wird Sie als Waffe testen wollen. Machen Sie sich auf ein Zauberer­duell bereit, und bis dahin halten Sie sich im Hintergrund. Von den Todessern haben Sie nichts zu befürchten."
Hermine warf ihm einen Blick zu, der soviel wie 'die sollten sich besser vor mir in Acht nehmen' aussagte. Auf Snapes Lippen erschien ein feines Lächeln, doch er fuhr unbeirrt fort:
„Er wird sich natürlich nicht selbst mit Ihnen duellieren, das wäre eine Zumutung für ihn und sie wären ihm auch nicht gewachsen. Doch da er einen perfiden Humor hat, könnte ich mir vorstellen, daß er Sie und Dolohow gegeneinander ausspielt. Aber auch Draco Malfoy wäre eine Möglichkeit. Seien Sie sich dessen bewußt.
Wenn er sagt, daß das Duell bis zum Tod gehen soll, dann töten Sie, Gryffindor. Denn kein Todesser wird sich zurückhalten. Denken Sie daran, daß Sie in deren Augen nur ein Schlammblut sind. Und sollte es dem Dunklen Lord gefallen, uns beide gegeneinander antreten zu lassen, halten Sie sich nicht zurück. Ich werde es auch nicht. Und nun sehen sie mir zu."
Snape ging zügig über die Lichtung, bis er etwa drei Meter vor der dunklen Gestalt stehenblieb, sich in einer eleganten Bewegung niederkniete und den Kopf gesenkt hielt. Dann sah er zu ihr und sagte:
„Ach ja, nicht aufblicken, es sei denn, er gestattet es. Nur aufstehen, wenn er es wünscht. Und wenn er Sie entläßt, sich rückwärts gehend mit gesenktem Kopf entfernen. Wie bei einem König. Er mag diese kleinen Demutsgesten.
Und jetzt Sie."
Hermine hatte Snapes Bewegungen genau beobachtet und schaffte es auf Anhieb, sich in der gleichen Eleganz niederzuknien.
„Sehr schön, Gryffindor", flüsterte der Professor und wieder war Stolz in seinem Herzen, als er Hermines schlanke Gestalt im schwarz seiner Kleidung sah.
Wenn sie den morgigen Abend überlebte, würde er alles tun, um sie vor sich selbst, den Dunklen Künsten, dem Schicksal und dem Tod zu schützen.
„Gibt es etwas, das Sie noch üben möchten, irgendetwas das ich für Sie tun kann?"
Hermine lächelte schwach. Es klang, als würde er ihr die Henkersmahlzeit offerieren.
„Nicht heute, Professor. Vielleicht übermorgen. Zunächst einmal möchte ich den morgigen Tag überleben. Und dazu sollte ich noch etwas an der Disziplinierung meines Geistes arbeiten, noch meditieren."
Snape nickte. Zufriedenheit stieg in ihm auf. Sie war zur perfekten Kriegerin geworden.





Lucius Malfoy blickte mit kaum verholenem Widerwillen auf Hermine.
„Großer Merlin, Severus! Sie trägt sogar deine Kleidung."
„Ich kann sie ja schlecht in Lumpen gehüllt dem Dunklen Lord präsentieren. Und es war nichts anderes zur Hand."
Lucius Malfoy blickte immer noch mit hochgezogener Braue auf Hermine.
„Ich kann kaum glauben, daß sie uns Dumbledore und Potter ausliefern soll. Warum sollte sie es tun?"
„Blut ist dicker als Wasser, Lucius", antwortete Severus Snape. „Der Dunkle Lord garantiert die Sicherheit ihrer Muggeleltern. Jedoch nur, wenn Potter und Dumbledore wohlbehalten in unseren Armen landen. Miss Granger sollte das hinkriegen. Sie hat sich in den letzten Monaten sehr verändert. Nicht wahr, Miss Granger?"
Hermine begegnete gleichmütig Snapes kaltem Blick. Sie hatte sich das Haar zu einem geflochtenen Zopf zurückgebunden. Die schwarze Kleidung und der Überrock ließen sie strenger und älter wirken.
„So ist es, Sir. Ich weiß, wo ich stehe."
Malfoy beugte sich interessiert vor.
„Ach, und wo wäre das?"
„Ich bin ein Schlammblut, Sir. Da gibt es nicht viel mehr dazu zu sagen", entgegnete Hermine schlicht.
Malfoy starrte sie für einen Moment sprachlos an. Dann warf er den Kopf in den Nacken und lachte.
„Severus! Alle Achtung! Allein dafür gebührt dir Respekt! Steht sie unter Drogen, hast du sie mit dem Imperius Fluch belegt?"
„Nein", entgegnete Snape. „Aber es gibt Wahrheiten, die so simpel sind, daß selbst ein beschränkter Verstand, wie der von Miss Granger, sie versteht, nicht wahr?" sagte er in ihre Richtung gewandt und seine schwarzen Augen blitzen boshaft auf.
Hermine senkte demütig den Kopf, so daß man es durchaus als eine Bestätigung des eben Gesagten auffassen konnte.
Malfoy lachte wieder.
Das war es also, dachte Hermine. Hier war ihr Stapellauf. Entweder sie überlebte den heutigen Abend, oder die ganze Arbeit der letzten Monate war umsonst. Hermine hatte vor zu überleben. Sie wollte weder sich noch den Professor enttäuschen.
Sie würde dem Schicksal keine Gelegenheit geben, sich in ihr Leben einzumischen.
Sie hatte eigene Pläne mit ihrem Leben, und Lucius Malfoy war nur ein Narr.
Professor Snape und Malfoy entfernten sich plaudernd, beachteten sie nicht weiter. Und Hermine zog sich unauffällig in den Schatten der nahen Bäume zurück, hielt die Gruppe der Todesser im Blick und wartete auf ihren Auftritt.
Der Professor hatte ihr, bevor sie aufbrachen, noch einen Trank gegeben, der ihre Sinne schärfen und die Gefühle noch klarer von ihrem Bewußtsein trennen sollte. Sie hatte sich kein bißchen anders gefühlt, als sie ihn getrunken hatte. Doch nun erkannte sie, wie wirksam der Trank war.
Weder Snapes kleinen Gemeinheiten noch Malfoys Verachtung hatten sie berührt. Sie hatte sich selbst dabei beobachten können, wie sie gelassen antwortete und ihr Herz kühl blieb. Gleichzeitig schien ihr so viel mehr aufzufallen als sonst. Fast war es, als würde ein Teil von ihr alles aus einer anderen, einer unbeteiligten Perspektive sehen. Sie registrierte jede noch so winzige Kleinigkeit, schien instinktiv alles richtig zu beurteilen.
Hermine beobachtete die Todesser. Sie waren nicht vollzählig, erkannte sie. Die Mehrzahl von ihnen war wohl im Auftrag ihres Herrn unterwegs, so daß gerade mal 12 Todesser anwesend waren. Und sie alle warteten auf Lord Voldemort. Einige trugen ihre Masken, das waren wohl die Neuzugänge, die es vorzogen anonym zu bleiben. Doch diejenigen, von denen man ohnehin wußte, daß sie Todesser waren, waren unmaskiert.
Hermine sah das Ehepaar Lestrange; Lucius Malfoys Frau, Narzissa; MacNair, den Henker und ein plumpes dickes Paar, deren Familienähnlichkeit ihnen ins Gesicht geschrieben stand. Hermine vermutete es das Geschwisterpaar Amycus und Alecto war - vielleicht täuschte sie sich auch. Sie erkannte die kleine Gestalt Peter Pettigrews. Die anderen Todesser hatten ihre Masken auf. Dolohow war nicht zu sehen, aber vielleicht war er auch maskiert.
Sie wollte sich die maskierten Todesser gerade genauer ansehen, um herauszu­finden, ob Dolohow nicht doch unter ihnen war, als sie eine Bewegung im Augenwinkel wahrnahm. Ihre Hand suchte den Zauberstab. Unauffällig zwar, doch sie war bereit sich zu verteidigen.
Draco Malfoy tauchte neben ihr auf. Er sah sie mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen an. In seinem Gesicht zeigte sich nicht die übliche Arroganz. Tatsächlich wirkte er unsicher. Hermine sah ihn gelassen an.
„Malfoy", sagte sie.
Er nickte grüßend.
„Granger."
Dann stellte er sich neben sie und starrte mit ihr auf den Kreis der Todesser. Dracos Eltern unterhielten sich mit Professor Snape. Wurmschwanz starrte mit blitzenden Augen aus der Ferne zu Snape, unterhielt sich gleichzeitig mit einem maskierten Todesser. Die Lestranges standen mit dem dicken Geschwisterpaar zusammen, zwei maskierte Todesser waren in einer Unterhaltung mit dem Henker vertieft. Die anderen standen abwartend da, starrten ins Feuer auf der Mitte der Lichtung.
Eine angespannte Atmosphäre hing über dem Platz. Langsam versank die Dämmerung in der Nacht, und die ersten Sterne kamen heraus. Die Kühle der herannahenden Nacht kroch aus dem Wald auf die Lichtung.
Hermine genoß es, hier zu sein. Denn es war ihre erste Nacht außerhalb Snapes Haus seit nunmehr fünf Monaten. Sie genoß die dumpfe erdige Feuchtigkeit der Luft, den Duft des Waldes, den würzigen Geruch des Mooses, den frischen klaren Duft der Pilze und lauschte den bruchstückhaften Wortfetzen, die von der Lichtung bis zu ihr hallten. Der Geruch des Rauch lag in der Luft und der Schein des Lagerfeuers erhellte flackernd die Ausläufer des Waldes.
Vögel hatten noch bis vor kurzem gesungen, und um sich herum konnte Hermine das Knacken der Käfer im Holz hören, hörte sie das leise Huschen der Tiere im Unterholz.
All ihre Sinne waren klar und entspannt, und so störte sie nicht einmal Draco Malfoys Anwesenheit. Obwohl sie sich schon fragte, was er hier tat und warum er ihr noch keine Gehäßigkeiten an den Kopf geworfen hatte.
Sie drehte sich ihm zu, sah ihn von oben bis unten an, sah die Todesserkleidung an ihm und fand, daß er wie ein Kind aussah, das sich zu Halloween verkleidet hatte.
„Malfoy", sagte sie sanft, so wie es der Professor Snape sie gelehrt hatte, „was willst du hier? Ich werde nicht abhauen. Du mußt nicht auf mich aufpassen. Geh .. ich weiß doch wie unerträglich meine Nähe für dich sein muß."
In Draco Malfoys Blick veränderte sich etwas. Hermine glaubte für einen Moment Unglaube darin zu erkennen - und da war noch etwas anderes. War es Scham?
Hermine runzelte kurz die Stirn. Schnell sah Malfoy weg, starrte zu Boden.
„Granger", flüsterte er dann heiser, räusperte sich, fuhr fort. „Es tut mir leid. Ich konnte nichts tun, hätte auch nichts tun können, selbst wenn ich es versucht hätte. Aber ich war wie gelähmt. Ich - ich hatte keine Ahnung ..."
Seine Stimme verstummte. Er hob den Blick, und dieses Mal ließen sich Schuld und Scham in seinem Blick nicht unterdrücken.
„Ich wünschte, ich hätte es verhindern können."
Hermine starrte den weißblonden jungen Mann stumm an. Sie wußte, daß er von jener Nacht vor fünf Monaten sprach. Begriff, daß er Zeuge dessen geworden war, was ihr angetan wurde.
„Geh, Malfoy", wieder war ihre Stimme nur ein sanftes Flüstern. „Geh zu deinen Eltern, du gehörst nicht hierher. Meine Anwesenheit beschmutzt dich nur. Geh."
„Nein", antwortete der junge Mann trotzig, lauter als zuvor. Seine Brauen zogen sich zusammen, er sah sie irritiert an, war verwirrt.
„Was hat er dir angetan, Granger? Du bist gebrochen, hast keinen Stolz mehr. Was hat er dir angetan?"
Hermines Herz blieb ebenso kühl wie ihr Blick.
„Ich bin nur ein Schlammblut, Draco Malfoy. Ich kenne meinen Platz in der Welt."
Malfoy starrte sie mit kaum verborgenem Entsetzen an. Er begegnete ihrem kühlen ruhigem Blick, aus dem weder Zorn noch Wut sprachen, aus dem eigentlich überhaupt kein Gefühl sprach. Ihre Augen erinnerten ihn in diesem Moment in erschreckender­weise an Severus Snapes Augen.
Und wie benommen wandte er sich ab, stackste steifbeinig und wie auf Stelzen zu seinen Eltern, zu Professor Snape, zu denen er sich dazu stellte, aber nicht hinhörte. Viel zu sehr war er mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Konnte nicht glauben, was er gerade gesehen, gehört hatte.
Noch viel zu gut erinnerte sich an ein Mädchen, dessen Augen vor Leben nur so gesprüht hatten. Ein Mädchen, das ihn einst vor der großen Halle zur Rede gestellt und ihn geohrfeigt hatte. Deren braunen Augen niemals ihre Gefühle hatten verbergen können, und deren Blick immer offen und verletzlich gewesen war ... und nun war das alles weg. Nur kalte Dunkelheit hatte er in ihrem Blick gesehen. Keine Furcht, keine Wut, kein Zorn ... einfach gar nichts.
Er hob den Blick und sah zu den Bäumen hinüber. Hermine Granger stand immer noch dort. Starrte ungerührt zu ihnen herüber und wartete.

Er hatte es ihr abgenommen, erkannte Hermine als sie Draco Malfoys suchenden Blick auffing. Seltsam, daß er sich bei ihr entschuldigt hatte. Anscheinend war er doch nicht der harte Knochen, den er so gern in Hogwarts spielte. Es stecke Mitgefühl in ihm.
Wer hätte das gedacht?
Dann verstummten die Todesser. Alle aufeinmal. Auch Hermine spürte, daß sich etwas veränderte. Er war gekommen.

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„Und nun, Severus, zeige mir den Grund, warum ich in den letzten Monaten deine Dienste so schmerzlich missen mußte", sagte die dunkle Gestalt zum Meister der Zaubertränke, und seine Worte hallten wie ein leises Zischen über die Lichtung.
„Showtime", dachte Hermine und verbannte jeglichen Zweifel aus ihrem Herzen. Nun galt es zu zeigen, was sie in den letzten Monaten gelernt hatte.
Sie lief mit sicherem, schnellem Schritt über den Platz, wußte, daß jeder sie anstarrte - und ebenso war sie sich dessen bewußt, daß sie im strengen Schwarz des maßgeschneiderten Überrocks, mit dem zum schweren Zopf geflochtenem Haar im Nacken, verdammt gut aussah.
Nichts an ihr erinnerte noch an das gequälte, gebrochene Mädchen, das vor fünf Monaten hier gestanden hatte. Geschlagen, verwundet, gedemütigt.
Hermine blickte zu keinem der Todesser. Sie ging direkt auf den Dunklen Lord zu, blieb etwa drei Meter von ihm entfernt stehen und kniete sich, mit einer unnachahmlichen Bewegung aus Eleganz und Anmut, vor ihm nieder, hielt abwartend den Kopf gesenkt.
Auf der Lichtung herrschte atemlose Stille. Nur das Knacken des Holzes im Feuer war zu hören. Aus der Ferne drang der Ruf einer Eule bis zur Lichtung vor.
Hermine konnte aus dem Augenwinkel sehen, wie der Dunkle Lord sie langsam umrundete. Fühlte, wie er sie betrachtete, begutachtete. Wußte, daß sein Geist ihrem nahe war, er versuchte ihre Gefühle auszuloten. Hermine sandte eine leichte Welle aus Furcht, Neugier und einem Hauch von Ehrerbietung aus. Würde sie ihm keine Gefühle zeigen, würde er möglicherweise mißtrauisch und versuchen, gewaltsam in ihren Geist einzudringen.
So jedoch mußte er annehmen, daß sie weder der Okklumentik noch der Legilimentik fähig war.
Er blieb vor ihr stehen.
„Zumindest konntest du ihr richtiges Benehmen beibringen, Severus", sagte Voldemort mit einer kaum mehr menschlich zu nennende Stimme.
„Steh auf. Ich will dich sehen."
Hermine erhob sich, hielt jedoch ihren Blick weiterhin gesenkt. Der Dunkle Lord lief noch einmal um sie herum, taxierte sie, nicht nur mit seinem Blick, sondern auch mit seinem Geist.
Hermine blieb ruhig, gelassen. Wußte, daß in diesen Momenten über ihr Leben entschieden wurde.
„Sieh mir in die Augen, Frau. Begegne dem Blick deines Herren."
Sie hob den Blick und sah in rote nichtmenschlichen Augen. Die geschlitzten Pupillen hatten sich geweitet, waren fast rund geworden. Voldemort starrte sie an und Hermine dachte nur an die Sicherheit ihrer Eltern. Ließ in sich das Gefühl aufsteigen, daß sie bereit wäre, dafür alles zu tun. Jede Abscheulichkeit, jeden Verrat würde sie begehen, wenn sie damit nur ihre Eltern retten konnte. Und dieses Gefühl entsprach durchaus der Wahrheit.
Ein kaum zu erahnendes Lächeln umspielte die schmalen Lippen Voldemorts.
„Ja", flüsterte dieser kaum hörbar. „Familie ist eine schöne Sache. Man liebt sie, man haßt sie, man kann nicht mit ihr, noch ohne ihr leben. Doch am Ende ist man bereit, für sie alles zu tun."
Seine Pupillen verengten sich wieder. Er atmete tief ein, seine Nüstern weiteten sich. Für einen Moment schloß er genießerisch die Augen, als würde er ihren Geruch schmecken.
„Ahh, Familie!" rief er und breitete in einer theatralischen Geste die Arme aus. „Ich mag Menschen mit Familie. Je größer die Familie, desto besser!"
Er riß die Augen wieder auf, starrte Hermine direkt an und sagte:
„Die Bitte ist gewährt! Zwei Leben sind mir zu bringen, um die Sicherheit zweier anderer Leben zu gewährleisten. Bring mir Dumbledore und Potter und das Leben deiner Eltern ist gesichert. Darauf hast du das Wort des Dunklen Lords, Muggelkind. Und nun beweise mir, daß du es auch wert bist!"
„Antonin!" rief er in die Reihen der Todessern. Eine große kräftige Gestalt trat vor. Hermine erkannt in ihr Antonin Dolohow, auch wenn er immer noch seine Maske trug.
„Sie gehört dir, wenn du sie festnageln kannst", sagte er und an Hermine gewandt fuhr er fort:
„Du darfst tun, was auch immer du willst, um ihn aufzuhalten."
Dann klatschte er befehlend in die Hände und rief:
„Kommt zu mir, Todesser. Laßt uns sehen, was Severus in fünf Monaten aus einem Hogwarts Schlammblut machen kann."
Die Todesser gingen an Hermine vorüber, warfen ihr abschätzige, verächtliche Blicke zu, mancher grinste boshaft. Nur Draco Malfoys blasses Gesicht war bar jeglichen Ausdrucks, seine Augen flackerten.
Die Todesser versammelten sich um Voldemort. Snape stand direkt an seiner Seite, in seinen Augen brannte ein schwarzes Feuer. Kurz begegneten sich ihre Blicke.
Hermine ging ohne zu zögern in Richtung Dolohow und zückte ihren Zauberstab. Der große Todesser sah sie an und nahm die Maske ab. Der Ausdruck auf seinem Gesicht sagte alles.
Ein widerwärtiges Grinsen lag darauf, er leckte sich über die Lippen. Dann nahm er sich umständlich den Umhang ab, warf ihn nach hinten und sagte:
„Wenn ich mit dir fertig bin, Kleine, wirst du um den Tod betteln."
Hermine blickte kühl in Dolowhows Augen, zog eine Braue hoch und musterte ihn nur verächtlich.
Er machte ihr keine Angst, stellte sie fest. Doch ihre Reaktion auf seine Drohung, verunsicherte ihn einen Moment lang, wie sie erkannte.
Hermine nahm Haltung an, verbeugte sich mit erhobenem Zauberstab vor Dolohow und sagte laut:
„Für den Dunklen Lord!"
Dolohow, von ihrem Tun völlig überrumpelt, verbeugte sich nun ebenfalls widerwillig und knurrte zähnefletschend:
„Für den Dunklen Lord!"
Was hätte er auch anderes sagen können?
Severus war über diesen cleveren Schachzug Hermines sehr zufrieden. Sie hatte damit Respekt und Gehorsam bewiesen. Außerdem hatte sie gerade die Kontrolle übernommen, ohne daß es Dolohow auch nur bemerkt hätte.
Crucio!" rief Dolohow.
Hermine lenkte seinen Fluch mit solcher Lässigkeit ab, daß zwischen den Reihen der Todesser leise Unruhe entstand.
„Ist das alles, Dolohow? Die groben Sachen zuerst? Keine Raffinesse? Stupor!"
Dolohow sprang zur Seite, Erde spritzte auf, wo Hermines Schockfluch einschlug. Er sandte ihr mit einer peitschenden Bewegung des Zauberstab den gleichen Fluch zu, mit dem er sie bereits im Kampf im Zaubereiministerium schwer verletzt hatte. Hermine blockte und schickte ihm ein gedachtes Sectumsempra zurück. Die Bewegungen ihres Zauberstabs glichen denen eines Degens.
Dolohow heulte auf. In seinem Gesicht erschien ein tiefer Schnitt. Hermine setzte mit einem Impedimenta nach, doch Dolohow war schon wegappariert.
„Verdammt!" fluchte Hermine, hatte vergessen, daß sie auf einer Lichtung stand und von Voldemort und seine Todessern beobachtet wurde. Für sie war dies wieder zu einer Trainingsstunde geworden. Ihr Geist arbeitete wie ein präzises Laufwerk, in ihrem Kopf begannen sich von selbst Angriffs- und Verteidigungsstrategien zu formen. Da waren keine Zweifel in ihr, keine Ängste, die sie blockierten. Sie war die perfekte Kriegerin, die nur noch agierte und nicht reagierte. Noch einmal drehte sie sich im Kreis, dann richtete sie den Zauberstab in die Flammen des Feuers.
Ignis Praetorius"
Sie rief die feurigen Leibwächter herbei, die sie schützen und sich notfalls den Flüchen entgegenstellen würden, wenn sie sie nicht rechtzeitig entdeckte. Drei waren es an der Zahl. Zu mehr reichte die Größe des Feuers nicht aus. Doch drei war eine gute Zahl, wie Hermine dachte.
Zwei der flammenden Wächter blieben in Hermines Nähe, der dritte schritt das Gelände ab, hinterließ schwarze Brandspuren im Gras, beleuchtete die Lichtung.
„Ein interessanter Zauber, Severus", sagte Lucius Malfoy halblaut zu Snape. „Warum kennen wir den noch nicht?"
„Miss Granger hat ihn entwickelt. Sie ist darin erstaunlich geschickt. Mit der richtigen Motivation läßt sich sogar aus einem Schlammbluthirn einiges herausholen."
Draco Malfoy sah mit geweiteten Augen auf Hermine, die von den beiden Feuergestalten geschützt nun ebenfalls den Platz abschritt. Sie sah so selbstsicher aus, schien keine Furcht zu haben. War es tatsächlich die selbe Hermine Granger, mit der er das gleiche Schuljahr besuchte?
Er hatte erwartet, nach dem, was vor fünf Monaten geschehen war, eine verschüchterte, gebrochene junge Frau wiederzusehen. Oft hatte er sich in den vergangenen Monaten mit Scham an das Geschehene erinnert, hatte sich gewünscht, daß er es hätte verhindern können. Hatte zu seinem eigenen Erschrecken, seiner eigenen Verblüffung, die damalige Folterung und Vergewaltigung als widerwärtig und ekelhaft empfunden. Seine damals anfänglich empfundene Schadenfreude, hatte sich schnell gelegt, als er ihre schreckgeweiteten Augen gesehen hatte, war dem blanken Entsetzen gewichen, als er begriff, daß dies kein Schulhofspiel war, sondern brutale Wirklichkeit.
Als sein Hauslehrer aufgetaucht war, hatte er sich im Schatten der Bäume versteckt, hatte nicht erkannt werden wollen, hatte nicht gewollt, daß Snape bemerkte, wie er nur tatenlos zugesehen hatte.
„Dolohow!" hörte er Granger herausfordernd rufen. „Ist das alles?"
Sie sandte die beiden Feuergestalten weg. Schien von ihnen geblendet zu sein.
Wo nur steckte Dolohow?
Und nicht nur Draco Malfoy fragte sich das, sondern auch Hermine. Dann hörte sie ein leises Plopp.
Gerade noch rechtzeitig ließ sie sich fallen, um Dolohows Stupor auszuweichen. Mit einem Schlenker ihres Zauberstabs lösten sich drei lange glühende Schnüre aus seiner Spitze und Hermine holte noch auf dem Boden liegend aus. Die Schnüre wickelten sich um Dolohows Beine und brachten ihn zu Fall. Sofort stürzte sich eine der feurigen Gestalten auf den zu Boden gegangenen Dolohow, warf sich auf ihn und ein furchtbarer Schrei gellte über den Platz.
Plopp.
Die feurige Gestalt erhob sich wieder. Dolohow war weg. Hermine fluchte, sah sich um. Ein roter Blitz kam aus der Dunkelheit auf sie zu und hätte sie erwischt, wäre nicht einer ihrer Leibwächter in die Linie gesprungen.
Er flammte auf, zerbarst und Funken stroben dort auseinander, wo er zuvor gestanden hatte.
Ein weiterer Lichtblitz fuhr dieses Mal direkt in eine der Feuergestalten, die sofort zerbarst und Hermine schickte ein gedachtes Mutilocrudelis an die Stelle, von der sie vermutete, das Dolohow dort stand. Doch ihr Fluch verpuffte wirkungslos in den Bäumen, das einzige, was brach, waren Äste statt Knochen.
Hermine war wieder auf den Beinen. Nur noch einer ihrer Leibwächter verblieb zu ihrem Schutz. Verdammtes Apparieren!
Wieder flammte ein Blitz in der Dunkelheit auf, traf den letzten ihrer Wachen, der aufflammend zerbarst.
„Noch ein paar Tricks auf Lager, Schlammblut?" hallte Dolohows Stimme über die Lichtung. Sie klang seltsam verzerrt.
„Mehr als du Schwein dir vorstellen kannst!" rief Hermine und umschloß fester den Zauberstab. „Wie sieht es aus Dolohow? Angst vor dem Schlammblut? Schiß ins Licht zu kommen?"
Aus dem Dunkel des Waldes schälte sich eine Gestalt heraus. Sie lief mit festem eiligem Schritt in den Lichtkreis des Feuers und Hermine erkannte Dolohow. Seine Haare waren vollständig versengt, die eine Hälfte seines Gesichts war krebsrot und dick geschwollen. Brandblasen überzogen es. Von dem Ohr war auf dieser Seite des Kopfes nur noch ein verbrannter schwarzer Stummel übrig. Die andere Hälfte seines Gesichts war blutig, quer über die gesamte Fläche des Gesichts verlief der tiefe Schnitt des Sectumsempra Fluchs, blutete immer noch. Dollohows Kleidung war mit Brandlöchern durchsetzt, klebte an den offenen, verbrannten Stellen seines Körper.
„Autsch!", bemerkte Hermine trocken. „Das sieht ziemlich schmerzhaft aus."
„Du kleines, mieses Deckstück! Dafür wirst du bluten!" Dolohow stoppte nicht, ging weiter auf sie zu, hob seinen Zauberstab: „Cruci-!"
Hermine blockte den Fluch ab, schickte ihrerseits ein Crucio ab, das aber ins Leere ging, weil Dolohow schon wieder disappariert war.
Plopp.
Bevor Hermine reagieren konnte, spürte sie die Spitze eines Zauberstabs im Rücken. Dolohow war direkt hinter ihr wieder aufgetaucht.
„Das wars, Schlampe! Zauberstab fallen lassen, umdrehen."
Hermine ließ den Zauberstab fallen und drehte sich scheinbar zögernd um. Dolohow kickte ihren Zauberstab mit dem Fuß weg. Danach ging alles so schnell, daß später kaum einer der Todesser nachvollziehen konnte, was geschehen war.
Hermine starrte Dolohow an, der sich seines Sieges absolut gewiß war. Er verzog sein entstelltes Gesicht zu einem häßlichen Grinsen und blanke Wut stand in seinen Augen.
Hermine wußte, daß er als nächstes den Cruciatus Fluch aussprechen würde, sie wußte, daß er sie bis in den Wahnsinn foltern wollte. Sie blickte ihm kühl in die Augen und noch bevor sich seine Lippen bewegten, rief sie Accio Zauberstab, dieser flog ihr in die Hand, gleichzeitig trat sie Dolohow in den Schritt - etwas womit kein Zauberer rechnete, da dies die Muggelart des Kämpfen war. Als er aufstöhnend auf die Knie ging, flüsterte Hermine dem Zauberstab in ihrer Hand zu:
Transformo Sphagis"
Die Form des Zauberstabs veränderte sich, etwas blitzte metallisch in ihrer Hand auf und Hermine sagte leise, mit eiskalter Stimme:
„Schweine gehören geschlachtet, Dolohow."
Und mit diesen Worten stieß sie ihm einen Dolch senkrecht in die Brust, der ebenso lang wie ihr Zauberstab war, und Dolohow blickte entsetzt in Hermines unbewegtes Gesicht, sein Zauberstab fiel ihm aus seiner zitternden Hand.
Hermine zog den Dolch mit einem Ruck aus seiner Brust, und augenblicklich verwandelte sich dieser wieder zurück in ihren Zauberstab. Seelenruhig hob sie Dolohows Zauberstab auf, während dieser Blut hustete und sich beide Hände auf die stark blutende Wunde in seiner Brust preßte.
Hermine wandte sich ab, hatte keinen weiteren Blick für den Mann hinter sich übrig.
Sie ging auf die Reihen der Todesser zu, hielt Dolohows Zauberstab in der einen, ihren eigenen blutigen in der anderen Hand.
Einige Todesser traten vor, zog ihre Zauberstäbe, wollte Hermine schocken.
„Nein!" war Voldemorts leises Zischen zu hören.
Die Todesser verharrten in ihrer Bewegung, blickten sich unschlüssig an, starrten auf Hermine, die weiterhin auf sie zuging und sich schließlich vor Voldemort niederkniete.
Sie blickte nicht auf, doch in ihrer ausgestreckten Faust hielt sie dem Dunklen Lord Dolohows Zauberstab entgegen.
„Ich hoffe, Mylord, ich konnte Euch von meinem Nutzen überzeugen."
Eine gespenstische Stille senkte sich über die Lichtung, die nur vom gequälten, halberstickten Husten Dolohows unterbrochen wurde.
Hermine fühlte, wie Voldemort ihr den Zauberstab aus der Hand nahm. Sie ließ los, senkte den Arm, wartete.
„Herr!" hörte Hermine Bellatrix Lestrange empört sagen. „Sie hat Antonin reingelegt! Sie hat ... sie hat in Muggelart gekämpft ... das ist ... das ist -"
„Sei still, Bellatrix", sagte Voldemort leise. Wieder umrundete er die kniende Hermine, seine kalten Augen ruhten auf ihr. Im Hintergrund stöhnte Dolohow.
„Warum hast du ihn nicht getötet, Kind? Ich glaube nicht, daß du mit ihm Mitleid hast."
„Mylord", sagte Hermine. „Es liegt nicht an mir, ihm den Tod zu bringen. Er ist Eurer treuer Gefolgsmann. Deshalb habe ich sein Leben geschont. Doch wenn Ihr es wünscht, töte ich ihn."
„Steh auf, Kind. Steh auf - und sieh mich an."
Hermine erhob sich, begegnete Voldemorts starrem Blick.
„Möchtest du ihn töten?"
„Sein Leben oder Tod sind mir gleichgültig, Mylord. Doch ja, ich würde es vorziehen, ihn tot zu sehen. Denn sollte er weiterleben, wird er mein Feind sein. Und niemals, niemals sollte man seinen Feinden erlauben weiterzuleben."
Voldemort war zunächst still. Dann aber begann er leise zu lachen und die Todesser ringsum erstarrten. Sie blickten verwirrt von Hermine, zum um Luft ringenden Dolohow und dann zu ihrem Herrn, der immer noch leise in sich hinein lachte.
„Severus!" sagte Voldemort schließlich. „Ich bin beeindruckt. Der Test ist bestanden. Sie wird uns Dumbledore und Potter bringen. Mir gefällt diese Vorstellung!
Wie wundervoll verräterisch, wie außergewöhnlich intrigant und wie hinreißend boshaft! Dumbledore wird über seine eigene Gutgläubigkeit zu Fall gebracht werden. Es ist ein wundervoller Plan."
Voldemort wandte sich wieder Hermine zu, drückte ihr Dolohows Zauberstab in die Hand.
„Töte ihn. Nimm seinen Platz ein. Sei meine Waffe!"
Ungläubiges Gemurmel erhob sich hinter Voldemorts Rücken. Hermine kümmerte es nicht. Sie verbeugte sich, ging ein paar Schritte rückwärts, bevor sie sich abwandte und auf Dolohow zuging. Einige Flüche verfehlte sie nur knapp, sie wußte, daß sie von Professor Snape abgelenkt worden waren. Qualvolles Schreien erhob sich im Hinter­grund, Voldemort bestrafte diejenigen, die mit seiner Entscheidung unzufrieden waren. Dann verstummte das Schreien, ging in keuchenden Atem über.
Hermine erreichte Dolohow und blieb stehen. Sie wischte all ihre Zweifel beiseite, starrte kalt auf den bereits im Sterben liegenden Dolohow. Nur noch das leise Knistern des Feuers erreichte ihr Bewußtsein.
Dolohow begegnete ihrem Blick mit unversöhnlicher Haß. Seine Lippen formten das Wort Schlammblut und er spuckte verächtlich vor ihr aus.
Hermines Herz blieb kühl. Sie sagte sich, daß dies kein Mord war, sondern eine Hinrichtung. Sie war lediglich der Henker. Dieser Mann hatte sich mit all seinen Morden an Unschuldigen längst schon selbst zum Tode verurteilt. Und wenn sie ihn heute Nacht richtete, rettete sie damit all seinen zukünftigen Opfern das Leben.
Doch jenseits all dieser Logik, jenseits ihres klaren Verstands, tief in ihrem Innersten, wußte Hermine, daß kein Mensch das Recht hatte, einen anderen zum Tode zu verurteilen. Sie wußte, daß sie sich mit den nächsten Worten selbst verdammte, daß es für sie danach kein zurück mehr gab. Die Vollkommenheit ihrer Seele würde für immer verloren sein.
Und doch ... es war der Preis, den sie gewillt war zu zahlen.
Ihre Bewegung war elegant, war wie der Pinselstrich eines Künstlers. Sie sprach die Worte ... die Worte, die sie auf ewig verdammten, und der tödliche Strahl verließ Dolohows Zauberstab, hüllte ihn für einen Moment in grünes Licht und er sackte in sich zusammen, war tot.
Hermine drehte sich um, und ihr Herz war seltsam kühl. Wenn es ihr gerade die Seele zerrissen hatte, so hatte sie nichts davon bemerkt. Immer noch unberührt vom Geschehenen ging zu Voldemort zurück und überreichte ihm kniend Dolohows Zauberstab.
„Gib mir deinen linken Arm", befahl Voldemort.
Bellatrix Lestrange fiel plötzlich neben ihr in die Knie, sah mit Tränen in den Augen zu Voldemort auf, schluchzte:
„Herr, bitte! Bitte, tut es nicht! Ihr könnt unmöglich dieses ... dieses Schlammblut uns gleichsetzen. War ich für Euch nicht 15 Jahre in Askaban ... in Askaban! ... zählt das denn nichts? Habe ich Euch nicht immer treu gedient, war ich nicht immer eure verläßlichste Verbündete? Herr ...", sie griff verzweifelt nach seiner Hand, küßte sie, drückte sie an ihre tränenfeuchte Wange, schloß weinend die Augen, „... bitte, bitte tut es nicht!"
Voldemort entzog Bellatrix seine Hand. Starrte sie mit kaltem Blick an und sah, wie es sie vor Verzweiflung schüttelte. Die einstmals so schöne Frau schlug sich die Hände vors Gesicht und weinte.
„Bellatrix", sagte er dann ungewohnt sanft. „Steh auf."
Doch die dunkelhaarige Frau konnte sich nicht erheben, war zu verzweifelt, schüttelte nur weinend den Kopf. Voldemort warf ihrer Schwester einen auffordernden Blick zu.
Narzissa Malfoy half ihrer Schwester auf, führte sie weg, hielt sie fest.
Voldemort trat vor die Reihen seiner Todesser, sah jeden einzelnen an.
„Ihr, die ihr mein Mal tragt, seid meine Verbündeten. Jeder einzelne von Euch hat mir schon duzende Male seinen Nutzen und seine Treue bewiesen. Auch wenn ich nicht vergessen habe, daß viele von Euch sich während der Zeit meiner Abwesenheit verborgen hielten und meinen Namen verleugnet haben. Doch das ist vorbei! Hier stehen wir vereint zusammen um eine neue Ära einzuläuten. Um unsere Reihen vom unreinen Blut zu säubern, um die Muggel auf ihren Platz in der Welt zu verweisen und um Narren wie Dumbledore endlich zu beseitigen. Doch dies geht nicht ohne Opfer!
Und wenn dieses Opfer euer Stolz ist, dann verlange ich das von euch!
Jeder von euch hat sich meiner Sache mit seinem Leben verschrieben. Jeder von euch hat mir sein Leben geweiht. Und es ist mein, es euch zu nehmen oder euch zu lassen.
Und wenn ich beschließe, die Waffe, die Dumbledore zu Fall bringen und mir Harry Potter in die Hände spielen wird, mit meinem Mal zu kennzeichnen, dann erwarte ich, daß das von euch ohne Nachfragen akzeptiert wird!
Hier und heute Nacht ist das einzige Mal - das einzige Mal! - das ich mich euch gegenüber erkläre.
Wagt es nie wieder, meine Entscheidungen in Zweifel zu ziehen. Nie wieder! Und für dich, Bellatrix, als Zeichen meiner Zuneigung zu dir, werde ich diese Waffe auf ihrem rechten Arm kennzeichnen. Damit sie sich von euch, meinen geschätzten Todessern, unter­scheidet."
Voldemort wandte sich wieder Hermine zu.
„Den rechten Arm!"
Hermine rollt den Ärmel ihres rechten Arms hoch und streckte ihn Voldemort entgegen. Er legte seinen Zauberstab auf ihren Unterarm, hielt ihr Handgelenk wie ein Schraubstock fest, sagte:
Morsmordre"
Hermine schrie auf. Sie verkrampfte sich, wollte Voldemort ihren Arm entreißen, doch dieser hielt ihn unnachgiebig fest, preßte den Zauberstab auf ihren Unterarm und Hermine sah durch den Schleier ihrer Tränen hindurch, wie das Dunkle Mal sich langsam einbrannte, wie es sich einem schrecklichen Gift gleich, dunkel und ätzend, vorarbeitete, wie mehr und mehr der Schädel mit der Schlange sichtbar wurde.
Dann war es vorbei. Voldemort ließ ihren Arm los und sie preßte ihn an sich, fühlte, wie etwas mit ihr geschah. Etwas, das sie nicht mehr unter Kontrolle hatte.
„Steh auf!" befahl Voldemort.
Hermine erhob sich benommen, taumelte.
Der Dunkle Lord griff nach Hermines rechtem Arm, riß ihn hoch und präsentierte den Todessern das Mal.
„Dies ist meine Waffe!" rief er. „Und als solche habe ich sie gekennzeichnet! Sie ist einzigartig. Und einzigartig soll sie bleiben. Sie wird der Stachel im Fleisch meines Gegners sein, sie wird das Gift sein, an dem er zugrunde geht.
Todesser! Diese Waffe ist zu schützen. Verbreitet das Wort: Wer sich an ihr vergreift, vergreift sich an mir."
Er ließ Hermines Arm los und stieß sie in Snapes Richtung. Nur mühsam konnte sie sich noch aufrecht halten, Haltung bewahren.
„Bring sie fort, bereite alles vor. Ich bin zufrieden."





Plopp.
Spinners End. Das Ende aller Hoffnung, dachte Hermine verwirrt und wollte sich das brennende Fleisch vom Arm herunterreißen. Sie fühlte sich krank, ihr war fiebrig und übel. Schnell stieß sie Snape von sich, der sie die ganze Zeit über gestützt hatte. Die Übelkeit übermannte sie. Sie wandte sich ab, übergab sich.
Mit ihrem Ärmel wischte sie sich über den Mund, sah, daß wie üblich kein Deck auf der Kleidung haften blieb. Sie lachte unbeherrscht, fast schon irr. Alles wirkte so seltsam fremd. Sie fühlte sich benommen, ihr war schwindlig, und sie konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Wieder lachte sie, deutet auf den sauberen Ärmel und sagte:
„Das ist so klasse, Professor Snape! Sie sollten das echt vermarkten."
Der Professor starrte sie mit unruhig flackernden Lichtern in den Augen an.
„Kommen Sie, Gryffindor. Kommen Sie mit mir mit! Wir sind gleich zu Hause."
Snape stützte sie, drängte sie in der Dunkelheit in Richtung des alten Hauses am Straßenende. Die Straßenbeleuchtung war schon seit Monaten ausgefallen und weder die Anwohner noch die Stadtverwaltung kümmerte es.
Müll und Dreck stapelten sich in den Hauseingängen und davor. Zeitungsfetzen und leere Plastiktüten trieb der Wind vor sich her. Es waren nur noch wenige Häuser in dieser abgelegenen und heruntergekommenen Gegend bewohnt. Manche der Häuser waren sogar von Obdachlosen und Junkies besetzt worden. Und denen war es egal, was auf der Straße geschah, die wollten nur in Ruhe gelassen werden oder in Ruhe einen Bruch machen.
Snape und sein Haus jedoch ließen alle in Frieden. Jeder in dieser Gegend wußte, daß in seiner Nähe seltsame Dinge geschahen. Und so sah man nur hier oder da, wie ein Vorhang sich einen Spalt zur Seite schob oder ein blasses Gesicht hinter einer der trüben Fensterscheiben auftauchte und ebenso schnell wieder verschwand.
Hermine sah das alles und kicherte. Snape sah in seiner schwarzen Kleidung, blaß und hager wie er war, selbst wie ein drogensüchtiger Gothik aus. Wenn er sich eine gerade mal halb so alte und um sich herum kotzende andere Süchtige mit nach Hause nahm, würde dies kaum einen stören.
„Zu Hause!" wiederholte sie, und ein vager Gedanke erschien in ihrer Erinnerung. Warum nur fiel es ihr so schwer, sich zu erinnern?
„Ja ... jetzt erinnere ich mich wieder. Sagt man nicht: Home is where your heart is! Sagt man einfach so, nicht? Aber wo steckt nur mein Herz ...", fragte sie sich verwirrt, „... blödes Herz ..."
Ihre Hände tasteten suchend über ihren Körper und die ganze Zeit über kicherte sie vor sich her, murmelte lockend: „Komm, komm, komm ... Herzilein .. puut, puut, puut ... wo steckt du denn nur? Dummes Herz ..."
Endlich hatten sie das Haus erreicht. Snape tippte mit dem Zauberstab ans Eingangsschloß und die Tür schwang auf. Gemeinsam stolperten sie in den engen Flur. Die Tür schwang wieder zu. Snape versiegelte sie.
Hermine packte Snape am Umhang, zog ihn zu sich heran und schrie ihn verstört an:
„Mein verdammtes Herz! Wo ist es? Ich kann es nicht finden! Wo steckt mein verdammtes Herz?"
„Ich habe es. Es ist bei mir, Gryffindor, keine Sorge. Ich passe darauf auf."
Er löste sich aus ihrem Griff, schob sie die Treppe hoch und bugsierte sie in den magischen Raum. Dieser sah immer noch wie der Meditationsraum aus.
„Ehrlich?" fragte Hermine verblüfft und fiel taumelnd zu Boden. Dann setzte sie sich auf. „Es ist bei Ihnen, und Sie passen darauf auf?"
„Genau so ist es!" bestätigte der Professor und legte sich eilig den Umhang ab. Er sah noch bleicher aus als sonst. Hermine dachte respektlos, daß er wie der Godfather des Punks, wie Iggy Pop aussah. In Snapes Gesicht lag ein beunruhigter hektischer Ausdruck. Er sah sich suchend um.
„Na ja, dann ist alles gut!" lachte Hermine erleichtert und erhob sich torkelnd. Ein Leuchten überzog ihr Gesicht. Sie sah den Professor erstaunt an. Warum war ihr eigentlich nicht schon früher aufgefallen, daß er wie der junge Iggy Pop aussah?
Und wer zum Teufel war eigentlich Iggy Pop, wieso sah dieser wie Professor Snape aus?
„Professor, hat ihnen eigentlich schon einmal jemand gesagt, daß sie wie Iggy Pop aussehen? Der sieht genauso kaputt aus, und das ganz ohne Todesser zu sein. Aber fangen Sie jetzt bloß nicht zu singen an!"
„Gryffindor, ich weiß nicht, wer dieser Iggy Pop ist, und ich werde ganz sicher nicht zu singen anfangen. Und nun zeigen Sie mir ihren Arm."
„Nein!" erwiderte Hermine trotzig und schob schmollend die Lippe vor. Sie drückte sich den rechten Arm fester an den Körper. „Das will ich nicht!"
„Bitte!" unterstrich Snape seine Forderung.
„Aber er tut so weh! Was ist, wenn Sie mir auch noch weh tun?"
„Sie wissen, daß ich Ihnen nicht weh tun will. Aber wenn wir nichts gegen die Vergiftung unternehmen, wird es bald schon noch sehr viel mehr weh tun."
„V- Vergiftung?" hauchte Hermine und sah verwirrt auf ihren Arm.
„Ja, Gryffindor. Vergiftung! Ich hätte nie gedacht, daß der Dunkle Lord soweit gehen würde, Ihnen das dunkle Mal einzubrennen. Hätte ich das gewußt, hätte ich vorher schon alles vorbereitet. Wir müssen jetzt schnell handeln. Wie hätte ich ahnen sollen, daß Sie ihn so sehr beeindrucken -"
„Aber ich war auch wirklich klasse", unterbrach ihn Hermine. „Haben Sie gesehen, wie ich diesen Blödmann Dolohow platt gemacht habe? Der Idiot! Der wird mich nie wieder unterschätzen."
„Nein, das wird er wohl nicht. Denn er ist tot!"
„Tot?" wiederholte Hermine betroffen. „Aber ... wieso ist der tot? Woran ist der denn gestorben?"
„Gryffindor, reißen Sie sich zusammen. Erinnern Sie sich! Sie haben ihn umgebracht", entgegnete Snape.
Ich?" schnaubte Hermine empört, runzelte dann aber die Stirn, begann sich wieder zu erinnern.
„Ja, stimmt - ich habe ihn getötet! Jetzt erinnere ich mich wieder. Aber ... wieso hat der das zugelassen? Wieso hat der sich das von mir bieten lassen und sich dann auch noch umbringen lassen? Wieso war der Kerl so ein verfluchtes ARSCHLOCH!"
„Gryffindor ..."
„Wo ist mein Zauberstab?" fragte Hermine und tastete sich ab, suchte nach ihm. „So ein Arschloch", murmelte sie dabei. „Läßt sich zuerst von mir abstechen wie das Schwein, das er war, und dann auch noch umbringen. Ich wußte ja, daß er ein Arschloch war, aber nicht was für ein großes! Verdammter Zauberstab, wo steckt der nur?"
Sie hob den Blick, sah Snape an und schrie ihm wütend entgegen:
„WO IST MEIN GOTTVERDAMMTER ZAUBERSTAB?"
„Ich hab ihn an mich genommen. Warum wollen Sie ihn haben?"
„VIELLEICHT WEIL ICH SIE AUCH UMBRINGEN MÖCHTE?"
Dann schüttelte sie verwirrt den Kopf, griff sich an die Stirn und setzte sich wieder torkelnd zu Boden. Sie sah auf, flüsterte schwach:
„Nein, das will ich doch nicht. Natürlich will ich das nicht. Was ist das, was geschieht hier mit mir, Professor?"
Snape ging neben ihr in die Knie, sah sie ernst an.
„Es ist das dunkle Mal, Gryffindor. Es beginnt, ihre schlimmsten Eigenschaften in Ihnen zu wecken. Wir müssen unbedingt etwas dagegen tun, und zwar sofort.
Ich kenne nur einen wirksamen Schutz. Er ist zwar nicht schön, dafür aber hundert­prozentig."
„Scheiß aufs Aussehen!" flüsterte Hermine. „Ich nehm ihn sofort. Solange ich das wieder in den Griff kriege. Was ist es? Tränke, die ich regelmäßig nehmen soll, besondere Meditatiostechniken oder soll ich mir nie wieder die Haare waschen?"
Der Lehrer für Zaubertränke verzog humorlos die Lippen. Gryffindor hatte sich für den Augenblick anscheinend wieder unter Kontrolle.
Dann stand er auf und schnaubte resigniert.
„Kaum einer weiß es", sagte er, und er begann sich mit diesen Worten das Hemd aufzuknöpfen. „Und es wäre wohl mein Todesurteil, wüßten es die Todesser, wüßte es der Dunkle Lord ... denn aus dieser Sache könnte ich mich nicht herausreden", er öffnete das Hemd und ließ sie einen Blick auf seine Brust werfen.
Unter dem seidigen schwarz der feinen Haare wurde weiße Haut sichtbar. Ein feines engmaschiges Netz von Narben überzog sie. Doch das war es wohl kaum, was der Professor meinte.
Denn auf seiner Haut waren schwarze wandernde Zeichen zu sehen. Archaische Symbole, die Tätowierungen nicht unähnlich und doch ganz anders waren. Denn sie tauchten aus dem Nichts auf, wanderten über Snapes Haut, nur um dann wieder in seinem Fleisch zu versinken. Es waren magische Zeichen. Formeln und uralte Symbole, die miteinander verschmolzen, neue komplizierte Muster bildeten, sich auflösten und weiterwanderten. Tatsächlich schien seine Haut zeitweise mehr einem beschriebenen Pergament zu ähneln als echter Haut.
Hermine stand staunend auf, kam näher und starrte auf Snapes Brust. Sie streckte zögernd ihre Hand aus, ihre Fingerspitzen strichen sanft über die Zeichen.
Sie bemerkte nicht, wie Snape bei der Berührung ihrer Fingerspitzen zusammen­zuckte, da sie viel zu sehr damit beschäftigt war herauszufinden, wann sie diese Zeichen schon mal gesehen hatte. Kurz flammte ein Bild in ihr auf. Snape, in rostigem Braun überzogen, dunkle wandernde Flecken darunter. Sie schüttelte benommen den Kopf. Das Bild verschwand.
„Tätowierungen?" fragte sie.
Der schwarzhaarige Zauberer schüttelte stumm den Kopf und knöpfte sich das Hemd wieder zu. Für einem Moment schien es Hermine, als sei es ihm peinlich, daß sie die Zeichen gesehen hatte.
„Nein, nicht wirklich. Aber durchaus damit zu vergleichen. Sie sind der einzige Schutz gegen den Wahnsinn, den das dunkle Mal verursacht. Ohne diese magischen Zeichen hätte ich längst schon meinen Verstand verloren."
„Na klasse!" sagte sie frustriert. Tätowierungen! Als ob sie so was jemals hatte haben wollen.
„Wie funktioniert es? Ist es wie beim dunkle Mal? Tut es genauso weh?"
„Ich fürchte ja", flüsterte der Professor bedauernd.
„Dann sollten wir es schnellstens hinter uns bringen", sagte Hermine und begann sich wieder komisch zu fühlen. Ihr Arm brannte wie Feuer. „Ich mag auch nicht länger darüber nachdenken."
Schnell wandte sich sich ab, brach vor Übelkeit aufstöhnend in die Knie und krümmte sich zusammen. Nicht einmal mehr Übergeben konnte sich, stellte sie frustriert fest.
Nur noch würgen und nach Luft schnappen.
Snape half ihr wieder auf und betrachtet sich dabei ihren Arm. Auch Hermine warf einen Blick darauf.
„Oh, Scheiße aber auch!" entfuhr es ihr. „Upps, Entschuldigung", murmelte sie kichernd. „Aber mal ehrlich ... Sieht doch echt Scheiße aus, was? Und das Design erst ... hey, vielleicht sollte ich damit eine Rockband gründen!"
(„Mudblood and the Deatheaters", dachte sie kichernd und begann sich in ihren Gedanken zu verlieren. „Wir machen Magic Rock, yeah Baby. Black Magic Rock!" und sie konnte bei dem Gedanken kaum noch stehenbleiben. Lachte lautlos in sich hinein, als sie sich Snape als Frontman vorstellte und wie er mit seinem Muggelzwilling, Iggy Pop, die Konzerthallen zum Kochen brachte.)
Snape indessen ignorierte die still vor sich her kichernde Hermine und betrachtete zutiefst besorgt das Mal. Es war tiefschwarz und dunkelrote Streifen gingen von ihm aus. Sie sahen wie eine Blutvergiftung aus und breiteten sich wie ein feines Netz über ihrem Unterarm aus, hatten fast schon die Höhe ihres Ellenbogens erreicht.
„Wir müssen es unbedingt aufhalten!" sagte er. „Und zwar sofort, noch heute Nacht!"
„Genau!" stimmte Hermine zu, ohne eigentlich zu wissen, worum es ging. Sie war hungrig, durstig und ihr war sterbensübel. Der Gedanke an ihre Band war schon wieder verblaßt. Wenn ihr Arm bloß endlich aufhören würde, so zu schmerzen. Aber vielleicht konnte sie ihn ja amputieren?
„Hast du was zu essen hier, Iggy?" fragte sie den hageren Mann vor sich. „Ich brauch nämlich dringend, was zu essen und vielleicht noch ein Butterbier. Mann, mir ist so was von übel ... und um anständig kotzen zu können, bräuchte ich schon was im Bauch. Und wo ist eigentlich nur mein blöder Zauberstab?"
Wieder fing sie an, sich suchend über ihren Körper zu tasten. Und Snape?
Er murmelte eine leise Entschuldigung und belegte Hermine kurzentschlossen mit einem Petrificus Totalus. Dabei vermied er den Blick in ihre wutsprühenden Augen.
„Ich bin gleich wieder zurück. Ich muß noch die Pergamente holen, einen Trank brauen und ... Na ja, das übliche eben. Bis dahin ... ähem ... haben Sie es ja bequem."

~~~~

Hermine schwebte in der Luft. Dieses Mal hatte der Professor sie nicht völlig entkleiden müssen, hatte ihr die Unterwäsche anlassen können - aber irgendwie .... irgendwie wurde es schon zu einer Gewohnheit, daß seine ehemalige Schülerin nackt oder halbnackt in seinem Haus herumschwebte.
Kühl blickte er auf die vor Wut tobende und schreiende Hermine. Er hatte sie aus ihrer Starre befreit und zum Dank dafür, warf sie ihm Wörter an den Kopf, von denen er nicht einmal vermutet hätte, daß sie diese kannte. Vieles an ihrem Zustand erinnerte ihn daran, als er sie das erste Mal geheilt hatte. Damals, als sie von Indien zurückgekommen war. Doch selbst damals war sie nicht so unberechenbar, so wütend oder so besessen gewesen. Wieder und wieder hatte sie ihn angespuckt, ihn mit Dutzenden von Flüchen belegt, die ohne Zauberstab freilich ohne Wirkung blieben. Doch im Vergleich zu ihrer Verletzung nach dem Raub des Kristaldolchs, ließ ihn ihr heutiger Zustand nicht kalt. Dazu hatte er inzwischen viel zuviel über sie erfahren und mit ihr zusammen erlebt.
Der Professor brachte Hermine wieder in die Senkrechte, hielt einen dampfenden Becher in der Hand.
„Ich denke nicht, daß Sie es freiwillig trinken werden, oder?" meinte er.
„Darauf können Sie - verdammt noch mal - Gift nehmen, Sie Bastard! Bleiben Sie mir mit dem Zeug bloß vom Leibe! Bleiben Sie mir vom Leibe, Sie widerlicher Todesser!
Ich schwöre ihnen, wenn Sie mich hier herunterlassen, geb' ich Ihnen, was sie verdienen, Sie Giftmischer, Sie arroganter Muggelhasser! Ich habe Sie längst durchschaut, Snape! Mich können Sie nicht länger täuschen!
Crucio! Crucio! Crucio!"
„Kein Zauberstab, Gryffindor", entgegnete Snape trocken, wie um sie darauf aufmerksam zu machen, daß ihre Flüche völlig wirkungslos blieben. Weder ließ er sich von ihrer Wut, noch von ihrer Sprache aus der Fassung bringen. Er wußte, daß sie nicht sie selbst war und so griff er nach seinem Zauberstab, deutete auf sie, sagte:
Impero!"
Eiskalt erwischt, dachte Snape. Und im Augenblick hatte sie sowieso keine Kontrolle über sich und ihren Geist. Sie hätte sich seinem Fluch kaum widersetzen können.
„Trinken Sie", sagte er sanft, hielt ihr den Becher an die Lippen und Hermine trank gehorsam.
Es war ein schmerzstillender, sedativer Trank. Denn er würde ihre Mitarbeit brauchen. Ohne ihr Zutun, ohne ihre Mitwirkung würden sich die schützenden Zeichen nicht auf ihren Körper und erst recht nicht in ihre Seele einbringen lassen. Man mußte die Macht dieser alten Magie willkommen heißen, denn sonst würde sie sich einem einfach verweigern.
Nachdem Hermine den Becher geleert hatte, begann Snape den Raum umzugestalten. Der Meditationsraum verschwand. Nach kurzer Zeit hatte Snape erreicht, was er wollte.
Sie befanden sich in einem Raum, der einem steinernen Gewölbe nicht unähnlich war. Die Wände waren fein bearbeitet worden. Die Felsenkammer war keines natürlichen Ursprungs. Fremdartige Zeichen zogen sich über Wände und Decke hinweg, Gänge führten aus dem Raum weg, verloren sich in der Tiefe der Finsternis. Im flackernden Schein der Öllampen wirkten die uralten Zeichen an den Wänden lebendig, erweckten den Eindruck, sich zu bewegen. Und aus der Ferne hallten Gesänge bis zu ihnen vor, klangen durch die Felsgänge hindurch seltsam verzerrt
Der Professor nickte. So war es richtig. Dies war die richtige Umgebung um die alte Magie heraufzubeschwören. Er ließ einen steinernen Tisch aus dem Boden wachsen, einem Altartisch nicht unähnlich. Dann wandte er sich Hermine zu, ließ sie auf den Tisch hinabschweben und hob den Imperius Fluch auf. Keine Beleidigungen kamen mehr von ihr.
„Gryffindor?" fragte er leise. Hermine wandte ihm ihr Gesicht zu. Er begegnete ihren gequälten Blick.
„Es tut so weh, Sir. Alles tut weh. Nicht nur mein Körper, in mir tut alles weh. Ich fühle schreckliche Dinge. Ich will verletzten, will weh tun. Will diesen schrecklichen Schmerz, den ich fühle, einfach weitergeben. Ich will nur noch, das es aufhört, Sir. Einfach nur aufhört ..."
Snape strich ihr sanft über die Stirn, wischte ihr die Tränen von den Wangen.
„Das wird es auch. Wir werden es aufhalten. Keine Angst. Ich bin hier und wir stehen das gemeinsam durch. Aber ich brauche Ihre Mitarbeit."
Hermine nickte.
„Ich tue alles, was Sie möchten. Ich will nur, daß es aufhört, ich will wieder ich selbst sein."
Mit einem Schwenk seines Zauberstabs schwebte die dicke Rolle eines sehr altes Pergament an ihre Seite, es rollte sich von selbst auf und blieb schließlich an einer Stelle offen liegen, auf der sich ein seltsam verschnörkelten Zeichen befand. Snape sah Hermine an, sagte:
„Ich muß Sie jetzt magisch fesseln. Denn diese ganze Prozedur ist ziemlich schmerz­haft. Sie könnten sich oder mich dabei verletzen."
„Schon okay", flüsterte Hermine und Snape legte ihr magische Fesseln an, band sie am Fels fest .
Dann legte er seinen Zauberstab an das Zeichen, sagte Solve und das Zeichen glühte auf, floß wie flüssiges Metall in die Spitze des Zauberstabs und verschwand völlig von der Seite des Pergaments. Er legte Hermine die Spitze des Zauberstabs an die Stirn, dorthin, wo sich das dritte Auge befand.
„Das hier wird am meisten weh tun. Darum machen wir es als erstes. Was man hinter sich hat, muß man nicht mehr fürchten. Wir fangen mit dem schmerzhaftesten an und danach wird es mit jedem Zeichen einfacher. Das verspreche ich. Und nun:
Heißen Sie diese uralte Magie willkommen. Laden Sie sie ein zu verweilen und sich mit Ihnen zu verbinden. Sie soll eins werden mit ihrer Seele. Sprechen Sie die Formel nach: Conversio coagula - lux in tenebris."
Hermine schielte auf den Zauberstab an ihrer Stirn. Das gefiel ihr überhaupt nicht, aber gehorsam sprach sie die Formel nach, die Spitze des Zauberstabs glühte auf und Hermine verkrampfte sich, schrie auf und nur die Fesseln hielten sie auf dem Altartisch.
Dann war es vorbei. Von einem Moment zum anderen und Hermine fühlte - Wärme. Eine wundervolle Wärme und Klarheit, die sich langsam ausbreitete aber nicht weiter als bis zu ihrem Hals vordrang.
Snape hatte derweil das nächste Symbol auf den Zauberstab übertragen, er hielt ihn an ihre Kehle.
„Oh", flüsterte Hermine, als sie erkannte, was hinter den Stellen steckte, an die Snape seinen Zauberstab hielt. „Die Chakras?"
Professor Snape nickte.
„Ja", sagte er. „Was wir hier tun, ist älter als unsere Zaubererwelt, älter als jede Erinnerung in unserer Welt. Diese Magie reicht so weit zurück, daß sie sich in den Anfängen der Menschheitsgeschichte verliert. Sie stammt noch aus einer Zeit, in der es keinen Unterschied zwischen Muggeln, Zauberer und magischen Geschöpfen gab. Es war eine Zeit, in der die Welt von Magie durchflutet war. In der alles noch im fließen und entstehen war. In der noch nichts festgelegt war und andere, uns unbekannte Wesen, die Welt mit uns bevölkerten.
Es war Dumbledore, der dieses Wissen von seinen Forschungsreisen mitbrachte. Ich weiß, daß er mit Schamanen der Muggelwelt in Verbindung steht und mit ihnen sogar zusammen­arbeitete. Er respektiert und achtet sie sehr. Ich weiß nur wenig darüber, die magische Welt der Muggel ist mir unbekannt. Doch diese Schamanen haben das uralte Wissen durch die Jahrtausende hindurch bewahrt, haben es von Generation zu Generation weitergegeben, ohne sich über die wahre Bedeutung dieses Wissens, bewußt zu sein. Nicht einmal Dumbledore oder ich wissen, wie oder warum diese Magie funktioniert - und vor allem warum sie sowohl bei uns als auch bei Muggel wirkt.
Doch das tut sie. Sie schützt und bewahrt die Seelen der Menschen vor weiteren Schäden. Und sie kann angerichteten Schaden sogar heilen. Dazu muß sie sich allerdings mit dem Kern unserer selbst verbinden, mit unserm ureigensten selbst. Mit unserer Seele. Nur so kann sie vor weiteren Schäden schützen und angerichteten Schaden wiedergutmachen. Es geht nicht anders."
Hermine nickte und noch sechs weitere Mal wiederholten sie den Zauber, doch jedes Mal tat es weniger weh. Nachdem das letzte Symbol übertragen war, fühlte sie nur noch eine wohlige Wärme, die ihren gesamten Körper durchströmte. Der Schmerz des dunklen Mals war nicht länger vorhanden.
„So!" sagte Professor Snape. „Für den Moment sollte es ausreichen."
Er löste ihre magischen Fesseln und half ihr, sich aufzusetzen. Einen Moment lang wurde Hermine schwindlig. Sie kippte zur Seite und blieb erschöpft liegen. Sie war so müde, daß sie sich nicht mehr regen wollte. Erschöpft schloß sie die Augen, murmelte:
„Lassen Sie mich einfach hier liegen, ich kann mich nicht mehr rühren. Gute Nacht, Professor."
„Nonsens!" sagte Snape und hob sie auf. „Ich bring Sie in ihr Bett."
Hermine legte ihm ganz automatisch die Arme um den Nacken und kuschelte sich an ihn. Sie fühlte sich rundum geborgen. Kaum bemerkte sie, wie er sie aus dem magischen Raum hinaus in ihr Zimmer hinein trug.
Sie sank aus seinen Armen auf die Matratze, hielt dann aber noch kurz seine Hand fest, zog ihn zu sich herunter und flüsterte:
„Verzeihen Sie, wenn ich kurz persönlich werde, Professor. Aber eins muß ich Ihnen noch sagen. Und im Augenblick bin ich viel zu erschöpft, um mich morgen daran noch zu erinnern."
Mühsam öffnete sie kurz die Augen, suchte nach seinem Blick.
Sein Gesicht war nur ein fahler bleicher Fleck, der sich kaum von der Dunkelheit ihres Zimmers abhob. Allein das Glitzern seiner schwarzen Augen verriet ihn.
„Wissen Sie, in den letzten Monaten habe ich meine Meinung über Sie geändert. Ich glaube, Sie sind gar kein so übler Mensch, Sie verstehen es nur gut, das zu verbergen. Und wissen Sie was? Ich glaube, uns verbindet inzwischen sehr viel mehr, als uns trennt.
Nur das wollte ich ihnen noch sagen. Gute Nacht, Professor."
Und mit diesen Worten zerknäulte sie ihr Kissen, legte den Kopf darauf und zog sich die Decke über die Schultern. Sie war schon eingeschlafen, bevor Snape auch nur irgend etwas darauf hätte erwidern konnte.
Lange sah er sie in der Dunkelheit an. Dann strich ihr das Haar aus der Stirn und küßte sie sanft. Still erhob er sich und flüsterte noch im Hinausgehen:
„Schlaf gut, Hermine. Ich mag dich auch."

~~~~

Hermine taumelte benommen ins gammlige Bad, stellte sich in den Zuber und ließ den Wolken­bruch über sich ergehen. Sie hatte kaum die Augen aufgekriegt und das kalte Wasser weckte langsam ihre Lebensgeister. Unter Umständen würde sie diesen morgenlichen Wolkenbruch doch noch vermissen, stellte sie verschlafen fest und bückte sich nach der Seife. Dann ließ sie einen spitzen Schrei los.
Ihr ganzer Körper war voller häßlicher schwarzer Tätowierungen! Und nicht genug damit. Sie wanderten auch noch kreuz und quer über ihre Haut, versanken in ihrem Fleisch und tauchten an anderer Stelle wieder auf!
Dann fiel ihr der gestrige Tag ein. Und langsam, fast schon ungläubig drehte sie sich ihren rechten Unterarm zu, blickte auf den Totenkopf und die Schlange - und ihre Beine gaben einfach unter ihr nach.
Sie platschte ins Wasser, während die düsteren Wolken über ihrem Kopf, nicht aufhören wollten, sich zu ergießen. Mit leerem Blick starrt sie auf das dunkle Mal und fuhr mit dem Zeigefinger die Konturen nach. Dann riß ein Klopfen an der Tür sie aus ihrer Erstarrung.
„Gryffindor?"
„A- Alles in Ordnung, Professor. Ich habe mich nur erschrocken"
„Das Mal, die Tätowierungen?" kam es fragend von jenseits der Tür.
„Ja", flüsterte sie, wohl zu leise, als das Snape sie hätte verstehen können, aber er konnte sich ohnehin denken, was sie so erschreckt hatte.
„Ich muß einen Blick darauf werfen", hörte sie seine Stimme zwischen dem Grollen des Wolkenbruchs sagen. „Muß sehen, ob wirklich alles in Ordnung ist."
„Später, Professor", sagte sie lauter. „Ich komme in die Küche herunter. Dort können Sie es sich ansehen. Nicht jetzt."

Snape saß in der Küche, trank Tee und wartete. Er war müde, hatte kaum geschlafen. Die Geschehnisse der letzten Nacht hatten auch ihn überrollt. Nie hätte er damit gerechnet, daß der Dunkle Lord einem Muggelabkömmling das dunkle Mal einbrennen würde. Ihn in die Reihen seiner Todesser aufnehmen würde.
Ein Unding, ein Bruch von allem, woran Todesser glaubten!
Doch Hermine Granger hatte sich gestern Nacht unglaublich gut geschlagen. Natürlich war es furchtbar, daß es mit Dolohows Tod geendet hatte. Tragisch, daß sie jetzt schon hatte töten müssen. Andererseits war es von Anfang an klar gewesen. Sie hatte gewußt, worauf sie sich einließ. Keiner erlernte die Unverzeihlichen Flüche, um sie dann nicht anzuwenden.
Snapes Blick fiel auf die heutige Schlagzeilen des Tagespropheten. Eigentlich waren es die gleichen wie gestern, wie tags zuvor, wie schon seit Monaten.
Das Land war in Aufruhr. Schreckliche Morde geschahen, Familien verschwanden spurlos, entsetzlich verstümmelte Leichen tauchten auf. In den Ländern des Ostens herrschten Unruhen. Gerüchte über Armeen von Inferi, Werwölfen und Vampiren, die ganze Landstriche verwüsteten, gingen durch die Zauberwelt.
Aber auch die Muggelwelt war davon längst schon in Mitleidenschaft gezogen. Die Zauberei­ministeren der betroffenen Länder konnten kaum noch den Schaden eingrenzen. In den Muggelzeitungen fanden sich immer mehr Berichte über Begegnungen mit fürchterlichen Gestalten, von denen manche als Werwölfe andere als Vampire oder wandelnde Tote beschrieben wurden.
Mehr und mehr geriet die Welt aus den Fugen, und die sauberen Grenzen zwischen der magischen und nichtmagischen Welt schwanden.
Voldemort mußte endlich fallen, dachte Snape. Der Schlange mußte der Kopf abgetrennt werden.
Wenn der Dunkle Lord fiel, würde diese ganze finstere Revolution in sich zusammen­brechen. Voldemort war der Kopf, der alles lenkte, der alle einte. Wenn er starb, würden die dunklen Allianzen, die traditionell schon immer miteinander zerstritten waren, auseinanderfallen und die Ministerien konnten alles wieder in die richtigen Bahnen lenken. Die Grenzen zwischen den Welten würden wieder aufgerichtet werden können.
Und Hermine Granger, dachte Snape weiter, sie war der Schlüssel zum Sieg. Heute war ihm das klarer, als jemals zuvor. Er hätte es sich niemals vorstellen können, doch im Augen­blick wünschte er sich nichts sehnlicher, als daß die alte Frau aus dem steinernem Labyrinth recht behielt.
Selbst wenn das hieße, daß es ein Schicksal gab, daß alles nur vorbestimmt war.
Aber daran glaubte er ohnehin nicht. Doch zum ersten Mal erschien ihm der Gedanke an ein Schicksal nicht mehr ganz so bedrohlich. Zum ersten Mal konnte er verstehen, warum es Leute gab, die es vorzogen, an ein Schicksal zu glauben.

Die Tür öffnete sich, und Hermine trat ein. Sie sah ebenso müde und erschöpft aus, wie er sich fühlte. Beide hatten sie dunkle Schatten unter den Augen.
„Wie fühlen Sie sich, Gryffindor?" fragte er.
Hermine warf ihm einen Blick zu und fand, daß er heute morgen genauso beschissen aussah, wie sie sich fühlte.
„Ganz genauso wie sie aussehen, Sir."
Snape schmunzelte. Er glaubte zu ahnen, daß ihm Hermine fehlen würde. Er hatte sich an ihre Anwesenheit in seinem Haus gewöhnt, hatte sich an sie gewöhnt. Und einen Moment lang erschreckte ihn die Erkenntnis, daß sie ihn verlassen würde, daß er sie nicht länger würde schützen können.
„Kommen Sie, setzen Sie sich", sagte er zu ihr. „Kann ich das dunkle Mal sehen?"
Hermine schlurfte müde an ihm vorbei, klopfte ihm im Vorübergehen beruhigend auf die Schulter und murmelte: „Gleich."
Wie seltsam vertraut diese Geste doch war, dachte der Zauberer. Wie beruhigend, daß sie ihm nicht mehr auswich. Sein Blick folgte ihr, als sie zum Vorratsschrank ging und diesen fragte:
„Hast du zufällig irgendwo Kaffee in dir?"
„Was du willst, Hermine. Severus hat mich heute sehr großzügig aufgefüllt.
Frühstück?"
„Später. Zuerst den Kaffee, mein Lieber, mit Milch. Ich muß erst mal wach werden."
Schon sprang die Klappe auf und ein unglaublich verführerisch duftender Kaffee stand in einem großen Glas bereit. Latte Macciato, stellte Hermine erfreut fest.
Mit einem gemurmelten Danke nahm sie das Glas heraus, schlurfte zum Tisch und wurde sich erst da wieder des Professors bewußt.
„Oh!" rief sie aus und setzte sich mit einem entschuldigenden Lächeln an den Tisch.
Sie rollte sich den Ärmel hoch und legte ihm ihren Arm hin. Mit der anderen Hand nahm sie das Glas, trank vom Kaffee. Snape beugte sich vor, strich prüfend über das Mal. Keine roten Linien waren mehr zu sehen.
„Sehr gut", flüsterte er zufrieden. „Und die anderen Zeichen?"
„Krabbeln über meinen Körper, verschwinden und tauchen wieder auf - irgendwie unheimlich."
„Ach ja? Na ja, Sie werden sich daran gewöhnen. Es zieht sie immer dort hin, wo sie gebraucht werden, und wenn sie nichts zu tun haben, krabbeln sie über den Körper oder versinken in der Tiefe - ganz wie Sie gesagt haben. Interessanterweise scheinen sie zu wissen, daß sie nicht auf den sichtbaren Bereichen der Haut erscheinen sollen. Im Gesicht oder auf den Händen. Kann ich einen Blick auf sie werfen?"
Hermine leerte den Macciato und fühlte sich schon besser. Sie öffnete das Hemd, stand auf und ging zum Professor. Auch er war aufgestanden.
Er beobachtete die wandernden Zeichen, begutachtete sie, sah zu, wie sie sich miteinander zu neuen Symbolen verbanden und schien mit dem, was er sah, hoch zufrieden zu sein.
„Haben Sie überhaupt eine Idee, wie gut Sie nun vor Schwarzer Magie geschützt sind, Gryffindor?"
„Vermutlich nicht, Sir."
Snape schwieg. Sie hatte recht. Sie würde den Nutzen dieses Schutzes erst zu schätzen wissen, wenn sie ihn wieder brauchte. Und eigentlich war ihr zu wünschen, daß sie ihn nie wieder brauchte.
Hermine knöpfte sich das Hemd wieder zu, verstand plötzlich, warum es Professor Snape peinlich gewesen war, ihr seine wandernden Tätowierungen zu zeigen.
Irgendwie waren diese Zeichen etwas zutiefst persönliches. Als ob man jemanden einen Blick auf die eigene Seele gestattete.
Hermine ging zurück zum Vorratsschrank, ließ sich noch mal einen Latte machen und fragte schlürfend:
„Wie wird es jetzt weitergehen?"
„Draco wird ihr heldenhafter Retter in der Not sein. Er wird sie befreien."
Hermine prustete. Der Kaffee lief ihr höchst undamenhaft aus der Nase und sie konnte nicht anders als laut aufzulachen.
„Draco Malfoy?"
„Irgendwer muß Sie aus den Klauen der Todesser entreißen. Und da ich inzwischen ganz offensichtlich als der Verräter überführt bin, der ich nach Potters Ansicht schon immer war, kann nur noch Draco in Frage kommen - und warum auch nicht? Er ist im gleichen Jahrgang wie sie und zumindest sein Vater ist ein überführter Todesser.
Seine Verbindung zu den Todessern ist somit glaubhaft. Zudem hofft der Dunkle Lord, daß Draco in Dumbledores Augen mit einer solchen Tat vertrauenswürdig wird, eventuell sogar als Informant für den Orden herangezogen wird. Er könnte zum Ersatzmann für mich werden und Dumbledore fingierte Informationen über die Aktionen der Todesser zuspielen. Er könnte mithelfen, die Falle aufzubauen.
Und Sie haben mit Draco einen Vertrauten des Dunklen Lords in der Schule. Außerdem", Snape machte kurz eine Pause, „wurden schon in den letzten Monaten von Draco hier und da kleine Anmerkungen fallen gelassen. Es wurden Gerüchte verstreut, daß Sie noch am Leben sein könnten."
„Tatsächlich?" erwiderte Hermine kühl. „Und warum weiß ich nichts davon, warum haben Sie mir das verschwiegen?"
Snape schwieg kurz, antwortete dann unwillig:
„Es hätte durchaus sein können, daß Draco statt mit einer lebenden Hermine Granger nur deren Leiche zurückkommt. Alles hing von gestern ab."
„Ich verstehe", sagte Hermine daraufhin leise. „Trotzdem ist es lächerlich. Dumbledore wird niemals auf so etwas hereinfallen."
„Gryffindor", sagte Snape sanft. „Dumbledore hat eine ganz entscheidende Schwäche, die jeder kennt: Er möchte an das Gute im Menschen glauben. Besonders, wenn es sich dabei um einen noch so jungen Menschen wie Draco handelt. Dumbledore wird darauf reinfallen, auch weil Sie ihn davon überzeugen werden, daß Draco Sie gerettet hat."
Was?"
„Sie haben immer noch nicht begriffen, nicht wahr? Sie werden Dumbledore und Ihre Freunde hinters Licht führen müssen. Sie werden dem Plan des Dunklen Lords folgen, werden helfen, die Falle aufzubauen - und erst wenn sie steht, erst wenn alles zur Vernichtung Dumbledores und Potters bereit ist, können Sie Dumbledore einweihen.
Nicht vorher! Niemals vorher!"
„Aber warum nicht?" fragte Hermine aufgebracht, war verwirrt. Es gefiel ihr überhaupt nicht, Dumbledore und ihre Freunde zu betrügen. „Der Schulleiter könnte uns doch helfen, er könnte mich unterstützen."
„Nein, verdammt!" Snape schlug unbeherrscht mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Ich kenne Dumbledore! Er wird mit seiner verdammten Menschenliebe alles zunichte machen! Und Ihren Freunden traue ich keinen Meter über den Weg. Keiner von denen hat auch nur annähernd Ihre Stärke, Ihren Mut oder Ihre Kenntnisse - die würden nur alles verderben! Und vergessen Sie nicht den Verräter im Orden. Wenn der Wind von der Sache kriegt, weil sie Dumbledore oder einen ihre Freunde in die Sache einweihen ... Gryffindor! Sie können keinem trauen! Absolut niemandem!"
„Aber dann ... dann stehe ich ganz allein da. Wie soll ich wissen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist? Wie soll ich mit Ihnen in Kontakt treten?"
„So wie auch die Ordensleute - mit ihrem Patronus. Kommen Sie mit! Sie scheinen im Moment sowieso kein Hunger zu haben."
Sie verließen die Küche und Hermine warf dem Schrank noch einen bedauernden Blick zu. Snape ging in den magischen Raum, zog den Zauberstab und rief: „Finite!"
Mit einem hellen Lichtblitz verwandelte sich dieser in einen langweiligen, nüchternen Raum; ohne Möbel, mit weißen Wänden, etwa dreißig Quadratmeter groß. Hermine sah den Raum zum ersten Mal in dem Zustand, wie er tatsächlich war.
Expecto Patronum!" rief der Professor. Ein hellsilberner Strahl verließ die Spitze seines Zauberstabs, färbte sich dann aber schwarz und ein großer Rabe erschien. Er flog auf Hermine zu, setzte sich auf ihre Schulter und legte den Kopf an den ihren.
Hermine hörte Snapes Stimme in ihren Gedanken sagen:
„Das ist mein Patronus. Und genauso werden sie meine Nachrichten erhalten. Sie werden wissen, daß Sie keine fingierte Botschaft erhalten. Sie dürfen keinem anderen glauben. Ich werde keine anderen Botschaften schicken. Keine schriftlichen, keine mündlichen, gleichgültig was man Ihnen sagt. Wenn ich etwas von Ihnen will, schicke ich den Patronus."
„Aber wieso ist er schwarz?" fragte Hermine völlig verwirrt. Der Patronus war eine silberne Lichtgestalt.
Der Professor lachte bitter.
„Rufen Sie ihren Patronus herbei."
Hermine hielt ihren Zauberstab in die Höhe und sprach den Patronuszauber. Ein silberner Lichtstrahl verließ den Zauberstab, doch dann verfärbte er sich zu Hermines Entsetzen schwarz und der Otter, ihr Patronus, sprang auf den Boden und blieb weiterhin schwarz. Doch ansonsten war er der Patronus, den sie kannte.
„Wieso ist nun auch mein Patronus schwarz?" rief sie, wie vor den Kopf gestoßen, aus.
„Das macht das dunkle Mal, Gryffindor. Wer es trägt, wird nie wieder einen silbernen Patronus herbeirufen können. Daran erkennen sich Todesser gegenseitig. Oder glauben Sie, der Orden ist die einzige Organisation, die diese Kommunikations­möglichkeit nutzt?"
Hermine setzte sich zu Boden und der Rabe flog ihr von der Schulter, landete neben dem Otter.
Eigentlich, dachte Hermine, waren die beiden nun viel unauffälliger. Sahen mehr nach echten Tieren als nach einem Zauber aus.
Snape setzte sich neben sie, betrachtete den Otter, sagte:
„Irgendwie niedlich. Haben Sie eine Idee, warum es ein Otter ist?"
Hermine schüttelte den Kopf.
„Mir gefällt ihr Rabe", sagte sie. „Ich hatte schon befürchtet, es wäre eine Fledermaus - upps!"
Sie lächelte ihren Professor schief an, der oft als zu groß geratene Fledermaus bezeichnet wurde.
„Gehen Sie etwas essen, Gryffindor. Der Vorratsschrank möchte Sie heute verwöhnen. Ich habe ihn extra für Sie aufgefüllt."
Hermine nickte und ließ den Professor zurück. Und tatsächlich schien der Vorrats­schrank an diesem Morgen nur ein Ziel zu verfolgen: nämlich sie zu mästen. Zwei Stunden später floh sie förmlich vor der Bemutterung des Schranks aus der Küche. So vollgestopft war sie noch nie gewesen.

Der Rest des Tages verlief unspektakulär. Der Professor war nach dem Frühstück nicht mehr aufgetaucht und Hermine war später noch in die Küche gegangen, hatte mit dem Schrank die neuesten Ereignisse aus dem Tagespropheten besprochen und weder sie noch der Schrank hatten den gestrigen Tag erwähnt.
Danach war sie ins Labor gegangen, hatte sich um einige ihrer angesetzten Tränke gekümmert und war früh zu Bett gegangen. An Dolohow hatte sie nicht zu denken versucht. Und auch nicht daran, daß sie einen Menschen getötet hatte.