Das Herz der Dunkelheit


von Darkchild




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Die Autorin hat eine Homepage zu Rickman und Snape.
Hier gibt es u. a. auch Interessantes über den Zaubertränkemeister zu lesen.



Kapitel 2


Kapitel 2: Vom Schmieden der Waffe



Aufstöhnend fiel Hermine zu Boden. Jeder Knochen in ihrem Körper tat ihr weh und ihre Muskeln waren nur noch eine einzige Ansammlung von Schmerzen, fühlten sich steif und kraftlos an.
Snape beugte sich über sie und knurrte ihr ins Ohr:
"Das war aber nichts,
Gryffindor. Sie müssen sich mehr konzentrieren und dürfen sich von Ihren Schmerzen nicht beherrschen lassen. Aufstehen! Wir fangen dort wieder an, wo sie die Kontrolle verloren haben."
Gryffindor. So nannte Snape sie inzwischen. Während ihren bisweilen lautstark ausgeführten Wortgefechten hatte er sie als halsstarrig, unflexibel und wahre Tochter Gryffindors bezeichnet - und irgendwann war ihm das Gryffindor - statt des förmlichen Miss Granger einfach herausgerutscht, und dabei war es geblieben. Hermine hatte es akzeptiert, fand es irgendwie sogar schmeichelhaft.
Sechs Wochen waren inzwischen vergangen. Sechs lange Wochen, in denen sie ihren individuell auf sie zugeschnittenen Unterricht bekam. Und in dieser Zeit hatte sie dem Professor so ziemlich jeden Tag die Pest, Pocken oder sonst irgend einen möglichst unerfreulichen und schmerzhaften Tod an den Hals gewünscht.
Er hatte sie nicht einen einzigen Tag geschont. War von Anfang an unerbittlich gewesen und wich keinen Millimeter von seinen Anforderungen zurück. Oft genug hatte sie es bereut, diesem Wahnsinn zugestimmt zu haben.
Jeden Tag duellierten sie sich. Entweder gleich schon am Morgen, manchmal auch erst am Nachmittag. Dieser Teil ihrer Ausbildung schien Snape sogar Spaß zu machen - aber vielleicht machte es ihm einfach nur Spaß, sie mit seinen Flüchen zu quälen. (Hermine wußte, daß diese Gedanken ungerecht waren und nicht stimmten, aber sie fand sie irgendwie einfach tröstlich.)
Seit sechs Wochen trainierte er sie im Angreifen und im Verteidigen. Und er war unbarmherzig, vergab keinen noch so geringen Fehler. Er bedrängte sie mit seinen Flüchen, hetzte sie wie ein Kaninchen von einer Deckung zur nächsten, drängte sie in die Ecke. Doch wenn es ihr mal gelang, ihn mit einem stummen Fluch kurz mattzusetzen, konnte sie flüchtig Zufriedenheit in seinem Gesicht aufblitzen sehen.
Nie hatte er sie gelobt, dafür aber ständig auf ihre Fehler hingewiesen, sie ihr immer wieder unter die Nase gerieben und sie in seiner - sie zur Weißglut bringenden - arroganten Art gesagt, was sie hätte besser machen können, und das jeder Erstkläßler es hätte besser machen können. Manchmal war sie tatsächlich so weit, daß sie ihn mit ihren bloßen Händen erwürgen wollte.
Dann gab es Tage, in denen sie kaum aus dem Labor kam, weil sie sich so sehr ins Tränkebrauen vertieft hatte. Auch überwachte sie die Entwicklung der bereits angesetzten Tränke. Lernte mit jedem Tag Neues hinzu, war über die Veränderung in den Tränken überrascht ... überrascht von all den Dingen, die sie nicht gewußt hatte.
Vor zwei Wochen hatte der Professor begonnen, sie Okklumentik und Legilimentik zu lehren. Etwas, was sich beim Anwenden von stummen Flüchen als besonders hilfreich herausstellte. Dennoch war dieser Teil ihrer Ausbildung anstrengender als jeder körperliche Einsatz. Mehr als eineinhalb Stunden hielt sie nie durch. Danach war ihr Hirn wie ausgequetscht und sie konnte kaum noch denken.
Ihr Arbeitspensum als alleinige Schülerin Snapes war jenseits allen, was sie in Hogwarts erlebt hatte - einschließlich des anstrengenden dritten Schuljahres, in dem sie ihre Unterrichtsstunden nur mit Hilfe des Zeitumkehrers geschafft hatte.
Snape war ein rücksichtsloser Lehrer. Nicht, daß er sich in dieser Hinsicht von seinem Stil in Hogwarts unterschied. Aber ihn als Lehrer in der Anwendung der Dunklen Künste zu haben, war etwas völlig anderes.
Er schien ganz darin aufzugehen und jedes Mal, wenn sie dachte, er würde die Kontrolle über sich und seine Leidenschaft verlieren, und sie mit seinen Flüchen töten - wurde er einfach nur zum spottenden sarkastischen Professor Snape.

"Ich hasse Sie, Professor", murmelte sie kaum hörbar.
"Na hervorragend! Dann stehen Sie auf, und zeigen Sie es mir! Und dieses Mal mit mehr Leidenschaft! Sie haben ganz schön nachgelassen."
Leidenschaft war das Wort, das Snape mit den Dunklen Künsten verband. Seit sie ihren praktischen Unterricht in Angriffs- und Konterflüchen begonnen hatten, sah sie diese immer wieder aus ihm hervorbrechen. In seinen Bewegungen und mehr noch in seinen Augen.
Waren diese im Normalfall schwarz und kalt wie erstarrte Lava, schienen sie sich bei ihren praktischen Übungen in finstere Vulkanschlote zu verwandeln, unter deren Oberfläche es gefährlich brodelte.
Dann war er wie ausgewechselt, war nicht wiederzuerkennen. Es waren die Momente, in denen er es schaffte, ihr immer wieder eine Heidenangst einzujagen.
Hermine hatte in einigen ihrer Übungsstunden schon mit ihrem Leben abgeschlossen gehabt, nur um dann auf seine ausgestreckte Hand zu blicken, die ihr aufhalf oder ihn plötzlich neben sich knien zu sehen und seine Hände zu fühlen, die ihre Gliedmaßen nach gebrochenen Knochen abtastete.
"Sir, ich kann wirklich nicht mehr", nuschelte sie jetzt undeutlich und war viel zu erschöpft, um auch nur ein Auge zu öffnen, geschweige den den Kopf zu heben.
"Wenn Sie nicht wollen, daß ich noch vor dem eigentlichen Kampf an Erschöpfung sterbe, würde ich es vorziehen, jetzt einfach liegen bleiben zu können - oder bringen Sie mich gleich um - auch egal ..."
Severus Snape ging neben ihr in die Hocke und sah in ihr blasses Gesicht. Eine Blutspur lief aus einer Platzwunde am Kopf durch ihr Haar und färbte es rot.
"Sie sind verletzt", stellte er nüchtern fest, doch Hermine hörte es nicht mehr.
Sie war eingeschlafen.
Gryffindor, dachte er, und für einen Moment waren seine Gedanken von Sanftmut erfüllt, war Frieden in seinem Herzen. Doch er merkte es nicht, war er doch viel zu sehr damit beschäftigt, die Platzwunde zu verheilen.
Er hatte sie heute mit Absicht hart angefaßt. Sie hatte in den letzten Tage mit ihrer Aufmerksamkeit nachgelassen und tatsächlich wunderte er sich, wie sie seinem Druck heute standgehalten hatte. Nichts hätte ihm deutlicher zeigen können, wie außergewöhnlich sie war.
Sie hatte keine Ahnung von der Zukunft, die auf sie zu kam. Und auch er konnte es nicht wissen. Was er vor Jahren gesehen hatte, war nur ein kleiner Ausschnitt, ein Bruchteil einer möglichen Zukunft gewesen. Und die alte Frau, die ihm diese Zukunft gezeigte, hatte ihn damit womöglich nur manipulieren wollen. Und auch wenn sie ihm einst das Leben gerettet hatte, so traute er ihr nicht. Niemandem, dem man im Labyrinth der Finsternis begegnete, durfte man trauen. Das war zumindest seine Ansicht, selbst wenn Dumbledore das anders sah.

Der Professor seufzte. Hermine Granger, dachte er, und sein Blick blieb an der jungen Frau hängen. Sie sollte nicht hier sein, dachte er. Sie hatte hier nichts verloren und sollte nichts von all dem lernen, was er sie lehrte. Sie sollte nicht den Preis zahlen, den sie am Ende zu zahlen gezwungen sein würde.
Er selbst hatte niemals eine Wahl gehabt, dachte er. Ausgerechnet in dieser einen so wichtigen Sache hatte nie eine Wahl gehabt. Er war zu jung gewesen, war schuldig geworden, ohne es zu wissen.
Und das war der Grund, warum er sich vorgenommen hatte, ihr die Wahl zu lassen. Selbst wenn das den ganzen Plan zum Scheitern verurteilte ... wenn
Gryffindor den letzten Schritt nicht gehen wollte, dann würden er es respektieren und sie würden ein anderer Weg finden. Sie hatte ein Recht darauf, diese Entscheidungen selbst zu treffen. Weder er, noch irgend ein Schicksal, sollten eine so wichtige Entscheidung für sie treffen.
Der Professor beugte sich vor und nahm Hermine in seine Arme. Manchmal konnte er kaum glauben, daß in diesem jungen zerbrechlichem Körper so ein starker Wille steckte.
Er drückte sie sanft an seine Brust und trug sie über den Korridor in Wurmschwanzs einstiges Zimmer.
Seinem scharfen Intellekt entging es dabei zu bemerken, daß er in letzter Zeit immer häufiger versuchte, sie zu berühren. Und so stellte sich - für einen kurzen Moment, und von ihm völlig unbemerkt - Zufriedenheit in seinem Herzen ein, als er das so zerbrechliche Bündel in seinen Armen an sein Herz drückte und Hermine in ihr Zimmer trug.
Er öffnete die Tür und stolperte fast über all die Flaschen, die verstreut in dem kleinen Zimmer herumstanden. Es waren die Zeugnisse ihrer Braukunst. Der Professor schmunzelte, als er auf das wilde Sammelsurium blickte. So wie es aussah, verarztete sie sich abends noch vor dem zu Bett gehen ihre blauen Flecken und Blutergüsse.
Vielleicht sollte er ein paar der Tinkturen unauffällig austauschen.
Gryffindor war zwar gut, dennoch fehlten ihr die Jahre der Erfahrung, die er hatte.
Er blickte auf Hermines erschöpftes Gesicht, das sich blass gegen den dunklen Stoff seiner Robe abhob und für einen Moment schien er unschlüssig, was er mit ihr tun sollte. Dann aber ging er zu ihrem Matratzenlager und legte sie vorsichtig darauf ab.
Hermine stöhnte leise, als er seinen Arm unter ihr wegzog. Ihr Gesicht verzog sich wie im Schmerz. Aber sie wachte nicht auf. Dafür war sie viel zu erschöpft.
Snapes Augen verengten sich, er griff nach dem Zauberstab und richtete ihn auf sie.
"
Devestio loricatio"
Hermines Kleidung begann sich zu lösen und gab den Blick auf ihren geschundenen Körper frei.
Überall zeigten sich Prellungen, Blutergüsse und rötlich-blaue Verfärbungen. Einige von ihnen verblaßt, andere waren gerade im Entstehen. Der Professor starrte schockiert auf Hermine und begriff, warum sie die letzten Tage so nachgelassen hatte.
Dummes Ding, dachte er, warum hatte sie ihm nichts gesagt? Er hätte ihr die Schmerzen nehmen und die Prellungen heilen können. Warum -? Es sei denn, sie dachte, es wäre ihm egal.
Vermutlich dachte sie es sogar, stellte der Professor fest, und irgendwie gefiel ihm der Gedanke nicht, daß Hermine Granger ihn für so gleichgültig hielt.
Hatte er nicht gezeigt, daß er
nicht gleichgültig war. Schließlich hatte er ihr das Leben gerettet - damals, bei der gescheiterten Jagd auf den Horkrux.
Zugegebenermaßen nur unwillig und nur, weil sie ihn angefleht hatte, sie mit sich zu nehmen. Weil sie sich so fest an ihn -
ihn, ihren verhaßten Professor - geklammert hatte, daß er nur mit ihr zusammen wegapparieren konnte. Tatsächlich, erkannte er ziemlich ernüchtert, hatte sie ihm keine andere Wahl gelassen, als sie zu retten.
Kein Wunder also, daß sie ihn für gleichgültig hielt.
Snape war verärgert. Er ärgerte sich über diese ganze Situation. Ärgerte sich über Hermine, die lieber litt, als ihn um Hilfe zu bitten; über sich selbst, weil er sich auf die ganze Sache eingelassen hatte; über das Schicksal, das es sowieso nicht gab und über die verdammten Zufälle in seinem Leben - und ... ach, einfach über alles!
Doch dann hatte er seine Gefühle auch schon wieder im Griff. Er beugte sich über seine Studentin und begann ihre Verletzungen zu heilen. Dabei begutachtete er die Narben, die noch aus der Nacht bei den Todessern stammten und stellte fest, daß sie kaum mehr sichtbar waren.
Und so, dachte er, sollte es auch um den Schrecken jener Nacht in ihrer Seele bestellt sein. Dann ertappte er sich dabei, wie er ihr sanft das Haar aus dem Gesicht strich und zuckte erschreckt zurück. Verwirrt über das gerade Geschehene sprang er auf und verließ schnellen Schritts den Raum.
Nur um ein paar Sekunden später wieder in der Tür zu stehen und Hermine mit einem Schwenk des Zauberstabs zuzudecken.

~~~~

Severus Snape stand in der schmalen schlauchförmigen Küche mit dem Rücken zur Tür und hatte sich gerade sein karges Frühstück zubereitet, als jemand die Küche betrat. Es konnte nur Hermine Granger sein, da niemand sonst im Haus war. In der einen Hand hielt er den Tagespropheten, in der anderen ein angebissenes Stück trockenes Toast.
"Professor Snape?"
"Hmm?"
"Danke!"
Der Professor schluckte den Bissen Toast herunter, spülte mit einem Schluck Tee nach und nickte. Dann blickte er von der Zeitung zu Hermine, die in der Tür stand, und hungrig in Richtung des Vorratsschranks lugte. Erfreut stellte er fest, daß er ihr im Weg stand.

Hermine hatte in den ersten Tagen ihres Hierseins feststellen müssen, daß das Haus des Professors vernachlässigt war und kalte Lieblosigkeit ausstrahlte. Alles war alt und verwohnt, so daß selbst das düstere Wohnzimmer (an das sie sich nur noch dunkel erinnern konnte) im Vergleich zum Rest des Hauses einen fast schon gemütlichen Eindruck gemacht hatte.
Das einzige, was wirklich sauber und ordentlich war, war Snapes Labor und die Küche. Der Rest des Hauses schien jahrelang ungenutzt worden zu sein - oder wenn, dann nur als unliebsame Bleibe, niemals jedoch als zu Hause.
Hermine war diesen Morgen allerdings zu hungrig, sich darüber Gedanken zu machen. Sie brauchte ein Frühstück und heißen Tee. Doch Snape stand mitten in der schmalen Küche und um an den Vorratsschrank heranzukommen, würde sie sich an ihm vorbeidrängen müssen - denn er machte keinen Ansatz, ihr aus dem Weg zu gehen.
Hermines Augen verengten sich zornig: Das machte er absichtlich, ganz klar! Er wußte, wie unangenehm es ihr war, ihm so nah zu kommen. Und nur um sie zu ärgern, schluckte er sogar seinen eigenen Widerwillen ihr gegenüber herunter!
Er war ein - ! Den Rest des Gedankens verdrängte sie schnell. Es war unangemessen, von ihm so zu denken. Snape war ihr Professor und außerdem hatte er ihr das Leben gerettet. Vermutlich sogar zweimal. Er verdiente ihren Respekt - und den hatte er auch. Nur manchmal machte sie seine ganze Art ganz einfach wild. Dann wollte sie ihn an die Wand klatschen - nur um ihn dann wenig später vermutlich wieder abzukratzen und ihm zu sagen, wie leid es ihr tat.
Der Kerl schaffte sie!
Aber am schlimmsten war, daß - je länger sie mit ihm zusammen wohnte - er mehr und mehr zu einem Menschen für sie wurde. Das war die so ziemlich gruseligste Erfahrung ihres Lebens. Schließlich war er der unbeliebteste Lehrer Hogwarts. Zynisch, ungerecht und gemein; fast schon so etwas wie eine Naturkatastrophe. Und zudem ein verdammter Rassist!
Aber dann gab es Dinge an ihm, die Hermine überhaupt nicht einordnen konnte. Die ihr gesamtes schöne Weltbild durcheinander brachten.
Wenn er sie zum Beispiel bis zum Rand der Erschöpfung trieb und sie dann, nachdem sie zusammengebrochen war, auf ihr Zimmer brachte und heilte. Oder wenn er ihr am nächsten Morgen, nämlich dann, wenn sie bereit war, ihn als menschliches Wesen zu akzeptieren und gewillt, ihm freundlich zu begegnen, all ihre guten Vorsätze dadurch zunichte machte, daß er ihr im Weg stand, einfach nur weil es ihm Spaß machte, sie zu ärgern.
Dieser Mann war der unausstehlichste Mensch, den es gab! Nichts an ihm machte Sinn, nie wußte man, woran man war - und überhaupt! Er blieb einfach der undurchschaubarste Mensch, den sie kannte. Eine echte Naturkatastrophe eben!
Hermine sah ihn an, und glaubte ein abwartendes Lauern in seinem Blick zu erkennen. Dachte er etwa, sie sei zu feige, um an ihm vorbei zu gehen?
Pah!
"Entschuldigen Sie, Professor", murmelte Hermine, ohne den blassen schwarzhaarigen Mann anzusehen, als sie sich mit angehaltenem Atem an ihm vorbeiquetschte.
Kurz streiften sich ihre Körper und Hermine fühlte, wie ihr Röte in die Wangen schoß.
Irgendetwas an Snape machte sie ganz zappelig und nervös. Und das wußte er! Kein Zweifel, er wußte es. Da war sie sich ganz sicher. Und er genoß es!
Er war nach wie vor der sadistische -
ups! So sollte sie nun wirklich nicht von ihrem Professor denken. (Rassist) Immerhin versuchte er ihr zur Zeit das Leben zu retten. Wenn auch auf eine sehr schmerzhaften Art und Weise.
"Nun, nun, junge Hermine Granger", tönte es ihr fröhlich aus dem antiken Vorrats­schrank entgegen. Hermine verdrehte die Augen, fragte sich, was in den Vorratsschrank gefahren war, das er zu so früher Stunde schon solchen Blödsinn von sich gab.
"Auch heute wieder das Gleiche wie gestern und die Tage zuvor, werte Dame? Nur mit gebackene Bohnen kann ich nicht dienen, denn der große Meister hier -", die übergroßen Astlöcher im Schrank, die wie Augen aussahen, schwenkten in Richtung Snape, "hat vergessen mich aufzufüllen."
Snapes Zauberstab zuckte drohend in Richtung des Schranks.
"Schon gut, schon gut", beeilte sich der Vorratsschrank hastig zu sagen und klang plötzlich wieder ganz normal. Dann allerdings setze er seelenruhig hinzu:
"Unser
Professor hat natürlich ganz andere Sachen im Kopf - als BOHNEN!"
Und der Schrank prustete so laut drauflos, das die Gläser auf ihm erzitterten und aus seinem Innern ein lautes Poltern zu hören war.
Snape schüttelte nur den Kopf und verließ im hilflosen Versuch, das Zucken seiner Mundwinkel zu unterdrücken, die Küche, während Hermine fassungslos den alten Schrank anstarrte und sich über Snapes kommentarlosen Abgang wunderte. Hatte er tatsächlich versucht ein Lachen zu unterdrücken?
"Du bist aber ganz schön respektlos für einen verzauberten Vorratsschrank", sagte sie dann. "Hast du den keine Angst, daß der Professor dich zu Feuerholz verarbeitet?"
"Nöö, das würde Severus mir nie antun. Schließlich kenn ich ihn, seit er auf der Welt ist - tatsächlich sind wir Freunde."
Hermine versuchte die Information zu verarbeiten, daß jemand mit einem Vorratsschrank befreundet war, was ihr allerdings nicht wirklich gelang. Besonders, weil es sich bei diesem
Jemand um Severus Snape handelte.
"Ahm, na dann mach mir doch einfach ein Frühstück, wie es deine Vorräte hergeben. Und ein Tee wäre toll - na ja, eigentlich so wie jeden morgen, hast schon recht." Wieder rumpelte es im Schrank und dann öffnete sich die große Klappe an seiner mit Schnitzereien verzierten Vorderseite.
„Voilà!" sagte er und Hermine stieg der köstliche Duft von gebratenem Speck, Spiegeleiern und Toast in die Nase. Sie zog den Teller heraus und sah, daß zusätzlich noch ein paar Pilze und gegrillte Tomaten darauf lagen.
„Hmm, lecker! Du bist wirklich ein ganz erstaunliches Stück Magie!"
„Danke!" rief der Schrank begeistert.
Hermine stellte den Teller auf dem winzigen Tisch in der Küche, nahm einen Becher aus einem der hohen Küchenschränke, um ihn ins offene Fach des Vorrats­schranks zu stellen. Sie schloß die Klappe. Wenige Momente sprang diese wieder auf und der Becher war mit heißem Tee gefüllt.
„Ich habe noch nie von so etwas wie dir gehört", stellte sie später kauend fest. „Aber andererseits kenne ich auch nicht gerade viele echte Zaubererhaushalte."
„Nein?" fragte der Schrank neugierig. „Wie kommt das? Hast du keine Freunde?"
„Sehr witzig! Natürlich habe ich Freunde - na ja, aber die meisten davon sind Muggel und da läuft eben nichts mit Zauberei."
„Muggel?" fragte der Schrank mit irritiertem Tonfall in seiner Stimme - einer Stimme übrigens, die der des Professors zum verwechseln ähnelte.
Hermine warf dem Schrank einen finsteren Blick zu und griff nach der Zeitung, die der Professor hatte liegenlassen. Sie schlug sie auf und versenkte ihre Nase darin. Sie hatte keine Lust mit einem
Vorratsschrank ihre Herkunft zu diskutieren.
„Hermine? Habe ich dich irgendwie beleidigt?"
Hermine ließ die Zeitung sinken und sah ein dunkles Astlochaugenpaar auf sich ruhen. Daß ein Schrank betroffen aussehen konnte, hatte sie sich bisher niemals vorstellen können, doch
wenn einer betroffen aussehen konnte, dann dieser!
Die Holzmaserung in seiner polierten Oberfläche hatte sich verzogen und gab ihm das Aussehen eines echten Trauerklosses, selbst die Türgriffe hingen traurig wie Dackel­ohren an ihm herunter. Hermine konnte nicht anders, als zu lachen.
„Nein, hast du nicht. Aber ich will nicht in
diesem Haus darüber reden."
„Hermine -", flüsterte der Schrank erschrocken, „bist du vielleicht ... bist du ein ...
Schlammblut?"
„Jetzt reicht's!" platzte es aus Hermine heraus. Sie rollte die Zeitung zusammen, was die darin enthaltenen Bilder mit lautem Gezeter quittierten, und schlug damit auf den Schrank ein.
„Muß - ich - mich - jetzt - sogar - schon - von - Küchen - gegen - ständen - beleidigen - lassen? Das ist ja nicht zum aushalten! Kann denn hier keiner einen vernünftig anreden? Was ist denn schon dabei
muggelstämmig zu sagen!?"
„Autsch, autsch, autsch!" rief der Schrank jedes Mal, wenn ihn die Zeitung traf. „Ich wußte doch nicht, das es auch ein anderes Wort für
Schla... Muggelstämmige gibt - ehrlich, Hermine. Jetzt hör bitte damit auf, mir die Zeitung ins Gesicht zu schlagen. Das ist nicht nett! Ich kann mich schließlich nicht wehren!"
Hermine warf die Zeitung wütend auf den Tisch und die auf den Bildern abgebildeten Personen sahen allesamt ziemlich derangiert aus. Sie versuchten sich wieder in Schale zu werfen, klopften sich den Staub von den zerknitterten Kleidern und ordneten sich die Haare.
„Gib mir was Süßes!" raunzte Hermine den Vorratsschrank übellaunig an. „Ich muß mich irgendwie wieder beruhigen."
Sofort rumpelte und rumorte es im Schrank, die Klappe sprang auf und Hermine sah auf einen üppigen Schokoladenkuchen. Sie fackelte nicht lange und machte sich darüber her.
Einen halben Kuchen später stöhnte sie auf und schob den Teller von sich. Sie hatte sich maßlos überfressen und einen Schokoladenbart um Mund und Kinn. Noch ein Bissen mehr und sie würde platzen.
Wütend war sie allerdings nicht mehr ...
„Entschuldigung, Schrank" murmelte Hermine. „Und was soll das heißen, du wußtest nicht, das man Leute wie mich muggelstämmige nennt?"
„Na ja", sagte der Schrank kleinlaut, „du vergißt anscheinend, welchem Haushalt ich entstamme. Da gibt es nur
ein Wort für Leute wie dich."
Anscheinend hatte sie es tatsächlich vergessen, dachte Hermine ernüchtert.
„Hermine", sagte der Schrank zögernd.
„Hmm?"
„Darf ich dich was fragen?"
Hermine nickte.
„Wie war es für dich, zu erfahren, daß du eine Hexe bist? Wie ist das, zu erfahren, daß da noch eine ganz andere Welt direkt neben der euren existiert?"
Hermine warf den Schrank einen nachdenklichen Blick zu. Wie kam es nur, daß sie mit einem Vorratsschrank vernünftigere Gespräche führen konnte, als mit seinem Besitzer? Der Schrank schien an ihr ehrlich interessiert zu sein, außerdem war er der einzige in diesem Haus, der freundlich zu ihr war.
„Es war ein Schock!" stellte Hermine fest. „Aber irgendwie auch toll, aufregend! Etwas, von dem man nicht glaubt, daß es wahr sein könnte, bis es geschieht. Und wenn ich es mir so recht überlege - es war auch eine unglaubliche Erleichterung! Meine Eltern waren genauso erleichtert wie ich. Wir hatten ja alle geglaubt, wir spinnen! All die verrückten Dinge, die mir ständig passierten. Immer das Heimlichtun, daß Aufpassen und sich nicht normal zu fühlen. Und dann war ich ganz einfach nur eine Hexe!
Und es gab sogar Schulen für Leute wie mich, es gab andere wie mich. Es war einfach toll. Und als ich Ron und Harry traf -"
„Harry? Harry Potter vielleicht?"
Großer Merlin! Sogar ein Vorratsschrank hatte schon von Harry gehört!
„Ja", sagte Hermine. „Harry Potter. Und ich will in
diesem Haus nicht über Harry reden, okay?"
„Und das ist auch ganz gut so", sagte Snape leise, der das letzte Drittel der Unterhaltung mitbekommen hatte.
Die ganze Zeit über hatte er in der Tür gestanden und Hermine zugehört, als sie davon erzählte, wie es gewesen war, herauszufinden eine Hexe zu sein.
Bei manchem, was sie gesagt hatte, hatte er sich an seine eigene Kindheit erinnert gefühlt. Als auch er dachte, anders zu sein. Sich für das, was er war, glaubte schämen zu müssen. Und er erinnerte sich an seine Erleichterung, als er feststellte, daß es viele wie ihn gab. Daß echte Reinblüter eigentlich die Ausnahme waren.
Erstaunlich, dachte er, daß zwei Menschen von so unterschiedlicher Herkunft wie sie es waren, die gleichen Gefühle und Unsicherheiten kannten. Das Leben steckte voller Überraschungen.
„Miss Granger," sagte er dann.
Ah, jetzt war sie wieder Miss Granger, stellte Hermine fest.
Gryffindor war sie nur, wenn sie sich duellierten, wenn sie sich gegenseitig Flüche an den Hals warfen - oder manchmal auch beim Tränke brauen. Doch sobald Snape seine Leidenschaft wieder im Griff hatte, war sie nur Miss Granger.
Schade, dachte sie.
Gryffindor war einfach viel netter.
„Sir?"
Severus Snape sah sie an und unterdrückte ein Schmunzeln beim Blick auf ihren schokoladenverschmierten Mund. Er räusperte sich.
„Sie haben da etwas", sagte er leise und deutete auf Mund und Kinn.
„Oh!" Hermine wurde rot.
Schnell wusch sie sich an der kleinen Spüle die Spuren der Schokolade ab.
Dann fragte sie:
„Wie sieht das heutige Programm aus, Sir?"
„Heute kein Programm, Miss Granger. Ich denke, Sie sollten sich heute Ruhe gönnen. Nutzen Sie den magischen Raum für Ihre eigenen Bedürfnisse, wenn Sie möchten. Ich habe ohnehin noch ein paar Dinge für den Dunklen Lord zu erledigen. Außerdem will er einen Zwischenbericht über unsere Fortschritte."
Hermine sah Snape bei den letzten Worten unbehaglich an.
„Keine Angst. Noch stehen Sie in meiner Obhut. Noch verlangt niemand etwas von Ihnen. Aber die Zeit wird kommen. Schneller vielleicht, als uns lieb ist."
Snape hatte ihr bei diesen Worten freundlich die Hand auf die Schulter gelegt. Hermine wich dieses Mal nicht aus, sondern empfand seine Hand als tröstlich und wohltuend.
„Nehmen Sie sich für heute einfach frei. Ich war in letzter Zeit sehr ... fordernd. Ich weiß das. Aber ich befürchte, uns bleibt weniger Zeit, als wir brauchen"
... und ich will Sie nicht verlieren. Doch diesen Satz sprach er nicht aus.
Im Gehen sagte er noch:
„Auf Ihrem Bett finden Sie noch ein paar interessante Bücher. Ich will, daß Sie sich in diese hinein vertiefen und sich ein paar eigene Flüche ausdenken. Seien Sie kreativ, lassen Sie sich was einfallen. Es wird Zeit, mit der nächsten Stufe in ihrer Ausbildung zu beginnen."
Dann drehte er sich um und war weg. Die Haustür fiel wenig später ins Schloß und Hermine war allein.
Ein freier Tag? Wurde Snape tatsächlich langsam menschlicher, oder bildete sie sich das nur ein?
„Hermine."
Hermine sah zum Küchenschrank, der sie angesprochen hatte.
„Ja?"
„Möchtest du nicht noch ein bißchen bei mir bleiben? Wir könnten noch miteinander reden. Nachdem Wurmschwanz hier wohnte, verbot mir Severus zu sprechen. Er wollte wohl nicht, daß Wurmschwanz mitkriegt, wieviel ich über Severus weiß. Und ich denke, das war tatsächlich eine gute Entscheidung. Außerdem war Wurmschwanz wirklich unausstehlich!
Aber du bist nett und ich vermisse ein echtes Gespräch. Severus ist auch nicht gerade gesprächig - wie du vielleicht weißt. Willst du mir nicht noch ein bißchen Gesellschaft leisten und mir was von dir und der Muggelwelt erzählen?"
Hermine sah den Vorratsschrank überrascht an.
„Du bist aber neugierig. Warum willst du eigentlich etwas über die Muggelwelt wissen?"
„Warst du denn nicht auch auf die Zauberwelt neugierig, als du von ihr erfahren hast? Ich weiß so gut wie nichts von der Welt da draußen, ich bin ein Schrank! Und von der Muggelwelt weiß ich noch viel weniger. Ich möchte einfach nur wissen, was da draußen vor sich geht. Kannst du das nicht verstehen?"
„Aber du bist ein Vorratsschrank!"
„Na und? Du hast doch keine Vorurteile gegenüber Vorratsschränken, oder?"
Hermine starrte den Vorratsschrank sprachlos an und fühlte sich schachmatt gesetzt.
Dann räusperte sie sich.
„Ähm, nö, also schieß los. Was willst du wissen? Sag mal hast du eigentlich einen Namen oder ist es okay für dich, Schrank genannt zu werden?"
„Ja", sagte der Schrank schlicht, und Hermine konnte sich aussuchen, auf welche ihrer beiden Fragen er mit ja geantwortet hatte.
„Also hast du einen Namen
und ich kann dich Schrank nennen. Ja?"
„Ja."
„Na schön, Schrank. Möchtest du mir nicht deinen Namen sagen?"
„Nein, Severus gab mir den Namen als er noch klein war. Ich glaube nicht, daß er will, daß das jemand weiß."
Professor Snape war mal ein Kind - kaum vorstellbar, dachte Hermine. Aber klar, irgendwann war
sogar ein Professor Snape ein Kind.
„Was willst du denn wissen, Schrank?"
„Sag mal, stimmt es, daß Muggel Sachen bauen, die die Arbeiten für sie erledigen? Ich hab mal von solchen Dingen gehört. Sie heißen Kaffeemaschine, Waschmaschine, Küchenmaschine, Nähmaschine, Saugmaschine - „
„Moment mal. Saugmaschine?"
„Nicht? Ich dachte so hießen die Dinger. Die sollen einen Höllenlärm machen, Katzen verjagen und Dreck weg machen."
„Staubsauger! Du meinst einen Staubsauger! Nicht alle Muggelgeräte enden auf Maschine."
„Oh bitte, erzähl mir mehr!"
Und so saß Hermine über zwei Stunden mit dem Vorratsschrank zusammen und erzählte ihm von den Haushaltsgeräten aus der Muggelwelt. Der Schrank war total begeistert und fand den Erfindungsgeist der Muggel beeindruckend, mit der sie ihre Behinderung, so nannte er nämlich die Tatsache, daß sie nicht zaubern konnten, wettmachten.
Nach guten zwei Stunden hatte Hermine so eine ungefähre Vorstellung davon, wie seltsam Muggel auf die Welt der Reinblutzauberer wirkten mußten, und warum diese so komische Vorstellungen von der Muggelwelt hatten.
„Weißt du", sagte sie irgendwann zum Vorratsschrank, „als ich zum ersten Mal bei den Weasleys war, traf mich fast der Schlag. Ich war noch nie zuvor in einem Zaubererhaushalt gewesen. Das war alles so unglaublich. So wie du!
Ich meine, man stellt Vorräte in dich hinein, und du machst ein leckeres Essen daraus. Das schlägt doch jede Mikrowelle! Oder das Auto der Weasleys.
Sieht ganz normal aus, aber es kann fliegen und die ganze Familie paßt mitsamt dem Gepäck hinein - das ist phantastisch! Ich bin so froh, eine Hexe zu sein. Ich bin wirklich glücklich darüber. Sag mal, wie hat man dich eigentlich geschaffen? Weißt du das?"
„Na ja", sagte der Vorratsschrank mit Professor Snapes Stimme, „vor einigen Generationen war ich ein ganz normaler Vorratsschrank, in den man Sachen hineinstellte und wenn man mir ein Rezept vorlas konnte man das fertige Essen herausnehmen. Das weiß ich noch. Aber im Kopf hatte ich damals nichts. Ich war einfach nur ein Vorratschrank, konnte mich nie an was erinnern, konnte mir nie was merken, sondern vergaß immer gleich alles. Und dann hatte anscheinend irgend jemand die Nase voll, mir immer die gleichen Rezepte vorzulesen und man gab mir Erinnerungsvermögen.
Und damit, glaube ich, kam auch mein Bewußtsein. Denn ich begann mich daran zu erinnern, wenn jemand immer das Gleiche von mir wollte. Und ich begann auch von selbst, verschiedene Rezepte zu kombinieren, damit es nicht so langweilig wurde oder wenn eine Zutat fehlte, überlegte ich mir, wie man diese ersetzen könnte - ja, ich denke, so kam ich zu meinem Bewußtsein. Indem ich lernte."
Hermine starrte den Schrank stumm an. Dann stand sie auf.
„Das war ein gutes Stichwort. Ich muß mir mal ansehen, was Professor Snape mir aufs Bett gelegt hat. Und dann gehe ich auf ein Picknick in den magischen Raum und schmökere in den Büchern. Machst du mir ein Picknickpaket zurecht? Hast du auch irgendwo Butterbier in dir?"
„Mach du dir den Raum zurecht, ich mach dir ein tolles Picknickessen", sagte der Schrank. Und Hermine lächelte dem Schrank zu, der ihr freundlich zuzwinkerte als sie die Küche verließ. Sie ging nach oben und betrat den magischen Raum.
Von einem Moment zum anderen war sie in einer wüstenähnlichen Landschaft, mit großen Felsblöcken, hier und da standen verkohlte Baumstümpfen und Büschen (die hatten zu viel Flüche abbekommen) und einer Menge anderer Deckungsmöglichkeiten - es war das Szenario ihres gestrigen Übungstags.
Schon seit Wochen übte sie hier mit dem Professor unter realistischen Bedingungen das Kämpfen. Der Raum sah immer wieder anders aus.
Mal verwandelte Professor Snape ihn in ein kleines Klassenzimmer, in dem sie dann in Ruhe arbeiten konnte oder er verwandelte ihn in alle möglichen Landschaften, in denen sie das Kämpfen mit Flüchen übten.
Das waren die härtesten Stunden. Die Stunden, nach denen sie nur noch wie zerschlagen ins Bett fallen konnte, manchmal nicht einmal mehr die Kraft hatte, ihre Wunden zu pflegen - so wie gestern.
Snape hatte nicht gelogen, als er ihr damals im Labor sagte, daß sie Schmerzen erleiden würde. Zwar hatte er sie immer geheilt, wenn sie es nicht rechtzeitig geschafft hatte, einem seiner Flüche auszuweichen oder ihn wirksam zu kontern, aber geschont hatte er sie nicht. Hermine nahm allerdings an, daß er sich bisher - für seine Verhältnisse - zurückgehalten hatte. Schließlich hatte er noch keinen Unverzeihlichen Fluch gegen sie verwendet. Doch Hermine fühlte, daß ihre Schonzeit in dieser Hinsicht ablief. Bald schon würde er sie auch damit konfrontieren. Und bei dem Gedanken verklumpte sich ihr Magen.
Ihr Zauberstab wies in den Raum, und sie befahl eine Frühlingslandschaft herbei. Grünes Gras, ein kleiner Bach und blühende Bäume erschienen im Raum. Dann beschwor sie einen blauen Himmel mit einigen weißen Wolken herauf, sah sich das Ergebnis an und war zufrieden. Der Raum war, wie auch der Vorratsschrank, ein kleines magisches Meisterwerk. Es bedurfte kaum einer Anstrengung, ihn seinen Wünschen anzupassen. Wer auch immer den Raum geschaffen hatte, war ein Meister seines Faches gewesen.
Vielleicht machte sich Snape ja deswegen so wenig aus dem Haus. Vielleicht hielt er sich immer in diesem Raum auf, wenn er da war, so das kein Bedarf bestand, den Rest des Hauses zu pflegen.
Egal, dachte Hermine. Was ging sie der Zustand des Hauses ihres Professors an?
Sie ging in ihr Zimmer, der neben dem magischen Raum lag, und sah auf ihr Schlaflager. Drei Bücher lagen darauf, einige Pergamentrollen, Federn und ein Tintenfäßchen.
Sie hob die Bücher auf und warf einen Blick auf die Titel:

Spaß haben mit den Dunklen Künsten, von Anonymus
(Eine kreative Reise aus dem Licht in die Dunkelheit und wieder zurück!)
Alt bekannt, neu erdacht, von Mein-Name-tut-hier-nichts-zur-Sache
(Wie man herkömmliche Magie wirksam ins Gegenteil verkehrt)
Das Große Praxishandbuch für den aktiven Schwarzmagier, von K. E. Iname
(Von der grauen Theorie zur blutigen Praxis)

Na das konnte ja lustig werden, dachte Hermine augenverdrehend. Nahm das Schreibzeug, schnappte sich ihren Zauberstab und verschwand im Raum nebenan.





Seit Stunden schon brütete Hermine über verschiedene Zauberformeln.
Ständig stellte sie die Worte um, strich sie, ersetzte sie oder verwarf das gesamte Konzept, um wieder bei Null anzufangen.
Tatsächliche hatte sie die Bücher zunächst nur mit spitzen Fingern angefaßt, als ob diese schleimig oder völlig verdreckt wären. Waren sie nicht. Doch Hermine fand das ganze Thema an sich widerlich. Doch je mehr Seiten sie umgeblättert hatte, je tiefer sie in die Materie eingedrungen war, desto mehr hatte es sie gefesselt.
Auf erschreckender Art und Weise gefesselt.
Denn die Welt, die sich ihr zwischen den Seiten der Bücher offenbarte, war zwar eine Schreckliche, jedoch gleichzeitig so faszinierend und fesselnd, daß sie sich ihr nicht entziehen konnte.
Am interessantesten war das Buch Spaß haben mit den Dunklen Künsten. Es war eine äußerst kreative Anleitung zum Zaubern; eine Mischung aus philosophischen Ansichten, Geschichtsabhandlung und praktischem Übungsteil.
Es zog Hermines Aufmerksamkeit immer wieder auf sich. Und kombiniert mit dem Wissen aus Alt bekannt, neu erdacht hatte es sie auf verwegene Ideen gebracht.
Sie hatte begonnen alte bekannte Zaubersprüche umzustellen, zu erweitern oder ihnen mit minimalen Änderungen völlig neue und manchmal ziemlich radikal andere Bedeutungen zu geben. Das wirklich raffinierte daran war, daß die Sprüche zunächst harmlos und bekannt erschienen.
Manche von ihnen waren zunächst auch harmlos, bis sie mit dem darauffolgenden Fluch ihre verheerende Wirkung entfalteten. Sie hätte es niemals für möglich gehalten, daß ein an sich harmloser Zauber, sich zu einem furchtbaren Fluch verwandeln konnte, wenn man ihn nur aufsplittete.
Hermine war gefesselt. Das waren endlich Aufgaben, die sie herausforderten und vor bislang unbekannte Probleme stellten. Die Lösungen zu finden, war anstrengend und zeitraubend, es forderte ihren gesamten Intellekt. Und manchmal mußte sie mit dem allgemeinen Grundwissen beginnen, um darauf ihre Flüche aufzubauen.
Für Hermine war es wie ein Neuentdecken der Zauberkunst. Sie hatte keine Ahnung gehabt, das die Dunklen Künste so kreativ genutzt werden konnten.
Ach was! Sie hatte sich überhaupt nicht vorstellen können, wieviel Möglichkeiten in den Dunklen Künsten steckten, denn allein schon die Vorstellung, sich mit dem Thema auseinander zu setzen, war ihr ein Greuel gewesen.
Und allmählich begann sie zu begreifen, daß die Dunklen Künste selbst vielleicht gar nicht das Problem waren, sondern viel mehr der Geist und die Absicht, die sich dahinter versteckten.

Zwischendurch war sie aufgestanden, war nach unten gegangen und hatte sich ihre Picknickverpflegung abgeholt. Der Vorratsschrank hatte ihr zwei Flaschen Butterbier spendiert und ihr Picknickpaket war von ausgezeichneter Qualität.
Nachdem sie sich in die Materie der Dunklen Künste so sehr vertieft hatte, kam ihr langsam zu Bewußtsein, daß der Vorratsschrank vermutlich auch durch Dunkle Künste geschaffen worden war - und dieser war nun wirklich nicht böse. Doch mit herkömmlicher Magie ließ sich einem Vorratsschrank kein Erinnerungsvermögen anzaubern, erst recht kein Bewußtsein. Hermine sah auf ihren letzten Fluch, richtete ihren Zauberstab auf die leere Butterbierflasche und mit einem Schwenk verwandelte sich die Flasche zunächst in eine hohle Kugel. Harmlos, dachte sie. Einen weiteren Schwenk und gedachten Fluch später, war das Innere der Kugel schwarz geworden.
Hermine lächelte zufrieden. Doch dann dachte sie, daß die faustgroße Kugel zu unhandlich war. Ein erneuter Schwenk des Zauberstabs, und die Kugel schrumpfte auf Murmelgröße zusammen, sah nun harmlos und wie ein Kinderspielzeug aus. Zufrieden legte Hermine sie zur Seite.

Dann lehnte sie sich zurück, starrte in den Himmel und ihr Zauberstab formte aus den Wolken Schlösser und überdimensionale Tiergestalten.
Ihr war sterbenslangweilig, wie sie erkannte. Und so erschuf sie aus den Wolken ein Rudel Wölfe, die vor einer Herde Schafen mit langen Reißzähnen wegliefen. Eine Horde wildgewordener Zwerge verprügelten Riesen am Himmel, und irgendwann zauberte sie winzige Einhörner in der Luft, die auf Surfbrettern durch die Landschaft sausten und mit ihren kleinen Hörnern wie zugroßgeratene Stechmücken aussahen. Sternschnuppen begleiteten das ganze verrückte Schauspiel.
Hermine rieb sich die Augen und gähnte. Am liebsten wäre sie eingeschlafen.
Am Horizont jagten die Schafe immer noch den Wölfen hinterher und gelangweilt begann sie einen Apfel zu schälen. Merlin, war ihr langweilig! Und irgendwie vermißte sie -?
Nein, das hatte sie unmöglich denken wollen!
Sie vermißte den miesepetrigen Snape? Der Mann, der sie ständig bis an ihr Limit puschte? Dem nie etwas gut genug war? Der ihr Bücher wie Das Große Praxis­handbuch für den aktiven Schwarzmagier zum Lesen gab? In das sie bisher noch nicht reingesehen hatte, wie ihr schuldbewußt auffiel.
Sie verdrehte die Augen. Na ja, reinsehen sollte sie wenigstens. Selbst wenn sie der Titel allein schon abstieß. Woher bekam man nur solche Bücher? Gab es einen Schwarzmarkt für Schwarzmagische Bücher? Tolles Wortspiel, dachte sie belustigt und schlug das Buch auf.
Vorwort
Willkommen in der Welt der Schwarzen Magie. Wir, die Herausgeber dieser Seiten, möchten Sie mit den in Ihnen steckenden Möglichkeiten vertraut machen. Sie werden feststellen, daß - wenn Sie erst einmal gewisse Grenzen überschritten haben - Ihnen keine Limits mehr gesetzt sind. Wir empfehlen, jeden der hier vorgeschlagenen Flüche zunächst an einem Muggel auszuprobieren. Das ist harmlos, und wen kümmert es, ob es einen Muggel mehr oder weniger in der Welt gibt? Es gibt sowieso viel zuviele von denen. Doch unser Hauptaugenmerk beim Anwenden der Flüche sollte natürlich Schlammblütern und deren Freunden gelten.

Schlammblüter sind nur widerwärtige Mißgeburten, Fehlentwicklungen der Natur, die es auszurotten gilt. Wir tun uns allen einen Gefallen, wenn wir dieses unreine Blut aus unseren Reihen tilgen - und deren Freunde gleich dazu!
Doch das heißt nicht, daß wir dabei kein Spaß haben dürfen oder diese Sache mit religiösem Eifer, zu offen ...
Hermines Augen waren wie gebannt dem Text gefolgt, weil sie kaum glauben konnte, was sie da las. Wut brodelte in ihr auf und sie schlug das Buch zu! Mehr brauchte sie darüber wirklich nicht zu wissen. Sie hatte hineingesehen und gut damit! Unglaublich!
„Miss Granger?"
Hermine zuckte zusammen. In der Tür stand Snape - Professor Snape! Sie fühlte sich seltsamerweise ertappt und stand auf. Seine Anwesenheit war wie eine kalte Dusche und ihre Wut verwandelte sich augenblicklich in eiskalten Zorn.
„Sir", würgte sie mühsam beherrscht vor. „Ich - ich habe Sie gar nicht bemerkt. Sie sind wieder zurück?"
„Ja. Und ich habe hier etwas für Sie."
Snape kam auf die Wiese, sah interessiert den Schafen nach, die endlich einen der Wölfe gerissen hatten und wischte eines der Einhörner aus der Luft, das sich - Horn voran - direkt auf ihn hatte stürzen wollte. Es fiel in die Wiese, wo Snape es zertrat.
„Hmm, interessante Kreationen, Miss Granger."
Hermine sah betroffen auf den silbernen Fleck im Gras. Die andern Mini-Einhörner machten einen großen Bogen um Snape.
„Hier!"
Er drückte ihr etwas Schwarzes in die Hand. Hermine sah genauer hin und erkannte, daß es einer seiner Überröcke war.
„Ähm, Danke, Sir. Aber ...?"
„Vielleicht ist es Ihnen nicht aufgefallen. Aber die Kleidung, die Sie tragen, ist mehr als nur Bekleidung."
Snape bückte sich, hob das kleine Messer auf, mit dem sie zuvor den Apfel geschält hatte und mit einer kaum nachvollziehbaren schnellen Bewegung stieß er es ihr in den Bauch.
Hermine keuchte auf, krümmte sich zusammen - und stellte fest, daß das Messer das Gewebe ihres Hemds nicht durchstoßen hatte.
„Oh", rief sie verblüfft und rieb sich den Bauch, weil es trotzdem zwickte. Verwundert sah sie Snape an.
„Meine Kleidung ist zweckmäßig und dient vor allem dem Schutz vor Verletzungen. Sie wurde magisch verstärkt. Sobald etwas darauf prallt, verhärtet sie sich und nichts kann sie durchstoßen - einer Rüstung nicht unähnlich, jedoch weitaus bequemer.
Wäre dem nicht so, hätten Sie mehr als nur blaue Flecken bei unserem praktischen Unterricht davongetragen.
Allerdings ist sie nur ein guter Schutz vor mechanischen Einflüssen. Flüche gehen hindurch. Ich gebe zu, das hatte ich nicht bedacht, als ich Ihnen die Sachen angepaßt habe. Der Überrock jedoch ist ein recht passabler Schutz vor Flüchen, so lange es keine Unverzeihlichen Flüche sind. Darum nehmen Sie diesen Überrock. Und tragen Sie ihn in auch."
Snape schwieg einen Moment. Er sah auf die vollgeschriebenen Pergamentrollen.
„Wie ich sehe, haben Sie ein paar Flüche entwickelt."
Hermine nickte.
„Gut. Die werden wir bald schon testen, bleiben Sie in dieser Hinsicht am Ball.
Sind Sie jetzt noch bereit für eine Stunde Okklumentik? Ich habe das Gefühl, daß wir dies verstärkt üben sollten. Sie müssen lernen, Ihre Gedanken und Gefühle besser zu kontrollieren. Ihr Gefühlsausbruch beim Praxishandbuch für den aktiven Schwarzmagier war nicht zu ignorieren."
Hermines Augen verengten sich sich zornig. Doch dann begriff sie und ihr Gesicht hellte sich auf.
„Oh, jetzt verstehe ich. Sie haben es mir gegeben, damit ich mich darüber aufrege!
Sie wollten, daß ich mich ärgere."
Snapes Augen glitzerten eigenartig. Er beugte sich vor und sagte:
„Ich verrate Ihnen was, Miss Granger.
Dieses Buch ist völliger Schwachsinn. Darin geht es nur ums foltern und quälen von Schwächeren, besonders aber von Muggel. Mit den Dunklen Künsten hat es herzlich wenig zu tun, dafür aber viel mit Sadismus und Perversion. Es ist einfach nur eine Sammlung von Abartigkeiten. Ja, ich wollte, daß Sie sich darüber ärgern, daß Sie sich darüber aufregen. Sie müssen lernen, Ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten, sonst sind sie beeinflußbar.
Und darum werden Sie in diesem Buch lesen, und zwar so lange, bis Sie ihre Gefühle unter Kontrolle halten können. Außerdem sollen Sie ruhig wissen, was so genannte Schwarzmagier - zu denen auch Todesser zu zählen wären - mit Muggel und", seine schwarzen Augen ruhten auf ihr, „Leuten wie Ihnen zu tun pflegen. Sie sollen wissen, gegen wen wir kämpfen."
Wir, Sir?"
„Oh ja, Miss Granger. Wir!"
Dann sah er sich um, sagte:
„Lassen Sie das ganze Zeug hier verschwinden. In einer Stunde treffen wir uns wieder, und dann will ich keine Einhörner auf diesen komischen Brettern durch die Luft sausen sehen."
Er drehte sich um und wollte gehen. Hermine rief ihm nach:
„Professor Snape, Sir! Dieses Buch ... dieses abscheuliche Buch - wie ist es in ihren Besitz gelangt?"
Snape wand sich ihr zu. Seine Augen glitzerten kälter als zuvor. Seine Miene war eine undurchdringliche Maske.
„Wie Ihnen bekannt sein sollte, Miss Granger, war ich Todesser."

Dann ging er und Hermine sank wie betäubt ins Gras. Starrte vom Buch auf den schwarzen Überrock in ihren Händen und fühlte kaum die Tränen, die ihr über die Wangen liefen. Warum sie weinen mußte, war ihr völlig unklar. Ihre Hand strich über den Überrock und mit einer hilflosen Geste drückte sie diesen an ihre Wange.

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„Bereit?"
Hermine nickte. Innerlich verkrampfte sie sich wieder.
Es war schrecklich, mit Snape Okklumentik zu üben. Er war wie eine schwarze Woge, die einen überrollte und nach unten riß. Immer hatte sie dabei das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen - zu ertrinken.
Sie schloß ergeben die Augen und erwartete das Unvermeidliche.
„Sie verkrampfen sich", sagte Snape.
Natürlich verkrampfte sie sich! Was war denn das für eine dämliche Feststellung?
„So geht das nicht, Miss Granger. Sie müssen lernen, anstatt auf den Angriff zu warten, ihn schon von vornherein abzublocken."
Immer die selben Weisheiten! Sie müssen dies lernen, Sie müssen das lernen ... Konnte er ihr nicht einfach zeigen, wie es gehen sollte?
„Nein, kann ich nicht, Miss Granger. Wenn Sie nicht von selbst dahinter kommen, weiß ich nicht, wie ich es Ihnen zeigen kann."
„Dann sagen Sie es mir doch ganz einfach! Wie haben Sie das gelernt? Und - verdammt noch mal - verschwinden Sie aus meinem Kopf!"
„Miss Granger. Um Ihre Gedanken gerade jetzt herauszufinden, muß ich erst gar nicht in Ihren Kopf sein. Die stehen Ihnen sowieso ins Gesicht geschrieben!"
Hermine öffnete wieder ihre Augen und funkelte Snape wütend an.
„Dann erklären Sie es mir!" donnerte sie drauflos. „Ich habe es nämlich satt, Sie ständig in meinem Bewußtsein zu fühlen. Das ist beileibe keine Freude für mich!"
„Für mich auch nicht, Miss Granger, für mich auch nicht!"
Hermines Augen sprühten Feuer.
Sie! Sie arroganter, eingebildeter ...", ihr fehlten die passenden Worte um ihrer Wut einen Ausdruck zu geben. Und so sagte sie hilflos „... Professor!"
Snape verbiß sich ein Lachen. Gryffindor schaffte es einfach nicht, unhöflich zu sein!
„Stimmt!" sagte er. „Und jetzt habe ich Sie da, wo ich Sie haben will."
Sein Zauberstab deutete auf sie: „Legilimens!"
Und er war wie ein Raubvogel. Ohne das sie ihn bemerkte hätte, hatte sich sein Geist auf den ihren gestürzt. Hermine schrie protestierend auf und versuchte ihn aus ihren Gedanken, aus ihrem Bewußtsein zu werfen.
Doch das schien unmöglich. Hermine war wütend gewesen und Snape nutzte dies aus, um sich Zugang zu ihrem Geist zu verschaffen.
Und wieder fluteten Bilder aus ihrem Kopf. Bilder, die sie lieber verborgen gehalten hätte. Da waren wieder die Situationen, in denen Malfoy sie als Schlammblut beschimpfte, Professor Snape tauchte immer wieder ihren Erinnerungen auf, wie er sie kalt ansah, sie einfach ignorierte, und - dies waren die schlimmsten Erinnerungen - die Inferi, die sie verfolgt hatten. Harry, der sie zu Tode erschrocken ansah, als er disapparierte, sie allein zurückließ. Dolohow, der sich über sie beugte und -. Nein!
„RAUS!" schrie Hermine und irgendetwas in ihr schlug nach dem Angreifer in ihrem Schädel. Snape zuckte zurück, als hätte sie ihn tatsächlich geschlagen. Er griff sich an die Schläfen und Hermine fühlte - fühlte plötzlich, wie sie in seinem Geist war. Sie wollte das nicht, wollte von dort weg und begriff nichts von dem, was sie hörte, was sie sah.
Da war Voldemort, der sagte: „...gute Idee. Dumbledore ist ein alter Narr. Mir gefällt der Gedanke. Du mußt ..." seine Stimme versank während Draco Malfoys Stimme sich erhob: „... glaubt mir. Der würde alles tun, wenn ich ..."
Voldemort sagte: „... sind die besten Waffen. Ich habe in dieser Hinsicht volles Vertrauen zu dir ..."
Eine alte silberhaarige Frau, deren Augen im Dunkel wie Katzenaugen leuchteten, streckte ihr die Hand entgegen, sagte: „... mir und ich führe dich aus der Dunkelheit ..."
Da war ein alter Mann, der sie angeekelt anstarrte. Sie hatte Angst vor ihm. Er sagte zu einer fahlhäutigen, schwarzhaarigen Frau: „... dich mit diesem Muggel eingelassen. Sieh nur, was dabei herausgekommen ist. Ein Halbblut! Gehörte nicht in unsere Welt noch ..."
Dumbledore sagte: „... Severus, der einfache oder der richtige ..."
Und dann, klarer als alles andere, tauchte eine dunkle Gestalt auf. Im Licht einer Fackel sah Hermine in ein faltiges, seltsam vertraut wirkendes Gesicht einer alten Frau. Die Frau, die sie zuvor schon gesehen hatte: „... in der Finsternis habe ich dich gerettet, und in der Finsternis wirst du sie retten ..."
Draco sagte: „... will das nicht nicht. Aber Sie können mir helfen, Professor. Ich weiß, es vergiftet einen, weiß, daß es einen immer tiefer und tiefer in die Finsternis zieht ..."
Und dann wallte eiskalte Wut in ihr auf. Sie sah Harry. Er sah wie sein Vater aus, und ebenso wenig konnte er sich an Regeln halten. Glaubte, daß sie für ihn nicht galten, daß er ...
„RAUS!"
Hermine fühlte einen Schlag, der sie vor Schmerzen aufschreien ließ. Sie hielt sich den Kopf, Blut rann ihr aus der Nase und benommen sank zu Boden.
Sie -", hörte sie Snapes Stimme zornbebend über ihr sagen. „Sie -!"
Dann wandte er sich ab, ging. Die Tür schlug zu und sie war allein. Hermines Kopf schmerzte. Ihr war, als müsse er gleich platzen. Übelkeit stieg in ihr auf. Sie konnte es nicht unterdrücken und übergab sich.
Und plötzlich wallten andere Bilder in ihrer Erinnerung auf. Schreckliche Erinnerungen, die nicht die ihren waren. Sie konnte sich nicht dagegen wehren:
Sie sah eine kleine Siedlung, die brannte. Das Dunkle Mal stand grünlich leuchtend am nachtschwarzen Himmel. Die Menschen schrien, rannten in wilder Panik umher. Maskierte Todesser, mit Fackeln in den Händen, liefen durch die Straßen. Flüche überall. Schreiende Menschen, die vor Todessern davonliefen und Menschen, die kopfüber und halbtot in der Luft hingen. Tote brennende Körper auf den Straßen. Rauch und der Gestank von verbranntem Fleisch. Lachen ... Schreie ...
Schmerzen - solche Schmerzen!
Hermine krümmte sich zusammen. Ein Kind schrie.
„Nein!" flüsterte sie hilflos weinend. „Tut dem Kind nichts. Es ist doch noch so jung, so unschuldig!"
Sie schluchzte. „Nicht das Kind, nicht das Kind ..."
Oh Gott, der Schmerz!
Etwas rann ihre Kehle herunter.
Heiß. Viel zu heiß. Es verbrannte sie fast, doch die Erinnerungen begannen zu verblassen. Ihre Verkrampfung löste sich. Hermine konnte wieder durchatmen.
Sie öffnete die Augen und sah ... direkt in Professor Snapes schwarze Augen. Er hielt sie fest, hielt ihr einen Becher fest an die Lippen gedrückt.
„Hier. Trink noch einmal, Gryffindor. Trink!"
Hermine trank. Der Trank war zu heiß, doch er verdrängte die schrecklichen Bilder in ihr, und langsam entspannte sie sich.
Snape hielt sie immer noch fest, und sie hielt seine Hand mit dem Becher fest. Wollte ihn nie nieder loslassen. Die Berührung mit ihm schien sie in der realen Welt zu verankern.
„Was -?" krächzte sie, konnte vor Entsetzen nicht mehr weitersprechen.
„Meine persönliche Hölle", erwiderte Snape leise.
Ihr fragender Blick versank in seinen Augen. Und die stumme Qual, die sie darin fand, berührten ihr Herz. Wie von selbst löste sich ihre Hand und sie strich ihm sanft über die Wange - nur um sie dann wieder wie in Zeitlupe sinken zu lassen und ihre Augen weiteten sich, als sie erkannte, daß sie gerade Professor Snape gestreichelt hatte!
Doch dieser sagte nichts. Er legte den Becher zur Seite und half Hermine auf.
„Gehts wieder?"
Hermine nickte stumm. Etwas zittrig stand sie da und rieb sich über ihre Arme. Ihr war eiskalt. Es war eine Kälte, die aus ihrem Innern zu kommen schien.
„Gehen Sie nach unten", sagte Snape sanft. „Essen Sie etwas. Ich komme gleich nach."
Hermine nickte, ging wie betäubt nach unten, wäre nicht auf die Idee gekommen zu wider­sprechen. Sie betrat die Küche und der Vorratsschrank begrüßte sie:
„Komm, iß den Rest vom Schokoladenkuchen. Severus meinte, daß Schokolade jetzt genau das Richtige sei. Was ist passiert? Er war ziemlich besorgt! Du siehst schlimm aus."
„Es geht schon wieder", murmelte Hermine leise und setzte sich mit noch zitternden Knien an den Tisch. Ganz automatisch aß sie vom Kuchen, schmeckte ihn nicht. Viel zu sehr beschäftigten sie die Bilder, die sie gesehen hatte.
Die Todesser hatten Muggel gejagt. Keiner der Leute hatte zaubern können, es waren ganz normale Menschen gewesen. Keiner hatte sich wehren können.
Hermine fühlte nicht einmal die Tränen, die ihr über die Wangen liefen. Sie war wie betäubt. Immer noch glaubte sie, die Schreie zu hören. Glaubte den Geruch des brennenden Fleisches nie wieder aus der Nase zu bekommen. Tonlos flüsterte sie:
„Sie konnten sich nicht wehren ... hatten keine Ahnung, was mit ihnen geschah ...
Wo war das Ministerium? Wieso half keiner? Wie konnte das nur geschehen?
Wann ist es geschehen?"
„Vor 19 Jahren."
Hermine zuckte zusammen. Snape stand in der Tür, hielt zwei Gläser in der Hand. Eine Flasche mit goldfarbener Flüssigkeit in der anderen. Er kam an den Tisch, setzte sich, schenkte ihnen beiden ein und schob ihr eines der Gläser zu.
„Vor über 19 Jahren, als Voldemorts Macht ihren Höhepunkt erreicht hatte. Im Sommer vor der Prophezeiung. Es war ein Jahr vor Harry Potters Geburt."
Hermine starrte Snape stumm an. Er trank und schenkte sich nach.
„Ich war damals gerade mal ein Jahr älter als Sie. Mein halbes Leben ist es jetzt her."
Wieder trank er. Hermine roch Whisky.
„Waren Sie dabei?" fragte sie spröde, und wollte es eigentlich gar nicht wissen. „Haben Sie bei dieser Menschenjagd mitgemacht?"
„Ich war ... ich war dort", murmelte der schwarzhaarige Mann und starrte in die goldfarbene Flüssigkeit. „Habe alles gesehen ..."
„Haben Sie mitgemacht?" schrie Hermine und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Sie erhob sich, bemerkte es nicht einmal.
„Haben Sie - verdammt noch mal - mitgemacht!"
Stille. Eisige Stille.
Snapes schwarze Augen starrten sie an. Undurchdringlich wie seine verhärtete Miene.
„... und was geschah mit dem Kind?" flüsterte Hermine.
Snape starrte wieder ins Glas, trank.
„Es hatte keine Schmerzen, hatte nur Angst - nur Angst", murmelte er kaum hörbar.
„Die konnte ich ihm nicht nehmen."
Schmerzen. Die Schmerzen waren Snapes Schmerzen gewesen?
Hermines Beine gaben unter ihr nach. Sie setzte sich und atmete tief durch. Ungläubig starrte sie den Mann vor sich an, fragte:
Sie -? Sie haben -?"
Snape hob seinen Blick und sah Hermine an. Sein schwarzes Haar fiel ihm strähnig ins Gesicht.
„Was? Ist es denn so unglaublich? Glauben Sie, daß in mir kein Mitgefühl steckt? Glauben Sie, daß ich dabei zusehen könnte, wie ein Kind gequält wird, ohne etwas dagegen zu tun? Wie es vor den Augen seiner Eltern zu Tode gefoltert wird? Glauben Sie das von mir?"
Jetzt war er halb aufgestanden, beugte sich zu ihr vor, schrie er ihr den letzten Satz entgegen.
Glauben Sie das?"
„Ich ... nein ... das hatte ich nicht geglaubt. Aber -."
„Aber ich bin Todesser, nicht wahr?" nahm er ihr die Worte aus dem Mund. Seine Stimme war gehässig, war gallenbitter. Wütend schob er sich den linken Ärmel hoch, entblößte das dunkle Mal, hielt es ihr wie eine Anklage entgegen.
„Einmal Todesser, immer Todesser, ja? So einfach ist es! Niemand kann sich ändern, was? Einmal dabei, für immer verdammt!"
Hermine starrte auf das dunkle Mal, hob den Blick und sah in Snapes wutsprühende Augen, flüsterte:
„Sie - Sie haben die Schmerzen des Kindes ertragen, nicht wahr? Sie haben ihm die Schmerzen abgenommen. Sie -" Hermines Stimme versagte.
„Die Schmerzen des Kindes, die Schmerzen der Eltern ... Die Schmerzen ... so viel Schmerz in jener Nacht -"
Snape setzte sich und schob sich wieder den Ärmel herunter. Bedeckte das Mal. Das Mal seiner Schande. Sein Gesicht war von der Erinnerung aufgewühlt und in seinen Augen zeigte sich Verzweiflung, Scham und Zorn.
„In jener Nach starb ich. Unendlich viele Male starb ich. Mit jedem der hilflosen Muggel starb auch ein Teil von mir. Ich starb so viele Tode, daß ich sie nicht mehr zählen kann. Und einer war schrecklicher als der andere. Keinen einzigen konnte ich retten, nur ihre Schmerzen konnte ich für sie ertragen, konnte ihnen nicht einmal ihre Angst nehmen."
Snape sah sie mit versteinertem Blick an. Jedes Gefühl war aus seinen Augen gewichen. Nur noch kalte Schwärze starrte sie an.
„Ich werde niemals verzeihen; ich werde niemals ruhen; ich werde niemals aufgeben.
So lange nicht bis Voldemort vernichtet ist oder ich beim Versuch, ihn zu vernichten, getötet worden bin.
Ich war damals 19! Ich war noch so jung! Ich hatte keine Ahnung vom Leben, hatte keine Vorstellung von der Welt. Ich hatte noch mein ganzes Leben vor mir! Und doch, in jener Nacht endete es .... denn in jener Nacht begegnete ich dem Bösen. Damals begriff ich das Konzept des Bösen. Und in jener Nacht verstand ich, daß es nur zwei Wege geben konnte."
„Den einfachen und den richtigen", flüsterte Hermine.
Snape nickte.
„Ja, Miss Granger", antwortete er leise und griff nach seinem Glas. „Den einfachen oder den richtigen."
Und auch Hermine griff nach ihrem Glas. Sie stieß mit ihrem Professor an. Ihre Blicke trafen sich.
„Lehren Sie mich, was ich wissen muß, Professor. Lehren Sie es mich! Selbst wenn es mich meine Seele kostet."
Und Hermine wußte, daß sie beide hier einen stummen Pakt schlossen. Einen Pakt, der bis zu ihrer beider Tod gehen würde. Und auch Snape wußte es. Er nickte und sie tranken ihre Gläser aus.
Der Whisky brannte scharf in Hermines Kehle wie auch das Wissen in ihrer Seele, daß sie bereit war, in den Tod zu gehen - und mit einem Mal wußte sie, daß sie Dinge tun würde, die sie ihre Seele kosten würden. Und sie wußte, daß sie bereit war, diesen Preis zu zahlen. Sie würde nicht hadern, würde nicht zögern, würde nicht zurück­schrecken. Denn allein die Gewißheit, daß sie durch ihr Handeln Voldemorts Sturz herbeiführen konnte, sollte ihr genügen.
Und ihr Blick begegnete Snapes' schwarzen Augen. Sie waren finster und undurchsichtig. Doch Hermine wußte, daß er in diesem Kampf ihr bester Verbündeter war. Ihr einziger Verbündeter. Und sie war bereit, mit ihm in die Hölle zu gehen, und wenn es sein mußte, würde sie dort mit ihm in die Schlacht ziehen.

Seit jener Nacht war Hermine noch ernsthafter bei der Sache. Sie las in dem schrecklichem Buch, das ihr Snape gegeben hatte, begann ihre Gefühlte unter Kontrolle zu halten und war nicht länger bereit, ihre Grenzen zu akzeptieren.
Nur eins hatte sie akzeptiert:
Nämlich daß sie sich in Snape getäuscht hatte. Er war wohl einst Todesser gewesen - vermutlich sogar aus Überzeugung. Doch das war inzwischen sein halbes Leben her. Er hatte sich verändert, war ein anderer geworden. Er war durchs Feuer gegangen und es hatte ihn verbrannt - doch es hatte nur alles Nutzlose und Überflüssige weggebrannt und den Severus Snape hervorgebracht, der er heute war. Und auch sie war dem Feuer begegnet - und es hatte sie gebrandmarkt. Nun galt es herauszufinden, ob es sie einfach nur verbrannt, oder ob es sie gehärtet und in Stahl verwandelt hatte.

Hermines Tage begannen mit einem Faustschlag gegen die Tür und einem lieblos geraunzten Aufstehen! Dann verschwand sie schnell im magischen Raum, der sich morgens von selbst in ein altmodisches, leider aber auch ziemlich vergammeltes Bad verwandelte.
Hermine hatte schon alles versucht, um eine anständige Dusche herbeizuzaubern, doch das einzige, was ihr gelungen war, war ein großer Waschzuber mit schwarzen Wolken darüber, die sich in einem donnernden Wolkenbruch über ihr entluden und zudem noch von kalte Windböhen begleitet wurden.
Das Allerletzte!
Sie hatte den Professor stark in Verdacht, daß er da seine Finger mit im Spiel hatte. Eigentlich war sie sich darüber ziemlich sicher - was hatte der Mann nur gegen eine warme Dusche einzuwenden?
Aber danach war sie klar im Kopf und hellwach, so daß es ihr nicht schwer fiel noch einmal auf ihrem Zimmer zu verschwinden, um dort noch für eine halbe oder Dreiviertelstunde zu meditieren.
Professor Snape hatte ihr das als tägliche Pflicht aufgegeben, die noch vor dem Frühstück zu erledigen war. Es sollte die Kontrolle über ihren Geist stärkte und sie dadurch in der Okklumentik besser machen - und recht hatte er. Hermine hatte es selbst feststellen können.
Der Rest ihres Morgens bestand dann aus einem meist stillen Frühstück, wenn der Professor in der Küche war; war er nicht da, unterhielt sie sich mit dem neugierigen Vorratsschrank - der inzwischen zu so etwas wie ihrem besten Freund geworden war.
Oft hinterließ Snape lediglich eine Notiz auf dem Tisch, in der er ihr neue Aufgaben stellte, legte ihr die Bücher bereit und hatte auch schon den magischen Raum für sie vorbereitet. Dann betrat Hermine einen Schulungsraum, der den Klassenräumen in Hogwarts aufs Haar glich und versuchte die gestellten Aufgaben zu lösen, schrieb Aufsätze und Klausuren oder ging gleich nach unten ins Labor, braute die verlangten Tränke, kontrollierte die angesetzten und versuchte nicht darüber nachzudenken, was ihre Freunde wohl gerade taten, wie es ihnen ging oder ob sie noch lebten.
Und so reihte sich Tag an Tag und Woche an Woche. Hätte Hermine nicht ab und zu mal den Tagespropheten in die Finger bekommen, hätte sie längst schon den Überblick über die verstrichene Zeit verloren.
Drei Monate waren seit ihrer Niederlagen bei dem Kampf um den letzten Horkrux vergangen. Drei Monate, in denen Hermine das Leben, das sie vor diesem Jetzt geführt hatte, nur noch wie ein unwirklicher Traum vorkam.
Ron, Harry, Dumbledore ... Der Orden ... Hogwarts ... selbst ihre Eltern - das alles schien so weit weg zu sein, daß es gar nicht mehr zu ihr gehörte.
Zu ihrem einzigem Bezugspunkt war Snape geworden. Snape und der Vorratsschrank. Und von den beiden war ihr der Vorratsschrank lieber.

Seit jenem Abend in der Küche war Snape wieder so abweisend geworden wie sie ihn stets gekannt hatte. Meist nannte er sie Miss Granger, das freundliche Gryffindor kam nur noch bei ihren praktischen Übungen über seine Lippen und nur, wenn sie ihn mit ihren Flüchen in Bedrängnis brachte - was ihr in letzter Zeit immer häufiger gelang.
Dann aber blitzte ein verräterisches Feuer hinter dem Schwarz seiner Augen auf und auf seinen Lippen erschien der Ansatz eines Lächelns. Dann war sie wieder Gryffindor - und in diesen Momenten schlug Hermines Herz nicht nur der Anstrengung wegen schneller. Und ohne daß sie sich dessen bewußt geworden wäre, erschien auch auch auf ihrem Gesicht ein Lächeln.
Hermine war gut geworden. Und sie wußte es. Ihre Muskeln waren fester geworden, ihre Reflexe schneller als jemals zuvor, und sie hatte inzwischen so viel Flüche im Repertoire, daß es sie mehr als einem halben Tag gebraucht hätte, um sie alle herunter­zubeten.
Stumme Flüche waren längst schon kein Problem mehr. Sie hatte ihre Gefühle so weit unter Kontrolle, daß Snape nicht mehr erkannte, was sie vorhatte. Und in den Okklumentik­stunden blockte sie Snapes Versuche in ihren Geist einzudringen vollständig ab, nichts aus ihrem Inneren drang mehr nach außen.
Seit drei Tagen übte sie mit Snape nicht länger das Verbergen ihrer Gedanken.
Inzwischen ging es darum, bewußt die Unwahrheit zu sagen, ohne der Lüge überführt zu werden. Was weitaus schwieriger war, als sie es sich vorgestellt hatte. Denn beim Lügen liefen so viel unbewußte Prozesse im Geist ab, daß sie sich erst einmal darüber hatte klar werden müssen.
Snape war ein hervorragender Lehrer. Natürlich war er das. Ein Meister in der Okklumentik, den Zaubertränken und den Dunklen Künsten. Nur an seinem Ein­fühlungs­vermögen hatte sich nichts geändert.

Immer noch das eines Preßlufthammers, dachte Hermine mißmutig an diesem Morgen, als sie am Tisch saß und sich den heutigen Tagesplan ansah.
Der Zaubertrank, den Snape von ihr verlangte, sah verdammt knifflig aus. Auch mußte sie heute die beiden anderen Tränke vervollständigen, an denen sie schon seit zwei Wochen arbeitete. Es waren ein Gift und sein Gegengift. Das Gift kam heute in seine entscheidende Phase und ein Fehler würde die Arbeit der letzten Wochen zunichte machen. Doch Hermine sorgte sich nicht deswegen. Sie konnte sich nicht einmal daran erinnern, wann sie zuletzt einen Trank weggeschüttet hatte, weil er ihr nicht gelungen war.
Viel interessanter fand sie die Aufgabe, die ihr Snape heute hinterlassen hatte. Sie sollte einen Trank brauen - nein, eigentlich sollte sie ihn sogar erfinden - der sich bei Kontakt mit der Luft in einen wohlriechenden Duft auflösen und gleichzeitig als Trägersubstanz für andere Wirkstoffe dienen sollte - Gifte bevorzugt.
Hermine beendete schnell ihr Frühstück und ging ins Labor. Die Aufgabenstellung reizte sie, doch ebenso schnell mußte sie feststellen, daß die Aufgabe sogar noch schwieriger war, als sie es zunächst angenommen hatte.
Denn was sie im ersten Moment nicht bedacht hatte, war, daß der Trank ja schon beim Kochen der Luft ausgesetzt war. Wie sollte sie ihn soweit stabilisieren, daß er sich nicht gleich auflöste, sondern erst nach dem Mischen und Abfüllen?
Hermine las in verschiedenen Büchern, stellte unterschiedliche Rezepturen zusammen, wobei sie diese ständig ergänzte, umstellte oder ganz verwarf.
Die gestellte Aufgabe beschäftigte sie voll und ganz. Sie wollte zuallererst das Ergebnis auf Papier haben, bevor sie sich ans Kochen machte. Schließlich waren die Zutaten nicht billig und Snape, der zwar eine geradezu unermeßliche Auswahl an Substanzen im Labor hatte, würde nicht begeistert sein, wenn sie diese ver­schwendete, nur weil sie etwas nicht bedacht hatte.
Endlich hatte sie das Rezept zu ihrer Zufriedenheit zusammengestellt. Sie hatte Stunden daran gesessen, war zwischendurch nur kurz fortgegangen, um nach dem Gift zu sehen, welches langsam die richtige Farbe annahm und ihr damit zeigte, daß alles wie gewünscht verlief.
Hermine wußte nicht, wie lange sie schon dagesessen hatte, aber schließlich bemerkte sie, daß sie hungrig geworden war. Sie stand auf, dehnte sich und beschloß eine kurze Pause einzulegen. Bevor sie weitermachte, sollte sie eine Kleinigkeit essen und sich vielleicht ein Butterbier gönnen.
Verdient hatte sie es.
Doch kaum daß sie die Labortür öffnete, blieb sie überrascht im Türrahmen stehen. Eine ihr unbekannte Stimme war zu hören:
„...nen damit. Unser Quelle sagt, daß der Orden beginnt, Verbündeten in den anderen Zauberschulen zu suchen. Wir werden vorher zuschlagen müssen! Und zwar noch bevor sie sich formieren. Tatsächlich könnte das sogar unsere beste Chance sein. Wenn die Mitglieder des Ordens unterwegs sind, werden Dumbledore und Potter mit nur geringem Schutz zurückbleiben.
Wir beginnen demnächst mit den ersten Ablenkungsmanövern. In Rumänien haben sich viele Zauberer mit den Vampiren der Karpaten verbündet. Die Schulen Suceava und Calarasi sind ebenfalls auf unserer Seite, und viele der jungen Zauberer und Hexen der Schule Charquemont sind bereit gegen Hogwarts und Beauxbatons anzutreten; sie konnten nie akzeptieren, nicht zum Trimagischen Turnier zugelassen worden zu sein. Durmstrang steht natürlich hinter uns."
„Wer ist der neue Leiter?" hörte Hermine Snape fragen.
„Ein gewisser Stanislav Kasarajev. Habe ihn vor kurzem getroffen - komischer Kauz."
„Und was ist mit Durmstrangs damaligem Champion? Diesem Krum? Der wäre doch ein gutes Aushängeschild für unsere Sache."
„Der scheint untergetaucht zu sein. Anscheinend steht er nicht hinter dem Kurs seiner alten Schule."
Hermines Herz schlug schneller. War Viktor gegen Voldemort? Sie hoffte es sehr. Sie mochte Krum, erinnerte sich gern an ihn zurück. Er war beim Ball so nett gewesen.
Galant und aufmerksam - aber all diese Erinnerungen schien zu einem anderen Leben zu gehören, dachte sie.
Im fünften Jahr in Hogwarts hatten sie sich noch Briefe geschrieben. Doch das war eingeschlafen, als im sechsten Jahr Voldemort immer stärker wurde. Viktor hatte geschrieben, daß die Post überwacht wurde und Briefe von Hogwarts ihm und seiner Profiquidditchkarriere nur schaden würden. So hatten sie es sein lassen. Von Viktor hatte Hermine seit über einem Jahr nichts mehr gehört. Er hatte einige spektakuläre Siege gefeiert und dann war es still um ihn geworden. Hermine hatte nicht viel herausfinden können.
„Schade", sagte Snape.
„Was ist mit deinem Projekt, Severus? Du hast ja für nichts mehr Zeit. Wenn du nicht für ihn unterwegs bist, sieht man dich kaum noch. Ich hätte eigentlich erwartet, dich öfter bei uns im Haus begrüßen zu können, jetzt wo du Hogwarts hinter dir hast."
Die Stimme verstummte und Hermine erkannte endlich, daß es die Stimme Lucius Malfoys war. Sie runzelte die Stirn.
Snape und Malfoy gingen sehr vertraut miteinander um. Da steckte doch mehr dahinter, als ihre Gemeinsamkeit mit den Todessern. Erklärte dies auch, warum Snape Draco Malfoy immer so bevorzugte?
„Ich habe immer noch nicht verstanden, was so wichtig an diesem Schlammblut ist, warum sie bei dir ist und du selbst dich um sie kümmerst", sagte Malfoy in diesem Augenblick.
„Es ist auch nicht notwendig, daß du alles verstehst, Lucius. Der Dunkle Lord hat das Projekt genehmigt. Ich habe in dieser Sache seine volle Unterstützung. Und wenn es wie geplant verläuft, wird das Schlammblut unser finaler Stich ins Herz unseres Gegners sein. Wir werden Potter und Dumbledore mit minimalem Aufwand erledigen können. Und Dolohow hätte fast alles verdorben!"
Hermine zuckte bei den Wörtern Schlammblut und Dolohow zusammen. Doch dann streckte sich ihr Kinn trotzig vor. Diese Worte hatten keine Macht über sie.
Sie würde das nicht zulassen!
„Du solltest nicht so streng mit Antonin sein - sie lebt doch und außerdem ist sie nur ein Schlammblut!" stellte Malfoy aufbrausend fest. „Ich verstehe das ganze Theater um diese Granger nicht. Ich weiß auch nicht, warum du und der Dunkle Lord so wütend wurden. Ich wiederhole mich nur ungern. Sie ist doch nichts weiteres als ein dreckiges Schlammblut. Und die Jungs wollten einfach nur ihren Spaß haben! Ich meine - hey - sie waren gerade aus Askaban entkommen. Was war schon dabei?"
„Darum geht es nicht, Lucius. Und das weißt du ganz genau! Ich hab gesagt, daß sie nicht anzurühren sei und trotzdem konnten Dolohow und die anderen sich nicht zurückhalten. Fast wäre mein Plan gescheitert. Und zwar nur, weil sich diese Idioten nicht im Griff hatten. Außerdem ist allein schon die Vorstellung widerlich, sich mit Schlammblütern einzulassen. Da kann man es doch gleich mit Tieren treiben. Das ist einfach abartig!"
Hermine wurde totenbleich und lehnte sich an die Wand. Ihr Herz schlug ihr im Hals und für einen Moment glaubte sie, den Boden unter ihren Füßen zu verlieren.
Das war sie also für ihn. Nur ein Tier?
Aber nein, flüsterte ihr Verstand und versuchte gegen ihre verletzten Gefühle anzukämpfen. Das sagt er nur, weil er mit Lucius Malfoy spricht. Denke nach! Niemand würde für ein Tier so viel Zeit opfern. Sieh doch, wie er dir dabei hilft, immer stärker zu werden. Sieh, wie er dir hilft zu überleben. Er tut das, weil du ihm nicht gleichgültig bist. Denk an das, was du in seiner Erinnerung gesehen hast, erinnere dich an euer Gespräch in der Küche.
Hermine nickte betäubt. Professor Snape mußte seine Rolle spielen. Natürlich! Er mußte solche Dinge sagen. Wer weiß, was er schon alles gesagt hatte, ohne daß sie es mitbekommen hatte. Gott, wie sehr wünschte sie sich, sie hätte dieses Gespräch ebenfalls nicht gehört.
„Severus!" lachte Lucius Malfoy in diesem Moment.
„Du bist so verklemmt! Es ist doch nichts dabei Muggel und Schlammblüter für ein bißchen Spaß zu benutzen. Du hattest schon immer so komische Ansichten.
Kannst du nicht einfach mal entspannen und ein bißchen Spaß haben? Du bist viel zu verkrampft. Warum kommst du nicht mal mir und den Jungs mit auf eine Tour? Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann wir das letzte Mal zusammen unterwegs waren."
„Ich habe andere Dinge zu tun, als meine Zeit mit Perversionen zu verschwenden!" antwortete Snape kalt. „Sollte ich meine Meinung darüber ändern, Lucius, wirst du der erste sein, den ich es wissen lasse."
Für einen Moment herrschte Grabesstille im Haus, dann hörte Hermine Malfoy kühl sagen:
„Draco und Narcissa lassen dich grüßen. Besonders Draco würde sich freuen, wenn du vorbeikommen würdest."
Es blieb weiterhin still.
„Dann werde ich ihnen ausrichten, daß du zur Zeit verhindert bist. Wir sehen uns."
Die Haustür fiel ins Schloß und Hermine hörte, wie Snape die Treppe hochging und hinter einer Tür verschwand.
Immer noch blaß und mit einem flauen Gefühl im Bauch stand sie unschlüssig im Türrahmen. Hungrig war sie nicht mehr. Aber sie war auch viel zu unruhig, um zu den Zaubertränken zurückzugehen.
Und so ging sie nach oben, öffnete die Küchentür und wurde mit einem freundlichem
„Hermine!" vom Vorratsschrank begrüßt. „Was kann ich für dich tun?"
„Eine Suppe, bitte", murmelte Hermine wie betäubt. „Mir ist kalt."





Snape stand über den Schreibtisch gebeugt und sah auf ihre endgültige Rezeptur. Hermine war gerade zurückgekommen.
„Sehr schön", sage er zu ihr. „Doch bevor Sie anfangen, sollten Sie sich noch einmal Gedanken über die Reihenfolge der einzelnen Zutaten machen. Ich weiß nicht, ob man das Eriodictyon an der ersten Stelle platzieren sollte. Ansonsten bin ich auf das Ergebnis gespannt. Es sieht sehr gut und vielversprechend aus.
Wie ich sehe ist der Schmerzhafte Schwindler gut gelungen. Auch das Gegengift sieht gut aus."
„Danke, Professor", murmelte Hermine und sah Snape nicht an. Sie wollte seinen schwarzen kalten Augen nicht begegnen.
Snape zog nachdenklich die Brauen zusammen.
„Sie sollten den Trank heute nicht mehr ansetzen. Stellen Sie gerade noch die Zutatenliste um, dann kommen Sie hoch und suchen Sie ein paar Ihrer eigenen Flüche heraus. Wir werden heute deren Wirksamkeit testen. Ich habe den Raum schon vorbereitet."
Hermine nickte zustimmend.
„Wir sehen uns in - sagen wir mal - drei Stunden? Bis dahin haben Sie genügend Zeit, den Trank zu vervollständigen und die Flüche auszusuchen. Einverstanden?"
Wieder nickte Hermine.
Snape ließ für einen Moment seine Augen auf Hermine ruhen, die scheinbar nach­denklich auf die Trankrezeptur starrte. Nichts von ihren Gefühlen drang zu ihm vor und so zog er nur eine Braue hoch, drehte sich um und verließ im gewohnt eiligen Schritt das Labor.

Fast genau drei Stunden später betrat Hermine den magischen Raum. Snape war bereits da.
„Nun - sehen Sie sich kurz um, und dann wollen wir loslegen."
Hermine taxierte den Raum. Dieses Mal hatte er sich in einen kathedralengroßen Saal verwandelt, mit Treppenaufgängen, die auf verschiedene Ebenen führten, schweren Kristalleuchten an der Decke, drei mannshohen Kaminen, von denen zwei befeuert waren, allerlei Möbelstücken, langen Tischen, schweren Sofas, Rüstungen, Waffen, Schilden an den Wänden, Wandteppichen, Bildern und unzähligen Gelegenheiten zu stolpern, Deckung zu suchen oder dem Gegner Sachen in den Weg zu werfen.
Hermine zückte den Zauberstab. Der Raum gefiel ihr.
Snape hatte sie - unbemerkt von ihr - dabei beobachtet, wie sie sich umsah.
Jeder Zoll an ihr hatte sich in eine Kriegerin verwandelt. Sie stand so unbeteiligt und gelassen da, das ihm ihre Selbstsicherheit fast schon den Atem verschlug. Wie sie sich ruhig umsah und in ihrem Geist längst schon Verteidigungsstrategien entwickelte, wie ihr Blick an verschiedenen Dingen kurz hängen blieben - zum Beispiel den an der Wand befestigten Waffen, die ihm mit Sicherheit demnächst um die Ohren fliegen würden - sie Deckungsmöglichkeiten abwog und Angriffe plante. Er konnte es nur an ihrem kurz angedeuteten Nicken oder dem schwachen Lächeln auf ihren Lippen erahnen, wenn ihr Blick irgendwo länger verweilte. Von ihren Gefühlen drang nichts zu ihm durch. Sie war wirklich gut geworden, dachte er, und immer öfter hatte sie ihn in letzter Zeit in echte Schwierigkeiten gebracht.
Doch leider war sie immer noch zu fair. Er beabsichtigte dies, heute zu ändern. Sie mußte lernen, daß Fairness vielleicht noch im sportlichen Wettkampf angebracht war, niemals jedoch auf einem Schlachtfeld!
Snape bemerkte außerdem, daß sie im Schwarz seiner Kleidung, des engen, ihre schlanke Figur betonenden Überrocks, aufregend gut aussah. Auch das war für sie von Vorteil. Ihr Haar band sie schon seit längerem zu einem Pferdeschwanz zusammen und verknotete ihn im Nacken. So störte es am wenigsten. Alles in allem - fand der Professor - sah sie nicht nur gut, sondern vor allem auch aus gefährlich. Es gefiel ihm ausnehmend gut, was er sah.
„Bereit?" fragte er.
In Hermines Blick erschien ein lauernder Ausdruck, ein schwaches Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie sage:
„Bereit."
Expelliarm-"
Protego!"
Hermine blockte Snapes Versuch, sie zu entwaffnen sofort ab. Einen gedachten Fluch später duckte sich Snape gerade noch rechtzeitig, um den Schwertern auszuweichen, die ihm direkt in den Rücken fliegen wollten.
So weit zum Thema Fairness, dachte der Professor überrascht. Gryffindor schien ihm heute zu grollen - so war es ihm jedenfalls vorhin im Labor vorgekommen, und anscheinend hatte er sich darin nicht getäuscht.
Sie suchten beide vor den an den Wänden abprallenden Flüchen Deckung.
Blitze zuckten durch den Raum, einer der Kronleuchter löste sich von der Decke und verfehlte Hermine nur knapp. Wütend stand Hermine auf und blockte den nächsten Fluch Snapes während sie ihn gleichzeitig mit einem von ihm gerade noch rechtzeitig abgeblockten Impedimenta von den Füßen riß, was ihn hart gegen die Wand prallen ließ.
Snape rollte sich augenblicklich hinter einem umgekippten Tisch in Deckung. Hermine schickte ihm ein Stupor hinterher, der ihn nur knapp verfehlte. Funken sprühten. Sie rief eines der hölzernen Schilde von der Wand herbei und versiegelte seine Oberfläche mit einem ihrer neuen Zaubersprüche.
Es glänzte nun silbern, seine Oberfläche schimmerte unruhig und schien sich zu bewegen. Von nun an würden die meisten Zauber einfach reflektiert und an den Absender zurückgeschickt werden - zumindest war das die Theorie, dachte Hermine. Und hier war der Praxistest.
Snape stand ebenfalls hinter seiner Deckung auf und zielte mit dem Zauberstab auf sie.
„Sie stehen verdammt selbstsicher da, Gryffindor. Glauben Sie, diese lächerliche Holzscheibe kann meine Flüche aufhalten?"
Hermine lächelte.
„Warten Sie es ab, Professor! Von nun an keine Glacéhandschuhe mehr", rief sie ihm zu und mit einer schwingenden Bewegung ihrer Hand lösten sich zwei helle Blitze aus der Spitze ihres Zauberstabs und trafen direkt ins Feuer des Kamins in seiner Nähe. Die Flammen loderten so heiß auf, daß Snape instinktiv zurücksprang.
Dem Kamin entstiegen zwei feurige mannsgroße Gestalten, die sofort auf Snape zugingen und versuchten, ihn in die Zange zu nehmen.
Snape schickte Hermine ein Impedimenta zu, doch der Fluch prallte vom Schild und der Professor konnte ihm nicht mehr ausweichen. Der zurückkommende Fluch riß ihn von den Beinen und wieder prallte er gegen die Wand, während die beiden feurigen Gestalten ihm schon bedenklich nah gekommen waren, ihre brennenden Hände bereits nach ihm ausstreckten.
Mit einem kaum zu hörenden Plopp war Snape verschwunden.
„Verdammt!" schrie Hermine ungehalten und sprang in Deckung. Sie haßte es, wenn er das tat! Wo steckte der Professor? Er konnte direkt hinter ihr aufgetaucht sein. Schnell wirbelte sie mit dem Zauberstab in der Hand um. Nein, nichts zu sehen.
Der Schildzauber war erfolgreich gewesen, wie sie zufrieden feststellte. Es war eine Sache, die neuen Flüche in ihrer Kammer im stillen zu üben, doch den Zauber während einem Kampf anzuwenden, war schon was anderes.
Hermines Herz schlug vor Aufregung schneller. Es freute sie, das ihre ersten beiden Flüche so erfolgreich gewesen waren und gleichzeitig begann sich all ihre Wut über das unfreiwillig mitgehörte Gespräch, einen Weg zu bahnen.
Schlammblüter hatte er gesagt. Und Muggelstämmige mit Tieren gleichgesetzt. Dafür würde sie ihn bluten lassen. Heute fühlte sie sich in der Tat in der Stimmung, ihrem Professor eine Lektion zu erteilen. Sie hatte es endgültig satt, sich ständig von ihm so geringschätzig behandeln zu lassen. Respekt hin oder her. Auch sie hatte seinen Respekt verdient!
Und außerdem sagte er doch, daß er eine gute Kampfsimulation wolle. Sie hatte sich viel zu lange zurückgehalten, hatte sich viel zuviel von ihm gefallen lassen. Warum eigentlich?
„In Ordnung, Gryffindor", hörte sie Snapes Stimme durch den Raum rufen, „keine Glacéhandschuhe mehr. Heute Abend die harte Tour!"
Gut, dachte Hermine und nickte grimmig. Sie schickte ein Impedimenta in Richtung Snapes Stimme. Dann drehte sie das Schild so zurecht, so daß sie in seiner spiegelnden Oberfläche den Raum sehen konnte.
Die beiden Feuergestalten hatten sich wieder aufgelöst.
Hmm, dachte Hermine, daran mußte sie noch arbeiten. Sie mußten langlebiger werden.
Sie starrte in die spiegelnde Fläche des Schilds, doch nichts war im undeutlichen Spiegelbild zu erkennen. Snape war vermutlich irgendwo in der oberen Etage. Wartete wohl darauf, daß sie ihre Deckung verließ.
Und warum ihm nicht den Gefallen tun und so herausfinden, wo er war? Hermine erhob sich vorsichtig, mit dem Schild in der einen Hand, um Flüche an den Absender zurückzuschicken, und dem Zauberstab in der anderen, um weitere gleich hinterher­zuschicken.
Doch nichts geschah. Snape schien zunächst abwarten zu wollen. Er wartete wohl auf eine günstigere Gelegenheit. Hatte offensichtlich die Wirksamkeit ihres Schildes erkannt.
Vorsichtig lief Hermine - jede weitere Deckung ausnutzend - weiter, um zum Treppen­aufgang zu gelangen. Plötzlich nahm sie einen Schatten im Augenwinkel wahr und schon hatte ein Expelliarmus sie entwaffnet.
Wütend schrie Hermine auf, warf das Schild in Snapes Richtung und sprang ihrem Zauberstab nach. Sie bekam ihn in die Hände und schnell wie ein Blitz drehte sie sich um.
Stupor!"
Doch der Fluch prallte an ihrem eigenen Schild ab und nur ganz knapp, schaffte sie es, dem zurückkommenden Fluch auszuweichen. Verflucht, dachte sie, das war ein wirklich guter Zauber!
Ihr Zauber ließ den Tisch hinter Snape in die Höhe steigen und ihm den Rücken fliegen. Es riß ihn von den Beinen, er ließ das Schild fallen und Hermine verwandelte es mit einem Gegenzauber wieder in sein Normalzustand zurück. Ihrem Gegner würde sie diesen Vorteil nicht überlassen.
Schnell sprangen sie beide auf die Beine und standen sich mit gezückten Zauberstäben gegenüber.
„Ich bin ziemlich beeindruckt von Ihrer Leistung heute Abend, Gryffindor" sagte Professor Snape und atmete angestrengter als sonst. Hermine sah eine blutige Schramme auf seiner Stirn. Geschah im recht!
„Das freut mich, Sir. Ein Lob von Ihnen, das ist wie Weihnachten und Ostern zugleich", antwortete sie mit einem ironischen Lächeln. Snapes Augen blitzten auf.
Imped-", er blockt ihren Fluch sofort ab, ebenso, wie sie seinen Entwaffnungsfluch.
Die Wucht ihrer Flüche riß sie beide um und sie flogen in entgegengesetzter Richtung auseinander. Nach einem schmerzhaften Aufprall schoß Hermine Snape ein Stupor hinterher, der ihn knapp verfehlte, von der Wand abprallte und Funken hinterließ.
Plötzlich zog sich eine brennende Furche neben Hermine in den Boden und sie sprang auffluchend weg, ließ mit einem Schwenk ihres Zauberstabs eine der schweren Rüstungen in die Luft steigen und schickte sie wie ein Geschoß in Snapes Richtung.
Schnell rannte sie die Treppe hoch, hörte Snapes schmerzhaften Aufschrei und drehte sich um.
Die Rüstung hatte ihn nur gestreift, aber immerhin von den Beinen gerissen. Hermine blieb kurz stehen und mit einer lässigen Handbewegung ließ sie einen weiteren der schweren Kronleuchter nach unten fallen. Direkt auf den Professor.
Es gab einen gewaltigen Schlag - und sollte er darunter liegen, würde er trotz der schützenden Kleidung schwer verletzt sein. Erschrocken starrte Hermine auf das Durcheinander von zersplitterten Kristall, Rüstungsteilen und verbogenem Metall.
Mit einem Mal wurde ihr eiskalt. Sie war zu weit gegangen.
Plopp.
„Nicht schlecht, Gryffindor", raunte ihr eine leise Stimme ins Ohr. „Und hier Ihr Lohn für Mitleid mit dem Gegner - Crucio!"
Hermine vergaß, was sie gerade gedacht hatte und brach schreiend zusammen. Unerträglicher Schmerz durchflutete ihren Körper, fegte jeden Gedanken an Verteidigung beiseite, ließ ihr keine Zeit zu atmen. Noch nie hatte sie solchen Schmerz erlebt. Jede einzelne ihrer Nervenzellen verbrannte er, schien sie zugleich aber in dieser endlosen Qual niemals sterben lassen zu wollen. Doch ebenso schnell wie der Schmerz sie überrollt hatte, war er vorbei.
Sie fand sich in Professor Snapes Armen wieder, der sie festhielt.
„Tut mir leid, Gryffindor. Aber Sie dürfen niemals, absolut niemals mit ihrem Gegner Mitleid haben. Er wird es gegen sie ausnutzen."
„In Ordnung, Professor", keuchte Hermine und begann wieder klarer zu sehen. Snapes Gesicht tauchte vor ihrem auf, seine schwarzen Augen schienen direkt in sie hineinzublicken. Sie stieß ihn unwillig von sich, taumelte von ihm fort.
„Lektion gelernt - machen wir weiter."
„Sind Sie sicher? Der Cruciatus Fluch bringt das Nervensystem ganz schön durcheinander. Möchten Sie nicht lieber eine Pause einlegen oder ganz für heute aufhören?"
Hermine richtete sich auf und funkelte Snape wild an.
„Nein", knurrte sie. Sie war wütend über sich selbst, weil sie vor Schreck, Snape könne ernsthaft verletzt sein, in ihrer Wachsamkeit nachgelassen hatte.
„Wir spielen das Spiel heute auf die harte Tour, Sir, ganz wie Sie gesagt haben. Ich habe noch einiges für Sie auf Lager."
„Dann lassen Sie nach unten gehen und etwas aufräumen. Wir beginnen wieder bei unsern Ausgangspositionen."

Der Kristalleuchter krachte erneut herunter.
Armer Leuchter, dachte Hermine sarkastisch, drehte ihr Gesicht schnell zur Seite, während sie das Trommelfeuer der scharfkantigen Splitter auf ihrer Kleidung spürte. Sie war Snape dankbar, daß er ihr seine Sachen überlassen hatte. Erst in letzter Zeit war ihr der wahre Nutzen der Kleidung, den Schutz den sie bot, bewußt geworden. Jetzt zum Beispiel wäre sie sicherlich von einigen der Splitter wie von Granatsplitter durchbohrt worden.
„Gryffindor?"
„Heil und gesund, Sir - Sectumsempra!"
Der Blitzstrahl verließ die Spitze ihres Zauberstabs, den sie wie ein Degen geschwenkt hatte, und sie hörte einen unterdrückten Aufschrei. Den Fluch hatte Snape wohl nicht rechtzeitig abblocken können. Hermine lächelte. Die Übungsstunde heute machte ihr mehr Spaß als jede Stunde zuvor. Nun wo sie sich entschieden hatte, nicht mehr auf Nummer sicher zu gehen und auch unfair zu spielen - nun wo sie bereit war, Snape zu verletzen, machte die ganze Sache einfach mehr Spaß.
Sollte der Bastard - upps! - Professor Snape, natürlich! - seine eigene Medizin zu schlucken bekommen (Bastard!).
Sie hörte ein leises Fluchen und grinste. Geschah ihm recht! Was hatte er vorhin zu ihr gesagt. Kein Mitleid mit dem Gegner. Er sollte in Zukunft besser auf seinen eigenen Rat hören.
Hermine schlich leise in Richtung der Treppe. Sie vermutete, daß Snape sich dort aufhielt. Zumindest war das unterdrückte Stöhnen aus dieser Richtung gekommen und im Moment würde er zu beschäftigt sein, um zu apparieren.
Sie hielt die schwarze Murmel in der Hand bereit. Mal sehen, was er von diesem Trick hielt. Sie hielt ihn für genial!
Hermine hatte gerade ihre Deckung verlassen, als ein Expelliarmus! ihr den Zauberstab aus der Hand riß.
„Sie sind unvorsichtig geworden, Gryffindor. Nur weil ihr Gegner verletzt ist, muß er deswegen nicht ungefährlich sein. Im Gegenteil. Es ist gerade die verletzte Beute, die zur gefährlichsten wird."
Cru-!"
Hermine zerbrach die Kugel zu Snapes Füßen, bevor er den Fluch beenden konnte.
Schwarzer Nebel stieg auf, hüllte Snape augenblicklich ein, drang durch seine Nase und Lungen in ihn ein. Und Hermine bückte sich seelenruhig nach ihrem Zauberstab, hob ihn auf. Gelassen stand sie da.
Snape blieb im Nebel gefangen, der sich wie eine Glocke um ihn gelegt hatte, sah nichts.
„Verdammt, Gryffindor! Das ist ein guter Trick! Und nun beenden Sie es."
„Mehr als ein Trick, Sir!"
Hermine richtete ihren Zauberstab auf Snape.
Mutilocrudelis"
Ein Blitzstrahl löste sich vom Zauberstabs, traf auf das Schwarz des Nebels, drang in ihn ein und verzweigte sich zu einem feinen Netz im Schwarz. Hermine hörte seltsame Geräusche - ein dumpfes Krachen und dann erkannte erschreckt, daß es brechende Knochen waren, was sie da hörte. Snape schrie auf.
„Gryffindor!" gurgelte er, griff sich an die Kehle und hatte den Eindruck Säure eingeatmet zu haben. Er hustete, würgte und schmeckte Blut.
Finite!" rief Hermine augenblicklich und wollte dem Professor zur Hilfe eilen. Doch sein Zauberstab zuckte hoch und hielt sie zurück.
„Professor", flüsterte sie mit einem erschrockenem Blick auf sein blasses von Schmerzen verzerrtes Gesicht.
„Das war hervorragend, Gryffindor, wirklich hervorragend!" keuchte dieser.
Immer noch hielt sein Zauberstab Hermine in Schach. Eine dünne Blutspur lief ihm aus dem Mundwinkel.
„Professor ..." sagte sie mit leiser Stimme, Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie war sich der Wirkung des Fluchs nicht bewußt gewesen, „... Sie sind ernsthaft verletzt. Lassen Sie sich helfen."
Zusammengekrümmt stand Snape vor ihr, konnte seinen Schmerz nicht verbergen, atmete nur in kurzen abgehackten Zügen.
„Wissen Sie was?" sagte er rau und mit gepreßter Stimme. „Es ist schon ziemlich spät geworden. Sie sind für heute entlassen. Sie waren heute ... wirklich gut! Ich will so etwas in Zukunft noch öfter von Ihnen sehen. Und jetzt entschuldigen Sie mich.
Ich bin indisponiert."
Taumelnd verließ er den Raum, konnte sich kaum noch auf den Beinen halten.
Hermine aber sank entsetzt zu Boden, blieb wie erstarrt sitzen. Sie hatte Professor Snape wirklich schwer verletzt. Und es hätte ihr eigentlich klar sein müssen.
Doch das Zusammenbasteln der Flüche, das Feilen an ihrer Wirksamkeit, das sich Ausdenken, mit welchen Wortkombinationen, welchem Schwenk des Zauberstabs man den größten Schaden anrichten konnte - das war alles nur Theorie gewesen. Es war ein Spiel gewesen. Es hatte einfach nur Spaß gemacht, hatte ihren Intellekt herausgefordert. Doch zu sehen, wie der Fluch wirkte, war etwas ganz anderes.

Hermine zitterte und war - wenn überhaupt möglich - noch blasser als Snape.
Sie mußte etwas unternehmen, mußte Snape helfen. Er konnte sich mit seinen Schmerzen unmöglich selbst heilen.
Sie mußte sofort ins Labor und ihm einen Heiltrank brauen. Irgend etwas, das ihm die Schmerzen nahm, so daß er ihr zeigen konnte, wie sie ihn heilen konnte.
Als sie das Labor betrat, war all ihr Groll auf Snape verschwunden. Sie war allein. Doch irgendwo tief in ihrem Innern hatte sie gehofft, Professor Snape dort vorzufinden. Natürlich hatte sie nicht ernsthaft daran geglaubt. Vermutlich war er auf seinem Zimmer und versuchte sich selbst zu kurieren.
Störrischer eingebildeter dummer Mann! dachte Hermine wütend. Er würde sie niemals um Hilfe bitten, selbst wenn es ihn das Leben kosten würde! Er war ein verdammter Idiot!
Hermine zog sich wütend den hinderlichen Überrock aus und suchte die Zutaten zusammen. Dann begann sie, einen bewußtseinsklärenden und schmerzstillenden Trank zu brauen.

~~~~

Eine gute Stunde verging, bis der Trank endlich dampfend im Becher bereitstand und Hermine nervös die Treppe hinaufeilte. Es hatte viel zu lange gedauert, dachte sie schuldbewußt. Hoffentlich hatte er nicht die Tür zu seinem Zimmer blockiert.
Ach, und wenn schon, dachte sie dann ganz resolut, ... sie würde sie ganz einfach aufsprengen.
Aber was wenn er bewußtlos war? Sie kannte keine Heilzauber. Sie mußte ihn dringend darauf ansprechen - sobald diese Krise überstanden war.
Mit bangem Herzen drehte Hermine am Türknopf. Sie war außer sich vor Sorgen, machte sich schwere Vorwürfe.
Doch die Tür lies sich problemlos öffnen und Hermine eilte erleichtert ins Zimmer. Sie hob den Blick vom Becher, stoppte und starrte Professor Snape an, der irgendwie anders aussah als sonst. Schließlich begriff sie, daß er nackt im Zimmer stand und mit einer dicken Schicht aus verkrustetem Blut überzogen war.
Den Zauberstab hielt er noch in der Hand, starrte in einen mannshohen trüben Spiegel und schien das Ergebnis seiner Heilkunst begutachtet zu haben. Und obwohl das Licht im Raum kaum als solches zu bezeichnen war, genügte es doch, um die schrecklichen frischen blauroten Narben zu sehen, die seinen Körper entstellten. Und unter der dunklen rostigen Schicht des Blutes konnte Hermine dunkle Flecken sehen. Vermutlich Prellungen und Blutergüsse.
Dann blinzelte sie verwirrt. Für einen Moment schien ihr, als hätten sich die dunklen Flecken bewegt. Irritiert sah Hermine in den Spiegel und begegnete Snapes Blick. Sie erstarrte. Kein weiterer Gedanke war mehr in ihrem Schädel.
Wie zwei finstere schwarze Schlote sahen ihr seine Augen entgegen. Sie hatte das Gefühl, in sie hineinzufallen. Snape fuhr herum, sein Zauberstab schwang auf die kleine Nachtischlampe. Heiser vor Wut zischte er:
Skotomênê nox!"
Ein schwarzer Strahl verließ die Spitze seines Zauberstabs und schien alles Licht in sich einzusaugen. Eine Finsternis breitete sich aus, wie sie Hermine noch nie erlebt hatte.
Dann sagte Snapes Stimme fauchend: „Concludo!", und die Tür fiel krachend ins Schloß. Hermine stand wie festgefroren in der Finsternis. Panik stieg in ihr auf.
Sie hörte ihn auf sich zukommen und stolperte in ihrer Angst zurück.
Er würde sie umbringen, dachte sie. Er würde sie ganz sicher umbringen! Sie hatte einen schrecklichen Fehler begangen. Sie war unangemeldet in sein Zimmer hereingeplatzt, hatte ihn nackt gesehen, und sie wußte, er würde ihr das niemals verzeihen. Er würde sie umbringen!
Zwar hatte sie vor lauter Blut gar nichts gesehen, doch - so erkannte sie - war sie zu weit gegangen. In ihrer Sorge um ihn war sie einfach zu weit gegangen, hatte eine Grenze überschritten, die sie nie hätte über­schreiten dürfen.
Eine Hand packte sie grob am Hemd und stieß sie zurück. Hart prallte sie mit dem Rücken an die Wand, der Becher flog ihr aus der Hand und Hermine hörte ihn dumpf zu Boden fallen.
Sie -! Sie sind zu weit gegangen, Miss Granger! Was glauben Sie, wen Sie vor sich haben? Was glauben Sie, mit wem Sie es zu tun haben?
Glauben Sie, ich gestatte es Ihnen, dermaßen in meine Privatsphäre einzudringen? Hatte ich Ihnen nicht gesagt, Sie sind entlassen? Hatte ich Ihnen nicht gesagt, ich sei indisponiert?
Aber nein! Miss Granger hat eigene Pläne! Kommt in mein Zimmer geplatzt ohne einmal anzuklopfen und will den verdammten Samariter spielen!"

Wutschnaubend verstummte der Professor und dröhnende Stille machte sich in dem kleinen Zimmer breit.
Hermine versuchte Luft zu holen, konnte vor Angst kaum klar denken. Er würde sie umbringen, war das einzige, das sie denken konnte. Gleich würde er sie umbringen! Sie fühlte Snapes Atem dicht bei sich. Sein Gesicht mußte direkt vor dem ihrem sein. Fast schon glaubte sie seinen durchdringenden Blick auf sich ruhen zu fühlen. Hatte er noch seinen Zauberstab in der Hand. Bedrohte er sie damit? Hermine erstarrte, rührte sich nicht, wollte ihn nicht noch mehr reizen.
„Miss Granger kann einfach nicht tun, was man ihr sagt, nicht wahr? Ganz wie ihr Freund Potter. Der auch ständig die Regeln bricht und seinem Bauch folgt, anstatt einmal auf seinen Verstand zu hören.
Wobei ich bei Potter allerdings meine Zweifel habe, daß der auch nur ein Fünkchen Verstand besitzt. Sie aber, Miss Granger, Sie haben mehr Verstand als das gesamte siebte Schuljahr. Warum also können Sie nicht einfach tun, was man von Ihnen verlangt?"
Hermine atmete ganz flach, preßte sich an die Wand, wagte es nicht, etwas zu sagen.
Und dann bemerkte sie, wie sie plötzlich ruhiger wurde, wie die Panik von ihr wich, wie sich irgend etwas um sie herum veränderte. Sie konnte es nicht benennen, aber plötzlich spürte sie, daß der Professor selbst sich veränderte. Er wurde ruhiger, sein Atemrhythmus änderte sich, fast schien es ihr, daß er - ihren Geruch einatmete?
Leise flüsterte ihr seine Stimme ins Ohr:
„... oder hatten Sie vielleicht etwas ganz anderes im Sinn, als sie hier so ungebeten hineingeplatzt sind ...?"
Hermine fühlte Snapes Präsenz geradezu körperlich. Sie mußte nicht erst in seine schwarzen Augen sehen, um von ihm eingeschüchtert zu sein. Er strömte eine solche Kraft und Wut aus. Fast schon berührten sich ihre Körper. Sie roch ihn ... er ...
Hermine schluckte.
Hier in der Dunkelheit erkannte sie mit einem Mal, was es war, das sie an Snapes Nähe immer so beunruhigte, was sie so unsicher machte und warum sie seinen Berührungen auswich. Sie erkannte, daß es der Mann war, der sie verunsicherte und nicht der Professor. Es war der Mann Snape! Und diese Erkenntnis versetzte ihr so einen solchen Schlag, daß ihr Herz für einen Moment kurz aussetzte und sie die Luft ausstieß, fast so, als hätte sie tatsächlich jemand geschlagen.
„Sir", flüsterte sie dann und versuchte Klarheit in das Chaos ihrer Gedanken und Gefühle zu bekommen. Sie ignorierte hartnäckig das aufsteigende Prickeln zwischen ihren Schenkeln, konnte kaum glauben, daß es so intensiv war. Sie mußte dringend hier raus, dachte sie panisch. Das konnte doch nicht sein!
„Entschuldigen Sie! Es war niemals meine Absicht -"
Hermine verstummte abrupt. Sie spürte Snapes Haare ihre Wange streifen. Er hatte sich zu ihr vorgebeugt.
„Gryffindor", hörte sie seine Stimme weich und samtig in ihr Ohr flüstern. Nie zuvor hatte sie diesen Ausdruck in seiner Stimme gehört.
„Sie sind zu weit gegangen, viel zu weit. Sie haben sich auf mein Terrain begeben. Sie sind zu mir in die Finsternis gekommen - und nun werden Sie diese mit mir auch ertragen."
Bevor Hermine sich über seine Worte Gedanken machen konnte, fühlte sie auch schon eine Hand auf ihrer Brust. Scharf sog sie die Luft ein.
„Sir!"
„Zu spät, meine Liebe. Sie sind zu mir gekommen."
„Aber -"
„Kein aber mehr, dafür ist es lange schon zu spät. Sie sind im Herzen der Finsternis angelangt. Das ist mein Revier. Sie selbst haben die letzte Grenzen überschritten. Ab jetzt gibt kein zurück mehr."
Der Hand auf ihrer Brust folgte eine zweite. Sie streichelten sie, fuhren langsam ihren Körper entlang, erforschten ihn. Wanderten über Hüften und Bauch, umschlossen die Taille nur um dann wieder nach oben zu wandern und erneut sanft über ihre Brüste zu streicheln.
Hermines Körper reagierte automatisch. Wo Sape sie berührte, schien sich eine flammende Spur in ihre Haut einzubrennen. Sie schnappte nach Luft. Was geschah hier mit ihr? Wurde ihr gerade schwindlig?
„Oh mein Gott ...", keuchte sie, wußte nicht, was sie tun sollte. Ihr Körper verriet sie! Sie wollte nicht, daß er aufhörte, sie zu streicheln. Er sollte weitermachen, aber das konnte nicht recht sein! „Sir ..."
War es eine Bitte aufzuhören ... oder weiter zumachen? War es der Versuch, den Anstand zu wahren? Sie wußte es nicht und Snape ließ ihr keine Chance, länger darüber nachzudenken.
Seine Hände umfaßten zart ihr Gesicht, sie fühlte, wie seine Lippen auf die ihren trafen und ihr Mund öffnete sich ihm wie von selbst. Nein, sie hätte sich ihm nicht verschließen können, denn alles in ihr, verlangte nach diesem Kuß. Hermines Arme umschlossen seinen Nacken, und sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um seinem Kuß zu begegnen.
Ihre Zungen trafen sich. Zunächst nur zögernd, vorsichtig tastend. Doch schon nach kurzer Zeit verloren sie beide ihre Scheu, faßten Vertrauen zueinander und begannen einander zu umwerben, während ihre Lippen aneinander knabberten und saugten.
Hermine gab sich der Intensität und Zärtlichkeit dieses Kusses hin, hörte nicht ihr eigenes leises Seufzen und Stöhnen, sondern drückte ihren Körper fester an den von Snape. Ihre Hände wanderten dabei von seinem Nacken zu seine Schultern hinab, folgte den Konturen der Muskel seiner Arme, bis sich ihre Hände berührten, sich streichelten, kurz ineinander verschränkten nur um dann wieder von einander zu lassen, um weiter über den Körper des Anderen zu wandern.
Wie zwei Verhungernde lagen sie aneinander in den Armen, kosteten voneinander, knabberten aneinander, seufzten und hielten sich gegenseitig fest. Schließlich, berauscht von dem Gefühl ihrer Hingabe, lösten sich ihre Lippen und sie versuchten beide wieder zu Atem zu gelangen.
Hermine sagte nichts, war viel zu verwirrt und glaubte nicht so recht, daß das tatsächlich geschah. War es vielleicht nur ein verrückter Traum? Hatte sie zufällig einen Liebestrank gebraut und lag nun von den Dämpfen betäubt wie eine rollige, vor Lust halb wahnsinnige Katze, im Keller?
Das konnte doch unmöglich Professor Snape sein. Schließlich verachtete er sie, und sie ihn - oder vielleicht doch nicht? Was geschah hier?
Hermine spürte, wie der Mann vor ihr begann, ihr langsam, Knopf für Knopf, das Hemd aufzuknöpfen und es ihr abstreifte. Ihr Atem beschleunigte sich. War es nicht egal, wer er war, dachte sie. Er brachte etwas in ihr zum Klingen. Ließ sie nach etwas sehnen, das sie nicht kannte.
Sie fühlte, wie zwei Finger ihr sanft die Kehle entlang fuhren, über die Grube zwischen ihren Brüsten strichen, leicht über ihren Bauch glitten, um am Nabel zu stoppen. Hände begannen ihr die Hose zu öffnen. Hermine half mit, sie abzustreifen, denn sie wünschte sich in diesem Moment nichts mehr, als die nackte Haut dieses Mannes auf der ihren zu spüren.
Es war egal, wer er war. Und es war vollkommen unwichtig, wer sie war. Sie waren nur eine Frau und ein Mann, die sich in der Dunkelheit trafen und die es nach einander verlangte. Da gab es längst schon kein richtig oder falsch mehr. Es gab nur sie beide ... und Hermine hörte auf, nachzudenken. Sie gab sich einfach ihrem Verlangen hin.
Der Kopf des Mannes, der vielleicht Professor Snape war, beugte sich vor, warme Lippen umschlossen ihre hart gewordenen Brustwarzen und begannen mit ihnen zu spielen, an ihnen zu saugten. Abwechselnd und wie naschend wanderte der Mund mal von der einen Brust zur andern, knabberte, saugte, spielte, und Hermine fühlte warme Hände, die über ihren Körper wanderten und sie mit jeder Berührung in Flammen setzten. Zwischen ihren Schenkeln brannte ein Feuer, das sie hilflos vor Verlangen machte. Sie stöhnte leise, ohne es selbst zu bemerken.
Der sie liebkosende Mund kehrte wieder zu ihrem Gesicht zurück und ihre Münder fanden sich. Hermine preßte instinktiv ihren Körper an den starken Körper vor sich - nur um dann erschreckt zurückzuzucken, weil sie seine Männlichkeit spürte, die sich hart und pochend an sie drückte.
„Schschh, Hermine", flüsterte ihr die Stimme beruhigend ins Ohr und eine Hand strich ihr über das Haar. „Nichts wird hier geschehen, das du nicht auch willst."
„Versprochen?" fragte sie flüsternd.
„Versprochen", kam es bestätigend zurück und die Hand glitt über ihren Körper bis zur Taille, strich sanft über die Kurven ihrer Hüften, nur um dann auf dem weichen Vlies ihrer Scham zum Ruhen zu kommen.
Hermine hielt unbewußt die Luft an. Die Hand lag immer noch still auf ihrem samtenen Hügel, während sie in angespannter Erregung das Atmen vergaß. Und dann legte sie ihre Hand auf die seine, drängte sie in die warme feuchte Spalte und als er sie dort berührte, stieß sie mit einem leisen wohligen Aufseufzen den Atem aus.
Seine Finger erkundeten die Hautfalten, strichen sie sanft auseinander und fanden schließlich die kleine harte Erhebung, die sie sanft zu reiben begannen, um dann schneller und fester über sie hinwegzugleiten bis Schauer der Lust ihren Körper durchströmten und sich leise Laute der Wonne von ihren Lippen lösten.
Hermine wollte mehr.
Sie wollte mehr von diesen Gefühlen, wollte dem Mann, der ihr das alles gab, noch näher kommen. Doch das mußte sie nicht sagen, den ihr Körper sprach es von allein aus. Er preßte sich der Hand entgegen und ihr Becken hob sich an, um etwas zu empfangen, das den Brand, dieses hungrige Feuer in ihrem Innern löschen und ihr Erlösung bringen würde. Sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, die Muskeln ihrer Schenkel begannen zu zittern und wäre da nicht die Wand in ihrem Rücken gewesen, dann wäre sie längst schon zu Boden gesunken.
Die Hand zog sich plötzlich von ihr zurück, was sie mit einem leisen Laut der Enttäuschung quittierte. Sie hörte ein leises, tief aus der Kehle kommendes freundliches Lachen, und dann umschlossen sie starke Arme, hoben sie hoch und legten sie auf eine flauschige Decke über hartem Grund.
Hermine war es egal, worauf sie lag. Sie wollte sich einfach nur dem Mann hingeben, der so sanft und gekonnt all diese Gefühle in ihr entfachte. Der ihren Körper anscheinend sehr viel besser kannte, als sie selbst.
Wieder streifte sein langes Haar ihre Wangen. Hungrig empfingen ihre Lippen die seinen. Und dann wanderte seine Hand wieder zur feuchten Wärme ihrer Schenkel und er begann, das anschwellende Fleisch zart zu massieren, nur um zwischendurch immer wieder zu dem kleinen festen Knubbel zurückzuwandern, ihn zu reiben, mit ihm zu spielen und ihren Lippen verzückte kleine Schreie zu entreißen. Sie drückte sich an ihn, rieb ihre Haut an seiner, konnte seine Härte spüren, doch es erschreckte sie nicht, denn sie vertraute seinem Wort, sie vertraute ihm. Sie wußte, daß nichts geschehen würde, was sie selbst nicht auch wollte. Und dann durchfloß sie wieder dieser warme Strom der Lust. Und sie stöhnte, flüsterte mehr zu sich, als zu ihm:
„Wie kann das sein ... ich wußte es nicht. Wie kann das nur so wundervoll sein?"
Und dann hörte er auf, beugte sich ganz über sie und Hermine spürte für einen kurzen Augenblick sein Gewicht auf sich ruhen. Die Härte seines Geschlechts streifte kurz die feuchte Wärme zwischen ihren Schenkel und einen Moment lang verkrampfte sich etwas in ihr.
„Schschh", flüsterte ihr die Stimme wieder ins Ohr. „Vertraue mir. Es geschieht nichts, was du nicht auch willst."
Dann küßte der Mund ihren Hals, wanderte langsam zu ihren Brüsten, knabberte verspielt an ihren Brustwarzen nur um weiter hinabzuwandern und am Nabel zu stoppen. Eine warme feste Zunge umkreiste spielerisch den Bauchnabel und verführte sie zu einem leisen Kichern.
Dann wanderte der Kopf hinab zu ihren Schenkel, die starken Arme umschlossen ihr Becken und ein warmer Mund küßte sie direkt auf ihre Weiblichkeit.
Hermine sog scharf die Luft ein, ihr Becken zuckte hoch, doch die Arme hielten sie fest, fixierten sie, so daß sie keine Chance hatte, sich der Intensität dieses Kusses zu entziehen.
„Oh!" rief sie, kam halb hoch, jedoch nur um wieder zurückzufallen und sich ganz diesem neuen Gefühl hinzugeben. Was war das nur für eine Magie? Wer war dieser Mann, der sie so sehr in Verzückung versetzte? Der nicht nur ihr Fleisch berührte, sondern auch ihre Seele liebkoste?
„Severus", flüsterte sie kaum hörbar, fast klang es wie ein Stöhnen.
Hände strichen ihr Haar beiseite, eine Zunge begann die Spalte zu erkunden und ein Mund senkte sich auf die kleine harte Erhebung, saugte sich fest während die Zunge mit ihr spielte und starke Arme ihr zuckendes Becken festhielten.
„Oh mein Gott! Severus!" schluchzte Hermine vor Wollust auf. Und dann wiederholte sie seinen Namen, wieder und wieder, als wäre es ihr geheimes Mantra der Lust. Ihr Becken zuckte, Tränen der Verzückung liefen ihr über die Wangen und ihr gesamter Körper stand in Flammen. Sie atmete nur noch keuchend und das Haar in ihrem Nacken war von Schweiß verklebt wie auch ihr gesamter Körper. Wenn nicht gleich etwas geschah, so glaubte sie, würde sie auflodern und verbrennen!
Wieder erhob sie sich halb, ihre Arme griffen nach den Schultern des Mannes, der ihr all die Lust schenkte, und sie zog ihn zu sich hoch, weg von dem Feuer, das er in ihrem Schoß entfacht hatte, und sie flüsterte ihm aufgeregt ins Ohr:
„Oh, bitte ... bitte - hilf mir. Ich will es, ich brauche es, ich verbrenne. Ich -"
Sein leidenschaftlicher Kuß verschloß ihr den Mund. Ihre Schenkel hatten sich weit für ihn geöffnet, und als sie nun seine harte Männlichkeit am Eingang ihrer Weiblichkeit spürte, fühlte sie nur Erregung und die Sehnsucht, ihn zu empfangen, ihn in sich aufzunehmen und sich mit ihm zu vereinen.
„Ja", keuchte sie ihm atemlos ins Ohr, „oh ja, komm zu mir, bitte ..."
Und sein köstliches Gewicht senkte sich auf sie - und dann fühlte sie, wie seine Härte in sie eindrang. So unendlich langsam, so sanft, so voller Hingabe, daß sie vor Verzückung zu zerspringen drohte.
Ein Schrei stieg in ihr auf, tief aus ihrem Innern, und sie verkrampfte sich um ihn, bog sich ihm entgegen - und starb in seinen Armen. Oder zumindest fast.
Sie atmete noch, stellte Hermine eine Ewigkeit später fest, aber vielleicht waren es auch nur Sekunden später. Immer noch wallten Ströme der Leidenschaft durch ihren Körper hindurch, ließen sie leise aufseufzen, sich in den Armen dieses Mannes räkeln, dieses Zauberers, der sie fest an sich drückte als würde er sie nie wieder loslassen wollen. Pulsierend umschloß ihr Innerstes sein hartes Fleisch, das sie ausfüllte, sie erfüllte und das sie nicht mehr hergeben wollte.
Langsam beruhigte sich ihr Atem. Das wilde Herzklopfen verklang und ein Mund küßte sanft ihre geschlossenen Augenlider. Ein Seufzen entsprang ihren Lippen und etwas, das wie ein Schnurren klang, löste sich aus ihrer Kehle. In aufwallender Zärtlichkeit strich sie sanft durch das lange Haar, von dem sie wußte, daß es schwarz war.
Und ihr Mund suchte nach dem süßen, süßen Mund, der