
Kapitel 2: Vom Schmieden der Waffe
Aufstöhnend
fiel Hermine zu Boden. Jeder Knochen in ihrem Körper tat ihr weh
und ihre Muskeln waren nur noch eine einzige Ansammlung von
Schmerzen, fühlten sich steif und kraftlos an.
Snape beugte
sich über sie und knurrte ihr ins Ohr:
"Das war aber
nichts, Gryffindor.
Sie müssen sich mehr konzentrieren und dürfen sich von
Ihren Schmerzen nicht beherrschen lassen. Aufstehen! Wir fangen dort
wieder an, wo sie die Kontrolle verloren haben."
Gryffindor.
So nannte Snape sie inzwischen. Während ihren bisweilen
lautstark ausgeführten Wortgefechten hatte er sie als
halsstarrig, unflexibel und wahre Tochter Gryffindors bezeichnet -
und irgendwann war ihm das Gryffindor - statt des förmlichen
Miss Granger einfach herausgerutscht, und dabei war es geblieben.
Hermine hatte es akzeptiert, fand es irgendwie sogar
schmeichelhaft.
Sechs Wochen waren inzwischen vergangen. Sechs
lange Wochen, in denen sie ihren individuell auf sie zugeschnittenen
Unterricht bekam. Und in dieser Zeit hatte sie dem Professor so
ziemlich jeden Tag die Pest, Pocken oder sonst irgend einen möglichst
unerfreulichen und schmerzhaften Tod an den Hals gewünscht.
Er
hatte sie nicht einen einzigen Tag geschont. War von Anfang an
unerbittlich gewesen und wich keinen Millimeter von seinen
Anforderungen zurück. Oft genug hatte sie es bereut, diesem
Wahnsinn zugestimmt zu haben.
Jeden Tag duellierten sie sich.
Entweder gleich schon am Morgen, manchmal auch erst am Nachmittag.
Dieser Teil ihrer Ausbildung schien Snape sogar Spaß zu machen
- aber vielleicht machte es ihm einfach nur Spaß, sie mit
seinen Flüchen zu quälen. (Hermine wußte, daß
diese Gedanken ungerecht waren und nicht stimmten, aber sie fand sie
irgendwie einfach tröstlich.)
Seit sechs Wochen trainierte
er sie im Angreifen und im Verteidigen. Und er war unbarmherzig,
vergab keinen noch so geringen Fehler. Er bedrängte sie mit
seinen Flüchen, hetzte sie wie ein Kaninchen von einer Deckung
zur nächsten, drängte sie in die Ecke. Doch wenn es ihr mal
gelang, ihn mit einem stummen Fluch kurz mattzusetzen, konnte sie
flüchtig Zufriedenheit in seinem Gesicht aufblitzen sehen.
Nie
hatte er sie gelobt, dafür aber ständig auf ihre Fehler
hingewiesen, sie ihr immer wieder unter die Nase gerieben und sie in
seiner - sie zur Weißglut bringenden - arroganten Art gesagt,
was sie hätte besser machen können, und das jeder
Erstkläßler es hätte besser machen können.
Manchmal war sie tatsächlich so weit, daß sie ihn mit
ihren bloßen Händen erwürgen wollte.
Dann gab es
Tage, in denen sie kaum aus dem Labor kam, weil sie sich so sehr ins
Tränkebrauen vertieft hatte. Auch überwachte sie die
Entwicklung der bereits angesetzten Tränke. Lernte mit jedem Tag
Neues hinzu, war über die Veränderung in den Tränken
überrascht ... überrascht von all den Dingen, die sie nicht
gewußt hatte.
Vor zwei Wochen hatte der Professor begonnen,
sie Okklumentik und Legilimentik zu lehren. Etwas, was sich beim
Anwenden von stummen Flüchen als besonders hilfreich
herausstellte. Dennoch war dieser Teil ihrer Ausbildung anstrengender
als jeder körperliche Einsatz. Mehr als eineinhalb Stunden hielt
sie nie durch. Danach war ihr Hirn wie ausgequetscht und sie konnte
kaum noch denken.
Ihr Arbeitspensum als alleinige Schülerin
Snapes war jenseits allen, was sie in Hogwarts erlebt hatte -
einschließlich des anstrengenden dritten Schuljahres, in dem
sie ihre Unterrichtsstunden nur mit Hilfe des Zeitumkehrers geschafft
hatte.
Snape war ein rücksichtsloser Lehrer. Nicht, daß
er sich in dieser Hinsicht von seinem Stil in Hogwarts unterschied.
Aber ihn als Lehrer in der Anwendung der Dunklen Künste zu
haben, war etwas völlig anderes.
Er schien ganz darin
aufzugehen und jedes Mal, wenn sie dachte, er würde die
Kontrolle über sich und seine Leidenschaft verlieren, und sie
mit seinen Flüchen töten - wurde er einfach nur zum
spottenden sarkastischen Professor Snape.
"Ich hasse
Sie, Professor", murmelte sie kaum hörbar.
"Na
hervorragend! Dann stehen Sie auf, und zeigen Sie es mir! Und dieses
Mal mit mehr Leidenschaft! Sie haben ganz schön
nachgelassen."
Leidenschaft war das Wort, das Snape mit den
Dunklen Künsten verband. Seit sie ihren praktischen Unterricht
in Angriffs- und Konterflüchen begonnen hatten, sah sie diese
immer wieder aus ihm hervorbrechen. In seinen Bewegungen und mehr
noch in seinen Augen.
Waren diese im Normalfall schwarz und kalt
wie erstarrte Lava, schienen sie sich bei ihren praktischen Übungen
in finstere Vulkanschlote zu verwandeln, unter deren Oberfläche
es gefährlich brodelte.
Dann war er wie ausgewechselt, war
nicht wiederzuerkennen. Es waren die Momente, in denen er es
schaffte, ihr immer wieder eine Heidenangst einzujagen.
Hermine
hatte in einigen ihrer Übungsstunden schon mit ihrem Leben
abgeschlossen gehabt, nur um dann auf seine ausgestreckte Hand zu
blicken, die ihr aufhalf oder ihn plötzlich neben sich knien zu
sehen und seine Hände zu fühlen, die ihre Gliedmaßen
nach gebrochenen Knochen abtastete.
"Sir, ich kann wirklich
nicht mehr", nuschelte sie jetzt undeutlich und war viel zu
erschöpft, um auch nur ein Auge zu öffnen, geschweige den
den Kopf zu heben.
"Wenn Sie nicht wollen, daß ich
noch vor dem eigentlichen Kampf an Erschöpfung sterbe, würde
ich es vorziehen, jetzt einfach liegen bleiben zu können - oder
bringen Sie mich gleich um - auch egal ..."
Severus Snape
ging neben ihr in die Hocke und sah in ihr blasses Gesicht. Eine
Blutspur lief aus einer Platzwunde am Kopf durch ihr Haar und färbte
es rot.
"Sie sind verletzt", stellte er nüchtern
fest, doch Hermine hörte es nicht mehr.
Sie war
eingeschlafen.
Gryffindor,
dachte er, und für einen Moment waren seine Gedanken von
Sanftmut erfüllt, war Frieden in seinem Herzen. Doch er merkte
es nicht, war er doch viel zu sehr damit beschäftigt, die
Platzwunde zu verheilen.
Er hatte sie heute mit Absicht hart
angefaßt. Sie hatte in den letzten Tage mit ihrer
Aufmerksamkeit nachgelassen und tatsächlich wunderte er sich,
wie sie seinem Druck heute standgehalten hatte. Nichts hätte ihm
deutlicher zeigen können, wie außergewöhnlich sie
war.
Sie hatte keine Ahnung von der Zukunft, die auf sie zu kam.
Und auch er konnte es nicht wissen. Was er vor Jahren gesehen hatte,
war nur ein kleiner Ausschnitt, ein Bruchteil einer möglichen
Zukunft gewesen. Und die alte Frau, die ihm diese Zukunft gezeigte,
hatte ihn damit womöglich nur manipulieren wollen. Und auch wenn
sie ihm einst das Leben gerettet hatte, so traute er ihr nicht.
Niemandem, dem man im Labyrinth der Finsternis begegnete, durfte man
trauen. Das war zumindest seine Ansicht, selbst wenn Dumbledore das
anders sah.
Der Professor seufzte. Hermine Granger, dachte er,
und sein Blick blieb an der jungen Frau hängen. Sie sollte nicht
hier sein, dachte er. Sie hatte hier nichts verloren und sollte
nichts von all dem lernen, was er sie lehrte. Sie sollte nicht den
Preis zahlen, den sie am Ende zu zahlen gezwungen sein würde.
Er selbst hatte niemals eine Wahl gehabt, dachte er. Ausgerechnet
in dieser einen so wichtigen Sache hatte nie eine Wahl gehabt. Er war
zu jung gewesen, war schuldig geworden, ohne es zu wissen.
Und
das war der Grund, warum er sich vorgenommen hatte, ihr die Wahl zu
lassen. Selbst wenn das den ganzen Plan zum Scheitern verurteilte ...
wenn Gryffindor den
letzten Schritt nicht gehen wollte, dann würden er es
respektieren und sie würden ein anderer Weg finden. Sie hatte
ein Recht darauf, diese Entscheidungen selbst zu treffen. Weder er,
noch irgend ein Schicksal, sollten eine so wichtige Entscheidung für
sie treffen.
Der Professor beugte sich vor und nahm Hermine in
seine Arme. Manchmal konnte er kaum glauben, daß in diesem
jungen zerbrechlichem Körper so ein starker Wille steckte.
Er
drückte sie sanft an seine Brust und trug sie über den
Korridor in Wurmschwanzs einstiges Zimmer.
Seinem scharfen
Intellekt entging es dabei zu bemerken, daß er in letzter Zeit
immer häufiger versuchte, sie zu berühren. Und so stellte
sich - für einen kurzen Moment, und von ihm völlig
unbemerkt - Zufriedenheit in seinem Herzen ein, als er das so
zerbrechliche Bündel in seinen Armen an sein Herz drückte
und Hermine in ihr Zimmer trug.
Er öffnete die Tür und
stolperte fast über all die Flaschen, die verstreut in dem
kleinen Zimmer herumstanden. Es waren die Zeugnisse ihrer Braukunst.
Der Professor schmunzelte, als er auf das wilde Sammelsurium blickte.
So wie es aussah, verarztete sie sich abends noch vor dem zu Bett
gehen ihre blauen Flecken und Blutergüsse.
Vielleicht sollte
er ein paar der Tinkturen unauffällig austauschen. Gryffindor
war zwar gut, dennoch fehlten ihr die Jahre der Erfahrung, die er
hatte.
Er blickte auf Hermines erschöpftes Gesicht, das sich
blass gegen den dunklen Stoff seiner Robe abhob und für einen
Moment schien er unschlüssig, was er mit ihr tun sollte. Dann
aber ging er zu ihrem Matratzenlager und legte sie vorsichtig darauf
ab.
Hermine stöhnte leise, als er seinen Arm unter ihr
wegzog. Ihr Gesicht verzog sich wie im Schmerz. Aber sie wachte nicht
auf. Dafür war sie viel zu erschöpft.
Snapes Augen
verengten sich, er griff nach dem Zauberstab und richtete ihn auf
sie.
"Devestio loricatio"
Hermines
Kleidung begann sich zu lösen und gab den Blick auf ihren
geschundenen Körper frei.
Überall zeigten sich
Prellungen, Blutergüsse und rötlich-blaue Verfärbungen.
Einige von ihnen verblaßt, andere waren gerade im Entstehen.
Der Professor starrte schockiert auf Hermine und begriff, warum sie
die letzten Tage so nachgelassen hatte.
Dummes Ding, dachte er,
warum hatte sie ihm nichts gesagt? Er hätte ihr die Schmerzen
nehmen und die Prellungen heilen können. Warum -? Es sei denn,
sie dachte, es wäre ihm egal.
Vermutlich dachte sie es
sogar, stellte der Professor fest, und irgendwie gefiel ihm der
Gedanke nicht, daß Hermine Granger ihn für so gleichgültig
hielt.
Hatte er nicht gezeigt, daß er nicht
gleichgültig war. Schließlich hatte er ihr das Leben
gerettet - damals, bei der gescheiterten Jagd auf den
Horkrux.
Zugegebenermaßen nur unwillig und nur, weil sie ihn
angefleht hatte, sie mit sich zu nehmen. Weil sie sich so fest an ihn
- ihn, ihren verhaßten
Professor - geklammert hatte, daß er nur mit ihr zusammen
wegapparieren konnte. Tatsächlich, erkannte er ziemlich
ernüchtert, hatte sie ihm keine andere Wahl gelassen, als sie zu
retten.
Kein Wunder also, daß sie ihn für gleichgültig
hielt.
Snape war verärgert. Er ärgerte sich über
diese ganze Situation. Ärgerte sich über Hermine, die
lieber litt, als ihn um Hilfe zu bitten; über sich selbst, weil
er sich auf die ganze Sache eingelassen hatte; über das
Schicksal, das es sowieso nicht gab und über die verdammten
Zufälle in seinem Leben - und ... ach, einfach über
alles!
Doch dann hatte er seine Gefühle auch schon wieder im
Griff. Er beugte sich über seine Studentin und begann ihre
Verletzungen zu heilen. Dabei begutachtete er die Narben, die noch
aus der Nacht bei den Todessern stammten und stellte fest, daß
sie kaum mehr sichtbar waren.
Und so, dachte er, sollte es auch
um den Schrecken jener Nacht in ihrer Seele bestellt sein. Dann
ertappte er sich dabei, wie er ihr sanft das Haar aus dem Gesicht
strich und zuckte erschreckt zurück. Verwirrt über das
gerade Geschehene sprang er auf und verließ schnellen Schritts
den Raum.
Nur um ein paar Sekunden später wieder in der Tür
zu stehen und Hermine mit einem Schwenk des Zauberstabs
zuzudecken.
~~~~
Severus Snape stand in der schmalen
schlauchförmigen Küche mit dem Rücken zur Tür und
hatte sich gerade sein karges Frühstück zubereitet, als
jemand die Küche betrat. Es konnte nur Hermine Granger sein, da
niemand sonst im Haus war. In der einen Hand hielt er den
Tagespropheten, in der anderen ein angebissenes Stück trockenes
Toast.
"Professor Snape?"
"Hmm?"
"Danke!"
Der
Professor schluckte den Bissen Toast herunter, spülte mit einem
Schluck Tee nach und nickte. Dann blickte er von der Zeitung zu
Hermine, die in der Tür stand, und hungrig in Richtung des
Vorratsschranks lugte. Erfreut stellte er fest, daß er ihr im
Weg stand.
Hermine hatte in den ersten Tagen ihres Hierseins
feststellen müssen, daß das Haus des Professors
vernachlässigt war und kalte Lieblosigkeit ausstrahlte. Alles
war alt und verwohnt, so daß selbst das düstere Wohnzimmer
(an das sie sich nur noch dunkel erinnern konnte) im Vergleich zum
Rest des Hauses einen fast schon gemütlichen Eindruck gemacht
hatte.
Das einzige, was wirklich sauber und ordentlich war, war
Snapes Labor und die Küche. Der Rest des Hauses schien jahrelang
ungenutzt worden zu sein - oder wenn, dann nur als unliebsame Bleibe,
niemals jedoch als zu Hause.
Hermine war diesen Morgen allerdings
zu hungrig, sich darüber Gedanken zu machen. Sie brauchte ein
Frühstück und heißen Tee. Doch Snape stand mitten in
der schmalen Küche und um an den Vorratsschrank heranzukommen,
würde sie sich an ihm vorbeidrängen müssen - denn er
machte keinen Ansatz, ihr aus dem Weg zu gehen.
Hermines Augen
verengten sich zornig: Das machte er absichtlich, ganz klar! Er
wußte, wie unangenehm es ihr war, ihm so nah zu kommen. Und nur
um sie zu ärgern, schluckte er sogar seinen eigenen Widerwillen
ihr gegenüber herunter!
Er war ein - ! Den Rest des Gedankens
verdrängte sie schnell. Es war unangemessen, von ihm so zu
denken. Snape war ihr Professor und außerdem hatte er ihr das
Leben gerettet. Vermutlich sogar zweimal. Er verdiente ihren Respekt
- und den hatte er auch. Nur manchmal machte sie seine ganze Art ganz
einfach wild. Dann wollte sie ihn an die Wand klatschen - nur um ihn
dann wenig später vermutlich wieder abzukratzen und ihm zu
sagen, wie leid es ihr tat.
Der Kerl schaffte sie!
Aber am
schlimmsten war, daß - je länger sie mit ihm zusammen
wohnte - er mehr und mehr zu einem Menschen für sie wurde. Das
war die so ziemlich gruseligste Erfahrung ihres Lebens. Schließlich
war er der unbeliebteste Lehrer Hogwarts. Zynisch, ungerecht und
gemein; fast schon so etwas wie eine Naturkatastrophe. Und zudem ein
verdammter Rassist!
Aber dann gab es Dinge an ihm, die Hermine
überhaupt nicht einordnen konnte. Die ihr gesamtes schöne
Weltbild durcheinander brachten.
Wenn er sie zum Beispiel bis zum
Rand der Erschöpfung trieb und sie dann, nachdem sie
zusammengebrochen war, auf ihr Zimmer brachte und heilte. Oder wenn
er ihr am nächsten Morgen, nämlich dann, wenn sie bereit
war, ihn als menschliches Wesen zu akzeptieren und gewillt, ihm
freundlich zu begegnen, all ihre guten Vorsätze dadurch zunichte
machte, daß er ihr im Weg stand, einfach nur weil es ihm Spaß
machte, sie zu ärgern.
Dieser Mann war der unausstehlichste
Mensch, den es gab! Nichts an ihm machte Sinn, nie wußte man,
woran man war - und überhaupt! Er blieb einfach der
undurchschaubarste Mensch, den sie kannte. Eine echte
Naturkatastrophe eben!
Hermine sah ihn an, und glaubte ein
abwartendes Lauern in seinem Blick zu erkennen. Dachte er etwa, sie
sei zu feige, um an ihm vorbei zu gehen? Pah!
"Entschuldigen
Sie, Professor", murmelte Hermine, ohne den blassen
schwarzhaarigen Mann anzusehen, als sie sich mit angehaltenem Atem an
ihm vorbeiquetschte.
Kurz streiften sich ihre Körper und
Hermine fühlte, wie ihr Röte in die Wangen schoß.
Irgendetwas an Snape machte sie ganz zappelig und nervös.
Und das wußte er! Kein Zweifel, er wußte es. Da war sie
sich ganz sicher. Und er genoß es!
Er war nach wie vor der
sadistische - ups! So
sollte sie nun wirklich nicht von ihrem Professor denken. (Rassist)
Immerhin versuchte er ihr zur Zeit das Leben zu retten. Wenn auch auf
eine sehr schmerzhaften Art und Weise.
"Nun, nun, junge
Hermine Granger", tönte es ihr fröhlich aus dem
antiken Vorratsschrank entgegen. Hermine verdrehte die Augen,
fragte sich, was in den Vorratsschrank gefahren war, das er zu so
früher Stunde schon solchen Blödsinn von sich gab.
"Auch
heute wieder das Gleiche wie gestern und die Tage zuvor, werte Dame?
Nur mit gebackene Bohnen kann ich nicht dienen, denn der große
Meister hier -", die übergroßen Astlöcher im
Schrank, die wie Augen aussahen, schwenkten in Richtung Snape, "hat
vergessen mich aufzufüllen."
Snapes Zauberstab zuckte
drohend in Richtung des Schranks.
"Schon gut, schon gut",
beeilte sich der Vorratsschrank hastig zu sagen und klang plötzlich
wieder ganz normal. Dann allerdings setze er seelenruhig hinzu:
"Unser Professor
hat natürlich ganz andere Sachen im Kopf - als
BOHNEN!"
Und der
Schrank prustete so laut drauflos, das die Gläser auf ihm
erzitterten und aus seinem Innern ein lautes Poltern zu hören
war.
Snape schüttelte nur den Kopf und verließ im
hilflosen Versuch, das Zucken seiner Mundwinkel zu unterdrücken,
die Küche, während Hermine fassungslos den alten Schrank
anstarrte und sich über Snapes kommentarlosen Abgang wunderte.
Hatte er tatsächlich versucht ein Lachen zu unterdrücken?
"Du
bist aber ganz schön respektlos für einen verzauberten
Vorratsschrank", sagte sie dann. "Hast du den keine Angst,
daß der Professor dich zu Feuerholz verarbeitet?"
"Nöö,
das würde Severus mir nie antun. Schließlich kenn ich ihn,
seit er auf der Welt ist - tatsächlich sind wir
Freunde."
Hermine versuchte die Information zu verarbeiten,
daß jemand mit einem Vorratsschrank befreundet war, was ihr
allerdings nicht wirklich gelang. Besonders, weil es sich bei diesem
Jemand um Severus
Snape handelte.
"Ahm, na dann mach mir doch einfach ein
Frühstück, wie es deine Vorräte hergeben. Und ein Tee
wäre toll - na ja, eigentlich so wie jeden morgen, hast schon
recht." Wieder rumpelte es im Schrank und dann öffnete sich
die große Klappe an seiner mit Schnitzereien verzierten
Vorderseite.
„Voilà!" sagte er und Hermine stieg
der köstliche Duft von gebratenem Speck, Spiegeleiern und Toast
in die Nase. Sie zog den Teller heraus und sah, daß zusätzlich
noch ein paar Pilze und gegrillte Tomaten darauf lagen.
„Hmm,
lecker! Du bist wirklich ein ganz erstaunliches Stück
Magie!"
„Danke!" rief der Schrank
begeistert.
Hermine stellte den Teller auf dem winzigen Tisch in
der Küche, nahm einen Becher aus einem der hohen Küchenschränke,
um ihn ins offene Fach des Vorratsschranks zu stellen. Sie
schloß die Klappe. Wenige Momente sprang diese wieder auf und
der Becher war mit heißem Tee gefüllt.
„Ich habe
noch nie von so etwas wie dir gehört", stellte sie später
kauend fest. „Aber andererseits kenne ich auch nicht gerade
viele echte Zaubererhaushalte."
„Nein?" fragte der
Schrank neugierig. „Wie kommt das? Hast du keine
Freunde?"
„Sehr witzig! Natürlich habe ich Freunde
- na ja, aber die meisten davon sind Muggel und da läuft eben
nichts mit Zauberei."
„Muggel?" fragte der Schrank
mit irritiertem Tonfall in seiner Stimme - einer Stimme übrigens,
die der des Professors zum verwechseln ähnelte.
Hermine warf
dem Schrank einen finsteren Blick zu und griff nach der Zeitung, die
der Professor hatte liegenlassen. Sie schlug sie auf und versenkte
ihre Nase darin. Sie hatte keine Lust mit einem Vorratsschrank
ihre Herkunft zu diskutieren.
„Hermine? Habe ich dich
irgendwie beleidigt?"
Hermine ließ die Zeitung sinken
und sah ein dunkles Astlochaugenpaar auf sich ruhen. Daß ein
Schrank betroffen aussehen konnte, hatte sie sich bisher niemals
vorstellen können, doch wenn
einer betroffen aussehen konnte, dann dieser!
Die Holzmaserung in
seiner polierten Oberfläche hatte sich verzogen und gab ihm das
Aussehen eines echten Trauerklosses, selbst die Türgriffe hingen
traurig wie Dackelohren an ihm herunter. Hermine konnte nicht
anders, als zu lachen.
„Nein, hast du nicht. Aber ich will
nicht in diesem Haus
darüber reden."
„Hermine -", flüsterte
der Schrank erschrocken, „bist du vielleicht ... bist du ein
...
Schlammblut?"
„Jetzt
reicht's!" platzte es aus Hermine heraus. Sie rollte die Zeitung
zusammen, was die darin enthaltenen Bilder mit lautem Gezeter
quittierten, und schlug damit auf den Schrank ein.
„Muß
- ich - mich - jetzt - sogar - schon - von - Küchen - gegen -
ständen - beleidigen - lassen? Das ist ja nicht zum aushalten!
Kann denn hier keiner einen vernünftig anreden? Was ist denn
schon dabei muggelstämmig
zu sagen!?"
„Autsch, autsch, autsch!" rief der
Schrank jedes Mal, wenn ihn die Zeitung traf. „Ich wußte
doch nicht, das es auch ein anderes Wort für Schla...
Muggelstämmige gibt - ehrlich, Hermine. Jetzt hör bitte
damit auf, mir die Zeitung ins Gesicht zu schlagen. Das ist
nicht nett! Ich kann mich
schließlich nicht wehren!"
Hermine warf die Zeitung
wütend auf den Tisch und die auf den Bildern abgebildeten
Personen sahen allesamt ziemlich derangiert aus. Sie versuchten sich
wieder in Schale zu werfen, klopften sich den Staub von den
zerknitterten Kleidern und ordneten sich die Haare.
„Gib mir
was Süßes!" raunzte Hermine den Vorratsschrank
übellaunig an. „Ich muß mich irgendwie wieder
beruhigen."
Sofort rumpelte und rumorte es im Schrank, die
Klappe sprang auf und Hermine sah auf einen üppigen
Schokoladenkuchen. Sie fackelte nicht lange und machte sich darüber
her.
Einen halben Kuchen später stöhnte sie auf und
schob den Teller von sich. Sie hatte sich maßlos überfressen
und einen Schokoladenbart um Mund und Kinn. Noch ein Bissen mehr und
sie würde platzen.
Wütend war sie allerdings nicht mehr
...
„Entschuldigung, Schrank" murmelte Hermine. „Und
was soll das heißen, du wußtest nicht, das man Leute wie
mich muggelstämmige nennt?"
„Na ja", sagte
der Schrank kleinlaut, „du vergißt anscheinend, welchem
Haushalt ich entstamme. Da gibt es nur ein
Wort für Leute wie dich."
Anscheinend hatte sie es
tatsächlich vergessen, dachte Hermine ernüchtert.
„Hermine", sagte der Schrank zögernd.
„Hmm?"
„Darf
ich dich was fragen?"
Hermine nickte.
„Wie war es
für dich, zu erfahren, daß du eine Hexe bist? Wie ist das,
zu erfahren, daß da noch eine ganz andere Welt direkt neben der
euren existiert?"
Hermine warf den Schrank einen
nachdenklichen Blick zu. Wie kam es nur, daß sie mit einem
Vorratsschrank vernünftigere Gespräche führen konnte,
als mit seinem Besitzer? Der Schrank schien an ihr ehrlich
interessiert zu sein, außerdem war er der einzige in diesem
Haus, der freundlich zu ihr war.
„Es war ein Schock!"
stellte Hermine fest. „Aber irgendwie auch toll, aufregend!
Etwas, von dem man nicht glaubt, daß es wahr sein könnte,
bis es geschieht. Und wenn ich es mir so recht überlege - es war
auch eine unglaubliche Erleichterung! Meine Eltern waren genauso
erleichtert wie ich. Wir hatten ja alle geglaubt, wir spinnen! All
die verrückten Dinge, die mir ständig passierten. Immer das
Heimlichtun, daß Aufpassen und sich nicht normal zu fühlen.
Und dann war ich ganz einfach nur eine Hexe!
Und es gab sogar
Schulen für Leute wie mich, es gab andere wie mich. Es war
einfach toll. Und als ich Ron und Harry traf -"
„Harry?
Harry Potter vielleicht?"
Großer Merlin! Sogar ein
Vorratsschrank hatte schon von Harry gehört!
„Ja",
sagte Hermine. „Harry Potter. Und ich will in diesem
Haus nicht über Harry reden, okay?"
„Und das ist
auch ganz gut so", sagte Snape leise, der das letzte Drittel der
Unterhaltung mitbekommen hatte.
Die ganze Zeit über hatte er
in der Tür gestanden und Hermine zugehört, als sie davon
erzählte, wie es gewesen war, herauszufinden eine Hexe zu
sein.
Bei manchem, was sie gesagt hatte, hatte er sich an seine
eigene Kindheit erinnert gefühlt. Als auch er dachte, anders zu
sein. Sich für das, was er war, glaubte schämen zu müssen.
Und er erinnerte sich an seine Erleichterung, als er feststellte, daß
es viele wie ihn gab. Daß echte Reinblüter eigentlich die
Ausnahme waren.
Erstaunlich, dachte er, daß zwei Menschen
von so unterschiedlicher Herkunft wie sie es waren, die gleichen
Gefühle und Unsicherheiten kannten. Das Leben steckte voller
Überraschungen.
„Miss Granger," sagte er dann.
Ah,
jetzt war sie wieder Miss Granger, stellte Hermine fest. Gryffindor
war sie nur, wenn sie sich duellierten, wenn sie sich gegenseitig
Flüche an den Hals warfen - oder manchmal auch beim Tränke
brauen. Doch sobald Snape seine Leidenschaft wieder im Griff hatte,
war sie nur Miss Granger.
Schade, dachte sie. Gryffindor
war einfach viel netter.
„Sir?"
Severus Snape sah
sie an und unterdrückte ein Schmunzeln beim Blick auf ihren
schokoladenverschmierten Mund. Er räusperte sich.
„Sie
haben da etwas", sagte er leise und deutete auf Mund und
Kinn.
„Oh!" Hermine wurde rot.
Schnell wusch sie
sich an der kleinen Spüle die Spuren der Schokolade ab.
Dann
fragte sie:
„Wie sieht das heutige Programm aus,
Sir?"
„Heute kein Programm, Miss Granger. Ich denke,
Sie sollten sich heute Ruhe gönnen. Nutzen Sie den magischen
Raum für Ihre eigenen Bedürfnisse, wenn Sie möchten.
Ich habe ohnehin noch ein paar Dinge für den Dunklen Lord zu
erledigen. Außerdem will er einen Zwischenbericht über
unsere Fortschritte."
Hermine sah Snape bei den letzten
Worten unbehaglich an.
„Keine Angst. Noch stehen Sie in
meiner Obhut. Noch verlangt niemand etwas von Ihnen. Aber die Zeit
wird kommen. Schneller vielleicht, als uns lieb ist."
Snape
hatte ihr bei diesen Worten freundlich die Hand auf die Schulter
gelegt. Hermine wich dieses Mal nicht aus, sondern empfand seine Hand
als tröstlich und wohltuend.
„Nehmen Sie sich für
heute einfach frei. Ich war in letzter Zeit sehr ... fordernd. Ich
weiß das. Aber ich befürchte, uns bleibt weniger Zeit, als
wir brauchen" ... und ich will Sie nicht verlieren.
Doch diesen Satz sprach er nicht aus.
Im Gehen sagte er
noch:
„Auf Ihrem Bett finden Sie noch ein paar interessante
Bücher. Ich will, daß Sie sich in diese hinein vertiefen
und sich ein paar eigene Flüche ausdenken. Seien Sie kreativ,
lassen Sie sich was einfallen. Es wird Zeit, mit der nächsten
Stufe in ihrer Ausbildung zu beginnen."
Dann drehte er sich
um und war weg. Die Haustür fiel wenig später ins Schloß
und Hermine war allein.
Ein freier Tag? Wurde Snape tatsächlich
langsam menschlicher, oder bildete sie sich das nur ein?
„Hermine."
Hermine sah zum Küchenschrank, der
sie angesprochen hatte.
„Ja?"
„Möchtest
du nicht noch ein bißchen bei mir bleiben? Wir könnten
noch miteinander reden. Nachdem Wurmschwanz hier wohnte, verbot mir
Severus zu sprechen. Er wollte wohl nicht, daß Wurmschwanz
mitkriegt, wieviel ich über Severus weiß. Und ich denke,
das war tatsächlich eine gute Entscheidung. Außerdem war
Wurmschwanz wirklich unausstehlich!
Aber du bist nett und ich
vermisse ein echtes Gespräch. Severus ist auch nicht gerade
gesprächig - wie du vielleicht weißt. Willst du mir nicht
noch ein bißchen Gesellschaft leisten und mir was von dir und
der Muggelwelt erzählen?"
Hermine sah den Vorratsschrank
überrascht an.
„Du bist aber neugierig. Warum willst du
eigentlich etwas über die Muggelwelt wissen?"
„Warst
du denn nicht auch auf die Zauberwelt neugierig, als du von ihr
erfahren hast? Ich weiß so gut wie nichts von der Welt da
draußen, ich bin ein Schrank! Und von der Muggelwelt weiß
ich noch viel weniger. Ich möchte einfach nur wissen, was da
draußen vor sich geht. Kannst du das nicht verstehen?"
„Aber
du bist ein Vorratsschrank!"
„Na und? Du hast doch
keine Vorurteile gegenüber Vorratsschränken, oder?"
Hermine
starrte den Vorratsschrank sprachlos an und fühlte sich
schachmatt gesetzt.
Dann räusperte sie sich.
„Ähm,
nö, also schieß los. Was willst du wissen? Sag mal hast du
eigentlich einen Namen oder ist es okay für dich, Schrank
genannt zu werden?"
„Ja", sagte der Schrank
schlicht, und Hermine konnte sich aussuchen, auf welche ihrer beiden
Fragen er mit ja geantwortet hatte.
„Also hast du einen
Namen und ich kann
dich Schrank nennen. Ja?"
„Ja."
„Na
schön, Schrank. Möchtest du mir nicht deinen Namen
sagen?"
„Nein, Severus gab mir den Namen als er noch
klein war. Ich glaube nicht, daß er will, daß das jemand
weiß."
Professor Snape war mal ein Kind - kaum
vorstellbar, dachte Hermine. Aber klar, irgendwann war sogar
ein Professor Snape ein Kind.
„Was willst du denn wissen,
Schrank?"
„Sag mal, stimmt es, daß Muggel Sachen
bauen, die die Arbeiten für sie erledigen? Ich hab mal von
solchen Dingen gehört. Sie heißen Kaffeemaschine,
Waschmaschine, Küchenmaschine, Nähmaschine, Saugmaschine -
„
„Moment mal. Saugmaschine?"
„Nicht?
Ich dachte so hießen die Dinger. Die sollen einen Höllenlärm
machen, Katzen verjagen und Dreck weg machen."
„Staubsauger!
Du meinst einen Staubsauger! Nicht alle Muggelgeräte enden auf
Maschine."
„Oh bitte, erzähl mir mehr!"
Und
so saß Hermine über zwei Stunden mit dem Vorratsschrank
zusammen und erzählte ihm von den Haushaltsgeräten aus der
Muggelwelt. Der Schrank war total begeistert und fand den
Erfindungsgeist der Muggel beeindruckend, mit der sie ihre
Behinderung, so nannte er nämlich die Tatsache, daß sie
nicht zaubern konnten, wettmachten.
Nach guten zwei Stunden hatte
Hermine so eine ungefähre Vorstellung davon, wie seltsam Muggel
auf die Welt der Reinblutzauberer wirkten mußten, und warum
diese so komische Vorstellungen von der Muggelwelt hatten.
„Weißt
du", sagte sie irgendwann zum Vorratsschrank, „als ich zum
ersten Mal bei den Weasleys war, traf mich fast der Schlag. Ich war
noch nie zuvor in einem Zaubererhaushalt gewesen. Das war alles so
unglaublich. So wie du!
Ich meine, man stellt Vorräte in
dich hinein, und du machst ein leckeres Essen daraus. Das schlägt
doch jede Mikrowelle! Oder das Auto der Weasleys.
Sieht ganz
normal aus, aber es kann fliegen und die ganze Familie paßt
mitsamt dem Gepäck hinein - das ist phantastisch! Ich bin so
froh, eine Hexe zu sein. Ich bin wirklich glücklich darüber.
Sag mal, wie hat man dich eigentlich geschaffen? Weißt du
das?"
„Na ja", sagte der Vorratsschrank mit
Professor Snapes Stimme, „vor einigen Generationen war ich ein
ganz normaler Vorratsschrank, in den man Sachen hineinstellte und
wenn man mir ein Rezept vorlas konnte man das fertige Essen
herausnehmen. Das weiß ich noch. Aber im Kopf hatte ich damals
nichts. Ich war einfach nur ein Vorratschrank, konnte mich nie an was
erinnern, konnte mir nie was merken, sondern vergaß immer
gleich alles. Und dann hatte anscheinend irgend jemand die Nase voll,
mir immer die gleichen Rezepte vorzulesen und man gab mir
Erinnerungsvermögen.
Und damit, glaube ich, kam auch mein
Bewußtsein. Denn ich begann mich daran zu erinnern, wenn jemand
immer das Gleiche von mir wollte. Und ich begann auch von selbst,
verschiedene Rezepte zu kombinieren, damit es nicht so langweilig
wurde oder wenn eine Zutat fehlte, überlegte ich mir, wie man
diese ersetzen könnte - ja, ich denke, so kam ich zu meinem
Bewußtsein. Indem ich lernte."
Hermine starrte den
Schrank stumm an. Dann stand sie auf.
„Das war ein gutes
Stichwort. Ich muß mir mal ansehen, was Professor Snape mir
aufs Bett gelegt hat. Und dann gehe ich auf ein Picknick in den
magischen Raum und schmökere in den Büchern. Machst du mir
ein Picknickpaket zurecht? Hast du auch irgendwo Butterbier in
dir?"
„Mach du dir den Raum zurecht, ich mach dir ein
tolles Picknickessen", sagte der Schrank. Und Hermine lächelte
dem Schrank zu, der ihr freundlich zuzwinkerte als sie die Küche
verließ. Sie ging nach oben und betrat den magischen Raum.
Von
einem Moment zum anderen war sie in einer wüstenähnlichen
Landschaft, mit großen Felsblöcken, hier und da standen
verkohlte Baumstümpfen und Büschen (die hatten zu viel
Flüche abbekommen) und einer Menge anderer Deckungsmöglichkeiten
- es war das Szenario ihres gestrigen Übungstags.
Schon seit
Wochen übte sie hier mit dem Professor unter realistischen
Bedingungen das Kämpfen. Der Raum sah immer wieder anders aus.
Mal verwandelte Professor Snape ihn in ein kleines Klassenzimmer,
in dem sie dann in Ruhe arbeiten konnte oder er verwandelte ihn in
alle möglichen Landschaften, in denen sie das Kämpfen mit
Flüchen übten.
Das waren die härtesten Stunden.
Die Stunden, nach denen sie nur noch wie zerschlagen ins Bett fallen
konnte, manchmal nicht einmal mehr die Kraft hatte, ihre Wunden zu
pflegen - so wie gestern.
Snape hatte nicht gelogen, als er ihr
damals im Labor sagte, daß sie Schmerzen erleiden würde.
Zwar hatte er sie immer geheilt, wenn sie es nicht rechtzeitig
geschafft hatte, einem seiner Flüche auszuweichen oder ihn
wirksam zu kontern, aber geschont hatte er sie nicht. Hermine nahm
allerdings an, daß er sich bisher - für seine Verhältnisse
- zurückgehalten hatte. Schließlich hatte er noch keinen
Unverzeihlichen Fluch gegen sie verwendet. Doch Hermine fühlte,
daß ihre Schonzeit in dieser Hinsicht ablief. Bald schon würde
er sie auch damit konfrontieren. Und bei dem Gedanken verklumpte sich
ihr Magen.
Ihr Zauberstab wies in den Raum, und sie befahl eine
Frühlingslandschaft herbei. Grünes Gras, ein kleiner Bach
und blühende Bäume erschienen im Raum. Dann beschwor sie
einen blauen Himmel mit einigen weißen Wolken herauf, sah sich
das Ergebnis an und war zufrieden. Der Raum war, wie auch der
Vorratsschrank, ein kleines magisches Meisterwerk. Es bedurfte kaum
einer Anstrengung, ihn seinen Wünschen anzupassen. Wer auch
immer den Raum geschaffen hatte, war ein Meister seines Faches
gewesen.
Vielleicht machte sich Snape ja deswegen so wenig aus dem
Haus. Vielleicht hielt er sich immer in diesem Raum auf, wenn er da
war, so das kein Bedarf bestand, den Rest des Hauses zu pflegen.
Egal, dachte Hermine. Was ging sie der Zustand des Hauses ihres
Professors an?
Sie ging in ihr Zimmer, der neben dem magischen
Raum lag, und sah auf ihr Schlaflager. Drei Bücher lagen darauf,
einige Pergamentrollen, Federn und ein Tintenfäßchen.
Sie
hob die Bücher auf und warf einen Blick auf die Titel:
Spaß
haben mit den Dunklen Künsten,
von Anonymus
(Eine kreative Reise aus dem Licht in die Dunkelheit
und wieder zurück!)
Alt bekannt, neu erdacht,
von Mein-Name-tut-hier-nichts-zur-Sache
(Wie man herkömmliche
Magie wirksam ins Gegenteil verkehrt)
Das Große
Praxishandbuch für den aktiven Schwarzmagier,
von K. E. Iname
(Von der grauen Theorie zur blutigen Praxis)
Na
das konnte ja lustig werden, dachte Hermine augenverdrehend. Nahm das
Schreibzeug, schnappte sich ihren Zauberstab und verschwand im Raum
nebenan.
Seit
Stunden schon brütete Hermine über verschiedene
Zauberformeln.
Ständig stellte sie die Worte um, strich sie,
ersetzte sie oder verwarf das gesamte Konzept, um wieder bei Null
anzufangen.
Tatsächliche hatte sie die Bücher zunächst
nur mit spitzen Fingern angefaßt, als ob diese schleimig oder
völlig verdreckt wären. Waren sie nicht. Doch Hermine fand
das ganze Thema an sich widerlich. Doch je mehr Seiten sie
umgeblättert hatte, je tiefer sie in die Materie eingedrungen
war, desto mehr hatte es sie gefesselt.
Auf erschreckender Art und
Weise gefesselt.
Denn die Welt, die sich ihr zwischen den Seiten
der Bücher offenbarte, war zwar eine Schreckliche, jedoch
gleichzeitig so faszinierend und fesselnd, daß sie sich ihr
nicht entziehen konnte.
Am interessantesten war das Buch Spaß
haben mit den Dunklen Künsten. Es war eine äußerst
kreative Anleitung zum Zaubern; eine Mischung aus philosophischen
Ansichten, Geschichtsabhandlung und praktischem Übungsteil.
Es
zog Hermines Aufmerksamkeit immer wieder auf sich. Und kombiniert mit
dem Wissen aus Alt bekannt, neu erdacht hatte es sie auf
verwegene Ideen gebracht.
Sie hatte begonnen alte bekannte
Zaubersprüche umzustellen, zu erweitern oder ihnen mit minimalen
Änderungen völlig neue und manchmal ziemlich radikal andere
Bedeutungen zu geben. Das wirklich raffinierte daran war, daß
die Sprüche zunächst harmlos und bekannt erschienen.
Manche von ihnen waren zunächst auch harmlos, bis sie mit
dem darauffolgenden Fluch ihre verheerende Wirkung entfalteten. Sie
hätte es niemals für möglich gehalten, daß ein
an sich harmloser Zauber, sich zu einem furchtbaren Fluch verwandeln
konnte, wenn man ihn nur aufsplittete.
Hermine war gefesselt. Das
waren endlich Aufgaben, die sie herausforderten und vor bislang
unbekannte Probleme stellten. Die Lösungen zu finden, war
anstrengend und zeitraubend, es forderte ihren gesamten Intellekt.
Und manchmal mußte sie mit dem allgemeinen Grundwissen
beginnen, um darauf ihre Flüche aufzubauen.
Für Hermine
war es wie ein Neuentdecken der Zauberkunst. Sie hatte keine Ahnung
gehabt, das die Dunklen Künste so kreativ genutzt werden
konnten.
Ach was! Sie hatte sich überhaupt nicht vorstellen
können, wieviel Möglichkeiten in den Dunklen Künsten
steckten, denn allein schon die Vorstellung, sich mit dem Thema
auseinander zu setzen, war ihr ein Greuel gewesen.
Und allmählich
begann sie zu begreifen, daß die Dunklen Künste selbst
vielleicht gar nicht das Problem waren, sondern viel mehr der Geist
und die Absicht, die sich dahinter versteckten.
Zwischendurch
war sie aufgestanden, war nach unten gegangen und hatte sich ihre
Picknickverpflegung abgeholt. Der Vorratsschrank hatte ihr zwei
Flaschen Butterbier spendiert und ihr Picknickpaket war von
ausgezeichneter Qualität.
Nachdem sie sich in die Materie
der Dunklen Künste so sehr vertieft hatte, kam ihr langsam zu
Bewußtsein, daß der Vorratsschrank vermutlich auch durch
Dunkle Künste geschaffen worden war - und dieser war nun
wirklich nicht böse. Doch mit herkömmlicher Magie ließ
sich einem Vorratsschrank kein Erinnerungsvermögen anzaubern,
erst recht kein Bewußtsein. Hermine sah auf ihren letzten
Fluch, richtete ihren Zauberstab auf die leere Butterbierflasche und
mit einem Schwenk verwandelte sich die Flasche zunächst in eine
hohle Kugel. Harmlos, dachte sie. Einen weiteren Schwenk und
gedachten Fluch später, war das Innere der Kugel schwarz
geworden.
Hermine lächelte zufrieden. Doch dann dachte sie,
daß die faustgroße Kugel zu unhandlich war. Ein erneuter
Schwenk des Zauberstabs, und die Kugel schrumpfte auf Murmelgröße
zusammen, sah nun harmlos und wie ein Kinderspielzeug aus. Zufrieden
legte Hermine sie zur Seite.
Dann lehnte sie sich zurück,
starrte in den Himmel und ihr Zauberstab formte aus den Wolken
Schlösser und überdimensionale Tiergestalten.
Ihr war
sterbenslangweilig, wie sie erkannte. Und so erschuf sie aus den
Wolken ein Rudel Wölfe, die vor einer Herde Schafen mit langen
Reißzähnen wegliefen. Eine Horde wildgewordener Zwerge
verprügelten Riesen am Himmel, und irgendwann zauberte sie
winzige Einhörner in der Luft, die auf Surfbrettern durch die
Landschaft sausten und mit ihren kleinen Hörnern wie
zugroßgeratene Stechmücken aussahen. Sternschnuppen
begleiteten das ganze verrückte Schauspiel.
Hermine rieb
sich die Augen und gähnte. Am liebsten wäre sie
eingeschlafen.
Am Horizont jagten die Schafe immer noch den Wölfen
hinterher und gelangweilt begann sie einen Apfel zu schälen.
Merlin, war ihr langweilig! Und irgendwie vermißte sie -?
Nein, das hatte sie unmöglich denken wollen!
Sie
vermißte den miesepetrigen Snape? Der Mann, der sie
ständig bis an ihr Limit puschte? Dem nie etwas gut genug war?
Der ihr Bücher wie Das Große Praxishandbuch für
den aktiven Schwarzmagier zum Lesen gab? In das sie bisher noch
nicht reingesehen hatte, wie ihr schuldbewußt auffiel.
Sie
verdrehte die Augen. Na ja, reinsehen sollte sie wenigstens. Selbst
wenn sie der Titel allein schon abstieß. Woher bekam man nur
solche Bücher? Gab es einen Schwarzmarkt für
Schwarzmagische Bücher? Tolles Wortspiel, dachte sie belustigt
und schlug das Buch auf.
Vorwort
Willkommen in der Welt der
Schwarzen Magie. Wir, die Herausgeber dieser Seiten, möchten Sie
mit den in Ihnen steckenden Möglichkeiten vertraut machen. Sie
werden feststellen, daß - wenn Sie erst einmal gewisse Grenzen
überschritten haben - Ihnen keine Limits mehr gesetzt sind. Wir
empfehlen, jeden der hier vorgeschlagenen Flüche zunächst
an einem Muggel auszuprobieren. Das ist harmlos, und wen kümmert
es, ob es einen Muggel mehr oder weniger in der Welt gibt? Es gibt
sowieso viel zuviele von denen. Doch unser Hauptaugenmerk beim
Anwenden der Flüche sollte natürlich Schlammblütern
und deren Freunden gelten.
Schlammblüter sind nur
widerwärtige Mißgeburten, Fehlentwicklungen der Natur, die
es auszurotten gilt. Wir tun uns allen einen Gefallen, wenn wir
dieses unreine Blut aus unseren Reihen tilgen - und deren Freunde
gleich dazu!
Doch das heißt nicht, daß wir
dabei kein Spaß haben dürfen oder diese Sache mit
religiösem Eifer, zu offen ...
Hermines Augen waren wie
gebannt dem Text gefolgt, weil sie kaum glauben konnte, was sie da
las. Wut brodelte in ihr auf und sie schlug das Buch zu! Mehr
brauchte sie darüber wirklich nicht zu wissen. Sie hatte
hineingesehen und gut damit! Unglaublich!
„Miss
Granger?"
Hermine zuckte zusammen. In der Tür stand
Snape - Professor Snape! Sie fühlte sich seltsamerweise ertappt
und stand auf. Seine Anwesenheit war wie eine kalte Dusche und ihre
Wut verwandelte sich augenblicklich in eiskalten Zorn.
„Sir",
würgte sie mühsam beherrscht vor. „Ich - ich habe Sie
gar nicht bemerkt. Sie sind wieder zurück?"
„Ja.
Und ich habe hier etwas für Sie."
Snape kam auf die
Wiese, sah interessiert den Schafen nach, die endlich einen der Wölfe
gerissen hatten und wischte eines der Einhörner aus der Luft,
das sich - Horn voran - direkt auf ihn hatte stürzen wollte. Es
fiel in die Wiese, wo Snape es zertrat.
„Hmm, interessante
Kreationen, Miss Granger."
Hermine sah betroffen auf den
silbernen Fleck im Gras. Die andern Mini-Einhörner machten einen
großen Bogen um Snape.
„Hier!"
Er drückte
ihr etwas Schwarzes in die Hand. Hermine sah genauer hin und
erkannte, daß es einer seiner Überröcke war.
„Ähm,
Danke, Sir. Aber ...?"
„Vielleicht ist es Ihnen nicht
aufgefallen. Aber die Kleidung, die Sie tragen, ist mehr als nur
Bekleidung."
Snape bückte sich, hob das kleine Messer
auf, mit dem sie zuvor den Apfel geschält hatte und mit einer
kaum nachvollziehbaren schnellen Bewegung stieß er es ihr in
den Bauch.
Hermine keuchte auf, krümmte sich zusammen - und
stellte fest, daß das Messer das Gewebe ihres Hemds nicht
durchstoßen hatte.
„Oh", rief sie verblüfft
und rieb sich den Bauch, weil es trotzdem zwickte. Verwundert sah sie
Snape an.
„Meine Kleidung ist zweckmäßig und
dient vor allem dem Schutz vor Verletzungen. Sie wurde magisch
verstärkt. Sobald etwas darauf prallt, verhärtet sie sich
und nichts kann sie durchstoßen - einer Rüstung nicht
unähnlich, jedoch weitaus bequemer.
Wäre dem nicht so,
hätten Sie mehr als nur blaue Flecken bei unserem praktischen
Unterricht davongetragen.
Allerdings ist sie nur ein guter Schutz
vor mechanischen Einflüssen. Flüche gehen hindurch. Ich
gebe zu, das hatte ich nicht bedacht, als ich Ihnen die Sachen
angepaßt habe. Der Überrock jedoch ist ein recht passabler
Schutz vor Flüchen, so lange es keine Unverzeihlichen Flüche
sind. Darum nehmen Sie diesen Überrock. Und tragen Sie ihn in
auch."
Snape schwieg einen Moment. Er sah auf die
vollgeschriebenen Pergamentrollen.
„Wie ich sehe, haben Sie
ein paar Flüche entwickelt."
Hermine nickte.
„Gut.
Die werden wir bald schon testen, bleiben Sie in dieser Hinsicht am
Ball.
Sind Sie jetzt noch bereit für eine Stunde
Okklumentik? Ich habe das Gefühl, daß wir dies verstärkt
üben sollten. Sie müssen lernen, Ihre Gedanken und Gefühle
besser zu kontrollieren. Ihr Gefühlsausbruch beim Praxishandbuch
für den aktiven Schwarzmagier war nicht zu
ignorieren."
Hermines Augen verengten sich sich zornig. Doch
dann begriff sie und ihr Gesicht hellte sich auf.
„Oh, jetzt
verstehe ich. Sie haben es mir gegeben, damit ich mich darüber
aufrege!
Sie wollten, daß ich mich ärgere."
Snapes
Augen glitzerten eigenartig. Er beugte sich vor und sagte:
„Ich
verrate Ihnen was, Miss Granger.
Dieses Buch ist völliger
Schwachsinn. Darin geht es nur ums foltern und quälen von
Schwächeren, besonders aber von Muggel. Mit den Dunklen Künsten
hat es herzlich wenig zu tun, dafür aber viel mit Sadismus und
Perversion. Es ist einfach nur eine Sammlung von Abartigkeiten. Ja,
ich wollte, daß Sie sich darüber ärgern, daß
Sie sich darüber aufregen. Sie müssen lernen, Ihre Gefühle
unter Kontrolle zu halten, sonst sind sie beeinflußbar.
Und
darum werden Sie in diesem Buch lesen, und zwar so lange, bis Sie
ihre Gefühle unter Kontrolle halten können. Außerdem
sollen Sie ruhig wissen, was so genannte Schwarzmagier - zu denen
auch Todesser zu zählen wären - mit Muggel und", seine
schwarzen Augen ruhten auf ihr, „Leuten wie Ihnen zu tun
pflegen. Sie sollen wissen, gegen wen wir kämpfen."
„Wir,
Sir?"
„Oh ja, Miss Granger. Wir!"
Dann
sah er sich um, sagte:
„Lassen Sie das ganze Zeug hier
verschwinden. In einer Stunde treffen wir uns wieder, und dann will
ich keine Einhörner auf diesen komischen Brettern durch die Luft
sausen sehen."
Er drehte sich um und wollte gehen. Hermine
rief ihm nach:
„Professor Snape, Sir! Dieses Buch ... dieses
abscheuliche Buch - wie ist es in ihren Besitz gelangt?"
Snape
wand sich ihr zu. Seine Augen glitzerten kälter als zuvor. Seine
Miene war eine undurchdringliche Maske.
„Wie Ihnen bekannt
sein sollte, Miss Granger, war ich Todesser."
Dann ging
er und Hermine sank wie betäubt ins Gras. Starrte vom Buch auf
den schwarzen Überrock in ihren Händen und fühlte kaum
die Tränen, die ihr über die Wangen liefen. Warum sie
weinen mußte, war ihr völlig unklar. Ihre Hand strich über
den Überrock und mit einer hilflosen Geste drückte sie
diesen an ihre Wange.
~~~~
„Bereit?"
Hermine
nickte. Innerlich verkrampfte sie sich wieder.
Es war
schrecklich, mit Snape Okklumentik zu üben. Er war wie eine
schwarze Woge, die einen überrollte und nach unten riß.
Immer hatte sie dabei das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen -
zu ertrinken.
Sie schloß ergeben die Augen und erwartete das
Unvermeidliche.
„Sie verkrampfen sich", sagte
Snape.
Natürlich verkrampfte sie sich! Was war denn das für
eine dämliche Feststellung?
„So geht das nicht, Miss
Granger. Sie müssen lernen, anstatt auf den Angriff zu warten,
ihn schon von vornherein abzublocken."
Immer die selben
Weisheiten! Sie müssen dies lernen, Sie müssen das
lernen ... Konnte er ihr nicht einfach zeigen, wie es gehen
sollte?
„Nein, kann ich nicht, Miss Granger. Wenn Sie nicht
von selbst dahinter kommen, weiß ich nicht, wie ich es Ihnen
zeigen kann."
„Dann sagen Sie es mir doch ganz einfach!
Wie haben Sie das gelernt? Und - verdammt noch mal -
verschwinden Sie aus meinem Kopf!"
„Miss Granger. Um
Ihre Gedanken gerade jetzt herauszufinden, muß ich erst gar
nicht in Ihren Kopf sein. Die stehen Ihnen sowieso ins Gesicht
geschrieben!"
Hermine öffnete wieder ihre Augen und
funkelte Snape wütend an.
„Dann erklären Sie es
mir!" donnerte sie drauflos. „Ich habe es nämlich
satt, Sie ständig in meinem Bewußtsein zu fühlen. Das
ist beileibe keine Freude für mich!"
„Für
mich auch nicht, Miss Granger, für mich auch nicht!"
Hermines
Augen sprühten Feuer.
„Sie! Sie arroganter,
eingebildeter ...", ihr fehlten die passenden Worte um ihrer Wut
einen Ausdruck zu geben. Und so sagte sie hilflos „...
Professor!"
Snape verbiß sich ein Lachen.
Gryffindor schaffte es einfach nicht, unhöflich zu
sein!
„Stimmt!" sagte er. „Und jetzt habe ich Sie
da, wo ich Sie haben will."
Sein Zauberstab deutete auf sie:
„Legilimens!"
Und er war wie ein Raubvogel. Ohne
das sie ihn bemerkte hätte, hatte sich sein Geist auf den ihren
gestürzt. Hermine schrie protestierend auf und versuchte ihn aus
ihren Gedanken, aus ihrem Bewußtsein zu werfen.
Doch das
schien unmöglich. Hermine war wütend gewesen und Snape
nutzte dies aus, um sich Zugang zu ihrem Geist zu verschaffen.
Und
wieder fluteten Bilder aus ihrem Kopf. Bilder, die sie lieber
verborgen gehalten hätte. Da waren wieder die Situationen, in
denen Malfoy sie als Schlammblut beschimpfte, Professor Snape tauchte
immer wieder ihren Erinnerungen auf, wie er sie kalt ansah, sie
einfach ignorierte, und - dies waren die schlimmsten Erinnerungen -
die Inferi, die sie verfolgt hatten. Harry, der sie zu Tode
erschrocken ansah, als er disapparierte, sie allein zurückließ.
Dolohow, der sich über sie beugte und -. Nein!
„RAUS!"
schrie Hermine und irgendetwas in ihr schlug nach dem Angreifer in
ihrem Schädel. Snape zuckte zurück, als hätte sie ihn
tatsächlich geschlagen. Er griff sich an die Schläfen und
Hermine fühlte - fühlte plötzlich, wie sie in seinem
Geist war. Sie wollte das nicht, wollte von dort weg und begriff
nichts von dem, was sie hörte, was sie sah.
Da war Voldemort,
der sagte: „...gute Idee. Dumbledore ist ein alter Narr. Mir
gefällt der Gedanke. Du mußt ..." seine Stimme
versank während Draco Malfoys Stimme sich erhob: „...
glaubt mir. Der würde alles tun, wenn ich ..."
Voldemort
sagte: „... sind die besten Waffen. Ich habe in dieser Hinsicht
volles Vertrauen zu dir ..."
Eine alte silberhaarige Frau,
deren Augen im Dunkel wie Katzenaugen leuchteten, streckte ihr die
Hand entgegen, sagte: „... mir und ich führe dich aus der
Dunkelheit ..."
Da war ein alter Mann, der sie angeekelt
anstarrte. Sie hatte Angst vor ihm. Er sagte zu einer fahlhäutigen,
schwarzhaarigen Frau: „... dich mit diesem Muggel eingelassen.
Sieh nur, was dabei herausgekommen ist. Ein Halbblut! Gehörte
nicht in unsere Welt noch ..."
Dumbledore sagte: „...
Severus, der einfache oder der richtige ..."
Und dann,
klarer als alles andere, tauchte eine dunkle Gestalt auf. Im Licht
einer Fackel sah Hermine in ein faltiges, seltsam vertraut wirkendes
Gesicht einer alten Frau. Die Frau, die sie zuvor schon gesehen
hatte: „... in der Finsternis habe ich dich gerettet, und in
der Finsternis wirst du sie retten ..."
Draco sagte: „...
will das nicht nicht. Aber Sie können mir helfen, Professor. Ich
weiß, es vergiftet einen, weiß, daß es einen immer
tiefer und tiefer in die Finsternis zieht ..."
Und dann
wallte eiskalte Wut in ihr auf. Sie sah Harry. Er sah wie sein Vater
aus, und ebenso wenig konnte er sich an Regeln halten. Glaubte, daß
sie für ihn nicht galten, daß er ...
„RAUS!"
Hermine fühlte einen Schlag, der sie vor Schmerzen
aufschreien ließ. Sie hielt sich den Kopf, Blut rann ihr aus
der Nase und benommen sank zu Boden.
„Sie -",
hörte sie Snapes Stimme zornbebend über ihr sagen. „Sie
-!"
Dann wandte er sich ab, ging. Die Tür schlug zu und
sie war allein. Hermines Kopf schmerzte. Ihr war, als müsse er
gleich platzen. Übelkeit stieg in ihr auf. Sie konnte es nicht
unterdrücken und übergab sich.
Und plötzlich
wallten andere Bilder in ihrer Erinnerung auf. Schreckliche
Erinnerungen, die nicht die ihren waren. Sie konnte sich nicht
dagegen wehren:
Sie sah eine kleine Siedlung, die brannte. Das
Dunkle Mal stand grünlich leuchtend am nachtschwarzen Himmel.
Die Menschen schrien, rannten in wilder Panik umher. Maskierte
Todesser, mit Fackeln in den Händen, liefen durch die Straßen.
Flüche überall. Schreiende Menschen, die vor Todessern
davonliefen und Menschen, die kopfüber und halbtot in der Luft
hingen. Tote brennende Körper auf den Straßen. Rauch und
der Gestank von verbranntem Fleisch. Lachen ... Schreie ...
Schmerzen - solche Schmerzen!
Hermine krümmte sich
zusammen. Ein Kind schrie.
„Nein!" flüsterte sie
hilflos weinend. „Tut dem Kind nichts. Es ist doch noch so
jung, so unschuldig!"
Sie schluchzte. „Nicht das Kind,
nicht das Kind ..."
Oh Gott, der Schmerz!
Etwas rann ihre
Kehle herunter.
Heiß. Viel zu heiß. Es verbrannte sie
fast, doch die Erinnerungen begannen zu verblassen. Ihre Verkrampfung
löste sich. Hermine konnte wieder durchatmen.
Sie öffnete
die Augen und sah ... direkt in Professor Snapes schwarze Augen. Er
hielt sie fest, hielt ihr einen Becher fest an die Lippen
gedrückt.
„Hier. Trink noch einmal, Gryffindor.
Trink!"
Hermine trank. Der Trank war zu heiß,
doch er verdrängte die schrecklichen Bilder in ihr, und langsam
entspannte sie sich.
Snape hielt sie immer noch fest, und sie
hielt seine Hand mit dem Becher fest. Wollte ihn nie nieder
loslassen. Die Berührung mit ihm schien sie in der realen Welt
zu verankern.
„Was -?" krächzte sie, konnte vor
Entsetzen nicht mehr weitersprechen.
„Meine persönliche
Hölle", erwiderte Snape leise.
Ihr fragender Blick
versank in seinen Augen. Und die stumme Qual, die sie darin fand,
berührten ihr Herz. Wie von selbst löste sich ihre Hand und
sie strich ihm sanft über die Wange - nur um sie dann wieder wie
in Zeitlupe sinken zu lassen und ihre Augen weiteten sich, als sie
erkannte, daß sie gerade Professor Snape gestreichelt
hatte!
Doch dieser sagte nichts. Er legte den Becher zur Seite und
half Hermine auf.
„Gehts wieder?"
Hermine nickte
stumm. Etwas zittrig stand sie da und rieb sich über ihre Arme.
Ihr war eiskalt. Es war eine Kälte, die aus ihrem Innern zu
kommen schien.
„Gehen Sie nach unten", sagte Snape
sanft. „Essen Sie etwas. Ich komme gleich nach."
Hermine
nickte, ging wie betäubt nach unten, wäre nicht auf die
Idee gekommen zu widersprechen. Sie betrat die Küche und
der Vorratsschrank begrüßte sie:
„Komm, iß
den Rest vom Schokoladenkuchen. Severus meinte, daß Schokolade
jetzt genau das Richtige sei. Was ist passiert? Er war ziemlich
besorgt! Du siehst schlimm aus."
„Es geht schon
wieder", murmelte Hermine leise und setzte sich mit noch
zitternden Knien an den Tisch. Ganz automatisch aß sie vom
Kuchen, schmeckte ihn nicht. Viel zu sehr beschäftigten sie die
Bilder, die sie gesehen hatte.
Die Todesser hatten Muggel gejagt.
Keiner der Leute hatte zaubern können, es waren ganz normale
Menschen gewesen. Keiner hatte sich wehren können.
Hermine
fühlte nicht einmal die Tränen, die ihr über die
Wangen liefen. Sie war wie betäubt. Immer noch glaubte sie, die
Schreie zu hören. Glaubte den Geruch des brennenden Fleisches
nie wieder aus der Nase zu bekommen. Tonlos flüsterte sie:
„Sie
konnten sich nicht wehren ... hatten keine Ahnung, was mit ihnen
geschah ...
Wo war das Ministerium? Wieso half keiner? Wie konnte
das nur geschehen?
Wann ist es geschehen?"
„Vor
19 Jahren."
Hermine zuckte zusammen. Snape stand in der Tür,
hielt zwei Gläser in der Hand. Eine Flasche mit goldfarbener
Flüssigkeit in der anderen. Er kam an den Tisch, setzte sich,
schenkte ihnen beiden ein und schob ihr eines der Gläser zu.
„Vor über 19 Jahren, als Voldemorts Macht ihren
Höhepunkt erreicht hatte. Im Sommer vor der Prophezeiung. Es war
ein Jahr vor Harry Potters Geburt."
Hermine starrte Snape
stumm an. Er trank und schenkte sich nach.
„Ich war damals
gerade mal ein Jahr älter als Sie. Mein halbes Leben ist es
jetzt her."
Wieder trank er. Hermine roch Whisky.
„Waren
Sie dabei?" fragte sie spröde, und wollte es eigentlich gar
nicht wissen. „Haben Sie bei dieser Menschenjagd mitgemacht?"
„Ich war ... ich war dort", murmelte der
schwarzhaarige Mann und starrte in die goldfarbene Flüssigkeit.
„Habe alles gesehen ..."
„Haben Sie mitgemacht?"
schrie Hermine und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Sie
erhob sich, bemerkte es nicht einmal.
„Haben Sie - verdammt
noch mal - mitgemacht!"
Stille. Eisige Stille.
Snapes
schwarze Augen starrten sie an. Undurchdringlich wie seine verhärtete
Miene.
„... und was geschah mit dem Kind?" flüsterte
Hermine.
Snape starrte wieder ins Glas, trank.
„Es hatte
keine Schmerzen, hatte nur Angst - nur Angst", murmelte er kaum
hörbar.
„Die konnte ich ihm nicht nehmen."
Schmerzen.
Die Schmerzen waren Snapes Schmerzen gewesen?
Hermines Beine gaben
unter ihr nach. Sie setzte sich und atmete tief durch. Ungläubig
starrte sie den Mann vor sich an, fragte:
„Sie -? Sie
haben -?"
Snape hob seinen Blick und sah Hermine an. Sein
schwarzes Haar fiel ihm strähnig ins Gesicht.
„Was?
Ist es denn so unglaublich? Glauben Sie, daß in mir kein
Mitgefühl steckt? Glauben Sie, daß ich dabei zusehen
könnte, wie ein Kind gequält wird, ohne etwas dagegen zu
tun? Wie es vor den Augen seiner Eltern zu Tode gefoltert wird?
Glauben Sie das von mir?"
Jetzt war er halb
aufgestanden, beugte sich zu ihr vor, schrie er ihr den letzten Satz
entgegen.
„Glauben Sie das?"
„Ich ...
nein ... das hatte ich nicht geglaubt. Aber -."
„Aber
ich bin Todesser, nicht wahr?" nahm er ihr die Worte aus
dem Mund. Seine Stimme war gehässig, war gallenbitter. Wütend
schob er sich den linken Ärmel hoch, entblößte das
dunkle Mal, hielt es ihr wie eine Anklage entgegen.
„Einmal
Todesser, immer Todesser, ja? So einfach ist es! Niemand kann sich
ändern, was? Einmal dabei, für immer verdammt!"
Hermine
starrte auf das dunkle Mal, hob den Blick und sah in Snapes
wutsprühende Augen, flüsterte:
„Sie - Sie haben
die Schmerzen des Kindes ertragen, nicht wahr? Sie haben ihm die
Schmerzen abgenommen. Sie -" Hermines Stimme versagte.
„Die
Schmerzen des Kindes, die Schmerzen der Eltern ... Die Schmerzen ...
so viel Schmerz in jener Nacht -"
Snape setzte sich und
schob sich wieder den Ärmel herunter. Bedeckte das Mal. Das Mal
seiner Schande. Sein Gesicht war von der Erinnerung aufgewühlt
und in seinen Augen zeigte sich Verzweiflung, Scham und Zorn.
„In
jener Nach starb ich. Unendlich viele Male starb ich. Mit jedem der
hilflosen Muggel starb auch ein Teil von mir. Ich starb so viele
Tode, daß ich sie nicht mehr zählen kann. Und einer war
schrecklicher als der andere. Keinen einzigen konnte ich retten, nur
ihre Schmerzen konnte ich für sie ertragen, konnte ihnen nicht
einmal ihre Angst nehmen."
Snape sah sie mit versteinertem
Blick an. Jedes Gefühl war aus seinen Augen gewichen. Nur noch
kalte Schwärze starrte sie an.
„Ich werde niemals
verzeihen; ich werde niemals ruhen; ich werde niemals
aufgeben.
So lange nicht bis Voldemort vernichtet ist oder ich
beim Versuch, ihn zu vernichten, getötet worden bin.
Ich
war damals 19! Ich war noch so jung! Ich hatte keine Ahnung vom
Leben, hatte keine Vorstellung von der Welt. Ich hatte noch mein
ganzes Leben vor mir! Und doch, in jener Nacht endete es .... denn in
jener Nacht begegnete ich dem Bösen. Damals begriff ich das
Konzept des Bösen. Und in jener Nacht verstand ich, daß es
nur zwei Wege geben konnte."
„Den einfachen und den
richtigen", flüsterte Hermine.
Snape nickte.
„Ja,
Miss Granger", antwortete er leise und griff nach seinem Glas.
„Den einfachen oder den richtigen."
Und auch
Hermine griff nach ihrem Glas. Sie stieß mit ihrem Professor
an. Ihre Blicke trafen sich.
„Lehren Sie mich, was ich
wissen muß, Professor. Lehren Sie es mich! Selbst wenn es mich
meine Seele kostet."
Und Hermine wußte, daß sie
beide hier einen stummen Pakt schlossen. Einen Pakt, der bis zu ihrer
beider Tod gehen würde. Und auch Snape wußte es. Er nickte
und sie tranken ihre Gläser aus.
Der Whisky brannte scharf in
Hermines Kehle wie auch das Wissen in ihrer Seele, daß sie
bereit war, in den Tod zu gehen - und mit einem Mal wußte sie,
daß sie Dinge tun würde, die sie ihre Seele kosten würden.
Und sie wußte, daß sie bereit war, diesen Preis zu
zahlen. Sie würde nicht hadern, würde nicht zögern,
würde nicht zurückschrecken. Denn allein die
Gewißheit, daß sie durch ihr Handeln Voldemorts Sturz
herbeiführen konnte, sollte ihr genügen.
Und ihr Blick
begegnete Snapes' schwarzen Augen. Sie waren finster und
undurchsichtig. Doch Hermine wußte, daß er in diesem
Kampf ihr bester Verbündeter war. Ihr einziger Verbündeter.
Und sie war bereit, mit ihm in die Hölle zu gehen, und wenn es
sein mußte, würde sie dort mit ihm in die Schlacht ziehen.
Seit jener Nacht war Hermine noch ernsthafter bei der Sache.
Sie las in dem schrecklichem Buch, das ihr Snape gegeben hatte,
begann ihre Gefühlte unter Kontrolle zu halten und war nicht
länger bereit, ihre Grenzen zu akzeptieren.
Nur eins hatte
sie akzeptiert:
Nämlich daß sie sich in Snape
getäuscht hatte. Er war wohl einst Todesser gewesen - vermutlich
sogar aus Überzeugung. Doch das war inzwischen sein halbes Leben
her. Er hatte sich verändert, war ein anderer geworden. Er war
durchs Feuer gegangen und es hatte ihn verbrannt - doch es hatte nur
alles Nutzlose und Überflüssige weggebrannt und den Severus
Snape hervorgebracht, der er heute war. Und auch sie war dem Feuer
begegnet - und es hatte sie gebrandmarkt. Nun galt es herauszufinden,
ob es sie einfach nur verbrannt, oder ob es sie gehärtet und in
Stahl verwandelt hatte.
Hermines Tage begannen mit einem
Faustschlag gegen die Tür und einem lieblos geraunzten
Aufstehen! Dann verschwand sie schnell im magischen Raum, der
sich morgens von selbst in ein altmodisches, leider aber auch
ziemlich vergammeltes Bad verwandelte.
Hermine hatte schon alles
versucht, um eine anständige Dusche herbeizuzaubern, doch das
einzige, was ihr gelungen war, war ein großer Waschzuber mit
schwarzen Wolken darüber, die sich in einem donnernden
Wolkenbruch über ihr entluden und zudem noch von kalte Windböhen
begleitet wurden.
Das Allerletzte!
Sie hatte den Professor
stark in Verdacht, daß er da seine Finger mit im Spiel hatte.
Eigentlich war sie sich darüber ziemlich sicher - was hatte der
Mann nur gegen eine warme Dusche einzuwenden?
Aber danach war sie
klar im Kopf und hellwach, so daß es ihr nicht schwer fiel noch
einmal auf ihrem Zimmer zu verschwinden, um dort noch für eine
halbe oder Dreiviertelstunde zu meditieren.
Professor Snape hatte
ihr das als tägliche Pflicht aufgegeben, die noch vor dem
Frühstück zu erledigen war. Es sollte die Kontrolle über
ihren Geist stärkte und sie dadurch in der Okklumentik besser
machen - und recht hatte er. Hermine hatte es selbst feststellen
können.
Der Rest ihres Morgens bestand dann aus einem meist
stillen Frühstück, wenn der Professor in der Küche
war; war er nicht da, unterhielt sie sich mit dem neugierigen
Vorratsschrank - der inzwischen zu so etwas wie ihrem besten Freund
geworden war.
Oft hinterließ Snape lediglich eine Notiz auf
dem Tisch, in der er ihr neue Aufgaben stellte, legte ihr die Bücher
bereit und hatte auch schon den magischen Raum für sie
vorbereitet. Dann betrat Hermine einen Schulungsraum, der den
Klassenräumen in Hogwarts aufs Haar glich und versuchte die
gestellten Aufgaben zu lösen, schrieb Aufsätze und
Klausuren oder ging gleich nach unten ins Labor, braute die
verlangten Tränke, kontrollierte die angesetzten und versuchte
nicht darüber nachzudenken, was ihre Freunde wohl gerade taten,
wie es ihnen ging oder ob sie noch lebten.
Und so reihte sich Tag
an Tag und Woche an Woche. Hätte Hermine nicht ab und zu mal den
Tagespropheten in die Finger bekommen, hätte sie längst
schon den Überblick über die verstrichene Zeit
verloren.
Drei Monate waren seit ihrer Niederlagen bei dem Kampf
um den letzten Horkrux vergangen. Drei Monate, in denen Hermine das
Leben, das sie vor diesem Jetzt geführt hatte, nur noch
wie ein unwirklicher Traum vorkam.
Ron, Harry, Dumbledore ... Der
Orden ... Hogwarts ... selbst ihre Eltern - das alles schien so weit
weg zu sein, daß es gar nicht mehr zu ihr gehörte.
Zu
ihrem einzigem Bezugspunkt war Snape geworden. Snape und der
Vorratsschrank. Und von den beiden war ihr der Vorratsschrank lieber.
Seit jenem Abend in der Küche war Snape wieder so
abweisend geworden wie sie ihn stets gekannt hatte. Meist nannte er
sie Miss Granger, das freundliche Gryffindor kam nur noch bei
ihren praktischen Übungen über seine Lippen und nur, wenn
sie ihn mit ihren Flüchen in Bedrängnis brachte - was ihr
in letzter Zeit immer häufiger gelang.
Dann aber blitzte ein
verräterisches Feuer hinter dem Schwarz seiner Augen auf und auf
seinen Lippen erschien der Ansatz eines Lächelns. Dann war sie
wieder Gryffindor - und in diesen Momenten schlug Hermines
Herz nicht nur der Anstrengung wegen schneller. Und ohne daß
sie sich dessen bewußt geworden wäre, erschien auch auch
auf ihrem Gesicht ein Lächeln.
Hermine war gut geworden. Und
sie wußte es. Ihre Muskeln waren fester geworden, ihre Reflexe
schneller als jemals zuvor, und sie hatte inzwischen so viel Flüche
im Repertoire, daß es sie mehr als einem halben Tag gebraucht
hätte, um sie alle herunterzubeten.
Stumme Flüche
waren längst schon kein Problem mehr. Sie hatte ihre Gefühle
so weit unter Kontrolle, daß Snape nicht mehr erkannte, was sie
vorhatte. Und in den Okklumentikstunden blockte sie Snapes
Versuche in ihren Geist einzudringen vollständig ab, nichts aus
ihrem Inneren drang mehr nach außen.
Seit drei Tagen übte
sie mit Snape nicht länger das Verbergen ihrer Gedanken.
Inzwischen ging es darum, bewußt die Unwahrheit zu sagen,
ohne der Lüge überführt zu werden. Was weitaus
schwieriger war, als sie es sich vorgestellt hatte. Denn beim Lügen
liefen so viel unbewußte Prozesse im Geist ab, daß sie
sich erst einmal darüber hatte klar werden müssen.
Snape
war ein hervorragender Lehrer. Natürlich war er das. Ein Meister
in der Okklumentik, den Zaubertränken und den Dunklen Künsten.
Nur an seinem Einfühlungsvermögen hatte sich
nichts geändert.
Immer noch das eines Preßlufthammers,
dachte Hermine mißmutig an diesem Morgen, als sie am Tisch saß
und sich den heutigen Tagesplan ansah.
Der Zaubertrank, den Snape
von ihr verlangte, sah verdammt knifflig aus. Auch mußte sie
heute die beiden anderen Tränke vervollständigen, an denen
sie schon seit zwei Wochen arbeitete. Es waren ein Gift und sein
Gegengift. Das Gift kam heute in seine entscheidende Phase und ein
Fehler würde die Arbeit der letzten Wochen zunichte machen. Doch
Hermine sorgte sich nicht deswegen. Sie konnte sich nicht einmal
daran erinnern, wann sie zuletzt einen Trank weggeschüttet
hatte, weil er ihr nicht gelungen war.
Viel interessanter fand sie
die Aufgabe, die ihr Snape heute hinterlassen hatte. Sie sollte einen
Trank brauen - nein, eigentlich sollte sie ihn sogar erfinden - der
sich bei Kontakt mit der Luft in einen wohlriechenden Duft auflösen
und gleichzeitig als Trägersubstanz für andere Wirkstoffe
dienen sollte - Gifte bevorzugt.
Hermine beendete schnell ihr
Frühstück und ging ins Labor. Die Aufgabenstellung reizte
sie, doch ebenso schnell mußte sie feststellen, daß die
Aufgabe sogar noch schwieriger war, als sie es zunächst
angenommen hatte.
Denn was sie im ersten Moment nicht bedacht
hatte, war, daß der Trank ja schon beim Kochen der Luft
ausgesetzt war. Wie sollte sie ihn soweit stabilisieren, daß er
sich nicht gleich auflöste, sondern erst nach dem Mischen und
Abfüllen?
Hermine las in verschiedenen Büchern, stellte
unterschiedliche Rezepturen zusammen, wobei sie diese ständig
ergänzte, umstellte oder ganz verwarf.
Die gestellte Aufgabe
beschäftigte sie voll und ganz. Sie wollte zuallererst das
Ergebnis auf Papier haben, bevor sie sich ans Kochen machte.
Schließlich waren die Zutaten nicht billig und Snape, der zwar
eine geradezu unermeßliche Auswahl an Substanzen im Labor
hatte, würde nicht begeistert sein, wenn sie diese
verschwendete, nur weil sie etwas nicht bedacht hatte.
Endlich
hatte sie das Rezept zu ihrer Zufriedenheit zusammengestellt. Sie
hatte Stunden daran gesessen, war zwischendurch nur kurz
fortgegangen, um nach dem Gift zu sehen, welches langsam die richtige
Farbe annahm und ihr damit zeigte, daß alles wie gewünscht
verlief.
Hermine wußte nicht, wie lange sie schon dagesessen
hatte, aber schließlich bemerkte sie, daß sie hungrig
geworden war. Sie stand auf, dehnte sich und beschloß eine
kurze Pause einzulegen. Bevor sie weitermachte, sollte sie eine
Kleinigkeit essen und sich vielleicht ein Butterbier gönnen.
Verdient hatte sie es.
Doch kaum daß sie die Labortür
öffnete, blieb sie überrascht im Türrahmen stehen.
Eine ihr unbekannte Stimme war zu hören:
„...nen
damit. Unser Quelle sagt, daß der Orden beginnt, Verbündeten
in den anderen Zauberschulen zu suchen. Wir werden vorher zuschlagen
müssen! Und zwar noch bevor sie sich formieren. Tatsächlich
könnte das sogar unsere beste Chance sein. Wenn die Mitglieder
des Ordens unterwegs sind, werden Dumbledore und Potter mit nur
geringem Schutz zurückbleiben.
Wir beginnen demnächst
mit den ersten Ablenkungsmanövern. In Rumänien haben sich
viele Zauberer mit den Vampiren der Karpaten verbündet. Die
Schulen Suceava und Calarasi sind ebenfalls auf unserer Seite, und
viele der jungen Zauberer und Hexen der Schule Charquemont sind
bereit gegen Hogwarts und Beauxbatons anzutreten; sie konnten nie
akzeptieren, nicht zum Trimagischen Turnier zugelassen worden zu
sein. Durmstrang steht natürlich hinter uns."
„Wer
ist der neue Leiter?" hörte Hermine Snape fragen.
„Ein
gewisser Stanislav Kasarajev. Habe ihn vor kurzem getroffen -
komischer Kauz."
„Und was ist mit Durmstrangs damaligem
Champion? Diesem Krum? Der wäre doch ein gutes Aushängeschild
für unsere Sache."
„Der scheint untergetaucht zu
sein. Anscheinend steht er nicht hinter dem Kurs seiner alten
Schule."
Hermines Herz schlug schneller. War Viktor gegen
Voldemort? Sie hoffte es sehr. Sie mochte Krum, erinnerte sich gern
an ihn zurück. Er war beim Ball so nett gewesen.
Galant und
aufmerksam - aber all diese Erinnerungen schien zu einem anderen
Leben zu gehören, dachte sie.
Im fünften Jahr in
Hogwarts hatten sie sich noch Briefe geschrieben. Doch das war
eingeschlafen, als im sechsten Jahr Voldemort immer stärker
wurde. Viktor hatte geschrieben, daß die Post überwacht
wurde und Briefe von Hogwarts ihm und seiner Profiquidditchkarriere
nur schaden würden. So hatten sie es sein lassen. Von Viktor
hatte Hermine seit über einem Jahr nichts mehr gehört. Er
hatte einige spektakuläre Siege gefeiert und dann war es still
um ihn geworden. Hermine hatte nicht viel herausfinden
können.
„Schade", sagte Snape.
„Was ist
mit deinem Projekt, Severus? Du hast ja für nichts mehr Zeit.
Wenn du nicht für ihn unterwegs bist, sieht man dich kaum
noch. Ich hätte eigentlich erwartet, dich öfter bei uns im
Haus begrüßen zu können, jetzt wo du Hogwarts hinter
dir hast."
Die Stimme verstummte und Hermine erkannte
endlich, daß es die Stimme Lucius Malfoys war. Sie runzelte die
Stirn.
Snape und Malfoy gingen sehr vertraut miteinander um. Da
steckte doch mehr dahinter, als ihre Gemeinsamkeit mit den Todessern.
Erklärte dies auch, warum Snape Draco Malfoy immer so
bevorzugte?
„Ich habe immer noch nicht verstanden, was so
wichtig an diesem Schlammblut ist, warum sie bei dir ist und du
selbst dich um sie kümmerst", sagte Malfoy in diesem
Augenblick.
„Es ist auch nicht notwendig, daß du alles
verstehst, Lucius. Der Dunkle Lord hat das Projekt genehmigt. Ich
habe in dieser Sache seine volle Unterstützung. Und wenn es wie
geplant verläuft, wird das Schlammblut unser finaler Stich ins
Herz unseres Gegners sein. Wir werden Potter und Dumbledore mit
minimalem Aufwand erledigen können. Und Dolohow hätte fast
alles verdorben!"
Hermine zuckte bei den Wörtern
Schlammblut und Dolohow zusammen. Doch dann streckte sich ihr Kinn
trotzig vor. Diese Worte hatten keine Macht über sie.
Sie
würde das nicht zulassen!
„Du solltest nicht so streng
mit Antonin sein - sie lebt doch und außerdem ist sie nur ein
Schlammblut!" stellte Malfoy aufbrausend fest. „Ich
verstehe das ganze Theater um diese Granger nicht. Ich weiß
auch nicht, warum du und der Dunkle Lord so wütend wurden. Ich
wiederhole mich nur ungern. Sie ist doch nichts weiteres als ein
dreckiges Schlammblut. Und die Jungs wollten einfach nur ihren Spaß
haben! Ich meine - hey - sie waren gerade aus Askaban entkommen. Was
war schon dabei?"
„Darum geht es nicht, Lucius. Und das
weißt du ganz genau! Ich hab gesagt, daß sie nicht
anzurühren sei und trotzdem konnten Dolohow und die anderen sich
nicht zurückhalten. Fast wäre mein Plan gescheitert. Und
zwar nur, weil sich diese Idioten nicht im Griff hatten. Außerdem
ist allein schon die Vorstellung widerlich, sich mit Schlammblütern
einzulassen. Da kann man es doch gleich mit Tieren treiben. Das ist
einfach abartig!"
Hermine wurde totenbleich und lehnte sich
an die Wand. Ihr Herz schlug ihr im Hals und für einen Moment
glaubte sie, den Boden unter ihren Füßen zu verlieren.
Das war sie also für ihn. Nur ein Tier?
Aber nein,
flüsterte ihr Verstand und versuchte gegen ihre verletzten
Gefühle anzukämpfen. Das sagt er nur, weil er mit Lucius
Malfoy spricht. Denke nach! Niemand würde für ein
Tier so viel Zeit opfern. Sieh doch, wie er dir dabei hilft, immer
stärker zu werden. Sieh, wie er dir hilft zu überleben. Er
tut das, weil du ihm nicht gleichgültig bist. Denk an
das, was du in seiner Erinnerung gesehen hast, erinnere dich an euer
Gespräch in der Küche.
Hermine nickte betäubt.
Professor Snape mußte seine Rolle spielen. Natürlich! Er
mußte solche Dinge sagen. Wer weiß, was er schon alles
gesagt hatte, ohne daß sie es mitbekommen hatte. Gott, wie sehr
wünschte sie sich, sie hätte dieses Gespräch ebenfalls
nicht gehört.
„Severus!" lachte Lucius Malfoy in
diesem Moment.
„Du bist so verklemmt! Es ist doch nichts
dabei Muggel und Schlammblüter für ein bißchen Spaß
zu benutzen. Du hattest schon immer so komische Ansichten.
Kannst
du nicht einfach mal entspannen und ein bißchen Spaß
haben? Du bist viel zu verkrampft. Warum kommst du nicht mal mir und
den Jungs mit auf eine Tour? Ich kann mich gar nicht mehr daran
erinnern, wann wir das letzte Mal zusammen unterwegs waren."
„Ich
habe andere Dinge zu tun, als meine Zeit mit Perversionen zu
verschwenden!" antwortete Snape kalt. „Sollte ich meine
Meinung darüber ändern, Lucius, wirst du der erste sein,
den ich es wissen lasse."
Für einen Moment herrschte
Grabesstille im Haus, dann hörte Hermine Malfoy kühl sagen:
„Draco und Narcissa lassen dich grüßen.
Besonders Draco würde sich freuen, wenn du vorbeikommen
würdest."
Es blieb weiterhin still.
„Dann werde
ich ihnen ausrichten, daß du zur Zeit verhindert bist. Wir
sehen uns."
Die Haustür fiel ins Schloß und
Hermine hörte, wie Snape die Treppe hochging und hinter einer
Tür verschwand.
Immer noch blaß und mit einem flauen
Gefühl im Bauch stand sie unschlüssig im Türrahmen.
Hungrig war sie nicht mehr. Aber sie war auch viel zu unruhig, um zu
den Zaubertränken zurückzugehen.
Und so ging sie nach
oben, öffnete die Küchentür und wurde mit einem
freundlichem
„Hermine!" vom Vorratsschrank begrüßt.
„Was kann ich für dich tun?"
„Eine Suppe,
bitte", murmelte Hermine wie betäubt. „Mir ist kalt."
Snape
stand über den Schreibtisch gebeugt und sah auf ihre endgültige
Rezeptur. Hermine war gerade zurückgekommen.
„Sehr
schön", sage er zu ihr. „Doch bevor Sie anfangen,
sollten Sie sich noch einmal Gedanken über die Reihenfolge der
einzelnen Zutaten machen. Ich weiß nicht, ob man das
Eriodictyon an der ersten Stelle platzieren sollte. Ansonsten bin ich
auf das Ergebnis gespannt. Es sieht sehr gut und vielversprechend
aus.
Wie ich sehe ist der Schmerzhafte Schwindler gut
gelungen. Auch das Gegengift sieht gut aus."
„Danke,
Professor", murmelte Hermine und sah Snape nicht an. Sie wollte
seinen schwarzen kalten Augen nicht begegnen.
Snape zog
nachdenklich die Brauen zusammen.
„Sie sollten den Trank
heute nicht mehr ansetzen. Stellen Sie gerade noch die Zutatenliste
um, dann kommen Sie hoch und suchen Sie ein paar Ihrer eigenen Flüche
heraus. Wir werden heute deren Wirksamkeit testen. Ich habe den Raum
schon vorbereitet."
Hermine nickte zustimmend.
„Wir
sehen uns in - sagen wir mal - drei Stunden? Bis dahin haben Sie
genügend Zeit, den Trank zu vervollständigen und die Flüche
auszusuchen. Einverstanden?"
Wieder nickte Hermine.
Snape
ließ für einen Moment seine Augen auf Hermine ruhen, die
scheinbar nachdenklich auf die Trankrezeptur starrte. Nichts von
ihren Gefühlen drang zu ihm vor und so zog er nur eine Braue
hoch, drehte sich um und verließ im gewohnt eiligen Schritt das
Labor.
Fast genau drei Stunden später betrat Hermine den
magischen Raum. Snape war bereits da.
„Nun - sehen Sie sich
kurz um, und dann wollen wir loslegen."
Hermine taxierte den
Raum. Dieses Mal hatte er sich in einen kathedralengroßen Saal
verwandelt, mit Treppenaufgängen, die auf verschiedene Ebenen
führten, schweren Kristalleuchten an der Decke, drei mannshohen
Kaminen, von denen zwei befeuert waren, allerlei Möbelstücken,
langen Tischen, schweren Sofas, Rüstungen, Waffen, Schilden an
den Wänden, Wandteppichen, Bildern und unzähligen
Gelegenheiten zu stolpern, Deckung zu suchen oder dem Gegner Sachen
in den Weg zu werfen.
Hermine zückte den Zauberstab. Der Raum
gefiel ihr.
Snape hatte sie - unbemerkt von ihr - dabei
beobachtet, wie sie sich umsah.
Jeder Zoll an ihr hatte sich in
eine Kriegerin verwandelt. Sie stand so unbeteiligt und gelassen da,
das ihm ihre Selbstsicherheit fast schon den Atem verschlug. Wie sie
sich ruhig umsah und in ihrem Geist längst schon
Verteidigungsstrategien entwickelte, wie ihr Blick an verschiedenen
Dingen kurz hängen blieben - zum Beispiel den an der Wand
befestigten Waffen, die ihm mit Sicherheit demnächst um die
Ohren fliegen würden - sie Deckungsmöglichkeiten abwog und
Angriffe plante. Er konnte es nur an ihrem kurz angedeuteten Nicken
oder dem schwachen Lächeln auf ihren Lippen erahnen, wenn ihr
Blick irgendwo länger verweilte. Von ihren Gefühlen drang
nichts zu ihm durch. Sie war wirklich gut geworden, dachte er, und
immer öfter hatte sie ihn in letzter Zeit in echte
Schwierigkeiten gebracht.
Doch leider war sie immer noch zu fair.
Er beabsichtigte dies, heute zu ändern. Sie mußte lernen,
daß Fairness vielleicht noch im sportlichen Wettkampf
angebracht war, niemals jedoch auf einem Schlachtfeld!
Snape
bemerkte außerdem, daß sie im Schwarz seiner Kleidung,
des engen, ihre schlanke Figur betonenden Überrocks, aufregend
gut aussah. Auch das war für sie von Vorteil. Ihr Haar band sie
schon seit längerem zu einem Pferdeschwanz zusammen und
verknotete ihn im Nacken. So störte es am wenigsten. Alles in
allem - fand der Professor - sah sie nicht nur gut, sondern vor allem
auch aus gefährlich. Es gefiel ihm ausnehmend gut, was er
sah.
„Bereit?" fragte er.
In Hermines Blick erschien
ein lauernder Ausdruck, ein schwaches Lächeln umspielte ihre
Lippen. Sie sage:
„Bereit."
„Expelliarm-"
„Protego!"
Hermine
blockte Snapes Versuch, sie zu entwaffnen sofort ab. Einen gedachten
Fluch später duckte sich Snape gerade noch rechtzeitig, um den
Schwertern auszuweichen, die ihm direkt in den Rücken fliegen
wollten.
So weit zum Thema Fairness, dachte der Professor
überrascht. Gryffindor schien ihm heute zu grollen - so
war es ihm jedenfalls vorhin im Labor vorgekommen, und anscheinend
hatte er sich darin nicht getäuscht.
Sie suchten beide vor
den an den Wänden abprallenden Flüchen Deckung.
Blitze
zuckten durch den Raum, einer der Kronleuchter löste sich von
der Decke und verfehlte Hermine nur knapp. Wütend stand Hermine
auf und blockte den nächsten Fluch Snapes während sie ihn
gleichzeitig mit einem von ihm gerade noch rechtzeitig abgeblockten
Impedimenta von den Füßen riß, was ihn hart
gegen die Wand prallen ließ.
Snape rollte sich
augenblicklich hinter einem umgekippten Tisch in Deckung. Hermine
schickte ihm ein Stupor hinterher, der ihn nur knapp
verfehlte. Funken sprühten. Sie rief eines der hölzernen
Schilde von der Wand herbei und versiegelte seine Oberfläche mit
einem ihrer neuen Zaubersprüche.
Es glänzte nun
silbern, seine Oberfläche schimmerte unruhig und schien sich zu
bewegen. Von nun an würden die meisten Zauber einfach
reflektiert und an den Absender zurückgeschickt werden -
zumindest war das die Theorie, dachte Hermine. Und hier war der
Praxistest.
Snape stand ebenfalls hinter seiner Deckung auf und
zielte mit dem Zauberstab auf sie.
„Sie stehen verdammt
selbstsicher da, Gryffindor. Glauben Sie, diese lächerliche
Holzscheibe kann meine Flüche aufhalten?"
Hermine
lächelte.
„Warten Sie es ab, Professor! Von nun an
keine Glacéhandschuhe mehr", rief sie ihm zu und mit
einer schwingenden Bewegung ihrer Hand lösten sich zwei helle
Blitze aus der Spitze ihres Zauberstabs und trafen direkt ins Feuer
des Kamins in seiner Nähe. Die Flammen loderten so heiß
auf, daß Snape instinktiv zurücksprang.
Dem Kamin
entstiegen zwei feurige mannsgroße Gestalten, die sofort auf
Snape zugingen und versuchten, ihn in die Zange zu nehmen.
Snape
schickte Hermine ein Impedimenta zu, doch der Fluch prallte
vom Schild und der Professor konnte ihm nicht mehr ausweichen. Der
zurückkommende Fluch riß ihn von den Beinen und wieder
prallte er gegen die Wand, während die beiden feurigen Gestalten
ihm schon bedenklich nah gekommen waren, ihre brennenden Hände
bereits nach ihm ausstreckten.
Mit einem kaum zu hörenden
Plopp war Snape verschwunden.
„Verdammt!"
schrie Hermine ungehalten und sprang in Deckung. Sie haßte es,
wenn er das tat! Wo steckte der Professor? Er konnte direkt hinter
ihr aufgetaucht sein. Schnell wirbelte sie mit dem Zauberstab in der
Hand um. Nein, nichts zu sehen.
Der Schildzauber war erfolgreich
gewesen, wie sie zufrieden feststellte. Es war eine Sache, die neuen
Flüche in ihrer Kammer im stillen zu üben, doch den Zauber
während einem Kampf anzuwenden, war schon was anderes.
Hermines
Herz schlug vor Aufregung schneller. Es freute sie, das ihre ersten
beiden Flüche so erfolgreich gewesen waren und gleichzeitig
begann sich all ihre Wut über das unfreiwillig mitgehörte
Gespräch, einen Weg zu bahnen.
Schlammblüter hatte er
gesagt. Und Muggelstämmige mit Tieren gleichgesetzt. Dafür
würde sie ihn bluten lassen. Heute fühlte sie sich in der
Tat in der Stimmung, ihrem Professor eine Lektion zu erteilen. Sie
hatte es endgültig satt, sich ständig von ihm so
geringschätzig behandeln zu lassen. Respekt hin oder her. Auch
sie hatte seinen Respekt verdient!
Und außerdem sagte er
doch, daß er eine gute Kampfsimulation wolle. Sie hatte sich
viel zu lange zurückgehalten, hatte sich viel zuviel von ihm
gefallen lassen. Warum eigentlich?
„In Ordnung, Gryffindor",
hörte sie Snapes Stimme durch den Raum rufen, „keine
Glacéhandschuhe mehr. Heute Abend die harte Tour!"
Gut,
dachte Hermine und nickte grimmig. Sie schickte ein Impedimenta
in Richtung Snapes Stimme. Dann drehte sie das Schild so zurecht, so
daß sie in seiner spiegelnden Oberfläche den Raum sehen
konnte.
Die beiden Feuergestalten hatten sich wieder aufgelöst.
Hmm, dachte Hermine, daran mußte sie noch arbeiten. Sie
mußten langlebiger werden.
Sie starrte in die spiegelnde
Fläche des Schilds, doch nichts war im undeutlichen Spiegelbild
zu erkennen. Snape war vermutlich irgendwo in der oberen Etage.
Wartete wohl darauf, daß sie ihre Deckung verließ.
Und
warum ihm nicht den Gefallen tun und so herausfinden, wo er war?
Hermine erhob sich vorsichtig, mit dem Schild in der einen Hand, um
Flüche an den Absender zurückzuschicken, und dem Zauberstab
in der anderen, um weitere gleich hinterherzuschicken.
Doch
nichts geschah. Snape schien zunächst abwarten zu wollen. Er
wartete wohl auf eine günstigere Gelegenheit. Hatte
offensichtlich die Wirksamkeit ihres Schildes erkannt.
Vorsichtig
lief Hermine - jede weitere Deckung ausnutzend - weiter, um zum
Treppenaufgang zu gelangen. Plötzlich nahm sie einen
Schatten im Augenwinkel wahr und schon hatte ein Expelliarmus
sie entwaffnet.
Wütend schrie Hermine auf, warf das Schild
in Snapes Richtung und sprang ihrem Zauberstab nach. Sie bekam ihn in
die Hände und schnell wie ein Blitz drehte sie sich um.
„Stupor!"
Doch der Fluch prallte an ihrem
eigenen Schild ab und nur ganz knapp, schaffte sie es, dem
zurückkommenden Fluch auszuweichen. Verflucht, dachte sie, das
war ein wirklich guter Zauber!
Ihr Zauber ließ den Tisch
hinter Snape in die Höhe steigen und ihm den Rücken
fliegen. Es riß ihn von den Beinen, er ließ das Schild
fallen und Hermine verwandelte es mit einem Gegenzauber wieder in
sein Normalzustand zurück. Ihrem Gegner würde sie diesen
Vorteil nicht überlassen.
Schnell sprangen sie beide auf die
Beine und standen sich mit gezückten Zauberstäben
gegenüber.
„Ich bin ziemlich beeindruckt von Ihrer
Leistung heute Abend, Gryffindor" sagte Professor Snape und
atmete angestrengter als sonst. Hermine sah eine blutige Schramme auf
seiner Stirn. Geschah im recht!
„Das freut mich, Sir. Ein
Lob von Ihnen, das ist wie Weihnachten und Ostern zugleich",
antwortete sie mit einem ironischen Lächeln. Snapes Augen
blitzten auf.
„Imped-", er blockt ihren Fluch
sofort ab, ebenso, wie sie seinen Entwaffnungsfluch.
Die Wucht
ihrer Flüche riß sie beide um und sie flogen in
entgegengesetzter Richtung auseinander. Nach einem schmerzhaften
Aufprall schoß Hermine Snape ein Stupor hinterher, der
ihn knapp verfehlte, von der Wand abprallte und Funken hinterließ.
Plötzlich zog sich eine brennende Furche neben Hermine in
den Boden und sie sprang auffluchend weg, ließ mit einem
Schwenk ihres Zauberstabs eine der schweren Rüstungen in die
Luft steigen und schickte sie wie ein Geschoß in Snapes
Richtung.
Schnell rannte sie die Treppe hoch, hörte Snapes
schmerzhaften Aufschrei und drehte sich um.
Die Rüstung
hatte ihn nur gestreift, aber immerhin von den Beinen gerissen.
Hermine blieb kurz stehen und mit einer lässigen Handbewegung
ließ sie einen weiteren der schweren Kronleuchter nach unten
fallen. Direkt auf den Professor.
Es gab einen gewaltigen Schlag -
und sollte er darunter liegen, würde er trotz der schützenden
Kleidung schwer verletzt sein. Erschrocken starrte Hermine auf das
Durcheinander von zersplitterten Kristall, Rüstungsteilen und
verbogenem Metall.
Mit einem Mal wurde ihr eiskalt. Sie war zu
weit gegangen.
Plopp.
„Nicht schlecht,
Gryffindor", raunte ihr eine leise Stimme ins Ohr. „Und
hier Ihr Lohn für Mitleid mit dem Gegner - Crucio!"
Hermine
vergaß, was sie gerade gedacht hatte und brach schreiend
zusammen. Unerträglicher Schmerz durchflutete ihren Körper,
fegte jeden Gedanken an Verteidigung beiseite, ließ ihr keine
Zeit zu atmen. Noch nie hatte sie solchen Schmerz erlebt. Jede
einzelne ihrer Nervenzellen verbrannte er, schien sie zugleich aber
in dieser endlosen Qual niemals sterben lassen zu wollen. Doch ebenso
schnell wie der Schmerz sie überrollt hatte, war er vorbei.
Sie
fand sich in Professor Snapes Armen wieder, der sie festhielt.
„Tut
mir leid, Gryffindor. Aber Sie dürfen niemals, absolut
niemals mit ihrem Gegner Mitleid haben. Er wird es gegen sie
ausnutzen."
„In Ordnung, Professor", keuchte
Hermine und begann wieder klarer zu sehen. Snapes Gesicht tauchte vor
ihrem auf, seine schwarzen Augen schienen direkt in sie
hineinzublicken. Sie stieß ihn unwillig von sich, taumelte von
ihm fort.
„Lektion gelernt - machen wir weiter."
„Sind
Sie sicher? Der Cruciatus Fluch bringt das Nervensystem ganz schön
durcheinander. Möchten Sie nicht lieber eine Pause einlegen oder
ganz für heute aufhören?"
Hermine richtete sich auf
und funkelte Snape wild an.
„Nein", knurrte sie. Sie
war wütend über sich selbst, weil sie vor Schreck, Snape
könne ernsthaft verletzt sein, in ihrer Wachsamkeit nachgelassen
hatte.
„Wir spielen das Spiel heute auf die harte Tour,
Sir, ganz wie Sie gesagt haben. Ich habe noch einiges für Sie
auf Lager."
„Dann lassen Sie nach unten gehen und etwas
aufräumen. Wir beginnen wieder bei unsern
Ausgangspositionen."
Der Kristalleuchter krachte erneut
herunter.
Armer Leuchter, dachte Hermine sarkastisch, drehte ihr
Gesicht schnell zur Seite, während sie das Trommelfeuer der
scharfkantigen Splitter auf ihrer Kleidung spürte. Sie war Snape
dankbar, daß er ihr seine Sachen überlassen hatte. Erst in
letzter Zeit war ihr der wahre Nutzen der Kleidung, den Schutz den
sie bot, bewußt geworden. Jetzt zum Beispiel wäre sie
sicherlich von einigen der Splitter wie von Granatsplitter durchbohrt
worden.
„Gryffindor?"
„Heil und gesund, Sir -
Sectumsempra!"
Der Blitzstrahl verließ die
Spitze ihres Zauberstabs, den sie wie ein Degen geschwenkt hatte, und
sie hörte einen unterdrückten Aufschrei. Den Fluch hatte
Snape wohl nicht rechtzeitig abblocken können. Hermine lächelte.
Die Übungsstunde heute machte ihr mehr Spaß als jede
Stunde zuvor. Nun wo sie sich entschieden hatte, nicht mehr auf
Nummer sicher zu gehen und auch unfair zu spielen - nun wo sie bereit
war, Snape zu verletzen, machte die ganze Sache einfach mehr Spaß.
Sollte der Bastard - upps! - Professor Snape, natürlich!
- seine eigene Medizin zu schlucken bekommen (Bastard!).
Sie
hörte ein leises Fluchen und grinste. Geschah ihm recht! Was
hatte er vorhin zu ihr gesagt. Kein Mitleid mit dem Gegner. Er sollte
in Zukunft besser auf seinen eigenen Rat hören.
Hermine
schlich leise in Richtung der Treppe. Sie vermutete, daß Snape
sich dort aufhielt. Zumindest war das unterdrückte Stöhnen
aus dieser Richtung gekommen und im Moment würde er zu
beschäftigt sein, um zu apparieren.
Sie hielt die schwarze
Murmel in der Hand bereit. Mal sehen, was er von diesem Trick hielt.
Sie hielt ihn für genial!
Hermine hatte gerade ihre Deckung
verlassen, als ein Expelliarmus! ihr den Zauberstab aus der
Hand riß.
„Sie sind unvorsichtig geworden, Gryffindor.
Nur weil ihr Gegner verletzt ist, muß er deswegen nicht
ungefährlich sein. Im Gegenteil. Es ist gerade die verletzte
Beute, die zur gefährlichsten wird."
„Cru-!"
Hermine
zerbrach die Kugel zu Snapes Füßen, bevor er den Fluch
beenden konnte.
Schwarzer Nebel stieg auf, hüllte Snape
augenblicklich ein, drang durch seine Nase und Lungen in ihn ein. Und
Hermine bückte sich seelenruhig nach ihrem Zauberstab, hob ihn
auf. Gelassen stand sie da.
Snape blieb im Nebel gefangen, der
sich wie eine Glocke um ihn gelegt hatte, sah nichts.
„Verdammt,
Gryffindor! Das ist ein guter Trick! Und nun beenden Sie es."
„Mehr
als ein Trick, Sir!"
Hermine richtete ihren Zauberstab auf
Snape.
„Mutilocrudelis"
Ein Blitzstrahl
löste sich vom Zauberstabs, traf auf das Schwarz des Nebels,
drang in ihn ein und verzweigte sich zu einem feinen Netz im Schwarz.
Hermine hörte seltsame Geräusche - ein dumpfes Krachen und
dann erkannte erschreckt, daß es brechende Knochen waren, was
sie da hörte. Snape schrie auf.
„Gryffindor!"
gurgelte er, griff sich an die Kehle und hatte den Eindruck Säure
eingeatmet zu haben. Er hustete, würgte und schmeckte
Blut.
„Finite!" rief Hermine augenblicklich und
wollte dem Professor zur Hilfe eilen. Doch sein Zauberstab zuckte
hoch und hielt sie zurück.
„Professor", flüsterte
sie mit einem erschrockenem Blick auf sein blasses von Schmerzen
verzerrtes Gesicht.
„Das war hervorragend, Gryffindor,
wirklich hervorragend!" keuchte dieser.
Immer noch hielt
sein Zauberstab Hermine in Schach. Eine dünne Blutspur lief ihm
aus dem Mundwinkel.
„Professor ..." sagte sie mit
leiser Stimme, Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie war sich der
Wirkung des Fluchs nicht bewußt gewesen, „... Sie sind
ernsthaft verletzt. Lassen Sie sich helfen."
Zusammengekrümmt
stand Snape vor ihr, konnte seinen Schmerz nicht verbergen, atmete
nur in kurzen abgehackten Zügen.
„Wissen Sie was?"
sagte er rau und mit gepreßter Stimme. „Es ist schon
ziemlich spät geworden. Sie sind für heute entlassen. Sie
waren heute ... wirklich gut! Ich will so etwas in Zukunft noch öfter
von Ihnen sehen. Und jetzt entschuldigen Sie mich.
Ich bin
indisponiert."
Taumelnd verließ er den Raum, konnte
sich kaum noch auf den Beinen halten.
Hermine aber sank entsetzt
zu Boden, blieb wie erstarrt sitzen. Sie hatte Professor Snape
wirklich schwer verletzt. Und es hätte ihr eigentlich klar sein
müssen.
Doch das Zusammenbasteln der Flüche, das Feilen
an ihrer Wirksamkeit, das sich Ausdenken, mit welchen
Wortkombinationen, welchem Schwenk des Zauberstabs man den größten
Schaden anrichten konnte - das war alles nur Theorie gewesen. Es war
ein Spiel gewesen. Es hatte einfach nur Spaß gemacht, hatte
ihren Intellekt herausgefordert. Doch zu sehen, wie der Fluch wirkte,
war etwas ganz anderes.
Hermine zitterte und war - wenn
überhaupt möglich - noch blasser als Snape.
Sie mußte
etwas unternehmen, mußte Snape helfen. Er konnte sich mit
seinen Schmerzen unmöglich selbst heilen.
Sie mußte
sofort ins Labor und ihm einen Heiltrank brauen. Irgend etwas, das
ihm die Schmerzen nahm, so daß er ihr zeigen konnte, wie sie
ihn heilen konnte.
Als sie das Labor betrat, war all ihr Groll
auf Snape verschwunden. Sie war allein. Doch irgendwo tief in ihrem
Innern hatte sie gehofft, Professor Snape dort vorzufinden. Natürlich
hatte sie nicht ernsthaft daran geglaubt. Vermutlich war er auf
seinem Zimmer und versuchte sich selbst zu kurieren.
Störrischer
eingebildeter dummer Mann! dachte Hermine wütend. Er würde
sie niemals um Hilfe bitten, selbst wenn es ihn das Leben
kosten würde! Er war ein verdammter Idiot!
Hermine zog sich
wütend den hinderlichen Überrock aus und suchte die Zutaten
zusammen. Dann begann sie, einen bewußtseinsklärenden und
schmerzstillenden Trank zu brauen.
~~~~
Eine gute
Stunde verging, bis der Trank endlich dampfend im Becher bereitstand
und Hermine nervös die Treppe hinaufeilte. Es hatte viel zu
lange gedauert, dachte sie schuldbewußt. Hoffentlich hatte er
nicht die Tür zu seinem Zimmer blockiert.
Ach, und wenn
schon, dachte sie dann ganz resolut, ... sie würde sie ganz
einfach aufsprengen.
Aber was wenn er bewußtlos war? Sie
kannte keine Heilzauber. Sie mußte ihn dringend darauf
ansprechen - sobald diese Krise überstanden war.
Mit bangem
Herzen drehte Hermine am Türknopf. Sie war außer sich vor
Sorgen, machte sich schwere Vorwürfe.
Doch die Tür lies
sich problemlos öffnen und Hermine eilte erleichtert ins Zimmer.
Sie hob den Blick vom Becher, stoppte und starrte Professor Snape an,
der irgendwie anders aussah als sonst. Schließlich begriff sie,
daß er nackt im Zimmer stand und mit einer dicken Schicht aus
verkrustetem Blut überzogen war.
Den Zauberstab hielt er
noch in der Hand, starrte in einen mannshohen trüben Spiegel und
schien das Ergebnis seiner Heilkunst begutachtet zu haben. Und obwohl
das Licht im Raum kaum als solches zu bezeichnen war, genügte es
doch, um die schrecklichen frischen blauroten Narben zu sehen, die
seinen Körper entstellten. Und unter der dunklen rostigen
Schicht des Blutes konnte Hermine dunkle Flecken sehen. Vermutlich
Prellungen und Blutergüsse.
Dann blinzelte sie verwirrt. Für
einen Moment schien ihr, als hätten sich die dunklen Flecken
bewegt. Irritiert sah Hermine in den Spiegel und begegnete Snapes
Blick. Sie erstarrte. Kein weiterer Gedanke war mehr in ihrem
Schädel.
Wie zwei finstere schwarze Schlote sahen ihr seine
Augen entgegen. Sie hatte das Gefühl, in sie hineinzufallen.
Snape fuhr herum, sein Zauberstab schwang auf die kleine
Nachtischlampe. Heiser vor Wut zischte er:
„Skotomênê
nox!"
Ein schwarzer Strahl verließ die Spitze
seines Zauberstabs und schien alles Licht in sich einzusaugen. Eine
Finsternis breitete sich aus, wie sie Hermine noch nie erlebt hatte.
Dann sagte Snapes Stimme fauchend: „Concludo!",
und die Tür fiel krachend ins Schloß. Hermine stand wie
festgefroren in der Finsternis. Panik stieg in ihr auf.
Sie hörte
ihn auf sich zukommen und stolperte in ihrer Angst zurück.
Er
würde sie umbringen, dachte sie. Er würde sie ganz sicher
umbringen! Sie hatte einen schrecklichen Fehler begangen. Sie war
unangemeldet in sein Zimmer hereingeplatzt, hatte ihn nackt gesehen,
und sie wußte, er würde ihr das niemals verzeihen. Er
würde sie umbringen!
Zwar hatte sie vor lauter Blut gar
nichts gesehen, doch - so erkannte sie - war sie zu weit gegangen. In
ihrer Sorge um ihn war sie einfach zu weit gegangen, hatte eine
Grenze überschritten, die sie nie hätte überschreiten
dürfen.
Eine Hand packte sie grob am Hemd und stieß
sie zurück. Hart prallte sie mit dem Rücken an die Wand,
der Becher flog ihr aus der Hand und Hermine hörte ihn dumpf zu
Boden fallen.
„Sie -! Sie sind zu weit gegangen,
Miss Granger! Was glauben Sie, wen Sie vor sich haben? Was glauben
Sie, mit wem Sie es zu tun haben?
Glauben Sie, ich gestatte es
Ihnen, dermaßen in meine Privatsphäre einzudringen? Hatte
ich Ihnen nicht gesagt, Sie sind entlassen? Hatte ich Ihnen nicht
gesagt, ich sei indisponiert?
Aber nein! Miss Granger hat
eigene Pläne! Kommt in mein Zimmer geplatzt ohne einmal
anzuklopfen und will den verdammten Samariter
spielen!"
Wutschnaubend verstummte der Professor und
dröhnende Stille machte sich in dem kleinen Zimmer
breit.
Hermine versuchte Luft zu holen, konnte vor Angst kaum klar
denken. Er würde sie umbringen, war das einzige, das sie denken
konnte. Gleich würde er sie umbringen! Sie fühlte Snapes
Atem dicht bei sich. Sein Gesicht mußte direkt vor dem ihrem
sein. Fast schon glaubte sie seinen durchdringenden Blick auf sich
ruhen zu fühlen. Hatte er noch seinen Zauberstab in der Hand.
Bedrohte er sie damit? Hermine erstarrte, rührte sich nicht,
wollte ihn nicht noch mehr reizen.
„Miss Granger kann
einfach nicht tun, was man ihr sagt, nicht wahr? Ganz wie ihr Freund
Potter. Der auch ständig die Regeln bricht und seinem
Bauch folgt, anstatt einmal auf seinen Verstand zu hören.
Wobei
ich bei Potter allerdings meine Zweifel habe, daß der auch nur
ein Fünkchen Verstand besitzt. Sie aber, Miss Granger,
Sie haben mehr Verstand als das gesamte siebte Schuljahr. Warum also
können Sie nicht einfach tun, was man von Ihnen
verlangt?"
Hermine atmete ganz flach, preßte sich an
die Wand, wagte es nicht, etwas zu sagen.
Und dann bemerkte sie,
wie sie plötzlich ruhiger wurde, wie die Panik von ihr wich, wie
sich irgend etwas um sie herum veränderte. Sie konnte es nicht
benennen, aber plötzlich spürte sie, daß der
Professor selbst sich veränderte. Er wurde ruhiger, sein
Atemrhythmus änderte sich, fast schien es ihr, daß er -
ihren Geruch einatmete?
Leise flüsterte ihr seine Stimme ins
Ohr:
„... oder hatten Sie vielleicht etwas ganz anderes im
Sinn, als sie hier so ungebeten hineingeplatzt sind ...?"
Hermine
fühlte Snapes Präsenz geradezu körperlich. Sie mußte
nicht erst in seine schwarzen Augen sehen, um von ihm eingeschüchtert
zu sein. Er strömte eine solche Kraft und Wut aus. Fast schon
berührten sich ihre Körper. Sie roch ihn ... er ...
Hermine
schluckte.
Hier in der Dunkelheit erkannte sie mit einem Mal, was
es war, das sie an Snapes Nähe immer so beunruhigte, was sie so
unsicher machte und warum sie seinen Berührungen auswich. Sie
erkannte, daß es der Mann war, der sie verunsicherte und
nicht der Professor. Es war der Mann Snape! Und diese
Erkenntnis versetzte ihr so einen solchen Schlag, daß ihr Herz
für einen Moment kurz aussetzte und sie die Luft ausstieß,
fast so, als hätte sie tatsächlich jemand geschlagen.
„Sir", flüsterte sie dann und versuchte Klarheit
in das Chaos ihrer Gedanken und Gefühle zu bekommen. Sie
ignorierte hartnäckig das aufsteigende Prickeln zwischen ihren
Schenkeln, konnte kaum glauben, daß es so intensiv war. Sie
mußte dringend hier raus, dachte sie panisch. Das konnte doch
nicht sein!
„Entschuldigen Sie! Es war niemals meine Absicht
-"
Hermine verstummte abrupt. Sie spürte Snapes Haare
ihre Wange streifen. Er hatte sich zu ihr vorgebeugt.
„Gryffindor",
hörte sie seine Stimme weich und samtig in ihr Ohr flüstern.
Nie zuvor hatte sie diesen Ausdruck in seiner Stimme gehört.
„Sie sind zu weit gegangen, viel zu weit. Sie haben sich
auf mein Terrain begeben. Sie sind zu mir in die Finsternis gekommen
- und nun werden Sie diese mit mir auch ertragen."
Bevor
Hermine sich über seine Worte Gedanken machen konnte, fühlte
sie auch schon eine Hand auf ihrer Brust. Scharf sog sie die Luft
ein.
„Sir!"
„Zu spät, meine Liebe. Sie
sind zu mir gekommen."
„Aber -"
„Kein
aber mehr, dafür ist es lange schon zu spät. Sie
sind im Herzen der Finsternis angelangt. Das ist mein Revier. Sie
selbst haben die letzte Grenzen überschritten. Ab jetzt gibt
kein zurück mehr."
Der Hand auf ihrer Brust folgte eine
zweite. Sie streichelten sie, fuhren langsam ihren Körper
entlang, erforschten ihn. Wanderten über Hüften und Bauch,
umschlossen die Taille nur um dann wieder nach oben zu wandern und
erneut sanft über ihre Brüste zu streicheln.
Hermines
Körper reagierte automatisch. Wo Sape sie berührte, schien
sich eine flammende Spur in ihre Haut einzubrennen. Sie schnappte
nach Luft. Was geschah hier mit ihr? Wurde ihr gerade schwindlig?
„Oh
mein Gott ...", keuchte sie, wußte nicht, was sie tun
sollte. Ihr Körper verriet sie! Sie wollte nicht, daß er
aufhörte, sie zu streicheln. Er sollte weitermachen, aber das
konnte nicht recht sein! „Sir ..."
War es eine Bitte
aufzuhören ... oder weiter zumachen? War es der Versuch, den
Anstand zu wahren? Sie wußte es nicht und Snape ließ ihr
keine Chance, länger darüber nachzudenken.
Seine Hände
umfaßten zart ihr Gesicht, sie fühlte, wie seine Lippen
auf die ihren trafen und ihr Mund öffnete sich ihm wie von
selbst. Nein, sie hätte sich ihm nicht verschließen
können, denn alles in ihr, verlangte nach diesem Kuß.
Hermines Arme umschlossen seinen Nacken, und sie stellte sich auf die
Zehenspitzen, um seinem Kuß zu begegnen.
Ihre Zungen trafen
sich. Zunächst nur zögernd, vorsichtig tastend. Doch schon
nach kurzer Zeit verloren sie beide ihre Scheu, faßten
Vertrauen zueinander und begannen einander zu umwerben, während
ihre Lippen aneinander knabberten und saugten.
Hermine gab sich
der Intensität und Zärtlichkeit dieses Kusses hin, hörte
nicht ihr eigenes leises Seufzen und Stöhnen, sondern drückte
ihren Körper fester an den von Snape. Ihre Hände wanderten
dabei von seinem Nacken zu seine Schultern hinab, folgte den Konturen
der Muskel seiner Arme, bis sich ihre Hände berührten, sich
streichelten, kurz ineinander verschränkten nur um dann wieder
von einander zu lassen, um weiter über den Körper des
Anderen zu wandern.
Wie zwei Verhungernde lagen sie aneinander in
den Armen, kosteten voneinander, knabberten aneinander, seufzten und
hielten sich gegenseitig fest. Schließlich, berauscht von dem
Gefühl ihrer Hingabe, lösten sich ihre Lippen und sie
versuchten beide wieder zu Atem zu gelangen.
Hermine sagte nichts,
war viel zu verwirrt und glaubte nicht so recht, daß das
tatsächlich geschah. War es vielleicht nur ein verrückter
Traum? Hatte sie zufällig einen Liebestrank gebraut und lag nun
von den Dämpfen betäubt wie eine rollige, vor Lust halb
wahnsinnige Katze, im Keller?
Das konnte doch unmöglich
Professor Snape sein. Schließlich verachtete er sie, und sie
ihn - oder vielleicht doch nicht? Was geschah hier?
Hermine
spürte, wie der Mann vor ihr begann, ihr langsam, Knopf für
Knopf, das Hemd aufzuknöpfen und es ihr abstreifte. Ihr Atem
beschleunigte sich. War es nicht egal, wer er war, dachte sie. Er
brachte etwas in ihr zum Klingen. Ließ sie nach etwas sehnen,
das sie nicht kannte.
Sie fühlte, wie zwei Finger ihr sanft
die Kehle entlang fuhren, über die Grube zwischen ihren Brüsten
strichen, leicht über ihren Bauch glitten, um am Nabel zu
stoppen. Hände begannen ihr die Hose zu öffnen. Hermine
half mit, sie abzustreifen, denn sie wünschte sich in diesem
Moment nichts mehr, als die nackte Haut dieses Mannes auf der ihren
zu spüren.
Es war egal, wer er war. Und es war vollkommen
unwichtig, wer sie war. Sie waren nur eine Frau und ein Mann, die
sich in der Dunkelheit trafen und die es nach einander verlangte. Da
gab es längst schon kein richtig oder falsch mehr. Es gab nur
sie beide ... und Hermine hörte auf, nachzudenken. Sie gab sich
einfach ihrem Verlangen hin.
Der Kopf des Mannes, der vielleicht
Professor Snape war, beugte sich vor, warme Lippen umschlossen ihre
hart gewordenen Brustwarzen und begannen mit ihnen zu spielen, an
ihnen zu saugten. Abwechselnd und wie naschend wanderte der Mund mal
von der einen Brust zur andern, knabberte, saugte, spielte, und
Hermine fühlte warme Hände, die über ihren Körper
wanderten und sie mit jeder Berührung in Flammen setzten.
Zwischen ihren Schenkeln brannte ein Feuer, das sie hilflos vor
Verlangen machte. Sie stöhnte leise, ohne es selbst zu
bemerken.
Der sie liebkosende Mund kehrte wieder zu ihrem Gesicht
zurück und ihre Münder fanden sich. Hermine preßte
instinktiv ihren Körper an den starken Körper vor sich -
nur um dann erschreckt zurückzuzucken, weil sie seine
Männlichkeit spürte, die sich hart und pochend an sie
drückte.
„Schschh, Hermine", flüsterte ihr
die Stimme beruhigend ins Ohr und eine Hand strich ihr über das
Haar. „Nichts wird hier geschehen, das du nicht auch
willst."
„Versprochen?" fragte sie
flüsternd.
„Versprochen", kam es bestätigend
zurück und die Hand glitt über ihren Körper bis zur
Taille, strich sanft über die Kurven ihrer Hüften, nur um
dann auf dem weichen Vlies ihrer Scham zum Ruhen zu kommen.
Hermine
hielt unbewußt die Luft an. Die Hand lag immer noch still auf
ihrem samtenen Hügel, während sie in angespannter Erregung
das Atmen vergaß. Und dann legte sie ihre Hand auf die seine,
drängte sie in die warme feuchte Spalte und als er sie dort
berührte, stieß sie mit einem leisen wohligen Aufseufzen
den Atem aus.
Seine Finger erkundeten die Hautfalten, strichen
sie sanft auseinander und fanden schließlich die kleine harte
Erhebung, die sie sanft zu reiben begannen, um dann schneller und
fester über sie hinwegzugleiten bis Schauer der Lust ihren
Körper durchströmten und sich leise Laute der Wonne von
ihren Lippen lösten.
Hermine wollte mehr.
Sie wollte
mehr von diesen Gefühlen, wollte dem Mann, der ihr das alles
gab, noch näher kommen. Doch das mußte sie nicht sagen,
den ihr Körper sprach es von allein aus. Er preßte sich
der Hand entgegen und ihr Becken hob sich an, um etwas zu empfangen,
das den Brand, dieses hungrige Feuer in ihrem Innern löschen und
ihr Erlösung bringen würde. Sie konnte sich kaum noch auf
den Beinen halten, die Muskeln ihrer Schenkel begannen zu zittern und
wäre da nicht die Wand in ihrem Rücken gewesen, dann wäre
sie längst schon zu Boden gesunken.
Die Hand zog sich
plötzlich von ihr zurück, was sie mit einem leisen Laut der
Enttäuschung quittierte. Sie hörte ein leises, tief aus der
Kehle kommendes freundliches Lachen, und dann umschlossen sie starke
Arme, hoben sie hoch und legten sie auf eine flauschige Decke über
hartem Grund.
Hermine war es egal, worauf sie lag. Sie wollte
sich einfach nur dem Mann hingeben, der so sanft und gekonnt all
diese Gefühle in ihr entfachte. Der ihren Körper
anscheinend sehr viel besser kannte, als sie selbst.
Wieder
streifte sein langes Haar ihre Wangen. Hungrig empfingen ihre Lippen
die seinen. Und dann wanderte seine Hand wieder zur feuchten Wärme
ihrer Schenkel und er begann, das anschwellende Fleisch zart zu
massieren, nur um zwischendurch immer wieder zu dem kleinen festen
Knubbel zurückzuwandern, ihn zu reiben, mit ihm zu spielen und
ihren Lippen verzückte kleine Schreie zu entreißen. Sie
drückte sich an ihn, rieb ihre Haut an seiner, konnte seine
Härte spüren, doch es erschreckte sie nicht, denn sie
vertraute seinem Wort, sie vertraute ihm. Sie wußte, daß
nichts geschehen würde, was sie selbst nicht auch wollte. Und
dann durchfloß sie wieder dieser warme Strom der Lust. Und sie
stöhnte, flüsterte mehr zu sich, als zu ihm:
„Wie
kann das sein ... ich wußte es nicht. Wie kann das nur so
wundervoll sein?"
Und dann hörte er auf, beugte sich
ganz über sie und Hermine spürte für einen kurzen
Augenblick sein Gewicht auf sich ruhen. Die Härte seines
Geschlechts streifte kurz die feuchte Wärme zwischen ihren
Schenkel und einen Moment lang verkrampfte sich etwas in
ihr.
„Schschh", flüsterte ihr die Stimme wieder
ins Ohr. „Vertraue mir. Es geschieht nichts, was du nicht auch
willst."
Dann küßte der Mund ihren Hals, wanderte
langsam zu ihren Brüsten, knabberte verspielt an ihren
Brustwarzen nur um weiter hinabzuwandern und am Nabel zu stoppen.
Eine warme feste Zunge umkreiste spielerisch den Bauchnabel und
verführte sie zu einem leisen Kichern.
Dann wanderte der
Kopf hinab zu ihren Schenkel, die starken Arme umschlossen ihr Becken
und ein warmer Mund küßte sie direkt auf ihre
Weiblichkeit.
Hermine sog scharf die Luft ein, ihr Becken zuckte
hoch, doch die Arme hielten sie fest, fixierten sie, so daß sie
keine Chance hatte, sich der Intensität dieses Kusses zu
entziehen.
„Oh!" rief sie, kam halb hoch, jedoch nur
um wieder zurückzufallen und sich ganz diesem neuen Gefühl
hinzugeben. Was war das nur für eine Magie? Wer war dieser Mann,
der sie so sehr in Verzückung versetzte? Der nicht nur ihr
Fleisch berührte, sondern auch ihre Seele liebkoste?
„Severus",
flüsterte sie kaum hörbar, fast klang es wie ein Stöhnen.
Hände strichen ihr Haar beiseite, eine Zunge begann die
Spalte zu erkunden und ein Mund senkte sich auf die kleine harte
Erhebung, saugte sich fest während die Zunge mit ihr spielte und
starke Arme ihr zuckendes Becken festhielten.
„Oh mein
Gott! Severus!" schluchzte Hermine vor Wollust auf. Und dann
wiederholte sie seinen Namen, wieder und wieder, als wäre es ihr
geheimes Mantra der Lust. Ihr Becken zuckte, Tränen der
Verzückung liefen ihr über die Wangen und ihr gesamter
Körper stand in Flammen. Sie atmete nur noch keuchend und das
Haar in ihrem Nacken war von Schweiß verklebt wie auch ihr
gesamter Körper. Wenn nicht gleich etwas geschah, so glaubte
sie, würde sie auflodern und verbrennen!
Wieder erhob sie
sich halb, ihre Arme griffen nach den Schultern des Mannes, der ihr
all die Lust schenkte, und sie zog ihn zu sich hoch, weg von dem
Feuer, das er in ihrem Schoß entfacht hatte, und sie flüsterte
ihm aufgeregt ins Ohr:
„Oh, bitte ... bitte - hilf mir. Ich
will es, ich brauche es, ich verbrenne. Ich -"
Sein
leidenschaftlicher Kuß verschloß ihr den Mund. Ihre
Schenkel hatten sich weit für ihn geöffnet, und als sie nun
seine harte Männlichkeit am Eingang ihrer Weiblichkeit spürte,
fühlte sie nur Erregung und die Sehnsucht, ihn zu empfangen, ihn
in sich aufzunehmen und sich mit ihm zu vereinen.
„Ja",
keuchte sie ihm atemlos ins Ohr, „oh ja, komm zu mir, bitte
..."
Und sein köstliches Gewicht senkte sich auf sie -
und dann fühlte sie, wie seine Härte in sie eindrang. So
unendlich langsam, so sanft, so voller Hingabe, daß sie vor
Verzückung zu zerspringen drohte.
Ein Schrei stieg in ihr
auf, tief aus ihrem Innern, und sie verkrampfte sich um ihn, bog sich
ihm entgegen - und starb in seinen Armen. Oder zumindest fast.
Sie
atmete noch, stellte Hermine eine Ewigkeit später fest, aber
vielleicht waren es auch nur Sekunden später. Immer noch wallten
Ströme der Leidenschaft durch ihren Körper hindurch, ließen
sie leise aufseufzen, sich in den Armen dieses Mannes räkeln,
dieses Zauberers, der sie fest an sich drückte als würde er
sie nie wieder loslassen wollen. Pulsierend umschloß ihr
Innerstes sein hartes Fleisch, das sie ausfüllte, sie erfüllte
und das sie nicht mehr hergeben wollte.
Langsam beruhigte sich ihr
Atem. Das wilde Herzklopfen verklang und ein Mund küßte
sanft ihre geschlossenen Augenlider. Ein Seufzen entsprang ihren
Lippen und etwas, das wie ein Schnurren klang, löste sich aus
ihrer Kehle. In aufwallender Zärtlichkeit strich sie sanft durch
das lange Haar, von dem sie wußte, daß es schwarz war.
Und ihr Mund suchte nach dem süßen, süßen
Mund, der