Das Herz der Dunkelheit


von Darkchild




Feedback


Die Autorin hat eine Homepage zu Rickman und Snape.
Hier gibt es u. a. auch Interessantes über den Zaubertränkemeister zu lesen.



Kapitel 1


Titel: Das Herz der Dunkelheit

Autor: Darkchild
Kategorie: Drama, Abenteuer, Erotik

Inhalt: Hermine und Snape sind wie vom Erdboden verschwunden. Während des letzten Einsatzes des Phönixordens ist etwas entsetzlich schiefgegangen und um Hermines Leben zu retten, mußte Snape sie zu den Todessern mitnehmen. Doch auch hier ist ihr Leben in Gefahr und Snape bleibt am Ende nur eine Wahl, will er sie retten: Er muß sie in den Dunklen Künsten ausbilden. Doch kann das gut gehen? Kann Hermine der Dunkelheit in ihrem eigenem Herzen widerstehen? Und was hat diese alte, längst verdrängte Erinnerung Snapes damit zu tun? Eine Erinnerung, in der ihm einst gesagt wurde, es sei sein Schicksal, eine muggelgeborene Hexe zu einer furchtbaren Waffe auszubilden ...
FSK: 17 Jahre
Status: Abgeschlossen


betagelesen von Natalie




"Das Böse lebt nicht in der Welt der Dinge.
Es lebt allein im Menschen."
(aus China)




Kleine Gebrauchsanleitung:

Nichts von den Geschehnissen zum Ende des Sechsten Buchs ist in dieser Geschichte geschehen. Sie spielt nach Ende des sechsten Schuljahres, zu Beginn des siebten. Auch habe ich einige Ereignisse dazu erfunden, die so im sechsten Buch nicht geschehen sind:
Harry, Ron und Hermine sind inzwischen Mitglieder des Ordens, sie sind volljährig und der Betrieb in Hogwarts geht normal weiter. DD ist weiterhin Schulleiter, Draco nach wie vor auf der Schule. Snape und Hermine begannen bereits zu Ende des sechsten Schuljahres im Geheimen an einer Zusammenarbeit zum Lokalisieren der Horkruxe. Keinem der beiden gefiel diese Zusammenarbeit, doch die Ergebnisse sprachen für sich. Alle Horkruxe wurden gefunden und bis auf einen entschärft. Bei einer dieser geheimen Reisen kam es allerdings zu einem tragischen Unfall, bei dem Hermine von einem unbekannten Fluch getroffen wurde, der ihr danach das Apparieren unmöglich machte ...

Bitte beachtet, daß mein Phantasiesnape altersmäßig dem des Buchs entspricht (also in dem Fall 38 Jahre). Ich hoffe, ihr werdet an der Geschichte Spaß haben, denn sie bietet alles vom Abenteuer bis zur Romantik. Zur Warnung noch:
Zu Beginn der Geschichte konnte ich es mir nicht verkneifen, mich eines der Lieblingsklischees in Bezug auf Todesser zu bedienen. Ihr werdet schon lesen, was ich meine. Die gesamte Geschichte unterteilt sich in zwei Hauptthemen, welches ich in drei Teile unterteilt habe:


Das Herz der Dunkelheit (Schwerpunkt Snape / Hermine / Todesser)

Labyrinth der Finsternis (Schwerpunkt Hermine / Draco / Hogwarts)

Jenseits der Dunkelheit (ein Epilog)

Altersfreigabe ist ab:
+16
(
wegen teilweiser schwieriger aber auch erotischer Inhalte. Das ist keine Geschichte für Kinder. Bitte übernehmt Verantwortung für euch.)



Disclaimer:
Dies ist eine nicht kommerzielle FanFic, die aus purer Freude an Frau Rowlings Universum geschrieben wurde. Die darin verwendeten Figuren und Schauplätze sind geistiges Eigentum von J.K. Rowling (und teilweise Warner Bros.), die sämtlichen Rechte daran besitzen. Das einzige, was mir gehört ist ein Vorrats­schrank, ein Labyrinth, ein paar Zaubersprüche, die Geschichte selbst sowie die Idee zu dieser Geschichte. Mein tief empfundener Dank geht an Frau Rowling für ihr Geschenk an uns: der Welt des Harry Potters.





Kapitel 1: Verschlungen von der Finsternis


~~~~


Mit einem leisen Plopp tauchte die Gestalt des hakennasigen Mannes aus dem Nichts auf. Es waren nur wenige Stunden vergangen, das er genau von dieser Stelle aufgebrochen war, stellte Severus Snape missmutig fest.
Ein lautes Lachen drang durch die Bäume bis zu ihm vor, und Snape fragte sich, was die versammelten Todesser so zum Lachen reizte.
Ganz wohl war ihm bei dem Gedanken nicht, und so machte er sich eilig auf zum Versammlungsplatz.
Am frühen Abend hatte er dort Hermine Granger zurückgelassen, wohl wissend, daß dies nicht der sicherste Ort für sie war. Doch er hatte sie unmöglich zu seinem letzten Auftrag mitnehmen können. Zudem brauchte er die Erlaubnis des Dunklen Lords, sie als Waffe gegen Potter und Dumbledore ausbilden zu können. Sollte der Lord ihm diese Erlaubnis verweigern, würde er das Mädchen auf der Stelle töten, selbst wenn er sich dadurch den Unwillen seines Herren zuzog. Es wäre in jedem Fall ein gnädigeres Schicksal, als das, was Todesser ansonsten mit Schlammblüter zu tun pflegten.
Daß der Dunkle Lord noch nicht da war, wußte Snape. Das dunkle Mal brannte nicht oder ließ sonst erkennen, daß ihr Herr anwesend war.
Snape eilte durch den dichten Wald und je näher er dem Versammlungsplatz kam, desto lauter wurde das Stimmengewirr und Gejohle. Das Lachen klang gehässig und verhieß nichts Gutes. Seine Besorgnis verstärkte sich nur.
"Antonin", hörte Snape Amycus sagen, "du hast es ihr nicht richtig besorgt. Sie kann ja immer noch stehen."
Der Professor fühlte, wie etwas in ihm zu Stein wurde. Er biß die Zähne zusammen und erreichte die Lichtung.
In einem lockeren Kreis von Todessern, manche maskiert, andere ohne Masken, stand eine schwankende Hermine Granger. Sie hielt den Kopf gesenkt, ihr Haar verhüllte ihr Gesicht und der lange Umhang ihren Körper.

"Was soll das?" knurrte er heiser und die Todesser in seiner Nähe wichen überrascht zurück. Er ging schnell und ohne anzuhalten weiter, griff nach dem Arm des Mädchens und wollte sie aus dem Kreis ziehen. Doch sie schreckte vor ihm zurück, stolperte und fiel zu Boden. Die Todesser lachten.
Snape warf der auf dem Boden liegenden Hermine einen abschätzenden Blick zu, dann herrschte er sie an:
"Stehen Sie auf!"
Ungeschickt erhob sie sich. Dem Professor entging nicht, daß sie vor Furcht zitterte, noch übersah er, daß sie offensichtlich Schmerzen hatte. Doch sie sah nicht auf, starrte weiterhin zu Boden und ihre Haarmähne verdeckte ihr Gesicht.
"Was ist los, Miss Granger?" höhnte er. "Hat Ihnen die Gastfreundschaft der Todesser die Sprache verschlagen?"
Amüsiertes Lachen ringsum. Antonin Dolohow, den Amycus zuvor angesprochen hatte, lachte am lautesten. Der Professor registrierte, wie Hermine beim Klang seiner Stimme zusammenzuckte.
"Dabei habe ich sie wie eine Kostbarkeit behandelt, Snape!" sagte Dolohow. "Kein verdammtes Haar habe ich ihr gekrümmt - im Gegenteil."
Wieder lachten die Todesser und einer rief:
"Sie sind zu früh zurück gekommen, Snape. Wir waren noch nicht alle dran!"
Und die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag ... er hatte es gewußt! Natürlich hatte er es von dem Moment an gewußt, in dem er das Lachen gehört hatte. Doch sein Verstand hatte sich geweigert, das Entsetzliche zu begreifen, hatte sich geweigert ... seine schwarzen Augen verengten sich.
"Sie haben …", er richtete den Zauberstab auf Hermine, flüsterte etwas und für einen Moment hüllte sie grünlichgelbes Licht ein, "das Mädchen vergewaltigt!"
Wütend drehte sich Snape in Dolohows Richtung, seine Hand fuhr scharf durch die Luft und der Todesser flog von der Wucht des unsichtbaren Schlages getroffen einige Meter zurück, wo er mit einem tiefen Schnitt im Gesicht halbbewußlos liegen blieb.
"Sie Narr!" flüsterte der Professor gefährlich leise. "Ich hatte doch gesagt, daß sie nicht anzurühren sei. Ich brauche sie intakt. In diesem Zustand ist sie kaum noch zu etwas gebrauchen."
"Na ja", erwiderte einer der maskierten Todesser daraufhin gelassen, "dann können wir ja dort weitermachen, wo wir aufgehört haben. Schätze ich bin jetzt am Zuge. Es sei denn Sie möchten zuerst ..."
Der Todesser sah Snape an und wies auf die schwankende Gestalt Hermines.
Snape warf Hermine nur kurz einen desinteressierten Blick zu.
Die junge Frau starrte stumm zu Boden, gab keinen einzigen Laut von sich. Es war offensichtlich, daß sie am Ende ihrer Kräfte war.
"Keiner rührt das Schlammblut an", sagte Snape halblaut. "Ich habe sie nicht zu eurem Vergnügen hierhergebracht. Sie soll gegen Potter und Dumbledore eingesetzt werden - und das werdet ihr mir das nicht verderben!"
Dolohow hatte sich zwischenzeitlich erhoben und sich das Blut aus dem Gesicht gewischt.
Unverholener Haß blitzte in seine Augen.
"Das werden Sie büßen, Snape. Keiner schlägt mich ungestraft!"
Der schwarzhaarige Lehrer für Zaubertränke wandte sich Dolohow zu und schritt so schnell auf den großen Todesser zu, daß dieser erschrocken zurückwich. Die anderen hatten kaum Zeit Snape aus dem Weg zu gehen, stolperten förmlich auseinander. Die schwarze Robe des Zaubertrank­meisters bauschte sich auf, umgab ihn wie die ausgebreiteten Schwingen eines Raben.
Dann blieb er abrupt und nur wenige Zentimeter vor dem großen Todesser stehen. Er lächelte den blaß gewordenen Dolohow spöttisch an. Doch der Spott reichte nicht tiefer als bis zur Oberfläche seiner Haut; Snapes Augen hingegen blieben eiskalt und ohne jede Regung.
"Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Antonin. Jederzeit und an jedem Ort Ihrer Wahl. Ein Duell unter Zauberer. Wann immer Sie wollen ...
Vielleicht gleich jetzt?"
Ein leises zischendes Lachen hallte über die Lichtung. Durch Snape ging ein Ruck und seine Augen verdunkelten sich um eine weitere Nuance. Immer noch starrte er Antonin Dolohow an. Dann jedoch drehte er sich auf den Fersen um und schritt ebenso zügig wie zuvor in Richtung des Lachens.
"Mylord", flüsterte er und kniete in einer eleganten Bewegung vor der dunklen Gestalt nieder, die sich aus dem Schatten der Bäume gelöst hatte. Demütig senkte der Lehrer für Zaubertänke sein Haupt.
"Severus", hallte es es leise zischend über die Lichtung. "Ich bin überrascht.
Warum gönnst du Antonin nach den langen Jahren in Askaban nicht ein wenig Entspannung? Und nun, nachdem du ihn erneut aus Askaban befreit hast, gönnst du ihm nicht mal den kleinen Spaß... Meinst du nicht, daß er sich das verdient hätte? Für all die Jahre, die er dort in meinem Namen eingesessen hat? Erheb' dich, Severus, sprich frei und sag mir, was du denkst."
Ein ungläubiges Murmeln war von den Todessern zu hören. Severus Snape war nach dem Debakel im Zaubereiministerium in der Gunst des Dunklen Lords hoch gestiegen. Und dies schmeckte keinem der hier versammelten Todesser. Denoch ließ sich nicht bestreiten, daß die beim damaligen Einsatz Gefangen­genommenen nur Dank ihm wieder frei waren. Dolohow eingeschlossen.
Snape stand auf und sah in Voldemorts rote Schlangenaugen. Kein Muskel rührte sich im Gesicht des Zaubertranklehrers, seine Augen blieben finster wie erstarrte Lava.
"Mylord, wir sind Zauberer und keine Muggel. Wir sollten uns nicht mit ihnen paaren, noch mit ihren Abkömmlingen. Weder aus Lust noch aus Verachtung. Allein der Gedanke daran ist so widerlich, daß ich mich übergeben möchte! Ich hab einen Plan für die da", Snape wies kurz in Hermines Richtung, "und nur weil sich diese lüsternen Narren hier nicht unter Kontrolle haben, könnte er scheitern."
Die roten Reptilienaugen Voldemorts starrten Snape reglos an. Dann wandte sich der Dunkle Lord von ihm ab und ging in Hermines Richtung. Snape drehte sich um; seine Augen folgten Voldemort.
Hermine, die die plötzliche Stille um sich herum wahrnahm, hob kurz den Kopf und sah hinter dem Schleier ihrer Haare Voldemort auf sich zukommen. Kein klarer Gedanke war mehr in ihr. Nicht mehr, seit die Todesser sie gedemütigt und vergewaltigt hatte - wieder und wieder.
Immer noch konnte sie Dolohows groben Hände an ihrem Körper spüren und der Schmerz in ihrer Leibesmitte ließ ebensowenig einen Zweifel an dem, was geschehenen war zu, wie die klebrige Spur, die zwischen ihren Schenkeln die Beine entlanglief.
Daß Voldemort nun auf sie zukam, war zuviel. Hermines Beine gaben nach, sie brach in die Knie und würgte. Doch da war nichts, das sie noch hätte von sich geben können. Pure Angst schnürte ihr die Kehle zu, und sie fragte sich, ob das, was der Dunkle Lord mit ihr tun würde, schlimmer sein konnte, als das, was sie gerade erlitten hatte.
Doch Voldemort ging an ihr vorüber, beachtete sie gar nicht. Und Hermine preßte sich vor Erleichterung die Hand vor den Mund. Versuchte ihr Schluchzen zu unterdrücken, um nicht doch noch seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wie erstarrt blieb sie am Boden sitzen, wagte nicht aufzusehen, sich umzudrehen oder irgendwo anders hinzublicken, als in das Gras vor sich. Ihr war, als sei gerade ein Wirbelsturm an ihr vorübergezogen, ohne ihr auch nur ein einziges Haar zu krümmen.
"Nun, Antonin, was sagst du zu Severus' Anschuldigung? Bist du nichts weiter als ein perverser alter geiler Narr? Denkst nur bis zur sofortigen Befriedigung deiner Bedürfnisse? Machst die Pläne meines geschätzten Doppelspions zunichte, nur weil du so ein widerwärtiger Perversling bist?"
"Mein Lord! Ich -" und dann brach Dolohows empörte Stimme ab und ging in schrilles Kreischen über. Hermine hielt sich die Ohren zu, weil sie das Heulen, Keuchen und die Schreie ihres Peinigers nicht ertrug; Tränen rannen ihr über die Wangen.
Wer auch immer glaubte, daß ein weiteres Unrecht das selbst erlittene wettmachte, lag falsch. Hermine verspürte keine Befriedigung, als sie Dolohows gequälten Schreie hörte, sie wünschte sich nicht, daß er ebenso litt, wie sie gelitten hatte, wünschte sich keine Rache ... das einzige, was sie sich wünschte, war, daß es endlich vorbei war. Daß dieser Alptraum endlich ein Ende fand.
Und dann trat Stille ein.
Hermine hatte sich nicht gerührt, hatte zusammengekrümmt und erstarrt dagesessen; alles in ihr fühlte sich versteinert und kalt an. Nur der bohrende Schmerz in ihrer Leibesmitte erinnerte sie noch daran, daß sie am Leben war.
Wieder fühlte sie, wie eine dunkle Präsenz an ihr vorüberging. Sie sah nicht auf. Sie hörte Snape und Voldemort leise miteinander reden und wenig später sagte Snapes Stimme ruhig neben ihr:
"Stehen Sie auf, Miss Granger. Wir verlassen diese Gesellschaft."
Es dauerte, und erst nach dem vierten Versuch schaffte es Hermine, stehen zu bleiben. Keiner half ihr, doch dieses Mal lachte auch keiner der Todesser.
"Folgen Sie mir."
Hermine hob den Kopf, jedoch nur soweit, daß sie Snapes Rücken sehen und ihm folgen konnte. Sie sah sich nicht um und wollte auch nicht wissen, ob ihr Vergewaltiger noch lebte oder tot war. Sie wollte einfach nur weg.

    

"Hier, trinken Sie", sagte der Lehrer für Zaubertränke. Seine Stimme war wie immer. Leise und distanziert.
Hermine griff nach dem Becher den ihr Snape reichte, ohne ihn anzusehen. Sie hatte bisher keine einziges Wort mit ihm gewechselt und beabsichtigte auch nicht, dies zu ändern. Immer noch hingen ihr die Haare wirr im Gesicht und auch das beabsichtigte sie nicht zu ändern. Dahinter konnte sie sich gut verbergen und keiner konnte sie zwingen, ihn anzusehen.
Vorsichtig schnupperte sie am dampfenden Inhalt des Bechers und als erstes stieg ihr der strenge Geruch des Baldrians in die Nase. Sie nahm einen kleinen Schluck vom Trank und konnte neben dem fast schon alles über­deckenden bitterem Geschmack des Baldrians weitere Substanzen herausschmecken. Der Trank würde ihr einen traumlosen schmerzfreien Schlaf bringen, erkannte sie und trank den Becher in einem Zug aus, verdrängte den Schmerz, den die heiße Flüssigkeit beim Herunter­schlucken verursachte. Dann stellte sie den Becher auf dem kleinen wackligen Tisch ab. Sie wartete auf das Einsetzen der Wirkung des Tranks und lange mußte sie nicht warten. Ihre Augenlider wurden schwer, ihr Kopf sank still auf ihre Brust und ihr Bewußtsein in gnädige Dunkelheit.
Snape hatte einfach nur dagestanden. Hatte gewartet bis ihre gleich­mäßigen Atemzüge ihm verrieten, daß sie tatsächlich eingeschlafen war. Nun schwenkte er den Zauberstab und die schlafende Hermine erhob sich in die Luft. Ein weiterer Schwenk des Zauberstabs und sie lag ausgestreckt wie auf einer unsichtbaren Pritsche da.
Es war das erste Mal, daß sich der Lehrer für Zaubertränke die Zeit nahm, seine Schülerin genauer ansehen. Zu sehr war er darum bemüht gewesen, ihr Leben zu retten und sich selbst nicht zu verraten. Doch was er nun sah, ließ ihn erahnen, was sie durchgemacht hatte.
Hermines Gesicht zeigte eindeutig Spuren von Schlägen. Ein Auge war zugeschwollen, blaue Flecken, Kratzer, blutige Lippen. Der Professor erkannte, daß sie sich ihre Lippen selbst blutig gebissen hatte. Vermutlich in dem verzweifeltem Versuch, nicht zu schreien.
Erbrochenes hing in ihrem Haar, klebte auf ihrem zerrissenem Shirt. An ihren Handgelenken sah er dunkle Verfärbungen, blaue Flecken.
Blutergüsse - nein, Snape korrigierte sich - widerliche Knutschflecken, waren voller Absicht an ihrem Hals hinterlassen worden, sollten sie noch in den nächsten Tage an diese Nacht erinnern.
Der schwarzhaarige Zauberer seufzte und mit einem weiteren Zauber fielen Hermines Kleider von ihr ab. Er mußte sehen, was ihr ihre Peiniger angetan hatte, um ihr ausreichend helfen zu können.
Snapes Augen wanderten mit professioneller Distanz über Hermines Körper. Er notierte in Gedanken all die Prellungen, die von Tritten her rührten, die tiefen Schnitte, die ihr vermutlich durch Flüche zugefügt worden waren sowie die zahllosen blauen Flecken und Blutergüsse, die besonders um ihre Brüste und Schenkel zu sehen waren. Ihre blutverschmierte Scham war ein letzter Beweis für den schmerzhaften Verlust ihrer Jungfräulichkeit, für ihr erlittenes Martyrium.
Weder Snapes Miene noch seine Augen verrieten irgendetwas von seinen Gedanken. Wie immer unterdrückte er alle Emotionen. Er wußte nur zu gut, wie schwach Mitgefühl machte; wie sehr Gefühle einen beeinflußbar machten. Dies waren Dinge, die er sich nicht erlauben konnte.
Er war Severus Snape, Doppelspion und Todesser. Er tanzte auf des Messers Schneide, und ein einziger falscher Schritt bedeutete unweigerlich den Tod.

~~~~

Snape hüllte Hermine in eine dünne fadenscheinige Decke und ließ sie auf das schäbige Sofa hinabsinken. Dann sprach er einen Wärmezauber über ihr aus.
"Wurmschwanz", rief er laut, wohl wissend, daß Peter Pettigrew in der Nähe war. Und tatsächlich kam der kleine Mann sofort herbeigewuselt, tat erschreckt, als er Hermine sah.
"Aber das ist doch Harry Potters kleine Schlammblutfreundin! Was macht die denn hier?"
Er beugte sich vor und sah sich Hermine genauer an. Dann zog er angewidert die Nase kraus, als er den Geruch des Erbrochenen wahrnahm.
"Uhh, was ist denn mit der passiert?"
"Eine kleine Kollision mit ein paar unserer Freunde - allen voran Antonin Dolohow. Du wirst jetzt einen großen Waschzuber herbeischaffen, und diesen mit heißem Wasser füllen. Anschließend ...", Pettigrews Augen leuchteten begehrlich auf - und Snape formulierte den Satz, den er auf den Lippen hatte, um, "... und anschließend werde ich Miss Granger säubern."
Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, ärgerte er sich auch schon darüber. Er hatte definitiv keine Lust, Hermine Granger zu waschen, und ebenso ärgerte er sich über diesen leisen Anflug von Menschlichkeit in sich.
Doch anderseits hatte seine Schülerin für eine Nacht genügend Demütigungen ertragen müssen. Von einem weiteren Widerling mußte sie sich nun wirklich nicht mehr anfassen lassen. Selbst wenn das hieß, daß er selbst sie waschen mußte.
"Du tust, was ich dir aufgetragen habe, Wurmschwanz. Ich bin unten im Labor. Hol mich, wenn du alles zu meiner Zufriedenheit erledigt hast. Und wenn du es gut gemacht hast, bekommst du eine Belohnung."

Snapes Labor war dem in Hogwarts nachempfunden. Es lag im Keller, der, im Gegensatz zum restlichen Haus, einen gepflegten und sauberen Eindruck machte. Es war der einzige Bereich seines Hauses, in dem sich der Professor wirklich zu Hause fühlte. Abgesehen von der Küche.
Snape hatte sich nie viel aus materiellen Dingen gemacht. Zaubertränke, Bücher und Magie waren sein Leben. Was darüber hinaus ging nur Luxus.
Kaum im Labor angekommen suchte er sich alle erforderlichen Zutaten zusammen und begann an mehreren Tränken gleichzeitig zu arbeiten.
Zwei der Tränke würden heilende Badezusätze sein, sie würde die Blutergüsse verschwinden und die Narben der Schnitte verblassen lassen, sobald die Wunden verheilt waren. Zwei weitere Tränke würden ihre innere Wunden verheilen lassen. Für sich selbst braute der hagere Zauberer auch gleich einen Trank, der ihm emotionale Stabilität verlieh. Auch ihm hatte die heutige Nacht viel abverlangt.
Wurmschwanz - so hatte er sich entschlossen - würde er mit einem berauschenden Trank belohnen. Sein lästiger Mitbewohner liebte die halluzinogenen Tränke, mit denen er ihn ab und zu mal belohnte. Vor allem aber würde Wurmschwanz ihm dann keine weiteren Fragen stellen oder hinter ihm herschnüffeln.

Keine Stunde später klopfte es zaghaft an der Tür zum Keller.
"Severus", Snape verzog das Gesicht. Er mochte es nicht von Pettigrew mit seinem Vornamen angesprochen zu werden. "Alles ist vorbereitet."

Schnell füllte er die Flüssigkeiten in die entsprechenden Flaschen, steckte sie ein und verließ das Labor. Pettigrew stand wartend vor der Tür.
"Zeig mir, was du gemacht hast."
Wurmschwanz wuselte wieder vor ihm her und führte ihn in einen kleinen Raum, der von Snape für alle möglichen magischen Zwecke genutzt wurde. Es war ein Raum, der dem Raum der Wünsche nicht unähnlich war, wenn auch nicht so vielseitig. Doch immerhin vermochte der Raum für die jeweiligen Zwecke, zu denen er gebraucht wurde, angepaßt werden.
Pettigrew hatte eine große dreieckige dunkelblaue Wanne hineinge­zaubert. Tatsächlich war die Wanne so groß, daß sie genügend Platz für zwei bot. Heißes dampfendes klares Wasser füllte sie und kleine goldene Lichter zogen darin gemütlich ihre Bahnen; Goldfischen nicht unähnlich.
Boden und Wände erweckten den Eindruck mit hellblauem italienischem Marmor ausgekleidet zu sein, von der Decke hing direkt über der Wanne ein großer Spiegel. Der Raum war vom Schein dutzender leuchteter Kerzen in ein warmes Licht getaucht, der Duft von Sandelholz erfüllte die Luft dieses luxuriösen Bads.
"Was soll das, Wurmschwanz? Glaubst du ich will mich mit diesem kleinen Schlammblut hier vergnügen? Ich sagte einen WASCHZUBER. Wie soll ich die Kleine hierin waschen, ohne selbst dabei naß zu werden?"
"Aber, aber ich dachte ..."
"Ich sehe sehr wohl, was du gedacht hast, Wurmschwanz!" unterbrach ihn Snape grob. "Paß den Raum meinen Bedrüfnissen an und du bekommst deine Belohnung."
Er griff sich in die Tasche und hielt Pettigrew eine grünlich leuchtende Phiole entgegen.
"Und zwar schnell ..."
"Ja, Severus, sofort. In weniger als 10 Minuten hast du den Raum so, wie du ihn verlangst."
"Und ich brauche Handtücher, Waschlappen und so ein Zeug ..."
"Kein Problem, kein Problem ... alles wird zu deiner Zufriedenheit erledigt!"
Snape ließ den nun hektisch umhereilenden Pettigrew zurück und dachte verächtlich, daß sich dieser mehr und mehr in einen Hauself verwandelte.
Kaum zu glauben, daß Lord Voldemort diesem häßlichen Gnom seine Rückkehr verdankte.

Snape setzte sich in den alten Sessel gegenüber des Sofas und sah zu Hermine. Er bedauerte, daß er die Situation, in der er sie zurück­gelassen hatte, nicht richtig eingeschätzt hatte. Er hatte erwartet, daß sich die Todesser an das halten würden, was er gesagt hatte.
Er hatte erwartet, daß sie seinem Wort ebenso gehorchen würden, wie dem Wort des Dunklen Lords. Galt er doch seit Lucius Malfoys Versagen als Lord Voldemorts engster Vertrauter. Doch er hatte sich getäuscht.
Hermine Granger hatte den Preis für seine Fehleinschätzung bezahlt.
Aber er hatte sie von Anfang an gewarnt. Hatte ihr gesagt, daß es gefährlich sei, ihn um Schutz zu bitten. Er hatte gesagt, daß er ihr Leben nicht garantieren könne.
Der schwarzhaarige Mann stand auf und nahm ein Glas aus dem kleinen wurmstichigem Vitrinenschrank, der völlig versteckt und unauffällig zwischen den Bücherreihen stand. Dann griff er in seinen Umhang, holte aus einer der vielen im Futter des Umhangs verborgenen Taschen eines der Fläschchen heraus und schüttete die goldfarbene Flüssigkeit ins Glas. Er tippte mit dem Zauberstab ans Glas und sagte deutlich:
"Schottischer Single Malt Whisky, 25 Jahre, Isle of Lewis."
Sofort stieg ihm der aromatische rauchige Duft eines alten, erstklassigen schottischen Singelmalts in die Nase und der Professor gestattete sich ein seltenes Lächeln.
Vor vielen Jahren war er für einige Zeit auf den Western Isles gewesen. Dort hatte er das unbeschreibliche Gefühl von Freiheit genossen. War mit den Adlern über die wilden Bergketten Harris' geflogen, hatte mit den Raubmöven im Sturmwind gejagt. Bis ihn seine Vergangenheit wieder eingeholt und sich Freiheit für einen wie ihn nur als unerreichbarer Traum erwiesen hatte ...
Doch ein Schluck des guten Singelmalt der Western Isles gab ihm immer wieder die Erinnerung an diese glücklichste Zeit seines Lebens zurück. Auch wenn es sich dabei nicht wirklich um einen Singelmalt handelte, sondern nur um einen Zaubertrank, den er geschmacklich seinen Wünschen angepaßt hatte. Nichtsdestotrotz brannte der Trank wie Whisky in seiner Kehle und seinen Blick wanderte zu Hermine Granger zurück.

Erstaunlich, wunderte er sich, daß sie immer noch Jungfrau gewesen war. Soweit er sich erinnerte, mußte sie irgendwann zu Beginn des Schuljahrs 18 geworden sein. Dennoch hatte sie noch nie Sex gehabt.
Seit einem halben Jahr arbeitete er mit ihr nun schon zusammen. Es war eine erzwungene Zusammenarbeit. Keiner von ihnen beiden hatte sie gewollt.
Ihre unfreiwillige Zusammenarbeit hatte schon zu Ende des letzten Schuljahres begonnen, versteckt und im Verborgenem. Hatte begonnen, als Dumbledore Potter in das Geheimnis der Horkruxe eingeweiht hatte und dieser seine Freunde auch noch einweihen mußte.
Er und Granger hatten sich auf Dumbledores Geheiß zusammengesetzt, hatten sich zunächst nur angeknurrt und gar nicht miteinander reden wollen. Doch nachdem sie mit ihren Feindseligkeiten aufgehört hatten und einander zuhören, waren sie sehr erfolgreich gewesen. Und er hatte sich zähne­knirschend eingestehen müssen, daß auf den Schultern seiner Schülerin ein klügerer Kopf ruhte, als er bis dahin angenommen hatte.
Tatsache war, daß sie gemeinsam das Geheimnis um die noch unbekannten Horkruxe gelüftet hatten und alle lokalisieren können. Nur daß sie sich zwischendurch am liebsten gegenseitig umgebracht hätten, stand auf einem anderen Blatt ...

Nichtsdestotrotz war es eine gute Idee Dumbledores gewesen. Doch es hatte ihn einiges an Überwindung gekostet seine bisherige Schülerin im Rahmen dieser Zusammenarbeit als gleichrangige Partnerin anzusehen.
Doch Hermine Granger hatte es schon nach kurzer Zeit geschafft, ihn zu verblüffen. Sie hatte eine interessante und sehr strukturierte Art an die Dinge heranzugehen, seiner eigenen gar nicht unähnlich. Sie war intelligent, hartnäckig und geduldig. Und sie konnte sich fast bis ins Detail an alles erinnern, was sie jemals gelesen hatte. Er hatte erkennen müssen, daß dabei keine Zauberei im Spiel war, wie er früher mal vermutet hatte, sondern daß sie über ein fast schon fotografisch zu nennendes Gedächtnis verfügte.
Vor ihrer erzwungener Zusammenarbeit hatte er nur ihre impertinente Art ständig auf alle Fragen Antworten zu wissen, ihr ewiges fast wortwörtliches Zitieren aus Büchern und das so nervende Gryffindor­ab­zeichen an ihrer Schuluniform, von ihr wahrnehmen können. Doch inzwischen hatte er andere Eigenschaften an ihr kennen- und schätzengelernt.
Und tatsächlich hatte er, als ihre Zusammenarbeit beendet war, die hitzigen nächtlichen Diskussionen vermißt. Sie gehörte in der Tat zu den wenigen Menschen, die ihm intelektuell gewachsen waren.

Hatte sie überhaupt einen Freund, fragte sich der Professor in diesem Moment. Er hatte sich nie darüber Gedanken gemacht. Tatsächlich war er davon ausgegangen, daß einer ihrer ständigen Begleiter - Potter oder Weasley - ihr Freund war. Doch anscheinend hatte er sich getäuscht.
Er wußte wenig über die Schüler jenseits seines eigenen Hauses. Und er wußte erstaunlich wenig von dieser junge Frau, mit der er über so viele Monate hinweg, so viele Nächte durchgearbeitet hatte.
Nicht das ihn ihr Leben wirklich jemals interessiert hätte. Dafür war er viel zu beschäftigt gewesen - mit seinem eigenen Überleben.
"Fertig!" rief Pettigrew.
"Dann hoffe ich mal, daß es dieses Mal besser ist", murmelte Snape, trank sein Glas leer und deutete mit dem Zauberstab auf Hermine, die wieder in die Höhe schwebte und eingehüllt in ihrer dünnen Decke hinter ihm herschwebte.





Besser, dachte Snape, als er den nüchternen Raum betrat, der nun lediglich einen kniehohen, etwa halben Meter breiten und eineinhalb Meter langen Bottich beherbergte. Ein großer Stapel mit sauberen Handtüchern lag auf einem Stuhl und aus dem klaren Wasser im Bottich stieg warmer Dampf. Die Wände waren holzverkleidet, kein unnötig schwülstiger Schnickschnack stand herum, und auch die romantische Kerzen­be­leuchtung war ein paar hellen Öllampen gewichen.
"Das hast du gut gemacht, Wurmschwanz."
Snape griff in seinen Umhang und holte die Phiole hervor, die er ihm zuvor gezeigt hatte.
"Angenehme Träume", sagte er und warf Pettigrew das Fläschchen zu.
Dieser fing es geschickt auf und verschwand ohne ein weiteres Wort.
Snapes Zauberstab schloß die Tür und verriegelte sie magisch. Dann zog er die Decke von der über dem Boden schwebenden Hermine weg.
Kritisch begutachtete er die Schnittwunden.
Hatte sich Greyback an dem Mädchen vergangen? Stammten die Wunden von seinen krallenartigen Nägeln? War der überhaupt anwesend gewesen? Er hatte nicht darauf geachtet.
Snape griff nach den Flaschen im Innern seines Umhangs und holte sie heraus. Dann streifte er seinen Mantel ab, ließ mit einem Schwenk des Zauberstabs einen Aststumpf aus der Wand wachsen, und legte ihn darüber. Aufseufzend rollte er sich die Ärmel hoch.
Das dunkle Mal auf seinem linken Unterarm schimmerte tintenschwarz im Licht der Öllampen; Snape beachtete es nicht. Sein halbes Leben war es schon dort, gehörte zu ihm, wie all die furchtbaren Erinnerungen, die es ihm eingebracht hatte.

Sein Zauberstab glitt über die Wunden hinweg, seine leise gemurmelten Beschwörungen ließen das Fleisch zusammenwachsen, in weniger als einer Viertelstunde waren die tiefen Schnitte verheilt und nur noch häßliche frische dunkelrote Narben blieben zurück. Auch dem zugeschwollenen Auge hatte er sich gewidmet, und es wieder abschwellen lassen. Dennoch lag immer noch ein dunkler Bluterguß um ihrem Auge. Doch dieser würde verschwinden, sobald er ihn mit der dafür vorge­sehenen Tinktur betupft hatte. Allerdings konnte er dies erst tun, wenn sie vollständig gereinigt war. Ein Schwenk des Zauberstabs ließ allen Dreck von Hermine abfallen. Dennoch würde er sie waschen müssen, da die heilenden Tinkturen jeden Zentimeter ihrer Haut berühren mußten.
Der Professor ließ Hermine noch einmal langsam um ihre eigene Achse drehen. Vorsichtig glitten seine Finger über eine besonders lange Narbe quer über ihrem Rücken.
Nein, dachte er schließlich. Greybacks Hände hätten an ihren Hüften, Handgelenken, den Schultern und Schenkeln die Wunden hinterlassen, nicht aber am Bauch, den Armen und quer über den Rücken. Ganz offensichtlich hatte man sie mit Flüchen gefoltert, bevor man sie vergewaltigt hatte.
Snape ließ nicht zu, daß beim Anblick von Hermines geschundenen Körper Betroffenheit in ihm aufstieg.
Er überprüfte noch einmal, ob alle offenen Wunden verheilt waren, dann öffnete er die Flasche mit der blauer Flüssigkeit, ließ sie ins Wasser laufen und dirigierte Hermines Körper in den Bottich mit dem heißen Wasser.
In Hermines Gesicht zuckte es kurz, als sie ins Wasser eintauchte. Die Wärme und der Auftrieb des Wassers schienen ihr Bewußsein aus ihrem traumlosen Schlaf hochzutreiben. Doch Snape entging das, da er fluchend zur Seite sprang, als das verdrängte Wasser aus dem Bottich schwappte.
Verdammt, warum hatte er nicht so weit gedacht? Der Bottich war viel zu voll gewesen.
Ein Schwenk seines Zauberstabs beseitigte die große Wasserlache und der Zaubertrankmeister griff nach dem Schwamm.
Ein echter Schwamm wie er irritiert feststellte. Wo hatte Pettigrew den nur so schnell aufgetrieben? Für einen Moment überraschte ihn das Organisations­talent seines verräterischen Mitbewohners. Dann aber tauchte er den Schwamm ein und begann Hermine das Haar aus dem Gesicht zu streichen, und sie zu waschen.
Vorsichtig wischte er ihr die Spuren der Tränen aus ihrem Gesicht. Er kam an ihren Mund und wollte gerade das eingetrocknete Blut wegwischen, als Hermine mit einem schmerzerfüllten Laut die Augen aufriß und ihm direkt in die schwarzen Augen starrte.
Ihr gequälter Blick ließ ihn erstarren, und ging ihm durch Mark und Bein. Er verfluchte sich, weil er vergessen hatte, daß sie sich fast die Lippen durchgebissen hatte. Diese Wunde war immer noch offen und der Schmerz, ausgelöst durch die Berührung und der Wärme des Wassers, hatte sie wieder ins Bewußtsein zurückgeholt.
Hermine starrte ihn in blinder Panik an, wußte nicht, wo sie war, noch wie sie hierher gekommen war, daß einzige, woran sie sich erinnerte, war, daß man sie gefoltert und vergewaltigt hatte, daß Männer ihr weh getan und Frauen über ihren Schmerz gelacht hatten.
Und nun war da dieses Gesicht vor ihr, nur wenige Zentimeter von ihrem eigenen entfernt, daß Gesicht des Mannes, der sie immer ignoriert oder schlimmer noch, verhöhnt hatte. Der niemals eine Gelegenheit ausge­lassen hatte, sie seine Verachtung spüren zu lassen.
Jahrelang war sie nur mit Bauchweh in seinen Unterricht gegangen, und das obwohl sie sein Fach so sehr liebte.
Snape! Professor Snape! Er war hier und würde sie verletzten, würde ihr weh tun, so wie die anderen Männer, nur um sie seine Verachtung spüren zu lassen. Nur um ihr zu zeigen, daß sie nichts wert war, daß sie in seinen Augen nur ein dreckiges Schlammblut war, es nicht verdiente, in seiner Welt zu leben ...
Und sie stieß ihn mit aller Kraft von sich, Blut rann ihr aus den Mund­winkeln. Die Wunde war wieder aufgebrochen, doch sie merkte es nicht.
Sie keuchte, schrie:
"Nein! Bitte nicht! Nicht auch noch Sie, Professor Snape! Das ertrage ich nicht! Nicht noch einmal! Und nicht Sie! Bitte, nicht auch noch Sie!"
In ihrer Panik versuchte sie aufzustehen, versuchte von diesem Mann wegzukommen, der sie und ihre Freunde immer drangsaliert hatte, der nie auch nur ein einziges Wort der Anerkennung für ihre Arbeit übrig hatte, nicht einmal während der letzten Monate.
In Hermine gab es nicht den geringsten Zweifel, daß er sie aus dem tiefsten Grund seiner Seele verachtete. Sie glaubte zu wissen, daß er Freude daran haben würde, sie in der Art zu demütigen, wie nur ein Mann eine Frau demütigen kann.
Und hier, jenseits des Schutzes der Mauern Hogwarts, jenseits des Schutzes Dumbledores, würde er ihr sein wahres Gesicht zeigen; würde er sie das wahre Ausmaß seiner Verachtung spüren lassen.
Sie rutschte aus, fiel zurück und bemerkte, daß sie nackt in einem Botich lag und Snape völlig ausgeliefert war. Ihr Herz schlug so schnell, daß sie glaubte, sie müsse sterben - und in diesem Moment wünschte sie es sich sogar.
Doch nichts dergleichen geschah. Snape blieb wie versteinert dort sitzen, wo ihn der Schwung ihres Stoßes hinbefördert hatte, das wilde Hämmern in ihrer Brust beruhigte sich und nur noch der Geschmack ihres eigenen Blutes in ihrem Mund war das einzig reale in der Welt.
Sie fühlte die warme Spur von Tränen auf ihren Wangen und starrte weiterhin den Professor an.
In sein Gesicht war für die Dauer ihres Blickkontakts ein Ausdruck grenzenloser Fassungslosigkeit eingebrannt, als könne er nicht glauben, daß sie von ihm annahm, er wolle sie vergewaltigen.
Und dann erinnerte sich Hermine vage daran, was er auf der Lichtung zu Voldemort gesagt hatte, nämlich daß ihm allein schon beim Gedanke an eine Paarung mit Muggel und deren Abkömmlingen übel wurde.
Und sie erkannte, daß sie in Sicherheit war. Daß sein eigener Ekel vor Menschen wie ihr, ihn davon abhalten würde, ihr weh zu tun.
Hermine atmete aus und ihre Verkrampfung löste sich. Der rationale Teil ihres Bewußtseins erkannte, daß Snape sie tatsächlich nur gewaschen und vermutlich sogar ihre Wunden geheilt hatte.
Sie sank langsam zurück in den Bottich, das warme Wasser schwappte um sie, und sie ließ sich kraftlos immer tiefer und tiefer ins Wasser gleiten, bis nur noch ihre Knie herausragten, ihr Kopf aber langsam im Wasser versank.
Menschen, so erinnerte sie sich in diesem Moment, waren schon in wenigen Zentimeter tiefen Pfützen ertrunken. Und ertrinken, so sagte man, sei kein schlechter Tod.
Hermine atmete unter Wasser aus. Nach einem kurzen instinktiven Moment des Zögerns zwang sie sich, das Wasser einzuatmen. Ihr erster Impuls war, wieder hustend und spuckend an die Oberfläche zurückzukommen. Doch sie überwand ihre Überlebensinstinkte und atmete unter Wasser einfach weiter. Alle Luft entwich ihren Lungen, ihre Hände verkrampften sich schmerzhaft um den Rand des Bottichs und doch, sie zwang sich, auch weiterhin unter Wasser zu bleiben.
Und das Wasser war so gnädig, ihr zu erlauben, diesem unbezwingbaren Reflex des Einatmens zu folgen. Schon bald würde der Sauerstoff­mangel in ihrem Blut zur Bewußlosigkeit führen und dann würde sie, ohne weitere Umstände, einfach ertrinken.
Ihre Gedanken wurden schon träge, entglitten ihr. Ihre Hände lösten sich und versanken im Wasser. Ein dunkler Schatten erschien über ihr, und voller Sehnsucht erwartete sie den Tod.
Doch statt dessen zog sie eine Hand grob an ihren Haaren aus dem Wasser, wo sie sich anschließend fast die Lunge aus dem Leib hustete.
Keuchend, hustend und nach Atem ringend starrte sie in die schwarzen brennenden Augen ihres Professors. Sie versuchte etwas zu sagen, brachte jedoch nur ein Krächzen zustande, das sie wiederum zum Husten reizte. Rasselnd füllten sich ihre Lungen mit Luft.
"Schschhh", sagte Snape, hielt ihr den Zauberstab an die Lippen und während sie weiterhin keuchend um Atem rang, murmelte er eine Beschwörung und ihre Lippen verheilten. Dann griff er nach dem Schwamm und wischte ihr Blut und Speichel aus den Mundwinkeln und vom Kinn.
Wieder versuchte Hermine etwas zu sagen, doch nur ein weiterer Hustenanfall war die Folge.
"Warum, fragen Sie sich, Miss Granger?"
Hermine nickte.
"Kein Selbstmord in meinem Haus - und auch nicht in meiner Nähe. Nicht, solange ich es verhindern kann. Niemand wird sich in meiner Anwesenheit diesen billigen Ausweg erlauben dürfen."
Snape hielt ihr ein Fläschchen an die Lippen.
"Hier, trinken Sie das. Und dann halten Sie still. Ich muß Sie waschen."
Hermine trank und ließ sich anschließend von Snape waschen. Nie faßte er sie mit der bloßen Hand an und seine Berührungen mit dem Schwamm waren von professioneller Distanz.
Nicht einmal, als er sie in ihren intimsten Bereichen säuberte, kam der Verdacht von Zweideutigkeit auf. Er war vorsichtig, sanft, gründlich und von pedantischer Genauigkeit. Geradezu so, als würde er einen Zaubertrank brauen. Und Hermine war ihm für seine Distanziertheit zutiefst dankbar.
Der Trank, den Snape ihr verabreicht hatte, machte sie müde und träge. Sie fühlte, wie dieser in ihr Dinge in Gang setzte, die in ihrem Inneren Heilung bewirkten.
Sie wünschte sich, es gebe eine Möglichkeit ihrem Lehrer für Zauber­tränke zu sagen, wie dankbar sie ihm war. Doch da sie wußte, wie sehr er sie verabscheute, war es vermutlich besser zu schweigen, als ihn unnötig zu reizen. Er würde nur Dinge sagen, die sie verletzen.

Snape stand auf und brachte eine Flasche mit tiefrotem Inhalt zurück.
Er öffnete sie, schüttete den Inhalt schweigend in den Bottich und sagte dann zu Hermine:
"Verteilen Sie die Flüssigkeit, bis sich das Wasser von lila zu nachtblau wandelt. Dann tauchen sie im Wasser unter und bleiben so lange unter Wasser, wie sie es aushalten. Keine Tricks!"
Hermine verstand sehr wohl, was er mit Keine Tricks meinte.
Sie verteilte mit der Hand die Flüssigkeit, sah zu, wie sich das Wasser von einem freundlichen babyblau in ein tiefes lila wandelte und schließlich dunkler wurde, um fast schon in einem tintenschwarz zu enden.
Als das Wasser die dunkle Farbe annahm, fühlte sie überall auf ihrem Körper ein Prickeln, als ob tausende von Luftbläschen sie berührten.
Doch das Wasser blieb ruhig und tiefblau, kein einziges Luftbläschen war zu sehen.
"Untertauchen!" befahl Snape.
Hermine holte tief Luft und tauchte unter. Sie fühlte wie Snape ihren Kopf mit dem Schwamm noch tiefer ins Wasser hinein schubste und sie öffnete den Mund um die Flüssigkeit auch an die Innenseite ihrer wunden Wangen kommen zu lassen.
Dann tauchte sie wieder auf und sah, daß Professor Snape ihr Handtücher entgegenhielt.
"Trocknen Sie sich ab. Die wundersame Heilung ist fast schon abge­schlossen."
Der Sarkasmus in Snapes Stimme war nicht zu überhören.
Hermine trocknete sich ab, und Professor Snape starrte zwischenzeitlich die Wand an. Es wäre ihr auch egal gewesen, wenn er ihr dabei zugesehen hätte. Sie stellte fest, daß es ihr überhaupt nicht peinlich war, daß der Professor sie nackt sah.
Für sie war der Professor genauso wenig ein Mann, wie sie für ihn eine Frau.
"Fertig", sagte sie, er drehte sich um und richtete den Zauberstab auf sie.
Entsetzt riß sie die Augen auf.
"Wenn ich Sie hätte töten oder foltern wollen, Miss Granger, hätte ich mir nicht die Mühe gemacht, Sie vorher zu waschen", sagte der Professor mit gewohnt bissiger Ironie in der Stimme.
Eine geflüsterte Beschwörung später schwebte sie waagrecht in der Luft und Snape betupfte ihre Blutergüsse und Narben mit einer weiteren Tinktur. Nach dreimaligem Betupfen begannen die Narben wie auch die Blutergüsse zu verblaßten, wobei nur die Blutergüsse vollständig verschwanden. Die Narben blieben zurück, sahen aber nach der Behandlung nur noch hell aus, geradezu so, als hätten sie diese schon seit Jahrzehnten am Körper. Und tatsächlich verschwand auch der Schmerz, den die frischen Narben ausgestrahlt hatten.
Snape löste den Bann und Hermine stand wieder - ein wenig zittrig zwar noch, doch immerhin - auf ihren eigenen Beinen. Sie sah an sich herunter, und bis auf die blassen Narben auf ihrer Haut, erzählte nichts mehr vom Schmerz und der Erniedrigung, die sie heute Nacht erlitten hatte.
Snape hielt ihr noch eine weitere Phiole entgegen. Ihr Inhalt war klar und durchscheinend.
„Trinken Sie das. Ihr Körper braucht Ruhe und auch Ihr Geist.
Wenn Sie aufwachen, wird die Erinnerung an das Geschehene nur noch die Erinnerung an einen bösen Traum sein. Sie werden nicht vergessen, was geschehen ist, aber es wird nicht mehr so weh tun. Nicht so sehr wie heute."
Hermine sah Snape forschend an und unterdrückte die Tränen, die ihr in die Augen steigen wollten. Dies waren die ersten Worte von ihm, die ein wenig Mitgefühl verrieten.
Sie tat, was er gesagt hatte, trank, und augenblicklich gaben ihre Knie unter ihr nach und die Augen fielen ihr zu.
„Oh!" flüsterte sie überrascht und von der sofortigen Wirkung des Tranks völlig überrumpelt. Sie glaubte zu spüren, daß der Professor sie auffing und in seine Arme nahm. Aber das mußte sie sich einbilden - denn Snape ekelte sich vor ihr, und würde sie niemals anfassen. Nicht, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ - und schließlich hatte er seinen Zauberstab.
Aber dennoch glaubte sie zu spüren, wie ihr Kopf auf dunklem Stoff ruhte, wie starke Arme sie fest an eine warme Brust drückten, sie hochhoben und wegtrugen.
Sie fühlte sich leicht wie eine Feder, glaubte zu schweben ... und ein wundervoller Duft umhüllte sie. Es duftete nach Zaubertränken, nach alten Büchern und Pergamentrollen. Und eingehüllt in diesem vertrauten Duft fand ihr gequältes Herz Ruhe und Geborgenheit.


Zwischenspiel Hogwarts:


Etwa eine Woche Zeitdifferenz und einige hundert Meilen liegt zwischen den bisher geschilderten Ereignissen und dem, was hier geschrieben steht.


„Harry", versuchte Dumbledore den kurz vor der Explosion stehenden jungen Mann zu beruhigen. „Ich weiß, daß du dir Sorgen machst - doch das hilft jetzt kein bißchen weiter. Der Orden hat intensiv nach Hermine gesucht. Aber wir konnten keine Spur von ihr finden."
Dumbledore verstummte, nur um dann leise fortzufahren:
„Vielleicht sollten wir mit dem Schlimmsten rechnen."
"Nein! Das glaube ich nicht. Sie muß leben, sie kann nicht tot sein. Sie ist meine beste Freundin - meine allerliebste Freundin! Sie ist für mich das, was einer Schwester noch am nächsten kommt. Sie ist nicht tot!"
"Harry, mein Junge ..."
"Nein! Sie ist nicht tot - niemals!"
Der junge Mann drehte sich um und ließ Dumbledore einfach stehen. Der Schulleiter wußte, daß Harry dies nicht aus Respektlosigkeit tat, sondern weil er kurz davor stand, sich zu vergessen.
Aufseufzend setzte sich Dumbledore hinter seinen Schreibtisch und fragte sich, was bei der Jagd auf den letzten Horkrux schiefgelaufen war. So viele von ihnen waren in diesem Kampf verletzt, ja sogar schwer verletzt worden.
Doch das Schlimmste war, daß alles umsonst gewesen war. Denn den Horkrux hatten sie nicht in die Hände bekommen. Es schien, als sei dieser letzte, der mächtigste von allen. Und vermutlich war dem so. Da Nagini doch über ein eigenes Bewußtsein, eine eigene Seele verfügte.
Auch das eine Armee der Inferi sie erwartet hatte, war etwas, womit keiner hatte rechnen können. Vieles an dieser Geschichte, stellte Dumbledore fest, roch nach Verrat.

Der alte Zauberer stand von dem Gedanken beunruhigt auf, ging ans Fenster. Er starrte hinaus in die heraufgezogene Nacht auf das regenver­hangene Hochland Schottlands und fragte sich, ob er beim letzten Kampf Hermine für immer verloren hatte oder ob sein Vertrauter und Freund Severus etwas für sie hatte tun können. So vieles war ungeklärt und viel zu viel offen. Zu diesem Zeitpunkt in ihrem Kampf gegen Voldemort schien alles möglich, und nichts unmöglich zu sein.

Dumbledore machte sich Vorwürfe. Er hätte niemals erlauben dürfen, daß Harry, Ron und Hermine dem Orden beitraten. Doch die drei hatten fest darauf beharrt, kaum daß sie siebzehn geworden waren. Und er, der nie ernsthaft daran gedacht hatte, sie zu Einsätzen mitzunehmen, hatte schließlich zugestimmt.
Ursprünglich hatte er gehofft, die drei so besser unter Kontrolle halten zu können. Denn ihre eigenmächtigen Touren waren von Jahr zu Jahr gefährlicher geworden. Besonders seitdem sie wußten, daß, bevor Voldemort endgültig besiegt werden konnte, zuerst alle seine Horkruxe vernichtet werden mußten.
Die Überraschung an dieser Geschichte war, daß sie im vergangenen halben Jahr tatsächlich alle Horkruxe gefunden hatten. Die Schlange allerdings hatten sie wieder an die Todesser verloren. Doch die restlichen fünf waren zwischenzeitlich vernichtet. Den ersten Horkrux, Vorlosts Ring, hatte er selbst zusammen mit Severus vernichtet. Seine vertrocknete Hand war der Preis dafür gewesen, den Ring hatte er zur Erinnerung daran behalten.
Zwei weitere Horkruxe, Slytherins Medallion und Huffelpuffs Becher hatte Hermine zusammen mit Severus lokalisieren können und gemeinsam hatten sie die Horkruxe vernichtet. Die Zusammenarbeit der beiden hatte sich als über­raschend fruchtbar herausgestellt.
Hermine und Severus waren während ihrer geheimen Zusammenarbeit haarsträubenden Vermutungen gefolgt, hatten sich nächtelang durch uralte Pergamentrollen gelesen, waren gemeinsam ins Denkarium gegangen, hatten die Erinnerungen Fremder nach wichtigen Hinweisen durchforstet, hatten versucht, die entscheidenden Informationen aus der Fülle des Informations­angebots herauszufiltern, und oft genug hatten sie sich anschließend nur wider­strebend zusammengesetzt, um ihre Schlußfolgerungen miteinander zu kombinieren. Daß sie sich nicht mochten, war jedem klar gewesen, und oft genug war es bei ihrer nächtlichen Zusammenarbeit ziemlich lautstark zugegangen. Er selbst hätte allerdings nie gedacht, daß Hermine sich Snape gegenüber so durchsetzungsstark zeigen würde, noch hätte er angenommen, daß Severus ernsthaft mit Hermine zusammenarbeiten würde.
Doch das Schicksal, dachte Dumbledore versonnen, sorgt für so manchen seltsamen Bettgefährten - wie man so schön sagte. Und auch wenn er zwischen den beiden oft die Wogen hatte glätten müssen und manchmal wie ein Übersetzer zwischen ihnen fungierte, hatten sie doch am Ende für die Dauer ihrer Forschungen ihre Vorurteile und Differenzen beiseite gelegt und waren immer effizienter zu ihren ungewöhnlich aber immer zutreffenden Ergebnissen gekommen.
Ohne die beiden wäre die damals noch unbekannten Horkruxe, Gryffindors Armreif in Godric Hollow und der Kristalldolch des Schlangengotts Nagaraja aus dem Mannaarsaala Tempel in Kerala, unerkannt und unentdeckt geblieben.
Doch um den Kristalldolch in ihre Hände zu bekommen, hatte Hermine einen furchtbaren Preis bezahlt. Als sie mit Harry und Ron im Alleingang den Dolch stahl, traf sie ein unbekannter Fluch, der sie für einige Wochne furchtbarste Haluzinationen und Schmerzen erleiden ließ. Nur Severus Heiltränken verdankte sie ihre geistige Gesundheit. Rund um die Uhr hatte er nach ihr gesehen und ihr immer wieder seine Tränke eingeflößt. Als sie schließlich wieder gesundete, stellte sich heraus, daß sie nicht mehr apparieren konnte.
Hermine hatte später gemeint, daß dies nur ein geringer Preis dafür sei, daß sie einen weiteren Horkrux gefunden und vernichtet hatten, doch Dumbledore wußte es besser. Er wußte, wie sehr sie unter dem Verlust ihrer Fähigkeit litt.

Und während all dieser Zeit war ihm der vorsichtig wachsende gegenseitige Respekt Hermines und Severus' füreinander nicht entgangen. Was für ihn zu den über­raschendsten und zugleich erfreulichsten kleine Wendung am Rande dieses großen Krieg gegen Voldemort zählte.

Der alte Zauberer fragte sich, ob er richtig gehandelt hatte, als er Severus vorschlug, endgültig zu den Todessern zu wechseln. Es beunruhigte ihn, immer noch nichts von ihm gehört zu haben, und er fragte sich, was geschehen war.
Es war ungewöhnlich, daß sich Severus nicht wenigstens durch seinen Patronus bei ihm meldete, und in ihm keimte der Verdacht auf, daß etwas ganz furchtbares geschehen war.
Allein die Tatsache, daß sämtliche der Gefangenen von Askaban entkommen waren, sprach schon dafür. Denn der ursprüngliche Plan hatte nur einige wenige der dort einsitzenden Todesser freisetzten sollen. Es hatte der Preis sein sollen, mit dem sich Severus seine Rückkehr zu den Todessern erkaufen und das Wohlwollen Voldemorts hätte sichern sollen.
Warum nur waren alle Todesser entkommen? Warum alle anderen der in Askaban einsitzenden kriminellen Zauberer? Dumbledore konnte sich nur vorstellen, daß die ganze Lage eskaliert und das Pulverfaß Askaban explodiert war. Und Severus hatte im Zentrum dieser Explosion gestanden.
Lebte sein langjähriger Verbündeter noch? Und wenn er noch lebte, hatte er eine Möglichkeit gehabt, Hermine zu retten? Und wenn dem so war, warum war Hermine nicht wieder bei ihnen? Die Todesser würden Hermine kaum am Leben lassen. Sie hatte für diese keinen Wert.
Seit dem letzten Einsatz des Ordens standen zu viel Fragen offen, sie hatten nichts gewonnen, aber viel zuviel verloren.

Der alte Mann wandte sich vom Fenster ab und schenkte sich ein Glas Wein ein. Die rubinrote Flüssigkeit füllte das Kristallglas und Fawks, der neben dem Schreibtisch auf seiner Stange saß, gab einen fragenden Laut von sich. Dumbledore lächelte ihm beruhigend zu und streichelte ihm geistesabwesend das Gefieder.
Dann trat er erneut ans Fenster und starrte hinaus. Er machte sich große Sorgen.
Um Hermine ebenso wie auch um Severus. Er konnte und wollte sich nicht vorstellen, daß auch nur einer der beiden tot war. Obwohl sich in seinem Herzen langsam Zweifel einschlichen. Doch noch verdrängte er diese. So lange nicht das Gegenteil bewiesen war, mußte er einfach daran glauben, daß die beiden noch am Leben waren.

Der weißhaarige Mann starrte in die verregnete Nacht und nippte am Wein. Er fragte sich, was die Zukunft bringen würde, und wie viele seiner Freunde er noch verlieren würde.

~~~~

"Und?" fragte Ron.
"Er weiß nichts!" fauchte Harry seinen im Krankenflügel liegenden Freund an, nur um sich gleich darauf hin wieder bei ihm zu entschuldigen. Ron lag seit ihrem letzten Kampf hier, denn St. Mungos war hoffnungslos überfüllt. Nachdem Ron soweit stabilisiert worden war, das er auch außerhalb Mungos weitergepflegt werden konnte, hatte man ihn auf die Krankenstation in Hogwarts überführt. Sein rothaariger Freund hatte während des letzten Kampfs so viele Flüche abbekommen, daß man ihm in St. Mungo sein Bein am Oberschenkel hatte abnehmen müssen. Es war ohnehin ein Wunder, daß Ron noch lebte, daß die Todesser ihm im letzten Kampf nicht den Rest gegeben hatten. Sie hatten sich im Durcheinander der tödlichen Flüche und der voranmarschierenden Inferi aus den Augen verloren und erst viele Stunden später hatte ihn seine Mutter, schwerverletzt und kaum noch am Leben, auf dem verlassenen Schlachtfeld gefunden und zurückgebracht.
Seit dem lag Ron im Krankenflügel der Schule und Harry besuchte ihn jeden Tag, versuchte ihn aufzumuntern, obwohl ihm selbst so schwer ums Herz war. Oft saß Luna an Rons Bett und erzählte ihm Geschichten von seltsamen Verschwörungstheorien oder las ihm vor. Sie war die einzige, die ihn zum Lachen bringen konnte, die einzige, bei deren Erscheinen seine Augen kurz aufleuchteten. Doch im Augenblick war sie nicht da und er und Harry waren allein.
"Wo steckt eigentlich Snape?" fragte Ron in diesem Augenblick Harry. "Hast du Dumbledore mal nach ihm gefragt? Wieso hört man gar nichts mehr von dem. Ist der jetzt eigentlich auf unserer Seite oder doch ein Verräter? Und wieso konnten all die eingebuchteten Todesser aus Askaban fliehen, während wir einfach nur noch um unser Leben gekämpft haben? Wo war Snape damals, und wo steckt er jetzt?"
"Snape!" spie Harry den Namen mit unversöhnlichen Haß aus.
"Wenn der Kerl noch lebt und Hermine nicht, dann schwör ich dir, Ron, ich bringe ihn eigenhändig um! Der hält uns doch alle zum Narren.
Doppelagent. Pah! Daß ich nicht lache! Der Kerl wird sich auf die Seite schlagen, die am Ende gewinnt. Aber das werde ich nicht zulassen. Wegen dem sind meine Eltern umgekommen, und dafür wird er bezahlen, daß schwör ich dir, Ron. Ich weiß nicht, warum Dumbledore ihm traut, aber er täuscht sich. Das spür' ich. Ich sag dir ..."
Ronald Weasley schaltete ab. Er hatte Harrys Endloshetzereien Snape gegenüber inzwischen ziemlich satt. Snape war sicherlich keiner, dem man so ohne weiteres über den Weg traute, und er war ein Arschloch. Doch Ron hatte nicht vergessen, wie sehr dieser um Hermines Gesundheit nach ihrem gescheiterten Abenteuer in Kerala gekämpft hatte, und so lange Dumbledore ihm traute, würde er Snapes Glaubwürdigkeit nicht in Frage stellen. Obwohl er sich schon fragte, warum man gar nichts mehr von ihm gehört hatte. Aber Snape war ihm egal. Mehr Sorgen machte er sich um Hermine, fragte sich, wo sie geblieben war. Er wußte nicht, was davon zu halten war, daß der Orden keine Informatonen über die beiden herausbekam oder warum Dumbledore so beharrlich zu Fragen über Snape schwieg.
Aber es waren auch keine Leichen gefunden worden. Weder von Snape noch von Hermine. Es gab keinerlei Hinweise darauf, daß die beiden nicht am Leben waren. Und allein der Mangel an Informationen gab Ron Hoffnung, daß seine Freundin noch am Leben war und Snape sie vielleicht hatte retten können. Schließlich standen sie auf der selben Seite, oder nicht?
Ron Weasley warf einen Blick auf Harry, der immer noch über Snape herzog. Es war erstaunlich, wie viel Harry zum Thema Snape zu sagen hatte. Er selbst hätte sich mit ein, zwei Sätzen begnügen können. Andererseits, wenn Snape am Tod seiner Eltern Schuld gewesen wäre, dann würde er vermutlich auch anders über diese zu groß geratene Fledermaus denken, dachte Ron schuldbewußt und hörte noch die letzten Worte von Harrys Hetzkampagne.
"... dir mal Gedanken darüber gemacht, was die beiden in den letzten Monaten sonst noch so im Kerker gemacht haben?" fragte ihn Harry.
"Gemacht? Was meinst du mit 'gemacht'?" antwortete ihm Ron und fragte sich verwirrt, was er gerade verpaßt hatte.
"Ist dir den gar nicht aufgefallen, daß Hermine nicht mehr über Snape hergezogen ist, seit die beiden zusammensaßen und versuchten, die Horkruxe zu finden?"
"Oh ... umm ... Hermine ist nie über Snape hergezogen, Harry. Sie hat eigentlich immer mit Respekt von seinen Fähigkeiten als Zaubertrankmeister gesprochen, auch wenn sie ihn nie gemocht hat. Außerdem hat sie meistens von ihm als Professor Snape gesprochen, selbst wenn er gar nicht da war. Sag mal, geht es dir gut, Harry? Du bist irgendwie so komisch seit der Begegnung mit der Schlange - sie hat zu dir gesprochen, nicht wahr?"
Harry sah seinen Freund betroffen an. Benahm er sich wirklich so komisch?
Aber Ron hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Schlange, die einen Teil der Seele Tom Riddles in sich trug, hatte tatsächlich zu ihm gesprochen. Und sie hatte gewußt, daß nur er sie verstehen würde, aber das war nicht das Schlimmste ...
"Harry?"
"Du hast Recht, Ron", flüsterte Harry tonlos. "Sie hat zu mir gesprochen - aber ich kann mich nicht mehr erinnern, was sie gesagt hat. Sie sprach und dann fing die Narbe plötzlich an zu brennen, mein Kopf fühlte sich an, als würde er gleich explodieren und ich wurde wegappariert ..."
Ron runzelte die Stirn und unterbrach Harry.
"Wie? Das versteh ich nicht. Du wurdest wegappariert? Was meinst du damit?"
"Das bedeutet, daß mich irgendetwas ohne mein eigenes zutun wegapparierte. Etwas, das ich nicht war, das aber meine eigenen Fähigkeiten zum apparieren benutzte. Etwas hat mich benutzt, Ron! Und das letzte, was ich noch sah, war Hermine, die versuchte, die Inferi zu bannen, ich sah die Angst in ihrem Gesicht und die Enttäuschung, weil ich verschwand.
Ich hatte sie mit in den Kampf genommen! Es lag in meiner Verantwortung, mit ihr wieder zu disapparieren. Du weißt doch, daß sie seit diesem Fluch in Indien nicht mehr apparieren kann. Alles ist meine Schuld! Daß das in Indien passiert ist, daß sie nicht mehr apparieren kann und dann habe ich sie auch noch auf dem Schlachtfeld im Stich gelassen ...", flüsterte Harry, "... ganz allein. Und das ist alles, woran ich mich noch erinnere. Nur noch an ihre Angst, an die Enttäuschung in ihrem Gesicht ... und an die Inferi, die immer näher kamen, uns langsam einschlossen ... und dann war ich weg ... einfach weg ..."
Harry schlug sich verzweifelt die Hände vors Gesicht und schluchzte auf.
Ron sah seinen Freund fassungslos an, der diesen Schmerz und die Schuld nun schon seit Tagen mit sich herumtrug und nichts gesagt hatte.

Dumbledore, der unbemerkt von den beiden im Saal aufgetaucht war, hatte das Gespräch mitangehört. Schnell überwand er die Distanz zwischen sich und Harry und legte ihm die Hand auf die Schulter.
"Junge, das hättest du uns gleich erzählen sollen."
Und an Ron gewandt sagte er:
"Was macht das Bein, Ron? Und wie geht es dem verbliebenem Rest deines Körpers?" Dann wühlte er aus seinem Umhang eine Schachtel hervor, hielt sie ihm hin:
"Schokofrösche?"
Ronald starrte seinen Freund immer noch fassungslos an und stotterte in Dumbledores Richtung:
"D-- danke, Sir. Soweit ganz gut. Fred und George haben auch schon ein paar Ideen wegen einer Beinprothese und ..."
Das glucksende Lachen Dumbledores unterbrach ihn:
"Fred und George Weasley haben Ideen wegen einer Beinprothese. Das klingt ja vielversprechend ..."
Dann beugte sich der alte Zauberer zu Harry vor:
"Harry, wir müssen und uns über das eben gesagte unterhalten - es ist nicht deine Schuld, was geschehen ist. Aber wir müssen herausfinden, wie es passieren konnte und warum. Komm bitte mit mir."
Harry stand auf, sah weder zu Ron noch zu Dumbledore. Er folgte diesem still und mit hängendem Kopf.
Ron wischte sich Tränen aus seinen Augenwinkeln. All seine Hoffnung war mit Harrys Worten erloschen. Hermine war allein zurückgelassen worden während eine Armee von Inferi sie eingeschlossen hatte. Nein, sie würden keine Leiche finden und es gab keine Hoffnung mehr.
Hermine war tot.

(Ende Zwischenspiel.
Zurück zur eigentlichen Geschichte. Hier sind nur zwei Tage vergangen, seit dem der Professor Hermine in den Heilschlaf versetzt hat.)





"Ist es nicht gefährlich, sie dort unten allein zu lassen - sie kann sich doch sonst was zusammenbrauen."
"Darüber solltest du dir keine Gedanken machen, Wurmschwanz. Das Mädchen schläft und ist dort unten sicher verwahrt. Sie wird uns keinen Ärger machen."
Snape hatte die neugierige Nachfragerei seines lästigen Mitbewohners satt. Er hatte den ganzen Kerl satt!
Weder war Wurmschwanz ihm eine Hilfe, noch eine Unterstützung. Der Dunkle Lord hatte ihn am Anfang wohl nur deshalb in seinem Haus untergebracht, um ihn auszuspionieren, um sicherzugehen, daß er immer noch loyal an der Seite seines Herrn stand.
Nachdem dies nun zur Zufriedenheit des Dunklen Lords geklärt war, schien dieser Pettigrew einfach vergessen zu haben.
Und Snape hatte einen Mitbewohner am Hals, den er nicht ausstehen konnte und lieber gestern als heute losgeworden wäre. Ganz besonders nun, da er das Mädchen im Haus hatte.
Er befürchtete, sobald sie wieder zu Bewußtsein kam, würde sie einen Fehler machen, würde die wahre Natur seiner Tätigkeit preisgeben. Und dann würde er sie töten müssen, und zwar noch bevor seine Deckung aufflog.
Seit sie im Labor im Heilschlaf lag, hatte er immer stärkere Zweifel an der Richtigkeit seines Handels bekommen. Er hätte sie besser zurücklassen sollen, hatte er sich inzwischen schon zigmal gesagt. Er hätte sie sterben lassen sollen, hätte sich nicht von ihren Tränen und ihrer Angst beeinflussen lassen sollen.
Warum war sie überhaupt bei der Jagd auf Nagini dabeigewesen? Auch das hatte er sich inzwischen schon viel zu oft gefragt. Er konnte sich nicht vorstellen, daß Dumbledore davon gewußt hatte. Es war viel zu gefährlich gewesen, besonders da sie nicht mehr apparieren konnte! Irgendeiner ihrer feinen Freunde mußte sie mitgenommen und dann allein zurückgelassen haben. Und wäre er nicht aufgetaucht, um sich auf Befehl Voldemorts noch einmal umzusehen, hätten sich nicht zufällig ihre Weg gekreuzt, dann hätte er nicht die Probleme am Hals, die er jetzt hatte.
Es steckte noch immer viel zuviel Mitgefühl in ihm, als für seine Arbeit gut war, stellte der schwarzhaarige Zauberer erbittert fest. Dumbledore wäre entzückt gewesen!

"Ich gehe runter ins Labor und sehe nach unserm Gast", sagte er schließlich.
"Ich komm mit, Severus", kam es wie aus der Pistole geschossen zurück.
"Du bleibst hier, Wurmschwanz!" antwortete Snape ihm leise und beherrscht. Seine schwarzen Augen fixierten den kleinen Mann.
"Das Labor ist mein Reich und alles darin gehört mir. Du wirst keinen Schritt über seine Schwelle setzen - jemals. Ich hoffe, das war klar ausgedrückt, und ich muß mich nicht wiederholen."

Peter Pettigrew haßte Snape! Er haßte ihn aus ganzem Herzen, und er haßte alles an ihm.
Er haßte die Arroganz, mit der er ihn behandelte, haßte seine leise spöttische Art zu sprechen, seine Stimme, die sich nur selten erhob und wenn, dann nur um eine hypnotische Präsenz zu entwickeln, so daß man am Ende bereit war, zu allem Ja und Amen zu sagen.
Aber ganz besonders haßte er den Blick aus Snapes stechenden schwarzen Augen, dem er nicht länger als ein paar Sekunden standhalten konnte. Und er haßte Snape dafür, daß dieser ganz genau wußte, was für ein erbärmlicher Feigling er selbst doch war.
"Dann bleibe ich eben hier und warte auf Instruktionen unseres Meisters", murmelte er leise, ohne Snape in die Augen zu sehen.
Dieser schnaubte nur verächtlich und ein spöttisches Lächeln umspielte von Pettigrew ungesehen dessen Lippen.
"Ja, Wurmschwanz, tu das."

~~~~

Severus Snape saß auf einem der steinernen Labortische und sah auf die schlafende Gestalt Hermine Grangers. Sie lag auf einem lieblos eingerichteten Matratzenlager im hinteren Bereich seines Labors, und Snapes Gedanken waren genauso düster wie die Beleuchtung des Kellers.
Er hatte sich entschlossen, sie aufzuwecken. Sie mußte essen und trinken. Zwei Tage schon lag sie im Heilschlaf, und bislang war es einfach gewesen, sie zu ignorieren. Doch wenn sie wieder bei Bewußtsein war, würde das nicht mehr gehen.
Kurz erinnerte er sich daran, daß er sie vor einigen Monaten schon einmal gerettet hatte. Damals, als ihn Dumbledore mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und in den Krankenflügel geführt hatte, mit tiefer Besorgnis in den Augen und kalter unterdrückter Wut in seinem Blick. Dort hatten Potter und Weasley völlig verdreckt und wie begossene Pudel neben einer ratlosen Madam Pomfrey gestanden, während sich Granger wie eine Wahnsinnige im Bett gewälzt hatte. Sie hatte geschrien und geweint, hatte jeden angespuckt und versucht zu kratzen, der sich ihr nähern wollte. Hatte um ihren Zauberstab gebettelt und gleichzeitig übelste Beschimpfungen ausgestoßen.
Er hatte nicht lange gezögert und sie geschockt. Danach hatte er sie in ein Extrazimmer gebracht und bis auf Dumbledore jeden herausgeworfen.
Damals hatte er ihr wahres Potenzial erkannt. Erst als sie aller Masken, aller anerzogener Höflichkeit und Zurückhaltung entledigt war, hatte er die Kraft in ihr erkannt. Er hatte erkannt, daß sie es gewesen war, von der vor so langer Zeit einst zu ihm gesprochen worden war - und er hatte diesen Gedanken sofort wieder beiseite geschoben. Hatte nicht wahr haben wollen, daß sich die Fäden des Schicksals nun langsam verbanden.

Der schwarzhaarige Zauberer saß, wie ihm schien, nun schon seit einer Ewigkeit hier, starrte sie unentwegt an und dachte nach. Vieles ging ihm durch den Kopf. Und im Augenblick bewegte ihn (vermutlich zum tausendsten Mal) die Frage, ob es tatsächlich ein Schicksal gab.
Schicksal.
Das war etwas, woran er sich stets geweigert hatte zu glauben. Denn würde er an ein Schicksal glauben, müßte er anerkennen, daß sie alle nur Marionetten in einem großen Spiel waren. Zu glauben, daß es ein Schicksal gab, hieß anzuerkennen, daß es keine Entscheidungsfreiheit gab.
Nein. Snape schüttelte unbewußt den Kopf. So konnte es nicht sein, so durfte es nicht sein! Niemals! Sie konnten unmöglich die Spielbälle von Mächten sein, die sie nie begreifen würden. Alles in ihm weigerte sich daran zu glauben, alles in ihm sträubte sich, das anzuerkennen ... und doch ... hier war sie.
Hermine Granger, muggelgeborene Hexe. Schlammblut. Das Unmögliche war geschehen. Sie war in seinem Haus, war in seiner Obhut, war in seiner ... Gnade?
Vielleicht wäre es eine Gnade gewesen, sie noch im Schlaf zu töten, dachte er. Was, wenn er sie nicht aufweckte? Was, wenn er sie einfach ihrem Schicksal verweigerte?
Ein grimmiges humorloses Lachen kam über seine Lippen.
Aber vielleicht bestand das Leben einfach nur Zufällen, dachte er sarkastisch. Kleinen dummen Zufällen, aus denen man versuchte, das Beste zu machen - und kaum daß er den Gedanken zu Ende gedacht hatte, warf er mit einem rauhen fast schon bellenden Lachen den Kopf in den Nacken. Na klar, Zufälle!
Als ob es so etwas geben würde! Doch wenn er akzeptierte, daß es keine Zufälle gab, dann mußte er wohl oder übel akzeptieren, daß es ein Schicksal gab. Wie könnte jemand daran glauben, daß es keine Zufälle gab und gleichzeitig daran glauben, daß es kein Schicksal gab?
Gott, er haßte solche Gedanken! Kein Wunder das Sibyll Trelawney ihre Verwirrung in Sherry zu ertränken versuchte. Im Augenblick war ihm auch danach. Nur das es bei ihm kein Sherry sein würde.
Wieder kehrte sein Blick zu Hermine zurück.
Nein, er wollte sie nicht wecken, wollte nicht tun, was er mußte. Hatte keine Lust, zum Handlanger eines Schicksals zu werden, an das er nicht glaubte.
Doch für den Moment mußte er es nehmen, wie es gekommen war, dachte er mit einem Anflug von Resignation. Die Würfel waren gefallen. Und hätte er sie zurückgelassen, müßte er nicht hier sitzen und über das Schicksal nachbrüten.
Der schwarzhaarige Zaubertrankmeister lachte kopfschüttelnd und beschloß, die Zukunft einfach auf sich zukommen zu lassen. Er würde tun, was er mußte und alles weitere würde sich zur gegebenen Zeit vor ihnen entfalten.
Nichts von dem, was ihm einst im Labyrinth der Finsternis zugeflüstert worden war, mußte zutreffen. Und nichts von dem, was er glaubte, damals gesehen zu haben, mußte geschehen. Alles konnte genauso gut nur eine Täuschung gewesen sein.
Es gab kein Schicksal. Und damit Punkt, Schluß, Aus!
Es gab nur das Prinzip von Ursache und Wirkung. Das war es, woran er glaubte. Und alles, was geschah, waren nur die Folgen der Entscheidungen, die man traf. Und manchmal traf man eben die falsche Entscheidung.
Möglicherweise war die Vorstellung an ein Schicksal für diejenigen ein Trost, die sich vor den Konsequenzen ihrer Entscheidungen fürchteten. Wie bequem war es doch zu sagen ich hatte keine andere Wahl. Wie einfach, die Verantwortung für seine Taten an eine unbekannte Macht abzugeben.
Snape schnaubte verächtlich. Er wußte es besser!
Er wußte, daß man für alles, was man tat, selbst verantwortlich war. Keiner konnte diese Verantwortung dem Schicksal in die Schuhe schieben. Letztendlich mußte man für das, was man tat, geradestehen.
Kein Schicksal erlöste einen, kein Schicksal nahm einem die Schuld ab, und kein Schicksal zwang einen zu irgendetwas. Alles was man tat, tat man aus freien Stücken, und es gab immer eine andere Wahl! Doch die wenigsten wollten zwischen dem Richtigen und dem Falschen abwägen. Die meisten gingen den einfachen Weg.
Kurz fühlte Snape, wie finsterer Wahn ihn streifte, wie Schrecken und Schuld aus den Tiefen seiner Seele wie eine dunkle Woge emporschoßen und ihn zu verschlingen drohten.
Zuviel Unerträgliches hatte er gesehen, viel zuviel Furchtbares erlebt und viel zuviel Schreckliches selbst getan ... nein, diese Schuld konnte ihm keiner abnehmen. Für alles, was er getan hatte, hätte es immer eine andere Wahl gegeben. Er allein trug an seinem Schicksal Schuld, kein anderer und erst recht keine unbekannten Mächte!
Voller Grimm in aufflammender Wut dachte er, daß es sein Schicksal sein sollte, dem Schicksal selbst zu trotzen! Sollte es wirklich ein Schicksal geben, wollte er sich ihm verweigern und ihm ins Gesicht spucken! Sollten sich doch andere dem Schicksal unterwerfen! Er war seines eigenen Glückes Schmied und was auch immer ihm vor unendlich langer Zeit in der Finsternis eines kalten steinernen Labyrinths gesagt worden war, konnte ihm egal sein. Es gab kein Schicksal! Und keiner bestimmte seinen Weg, außer er selbst!

Und so sprang der hakennasige Mann von Tisch, ging neben dem Matratzenlager in die Knie und betrachtete sich die junge Frau noch einmal intensiv. Blicke ihr forschend ins Gesicht, als hoffe er, darin etwas lesen zu können, was ihm zuvor entgangen war.
Sie sah jung aus, stellte er fest, viel zu jung.
Snape wußte, er würde sie nicht vor dem bewahren können, was auf sie zukam.
Genauso wenig wie er sie vor dem bereits Geschehenen hatte bewahren können. Doch er konnte sein Bestes tun, um ihr ein Überleben zu ermöglichen.
Und in diesem Moment, irgendwo tief in sich, schloß er einen Pakt mit sich selbst. Beschloß, daß er sein Bestes geben würde und sie nicht aufgeben würde, selbst wenn sie sich selbst aufgeben wollte. Er würde sie vorantreiben, würde sie an ihre Grenzen bringen und sie diese überwinden lassen. Er würde mit ihr die Hölle durchqueren und sie sicher hindurchgeleiten.
Er hatte viele schreckliche Fehler in seinem Leben gemacht. Und die sich daraus ergebenden Konsequenzen verdammten ihn für immer.
Doch dieses Mal würde es anders sein. Dieses Mal würde er von Anfang an das Richtige tun. Und diese junge Frau, diese muggelgeborene Hexe, würde mit seiner Hilfe überleben. Er würde sie zu einer mächtigen Hexe ausbilden (wie es ihm einst gesagt worden war. Doch diesen Gedanken dachte er nicht zu Ende). Sie hatte die Kraft, die Intelligenz und das Durchsetzungsvermögen, das dazu gehörte. Dies hatte sie ihm während ihrer verborgenen Zusammenarbeit immer wieder bewiesen, selbst in den Momenten, in denen sie krank und verletzt war.
"Schicksal?" schoß es ihm kurz durch den Schädel. Ja, vielleicht, dachte er, und war zumindest für einen Augenblick halbwegs mit diesem Gedanken versöhnt.
Doch er würde ihr die Wahl lassen. Sie sollte entscheiden, ob sie mit ihm den Weg in die Dunkelheit gehen wollte. Sie sollte über ihr eigenes Schicksal entscheiden. Keiner sollte ihr diese Entscheidung abnehmen. Danach allerdings würde es kein Zurück mehr geben.

Noch einmal betrachtete er sie in aller Ruhe.
Nichts in ihrem jungen Gesicht erinnerte an den Schrecken, den sie vor zwei Nächten durchlebt hatte. Ruhig und entspannt lag sie da, schlief.
Er nickte zustimmend. Ja, sie war durch und durch eine Tochter des Hauses Gryffindor.
Mut und Loyalität waren die herausragenden Eigenschaften ihres Hauses. Diesen Mut hatte sie vor einigen Monaten in Südindien unter Beweis gestellt, als sie zusammen mit ihren Freunden den Kristalldolch stahl. Es war dumm von ihr gewesen, und sie hatte den Preis dafür bezahlt.
Immer noch wunderte sich Snape, warum sie bei der Sache dabeigewesen war.
War sie doch um so vieles intelligenter, als ihre beiden Freunde. Doch die drei hatten nach dem Unglück beharrlich geschwiegen und er vermutete, daß es mit der anderen Eigenschaft des Hauses Gryffindors zusammenhing. Der Loyalität, die man in seinem eigenen Haus viel zu oft vergeblich suchte.

Snape stand auf, richtete seinen Zauberstab auf Hermine und sagte:
"Evigilatio!"
Und als ob er einen Schalter umgelegt hätte, flatterten Hermines Augenlider, und nach einem kurzen Stirnrunzeln öffneten sich ihre Augen.
Sie sah Snape, zuckte zusammen und schlug sich die Hand vor die Augen, als ob sie dadurch die aufsteigenden Erinnerungen zurückdrängen konnte.
"Es war kein Alptraum", stöhnte sie.
"Nein, Miss Granger, ich bedauere. Es war kein Alptraum."
Danach herrschte Schweigen. Hermine schien nachzudenken. Und nach einer Weile runzelte sie die Stirn.
"Sie hatten Recht", flüsterte sie ungläubig. "Ich erinnere mich an alles, doch es fühlt sich nicht so schlimm an, wie ich gedacht hatte. Es ist, als ob ich mich an etwas erinnere, das schon jahrelang zurückliegt und das deswegen nicht mehr so weh tut. Ich erinnere mich. Aber es ist ... schon so lange her ... Ich --"
Sie schluckte und ihre haselnußbraunen Augen trafen auf seine schwarzen.
"Danke, Professor. Danke, für alles."
Mit allem hatte der Lehrer für Zaubertränke gerechnet, nicht aber damit. Er hätte verstanden, wenn sie ihm Vorwürfe gemacht hätte, daß er sie allein bei den Todessern zurückgelassen hatte, hätte auch ertragen, wenn sie in Tränen ausgebrochen wäre oder ihn wütend beschimpft hätte - all das hatte er erwartet und war bereit gewesen, es zu ertragen.
Doch das sie so ruhig blieb und sich bei ihm bedankte, daß sie nach all dem Schrecken, den sie durchlebt hatte, so ruhig blieb, rührte ihn. All seine Gedanken über das Schicksal, über die Zukunft, all seine düsteren Erinnerungen waren mit einem Mal bedeutungslos. Er ging neben ihr in die Knie, nahm ihre Hand, streichelte kurz darüber und sagte (ohne es eigentlich zu wollen):
"Sie waren sehr tapfer, Miss Granger. Keine Frau sollte das erleben, was Ihnen widerfahren ist. Ich wünschte mir von ganzem Herzen, ich hätte es verhindern können."
Doch kaum, daß er seinen Satz beendet hatte, entriß ihm Hermine ihre Hand, und zwar so schnell als hätte sie sich bei seiner Berührung verbrannt.
"Verzeihung!" murmelte Snape betroffen. Konnte sich nur zu gut vorstellen, warum sie keinen Wert auf sein Mitgefühl legte. Und so stand er auf, zog sich die Kleidung zurecht und war wieder ganz der alte.
"Wurmschwanz hat Ihnen etwas zum Anziehen besorgt. Ich kenne mich mit so was nicht aus. Sollten Sie noch weitere Kleidungsstücke benötigen, sagen Sie es. Ich werde etwas arrangieren."
Mit seinem Zauberstab entfachte er die Fackeln an den Wänden.
"Ziehen Sie sich an. Ich werde zwischenzeitlich etwas zum Essen für Sie auftreiben. Sie sind nicht zufällig Vegetarier, oder?"
Hermine schüttelte den Kopf.
"Na gut, dann bin ich in einer Viertelstunde zurück."

~~~~

Hermine sah angewidert auf die Kleider, die Pettigrew besorgt hatte. Daß er sich dabei vorgestellt hatte, wie sie darin aussehen würde, war klar.
String, BH und Hemdchen zeigten mehr, als sie verhüllten. Nackt war man besser angezogen als mit dem Zeug, dachte sie empört und konnte sich vorstellen, wie er beim Besorgen der Sachen ... - ugh, besser nicht daran denken!
Die anderen Sachen waren nicht viel besser. Wenn sie die anzog, würde sie jeder Hure auf dem Straßenstrich Konkurrenz machen. Nein, sie würde das Zeug auf gar keinen Fall anziehen, nicht einmal anrühren mochte sie es .
Und so nahm sie das Bettlaken, wickelte es sich darin ein und entdeckte zu ihrem Entzücken ihren Gryffindorumhang, den sie sich auch gleich überwarf.
Nicht gerade stylish, dachte sie, fühlte sich aber gleich viel wohler.
Neben der Matratze entdeckte sie ihre Turnschuhe und zog sie an. Nicht einmal Socken hatte ihr der perverse Bastard besorgt.

Überrascht über ihre Unterbringung, begann sie Snapes Labor zu durchstreifen und sah sich darin um. Es stand in keiner Weise den Laboratorien in den Kerkern Hogwarts nach - manche der Substanzen, die sie in den sauber beschrifteten Gläsern entdeckte, waren illegal oder ihr schlichtweg unbekannt. Und besonders die Unbekannten, faszinierten sie.
Hermine, die geglaubt hatte, so ziemlich jede Substanz zu kennen, aus der sich ein Zaubertrank mischen ließ, ging staunend durch die Regalreihen. Mineralien, Harze, Tierpräparate, Wurzeln, scheinbar leere Gläser und solche, die randvoll mit lebenden und toten Insekten gefüllt waren, ließen sie erkennen, daß sie hier tatsächlich im Labor eines Meisters stand.
Snape hatte ihnen während ihrer Schulzeit anscheinend nur einen Bruchteil seines Wissens vermittelt. Wahrscheinlich hatte er ihnen in den letzten Jahren mehr verschwiegen, als er sie gelehrt hatte. Und mit einem Mal glaubte sie seinen Zynismus verstehen zu können, glaubte zu verstehen, warum er bei ihrer ersten Stunde so verächtlich über das "alberne Gefuchtel mit dem Zauberstab" gesprochen hatte. Denn das Zaubertränke mehr Macht besaßen, als ein Zauber, konnte sie inzwischen selbst bezeugen.
Vorsichtig nahm Hermine eines der Gläser aus den Regalen, das sie besonders faszinierte. Es war nicht beschriftet.
Ein weißes Gespinst füllte es vollständig aus und fast schon erwartete sie, darin etwas ekliges zu finden. Verpuppte Maden, Spinnen, Raupen oder so was. Doch da war nichts. Nur dieses dicke weiße Gespinst, das ein bißchen wie Zuckerwatte aussah und sich zu bewegen schien.
Hermine starrte ins Glas und an den Fäden des Gespinsts begannen silberne Lichter entlangzutanzen. Wie wunderschön die Lichter doch waren, dachte Hermine träge. Sie fühlte, daß sie das silberne Licht frei lassen mußte. Ihre Hand war schon auf dem Verschluß der Flasche, als eine andere Hand in ihrem Gesichtsfeld auftauchte und ihr vorsichtig das Glas abnahm. Hermine schüttelte benommen den Kopf, und ihr war, als würde sie aus einem Traum erwachen.
"Wie ich sehe, ist etwas an der sprichwörtlichen Neugier der Frauen dran", hörte sie Snapes Stimme gelassen neben sich sagen. "Wie gefällt Ihnen das Gespinst des Psilocybe cyanescens? Ich halte ihn in seiner etherischen Form für wesentlich stabiler und reiner, als in seiner physischen, getrockneten Erscheinungsform. Natürlich hat er in dieser Form auch mehr Macht über den Geist eines Menschen. Oder haben Sie eine andere Meinung dazu, Miss Granger?
"Der Psilocybe cyanescens in seiner etherischen Form? Das ist er? Aber das ist eine tödliche, illegale Substanz, Professor Snape! Wenn ich das Glas geöffnet hätte ..."
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln umspielte Snapes Lippen.
"Was soll ich sagen, Miss Granger? Ungefähr zwei Drittel der Substanzen in meinem Labor sind zumindest gefährlich, oft genug tödlich und in jedem Fall absolut verboten. Wenn ich etwas harmloseres brauche, Miss Granger, dann gehe ich nach Hogwarts."
Hermine entging nicht die beißende Ironie, mit der er den letzten Satz ausgesprochen hatte.
"Sie müssen etwas essen und trinken", sagte Snape dann. "Meine Tränke sind zwar außergewöhnlich, wenn es ums Heilen geht, doch für die eher profanen Bedürfnisse ihres Körpers müssen Sie selbst schon Sorge tragen."
Und in diesem Moment nahm Hermine den Duft von Tee und einem guten englischem Frühstück wahr. Sie warf Snape einen dankbaren Blick zu und steuert geradewegs auf den Schreibtisch zu, der an einer Wand des Labors stand. Sie hatte diesen bisher glatt übersehen, so sehr hatten sie die Gläser in den Regalreihen in Beschlag genommen.
"Wie ich sehe, bekleiden Sie sich lieber mit einem Bettlaken?"
Hermine drehte sich um, wurde rot.
"Professor Snape! Ich werde auf gar keinen Fall die Sachen tragen, die mir Peter Pettigrew besorgt hat! Lieber renne ich für den Rest meines Lebens im Bettlaken rum!"
Snape zog eine Braue hoch und steuerte auf Hermines Lager zu. Dort sah er die Kleider und Wäscheteile herumliegen und räusperte sich.
"Hmm, ich verstehe - nun ja, vielleicht finde ich ja etwas passenderes für Sie."
Hermine sah sich schon als Gothic herumlaufen.
"Äh, warum lassen Sie mich nicht einfach selbst ein paar Sachen besorgen, Sir. Von mir aus auch in der Knockturn Alley oder in einem Muggelladen."
"Das geht leider nicht. Keiner soll erfahren, daß sie noch leben. Der Dunkle Lord hält es für besser so. Im Augenblick soll ich für verschwunden und Sie für tot gehalten werden."
"Aber ...", Hermine verstummte und sah sich um. Sie deutete auf ihre Ohren und dann auf die Wände. Snape verstand.
"Sprechen Sie frei, Miss Granger. Nichts von dem, was hier gesagt wird, kann diesen Raum verlassen. Alle meine Räume sind abhörsicher."
"Aber werden Sie dem Orden nicht Bericht erstatten, Professor? Sollte man Professor Dumbledore nicht wissen lassen, daß wir leben?"
"Miss Granger", sagte Snape im gewohnt belehrenden Tonfall.
"Leider habe ich den starken Verdacht, daß wir einen Verräter im Orden haben. Lord Voldemort weiß viel zu oft, viel zu gut über die Dinge Bescheid, die ich ihm über den Orden zu berichten habe. Einzig meiner guten Verbindung zu Dumbledore und Hogwarts hatte ich das Vertrauen des Dunklen Lords zu verdanken. Mein letzter Einsatz zur Befreiung der Gefangenen von Askaban sollte dies jedoch geändert und meine Position unter den Todessern gefestigt haben. Doch als Spion für den Orden hat der Dunkle Lord anscheinend jemand anderen gewonnen. Und so lange dem so ist, kann ich es nicht wagen, Kontakt zum Orden aufzunehmen. Ich würde mich verraten. Ich fürchte, wir sind auf uns allein gestellt."
Hermine sah ihn mit großen Augen an und ihr wurde bei dem Gedanken schwindlig. Wenn das zutraf, dann würde es Einiges erklären. Wie zum Beispiel das Desaster bei ihrem letzten Kampf - und auch, warum sie so offensichtlich in eine Falle getappt waren. Und noch eins wurde ihr klar: Nun da Snape bei den Todessern blieb, würde jeder - ganz besonders Harry - Snape für den Verräter halten und der eigentliche Verräter blieb unentdeckt.
"Was ist mit Professor Dumbledore? Hatten sie ihm schon etwas von ihrem Verdacht erzählt? Weiß er -"
Snape sah sie mit seinen durchdringenden schwarzen Augen kühl an. Dann sagte er:
"Ihr Essen wird kalt, Miss Granger. Bitte lassen Sie Ihre Finger von all den hübschen Flaschen in den Regalen, und halten Sie ihre Neugierde in Zaum. Ich werde kurz fortgehen, um Ihnen entweder ein größeres Bettlaken zu besorgen oder ..."
Snape verstummte.
"Mir wird schon noch was einfallen ...", murmelte er und verließ das Labor.
Hermine setzte sich an den Schreibtisch und machte sich über das üppige Frühstück her. Dabei hing sie ihren Gedanken nach, die den düsteren Gedanken Snapes von zuvor um nichts nachstanden.
Später, als sie satt war, fiel ihr auf, daß der Professor ihr gar nicht auf ihre Frage geantwortet hatte. Vermutlich hatte er Dumbledore nichts gesagt.





"Du verschwindest von hier, Wurmschwanz!" raunzte Snape grob Pettigrew an.
"Nein, das werd' ich nicht! Der Dunkle Lord hat mich bei dir gelassen, damit ich dich unterst..."
"Du verschwindest von hier!" unterbrach ihn der Meister der Zaubertränke kurzerhand. "Du bist mir die ganze Zeit nur zur Last gefallen, und das kann ich jetzt nicht noch zusätzlich zu dem Mädchen gebrauchen. Ich lasse dir bis heute Abend Zeit, dir eine neue Bleibe oder irgend ein dreckiges Rattenloch zu suchen. Dort kannst du ja das Ende dieses Krieges abwarten. Du widerst mich dermaßen an, daß ich deine Anwesenheit keinen Moment länger ertragen kann, und ich schwöre dir, Pettigrew, wenn du heute Abend noch da bist, dann wirst du dir wünschen, eine Ratte zu sein."
"Aber Lord Voldemort -"
"Ich wiederhole mich nicht! Wenn du nicht einverstanden bist, kannst du dich ja beim Dunklen Lord beschweren. Nur zu, er wird sich sicherlich freuen, von dir zu hören. Vielleicht findet er sogar neue Aufgaben für dich!"
"Aber --"
"Was?" fragte Snape leise, eiskalt lächelnd.
"Hast du keine Freunde mehr, zu denen du gehen kannst? Niemand mehr da, den du noch verraten könntest? Bedauerlich, Wurmschwanz, außerordentlich bedauerlich!
Vielleicht solltest du doch den Gedanken an ein Rattenloch in Erwägung ziehen. Und jetzt geh und sieh zu, daß du verschwindest!"
Snape richtete seinen Zauberstab auf Pettigrew und dieser ging wutschnaubend die Treppe hoch, knallte die Tür seines Zimmers hinter sich zu.
Snape rief ihm hinterher:
"Und sollte ich feststellen, daß irgend etwas fehlt, Wurmschwanz, wirst du es bereuen!"

Es war die beste Lösung, dachte Snape. Wurmschwanz würde es nicht wagen, beim Dunklen Lord aufzutauchen um ihm zu sagen, daß er herausgeschmissen worden war. Und er selbst konnte in Ruhe mit Hermine Grangers Ausbildung beginnen - sie auf das vorbereiten, was auf sie zukam. Ihr die beste Basis geben, um in diesem Krieg zu bestehen.
Nun, da sie wach war, sah er die Dinge wieder nüchterner. Sie hatten sich beide gleicher­maßen in diese Lage gebracht. Das Mädchen, in dem es hatte überleben wollen, und er, weil er es ihr hatte ermöglichen wollen. Die einzige Frage, die noch unbeantwortet blieb, war die, ob sie sich dazu durchringen konnte, ihm in die Finsternis zu folgen. Ob sie ihm so weit vertraute, daß er sie auch wieder aus der Dunkelheit herausführen würde.
Snape erinnerte sich an das nächste Problem - Kleidung! Wo sollte er etwas Passables zum Anziehen für Miss Granger herkriegen? Im Haus hatte er natürlich nichts, was eine junge Frau anziehen könnte - außer ...
Der Gedanke blitzte wie von selbst in seinem Kopf auf. Snape überlegte kurz, zuckte mit den Achseln und dann ging er die Treppe hoch. Er konnte es sich nicht verkneifen, kurz gegen Wurmschwanzs Tür zu schlagen und zu knurren: "Mach es dir darin nicht zu gemütlich!"
Dann verschwand er in seinem eigenem kleinen Zimmer.
Mit einem Schwenk des Zauberstab öffnete er einen alten schiefstehenden und ziemlich schäbig aussehenden großen Schrank. Dieser gab den Blick auf schwarze und weiße Kleidungstücke frei, die fein säuberlich zusammengelegt und ohne sich gegenseitig zu berühren in der Luft schwebten.
Der Professor nahm eine der Hosen heraus und griff nach einem der altmodisch geschnittenen Hemden. Er nahm sich ein schwarzes. Einen Überrock brauchte sie nicht, dachte er, hatte sie doch ihren Gryffindorumhang. Dann setzte er sich auf sein Bett und holte eine Pergamentrolle aus der Schublade des wackeligen Nachtschranks. Eine Feder sprang ihm wie von selbst in die Hand.
Eine zeitlang kritzelte er auf dem Pergament herum, strich Wörter aus, stellte neue Wortkombinationen zusammen und irgendwann nickte er zufrieden.
"Das sollte klappen."
Dann stand er auf, machte mit seinen Zauberstab eine verschlungene Bewegung über der Kleidung und sprach deutlich:
"Alternamentum armavestem"
Ein heller Strahl löste sich von der Spitze seines Zauberstabs und hüllte die Kleidung vollständig ein. Als das Leuchten erlosch, war mit der Kleidung etwas geschehen. Sie hatte sich im Schnitt verändert, war kleiner geworden. Schwarz war sie immer noch. Snape nahm die Sachen an sich und ging zurück ins Labor.
Die Kleidung war genau das Richtige, um jeden davon zu überzeugen, daß Granger unter seiner Kontrolle stand, dachte er. Und zudem bot sie ihr genügend Schutz vor dem, was sie erwartete.

Er stieß die Labortür auf und Hermine schoß erschrocken vom Schreibtisch in die Höhe. Snape kam so schnell auf sie zu, daß sie ihm nicht hätte ausweichen können, selbst wenn sie gewollt hätte. Aber dafür war sie viel zu erschrocken, hatte sie sich doch total in das Buch vertieft, das aufgeschlagen auf dem Schreibtisch gelegen hatte.
Ein Buch, daß einer ganz anderen Art des Tränkebrauens gewidmet war:
Schwarzmagischen Tränken. Und überall hatte sie Anmerkungen zu den Zutaten und Zubereitungsformen in Snapes Handschrift lesen können, und ihr war beim Durchlesen der Rezepturen eine Gänsehaut über den Körper gekrochen. Sie hatte die Wirkung der Tränke nur ansatzweise verstanden, doch was sie verstand, war, daß sie schreckliche Dinge in einem Menschen bewirken konnten - Dinge, die kein Zauber jemals wieder gut machen könnte.
"Ah, Miss Granger. Wie ich sehe, konnten Sie Ihre Neugierde doch nicht in Zaum halten."
Snapes schwarzen Augen funkelten spöttisch.
"Schön, schön. Dann wird Ihnen ja meine Idee gefallen. Aber zuerst jetzt ziehen Sie diese Sachen an, und widersprechen Sie nicht! Sie passen, sind absolut unerotisch, sauber und werden Ihnen Schutz bieten - nicht nur vor neugierigen Blicken."
Hermine sah auf das Bündel schwarzer Kleider und schluckte. Irgendwie sahen sie wie Snapes Kleider aus.
"Bettlaken?" fragte sie bittend.
"Muß ich sie Ihnen selbst anziehen, Miss Granger? Ich tu es - aber es wird Ihnen sicherlich nicht gefallen!"
Hermine schüttelte den Kopf, und Snape trat zur Seite, um sie vorbeizulassen.
"Ziehen Sie sich da hinten um. Und keine Scham, ich sehe nicht hin."
Und wenn schon, dachte Hermine. Er hatte sie ohnehin schon nackt gesehen. Und er war Professor Snape - kein geiler Widerling wie Pettigrew. Sondern einfach nur der kalte zynische Professor Snape: Meister der Zaubertränke, Lehrer für die Verteidigung gegen die Dunklen Künste, Dumbledores Doppelspion und was sonst noch ...
Aber vor allem: Er verabscheute Menschen wie sie.

Hermine zog sich bei ihrem Lager um und stellte fest, daß ihr die Kleidung tatsächlich wie maßgeschneidert paßte. Und wie befürchtet: Es waren Professor Snapes Sachen. Nur der lange Überrock fehlte, Merlin sei dank! Sonst wäre sie als weiblicher Klon Snapes durchgegangen.
Dennoch faszinierte sie die Kleidung. Irgend etwas ging von ihr aus, das Kraft zu verleihen schien. Sie strich mit der Hand über das im Stil der Jahrhundertwende geschnittene Hemd, es paßte ihr perfekt.
Der Stoff fühlte sich seidenweich an, war pechschwarz und - jetzt erinnerte sie sich wieder! So hatte es sich angefühlt, als sie Snapes Trank getrunken und gleich danach das Bewußtsein verloren hatte. Aber dann ... hatte sie der Professor tatsächlich aufgefangen?
"Nun, Miss Granger? Fertig?"
"Ja, Sir. Fertig."
Sie ging zu Snape zurück, der sich umdrehte und sie ansah. Nur am Hochziehen seiner Braue erkannte sie, daß ihn die Wirkung seiner Kleider an ihr verblüffte. Sie hätte sich zu gern im Spiegel gesehen.
"Sehr schön! Wie fühlt es sich an?"
"Es paßt ... fühlt sich gut an, wieder vernünftige Sachen anzuhaben ... ähm ..."
Wieder zog Snape die Braue hoch und sah sie mit durchdringendem Blick an.
"Wie haben Sie das gemacht?" platzte es aus ihr heraus. "Das sind doch ihre Sachen, nicht wahr? Wieso passen die mir? Wie -?"
"Miss Granger, ich versichere Ihnen, es ist mir keine Freude, meine Kleidung an Ihnen zu sehen. Aber im Augenblick scheint dies die einzige Alternative, zu dem dort ...", verächtlich wies er auf den Stapel der Kleider, die Wurmschwanz besorgt hatte,
"... und Bettlaken zu sein." Dann fügte er noch an: "Außerdem sollten Sie inzwischen wissen, daß ich mehr kann, als Zaubertränke zu brauen."
Mit einem Schwenk seines Zauberstabs erschien ein zweiter Stuhl neben dem Schreibtisch.
"Setzen Sie sich, Miss Granger. Ich habe ein paar einfache Fragen an Sie, die Sie mir ehrlich beantworten sollten. Von Ihren Antworten hängt unsere weitere Vorgehens­weise Sie betreffend ab."
Sie setzten sich beide und Hermine fragte sich, was jetzt schon wieder kam. Snape tippte an das Frühstückstablett und der Teller darauf verschwand. Stattdessen erschien eine große Kanne mit Tee. Zwei Tassen standen daneben. Die Kanne erhob sich und schenkte ihnen ein.
Snape stand noch einmal auf, ging kurz fort und kam mit einem kleinen Glas aus der langen Reihe der Regale zurück. Er griff kurz ins Glas und streute ein rotes Pulver in Hermines Tee.
"Sir?"
"Ich muß die Wahrheit wissen, Miss Granger. Die unverblümte Wahrheit. Allerdings glaube ich nicht, daß Sie mir diese sagen werden, wenn ich Sie nicht - sagen wir mal - dazu ermutige."
"Aber -"
"Kein Aber. Trinken Sie, Miss Granger", sagte Snape leise und deutete auf die Tasse. "Es wird Ihnen nicht schaden, und in dieser Menge hält die Wirkung nicht länger als eine Stunde an."
Er nickte ihr zu, und hielt ihr auffordernd die Tasse hin. Hermine sah mißtrauisch darauf.
"Trinken Sie. Bitte. Sie wissen, mir stehen auch andere Mittel zur Verfügung, um Sie dazu zu bringen, mir die Wahrheit zu sagen. Doch das will ich nicht. Dieses Pulver hat nur eine enthemmende Wirkung. Alkohol nicht unähnlich. Betrachten Sie es als ein vom Professor angeordneten Vollrausch."
Hermine hätte schwören können, in Snapes Augen Humor aufblitzte zu sehen.
Ein wenig zitterte ihre Hand, als sie die Tasse aus der Hand des Professors entgegennahm. Nur kurz berührten sich dabei ihre Hände. Dennoch durchzuckte es sie wie ein Stromschlag. Erschreckt sah sie zu ihrem Lehrer auf, doch dieser schien es nicht bemerkt zu haben. Schnell leerte sie die Tasse. Hmm, schmeckte tatsächlich wie ganz normaler Tee.
"Und?" fragte Snape, "wie fühlen Sie sich?"
"Ganz normal, Sir. Kein bißchen schwindlig oder schlecht - wie von Alkohol ... Professor Snape, sind Sie sicher, daß das Pulver wirkt?"
Der Zaubertranklehrer lächelte, und sein Lächeln glich in diesem Moment viel zu sehr dem Ausdruck auf dem Gesicht einer Katze, die gerade eine Maus in ihrer Reichweite entdeckt hatte. Hermine glaubte sich nicht daran erinnern zu können, Snape jemals so lächeln gesehen zu haben. Es war ihr unheimlich.
"Sagen Sie mal, Miss Granger, was halten Sie eigentlich von mir. Rein menschlich gesehen?"
"Von Ihnen, Sir? Also Sie sind ein überhebliches und eingebildetes Arschloch! Sie haben absolut keinen Deut von Mitgefühl in ihren Knochen und jeder weiß, daß es Ihnen einen perversen Spaß macht, Ihre Schüler zu drangsalieren. Sie sind ungerecht, boshaft und so gemein, daß man es in Ihrer Nähe nicht aushalten kann. Kein Wunder, daß Sie allein sind. Ganz ehrlich, Professor Snape: Sie sind das Allerletzte!"
Hermine riß entsetzt die Augen auf und schlug sich sofort die Hand vor den Mund.
"Oh, nein! Das hab ich nicht gesagt! Nein, ganz ehrlich nicht. So denke ich doch gar nicht von Ihnen. Sie sind eben nur der allerschlimmste Mensch, den ich kenne. Absolut niemand kann Sie ausstehen! Und das Übelste an Ihnen ist, daß es Ihnen Spaß macht, andere zu quälen. Besonders Muggelstämmige wie mich. Wissen Sie, Professor, daß ist so unfair, so gemein! Sie sind der fieseste Charakter, den ich kenne und ich wundere mich, wie Professor Dumbledore einem wie Ihnen nur trauen kann. Sie -"
Hermine schlug sich nun beide Hände vor den Mund und hielt ihn sich zu, während sie nicht aufhörte weiterzureden. Dumpf waren noch undeutlich Worte wie ungerechter Punktabzug, miese Tricks und hundsgemein zu hören.
Snape dagen lehnte sich zurück und lachte! Während Hermine ihn weiterhin mit entsetzten Augen ansah und nicht aufhören konnte, sich all ihren Frust über seine Unterrichts­methoden von der Seele zu reden, schüttelte es ihn vor Lachen!
"In Ordnung, Miss Granger. Vergessen Sie die Frage! Vielleicht glauben Sie mir jetzt, daß diese Pulver mehr Macht besitzt, als jeder Zauber, der Sie nur Ihres freien Willens beraubt. Sie wissen wenigstens, was Sie sagen!"
"Na Danke aber auch! Als ob ich so etwas zu Ihnen sagen wollte. Also ehrlich! Das geht Sie doch gar nichts an! Ich respektiere Sie, mal abgesehen von dem, was ich gerade gesagt habe. Sie sind eben nur ein Scheißkerl, das ist alles! Schließlich weiß ich, daß Sie der beste Zaubertranklehrer sind, den man sich nur wünschen kann. Denn obwohl Sie so ein hochnäsiger verkorkster alter Knochen sind, habe ich trotzdem so viel von Ihnen gelernt ... und das, obwohl ich Sie überhaupt nicht leiden kann!
Wissen Sie was das Übelste war? Unsere Zusammenarbeit in den vergangenen Monaten. Das hat echt dem Faß den Boden herausgeschlagen. Ich konnte gar nicht glauben, daß es so interessant war, mit ihnen zusammenzuarbeiten - und ebensowenig konnte ich glauben, daß ich Sie während dieser Zeit nicht eigenhändig erwürgt habe! Sie sind so ein eingebildeter, arroganter Affe! Ich kann Sie auf den Tod nicht ausstehen, und Sie kotzen mich an!
Aber Ihr Verstand, wie der arbeitet, das hat mich gefesselt. Irgendwann begann ich mich sogar auf unsere Zusammenarbeit zu freuen - das muß man sich mal vorstellen, ist doch echt krank! Aber Sie haben eine unglaubliche Kombinationsgabe, ein echtes Gespür dafür, übergeordnete Zusammen­hänge zu erkennen. Das war wirklich beeindruckend ... und manchmal glaubte ich -" wieder schlug sich Hermine die Hände vor den Mund und Snape glaubte zwischen all ihrem halberstickten Gemurmel Worte wie Bastard, Seelenverwandschaft und Mistkerl heraushören zu können.
Doch er saß einfach da, schüttelte lachend den Kopf und hätte sie ihrer Respektlosigkeit wegen am liebsten gevierteilt. Aber das hatte er sich ja selbst zu verdanken, dachte er. Hermine Granger war einer der höflichsten Menschen, die er kannte - fast schon so höflich wie Dumbledore. Sie hätte ihm das alles nie an den Kopf geworfen, hätte er ihr nicht das Pulver gegeben. Insoweit war es seine eigene Schuld, daß er das alles zu hören bekam. Doch zumindest würde sie ihm nun seine Fragen wahrheitsgemäß beantworten. Aber eins, was sie gesagt hatte, interessierte ihn doch.
"Sie respektieren mich also?"
"Aber ja doch! Sie sind vermutlich der scharfsinnigste Lehrer, den wir in Hogwarts haben. Und das ich Sie persönlich auf den Tod nicht ausstehen kann, hat ja nichts mit meinem Respekt vor ihren Fähigkeiten zu tun -"
"Genug, Miss Granger. Ich denke, es reicht."
Hermine verstummte und sah ihn gequält an.
"Sir, bitte! Stellen Sie mir die Fragen, und dann lassen Sie mich schweigen. Das ist so peinlich!"
Er nickte.
"In Ordnung.
Um es vorweg zusagen: Mir gefällt nicht, was ich tun werde und in den vergangenen zwei Tagen habe ich mir mehr als einmal gewünscht, ich hätte sie den Inferi überlassen. Ihre Anwesenheit in meinem Haus gefährdet mich, und um ganz ehrlich zu sein, sie gefällt mir auch nicht. Doch ich kann es nicht mehr ändern. Wir sitzen nun im selben Boot und müssen zusehen, daß wir miteinander auskommen.
Ich habe nachgedacht, wie Sie in diesem großen Spiel mitspielen können und vielleicht sogar eine faire Chance zum Überleben bekommen. Doch was wir dazu machen müssen, wird Ihnen genauso wenig gefallen wie mir. Aber es ist Ihre einzige Chance zu überleben. Und nun zu meine Fragen und beantworten Sie mir diese wahrheitsgemäß:
Habe Sie Vertrauen in meine Fähigkeiten?"
"Hundertprozentig."
"Fürchten Sie sich vor mir?"
"Manchmal schon."
"Glauben Sie, daß ich auf Dumbledores Seite stehe?"
"Keine Ahnung."
"Ich will nichts von ihren Ahnungen wissen, Miss Granger, ich will Antworten. Also noch einmal: Glauben Sie, daß ich auf Dumbledores Seite stehe?"
"Ich hoffe es, Sir, ich hoffe es sehr. Aber ich habe Zweifel."
Snape nickte.
"Glauben Sie, daß ich auf Voldemorts Seite stehe?"
"Nein, das kann und will ich nicht glauben."
"Aber was glauben Sie dann, Miss Granger? Wenn ich nicht auf Voldemorts Seite stehe, und auch nicht auf Dumbledores, welche Seite könnte es dann noch geben?"
Hermine sah Snape mit großen Augen an, wollte nicht sagen, was sie wirklich glaubte, doch sie hatte keine Chance zu schweigen, denn ihr Mund begann wie von selbst zu sprechen.
"Ich glaube, Sir, Sie haben keinen anderen Herren, außer sich selbst. Und in dieser ganzen Angelegenheit verfolgen Sie nur ihre eigenen Ziele, ihre eigenen Interessen. Sie sind der undurch­schaubarste Mensch, den ich kenne - doch wenn wir Glück haben, sind ihre Interessen auch die von Professor Dumbledore."
Kurz herrschte Schweigen im Labor.
"Sie sind clever, Miss Granger ... wirklich clever", murmelte der Professor. Dann beugte er sich gespannt vor, und seine schwarzen Augen brannten sich mit seinen nächsten Worten förmlich in Hermines Schädel.
"Und wenn ich Ihnen einen Weg aufweisen kann, Miss Granger, einen Weg, der Dumbledore einen entscheidenden Vorteil verschaffen könnte. Der ihm einen Trumpf in die Hände spielt, der uns zum Sieg über den Dunklen Lord führen könnte und der vielleicht sogar ihrem Freund Potter das Leben retten könnte:
Würden Sie mitmachen? Wären Sie bereit, dafür mehr als Ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel zu setzten? Würden Sie Ihre Seele dafür riskieren?"
Schweigen breitete sich im Labor aus. Nur Snapes gespanntes Atmen war zu hören.
"Ja", flüsterte Hermine schließlich, "ich denke, das würde ich."

Snape lehnte sich zurück und schenkte ihnen beiden Tee nach.
"Denken Sie an Ihre Worte, Miss Granger. Erinnern Sie sich daran. An jedes einzelne ihrer Worte. Es ist die reine Wahrheit. Die Wahrheit jenseits aller Angst."
Snape trank seinen Tee aus und stand auf.
"Ich bin in etwa einer Stunde zurück. Bis dahin hat die Droge ihre Wirkung verloren. Ich werde danach keine weiteren Respektlosigkeiten tolerieren. Und wir werden uns über meine Pläne für sie unterhalten. Bis dahin trinken Sie vom Tee, er wird die Droge schneller neutralisieren, und schmökern Sie ruhig weiter. Es ist eine gute Vorbereitung auf das Kommende."
Im Gehen wandte er sich noch einmal Hermine zu.
"Ach, bevor ich es vergesse. Da gibt es noch etwas, was ich fragen wollte:
Ich wüßte doch zu gern den wahren Grund, warum Sie mich nicht leiden können."
Hermine stand auf und trat Snape entgegen. Sie haßte ihn! Er ließ ihr keine Wahl, als ihm die Wahrheit zu sagen, selbst wenn sie es nicht wollte. Doch zumindest konnte sie ihm zeigen, daß sie dieses Mal zu dem stand, was sie sagte.
Sie sah ihm direkt in seine harten stechenden Augen und ihre Stimme schwankte kein bißchen, ihr Blick war ebenso hart und unnachgiebig wie der seine.
"Weil Sie mich für etwas verachten, für das ich nichts kann. Und für das es auch nicht den geringsten Grund gibt, sich zu schämen. Sie verachten mich wegen meiner Abstammung. Sie glauben, Sie seien etwas Besseres! Und das nur wegen ihrer Herkunft. Sie sind nichts weiteres als ein widerlicher Rassist! Und Sie sind in meinen Augen nicht minder verabscheuungswürdig, als ich in den Ihren."
Einen Moment lang starrten sie sich an. Ihre Blicke fochten ein stummes Duell aus, bei dem keiner der beiden bereit war, auch nur einen Deut zurückzuweichen. Die Spannung zwischen ihnen steigerte sich bis ins Unerträgliche. Gleich würde sie sich in Mord und Totschlag entladen.
Doch Snape drehte sich abrupt auf den Fersen um und ging, ohne etwas auf das ebengesagte zu erwidern.

~~~~

"Wurmschwanz?"
Nichts war zu hören. Der Professor ging die Treppe hoch und öffnete vorsichtig mit einem Schwenk des Zauberstabs die Tür zu Pettigrews Zimmer. Er traute ihm zu, daß er ihm eine Falle gestellt hatte.
Doch tatsächlich war das Zimmer leer. Nichts wies mehr auf seinen früheren Mitbewohner hin. Anscheinend war er tatsächlich gegangen. Trotzdem betrat Snape nicht das Zimmer, sondern deutete nur mit dem Zauberstab hinein, sagte:
"Purgamentum!"
Ein heller Lichtstrahl löste sich aus seinem Zauberstab und fuhr wie ein Blitz ins Zimmer. Er durchstreifte es wie auf der Suche nach irgend etwas und begann sich dann netzartig aufzusplitten. Ein Rumpeln war zu hören, etwas erschütterte kurz den Raum, das Lichtnetz zog sich zusammen und verharrte als leuchtende Kugel im Raum. Snape stand im Türrahmen und schüttelte den Kopf. Dachte Wurmschwanz wirklich, daß er so leicht reinzulegen war. Der Lehrer für Zaubertränke ging zur Lichtkugel und betrachtete sich Pettigrews Hinterlassenschaft.
Nicht schlecht, dachte er. Die Ansammlung der Flüche im Netz hätte ihn für eine Weile beschäftigt. Er sah genauer hin: War da nicht sogar ein Knochenbrechender Treppenstolperfluch? Seit wann war Wurmschwanz so kreativ?
Mit einer lässigen Bewegung seines Zauberstabs ließ er die Kugel in Flammen aufgehen und entledigte sich der darin gefangenen Flüche. Anschließend ging er durch jedes einzelne Zimmer des Hauses, jeden Korridor, jede Kammer und wiederholte die ganze Reinigungsprozedur.
In Wurmschwanz steckte in der Tat mehr Kreativität und Witz, als er angenommen hatte, stellte er anschließend fest. Der beißende Toilettensitz war der Lustigste aller Flüche gewesen. Und sollte er Wurmschwanz jemals wiedersehen, würde er ihn kopfüber in die nächste Toilette werfen, allerdings nicht ohne vorher den gleichen Fluch über dem Toilettensitz ausgesprochen zu haben.

Der Professor ging nach unten in sein kleines vollgestelltes Wohnzimmer und überlegte sich, wo er Granger unterbringen sollte. Er konnte sie schlecht dort unten im Labor lassen und auch wenn ihm der Gedanke nicht gefiel, sie frei in seinem Haus herumstreifen zu lassen, was blieb ihm anderes übrig?
Sie mußte essen, das Bad benutzen und Zugang zum magischen Zimmer haben. Insoweit war die Unterbringung in Wurmschwanzs altem Zimmer die einzig richtige Wahl.
Er ging zu einem der Bücherregale und nahm Hermine Grangers Zauberstab vom Board. Er hatte ihn ihr abgenommen, bevor er sie bei den Todessern abgesetzt hatte. Nun würde sie ihn wieder brauchen.
Das Wohnzimmer, dachte er, würde er vor ihr verschlossen halten. Viel zuviel gefährliche Bücher standen hier. Und Miss Granger würde vermutlich kaum ihre vorwitzige freche kleine Nase aus ihnen heraus halten können.
Er ging nach unten und bevor er die Tür zum Labor öffnete, dachte er daran, wie sie ihm in die Augen gesehen hatte, als sie ihm sagte, wie sehr sie ihn verabscheute.
Er hatte ihre Stärke gespürt, ihre kalte unterdrückte Wut. Sie hatte ihm direkt in die Augen gesehen und war seinem Blick nicht ausgewichen, war kein Stück vor ihm zurückgewichen. Im Gegenteil. Sie war für eine Konfrontation bereit gewesen. Es hatte ihn ziemlich beeindruckt! In ihr steckte eine Kriegerin - und er würde sie aus ihr herausholen.

Er öffnete die Tür und sah auf Hermines Rücken, die über seinem Zaubertrankbuch gebeugt darin las. Dann sie sah auf, drehte sich um und sagte:
"Dann nehme ich an, sind Sie ab jetzt mein Professor Für die Anwendung der Dunklen Künste. Wenn ich Sie richtig verstanden habe?"
Snape ließ sich nicht anmerken, daß sie ihn wieder überraschte. Er ging auf sie zu, drückte ihr den Zauberstab in die Hand und sagte:
"Genau. Das ist ein ziemlich kluges Köpfchen, auf Ihren Schultern. Sehen wir zu, daß er auch dort verbleibt. In der Tat, Miss Granger, Ihre Vermutung ist richtig. Von nun an werde ich Sie in den Dunklen Künsten unterrichten. Es wird sich kaum vermeiden lassen, daß Sie dabei verletzt werden und Schmerzen erleiden. Doch wenn es Sie tröstet: Sie werden mir alles in gleicher Münze zurückzahlen dürfen, allerdings nur, wenn Sie können."
Wenn das mal keine Motivation ist, dachte Hermine, während Snape fortfuhr.
"In diesem Unterricht werden Sie sich nicht zurückhalten müssen. Im Gegenteil, die einzige Regel, der Sie ab jetzt folgen werden, lautet: Überleben um jeden Preis!
Ihr Freund Potter würde Sie um diese Ausbildung beneiden - aber der ist auch ein Idiot! Denn was Ihnen bevorsteht, ist nicht schön, macht keinen Spaß, ist schmerzhaft und gefährlich. Von nun an müssen Sie lernen, wie ein Schwarzmagier zu handeln, zu denken und zu zaubern."
"Na klasse!", dachte Hermine sarkastisch.