von Karo
Ich sitze auf dem Fensterbrett und
lasse meine Gedanken mit den Vögeln ziehen, die hoch oben am sturmgrauen Himmel
hin und her geworfen werden. Es sind schwarze Vögel. Vielleicht glaube ich das
auch nur, weil sie so hoch oben am Himmel keine Farben mehr erkennen lassen.
Raben und Krähen. Eulen und Käuzchen. Uhus.
Ich habe auch einige Falken erkennen
können und vielleicht einen Adler. Da bin ich mir nicht sicher, weil die
Ornithologie nie wirklich etwas war, worin ich gut war.
Darüber muss ich nun schmunzeln. Ich
kann mir gut Rons Gesicht vorstellen, wenn er entdecken sollte, dass die
Alleswisserin eben doch nicht alles weiß.
Rons Gesicht. Das würde ich jetzt
gerne sehen. Kastanienbraune Augen und Sommersprossen. Und ich fürchte mich
davor, dass es nicht mehr dasselbe Gesicht sein könnte, das ich so sehr liebe.
Dass Voldemort auch darauf seine Spuren hinterlassen hat. Nicht wie bei Harry
und mir. Keine Narben. Davor fürchte ich mich nicht. Ich habe Angst davor, das
Leuchten in Rons Augen nicht mehr zu finden. Dass daraus kalte dunkle Tunnel
werden, die gierig jede Wärme in sich einsaugen und nur Kälte zurücklassen. Im
Angesicht Voldemorts sind schon viele gestorben. Innerlich. Und gerade jetzt
bräuchte ich diese Wärme in Rons Augen. Diese immerwährende Weasleywärme, die
er ausstrahlt wie die Sonne ihr Licht.
Fröstelnd ziehe ich mir den Umhang
enger um meine Schultern und beiße ob des plötzlichen Schmerzes meine Zähne
zusammen. Und dieses Mal erfolgt kein bissig sarkastischer Kommentar darüber,
dass es eine undankbare Aufgabe ist, mir einen Trank nach dem anderen
einzuflößen, wenn ich nichts Besseres mit meiner Zeit anzufangen weiß, als sie
alle wieder herauszuheulen.
Ich grinse über Snapes vorletzte
Worte und heiße Tränen quellen aus mir heraus. Es geschieht einfach im gleichen
Augenblick in dem ich wieder sein Gesicht vor Augen habe, weil sich in meinem
Inneren alles zu einem schmerzhaften Klumpen zusammenzieht und da kein Platz
mehr ist für irgend etwas Anderes außer der Angst, der Wut und den Schmerzen.
Am allerwenigsten für Tränen. Und das, wo ich doch im Moment erleichtert sein
sollte. Eine irre Lachsalve blubbert in mir hoch und bringt noch mehr Tränen
zutage. Ist mir egal. Augenblicklich ist niemand hier, der daran Anstoß nimmt.
Und so lasse ich ungehemmt Rotz und Tränen in dem schwarzen Umhang versickern,
der nach Kräutern und Drachenschuppen und Basiliskenhaut riecht. So intensiv,
dass man meinen könnte, sein Besitzer wäre noch immer hier.
Es ist dieser Geruch, den ich
gelernt hatte zu hassen und derselbe, der mir das Leben gerettet hat, auch wenn
das eher Zufall war. Es ist der Geruch, der mich in den letzten Wochen
begleitet hat, jede Stunde, jeden Atemzug. Er und die bösartigen spitzen
Kommentare, gegen deren Gift ich längst immun geworden bin.
Jetzt fehlen sie mir. Wie eine
giftige Droge, die süchtig macht.
Ich streiche vorsichtig über das
weiche Gefieder in meinem Schoß und werde mit einem sanften Pulsieren und einem
leisen Schuhuhen belohnt. Goldorangefarbene Augen streifen mich mit ihrem warmen
Blick, bevor sie sich wieder schließen. Die Wärme ist tröstlich und auch ich
lege für einen Moment meinen Kopf in den Nacken und schließe die Augen, bis der
Schwindel überhand nimmt und meine Aufmerksamkeit zurück zwingt, zu dem kleinen
blutbefleckten Zettel in meiner Hand.
Du bist wirklich schnell geflogen,
meine Kleine. So schnell dich deine Flügel trugen, um mir diese Nachricht zu
bringen. Das war vermutlich der schnellste Flug in deinem ganzen Leben. Aber du
warst leider nicht schnell genug. Und vielleicht hätte es auch keinen
Unterschied gemacht, denn ich glaube nicht, dass er deswegen freiwillig von
meiner Seite gewichen wäre. Das ist er in den letzten Wochen nie.
Zugegeben, er war immer bemüht es so
aussehen zu lassen, als wäre er gerade mit etwas immens Wichtigem beschäftigt,
dass nun einmal diesen Raum erforderte und unsere bescheidene Unterkunft bot
auch nicht gerade ein Übermaß an Platz. Aber nach neun Jahren kennt man einen
Menschen doch ein klein wenig und es fallen einem eben kleine Veränderungen
auf.
Vor einer halben Stunde wäre es Zeit
für meinen Heiltrank gewesen, der gegen die Schmerzen, nicht der gegen die
Verbrennungen, der kommt erst später.
Wir saßen uns gerade gegenüber, er
mit dem Messlöffel in der Hand und der Miene eines in Ungnade gefallenen
Apothekers, als die Tür aufflog und sie ihn mitgenommen haben, einfach so. Ohne
zu zögern. Ohne zuzuhören. Und ohne seinen wehenden Umhang.
Ich glaube, der Trank war noch nicht
einmal vollständig aus seinem nun zerbrochenen Gefäß herausgelaufen, da waren
sie schon wieder fort. Mit ihm.
Und nun frisst sich die Stille in
meine Gedanken. Die Stille, die er mit dem Rascheln eines Pergamentes oder mit
seinem bösartigen Spott sonst so zuverlässig in die Enge und aus mir vertrieben
hat. Die Stille, die sich nun um meine Gedanken windet und mir Zeit läßt, mich
zu erinnern, an was ich mich nicht erinnern will. Was noch zu frisch und
schmerzhaft ist, um erinnert zu werden.
Ich schließe meine Hand zur Faust
und das Pergament knistert protestierend. Meine bandagierte Hand schreit in
gequältem Schmerz. Ich hätte nie gedacht, dass sich verbranntes Fleisch so kalt
anfühlen kann.
Kalt. Alles um mich her.
Wo ich doch eigentlich glücklich
sein sollte. Wo wir doch eigentlich glücklich sein sollten. Das sanftfedrige
Pulsieren in meinem Schoß erstirbt langsam. Ein Herzschlag, sanft wie
Meereswellen an einem ruhigen Tag, spült gegen meine Fingerspitzen.
Bald ist es vorbei, denke ich und
meine Niemanden im Speziellen.
Der kleine knittrige Zettel, den die
Eule gebracht hat, dessen Eiltransport nun ihr Leben aus ihrem daunig leichten
Vogelkörperchen ungehindert herauslaufen läßt, er gleitet mir aus der Hand und
meine Augen folgen ihm, während er sanft zu Boden schwebt. Er liegt mit dem
Gesicht nach unten auf den Dielen unseres Verstecks, doch ich weiß ja bereits,
was auf ihm geschrieben steht:
-- Wir haben gewonnen. --
Aber ich weiß nicht mehr, wer WIR
sind und nicht, warum es sich so anfühlt, als ob wir verloren hätten.