DIE HÜTER DES LICHTS II - Schattenspiele

von fee-morgana





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Kapitel 1-6



Die Hüter des Lichts II - Schattenspiele

Das Abenteuer geht weiter!

Während Voldemort Zweifel hegt, ob Snape die junge Gryffindor wirklich unter Kontrolle hat, erholt sich Ayla in Hogwarts. Doch nach den Ereignissen ist sie unsicher, wie sie Snape in Zukunft begegnen soll. Allerdings bleibt den beiden keine Zeit, ihre schwierig gewordene Beziehung zu klären, denn kaum sind die Ferien angebrochen, müssen sie den ersten Schritt ihres nunmehr gemeinsamen Kampfes wagen.

Werden sie es irgendwann schaffen ihre Kräfte zu vereinen? Spielt Dumbledore wirklich mit offenen Karten oder verbirgt er immer noch etwas vor Ayla? Wie weit wird Severus Snape gehen, um sein Ziel zu erreichen?

Nur eins ist wirklich klar: ab jetzt geht es um viel mehr, als um die Liebe zweier Menschen! Der Kampf hat unwiderruflich begonnen...


Disclaimer: Vorab die üblichen Bemerkungen: Alles was ihr kennt gehört JK Rowling. Ich habe es mir nur ausgeliehen. Geld verdiene ich leider immer noch nicht damit.


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Kapitel 1 - Zwielicht


In einem kargen, fensterlosen Raum, dessen Wände aus massivem Fels zu bestehen schienen, kämpften die Kerzen eines unter der Decke hängenden, tiefschwarzen Kronleuchters einen vergeblichen Kampf gegen das vorherrschende Dämmerlicht. Das zaghaft flackernde Feuer im Kamin vertrieb die feuchte Kühle des Raumes nur unzureichend und konnte dem Raum nicht einmal einen Anschein von Helligkeit und Wärme verleihen.

An Mobiliar gab es eine imposante Sitzgarnitur, die aus einem Sofa und mehreren Sesseln bestand. Das schwere, dunkle Leder der Sitzmöbel war an einigen Stellen schon stark abgewetzt und brüchig. Das dunkle Holz wirkte trotz seines Alters massiv, wie für die Ewigkeit geschaffen. Der vergangene Prunk war immer noch deutlich erkennbar. Ein kleiner Tisch aus Ebenholz stand in der Mitte. Auch der Tisch wies deutliche Spuren häufigen Gebrauchs auf. Die an den Wänden stehenden Regale waren mit merkwürdigen, doch kunstvollen Schnitzereien versehen. Die darauf befindlichen Gegenstände waren äußerst stilvoll drapiert. Waren all diese Gegenstände und Einrichtungsgegenstände auch alt, so war deutlich, dass der Eigentümer großen Wert darauf legte, eine gewisse Vornehmheit an den Tag zu legen.

Die beiden einzigen, anwesenden Personen waren derweil in eine hitzige Diskussion vertieft.

Ihr hättet sie nicht gehen lassen dürfen“, erklärte die Frau missmutig, während sie im Raum unruhig auf und ab lief. „Es ist einfach ein zu großes Risiko.“

Sag mir nicht, was ich tun soll!“, zischte der große, bleiche Mann im Sessel sofort ungehalten. Seine langen, dünnen Finger umkrallten einen Zauberstab, mit dem er bedrohlich auf die Frau deutete. „Gerade Du solltest Dich etwas zurückhalten!“

Die Frau zuckte ein wenig zusammen und war jäh stehengeblieben. Sie schien auf etwas zu warten, doch was auch immer es war, es passierte nicht.

Nach einem Moment atemloser Stille erwiderte sie sehr vorsichtig: „Nein, Herr. Ihr habt Recht, so etwas darf ich mir nicht anmaßen.“

Unsicher, so als hätte sie sich zu weit vor gewagt, ging sie hinüber zu einem der anderen Sessel und setzte sich ihm gegenüber hin. Sie strich sich zuerst unruhig über ihre eigenen Unterarme, bevor sie ihre bebenden Hände in ihren Schoß legte. Sie musste sich ganz offenbar zur Ruhe zwingen. Die Anspannung stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Warum glaubst Du ihm nicht?“, ergriff er nach einer langen Zeit das Wort. Seine Stimme war leise und es ging etwas lauerndes von ihr aus.

Ich weiß es nicht. Es ist nur ein Gefühl“, antwortete die Frau abwartend. Es war deutlich, dass sie nicht vorhatte, sich mit ihren Äußerungen noch einmal in Schwierigkeiten zu bringen.

Der Mann griff nach einem Kelch, der mit einer blutroten Flüssigkeit gefüllt war und vor ihm auf dem kleinen Tisch stand. Sinnierend trank er einen Schluck. Schließlich setzte er den Kelch wieder ab.

So wie er sich mit ihr duelliert hat, muss er sie hinterher in irgendeiner Form verhext haben. Sogar der Imperius, den er sonst immer erfolgreich anzuwenden verstand, ist gescheitert und jemand wie sie lässt sie sich nicht durch ein paar wohlmeinende Worte überzeugen“, befand er leicht ironisch. Dann fuhr er gehässig fort. „Egal, was vorher zwischen den beiden war, ihr Zorn auf ihn während des Duells war vollkommen echt. Sie wusste tatsächlich nichts darüber, auf wessen Seite er immer noch steht und die Erkenntnis, dass sie sich von so jemanden hat täuschen lassen, hat natürlich ihre noble Gryffindorseele nicht ertragen.“

Irgendetwas stimmt dennoch nicht“, beharrte die Frau. Ihr Tonfall glich jetzt dem eines trotzigen Kindes.

Du hast gesehen, welche Verletzungen sie bei dem Duell davongetragen hat“, fuhr der Mann kühl fort, der unentschieden schien, ob ihn ihr andauernder Widerspruch erzürnen oder erheitern sollte. Er spielte mit seinem Zauberstab und deutete lässig in ihre Richtung. Sie versteifte sich umgehend, was er mit zufriedener Genugtuung registrierte. „Er hat genauso gekämpft, wie ich es von ihm gewohnt bin. Hart und schonungslos, ohne Rücksicht und nur darauf aus, zu gewinnen. Außerdem hast Du mir bestätigt, was er getan hat, als er mit ihr allein war.“

Ich kann nicht sagen ob er wirklich... ob er den Zauber vollendet hat. Denn, als er uns entdeckt hat, hat er sofort die Tür versiegelt“, warf sie ein.

Offenbar hatte der Mann sich entschlossen, dass ihre Entgegnungen ihn belustigten. Der Spott in seiner Stimme war jetzt nicht zu überhören.

Am Morgen war die stolze Löwin jedenfalls zahm wie ein Kätzchen. Sie hat ihm widerspruchslos gehorcht. Offensichtlich seid ihr doch nicht zu früh entdeckt worden. Vermutlich wollte er nur noch ein bisschen weiter seinen Spaß mit ihr. Ohne neugierige Zeugen.“

Ich traue ihm einfach nicht. Ich kenne ihn schon so lange und er hat noch nie ein besonderes Interesse an Frauen gehabt. Umgekehrt haben ihn die meisten Frauen bislang auch gemieden“, wandte sie ein.

Der Mann war aufgestanden und langsam zu ihr hinüber geschritten. Neben ihrem Sessel blieb er stehen. Er hob seine Hand und ließ einen seiner dünnen Finger beinahe sanft über ihre Wange, bis unter ihr Kinn gleiten. Mit seinen langen, dünnen Fingern umfasste er es und hob es nachdrücklich an, dann beugte er sich zu ihr herunter.

Tatsächlich? Aber die beiden hatten bereits vorher ein Verhältnis“, meinte er süffisant. „Ich nehme an, Du weißt noch, was man tun muss, um schwanger zu werden.“

Sein Blick streifte langsam über sie, bis er schließlich in ihren Augen hängen blieb und sie eine ganze Weile konzentriert fixierte. Als er ihr Kinn nach einer Weile losließ und sich aufrichtete, hallte sein zischendes Lachen unheimlich durch den Raum. Die Frau warf dem Mann einen giftigen Blick zu.

Keine Frau hat mit so einem Mann freiwillig ein Verhältnis“, sagte sie jetzt heftig und sprang wieder auf. Sie ging nervös ein paar Schritte, dann drehte sie sich wieder zu dem Mann. „Er hat sie bereits vorher... irgendwie... verhext. Ein Liebestrank. Was weiß ich.“ Sie wedelte ungeduldig mit der Hand und wusste offenbar nicht, was sie noch sagen sollte.

Meine liebe Bella“, erklärte Lord Voldemort, wobei er seine schmalen Lippen erheitert verzog, „ich hatte mich schon länger gefragt, was Dich immer wieder so gegen Severus Snape aufbringt. Vielleicht solltest Du mir bei Gelegenheit auch die Details dazu erzählen. Einstweilen hoffe ich, Du bist zufrieden, wenn ich Dir sage, dass wir schon sehr bald herausfinden werden, was tatsächlich hinter der plötzlichen Friedfertigkeit von Miss McLellan steckt. Und ihr womöglich dabei noch ein wenig auf die Sprünge helfen.“ Er lächelte boshaft.

Das ist eine äußerst weise Entscheidung, Herr“, erwiderte Bellatrix Lestrange mit zufriedener Miene und lehnte sich jetzt bequem im Sessel zurück.

Sie ergriff einen Kelch und prostete dem Dunklen Lord zu, der ihren Blick mit seinen funkelnden roten Augen durchdringend erwiderte.


Kapitel 2 - Ein aufschlussreiches Gespräch


Angespannte Unruhe füllte ihren gesamten Körper bis in die Zehenspitzen. Mit allem Mut der Verzweiflung verteidigte sie sich in einem beinahe selbstmörderischen Duell. Sie sah den unbändigen Zorn in den schwarzen Augen ihres Gegners, gepaart mit dem unumstößlichen Willen sie vollkommen zu besiegen.

Schmerz. Brennend. Heiß. Quälend.

Der blanke Wahn sprühte aus seinen Augen, die sich mit einem Mal nur Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt befanden. Sein Körper erdrückte sie fast und sie spürte sein übermächtiges Verlangen, ihren Widerstand endgültig und mit Gewalt zu brechen. Doch dann - unerwartet - sein nacktes Entsetzen, als ihn die jähe Erkenntnis traf, was er da eigentlich tat. Seine abgrundtiefe Verzweiflung, die ihrer in nichts nachstand.

Etwas schweres landete auf ihrem Bauch.

NEIN!“, schrie sie gellend.

Verzweifelt kämpfte sie sich durch mehrere Schichten eines erschöpften Schlafes an die Oberfläche ihres Bewusstseins. Noch gefangen in den Überresten ihres letzten Traums, fühlte sie überwältigende, widerstreitende Empfindungen in sich. Sie suchte nach den Schmerzen in ihrem Körper, die ihrer vagen Erinnerung nach vorhanden sein mussten, doch außer einem sehr leichten Ziehen in ihrem rechten Unterarm fand sie nichts.

Immer noch verwirrt, riß sie die Augen auf und setzte sich auf. Obwohl im Raum nur ein dämmriges Licht herrschte, konnte sie für einen Moment nichts erkennen. Während sie verstört registrierte, dass irgendetwas etwas neben ihr war, ertönte ein sanfter, melodischer Schrei aus ebenjener Richtung.

Erleichtert aufstöhnend ließ sie sich wieder nach hinten kippen und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

Fawkes!“, knurrte sie. „Wenn Du nicht vor hast übermorgen zum Weihnachtsbraten verarbeitet zu werden, solltest Du mich nicht im Schlaf so erschrecken.“

Sie öffnete ihre Lider und sah direkt in die Augen des herrlichen, bunt gefiederten Phönix, der inzwischen auf den Nachttisch geflattert war. Er hatte den Kopf leicht schiefgelegt. Dann stieß er erneut einen leisen Schrei aus.

Hör auf zu lachen“, brummte sie. „Das war nicht witzig. Und ich meine das Ernst mit dem Weihnachtsbraten!“

Der Phönix legte den Kopf zur anderen Seite.

Du glaubst mir nicht?“, fragte sie und setzte sich auf. „Na gut. Wenn Du Dich jetzt benimmst, überleg ich es mir noch mal.“

Sie setzte sich aufrecht, schob die dicken Kissen zurecht und kuschelte sich dann hinein, während Fawkes sich neben ihr niederließ. Gedankenverloren begann sie den wundervollen Vogel zu kraulen.

Sie sah sich suchend um, bis sie ihren Zauberstab neben sich auf dem Nachttisch entdeckte. Ein kurzer Wink, dann flogen die Vorhänge der Fenster beiseite und ließen das helle Sonnenlicht in den Raum. Sie blinzelte, um sich daran zu gewöhnen.

Dem Stand der Sonne nach zu urteilen musste es schon spät am Vormittag sein.

Nach einer Weile hatten sich ihre Augen endlich an die Helligkeit gewöhnt und sie nahm ihre Umgebung allmählich wahr. Immer noch nicht richtig wach, rieb sie sich über das Gesicht. Sie wusste, wo sie war, doch ihr Gehirn hatte seine Tätigkeit noch nicht wieder so weit aufgenommen, als dass sie sich erklären konnte, wie sie hierher kam.

Das letzte, woran sie sich erinnerte war, dass sie in Dumbledores Büro auf einem Sessel gesessen hatte und versucht hatte, einem Gespräch zwischen dem Schulleiter und Severus Snape zu folgen. Sie war jedoch sehr müde gewesen. Irgendwann hatte sie ihre Schuhe abgestreift. Dann war sie immer tiefer in den Sessel gesunken. Sie konnte sich noch entsinnen, dass ihr die Augen immer wieder zufielen.

Offensichtlich war sie tatsächlich eingeschlafen und irgendeiner der Beiden hatte sie anschließend in Dumbledores Schlafzimmer gebracht.

Sie bemerkte, dass sie ein kurzärmeliges, weißes Nachthemd trug, das am Ausschnitt und an den Ärmeln mit weicher Spitze besetzt war. Der Schnitt war eindeutig weiblich. Es gehörte allerdings wohl einer etwas üppigeren Frau, als sie selbst es war. Es war durchaus geschmackvoll, aber sie selbst bevorzugte eher gewöhnliche Nachtwäsche in Form eines Herrenhemdes. Neben der Frage, woher Dumbledore dieses Nachthemd hatte, überlegte sie amüsiert, wer ihr das wohl angezogen hatte.

Schließlich glitt ihr Blick durch den Raum. Eigentlich hatte er sich kaum verändert, seit sie zuletzt vor vielen Jahren hier gewesen war.

Er war klein, doch immer noch genauso gemütlich und anheimelnd. Jedes Stück des geschmackvollen Mobiliars aus edlem Kirschholz wirkte liebevoll ausgesucht. Das große Bett, ohne den in Hogwarts sonst üblichen Betthimmel, war breit und bequem. Vor dem Kamin stand ein großer Ohrensessel, über dessen Lehne ein Morgenmantel hing, der in bunten Farben schillerte. Davor standen bequeme Slipper. Dumbledores eigenwilliger Geschmack hatte sich in keiner Weise verändert, stellte sie belustigt fest. Neben dem Sessel stand ein niedriges Tischchen, das über und über mit Zeitschriften, Büchern und Pergament bedeckt war. Eine kleine Schüssel mit Süßigkeiten lugte darunter hervor.

Neben dem Kamin, in dem ein kleines Feuer lustig flackerte, gab es eine unscheinbare Tür, die, wie sie wusste, zu einem Ankleidezimmer führte. Daneben lag ein Fenster, von dem aus man weit über die umliegenden Ländereien blicken konnte. Früher hatte sie oft diesen imposanten Ausblick genossen und stundenlang am Fensterbrett gelehnt.

Noch einmal legte sie ihren Kopf in den Nacken und genoss die wohlige Entspannung. Eine kurze Bestandsaufnahme sagte ihr, dass mit ihr alles in Ordnung war. Keine Schmerzen mehr, nur das leichte Unwohlsein in ihrem Magen, das seit kurzem ihr morgendlicher Begleiter war. Sie schielte auf den Nachttisch.

Es hätte sie schwer gewundert, wenn das kleine Döschen mit dem weißen Pulver nicht dort zu finden gewesen wäre. Beim Blick durch den Raum hatte sie auf einem Stuhl auch frische Sachen für sie gesehen, die vermutlich der sorgsame Hauself Beefy dort hingelegt hatte. Es sah ihm vollkommen ähnlich, auch an das Döschen zu denken.

Da sie gleich frühstücken wollte, nahm sie ein wenig von dem Pulver, bevor sie schwungvoll aufstand. Fawkes war bei ihrer Bewegung beiseite geflattert.

Du gestattest, dass ich mich frisch machen gehe?“, sagte sie munter zu dem Phönix und verschwand durch eine Tür ins angrenzende Badezimmer.

Als sie wieder zurück kam, hielt sie das Nachthemd demonstrativ vor sich.

Umdrehen“, kommandierte sie in Fawkes Richtung, was dieser allerdings nur mit einem fragenden Laut beantwortete.

Sie kicherte, dann warf sie das Nachthemd im hohen Bogen auf das Bett und begann, sich anzuziehen. Es musste Beefy gewesen sein, der ihr die Sachen hingelegt hatte. Er hatte die Angewohnheit ihr, wann immer sie ihm Gelegenheit dazu bot, anstatt ihrer bevorzugen Muggelkleidung, lieber Zauberergewänder herauszusuchen. Sie seufzte ein wenig. Doch im Grunde hatte sie sich schon an die bequemen Gewänder gewöhnt. Vielleicht sollte sie sich bei Gelegenheit noch ein paar zulegen, denn die würden ihr in den nächsten Monaten sicher nützlich sein. Ihre Hosen fingen vermutlich beizeiten an zu kneifen.

Bevor sie die cremefarbene Bluse mit dem hohen Kragen überstreifte, strich sie kurz über ihren rechten Unterarm Von ihrer schweren Verletzung war kaum noch etwas zu sehen. Leise seufzend knöpfte sie schließlich die Bluse zu. Dann zog sie die dunkelgrüne Robe aus weich fließendem Stoff darüber an. An den Ärmeln und am Schoß gab es Einsätze aus schwarzem Samt, die dem ganzen ein elegantes Aussehen verliehen. Die Robe hatte einen tiefen, runden Ausschnitt, worunter die Bluse mit dem Stehkragen gut zur Geltung kam. Sie nestelte die Kette hervor, damit sie sichtbar auf ihrer Bluse lag.

Sie betrachtete die Schmuckstücke, die sie nun trug: Zuerst der Armreif und die Kette, die sich so ähnlich waren. Beide bestanden aus einem Strang silbernen und goldenen Metalls, die sich wie zwei Schlangen umeinander wanden. Die Kette besaß einen flammen förmigen Anhänger, der mit sehr kleinen, schwarzen und weißen Edelsteinen besetzt war. Inzwischen wusste sie, dass die Kette nur ein schönes Schmuckstück war, wohingegen der Armreif, den sie um ihr rechtes Handgelenk trug, ihre magischen Kräfte unwillkürlich verstärkte. Schließlich hob sie ihre linke Hand, um auch den Ring zu betrachten, der seit gestern Abend den Ringfinger ihrer linken Hand zierte. Er war breit und flach. Eine goldene Ranke, die ein seltsames Muster bildete, wurde von zwei schmalen Silberreifen eingefasst. Bisher wusste sie noch nichts Näheres über seine möglichen Kräfte, doch sie würde sicher bald mehr erfahren.

Sie entwirrte ihr störrisches Haar mit Hilfe eines Zauberspruchs. Als sie es aufstecken wollte, fiel ihr auf, dass die modischen Hochsteckfrisuren, die sie für gewöhnlich trug zur Zaubererkleidung nicht recht passten. Also flocht sie ihr langes, blondes Haar zu einem dicken Zopf. Wie immer ringelten sich einige widerspenstige Strähnen um ihr Gesicht. Ihr Blick fiel auf einen Spiegel in einer Ecke. Sie stellte sich davor und begutachtete ihr Gesicht. Der Bluterguss war inzwischen vollkommen verschwunden.

Sie zog ihre Nase kraus, zupfte eine Haarsträhne in ihr Gesicht und blies kräftig von unten dagegen. Ihr blondes Haar war inzwischen wie jeden Winter ein wenig nachgedunkelt. Der sanfte Rotton kam nun deutlicher zum Vorschein und je nach Lichteinfall schimmerte es wie helles Kupfer. Amüsiert erinnerte sie sich daran, wie ihr vor einigen Jahren ein Friseur nicht glauben konnte, dass ihre Haare in keiner Weise manipuliert waren. Er hatte darauf beharrt, dass sie mindestens Strähnen eingefärbt haben müsse. Doch ihr vom Grundton her blondes Haar, blich von der Sonneneinstrahlung stark unterschiedlich aus. Der rötlich goldene Schimmer blieb erhalten, doch war seine Farbe nie gleichmäßig.

Endlich war sie fertig. Sie hielt Fawkes einladend ihren Arm hin. Sofort flatterte er darauf.

Meine Güte, warst Du schon immer so schwer oder wurdest Du doch extra für Weihnachten gemästet“, fragte sie, als sie sich mit dem großen Vogel auf dem Arm in Bewegung setzte. Lachend brachte sie ihr Gesicht vor einem gezielten Schnabelhieb in Sicherheit. Dann öffnete sie die Tür und verließ den Raum.


Sie trat auf einen kleinen Absatz, von dem aus eine kurze Treppe mitten in das Büro des Schulleiters führte.

Albus Dumbledore stand an einem kleinen Tisch, und hielt seinen Zauberstab über eines seiner seltsamen kleinen Geräte, das er konzentriert betrachtete. Auf das Geräusch der Türe hin, drehte er sich jedoch um. Er lächelte erfreut, als er die junge Frau eintreten sah. Fawkes flatterte gleich hinüber auf seine Stange.

Dumbledore kam ihr entgegen und schloss sie in seine Arme.

Ayla! Ich hoffe, Du hast gut geschlafen?“, begrüßte er sie, dann gab er ihr einen Kuss auf die Stirn.

Hallo Albus. Ja, danke sehr gut“, meinte Ayla und schmiegte sich noch ein wenig in die Arme des alten Zauberers.

Schon als kleines Mädchen hatte sie sich in seiner Nähe immer wohl gefühlt und nach den letzten Ereignissen konnte sie gut ein wenig unvoreingenommene Zuwendung brauchen. Dumbledore schien es zu spüren, denn er ließ sich nicht los, sondern hielt sie eine ganze Weile liebevoll fest und strich ihr über den Rücken. Er schien sich darüber zu freuen, dass sie seine Nähe suchte.

Schließlich seufzte Ayla.

Ist wirklich alles in Ordnung?“, fragte Dumbledore und rückte ein wenig von ihr ab.

Nein eigentlich nicht. Ich bin ziemlich durcheinander... ach ich weiß auch nicht“, meinte sie achselzuckend.

Komm und setz Dich. Es ist viel passiert und da ist es kein Wunder, dass Du Dich erst einmal erholen und all die Neuigkeiten verarbeiten musst.“ Er deutete auf die Sessel. „Es ist schon beinahe Mittag und ich nehme an, Du möchtest etwas essen..“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

Während Dumbledore hinüber zum Kamin ging, etwas Pulver ins Feuer warf und um einen Imbiss bat, setzte sich Ayla auf einen Sessel. Ungeniert streifte sie gleich ihre Schuhe ab, sortierte das weite Gewand und zog die Füße bequem unter sich.

In dem Moment, als Dumbledore ihr gegenüber Platz nahm, erschien auf dem Tisch eine üppige Mahlzeit. Die beiden sahen sich kurz an, lachten und griffen zu.

Wieso habt ihr mich gestern abend nicht geweckt, Albus?“, fragte Ayla kauend.

Du hast so fest geschlafen, dass wir Dich nicht wach bekommen haben“, erklärte Dumbledore zwischen zwei Bissen. „Ich dachte, es wäre Dir gerade im Moment vielleicht unangenehm, wenn Severus Dich zu Bett bringt. Daher habe ich Dich einfach hier behalten und es selbst getan. Es ist zwar schon lange her, aber ich erinnere mich gut daran, als ich Euch zu Hause besucht habe und Du darauf bestanden hast, dass ich Dir am Abend behilflich bin. Deswegen war ich mir sicher, dass Du nichts dagegen hast.“

Nein, absolut nicht. Aber früher hast Du mir dann immer noch eine Geschichte vorgelesen“, beschwerte sie sich belustigt.

Es ist doch nie bei einer einzigen geblieben. Wenn Du willst, kann ich das gerne jetzt nachholen. Welche möchtest Du hören?“, lachte Dumbledore nun und schwang seinen Zauberstab. Auf seinem Schoß erschien ein dickes Buch mit dem Titel „Eins, zwei, Hexerei - Koboldkind und Drachenei – Tausend Magische Erzählungen für Kinder“

Ayla sah das Buch verdutzt an. „Merlin! Mein Lieblingsbuch! Du hast es noch“, stellte sie erstaunt fest. „Darf ich es sehen?“

Natürlich habe ich es noch“, erwiderte Dumbledore und reichte ihr das Buch. „Wenn Du möchtest, darfst Du es gern behalten. Ich denke Du wirst in Zukunft einige Verwendung dafür haben.“

Ayla wurde rot, als sie das Buch vor sich auf ihren Schoß legte und murmelte ein Dankeschön. Etwas verlegen rieb sie sich die Nase und biss vorsichtshalber ein großes Stück von ihrem Muffin ab, um nicht weiter antworten zu müssen. Dumbledore schmunzelte nur.

Wem gehört eigentlich das Nachthemd?“, fragte sie nach einer Weile, um das Thema zu wechseln.

Deiner Mutter“, erwiderte Dumbledore einfach.

Ähh“, machte Ayla verdutzt. „Mum? Wieso hast Du ein Nachthemd von Mum?“

Dumbledore winkte unverbindlich mit seiner Linken. „Sie war so häufig hier, da war es einfach praktischer einige Dinge gleich hier bei mir zu lassen.“

Aha“, meinte Ayla etwas konsterniert. „Wusste Dad eigentlich, dass sie dauernd hier war?“

Natürlich. Auch wenn er fast niemals nachgefragt hat, war Deine Mutter immer ehrlich und hat ihm gesagt, wo sie hingeht. Es gab allerdings eine Absprache, Euch im Unklaren darüber zu lassen, wie häufig sie in Wirklichkeit in der magischen Welt war. Von allein hat er sich niemals nach irgendwelchen Hintergründen erkundigt, warum sie hier ist, obwohl ich es ihm angeboten habe. Immerhin vermochte er mit den Eulen so gut umzugehen, dass er sie erreichen konnte, wenn es nötig war.“

Mum hat also ein perfektes Doppelleben geführt“, stellte Ayla fest. „Unglaublich. Das hätte ich wirklich nicht erwartet. Es kam mir alles so normal vor, wenn Granny auf uns aufpasste, während Mum weg war. Ich habe das alles niemals in Frage gestellt. Auch nicht, als Granny schließlich starb und wir häufig tagsüber alleine waren.“

Deine Mutter wusste, worum es ging, Ayla. Sie war sich im Klaren darüber, welche Gefahren lauerten und welche Konsequenzen es hätte, wenn irgendetwas an die Öffentlichkeit gedrungen wäre. Sie war schon immer sehr geschickt darin, Dinge zu verbergen. Bereits während ihrer Schulzeit in Hogwarts, hat sie stets vermeiden können, dass jemand erfuhr, wie gut wir uns in Wahrheit kannten.“

Ich glaube, Du hast mir wirklich noch viel über Mum zu erzählen“, stellte Ayla fest.

Ja“, antwortete Dumbledore sehr ernsthaft. „Allerdings.“ Doch dann schwieg er.

Ayla hing ein wenig ihren Gedanken nach. Es waren ganz neue Aspekte, die sie zu bedenken hatte und manche Dinge stellten sich in einem gänzlich anderen Licht dar.

Schließlich fiel ihr etwas ein: „Ich habe Henry gestern versprochen mich bald zu melden. Er weiß noch eine ganze Menge von den Dingen aus der Zaubererwelt, aber ich wusste nicht, was ich ihm jetzt alles sagen konnte. Außerdem war er sehr in Sorge, als er meinen Arm gesehen hat.“

Dumbledore nickte. „Das kann ich mir gut vorstellen. Dein Bruder ist lange genug Arzt, um beurteilen zu können, wie schlimm so eine Verletzung ist. Daher habe ich Henry heute morgen bereits eine Nachricht geschickt und ihm versichert, dass Dein Arm wieder heil ist. Des weiteren habe ich unseren baldigen Besuch angekündigt, um ihm einige Dinge zu erklären. Hast Du eigentlich James gesehen?“

Nein, Dad war leider nicht da. Aber Darryl.“ Ayla verzog das Gesicht.

Oh. Dann weiß er jetzt Bescheid?“

Er weiß zumindest, dass ich nicht zurückkehren werde. Ich hätte ihm wirklich schon früher -“

Hör auf, Dir wegen Darryl Vorwürfe zu machen, Ayla“, unterbrach Dumbledore sie sanft. „Das ist jetzt vorbei. Er wird darüber hinwegkommen.“

Wahrscheinlich hast Du recht“, seufzte sie. „Aber ich habe trotzdem ein schlechtes Gewissen. Auch wenn ich ihm Sommer noch gar nichts hätte erklären können, weil es mir da selbst noch völlig unklar war.“

Sie zuckte mit den Schultern und kaute nachdenklich an einem Apfel. Darryl war jetzt unwichtig.

Irgendwann ergriff sie wieder das Wort. „Severus hat gesagt, Du lässt das Haus überwachen?“

Ja, eigentlich schon seitdem Voldemort wieder zurück ist. Es erschien mir sicherer, obwohl ich nicht glaube, dass Deine Familie tatsächlich in Gefahr ist. Henry gilt als Squib und er hatte nie direkt etwas mit der Zaubererwelt zu tun, daher ist er vollkommen uninteressant für Voldemort. Zumindest bis jetzt.“

Ayla lächelte. „Henry ein Squib. Stimmt. Irgendwie war mir das nie bewusst, ich habe ihn immer als Muggel betrachtet.“

Dumbledore lachte leise. „Seine Mutter war eine Hexe. Ganz spurlos geht es nicht an ihm vorüber. Ich denke wir sollten bald auch seine Frau informieren. Immerhin wäre es gut möglich, dass ihre Kinder ebenfalls magische Fähigkeiten bekommen.“

Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Wann werden wir sie besuchen?“

Sobald wie möglich. Wir werden auch Severus mitnehmen. Ich denke, auch er sollte Deine Familie kennenlernen.“

Ob das wirklich sinnvoll ist, wage ich zu bezweifeln“, wandte Ayla ein und verzog das Gesicht. „Sie sind Muggel. Er kann nichts mit ihnen anfangen, genauso wie wahrscheinlich umgekehrt.“

Er ist der Vater Deines Kindes, das solltest Du nicht vergessen.“

Ja“, seufzte Ayla. „Das ist er.“

Sie rieb sich über die Augen. Als Dumbledore vorhin eine Anspielung auf ihr Kind machte, hatte sie ihre Gefühle entschlossen beiseite gedrängt, um nicht an Snape zu denken. Doch diesmal brannten Tränen in ihren Augen und ihre Kehle wurde eng. Sie versuchte gleich, sie wieder zu unterdrücken, doch es gelang ihr nicht. Sie spürte, wie ein Schluchzen in ihrer Kehle hochstieg.

Dieser...dieser...“, setzte Ayla an, während dicke Tränen zwischen ihren zusammengepressten Liedern hervorquollen.

Jetzt brach es aus ihr heraus. Dumbledore hatte sich zwischenzeitlich erhoben und setzte sich nun auf die Armlehne ihres Sessels. Wortlos zog er sie in seine Arme. Diese liebevolle Geste nahm ihr auch den letzten Rest Selbstbeherrschung. Hemmungslos weinte sie an seiner Brust. Er tat nichts weiter, als sie festzuhalten.

Nach langer Zeit ebbten ihre Schluchzer ab und nach und nach versiegten auch ihre Tränen.

Dieser Mistkerl“, nuschelte Ayla schließlich reichlich verschnupft.

Dumbledore reichte ihr ein Taschentuch. Sie putzte sich lautstark die Nase, während der alte Zauberer ihr liebevoll eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich.

Ich weiß, was er getan hat“, sagte er leise.

Ayla blickte ihn ungläubig an. „Du weißt, was... er hat... hat er... hat er es Dir erzählt?“

Nicht freiwillig“, gab Dumbledore zu. „Aber ich kenne Euch beide gut genug und ich weiß leider, mit welchen Methoden Voldemort und seine Todesser hin und wieder arbeiten, um mir einige Dinge zusammenreimen zu können. Ich habe ihm meine Vermutung schließlich auf den Kopf zugesagt. Und er hat nicht widersprochen.“ Dumbledore sah Ayla offen an. „Er hat Dich gezwungen, weil er glaubte diesen Zauber vollenden zu müssen.“

Ayla nickte betreten. „Ja“, hauchte sie. Sie rieb sich über die Augen. „Ich habe immer geglaubt, dass er aufhören würde, wenn ich nicht... aber er hat nicht... er hat einfach weiterge... erst, als es schon fast... fast zu spät...“ Sie schluchzte wieder. „Es war so... entwürdigend und so... absolut... grauenhaft!“

Shhh“, machte Dumbledore und wiegte sie sacht im Arm. „Schon gut, Liebes.“

Es war erste Mal, dass sie wirklich realisierte, was mit ihr geschehen war. Vorher hatte sie es verdrängen können, weil andere Dinge wichtiger waren, aber hier, in der Sicherheit von Dumbledores Büro wurde ihr das ganze Ausmaß dessen bewusst, was er ihr angetan hatte. Warum war das geschehen? Wieso hatte sie es nicht verhindern können?

Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. „Vielleicht...“, flüsterte sie „vielleicht hätte ich... hätte ich mich nicht wehren sollen. Ich habe ihn... ja geradezu herausgefordert. Ich wusste doch wie er ist... warum... warum konnte ich nicht einmal... einfach den Mund halten...“

Dumbledore hielt inne. Er runzelte die Stirn.

Sie sprach wie zu sich selbst: „Ich hätte ihn lassen sollen... Er hätte mir nicht weh getan... Nie hätte er das... Niemals... niemals...nie...“ Die letzten Worte gingen wieder in einem Schluchzen unter. Sie wollte aufspringen, doch Dumbledore hielt sie fest.

Glaubst Du etwa, die Schuld liegt bei Dir?“, fragte er vorsichtig.

Sie antwortete nicht, sondern wollte sich aus seinem Arm entwinden.

Ayla! Antworte mir“, verlangte er nachdrücklich und hielt sie zurück.

Sie versuchte jedoch aufzuspringen, was er verhinderte.

Ayla!“ Sie wehrte sich heftiger.

Mit einer Kraft, die man ihm aufgrund seines Alters fast nicht zutraute, hielt er sie fest.

Antworte!“

Lass mich los“, rief sie panisch.

Langsam nahm er seine Arme von ihr fort, doch sein Blick schien sie auf den Sessel zu bannen. Seinem durchdringenden Blick konnte sie nicht standhalten. Sie schlug die Hände vor das Gesicht. Vollkommen regungslos saß sie da. Ihr Innenleben war in einer solchen Aufruhr, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte.

Snape hatte ihr noch nie zuvor Anlass gegeben ihm nicht zu vertrauen, warum also hatte sie sich ihm da so vehement entgegengestellt? Nur durch ihren Widerstand hatte sie ihn dazu gebracht, vollkommen die Beherrschung zu verlieren. Sie hätte es geschehen lassen sollen. Hätte ihn nicht bis zum allerletzten reizen dürfen. Nun hatte sie alles, was zwischen ihnen war zerstört!

Es war ihre Schuld.

Das erste Mal in ihrem Leben empfand sie einen übermächtigen Zorn auf sich selbst.

Ayla, sieh mich an“, unterbrach Dumbledore schließlich ihren düsteren Gedankengang. Sie rührte sich nicht. „Bitte, Liebes.“

Langsam zog sie ihre Hände von ihrem Gesicht und hob den Blick. Seine Augen waren mit ungewohntem Ernst auf sie gerichtet. Nicht das kleinste spöttische Funkeln war zu erkennen.

Hör mir zu und beantworte meine Fragen“, ordnete er in einem Tonfall an, der nicht den Hauch eines Zweifels aufkommen ließ, dass er keinen Widerspruch dulden würde. Sie nickte langsam.

Du weißt, was ihn dazu veranlasst hat, während des Duells so rücksichtslos zu Dir zu sein?“

Sie nickte. „Er wollte mich dort herausholen. Das Duell... ich habe verstanden, warum er das getan hat und ich glaube, deswegen bin ich ihm auch nicht böse.“

Gut. Ich bin sicher, dass er während des Duells sehr überlegt gehandelt hat. Er kämpft auch unter großem Druck einzigartig. Außerdem kennt er genug Flüche, die er ohne wirkliche Schwierigkeiten heilen kann. Er hätte Dich nie mit einem Fluch bedacht, der Dir längerfristig schadet. Trotz Deiner anscheinend schweren Verletzungen, bist Du heute wieder nahezu gesund. Das war kein Zufall.“

Ja, wahrscheinlich hast Du recht“, entgegnete sie leise. Sie fragte sich, worauf er damit hinaus wollte.

Ich weiß, dass er noch nie zuvor solche Angst um jemanden ausgestanden und bislang alles allein in der Hand gehabt hat. Er musste sich und sein eigenes Leben noch nie jemandem anvertrauen.“

Sein eigenes Leben? Nein, er hat- “, begann Ayla, doch Dumbledore hob seine Hand.

Ein unbedachtes Wort von Dir hätte genügt und Voldemort hätte keine Sekunde gezögert Euch beide auf grausamste Weise umzubringen. Am Ende hat er Dir sein Leben genauso anvertraut, wie Du ihm.“

Ayla schwieg bestürzt. Es stimmte, was Dumbledore sagte.

Wenn man seine Reaktion aus diesem Blickwinkel betrachtet, wirkt es verständlicher, warum er glaubte diesen Zauber vollenden zu müssen. Er wollte Dich und sich selbst schützen. Ebenso, wenn man weiß, dass er seinen Jähzorn manchmal nur schwer unter Kontrolle hat und annimmt, das Du ihn durch Dein Verhalten sehr provoziert hast. Er wusste am Ende nicht mehr, was er tat!“

Er machte eine Pause. Ein ähnlicher Gedankengang war es, der Ayla zu dem Schluss gebracht hatte, es wäre ihre Schuld.

Ja, genau. Wenn ich ihn nicht so provoziert hätte -“, begann sie, doch sofort unterbrach Dumbledore sie.

Doch all das ist keine Entschuldigung für sein Verhalten und ich habe Severus gestern abend sehr deutlich gesagt was ich von seiner Entgleisung halte. Du darfst die Schuld auf keinen Fall bei Dir suchen, Ayla. Er hat es getan. Nicht Du! Du konntest nicht anders handeln, weil Du keine Ahnung hattest. Mach Dir das immer wieder bewusst“

Aber ich hätte- “, warf Ayla ein.

Nein, Ayla. Du hättest nicht!“, fiel Dumbledore heftig ein. „Severus hatte als Einziger den Überblick! Trotzdem hat er es darauf ankommen lassen. Er hätte es verhindern müssen. Er hätte wissen müssen, was er tut.“

Ayla stand auf und ging durch den Raum. Dumbledores Worte taten ihrer verletzten Seele gut. Doch ein leiser Zweifel an ihrem eigenen Verhalten blieb.

Ich kann kaum nachempfinden, wie Du Dich fühlen musst“, fuhr er fort. „Gib Dir selbst Zeit und mach Dir keine solchen Vorwürfe. Du hast alles getan, was möglich war, aber es hat ihn nicht aufgehalten.“

Nein. Das hat es nicht“, sagte Ayla leise.

Dumbledore stand ebenfalls auf. „Liebes, nachdem ich nun weiß, was zwischen Euch geschehen ist, muss ich Dich fragen, ob Du Dir wirklich sicher bist, dass Du an Severus Seite kämpfen willst. Mein Angebot von gestern Abend, Dich aus allem herauszuhalten, gilt nach wie vor. Bedenke, alle Deine anderen Probleme dürfen im Kampf gegen Voldemort keine Rolle spielen. Es würde Dich zu viel Kraft kosten.“

Ayla war zu Fawkes hinüber gegangen und strich ihm sachte über die weichen Federn. Der Phönix plusterte sich behaglich auf.

Voldemort“, flüsterte Ayla. „Dieser Mensch... ist er überhaupt noch ein Mensch? Er ist grausam. Böse. Niederträchtig.“ Sie sah Dumbledore an. Der Ausdruck ihrer Augen war mit einem mal hart. „Noch vor zwei Tagen hätte ich das alles wahrscheinlich anders gesehen. Aber seit ich diesen... diese Kreatur persönlich kennengelernt habe...“ Sie machte eine Pause. „Nein.“

Dumbledore sah sie prüfend an. Ayla erwiderte seinen Blick fest.

Nein, ich kann mich nicht mehr heraus halten. Ich will mich nicht heraus halten. Irgendwie werde ich mit Severus und... dem was geschehen ist zurechtkommen. Es wird schon gehen.“

Dumbledore nickte langsam. „Es ist Deine Entscheidung. Ich bin jederzeit für Dich da, wenn du mich brauchst. Auf alle Fälle kann ich Dir versichern, dass Severus es bitter bereut, was er getan hat und es gerne ungeschehen machen würde.“

Das sollte er auch“, antwortete sie leise. „Ich weiß nicht, ob ich das jemals vergessen kann.“

Dumbledore war wieder zu ihr herangekommen und nahm sie noch einmal in den Arm.

Nein, Liebes, das wirst Du wahrscheinlich nicht. Gib ihm einfach nur die Gelegenheit zu zeigen, dass er daraus gelernt hat. Allein das Bemühen darum zu sehen, wie jemand an sich arbeitet, kann etwas wert sein“, antwortete Dumbledore.

Bist Du eigentlich ganz sicher, dass Du nicht doch ein Nachfahre des weisen Merlin bist?“, bemerkte Ayla und hob eine Braue.

Dumbledores sah sie über den Rand seiner Halbmondbrille an. „Ja, da bin ich ganz sicher. Zu meinen Vorfahren gehört keine einzige Berühmtheit. Daher wurde es Zeit, dass ich mich ein in manchen Bereichen hervortue, um den Namen Dumbledore wenigstens nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.“

Ayla musste über diese Bemerkung wider Willen lachen. Die Anspannung fiel ein wenig von ihr ab. „Albus, Dein Selbstbewusstsein möchte ich manchmal haben!“

Mhh. Da hast Du ungefähr noch einhundertzwanzig Jahre Zeit. Bis dahin, solltest Du daran arbeiten.“

Ich werde mein bestes tun“, lächelte Ayla und seufzte. Dann drückte sie Dumbledore einen Kuss auf die Wange. „Danke. Ich weiß nicht, wie es weitergehen wird. Aber es hat mir sehr geholfen, mit Dir zu reden.“ Dumbledore strich ihr kurz über die Wange.

Ayla setzte sich wieder und goss sich etwas zu trinken ein. Dumbledore nahm ihr gegenüber Platz. Nach einer Weile rieb sie sich energisch mit den Handballen über die Augen, so als wolle sie endlich an etwas anderes denken. Noch einmal putzte sie sich die Nase.

Woher weißt Du wie Severus kämpft?“, wollte sie dann wissen.

Wir haben uns früher regelmäßig duelliert und Du hast meine absolute Bewunderung, dass Du so lange gegen ihn durchgehalten hast. Aber vielleicht sollte ich Dir bei Gelegenheit auch noch ein paar Tricks verraten“, bot er ihr an.

Da sage ich bestimmt nicht nein“, bemerkte Ayla trocken. „Ich nehme jede Hilfe, die ich bekommen kann. Hättest Du etwas dagegen, mir auch noch ein wenig über Lord Voldemort zu erzählen? Ich fürchte, mit ihm muss ich mich in Zukunft öfter herumschlagen.“

Dumbledore legte seine Fingerspitzen gegeneinander und lehnte sich bequem zurück. „Natürlich. Es gibt noch viel, was Du über ihn wissen solltest.“


Ayla war fort. Der Schulleiter stand am Fenster und starrte gedankenverloren über die verschneiten Ländereien der Schule.

Es war wirklich an der Zeit es ihr zu sagen“, schnarrte eine kühle Stimme unvermittelt in die Stille hinein. „Du siehst ja, was deswegen passiert ist.“

Ohne sich umzudrehen, gab Dumbledore einen zustimmenden Laut von sich.

Du machst Dir viel zu große Sorgen um sie“, fuhr die Stimme vorwurfsvoll fort.

Sie hat keine Ahnung, was noch auf sie zukommt. Und ich habe leider schon reichlich Erfahrung darin, was noch alles geschehen kann“, antwortete Dumbledore abweisend, ohne sich dem Sprecher zuzuwenden.

Meine Güte, das ist doch schon so lange her! Bist Du immer noch nicht darüber weg?“, kam es da missbilligend.

Abrupt drehte sich Dumbledore um. Seine blauen Augen funkelten ungewohnt zornig über den Rand seiner Halbmondbrille, sein Tonfall hätte Wasser zu Eis gefrieren lassen: „Du solltest eigentlich wissen, warum ich niemals darüber hinwegkommen werde! Also schweig, Phineas!“

Phineas Nigellus blähte überheblich seine Nasenflügel, bevor er seitlich aus seinem Rahmen verschwand. Die anderen Porträts sahen fragend von Dumbledore zu dem leeren Bild. Keiner sah aus, als wüsste er worum es dabei ging. Einzig eine weißhaarige Hexe in dunklen, altertümlichen Kleidern lächelte traurig. Ihr Bild hing sehr hoch oben ein wenig abseits von den anderen Portraits.

Sekundenlang starrte Dumbledore auf den leeren Bilderrahmen von Phineas Nigellus. Dann nahm er seine Brille ab und rieb sich kurz über die Augen. Nachdem er sie wieder aufgesetzt hatte, straffte er seine Haltung und verschwand mit zügigen Schritten die Stufen zu seinem Schlafzimmer hinauf.

Die weißhaarige Hexe ließ ihre Augen durch das nun leere Büro schweifen. Dann wandte sie sich ebenfalls zum gehen.


Am Nachmittag schlenderte Ayla langsam durch die Schule. Sie wollte zu Hagrid und Fang auf einen kleinen Spaziergang mitnehmen. Anschließend würde sie sich bei Hagrid aufwärmen.

Nach dem Gespräch mit Dumbledore fühlte sie sich ein wenig ausgeglichener.

Die Informationen, die er ihr noch über Voldemort gegeben hatte, waren sehr aufschlussreich gewesen. Sie hatten verabredet, sich in den nächsten Tagen wieder zu treffen, damit Ayla nach und nach erfuhr, was sie wissen musste Endlich hatte sie das Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein und nicht mehr Außen vor zu stehen.

Außerdem hatte Dumbledore vollkommen recht, was Snape betraf. Sie würde Zeit brauchen, um alles zu verarbeiten und es würde nicht leicht, ihm normal zu begegnen. Schwierigkeiten bereiteten ihr allerdings die Schuldgefühle, die sie so unvermittelt überfallen hatten. Dumbledore hatte ihr zwar klar gemacht, dass es nicht ihre Schuld war und ihr Verstand gab ihm da völlig recht. Doch sie konnte sich trotzdem nicht davon freimachen. Hätte sie nachgegeben, wäre es anders verlaufen. Oder wäre dann etwas anderes passiert? Sie schob den Gedanken wieder beiseite. Nein. Sie wollte lieber versuchen, Snape möglichst normal zu begegnen, damit sie gemeinsam gegen Voldemort vorgehen konnten. Sie musste es einfach versuchen.

Auf ihrem Weg war die ausgelassene Vorfreude überall zu spüren. Heute war der letzte Schultag und die Gänge waren mit einer Unmenge von Schülern bevölkert, die alle froh waren, dass die Ferien so unmittelbar vor der Tür standen. Selbst die Lehrer waren zumeist in aufgeräumter Stimmung. Ayla erwiderte die fröhlichen Grüße nicht ganz so unbeschwert wie sonst, doch es tat ihr gut zu sehen, dass alles seinen normalen Gang lief. Hin und wieder wurden ihr verwunderte Blicke zugeworfen, denn normalerweise sie trug in der Schule allenfalls ihren schwarzen Schulumhang, anstatt Zauberergewänder.

Von überall her hörte man fröhliches Stimmengewirr. An den Decken hingen Unmengen von Mistelzweigen und vor allem die älteren Schülerinnen blieben oftmals kichernd darunter stehen und liefen laut kreischend davon, wenn sich ein Schüler näherte. Kinder waren überall gleich, stellte Ayla amüsiert fest, als sie beobachtete, wie sich die Halbwüchsigen zum Teil gegenseitig anstachelten, um irgendwem rein zufällig unter den Misteln begegnen zu können.

Als sie an einer Horde Hufflepuffs vorbeiging, schnappte sie ein paar Gesprächsfetzen auf und hörte einige Mädchen kichern.

Das traust Du Dich im Leben nicht, wenn der vorbeigeht.“

Na klar doch. Das merkt der doch sowieso nicht, wo ich gerade stehe.“

Und wenn doch?“

Stell Dir das mal vor...“ Das Mädchen prustete vor Lachen. „Snape ... unter dem Mistelzweig.“ Vor lauter Lachen bekam das Mädchen kaum noch Luft. Auch die anderen kicherten jetzt sehr albern.

Würde es Sie genauso erheitern, wenn ich Hufflepuff zur Feier des letzten Schultages noch ein paar Hauspunkte abziehe?“, ertönte da eine sanfte Stimme hinter den Mädchen. Abrupt herrschte betretene Stille.

Snape war leise aus dem neben liegenden Klassenzimmer gekommen und hatte eindeutig die letzten Worte mitbekommen. Die Mädchen sahen so entsetzt aus, als wäre unmittelbar vor ihnen ein ausgewachsener Bergtroll aus dem Boden gewachsen.

Ayla war prompt stehengeblieben und hatte sich umgedreht. Snape stand mit dem Rücken zu ihr und hatte sie offensichtlich nicht bemerkt. Sie runzelte leicht die Stirn. Solche Auftritte von ihm ärgerten sie immer wieder maßlos.

Antworten Sie gefälligst“, wies Snape das Mädchen jetzt harsch an, das sich gerade eben noch so mutig unter die Mistel stellen wollte.

Ich ... äh ...nein“, stotterte das Mädchen kleinlaut und wurde rot.

Nein? Nur Nein? Sehen Sie sich vor, dass ich Ihnen nicht auch noch Punkte wegen unhöflichem Verhalten gegenüber einem Lehrer abziehe. Was finden Sie also daran so überaus amüsant, wenn sie mir unter einem Mistelzweig begegnen?“, fragte er mit jenem seidenglatten Unterton in der Stimme, der immer gefährlich war.

Er trat zwei Schritte zur Seite und blieb mit geradezu diabolischem Lächeln direkt unter einem Mistelzweig stehen.

Nun?“, fragte er lauernd.

Nichts - Sir!“, piepste das Mädchen und schielte hilfesuchend zu ihren Freundinnen, die allesamt aussahen, als würden sie am liebsten auf der Stelle verschwinden.

Lügen Sie mich nicht an!“, blaffte Snape sofort.

Ayla rollte mir den Augen. Manchmal war er wirklich unerträglich zu den Schülern. Wie beinahe jedes mal, konnte sie sich das nicht länger mit ansehen. Sie reagierte automatisch, bevor sie sich die Zeit nahm, näher darüber nachzudenken.

Professor Snape!“, sprach sie ihn munter an und ging auf ihn zu.

Er wirbelte zu ihr herum und funkelte sie sofort ungehalten an.

Was wollen Sie? Mischen Sie sich gefälligst nicht schon wieder in meine Angelegenheiten ein!“

Vollkommen unbeeindruckt von seiner schlechten Laune, funkelte Ayla zurück. Sie kam näher und blieb sehr dicht vor ihm stehen. Er sah sie leicht konsterniert an, denn offenbar ahnte er nicht, was sie vorhatte.

Wie käme ich dazu, mich in etwas einzumischen, was mich doch rein gar nichts angeht“, befand sie ironisch. „Es ist nur so ein unbeschreiblicher Zufall, dass ich sie ausgerechnet hier treffe...“

Demonstrativ sah sie zu dem Zweig über ihnen. Dann drückte sie dem überraschten Snape einen kurzen Kuss mitten auf den Mund. Die umstehenden Schülerinnen sogen hörbar die Luft ein.

Als Ayla daraufhin mit spöttischem Grinsen einen Schritt zurücktreten wollte, hielt er sie hart am Arm zurück. Sein Blick war ausgesprochen mutwillig geworden. Ayla schluckte und ihr Lächeln erstarb. Offenbar war ihr Einfall, ihn etwas zu necken, keine gute Idee gewesen. Sie fluchte innerlich, dass sie wieder einmal so unbedacht gehandelt hatte. Es war eigentlich völlig klar, dass er das nicht so ohne weiteres stehen lassen würde. Mit einem Mal hatte sie das Bedürfnis wegzulaufen. Alles in ihr sträubte sich plötzlich, ihm näher zu kommen. Sie rief sich zu Ordnung, denn hier mitten in der Schule, vor all den Schülern würde er sie kaum bedrängen. Es konnte nur eines ihrer üblichen Geplänkel werden.

Oh nein, Miss McLellan!“, zischte Snape da leise, während er sie vor den Augen der gaffenden Mädchen, langsam wieder näher zu sich heranzog. „So einfach kommen Sie nicht davon.“

Ehe sie sich versah, lag sie vollends in seinen Armen. Sie versteifte sich unwillkürlich, als sie seine kühlen Lippen auf ihren spürte. Ihre widerstreitenden Gefühle ließen sie keinen klaren Gedanken fassen. Sie presste ihre Hände gegen seine Brust und versuchte ihn fort zu schieben, doch er hielt sie eisern fest. Sie kämpfte die aufkommende Panik nieder. Doch im nächsten Moment überfiel sie eine ganz andere Empfindung. Sein sanftes Drängen, das keinen Widerspruch zuließ, das sie so gut kannte und von dem er ganz genau wusste, dass sie dem bisher noch nie widerstehen konnte, scheuchte mit einem Mal einen ganzen Schwarm Schmetterlinge in ihrem Bauch auf. Unvermittelt gab sie nach. Auch wenn er sie nicht losließ, wurde sein Griff nachgiebiger und seine Finger wühlten sich in das dichte Haar an ihrem Hinterkopf. Sekundenlang überließ sie sich seinem Kuss und den verstörenden Gefühlen, die er gerade in ihr ausgelöst hatte.

Jäh wurde sie sich wieder bewusst, wo sie eigentlich war und was sie da gerade tat. Heiße Röte stieg ihr ins Gesicht und als er sie endlich wieder freigab, keuchte sie leicht.

Typisch Slytherin“, meinte sie atemlos und versuchte ihre Unsicherheit zu überspielen, indem sie sich durch das Haar strich. „Schamlos jede Situation ausnutzen.“

Nennen Sie mir nur einen einzigen Grund, das nicht zu tun“, entgegnete er glatt und hob mokant eine Augenbraue.

Das Glitzern in seinen Augen war der einzige Hinweis darauf, dass er ebenfalls nicht so ruhig war, wie er den Anschein erweckte. Nachdem sein Blick noch einmal über sie geglitten war, drehte er sich ohne ein weiteres Wort auf dem Absatz um und verschwand mit wehendem Umhang durch den Gang. Ayla hatte das Gefühl, ihr Herz spränge aus ihrer Brust heraus.

Immer noch verlegen, kratzte sie sich am Hinterkopf. Gerüchte gab über sie beide gab es schon länger. Spätestens seit dem Wochenende ahnten viele, dass tatsächlich etwas daran war. Vermutlich wäre es in Anbetracht der Ereignisse auch eher vorteilhaft, das zumindest ansatzweise zu bestätigen, denn sie wusste nicht, was Voldemort hier aus der Schule möglicherweise alles zugetragen wurde. Doch ihre Gefühle Snape gegenüber waren nun noch verworrener als vorher.

Mit immer noch geröteten Wangen wandte sie sich an die völlig verblüfften Mädchen: „Jetzt hat er doch glatt vergessen Ihnen Punkte abzuziehen. Außerdem schließen sie lieber ihre Münder, bevor Florfliegen darin nisten.“

Dann ging sie ebenfalls weiter.

Endlich klappte eines der Mädchen geräuschvoll ihren Mund zu und fand die Sprache wieder: „Kneift mich mal! Das hab ich jetzt wohl geträumt.“

Ich glaube nicht“, antwortete eine andere. „Miss McLellan hat Professor Snape geküsst. Ach Du dickes Ei.“

Nein“, erklärte eine dritte perplex. „Das war eindeutig umgekehrt.“

Aber so richtig... geküsst“, meinte die nächste völlig fassungslos. „Wow!“

Womit Du jetzt aber nicht sagen willst, Du stellst Dich demnächst unter die Mistel, wenn Snape vorbei kommt“, wollte die erste grinsend wissen.

Äh...was? Nein! Nein, natürlich nicht. Du bist wohl verrückt? Wie kommst Du bloß darauf?“

Sekundenlang starrten sich die Mädchen an, dann brachen sie in helles Gelächter aus.


Kapitel 3 - Begegnungen


Ayla stapfte mit großen Schritten über den tief verschneiten Schlossgrund. Fang rannte kreuz und quer vor ihr her, scheuchte hier und da einen Hasen auf oder verbellte irgendetwas, was sich im Gebüsch verbarg. Gelegentlich lief er zu Ayla, um sich ein paar Streicheleinheiten abzuholen.

Ayla war froh, hier draußen zu sein. Die frische Luft und die Bewegung machten ihren Kopf frei. Die Begegnung mit Snape unter den Misteln hatte sie zuerst verunsichert. Doch je mehr sie darüber nachdachte, desto ärgerlicher wurde sie. Sie würde sich keinesfalls von ihm zu etwas drängen lassen. Eingeschüchtert war sie noch nie von ihm gewesen und damit würde sie jetzt ganz sicher nicht anfangen. Wenn sie zusammenarbeiten würden, dann musste er sie und ihren Willen respektieren. Und nach dem, was passiert war, wollte sie mit ihm keinesfalls weitermachen, wie bisher.

Sie bückte sich, zog einen Stock aus dem Schnee und rief nach Fang. Sie warf den Stock in hohem Bogen fort. Prompt stürzte sich Fang mit begeistertem Bellen hinterher. Der Schnee stob hoch auf, als er mit der Nase tief im Schnee bremste, um Ayla anschließend stolz den Stock zu präsentieren. Sie warf gleich noch einmal.

Eine ganze Weile spielten die beiden dieses Spiel, bis Fang schließlich die Lust verlor und im Unterholz herumzuschnüffeln begann. Während dieses Spaziergangs entfernte Ayla sich nicht weit vom Schloss. Doch jetzt ging sie ein kleines Stück den See entlang, bis sie in den verbotenen Wald gelangte. Auf einer kleinen Anhöhe blieb sie stehen, unschlüssig, wohin sie sich jetzt wenden sollte. Hinter sich vernahm sie ein leises Knacken. Sie rührte sich nicht, denn sie ahnte, wer dort stand. In eben jener Hoffnung war sie in den Wald gekommen.

Leise Schritte erklangen und blieben neben ihr stehen. Ayla wandte sich der kleinen Frau zu, die sofort ehrerbietig den Kopf neigte.

Sei gegrüßt, Herrin!“, sprach die Frau Ayla in der seltsam klingenden Sprache des Alten Volkes an. „Ich hoffe, ihr seid wieder wohlauf.“

Ayla lächelte unsicher. Sie fand es sehr ungewohnt, so achtungsvoll behandelt zu werden. Doch der Frau erschien es wohl normal. Ayla zögerte kurz mit einer Antwort, denn sie hatte diese fremde Sprache noch nie willentlich gesprochen. Die Worte waren ihr manchmal unwillkürlich entschlüpft, ohne dass sie darüber nachgedacht hatte. So war es auch bei der Begegnung mir den Einhörnern gewesen.

Zuerst suchte sie etwas unsicher nach Worten, doch schon bald merkte sie, dass es ihr nicht schwer fiel und sie mit der Frau reden konnte, ohne darüber nachzudenken.

Ich grüße Dich ebenfalls“, antwortete Ayla. Flüchtig wunderte sie sich, wie feierlich dieser merkwürdige Singsang klang. „Mir geht es inzwischen wieder gut. Ist Dir bekannt, was geschehen ist?“

Ja, Herrin. Wir wissen davon und es tut uns sehr leid, dass wir nicht mehr für Euch tun konnten. Ihr wart so zornig auf den Herrn, weil ihr noch nichts ahntet. So konnten wir nur verhindern, dass der Herr in weitere Schwierigkeiten gerät, indem wir alle Spuren beseitigten.“

Nun, es war wohl ein unglücklicher Zufall“, lenkte Ayla ein. Sie wollte der Frau kein schlechtes Gewissen machen. „Und was danach geschah? Wisst ihr das auch?“

Nicht genau. Nur, dass ihr verletzt wart, als ihr heimgekehrt seid. Wir waren erleichtert zu hören, dass der Herr Euch wieder geheilt hat und ihr ihm nun folgen wollt. Er ist ein großer Magier.“

Ayla konnte sich eine sarkastische Bemerkung dazu gerade noch verkneifen. Alles wusste die Frau offenbar auch nicht. Doch sie fragte sich, woher das Alte Volk eigentlich seine Informationen bezog. Weil sie nicht gleich zu Beginn neugierig erscheinen wollte, fragte sie allerdings nicht nach.

Ja, das ist er“, entgegnete sie stattdessen. „Wie ist Dein Name?“

Ana, Herrin.“

Ana. Das ist ein schöner Name“, meinte Ayla freundlich.

Ana lächelte etwas scheu. Ayla wusste nicht, was sie weiter sagen sollte. Sie hatte so viele Fragen, doch welche waren am wichtigsten?

Herrin, mir ist bekannt, dass Ihr noch sehr unwissend seid“, sagte Ana mit ruhiger Stimme. „Doch nun, da der Weise Alte Euch gesagt hat, woher Ihr stammt, werdet Ihr bald auch alles andere erfahren. Ihr dürft nur nicht zu ungeduldig sein.“

Das ist nicht leicht“, seufzte Ayla. „Aber derzeit weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll, zu fragen.“

Ana lachte leise. „Verzeiht, wenn ich anmaßend klinge, Herrin. Ihr solltet Euch nicht den Kopf über Fragen zerbrechen. Ihr werdet auch so Antworten erhalten. Ich gebe Euch den Rat, einfach aufmerksam zu sein, dann werdet ihr bald vieles wissen.“

Nun gut. Wenn Du das sagst“, entgegnete Ayla leicht resigniert.

Und wenn Euch doch noch drängende Fragen einfallen, auf die ihr keine Antwort erhaltet, kommt her und ruft nach Ana“, fügte die kleine Frau verschmitzt hinzu. Ihre warmen, braunen Augen funkelten Ayla freundlich an.

Jetzt lachte Ayla. „Das werde ich tun. Ich danke Dir!“ Dann fiel ihr doch etwas ein. Der Verdacht hatte sich ihr aufgedrängt, als sie Fang abgeholt hatte. „Vielleicht kannst Du mir doch eine Frage beantworten, Ana, weiß Hagrid irgendetwas von Euch?“

Ana zögerte deutlich mit der Antwort. „Herrin, der Halbriese kennt den Wald so gut, wie niemand sonst. Er hat sogar Kenntnisse, die kein Zauberer hat. Sicher weiß er nicht alles, aber genug, um sich manche Dinge möglicherweise selbst erklären zu können.“

Ayla runzelte die Stirn, über diese etwas kryptische Antwort. „Also hat er zumindest eine Ahnung. Ich denke die Zentauren und wahrscheinlich auch einige andere Bewohner des Waldes ahnen auch etwas. Gibt es denn sonst noch jemanden? Einen Zauberer oder eine Hexe?“, fragte sie weiter.

Jetzt sah die kleine Frau unbehaglich aus. „Viele der Bewohner des Waldes sind auf Eurer Seite. Ihr werdet hier immer Unterstützung finden, wenn ihr sie benötigt. Doch wenn der Weise Alte Euch noch nichts weiter darüber gesagt hat, dann soll es so sein.“

Nun gut“, bemerkte Ayla. „Ich will Dich nicht in Bedrängnis bringen und werde Dumbledore nach weiteren Einzelheiten fragen.“

Ana sah erleichtert aus.

Ja, Herrin. Das solltet ihr tun. Verzeiht, wenn ich nur so kurz bei Euch bleibe. Ich muss wieder gehen.“

Dann verbeugte sie sich und murmelte einen Abschiedsgruß. Ayla erwiderte den förmlichen Gruß und die kleine Frau verschwand hinter einem Dickicht.

Sinnierend ging Ayla den Weg zurück. Auch wenn Ana ihren Gedanken nicht bestätigt hatte, wäre es eigentlich logisch, dass es außer Dumbledore noch jemanden geben musste, der die notwendigen Informationen besaß. Es sähe Dumbledore nicht ähnlich so etwas Wichtiges dem Zufall zu überlassen, denn schließlich war er alt und ganz sicher befand er sich in steter Gefahr, da er Voldemorts erbittertester Gegner war. Die Verletzung an seiner Hand war sicher kein Unfall gewesen. Etwas seufzend schob sie allerdings den Gedanken wieder beiseite, als sie Hagrids Hütte erreichte. Von allein würde sie kaum eine Antwort darauf finden.

Fang hatte ihr Kommen schon laut bellend angekündigt und so öffnete Hagrid bereits die Tür, als sie die Stufen hoch stieg. Sie klopfte sich den Schnee von den Schuhen und der Kleidung und trat ein.

Setz Dich doch, Ayla“, brummte Hagrid mit seiner tiefen Stimme. Plötzlich schnupperte er in die Luft. „Oh! Oh wei! So ein... au weh!“

Mit zwei stampfenden Schritten durchquerte er den Raum in Richtung seines Herdes. Als er die Klappe öffnete, quoll Rauch heraus. Lautstark fluchend zog Hagrid ein großes Tuch von einem Haken an der Wand und beförderte ein riesiges Blech heraus, das er flink oben auf den Herd stellte. Er wedelte mit dem Tuch, denn der Rauch füllte inzwischen den Raum reichlich aus.

Ayla, hatte inzwischen ihren Umhang an einen Haken gehängt. Als sie den dichten Rauch bemerkte, wies mit ihrem Zauberstab gleich auf ein Fenster, das sich sofort schwungvoll öffnete. Ein weiterer Wink ihres Zauberstabes und der Rauch verschwand im Nu nach draußen. Anschließend schloss sich das Fenster geräuschlos.

Ja. Danke. Das war... ach je... die hatte ich extra für Dich gebacken“, murmelte Hagrid betreten.

Ayla war herangekommen und verzog belustigt das Gesicht. Als Hagrid sie jedoch verlegen ansah, wurden ihre Züge gleich wieder ernst, denn sie wollte ihn nicht kränken. Er nahm einen Keks und biss hinein und kaute dann nachdenklich darauf herum. Ayla beobachtete ihn zweifelnd.

Mh.“ Hagrid wiegte bedenklich mit dem Kopf, biss noch einmal hinein, doch nach einer Weile befand er: „Die kann man sogar noch essen. Hier. Probier doch mal.“

Er hielt ihr einen Keks entgegen. Ayla blieb nichts anderes übrig, als das ziemlich angebrannt aussehende Gebäckstück zu nehmen. Sie betrachtete ihn skeptisch von allen Seiten, bevor sie probehalber ein Eckchen in den Mund nahm. Sie verzog das Gesicht und nahm den Keks wieder heraus.

Hagrid, sei mir nicht böse, aber meine Zähne schaffen diesen Keks nicht. Die Dinger sind einfach zu hart“, grinste sie.

Hagrid schürzte die Lippen, nahm ihr den Keks aus der Hand und verspeiste ihn mit laut krachendem Geräusch. Er wiegte wieder ein wenig den Kopf, denn offensichtlich fand er ihn genießbar.

Ich vergess immer wieder, dass ihr Zauberer nich so ein gutes Gebiss habt, wie wir Halbriesen“, erklärte er undeutlich mit vollem Mund.

Und einen empfindlicheren Magen“, kicherte Ayla. „Aber Hunger habe ich trotzdem.“

Ohne weitere Umstände ging Ayla in Hagrids Schränken auf die Suche nach etwas Essbarem. Schließlich fand sie ein Brot und Käse. Hagrid hatte inzwischen für Tee gesorgt und so saßen sie beide nach einer Weile am Tisch. Hagrid erzählte Ayla von seinen Problemen mit den Bundimuns, die sich seit einiger Zeit unter seinem Haus breit gemacht hatten.

Ayla schlug ihm vor, mit Schrubb- und Scheuerzaubern gegen die unangenehmen Viecher vorzugehen, anstatt nur mit der Wurzelbürste.

Du weiß doch, dass ich nich zaubern darf“, wandte Hagrid augenzwinkernd ein.

Dann erzähle ich Dir lieber nicht, dass Mum die Biester zu Hause mal mit dem Emundocasazauber endgültig aus unserem Schuppen vertrieben hat“, schmunzelte Ayla und schielte zu dem rosa Regenschirm, der unauffällig in einer Ecke stand.

Hagrid schürzte die Lippen und sah demonstrativ in eine andere Richtung. „Nee, Du hast Recht, das solltest Du mir lieber nicht erzählen.“

Wie gut, dass ich es nicht erwähnt habe“, antwortete Ayla scheinheilig, während Hagrid nun leise dröhnend lachte.

Anschließend fragte Ayla ihn noch über verschiedene, seltene Drachenarten und deren Giftzähne aus. Gerade mit Drachen kannte Hagrid sich bestens aus. Sie hatte vor einigen Wochen bei Snape etwas über die Anwendungen von Drachengift gelernt. Das Gift verschiedener Drachenzähne wurde für besondere Zaubertränke benutzt und war häufig nur unter sehr schwierigen Umständen zu bekommen. Snape besaß einen kleinen Vorrat davon. Sie wusste, dass er es sich zum Teil selbst besorgt hatte und sie war neugierig, mit welchen Kreaturen er es dabei zu tun gehabt hatte. Hagrid war ganz in seinem Element und beantwortete ausführlich alle Fragen, die Ayla dazu hatte.

Ayla hatte irgendwann ihre Schuhe abgestreift und die Füße bequem auf einen Stuhl gelegt. Schließlich legte sie ihre Hand in den Nacken, beugte den Kopf zurück und gähnte herzhaft. Draußen begann es zu dunkeln.

Hör mal“, wollte Hagrid wissen, „wieso hast Du eigentlich heute keinen Unterricht gegeben?“

Ich...“, begann Ayla etwas unsicher und überlegte, was sie nun sagen sollte. „Woher weißt Du das?“, fragte sie stattdessen.

Ich hab heute früh an Deiner Stelle Madam Hooch am Quidditchstadion gesehen. Und am Mittag war Hermine kurz hier. Sie hat sich Sorgen gemacht, dass Du vielleicht krank bist. Sie dachte, ich weiß vielleicht was mit Dir los ist.“

Mir ging es gestern nicht so gut und da hat Dumbledore gemeint, ich solle heute lieber nicht unterrichten.“

Hagrid brummte. „Ah. So. Dann bist Du gestern mit Snape gleich zu Dumbledore?“

Ja“, antwortete Ayla einsilbig.

Hagrid hatte sie am Abend zuvor mit Snape zurückkehren sehen. Er hatte von ihren Verletzungen zwar nichts mitbekommen, aber sich wohl seine Gedanken über den möglichen Grund gemacht, warum sie zusammen weg gewesen waren. Hagrid sah Ayla abwartend an. Doch als sie nicht weiter darauf einging, stand er schließlich auf. Fang erhob sich ebenfalls, gähnte und reckte sich. Dann lief er schwanzwedelnd zur Tür, so als erwartete er, wieder nach draußen zu kommen.

Muss noch die Thestrale füttern. Kommst Du mit?“, fragte Hagrid.

Ayla nickte. Sie half Hagrid schnell beim abräumen und zog ihren Umhang wieder über. Dann gingen beide hinaus. Hagrid holte aus einem Schuppen ein großes Bündel Frettchen und stapfte mit Ayla in Richtung Wald davon.

Auf einer kleinen Lichtung ganz in der Nähe, verteilte er die Frettchen großzügig auf dem Boden. Dann trat er zurück und wartete eine Weile.

Es war schon beinahe dunkel, doch schon bald sahen sie die schemenhaften Umrisse der geflügelten Tiere zwischen den Bäumen auftauchen. Ayla ging ohne Angst auf den größten der Thestrale zu. Sie wartete, bis er sie bemerkt hatte, dann tätschelte sie ihm sanft den Hals, was er mit einem kräftigen Stubs seinen mächtigen Kopfes erwiderte.

He, Tenebrus“, schimpfte sie mild mit dem merkwürdigen Tier. Doch sie kraulte ihm daraufhin die Ohren, was er leise schnaubend geschehen ließ.

Nachdem Hagrid sicher war, dass alle Thestrale fraßen, kam er zu Ayla hinüber. Mit seiner riesigen Pranke klopfte auch er dem Hengst den Hals. Hagrid bekam ebenfalls einen gutmütigen Stoß. Dann fraß Tenebrus unbeeindruckt weiter.

Hagrid?“, sagte Ayla leise, ohne den großen Mann anzusehen. „Ich... Dumbledore hat mir... uns gestern erzählt, was... ich meine, weißt Du...“

Schon gut, Ayla. Ich hab die Feuerräder auch gesehen und gedacht, dass irgendwas besonderes passiert is. Die gabs nämlich ziemlich lange nich mehr. Ich weiß auch nich viel darüber, aber ich kann mir’n bisschen was denken. Du hast was damit zu tun und Snape wohl auch, nich wahr?“

Allmählich hab ich das Gefühl alle wissen mehr über mich, als ich selbst“, beschwerte sie sich seufzend.

Hagrids Lachen dröhnte, so dass Tenebrus Kopf nach oben ruckte. Ayla tätschelte den Thestral beruhigend.

Nein. Das tu ich bestimmt nich. Ich hör und seh halt viel, wenn ich im Wald bin. Was is eigentlich mit Snape und Dir? Versteht Ihr Euch gut? Ich mein, er is ja schon ein seltsamer Kerl.“

Ayla musste über diese Direktheit kichern.

Sie konnte ihm kaum sagen, was vorgefallen war, daher antwortete sie etwas ausweichend: „Naja, im Großen und Ganzen verstehen wir uns.“

Deine Mum hätte ihm bestimmt ordentlich den Kopf zurecht gerückt, wenn er ungemütlich wird. Die konnte sowas. Und Du tus das sicher auch“, meinte Hagrid überzeugt. Er klopfte mit seiner Hand auf Aylas Schulter. Ayla verzog das Gesicht.

Dumbledore sagt, Mum war sehr oft hier“, sagte Ayla vorsichtig.

Ja. Ziemlich oft. Ich mein, sie hat sich im Schloss möglichst wenig blicken lassen und außerdem hat sie von Dumbledore noch so’n paar Tarnzauber gelernt. Da is sie nie aufgefallen. Sie hat mir mal gesagt, dass sie meist Portschlüssel benutzt, um gleich zu Dumbledore zu kommen. Es hat niemand sonst mitgekriegt. Mich hat sie immer mal besucht. Dumbledore wusste ja auch, dass er sich auf mich verlassen kann. Sie war echt eine tolle Hexe“, erzählte Hagrid munter drauf los. „Und sie hat unglaubliche Zaubertränke gebraut, sag ich Dir. Da hätte Snape bestimmt seine helle Freude dran gehabt.“

Dumbledore hat erzählt, dass sie unter dem Pseudonym Mira Mayflower ein ziemlich bekanntes Buch geschrieben hat. Es gehört zu Severus Standardliteratur. Meine Güte und ich dachte immer, ich kenne Mum“, seufzte sie. Dann fuhr sie reichlich zynisch fort: „Ich bin gespannt, welche unglaublich düsteren Geheimnisse noch so auf mich warten.“

Hagrid sah sie merkwürdig an. Dann murmelte er sich etwas in den Bart und bückte sich, um einen von Tenebrus Hufen zu untersuchen. Ayla stutzte wegen seiner unerwarteten Reaktion. Sie hatte das eigentlich nicht so bitter ernst gemeint.

Hagrid“, sagte sie streng. „Was weißt Du, was ich noch nicht weiß?“

Hagrid blieb viel länger über den Huf gebeugt als es nötig gewesen wäre. Als er keine andere Wahl mehr hatte, als sich endlich aufzurichten, mied er Aylas Blick. Er zog die Nase hoch und deutete in den Himmel.

Gibt bald noch mehr Schnee.“

Ayla rollte theatralisch mit den Augen. „Vergiss es. Ich frag Dumbledore“, sagte sie resigniert. „Irgendwie habe ich das Gefühl, mich heute ständig zu wiederholen.“

Hagrid strich sich sichtlich erleichtert über den Bart und sah sie entschuldigend an.

Is besser, wenn Du mit ihm sprichst“, entgegnete Hagrid.

Ayla brummte leicht verstimmt, tätschelte Tenebrus noch einmal und versuchte sich bei Hagrid unterzuhaken, was bei seiner Größe jedoch etwas schwierig war. Dann schlenderten sie in Richtung Schloss. Hagrid erzählte währenddessen von Federflügel. Ayla hatte allerdings den Verdacht, dass er das nur tat, um nicht noch einmal in Verlegenheit zu geraten. Vor dem großen Portal verabschiedete sie sich schließlich von Hagrid.


Ayla war auf ihr Zimmer gegangen und saß vor dem Kamin. Sie dachte über all das nach, was sie erfahren hatte. Es gab möglicherweise noch ein paar Dinge, von denen Dumbledore ihr noch nichts erzählt hatte. Oder bildete sie sich das etwa nur ein? Weder mit Ana, noch mit Hagrid hatte sie ausführlich über das gesprochen, was Dumbledore ihr bereits erzählt hatte.

Dumbledore hatte beim Abschied erwähnt, die Schule für ein paar Tage wieder verlassen zu müssen, daher konnte sie sich den Weg zu ihm jetzt sparen. Außerdem war sie sich gar nicht sicher, ob sie im Moment noch mehr Neuigkeiten verkraften konnte.

Was solls“, murmelte sie ironisch zu sich selbst. „Morgen ist auch noch Zeit für neue Ungeheuerlichkeiten. Oder nächste Woche. Was weiß ich.“

Sie legte ihren Kopf an die Sessellehne und döste eine Weile vor sich hin. Als sie die Augen schließlich wieder öffnete, fiel ihr Blick auf den Ring an ihrer linken Hand.

Snape.

Sie sollte unbedingt mit ihm reden. Ihre Begegnung unter den Misteln hatte ihr zwar zumindest bewiesen, dass ihre Gefühle für ihn nicht plötzlich verschwunden waren, aber sie weigerte sich, die Geschehnisse einfach hinzunehmen und so zu tun, als wäre wieder alles in Ordnung. Auf fadenscheinige Entschuldigungen konnte sie verzichten, aber die würde sie von ihm sowieso nicht zu hören bekommen. Worauf ein Gespräch hinauslaufen würde, konnte sie ebenso wenig sagen. Weder, wie er sich ihr gegenüber verhalten, noch wie sie selbst reagieren würde. Auf jeden Fall mussten sie irgendeine Basis finden, auf der sie miteinander zurecht kamen. Je eher, je besser. Schließlich machte sie sich mit einem etwas mulmigen Gefühl auf den Weg in den Kerker.

Ganz damit beschäftigt ihre Nervosität einigermaßen in den Griff zu bekommen, lief sie die Stufen bis zur Eingangshalle hinunter, durchquerte diese und bog dann schwungvoll um die Ecke, um auf die Treppe zum Kerker zu gelangen.

Unvermittelt prallte sie in eine Person, die mit der gleichen Geschwindigkeit im selben Moment aus den Kerkern herauf eilte.

Entschul- “

Passen Sie doch auf!“, knurrte eine dunkle Stimme mürrisch.

Sekundenlang starrte sie in die schwarzen Augen von Severus Snape, dessen missmutige Gesichtszüge sich bei ihrem Anblick schlagartig glätteten.

Ich wollte gerade- “

Heute abend ist- “

Beide begannen gleichzeitig zu reden und verstummten ebenso abrupt wieder. Vorsichtshalber trat Ayla einen Schritt zurück und blickte verstohlen durch die Halle. Es war beinahe Zeit zum Abendessen, daher waren bereits vereinzelte Schüler in der Eingangshalle unterwegs.

Wir müssen reden“, sagte sie leise zu Snape. „Ich war auf dem Weg zu Dir. Lass uns in Dein Büro gehen.“

Auch Snape sah sich kurz um, doch er machte keine Anstalten, sich in Bewegung zu setzen. Stattdessen horchte er eingehend auf die Schritte und Stimmen, die leise von der Treppe hinter ihm aus den Kerkern zu ihnen hoch drangen.

Flink schob er die verdutzte Ayla um die nächste Ecke herum, bis sie in einer Nische gegen die rückwärtige Wand direkt neben dem Fenster prallte. Er stützte seinen linken Arm neben ihren Kopf und beugte sich näher zu ihr, so dass er ihr den Weg versperrte. Ayla wurde unruhig. Sie wollte sich schon an ihm vorbei drängen, doch er legte seine Hand auf ihre Hüfte und hielt sie auf.

Bleib stehen“, zischte er.

Severus, was glaubst Du eigentlich, wer Du bist“, wisperte sie erbost über diese Dreistigkeit. Sie spähte an ihm vorbei. Bis jetzt hatte sie noch niemand bemerkt. „Du kannst Dir nicht alles erl- “ Er legte ihr seine Fingerspitzen auf die Lippen und hob eine Braue.

In exakt diesem Moment bogen einige Slytherins von der Treppe in die Eingangshalle ein. Seine Finger glitten langsam von ihren Lippen, über ihre Wange und verharrten ihn ihrem Nacken. Das muntere Stimmengewirr erstarb, als die Schüler Snape und Ayla in der Nische bemerkten und offenbar stehen blieben.

Machen Sie, dass Sie weiterkommen“, schnarrte Snape über seine Schulter hinweg.

Die Schüler zögerten keine Sekunde, seiner Anweisung Folge zu leisten. Punktabzüge waren bei diesem Tonfall auch für Slytherin nicht auszuschließen. Die Unterhaltung setzte prompt wieder ein.

Kaum waren die Schüler ein Stück entfernt, entfernte Ayla unwillig Snapes Hand aus ihrem Nacken und fuhr ihn leise an: „Was soll das jetzt? Auch wenn Du damit anscheinend keine Probleme hast. Hast Du Dich mal gefragt, ob mich das hier vielleicht kompromittiert?“

Er machte keine Anstalten sich von ihr weg zu bewegen. Sein undefinierbarer Duft wehte ihr entgegen. Seine unmittelbare Nähe wühlte sie zusätzlich auf. Sie hatte das dringende Bedürfnis ihn zu verhexen, so anmaßend wie er sich gerade benahm.

Der Hauch eines Lächelns umspielte seine Lippen, als er glattzüngig antwortete: „Darüber hättest Du Dir wohl im Klaren sein müssen, als Du gestern abend Deine Entscheidung getroffen hast.“ Er ergriff ihre Linke Hand und strich sanft mit dem Daumen über ihren Ring.

Hinter ihnen gingen wieder einige Schüler vorbei, die aber nur erstaunte Blicke hinüber warfen.

Ayla konnte kaum glauben, was er da gerade sagte. Das konnte er unmöglich ernst meinen.

Ziemlich verärgert flüsterte sie im zu: „Meine Entscheidung hieß aber ganz sicher nicht, dass Du ab sofort- “

Er unterbrach sie, indem er Anstalten machte sie zu küssen. Im letzten Moment konnte sie ihr Gesicht abwenden.

Das reicht, Severus! Hör endlich auf damit!“, empörte sie sich leise, um kein Aufsehen zu erregen.

Er fasste sie unter dem Kinn und zwang sie sanft, ihn anzusehen. Sie funkelte ihn bitterböse an, was ihn nicht die Spur zu beeindrucken schien. Unter seinem festen Griff hatte sie keine Möglichkeit sich ihm zu entwinden, ohne dass andere etwas mitbekommen würden.

Hogwarts ist nicht sicher“, hauchte er beinahe unhörbar, als sie gerade beschlossen hatte, dass es ihr egal war, wenn sie ihm vor aller Augen eine gründliche Abfuhr erteilte.

Er kam ihr dabei so nahe, dass sie beinahe spürte, wie seine Lippen sich bewegten. Dann ließ er sie los und entfernte sich wieder von ihr. Seine Augen glitzerten undurchschaubar. Aylas Herz setzte einen Schlag aus. Irgendwer verschaffte Voldemort offenbar Informationen.

Wer?“, formte ihr Mund tonlos. Er schüttelte nur den Kopf.

Begleitest Du mich jetzt zu Slughorns Weihnachtsparty?“, wollte er unvermittelt etwas lauter wissen.

Irritiert über diesen abrupten Themenwechsel fragte sie: „Seit wann stehst Du auf Parties?“

Er hob eine Braue und wiegte mit dem Kopf. „Manchmal sind sie leider unvermeidlich.“

Ayla dachte kurz nach. Sie sah sich nicht im Stande, an Snapes Seite auf einer Party zu erscheinen, solange sie nicht miteinander gesprochen hatten. Doch wenn sie weiter gegen Voldemort arbeiten wollte, dann durfte sie jetzt nicht unüberlegt handeln. Das Gemunkel über sie beide an der Schule ließ sich wohl nicht mehr ändern, aber mehr musste es ihrer Meinung nach nicht werden. Sie fand die momentane Situation schon äußerst unangenehm. Snape hingegen schien es nicht im geringsten zu berühren.

Nein. Ich gehe nach dem Abendessen lieber auf mein Zimmer. Das Wochenende war sehr anstrengend, da möchte ich mich lieber ausruhen“, erklärte sie mit giftigem Unterton. „Mir ist nicht nach einer Party und Du kannst Dir hoffentlich denken, warum das so ist.“ Sie näherte sich ihm nun ihrerseits ein wenig und senkte die Stimme bis auf ein Flüstern. „Ich unterstelle Dir, dass Du mir so bald wie möglich erklären wirst, wen oder was Du da gerade gemeint hast. Denk daran, wir spielen dieses Spiel jetzt gemeinsam.“ Seine Stirnfalte vertiefte sich und sein schwarzer Blick wurde beunruhigend, doch er sagte nichts. „Und noch etwas: Überleg Dir in Zukunft genau, was Du tust, Severus Snape. Dass ich mit Dir zusammenarbeiten will, heißt noch lange nicht, dass ich Dir auch verziehen habe! Wir reden morgen weiter. Ich bin noch nicht fertig mit Dir!“

Ihr blauer Blick hielt seinem uneingeschränkt stand. Nach einem Moment wandte er den Blick ab. Als sie ihn schließlich energisch beiseite schob, hinderte er sie nicht mehr am Gehen. Ohne sich noch einmal umzudrehen, schritt sie auf die Große Halle zu, deren Türen inzwischen zum Abendessen geöffnet waren.

In der Eingangshalle stand immer noch Severus Snape und starrte ihr nach. Langsam fuhr er mit den Fingern seiner rechten Hand über den Ring, den er trug. Niemand sah den Kummer, der für einen Sekundenbruchteil sein Gesicht durchzog. Mit einem Mal ballte er seine Linke zur Faust und hob sie an den Mund. Kurz schloss er die Augen.

Als er sie wieder öffnete, war seine Miene unergründlich, wie immer. Er durchquerte die Eingangshalle und eilte die Stufen hinauf.



Kapitel 4 - Strategische Entscheidungen


Als Ayla sich zum Frühstück in die Große Halle aufmachte, war in der Schule eine außergewöhnliche Unruhe zu spüren. Überall rannten Schüler umher, Stimmen schwirrten und Lehrer versuchten an manchen Stellen Ordnung in das chaotische Treiben zu bringen.

Es war der Tag der Abreise in die Weihnachtsferien. Auch Ayla half einem Viertklässler aus Ravenclaw namens Malcolm Madden aus einem Schlamassel. Ihm war ein mühsam verzauberter Kalender, der ein Weihnachtsgeschenk für seine Mutter se