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Der
Fuchsbau lag still in der lauen Sommernacht. Gabrielle war inzwischen
eingeschlafen, doch Fleur wälzte sich unruhig hin und her. Ayla
starrte auf einen hellen Fleck an der Wand, den der Mond auf der
Tapete hinterließ. Vor dem Schlafengehen war Fleur bereits
völlig aus dem Häuschen gewesen und Ayla dachte lieber
nicht darüber nach, was für ein Nervenbündel die junge
Frau morgen vermutlich sein würde. Nicht zum ersten Mal fragte
Ayla sich, ob sie vor ihrer eigenen Hochzeit auch alle Welt verrückt
machen würde.
Diesen unglaublichen Aufwand, den Molly
veranstaltete, würde sie allerdings nicht mögen. Wie die
meisten Mädchen hatte sie sich zwar früher einmal eine
Märchenhochzeit erträumt, aber inzwischen käme sie
sich merkwürdig dabei vor, so wie Fleur am nächsten Tag in
einem weißen Kleid unter einem Baldachin dahinzuschreiten und
feierlich inmitten einer Schar Gäste ihr Jawort zu geben.
An
diesem Punkt landeten ihre Gedanken unwillkürlich bei Snape. Ihr
Blick fiel auf den Ring. Auch wenn die Umstände etwas anders
gelagert waren, hatte Snape sie - genau wie vor einem Jahr Darryl -
niemals danach gefragt, ob sie ihn überhaupt heiraten wolle.
Lange Zeit hätte sie ihm nicht einmal eine Antwort darauf geben
können, ob für sie ihre Verlobung doch mehr war als nur
Schein. Aber in all den Monaten hatte er nicht mehr davon gesprochen.
Energisch schob Ayla ihre trüben Gedanken beiseite, die
immer in der gleichen Sackgasse landeten. Seit Dumbledores Tod hatten
sie ja streng genommen nicht einmal eine Beziehung. Also stellte sich
die Frage danach gar nicht, wie sie sich ihre Hochzeit vorstellte.
Die Kirchturmuhr des nahegelegenen Dorfes schlug Mitternacht.
Leise stand Ayla auf. Prompt hob Fleur den Kopf.
„Ich kann nicht schlafen“, wisperte Ayla. „Ich gehe noch etwas an die frische Luft.“
Fleur
nickte und ließ sich aufseufzend wieder ins Bett plumpsen.
Aus
dem Wohnzimmer, in dem Molly und Arthur ihr Nachtlager aufgeschlagen
hatten, weil Fleurs Eltern das Schlafzimmer belegten, drangen
ebenfalls noch leise Stimmen. Möglichst geräuschlos verließ
sie das Haus durch die Hintertür und lief in den Obstgarten. Auf
dem Feld dahinter konnte sie das riesige Zelt von Hagrid erkennen. Er
blieb für die morgige Hochzeit gleich da. Am Abend hatte er ihr
noch erzählt, dass er Fang und Lennox bei Firenze gelassen
hatte.
Während sie an den treuen schwarzen Labrador dachte
und angestrengt versuchte ihn nicht auch noch zu vermissen, hörte
sie das leise Geräusch eines Apparierenden. Gleich darauf war
Lupin bei ihr.
„Was wollte Scrimgeour?“, fragte er sofort.
Ayla erzählte ihm rasch von Dumbledores Testament und ihrem anschließenden kurzen Gespräch mit dem Minister. „Mir ist völlig rätselhaft, was Albus mit seinen Erbstücken bezweckt. Dir hat er nicht zufällig etwas darüber erzählt?“
„Nein“, bedauerte Lupin. „Aber darüber machen wir uns besser später Gedanken. Auf dich ist Scrimgeour also auch nicht gut zu sprechen.“
„Das war aber eine sehr freundliche Umschreibung“, murrte sie. „Dieser Armleuchter. Aber jetzt sag mir endlich, was los ist.“
Lupin kratzte sich am Kopf und sah sich um. Er winkte mit seinem Zauberstab, damit kein ungebetener Lauscher ihnen zuhören konnte.
„Ayla, versprich mir, dass du vernünftig bleibst“, bat er sie eindringlich.
Sie sah ihn verdutzt an. „Ich weiß doch noch gar nicht, worum es geht“, beschwerte sie sich.
„Stimmt.“ Lupin lächelte schief. „Aber ich kenne dich und ich konnte Henry nur mit Mühe und Not davon abhalten selbst herzukommen. Er lässt dir ausrichten, dass du diesmal auf mich hören sollst, ansonsten käme er doch und würde dir höchstpersönlich aufs Dach steigen.“
„Was für eine Drohung!“, lachte sie und sah Lupin mit einer Mischung aus Erstaunen und Skepsis an. „Du machst mich neugierig. Also gut ... ich schwöre feierlich bei ... Merlins Unterhosen?“
Lupin rollte mit den Augen. „Von mir aus.“ Er sah sie ernsthaft an. „Es ist wirklich wichtig, Ayla. Also mach nicht wieder irgendwelchen Blödsinn.“
Sie verzog das Gesicht. „Jetzt übertreib nicht. So schlimm bin ich nicht.“
„Schlimmer“, seufzte er. „Voldemort wird morgen versuchen, das Ministerium zu übernehmen.“ Ayla sog scharf die Luft ein. „Die Information stammt von Severus. Er war bei Henry und Ana und er sagt, dass entscheidende Personen aus dem engen Mitarbeiterkreis Scrimgeours entweder auf Seiten Voldemorts stehen oder zumindest mit dem Imperius belegt sind. Er hält es für zwecklos und gefährlich einen Versuch zu starten, das zu verhindern. Seiner Meinung nach soll der Orden sich lieber raushalten.“
Ayla rieb sich das Kinn. „Wenn Voldemort schon soweit ist, dass er das Ministerium übernehmen kann, dann gäbe es nur unnötige Verluste und sämtliche Arbeit des Ordens wäre dahin.“ Ayla grübelte einen Moment. „So ungern ich es zugebe, aber ich befürchte fast, Severus hat Recht. Und die sicherste Methode alle am eingreifen zu hindern ist wohl, es niemandem zu sagen.“
„Ja, das war Severus und auch Henrys Meinung“, stimmte Lupin zu, wirkte über diese Erkenntnis allerdings unglücklich. „Zumindest sind dann die meisten Ordensmitglieder nicht in akuter Gefahr und wir haben anschließend eine Grundlage, um weiterzumachen.“
„Verflixt und zugenäht“, entfuhr es Ayla inbrünstig. „Voldemort einfach das Feld zu überlassen passt mir gar nicht.“
Lupin sah sie skeptisch an und wirkte, als würde er das Gespräch am liebsten beenden. Doch er fuhr fort: „Severus war bereits am Montag bei Henry.“
„Am Montag schon?“, wunderte sich Ayla.
„Ich habe es selbst erst gestern erfahren.“ Lupin erzählte ihr von Snapes Idee. „Henry und Una sind heute Nachmittag fertig geworden, aber es ist nicht mehr als eine kleine Flasche voll und das dürfte kaum ausreichen, zumal wir gar nicht so ohne weiteres an die Ministeriumsbeamten herankommen.“
Aylas Augen funkelten unternehmungslustig. Sie überkreuzte ihre Hände und hob sie vor die Brust. „Fesseln und knebeln“, empfahl sie Lupin mit spöttischem Lächeln.
„Wusste ich es doch“, erwiderte Lupin trocken und tippte ihre Handgelenke mit seinem Zauberstab an.
„He!“ Empört schielte Ayla auf die Handschellen.
Leicht schmunzelnd befreite er sie wieder. „Lass uns nichts überstürzen“, versuchte er sie zu bremsen. „Henry und ich sind übereingekommen, dass wir das Zeug auch für eine andere Gelegenheit aufheben können. Selbst wenn wir morgen nichts verhindern können, haben wir immerhin den Vorteil davon zu wissen. Lass uns deswegen lieber überlegen, wohin wir dich und Harry in Sicherheit bringen.“
„Mhh“, machte Ayla nachdenklich und ging ein paar Schritte herum.
Dann setzte sie sich unter einen Apfelbaum, lehnte sich an den Stamm und spielte mit einer Haarsträhne. Offenbar hatte der Zauber um sie herum nachgelassen, denn man hörte wieder das nächtliche Zirpen der Grillen. Leicht strich der Wind durch die Blätter. Lupin sah sich aufmerksam um und prüfte eingehend die Umgebung.
„Niemand in der Nähe“, meinte er und ließ sich neben Ayla nieder. Nach einer Weile fragte er: „Hast du eine Idee, zu welcher Zeit der Angriff morgen stattfinden könnte? Davon hat Severus nämlich nicht gesprochen.“
Ayla stieß lange die Luft durch die geschlossenen Lippen aus. Sie schien gar nicht zugehört zu haben. „Ich war nur einmal ganz kurz im Ministerium und zwar bevor ich nach Askaban gebracht wurde. Kennst du dich da aus?“
„Etwas. Warum?“, fragte Lupin misstrauisch.
„Man kommt bestimmt auch nicht so einfach hinein“, stellte sie abwesend fest. „Aber vielleicht ...“
Lupin drehte energisch ihren Kopf zu sich herum. „Vergiss es, Ayla. Wir sorgen nur dafür, dass Harry und du morgen rechtzeitig fort seid. Also: In der Vergangenheit hat Voldemort meist in der Nacht oder am Abend gehandelt. Könnte es morgen auch so sein?“
„Vermutlich“, räumte sie ein und es war ihr anzusehen, dass sie diese Frage überhaupt nicht vordringlich interessierte.
„Das ergäbe durchaus einen Sinn“, fuhr Lupin hartnäckig an diesem Thema festhaltend fort. „Dann sind auch nicht mehr so viele Leute im Ministerium, was es für die Todesser einfacher macht.“
„Also haben wir morgen noch Zeit“, stellte Ayla erfreut fest. „Bill und Fleur heiraten auch erst um drei. Da können wir doch vorher-“
„Das kommt auf gar keinen Fall in Fra-“
Sie unterbrach ihn, indem sie ihm einfach einen kurzen Kuss auf den Mund gab. „Do-hoch“, zwitscherte sie. „Auch wenn ich den Kerl nicht leiden kann: Wir warnen Scrimgeour-“
„Wir tun überhaupt nichts der-“
„- und befreien wenigstens seine direkten Mitarbeiter vom Imperius. Dann-“
„- gleichen! Ich glaube du hast heute zu viel-“
„- verschwinden wir und überlassen ihnen den Rest.“
„- Sonne abbekommen! Wir werden-“
Unvermittelt schlang sie die Arme um seinen Hals und presste ihre Lippen fest auf seine. Lupin protestierte, doch sie drängte ihn kichernd auf den Rücken und sah ihn treuherzig an.
„Bitte“, säuselte sie, während sie mit den Wimpern klimperte und ihren besten Hundeblick aufsetzte. Der Schalk tanzte übermütig in ihren Augen.
„Auf keinen Fall, du leichtsinnige Göre!“
„Nimm das sofort zurück“, rief sie übermütig und kitzelte ihn.
Lupin schnappte sich ihre Hände, sie versuchte sich zu befreien und lachend balgten sie sich im Gras, bis er schließlich halb auf ihr lag und beide atemlos nach Luft schnappten.
Belustigt keuchte er: „Sag bloß, du versuchst so was auch bei Severus, um dein Trotzköpfchen durchzusetzen?“
„Bei dem funktioniert das nicht“, schmollte sie. „Aber bei dir hat das früher doch manchmal geklappt.“ Sie legte ihren Kopf schief und klimperte noch einmal mit ihren Augenlidern.
„Stimmt“, räumte er ein und schmunzelte. „Aber nur, wenn ich sowieso schon halb zu etwas entschlossen war.“
„Das bist du doch“, stellte sie fest. „Dir gefällt es auch nicht, einfach abzuwarten. Ich kenne dich doch.“
„Das hier ist kein Spaß, Ayla. Es ist viel zu riskant.“ Seine Stimme klang nun ernst.
„Ich weiß, dass es nicht lustig ist, aber lass uns doch wenigstens zusammen überlegen“, bohrte sie weiter. „Ich will nicht nur herumsitzen und abwarten. Komm schon! Was muss ich denn noch tun, damit du ‚ja’ sagst?“
Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Dann schloss er ihn wieder. Seine Augen glitzerten im Dunkel.
„Vielleicht ...“ Er brach ab.
Ayla hatte eine spöttische Bemerkung auf Lager, als er sich unvermittelt zu ihr herabbeugte. Im ersten Moment glaubte sie, er wolle sie weiter necken, doch schon lagen seine Lippen warm und weich auf ihren. Er schmeckte herb und seine Bartstoppeln kratzten. Etwas verwirrt erwiderte sie seinen Kuss, der eindeutig mehr war, als ihre üblichen freundschaftlichen Zärtlichkeiten.
„Jetzt überredet?“, murmelte sie rau, als er sie endlich freigab.
„Mhh“, machte er nur und für einen Moment erkannte Ayla in seinen Augen das Tier, das in ihm schlummerte. Dann war es vorbei und es war nur Remus, der sie immer noch im Arm hielt. Abrupt sah er zur Seite. „Entschuldige.“
Er löste sich von ihr, als hätte er sich verbrannt, und setzte sich wieder hin. Fahrig strich er sich durchs Haar und räusperte sich. Sie antwortete nicht. Sie ahnte, dass es ihm unangenehm war, weil er sich so vergessen hatte.
„Also gut“, meinte er und rutschte von ihr weg. „Schieß los. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir das auch wirklich tun!“
Ayla
setzte sich ebenfalls wieder hin und lehnte sich an den Baum. Mit
gedämpfter Stimme begannen sie nun, verschiedene Möglichkeiten
zu diskutieren.
Im oberen Stock des Hauses zog Fleur die Gardinen
wieder zu. Im Dunkeln hatte sie außer ein paar Umrissen nichts
erkennen können und obwohl die Nacht ruhig war, hatte sie zuerst
nichts gehört. Trotzdem ahnte sie, mit wem Ayla im Obstgarten
ein nächtliches Stelldichein hatte. Das leise Lachen, das vorhin
einmal kurz zu ihr hinübergeweht war, hatte verdächtig nach
Lupin geklungen. Lächelnd schloss Fleur die Augen und versuchte
endlich zu schlafen.
Über
dem Meer ging die Sonne auf. Wie so häufig in den letzten Wochen
stand Snape auf dem felsigen Strand und sah hinaus auf die sich ins
Unendliche dehnende Wasserfläche. Er ging ein Stück und
setzte sich auf einen großen Felsbrocken.
Nach einer Weile
schlenderte er weiter. Irgendwann bückte er sich nach einem
Stein und warf ihn schwungvoll ins Wasser. Dann fiel sein Blick auf
einen besonders flachen Kiesel. Er hob ihn auf, betrachtete ihn. Nach
kurzem Zögern holte er seitlich aus und ließ ihn über
die Wellen hüpfen. Mit leisem Lächeln zählte er, wie
oft der Stein die Oberfläche berührte, bevor er unterging.
Ayla und er hatten das unzählige Male am See in Hogwarts
getan. Er verspottete sie jedes Mal, denn sie schaffte es nie so oft
wie er. Es hatte lange gedauert, bis sie herausgefunden hatte, dass
er seine Steine heimlich verzauberte, damit sie ihre übertrafen.
Zum Ausgleich dafür hatte sie ihn genötigt, mit ihr einen
Tagesausflug völlig ohne Magie in die Highlands zu machen. Sie
waren gewandert, hatten eine alte Burg besichtigt und waren in einem
urigen Pub eingekehrt. Es war ein wundervoller Tag gewesen.
Ob
sie jemals wieder so unbeschwert zusammen sein konnten?
Heute
würde der Dunkle Lord versuchen, die Herrschaft über die
Zaubererwelt zu übernehmen. Durch seine Stellung in der Gunst
des Dunklen Lords war ihm eine herausragende Position gewiss und
erlaubte ihm verhältnismäßig große Freiheiten.
Ayla war eine reinblütige Hexe. Wenn sie sich zusammennahm,
würde sie keinerlei Repressalien zu befürchten haben,
nachdem ihr Blut Voldemort den Zugang nach Hogwarts verschafft hatte.
Sie konnten dann ein relativ normales Leben miteinander führen.
Dabei war es sicher möglich, Potter unauffällig zu
unterstützen. Vielleicht hatte Dumbledore doch Recht?
Es war
sehr unwahrscheinlich, dass Henry und Una das Unmögliche
gelungen war. Und es war kaum zu erwarten, dass die Substanz auch
noch zur Anwendung gekommen war.
Nach der Übernahme musste
er Ayla möglichst schnell finden.
Und sie überzeugen,
mit ihm zu kommen.
Nachdenklich machte er sich auf den Rückweg
zur Festung.
Unruhig trat Lupin von einem Fuß auf den anderen und sah sich um. Seinen Zauberstab hielt er verstohlen in der Hand. Erleichtert sah er, dass sich die Tür neben ihm öffnete und Ayla auf den Bürgersteig hinaustrat. Sie verstaute gerade ihre Geldbörse in einer Umhängetasche.
„Geldautomaten sind doch etwas praktischer als die Verliese bei Gringotts“, stellte sie ironisch fest. Sie hakte sich bei ihm unter und schlenderte mit ihm die Straße entlang. „Ich glaube, Molly hat gar nicht richtig zugehört, als ich ihr beim Frühstück gesagt habe, dass wir noch einmal fortgehen. Wirklich zu tun gab es ja auch nichts mehr und bei dem Trubel heute fällt es vermutlich auch kaum auf, wenn wir fehlen.“
Lupin schmunzelte verhalten. „Ja, wahrscheinlich. Wohin zuerst?“
Sie deutete auf die andere Straßenseite. „In die Drogerie. Und danach zum Optiker.“
Keine halbe Stunde später öffnete Ayla zum zweiten Mal an diesem Tag die Tür ihres Elternhauses. Vor ihrer kurzen Einkaufstour war sie zusammen mit Lupin bereits da gewesen, um ihre Kreditkarte zu holen. Dank des Fidelius- und der Muggelabwehrzauber, die Lupin zusammen mit Kingsley nach Henrys überstürzter Abreise darüber gelegt hatte, waren sie dort sicher. Kingsley und Lupin hatten versucht, die schlimmsten Auswirkungen des von Ayla gelegten Brandes zu beseitigen, doch das Erdgeschoss sah noch immer verheerend aus. Mit schlechtem Gewissen und ohne genauer hinzusehen, zog Ayla ihn mit ins Bad im relativ unversehrten Obergeschoss.
„Willst du das wirklich tun?“, fragte er skeptisch.
Sie hob nur eine Braue und legte sich ein großes Handtuch um die Schultern. Sie kramte im Badezimmerschrank und hielt ihm eine Schere hin. Zögernd griff er danach. Dann trat er hinter sie. Im Spiegel suchte er ihren Blick.
„Nun mach schon“, meinte sie aufmunternd. „Wenn mich das Zeug versehentlich trifft, löst sich eine magische Veränderung möglicherweise in Wohlgefallen auf und das wäre ziemlich schlecht.“
Mit verzerrtem Gesicht, so als würde er ihr große Schmerzen zufügen müssen, schnitt er ihren dicken Zopf direkt im Nacken ab. Vorsichtig legte er ihn beiseite.
„Und jetzt?“, fragte er ratlos.
Sie zuckte mit den Schultern. „Hast du keine Phantasie?“
Seufzend
machte er sich an die Arbeit. Lupins Werk schien Ayla jedoch nicht
zufrieden zu stellen und schließlich scheuchte sie ihn hinaus,
um den Rest selbst zu erledigen.
Als sie fertig war, fand sie ihn
in ihrem Zimmer. Er lag auf dem Bett und las in einer uralten
Zeitschrift.
„Ach du liebe Zeit“, entfuhr es ihm. Er stand langsam auf und starrte sie an.
„War das jetzt ein Kompliment?“, fragte sie ironisch.
Unentschlossen brummte er nur, kratzte sich am Kopf und ging um sie herum. Ihr Kinn langes Haar war gründlich durchgestuft, rabenschwarz gefärbt und modisch frisiert. Braune Kontaktlinsen und eine Menge Schminke gaben ihrem Gesicht ein völlig anderes Aussehen. Ohne ihn weiter zu beachten, ging sie zu ihrem Schrank und wühlte darin herum. Schließlich hatte sie sich entschieden. Lupin saß inzwischen lässig auf ihrem Schreibtischstuhl und beobachtete ungeniert, wie sie ihr Shirt vorsichtig über den Kopf zog, um ihre neue Frisur nicht zu zerstören.
„Es stört dich doch hoffentlich nicht, dass ich mich hier umziehe, oder?“, fragte sie süffisant und warf ihm das Shirt an den Kopf.
„Nein, eigentlich nicht“, antwortete er vergnügt und zupfte das Shirt herunter. „Nichts, was ich noch nicht kenne ... waren das nicht irgendwann einmal deine eigenen Worte?“
Sie streckte ihm die Zunge raus und wandte ihm demonstrativ den Rücken zu. Als sie fertig war, drehte sie sich schwungvoll herum und breitete die Arme aus.
„Nimmst du mich so mit?“, wollte sie wissen.
Sie wirkte vollkommen ungewohnt in dem eleganten Anzug. Passende Stöckelschuhe rundeten das Bild einer burschikosen Geschäftsfrau gekonnt ab.
Er zuckte mit den Schultern. „Ganz in Ordnung“, befand er und stand auf. „Allerdings überhaupt nicht wie eine Hexe.“
„Nur ‚in Ordnung’?“, beschwerte sie sich und stemmte ihre Hände empört in die Hüften. Ihre Augen funkelten durch die farbigen Kontaktlinsen deutlich weniger intensiv. „Es gibt auch Hexen und Zauberer, die keinen magischen Beruf haben und mehr in der Muggelwelt leben.“
Er lachte und strich ihr vorsichtig über das kurze Haar. „Ja das stimmt. Es wird schon gehen“, erklärte er. „So erkennt dich garantiert niemand.“
„Sag ich doch“, antwortete sie zufrieden. „Was machen wir nur mit dir?“
„Mit mir?“ Lupin hob abwehrend die Hände. „Ich bin kaum bekannt im Ministerium. Außerdem muss ich sowieso in der Eingangshalle auf dich warten. Werwölfe benötigen doch neuerdings eine ... Ausnahmegenehmigung und dürfen ohne speziellen Begleitschutz nicht mehr hinein.“ Seine Stimme klang bitter.
„Ja, das hast du gesagt“, erwiderte sie. Sie wollte nicht näher darauf eingehen, denn sie wusste, wie sehr ihn das traf. „Aber Kingsley oder irgendwer anders könnte dich sehen. Es wäre gut, wenn du wenigstens nicht direkt ins Auge fällst. Komm mit, ich hab eine Idee.“
Wenig begeistert folgte Lupin ihr. „Aber an meine Haare lasse ich dich nicht mit diesem Färbezeug!“
Als
sie kurz darauf das Haus verließen, war Lupin besonders glatt
rasiert und trug sein halblanges, grau meliertes Haar mit Gel
zurückgekämmt sowie eine alte Brille von James McLellan,
deren Gläser sie verwandelt hatten, damit Lupin hindurchsehen
konnte. Ayla hatte ihm ein weißes, kurzärmeliges Hemd und
eine Sommerjacke von Henry aufgenötigt. Beides war etwas groß,
doch durch Lupins breite Schultern fiel es nicht allzu deutlich auf.
Zumindest auf den ersten Blick würde ihn niemand erkennen.
Von
Aylas Elternhaus aus apparierten sie in die Nähe der
Winkelgasse. Von dort aus nahmen sie die U-Bahn, um möglichst
unauffällig zum Zaubereiministerium zu gelangen.
„Da drüben“, sagte Lupin, als sie durch heruntergekommene Straßenzüge gingen, und zeigte auf eine kaputte Telefonzelle.
Amüsiert über den Einfallsreichtum der Zauberer, schlüpfte Ayla zusammen mit Lupin hinein. Während er sich argwöhnisch durch die demolierten Fensterscheiben umsah, griff er nach dem Hörer und wählte sechs, zwei, vier, vier, drei.
„Willkommen im Zaubereiministerium!“, ertönte eine kühle Frauenstimme. „Bitte nennen Sie Ihren Namen und Ihr Anliegen.“
„Ähm“, machte Lupin und schien sich krampfhaft erinnern zu wollen, was sie abgesprochen hatten.
„Darryl Miller und Melinda Jenkins“, sagte Ayla schnell. „Wir müssen mit jemandem von der Abteilung zur Führung und Beaufsichtigung magischer Geschöpfe reden, weil wir den Verdacht haben, dass unsere Nachbarn eine illegale Bundimunzucht betreiben. Der Gestank dort ist einfach unerträglich! Außerdem ist unser Haus ebenfalls schon befallen und wir werden sie einfach nicht los. Wissen Sie-“
„Vielen Dank“, unterbrach die Frauenstimme Aylas Redeschwall. Lupin verkniff sich ein Lachen. „Besucher, bitte nehmen Sie die Plaketten und befestigen Sie diese vorne an Ihren Umhängen.“
Aus dem Münzschlitz klimperten zwei quadratische Silberplaketten mit den Namen und der Aufschrift „Beschwerde über Nachbarn wegen illegaler Bundimunzucht“.
„Besucher des Ministeriums, Sie werden aufgefordert sich einer Durchsuchung zu unterziehen und Ihren Zauberstab zur Registrierung und Aufbewahrung am Sicherheitsschalter vorzulegen, der sich am Ende des Atriums befindet.“
„Ebenfalls vielen Dank“, flötete Ayla übertrieben freundlich in den Hörer. Der Boden bebte und sie glitten in die Tiefe. „Irgendwie nicht besonders schwer, hier reinzukommen.“
Lupin zuckte mit den Schultern. „Es gibt ja noch die Sicherheitskontrolle und die ist inzwischen verschärft worden. Wohl ist mir wirklich nicht, wenn ich dich gleich allein da reingehen lassen muss.“
Ayla
schwieg. Für dieses Problem hatten sie keine Lösung
gefunden und es war mehr als fraglich, ob Ayla überhaupt eine
Möglichkeit finden würde, wenigstens einige
Ministeriumsbeamte aus den wichtigen Abteilungen mit der Substanz zu
besprühen, die sich in einem ausrangierten Parfümflakon
befand. Sie wusste zwar den einen oder anderen Namen von Personen,
die sich unter dem Imperius befanden, aber sie kannte die
dazugehörigen Gesichter nicht. Sie tastete in ihrer
Umhängetasche nach dem Zerstäuber und der Plastikflasche
mit dem Rest Substanz, um ihn bei Bedarf nachzufüllen, und
hoffte, dass beides die Sicherheitskontrolle unbehelligt passieren
konnte. Ansonsten mussten sie sowieso unverrichteter Dinge wieder
verschwinden.
Nach einer langen Minute erreichten sie ihr Ziel.
„Das Zaubereiministerium wünscht Ihnen einen angenehmen
Tag!“ Die Tür der Telefonzelle öffnete sich und die
beiden betraten eine lange prachtvolle Halle mit einem spiegelblank
polierten dunklen Holzfußboden. Wortlos folgten sie dem Strom
der Hexen und Zauberer, die auf goldene Tore am Ende der Halle
zustrebten. Ein Schild mit der Aufschrift „Sicherheit“
wies ihnen den Weg zu einem mürrisch aussehenden Zauberer in
pfauenblauem Umhang, vor dessen Pult sich in gebührendem Abstand
eine kurze Schlange gebildet hatte und der nun einen nach dem anderen
abfertigte.
Ayla hielt Lupin am Ärmel zurück. Etwas
Abseits blieben sie stehen und beobachteten möglichst
unauffällig, was dort passierte. Zuerst zückte der Mann
eine lange goldene Rute, die er ein Stück von Brust und Rücken
des Besuchers entfernt herauf und heruntergleiten ließ.
„Zauberstab“,
brummte er dann und legte den jeweiligen Stab auf ein
Messinginstrument. Dann steckte er einen Abschnitt des Zettels, der
aus einem Schlitz hervorglitt sowie den Zauberstab in ein mit kleinen
Fächern übersätes Regal und händigte den anderen
Teil des Papiers dem Besitzer aus. Erst dann durfte derjenige
passieren.
Nur in einem Fall bekam ein sehr überheblich
wirkender Zauberer seinen Zauberstab zurück. Weder Ayla noch
Lupin konnten erkennen, warum das so war. Allmählich wurde die
Schlange kürzer.
„Gib mir deinen Zauberstab“, wisperte Ayla Lupin plötzlich zu. „Ich habe eine Idee.“
Irritiert sah Lupin sie an, reichte ihr jedoch verstohlen seinen Zauberstab. Noch verdutzter war er, als sie ihn bei der Hand nahm und sich mit ihm zusammen in die Schlange einreihte.
„Ich darf doch nicht da rein“, flüsterte er. „Wir machen nur unnötig auf uns aufmerksam.“
„Abwarten“, murmelte sie und trat vor, als der Mann sie heranwinkte.
Der Sicherheitszauberer fertigte Ayla mit der gleichen gelangweilten Routine ab, wie alle anderen auch.
„Aufmachen“, befahl er und deutete auf ihre Handtasche. Ungeniert angelte er den Flakon und die Flasche heraus, nachdem die goldene Rute gezuckt hatte. „Kriegen Sie nachher wieder. Magische Flüssigkeiten dürfen nicht mehr mit hineingebracht werden.“
Dann
nahm er ihr noch kommentarlos Lupins Zauberstab ab und winkte sie
schließlich durch. Ayla hatte alles mit stoischer Ruhe über
sich ergehen lassen. Nur zwei Schritte von ihm entfernt blieb sie
stehen. Schon bewegte er die goldene Rute vor Lupin auf und ab, der
sich nervös umsah. Niemand schien sich allerdings übermäßig
für die Sicherheitskontrollen zu interessieren.
Mit
widerwilligem Gesichtsausdruck runzelte der Sicherheitszauberer die
Stirn, als die goldene Rute kurz hin und her schwang. Sofort hob Ayla
ihre rechte Hand und berührte den Mann sachte am Ellbogen.
„Tut mir leid, Mr. Miller“, begann der Zauberer gerade und zog seine Brauen zusammen. „Sie sind ein-“
„Entschuldigung“, unterbrach Ayla ihn. „Ich glaube, Mr. Miller ist vollkommen in Ordnung.“
„Wie bitte?“ Irritiert wegen der Unterbrechung drehte er sich halb zu Ayla herum und begegnete ihren freundlichen braunen Augen. Zwei Sekunden verstrichen. Plötzlich blinzelte er irritiert. „Ja ... aber ...“
„Und Sie wollten Mr. Miller doch gerade seinen Zauberstab zurückgeben, nicht wahr?“, sagte Ayla leutselig. Lupin starrte sie mit offenem Mund an.
„Aber er hat mir doch gar nicht ...“, begann der Mann verwirrt.
„Doch natürlich hat er das. Den dort.“ Ayla deutete auf den Zauberstab, den sie ihm kurz zuvor gegeben hatte. „Und wo Sie gerade dabei sind: Dürfte ich vielleicht die Flasche und mein Parfüm wieder haben?“
Der Mann kratzte sich unschlüssig am Kopf. Während sie ihm fest in die Augen sah, strich sie sich mit einer merkwürdig fließenden Bewegung einige Haare aus der Stirn. Der Blick des Mannes verklärte sich. Dann reichte er ihr den Zerstäuber sowie dem überraschten Lupin den Zauberstab und betrachtete das dazugehörige Stück Papier.
„Das brauchen Sie nicht mehr“, meinte Ayla liebenswürdig. „Werfen Sie es ruhig weg. Schönen Tag noch.“
Sie zupfte an Lupins Ärmel, damit er ihr folgte. Als sie einen Blick über die Schulter zurückwarf, sah sie den Sicherheitszauberer den Kopf schütteln. Dann warf er das Papier tatsächlich in den Müll und wandte sich einer älteren Hexe zu, die gerade ankam.
Sie bogen um eine Ecke. Lupin zog Ayla beiseite.
„Wie hast du das denn jetzt angestellt?“, fragte er mit gedämpfter Stimme.
„Imperius“, murmelte Ayla mit zusammengebissenen Zähnen.
„Wie bitte?“, fuhr Lupin auf. „Du bist wohl nicht bei Trost?“
Ein paar vorübereilende Hexen sahen neugierig zu ihnen herüber.
„Oh Schatz, das tut mir echt leid“, erwiderte Ayla zerknirscht, während sie aus den Augenwinkeln die Frauen beobachtete. „Ich dachte, du freust dich, wenn ich meine Mutter für ein paar Tage einlade.“ Lupin sah sie an, als wäre sie vollkommen verrückt geworden.
Eine der Frauen stieß die andere lachend in die Seite stieß. Lupin verstand und rollte mit den Augen. Ayla hob nur eine Braue. Unauffällig gingen sie weiter.
„Ohne Zauberstab?“, flüsterte er nun zweifelnd.
„Dumbledore und Severus haben mir ein paar Tricks verraten, die im Wesentlichen auf Legilimentik beruhen, das habe ich zuerst versucht. Aber das reichte nicht. Ich habe dir doch letzte Nacht erzählt, dass mir der hier“, unauffällig nestelte sie an ihrem Armreif herum, „etwas helfen kann. Mir fiel ein, dass der Imperius viel stärker vom Willen abhängt, als von genialer Magie und da habe ich es einfach ausprobiert.“
Lupin stieß die Luft aus. „Ein Unverzeihlicher mitten im Ministerium ...“
„Nur zu deiner Beruhigung: Das war das erste Mal, dass ich einen benutzt habe“, erwiderte sie mit leichtem Sarkasmus. „Und dafür sind wir jetzt beide hier drin und du hast sogar deinen Zauberstab dabei.“
„Slytherin färbt eindeutig ab“, brummte Lupin ungewohnt zynisch.
Mit möglichst neutraler Miene wies er ihr den Weg zu den Aufzügen. Kurz bevor sie diese erreichten, blieb Lupin abermals stehen. Ayla drehte sich fragend zu ihm herum.
„Ich glaube nach wie vor, dass du kaum Chancen hast, ein paar Auroren oder Leute aus Scrimgeours Mitarbeiterstab zu erwischen“, sagte Lupin leise. „Wenn du zu lange auf dem Flur vor den Abteilungen herumlungerst, fällst du garantiert bald auf. Und ich sollte mich zumindest vor dem Aurorenbüro nicht blicken lassen, falls Kingsley dort auftaucht. Er würde sich nicht nur wundern, wie ich hier reinkomme, sondern auch wissen wollen, was ich vorhabe.“
Ayla sah ihn leicht gereizt an. „Aber eine andere Wahl haben wir nicht. Leg einfach einen Nichtbeachtungszau-“
Er unterbrach sie. „Die Zentralverwaltung!“ Er wirkte ein wenig unentschlossen und fuhr etwas zögernd fort: „Eine Art Hausmeisterdienst für das Ministerium. Die kümmern sich unter anderem um die Wetterillusion ... und helfen, falls mal einer der Meterologiezauber fehlschlägt. Arthur hat erzählt, dass das vorkommt.“
„Ja und?“, fragte Ayla argwöhnisch.
„Was wenn jemand diese Substanz in eine Flutwelle oder so was verwandeln kann?“, sinnierte Lupin. „Die Abteilung für magische Strafverfolgung befindet sich im zweiten Stock, der Zaubereiminister und sein Mitarbeiterstab ist im ersten Stock.“
Ayla hob eine Braue und ein immer breiter werdendes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Sag bloß, du willst mich dazu anstiften einen der Hausmeister unter den Imperius zu setzen und dazu zu bringen, den ersten und zweiten Stock zu überschwemmen?“
Lupin rieb sich die Nase. Dann lächelte er ansatzweise verschmitzt. „Naja, wenn wir nun schon mal hier sind ...“
Ayla stieß die Luft aus. „Aber mir erst einmal Vorhaltungen wegen des Imperius machen ... Na gut. Dann brauche ich aber deinen Zauberstab dazu, das ist sicherer.“
Unauffällig zog sie ihm den Zauberstab aus der Tasche. Dann irrten sie eine Weile durch das Ministerium, bis sie die Zentralverwaltung gefunden hatten. Dort gelang es Lupin, eine quirlige ältere Hexe namens Serena Weathered in ein Gespräch über vorgebliche Probleme mit bestimmten Wetterzaubern für die Landwirtschaft zu verwickeln.
„Wäre es nicht besser, den Dünger als Regen auf die Pflanzen zu bringen, Mr. Miller?“, schlug die Wetter-Hexe vor. „Bei einer Überflutung schwimmen Ihnen ja die ganzen Samen fort.“
„Das ist eine glänzende Idee, Mrs. Weathered“, stimmte Lupin lächelnd zu. „Vielleicht können Sie mir das demonstrieren?“
Ayla, die hinter der Frau stand, deutete unauffällig mit dem Zauberstab auf sie. „Aber natürlich!“, strahlte Mrs. Weathered sofort mit verklärtem Blick.
Geschäftig erhob sie sich und ging mit ihnen gemeinsam zu den Aufzügen. Auf dem Weg dorthin drückte Ayla der Frau die Flasche mit der Substanz in die Hand.
„Oh ja, der Dünger“, meinte die Frau und lächelte unverbindlich. „Mit dieser Menge kann man einen wunderschönen Sommerregen herstellen.“
Aylas Herz klopfte, als sie im zweiten Stock den Aufzug verließen. Lupin sah sich nervös um. Mrs. Weathered ging zielstrebig mit ihnen zusammen durch die schwere Tür und betrat das Großraumbüro der Auroren.
„Zentralverwaltung. Wetterzauber“, rief sie den neugierig zu ihr blickenden Mitarbeitern fröhlich zu.
Das Büro war höchstens zur Hälfte besetzt. Ayla und Lupin waren gleich neben der Tür stehen geblieben.
„Sehen Sie, so geht das“, plapperte Mrs. Weathered, öffnete die Flasche, murmelte einige Zaubersprüche und schwang anmutig ihren Zauberstab.
Sofort stieg die Flüssigkeit auf und bildete eine Wolke, die sich rasch ausdehnte, bis sie schließlich im gesamten Raum unter der Decke hing. Unzählige irritierte Blicke wanderten hinauf. Die Gespräche im Raum erstarben. Siedend heiß fiel Ayla etwas ein.
„Deplumis“, rief Serena Weathered da munter.
Geistesgegenwärtig zog Ayla Lupin mit sich hinaus. „Wenn das Zeug tatsächlich wirkt, kommt sie auch zu sich!“, raunte sie, während hinter ihnen schon laute Rufe und wüste Beschimpfungen erschollen.
Die Regenwolke quoll mit ihnen zusammen durch die geöffnete Tür auf den Flur und auch hier setzte sofort ein dichter Regen ein. Irritiert blieben die Menschen auf dem Flur stehen und waren allesamt Sekunden später von strömendem Regen durchnässt. Ayla drückte den Aufzugknopf. Eine Frau quiekte erschrocken, weil ihr platinblondes Haar sich im Regen mausbraun färbte, ihre Stupsnase doppelt so groß wurde und sie plötzlich so aussah, als wäre ihr figurbetontes Kleid mindestens drei Nummern zu klein. Ein Mann starrte sie mit offenem Mund an. Etliche Türen auf dem Flur flogen aufgrund des Lärms auf. Das Unwetter breitete sich unaufhaltsam aus.
„Was ist denn hier los?“ Ein Zauberer mit langen schwarzen, von grauen Strähnen durchsetzten Haaren und einem dichten Bart stand patschnass in einem Türrahmen. Seine leicht hervorquellenden Augen stierten mürrisch umher.
Eine Aufzugstür öffnete sich. Ayla und Lupin, deren Kleidung inzwischen ebenfalls tropfte, schlüpften rasch hinein. Ayla verbiss sich ein Lachen, als die Tür sich schloss und sie einen letzten Blick auf das Chaos werfen konnte.
„Fehlgeschlagener Wetterzauber“, meinte Ayla auf die interessierten Blicke der Anwesenden hin und strich sich zufrieden ihr schwarzes Haar aus der Stirn.
„Schon wieder“, knurrte ein Zauberer und verdrehte kopfschüttelnd die Augen. „Die Zentralverwaltung ist in letzter Zeit wirklich eine Katastrophe.“
Ayla nickte bemüht ernsthaft, während Lupins goldene Augen amüsiert glitzerten. Er benutzte gerade die Innenseite der Jacke, um die Brille zu trocknen. Er setzte sie wieder auf, zwinkerte ein paar Mal und steckte sie dann in die Jackentasche. Offenbar war der Zauber auf den Gläsern durch den Regen verschwunden. Der Lift hielt. „Erster Stock. Zaubereiminister!“
Als wäre nichts gewesen, betraten sie den Flur, auf dem sich das Büro des Zaubereiministers und seines Mitarbeiterstabes befand. Lupin nahm ihr seinen Zauberstab aus der Hand und sprach rasch einen Trocknungszauber über sie beide.
„Und jetzt?“, fragte Ayla und sah sich etwas ratlos um. „So einfach ist dieser Regenzauber ja nicht. Vielleicht sollten wir stattdessen wie Medizinmänner im Kreis hüpfen und-“
„Mist“, entfuhr es Lupin leise. Er ließ sie stehen, lief eilig ein paar Schritte und verschwand hinter einer Tür mit der Aufschrift ‚Zauberer’. Verdutzt blickte Ayla ihm nach.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte eine männliche Stimme hinter ihr.
Ayla fuhr herum. Ein leicht überheblich wirkender und ihr irgendwie bekannt vorkommender Zauberer sah sie aufmerksam an.
„Ich ... ähh ... ja ... ich weiß nicht so genau“, stotterte Ayla.
Sein Blick blieb an der silbernen Plakette hängen, die am Aufschlag ihrer Jacke steckte.
„Mrs. Jenkins?“, setzte er höflich nach. „Ich glaube, Sie sind im falschen Stock gelandet. Hier ist das Büro des Zaubereiministers.“
„Oh ... Entschuldigung. Ich habe ja befürchtet, dass ich mich nicht zurechtfinde“, erwiderte Ayla mit betont schüchternem Lächeln. „Wissen Sie, ich ... bin so selten in der Stadt. Wo ... muss ich denn hin, Mr. ...?“
„Weasley“, sagte der Mann in gewichtigem Tonfall. „Ich bin Assistent des Ministers.“
Er machte eine Pause und wartete offensichtlich darauf, dass sie in ehrfürchtiges Erstaunen ausbrach, was Ayla natürlich auch prompt tat. Percy Weasley war offenbar genau so, wie er von den anderen immer beschrieben worden war. Deswegen war Lupin so abrupt verschwunden. Er war Percys Lehrer gewesen und wäre garantiert von ihm erkannt worden.
„Ich denke, Sie müssen in den vierten Stock, Mrs. Jenkins“, war Percy behilflich. „Dort ist die Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe. Dort wird man Ihnen weiterhelfen können.“
„Vielen Dank für die Auskunft, Mr. Weasley“, erwiderte Ayla betont höflich. „Ich denke, jetzt verlaufe ich mich nicht noch einmal.“
Percy machte allerdings keine Anstalten, sie allein zu lassen, sondern drückte zuvorkommend auf den Knopf, um für sie einen Aufzug zu rufen. Er wartete neben ihr und deutete mit einer galanten Handbewegung in den Lift, als die Tür sich öffnete. Der schwarzhaarige Zauberer, der einen Stock tiefer so ärgerlich im Regen gestanden hatte, prallte fast mit ihr zusammen.
„Nanu, Mr. Thicknesse“, meinte Percy erstaunt beim Anblick des immer noch durchweichten Mannes. „Was ist denn mit Ihnen geschehen?“
Thicknesses argwöhnischer Blick traf Ayla, die jetzt im Aufzug stand und dessen Türen sich gerade schlossen. „Wer war die Frau da?“
Die
Tür war zu. Sie bekam Percys Antwort nicht mehr mit. Unruhig
wartete Ayla, bis sie in der Eingangshalle ankam. Sie stieg aus und
ging zügig, doch möglichst ohne Aufmerksamkeit zu erregen
hindurch. Irgendwo am Rand unweit der Kamine blieb sie stehen. Es
hatte keinen Zweck, noch einmal zurückzukehren, denn dann würde
sie auffallen. Sie konnte nur hoffen, dass Percy diesem Thicknesse
eine befriedigende Antwort gab. Wo blieb Lupin nur?
Es kam ihr
vor wie eine halbe Ewigkeit, als sie ihn endlich erblickte. Wortlos
ergriff er ihre Hand und zerrte sie in einen Kamin. Dann
disapparierte er mit ihr.
Ayla schloss die Tür ihres Elternhauses von innen und lehnte sich mit dem Rücken dagegen.
„War das jetzt ein Erfolg?“, fragte sie unentschlossen.
Lupin zuckte mit den Schultern. „Jedenfalls bin ich froh, dass wir wieder dort raus sind. Percy hätte mich fast gesehen.“
„Diesem Schwarzhaarigen – Thicknesse hat Percy ihn genannt – kam ich wohl irgendwie verdächtig vor ...“ Sie seufzte mit einem Anflug von Resignation. „Er stand ganz oben auf der Liste und ich hätte zu gerne überprüft, ob er den Imperius jetzt wirklich los ist, aber das konnte ich ohne Zauberstab nicht.“
„Er ist doch nass geworden“, meinte Lupin. „Und du hast doch auch die eine Frau gesehen, die sich verändert hat.“
„Ja schon“, räumte Ayla ein. „Aber nur weil die Veränderungszauber aufgehoben wurden, muss das nicht zwangsläufig auch für den Imperius gelten. Bei den Experimenten, die ich mit Severus gemacht habe, war das manchmal so und wir haben nicht herausgefunden, woran das lag, weil ... der Trank eben noch im Test-Stadium war.“ Sie stieß missmutig die Luft aus. „Warum habe ich bloß nicht daran gedacht, das Zeug vorher einfach auszuprobieren ... verflixt und zugenäht, das wäre doch so einfach gewesen, dann wären wir jetzt sicher ... und Scrimgeour konnten wir auch nicht mehr warnen!“
Lupin nahm sie in den Arm. „Hör auf, dir Vorwürfe zu machen, immerhin haben wir versucht, etwas zu unternehmen ... mehr war anscheinend nicht drin.“
Sie drückte sich noch einmal an ihn, dann wuschelte sie sich durch ihr Haar. „Ja, du hast Recht ... das wars dann wohl.“ Unschlüssig löste sie sich von ihm. „Aber wo wir schon mal hier sind, kann ich mir gleich noch ein passendes Kleid für die Feier heraussuchen. Und dann muss ich irgendwie das Zeug aus meinen Haaren bekommen. Das dürfte ja mit ein paar Hexereien nicht weiter schwierig sein.“
Während sie die Treppe hinauf lief, bemerkte sie nicht Lupins zweifelnden Gesichtsausdruck.
Als
sie eine Stunde später den Fuchsbau betraten, trug Ayla ein
ärmelloses, cremefarbenes Sommerkleid aus weichem, fließendem
Stoff, dessen weiter Rock ihr bis zu den Waden reichte. Eine
dunkelblaue Stola hatte sie locker auf ihren Unterarmen liegen und
zusätzlich geschickt herumgeschlungen, um so ihr Dunkles Mal zu
verdecken. Ihre Haare waren zu einem strengen Knoten zusammengesteckt
und wirkten merkwürdig dunkel.
Ihre Ankunft fiel nicht
weiter auf, denn Molly verbreitete inzwischen übermäßige
Hast, Fleurs Mutter stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch, ein
Heer von Kellnern wieselte umher und die Zwillinge, Ron und Charlie
rannten mit Sitzplänen in der Hand durch die Reihen, damit sie
die Gäste später richtig platzieren konnten. Harry hatte
sich inzwischen mithilfe einer großen Portion Vielsafttrank in
einen rothaarigen jungen Mann verwandelt, der als ‚Cousin
Barny’ an der Hochzeit teilnehmen würde.
Es würde
nicht mehr lange dauern, bis die Gäste eintrafen.
„Da vorne“, sagte Remus zu Ayla. „Er kennt sich damit bestens aus. Jedenfalls besser als wir beide.“
„Hoffentlich“, meinte Ayla. „Charlie! Warte mal!“ Sie lief auf Rons Bruder zu. „Ähm ... weißt du etwas über ... Haarwuchszauber?“
Irritiert nickte er. „Klar. Warum denn?“
„Mir ist da ein kleines Missgeschick passiert“, meinte sie und lächelte kleinlaut. „Hast du noch kurz Zeit?“
Bereitwillig folgte er ihr ins Haus, wo sie ein leeres Zimmer suchten. Sie nestelte an ihrer Frisur herum. Charlie brach in helles Gelächter aus. Ihre vollkommen ungleich langen Haare reichten ihr bis maximal knapp über die Schulter. Die Farbskala ihrer Haare reichte von ihrem natürlichen rotblond, über grünlich bis fast schwarz. Sie seufzte.
„Muggelhaarfarbe. Ich hätte nicht herumexperimentieren und dann versuchen sollen sie wieder herauszuhexen“, stellte sie trocken fest. „Am besten dürfte sein, lang nachwachsen lassen und dann die gefärbten Haare einfach abscheiden. Schneiden kann ich, aber ich kenne keine vernünftigen Haarwuchszauber, wie man unschwer erkennen kann.“
„Kein Problem“, erwiderte Charlie feixend und schwang gleich seinen Zauberstab.
Knapp fünf Minuten später trat Ayla erleichtert aus dem Haus. Ihre Haare fielen offen bis zu ihren Ellbogen. Lupin stellte sich neben sie und drehte eine schimmernde, goldblonde Haarsträhne um seine Finger.
„Viel besser“, meinte er lächelnd und drückte ihr einen verstohlenen Kuss hinter das Ohr. „Komm, wir setzen uns. Es geht bald los.“
Langsam kroch die Dämmerung an diesem lauen Hochsommerabend höher und ließ die Schatten zwischen den Häusern der großen Stadt immer länger werden. Die schäbigen Seitenstraßen dieses Stadtviertels wirkten verlassen, wie eine Geisterstadt inmitten einer hektischen Metropole. Kein Auto und erst recht kein Fußgänger verirrten sich an diesem Abend dorthin. Nur aus der Ferne drang der Verkehrslärm bis zu der Straße, auf deren mit Unrat übersäten Gehweg eine demolierte, rote Telefonzelle stand.
„Wo bleiben Thicknesse und Rutherford?“, fragte Snape an einen Mann in schwarzem Umgang gewandt. „Er wird allmählich ungeduldig.“
„Weiß ich nicht“, zischte Yaxley und bewegte unbehaglich die Schultern. „Sie müssten schon längst hier sein.“ Verstohlen zupfte er an seiner Kapuze herum.
Snape hob eine Braue und rümpfte missbilligend die Nase. Dann wandte er sich um und schritt zurück zu der dünnen Gestalt, die im Schatten einer Hauswand stand. Rings um sie herum drückten sich unzählige schwarz Vermummte herum, die allesamt zu warten schienen.
„Was schlägst du vor?“, zischte Voldemort und fixierte Snape. Er war sichtlich ungehalten über diese Verzögerung.
Bevor Snape antworten konnte, kam ein kleiner untersetzter Zauberer mit wehendem Umhang auf Yaxley zugeeilt und sprach ihn an. Voldemort hob die Hand, um Snape zurückzuhalten und wartete. Nach einem kurzen Moment kam Yaxley eilig zu Voldemort und Snape herüber.
„Mylord, Rutherford hat den Zugang für uns geöffnet. Wir können nun hinein“, erklärte er. Die Erleichterung war ihm anzuhören.
Auf Voldemorts entstellten Zügen erschien ein winziges Lächeln. „Gut“, befand er und wollte offenbar fortfahren, doch er wurde unterbrochen.
„Ich bitte um Verzeihung, Mylord. Wenn ich noch etwas einwenden dürfte?“ Snape wartete auf ein Nicken. „Vielen Dank, Mylord. Thicknesse fehlt noch immer und es ist bereits deutlich später als vereinbart.“
„Ja und?“, blaffte Yaxley. Sofort schlug er jedoch die Augen nieder, weil Voldemort ihn sogleich ansah. „Ich meine ... es ist doch ... wir kommen jetzt hinein und Rutherford ... meinte, dass Thicknesse drinnen auf uns wartet.“
„Sicher?“ Die Stimme Voldemorts war kaum zu hören. „Warum sind die beiden von den Anweisungen, die du ihnen gegeben hast, abgewichen? War es nicht so, dass beide hier sein sollten?“
Yaxley schluckte. „Thicknesse hatte den Befehl, Rutherford möglicherweise allein zu schicken ... falls es erforderlich ist ...“
Voldemort sah Snape an. „Wie ist deine Meinung?“
„Es ist durchaus möglich, dass alles nach Plan verläuft“, räumte Snape kühl ein. „Aber wenn Ihr eine Vorhut ins Ministerium schickt, bevor Ihr selbst hineingeht, Mylord, schließt Ihr alle Unwägbarkeiten aus.“
Voldemorts Augen blitzten auf, kurz ballte sich eine Hand zur Faust. Er musterte Snape, der anscheinend unbeeindruckt auf eine Antwort wartete. Dann ging er einige Schritte umher. Schließlich blieb er stehen. „Snape, du gehst mit Rutherford und einem Dutzend Leuten hinein. Du rufst mich umgehend, sobald du es für richtig hältst.“
Snape senkte den Kopf. „Selbstverständlich.“ Dann blickte er sich um und deutete auf einige Umstehende. „Ihr kommt mit mir.“
„Herr!“ Bellatrix drängte sich aus dem Schatten hervor. „Ich möchte ebenfalls mit Snape hinein.“
Voldemort musterte sie von Kopf bis Fuß. Sie lächelte ihn hingebungsvoll an. Schließlich nickte er knapp und wandte sich ab.
„Was sollte das, Snape?“, fauchte Bellatrix, nachdem sie kurz darauf neben Snape in die Eingangshalle des Ministeriums apparierte war. „Versuchst du wieder einmal den Helden zu spielen und die Lorbeeren für dich zu ernten?“
Niemand außer ihnen und ihren Begleitern war dort. Langsam gingen sie mit wachsam erhobenen Zauberstäben weiter.
Snape blieb stehen und wandte sich fast schon gelangweilt zu ihr herum. „Nein. Aber wenn es nicht sicher ist und er geht hinein, dann-“
„Verdammt, es ist aber sicher! Sieh dich doch um! Hier ist niemand. Es stehen doch wohl inzwischen genug Beamte unter dem Imperius. Es wird ein Spaziergang!“, entrüstete sich Bellatrix. „Ich glaube, du musst dich einfach nur wieder profilieren.“
Snape beugte sich ein wenig zu ihr. „Meine liebe Bella“, sagte er sanft. „Wenn er nicht der gleichen Meinung wäre wie ich, dann wären wir jetzt nicht als Vorhut unterwegs.“
„Wir rufen ihn jetzt!“ Sie wollte ihren linken Ärmel hochziehen.
Mit einem Klammergriff hinderte er sie daran. „Ich habe das Kommando, Bellatrix und wir rufen ihn nicht eher, als bis wir sämtliche Etagen kontrolliert haben“, sagte er sanft. „Du hattest schon immer die Angewohnheit gehabt, nicht ausreichend über eine Angelegenheit nachzudenken. Das war doch schon früher so.“
Sie trat ein Stück zurück und entriss ihm ihren Arm. „Hör endlich auf damit, Snape.“ Angeekelt verzog sie das Gesicht, doch beim Anblick von Snapes kaum sichtbarem Lächeln überflog ein Hauch Furcht ihre Züge. Sekunden verstrichen.
„Lass uns gehen“, erklärte Snape abrupt. „Er wartet nicht gern.“
Rutherford schritt vor den Todessers durch die Eingangshalle. Aus dem Schatten neben den Aufzügen trat Pius Thicknesse hervor und lächelte ihnen erwartungsvoll entgegen.
Ayla
stand neben Lupin im Festzelt. Möglichst unauffällig
versuchten sie schon den ganzen Abend, Harry im Auge zu behalten. Sie
hatten mit niemandem darüber geredet und unzählige Male
hatte Ayla sich bereits gefragt, ob sie wirklich das Richtige taten.
Sie wollten mit Harry zu Remus Hütte apparieren, wenn es
notwendig werden sollte. Wie Harry darauf reagieren würde,
konnte sie nicht sagen, denn die ganze Woche über war es so
unruhig im Fuchsbau gewesen, dass sie mit ihm nicht noch einmal unter
vier Augen hatte reden können, um so einschätzen zu können,
inwieweit sein Vertrauen zu ihr gewachsen war. Ayla hoffte, dass
Lupins Anwesenheit ihn wenigstens darin bestärkte ohne weitere
Fragen mit ihnen zu kommen. Erst danach konnte sie behutsam
versuchen, mit ihm zu reden.
Je später es wurde, desto
nervöser wurde sie. Der Ring half ihr im Moment auch nicht
weiter, denn sie spürte nichts. Snape kontrollierte offenbar
seine Gefühle vollständig. Aber er würde sie sicher
rechtzeitig warnen, wenn es nötig werden sollte.
Es war
Abend geworden und die Hochzeitsfeier von Bill und Fleur war in
vollem Gange. Unzählige Gäste schwirrten im Festzelt und im
Garten umher, tanzten und saßen gut gelaunt an den Tischen.
Dank der verschiedenen Artikel im Tagespropheten, die
selbstverständlich mit mehr oder weniger vorteilhaften Bildern
von ihr erschienen waren, wusste vermutlich jeder über sie
Bescheid. Viele neugierige Blicke trafen sie und gelegentlich wurde
getuschelt.
An einem der Tische saß Elphias Dodge, ein
alter Bekannter Dumbledores und Verfasser eines emotionalen Nachrufes
im Tagespropheten, und winkte heftig zu ihr herüber, als er sie
erblickte. Zusammen mit Lupin ging sie hinüber.
„Oh! Meine Liebe! Ich freue mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen!“ Überschwänglich schüttelte Elphias Dodge ihr die Hand.
„Guten Abend“, antwortete Ayla freundlich. „Sie sind Mr. Dodge, nicht wahr?“
„Sagen Sie doch Elphias zu mir, meine Liebe“, plauderte er munter drauf los. „Ich darf doch Ayla zu Ihnen sagen? Es ist kaum zu glauben, dass Albus Sie vor aller Welt verborgen hat. Nicht eine Andeutung hat er in all den Jahren fallen lassen! Das, was im Tagespropheten über Sie und Ihre Mutter stand, habe ich natürlich nicht geglaubt, aber mich würde brennend interessieren-“
„Ähm,
Elphias“, bremste Ayla den Zauberer vorsichtig und wollte sich
gerade auf einem Stuhl neben ihm niederlassen.
Doch mitten in der
Bewegung erstarrte sie. Auf der Tanzfläche landete elegant ein
silbrig schimmernder Luchs. Verblüfft hielten die Tänzer
inne. Jedes Gespräch ringsum erstarb. Lupin fasste sofort Aylas
Hand und zog sie zu sich. Beide suchten unwillkürlich mit den
Augen Harry, der keine zehn Meter von ihnen entfernt stand, und
setzten sich unauffällig in seine Richtung in Bewegung.
Derweil
starrten alle wie gebannt den Patronus an, der gleich darauf mit der
tiefen Stimme Kingsley Shacklebolts zu sprechen begann.
„Versuch einer Machtübernahme gescheitert. Alles unter Kontrolle! Melde mich später.“
Der Luchs verpuffte. Sekundenlang konnte man eine Stecknadel fallen hören, dann redeten alle gleichzeitig los. Ayla sank in Lupins Arme.
„Ich werd verrückt!“, murmelte er, während er sie fest an sich drückte. Er hob sie hoch und wirbelte sie einmal herum. Sie quiekte erschrocken. Im gleichen Moment spürte sie den schon vertrauten Schlag in ihrer linken Hand.
„Merlin sein Dank!“, seufzte sie erleichtert, als Lupin sie wieder auf die Beine stellte. Sie senkte die Stimme. „Severus ist anscheinend nichts geschehen.“
Die Musik setzte wieder ein. Aufgeregte Rufe waren aus dem gesamten Festzelt und von außerhalb zu hören. Ron und Hermine stürmten von zwei Seiten auf Harry zu und redeten auf ihn ein.
Lupin beugte sich zu Ayla. „Behalt Harry besser trotzdem noch im Auge, bis wir genau wissen, was passiert ist. Ich gehe mal zu Arthur.“
Ayla nickte und ließ sich tief aufseufzend neben Elphias nieder.
„Du-weißt-schon-wer war im Ministerium?“, fragte der völlig irritiert.
„Scheint so“, meinte Ayla. „Remus versucht gerade herauszufinden, was eigentlich passiert ist.“ Dann winkte sie einem Kellner zu und nahm sich ein Glas Orangensaft.
Elphias wollte anscheinend noch etwas sagen, wurde aber unterbrochen.
„Was regen sich denn alle so auf? Ist doch schon vorbei.“ Erstaunt sah sich Ayla nach der unbekannten Stimme um. Eine ältere Hexe, die sich auf einen Stock stützte, stand plötzlich neben ihr und musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. „Da sind Sie ja. Ich habe Sie schon die ganze Zeit beobachtet.“
„Kennen wir uns?“, fragte Ayla höflich, während sie Arthur, Bill und Lupin hinterher sah, die gemeinsam das Zelt verließen.
„Noch nicht“, meinte die Frau kurz angebunden. „Ich bin Muriel Prewett und Sie sind also angeblich die Tochter von Albus Dumbledore.“
„Ja“, antwortete Ayla einfach und bemerkte nun, wie Hermine mit Ginny wegging. Harry und Ron unterhielten sich noch immer.
Der provokative Unterton von Rons Tante Muriel war Ayla nicht entgangen. Sie hatte schon einiges über Muriel gehört und beschloss abzuwarten, bis die Ältere wieder das Wort ergriff. Es dauerte eine geraume Zeit und amüsiert stellte Ayla fest, dass Muriel wohl enttäuscht darüber war, dass Ayla auf die Anspielung gar nicht einging. Das Schweigen dehnte sich aus. Muriel fixierte sie immer noch. Mit stoischer Ruhe erwiderte Ayla den Blick, ohne etwas zu sagen.
Schließlich meinte Muriel gedehnt: „Naja, eine entfernte Ähnlichkeit kann man vielleicht doch erkennen ... und eigentlich ...“, sie beugte sich etwas zu Ayla, „hat mich ja auch gar nicht überrascht, dass Dumbledore uneheliche Kinder hat. Er war schließlich kein Chorknabe.“ Ayla biss sich verstohlen auf die Lippen, um nicht zu schmunzeln, denn sie konnte sich kaum vorstellen, dass Muriel sich über Dumbledores Privatleben ein Urteil erlauben konnte, „und wer weiß ... ob er außer Ihnen und Ihrem Bruder nicht noch mehr Kinder in die Welt gesetzt hat.“ Ayla sparte es sich ebenfalls zu erwähnen, dass Henry nur ihr Halbbruder war. Sie hatte den Eindruck, Muriel durch eine Reaktion höchstens zu weiteren Gehässigkeiten zu animieren. „Aber ... nichts gegen Sie ... Sie können ja schließlich nichts dafür, dass er sich mit einer seiner Schülerinnen eingelassen hat.“
„Also Muriel, ich bitte dich!“, fiel Elphias da lautstark ein. „Hör auf, ihm posthum solche Dinge zu unterstellen!“
Harry, der Elphias Bemerkung offensichtlich mitbekommen hatte, sah neugierig zu ihnen hinüber.
„Wieso unterstellen? War sie etwa nicht seine Schülerin?“, antwortete Muriel gelassen. Sie drehte sich um. „He! Du! Gib mir den Stuhl! Ich bin hundertundsieben!“
Ein rothaariger Weasley Cousin sprang wie von der Tarantel gestochen auf, Muriel schwang mit beachtlicher Leichtigkeit den Stuhl herum und ließ sich schnaufend darauf nieder.
„Das Verhältnis zwischen Albus und meiner Mutter begann erst nach ihrem Abschluss“, fühlte sich Ayla nun doch bemüßigt wenigstens diesen Sachverhalt klarzustellen, nahm sich aber umgehend vor, sich nicht auf irgendwelche fruchtlosen Diskussionen einzulassen.
Harry schlenderte inzwischen in ihre Richtung, während Ron offenbar keine Lust verspürte, von seiner Tante entdeckt zu werden und in eine andere Richtung verschwand.
„Das hat er natürlich behauptet“, erklärte Muriel gerade süffisant.
Ayla lächelte liebenswürdig. „Aber natürlich, was hätte ich denn von ihm denken sollen, wenn er mir gegenüber etwas anderes zugegeben hätte?“ Ihr Tonfall war sehr ironisch.
Muriel zog die Brauen zusammen. Offensichtlich hatte sie ein eifriges Dementi erwartet und schien enttäuscht darüber, dass Ayla sie stattdessen gar nicht ernst zu nehmen schien.
„Albus hat ein untadeliges Leben geführt“, empörte sich inzwischen Elphias. „Und was diese Rita Kimmkorn ihm unterstellt ist-“
„Ist was?“, fragte Muriel und schnippte mit den Fingern, um einen vorübergehenden Kellner dazu zu bewegen, ihr ein Glas Champagner zu reichen. „Er hat schon immer verstanden, ein Geheimnis um seine Person zu machen und es würde mich nicht wundern, wenn er in Wahrheit ziemlich viel Dreck am Stecken hat ... so wie sein eigener Vater.“
Elphias schnaubte empört. Ayla war versucht, Muriel zu sagen, was sie von derartigen Verleumdungen hielt, die das Niveau der Regenbogenpresse hatten. Sie riss sich jedoch zusammen.
„Sie stellen gern irgendwelche Mutmaßungen in den Raum, nicht wahr?“, fragte sie nur kühl.
Harry ließ sich am Nebentisch nieder.
„Percival Dumbledore – Ihr ... Großvater - starb in Askaban, weil er ein Jahr zuvor drei Muggel umgebracht hat“, behauptete Muriel nun genüsslich und wartete auf Aylas Reaktion.
„Ja“, antwortete diese knapp. „Ich weiß.“
Muriel wartete einige Sekunden. Ganz offensichtlich gefiel es ihr nicht, dass Ayla so passiv blieb. „Dumbledore hat Ihnen wohl nicht erzählt, dass seinem eigenen Vater sogar unterstellt wurde, durch ein schwarzmagisches Ritual seiner Tochter Ariana Zauberkräfte geben zu wollen und dies der Grund für den Mord war?“, fragte sie lauernd.
„Doch, hat er“, antwortete Ayla kurz angebunden.
„Percival und Kendra konnten es wohl nicht ertragen, dass eins ihrer Kinder ein ... Squib war.“ Muriel machte eine kunstvolle Pause, um dann betont freundlich nachzuhaken: „Ihr Bruder ist ebenfalls ein Squib oder irre ich mich?“
„Das hat doch damit gar nichts zu tun“, fuhr Elphias auf.
„Sie glauben wohl wirklich alles, was in der Zeitung steht“, stellte Ayla frostig fest und beherrschte sich weiter. „Rita Kimmkorn ist nicht gerade bekannt dafür, die Wahrheit zu schreiben, aber wenn es darum geht, eine angesehene Person zu denunzieren, vergessen die Leute das sehr gern. Hauptsache, es gibt wieder etwas, worüber man sich die Mäuler zerreißen kann.“
„Oh, für manche Dinge brauche ich die Zeitung nicht zu lesen, meine Liebe“, erwiderte Muriel gackernd und völlig unbeeindruckt von Aylas Tonfall. „Als die Dumbledores nach Percivals Inhaftierung nach Godrics Hollow zogen, war Bathilda Bagshot eine ihrer Nachbarinnen. Sie war eine sehr gute Bekannte meiner Mutter und daher weiß ich, dass Bathilda immer den Verdacht hatte, dass bei denen etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Die Dumbledores haben einige Jahre dort gelebt, aber was dann geschah ...“ Sie verzog das Gesicht geheimnisvoll.
„Jetzt ist es aber genug!“ Elphias sprang zornig auf.
Ayla legte ihm beschwichtigend eine Hand auf den Arm. „Setzen Sie sich, Elphias. Das Märchen ist wohl noch nicht zu Ende.“
Muriel kniff die Augen zusammen und fuhr boshaft fort: „Das ist kein Märchen, meine Liebe. Albus war damals schon beinahe volljährig und mit Aberforth zusammen in Hogwarts. Aber Ariana ... sie war merkwürdig ... manchmal fast beängstigend, sagte Bathilda. Eines Tages war sie tot und ihre Mutter Kendra völlig durchgedreht. Angeblich konnte niemand herausfinden, was passiert ist. Kendra starb ein paar Jahre später im St. Mungos.“
Beifall heischend sah sie Ayla an. Diese hob eine Braue und versuchte wenigstens äußerlich weiterhin den Schein völliger Gelassenheit zu wahren. „An der Wahrheit sind Sie doch gar nicht interessiert, Muriel“, stellte sie fest. „Deshalb kann ich mir den Atem sparen.“
„Als ob Sie wirklich die Wahrheit kennen würden“, schnaubte Muriel gehässig.
„Sagen wir einfach, ich glaube lieber das, was Albus mir erzählt hat“, erklärte Ayla. „Aber Sie wollen der Familie Dumbledore wohl unbedingt irgendwelche Perfiditäten unterstellen.“
„Sie müssen doch zugeben, dass es eine komische Häufung von Bezügen zu den Dunklen Künsten in Dumbledores Leben gibt“, stichelte Muriel weiter.
„Bisher haben Sie nur von seinen Eltern und seiner Schwester erzählt“, erwiderte Ayla süßlich.
Muriel sah sie ungnädig an. „Wie war das denn damals, als seine Frau starb? Diese ... wie hieß sie noch gleich ... sie war eine geborene Potter ...“ Harry wandte sich halb um, schien sich dann aber zu erinnern, dass er nicht auffallen wollte, und drehte sich rasch wieder zurück. „Sie starb doch durch irgendeinen schwarzmagischen Fluch.“
„Sie war Aurorin“, meinte Ayla trocken. „Da soll so etwas durchaus vorkommen.“
Muriel wiegte bedenklich den Kopf. „Das wurde behauptet, aber wer weiß, was wirklich dahinter steckte.“ Ayla rollte genervt mit den Augen und gab sich keine Mühe mehr, ihren Unmut zu unterdrücken. Muriel schien das überhaupt nicht zu interessieren. „Und dann die Sache mit Professor Black!“ Muriel sah Ayla beinahe schon triumphierend an. „Phineas Nigellus Black. Ehemaliger Schulleiter von Hogwarts. Er wurde ermordet und zwar von dem damaligen Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste, Professor Gavin Banwood.“
Ayla wurde hellhörig, denn bisher kannte sie die Ereignisse nur aus Dumbledores Sicht und es interessierte sie, welche Gerüchte darüber kursierten, doch sie schaffte es immerhin, ihre plötzliche Neugier hinter einer gelangweilten Miene zu verbergen.
„Und was soll Albus damit zu tun haben?“, warf Elphias ein und klang nun etwas hilflos. „Er war mit Phineas in einem Jahrgang und hatte schon lange vor seiner eigenen Tätigkeit in Hogwarts immer ein reges Interesse an der Schule.“
„Das wusste tatsächlich jeder“, winkte Muriel ab, doch dann senkte sie geheimnisvoll die Stimme und beugte sich etwas vor. „Aber fast niemand wusste, wie gut Albus Dumbledore und Professor Banwood miteinander bekannt waren.“
Ayla hatte die Arme verschränkt und sich zurückgelehnt. Sie schaffte es immer noch, einigermaßen desinteressiert zu wirken.
„Natürlich kannten sie sich“, räumte Elphias ein. „Aber was soll daran verdächtig sein?“
„Sie kannten sich nicht nur, sondern sie waren befreundet!“, erwiderte Muriel in einem Tonfall, als wäre das eine besondere Erkenntnis. Ayla war deswegen ziemlich überrascht, aber sie musste nicht nachfragen, denn Muriel fuhr unbeirrt fort: „Professor Banwood übernahm die Stelle, als ich in der sechsten Klasse war. Er war bald ebenso gefürchtet wie beliebt.“ Ihr Tonfall wurde schwärmerisch. „Er sah nämlich sehr gut aus, aber er war streng und hatte eine furchtbar spitze Zunge. Und er brachte es fertig, jemanden nur mit Worten so herunterzuputzen, dass man den Eindruck hatte, man sei vollkommen ungeeignet einen Zauberstab auch nur von Weitem anzusehen ... Und in seinem Fach war er wirklich eine Koryphäe, aber auch sehr von sich und den Dunklen Künsten eingenommen. Und irgendwann lag er wohl deswegen mit Professor Black im Streit. Nun ... jedenfalls ... als ich noch an der Schule war, kam Dumbledore gelegentlich zur Schule ... und einmal habe ich – rein zufällig natürlich – ein Gespräch zwischen ihm und Professor Banwood belauscht. Es war nichts Besonderes und ich habe vergessen, worum es dabei ging, aber die zwei kannten sich offenbar besser ... viel besser, als bekannt war. Ich habe sie noch zwei oder drei Mal zusammen gesehen und ich bin sicher, die beiden waren sehr eng miteinander befreundet. Damals habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht.“ Sie lehnte sich zurück und trank ihr Champagnerglas in einem Zug leer. „Gavin Banwood ist nach dem Mord übrigens nie gefunden worden.“
„Ich weiß nicht, was du damit andeuten willst, Muriel“, sagte Elphias nun sichtlich verstimmt.
„Andeuten?“, erwiderte Muriel süffisant. „Vielleicht nur, dass Albus Dumbledore nicht der Heilige war, den immer alle aus ihm machen wollen. Und er scheint von den Dunklen Künsten sehr fasziniert gewesen zu sein ... offenbar aus familiären Gründen ... und möglicherweise hat er dieses ... Interesse weitervererbt?“ Sie lächelte Ayla herausfordernd an.
„Wissen Sie, Muriel“, begann Ayla nun langsam. Ihre blauen Augen fixierten die Ältere und ihre Stimme klang frostig. „Albus kannte in der Tat die Dunklen Künste sehr gut. Besser sogar als die meisten Zauberer.“ Sie schob ihre Stola ein wenig zur Seite, sodass nur die am Tisch Sitzenden das Dunkle Mal sehen konnten. Elphias sah Ayla prompt mitleidig an, Muriel verzog angewidert das Gesicht. „Und wie Sie sehen, tue ich das auch. Haben Sie vielleicht einmal darüber nachgedacht, wie sinnvoll es ist das, was man bekämpfen will, auch zu kennen? Außerordentlich gut zu kennen?“ Sie nickte Elphias noch einmal zu, streifte Muriel mit einem Blick, der die Ältere unwillkürlich zurückzucken ließ. „Aber Sie werden das wohl erst dann glauben, wenn Rita Kimmkorn einen Artikel darüber verfasst. Vielleicht unterhalten wir uns dann weiter. Schönen Abend noch.“
Sie
stand auf und rauschte davon, ohne die verblüffte Muriel noch
eines Blickes zu würdigen. Elphias konnte sich offenbar ein
Schmunzeln nicht verkneifen.
Am Zelteingang prallte Ayla mit
Lupin zusammen, der gerade mit einem Glas in der Hand langsam
hineinschlenderte.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte Lupin, als er ihren missmutigen Gesichtsausdruck bemerkte.
„Diese Muriel“, brummte sie. „Sie ist über Albus hergezogen. Ich musste gehen, ansonsten hätte ich der Schnepfe noch den Hals umgedreht.“ Lupin, der sein Glas gerade angesetzt hatte, verschluckte sich an seinem Getränk und sah sie belustigt an. „Aber jetzt habe ich keine Lust mehr, mich noch weiter über sie aufzuregen. Ich erzähle es dir morgen oder irgendwann. Gibt es etwas Neues?“
Er stoppte einen Kellner und drückte ihr ein Glas Champagner in die Hand. Dann prostete er ihr zu. „Nein. Wir warten gerade auf Kingsley.“
Erstaunt deutete sie nun auf das Glas in seiner Hand. „Nanu? Ich dachte, du trinkst nicht?“
„Zur Feier des Tages“, antwortete Lupin munter und nahm einen großen Schluck.
Etwas besser gelaunt seufzte Ayla und trank ebenfalls.
„Weißt du was?“, meinte er plötzlich.
„Mhh?“, machte sie und nippte wieder an ihrem Champagner.
Übergangslos nahm er ihr das Glas ab, stellte es zusammen mit seinem auf den nächsten Tisch und schob sie rückwärts mitten auf die Tanzfläche.
„Wir haben schon seit einer Ewigkeit nicht mehr getanzt“, erklärte er und wirbelte sie herum. „Außerdem steht dir dieses griesgrämige Gesicht nicht. Du siehst viel hübscher aus, wenn du lächelst.“
Sofort zeigte Ayla ihm die Zähne. „Sag bloß, du hast dazugelernt?“, fragte sie herausfordernd und bemühte sich, nicht über seine Füße zu stolpern.
„Ich fürchte nicht“, erwiderte er gut aufgelegt.
Angestrengt versuchte er seine Beine wieder zu sortieren und dabei die anderen Tänzer nicht zu behindern.
„Du hast eindeutig einen Schwips, Remus“, säuselte sie und tippelte im Takt der Musik um ihn herum.
„Quatsch, doch nicht von den paar Schlucken“, erwiderte er, während er zu einem anderen Paar schielte, und versuchte deren Schrittfolge zu imitieren. „Ich freue mich nur darüber, dass wir Erfolg hatten.
Er fing sie ab, legte seine Arme um sie und übermütig kichernd tänzelten sie anschließend zwischen den anderen Paaren umher. Nach einigen Fehlversuchen klappte es schließlich doch einigermaßen. Als die Band eine Pause einlegte und sie applaudierten, bemerkten sie, dass Fred ihnen unauffällig zuwinkte. Sie folgten ihm hinaus vor das Zelt, wo sich etwas abseits die meisten Ordensmitglieder um Kingsley versammelt hatten. Der immer noch rothaarige Harry war auch dabei.
„Thicknesse war hellhörig geworden, als Rutherford zu ihm kam und ihm sagte, es wäre Zeit sie hereinzulassen“, erzählte Kingsley gerade. „Er hat Rutherford hingehalten und stattdessen zuverlässige Leute von den Auroren und der Magischen Strafverfolgungspatrouille geholt und den Minister benachrichtigt. Dann hat er Rutherford losgeschickt. Schließlich kamen sie.“ Kingsley wirkte etwas grimmig. „Bellatrix Lestrange war dabei und Snape.“
Harrys Gesichtszüge wurden bei der Nennung des ehemaligen Professors hart. Aylas Herz klopfte vor Aufregung. Aufgrund der Botschaft durch den Ring glaubte sie Snape in Sicherheit, aber genau wusste sie es natürlich nicht.
„Sie wurden von ungefähr einem Dutzend Todessern begleitet“, fuhr Kingsley fort. „Drei davon konnten wir ziemlich schnell eliminieren. Ich habe alles darangesetzt Snape ... diesen Dreckskerl ... in die Finger zu kriegen!“
Ayla tastete nach Lupins Hand. Er drückte sie sachte.
„Snape ist als einziger entkommen“, gab Kingsley nun resigniert zu. „Bellatrix und die anderen konnten wir festnehmen. Aber immerhin habe ich mich vorher bei ihm für Georges Verletzung revanchiert.“
Erleichterung durchströmte Ayla. Kingsley konnte Snape kaum folgenschwer erwischt haben, denn sie war sicher, dass sie das durch den Ring gespürt hätte.
„Wir sind noch rund um das Ministerium ausgeschwärmt“, berichtete Kingsley weiter. „Es gab noch ein kurzes Gefecht, aber bald sind sie verschwunden. Die Gefangenen befinden sich jetzt in den Hochsicherheitszellen im Ministerium.“
„Gab es außer den Todessern noch weitere Tote?“, fragte Arthur besorgt.
„Rutherford wurde von den Todessern gleich zu Beginn in den Rücken getroffen. Ein Unverzeihlicher“, erwiderte Kingsley angewidert. „Ansonsten gab es auf unserer Seite nur ein paar kleinere Blessuren. Aber nichts Lebensgefährliches.“
In
Aylas Inneren machte sich ein Hochgefühl breit.
Voldemorts
Vorhaben war gescheitert.
Severus befand sich in Sicherheit.
Und
Bellatrix war in der Hand des Ministeriums.
Der Abend konnte kaum
besser werden.
„Darauf sollten wir anstoßen!“, rief Bill erfreut, der mit Fleur im Arm ebenfalls zugehört hatte. Er organisierte Champagner für alle. „Zumindest heute Abend haben wir wohl unsere Ruhe! Auf Thicknesse, der uns ein wunderschönes Fest beschert hat, weil er zufällig den richtigen Riecher hatte!“ Er küsste Fleur begeistert.
„Das ist bisher noch ein absolutes Rätsel“, warf Kingsley ein. „Thicknesse hat nicht die leiseste Ahnung, warum Rutherford zu ihm gekommen ist. Rutherford selbst stand vermutlich unter dem Imperius.“ Dann zuckte er die Schultern. „In den nächsten Tagen wissen wir vielleicht mehr. Scrimgeour hat natürlich eine Untersuchung anberaumt.“
„Ach, vergessen wir das doch jetzt einfach für heute“, meinte Arthur und Molly nickte beifällig. „Ein Grund mehr zum Feiern ist immer willkommen. Zum Wohl.“
Alle hoben ihre Gläser. Ayla suchte die goldenen Augen Lupins, die Funken zu sprühen schienen, und prostete ihm zu.
„Auf uns“, formten seine Lippen tonlos, woraufhin sie eine Augenbraue hob und lächelte.
Grimmig
stapfte Voldemort im großen Saal der Festung auf und ab.
Auf
dem Boden lag Yaxley mit verzerrtem Gesicht und versuchte krampfhaft,
ein Stöhnen zu unterdrücken. Einige Stühle waren
zersplittert, ein Regal umgefallen und ein großer Haufen
Scherben lag auf dem Boden verteilt. Mehrere Dutzend Todesser standen
möglichst nahe der Wände herum. Weit weg von ihrem zornigen
Herrn. Die meisten inspizierten sehr intensiv ihre Schuhspitzen oder
irgendein Teil des zerstörten Mobiliars.
Lediglich Snape saß
äußerlich unverkrampft rechts von dem leeren, thronartigen
Stuhl, auf dessen Rückenlehne das Dunkle Mal eingebrannt war. Er
trug seinen linken Arm in einer Binde, auf seiner rechten Wange
prangte eine große, dunkelrote Schramme. Als einziger wirkte
er, als wartete er auf etwas gänzlich Unspektakuläres.
„Drei Tote aus unseren Reihen und zehn Gefangene!“, zischte Voldemort böse. Yaxley zuckte unwillkürlich zusammen, als Voldemort auf der Stelle kehrt machte. „Wie konnte Thicknesse den Imperius loswerden?“
Yaxley schloss die Augen. Offenbar erwartete er neuen Schmerz, doch nichts passierte. Er blinzelte und schien erleichtert, dass Voldemort sich nun auf seinen Stuhl zubewegte.
„Es wirft uns um Wochen zurück!“ Seine Stimme klang kalt und schneidend. Er ließ sich nieder und trommelte mit seinen Fingern auf den Tisch. „Heute können wir nichts weiter unternehmen, aber ich erwarte von jedem Einzelnen in den nächsten Tagen Vorschläge! Erstklassige Vorschläge!“
Seine beunruhigend roten Augen schienen einen nach dem anderen zu fixieren. Irgendwann blieb sein Blick an Snape hängen, der immer noch unbeeindruckt auf seinem Stuhl saß. „Natürlich sind mir auch deine Empfehlungen jederzeit willkommen, Snape.“
„Mit dem größten Vergnügen, Mylord“, erwiderte Snape und deutete ein Lächeln an.
„Nun“, erklärte Voldemort, während er den Verband an Snapes Arm musterte. „Mir scheint, als hättest du dir ein wenig Ruhe verdient. Du darfst dich zurückziehen. Ich lasse dich rufen, wenn ich dich benötige.“
„Vielen Dank, Mylord“, sagte Snape und erhob sich. Nach einer knappen Verbeugung in Voldemorts Richtung verließ er den Saal.
Er
bemerkte die Blicke, die ihn verstohlen musterten. In einigen lag
Anerkennung, in vielen jedoch unverhüllter Neid. Snape war sich
dessen vollkommen bewusst. Er musste auch weiterhin auf der Hut sein.
Als er in seinem Quartier angelangt war und die Tür sicher
hinter sich verriegelt hatte, atmete er endlich befreit auf. Er hatte
es für unmöglich gehalten, dass es Henry, Una, Ayla und
Lupin tatsächlich gelingen würde. Doch als Thicknesse nicht
auftauchte, hatte er geahnt, dass zumindest irgendetwas geschehen
war. In einem Sekundenbruchteil hatte er entschieden, dass es
trotzdem im Moment nützlicher war, seine Position weiter zu
festigen, indem er ein größeres Desaster für die
Todesser verhinderte, anstatt einen Kampf mit vielen Verlusten zu
riskieren.
Seinem momentanen Gefühl nach zu urteilen, war es
die richtige Entscheidung gewesen, denn wieder einmal war er in der
Gunst des Dunklen Lords gestiegen.
Und durch eine glückliche
Fügung war nun auch noch Bellatrix in den Händen des
Ministeriums. Auf seinen Lippen lag ein so zufriedenes Lächeln,
wie man es selten bei ihm sah. Er knöpfte sein Jackett auf,
holte sich ein Glas rubinroten Wein, streifte seine Schuhe ab und
ließ sich auf einem Sessel vor dem Kamin nieder.
Aus dem
Bücherregal winkte er ein Buch über mittelalterliche Zauber
heran. Schon seit Wochen fehlte ihm die Muße dazu, es in Ruhe
zu lesen. Entspannt lehnte er sich zurück, trank einen Schluck
Wein und genoss das Wohlgefühl, das ihn gerade durchströmte.
Er schlug das Buch auf. Wenigstens heute Abend würde er
endlich einmal an etwas anderes Denken können.
Harry
stapfte hinter Ron ins Haus und gähnte dabei herzhaft.
Mitternacht war lange vorbei und er konnte seine Augen kaum noch
aufhalten. Ein angenehmes Schweregefühl vom Butterbier war in
seinem Kopf.
Kurz nachdem Kingsleys Patronus gekommen war, hatte
Harry Voldemorts Zorn über seine Niederlage deutlich gespürt,
doch seine eigene Euphorie hatte es ihm ermöglicht, den
schwarzen Magier aus seinen Gedanken auszusperren, um den
Schilderungen von Rons Tante Muriel zu folgen. Er hatte sich nie
darüber Gedanken gemacht, dass Dumbledore natürlich au