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Anmerkungen:
Der
abschließende Teil der Trilogie um die Hüter des Lichts
erzählt nicht nur die abenteuerlichen Ereignisse Rund um den
Kampf gegen Voldemort, sondern offenbart darüberhinaus
Geheimnisse, die das weitere Leben der Protagonisten nachhaltig
beeinflussen werden.
Die Handlung verläuft nicht mehr
parallel zu HP 7, doch trotzdem entfernt sie sich nicht vollständig
von der Welt und dem Geschehen JKRs.
Inhaltsangabe:
Voldemort
ist zufrieden mit Snape, der seine Loyalität mit den Todessern
vollkommen unter Beweis gestellt hat. Der Dunkle Lord ahnt nichts,
von dem Kampf der in Snapes Inneren tobt, und baut weiter auf die
klugen Ratschläge des ehemaligen Professors. Snape indes nutzt
geschickt seinen größer werdenden Einfluss, um ein paar
Weichen zu stellen und scheut dabei auch vor drastischen Manövern
nicht zurück.
Ayla wartet in der Zwischenzeit auf ihre
Anhörung. Nur schwer kann sie in der Einsamkeit dort ihre
aufgewühlten Empfindungen über die neuesten Ereignisse
beruhigen. Doch sie muss Scrimgeour und das Ministerium unter allen
Umständen deutlich machen, auf welcher Seite sie steht. Ihre
Aussage wird zwar vom Orden unterstützt, doch das ist dem
Minister nicht genug. Daher macht sie einen gefährlichen
Vorschlag, um das Ministerium endgültig von ihrer Integrität
zu überzeugen.
Währenddessen rückt Harrys
siebzehnter Geburtstag immer näher. Nicht nur Ayla befürchtet,
dass Voldemort diesen Tag nicht ungenutzt verstreichen lassen wird,
auch der Orden ist mit einem ungewöhnlichen Plan zur Stelle, um
ihn in Sicherheit zu bringen.
Bevor Ayla sich kurz darauf endlich
mit Kingsley Shacklebolts Unterstützung ein spezielles Objekt
beschaffen kann und so Voldemorts Pläne zu durchkreuzen
versucht, steht noch ein besonderes Ereignis ins Haus: Die Hochzeit
von Bill und Fleur, bei der ein Intermezzo ungeahnte, doch offenbar
hilfreiche Folgen hat.
Ayla und Snape glauben aneinander, aber
der Kampf gegen Voldemort fordert alles und jeder Fehler kann einen
von ihnen das Leben kosten. Wird ihre Liebe diesem ungeheuren
Druck wirklich standhalten können?
Dunkelheit.
Stille.
Wie ein riesiger Spiegel wirkte die seidenglatte
Oberfläche des Sees, auf der sich das Funkeln der unzähligen
Sterne am sommerlichen Nachthimmel wiederfand. Die Luft war lau und
kein Windhauch streifte durch die Wipfel der Bäume. Selbst das
sachte Plätschern des Wassers war verstummt. Es schien, als wäre
die Zeit angehalten worden.
Lautlos glitt der schwarze Vogel
durch die Dunkelheit. Als er elegant auf einem Fenstersims landete,
war das leise Scharren seiner Krallen das einzige Geräusch. Das
Fenster lag hoch oben an einem der Türme des Schlosses und wie
alle anderen Fenster war auch dieses unbeleuchtet. Das Schloss wirkte
verlassen und leer.
Die vorsichtigen Schnabelhiebe rund um das
Fenster hörten sich an wie das leise Ticken eines Weckers. Mit
kaum hörbarem Knacken sprang es schließlich auf. Der Vogel
flatterte hinein.
Erleichtert
richtete Snape sich auf. Ein kurzer Wink seines Zauberstabes zeigte
ihm, dass es in seiner näheren Umgebung kein menschliches Leben
gab. Leise schloss er das Fenster wieder. Zögernd durchquerte er
nun den Raum. Auch wenn ihm der Raum vertraut war, so bemerkte er,
dass Minerva McGonagall bereits begonnen hatte, dem Schulleiterbüro
ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Der sonst zumeist mit
Papieren übersäte Schreibtisch, von dem Dumbledore
jederzeit zielsicher das herausfischen konnte, was er gerade
benötigte, war zum Beispiel jetzt ordentlich aufgeräumt und
außer drei akkurat aufgestellten Büchern, leerem Pergament
und einer Schreibfeder befand sich nichts darauf.
Ringsherum von
den Wänden ertönte leises Schnarchen, doch Snape hatte nur
Augen für das große Bild, welches unmittelbar hinter dem
Schreibtisch hing.
Sein Mund wurde zu einem schmalen Strich und
er schluckte hart, als er das Porträt von Albus Dumbledore
friedlich schlummern sah. Unwillig schob er sein aufkommendes
Unbehagen beiseite. Er hatte keine Zeit für Sentimentalitäten.
Er ging ein wenig näher an das Bild heran. „Professor Dumbledore?“, fragte er leise.
Keine Reaktion.
„Professor Dumbledore?“ Er sprach etwas lauter und eindringlicher.
Immer
noch nichts.
Mit einem Anflug von Ungeduld reckte Snape seinen
Arm mit dem Zauberstab und klopfte gegen den Rahmen. „Albus!
Wachen Sie endlich auf!“
„Na na, ich darf doch wohl bitten“, rief eine Stimme scharf. „Glauben Sie wirklich, dass Professor Dumbledore sich von Ihnen wecken lässt?“
„Ich muss mit ihm reden“, schnarrte Snape unfreundlich. „Und zwar jetzt.“
„Typisch! Genau wie Ihr Großvater. Ungeduldig, rücksichtslos und egozentrisch. Und auch in anderen Belangen folgen Sie geradezu mustergültig seinem Beispiel.“ Die Stimme tropfte vor Zynismus. „Ansonsten wäre Professor Dumbledore wohl kaum ... hier.“
„Hüten Sie Ihre Zunge, Professor Black!“, schnarrte Snape.
„Sie sind eben ein ... klein wenig ... hitzköpfig“, erwiderte Phineas gedehnt. „Genau wie damals bei Gavin war es natürlich keine Absicht, dass der amtierende Schulleiter etwas verfrüht seinen Platz in der Galerie eingenommen hat. Ein sehr bedauerlicher Unfall ist doch immer eine ... passende Erklärung, nicht wahr?“
„Erzählen Sie mir nicht, dass Sie nicht ganz genau wissen haben, wie es passiert ist“, knurrte Snape missmutig. „Hier bekommen Sie doch alles aus erster Hand mit!“
„Dann haben Sie Professor Dumbledore wirklich vorsätzlich umgebracht?“, erkundigte sich das Porträt mit einer Mischung aus Erstaunen und Interesse.
Mit zornig blitzenden Augen stellte Snape sich vor Phineas Nigellus und deutete mit dem Zauberstab auf ihn. Phineas lupfte süffisant die schmalen Brauen.
„Damit können Sie mir nichts mehr anhaben“, erwiderte er betont freundlich.
Mit einem unwilligen Laut wandte Snape sich ab und betrachtete mit gerunzelter Stirn das große Bild, auf dem Dumbledore gerade ein wenig die Nase kraus zog.
„Albus, ich muss Sie sprechen“, sagte Snape nachdrücklich und schien allein mit seinem stechenden Blick den alten Zauberer aufwecken zu wollen.
„Ich an seiner Stelle würde jedenfalls nicht mit meinem Mörder reden wollen“, stichelte Phineas, dem die Situation offenbar Spaß zu machen begann. „Aber Albus war schon zu Lebzeiten viel zu nachgiebig.“
„Verdammt noch mal!“, brüllte Snape. „Was glauben Sie eigentlich, warum ich hier bin? Ich brauche seine Hilfe!“
„Und warum haben Sie ihn dann umgebracht? Lebendig hätte er Ihnen vielleicht etwas mehr genützt?“, warf Phineas ein.
Ein Blitz erschütterte sein Porträt. Erschrocken blickte Phineas auf den Rahmen, der nun eine tiefe, rauchende Scharte aufwies. Als er zu einer empörten Erwiderung ansetzte, war Snapes Zauberstab unmittelbar vor seiner Nase.
„Sie haben Recht, ich kann Sie weder verletzen noch umbringen, aber ich kann dafür sorgen, dass Sie zumindest für eine Weile obdachlos werden“, zischte Snape dicht vor der Leinwand. „Und ich weiß nicht, ob die Fußböden in den anderen Porträts genau bequem genau so sind wie Ihr Sessel hier.“
Phineas schnappte nach Luft und setzte zu einer zornigen Erwiderung an, als sich ihm eine schmale Hand auf die Schulter legte.
„Hört auf zu streiten“, sagte eine weibliche Stimme mit melodischem Akzent. „Ich werde ihn wecken.“
Überrascht sah Snape der weißhaarigen, alten Frau nach, von der er lediglich wusste, dass sie eine ehemalige Schulleiterin war, deren Porträt sehr hoch oben hing. Er ignorierte einen bissigen Kommentar des Slytherins und folgte ihr sofort bis vor das Porträt Dumbledores. Phineas schnaubte noch einmal ungnädig, setzte sich auf seinen Sessel und trommelte mit den Fingern auf der Armlehne herum.
„Wer sind Sie?“, fragte Snape die ihm unbekannte Frau interessiert.
Ein paar tiefschwarze Augen sahen ihn amüsiert an. Eine Braue war dabei leicht erhoben.
„Mein Name ist Enid“, antwortete die altertümlich gekleidete Hexe. „Wir haben die gleichen Vorfahren, auch wenn ich aus einer Nebenlinie stamme. Vor sehr langer Zeit bin ich Duncan als Schulleiterin gefolgt und ich war die Erste, die den Reigen dieses illustren Kreises hier eröffnete.“ Sie deutete etwas süffisant auf die unzähligen Porträts an den Wänden. „Inzwischen habe ich ja eine Menge Gesellschaft bekommen. Manchmal bin ich mir allerdings nicht sicher, ob Duncan mit dieser Idee allen einen guten Dienst erwiesen hat.“ Ein spöttischer Seitenblick auf den schmollenden Phineas ließ Snapes Mundwinkel zucken. „Manche sind doch sehr ... eigenwillig.“
„Duncan war Schulleiter?“, hakte Snape jetzt nach. „Aber Hogwarts wurde doch erst viel später-“
Enid schnitt ihm energisch das Wort ab. „Das ist unwichtig!“ Snape wirkte jedoch, als fände er, dass das Gegenteil der Fall sei. Die Hexe fuhr jedoch bereits fort: „Nach dem Streit zwischen Godric und Salazar wurde er gebeten, das Amt kommissarisch zu übernehmen. Es wurden dann viele Jahre daraus, doch er hat darum gebeten, dass er nirgendwo Erwähnung findet. Ich habe seinem Wunsch entsprochen, als ich das Amt übernahm und seinen Namen aus allen Aufzeichnungen entfernt.“
Snapes Stirnfalte war überdeutlich zu erkennen. Er musterte die Frau eingehend, die seinen Blick mit der gleichen Intensität, jedoch eher belustigt erwiderte.
„Du kannst also davon ausgehen, dass ich gut über alles Bescheid weiß“, fuhr sie nun fort. „Vor allen Dingen weiß ich, dass du jetzt viel zu wenig Zeit hast, um mehr darüber zu hören. Deine anderen Probleme sind vordringlicher.“
Sie wandte sich zu Dumbledore. „Wach auf, Weiser Mann“, sagte sie und schüttelte ihn sanft an der Schulter.
Es
dauerte noch ein wenig, bis Dumbledore sich die Nase rieb und etwas
schwerfällig ein Auge öffnete. Sekundenlang starrte er die
weißhaarige Hexe an, die ihn mit schief gelegtem Kopf und einem
kleinen Schmunzeln betrachtete. Ein Auge immer noch geschlossen
huschte Dumbledores anderes Auge umher. Plötzlich blieb es an
Snape hängen. Er öffnete das zweite Auge und ein Lächeln
breitete sich auf seinem Gesicht aus.
Snape stand jetzt so steif,
als hätte er einen Besen verschluckt neben dem Schreibtisch.
Eine Hand lag verkrampft auf den Büchern, die andere umklammerte
seinen Zauberstab.
Dumbledore zog sich seine Brille von der Nase
und rieb sich mit Daumen und Zeigefingern ausgiebig über die
Augen. Schließlich gähnte er leise, platzierte die Brille
wieder an Ort und Stelle und erhob sich. Interessiert betrachtete er
seine Hände, die beide wieder weiß und unversehrt waren.
Dann schüttelte er Enid die Hand, zögerte einen Moment und
umarmte sie herzlich.
„Enid, ich freue mich, dich endlich leibhaftig kennenzulernen“, sagte er munter.
„Sei willkommen“, antwortete Enid und wirkte wegen der innigen Begrüßung leicht verlegen.
Nun drehte sich der alte Zauberer zu Snape herum, der jetzt wie ein Schüler wirkte, der gegen sämtliche Schulregeln verstoßen hatte und nun auf seine Bestrafung wartete. Dumbledore betrachtete ihn mit einem Blick über den Rand seiner Halbmondbrille. Seine Augen funkelten in beinahe diebischem Vergnügen, als er Snape dort so befangen stehen sah.
„Guten Abend, Severus“, begrüßte er ihn. „Wie schön, dich wiederzusehen.“
„Direktor“, begann Snape heiser. Er räusperte sich. „Ich ... es ... wie ... geht es ... Ihnen?“
„Danke“, erwiderte Dumbledore, spitzte die Lippen und dachte offenbar nach. „Ich würde sogar sagen ... ich fühle mich ... blendend.“
„Es ... es freut mich, das zu hören“, erklärte Snape steif.
Einige Sekunden verstrichen, ohne dass jemand etwas sagte.
„Es ... tut mir ... leid“, murmelte Snape plötzlich.
„Was ist los?“, fragte Dumbledore und runzelte alarmiert die Stirn. „Was ist mit Ayla? Oder ist Harry etwas zugestoßen?“
„Wie?“, fragte Snape, der ein wenig aus der Fassung geraten wirkte. „Nein ... nein. Es ist alles ... in Ordnung. Ayla ist seit Ihrer ... Beerdigung vor zwei Wochen in Askaban. Sie hat getan, was wir ... als eine Möglichkeit in Betracht gezogen haben und Scrimgeour hat sie wie befürchtet in Haft genommen ... und Potter ... ist noch bei seinen Verwandten in Sicherheit.“ Er räusperte sich noch einmal und schien sich beim Reden allmählich wieder in den Griff bekommen zu haben.
Erleichtert stieß Dumbledore die Luft aus. „Grundgütiger! Du hast mir einen gehörigen Schreck eingejagt. Ich dachte schon, es wäre irgendetwas passiert.“
Er sank wieder auf seinen Lehnstuhl. Mit einem gefälligen Blick strich er über die Armlehnen.
Jetzt hob Snape mokant eine Braue. „Nein. Keineswegs“, erklärte er langsam und mit hörbarer Ironie. „Abgesehen von der Tatsache, dass ich Sie vor drei Wochen umgebracht und mich dadurch bei dem Großteil der Zaubererschaft unbeliebt gemacht habe. Seither arbeite ich dem Dunklen Lord so gut es geht zu und demzufolge kann er nun in seinem Bestreben das Ministerium zu unterminieren große Fortschritte machen.“
Dumbledore schmunzelte. „Das war zu erwarten. Berichte mir doch bitte das, was du weißt.“
Nüchtern begann Snape, in möglichst knappen Worten die Ereignisse aus seiner Sicht wiederzugeben. Währenddessen saß Phineas mit verschränkten Armen in seinem Porträt und versuchte seine Neugier möglichst zu verbergen. Enid jedoch stand neben dem alten Magier und lauschte aufmerksam den Schilderungen Snapes.
„Henry befindet sich übrigens bei Ana“, ergänzte Enid den Bericht. „Remus Lupin hat ihn und seine Frau dort sicher untergebracht. Er macht seine Sache wirklich sehr gut und ist ein würdiger Nachfolger. Er ist klug und umsichtig.“
Snapes Stirnfalte vertiefte sich kurz bei diesem Lob.
„Wunderbar“, befand Dumbledore hingegen zufrieden. Er legte seine Fingerspitzen aneinander und spitzte die Lippen. „Ich hätte zu gerne gesehen, wie Ayla Scrimgeour überwältigt hat. Allerdings wundert es mich, dass sie ausgerechnet den Nagelfluch benutzt hat. Ungeübte Zauber funktionieren doch nicht immer auf Anhieb so, wie man sich das vorstellt. Ich hätte nicht erwartet, dass sie so waghalsig ist.“
„Für ungeübte Zauber gilt das in der Tat“, erklärte Snape trocken.
Dumbledore wirkte verblüfft, dann kicherte er. „Ich hoffe, die Übungsstunden waren nicht zu unangenehm für dich.“
„Überhaupt nicht“, knurrte Snape und konnte nicht verhindern, dass seine Wangen etwas Farbe bekamen.
Enid schmunzelte verhalten. Dumbledore rieb sich etwas zu lange über seine Nase und räusperte sich leicht. Snape verschränkte die Arme und starrte die beiden mit verkniffenem Mund an.
„Harry ... ist ... also gut bei seinen Verwandten ... angekommen“, stellte Dumbledore nun mit bemüht neutraler Stimme fest. „Dort ist er jedoch nur noch bis zu seinem siebzehnten Geburtstag in knapp vier Wochen sicher. Kennst du die Pläne, wann und wie er von dort fortgebracht werden soll?“
Snape schüttelte bedauernd den Kopf. „Der Dunkle Lord bekommt aber inzwischen viele Informationen aus dem Ministerium. Wenn ihm die genauen Modalitäten von Potters Abreise am Monatsende bekannt sind, wird der Junge in großer Gefahr sein.“
Sinnierend tippte Dumbledore sich mit dem Finger an die Lippen. „Also muss der Orden schneller sein als das Ministerium. Sie sollten Harry am Besten schon einige Tage vor seinem Geburtstag abholen. Du wirst Voldemort trotzdem das genaue Datum nennen, an dem Harry das Haus der Dursleys verlässt, denn er hält dich für gut informiert. Das wird deine Position weiter festigen. Ich hatte mir schon eine Weile Gedanken dazu gemacht, wie der Orden Harry dort herausholen kann, sofern ich selbst verhindert bin. Leider bin ich nicht mehr dazu gekommen, diese Idee jemandem zu erzählen.“ Snapes Miene wirkte unbewegt, doch seine Augen huschten unruhig umher. „Nun, ich hatte überlegt Lockvögel einzusetzen. Vielsafttrank. Ein halbes Dutzend falscher Harrys dürften für ausreichend Verwirrung sorgen. Was hältst du davon?“
Snape runzelte nachdenklich die Stirn und nickte dann zustimmend. „Ja, das könnte funktionieren.“
„Das wird Harrys Sicherheit einigermaßen gewährleisten. Aber wie kannst du nun unauffällig den Orden von dieser Idee informieren ...“ Dumbledore stand auf und schritt ein wenig in seinem Porträt umher. „Mundungus! Versuch ihn zu verwirren, das dürfte dir bei ihm nicht besonders schwer fallen.“
„Fletcher?“, meinte Snape zweifelnd. „Der Orden wird sich fragen, wie ausgerechnet er auf so eine Idee kommt.“
„Möglich, aber du wirst an niemanden sonst herankommen, ohne dich selbst in zu große Gefahr zu begeben. In einschlägigen Etablissements dürfte er unschwer ausfindig zu machen sein“, erwiderte Dumbledore. „Kingsley und Alastor werden auf alle Fälle sehr gründlich über diesen Einfall nachdenken und ihn sicher für sinnvoll erachten.“
„Was ist mit ... Lupin, anstelle von Fletcher?“, fragte Snape zögerlich. Der Gedanke schien ihm eigentlich nicht zu behagen. „Ich könnte versuchen, ihn unauffällig zu kontaktieren. Ihm würde man eher glauben.“
Dumbledore schüttelte den Kopf. „Sobald die Todesser angreifen, wird Mundungus in Verdacht geraten, den Orden verraten zu haben. Schließlich war er in der Vergangenheit schon öfter unzuverlässig. Remus ist einfach zu wichtig, als dass er damit in Zusammenhang gebracht werden darf. Außerdem solltest du abwarten, bis sich die Situation wieder etwas übersichtlicher gestaltet, bevor du mit ihm persönlich sprichst, damit ihr beide kein Risiko eingeht.“
„Gut, also Fletcher“, stimmte Snape nun missvergnügt zu.
„Ich muss sicherlich nicht extra erwähnen, dass du überzeugend sein musst, wenn du gezwungen bist, an der Jagd nach Harry teilzunehmen“, erklärte Dumbledore eindringlich.
„Natürlich werde ich das.“ Ungeduldig winkte Snape ab. „Waren Sie ... in der Höhle ... eigentlich erfolgreich?“
„Ich muss gestehen, dass ich es nicht weiß“, seufzte Dumbledore etwas kleinlaut.
Snape wirkte bestürzt. „Warum? Was ist geschehen?“
Der ehemalige Schulleiter berichtete, was an dem schicksalhaften Abend vorgefallen war. „Die Umstände dort ließen nicht mehr als einen flüchtigen Blick auf das Medaillon zu. Dem Aussehen nach zu urteilen bin ich mir nicht sicher, ob es tatsächlich das Medaillon Slytherins war. Außerdem habe ich nichts gefühlt, als ich es bei mir trug. Der Ring im letzten Jahr ... er hatte eine bösartige Aura, doch von diesem Medaillon ging rein gar nichts aus. Sicher bin ich mir allerdings nicht und ich hatte leider keine Gelegenheit mehr es zu überprüfen. Ich hoffe auf jeden Fall, dass Harry das Medaillon rechtzeitig an sich genommen hat, denn ich hatte es in meiner Tasche, als wir zurückkehrten. Weißt du etwas darüber?“
Snape schüttelte den Kopf und wanderte dann unruhig durch den Raum. Schließlich stieß er missmutig die Luft aus. „Wir sind keinen Schritt weiter als vorher!“
Dumbledore wiegte mit dem Kopf. „Warten wir ab, bis Ayla es geschafft hat, mit Harry darüber zu reden, dann sehen wir weiter. Wenn Harry den Horkrux in Händen hält, muss er auf alle Fälle das Schwert bekommen, um ihn zu zerstören.“
Snapes Blick fiel auf die leere Vitrine. „Aber es ist nicht mehr da!“
Dumbledore zuckte mit den Schultern. „Dort in der Vitrine befand sich nur eine sehr gelungene Kopie. Ich nehme an, das Ministerium hat es zwecks einer genauen Überprüfung an sich genommen, denn ich habe es in meinem Testament Harry zugesprochen.“
Snape rümpfte ein wenig die Nase. „Es ist Gryffindors Schwert. Sie können es nicht vererben. Es gehört der Schule.“
Dumbledore lachte leise. „Nein, eigentlich gehört es niemandem. Es hilft einem echten Gryffindor, wenn er in großer Not ist. Ich habe es nur deswegen in mein Testament aufgenommen, um Harrys Augenmerk darauf zu richten, nicht weil ich damit gerechnet habe, dass es ihm wirklich ausgehändigt wird. Wenn er nicht von allein darauf kommt, wozu sie es benötigen, dann wird vielleicht Hermine Granger die richtigen Schlüsse ziehen. Ihr fallen im Allgemeinen solche Hinweise auf.“ Snape gab einen Ton von sich, den man mit ein wenig Wohlwollen als Zustimmung werten konnte. „Das Original befindet sich in meinen verborgenen Räumen. Ayla kann sich darum kümmern, wenn sie wieder aus Askaban zurück ist. Weißt du eigentlich etwas von ihr?“
Snape schüttelte den Kopf. „Nichts Genaues, nur dass sie offenbar noch nicht verhört wurde. Der Dunkle Lord ist noch auf der Suche nach einem geeigneten Weg, um die Gefangenen aus Askaban herauszuholen. Doch es ist derzeit so gut geschützt, dass es keine Möglichkeit gibt, dort einzudringen. Insofern ist Ayla dort im Moment sicher.“
„Glaubst du, er wird etwas unternehmen, wenn du ihm die eindeutige Bestätigung bringst, dass er tatsächlich mit ihrer Hilfe nach Hogwarts gelangen kann?“, fragte Dumbledore.
Snape nickte. „Er redet im Moment davon, die Gefangenen auf dem Transportweg abzupassen. Wenn sein Einfluss weiter so wächst, wird er sicher schon bald die Möglichkeit haben, bestimmte Gefangene zu angeblichen Verhören ins Ministerium bringen zu lassen. Ayla wird dann unter den Ersten sein, denn er will sie auf jeden Fall in seiner Nähe haben. Ich gehe sogar davon aus, dass er sofort einen Versuch unternehmen wird, wenn ich ihm ein entsprechendes Beweisstück bringen kann. Er wird kein Risiko deswegen eingehen.“
Erfreut hob Dumbledore die Brauen. „Das ist ja wunderbar!“ Snape sah ihn konsterniert an. „Wenn er so darauf erpicht ist, den Bann zu brechen, dann kann das nur eines bedeuten: Einer seiner Horkruxe befindet sich in Hogwarts und er will dessen Zerstörung keinesfalls riskieren. Nun, du musst ihn noch etwas hinhalten und ihm die Bestätigung erst bringen, sobald Ayla nicht mehr in Askaban ist. Sie sollte ausreichend Gelegenheit bekommen, Harry davon zu überzeugen, dass sie auf seiner Seite ist. Aber spätestens wenn er die Kontrolle über das Ministerium erlangt hat, sorgst du dafür, dass Ayla gefasst wird, damit-“
„Wie bitte?“, fuhr Snape entsetzt auf. „Sie ... Sie wollen, dass ich ihm Ayla ausliefere? Das können Sie nicht ernst meinen!“
„Es ist mein völliger Ernst, Severus“, entgegnete Dumbledore ruhig. Seine himmelblauen Augen hatten einen ungewohnt harten Ausdruck. „Ayla sollte allerdings nichts von diesem Plan erfahren.“
„Ich werde Ayla nicht so hintergehen!“, erwiderte Snape eisig. „Sie tut alles dafür, um Hogwarts zu schützen und ich soll sie täuschen, damit sie in seine Hände fällt? Niemals!“
Phineas hatte sich nun doch etwas vorgebeugt, um sich auch ja kein Wort entgehen zu lassen. Enid wirkte unentschlossen, was sie davon halten sollte. Dumbledore erwiderte derweil mit stoischer Ruhe den zornigen Blick aus den tiefschwarzen Augen des ehemaligen Lehrers für Verteidigung gegen die Dunklen Künste.
„Machen
wir uns nichts vor, Severus. Du weißt inzwischen genauso gut
wie ich, dass die Machtübernahme Voldemorts nicht mehr
aufzuhalten ist. Es ist nur noch eine Frage der Zeit.“ Snapes
Miene war sturmumwölkt, doch er nickte ruckartig. „Aber er
wird sich nicht damit zufriedengeben, die Erwachsenen zu
beeinflussen. Er wird bei denen ansetzen, die am leichtesten zu
manipulieren sind und das sind die Kinder. Er wird das Kollegium
umbesetzen, sodass er die Denkweise der Schüler in die Richtung
lenken kann, die ihm gefällt: Die Fächer Verteidigung gegen
die Dunklen Künste und Muggelkunde werden ganz sicher von seinen
bizarren Ideen durchdrungen sein.
Du hast ihm bereits gute
Dienste geleistet, sodass er dir kaum die Bitte abschlagen wird,
Schulleiter zu werden. Dadurch bist du in der Lage, die Schüler
vor dem Schlimmsten zu bewahren, gleichzeitig deine Rolle
weiterzuspielen und trotzdem nicht ständig in seiner
unmittelbaren Nähe zu sein. Das gibt dir mehr Bewegungsfreiheit.
Außerdem müssen wir ihn in Sicherheit wiegen, denn er
ist sehr von sich eingenommen und nur wenn er glaubt, die alleinige
Macht innezuhaben, wird er möglicherweise leichtsinnig und wir
bekommen dadurch neue Angriffspunkte.“
Widerwillig gab Snape einen zustimmenden Laut von sich, dann schritt er wortlos durch den Raum. Eine Weile herrschte drückendes Schweigen.
„Sie hätten das schon früher erwähnen müssen. Diese Erkenntnis ist doch nicht neu für Sie.“ Snape gab sich keine Mühe, den Vorwurf aus seiner Stimme herauszuhalten.
„Das ist richtig“, gab Dumbledore zu.
„Sie wollen Ayla schon wieder außen vor lassen!“ Snape war die Verstimmung anzumerken. „Sie haben sie auch an dem Abend ... als Sie ... in der Höhle waren, absichtlich aus Hogwarts fortgeschickt.“
„Ja, so ist es.“ Er hob beschwichtigend die Hände, weil Snape offensichtlich zu einer scharfen Erwiderung ansetzte. „Hör mir zu, Severus. Ich weiß, dass Ayla in den letzten Monaten viel dazugelernt hat. Ich habe sie sehr genau beobachtet. Doch sie ist in manchen Belangen nach wie vor unerfahren und immer noch zu ungeduldig. Sie will nach Möglichkeit den kürzesten Weg zum Ziel nehmen, koste es, was es wolle. Ihr fällt es schwer, Niederlagen in Kauf zu nehmen und sich unterzuordnen, wenn sie anderer Meinung ist, auch wenn ihr Gegenüber eindeutig erfahrener ist. Du weißt, wie stur und eigensinnig sie in der Vergangenheit manchmal war.“
Snape blitzte den alten Zauberer an. „Solches Gebaren sollte Ihnen eigentlich bekannt vorkommen“, knurrte er sarkastisch.
Dumbledore kicherte verhalten. „In der Tat neigen Kinder dazu, durch ihr Verhalten ihre Eltern an die eigenen unerquicklichen Eigenschaften zu erinnern.“
„Ich werde Ayla erklären, dass es notwendig ist“, befand Snape jetzt nachdrücklich. „Sie wird es einsehen, denn sie hat bereits mehrfach bewiesen, dass sie dazu in der Lage ist!“
Dumbledore antwortete nicht sofort. „Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass sie diese Schlussfolgerungen nachvollziehen kann, Severus, aber bist du dir ganz sicher, dass sie genauso handeln wird, wie es notwendig ist und am Ende nicht doch auf eigene Faust einen anderen Weg suchen wird? Vergiss nicht, dass sie möglicherweise auf sich allein gestellt sein wird, wenn es darauf ankommt. Wenn du es ihr wirklich sagen willst, dann wähle den Moment dazu sorgfältig aus.“
Snape wirkte plötzlich sehr unbehaglich. Er wusste genau, was Dumbledore damit meinte. Schließlich hatte er vor zwei Monaten Ayla aus den ähnlichen Beweggründen ahnungslos zu Voldemort geschickt.
„Ich werde darüber nachdenken“, räumte er jedoch nur ein.
Dumbledore betrachtete ihn über den Rand seiner Brille. Er schien etwas ergänzen zu wollen, doch dann nickte er nur. „Ja, tu das. Ich verlasse mich auf dich.“ Sekundenlang sagte niemand etwas. Dann erhob Dumbledore sich wieder. „Zunächst solltest du aber dafür sorgen, dass Voldemort zu einem passenden Zeitpunkt den Beweis erhält, dass Ayla für ihn der Schlüssel ist. Wie du weißt, notiert die Feder die Geburt jedes magischen Kindes in diesem Land. Insofern die Eltern als Hexe oder Zauberer beim Ministerium registriert sind und dem nicht ausdrücklich widersprochen haben, werden diese ebenfalls auf der Geburtsurkunde vermerkt. Es hätte wohl zu sehr unwillkommenen Gerüchten geführt, wenn ich einen solchen – selbstverständlich streng vertraulichen und daher bald allgemein bekannten - Antrag eingereicht hätte, daher habe ich es vorsichtshalber unterlassen.“
„Dann befindet sich die Urkunde im Ministerium?“, wollte Snape wissen und schien von dieser Aussicht wenig begeistert.
Dumbledore schüttelte jedoch den Kopf. „Nein. Jedes Jahr in den Sommerferien haben Minerva oder ich in der Magischen Meldestelle eine Liste der Kinder abgeholt, denen im Laufe des darauf folgenden Schuljahres an ihrem elften Geburtstag eine Benachrichtigung über ihren Platz in Hogwarts zugestellt werden sollte. In dem Sommer als Ayla geboren wurde, habe ich bei dieser Gelegenheit die originale Geburtsurkunde an mich genommen und durch eine Kopie ersetzt. Es war mir zu riskant, meinen Namen schwarz auf weiß mit ihr in Verbindung zu sehen.“
„Wo ist das Original jetzt?“, fragte Snape nun.
„Dort, wo sie wahrscheinlich niemand vermutet“, schmunzelte Dumbledore. „Denn auch wenn sie niemals wieder benötigt werden, archivieren wir in Hogwarts selbstverständlich alle Jahrgangslisten. Aylas Geburtsurkunde befindet sich bei der Liste meines eigenen Einschulungsjahrgangs aus dem Jahre 1858. Gut verborgen unter einer zentimeterdicken Staubschicht.“
„Wobei ich bis heute nicht verstehe, was du eigentlich auf dieser Liste zu suchen hattest“, näselte Phineas dazwischen. „Du wärest doch erst ein Jahr später dran gewesen!“
„Ich wurde noch im September elf. Meine Eltern fanden es passend, mich schon zu diesem Zeitpunkt nach Hogwarts zu schicken und haben deshalb die Ausnahmegenehmigung erwirkt“, erklärte Dumbledore. Spöttisch setzte er nach: „Im Gegensatz zu deinen Eltern ein Jahr zuvor, die dich offenbar noch zu unreif hielten, dich bereits kurz vor deinem elften Geburtstag mit höherer Magie in Berührung kommen zu lassen.“
Phineas schnaubte empört. „Wenn sie nur geahnt hätten, was ihrem Sohn dadurch erspart geblieben wäre!“
„Und mir erst“, erwiderte Dumbledore gelassen. „Aber es scheint unser Schicksal zu sein, Phineas, dass sich unsere Wege seither immer wieder kreuzten. Und hier werden wir nun wohl eine ganze Weile miteinander ausharren müssen.“
„Eine Ewigkeit!“, fauchte Phineas.
Abrupt erhob er sich, warf Dumbledore einen gereizten Blick zu und verließ mit gerecktem Kinn sein Porträt. Enid lachte leise und sogar Snapes Mundwinkel zuckten.
„Ich denke, du solltest zum Archiv gehen, bevor du dich auf den Rückweg machst. Außer Filch dürfte sich im Moment niemand in der Schule befinden ... obwohl ...“ Dumbledore musterte Snape kurz und wandte sich dann an die weißhaarige Hexe. „Enid, würdest du bitte nachsehen, ob der Weg ins Archiv wirklich sicher ist?“
„Natürlich“, antwortete diese. „Ich bin gleich zurück.“
Sie eilte fort. Snape wirkte leicht indigniert.
„Ich halte mich für durchaus in der Lage, ungesehen ins Archiv zu gelangen, selbst wenn sich irgendwer außer dem Hausmeister in der Schule aufhielte.“
Dumbledore ignorierte seinen Einwand und blickte Enid aufmerksam hinterher. Schließlich winkte er Snape näher heran.
„Ist wirklich alles in Ordnung, Severus?“ Die hellblauen Augen Dumbledores schienen ihn zu durchleuchten. „Du wirkst besorgt.“
„Es ist im Moment ... eine überaus ... eine brisante Situation“, räumte Snape zögernd ein.
Dumbledore zog seine Brille herunter und rieb sich über die Augen. „Nimm mir meine Direktheit nicht übel, aber wir haben keine Zeit um den heißen Brei herumzureden und dich beschäftigt noch irgendetwas. Was ist es?“
Snape drehte sich zum Schreibtisch und spielte mit einer Schreibfeder. Er schien mit sich zu ringen. Schließlich wandte er sich Dumbledore zu, der ruhig abwartete.
„Erinnern Sie sich noch an Charity Burbage?“
Dumbledore wirkte überrascht. „Natürlich. Sie war in der sechsten Klasse in Ravenclaw, als du hier begonnen hast zu unterrichten und darüber hinaus eine deiner begabtesten Schülerinnen. Wenn ... ich mich Recht entsinne, hast du ihr nach ihrem Abschluss dabei geholfen, eine Stelle als Zaubertranklehrling zu finden. Und ich vermute ihr wart später nicht nur ... befreundet?“
Snape nickte knapp. Sein Mund war schmal.
„Soviel ich weiß, habt ihr euch getrennt, als sie vorgezogen hat, in Beauxbaton Muggelkunde zu unterrichten, anstatt ihr Talent bezüglich der Zaubertränke weiter zu nutzen.“
Snape funkelte ihn ungehalten an. „Nein! Das hatte damit nichts zu tun“, schnappte er. „Und darum geht es jetzt auch gar nicht.“
„Oh. Verzeihung. Worum geht es dann?“, erkundigte sich Dumbledore.
„Wie Sie sich vermutlich auch noch bestens erinnern“, begann Snape leicht gereizt, „war Miss Burbage schon während ihrer Schulzeit hier sehr engagiert im Bereich Muggelrechte. Nachdem sie in Beauxbaton angefangen hatte, machte sie sich in diesem Bereich einen Namen und ist in gewissen ... Kreisen bereits häufiger mit ihrer Meinung angeeckt. Ihre derzeitigen Artikel im Tagespropheten sind ausgesprochen provokant und dem Dunklen Lord ein großer Dorn im Auge.“
Dumbledore verzog das Gesicht. „Ja, ich kenne Charitys Veröffentlichungen aus den vergangenen Jahren recht gut. Hast du versucht ihr nahezulegen, sich mit solchen Äußerungen derzeit lieber zurückzuhalten oder sie zumindest unter falschem Namen zu veröffentlichen?“
Snape nickte. Dann rieb er sich über das Gesicht. „Ja. Natürlich ohne mich zu erkennen zu geben. Ich habe immerhin seit dreizehn Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr. Sie ... hat es anscheinend nicht ernst genommen und schreibt weiter.“
Dumbledore strich sich sinnierend über den Bart. „Informiere stattdessen Septima Vektor darüber, dass Voldemort es auf Muggelkundelehrer abgesehen hat, und weise sie darauf hin, dass dieses Fach auch an anderen Schulen unterrichtet wird. Sie wird ganz sicher mit dem nötigen Nachdruck dafür sorgen, dass Peter sich nicht in Gefahr begibt und ich gehe davon aus, dass die beiden sich daraufhin mit anderen Muggelkundelehrern in Verbindung setzen. Auf diesem Weg stehen die Chancen gut, dass Charity die Gegebenheiten ernst nimmt.“ Dumbledore musterte Snape, bevor er hinzufügte: „Es freut mich zu hören, dass sie dir nicht egal ist, obwohl du dich damals mit ihr entzweit hast.“
Snape zuckte abweisend mit den Schultern. „Es ist lange her“, meinte er unbestimmt.
Er wollte noch etwas hinzufügen, doch in diesem Moment kehrte Enid zurück.
„Der Weg ist sicher.“
„Vielen Dank für Ihre Hilfe, Direktor“, sagte Snape in neutralem Tonfall. „Soweit es mir möglich ist, halte ich Sie auf dem Laufenden.“
„Ja, das wäre gut“, erwiderte Dumbledore.
Snape verabschiedete sich mit einem Kopfnicken von den beiden und verließ den Raum durch den gewöhnlichen Eingang. Dumbledore blickte ihm besorgt hinterher.
„Du willst immer noch alle Fäden in der Hand halten, Weiser Mann“, befand Enid. „Aber das wird dir nun nicht mehr gelingen.“
Dumbledore seufzte schwer. „Ich fürchte fast, du hast Recht, meine Liebe. Aber lassen wir doch jetzt die Förmlichkeiten. Ich heiße Albus.“ Er nahm die Hand der überraschten Enid, hakte sie sich unter und tätschelte sie. „Und nun werden wir zusammen einen Streifzug durch die Schule unternehmen. Diese Perspektive ist außerordentlich interessant und ich hatte eigentlich schon immer das Gefühl, dass ich noch nicht alle Bilder kenne, die hier in der Schule hängen. Es wird dringend Zeit, dass sich das ändert.“
Das Schicksal mischt die Karten, und wir spielen
(A. Schopenhauer)
„Bei Merlins geflickten Unterhosen!“
„Molly!“ Arthur Weasley klang mehr belustigt als empört über diesen ungewöhnlichen Ausbruch seiner Frau.
„Dieses Weibsbild! Wie kann sie nur so etwas von Albus behaupten!“ Wütend schlenkerte Molly mit dem Zauberstab, woraufhin sich das Geschirr scheppernd auf dem Tisch verteilte. „Das kann nicht ... Nein! Nie! Im! Leben! So etwas ... so etwas ... hätte Albus nie ... niemals getan! Unerhört ... diese ... diese ...“
Kingsley Shaklebolt hinderte eine Tasse daran, über den Rand des Tisches hinauszuschießen. Vorsichtig stellte er sie ab und bemerkte dann: „Zugegeben, es erscheint recht grotesk, aber-“
„Nein!“ Molly stellte die Teekanne und die Zuckerdose mit einem Knall auf den Tisch. „Ich glaube vieles, aber das geht entschieden zu weit!“
Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen und sah herausfordernd in die Runde. Arthur begann sofort hingebungsvoll die Tassen mit Tee zu füllen. Kingsley zuckte mit den Schultern und antwortete vorsichtshalber nicht. Nur Lupin lehnte sich zurück und wirkte etwas unbeteiligt. Es klopfte lautstark an der Eingangstür. Arthur erhob sich und prallte im Hausflur mit Ron, Hermine und Ginny zusammen, die alle auf dem Weg ins Wohnzimmer waren.
Während Arthur die Eingangstür öffnete, rief er den Dreien zu: „Nichts da! Wir haben schon darüber gesprochen, dass wir euch erst später dazuholen! Also verschwindet solange wieder nach oben.“
„Dad!“, beschwerte sich Ron. „Wir sind volljährig! Und wenn wir im Orden ...“
Minerva McGonagall betrat den Hausflur, grüßte kurz und ging dann zielstrebig zum Wohnzimmer.
„Irrtum, mein Sohn. Nicht alle sind das“, erwiderte Arthur und deutete auf Ginny, die sofort schmollend das Gesicht verzog. „Außerdem kommen Bill, Fleur und die anderen auch erst später. Wir rufen euch schon, wenn es für euch interessant wird! Zumindest die Volljährigen.“
„Ihr seid so zum Kotzen“, fauchte Ginny und bedachte ihren Vater mit einem Blick, der dem der wütenden Molly in nichts nachstand.
Während Arthur sie nur milde strafend ansah, aber mit einer deutlichen Geste die Treppe hinauf deutete, ertönte von draußen noch eine Stimme.
„Hey!
Warte, Arthur!“ Moody humpelte nun ebenfalls herein.
Die
Drei verschwanden inzwischen mit lautem Gepolter und unter weiterem
Protest nach oben. Eine Tür knallte.
„Die war zu“, erklärte Moody trocken. „Ist das junge Gemüse etwa nicht einverstanden, wenn es nicht zu allem seinen Senf dazu geben darf?“
„So ähnlich“, seufzte Arthur.
Als die Männer ins Wohnzimmer kamen, saß Molly mit verkniffenem Mund am Tisch und trommelte ungeduldig mit den Fingern.
„Was ist denn mit dir los, Molly?“, fragte Moody belustigt, während er sich mit einem Schnaufen neben McGonagall setzte. Mollys Miene wirkte wie eine drohende Gewitterwolke.
Erbost sprang sie auf, holte die aktuelle Ausgabe des Tagespropheten und schleuderte sie auf den Tisch. „Das ist los! Dieses unmögliche Frauenzimmer! Das ist wirklich die Höhe!“
Albus Dumbledore – moralisches Vorbild oder rücksichtsloser Egoist?
Ein Bericht von Rita Kimmkorn
Es
ist nun bereits vier Wochen her, dass der von Vielen hoch geschätzte
Schulleiter der Hogwartsschule für Hexerei und Zauberei, Träger
des Merlinordens Erster Klasse und Inhaber von zahlreichen
angesehenen Ämtern, Albus Dumbledore, unter sehr mysteriösen
Umständen sein Leben verlor. Bisher wurde vom
Zaubereiministerium immer noch keine offizielle Erklärung hierzu
abgegeben, doch maßgeblichen Gerüchten zufolge wurde er
ermordet.
Im Anschluss an die Feierlichkeiten zu seiner
Beerdigung kam es – wie bereits in einer früheren Ausgabe
berichtet – zu einem Aufsehen erregenden Zwischenfall durch
eine junge Lehrerin namens Ayla McLellan. Seit ihrem heimtückischen
Überfall auf den Zaubereiminister wird sie in Askaban
festgehalten.
Miss McLellan ist die Verlobte des Mannes, der
verdächtigt wird, den Schulleiter Albus Dumbledore umgebracht zu
haben. Professor Severus Snape, ehemaliger Todesser und Protegé
des Ermordeten, ist seit der Tatnacht spurlos verschwunden.
Die
plötzliche Verlobung der beiden sorgte am Jahresanfang für
großes Erstaunen, zumal Miss McLellan und der als Einzelgänger
bekannte Severus Snape sich angeblich erst seit Beginn des
Schuljahres kannten.
Bei meinen Recherchen zu dieser
Angelegenheit stieß ich auf Sachverhalte, bei denen sich mir
die Frage aufdrängte, ob diese seltsamen Zusammenhänge
wirklich nur Zufall waren.
Haben wir den beliebten Schulleiter
vielleicht vollkommen falsch eingeschätzt?
War er Urheber
skandalöser Machenschaften?
Hat er das Leben von
Unschuldigen – magischer und nicht magischer Personen –
in unbeschreiblicher Weise in Mitleidenschaft gezogen, nur um seine
persönlichen Ziele, die vorgeblich dem Wohl der Zaubererwelt
dienen sollen, kompromisslos und radikal zu erreichen?
Und waren
seine moralischen Reden über Tugend und Anstand am Ende doch nur
Lug und Trug?
Albus Dumbledore, der Inbegriff der Integrität,
der Verfechter der Rechte und der Gleichstellung von Muggeln!
Rücksichtslos nutzte er vor über fünfunddreißig
Jahren die Hilflosigkeit einer jungen Frau aus, die sich durch den
Verlust ihrer Eltern in einer seelischen Ausnahmesituation befand und
die unmittelbar zuvor noch Schülerin seiner Schule gewesen war.
Mit ihr zusammen hatte er meinen Nachforschungen zufolge zwei
Kinder, deren Existenz er bis heute vor der gesamten Zaubererschaft
geheim hielt. Auf seinen eigenen Vorteil bedacht, zwang er zuvor die
junge Frau zur Ehe mit einem ahnungslosen Muggel und veranlasste sie
wahrscheinlich mit dubiosen Methoden dazu, diesem Mann die Kinder
unterzuschieben.
Als ob all dies nicht schon empörend genug
wäre, scheint Dumbledore auch nicht unschuldig am Tod der Mutter
seiner Kinder und ebenjenes Muggels gewesen zu sein, bei dem seine
Kinder ein liebevolles Zuhause fanden. Eine junge Muggelfrau, die mit
Dumbledores Sohn verheiratet war, kam ebenfalls ums Leben.
Haben
die Muggel etwas von den Ränkespielen Dumbledores gewusst?
Verbarg er seinen Sohn vor den Augen der Zaubererwelt, weil er
ein Squib ist?
Wieso holte er seine Tochter nach Hogwarts und
unterstützte ihre fragwürdige Beziehung zu Severus Snape?
Woran starb deren gemeinsames, ungeborenes Kind wirklich?
Welche
empörenden Perfiditäten trieb Dumbledore zum angeblichen
Wohle der Allgemeinheit noch?
Mit diesen und weiteren Fragen
beschäftigt sich eine Serie, die in wöchentlicher Folge
mehr vom Leben Albus Dumbledores enthüllt. Nicht nur seine
familiäre Situation verspricht ungeheuerliche Enthüllungen,
sondern auch andere Punkte in seinem vorgeblich tadellosen Leben ...
(Fortsetzung auf Seite 4)
„Ja, ich habe ihr Geschreibsel auch gelesen“, erklärte Moody gelassen.
McGonagall rümpfte die Nase. „Diese Frau ist immer auf der Suche nach einem Skandal. Mich würde allmählich brennend interessieren, woher sie eigentlich immer ihre Informationen bezieht.“
„Wie kann sie Albus’ Andenken nur so in den Schmutz ziehen!“, schnaubte Molly. „Als ob Albus sich jemals mit einem so jungen Ding eingelassen hätte ... und dann auch noch Kinder! ... Diese ... diese unglaublichen Andeutungen ... Und Mord! Also wirklich. Arthur! Nun sag du doch etwas dazu!“
„Ähm ja, Molly ... ich glaube auch ...“, begann Arthur, doch er wurde gleich unterbrochen.
„Diese Kimmkorn mag einiges nach ihrem Gutdünken ausgelegt haben, aber sie trifft zumindest den Kern der Sache“, erklärte Moody.
„Alastor!“ Empört schnappte Molly nach Luft und wedelte aufgebracht mit ihrem Zauberstab herum. Eine Blumenvase explodierte.
„Steck das Ding lieber weg, Molly und beruhige dich“, bekräftigte Moody, während er seinen Flachmann aus dem Umhang hervorzog und sich davon etwas in eine Tasse goss. „Ayla ist Albus’ Tochter und sie ist mit diesem Muggel als Vater aufgewachsen. Liz – ihre Mutter - nun sie war tatsächlich ziemlich jung, aber ... wie sagt man so schön: Wo die Liebe hinfällt.“ Er lachte leise.
„Wie bitte?“, fragte Molly völlig verblüfft. „Er ... du ... wie ... kannst du ...?“
„Albus hat es mir vor ein paar Monaten selbst erzählt“, erklärte Moody. „Ich habe Liz vor vielen Jahren kennengelernt. Und ich kann Albus wirklich verstehen, denn sie war eine sehr faszinierende Frau. Damals wusste ich zwar nichts davon, dass die beiden ein Paar waren, aber es war kaum zu übersehen, wie sehr sie aneinander hingen. Deswegen hat mich sein Geständnis eigentlich gar nicht mehr überrascht. Er war schließlich auch nur ein Mann, Molly, und die angenehmen Seiten des Lebens wusste er durchaus zu schätzen.“
Molly öffnete den Mund, um noch mehr zu sagen. Dann schloss sie ihn wieder, nahm die Teekanne und schüttete einen Teil des Tees neben ihre Tasse. Arthur stieß lang die Luft zwischen den geschlossenen Lippen aus.
„Liz war in der vierten Klasse, als ich in Hogwarts zu unterrichten begann“, meldete sich da McGonagall zu Wort. „Ich ... kannte die Familie Shepherd schon länger, weil sie nicht weit von mir entfernt wohnten, und wusste daher als eine der wenigen, dass Albus schon immer einen sehr engen Kontakt zu ihnen hatte ... Zu Beginn der Sommerferien kurz nach Liz’ UTZ wurden ihre Eltern ermordet. Liz verschwand für lange Zeit und ... ich ... ich bin mir sicher, dass Albus dafür gesorgt hat. Einige Jahre später habe ich durch Zufall erfahren, dass sie ihn regelmäßig in Hogwarts besucht ... Henry habe ich nur als Kleinkind einmal gesehen, aber Ayla später häufiger ... Außer mir und Hagrid hat das niemand richtig mitbekommen, denn sie haben sich sehr unauffällig verhalten. Ich ... habe mir ehrlich gesagt nie Gedanken darüber gemacht, bis Albus mich eines Tages in den Ferien bat, Ayla ein wenig zu unterrichten.“ McGonagall seufzte. „Sie war vielleicht vierzehn oder fünfzehn ... Ich habe noch nie zuvor eine junge Hexe erlebt, die ohne eine fundierte Ausbildung wie selbstverständlich ... einfach aus dem Bauch heraus zaubern konnte. Auch Liz war in dem Alter nicht so gewesen. Und auch jetzt ... Aylas Stil ... manchmal ihre Haltung ... es ist verblüffend ... natürlich habe ich nie etwas gesagt ...“ Sie schwieg einen Moment. Entschieden fügte sie dann hinzu: „Aber ich fresse die Besen der gesamten Gryffindormannschaft, wenn Albus Liz zu irgendetwas genötigt hat! Da wird wohl eher eine ganze Menge Überzeugungsarbeit von Liz notwendig gewesen sein, um ihn überhaupt so weit zu bringen. Insofern gebe ich dir vollkommen Recht, Molly: Albus hätte niemals mit einem so jungen Mädchen etwas angefangen. Dazu war er viel zu ... anständig.“
Jetzt lachte Moody aus vollem Hals, Arthur, Lupin und Kingsley schmunzelten. Molly wirkte zumindest etwas versöhnt.
„Aber warum diese ganze Heimlichtuerei?“, wollte sie wissen. „Und was ist mit Aylas Bruder? Und diesen anderen Behauptungen?“
„Vielleicht kann ich etwas dazu sagen“, mischte sich jetzt Lupin ein, der die ganze Zeit schweigsam zugehört hatte. Erwartungsvoll sahen alle zu ihm. „Henry ist definitv nicht Albus’ Sohn. Liz hatte sich mehr als drei Jahre bevor Ayla zur Welt kam von Henrys Vater, James, getrennt. Von James stammte die Idee, wegen Henry ihr gemeinsames Leben zur Tarnung aufrecht zu erhalten. Als Ayla geboren wurde, war es auch sein Vorschlag, sich als ihren Vater auszugeben.“
„Warum?“, fragte Molly, die nun offenbar sehr an den Hintergründen interessiert war.
Lupin stand auf und zog seinen Zauberstab. Sorgfältig legte er einen Abhörschutz über den Raum. Alle Augen folgten ihm gespannt, als er sich wieder hinsetzte.
„Es ging ihm anfangs darum, seinen eigenen Sohn zu schützen. Als Muggel konnte er die Gefahr natürlich nicht einschätzen, aber er wusste zumindest, dass etwas nicht in Ordnung war. Albus und Liz haben damals nämlich einen mächtigen Schutzbann über Hogwarts gelegt, der ...“, er räusperte sich und senkte unwillkürlich die Stimme, „... Voldemort daran hindert, dorthin zu gelangen. Sie haben diesen Bann mit ihrem Blut besiegelt.“
Moody verzog schmerzhaft das Gesicht. „Oh verdammt!“
Molly wirkte verständnislos. „Ja und?“
Lupin wiegte mit dem Kopf. „Henry als Liz’ Sohn könnte immerhin dazu beitragen, den Bann zu schwächen und Hogwarts nicht ganz dem Erdboden gleichzumachen, wenn Voldemort doch versuchen sollte einzudringen.“
„Ach du liebe Güte!“, entfuhr es nun Molly.
„Genau“, stimmte Lupin zu. „Und Aylas Blut kann ihm sogar den Zutritt verschaffen, ohne Hogwarts zu zerstören. Er wird kaum zulassen, dass es einen Platz in der Zaubererwelt gibt, den er nicht persönlich besuchen kann. Erst recht nicht, wenn dieser Platz Hogwarts ist.“
Molly schlug sich mit der Hand vor den Mund. „Bei Merlin! Und dann dieser Artikel“, flüsterte sie. „Wenn er davon erfährt ...“
Lupin hob bedauernd die Hände. „Severus weiß davon und er wird es ihm inzwischen erzählt haben, also richtet dieser Artikel keinen nennenswerten Schaden mehr an.“
„Dieser vermaledeite Hurensohn“, entfuhr es Moody inbrünstig. Mollys Blick war nur mäßig strafend.
„Glaubst du, Malfoys Flucht auf dem Transport ins Ministerium vergangene Woche, hatte etwas damit zu tun, weil sie einen Weg suchen, Ayla aus Askaban herauszuholen?“, erkundigte sich nun Kingsley.
„Möglich“, stimmte Lupin zu. „Nach Askaban kommen sie im Moment nicht hinein, aber der Transportweg ist anscheinend ein Manko. Es könnte durchaus sein, dass sie vorhaben auch Ayla abzupassen. Wieso sollte Malfoy überhaupt ins Ministerium gebracht werden?“
Kingsley zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. In letzter Zeit kommt mir so einiges nicht mehr geheuer vor. Thicknesse benimmt sich auch neuerdings merkwürdig.“ Er musterte Lupin mit unverhohlenem Interesse. „Woher weißt du eigentlich so genau Bescheid, Remus? Du bist mir bisher immer ausgewichen, aber allmählich wüsste ich schon gerne mehr.“
Lupin zögerte mit seiner Antwort. „Ich kenne Ayla und ihre Familie schon lange und auch ziemlich ... gut. Sie ... will euch selbst über alles Notwendige informieren, deswegen habe ich bisher geschwiegen. Ich habe ihr allerdings versprochen dafür zu sorgen, dass sie Unterstützung erhält, falls es doch Probleme gibt.“
Kingsley nickte langsam. „Ich sehe, was ich tun kann. Scrimgeour ist ihr gegenüber allerdings sehr voreingenommen und lässt sie deswegen so lange zappeln. Außerdem trägt sie das Dunkle Mal, da erhält sie wie alle anderen Todesser auch, nicht gerade eine Vorzugsbehandlung.“
Alle schwiegen für einige Zeit. Moody verschränkte die Arme und wollte offenbar etwas sagen, als es lautstark an der Haustür klopfte. Während Arthur aufstand, um zu öffnen, hob Lupin den Zauber, der über dem Raum lag auf.
„Hier seid ihr!“, tönte die Stimme von Mundungus Fletcher von der Tür. Er stürmte herein. „Ich habe euch gesucht. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was mir gestern Abend eingefallen ist, als ich so mutterseelenallein vor meinem Whiskyglas saß.“
„Vielleicht ist dir eingefallen, wo du beim letzten Kartenspiel das Ass so wundersamerweise hergenommen hast?“, knurrte Moody.
Mundungus winkte ab. „Quatsch. Das war wirklich noch im Spiel, aber ich meine was anderes. Ich weiß jetzt, wie wir Potter von seiner Verwandtschaft wegbringen können.“
Moody rollte mir den Augen. „Na los, erzähl schon“, meinte er ohne große Begeisterung und lehnte sich zurück.
Severus
Snape saß an diesem Samstag im Wohnzimmer seines Hauses in
Spinners End. Der Fideliuszauber, den er erst vor Kurzem
darübergelegt hatte, machte es sicher und er war froh, nicht die
ganze Zeit in der Festung verbringen zu müssen, wenn seine
Dienste nicht notwendig waren.
Im Kamin prasselte ein kleines
Feuer. Während er einen Schluck blutroten Elfenwein trank,
starrte er in die Flammen.
Er hatte keine vierundzwanzig Stunden
mehr. Für den nächsten Abend hatte der Dunkle Lord eine
Versammlung in Malfoy Manor anberaumt. Er stellte sein Glas ab und
erhob sich. Mit einem Schwung seines Zauberstabes veränderte
sich ein Stück des Bücherregales und gab den Blick auf ein
Loch in der Wand frei. Er nahm ein Pergament heraus.
Seit er vor
zwei Wochen in Hogwarts gewesen war, lag dieses Stück Papier gut
verborgen in seinem Haus. Der Zauber, der auf magischen
Geburtsurkunden lag, war anscheinend immer noch wirksam, denn die
Daten hatten sich von selbst ergänzt.
Ayla
Lucia
* 8. August 1968
Hogwarts, Schule für Hexerei und
Zauberei
Tochter von
Elizabeth Lucia McLellan, geb. Shepherd
* 1. Mai 1942, + 17. Mai 1986
und
Albus Percival Wulfric
Brian Dumbledore
* 23. September 1847, + 13. Juni 1997
Morgen
musste er dem Dunklen Lord Aylas Geburtsurkunde aushändigen. Ihm
blieb einfach keine andere Wahl mehr, wenn er keinen Verdacht erregen
wollte. Genau wie bei Malfoy würde Voldemort anschließend
veranlassen, dass Ayla durch einen verhexten Ministeriumsmitarbeiter
zu einer fingierten Anhörung gebracht würde. Die Befreiung
von Lucius war auf diesem Weg ohne Probleme gelungen und in der
nächsten Zeit sollten nun nach und nach noch mehr Todesser
herausgeholt werden.
Mit einem grimmigen Laut platzierte er die
Urkunde wieder an ihrem ursprünglichen Ort. Das Geheimfach
verschloss sich umgehend. Dann holte er ein Stück leeres
Pergament, notierte etwas und vollführte anschließend ein
paar schnörkelige Bewegungen mit seinem Zauberstab darüber.
Kurz, nachdem er sein Haus verlassen hatte, erhob sich ein
schwarzer Vogel in die Luft.
„Au!“ Erschrocken zog Remus Lupin seine Hand zurück, als das Pergament in einem kleinen Feuerball verpuffte.
Der Augurey warf ihm noch einen eindringlichen Blick zu, dann breitete er die Flügel aus und verschwand in der Abenddämmerung.
„Da hol mich doch der Hippogreif“, murmelte Lupin und starrte dem Vogel nach.
‚Holt
sie raus! Sofort!’ Das letzte Wort war drei Mal
unterstrichen gewesen. Lupin war vollkommen klar, dass Snape ihm den
Vogel mit der Nachricht geschickt hatte. Es musste wirklich dringend
sein, denn sonst wäre er niemals das Risiko eingegangen, Lupin
auf diese Weise zu informieren. Er überlegte, ob der irische
Phönix ähnliche Kräfte besaß wie Fawkes. Er
vermutete schon, denn anderenfalls hätte Snape das Tier wohl
kaum mit dieser wichtigen Aufgabe betraut. Nachdenklich überquerte
er die Straße. Eigentlich war er auf dem Weg nach Hause
gewesen, nachdem er der immer noch bewusstlosen Tonks im St. Mungos
seinen sonntäglichen Besuch abgestattet hatte und anschließend
noch auf ein Butterbier im Tropfenden Kessel eingekehrt war.
Aber
nun durfte er keine Zeit mehr verlieren.
Narcissa
schlug sich mit einem würgenden Laut die Hand vor den Mund. Sie
rang nach Atem. Sekunden später fiel ihr Stuhl um und sie
stürzte hinaus. Lucius Augen flogen unruhig umher, während
Draco sich wieder aufrappelte und hektisch auf seinen Platz fallen
ließ. Angewidert beobachtete er, wie die riesige Schlange
zischend über den Körper der Frau glitt, die mit verrenkten
Gliedmaßen auf dem Tisch lag. Das rote Haar lag wie ein
Heiligenschein ausgebreitet um ihren Kopf, die braunen Augen blicklos
zur Decke gerichtet.
Beinahe allen Anwesenden war die Farbe aus
dem Gesicht gewichen. Niemand rührte sich.
Voldemorts rote Augen glitzerten amüsiert. „Nagini, meine Teuerste. Bitte sei so gut und nimm dein Abendessen nebenan zu dir. Ich habe die Befürchtung, dass unsere Zusammenkunft ansonsten etwas ... uneffektiv wird.“
Die Schlange antwortete mit einem lang gezogenen Zischen und Voldemort lachte. Das große Reptil glitt auf die Tür zu. „Draco. Begleite Nagini und nimm ihr Essen mit.“
Fahrig erhob sich der Junge. Er brauchte drei Anläufe, um den leblosen Körper dazu zu bringen, neben ihm herzuschweben. Auch nachdem sich die Tür hinter dem grausigen Zug geschlossen hatte, herrschte Totenstille im Raum.
„Kanntest du diese Frau eigentlich ... gut?“, fragte Voldemort schließlich etwas zu unbeteiligt, während er Snape umso eindringlicher musterte.
„Es ist schon über dreizehn Jahre her, aber damals kannte ich sie gut“, antwortete Snape kühl. „Sie besaß großes Talent und sie war ein Reinblut, doch unglücklicherweise“, er zuckte gleichgültig mit den Schultern, „hörte sie nicht auf meine Ratschläge.“
„Wolltest du sie heiraten?“, fragte Voldemort unvermittelt, ein gefährliches Glitzern in seinen Augen.
Narcissa versteifte sich sichtlich und Lucius betrachtete interessiert seine Fingernägel. Bella schürzte verächtlich die Lippen. Die anderen verfolgten gespannt das Zwiegespräch, das einzig zwischen Snape und dem Dunklen Lord stattzufinden schien.
„Ja. Ich habe damals darüber nachgedacht“, gab Snape unumwunden zu. „Doch als mir die Aussichtslosigkeit bewusst wurde, sie von ihren Plänen bezüglich der Muggelrechte abzubringen, habe ich mich umgehend von ihr getrennt.“
„Wirklich eine Verschwendung von magischem Potenzial“, entgegnete Voldemort sehr süffisant, jedoch ohne eine Spur echten Bedauerns in seiner Stimme. „Und du weißt tatsächlich deine Prioritäten zu setzen ... nun, vielleicht hast du eines Tages mehr ... Glück.“ Er lachte zischend.
Snape hob die Mundwinkel. Dann griff er in seine Robe und zog etwas hervor. „Ich denke, das wird Euch interessieren“, sagte er, ohne auf die Bemerkung einzugehen.
Nur milde überrascht griff Voldemort zu. Er warf einen Blick auf die Urkunde und nickte anerkennend. Nun glitten seine Augen suchend durch den Raum.
„Yaxley? Wie schnell kannst du veranlassen, eine bestimmte Person aus Askaban ins Ministerium vorzuladen?“, fragte Voldemort scharf.
Yaxley wirkte leicht nervös, weil er so ins Blickfeld seines Herrn geraten war. „Ähm, ich glaube, bis spätestens morgen früh kann ich-“
„Noch heute Nacht!“, erklärte Voldemort nachdrücklich.
„Jawohl, Mylord!“ Yaxley erhob sich diensteifrig und wartete auf weitere Anweisungen.
„Bellatrix, für dich habe ich auch eine verantwortungsvolle Aufgabe“, meinte Voldemort mit seidenglatter Stimme.
„Jede, Mylord“, antwortete sie in einem Tonfall tiefster Demut, während sie aufstand und auf ihn zu schritt. Als der Dunkle Lord die Lippen zur Andeutung eines Lächelns verzog, schien Bellatrix zu wachsen.
„Remus, Junge!“ Überrascht öffnete Moody die Tür. „So spät. Was ist denn los?“
„Bist du allein?“, fragte Lupin, während er eintrat.
Moody nickte und sah sich draußen noch einmal wachsam um. „Ist dir auch niemand gefolgt?“
„Wofür hältst du mich?“, fragte Lupin schmunzelnd. „Ich brauche deine Hilfe.“
Sie waren ins Wohnzimmer gegangen und Moody deutete auf die Sitzgelegenheiten. Lupin winkte jedoch ab.
„Wir müssen Ayla aus Askaban herausholen“, begann Lupin.
„Ja, das haben wir doch schon gestern besprochen“, wunderte sich Moody. „Kingsley will in der nächsten Wo-“
„Das ist zu spät“; fiel Lupin ein. „Sie muss jetzt dort verschwinden.“
„Warum?“ Moody sah Lupin skeptisch an.
Lupin schien etwas unentschlossen. „Mad-eye, ich weiß, dass Albus dir immer vertraut hat. Aber es gibt Dinge, von denen du nichts weißt ... wenn ... wir sie nicht auf der Stelle dort herausholen, wird sie in den nächsten Stunden Voldemort in die Hände fallen.“
Sekundenlang starrten sich die Männer in die Augen. „Du bist immer noch ein schlechter Okklumentiker, Lupin“, befand Moody. „Von wem kam dieser komische Vogel?“
Lupin seufzte. „Ich sollte wohl dringend Nachhilfe nehmen. Frag nicht. Bitte, Mad-eye!“
„Vertrauenswürdig?“, fragte Moody.
„Absolut“, antwortete Lupin ohne Zögern. „Können wir gehen?“
Moody hielt Lupin am Ärmel zurück. „Sag mal, kann es sein, dass du ziemlich an der Kleinen hängst? Und das nicht erst seit gestern? Ich habe da so ein Gefühl.“
Lupin strich sich verlegen durchs Haar. „Wir sind nur Freunde.“
„Ja sicher“, meinte Moody gedehnt. „Und deswegen holst du mich mitten in der Nacht, damit ich Scrimgeour bekniee, sie noch vor dem Morgengrauen zu einer Anhörung zu holen und ihn dadurch bewegen, dem Orden endlich zu vertrauen. Eher bringe ich vermutlich einen Troll zum Polka tanzen.“ Lupins Wangen färbten sich rosa. Moody schlug ihm lachend auf die Schulter. „Junge, Junge. Erst streifst du jahrelang als einsamer Wolf durch die Lande, dann brichst du der armen Tonks beinahe das Herz und jetzt spannst du der Fledermaus auch noch die Frau aus! Ich verwette meinen alten Tarnumhang, dass ihn das gehörig auf die Palme bringt, wenn er davon Wind bekommt. Na komm schon, wischen wir am besten dem ganzen Gesocks eins aus und holen das Mädel da raus!“
Draußen
vor den Fenstern rauschte das Meer.
Wie beinahe jede Nacht in den
vergangenen vier Wochen starrte Ayla in die Dunkelheit und konnte
nicht schlafen. Zwar hatte dieser Ort einen Großteil seines
Schreckens verloren, seit die Dementoren Askaban verlassen hatten.
Aber zäh und quälend langsam verstrichen die Tage. Nichts
durchbrach den tristen Alltag.
All ihre Gesuche an Scrimgeour,
sie endlich vorzuladen, waren aufgrund angeblichen Zeitmangels
abgeschmettert worden. Allmählich wurde sie ungeduldig, zumal
sie vollständig von den Informationen aus der Zaubererwelt
abgeschnitten war.
Sie war froh, eine Einzelzelle zu haben, die
sich an der Außenseite in einem der oberen Stockwerke des
unwirtlichen Gebäudes auf der felsigen kleinen Insel befand. So
konnte sie das Meer beobachten und der Enge des kleinen Raumes
wenigstens mit den Augen entfliehen. Eine schmale Pritsche und hinter
einem Vorhang eine Waschgelegenheit mit einem Abtritt erlaubten ihr
zumindest eine winzige Privatsphäre. Ansonsten fühlte sie
sich in dem, wie eine mittelalterliche Burg wirkenden, Gefängnis
um Jahrhunderte zurückversetzt.
Die Anstaltskleidung bestand
aus einem Unter- und einem Obergewand aus grobem Stoff
undefinierbarer Farbe, das ihr nur bis zu den Knien reichte. Sie
erinnerte Ayla entfernt an die Ordenstracht von Mönchen.
Richtige Schuhe oder gar Strümpfe gab es nicht, nur Stoffreste,
die sie mit Lederriemen um ihre Füße wickeln konnte. Seit
ihrer Ankunft war ihr nicht mehr richtig warm geworden.
Das Essen
war einfach und karg, aber zumindest litt sie weder Hunger noch
Durst. Mit sehr wenigen anderen Gefangenen teilte sie das Privileg,
sich eine Stunde am Tag auf dem zugigen, ringsum von dem hohen,
bedrohlich wirkenden Gemäuer umgebenen Innenhof bewegen zu
dürfen. Jegliche Unterhaltung war jedoch verboten.
Aus purer
Langeweile hatte sie begonnen, ihre Okklumentikübungen weiter
auszubauen. Manchmal versank sie so stundenlang in ihrem eigenen
Geist, um sich Dinge wieder ins Gedächtnis zu rufen, etwas Neues
zu durchdenken oder sich einfach nur in Erinnerungen zu verlieren.
Sie hatte das Gefühl, dass sie ohne diese Möglichkeit schon
längst verzweifelt wäre.
Irgendwann geschah dann aber
etwas Merkwürdiges. Als sie eines Nachts unter der dünnen
Decke erbärmlich fror und mehr aus Verdrossenheit auch ohne
Zauberstab versuchte einen Wärmezauber zu beschwören,
spürte sie, wie ihr der Armreif dabei half. Völlig
verblüfft darüber, begann sie die Magie des Armreifes
weiter zu erforschen. Tatsächlich gelang ihr am nächsten
Morgen sogar ein passabler Trockenzauber für ihre Haare, nachdem
sie diese gewaschen hatte. Erfreut wollte sie Weiteres ausprobieren,
doch kaum hatte sie einige Versuche gestartet, kamen Wächter, um
ihre Zelle zu durchsuchen und sie zu überprüfen. Sie wusste
nicht, wie die Wächter etwas davon bemerkt haben konnten, doch
möglicherweise war der Sicherheits- und Aufspürzauber, der
seit ihrer Gefangenschaft auf ihr lag und der alle drei Tage erneuert
wurde, die Ursache.
Sie war nur froh, dass niemand auf die Idee
kam, den Armreif näher zu begutachten. Seither brannte sie
jedoch darauf, mehr auszuprobieren. Ganz sicher konnte das
Schmuckstück ihr nicht den Zauberstab ersetzen, aber es war gut
zu wissen, dass sie offenbar nicht ganz hilflos war.
Während
Ayla nun in der Dunkelheit lag und die Decke enger um sich stopfte,
glitten ihre Gedanken wie so häufig in den letzten Tagen zu
Faith. Der eigentliche Geburtstermin rückte unaufhaltsam näher
und mit jedem Tag hatte Ayla das Gefühl, sich wieder einen
Schritt auf den Abgrund hin zu bewegen, aus dem sie so mühsam
herausgekrabbelt war. Sie durfte sich auf keinen Fall gehen lassen,
egal wie lange sie noch hier bleiben musste.
Doch die
unglaubliche Sehnsucht nach Geborgenheit und ihre Trauer drohten sie
wieder einmal zu übermannen. Hin und wieder konnte sie Snape
spüren, doch das zog sie im Moment nur weiter in die Schwermut
hinein. Sie schniefte und rieb sich unwillig mit dem Handrücken
über die Nase.
Plötzlich hörte sie Schritte
draußen auf dem Gang. Beunruhigt setzte sie sich hin. Bisher
war sie einigermaßen gut behandelt worden, doch sie rechnete
stets damit, dass sich das ändern konnte.
Die Tür
quietschte laut in den Angeln. Ayla wurde von einem gleißenden
Lichtstrahl geblendet. Dann schlurfte jemand herein und in der
nächsten Sekunde flammte die Fackel, die an der Wand hing, auf.
Ayla blinzelte und hielt sich die Hand vor die Augen. Als sie sich
endlich an das Licht gewöhnt hatte, fiel ihr der gierige Blick
auf, mit dem der Mann sie unverhohlen musterte.
Bedächtig
und ohne den Wächter aus den Augen zu lassen, erhob sie sich.
Sie verschränkte die Arme vor ihrem Körper und lehnte sich
leicht zurück.
„Was verschafft mir die Ehre eines so späten, ungebetenen Besuchs, Mr. Gunk?“, fragte sie eisig.
Gunk leckte sich genießerisch über die Lippen. Ayla spannte sich unwillkürlich an und richtete sich kaum merklich auf. Sie hatte ihn schon mehrfach deutlich in seine Schranken verweisen müssen, wenn er aufdringlich werden wollte. Als er ihr in die Augen blickte, zuckte er unwillkürlich zurück. Zufrieden hob Ayla eine Braue.
„Ähm ... ich ... soll ... Sie“, stotterte der Mann. Vorsichtshalber deutete er mit seinem Zauberstab in Aylas Richtung. Er räusperte sich. „Sie werden abgeholt.“
„Jetzt?“, entfuhr es Ayla ungläubig. „Es ist mitten in der Nacht.“
„Befehl vom Ministerium. Ich soll Sie zum Abflugplatz bringen.“ Er zog mit leichtem Grunzen die Nase hoch und schielte wieder auf Aylas weibliche Rundungen, die sich unter der unförmigen Anstaltskleidung jedoch nur undeutlich abzeichneten.
Schweigen breitete sich aus. Ayla wartete, bis Gunk unruhig von einem Bein auf das andere trat, bevor sie betont liebenswürdig sagte: „Ich wäre Ihnen sehr dankbar, Mr. Gunk, wenn Sie mir meine private Kleidung bringen würden, denn über der Nordsee dürfte es recht kalt werden.“
Sie
konzentrierte sich, während sie dem Mann in die Augen sah. Gunk
blinzelte, nickte und verschwand. Verblüfft lächelte Ayla.
Es funktionierte tatsächlich. Sowohl Snape als auch
Dumbledore hatten sie in das Geheimnis eingeweiht, wie man den Willen
einer Person beeinflussen konnte. Diese Art der Manipulation ließ
sich lediglich für Kleinigkeiten einsetzen. Es scheiterte,
sobald jemand aufmerksam genug war, auch nur ein wenig Okklumentik
anzuwenden. Außerdem erinnerte es Ayla zu sehr an den Imperius,
als dass sie plante, davon häufiger Gebrauch zu machen und sie
wunderte sich über sich selbst, dass sie es überhaupt tat,
doch im Moment blieb ihr keine Wahl.
Es dauerte nicht lange, bis
Gunk zurückkam. Er warf ihre dunkelrote Ballrobe, die sie auf
der Beerdigung getragen hatte, auf das Bett. Dann sah er sie noch
einmal mit beinahe sehnsuchtsvollem Blick an.
„Vielen Dank, Mr. Gunk!“ Ayla musterte den Mann mit hochgezogenen Brauen.
Seufzend
ließ er sie wieder allein. Ayla zog sich rasch um, wobei sie
ihre Robe jetzt ziemlich unpraktisch fand. Doch es war allemal besser
und vor allem wärmer, als die scheußliche
Anstaltskleidung.
Schon wenige Minuten später befand sie
sich auf dem Weg hinaus. Während sie die drei außergewöhnlich
gut gesicherten Tore des Gebäudes passierten, fragte sie sich,
was geschehen sein mochte, weil sie so unvermittelt ins Ministerium
geholt wurde.
Als sie aus dem letzten Tor traten, atmete Ayla
tief durch und blickte sich um. In regelmäßigen Abständen
erhellte magisches Licht das gesamte Areal. Rings um das Gebäude
herum zog sich sehr nahe an der schäumenden Gischt ein steiniger
Weg, von dem sie inzwischen wusste, dass dort regelmäßig
Wachen patrouillierten. Der Bereich vor dem Gefängnis war nicht
sehr groß und nur wenige Dutzend Schritte weiter befand sich
bereits der Abflugplatz, zu dem Gunk sie nun brachte.
Als sie
eintrafen, wurden sie bereits erwartet.
„Da sind Sie ja endlich“, brummte ein untersetzter Zauberer mit langem, lockigem Haar.
Ayla erkannte ihn als einen der Auroren, die sie nach Askaban begleitet hatten. Er wirkte nicht gerade erfreut über diesen nächtlichen Auftrag. Gunk nahm ihm ein Pergament aus der Hand, warf einen Blick darauf und schwenkte seinen Zauberstab darüber. Dann nickte er und gab es dem Mann zurück.
„Ist in Ordnung. Sie können sie mitnehmen, Myers“, befand er.
„Wer hat das eigentlich veranlasst?“, fragte Ayla argwöhnisch.
Myers sah sie irritiert an. „Ist das wichtig?“
Ayla kam die ganze Sache allmählich äußerst suspekt vor. „Ich gehe nirgendwo hin, wenn Sie mir nicht sagen, von wem das angeordnet wurde“, sagte sie deutlich. „Außerdem ... möchte ich nicht von Ihnen allein begleitet werden, Mr. Myers.“
Beide Männer starrten sie mit offenem Mund an. Ayla starrte zurück. Ihr Entschluss war spontan und aus einem vagen Gefühl heraus gefallen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Myers hatte sich wieder erholt und lachte unfroh.
„Das, was Sie wollen, Miss, zählt in diesem Fall überhaupt nicht. Sie kommen jetzt mit mir“, erklärte er entschieden und griff nach Aylas Arm.
Sie wich zurück und schlug seine Hand beiseite. „Fassen Sie mich nicht an!“
Sofort richtete Myers den Zauberstab auf sie. Doch sein Fluch ging ins Leere, denn Ayla hatte sich behände weggedreht. Gunk, der anscheinend nicht so reaktionsschnell war, brauchte einen Moment länger, um auf Ayla zu zielen.
„Stupor!“
Instinktiv riss sie ihren rechten Arm hoch.
„Protego!“
Der
Zauber prallte an einem relativ schwachen Schutzschild ab. Durch die
Wucht stürzte sie rückwärts und landete einige Meter
weiter sehr unsanft auf dem Boden. Gunk starrte sie verblüfft
an, doch Myers jagte trotz seiner Überraschung bereits den
nächsten Lichtblitz auf sie zu, der sie diesmal nur knapp
verfehlte. Als sie flink wieder auf die Beine kam, wusste sie, dass
sie im Grunde keine Chance hatte, den beiden Männern auf Dauer
zu entgehen. Schutzsuchend hechtete sie hinter einen Felsblock, um
etwas Zeit zu gewinnen.
In diesem Moment tauchte ein Besen aus
der Dunkelheit auf. Myers’ Zauberstab flog durch die Luft,
bevor er Ayla noch einmal attackieren konnte, Gunk hielt sich
ebenfalls schmerzhaft die Hand.
„Kingsley!“ Schon rannte Ayla auf den Zauberer zu, der soeben zwischen ihr und den Männern landete.
„Was soll das?“, blaffte Myers und ließ seinen Zauberstab wieder in seine Hand schnellen.
„Das wollte ich auch gerade fragen“, meinte Kingsley scharf. „Was habt ihr mit Miss McLellan vor?“
„Ich muss sie ins Ministerium bringen und sie weigert sich!“, erwiderte Myers. „Also verzieh dich und lass mich meine Arbeit tun.“
„Oh“, machte Kingsley. „Das trifft sich gut. Ich soll sie ebenfalls abholen.“ Myers sah ihn an, als hätte er sich gerade vor seinen Augen in einen Dementor verwandelt. „Befehl von Scrimgeour. Wer hat dir denn Anweisungen erteilt?“, erkundigte sich Kingsley nun. Er reichte dem Wärter ein Stück Pergament, das dieser ebenso gewissenhaft überprüfte, wie zuvor das von Myers.
Der wirkte mit einem Mal desorientiert. „Scrimgeour“, sagte er nach einer Weile.
Kingsleys Blick traf Gunk, der eifrig nickte. Ayla hatte die Brauen zweifelnd erhoben. Kingsley stieß die Luft aus. Schließlich wandte er sich an Ayla.
„Als wir uns das erste Mal begegnet sind, hast du einen Einwickelfluch benutzt“, sagte er zu ihr. Die beiden Männer sahen ihn misstrauisch an.
Sie nickte. „Wie viele Personen außer uns beiden waren noch im Haus?“
„Drei“, antwortete Kingsley prompt.
„Ich komme mit dir“, sagte Ayla sofort.
Kingsley hielt ihr den Besen hin und sie stieg bereitwillig auf.
„He! Moment“, mischte Myers sich gleich ein. „Das geht so nicht!“
„Warum?“, fragte Kingsley unwirsch. „Wir wollen doch beide das Gleiche. Und Miss McLellan möchte offensichtlich lieber mit mir, als mit dir fliegen.“ Myers’ Blick war unstet. „Es ist mir egal, Myers, ob du nun mitkommst oder nach Hause fliegst. Ich mache mich jetzt jedenfalls mit ihr auf den Weg.“
Er nahm hinter Ayla Platz und schon im nächsten Moment hoben sie ab. Kingsley kreiste kurz über der Insel, um zu sehen, was Myers tat. Gunk redete gestikulierend auf ihn ein und der Auror rieb sich heftig über das Gesicht. Beide achteten offenbar nicht auf den Besen mit seinen beiden Passagieren.
„He, wir fliegen aber nicht ins Ministerium“, meinte Ayla irritiert, nachdem Kingsley sehr zielstrebig einen Kurs gesetzt hatte.
„Richtig. Woher weißt du das?“, erwiderte Kingsley.
„Als wir herflogen, haben wir die Orkney- und die Shetlandinseln überquert und sind von dort aus noch ein gutes Stück weiter nördlich geflogen“, dozierte Ayla. „Aber wenn die Sonne heute wie gewöhnlich im Osten aufgeht“, sie deutete auf den noch kaum sichtbaren hellen Streifen direkt vor ihnen am Horizont, „dann fliegen wir jetzt nicht nach Süden, sondern nach Osten und da liegt meinen bescheidenen Geografiekenntnissen zufolge Norwegen.“
„Gut aufgepasst“, meinte Kingsley vergnügt. „Aber so weit fliegen wir nicht. In dieser Richtung liegt eine stillgelegte Ölplattform der Muggel.“
„Du meinst Brent Spar?“, fragte Ayla erstaunt. „Das war ein Zwischenlager für Öl und sollte vor ungefähr zwei Jahren im Meer versenkt werden, aber Umweltschützer haben das verhindert.“
„Genau“, bestätigte Kingsley. „Und jetzt benutzen wir sie gelegentlich als Treffpunkt. Sie ist so wunderbar abgelegen, dass uns selbst ohne magischen Schutz vermutlich kein Zauberer dort finden würde. Die Muggelkontrollen konnten wir bisher problemlos umgehen.“
Ayla kicherte. „Lass mich raten. Auf die Idee ist Albus gekommen.“
„Wer sonst?“, erwiderte Kingsley vergnügt. „Er hielt es für besser, mehrere mögliche Treffpunkte zu haben.“ Dann informierte er Ayla kurz über die Geschehnisse. Am Ende fügte er hinzu: „Moody hat Scrimgeour überredet, mich mit deiner Abholung zu beauftragen. Myers kann das Schreiben also gar nicht von ihm haben. Aber darum müssen wir uns später kümmern. Ich bin nur froh, dass er sich nicht entschlossen hat, uns zu folgen, ansonsten hätte ich wohl ein wenig in die Trickkiste greifen müssen.“
„Mhh“, machte Ayla nachdenklich. „Und irgendwo wartet nun jemand umsonst auf mich.“
„Habe ich dir nicht gesagt, du sollst sie unter allen Umständen hierher bringen?“, kreischte Bellatrix aufgebracht. Myers wand sich wimmernd vor Schmerzen am Boden.
Der Mann heulte auf, als sein Arm mit einem lauten Knacken brach.
„Ich ... ich ... konnte nicht ...“, keuchte er. „Bitte ... nicht ... ich ... Erbarmen.“
„Du Nichtsnutziger!“, zischte Bellatrix und richtete den Zauberstab noch einmal auf den Mann, der daraufhin einen Schrei von sich gab, der nichts Menschliches mehr hatte.
Keuchend hielt Bellatrix schließlich inne. Der aus unzähligen Wunden blutende Myers war ohnmächtig geworden. Grimmig beugte sie sich herab und packte ihn am Arm. Der Herr benötigte garantiert etwas, an dem er seine Wut auslassen konnte. Diesmal wollte sie es aber nicht selbst sein. Und beim nächsten Mal würde sie dafür sorgen, dass Snape sich persönlich um sein Flittchen kümmern musste. Eine Sekunde später waren die beiden verschwunden.
Ayla
verlor jegliches Zeitgefühl, während sie immer weiter in
die Morgendämmerung hinein flogen. Das Wasser unter ihnen wirkte
dunkel und drohend. Doch die immer noch hinter dem Horizont
verborgene Sonne zauberte bereits ein unvergleichliches Spiel aus
Farben in den morgendlichen Dunst. Wolken ließen bizarre Formen
entstehen, während das Funklen der Sterne nach und nach
verblasste. In der Ferne blinkten die Positionslichter eines
Flugzeuges, das sich vom hellen Rot, Gelb und Blau des Himmels wie
ein silberner Vogel abhob, der aussah, als wolle es den Schatten der
Nacht entfliehen. Die Schiffe hingegen, die sie gelegentlich
überquerten, waren zumeist nur schemenhaft zu erkennen und waren
noch fest im Zwielicht des heraufziehenden Tages verhaftet.
Ayla
fröstelte, obwohl Kingsley fürsorglich einen Wärmezauber
über sie gelegt hatte.
Als die beiden schließlich auf
dem obersten Deck der Ölplattform landeten, lugte die Sonne
schon deutlich über dem Horizont hervor und auch der letzte
Stern war verschwunden.
„Dass Scrimgeour sich hat überreden lassen, hierher zu kommen“, wunderte sich Ayla.
Kingsley zuckte mit den Schultern. „Frag mich nicht, wie Mad-eye das angestellt hat. Nachdem Scrimgeour sich zuerst so geziert hat, überhaupt mit dir zu reden, war es sicher nicht leicht, aber Mad-eye kennt ihn schon eine halbe Ewigkeit und ich denke, er hatte irgendwelche sehr überzeugenden Argumente auf Lager oder Scrimgeour schuldet ihm noch irgendeinen Gefallen ... was weiß ich ... aber möglicherweise bekommt der werte Herr Minister auch allmählich kalte Füße.“ Kingsley lächelte süffisant. „Ansonsten hätte er sich kaum dazu herabgelassen, mit dem Orden zu kooperieren. Bisher hat er das ja immer strikt abgelehnt.“
„Da seid ihr ja!“, vernahmen sie da eine vertraute Stimme.
„Remus!“ Überschwänglich umarmte sie ihren Freund.
„Wie geht es dir?“, fragte er sanft und seine warmen, goldenen Augen musterten sie besorgt. „Du siehst blass aus.“ Er zupfte an einer ihrer Haarsträhnen.
Sie drückte sich noch einmal fest an ihn, bevor sie zurücktrat, und strich ihre vom Wind zerzausten Haare aus dem Gesicht. „Es geht. Aber ich lege ehrlich gesagt keinen Wert darauf, noch einmal dorthin zurückzukehren. Ich möchte lieber gar nicht daran denken, wie es gewesen sein muss, als die Dementoren noch dort waren.“
Lupin lächelte ihr aufmunternd zu. „Bestimmt hast du es jetzt hinter dir. Ihr solltet reingehen. Ich passe solange hier draußen auf. Scrimgeour muss mich nicht öfter als nötig zu Gesicht bekommen. Halbwesen stehen derzeit nicht gerade hoch im Kurs.“
Ayla
wollte etwas erwidern, doch Lupin winkte ab und schob sie stattdessen
in Richtung einer Tür. Kingsley öffnete und bedeutete Ayla,
ihm zu folgen. Im Licht seines Zauberstabes stiegen sie eine ganze
Menge Treppen hinunter. Dann durchquerten sie einen Gang und betraten
einen Raum.
Es war ein einfaches Besprechungszimmer, das von der
Räumung der Plattform, vermutlich aufgrund irgendwelcher Zauber,
verschont geblieben war. In der Mitte befand sich ein Tisch, an dem
etwa zehn Leute Platz fanden. An der Stirnseite hing sogar eine Tafel
und links von der Tür stand ein niedriger Schrank. Minerva
McGonagall war dort gerade damit beschäftigt Tee zu machen.
Arthur Weasley verteilte Tassen auf dem Tisch. Scrimgeour stand
ungeduldig mit verschrä