DIE HÜTER DES LICHTS

von fee





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Kapitel 25-36



Ein Mann von zweifelhafter Ehre

Kapitel 25 - „Nicht unsere Fähigkeiten...“


Dumbledore sah überaus erfreut von seinem Schreibtisch auf, als Ayla und Snape mitten in seinem Büro erschienen. Er stand sofort auf und legte die Feder zur Seite, mit der er gerade geschrieben hatte.

Guten Abend, meine Lieben. Ich freue mich, Euch wohlbehalten wiederzusehen. Ich hoffe, ihr hattet einen angenehmen Abend?“

Ja, ausgesprochen angenehm“, meinte Ayla zynisch. „Ich überlasse Dir die Wahl der Waffen.“

Wie bitte?“, fragte Dumbledore belustigt und verblüfft zugleich.

Wenn ich noch eine Sekunde länger mit diesem Mallory hätte in einem Raum verbringen müssen, wäre ein Unglück passiert.“

Dumbledore kicherte vergnügt. „Das hört sich nach einem interessanten Abend an. Legt Eure Mäntel ab und setzt Euch. Ich nehme an, Ihr wart erfolgreich?“

Dumbledore half Ayla fürsorglich aus dem Mantel. Snape legte ebenfalls ab und sah Ayla dann auffordernd an. Sie blickte irritiert zurück, dann fiel ihr ein, daß das Päckchen ja immer noch in ihrem Dekolleté steckte.

Ähm, oh“, machte sie verlegen und drehte sich um. Sie nestelte das kleine Päckchen aus ihrem Ausschnitt, dann gab sie es Dumbledore. Er sah sie belustigt an.

Ein recht ungewöhnlicher Aufbewahrungsort“, stellte er fest, während Ayla rot anlief.

Sehr witzig. Mir fiel gerade nichts passenderes ein. Und dort sucht wenigstens niemand“, befand Ayla mit einem Seitenblick auf Snape, der sie unbeteiligt beobachtete. Sie setzte sich auf einen Sessel.

Das wäre wohl anzunehmen“, erklärte Dumbledore, während er ihr einen seiner unvergleichlichen Blicke über seine Halbmondbrille zuwarf und auf einem anderen Sessel Platz nahm.

Ayla war versucht ihm die Zunge heraus zu strecken, doch sie beließ es bei einer Grimasse. Snape hatte sich inzwischen ebenfalls gesetzt. Sie hätte schwören können ein amüsiertes Funkeln in seinen Augen entdeckt zu haben.

Dumbledore begann, das Päckchen vorsichtig auszuwickeln.

Darf ich es sehen?“, wollte Ayla hoffnungsvoll wissen.

Natürlich. Es war mir schon klar, daß Du wissen möchtest, was für mich so wichtig ist, daß ich Dich gänzlich unvorbereitet mit in diese Sache einbezogen habe.“ Dumbledore gab Ayla einen kleinen, flachen Gegenstand.

Eine Kamee!“, rief sie erstaunt.

In ihrer Hand hielt sie einen fein gearbeiteten Schmuckstein, der weniger als halb so groß wie ihr Handteller war. Sie betrachtete ihn genau. Umgeben von einer fein ziselierten Gold und Silberranke, waren in ihrer Mitte aus mehrfarbigem Achat die Wappentiere von Hogwarts herausgearbeitet. Oben links der Gryffindor Löwe, rechts daneben die Schlange von Slytherin, darunter der Adler der Ravenclaws und links unten der Dachs des Hauses Hufflepuff. In ihrer Mitte prangte das große H.

Es entsprach nicht exakt dem Wappen von Hogwarts, das sie kannte, doch eindeutig sollte es die vier Häuser der Schule repräsentieren.

Ich habe sie bei meinen Streifzügen zufällig in einem Museum der Muggel entdeckt“, erläuterte Dumbledore. „Diese Kamee ist von außerordentlicher Wichtigkeit und ich musste sie dringend in meinen Besitz bringen. Mir erschien es allerdings ziemlich unpassend, sie einfach so ... mitgehen zu lassen. Daher entschloss ich mich, wenn auch nur sehr ungern, Mr. Mallory zu einem Handel zu überreden. Vor einigen Jahren habe ich ihn durch Zufall kennen gelernt. Als es notwendig wurde, schien er mir der Richtige zu sein, um gewisse Dinge in die Hand zu bekommen und dabei die Aufmerksamkeit von bestimmten Leuten zu erregen. Ich weiß nicht, wie er es diesmal geschafft hat, das Schmuckstück an sich zu nehmen und ehrlich gesagt möchte ich darüber auch nicht weiter spekulieren. Für uns ist nur entscheidend, daß Ihr es heute abend von ihm bekommen habt.“ Dumbledores Augen funkelten in diebischem Vergnügen über den Rand seiner Halbmondbrille. „Ich wusste, daß ich mich auf Euch verlassen kann.“

Der Mann ist furchtbar! Wenn du ihn kennst, dann konntest Du Dir doch sicher vorstellen, wie er sich mir gegenüber benimmt“, beschwerte sich Ayla. Dumbledore schürzte amüsiert die Lippen, was ihm einen bösen Blick von ihr einbrachte. „Dafür schuldest Du mir noch was! Wieso wolltest Du denn nun unbedingt, daß ich dabei war? Wie konntest Du Dir sicher sein, daß ich auch das Richtige tue und nicht alles verderbe? Ich wusste ja nicht einmal genau worum es geht.“

Dumbledore strich sich über seinen Bart, dann lächelte er und legte seine Fingerspitzen gegeneinander, bevor er antwortete: „Ich kenne Dich“, befand er einfach. „Natürlich wusste ich nicht, was Du tun würdest, aber ich habe gehofft, daß Du von allein erkennst, was in der gegebenen Situation sinnvoll ist. Ich habe auf Dein Urteilsvermögen vertraut und ich habe mich nicht in Dir getäuscht.“

Mhh. Danke für die Blumen“, meinte Ayla und klang unzufrieden mit der Antwort. „Warum ist diese Kamee so wichtig für Dich?“

Ich kann es Dir nicht sagen, Liebes. Nur soviel, daß wir damit etwas überaus wichtiges gegen Lord Voldemort in der Hand haben.“

Ayla hatte aus den Augenwinkeln bemerkt, daß Snape bei der Nennung des Namens kurz das Gesicht verzogen hatte. Snapes Unbehagen schien den Schulleiter jedoch in keiner Form zu stören.

Dumbledore fuhr fort: „Ich danke Dir, Ayla, daß Du so umsichtig und tapfer mitgemacht hast. Es war gefährlich, auch wenn Du Dir dessen vielleicht nicht bewusst warst. Voldemort wird sehr verstimmt darüber sein, daß wir ihm zuvor gekommen sind. Nur dem offiziellen Rahmen ist es zu verdanken, daß seine Todesser sich zurückgehalten haben. Noch hat er Skrupel, sich in der Welt der Muggel offen zu zeigen. Seine bisherigen Taten, die auch Auswirkungen auf die Welt der Muggel hatten, betrafen bisher nur Teile der Zivilbevölkerung, selten hat er bislang versucht auch die Regierung der Muggel zu involvieren oder größeres, öffentliches Aufsehen zu erregen. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, wann er auch in diesem Bereich tätig werden wird, fürchte ich. Ich denke, ich muss Dich nicht ausdrücklich bitten, mit niemanden darüber zu reden.“

Nein, natürlich nicht“, stimmte sie zu und seufzte.

Der Abend war anstrengend und Du siehst müde aus. Es wird Zeit, daß Du schlafen gehst. Severus wird Dich noch zu Deinem Zimmer begleiten.“ Der Schulleiter stand auf.

Ayla und Snape erhoben sich ebenfalls. Dumbledore küsste Ayla zum Abschied sanft auf die Stirn und tätschelte ihr mit seiner gesunden Hand liebevoll die Wange.

Gute Nacht“, sagte Ayla leise zu ihm.

Gute Nacht, mein Kind. Severus, ich habe anschließend noch etwas mit Dir zu besprechen.“

Snape nickte, dann verließ er zusammen mit Ayla Dumbledores Büro. Langsam gingen sie durch die verlassenen Korridore von Hogwarts.

Vor ihrem Zimmer angekommen, drehte Ayla sich zu Snape um. Etwas ging ihr nicht aus dem Kopf. Spontan beschloss sie es darauf ankommen zu lassen und Snape ohne Umschweife darauf anzusprechen.

Bitte komm einen Moment herein. Ich weiß, daß Dumbledore auf Dich wartet, aber es ist wichtig“, bat sie Snape daher.

Stirnrunzelnd trat Snape hinter ihr ein und schloss die Tür. Ayla stand mitten im Raum und sah ihn aus klaren, blauen Augen an.

Ohne weitere Einleitung fragte sie: „Warum hast Du den Imperiusfluch benutzt?“ Snapes Miene wurde sofort abweisend.

Weil es notwendig war“, antwortete er kühl.

Es wäre auch anders gegangen“, erklärte Ayla. Snape blitzte sie an. Er schien nicht über seine Motive diskutieren zu wollen. Von seinem deutlichen Ärger unbeeindruckt fuhr Ayla fort: „Der Zweck heilig nicht jedes Mittel. Dumbledore ist in dem Punkt ganz sicher der gleichen Meinung, wie ich.“

Ich bin durchaus in der Lage, das vor ihm zu rechtfertigen“, schnappte Snape sofort.

Natürlich kannst Du das. Aber wenn es ihm zu Ohren kommen sollte, müsste Dumbledore Dich vor dem Zauberergamot anzeigen, denn er ist Dein Vorgesetzter. Er wird allerdings kaum wollen, daß Du nach Askaban gehst. Du willst ihn nicht in Verlegenheit bringen, deswegen schweigst Du und er ist klug genug und fragt nicht.“

Wenn Du es ihm nicht erzählst, wird er es auch nicht erfahren. Warum ist es so wichtig, was ich tue? Das Ergebnis zählt“, schnarrte Snape gereizt.

Da muss ich Dir widersprechen, Severus, das Ergebnis allein ist es nicht, was zählt.“

Ich muss Dich nicht um Erlaubnis -“, blaffte Snape nun, doch Ayla hob nur eine Hand und sah ihn an.

Nein!“

Snape verstummte. Seine Stirnfalte vertiefte sich unwillkürlich, weil sie ihn so abrupt unterbrochen hatte. Er wollte aufbrausen, doch etwas in ihrem Blick ließ ihn innehalten.

Nein, Du wirst niemals jemanden um Erlaubnis fragen, egal, worum es geht. Niemanden, auch nicht mich. Du handelst immer so, wie Du allein es für richtig hältst. Das habe ich schon lange erkannt und ich erwarte auch nichts anderes von Dir.“

Was willst Du dann?“, fragte Snape ungehalten.

Verstehen, was Dir daran so gefällt! Du hast den Imperiusfluch benutzt, weil Du die Macht genießt, den er Dir für einen Augenblick verleiht. Deswegen hast Du keine andere Möglichkeit in Erwägung gezogen.“

Snape wurde womöglich noch blasser. Seine Augen waren schwarze Löcher.

Und wenn es so wäre?“, zischte er böse.

Es ist so“, stellte Ayla sachlich fest. Sie fixierte ihn unbeirrt. „So geschickt, wie Du ihn ausgeführt hast, musst Du den Imperius schon oft angewandt haben. Ob Deine Motive dabei immer so redlich waren, wie heute abend, lasse ich dahingestellt sein.“

Seine Augen loderten vor unterdrücktem Zorn. Nur schwer konnte er sich davon abhalten, Ayla anzufahren, um sie zum Schweigen zu bringen. Er hätte wissen müssen, daß Ihr glasklarer Verstand sie zu den richtigen Schlüssen führte. Plötzlich regte sich in seinem Inneren ein leises Unbehagen vor dem, was sie noch daraus folgern könnte.

Bevor er jedoch etwas sagen konnte, welches sie von ihrem Gedankengang abbrachte, fuhr sie fort: „Ich bin sicher, daß Du auch schon die anderen beiden Unverzeihlichen Flüche... benutzt hast.“ Snapes Gesicht wurde ausdruckslos. Sein Inneres gefror zu Eis. Egal, was er jetzt darauf sagte, es wäre das Ende, noch bevor es wirklich begonnen hatte. Entweder musste er lügen, was sie ihm wohl kaum verzeihen würde, oder ... eingestehen, daß Blut an seinen Händen klebte. Er wusste nicht, was von beiden schlimmer wäre.

Sie trat einen Schritt auf ihn zu. Ihre Stimme war ungewohnt hart, als sie ihn eisern anblickte: „Die Menschen, die Du ... auf dem Gewissen hast ... du hast nicht immer in Notwehr gehandelt.“ Es war keine Frage, sondern lediglich eine unumstößliche Tatsache, die sie feststellte.

Snape hatte das Gefühl, daß er keine andere Wahl hatte, als ihre Aussage zu bestätigen. Dieser Eindruck beunruhigte ihn zutiefst.

Ihre Augen ließen ihn nicht los. Schließlich senkte er den Blick.

Seine Antwort war kaum zu hören: „Nein, es war nicht immer Notwehr.“

Vorbei.

Niemals würde sie akzeptieren, daß er den Tod von anderen Menschen zu verantworten hatte. Auch, wenn es lange her war, er hatte es getan und war damit zum Mörder geworden.

Scham stieg in ihm hoch und etwas tief in ihm drohte zu zerreißen. Viel zu Nahe war sie ihm gekommen und wider besseren Wissens hatte er es zugelassen. Er hatte immer gewusst, was er war. Sie war viel zu charaktervoll, als daß sie diese Seiten an ihm tolerieren konnte. Wie sollte er nun damit klar kommen, sie zu verlieren?

Er drehte sich abrupt um.

Raus!

Nur weg von ihr.

Mit Mühe behielt er noch die Fassung. Seine Hand zitterte kaum merklich, als er sie auf die Klinke legte, um zu gehen.

Severus!“ Ihre ruhige Stimme hielt ihn zurück. „Geh nicht.“

Er spürte ihre Hand auf seiner Schulter. Sanft, aber bestimmt, drehte sie ihn herum. Widerwillig ließ er es geschehen. Sein Blick war abweisend.

Sachte legte sie eine Hand an seine Wange.

Die Schuld am Tod von Menschen zu tragen, ist immer etwas furchtbares, unverzeihliches. Es fällt mir sehr schwer, hinzunehmen, daß Du so etwas niederträchtiges getan hast. Aber ich kann nichts mehr daran ändern und Du bist so, wie Du bist“, meinte sie leise. „Ich bin sehr froh, daß Du mir die Wahrheit anvertraut hast.“ Dann bettete sie ihren Kopf an seine Schulter und legte ihre Stirn an seine Wange. „Ich weiß nicht, ob ich jemals begreifen werde, warum Du überhaupt zu so etwas fähig bist.“

Stocksteif stand er da und rührte sich nicht. Was tat sie da? Sie musste ihn anschreien, als Verbrecher bezichtigen! Sich selbst Vorwürfe machen, daß sie sich mit ihm eingelassen hatte! Doch wunderbarerweise tat sie nichts dergleichen.

Zögernd hob er die Arme und umfing sie vorsichtig, so als könnte sie es sich doch noch anders überlegen. Erleichterung durchströmte ihn, bis in die letzte Faser seines Herzens. Fast schon von allein fanden seine Finger den Weg zu ihrem Haarknoten, lösten ihn und entwirrten sanft ihr langes, rotgoldenes Haar. Er betrachtete hingerissen, wie es um ihre Schultern flutete. Im Sommer hatte es heller geschimmert, doch ohne die bleichende Kraft der Sonne, trat der warme Kupferton viel deutlicher zu Tage.

Professor Snape, Sie haben eindeutig eine Schwäche für Haare“, murmelte sie irgendwo in der Nähe seines Halses. Er konnte spüren, daß sie lächelte.

Er hob eine dicke Strähne an sein Gesicht und meinte plötzlich: „Die Haare meiner Mutter haben auch nach Rosmarin geduftet.“

Überrascht sah Ayla ihn an. Er hatte noch nie seine Eltern erwähnt.

Sie ist schon sehr lange tot“, erklärte er und in seiner Stimme hörte Ayla die immer noch vorhandene, tiefe Trauer.

Wie ist sie gestorben?“, fragte Ayla. In seiner Miene spiegelte sich mit einem Mal Schmerz und – konnte es sein? – Zorn.

Irgendwann werde ich Dir von ihr erzählen“, flüsterte er. „Es ist eine lange Geschichte.“

Ayla hegte plötzlich den Verdacht, daß seine Mutter auch etwas mit Voldemort und seinen Todessern zu tun hatte, doch es wäre besser zu warten, bis er es ihr eines Tages von selbst erzählte. Er schien jetzt nicht darüber reden zu wollen.

Sie legte ihren Kopf zurück und verharrte einige Minuten schweigend in seiner Umarmung. Dann sah sie ihn noch einmal an.

Severus, warum hast Du Dich Ihm angeschlossen?“ Dieser Grund interessierte sie schon lange. „Er ist grausam und böse. Anscheinend hat er auch ein großes Talent dafür, die schlechtesten Eigenschaften eines Menschen zu Tage zu fördern.“

Wieder hatte Snape das Gefühl, daß er ihren blauen Augen nicht ausweichen konnte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als ihr zu antworten.

Ich fand dort die Anerkennung, die mir woanders versagt geblieben ist“, entgegnete er ihr eine Spur zu heftig. „Niemand hat mir und meinen Fähigkeiten jemals den nötigen Respekt gezollt. Niemand! Doch dort wurde ich gebraucht. Es gab keinen mehr, der gewagt hat, über mich zu spotten, denn sie wussten was ich tun kann!“ Der gleiche Funken glomm in seinen Augen auf, wie zuvor, als er den Imperiusfluch benutzt hatte.

Reicht es Dir denn nicht, daß Du selbst weißt was, was Du kannst? Ein Mensch besteht doch nicht allein aus seinem Können. Es ist doch viel wichtiger, was man mit seinem Können anfängt und die Entscheidungen, die man trifft. Nur in dem, was man tut zeigt sich, wer man wirklich ist“, erklärte Ayla stirnrunzelnd. Snape sah sie merkwürdig an. Ayla fuhr leise seufzend fort: „Wie auch immer, irgendwann scheinst Du Dich ja besonnen zu haben, denn sonst wärst Du nicht hier.“

Sie legte ihre Hände in seinen Nacken und zog ihn heran. Snape war überrascht, daß sie ihn so zärtlich küsste. Ein Glücksgefühl durchströmte ihn, denn obwohl sie nun wusste, was er getan hatte, wandte sie sich nicht von ihm ab.

Er umarmte sie fester und erwiderte ihren Kuss, der so voller Zärtlichkeit war und seine letzten Zweifel zerstreute.

Unter keinen Umständen würde er zulassen, daß ihr etwas geschah! Er würde sie schützen und das ging nur, wenn er sie so weit es ging heraus hielt.

Es war schlimm genug, daß sie heute abend mit ihm zusammen gesehen wurde. Trotzdem hoffte er, alle glauben machen zu können, daß er lediglich darauf aus war ein Verhältnis mit ihr zu haben und nicht mehr. Er musste Dumbledore davon überzeugen, daß sie ihn nicht mehr begleiten konnte. Ihre Unterstützung musste anders aussehen.

Du musst jetzt gehen, Dumbledore wartet auf Dich“, meinte sie schließlich.

Doch bevor er sich umdrehte, um zu gehen, berührte er sachte die Kette, die sie immer noch um ihren Hals trug.

Sie gehörte meiner Mutter. Ich möchte, daß Du sie behältst.“

Ayla starrte ihn sprachlos an. Bevor sie etwas erwidern konnte, war die Tür hinter Snape ins Schloss gefallen.


Als Ayla später in ihrem Bett lag, dachte sie noch einmal über den Abend nach.

Wieder einmal hatte sie erlebt, wie skrupellos Snape bereit war die Interessen durchzusetzen, die er vertrat.

Er hatte, ohne mit der Wimper zu zucken, den Imperiusfluch benutzt. Sie schauderte bei dem Gedanken, was er bereits alles getan haben musste, um so ungerührt zu handeln. Snape hatte Menschen gequält. Er hatte getötet. Er hätte es ihr nicht bestätigen müssen, denn sie war sich spätestens nach diesem Abend sicher gewesen. Doch er hatte es zugegeben.

Auch, wenn sie es bereits geahnt hatte, so war sie doch entsetzt und schockiert darüber. Am liebsten hätte sie ihn angeschrien und beschimpft, doch sie hatte bemerkt, wie schwer es ihm gefallen war. In seinen schwarzen Augen hatte sie plötzlich Angst gesehen. Als er sich umdrehte, um zu gehen, wusste sie, daß sie ihn aufhalten musste, denn sonst hätte es immer zwischen ihnen gestanden. Vermutlich hätte er sich nie wieder auf ein Gespräch darüber eingelassen. Jetzt wusste er, was sie dachte und, daß sie ihn wegen seiner Vergangenheit nicht aufgeben würde.

Kurz bevor sie einschlief, fuhr ihr ein Gedanke durch den Kopf, der sie mit einem Schlag wieder hellwach werden ließ: Sie hatte sich bisher immer die falschen Fragen gestellt.

Welche Rolle spielte sie selbst eigentlich bei dieser Sache?

Dumbledore hielt alle Fäden in der Hand. Sie war ganz sicher nicht zufällig hier in Hogwarts. Sie beschlich der Verdacht, daß Dumbledore irgendwelche Pläne mit ihr hatte. Aber welche? Warum hatte er heute abend darauf bestanden, daß sie Snape begleitete? Snape hätte diese Aufgabe auch alleine erledigen können. Ähnliches hatte er sicher schon oft getan. Natürlich hatte sie helfen können, aber es hätte andere Möglichkeiten gegeben an die Kamee zu gelangen.

Dumbledore.

Seine Beziehung zu ihrer Familie war schon Generationen alt. Beinahe sein ganzes Leben hatte er über die Mitglieder ihrer Familie gewacht. Er war ihr Pate, genauso wie der ihrer Mutter und soviel sie wusste auch ihrer Großmutter. Über die Zeit davor wusste sie nichts, aber er musste inzwischen fast einhundertfünfzig Jahre alt sein. Ein wahrhaft biblisches Alter.

Niemand wusste von der Patenschaft, abgesehen von ihr selbst, ihrem Vater und ihrem Bruder. Für alle anderen war er nur ein schrulliger alter Freund der Familie.

Das erste Mal ging ihr auf, daß diese Patenschaft eine tiefere Bedeutung haben musste

Aber welche?

Und wer war Severus Snape?

Sie grübelte noch lange über all das nach, kam aber zu keinem Ergebnis. Sie musste unbedingt mit Dumbledore darüber reden. Er musste ihr einfach sagen, was das alles zu bedeuten hatte.

Dann schlief sie erschöpft ein.


Es war schon beinahe morgen als Severus Snape endlich in sein Büro kam. Müde rieb er sich über das Gesicht. Ohne Licht zu machen, fand er sicher den Weg durch den Raum bis hin zu dem kleinen Flur. Im Dunkeln stieg er die ausgetretenen Stufen der kurzen Treppe hinauf. Oben angekommen entzündete er mit einem kurzen Wink seines Zauberstabs das Feuer im Kamin.

Er begann seinen Rock aufzuknöpfen. Während er ihn sorgfältig über einen Stuhl hängte, fiel sein Blick auf das, was auf dem Tisch lag. Er war am Abend sehr in Eile gewesen, daher hatte er es, ganz gegen seine Gewohnheit, nicht gleich wieder fortgeräumt.

Er lächelte leicht bei dem Anblick des alten, abgegriffenen Buches und der ledernen Schatulle. Langsam setzte er sich hin, öffnete die Schatulle und betrachtete ihren Inhalt.

Er streckte die Hand aus und nahm einen Armreif heraus. Dieser bestand, wie die Kette, die er Ayla gegeben hatte, aus je einem Strang silbernem und goldenem Metall, die sich umeinander wanden. Nur der flammen förmige Anhänger fehlte. Snape hielt ihn hoch und seine Finger strichen leicht über das fein gearbeitete Schmuckstück.

Schließlich legte er ihn zurück. Dann nahm er einen Ring heraus. Er steckte ihn an den Ringfinger seiner linken Hand. Er passte wie angegossen und für einen Moment war ihm, als pulsierte ein leichter, kühler Stromstoß durch seine Hand. Ein sanftes, silbernes Leuchten ging von dem Ring aus, das nach und nach verblasste, bis es schließlich nicht mehr zu erkennen war. Der Ring war breit und flach. Zwischen zwei schmalen Goldreifen wand sich eine Art silberne Ranke, die ein seltsames Muster bildete. Er hatte noch nicht herausgefunden, ob es irgendeine Bedeutung hatte, doch es kam ihm vor, als wären es Schriftzeichen oder Runen. Bislang war er auf seiner Suche jedoch nicht fündig geworden.

Während er den Ring an seiner Hand betrachtete, schimmerte aus der Schatulle ein sanftes, goldenes Licht. Snape griff hinein und holte das letzte Schmuckstück heraus. Es war ebenfalls ein Ring. Ebenso breit und flach, wie der, den Snape nun an seinem Finger trug, wand sich bei diesem eine goldene Ranke in dem gleichen Muster wie die Silberne. Die goldene Ranke war eingefasst von zwei schmalen Silberreifen.

Beide Ringe waren, bis auf die Größe und die gegensätzliche Verarbeitung der Edelmetalle, vollkommen identisch. Der kleinere Ring strahlte angenehme Wärme aus und sein Leuchten war hell wie die Sonne.

Snape betrachtete den Schmuck nachdenklich. Die Kette, die er Ayla gegeben hatte, war einfach nur ein schönes Schmuckstück, doch der Armreif und die Ringe enthielten alte Magie. Er hatte kurz daran gedacht Ayla auch den Armreif zu geben, doch dann hatte er es sich anders überlegt. Es erschien ihm zu gefährlich sie ohne ihr Wissen in diese Magie einzubeziehen. Eine lange Zeit hatte er damit verbracht die Geheimnisse dieses Schmucks zu ergründen, aber er hatte das Gefühl, daß er immer noch nicht alles herausgefunden hatte.

Die Ringe schienen Gegensätze in sich zu vereinen. Sie waren wie das warme, goldene Sonnenlicht und der kühle, silberne Schein des Mondes. Wie Tag und Nacht.

Licht und Schatten.

Was würde passieren, wenn er Ayla diesen Ring an ihren Finger steckte?

Doch nein, es war viel zu gefährlich!

Jäh zog er den Ring wieder von seinem Finger und legte dann beide Schmuckstücke wieder zurück in die Schatulle.

Er stand auf und ging ins Bad. Als er zurück kam, trug er seinen Morgenrock. Trotz seiner Müdigkeit wusste er, daß er nicht schlafen konnte. Zu viel ging ihm durch den Kopf. Er machte sich einen Tee. Während er Zucker in die Tasse gab, schmunzelte er unwillkürlich bei dem Gedanken daran, wie Ayla ihn immer damit aufzog, daß er so viel Zucker hinein tat. Er setzte sich an den Tisch.

Ayla.

So sehr er sich auch dagegen zu wehren versuchte, es gelang ihm nicht mehr, seine Gefühle für sie zu verleugnen. Der Schmerz, den er in dem Moment verspürt hatte, als er glaubte, sie würde ihm seine Taten der Vergangenheit nicht vergeben können, hatte ihn gefährlich nahe an den Rand seiner Vernunft gebracht. Es wäre wohl besser, wenn er sich in der nächsten Zeit ihr gegenüber etwas zurückhielt. Zuerst musste er seine eigenen, aufgewühlten Emotionen wieder beruhigen, sonst unterlief ihm womöglich ein Fehler.

Nicht umsonst hatte er sich einen beinahe undurchdringlichen Panzer aufgebaut, um möglichst wenig Gefühle an sich heranzulassen. Er wusste, daß er nicht damit umgehen konnte, wenn er verletzt wurde. Egal aus welchem Grund er letztendlich die Beherrschung verlor, seine eigene Unberechenbarkeit in solchen Momenten hatte ihm als jungen Mann viele Probleme bereitet. Lange Jahre war er nicht mehr in die Nähe dieses Punktes gekommen, an dem er so vollkommen die Kontrolle über seine Handlungen verlor, doch wenn es einen Menschen gab, der das in ihm auslösen konnte, dann war es Ayla.

Er grollte Dumbledore, daß er ihn in diesen Konflikt gestürzt hatte. Immer noch hielt Dumbledore sich bedeckt und blockte jedes Gespräch in diese Richtung ab. Auch heute hatte er lediglich mit mildem Lächeln Snapes Vorwürfe an sich abprallen lassen und nur erklärt, daß der Zeitpunkt, etwas zu erklären, noch nicht gekommen sei.

Die ruhige, schier unerschütterliche Selbstsicherheit des alten Zauberers trieb ihn eines Tages noch in den Wahnsinn. Woher nahm dieser Mann nur die Zuversicht, daß Ayla auch ohne weitere Kenntnis, sinnvoll handeln konnte? Sie hatte heute abend sehr entschlossen die Dinge in die Hand genommen und Snape kam nicht umhin, ihre Besonnenheit zu bewundern, doch gerechnet hatte er eigentlich nicht damit. Er seufzte. Auch ihm fehlten noch einige Stücke des Puzzles, bevor er ein klares Bild bekam.

Als er in seinem Tee rührte, nahm er das kleine abgegriffene Buch zur Hand. Ein Stück Pergament fiel ihm entgegen. Es war alt und vergilbt. Beschrieben war es mit einer akkuraten, winzigen Schrift, die seiner Handschrift nicht unähnlich war. Er hatte diesen Brief schon so oft gelesen, daß er ihn auswendig konnte.



4. September 1971


Mein lieber Sohn,


auch wenn ich nicht weiß, wann und unter welchen Umständen Du diese Zeilen lesen wirst, so ist eines gewiss: ich werde tot sein!

Ich habe diesen Brief so verhext, daß Du ihn erst dann, wenn Du volljährig, und hoffentlich etwas ruhiger, geworden bist, vollständig lesen kannst. Versuche nicht, ihm vorher schon sein Geheimnis zu entlocken, denn dann wird er sich selbst zerstören und Du wirst nie erfahren, was ich Dir mitzuteilen habe.


Offenbar hast Du es doch geschafft abzuwarten, auch wenn es mich wundert, denn geduldig sein war immer schon Deine Schwäche. Ich gehe allerdings eher davon aus, daß Du diesen Brief erst später gefunden hast, denn Du hättest sicher alles versucht, vorher hinter sein Geheimnis zu kommen.

Nun will ich Dir verraten, worum es geht und warum ich Dir diesen Brief schreibe.

Nach Ende meiner Schulzeit habe ich herausgefunden, daß ich nicht bei meinen wirklichen Eltern aufgewachsen bin. Ich habe nach langer Suche etwas über meine– und damit auch Deine – Herkunft erfahren.

In meinem Tagebuch habe ich alles notiert, was Du wissen musst. Da ich Dich nun sicher in Hogwarts weiß, habe ich es gut verborgen, damit es nicht in falsche Hände gerät.

Erinnere Dich an die Zauber, mit denen man Gegenstände aufspüren kann. Benutze den Zauber, den ich Dir an Deinem elften Geburtstag beigebracht habe.

Die beiden Rätsel werden Dich auf die richtige Spur bringen


Rätsel 1:

Fünf Hexen und Fünf Zauberer machen einen Ausflug mit dem fahrenden Ritter. Sie sitzen alle hintereinander am Fenster, sechs oben und vier unten.

Lilian sitzt unten, aber nicht hinter dem Fahrer

Isabel sitzt zwischen Lilian und Stephen.

Brandon sitzt hinter Lilian

Wenn Matthew nach vorne schaut, sieht er die Köpfe von zwei Zauberern

Zwischen Oda und Ellen sitzt Whitney

Zwischen Whitney und Richard sind zwei Sitze.

Oda sitzt nicht hinten

Erik und Ellen sitzen vorne bzw. hinten


Rätsel 2:

Bei Gringotts gibt es vier nebeneinander liegende Verliese. Jedes gehört einem magischen Wesen, hat eine Nummer, eine anders farbige Tür und einen besonderen Inhalt.

Das Verlies, in dem der Tarnumhang liegt, ist zwischen dem Verlies mit der Nummer 16 und dem, das die Alraune beinhaltet.

Das zweite Verlies hat die grüne Tür.

Das Verlies mit der roten Tür trägt die Nummer 54.

Dem Hauself gehört das Amulett.

Verlies Nummer 16 hat eine grüne Tür.

Verlies Nummer 5 gehört einem Vampir

Hinter der gelben Tür liegt das Gold verborgen.

Der Tarnumhang gehört dem Kobold.

Die Nummer des Verlieses mit der Blauen Tür ist doppelt so groß wie das zweite.

Der Kobold hat nicht das Verlies mit der Blauen Tür.

Die Nummer des ersten Verlieses ist um elf kleiner als die des benachbarten.


Was hat der Zauberer in seinem Verlies?


Das Tagebuch wird Dir nicht alles beantworten, denn viele Dinge sind zu gefährlich, um sie aufzuschreiben. Ich bin sicher, daß Du klug genug bist, Deine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Verzeih mir, daß ich zu schwach war, Dich vor allem zu schützen. Das einzige, was ich tun konnte, war Dir das Leben zu schenken und Dir alles beizubringen, was ich wusste. Das muss genügen.

Ich konnte es Dir niemals sagen, doch ich habe Dich geliebt.


Deine Mutter Eileen



Mit einem Mal erfasste Snape das gleiche Gefühl, das er beim allerersten Lesen des Briefes empfunden hatte: Damals war sein Blick auf das Datum gefallen und ihm war klar geworden, daß seine Mutter nur drei Tage, nachdem sie diesen Brief geschrieben hatte, gestorben war. In seinem Inneren hatte eine Alarmglocke geschrillt. Es konnte kein Zufall gewesen sein.

Die Nachricht vom Tod seiner Mutter hatte ihn damals völlig unvorbereitet getroffen. Er war gerade erst eine Woche in Hogwarts, als Dumbledore ihn zu sich rief, um ihm die traurige Nachricht zu überbringen.

Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie sich alles in ihm zusammen zog, als Dumbledore es ihm mitteilte. Seine Mutter war keine liebevolle, warmherzige Frau gewesen, doch sie war in seiner Erinnerung der einzige Mensch, der ihm ohne Vorbehalte begegnete. Damals fühlte er jäh eine große Leere. Ab diesem Zeitpunkt war er wirklich allein. Mit seinem Vater, dem Muggel, konnte er nicht rechnen.

Damals hatte er auch nicht verstanden, warum sie gestorben war. Es sollte ein Unfall gewesen sein. Zornig und verstockt hatte er dem Falschen bittere Vorwürfe gemacht. Erst viele Jahre später, nachdem er den Brief und dieses Tagebuch gefunden hatte, hatte er herausgefunden, was wirklich passiert war. Auch wenn seine Mutter äußerlich verletzlich und schwach gewirkt hatte, so besaß sie eine große, innere Stärke und inzwischen wusste er, was sie alles für ihn auf sich genommen hatte. Und diese Erkenntnis hatte sein Leben nachhaltig beeinflusst.


Er schmunzelte unwillkürlich, als er die Rätsel sah. Im Gegensatz zu den meisten Zauberern, war ihm sehr geläufig, wie seine Mutter die Botschaft an ihn verschlüsselt hatte. Seine Mutter und er hatten sich gern logische Rätsel ausgedacht und gelöst. Er glaubte inzwischen, daß sie nicht umsonst mit ihm diese Art Rätsel geübt hatte. Offenbar wollte sie sicherstellen, daß sie eine Möglichkeit hatte, ihm auch ohne Magie etwas wichtiges mitzuteilen.

Als er die Namen des ersten Rätsels richtig geordnet hatte, sagte ihm ein Blick darauf, daß die Anfangsbuchstaben, rückwärts gelesen, das erste Lösungswort bildeten.

Er war sehr überrascht, was es war. Ihm war gleich klar, wo seine Mutter ihr Tagebuch versteckt hatte. Selbst wenn irgendjemand dieses Rätsel hätte lösen können, so hätte derjenige nicht gewusst, wo er suchen sollte. Snape jedoch, wusste es genau.

Seine Mutter war hin und wieder mit ihm ans Meer gefahren. Ihnen beiden gefiel die wilde, einsame Küstenlandschaft und sie gingen dort in stiller Eintracht miteinander spazieren. Am meisten faszinierten ihn die Möwen, die dort in Scharen umher flogen. Er beobachtete sie stundenlang und manchmal fragte er sich, warum es ausgerechnet diese Tiere waren, zu denen er sich so hingezogen fühlte.

Inzwischen kannte er die Antwort darauf, denn Aylas Patronus war eine Silbermöwe. Möglicherweise war es nur ein Zufall, daß er mit seiner Mutter an der Küste war, aber seine Vorliebe für die anmutigen Tiere war es offenbar nicht. Er erinnerte sich, daß auch seine Mutter diese Vögel gern gemocht hatte.

Bei einem der Spaziergänge hatten seine Mutter und er einen Felsen im Meer entdeckt, auf dem sich eine Kolonie Silbermöwen befand. Aberhunderte der eleganten Vögel kreisten dort und sie hatten Stunden zugebracht diese zu beobachten.

Dort würde er das Tagebuch suchen.

Er hatte auch das zweite Rätsel gelöst und herausgefunden, daß der Zauberer in seinem Verlies eine Alraune hatte. Damit wusste er noch nichts anzufangen, aber er war sicher, daß ihm diese Information weiterhelfen würde, wenn er erst in der Möwenkolonie war.

Ohne noch länger nachzudenken, war er zur Küste aufgebrochen und hatte nach einigem Suchen die Kolonie wiedergefunden. Auch wenn die Gegend ruhig und kaum bewohnt war, so wollte er keine Aufmerksamkeit erregen, wenn er den Felsen betrat. Daher sah er auch davon ab einfach hinüber zu apparieren.

Er wartete, bis es dunkel war und beschwor ein kleines Boot herauf, das ihn beinahe lautlos zur Insel brachte. Als er vorsichtig die kleine Insel betrat, rechnete er damit, daß sich die Silbermöwen erschreckt davonmachen würden, doch nichts dergleichen geschah. Als spürten sie, daß er nichts schlechtes im Sinn hatte, flatterten sie ihm nur ein wenig aus dem Weg. Er setzte sich auf einen kleinen Felsen und beobachtete im Mondlicht die Vögel, die sich durch seine Anwesenheit nicht stören ließen.

Bevor er sich auf die Suche machte, dachte er über sein Leben nach. Er war unsicher geworden, ob der Weg, den er gewählt hatte, der Richtige war.

Möglicherweise würde ihm das Tagebuch seiner Mutter weiterhelfen, eine Entscheidung zu treffen, was er zukünftig mit seinem Leben anfangen sollte.

Schließlich begab er sich auf die Suche. Als er im Licht seines Zauberstabs über die kleine, felsige Insel streifte, hielt er nach etwas Ausschau, das mit der Lösung des zweiten Rätsels zu tun haben könnte. Nach langem Suchen, fand er, gut verborgen in einer Felsnische einen Stein, der aussah, wie eine Alraune. Nur noch den Zauberspruch und er hielt das Tagebuch seiner Mutter Eileen in Händen. Es war alt und er fragte sich, welche Geheimnisse es ihm offenbaren würde. Daneben lag, völlig unerwartet, die lederne Schatulle mit dem Schmuck.

Noch auf der Insel hatte er begonnen in dem Tagebuch zu lesen. Das, was er dort erfuhr, veranlasste ihn letztendlich zu der Entscheidung, die ihn hierher nach Hogwarts gebracht hatte.


Snape blätterte ziellos in den vergilbten Seiten des Buches, die mit der gleichen Handschrift bedeckt waren, in der auch der Brief verfasst war. Die Tinte war zum Teil schon verblasst und beinahe unleserlich, doch die wichtigsten Einträge waren ihm geläufig.

Irgendwo hielt er inne. Er begann zu lesen. Seine Mutter hatte kurz und prägnant geschrieben und er hatte sich ein Bild über ihr Leben und ihr Wesen machen können. Es war über weite Teile nicht die zaghafte Frau, die er kannte. Sie hatte sich verstellt und das nur, um ihn zu schützen. Als er das erkannt hatte, war er sprachlos gewesen.


19. Juni 1954

Heute war die letzte Prüfung. Ich bin sehr froh, daß die Schule bald vorbei ist. Ich möchte endlich mein eigenes Leben leben.


2. Juli 1954

Jetzt bin ich wieder zu Hause. Mutter versucht immer noch, mir erklären zu müssen, was ich mit meinem Leben tun soll. Wenn sie es doch endlich einmal lassen wollte. Ich lasse mir von niemandem Vorschriften machen. Ich verstehe sie nicht und Vater hält sich wie immer aus allem raus. Manchmal glaube ich, die beiden wissen nichts mit mir anzufangen. Warum ist meine Schwester so anders?


17. September 1954

Es hat wieder Streit gegeben. Niemand will akzeptieren, daß ich nicht im Zaubereiministerium arbeiten will. Sicher bin ich klug und sicher ist es sinnvoll. Aber ich will es nicht! Ich werde das tun, was ich will. Mutter weint den ganzen Tag und wirft mir vor undankbar zu sein. Als ob mich ihre Tränen jemals beeindruckt hätten.


19. September 1954

ICH wusste ES! Sie sind gar nicht meine Eltern.

Es begann mit einem Streit. Sie haben mir, wie so oft Vorwürfe gemacht. Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten und habe sie beschimpft. Irgendwann haben sie es mir VORGEWORFEN! Was kann ich denn dazu, daß ich gar nicht ihr Kind bin? Diese unglaublichen Ignoranten! Ich hasse sie!!!!!!!


28. April 1955

Es ist lange her, daß ich zuletzt etwas in mein Tagebuch geschrieben habe. Allmählich beginne ich das ganze Ausmaß dessen zu begreifen, was ich erfahren habe. Es hat mich wenig Anstrengung gekostet, Phoebe alles zu entlocken. (Mutter werde ich zu ihr nicht mehr sagen, denn sie ist es nicht). Diese Hexe beherrscht nicht einmal Ansatzweise Okklumentik.

Hector (nein, auch ihn werde ich nicht mehr Vater nennen) war nicht so leicht zu überlisten, doch einem guten Tropfen Feuerwhisky konnte er noch nie widerstehen. Und nach einer ausreichenden Menge erkennt er nicht einmal mehr, wenn sein Gegenüber sich mit einem sehr einfachen Veränderungszauber belegt hat und anstatt nur Feuerwhisky nachzuschenken etwas viel zweckmäßigeres hinzufügt. Veritasserum ist ja so etwas von praktisch.

Meine Fähigkeiten als Hexe kann ich gar nicht von diesen beiden Stümpern geerbt haben!

Nun denn, ich bin also das Ergebnis einer erzwungenen Beziehung. Meine wirkliche Mutter hieß Dotty Cole. Von Phoebe weiß ich, daß mein Vater Dotty lange nachgestellt hat. Sie wollte aber nichts mit ihm zu tun haben und hatte Angst vor ihm und dem, was er war, doch er hat sie nicht in Ruhe gelassen. So wie Phoebe sagt, war er sehr herrisch und muss sie immer wieder bedrängt und sogar bedroht haben. Eines Tages hat er ihr aufgelauert und sie gezwungen, ihm zu Willen zu sein. Dotty hat sich danach nicht mehr getraut, ihn noch einmal abzuweisen. Irgendwann war sie schwanger und ist weggelaufen, denn sie wollte ihn unter keinen Umständen heiraten. Dotty hat erfahren, daß sein Zorn grenzenlos war, er hat sie gesucht, aber nicht gefunden. Dotty muss ebenfalls eine sehr geschickte Hexe gewesen sein, denn sich so vollständig unaufspürbar zu machen ist nicht leicht. Aber wer weiß, was er mit ihr gemacht hätte. Sie wird wissen, warum sie es getan hat. Dotty hat sich auf jeden Fall alleine durchgeschlagen. Irgendwann hat sie zufällig Phoebe und Hector Prince kennen gelernt. Die beiden haben sich bereit erklärt, daß sie bis nach meiner Geburt bei ihnen bleiben durfte. Kurz nach meiner Geburt hat Dotty sich dann aber vergiftet und Phoebe und Hector hatten mich auf dem Hals. Ich sollte ihnen wohl dankbar sein, nehme ich an. Um keinen Ärger zu bekommen, haben sie mich als ihre Tochter ausgegeben und seitdem trage ich ihren Namen.

So lange ich nichts Näheres weiß, werde ich besser den Namen Prince behalten. Nicht, daß ich mir Ärger einhandele.

Ich konnte bisher nicht den Namen meines Vaters erfahren, aber ich werde ihn herausbekommen! Ich weiß nicht einmal, ob er noch lebt oder ob er später nach mir gesucht hat. Mein einziger Anhaltspunkt ist die Halskette. Er hat sie Dotty gegeben. Sie hat sie nie verkauft, aber sie ist sehr wertvoll. Phoebe, diese Betrügerin, wollte sie mir unterschlagen. Als ob sie gegen mich eine Chance hätte. Jetzt trage ich sie!


Die nächsten Einträge des Tagebuchs waren nichts sagend. Eileen Prince hatte in der Apotheke der Winkelgasse eine Anstellung gefunden und ein äußerlich sehr bescheidenes Leben geführt. Mit der Zeit hatte sie allerdings begonnen, sich in der Nokturngasse mit Hilfe ihrer umfangreichen Kenntnisse der Dunklen Magie, einige Nebeneinkünfte zu schaffen und ein Verließ bei Gringotts mit einer nicht geringen Summe Gold zu füllen.

Während dieser Jahre hatte Eileen vergeblich versucht, mehr über ihren Vater herauszufinden. Aus einem unbestimmten Gefühl heraus, war sie vorsichtig gewesen und hatte niemanden darüber ins Vertrauen gezogen.

Da sie nur den Namen ihrer Mutter kannte, war es schwierig gewesen mehr herauszufinden. Irgendwann waren ihr die Kontakte, die sie durch die Tätigkeit in der Nokturngasse hatte, zu Gute gekommen und so konnte sie geduldig, Stück für Stück, wichtige Informationen zusammengetragen, ohne Misstrauen zu erregen. Ihre Tagebucheinträge blieben jedoch vage, so als hätte sie immer Sorge, daß es doch jemand herausfinden könnte.

Schließlich hatte sie es geschafft.


16. Oktober 1958

Ich habe eine Ahnung, wer es sein könnte! Endlich! Oh Merlin! Ich werde seinen Namen vorsichtshalber nicht aufschreiben. Mit so jemandem möchte man eher nicht in einem Atemzug genannt werden. Glücklich bin ich wirklich nicht darüber, daß dieser Zauberer mein Vater sein soll. Was soll ich jetzt mit diesem Wissen anfangen? Hat es irgend etwas zu bedeuten? Was hat er sonst noch getan?

Es war auf jeden Fall klug, den Namen Prince zu behalten, auch wenn er mir noch so verhasst ist.


Einige Monate lang gab es nur kurze Alltagsbeschreibungen, doch dann kam der folgende Eintrag, der Snape beim ersten Lesen des Tagebuchs verblüfft hatte.


21. Januar 1959

Ich war dort, wo er am Ende gelebt hat und wo er gestorben ist. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, daß es keine Spuren gab. Also habe ich so lange gesucht, bis ich etwas gefunden habe. Jetzt weiß ich endlich, warum mir die Dunklen Künste so unglaublich gefallen. Er kann stolz auf seine Tochter sein, denn sie hat ihn überlistet! Er hatte den Schmuck in der Höhle wirklich gut verborgen, doch ich habe ihn gefunden. Ich frage mich, was der Schmuck zu bedeuten hat.

Ich kann mit niemandem darüber reden. Es muss noch jemanden geben, der ebenfalls Bescheid weiß. Vielleicht sollte ich meiner alten Schule einen Besuch abstatten. Aber nein, es besteht kein Anlass. Ich werde es lieber allein versuchen.

Vor allem muss ich dafür sorgen, daß ich ein Kind bekomme! Ich darf nicht die letzte bleiben, dazu bin ich nicht mutig genug. Mein Vater hat einen großen Fehler gemacht, aber ich werde es wieder gut machen. Ob er jemals begriffen hat, was er getan hat?

Ich glaube schon.

Ich habe in der Höhle ein Bild von ihm gefunden. Vorsichtshalber habe ich es vernichtet, aber jetzt ist mir klar, daß er offenbar doch von mir wusste, denn ich bin ihm einmal begegnet. Ich war noch ziemlich klein und hatte Angst vor diesem seltsamen Mann. Warum er sich nicht zu erkennen gab, ist mir ein Rätsel. Vielleicht hatte er doch ein schlechtes Gewissen? Ich werde es nie erfahren.


24. Februar 1959

Ich habe einen Muggel kennengelernt, der wohl geeignet wäre. Mal sehen, ob ich ihn rumkriege. Ich denke bei den Muggeln bin ich erst mal sicherer. Ein Zauberer als Vater wäre zu gefährlich.


30. Mai 1959

Jetzt weiß ich sicher, daß ich schwanger bin. Tobias wird mich heiraten, auch wenn er es eigentlich nicht will. Ich weiß nicht, ob es falsch war, ihn auszuwählen, doch nun kann ich es nicht mehr ändern. Ich werde es hassen in der Muggelwelt zu leben. Tobias weiß noch nicht einmal, daß ich eine Hexe bin. Ich habe es ihm verschwiegen. Ich überlege, ob ich ihm doch noch einen Liebestrank gebe. Nein, ich lasse es besser, denn die Wirkung hält nie lange und nachher wird es womöglich unangenehm. Jetzt habe ich es begonnen, dann muss ich auch weitermachen. Ich werde nicht aufgeben!


18. Juni 1959

Heute habe ich Tobias Snape geheiratet. Unser Haus ist schrecklich. Die Gegend gleicht einer Kloake. Ich will nicht hier bleiben.


1. Juli 1959

Ich habe ihm erzählt, daß ich eine Hexe bin. Seitdem behandelt er mich wie Dreck, wie eine Aussätzige! Muggel sind das Allerletzte. Hätte ich mir bloß etwas anderes einfallen lassen.


17. November 1959

Tobias hat mich geschlagen, dieser Wahnsinnige! Ich habe ihm gedroht ihn zu verfluchen, wenn er es noch einmal tut. Seither beschränkt er sich darauf, mich zu beschimpfen. Er kann nicht verstehen, was ich bin. Wie soll ich das bloß aushalten? Vielleicht wird es ja noch besser. Ich glaube allmählich, er hat einfach nur Angst vor mir.


10. Januar 1960

Ich habe seit gestern einen Sohn. Ich habe ihn Severus genannt. Tobias gefällt es nicht, aber es ist mir egal. Ich kann mir nicht vorstellen, daß dieser kleine Mensch einmal ein mächtiger Zauberer wird. Er ist so winzig.

Aber er trägt ein großes Erbe in sich und er muss leben!!!!!!


Eileen Prince hatte ihren einzigen Sohn sehr gründlich unterrichtet. Sie hatte ihm alles beigebracht, was sie wusste. Es war ihm niemals bewusst geworden, was für eine großartige Hexe sie eigentlich war. Streng hatte sie darüber gewacht, daß er schon, bevor er nach Hogwarts kam, alles über die Dunklen Künste lernte. Ihre Vorliebe für Zaubertränke hatte er ebenfalls geteilt.

Das hässliche kleine Haus in Spinners End, in dem er seine Kindheit und Jugend verbracht hatte, gehörte seit nunmehr sechzehn Jahren ihm. Er hatte es seinen Ansprüchen angepasst, doch er konnte sich noch gut daran erinnern, wie es damals ausgesehen hatte.

Es lag eingezwängt inmitten einer Reihe gleichförmiger Häuser in einer heruntergekommenen Muggelgegend.

Durch die Eingangstür betrat man gleich das winzige Wohnzimmer. Es war eingerichtet mit schäbigem Mobiliar, das seine Mutter hin und wieder mit einem Zauber reparierte, damit es nicht ganz auseinander fiel. Sein Vater war jedes Mal zornig geworden, doch Eileen hatte es mit einem gehässigen Kommentar trotzdem getan. Es hatte seinen Vater gekränkt, daß er nicht genug Geld verdiente, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Doch anstatt seiner Frau dankbar zu sein, hatte er jedes mal vor Wut getobt.

Im Wohnzimmer gab es zwei Türen. Die eine führte in eine kleine Küche, die andere zu einer schmalen Stiege. Im oberen Stockwerk gab es ein kleines Bad, das Schlafzimmer seiner Eltern und sein eigenes Zimmer, das nur ein schmales Fenster besaß und in dem es, mangels einer Heizung, im Winter klirrend kalt war.

Im Schlafzimmer seiner Eltern gab es eine weitere Tür, die in eine Abstellkammer führte. Diesen Raum hatte seine Mutter magisch vergrößert und dort all ihre Zauberersachen verborgen. Snape durfte den Raum nur in Begleitung seiner Mutter betreten. Sein Vater ging nie hinein.

Sein Vater.

Er schob den Gedanken an ihn schnell beiseite. Er hatte andere Probleme und würde sich nicht mit dem Gedanken an diesen Muggel belasten.

Nach dem Tod seiner Mutter hatte er immer wieder versucht, den Schutzzauber zu überwinden, um in den Raum zu gelangen, doch erst, als er längst erwachsen war, hatte er es endlich geschafft. Dort fand er dann auch den Brief.

Und er erfuhr erstmals von ihrem Verlies bei Gringotts, dessen Existenz sie ebenfalls geheimgehalten hatte. Sie hatte lediglich das Geld für seine Ausbildung in Hogwarts entnommen und vorsorglich hinterlegt, doch immer noch existierte eine kleine Summe, die ihm sein weiteres Leben deutlich erleichterte.


Irgendwann folgte der letzte Tagebucheintrag.


4. September 1971

Heute nun schreibe ich zum letzten Mal in dieses Buch. Ich werde es zusammen mit der Schatulle verstecken und hoffen, daß Severus es eines Tages finden und die richtigen Schlüsse ziehen wird. Ich habe große Angst! Tobias hat von all dem immer noch keine Ahnung. Er ist kein schlechter Mensch und ich glaube, er hat nur Furcht vor dem, was er nicht versteht. Auf seine Art mag er mich trotz allem, das weiß ich inzwischen. Ich hoffe sehr, daß er und Severus sich eines Tages etwas besser verstehen werden, immerhin sind sie Vater und Sohn und ähneln sich in mancherlei Hinsicht.

In drei Tagen wollen sie wiederkommen, denn meine Bedenkzeit ist um. Hoffentlich lassen sie mich doch noch in Ruhe. Ich werde mich ihnen nicht anschließen! Niemals! Oh Merlin! Severus ist endlich in Hogwarts. In Sicherheit. Niemand ahnt bislang etwas. Eher werde ich sterben, als daß ich unser Geheimnis verrate!


Nachdem er das Tagebuch gelesen hatte, war er zunächst vollkommen verwirrt. Was konnte es so wichtiges geben, daß seine Mutter sogar dafür gestorben war?

Er hatte sich selbst noch eine sehr kurze Bedenkzeit gegeben, während der er herausfand, was genau seiner Mutter zugestoßen und wie sie wirklich gestorben war. Durch ihren Tod war es ihr gelungen, keinen Verdacht aufkommen zu lassen, daß ein Geheimnis sie umgab. Das allein war Snapes Glück gewesen, denn inzwischen war er sich sicher, auch er hätte nicht mehr lange überlebt.

Diese Tatsachen, zusammen mit dem, was er unbedacht ein paar Monate zuvor in Gang gesetzt hatte und deren schrecklich Konsequenzen er nur Tage zuvor erkannt hatte, hatte den Ausschlag gegeben, sich jemandem anzuvertrauen.

Es war ihm aufgefallen, daß Eileen einmal überlegt hatte nach Hogwarts zu gehen. Dort gab es nur einen Zauberer, den Snape für fähig hielt irgendetwas zu Wissen, wenn es etwas zu Wissen gab.

Dieser eine war Albus Dumbledore.

Als er sich am Anfang des Jahres schon einmal um einen Lehrerposten in Hogwarts beworben hatte, hatte Dumbledore es abgelehnt, ihm den Posten für Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu geben. Trotzdem bat er den Schulleiter noch einmal um ein Gespräch.

Snape hatte Voldemort darüber informiert, daß er vorhatte, sich noch einmal in Hogwarts zu bewerben. Dieser war hocherfreut über Snapes Bestreben und wies ihn an, notfalls auch mit einem anderen Posten, als dem für Verteidigung gegen die Dunklen Künste vorlieb zu nehmen. Die Aussicht darauf, einen so fähigen Spion in Dumbledores Nähe zu platzieren, begeisterte den Dunklen Lord außerordentlich.

Diesmal fand das Gespräch nicht in Hogsmeade statt, sondern in Dumbledores Büro in Hogwarts...

Um die verabredete Uhrzeit am Abend erwartete Dumbledore ihn höchst persönlich in der Eingangshalle. Es war in der ersten Augusthälfte und die Schule war ungewohnt leer, weil Ferien waren.

Dumbledore sah Snape freundlich an und streckte ihm die Hand entgegen. Etwas zögernd griff Snape danach. Dumbledore hielt Snapes Hand lange fest, sein Blick war eindringlich und Snape hatte das Gefühl, als wisse Dumbledore, daß hinter seiner Anwesenheit mehr steckte, als das bloße Ersuchen nach einer Stelle als Lehrer.

Severus! Ich freue mich sehr, Dich hier in Hogwarts zu sehen. Bitte komm mit mir.“ Dumbledore ging voran und führte ihn in sein Büro.

Als sie schließlich in den bequemen Sesseln, die auch heute noch vor dem Kamin standen, Platz genommen hatte, legte Dumbledore die Fingerspitzen aneinander und betrachtete Snape eingehend.

Nun, Severus. Was ist Dein Anliegen?“

Snape hatte keine Ahnung, wo er beginnen sollte. Also zog er wortlos das Tagebuch und die Lederschatulle aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Seine schwarzen Augen blitzten. Wenn Dumbledore etwas wusste, dann würde er es ihm hoffentlich sagen.

Der alte Zauberer hatte sich kaum merklich angespannt, als Snapes Hand kurz in seiner Tasche verschwand. Wäre Snapes Blick nicht inzwischen durch viele Kämpfe geschult gewesen, wäre ihm das vermutlich entgangen. Er war sicher, daß er in diesem Moment keine Chance gehabt hätte, Dumbledore anzugreifen. Doch das war es auch nicht, was er vor hatte.

Dumbledore warf nur einen kurzen Blick auf das Tagebuch und die Schatulle, dann erhellte ein breites Lächeln sein Gesicht.

Ich bin sehr froh, daß Du endlich zu mir gekommen bist“, erklärte er erfreut. „Das Buch kenne ich nicht, doch ich weiß, was die Schatulle enthält. Einen Armreif und zwei Ringe. Es sollte mich aber nicht wundern, wenn Du auch die Kette besitzt. Als die Schatulle vor über zwanzig Jahren aus der Höhle verschwand, wusste ich endlich sicher, daß es noch einen Blutsverwandten gab. Und als Du dann nach Hogwarts kamst, habe ich Dich gleich erkannt.“

Snape sah ihn fast schon entsetzt an. Mit dieser Offenheit gleich zu Anfang hatte er nicht gerechnet.

Sie wissen, was das zu bedeuten hat“, stellte er fest.

Ja. In der Tat, Severus“, antwortete Dumbledore langsam.“Und ich wage sogar zu behaupten, daß ich deutlich mehr weiß als Du. Auch, wenn Du mir noch nicht verraten hast, was genau Dir bekannt ist und wie Du zu diesen Informationen gekommen bist.“

Snape stand abrupt auf und lief unruhig in Dumbledores Büro auf und ab. Dumbledore beobachtete ihn schmunzelnd. Nach einer Weile drehte Snape sich herum und fixierte den Schulleiter mit stechendem Blick.

Erzählen Sie mir alles“, verlangte er knapp.

Dumbledore kicherte vergnügt, während er den schwarzen, fast schon drohenden Blick Snapes, ohne Scheu erwiderte.

Ungeduldig bist Du, mein Lieber. Wissbegierig, intelligent und ohne Zweifel hast Du einen Hang zu diktatorischem Benehmen. Ich würde sagen, die Ähnlichkeit mit Deinem Großvater ist frappierend.“

Snapes Stirnfalte vertiefte sich unwillkürlich.

Sie kennen ihn!“, stellte er gereizt fest. Es gefiel ihm ganz und gar nicht, daß Dumbledore so viel mehr wusste, als er. „Wer war er?“

Oh, ich kannte ihn sehr gut. Aber ich werde Dir seinen Namen nicht nennen“, äußerte Dumbledore bestimmt.

Ich habe ein Recht zu erfahren, wer er ist!“, schnarrte Snape ärgerlich. Seine Augen blitzten gefährlich auf.

Nein, das hast Du nicht“, erklärte der alte Zauberer gelassen. „Allerdings würde ich gerne von Dir wissen, woher Du -“

Sie werden mir auf der Stelle sagen, wie er heißt!“, brüllte Snape jetzt zornig dazwischen.

Im Bruchteil einer Sekunde hatte er seinen Zauberstab gezogen. Ein Blitz flog auf den Sessel zu, auf dem Dumbledore gerade eben noch gesessen hatte. Einen Wimpernschlag später, flog Snapes Zauberstab aus seiner Hand. Dumbledore stand nur einen Meter neben der Stelle, wo soeben der Sessel unter Snapes Fluch zerborsten war. Der Schulleiter hatte seinen eigenen Zauberstab in der rechten, Snapes in der linken Hand. Snape konnte nicht sagen, wann Dumbledore seinen eigenen Zauberstab gezogen hatte, geschweige denn, wie er an diese Stelle gekommen war.

Dumbledores sonst so gütige Augen blitzten hart. Nicht länger war er der weise, alte Schulleiter. Eine machtvolle Aura umgab ihn und ließ keinen Zweifel an seiner Autorität und seinen Fähigkeiten aufkommen. Er deutete mit seinem Zauberstab auf Snape.

Ich dulde keinen Angriff auf meine Person!“ Seine Stimme war sehr leise.

Snape wusste, daß er zu weit gegangen war. Er schluckte und war nicht sicher, was er als nächstes tun sollte. Er hatte seine heftigen Gefühlsausbrüche nicht immer im Griff, was ihm schon oft großen Ärger eingebracht hatte.

Dumbledore jedoch trat auf ihn zu und hielt ihm seinen Zauberstab hin. Zögernd und äußerst überrascht, griff Snape danach.

Setz Dich, bitte“, wies Dumbledore ihn an. Seine Augen waren immer noch wachsam auf Snape gerichtet. Dieser steckte seinen Zauberstab gleich ein und nickte.

Beide nahmen wieder Platz. Auch Dumbledore hatte seinen Zauberstab wieder weggesteckt, nachdem er den Sessel mit einem eleganten Schwung wiederhergestellt hatte.

Nun, Severus, Du solltest wissen, daß Du mich kaum durch einen Zauber wirst zwingen können, Dir mehr zu verraten, als ich es möchte. Ich fürchte, zumindest im Moment, bin ich Dir in gewissen Dingen noch überlegen. Du hättest Dir diesen Auftritt also sparen können.“ Seine Augen fixierten Snape, der dem Blick des alten Zauberers unbehaglich auswich. „Wenn ich Dir einen wohl gemeinten Rat geben darf, dann solltest Du Dir die Okklumentik zu nutze machen, um in so einer Situation die Beherrschung nicht zu verlieren. Es würde mich sehr wundern, wenn Du diese Technik nicht schon für andere Bereiche einwandfrei beherrscht. Es käme Dir sehr zu gute, um Dein überschäumendes Temperament zu zügeln, denn so kannst Du viel besonnener Handeln. Ich wage nämlich zu hoffen, daß Du Deine Fähigkeiten in Zukunft häufiger in meinem Sinne einsetzen wirst, daher ist mir daran gelegen, daß Du an Dir arbeitest.“

Snapes Stirnfalte vertiefte sich. Bisher war er noch keinen Schritt weiter in seinen Erkenntnissen, doch es konnte auf alle Fälle nicht schaden dem Rat Dumbledores zu folgen. Er schloss sekundenlang die Augen und machte seinen Kopf frei von allen Gedanken und Gefühlen, wie er es als Okklumentor bereits seit längerem brillant beherrschte. Erstaunt stellte er fest, daß es ihm wirklich half und Okklumentik offenbar nicht nur dazu geeignet war, seine Gedanken und Gefühle vor anderen abzuschirmen, sondern auch vor sich selbst.

Mit einem Mal fühlte er sich ruhiger. Er atmete tief ein.

Es lag nicht in meiner Absicht, mich so gehen zu lassen, Professor Dumbledore“, erklärte er nun.

Ich werde es Dir nicht nachtragen, Severus. Doch nun sag mir bitte, wie der Schmuck in Deine Hände gelangt ist und warum Du hier bist.“

Es wurde ein langes Gespräch, während dem Snape das erste Mal erlebte, was es bedeutete jemandem wirklich zu vertrauen. Obwohl er doch zumindest ahnte, daß Snape sich den Todessern angeschlossen hatte, war Dumbledore offen und schien bereit, Snape Glauben zu schenken.

Snape erfuhr im Laufe des Abends nicht alles von Dumbledore, doch am Ende wusste er genug, um sicher zu sein, wo in Zukunft sein Platz war. Er wusste außerdem, daß er nicht allein war. Dumbledore hatte ihm erzählt, daß es eine zweite Person gab, die ihm beizeiten zur Seite stehen würde. Allerdings wäre diese Person noch zu jung, daher müsse Snape seine gefährliche Aufgabe vorerst alleine bewältigen.

Am Ende fragte Dumbledore ihn: „Was hat den Ausschlag gegeben, zu mir zu kommen? Du wirst Dir bewusst sein, daß das, was Du tun wirst, eine große Gefahr für Dein Leben bedeutet.“

Die Dunklen Künste sind eine Herausforderung für jeden Zauberer. Sie sind in ständigem Wandel begriffen, unberechenbar und unvergänglich. Sie zu beherrschen ist ein großes Ziel, doch auf dem Weg dorthin lassen sich stattdessen viele von ihnen beherrschen. Die Macht, die man durch sie ausüben kann, ist gefährlich.“ Snapes Augen glitzerten im Feuerschein. „Auch ich habe mich verleiten lassen. Ich habe einen Fehler begangen. Möglicherweise kann ich ihn wieder gut machen.“

Du hast Sybill und mich im Eberkopf belauscht?“, stellte Dumbledore fest.

Ja. Das habe ich.“

Du hast Voldemort darüber berichtet.“ Snape zuckte beim Klang des Namens zusammen und sah Dumbledore feindselig an. Dieser lächelte nur milde. „Weißt Du, wer die betreffende Person ist?“

Snape zögerte mit der Antwort. „Ich habe letzte Woche zufällig erfahren, daß...möglicherweise... Lillys Sohn...“, er war sichtlich bewegt. „Sie hat es nicht verdient zu sterben. Er wird sie nicht schonen, das weiß ich. Und Potter -“ jetzt verzog er angewidert das Gesicht „er hat mir mein Leben gerettet. Ich schulde ihm etwas.“

Dumbledore betrachtete Snape eingehend.

Der Dunkle Lord ist sich aber noch nicht sicher“, erklärte Snape noch.

Gut“, befand Dumbledore. „Sobald Voldemort genau weiß, hinter wem er zukünftig her sein wird, wirst Du es mir sagen.“

Snape zog eine Augenbraue hoch. Er klang leicht gereizt, als er erwiderte: „Sie können mir nichts befehlen!“

Nein, Severus, das kann ich nicht und es liegt auch nicht in meiner Absicht Dir irgendetwas zu befehlen. Einem Befehl kann man sich widersetzen. Eine Bitte kann man befolgen, wenn man es für richtig hält. Oder auch nicht“, sagte Dumbledore.

Snape stand auf und trat an das Fenster. Lange Zeit blickte er über den See und über die Schlossgründe. Weit in der Ferne auf der Kuppe eines Berges glaubte er im letzten Schein der Sonne eine Bewegung zu sehen. Seine Augen verengten sich, doch er konnte nichts genaues erkennen. Möglicherweise wurde dort ein Feuer entzündet, doch es war noch zu hell.

Dumbledore war neben ihn getreten und deutete hinüber zu dem Berg.

Heute ist die erste Vollmondnacht im August. Lughnasadh, das Schnitterfest, wird dort gefeiert. Es mag Zufall sein, daß Du gerade heute zu mir gekommen bist, aber ich werte es als gutes Zeichen.“

Ich verstehe nicht“, meinte Snape stirnrunzelnd.

Nein, ich weiß. Aber das ist auch nicht schlimm. Du solltest bei Gelegenheit die Bergspitze dort besuchen“, antwortete Dumbledore. Er sah versonnen aus dem Fenster und ein glücklicher Ausdruck trat auf sein Gesicht. „Vor zwölf Jahren hat während des Festes dort oben ein besonderes Ereignis stattgefunden.“ Snape sah den Schulleiter von der Seite an und wartete darauf, daß er weiter redete. Nach einiger Zeit drehte sich Dumbledore zu Snape und seine Augen leuchteten, als er fortfuhr: „Eines Tages, wirst Du sie kennen lernen.“ Dann drehte er sich um und ging hinüber zu seinem Schreibtisch.

Snape stand verwirrt am Fenster. Wen sollte er kennen lernen? Manchmal erschienen ihm Dumbledores Äußerungen töricht und unpassend. Ungeduldig schob er den Gedanken beiseite, denn vorerst gab es viel Dringenderes.

Der Schulleiter suchte zwischen den Papieren auf seinem Schreibtisch. Schließlich hatte er das Gesuchte offenbar gefunden. Snape war zu ihm herübergekommen.

Dumbledore drehte sich zu ihm herum, in seiner Hand hielt er ein Pergament. Seine Augen blitzen in geradezu diebischem Vergnügen.

Es sind nicht unsere Fähigkeiten, Severus, die zeigen, wer wir sind, sondern unsere Entscheidungen“, sagte Dumbledore strahlend und streckte Snape seine freie Hand entgegen. Zögernd ergriff Snape sie. „Ich darf Dich am ersten September als neuen Lehrer für Zaubertränke hier in Hogwarts willkommen heißen. Professor Slughorn ersucht schon länger darum, endlich in den Ruhestand gehen zu dürfen. Auf dieser Liste findest Du alles, was Du als Mitglied des Lehrerkollegiums benötigen wirst.“

Als Snapes schwarzer Blick, den funkelnden Augen des weisen alten Zauberers begegnete, hatte er das Gefühl, endlich auf dem richtigen Weg zu sein.

Kapitel 26 - Ungebetener Besuch


Nach ihrem Besuch in London war Ayla entschlossen, mehr herauszufinden. Es ließ ihr keine Ruhe und sie wollte endlich Klarheit, worum es wirklich ging.

Snape beschränkte sich bei ihren Treffen wieder ausschließlich auf ihren Unterricht. Sie stritten und diskutierten wie seit Beginn des Schuljahres, aber allen anderen Fragen wich er aus oder beantwortete sie einfach nicht.

Als sie auch Dumbledore in den folgenden Tagen nicht für ein ausführliches Gespräch erwischte, wuchs ihr Unmut darüber.

Auch etwas anderes bereitete ihr Kopfzerbrechen. Sie vermisste auf einmal Snapes Hartnäckigkeit, mit der er sie in den letzten Wochen beständig bedrängt hatte. Sie war seit der Nacht, die sie miteinander verbracht hatten, immer auf der Hut gewesen, um nicht zu viel Nähe zuzulassen und nun schien es, als wartete er auf ein Zeichen von ihr. Vielleicht hatte es ihn verunsichert, daß sie nun mehr über ihn und seine Vergangenheit wusste. Dieser Mann war und blieb ihr mit seinem Verhalten oft noch ein Rätsel.

Mitte der Woche traf sie Dumbledore im Lehrerzimmer, wo er ihr nur kurz mitteilte, daß er die Schule erneut verlassen würde. Auf ihre Frage wohin er gehe, schüttelte er leicht den Kopf.

Etwas entnervt holte Ayla Luft und ihre blauen Augen blitzten gereizt. Sie waren nicht allein im Raum. Die anderen Lehrer waren jedoch beschäftigt und so sah sie keinen Grund, nicht wenigstens eine Bemerkung dazu loszuwerden.

Albus! Ich habe ein Recht mehr zu erfahren,“ erklärte sie leise, aber entschieden. Das Wort Onkel kam ihr inzwischen so unangebracht vor, daß sie es kommentarlos wegließ. Dumbledore äußerte sich nicht dazu. Nur ein leichtes Zucken der unzähligen Fältchen um seine Augen war ein Hinweis darauf, daß es ihm nicht entgangen war. „Du bist nicht ohne Grund mein Pate. Es ist auch kein Zufall, daß Du mich ausgerechnet jetzt hier in Hogwarts haben wolltest. Meine Bitte ist Dir nur entgegengekommen, wie Du mir ja auch schon einmal selbst bestätigt hast. Severus hat auch etwas damit zu tun. Aber abgesehen davon, daß er sich weigert mir ein Sterbenswörtchen zu verraten, weiß er wohl auch nicht viel mehr. Außerdem werde ich das Gefühl nicht los, daß es nicht Mum und Dad waren, die mich nicht in Hogwarts haben wollten. Könnte es damit zusammenhängen, daß Severus hier schon ziemlich lange Lehrer ist und ich unweigerlich seine Schülerin gewesen wäre? Aus irgendeinem Grund wolltest Du nicht, daß wir uns begegnen?“

Dumbledore betrachtete sie nachdenklich. Schließlich seufzte er. Ein kurzer Blick auf die anderen Anwesenden bestätigte ihm, daß niemand zuhörte. Trotzdem zog er Ayla noch ein wenig beiseite, bevor er antwortete.

Auch wenn ich es besser wissen sollte, überraschen mich Dein Verstand und Deine Kombinationsgabe immer wieder. Es stimmt aber nicht ganz. Als Du alt genug warst, um nach Hogwarts zu gehen, haben Deine Mutter und ich entschieden, daß es besser wäre, Dich von gewissen Dingen fernzuhalten. Zu diesem Zeitpunkt war Severus noch nicht Lehrer hier. Später habe ich Dich und Severus dann sehr bewusst voneinander ferngehalten, genauso wie während seiner eigenen Schulzeit, als Du nur in den Ferien nach Hogwarts kommen durftest, wenn er nicht da war. Doch mehr werde ich Dir jetzt nicht sagen, für den Rest musst ich Dich noch um ein wenig Geduld bitten.“

Ayla funkelte ihn an und knurrte: „Die ist mir leider im Moment abhanden gekommen.“

Dumbledore kicherte verhalten. „Vielleicht sollte ich Dir bei der Suche behilflich sein?“, bot er an.

Ich meine es Ernst!“, fauchte Ayla ungewohnt heftig. Professor Flitwick sah verdutzt herüber. Dumbledores Augen verengten sich kurzzeitig. In seinen Augen glomm kurz Ärger auf, doch dann legte er Ayla beruhigend eine Hand auf ihren Arm.

Liebes, es tut mir leid, aber jetzt ist der falsche Zeitpunkt“, beschwichtigte er sie leise. „Ich habe noch niemals ein Versprechen gebrochen, daß ich Dir gegeben habe.“ Er wartete, bis sie nickte. „Daher verspreche ich Dir nun, Dir zu gegebener Zeit alles zu erklären. Ich nehme an, Du wirst Weihnachten nach Hause fahren?“

Ja, das hatte ich eigentlich vor“, erwiderte Ayla abwartend.

Gut, dann solltest Du mit Darryl reden“, befand Dumbledore.

Was hat er damit zu tun?“, wollte Ayla irritiert wissen.

Nichts. Aber es wäre an der Zeit, daß er gewisse Dinge über Dich erfährt. Und danach werden wir beide miteinander reden.“

Ayla seufzte ungeduldig. Bis zu den Weihnachtsferien waren es noch drei lange Wochen. Doch sie wusste, wie unnachgiebig Dumbledore sein konnte, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.

Also schön“, stimmte sie resigniert zu. „Ich werde warten. Aber falls Du mich noch länger hinhalten willst, Albus Dumbledore, dann mach Dich auf was gefasst. Bist Du beim Duell eigentlich noch genauso schnell wie früher?“

Jetzt funkelten Dumbledores Augen vergnügt über den Rand seiner Halbmondbrille, als er antwortete: „Oh, ich glaube mit Dir würde ich es schon noch aufnehmen können.“

Wenn Du Dich da mal nicht täuschst. Ich habe einen hervorragenden Lehrer“, grinste sie nun. Sie sahen sich an und begannen beide zu kichern. Wieder sah Flitwick irritiert herüber, was die beiden nur noch mehr erheiterte.

Als sie sich schließlich beruhigt hatten, legte Ayla kurz den Kopf an Dumbledores Schulter. Er legte seinen Arm um sie und tätschelte sie gutmütig.

Entschuldige, daß ich Dich so angefahren habe. Ich weiß auch nicht, was in letzter Zeit mit mir los ist“, meinte sie.

Schon gut. Jeder hat gelegentlich einen schlechten Tag“, erwiderte er, dann küsste er sie auf die Stirn. „Ich muss mich jetzt auf den Weg machen.“

Ayla lächelte ihm zum Abschied zu, als er den Raum verließ.


Die nächsten Tage verliefen wie immer.

Ayla fiel es schwer, morgens, wenn es noch dunkel war, aufzustehen. Noch nie vorher hatte sie ausschließlich Sport unterrichtet. Sie war nun seit über drei Monaten in Hogwarts und von früh bis spät auf den Beinen. Abends fiel sie oft, vor Müdigkeit erschöpft, einfach ins Bett.

Ihr vorheriges Leben spielte fast keine Rolle mehr. Manchmal vermisste sie ihre Freunde und die gemeinsamen Unternehmungen, aber hier in Hogwarts hatte sie für beinahe alles vollwertigen Ersatz gefunden.

Wenn ihr morgens die Posteulen ihre Briefe von daheim brachten, wurde ihr hin und wieder bewusst wie sehr sie selbst sich verändert hatte. Alles was sie in ihnen las, berührte sie kaum noch.

Die Briefe die sie selbst schrieb kamen ihr nichts sagend und leer vor. Darryl schien allerdings zu glauben, daß sie sich einfach nur langweilte und nichts erlebte. Ihm schien es plausibel, daß sie deswegen so wenig schrieb.

Henry konnte sie ein wenig mehr erzählen, aber auch ihm gegenüber schwieg sie sich über gewisse Dinge, insbesondere das was Snape und sie betraf, einfach aus. Manches konnte man eben nicht aufschreiben, sondern nur persönlich erzählen.

Sie freute sich darauf in den Weihnachtsferien endlich Henry, Helen und ihren Dad wiederzusehen. Noch nie war sie so lange von ihnen fort gewesen. Doch einer Begegnung mit Darryl würde sie am liebsten aus dem Weg gehen. Je näher das Fest rückte, desto mehr war sie im Zwiespalt. Sie hatte das ungute Gefühl, daß die Entscheidung darüber, was sie in Zukunft tun würde, sich nicht mehr bis zum Sommer aufschieben ließe, denn nicht Darryl war es, bei dessen Briefen sie Herzklopfen bekam.

Snape hatte sich immer weiter in ihr Herz geschlichen. Besonders da er seit ihrem Besuch in London so zurückhaltend war, bemerkte sie, was er ihr eigentlich bedeutete.


Am Anfang der nächsten Woche war das Wetter klirrend kalt, doch hin und wieder blickte die Sonne hervor. Ayla beschloss ihre Mittagspause zu nutzen, um bei einem Spaziergang in der angenehm klaren Winterluft nachzudenken. Sie zog sich ihren dicken, roten Winterumhang an, nahm Schal und Handschuhe und ging mit zügigen Schritten hinaus.

Als sie bei Hagrid vorbei kam, klopfte sie.

Erfreut öffnete Hagrid ihr die Tür. „Ayla, was tust Du denn hier?“

Ich mache einen Spaziergang. Mir ist nach viel frischer Luft im Wald. Vielleicht möchte Fang mit mir kommen?“

Der Saurüde hatte seinen Namen gehört und kam gleich angerannt. Heftig mit seinem unterarmdicken Schwanz wedelnd stand er vor Ayla.

Frage beantwortet“, grinste sie. „Komm, Fang. Lass uns gehen.“

Hagrid lachte dröhnend.

Ohne weiter auf ihren Weg zu achten, streifte sie zusammen mit Fang kreuz und quer durch den Wald. Hin und wieder warf sie einen der Stöcke, die Fang heran schleppte und hinter denen er dann begeistert herlief.

Nach einer Weile fand sie sich an der kleinen Lagune am See wieder, an der sie und Snape sich das erste Mal so Nahe waren.

Während Fang ein Stück ins Wasser lief, um seinen Durst zu stillen, streifte sie am Ufer entlang und sammelte Kieselsteine, bevor sie sich auf einem der zahlreichen großen und kleinen Felsbrocken, nahe des Wassers, niederließ. Versonnen betrachtete sie die Kreise im Wasser, als sie einen Stein nach dem anderen hinein warf. Fang lief noch schnüffelnd zwischen den Bäumen hin und her, bevor er zu Ayla kam und seinen Kopf auf ihren Schoß legte. Sie kraulte ihm die Ohren.

Soll ich Dich in eine Katze verwandeln? Dann kannst Du schnurren“, bot sie Fang lächelnd an, was dieser mit einem seligen, weltentrückten Blick aus seinen braunen Samtaugen beantwortete. Schließlich legte er sich mit einem wohligen Grunzen neben dem Felsen hin.

Aylas Gedanken kreisten um die Geschehnisse der letzten Wochen. Nichts war, wie es schien und sie war offenbar in etwas verstrickt, das sie nicht einschätzen konnte.

Das Rauschen von Flügeln dicht über ihrem Kopf riß sie aus der Versunkenheit. Auf dem Felsen neben ihr landete elegant der Augurey, den sie vor einigen Wochen in Begleitung von Fawkes am See gesehen hatte.

Hallo Arcanus“, begrüßte sie den Vogel lächelnd. „Lange nicht gesehen. Allein heute?“

Er hüpfte vom Felsen herunter und flatterte etwas näher heran. Kurz vor ihren Füßen blieb er sitzen. Sein schwarz-grünes Gefieder schimmerte, als mit einem Mal die fahle Wintersonne hinter einer Wolke hervorbrach. Unvermittelt stürzten Tränen aus Aylas Augen. Ungeduldig rieb sie sich mit dem Ärmel über das Gesicht.

Verflixt noch mal“, schimpfte sie. Arcanus legte den Kopf schief und betrachtete sie kritisch. Ayla bemerkte es und grinste unter Tränen zu ihm hinüber. „Jetzt kann ich noch nicht einmal mehr etwas schwarzes sehen, ohne an ihn zu denken und völlig aus dem Konzept zu geraten.“ Sie schniefte noch einmal, dann hatte sie sich wieder beruhigt.

Weißt Du Arcanus“, begann sie und sah wieder auf das Wasser hinaus. „Ich kenne jemanden, der ist ein richtiges Ekel: launisch, zynisch, rücksichtslos und egoistisch, um nur ein paar positive Eigenschaften zu nennen. Und nicht nur das, er hat früher viele schreckliche, wirklich grausame Dinge getan. Er hat es mir selbst gesagt. Und was er heute alles tut, weiß ich kaum. Eigentlich gehört er zu der Sorte Mensch, von denen meine Eltern sagen, ich solle mich besser von ihnen fernhalten.“ Sie machte eine Pause. Der Vogel zu ihren Füßen saß reglos wie eine Statue, doch er sah irgendwie verärgert aus.

Aber weißt Du, was das allerschlimmste ist, was er getan hat? Etwas, daß ich ihm in meinem ganzen Leben nicht verzeihen werde! Dieser -“ Arcanus flatterte erschreckt zur Seite, als sie abrupt aufsprang, sich bückte und voller Zorn einen dicken Stein ins Wasser warf. Es klatschte laut. Fang sprang auf und bellte irritiert.

Ayla sah Arcanus aufgebracht an. Der Augurey wirkte unentschlossen, so als wolle er entweder jeden Moment die Flucht vor Fang ergreifen oder auf Ayla losgehen.

Dieser Idiot! Er hat es wirklich und wahrhaftig geschafft, daß ich ... ach verdammt!“ Noch ein Stein flog hinterher. Er war größer und das Platschen deutlich lauter. Wieder liefen die Tränen aus Aylas Augen, die sie sich gereizt wegwischte. Fang hatte sich wieder beruhigt und blickte verständnislos von Ayla zu dem Augurey.

Ich habe mich in diesen unmöglichen Menschen verliebt!“

Ayla sah Arcanus hilflos an. Dieser erwiderte skeptisch ihren Blick. Sie ging vor Arcanus in die Hocke und strich ihm sanft über das Gefieder. Er ließ sie nicht aus den Augen.

Nein. Schlimmer: Ich liebe ihn“, gestand sie dem Vogel leise.

Sie schlug sich die Hand vor den Mund und schien selbst verblüfft über diese Erkenntnis. Langsam stand sie wieder auf und setzte sich auf den Felsen.

Fang hatte offensichtlich beschlossen, daß keine Gefahr drohte und legte sich wieder hin. Lange Zeit starrte Ayla auf den See. Schließlich seufzte sie tief. Sie legte die Handflächen aneinander und hielt sie sich vor das Gesicht.

Ach, Arcanus, ich wünschte es wäre jetzt alles so einfach, aber das ist es nicht. Es gibt noch jemanden, von dem er nichts weiß und das verkompliziert das Ganze.“

Sie rieb mit ihren Handballen heftig über ihre Augen. Dann stand sie entschlossen auf. Der Augurey hatte sie die ganze Zeit beobachtet. Dabei war er nicht von der Stelle gewichen.

Entschuldige, daß ich Dich mit meinen Problemen belästigt habe. Aber immerhin habe ich es endlich laut ausgesprochen und kann mir zukünftig sparen mich selbst anzulügen. Ob mir das jetzt allerdings weiterhilft, weiß ich noch nicht.“ Sie lächelte dem Vogel achselzuckend noch einmal zu, der sie immer noch mit unergründlichem Blick anstarrte. „Ich muss jetzt gehen, sonst komme ich zu spät zum Unterricht.“

Als hätte Arcanus darauf gewartet, breitete er seine Flügel aus und erhob sich elegant in die Luft. Er kreiste kurz über Ayla, stieß einen tiefen, wummernden Schrei aus und verschwand dann über den Wipfeln des Verbotenen Waldes.

Ayla blickte ihm nach. Fang stand nun ebenfalls auf und reckte sich.

Nanu, es sieht doch gar nicht nach Regen oder Schnee aus“, wunderte sich Ayla. „Und überhaupt, wieso sitzt er bei diesem schönen Wetter nicht in seinem Nest? Ich dachte immer, irische Phönixe fliegen nur bei Regen.“

Während sie nachdenklich die Stirn in Falten legte, machte sie sich wieder auf den Rückweg zum Schloss. Fang lief fröhlich voraus. Ihn hatte das alles herzlich wenig interessiert.

Auf dem Weg stellte Ayla fest, daß ihr tatsächlich ein wenig leichter ums Herz war. In genau zwei Wochen war der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien. Dann hätte sie ein wenig Zeit, um Abstand von allem zu gewinnen, was sie in den letzten Monaten erlebt hatte. Sofern Snape es sich bis dahin nicht schon wieder anders überlegte und sich weiterhin zurückhielt, würde es wohl auch nicht weiter schwer sein, sich dann in Ruhe zu überlegen, wie es weitergehen sollte. Aber ob er das tat, wagte sie bei seiner Launenhaftigkeit eventuell doch zu bezweifeln.


Am nächsten Tag nach dem Unterricht spielte sie mit einigen Sechst- und Siebtklässlern, darunter auch Harry und Hermine, Basketball.

Bei den oberen Jahrgangstufen war Ayla besonders beliebt. Den Jugendlichen war ihre eher lockere Art eine willkommene Abwechslung zum sonst eher anstrengenden Alltag in der Zaubererschule.

Da Ayla keine Noten zu vergeben hatte, sondern nur dafür sorgte, daß alle Schüler ihren Unterricht besuchten, hatte sie inzwischen auch keine Hemmungen mehr, ihr Verhältnis zu den Schülern freundschaftlicher zu gestalten. Inzwischen nannten sie nicht nur Harry und seine Freunde beim Vornamen, sondern auch noch zahlreiche andere.

Trotz allem respektierten die Schüler Ayla und widersetzten sich nur selten ihren Anordnungen. Ausnahmen, zumeist aus dem Hause Slytherin, bestätigten nach wie vor die Regel, was Ayla sehr gelassen nahm. Sehr zum Leidwesen der Betreffenden schaffte sie es aber jedes mal, ihren Kopf durchzusetzen.

Anfangs hatten die anderen Lehrer zum Teil kritisch beobachtet, daß sie den Schülern nicht mit der sonst in Hogwarts üblichen Autorität begegnete. Weil Ayla aber in den notwendigen Situationen durchaus in der Lage war durchzugreifen und ihre Position klar zu machen, kümmerte sich inzwischen niemand mehr darum.


Gib ab Dean!“

Hier! Ich steh frei!“

Au! Pass doch auf!“

Los! Werf! Jetzt... Ach Mist, vorbei.“