DIE HÜTER DES LICHTS

von fee-morgana





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Kapitel 1-24



Die Hüter des Lichts
Inhaltlich beginnt die Geschichte in den Sommerferien vor Harrys 6. Schuljahr und baut den gesamten Plot des Halbblutprinzen mit ein. Also z.B. das Opalhalsband, Quidditch usw. Allerdings erzähle ich die Geschichte nicht aus Harrys Sicht, so daß es eine komplette Parallele Handlung ergibt und Harry bislang nur sporadisch auftritt.
Wolltest Du nicht schon immer wissen, warum Snape bei dem Opalhalsband so genau wußte, wie er Katie Bell helfen kann und was hinterher mit dem Ding passiert ist ;-) Es gibt aber auch ein paar Ereignisse, die so im HBP nicht stattfinden, sonst wäre es ja langweilig.

Nachdem Severus Snape von Dumbledore erfahren hat, warum er ihm endlich den Posten für Verteidigung gegen die Dunklen Künste gegeben hat, muß Snape auf Bitten Dumbledores eine neue Lehrerin in Hogsmeade abholen. Sie soll im folgenden Schuljahr ein neues Fach in Hogwarts unterrichten. Ayla McLellan ist unter Muggeln aufgewachsen und hat nie eine Zaubererschule besucht, daher sind ihre Fähigkeiten als Hexe eher mäßig. Sie tritt mit ihrer unkonventionellen Art in manches Fettnäpfchen und Snape macht es ihr mit seiner gewohnt liebenswürdigen Art auch nicht leichter. Doch sie läßt sich nicht ins Bockshorn jagen. Schon nach ein paar Tagen schöpft Snape Verdacht, daß sie diejenige ist, von der Dumbledore ihm erzählt hat, als er vor Jahren seine Stelle als Lehrer für Zaubertränke in Hogwarts angetreten hat. Auch wenn er noch skeptisch ist, beginnt er sie zu unterrichten, denn er wird eines Tages auf ihre Fähigkeiten angewiesen sein. Doch Gefühle lassen sich nicht in Zauberformeln verpacken...oder doch?



Bedenke wohl, was Du Dir wünscht

 

Es klopfte laut an der dicken, hölzernen Tür.

„Herein", schnarrte eine dunkle Stimme unfreundlich. Es klang allerdings nicht so, als ob die Aufforderung tatsächlich ernst gemeint war. Die Tür öffnete sich.

Severus Snape saß an seinem Schreibtisch und blickte überrascht von seinen Papieren auf, als er den Schulleiter Albus Dumbledore eintreten sah.

„Störe ich?", fragte dieser munter.

Nach Snapes Gesichtsausdruck zu urteilen, tat Dumbledore das durchaus, doch Dumbledore ging unbeeindruckt zum Schreibtisch und beschwor mit einem Schwung seines Zauberstabs einen bequemen Lehnstuhl herauf, in dem er, Snape gegenüber, Platz nahm. Er legte die Fingerspitzen aneinander, während er Snape abschätzend ansah. Einen Moment lang schwiegen die beiden Männer. Jeder schien darauf zu warten, daß der andere das Wort ergriff.

Schließlich fragte Snape, mit Blick auf Dumbledores geschwärzte Rechte: „Wie geht es Ihrer Hand, Direktor?"

Dumbledore wiegte mit dem Kopf. „Nun, ich fürchte sie hat schon bessere Zeiten gesehen. Aber im Großen und Ganzen kann ich damit leben."

„Wären Sie nur ein wenig früher gekommen, hätte ich den Schaden stärker eingrenzen können", meinte Snape.

„Du hast mein Leben gerettet, Severus. Dafür bin ich Dir ausgesprochen dankbar."

Snape wich dem Blick von Dumbledore aus, so als wäre es ihm äußerst unangenehm, darüber zu reden. Dumbledore schmunzelte ein wenig, dann fuhr er fort: „Auch wenn sich zwischenzeitlich erwiesen hat, daß es wohl irgendwann auf das Gegenteil hinauslaufen wird."

Snape sah Dumbledore missmutig an. „Es gab keine andere Möglichkeit. Anderenfalls hätte ich zu viel Misstrauen erregt", sagte er unwillig. Er schien sich für seine Tat rechtfertigen zu wollen.

Dumbledore hob begütigend die Hand. „Ich mache Dir auch keinen Vorwurf. Du hast das getan, was Du für richtig hieltest. Es war in der gegebenen Situation das einzig Sinnvolle, wie mir scheint."

Snape stand abrupt auf. Er ging unruhig durch den Raum. Dumbledore betrachtete ihn gelassen.

„Severus", sagte er leise. Snape blieb stehen und seine schwarzen Augen glitzerten, als er Dumbledore fixierte. „Du hast immer noch mein volles Vertrauen. Ich werde im folgenden Schuljahr meine Anwesenheit in der Schule sehr stark einschränken. So können wir einigermaßen sicherstellen, daß die Zeit ausreichen wird, alles nötige zu veranlassen. Wenn ich nicht da bin, wird mich auch niemand angreifen können."

Snape nickte knapp, dann nahm er seine Wanderung wieder auf. Nach einer Weile setzte er sich jedoch wieder hin. Er schien sich beruhigt zu haben, denn seine Miene war undurchdringlich, als er fragte: „Warum lassen Sie mich ausgerechnet jetzt die Dunklen Künste unterrichten? Warum nicht schon früher? Ich hätte -"

Dumbledore hob die Hand, um ihn zu unterbrechen. „Du solltest meine Entscheidungen diesbezüglich nicht in Frage stellen. Ich habe dir schon oft genug eine Antwort darauf gegeben, warum ich es bisher abgelehnt habe", sagte Dumbledore etwas ungeduldig.

„Direktor", wandte Snape ein, „ich weiß, Sie glauben, daß ich mich durch die Dunklen Künste zu sehr beeinflussen -"

„Genug!"

Dumbledore war aufgestanden. Seine Augen funkelten über den Rand seiner Halbmondbrille und obwohl er seine Stimme nicht erhoben hatte, war klar, daß er keinerlei Widerspruch zuließ. Dumbledore strahlte eine so vollkommene, natürliche Autorität aus, daß Snape für sich behielt, was er noch hatte sagen wollen.

Diesmal war es Dumbledore, der eine unstete Wanderung durch den Raum begann. Snape war ein wenig verwundert darüber, denn es war ungewöhnlich, daß Dumbledore so offen Unruhe zeigte. Es schien, als wäge er ab, was er als nächstes sagen solle. Schließlich setzte sich Dumbledore wieder auf den Lehnstuhl.

Er seufzte ein wenig, doch dann begann er zu reden: „Es stimmt zwar, daß ich immer die Befürchtung hatte, daß die übermäßige Beschäftigung mit den dunklen Künsten Dich negativ beeinflusst. Aber inzwischen bin ich mir Deiner Treue sicher, so daß dieses nicht mehr der Punkt war." Snapes schwarze Augen glitzerten im dämmrigen Licht seines Büros. „Es gibt einen weiteren Grund, den ich Dir aber bislang verschwiegen habe. Vielleicht hast Du Dich in der Vergangenheit gelegentlich darüber gewundert, daß jeder Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste nur ein Jahr geblieben ist. Es gibt auch genug Spekulationen über den Grund. Die Wahrheit aber ist: Vor vielen Jahren kam Lord Voldemort -" Snape verzog sichtlich bei der Nennung des Namens das Gesicht. „und bewarb sich als Lehrer für diesen Posten. Ich lehnte verständlicherweise ab, doch sein Groll war groß. Genau seit dieser Zeit konnten wir keinen Lehrer dieses Fachs für länger als ein Jahr behalten. Egal, was ich auch versucht habe, es gelang nicht."

Er machte eine Pause, während der er Snape aufmerksam über den Rand seiner Halbmondbrille beobachtete. Snapes Stirnfalte vertiefte sich. Er dachte über die Bedeutung dieser Tatsache nach.

Dumbledore bemerkte: „Ich wollte nicht das Risiko eingehen, Dich am Ende eines Schuljahres auf irgendeine Weise zu verlieren."

„Aber wieso soll ich dann jetzt die Dunklen Künste unterrichten?", wollte Snape leicht irritiert wissen.

„Nachdem Du den unbrechbaren Schwur geleistet hast, bleibt uns nicht mehr viel Zeit etwas zu unternehmen", stellte Dumbledore fest. „Wir können alles tun, um es hinauszuzögern, aber es wird uns nicht ewig gelingen. Ich denke, daß wir kaum länger als ein Jahr Zeit haben und Du weißt, was mit Dir passieren wird, wenn Du Deinen Schwur einlösen musst. Dies wird also Dein letztes Jahr in Hogwarts sein, Severus. Deshalb fand ich es passend, daß sich Dein Wunsch endlich erfüllt."

Snape starrte Dumbledore einen Moment lang völlig fassungslos an. Seine Augen flackerten.

„Nein! Das kann nicht Ihr Ernst sein", widersprach er. Dabei war seine Stimme eine Spur zu laut.

„Doch, das ist es. Und Du weißt, daß ich recht habe", bemerkte Dumbledore ruhig.

Snape rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über die Nasenwurzel. Die Stille im Raum war greifbar. Nach einer Weile hatte er sich wieder im Griff und sagte: „In Ordnung. Aber ich werde alles tun, um zu verhindern, daß ich meinen Schwur einlösen muss."

Dumbledore lächelte breit, als er erwiderte: „Natürlich."

Die beiden Männer sahen sich schweigend an.

Irgendwann stand Dumbledore auf, schwang seinen Zauberstab und der Lehnstuhl verschwand.

„Mit dem Hogwarts-Express kommt morgen auch eine neue Lehrerin an. Es wäre gut, wenn Du sie in Hogsmeade abholen würdest",

sagte Dumbledore noch.

„Warum?", fragte Snape unmutig, denn im Allgemeinen fanden die neuen Lehrer alleine den Weg zur Schule. „Sie können Filch schicken."

„Das könnte ich. Aber ich bitte Dich darum", gab Dumbledore freundlich zurück. Dann nickte er ihm noch einmal kurz zu. Während Dumbledore den Raum verließ, sah Snape ihm gereizt hinterher.



Entscheidungen

 

„Verdammt, wir schaffen es nicht!"

Unruhig trommelte der Mann mit den Fingern auf das Lenkrad. Warum musste auch jede verdammte Ampel auf dem Weg rot zeigen? Es war wie verhext.

„Keine Panik, lass mich einfach vor dem Haupteingang raus. Ich finde den Weg schon allein."

„Uns bleibt wohl keine andere Wahl", brummte er missmutig. „Ich versuche so schnell wie möglich einen Parkplatz zu finden und nachzukommen. Allerdings dürfte das hier in London ziemlich sinnlos sein. Zaubern müsste man können", fügte er seufzend hinzu.

Sie grinste in sich hinein. Natürlich war es kein Zufall, daß alle Ampeln rot waren und sie trotz rechtzeitigem Aufbruchs drohten, zu spät zum Zug zu kommen. Sie wollte von vornherein nicht, daß er sie nach Kings Cross brachte. Wie sollte sie ihm auch erklären, was es mit der merkwürdigen Gleisnummer auf ihrer Fahrkarte auf sich hatte. Und vor allem wie sie zu diesem besonderen Gleis hinkommen würde.

„Gleis neun, Abschnitt drei bis vier oder so ähnlich? Also da sind wir, ich beeile mich!" Er hielt direkt vor dem Eingang an und ignorierte die unwilligen Blicke der Vorbeifahrenden, für die er ein Hindernis darstellte.

„Darryl, es hat keinen Sinn, der Zug fährt in nicht einmal fünf Minuten", erklärte sie. „Ich schreibe Dir." Sie griff zum Hebel um die Tür zu öffnen.

Darryl legte seine Hand auf ihren Arm.

„Ayla, muss das wirklich sein? Ein ganzes Jahr?"

Seine Stimme klang traurig. Sie seufzte. Das hatten sie in den vergangenen drei Wochen oft genug besprochen.

„Ja! Es muss! Und es gibt keine Möglichkeit mich anzurufen. Wenn Du mir schreiben willst, gib die Briefe Henry. Er wird sie an mich weiterleiten."

„Ayla! Warum?"

„Du weißt, daß ich Dir darauf nicht antworten werde", antwortete sie kühl.

Sie küsste ihn noch einmal flüchtig auf die Wange und stieg aus. Der Fahrer hinter ihnen hatte schon ungeduldig auf die Hupe gedrückt.

Sie hievte schnell ihren kleinen Koffer aus dem Kofferraum, schulterte ihren Rucksack, dann verschwand sie ohne sich noch einmal umzudrehen im Bahnhof Kings Cross. Beim Einladen ihres spärlichen Gepäcks hatte Darryl sich gewundert.

„Das ist alles was Du für ein ganzes Jahr mit nimmst?"

Sie hatte etwas von „Gepäck schon vor geschickt" gemurmelt und schnell das Thema gewechselt. Manchmal war Zauberei eben ungemein praktisch.

Sie rannte fast, um zur Absperrung zwischen Gleis neun und zehn zu gelangen. Sie wusste was zu tun war. Ohne weiter darüber nachzudenken, ging sie hindurch und tauchte augenblicklich in eine andere Welt.

Sie gönnte sich einen Moment, um tief durchzuatmen und alles was auf sie einströmte in sich aufzunehmen. Darryl würde sie jetzt garantiert nicht mehr finden.

Jede Menge sonderbar gekleidete Leute waren um sie herum. Kinder und Jugendliche jeden Alters wimmelten umher, die Älteren unter ihnen stiegen aufgeregt in den wartenden Zug, Eltern reichten vergessene Dinge hinterher oder zückten vorsorglich Taschentücher.

Ayla lächelte versonnen. Das hätte sie als Kind auch gerne erlebt, aber leider war es ihr nicht bestimmt gewesen. Das Signal des Zuges ertönte. Sie ging schnell die Waggons entlang, gab ihr Gepäck im Gepäckwagen ab und stieg ein.

Die Abteile waren mit Schülern voll besetzt. Sie ging suchend an den Abteiltüren entlang, bis sie eins fand in dem noch etwas frei war.

Sie öffnete die Tür und fragte munter: „Hallo, habt ihr vielleicht noch einen Platz für mich?"

Eine kichernde Zweitklässlerin machten ihr einen Sitz am Fenster frei und ließ sich selbst auf dem bislang freien Platz in der Mitte nieder.

Ayla bedankte sich, dann verstaute sie ihren Rucksack im Gepäcknetz. Während der Zug bereits anfuhr, lehnte sie sich aufatmend zurück.

Ihr Herz fing mit einem Mal an, heftig zu klopfen. Sie hatte es getan! Sie saß im Hogwarts-Express und war auf dem Weg, um ihre neue Stelle als Lehrerin an der Hogwartsschule für Hexerei und Zauberei anzutreten. Was würde ihr die Zukunft bringen?

 

Sie sah aus dem Fenster. Die Besiedlung neben den Gleisen wurde allmählich spärlicher. Schließlich war der Zug aus London heraus und sie fuhren über eine weite offene Landschaft gen Norden. Hin und wieder passierten sie kleinere Ortschaften.

Die Unruhe im Zug war einer ruhigen Betriebsamkeit gewichen. Die Tür zu ihrem Abteil ging gelegentlich auf. Offensichtlich hatten noch nicht alle ihre Freunde gefunden. Die Schüler begrüßten einander und erzählten sich die Erlebnisse der langen Sommerferien.

Sie hörte nicht wirklich zu, schnappte nur hier und da eine Bemerkung auf, die sie gleich darauf wieder vergaß. Sie hing ihren eigenen Gedanken nach, denn sie dachte über die Geschehnisse nach, die sie hierher gebracht hatten.

 

Darryl - sie kannten sich schon ihr Leben lang. Er wohnte nur eine Straße weiter und war ein knappes Jahr älter als sie. Als Kinder gehörten sie zur gleichen Bande, die die Nachbarschaft in Aufruhr versetzte. Sie lächelte bei dem Gedanken an die Streiche, die sie zusammen mit den anderen Kindern ausgeheckt hatten.

Noch heute wohnten die meisten von ihnen in der Nähe, waren selbst erwachsen geworden. Gelegentlich trafen sie sich zu gemeinsamen Unternehmungen. Einige hatten geheiratet und der ein oder andere Nachwuchs hatte sich bereits eingestellt.

Ayla jedoch war schon immer etwas eigentümlich gewesen. Niemand von den Anderen konnte genau sagen, wo eigentlich der Grund hierfür lag, aber die Kinder akzeptierten sie so wie sie war. Auf ihre ganz eigene Art war sie eine der ihren.

Wann immer sie in den Wald gingen, war Ayla dabei. Niemals fühlten sie sich dann unsicher oder ängstlich. Fanden sie ein verletztes Tier, war es Ayla, die es beruhigte und sagen konnte, ob es überleben würde. War es dem Tode geweiht, blieb sie bei ihm bis es seinen letzten Atemzug getan hatte, um es anschließend zu begraben. Das, was sie dabei gelegentlich murmelte, die Gesten, die sie dabei vollführte waren den Kindern immer etwas unheimlich. Doch Ayla war eben anders.

Immer fand sie den Weg nach Hause, wenn sie sich verlaufen hatten.

Wurden sie von der Bande der Nachbarsiedlung angegriffen gewannen sie immer, wenn Ayla bei ihnen war. Merkwürdigerweise fielen die Gegner dann ständig über ihre eigenen Beine oder es passierten andere unerklärliche Missgeschicke. Ayla kämpfte nie, aber sie beobachtete mit ihren klaren blauen Augen alles, was vor sich ging.

Wenn Ayla dabei war, gelang einfach alles. Sie war ihre heimliche Anführerin.

Keiner ihrer Freunde hatte jemals den Grund für all das erfahren. Schon als kleines Kind hatte sie ihrer Mutter geschworen ihr Geheimnis zu wahren.

Sie war eine Hexe.

So wie ihre Mutter.

Auch vor Darryl hatte sie bis zuletzt dieses Geheimnis sorgsam gehütet. Obwohl sie einander schon so lange kannten, waren sie erst seit gut zwei Jahren ein Paar. Vorher hatten sie beide die eine oder andere Beziehung gehabt. Doch eines Tages nach einer Party entdeckten sie, daß es zwischen ihnen vielleicht doch mehr als nur Freundschaft gab.

Alle in ihrer Umgebung - ihre Freunde sowie Familien - waren erleichtert, daß sie endlich zueinander gefunden hatten. Sie passten doch so gut zusammen.

 

Ein Tumult vor ihrer Abteiltür unterbrach ihren Gedankenfluss.

Sie stand auf, straffte ihre Schultern und trat durch die Tür. Schließlich war sie ab heute Lehrerin in Hogwarts, die Verantwortung trug.

„Was ist hier los?"

Die Köpfe der Schüler flogen herum. Erstaunt betrachteten sie die blonde, junge Frau, die sich energisch mit den Händen in den Hüften vor ihnen aufgebaut hatte und die Augenbrauen fragend hob.

„Sie", sie deutete auf einen hochroten braunhaarigen, etwa vierzehn Jahre alten Jungen. Er hielt seinen Zauberstab auf einen gleichaltrigen Mitschüler gerichtet. Der andere war ebenfalls im Begriff den seinen zu ziehen.

„Was genau haben Sie vor?"

Ihre Stimme klang ruhig, aber bestimmt und schien einem nicht die Möglichkeit einzuräumen, nicht zu antworten.

„Ich...äh...", stotterte der Junge. Dabei wurde sein Gesicht womöglich noch roter.

„So ausführlich wollte ich es gar nicht wissen", grinste Ayla. „Ich habe keine Ahnung, wo der Grund ihres Streits liegt, und -" sie hob die Hand als der Junge den Mund öffnete, um etwas zu sagen „es geht mich vermutlich auch nichts an. Also geben Sie Ihre Zauberstäbe Ihren Freunden, verziehen sich in ein leeres Abteil, schließen die Vorhänge und versuchen das ganze verbal zu klären. Ich denke Sie sind der Sprache mächtig?", fügte sie freundlich hinzu.

„Äh ja, natürlich....Miss...", meinte der braunhaarige Junge verlegen und der andere murmelte etwas unverständliches.

„Ayla McLellan", stellte sie sich vor. „Wollten sie nicht gerade ihren Zauberstab....." Sie wedelte mit der Hand.

Hektisch reichten die Jungen die Zauberstäbe ihren Freunden und mit einem dankbaren Blick auf Ayla verschwanden sie im nächstgelegenen Abteil. Das Schuljahr gleich mit einer saftigen Strafe zu beginnen, war schließlich nicht erstrebenswert.

„Na also, geht doch", meinte sie lächelnd.

Zufrieden kehrte sie an ihren Platz zurück. Sie bemerkte wie die anderen Schüler sie neugierig betrachteten und ihre Köpfe zusammensteckten.

Sie mochte Kinder, daher war sie auch Lehrerin geworden. Dem Anschein nach war es allein diese Tatsache, die es ihr jetzt ermöglicht hatte nach Hogwarts zu gehen.

Es würde sicher etwas vollkommen anderes sein, Zaubererkinder zu unterrichten, die mit Muggelfächern nichts anzufangen wussten. Zwei ihrer Fächer, Mathematik und Chemie, konnte sie getrost vergessen. Auch wenn Arithmantik und Zaubertränke gewisse Ähnlichkeiten aufwiesen, hätte sie diese niemals unterrichten können, denn dafür reichte ihr Wissen in diesen Fächern einfach nicht aus.

Sie freute sich aber schon auf die Gesichter der Schüler, wenn Dumbledore ihnen eröffnete, welches neue Fach in Hogwarts ab diesem Schuljahr unterrichtet werden würde. In diesem einen Punkt hatte sie ihr Hobby zum Beruf gemacht.

Sie setzte sich so bequem hin, wie es ging und packte sich ein Sandwich aus. Ihr Magen knurrte bedenklich, denn sie hatte am morgen außer einem Kaffee und einem halben Toast nichts runter gebracht. Schon früh am Morgen waren sie zur langen Autofahrt nach London aufgebrochen. Darryl hatte darauf bestanden sie nach Kings Cross zu begleiten, auch wenn sie ihm versichert hatte, daß es durchaus genügen würde, sie bis zum örtlichen Bahnhof zu bringen.

Er wollte es bis zum Schluss nicht akzeptieren, daß sie ging. Ihre wahren Gründe konnte sie ihm nicht erklären. Nicht jetzt, denn dann hätte sie ihm die ganze Wahrheit sagen müssen, aber dazu war sich nicht bereit.

Tagelang hatte er auf sie eingeredet. Sie gebeten ihren Entschluss zu überdenken. Zornig war er gewesen, als sie sich nicht umstimmen ließ. Am Ende hatte er einfach aufgegeben. Es wollte ihm nicht in den Kopf, daß sie so plötzlich ging, ohne mit ihm vorher darüber zu sprechen und ihn einfach vor vollendete Tatsachen stellte.

Sie seufzte. Wie hätte sie es ihm erklären können?

Es tat ihr weh, ihn so leiden zu sehen, aber sie sah keine andere Möglichkeit als nach Hogwarts zu gehen. Sie musste endlich herausfinden, was für ihre Zukunft wichtig war.

 

Wie richtig ihr Entschluss zu sein schien, hatte sie bereits festgestellt, als sie in die Winkelgasse gekommen war, um sich alle fehlenden Dinge zu besorgen.

Es war das erste Mal seit Jahren, daß sie in die Welt eintauchte, die eigentlich die ihre war. Hier brauchte sie sich nicht zu verstellen.

Bisher war sie jedesmal zusammen mit ihrer Mutter in der Winkelgasse gewesen. Doch sie fand sich erstaunlich gut zurecht, obwohl ihr letzter Besuch an diesem Ort so lange zurücklag.

Zuerst hatte sie Gringotts besucht. Ihre Mutter hatte ihr nach ihrem Tod ihr gesamtes Zauberergeld hinterlassen.

Nach der Heirat mit ihrem Vater hatte ihre Mutter nur sehr selten etwas abgehoben. Ein Zauberstab für ihre Tochter, einige notwendige Bücher, mehr nicht. Ayla selbst hatte es seither nicht angerührt und so war es auf eine erkleckliche Summe angewachsen. Die Fahrt in die Tiefe stand einer gruseligen Achterbahnfahrt in nichts nach, fand sie. Nun, das brauchte sie gewiss nicht öfter und schüttelte sich bei dem Gedanken an die kalten, dunklen Tunnel.

Anschließend war sie durch die Straße geschlendert, hatte ziellos in den Läden gestöbert, um herauszufinden, was sie gebrauchen konnte.

Bei Madam Malkin hatte sie einige Umhänge anprobiert und dabei haltlos gekichert, als sie ihre ungewohnte Erscheinung im Spiegel betrachtete. Sie, die immer sportlich und modisch gekleidet war, kam sich in den Umhängen irgendwie merkwürdig vor. Aber Madam Malkin hatte ihr geholfen eine gute Auswahl zu treffen. Sie hatte versichert, es würde nur eine Frage der Zeit sein, bis sie sich daran gewöhnt hätte. Immerhin waren die Umhänge bequem und unter den meisten konnte sie durchaus ihre normale Kleidung tragen.

Sie hatte sich einige Bücher gekauft, auf deren Lektüre sie sich schon freute.

Da sie in der Muggelwelt nicht allzu viel Gelegenheit gehabt hatte ihre Fähigkeiten als Hexe einzusetzen, hatten diese jahrelang brach gelegen. Sie würde vieles nachzuholen haben, aber dazu gäbe es im kommenden Jahr sicher ausreichend Gelegenheit.

In der Auslage der Apotheke hatte sie fasziniert die verschiedenen Kräuter, Tränke und Salben betrachtet. Was es nicht alles gab!

Ganz in Gedanken war sie einige Schritte rückwärts gegangen und unversehens in einen Zauberer geprallt, der mit großen Schritten aus der Apotheke eilte. Sie schwankte, konnte sich aber noch abfangen.

„Können Sie nicht aufpassen!", schnarrte eine zornige Stimme. Der Zauberer war ebenfalls aus dem Gleichgewicht geraten, dabei war seine voll gepackte Tasche zu Boden gefallen. Fast der gesamte Inhalt ergoss sich auf den Gehsteig und einige Behältnisse sprangen auf.

„Es tut mir leid! Ich wollte nicht.....", murmelte Ayla mit hochrotem Gesicht, während sie sich bückte, um die Gegenstände einzusammeln. Sie hob eine zerbrochene Dose auf.

„Oh je, die ist wohl nicht mehr zu gebrauchen. Ich ersetze sie Ihnen natürlich!"

Der Zauberer sah sie mit einer Mischung aus Unglauben und Belustigung an, als er seinen Zauberstab hob.

„Reparo!"

Die Dose setzte sich flugs wieder zusammen und mit einem weiteren Schwung seines Zauberstabs flogen die heruntergefallenen Gegenstände wieder in die Tasche, wobei sich zerbrochenes wieder zusammensetzte.

„Haben sie keinen Zauberstab?", raunzte er ungehalten.

Ayla stand da und kam sich wie ein Schulmädchen vor. Seine dunklen Augen schienen sie zu durchbohren, aber sie hielt seinem Blick stand.

Er war ein wenig größer als sie und wirre schwarze Haare umrahmten sein bleiches Gesicht. Er funkelte sie immer noch drohend an.

„Doch", beantwortete sie endlich seine Frage. Weiter wusste sie nichts zu sagen. Sonst um keine schlagfertige Antwort verlegen, war ihr Kopf wie leer gefegt.

Während er sich näher zu ihr beugte, hob er eine Augenbraue. Seine Stimme war fast ein Flüstern als er zischte: „Dann sollten Sie ihn benutzen!"

Sie starrte immer noch zurück wie ein hypnotisiertes Kaninchen und konnte sich keinen Millimeter von der Stelle rühren. Er war ihr so nah, daß sie einen von ihm ausgehenden, undefinierbaren Duft nach Kräutern und herber Seife wahrnahm.

Ohne ein weiteres Wort, drehte er sich abrupt um. Im nächsten Moment war er mit wehendem, schwarzen Umhang verschwunden.

Ayla hatte verwirrt den Kopf geschüttelt. So ein ungehobelter Kerl, dachte sie. Doch dann war sie nachdenklich weiter gegangen. Eigentlich hatte er recht. Wie konnte sie nur so dumm sein, solch einen einfachen Spruch zu vergessen? Schließlich war sie eine Hexe.

Noch am selben Abend hatte sie sich in die neu erstandenen Zauberbücher vertieft. Etwas angestaubtes Wissen förderte sie wieder zutage. Dann übte sie alltägliche Zauber, bis sie wieder einigermaßen sicher saßen.

 

Je näher der Tag der Abreise rückte, je aufgeregter wurde sie.

Darryl und sie hatten sich immer seltener gesehen. Sie verstand seinen Zorn und seine Enttäuschung, aber sie sah sich außerstande es mehr als unbedingt nötig zu ertragen. Sie schämte sich, daß sie ihn so hinterging.

Seit diesem denkwürdigen Tag, an dem Darryl selbst den Stein ins Rollen gebracht hatte, ohne es zu wissen, hatte sie sich innerlich von ihm entfernt. Er war nach wie vor ihr Freund, Gefährte seit ihren Kindertagen und bis zu einem gewissen Grad auch ihr Vertrauter. Aber es war, als hätte sich eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen aufgerichtet. Auch er spürte, daß sie sich von ihm abwandte und es verwirrte ihn zusehends, weil er keinen Grund dafür erkennen konnte.

 

Die vorbeiziehende Landschaft war immer einsamer und wilder geworden. Stunden waren vergangen, die Sonne hatte sich merklich dem Horizont genähert, daher würde es sicher nicht mehr lange dauern, bis sie in Hogsmeade einliefen.

Ayla kramte in ihrem Rucksack und zog einen weinroten Umhang hervor.

„Ihre Haare sehen zu dem rot wundervoll aus", hatte Madam Malkin gemeint. „Sie leuchten wie Gold" Ayla hatte sich über das Kompliment gefreut.

Sie stopfte ihre Jacke und die Überreste ihrer Mahlzeit unordentlich in den Rucksack. Anschließend zog sie den Umhang über.

Sie runzelte die Stirn, als sie feststellte, daß der Rucksack nun eher unpraktisch war. Nun, das ließ sich auf die Schnelle nicht ändern. Sie setzte sich wieder und als der Zug um die nächste Kurve bog, fuhren sie ein kurzes Stück den See entlang.

Dann rollten sie in Hogsmeade ein.



Ein neuer Anfang

 

Sie wartete, bis beinahe alle Schüler den Zug verlassen hatten. Dann ging auch sie langsam in Richtung Tür. Als sie ausstieg, erwartete sie auf den Bahnsteig fast das gleiche Gewimmel wie auf Gleis neun dreiviertel und sie genoss es erneut, Teil davon zu sein.

Die umliegenden Hügel waren in das Licht der untergehenden Sonne getaucht. Versonnen ging sie ein paar Schritte rückwärts, um ihren Blick schweifen zu lassen.

Als sie gegen ihn prallte und dabei unsanft auf seinen Fuß trat, hörte sie deutlich den ungehaltenen Unterton in seiner Stimme: „Es würde Ihrer Umgebung ungemein weniger Schaden zufügen, wenn Sie vorher nachsähen, wo Sie hingehen!"

Sie drehte sich um. Wie erwartet sah sie in ein paar stechende, schwarze Augen, die sie kühl und abschätzend musterten.

„Entschuldigung! Aber sofern Ihre Zehen es heil überstanden haben, ist diesmal wenigstens nichts zu Bruch gegangen", meinte sie lächelnd, als sie den Zauberer erkannte, den sie in der Winkelgasse so unsanft angerempelt hatte.

Er erwiderte ihr Lächeln nicht, sondern zog nur eine Augenbraue hoch.

„Ayla McLellan", stellte sie sich vor und hielt ihrem Gegenüber die ausgestreckte Rechte hin.

Etwas zögerlich ergriff er sie.

„Severus Snape", sagte er knapp, während er sie etwas fester drückte als nötig. Dann fuhr er fort: „Professor Dumbledore schickt mich, um Sie abzuholen."

Es war ihm deutlich anzumerken, was er davon hielt als Kindermädchen für neue Lehrkräfte missbraucht zu werden.

„Wie überaus freundlich von Ihnen, seiner Bitte nachzukommen", meinte sie. Der leicht ironische Unterton in ihren Worten war dabei kaum zu überhören.

„Kommen Sie!", wies er sie unfreundlich an. Er drehte sich auf dem Absatz um und ging los, ohne sich davon zu überzeugen, daß sie ihm folgte.

Etwas verdutzt, wegen seiner unwirschen Reaktion lief sie ihm flink hinterher, überholte ihn und stellte sich ihm in den Weg.

„Professor Snape! Es tut mir wirklich leid. Wenn ich sie verärgert habe, sehen sie es mir bitte nach. Es war ein langer, anstrengender Tag." Noch einmal streckte sie die Hand aus. „Friede?"

Wegen ihres unkonventionellen Verhaltens ein wenig konsterniert, blickte er auf ihre Hand. Schließlich ergriff er sie langsam und ein winziges Lächeln stahl sich in seine Mundwinkel.

Einen Moment lang standen sie einander gegenüber. Dann meinte Ayla: „Ich denke wir sollten uns auf den Weg machen."

Er nickte. „Dort drüben wartet eine Kutsche auf uns."

Auf dem Weg dorthin, fiel Aylas Blick auf die seltsamen Kreaturen, die die Kutsche zogen. Überrascht bemerkte Snape ihren Blick.

„Thestrale", erläuterte er knapp.

Sie deutete seine Verwunderung richtig, denn sie erklärte ihm mit einem Anflug von Trauer in der Stimme: „Meine Mutter."

„Es tut mir leid das zu hören", antwortete Snape ungewöhnlich mild, was sie mit einem dankbaren Lächeln quittierte.

Gehört hatte sie schon etwas über diese außergewöhnlichen magischen Wesen, aber noch niemals zuvor eines gesehen. Natürlich, kam es ihr in den Sinn, denn bei ihrem letzten Besuch in Hogwarts war ihre Mutter ja auch noch bei ihr gewesen.

So vieles in der magischen Welt hatte sie noch nie zu Gesicht bekommen. Innerlich seufzte sie. Für sie gab soviel aufzuholen.

Nachdem sie eingestiegen waren, klopfte Snape mit seinem Zauberstab an die Vorderwand. Augenblicklich setzte sich die Kutsche in Bewegung.

Schweigend blickten beide aus dem Fenster. Als sie Hogsmeade verlassen hatten und auf die Straße zum Schloss ein bogen, wurde der freie Blick auf die Berge und den See für eine Weile von Bäumen verdeckt.

Kaum waren sie jedoch aus dem Wald heraus, bot sich ihnen ein atemberaubender Anblick: Hogwarts, wie es im letzten Licht der untergehenden Sonne hoch über dem See auf einem Felsen trohnte. Ihr Heim für das kommende Schuljahr.

„Anhalten!", rief sie plötzlich.

Sichtlich alarmiert klopfte Snape mit seinem Zauberstab an die Vorderwand der Kutsche, die auf der Stelle anhielt.

Ayla drängte sich an Snape vorbei, dabei fiel sie fast aus der Kutsche. Sie lief ein paar Schritte in Richtung Wegesrand. Die Felsen fielen steil zum See hin ab. Mit leuchtenden Augen sah sie hinüber.

Snape war hinter sie getreten. Leise sagte er zu ihr: „Passen Sie auf, daß Sie nicht hinunterfallen."

Ohne die Augen abzuwenden erwiderte sie: „Keine Sorge, ich bin vorsichtig. Es ist nicht tief bis zum Wasser. Darüber hinaus bin ich eine gute Schwimmerin und außer nasser Kleidung würde mir nicht viel zustoßen."

„Da bin ich anderer Meinung. Diese Stelle im See hat ihre Tücken, denn es wimmelt von Grindelohs. Bei ihrem Geschick mit dem Zauberstab würde ich nicht umhinkommen hinter Ihnen her zu springen", meinte er kühl. „Ich würde es durchaus vorziehen pünktlich und vor allem trocken zum Abendessen im Schloss zu erscheinen."

Sie drehte sich zu ihm um. „Ihre Sorge rührt mich zutiefst, Professor Snape. Aber ich habe geübt."

„Tatsächlich?", stellte er zynisch fest, während er zweifelnd eine Augenbraue hob.

„Könnte es sein, daß Ihre betont herzliche Art Ihnen nicht viele Freunde beschert, Professor?", fragte sie spöttisch zurück. Sie legte dabei den Kopf leicht schräg.

Mit seinem Blick schien er sie erdolchen zu wollen.

Schmunzelnd eröffnete sie ihm: „Vergessen Sie's. Das beeindruckt vielleicht Ihre Schüler. Und nun kommen Sie, ich habe auch Hunger."

Sie ließ ihn stehen, um wieder in die Kutsche zu steigen. Sekunden später folgte er ihr. Verärgert klopfte er mit dem Zauberstab an die Vorderwand, woraufhin sich die Kutsche in Bewegung setzte.

Einige Minuten vergingen schweigend, dann legte Ayla eine Hand auf seinen Arm.

„Sehen Sie dort!"

Sie deutete mit der anderen Hand in Richtung Hogwarts, wo ein Hippogreif elegant seine Runden über dem Schloss drehte. Die Sonne war bereits untergegangen und der Hippogreif war nur als dunkler Schatten zu sehen.

Mit jeder Minute wurde es dunkler, doch sie sah selbstvergessen aus dem Fenster, um sich keine noch so winzige Kleinigkeit entgehen zu lassen.

Ihre Hand ruhte immer noch auf seinem rechten Unterarm. Es fühlte sich ungewohnt an, denn im Allgemeinen hielt sich niemand gern längere Zeit in seiner Nähe auf oder berührte ihn gar. Schweigend betrachtete Snape im Dämmerlicht erst ihre Hand, dann ihr Profil. Sie schien es nicht zu bemerken.

Sie war keine klassische Schönheit, besaß aber eine besondere Art natürlicher Ausstrahlung, die sie durchaus anziehend machte. Ihr blondes Haar hatte sie in einem nachlässigen Knoten aufgesteckt. Ihre Haut war leicht gebräunt, so als ob sie viel Zeit im Freien verbrachte. Ihre Hände waren schlank, aber wirkten zupackend und kräftig. Irgendwann nahm sie seinen prüfenden Blick wahr. Sie war jedoch nicht verlegen, sondern erwiderte offen seinen Blick. Wieder erhellte ihr warmes Lächeln ihr Gesicht und als sie ihre Hand von seinem Arm nahm, fühlte sich die Stelle seltsam leer an.

Als die Kutsche schließlich vor dem Schlosstor anhielt, war es vollständig dunkel geworden.

Snape öffnete die Tür. Er hielt ihr seine Hand hin um ihr beim Aussteigen zu helfen.

„Wovor wollen Sie mich diesmal retten?", fragte Ayla misstrauisch.

„Davor, daß sie sich noch vor dem Nachtisch den Hals brechen", erwiderte er sehr ungalant.

„Ich könnte wirklich nicht verantworten, daß sie das Abendessen versäumen", meinte sie mit viel sagendem Blick auf seine eher hager wirkende Gestalt, dann ergriff sie seine Hand.

Anstatt sie loszulassen, nachdem sie aus der Kutsche gestiegen war, hielt er sie unsanft fest und beugte sich zu ihr. Seine Augen funkelten im Licht der Fackeln.

„Miss McLellan! Wer glauben Sie eigentlich sind Sie, daß sie sich erlauben auf diese Weise mit mir zu reden?", befand er grollend.

Sie hob gekonnt eine Augenbraue, während sie sich ihm ihrerseits noch ein wenig näher zuneigte. Nur Zentimeter waren ihre Gesichter voneinander entfernt. Derselbe Duft nach Kräutern und herber Seife wehte zu ihr herüber, wie vor kurzem in der Winkelgasse.

„Ich rede mit jedem so, wie er es verdient. Und wenn Sie keinen Wert darauf legen mit mir Händchen haltend das Schloss zu betreten, sollten Sie mich jetzt loslassen, Professor Snape!"

Als hätte er sich verbrannt ließ er ihre Hand los. Er drehte sich auf dem Absatz um. Mit wehendem Umhang und ohne noch weiter auf sie zu achten betrat er das Schloss. Sie schüttelte, über sein rüdes Benehmen schmunzelnd, den Kopf, folgte ihm aber ohne zu zögern. Schließlich war er doch ein wenig langsamer geworden, so daß sie Seite an Seite die große Halle betraten.

Ayla blieb einen Moment stehen, um sich umzusehen. Die vier Haustische waren voll mit Schülern und die Luft schwirrte von ihren Stimmen. Auch die Lehrer, die am Tisch an der Kopfseite der großen Halle saßen, unterhielten sich angeregt.

Die neugierigen Blicke lächelnd erwidernd schritt Ayla durch die Halle auf den Lehrertisch zu. Als der Schulleiter sie erblickte, stand er auf und eilte ihr entgegen.

„Ayla, mein Kind! Wie schön, Dich hier zu sehen!"

Er schloss sie kurz in die Arme und betrachtete sie dann eingehend.

„Ich habe Dich so lange nicht gesehen. Verzeih mir die Phrase, aber Du ähnelst Deiner Mutter immer mehr."

„Onkel Albus", sagte sie strahlend. „Danke, daß ich herkommen durfte."

„Schon gut", winkte er ab. „Es war die richtige Entscheidung."

Sie nickte. „Ja, das glaube ich auch."

Bei der vertrauten Anrede der beiden verengte sich die Stirnfalte von Snape, der neben den beiden stehen geblieben war.

„Severus, vielen Dank, daß Sie sich die Mühe gemacht haben Ayla abzuholen", richtete Dumbledore das Wort an ihn. Snape nickte nur.

„Setzen wir uns, die Erstklässler dürften bald erscheinen. Ayla, Dein Platz ist neben Professor Snape. Wir sehen uns nach dem Abendessen noch im Lehrerzimmer." Mit diesen Worten ging er und nahm seinen Platz in der Mitte der Tafel ein.

„Wie es scheint werden Sie mich nicht so leicht los", meinte Ayla zu Snape, als sie sich nebeneinander an den Tisch setzten. Er warf ihr einen undefinierbaren Blick zu.

Im nächsten Moment bat der Schulleiter um Ruhe.

„Herzlich Willkommen zu einem neuen Schuljahr in Hogwarts. Wie in jedem Jahr, werden wir zu Beginn dieses Abends die Auswahl der Erstklässler durch den Sprechenden Hut vornehmen."

Die Tür öffnete sich und Professor McGonagall trat ein, gefolgt von einer Schar verängstigt wirkender Erstklässler.

Als sie vor dem Lehrertisch angelangt waren, blieb sie mit den dicht zusammengedrängten Schülern stehen. Ruhe kehrte ein und der Sprechende Hut begann, wie in jedem Jahr sein Lied.

Wie in jedem Jahr, warnte er die Schulgemeinde vor den bevorstehenden Gefahren und ermahnte sie zu Eintracht im Kampf gegen das Böse.

Als er geendet hatte, nahm Professor McGonagall den Hut in die Hand. Anschließend rief sie den ersten Schüler auf, der zögernd vortrat und wies ihn an sich den Hut aufzusetzen. Nur einen Moment verweilte der Hut auf dem Kopf des Jungen, dann rief er laut „Hufflepuff!" Jubel brach an dem Tisch aus und die nächste Schülerin durfte vortreten. So wurden der Reihe nach wie jedes Jahr alle Erstklässler auf die Häuser verteilt.

 

Ayla fragte sich in welchem Haus sie wohl gelandet wäre. Soviel sie wusste war ihre Mutter in Ravenclaw gewesen, genau wie ihre Mutter vor ihr, aber das musste nichts heißen. Ihr Großvater war beispielsweise ein Gryffindor. Sie würde es nie erfahren, denn nun war sie nicht als Schülerin, sondern als Lehrerin hier.

Dann war die Auswahl beendet und das Festmahl konnte beginnen. Auf den Tischen erschienen Schüsseln und Platten mit Speisen, sowie Krüge mit Saft und am Lehrertisch auch Wein.

 

„Sie sind auch neu hier, nicht wahr", ertönte in diesem Moment eine muntere Stimme an Aylas rechter Seite. „Peter Priggish, mein Name und ich unterrichte Muggelkunde", fügte er hinzu.

„Ayla McLellan. Ja, ich bin auch neu."

„Es ist unglaublich hier zu sein. Ich hätte es nie für möglich gehalten diese Stelle zu bekommen, wirklich. Eigentlich ist Muggelkunde nicht mein Fachgebiet, aber es sind ja nur Kinder, die ich unterrichten muss. Wissen Sie, ich kann mich in jedes Gebiet schnell einarbeiten. Haben Sie eigentlich schon die Decke der Halle gesehen. Phantastisch, nicht wahr. Der Zauber ist bestimmt nicht so schwierig, ich habe schon vor Jahren einen ähnlichen....."

Sie hörte nicht mehr hin. An einigen ihr passend erscheinenden Stellen murmelte sie „Ach ja?" oder „Nein, so was." Etwas anderes schien er auch nicht zu erwarten. Nach einer Weile hatte er seine Ausführungen beendet. Dabei schien er Aylas Desinteresse nicht weiter bemerkt zu haben. Er wandte sich der auf seiner anderen Seite sitzenden Hexe zu und setzte sein Selbstgespräch an sie gerichtet fort.

Dankbar für die Ruhe, griff Ayla nach einem Krug Wein. Snape kam ihr allerdings zuvor und schenkte ihr ein.

„Danke."

Er nickte nur und füllte ebenfalls seinen Becher. Währen er sie über den Rand hinweg mit funkelnden Augen ansah, trank er Ayla zu. Ausnahmsweise wirkte er dabei nicht angriffslustig.

„Friede?"

„Wenn Sie das sagen", antwortete sie lächelnd, während sie ihrerseits den Becher hob und ihm zutrank.

Während des Essens erschien der Hausmeister Filch in der großen Halle. Suchend glitten seine kleinen Augen durch die Halle. Als er gefunden hatte, was er suchte, eilte er auf Snape zu und flüsterte ihm etwas in Ohr.

Snapes Blick verdunkelte sich augenblicklich. Dann stand er auf und verließ mit eiligen Schritten die Halle.

Ayla fragte sich was passiert war, denn er wirkte ausgesprochen ungehalten.

Kurz bevor der Nachtisch erschien, kehrte Snape zusammen mit einem dunkelhaarigen, sehr desolat aussehenden Jungen in die Halle zurück. Der Junge ging zum Gryffindortisch, während Snape wortlos seinen Platz neben Ayla wieder einnahm.

Der Nachtisch erschien. Ayla war neugierig. Sie raunte Snape zu: „Wer war das? Was ist passiert?"

Anstatt einer Antwort, erntete sie nur einen missmutigen Blick. Snape stocherte lustlos in seinem Nachtisch herum, dabei schwieg er sich beharrlich aus.

Ayla beschloss seufzend, ihn in Ruhe zu lassen.

Schließlich erhob Dumbledore sich.

Augenblicklich verstummten in der ganzen Halle die Gespräche. Eine fast greifbare Stille trat ein, denn alle warteten gespannt auf die diesjährigen Ankündigungen, die Dumbledore machen würde.

„Den schönsten aller Abende wünsche ich Euch", sagte er breit lächelnd. Er streckte die Arme weit aus, als wolle er jeden im Raum persönlich begrüßen.

Erst an dieser Stelle fiel Ayla auf, daß die rechte Hand Dumbledores schwarz und abgestorben aussah. Sie erschrak bei diesem Anblick. Doch sie war nicht die einzige, denn im Raum erhob sich ein Raunen.

Dumbledore lächelte nur darüber und schüttelte seinen violett-goldenen Ärmel über seine Verletzung.

 

„Neben den üblichen Hinweisen von Hausmeister Filch, daß das Zaubern auf den Korridoren bei Strafe verboten ist und sämtliche Gegenstände, die aus ‚Weaslyes Zauberhafte Zauberscherze' stammen, sofort konfisziert werden, möchte ich wieder einmal darauf hinweisen, daß das Betreten des Verbotenen Waldes immer noch genau so gefährlich ist wie in all den Jahren zuvor." Er blickte über seine Halbmondbrille auf die Schüler. „Selbst erfahrene Hexen", hier machte er eine bedeutungsvolle Pause „und Zauberer sind hier schon in große Gefahr geraten. Ich möchte das zu bedenken geben."

Den meisten Schülern war klar, worauf oder besser gesagt auf wen er hier anspielte. Die fragenden Blicke der Erstklässler wurden von ihren Mitschülern ignoriert.

Dumbledore fuhr fort: „Wie üblich sollen die Schüler, die für die Quidditch-Hausmannschaft spielen möchten, ihre Namen bei den Hauslehrern hinterlassen. Die Termine der Auswahlspiele werden von den Mannschaftskapitänen rechtzeitig bekannt gegeben." Er lächelte wieder in die Runde.

„Als nächstes möchte ich Euch die letzten Neuerungen im Kollegium mitteilen."

Sogar das leiseste Flüstern verstummte.

„Wir dürfen in diesem Jahr drei neue Kolleginnen und Kollegen begrüßen. Professor Twaddle im Fach Muggelkunde ist in diesem Jahr in den wohlverdienten Ruhestand gegangen. Seine Stelle übernimmt ab sofort Professor Peter Priggish"

Der vormals so geschwätzige Mann an Aylas rechter Seite erhob sich und strahlte in die Halle. Er sah gut aus mit seinem dunkelblonden, langen, lockigen Haar und trug einen geschmackvollen Umhang. Sein Gesichtsausdruck war etwas überheblich, so als wäre er sehr von sich überzeugt. Ayla bemerkte, daß die Begeisterung der Schülerschaft durchaus unterschiedlich war. Die Jungen schienen eher mäßig interessiert, wohingegen sich die Mädchen angenehm überrascht zeigten. Zaubererkinder waren in mancherlei Hinsicht genau wie Muggel, stellte sie amüsiert fest.

Die nächste Ankündigung betraf sie.

„Des weiteren wird es in Hogwarts in diesem Jahr ein neues Pflichtfach geben."

Die Schüler waren wieder still geworden. Alle warteten gespannt.

„Ich bin im Gegensatz zu manchen Kollegen durchaus der Meinung, daß die Muggel in der ein oder anderen Hinsicht den Zauberern voraus sind." Unwilliges Gemurmel am Slytherintisch wurde von Professor Snape mit einem drohenden Blick unterbunden.

Dumbledore fuhr fort: „Ab sofort werden wir hier in Hogwarts Sport als Pflichtfach einführen. Leibesertüchtigung ohne Zuhilfenahme von Zauberei kann niemandem schaden, denn Quidditch alleine reicht einfach nicht." Mit diesen Worten lächelte er den dunkelhaarigen Jungen mit Brille am Gryffindortisch an, den Professor Snape in die Halle begleitet hatte. Inzwischen sah er wieder einigermaßen hergerichtet aus. Ayla kam er vage bekannt vor, aber sie konnte sich nicht erinnern, ihn vorher gesehen zu haben. Der Junge grinste unverhohlen zu Dumbledore zurück.

„Lehrerin für dieses Fach wird Miss Ayla McLellan sein."

Ayla stand auf. Sie fühlte sich plötzlich merkwürdig fehl am Platz. Zurückhaltend lächelte sie in die Runde, dann setzte sie sich schnell wieder. Die Schüler applaudierten ihr herzlich, aber sie hatte das Gefühl dunkelrot im Gesicht zu sein.

„Als letztes möchte ich den neuen und alten Kollegen Professor Horace Slughorn begrüßen."

Am anderen Ende der Tafel erhob sich ein dicklicher, glatzköpfiger Mann und lächelte freundlich.

„Schon vor vielen Jahren hat er in Hogwarts unterrichtet und ich freue mich, ihn erneut im Kollegium als Lehrer für das Fach Zaubertränke begrüßen zu dürfen."

Überraschtes Schweigen folgte dieser Ankündigung. Dann erhob sich lautes Gemurmel: „Zaubertränke?" „Zaubertränke!"

„Das Fach Verteidigung gegen die dunklen Künste wird in diesem Jahr Professor Snape übernehmen."

„Nein!" Eine Stimme schallte laut durch den Raum. Viele Köpfe flogen zu dem Sprecher herum.

Ayla stellte fest, daß es der dunkelhaarige Junge gewesen war. Sein geradezu hasserfüllter Blick traf den neben ihr sitzenden Snape. Dieser jedoch schien es nicht zu bemerken.

Der Slytherin Tisch applaudierte begeistert, was von Snape mit einem kleinen Lächeln quittiert wurde. Lässig hob er die Hand.

Die Gespräche in der Halle wurden sofort lautstark aufgenommen und die Veränderungen im Kollegium diskutiert.

Auch wenn sie vor Jahren schon hier gewesen war, wusste Ayla im Grunde nicht viel über Hogwarts, doch offensichtlich war Snape der Hauslehrer von Slytherin. Allem Anschein nach war er auch nur dort so etwas wie beliebt.

Dumbledore räusperte sich vernehmlich. Sofort kehrte wieder Ruhe ein.

Ernst fuhr er mit seiner Rede fort: „Ich kann nicht nachdrücklich genug betonen, wie gefährlich die gegenwärtige Lage ist und wie sehr sich jeder von uns darum bemühen muss, alles dafür zu tun, dass wir sicher bleiben. Die magischen Befestigungsanlagen des Schlosses wurden den Sommer über verstärkt, wir sind durch moderne und noch wirkungsvollere Mittel geschützt, und dennoch müssen wir uns gewissenhaft vor möglicher Fahrlässigkeit eines jeden Schülers oder Mitglied des Kollegiums in Acht nehmen. Ich bitte euch deshalb dringend, jegliche Einschränkung aus Sicherheitsgründen zu beachten, die Eure Lehrer Euch möglicherweise auferlegen, egal wie lästig ihr sie auch finden mögt - insbesondere die Regel, daß ihr während der Nachtruhe außerhalb Eurer Betten nichts zu suchen habt. Ich bitte Euch inständig, falls ihr etwas Merkwürdiges oder Verdächtiges innerhalb oder außerhalb des Schlosses bemerkt, meldet dies sofort einem Mitglied des Kollegiums. Ich vertraue darauf, daß ihr euch zu jedem Zeitpunkt mit größtmöglicher Rücksichtnahme auf Eure eigene Sicherheit und die aller anderen verhaltet."

Dumbledores blaue Augen glitten über die Schüler, dann lächelte er erneut.

Doch nun werde ich Euch zu Eurer wohlverdienten Nachtruhe in Eure Betten schicken, damit ihr für den morgigen Unterrichtsbeginn ausgeruht seid. Gute Nacht. Tschau, tschau!"

Stühle wurden zurückgeschoben, hunderte Füße scharrten. Es war ein ohrenbetäubender Lärm, dann begann sich die große Halle allmählich zu leeren.

Ayla hatte aufmerksam gelauscht. Viele Dinge, die geschehen waren entzogen sich ihrer Kenntnis, aber bei Dumbledores Worten wurde sie sich der Gefahr bewusst in welcher die Zaubererwelt zu schweben schien. Sie würde ihn bei nächster Gelegenheit bitten, ihr alles wichtige zu erzählen. Außerdem wollte sie wissen, was mit seiner Hand passiert war.

Snape erhob sich jetzt ebenfalls. An Ayla gewandt sagte er: „Wir gehen zum Lehrerzimmer."

Sie grinste, verkniff sich eine Bemerkung und folgte ihm einfach.

Als Professor Priggish die beiden gehen sah, lief er schnell hinter ihnen her.

„Warten Sie, nehmen sie mich mit", rief er mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht.

Snape war unwillig stehen geblieben. Jetzt blickte er ihn mit offensichtlicher Abneigung an.

„Können wir gehen?," frage er ungeduldig.

„Ja sicher. Ich bin ja schon seit heute Mittag hier. Da würde ich den Weg zum Lehrerzimmer selbstverständlich auch alleine finden. Aber es ist doch viel angenehmer auf dem Weg dorthin mit netten Kollegen zu plaudern."

Der nette Kollege sah allerdings eher so aus, als würde er Professor Priggish lieber einen unangenehmen Schweigezauber aufhalsen.

Priggish plapperte ununterbrochen und als er kurz stehen blieb um ein Bild im Flur näher zu betrachten, welches er lautstark kommentierte, raunte Ayla Snape im Weitergehen zu: „Verraten sie mir den Spruch und ich tue es."

Er sah sie überrascht an. Seine Mundwinkel zuckten kurz nach oben.

„Halt warten Sie doch!"

Sich absichtlich taub stellend, beschleunigte Snape seinen Schritt, während Ayla sich beeilte hinterher zu kommen.

Vor dem Lehrerzimmer blieben sie stehen, als Priggish schnaufend um die letzte Ecke bog.

„Meine Güte, laufen Sie immer so schnell?"

„Nein, für gewöhnlich laufe ich sogar noch schneller", erwiderte Ayla süßlich und öffnete die Tür zum Lehrerzimmer.

Die meisten Lehrer waren schon da.

Dumbledore kam auf sie zu, um sie erneut zu begrüßen. „Schön, daß Du her gefunden hast. Ich werde Dich Deinen neuen Kollegen vorstellen. Professor Priggish hat das, wie ich gehört habe, im Laufe des Tages ja bereits selbst erledigt, nicht wahr", sagte er und seine blauen Augen blitzten deutlich amüsiert hinter seiner Halbmondbrille.

„Äh - ja - ja natürlich. Ich werde dann mal ....", murmelte er vage und ging unentschlossen durch den Raum. In kürzester Zeit allerdings hatte er ein Opfer für seine Ausführungen gefunden und redete mit großen Gesten, ohne Punkt und Komma auf es ein. Ayla hatte es feixend beobachtet. Dumbledore schmunzelte ebenfalls.

„Ich habe Deinen neuen Kollegen gegenüber schon angedeutet, daß Du eine etwas - nun sagen wir unkonventionelle Art der Zaubererausbildung genossen hast. Sie wissen auch, daß Du Dein Leben im wesentlichen unter Muggeln verbracht hast. Bis auf die eine oder andere Ausnahme", an dieser Stelle zwinkerte er etwas „werden Dir sicher alle gerne helfen, falls Du irgendwelche Fragen oder Schwierigkeiten hast. Du hattest ja bereits das Vergnügen Professor Snape kennen zu lernen. Minerva kennst Du von Deinen früheren Besuchen, mögen sie auch schon lange her sein. Und nun komm, ich werde Dich mit den anderen bekannt machen."

Dumbledore begann, sie dem Kollegium vorzustellen.

Priggish schien inzwischen ganz in seinem Element. Der andere neue Lehrer, Professor Slughorn, kannte offenbar schon die meisten seiner Kollegen, da er bereits in Hogwarts unterrichtet hatte. Er war in ein intensives Gespräch mit Snape vertieft.

Von ihren neuen Kollegen wurde Ayla ausnahmslos herzlich begrüßt.

Madam Hooch befragte Ayla sehr interessiert nach verschiedenen Muggelsportarten. Professor Flitwick erläuterte ihr ganz nebenbei einen einfachen Zauber, um die Sportarena bei schlechtem Wetter mit einem Dach zu schützen und Madam Pomfrey bot ihr an, sich doch vorsichtshalber eine Salbe gegen Prellungen und Schürfenden bei ihr abzuholen, damit sie im Falle eines Falles gleich eine an ihrem Unterrichtsort zur Verfügung hätte.

Besonders zu Professor McGonagall spürte sie gleich eine Art herzliche Zuneigung, als diese zu ihr sagte: „Wissen Sie, meine Liebe, ich habe Albus für verrückt erklärt, als er mir sagte was er vorhat. Aber wenn ich Sie so betrachte, halte ich die Idee gar nicht mehr für so abwegig. Sie sind eine hübsche junge Frau geworden." Dann hatte die streng wirkende Lehrerin sie aufmunternd angelächelt und augenzwinkernd hinzugefügt: „Die Schüler werden Sie sicher mögen."

Nach einer Weile spürte Ayla, wie müde sie war. Es war spät geworden und sie unterdrückte hinter vorgehaltener Hand ein Gähnen.

„Es wird Zeit, daß Du auf Dein Zimmer gehst, Liebes", sagte Dumbledore fürsorglich, der sie beobachtet hatte.

„Gerne, allerdings habe ich keine Ahnung wo das ist", antwortete Ayla, während sie erneut den Drang zu gähnen unterdrückte. „Ich muss zugeben, daß ich mich in Hogwarts noch nie alleine zurechtgefunden habe. Dazu war ich immer viel zu kurz hier."

Ehe Dumbledore antworten konnte, sagte eine dunkle Stimme hinter ihnen: „Ich bringe Sie auf ihr Zimmer, sonst passiert Ihnen am Ende des Tages doch noch ein Unglück."

Sie drehte sich um.

„Ich kann Ihnen heute nicht mehr ernsthaft widersprechen, Professor Snape. Daher nehme ich ihr Angebot gerne an."

„Dann gute Nacht Ayla und denk daran was Professor Trelawny Dir gerade offenbart hat. Das was Du in dieser ersten Nacht träumst, ist ein Hinweis auf die Zukunft", kicherte Dumbledore augenzwinkernd.

 

„Allmählich komme ich mir vor wie Ihr Hund", gähnte Ayla, als sie zum wiederholten Male an diesem Tag hinter Snape herlief und sie gemeinsam durch dunkle Gänge eilten. „Außerdem wage ich zu bezweifeln, daß ich morgen früh den Weg finde. Mein Orientierungssinn ist zwar gut ausgebildet, aber mein Gehirn ist nicht mehr in der Lage irgendwelche Informationen zu speichern."

Sie wäre fast gegen Snape geprallt, als er abrupt stehen blieb und mit dem Zauberstab auf die Tür neben ihnen deutete: „Athleta!"

Die Tür öffnete sich.

„Was war das?", frage Ayla.

„Das Passwort für Ihre Räume. Sie sollten es bei Gelegenheit ändern."

„Warum? Wer kennt denn alles mein Passwort?"

„Bisher nur der Schulleiter und ich", antwortete Snape.

„Nun, dann kann ich es ja dabei belassen." Sie rieb sich müde über die Augen und trat über die Schwelle. Dann drehte sie sich um: „Vielen Dank, Professor Snape."

„Ich hole sie morgen um sieben Uhr ab."

Auf ihren überraschten Blick hin, erklärte er süffisant: „Ich kann nicht zulassen, daß Sie sich gleich an Ihrem ersten Tag in Hogwarts verlaufen. Sie als Lehrerin sollten doch wissen, wo sich die wichtigen Räumlichkeiten befinden und vor allem wo Ihr Unterricht stattfindet. Oder wollen Sie gleich an ihrem ersten Tag zu spät kommen?"

„Nein, das liegt durchaus nicht in meinem Interesse", stimmte Ayla ihm zu „Gute Nacht!"

Sie hatte die Tür schon fast geschlossen, als sie ihn sagen hörte: „Miss McLellan?"

„Ja?"

„Denken Sie an Professor Trelawny."

„Ich weigere mich jetzt noch an irgendetwas zu denken, außer an mein Bett", antwortete sie, damit schloss sie die Tür endgültig. Vor der Tür glaubte sie ein leises, dunkles Lachen zu hören.

Sie drehte sich um. Der Raum war nicht groß, aber er wirkte auf den ersten Blick sehr gemütlich. Die detaillierte Betrachtung ihres neuen Heims würde sie morgen in Angriff nehmen, wenn ihre Augen vor Müdigkeit nicht ständig zufielen.

Sie nahm gerade noch wahr, daß ihr Koffer geöffnet mitten im Zimmer stand und das Bett einladend aufgeschlagen war. Alle Sachen lagen säuberlich aufgeschichtet, in ihrer ursprünglichen Größe auf dem Tisch, als warteten sie nur darauf in die Schränke und Schubladen geräumt zu werden.

„Wer auch immer das getan hat bekommt einen Orden", murmelte sie müde. Sie kramte ihre Zahnbürste und ihr Nachthemd aus dem Stapel heraus, dann ging sie ins Bad. Alles andere hatte Zeit bis morgen. Keine fünf Minuten später lag sie im Bett. Kurz darauf war sie fest eingeschlafen.



Das Schuljahr beginnt

 

„Aufstehen, Miss! Die Miss muß aufstehen!", quäkte eine schrille Stimme in ihr Ohr. Was war das? Ayla schlug die Augen auf und setzte sich erschrocken hin. Sie hatte Mühe zu denken. Neben ihrem Bett stand ein komisches Geschöpf mit großen Ohren, Kulleraugen und überdimensionaler Nase. Bekleidet war es mit einem seltsamen Putzlappen.

„Morgen", nuschelte sie verschlafen. „Wer sind Sie und wie kommen Sie hier herein?"

„Beefy ist ein Hauself", antwortete das Geschöpf, als ob das alles erklären würde.

„Aha und warum sind Sie hier?," fragte Ayla, die langsam zu sich kam.

„Damit die Miss nicht verschläft. Aber nun ist die Miss ja wach", stellte Beefy fest und mit einem lauten Plopp war er verschwunden.

„Ja, dann danke für das Gespräch", murmelte Ayla. Sie ließ sich nach hinten fallen, dann schloss sie wieder die Augen. Wessen grandiose Idee mochte das nur gewesen sein? Sie öffnete die Augen erneut und schielte auf ihren Wecker. Es war erst viertel vor sieben. Soweit sie erkennen konnte, hatte sie tatsächlich vergessen eine Weckzeit einzustellen. Aber es war noch so früh, der Unterricht begann in Hogwarts doch erst um neun. Sie glitt schon wieder in wohligen Dämmerschlaf.

Unterricht.

Hogwarts.

Snape!

Mit einem Schlag war sie hellwach. Um sieben Uhr wollte er sie abholen und so, wie sie ihn einschätzte, würde er überpünktlich sein.

Sie war noch nicht einmal geduscht! Mit einem Hechtsprung war sie aus dem Bett. Im Laufschritt entledigte sie sich ihres Nachthemdes und warf es achtlos beiseite. Hektisch suchte sie ihre Duschutensilien aus dem Stapel. Dabei fiel nicht nur eine Menge auf den Boden, sondern der Rest wurde auch noch gehörig durcheinander geworfen. Um das Aufräumen würde sie sich später kümmern. Irgendwann. Sie war ja schließlich noch lange genug hier.

Sie rannte ins Bad und drehte den Hahn der Dusche auf. Dann stellte sie sich unter den Strahl warmen, klaren Wassers. Es rann wohlig über ihre Haut. Während sie allmählich richtig wach wurde, genoss sie das angenehme Gefühl. Schnell wusch sie sich die Haare. Anschließend trocknete sie sich nachlässig ab, kämpfte beim Durchkämmen mit ihren störrischen Haaren und bemerkte zu spät, daß ihr Föhn hier in Hogwarts nutzlos war. Leise vor sich hin schimpfend beschloss sie, sich umgehend mit Körperpflegezaubern zu beschäftigen. Wahrscheinlich gab es auch einen für verknotete Haare, dachte sie entnervt, als sie es schließlich geschafft hatte einigermaßen Ordnung in ihre langen Haare zu bringen. Aus lauter Verzweiflung flocht sie diese zu einem dicken, etwas unordentlichen Zopf.

Sie durchwühlte ihre Wäsche auf der Suche nach etwas passendem zum Anziehen.

Nachdem sie endlich fündig geworden war, fahndete sie noch nach einem verschollenen Strumpf und begann, sich die Kleidung über zu streifen. Sie war noch nicht fertig als es klopfte.

„Herein!", rief sie undeutlich mit dem Zauberstab zwischen den Zähnen, während sie sich, auf einem Bein hüpfend, den Strumpf überstreifte.

Die Tür öffnete sich und Snape trat ein.

Irritiert registrierte er, daß sie gerade dabei war die Hose zu schließen. Oben herum trug sie ein knappes Bustier. Sie drückte ihm ihren Zauberstab in die Hand, streifte sich ein Shirt über und tauchte wortlos unter den Tisch, um ihre Schuhe hervor zu holen.

Ehe er in der Lage war irgendetwas anderes zu tun, als sie anzustarren, hatte sie in Windeseile ihre Schuhe angezogen und griff nach ihrem Umhang.

„Fertig. Und höchstens eine Minute zu spät", sagte sie zufrieden und schien von seiner Verblüffung nichts mitbekommen zu haben. „Guten Morgen Professor Snape", fügte sie strahlend hinzu.

Inzwischen hatte er sich wieder einigermaßen im Griff. Kühl und missbilligend blickte er auf das Chaos um sie herum.

„Guten Morgen Miss McLellan."

Er reichte ihr den Zauberstab. Sie ergriff ihn und bevor er noch irgendetwas zu ihr sagen konnte war sie im Flur. Noch immer leicht konsterniert folgte er ihr.

 

Er führte sie durch das Schloss und zeigte ihr die wichtigsten Räume. Dabei machte er sie auf Abkürzungen, Nischen und Geheimgänge aufmerksam, die unbefugterweise oft von den Schülern benutzt wurden.

„Ich nehme an, Ihnen sind die meisten davon aus Ihrer eigenen Schulzeit bekannt, Professor Snape?", fragte sie mit Unschuldsmiene.

Er antwortete nicht, sondern hob nur viel sagend eine Augenbraue.

Schließlich sagte er: „Wir gehen jetzt auf das Schlossgelände. Ich zeige Ihnen Ihren Unterrichtsort."

Durchaus erfreut stellte er fest, daß sie sogleich die richtige Richtung einschlug und mühelos den Ausgang fand.

„Wo ist eigentlich Ihr Büro?", fragte Ayla neugierig.

„In den Kerkern", antwortete er.

„Oh, direkt neben der Folterkammer, nehme ich an", lachte sie. Dabei ignorierte sie seinen finsteren Blick. „Ich werde Sie gelegentlich besuchen kommen und dann erklären Sie mir den sachgemäßen Gebrauch der Daumenschrauben. Ich habe immer große Schwierigkeiten die bei meinen Schülern richtig anzuwenden. Sie verfügen da bestimmt über einschlägige Erfahrungen."

So wie er sie ansah, würde er ihr das mit Freuden am lebenden Objekt demonstrieren. Ihr helles Lachen klang in seinen Ohren.

 

Als sie vor das Schloss traten blieb Ayla stehen und atmete tief durch.

„Wohin jetzt?", fragte sie interessiert.

Snape deutete in Richtung Quidditchfeld. Auf dem Weg über den Schlossgrund nahm Ayla, wie am Tag zuvor in der Kutsche, alles um sich herum genauestens wahr. Sie machte Snape auf einen besonders bunten Vogel aufmerksam, dann lachte sie fröhlich über ein Tier, das aussah wie ein Schwein mit Hasenohren und vor ihnen die Wiese überquerte. Sie fühlte sich unbeschwert und frei wie lange nicht.

Als sie am Quidditchfeld ankamen staunte Ayla. Es gab eine richtige Laufbahn um das Feld herum. Das Gras in der Mitte leuchtete in einem satten Grün.

Snape deutete auf die Umkleidekabinen der Quidditchspieler, die durch einen kleinen Anbau erweitert worden waren.

„Da drin ist ihr persönlicher Umkleideraum und einiges .... Unterrichtsmaterial", erläuterte er und klang dabei ein wenig abfällig. Ihr Unterrichtsmaterial waren schließlich keine Bücher.

Sollte er von ihrem Unterrichtsfach halten was er wollte, sie freute sich darauf. Schnell zog sie ihren Umhang und das Shirt aus und drückte es Snape in den Arm.

„Nur einen Moment!", rief sie, dehnte kurz ihre Beine und lief los.

Sein Blick folgte ihr unablässig, während sie drei mal in schnellem Tempo die Bahn umrundete und dann rot und erhitzt vor Snape stehen blieb.

„Die Dusche heute morgen hätte ich mir auch sparen können", keuchte sie, noch leicht außer Atem. Stumm reichte er ihr ihre Sachen zurück.

„Nun schauen sie nicht so! Es ist ein herrlicher Tag und Sport ist auch für Zauberer etwas sinnvolles."

„Ach ja?"

„Ja! Ihrer Gesichtsfarbe täte es übrigens auch gut, wenn sie gelegentlich ihren Kerker mit der frischen Luft vertauschen würden."

Sein Blick wurde hart und kalt.

„Meine Gesichtsfarbe, Miss McLellan, geht sie nichts an", zischte er böse. „Und wenn es ihnen nichts ausmacht, werde ich jetzt frühstücken gehen. Als Kleiderständer benötigen Sie mich ja jetzt nicht mehr. Sie finden den Weg allein."

Mit wehendem Umhang drehte er sich um und verschwand schnellen Schrittes in Richtung Schloss.

Sie stieß die Luft aus, die sie erschrocken über diesen jähen Stimmungswechsel angehalten hatte. Sie schien eine empfindliche Stelle getroffen zu haben.

„Professor Snape!"

Er blieb nicht stehen. Flugs streifte sie sich ihr Shirt über und legte ihren Umhang über die Schultern. Dann sprintete sie eilends hinter ihm her. Als sie ihn eingeholt hatte, hielt sie ihn am Arm fest.

„Bitte warten sie", schnaufte sie.

Snape blieb stehen, doch er musterte sie kühl.

Sie holte tief Luft. „Ich weiß, ich kann meinen Mund nicht halten und trete öfter in Fettnäpfchen als mir lieb ist. Und wenn ich mich jetzt jedes Mal dafür entschuldige, klingt es irgendwann hohl und aufgesetzt."

Sie blickte ihn schuldbewusst an.

„Ich werde Ihnen etwas verraten. Nicht nur Hogwarts ist neu für mich. Noch nie in meinem Leben habe ich länger als ein paar Tage in der Zaubererwelt verbracht. Das letzte Mal ist schon sehr lange her. Meine Mutter hat mich stets begleitet und sie ist nun schon elf Jahre tot. Es ist alles sehr ungewohnt, da werde ich mich sicher noch oft in die Nesseln setzen", erklärte sie freimütig.

Die Falte zwischen seinen Brauen vertiefte sich.

„Ich kenne Sie kaum, Professor Snape, doch sie halten mit ihrer Meinung offenbar nie hinter dem Berg. Sie sind der unbequemste, aber ehrlichste Mensch, der mir seit langer Zeit begegnet ist. Auch wenn es verrückt klingt, ich mag ihren Sarkasmus und ihre zynische Ader." Sie schwieg einen Moment.

„Ich könnte hier einen Freund gebrauchen", fügte sie leise hinzu und senkte den Blick.

Er starrte sie argwöhnisch an. Sie wollte ihn zum Narren halten. So etwas sagte niemand zu ihm.

„Sehen Sie mich an", befahl er barsch.

Sie hob verwirrt den Blick und ihre blauen Augen trafen auf seine schwarzen. Einen Moment lang hatte sie das Gefühl, als würde er in ihr Herz blicken. Doch das Gefühl verschwand so schnell wie es gekommen war.

„Sie meinen es ernst", stellte er erstaunt fest.

„Natürlich meine ich es ernst. Ich lüge nicht!"

Es berührte ihn seltsam, wie sie von ihm dachte. Es gab nur sehr wenige Menschen, die ihm mit etwas ähnlichem wie Freundschaft begegneten und besonders Frauen hatten im allgemeinen starke Vorbehalte ihm gegenüber.

Seine Stimme klang daher ungewöhnlich sanft, als er sagte: „Ich bin was ich bin, Miss McLellan. Aber ich werde für sie da sein, wann immer Sie mich brauchen. Das verspreche ich Ihnen."

„Danke", entgegenete sie leise und ihr Lächeln leuchtete ihm entgegen.

Einen Moment standen sie so voreinander. Dann gingen sie gemeinsam Richtung Schloss.

 

In der großen Halle herrschte rege Betriebsamkeit. Während die Stundenpläne verteilt wurden, schien es, als ob jeder Schüler noch eine besonders wichtige Frage dazu zu stellen hätte.

Kaum hatten Snape und Ayla sich gesetzt, erschien Professor Priggish in aufgeräumter Stimmung. Er begrüßte seine bereits anwesenden Kollegen, dann plauderte er sofort munter drauflos.

Wie am Tag zuvor redete er ohne Punkt und Komma. Nach einer Weile wurde es Ayla zu bunt.

„Professor Priggish?"

„Sagen Sie doch Peter zu mir!"

„Ja ja, schon gut. Tun Sie mir einen Gefallen?"

„Wer so bezaubernd fragt, bekommt von mir nahezu jeden Wunsch erfüllt, Teuerste!"

„Schön, dann essen Sie eine Portion Porridge", wies Ayla ihn an, während sie ihm eine große Portion auf den Teller schaufelte. Schließlich drückte sie ihm einen vollen Löffel in die Hand.

„Äh.....warum?" fragte Priggish verwundert, steckte den Löffel aber gehorsam in den Mund.

„Mit vollem Mund spricht man nicht, verehrter Kollege. Besinnen Sie sich einfach auf ihre Manieren und gehen sie mit gutem Beispiel voran", antwortete Ayla mit honigsüßer Stimme.

Professor McGonagall, die auf Snapes andere Seite saß, verschluckte sich an ihrem Tee und Ayla hätte schwören können, daß auch Snapes Mundwinkel zuckten.

Falls Priggish beleidigt war, so ließ er es sich nicht anmerken. Doch für den Rest des Frühstücks war sein Redefluss deutlich gebremst.

 

Eine halbe Stunde später lief Ayla in ihr Zimmer um sich für den Unterricht umzuziehen. Etwas unentschlossen betrachtete Sie ihren Zauberstab und entschied sich ihn, hinten in ihre Sporthose zu klemmen. Dann nahm sie den Ordner mit den Namenslisten und Unterrichtsplänen, eine Tasche mit Wechselkleidung und anderen Dingen, die sie benötigte. Damit machte sie sich auf den Weg zu ihrer neuen Arbeitsstätte.

Sie betrat das niedrige Gebäude mit sehr gemischten Gefühlen, denn sie wusste nicht genau was sie erwartete. Ganz sicher nicht die gewohnte Einrichtung mit dem üblichen Sportgerät.

Zuerst inspizierte sie ihren persönlichen Raum. Er war klein, aber bot ausreichend Platz für einen Tisch, zwei Stühle, eine Bank und einen großen Spind. An der linken Wand entdeckte sie neben dem Spind eine schmale Tür. Dahinter verbarg sich ein eigens, kleines Bad mit Dusche. An der rechten Wand über dem Tisch befanden sich Regale und gegenüber war ein Fenster. Die Wände waren zart gelb getüncht und das Holzmobiliar machte das ganze sogar behaglich. Ihre Nervosität legte sich etwas. Sie verstaute die mitgebrachten Sachen und trat wieder auf den Flur.

Ein großer Raum nebenan enthielt alles an Sportgeräten, was man sich nur denken konnte. Sie staunte über die großzügige Ausstattung. Selbst die Schulen aus der Muggelwelt konnte da nicht mithalten.

Für die ersten Stunden brauchte sie allerdings kein zusätzliches Gerät, abgesehen von ihrer Stoppuhr. Sie würde erst einmal die Schüler kennen lernen und sie mit vielen verschiedenen Laufspielen auf Trab bringen. Sie runzelte nachdenklich die Stirn. Vielleicht ein pa