Ein unerwünschter Geist in Hogwarts
von Viviane
Sieben Jahre nachdem Harry Potter Lord Voldemort besiegt hat, kommt Angela Brown als neue Lehrerin nach Hogwarts. Bald wird sie mit einem Geist aus der Vergangenheit konfrontiert … Und dann gibt es da noch einen Mann in Irland … “Ich wäre so gerne mal von ganzem Herzen geliebt worden“, sagte der Geist – und genau darum geht es, geliebt zu werden, Liebe zulassen zu können und um die Narben der Seele aus der Vergangenheit …
Ungefähr sieben Jahre waren vergangen seit Harry Potter Lord Voldemort besiegt hatte.
Minerva McGonagall war noch immer Leiterin der altehrwürdigen Zauberschule Hogwarts, irgendwo in Schottland.
Zu Beginn von diesem Schuljahr hatte sie das Glück, den Schülern und Lehrern eine neue Kollegin vorzustellen, die das Fach Kräuterkunde unterrichten würde, Angela Brown.
Die Schulleiterin war froh eine junge, fähige Kraft für ihre Schule gefunden zu haben, denn es war schwierig, geeignetes Personal zu finden.
Angela Brown ihrerseits sah der Zukunft mit gemischten Gefühlen entgegen. Sie hatte ihre Heimat, Irland, verlassen müssen und die Zauberschule dort, an der sie unterrichtet hatte.
Sie hatte dort nur einen befristeten Arbeitsvertrag gehabt, der abgelaufen und nicht wieder verlängert worden war.
Nun war sie hier, und es war Zeit für das erste Abendessen an der neuen Schule, alles andere, hoffte sie inständig, würde sich schon finden.
In den nächsten Tagen lösten sich einige ihrer Sorgen in Luft auf.
Sie fand sich schnell in dem wesentlich größeren Schulgebäude zurecht.
Die Schüler waren nett und unproblematisch.
Mit den neuen Kollegen sah das schon anders aus. Es gab viele ältere Kollegen, von denen sie kritisch beäugt wurde.
Der einzige Lehrer, der ungefähr ihr Alter hatte, war der für Zaubertränke, Daniel Weingeist aus Deutschland.
Es stellte sich schnell heraus, dass sie und dieser Kollege keinerlei Gemeinsamkeiten hatten.
So verbrachte sie ihre Freizeit meist allein und hatte dem entsprechend auch immer wieder Heimweh.
Angela Brown war schwer von den älteren Schülerinnen zu unterscheiden. Zwar war sie schon Mitte Zwanzig, wirkte aber wesentlich jünger.
Dazu trugen beistimmt ihre geringe Körpergröße und ihr zierlicher Körperbau bei. Ihre kastanienbraunen Haare waren schulterlang und zu einem Ährenzopf geflochten. Sie hatte große grüne Augen.
Im Oktober des Jahres fand das erste Quidditch-Spiel der Saison statt.
Angela hatte sich unter die Zuschauer am Spielfeldrand gemischt.
Sie war neugierig, denn sie hatte schon von der Rivalität der Häuser Gryffindor und Slytherin gehört, und ausgerechnet diese beiden Mannschaften trafen bei diesem Spiel aufeinander.
Doch viel sollte sie davon nicht mitbekommen.
Schon nach wenigen Spielminuten wurde sie von einem Klatscher, der unglücklicherweise ins Publikum flog, am Kopf getroffen und brach bewusstlos zusammen.
Mit dem Mobil-Corpus-Zauber wurde sie von Professor McGonagall zu Madame Pomfrey auf die Krankenstation gebracht.
Nachdem sie von der Heilerin gründlich untersucht und ärztlich versorgt worden war, wurde sie in ein Krankenzimmer weit hinten auf dem Flur der Station verlegt.
Madame Pomfrey beruhigte die aufgeregte Schulleiterin: „Minerva, sie hat noch mal Glück gehabt. Sie hat nur eine Platzwunde und eine schwere Gehirnerschütterung. Das braucht zwar seine Zeit, aber sie wird wieder ganz gesund werden.“
Angela Brown wachte am Abend - oder war es in der Nacht? - aus ihrer Ohnmacht auf. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren und sah nur, dass es dunkel war im Krankenzimmer.
„Hallo, wie geht es di r?“ wurde sie von einer weichen, dunklen Stimme begrüßt.
Sie versuchte ihren Kopf zu der Stimme zu drehen, was ihr auch mit viel Mühe gelang.
Sie sah eine, wie in Nebel gehüllte, Gestalt auf ihrer Bettkante sitzen, die ihre Hand liebevoll streichelte.
Sie fühlte allerdings davon nur einen kühlen Lufthauch.
„Wer bist du? Ein Geist?“ fragte sie, statt die Frage zu beantworten.
Die Gestalt nickte bejahend: „Ich bin Severus, und wer bist du?“
„Ich heiße Angela und bin hier Lehrerin. Und warum bist du hier?“
„Ich war hier auch an der Schule. Aber du hast meine Frage nicht beantwortet. Ich wollte wissen, wie es dir geht.“
„Ja“, flüsterte sie, „ich habe schreckliche Kopfschmerzen.“
Der Geist strich ihr vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sagte: „Das kommt von deiner Gehirnerschütterung. Versuch’ ein bisschen zu schlafen.“
Sie versuchte zu nicken. „Bitte, geh nicht weg“, bat sie.
„Wenn du möchtest, bleibe ich bis du schläfst und komme morgen wieder“, bot er ihr an.
„Ja“, hauchte sie und war schon eingeschlafen.
Am folgenden Abend kam Severus, wie versprochen, wieder zu ihr ins Zimmer und setzte sich auf ihre Bettkante.
„Na, heute geht es dir schon viel besser“, stellte er fest.
Sie lachte ein wenig. „Das kannst du wohl sagen. Ich freue mich, dass du wiedergekommen bist.“
Sie hatte den Eindruck, so etwas wie Freude in seinem Gesicht zu erkennen.
„Hast du schon Besuch bekommen hier?“ fragte er teilnahmsvoll.
Sie schüttelte den Kopf: „Nein, ich bin noch ziemlich neu hier, und die Kollegen scheinen mich auch nicht sonderlich zu mögen.“
Er nahm ihre Hand, streichelte sie liebevoll, wie am Abend zuvor, und sah sie traurig an, sagte aber nichts.
„Mach dir mal keine Sorgen, ich komme schon zurecht“; versuchte sie ihn schnell zu beruhigen.
„Ich kenne das Gefühl, dass einen keiner wirklich mag“, sagte er, und das Geständnis war ihm auch als Geist offensichtlich noch peinlich.
„Du?“ fragte sie erstaunt. „Warum?“
„Ich weiß nicht, ich war wohl immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Außerdem habe ich schlimme Fehler gemacht in meinem Leben“, führte er an.
„Ich will nicht neugierig sein, aber warum bist du ein Geist, und warum dann ausgerechnet hier?“ fragte sie vorsichtig.
Er zuckte mit den Schultern: „Hogwarts war mein Zuhause - wo sollte ich sonst hin?
Warum ich ein Geist bin? Ich weiß nicht so recht. Vielleicht, weil ich noch so vieles gerne erlebt hätte - weil ich nicht glücklich war, in meinem Leben.“
„Was hättest du denn gerne erlebt?“ erkundigte sie sich.
„Du musst mir nicht antworten, wenn dir das zu persönlich ist“, fügte sie noch eilig hinzu.
Er schüttelte den Kopf, und sie sah ihm an, dass es ihm doch ein wenig peinlich war: „Liebe - ich wäre so gerne mal von ganzem Herzen geliebt worden.“
„Oh“, war das einzige, was sie, sichtlich betroffen, hervorbrachte.
Dann herrschte Schweigen.
„Es ist schon spät. Ich werde jetzt langsam mal gehen, damit du schlafen kannst“, meinte er und erhob sich von der Bettkante.
„Warte“, flüsterte sie und versuchte nach seiner Hand zu greifen. „Kommst du morgen wieder?“
Er strich mit einer Hand zärtlich an ihrem Haaransatz entlang: „Wenn du es möchtest.“
Sie spürte von seiner Berührung wieder nur einen kühlen Lufthauch.
„Oh ja, gerne“, meinte sie und lächelte.
Er war schon im Fortgehen, als er sich noch einmal umdrehte. Sein Gesicht wirkte ernst und angespannt: „Bitte, sage niemandem, dass ich hier war. Sie würden mich sonst wegjagen. Sie haben es schon öfter versucht.“
Sie sah ihn entsetzt an: „Ich werde dich nicht verraten, Severus, ich gebe dir mein Ehrenwort.“
In den zwei Wochen, die Angela auf der Krankenstation verbrachte, besuchte sie Severus jeden Abend.
Der Geist wurde ihr in dieser Zeit ein Freund. Sie schätzte es, dass er regelmäßig kam, mit ihr redete, ihr zuhörte und sie tröstete. Sie mochte einfach seine liebevolle, väterliche Art.
Weiteren Besuch bekam sie nur äußerst selten.
Doch nicht nur Angela freute sich, auch Severus schien die Besuche bei ihr zu genießen.
Auch an ihrem letzten Abend kam er vorbei.
„Ich weiß es schon, du musst morgen gehen“, sagte er traurig.
„Ja“, flüsterte sie, und Tränen kullerten aus ihren Augen. „Ich werde dich vermissen. Kannst du nicht mitkommen?“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich habe es mal probiert, aber es klappt nicht. Außerdem muss ich aufpassen, dass sie mich nicht erwischen“, sagte er, sichtlich berührt von ihren Tränen.
„Angela“, sagte er dann ernst, sehr bemüht, seine eigenen Gefühle nicht zu zeigen, „ich bin ein Geist, und du bist lebendig.
Du musst zurück in dein Leben, du musst leben.
Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du glücklich wirst, sehr glücklich.“
Sie nickte unter leisen Schluchzern: „Aber ich werde dich nie vergessen.“
Er nickte ebenfalls: „Ich dich auch nicht.“
Er wandte sich ab: „Ich geh dann mal, mach’s gut.“
„Danke, du auch“, flüsterte sie.
Er drehte sich noch einmal um: „Denk an das Versprechen - zu niemandem ein Wort.“
Sie nickte, und die Tränen rannen ihr über die Wangen.
Am nächsten Morgen verließ sie die Krankenstation.
Die Gedanken an Severus ließen sie nicht los. Wer war dieser Geist? Wie war er als Mensch? Wann hatte er überhaupt gelebt? Warum wollte man ihn hier loswerden? Warum hatte ihn keiner geliebt?
Sie hätte so gerne Licht in dieses Dunkel gebracht, aber sie hatte versprochen, zu schweigen. Nach einigen Tagen, an denen sie ständig an ihn denken musste, ging sie in die Bücherei. Hier konnte sie Nachforschungen anstellen, ohne dass es jemand bemerkte.
Er hatte gesagt, er hätte hier gelebt.
Wenn er hier ein Schüler oder ein Lehrer gewesen war, dann war in den Jahrbüchern über ihn berichtet worden. Vielleicht hatte sie Glück.
Es dauerte nicht lange und sie fand heraus, dass es einen Lehrer in Hogwarts gegeben hatte, der Severus Snape geheißen hatte. Das musste er sein.
In seinem Nachruf war zu lesen, dass er ein ehemaliger Schüler gewesen war und vor drei Jahren nach längerer schwerer Krankheit verstorben war.
Vorher hatte er 20 Jahre als Lehrer für Zaubertränke in Hogwarts gearbeitet. Ein Jahr lang hatte er auch Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichtet. Professor Weingeist war demnach sein direkter Nachfolger auf dem Posten als Lehrer für Zaubertränke.
Nun hatte sie den ersten Anhaltspunkt.
Sie suchte nun in alten Jahrbüchern alles, was sie über seine Schulzeit herausfinden konnte.
Er musste ein guter Schüler gewesen sein. In Zaubertränken war er der beste Schüler seines Jahrgangs gewesen.
Er hatte seinen Abschluss im gleichen Jahr gemacht wie Lucius Malfoy und die Eltern von Harry Potter. Es gab sogar ein Abschlussfoto. Nach der Beschriftung musste er der schlanke, blasse Junge mit dem ernsten Gesicht, den schwarzen Haaren und der großen Nase sein, der etwas abseits stand.
Sie stellte fest, dass er zu Schulzeiten Schüler des Hauses Slytherin gewesen war und später dessen Hauslehrer.
Sie suchte weiter, nun in alten Zeitungen. Sie erfuhr, dass er sich den Todessern angeschlossen hatte.
Später, im Krieg gegen Lord Voldemort war er als Doppelspion tätig.
Er hatte den damaligen Schulleiter in Hogwarts, Professor Albus Dumbledore, der für ihn ein väterlicher Freund gewesen war, mit dem Todesfluch getötet.
Er hatte zwei Aufenthalte in Askaban überlebt.
Nach dem Sieg über Lord Voldemort hatte man auch ihm den Prozess gemacht. Die Öffentlichkeit war von der Verhandlung ausgeschlossen worden, und die Zeitungsberichte waren reißerisch aufgemacht.
Es gab ein Bild von ihm, blass mit dunklen Ringen unter den schwarzen Augen, ausgemergeltem Körper, bekleidet mit einer schwarzen Robe und einem schwarzen Umhang. Schwarze Haare hingen in Strähnen um sein Gesicht.
Man hatte ihn zwar freigesprochen, aber es war immer ein Makel an ihm haften geblieben.
Er war nach Hogwarts zurückgekehrt, weil Dumbledore es in seinem Testament so gewünscht hatte, nicht weil man ihn dort haben wollte.
Sie konnte sich gut vorstellen, wie man ihn das hatte spüren lassen, Tag für Tag, für den Rest seines Lebens.
Sie fand seine Taten keineswegs alle gut, aber der Mann tat ihr leid. Er hatte viel durchgemacht. „Ich wäre so gerne mal von Herzen geliebt worden“, dieser Satz hatte sie damals, als er ihn aussprach betroffen gemacht, und jetzt hörte sie ihn wieder, in ihrer Erinnerung, und es schmerzte sie.
Vor Weihnachten musste sie eine Statistik erstellen über die Grippeerkrankungen in den letzten zehn Jahren. So bekam sie Zutritt zum Archiv für die Krankenkarten, und sie fand natürlich auch seine.
Sie schaffte es, unbemerkt ein Duplikat davon anzufertigen und herauszuschmuggeln, um es in Ruhe in ihren Privaträumen zu lesen.
Ihr Schwerpunkt im Studium waren Heilkräuter und die Herstellung von Zaubertränken ausschließlich aus Kräutern gewesen. Daher hatte sie genug medizinische Vorbildung, um zu verstehen, was er ausgehalten hatte.
Schon zu Beginn seiner Schulzeit gab es Vermerke in seiner Akte, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit im Elternhaus misshandelt worden war.
Später kamen Unfälle hinzu, die vermuten ließen, dass er von seinen Mitschülern gequält wurde.
Dann gab es die ganz gewöhnlichen Erkrankungen.
Als Lehrer war er öfter in Behandlung gewesen wegen Fluchschäden oder anderen Verletzungen, die er sich bei den Todessern zugezogen haben musste.
Eine eindeutige Todesursache, warum ein Mann, der erst Anfang fünfzig war, starb, gab es in der Akte nicht.
Ihr war klar, dass die vielen Verletzungen über die Jahre und die Schädigungen der Organe durch die Nebenwirkungen der Zaubertränke dazu geführt haben mussten.
Sie musste davon ausgehen, dass er viel mehr Tränke zu sich genommen hatte, als die in der Akte vermerkten.
Er hatte selbst brauen können und sich selbst behandeln können, und er hatte das mit Sicherheit genutzt.
Das Zimmer, in dem er starb, hatte man versucht, mit rituellen Räucherungen von seinem Geist zu säubern.
Durch einen weiteren Zufall fand sie heraus, dass seine Privaträume nach seinem Tod versiegelt worden waren. Selbst den Geistern verwehrte man den Zutritt, nur um zu verhindern, dass sein Geist zurückkehren könnte.
Alles, was sie über ihn gefunden hatte, hatte sie genau notiert oder dupliziert und hob es in einer Kiste auf, die sie mit vielen Zaubern vor dem Zugriff Unbefugter schützte.
Da sie im Jahrbuch gelesen hatte, dass er in Hogsmeade beigesetzt worden war, ging sie an einem Tag, den sie in dem Ort verbrachte, auf den Friedhof.
Sie fand sein Grab. Es lag ein wenig abseits und war wohl seit der Beerdigung nie wieder gepflegt worden.
Ein schwarzer Grabstein mit der Aufschrift ‚Severus Snape’ war der einzige Hinweis auf ihn. Sonst gab es hier nur Unkraut.
„Ich wäre so gerne mal von ganzem Herzen geliebt worden“, jetzt war es zu spät, und doch beschloss sie im Frühling wiederzukommen, dass Unkraut zu entfernen und Blumen zu pflanzen.
Die Zeit von Weihnachten bis zu den Sommerferien verging für Angela sehr schnell.
Von Severus, dem Geist, hatte sie seit ihrem Aufenthalt auf der Krankenstation nichts mehr gehört oder gesehen.
Sie hatte ihr Versprechen gehalten und geschwiegen.
Im Frühling hatte sie das Grab von Severus Snape vom Unkraut befreit und Blumen gepflanzt.
Ein letztes Mal war sie heute auf dem Friedhof gewesen, denn nun würde sie Schottland für zwei Monate verlassen.
Es war der Beginn der Sommerferien. Sie würde noch heute Abend nach Irland zu ihrer Freundin apparieren.
Letztere hieß Ellen Waterman und arbeitete am Institut für Kräuterkunde an der Zauberuniversität in Galway.
Da die Assistentin zur Zeit Urlaub machte, hatte Ellen Angela gefragt, ob sie in den Sommerferien die Vertretung übernehmen wollte. Natürlich wollte Angela.
Nun saß sie mit Ellen in der Cafeteria und machte Mittagspause. Der Raum war nicht sehr groß und Licht durchflutet. Es war ein schöner sonniger Sommertag.
Die Gäste saßen an Vierertischen und unterhielten sich leise.
Angela sah sich um. Es waren fast alle Tische besetzt. I
In einer Ecke saß ein Zauberer ganz allein. Das war nicht ungewöhnlich.
Doch dieser Mann fiel durch seine kinnlangen schwarzen Haare, sein auffallend blasses ovales Gesicht, seine große Nase und die dunklen Augen auf.
Darüber hinaus trug er eine schwarze Robe.
Er schien sich für seine Umwelt nicht sonderlich zu interessieren. Er sah kaum auf, und verschwand, sobald er seine Mahlzeit beendet hatte.
Am nächsten Tag war er wieder da, als Ellen und Angela zur Pause kamen. Wieder war er ganz in Schwarz gekleidet und völlig abwesend.
Einmal sah er zufällig auf, als Angela in seine Richtung guckte. Ihre Blicke trafen sich. Seine Augen waren dunkel, sein Blick so intensiv und durchdringend, dass es ihr fast unangenehm war.
Sie versuchte ein Lächeln und sah dann weg.
Kurz darauf verließ er den Raum.
„Wer war das“, fragte sie nun Ellen.
„Das ist Professor Smith, unser Professor für Zaubertränke. Er ist erst 28, und man sagt jetzt schon, er wäre ein Genie.“
„Wow“, reagierte Angela. „Macht er immer alleine Pause?“
Die Freundin zuckte mit den Schultern: „Weiß ich nicht so genau. Er ist meist alleine, legt wohl keinen Wert auf Kontakt.
Irgendwie ist er komisch. Man kann nicht warm mit ihm werden. Er ist abweisend, fies und unfreundlich. Den habe ich noch nie auf einer Uni-Fete gesehen.
So, jetzt komm, wir müssen auch wieder los.“
Zwei Tage später waren alle Tische besetzt, als Angela und Ellen in die Cafeteria kamen. Nur bei Professor Smith waren noch Plätze frei. Ellen war es offensichtlich unangenehm, doch Angela ging zielsicher auf den Professor zu:
„Entschuldigung, dürfen wir uns hier setzen?“ Sie versuchte einigermaßen freundlich zu gucken, obwohl sie sein Blick wieder sehr irritierte.
„Ja“, sagte er knapp und wandte sich seinem Essen zu.
Die beiden Frauen setzten sich und begannen ihre Mahlzeit.
Nach einer Weile schaute er auf und sprach Angela an: „Kann es sein, dass ich sie hier noch nicht gesehen habe?“
„Ich bin erst seit ein paar Tagen hier, ich bin die Vertretung für Amanda. Übrigens, ich heiße Angela Brown“, stellte sie sich vor.
Ein Blitzen war in seinen dunklen Augen zu sehen: „Dann habe ich ihren Arbeitsvertrag genehmigt.“
Angela sah ihn verwundert an.
„Entschuldigung, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, Simon Smith, Professor für Zaubertränke und damit auch für das Institut für Kräuterkunde zuständig“, fügte er hinzu.
Angela nickte, sagte aber nichts mehr.
Bald darauf stand der Professor auf: „Ja, ich will dann mal los. Ich denke, wir werden uns noch sehen.“
Am Nachmittag drückte Ellen ihrer Freundin einen Stapel Akten in die Hand: „Das sind die Berichte für Professor Smith. Sie sind eilig. Kannst du sie schnell rüberbringen?“
Angela nickte: „Wenn du mir verrätst, wo ich hin muss.“
„Kein Problem“; antwortete die andere. „Er ist fast immer in seinem Labor, gegenüber. Du brauchst nicht anzuklopfen, das mag er nicht.“
Angela ging mit den Mappen über den Flur und öffnete die Tür zu Professor Smith’s Labor. Er war gerade dabei, mit seinem Assistenten einen Trank zu brauen und zischte diesen genervt an:
„Ich hatte gesagt, ich brauche den Safran, nicht das Einhornpulver.“
Da sie gerade die Berichte neben der gewünschten Zutat abgelegt hatte, reichte sie sie dem Professor.
„Was brauchen sie als Nächstes“, fragte sie ihn vorsichtig.
„Den Ahornsirup“, knurrte er.
Sie reichte ihm auch diesen. Er gab ihn in den Kessel, rührte ein paar Mal um und schaltete das Feuer aus.
Jetzt wandte er sich Angela zu: „Danke, in diesem Stadium des Tranks muss ich sehr schnell arbeiten, weil er sonst misslingt.“
Er sah auf den Stapel Papiere auf dem Labortisch, hob eine Augenbraue und sah sie fragend an: „Was ist das?“
„Das sind die Berichte von Frau Waterman. Sie sagte, es wäre eilig“, sagte sie verunsichert.
„Ach so, ja“, war seine Antwort.
Angela wollte schon gehen, als Professor Smith sie aufhielt: „Moment noch Professor - oh jetzt habe ich ihren Namen vergessen...“
Sie lächelte ihn freundlich an: „Brown, Angela Brown.“
„Ach ja, Professor Brown, ich muss nachher, wenn dieser Trank fertig ist, noch einen brauen. Würden sie mir assistieren? Herr Miller, der das sonst macht, muss früher gehen.
Aber ich muss sie warnen, es könnte spät werden - sie können nicht pünktlich Feierabend machen.
„Ja, selbstverständlich, kein Problem. Um wie viel Uhr soll ich hier sein?“
„Sagen wir um 16.00 Uhr, wäre ihnen das Recht?“
„Okay“; sagte sie, „dann bis später.“
„Oje, du tust mir Leid“, bemitleidete sie Ellen, nachdem sie ihr davon erzählt hatte.
„Das war so ziemlich das Schlimmste, was dir hier passieren konnte. Wenn er dich blöde anmacht, nimm es bloß nicht persönlich - der ist schon bekannt dafür.
Und richte dich auf eine lange Nacht ein, der scheint kein Privatleben zu haben - der ist fast immer hier.“
„Na, du machst mir Mut“, stöhnte Angela.
Um 16.00 Uhr ging Angela mit einem unguten Gefühl zum Labor von Professor Smith.
Dieser wartete schon auf sie, war aber nicht ärgerlich.
Zuerst erklärte er ihr, was er vorhatte, es sollte ein Trank gegen Husten werden. Er nannte ihr alle Zutaten, die er verwenden wollte.
Anschließend machten sie sich daran, alle benötigten Sachen aus dem Vorratsraum zu holen und die erforderlichen Mengen genauestens abzuwiegen.
Danach mussten einige Kräuter noch pulverisiert und die Zwiebel ganz klein gehackt werden.
Dann durfte Angela den Basistrank herstellen.
Nachdem dieser fertig war, übernahm er ihren Platz am Kessel und ließ sich von ihr die Zutaten in der gewünschten Reihenfolge anreichen.
Sie arbeiteten konzentriert und sprachen nur das Notwendigste.
Zum Schluss musste der Trank noch eine Stunde köcheln. Es war bereits 19.30 Uhr, und er meinte: „Jetzt können wir uns erstmal einen Tee gönnen.“
Er führte sie in eine kleine Teeküche hinter seinem Labor. Sie setzte sich an den kleinen Tisch und sah ihm zu, wie er den Tee zubereitete.
Dann setzte er sich zu ihr: „Sie waren hervorragend. Herr Miller ist auch eine Urlaubsvertretung, und er bringt mich manchmal an den Rand des Wahnsinns.“
Angela sah ihn an, erinnerte sich an die Szene vom Nachmittag und musste grinsen.
Er betrachtete sie forschend: „Könnten sie sich vorstellen, öfter bei mir auszuhelfen?“
Sie nickte zustimmend.
Im Laufe der nächsten Stunde führten sie ein angeregtes Fachgespräch. Dann wurde es Zeit, das Feuer unter dem Trank abzuschalten und sie konnte nach Hause gehen.
Dort wurde sie schon von einer neugierigen Freundin erwartet: „Na, der hat dich aber lange arbeiten lassen, und wie war’s? War er fies zu dir?“
„Es war alles halb so schlimm - ich musste mich halt sehr konzentrieren, denn diese Art von Zaubertränken ist mir nicht so geläufig, und ich kenne Professor Smith nicht. Es hat trotzdem richtig Spaß gemacht, und ich habe eine Menge gelernt.
Aber jetzt bin ich nur noch todmüde und möchte ins Bett“, fügte sie hinzu und ging in Richtung Bad.
Am nächsten Tag führten Ellen und Angela gerade einen Versuch durch, der ständig beaufsichtigt werden musste. Daher konnten sie nicht gemeinsam zur Pause gehen, sondern mussten sich abwechseln.
Als Angela in die Cafeteria kam, saß Professor Smith schon an seinem Platz. Mit ihrem Tablett ging sie auf seinen Tisch zu. Kurz bevor sie ihn erreicht hatte, sah er auf und nickte ihr zu.
Sie setzte sich zu ihm: „Na, wie ist ihr Trank gestern gelungen? Entspricht er ihren Vorstellungen?“
Er schüttelte den Kopf: „Im großen und ganzen schon, aber ich muss ihn noch etwas modifizieren, um die Wirkung zu verbessern.“
Angela dachte nach: „Vielleicht sollten sie mehr Thymian in den Trank geben.“
„Ja, das wäre eine Möglichkeit, die ich noch nicht bedacht habe“, meinte er.
Schnell waren sie wieder in ein Fachgespräch vertieft.
Durch ihre angeregte Unterhaltung hatten sie nicht bemerkt, dass sie die letzten Gäste waren. Sich immer noch beratend, verließen sie die Cafeteria.
Professor Smith war mit Angelas Arbeit sehr zufrieden. Sie war aufmerksam und dachte mit. Außerdem gefiel ihm ihre ruhige, eher zurückhaltende Art.
Da er für die Mitarbeiter am Institut zuständig war, sorgte er nach ein paar Tagen dafür, dass sie seine persönliche Assistentin wurde für die Zeit, die sie noch dort verbringen würde.
Ellen wurde dafür Herr Miller zugeteilt. Letzter war wohl sehr froh, nicht mehr mit dem Professor zusammenarbeiten zu müssen.
Ellen sah das anders. Sie hätte sich lieber mit ihrer Freundin das Labor geteilt.
Angela war hin und her gerissen. Sie hätte gerne mit Ellen gearbeitet. Sie hätten es langsam angehen lassen und über viel Privates reden können.
Die Arbeit bei Professor Smith war wesentlich anstrengender, aber auch sehr viel interessanter.
In den folgenden Wochen lernte sie die Zusammenarbeit mit dem Professor so richtig zu schätzen.
Sie lernte viel über sein Fachgebiet.
Obwohl sie gewarnt worden war, er wäre schnell ärgerlich, erlebte sie nie etwas in dieser Richtung.
Er blieb sehr zurückhaltend und verschlossen, was sie als angenehm empfand.
Als er ihr das Du anbot, war sie schon sehr überrascht, denn das war schon ungewöhnlich für ihn.
Während ihrer Arbeit sprachen sie selten, aber es gab immer wieder Pausen, in denen ein Trank nur zu ziehen brauchte oder eine bestimmte Zeit köcheln musste.
Diese Phasen verbrachten sie in der kleinen Teeküche hinter seinem Labor.
Einige wenige Male nutzten sie einen längeren Zeitraum für einen Spaziergang im Park in der Nähe der Universität.
Simon Smith war ein sehr gebildeter Mann, mit dem sie sich über viele Themen unterhalten konnte.
Dabei entdeckten sie einige Gemeinsamkeiten, sie lasen beide gern, mochten lange Spaziergänge, hörten gerne klassische Musik und interessierten sich für Malerei.
Ein bisschen wehmütig dachte sie daran, dass ihre Zeit in Irland bald vorüber sein würde.
Der Abschied war ganz anders, als sie es erwartetet hatte.
„Danke, dass du es die ganze Zeit mit mir ausgehalten hast“, sagte er zum Abschied.
Sie sah ihn entsetzt an. „Das hört sich an, als ob es für mich eine Zumutung gewesen wäre mit dir zu arbeiten, aber das war es nicht, im Gegenteil es hat mir richtig Spaß gemacht, und ich habe unglaublich viel von dir gelernt“, entgegnete sie sofort.
„Ich denke, dass du lieber mit deiner Freundin zusammengearbeitet hättest“, erwiderte er kühl.
„Vielleicht zu Anfang, aber das hat sich schnell geändert. Jetzt bin ich richtig froh darüber, mit dir gearbeitet zu haben“, gab sie ehrlich zu.
Er sah sie ein wenig ungläubig an, sagte jedoch nichts.
„Bist du in den Weihnachtsferien da?“ fragte sie ihn.
„Wieso?“ fragte er darauf.
„Zu Weihnachten werde ich wieder in Irland sein, dann wollte ich auf alle Fälle hier vorbeischauen.“
„Ja, das wäre nett von dir“, antwortete er in einem Tonfall, als ob ihr Vorhaben nur so dahin geredet wäre.
Angela hatte diese Verabschiedung sehr aufgewühlt. Sie wollte jetzt noch nicht zu Ellen nach Hause gehen und sich mit ihr über Belangloses unterhalten.
Also entschied sie sich für einen Spaziergang im Park. Dort setzte sich auf eine Bank, nahe am Ententeich.
Sie dachte an die Arbeit mit Simon zurück, erinnerte sich daran, wie seine Augen leuchteten, wenn er über sein Fachgebiet sprach und den warmen Blick, mir dem er sie manchmal angesehen hatte.
Seine Vermutung, sie wäre nur ungern mit ihm zusammen gewesen, hatte sie zutiefst verletzt. Was für eine Meinung hatte er bloß von ihr?
Sie war sehr traurig über den Abschied, denn die Zeit mit ihm hatte ihr wirklich viel Spaß gemacht.
Es war nicht nur die gemeinsame Arbeit gewesen, es war der Mensch, den sie mochte. Sie hatte nie zuvor jemanden kennen gelernt, der so viele Interessen mit ihr teilte.
Insgeheim hatte sie gehofft, es würde sich eine Freundschaft daraus entwickeln, aber danach sah es nun wirklich nicht aus.
Sie schluckte und konnte nicht verhindern, dass ein paar Tränen über ihre Wangen rollten.
Als sie endlich bei Ellen ankam, wurde sie schon ungeduldig erwartet.
„Sag bloß, der hat dich an deinem letzten Tag noch so lange arbeiten lassen“, grummelte sie. „Das passt zu ihm, vor allem, weil heute Uni-Fete ist“, setzte sie nach.
Angela zuckte zusammen: „Nein, er hat damit nichts zu tun, ich war noch im Park. Ich habe die Fete völlig vergessen. Müssen wir da unbedingt hin?“
Ellen lachte: „Na klar, das ist unser letzter Abend, den wir gemeinsam haben. Denkst du da will ich zu Hause versauern. Los, zieh dich schnell um.“
Widerwillig ging Angela ins Bad und kleidete sich für den Abend an.
Die Party war schon in vollem Gange als sie in der Universität eintrafen. Ellen tanzte gleich mit einem Kollegen, den Angela vom Sehen her kannte.
Sie selbst stand etwas verloren abseits und hing ihren Gedanken nach.
Professor Simon Smith war nach der Verabschiedung seiner Assistentin noch in seinem Büro geblieben.
Ihm war der Abschied nahe gegangen. Eigentlich hatte er auch gar nicht so schroff reagieren wollen. Trotzdem war es passiert, und ein wenig tat es ihm nun leid.
Er mochte sie, weil sie sich ihm gegenüber völlig normal verhalten hatte, nicht mit Angst oder Abscheu oder Bewunderung, wie er es sonst so oft erfahren hatte.
Er wusste nur zu gut, wie man über ihn dachte, und es verletzte ihn.
Es hatte ihm gefallen, dass Angela und er einige Gemeinsamkeiten hatten, und auch ihre Intelligenz hatte ihn beeindruckt.
Ein bisschen hatte er sich gewünscht, es könnte mehr daraus werden, als ein paar Wochen gemeinsame Arbeit.
Aber warum sollte sich ausgerechnet diese Lehrerin aus Schottland für ihn interessieren?
Bislang war er niemandem - außer John natürlich - wichtig gewesen.
Dieser war der einzige, der sich um ihn kümmerte, und dem auch er vertrauen konnte, und so würde es wohl auch immer bleiben.
Mehr wollte und erwartete er nicht mehr – oder vielleicht doch?
Langsam packte er seine Sachen. Er würde für heute Feierabend machen, denn er konnte sich sowieso nicht mehr konzentrieren.
Als er aus dem Fahrstuhl stieg, hörte er schon die laute Musik. Die Fete hatte er völlig vergessen - es war ihm aber auch nicht danach.
An der Cafeteria, in der die Party stattfand, musste er allerdings auf dem Weg zum Ausgang vorbei.
Die Tür stand offen, und daher sah er Angela, wie sie abseits stand in ihrer hellblauen Jeans und der weißen Folklore-Bluse. Die Haare trug sie offen. Er blieb wie angewurzelt stehen - so hatte er sie noch nie gesehen, und sie war wunderschön.
Spontan entschied er, statt zu Hause allein zu sitzen, könnte er auch hier ein Glas Wein trinken und betrat den Raum.
Angela hatte sich inzwischen ein Glas Sangria besorgt und sich damit an einen der Tische am Rand der Terrasse gesetzt.
Dort saß sie nun, sah hin und wieder den anderen zu und schaute zwischendurch träumerisch in den Garten.
Nach einigen kurzen Gesprächen betrat auch Professor Smith die Terrasse. Er schaute sich nach einem freien Platz um, der ihm zusagte.
Da entdeckte er Frau Waterman, die ihrer Freundin etwas ins Ohr flüsterte und dann ging.
Sie war gerade fort, als er an Angelas Tisch auftauchte und sie höflich fragte, ob er sich setzen dürfte.
Sie stimmte zu, und er nahm Platz.
„Ich hatte gar nicht erwartet, dich hier zu treffen“, begann er nach einer Weile das Gespräch.
Sie lachte: „Ich hatte auch nicht wirklich Lust zu kommen, aber Ellen hat mich schlicht überredet. Dich hier zu treffen, hatte ich auch nicht erwartet.“
Er nickte: „Ja, das war ein spontaner Entschluss von mir, als ich nach Hause gehen wollte.“
„Dann hast du also das Ergebnis von unserem letzten Trank noch überprüft?“ fragte sie neugierig.
„Ja, ich war viel zu gespannt, um bis morgen warten zu können“, meinte er.
„Das kann ich verstehen“, sagte sie. „Und - bist du zufrieden?“
„Mal sehen - einen Versuch über die Wirkungsdauer konnte ich vorhin nicht abschließen, weil er 12 Stunden dauert“, antwortete er.
„Und jetzt willst du hier warten, bis die Zeit herum ist?“ frotzelte sie.
„So ungefähr“, schmunzelte er.
Sie unterhielten sich noch lange - über die Wirkungsweise des neuen Tranks - wie man ihn modifizieren könnte - über den Zusammenhang von Krankheit, Genesung und Psyche usw.
Sie gehörten zu den letzten Gästen auf der Terrasse.
„Ich denke, wir sollten gehen, die meisten sind schon weg“, meinte er.
Sie nickte, und sie verließen langsam die Universität.
„Wo ist eigentlich deine Freundin geblieben?“ erkundigte er sich.
„Sie wollte mit ihrem Freund noch woanders hin“, sagte Angela kleinlaut.
„Dann werde ich dich nach Hause bringen“, entschied er.
Es war eine laue Sommernacht und so ließen sie sich Zeit auf dem Weg. Sie redeten über Gott und die Welt.
Schließlich kamen sie vor der Ellens Haustür an.
Sie sahen sich unsicher an, wussten beide nicht, was sie zum Abschied sagen sollten.
„Ich hoffe, es ist jetzt nicht zu spät für dich geworden. Du hast morgen einen langen Tag vor dir“, sagte er besorgt, und es war wieder die Wärme in seinem Blick, die sie so berührte.
Sie schüttelte den Kopf: „Nein, das ist schon in Ordnung. Ich hoffe nur, dass es für dich nicht zu spät geworden ist.“
„Nein für mich ist das auch in Ordnung“, bestätigte er. „Es war ein schöner Abend.“
„Ja, die schönste Fete, die ich bislang erlebt habe“, sagte sie. „Wann ist eigentlich die nächste?“
„Ich weiß es nicht“, gestand er.
„Schade“, meinte sie.
Sie sah ein Blitzen in seinen Augen: „Ich kann dir eine Eule schicken, wenn ich es herausgefunden habe.“
„Oh ja, das wäre schön“, strahlte sie ihn an.
„Ja, dann“, er machte eine Pause, „bis zur nächsten Fete. Und schlaf gut.“
„Ja, bis zur nächsten Fete und komm gut nach Haus und schlaf auch gut“, sagte sie und drehte sich um, um die Tür zu öffnen.
In der Wohnung stellte sie fest, dass es schon früh am Morgen war, aber sie war viel zu aufgeregt, um schlafen zu können.
Ellen schien auch noch nicht zurückgekommen zu sein
Sie ging in die Küche, um sich einen Tee zu kochen, dieselbe Sorte, die Simon immer im Labor kochte. Der Tee schmeckte nicht so, wie der, den er zubreitete.
Frustriert ging sie in ihr Zimmer und warf sich auf das Bett. Ihr war jetzt nur noch nach Weinen.
Es war ein wunderschöner Abend gewesen, aber dieser Abschied war ihr schrecklich schwer gefallen.
Endlich fiel sie doch in einen unruhigen Schlaf.
Simon hatte noch gewartet bis die Haustür hinter Angela ins Schloss gefallen war. Dann machte er sich auf den Heimweg.
Ständig dachte er immer nur an sie.
Wie hatte sie es nur geschafft, ihn derart aus der Fassung zu bringen?
Vor einigen Jahren hatte er sich nach einer enttäuschten Liebe vorgenommen, sich nie wieder auf eine Beziehung einzulassen und seine Gefühle tief in seinem Inneren verschlossen.
Seine Angst noch einmal so gekränkt zu werden wie damals, war einfach zu groß.
Und plötzlich war sie da, und er war nahe daran, seinen Beschluss zu vergessen.
Zu Hause legte er sich auf sein Sofa. Er war der Meinung, ins Bett zu gehen, lohnte sich nicht mehr.
Bald fiel er in einen unruhigen Schlaf und träumte von - Angela.
Angela war zwei Stunden vor der ersten Lehrerversammlung in Hogwarts eingetroffen.
Nun saß sie im Lehrerzimmer und war nicht wirklich bei der Sache.
Immer wieder wanderten ihre Gedanken zurück nach Irland, so sehr sie sich auch bemühte, sich zu konzentrieren.
Simon - sie stellte sich vor, wie er jetzt in seinem Labor arbeiten würde, fragte sich, ob er sie vermissen würde.
Sie zwang sich zur Ordnung. Jetzt war sie in Hogwarts und hatte ihre Aufgaben zu erledigen. Die Gedanken an die Ferien und besonders an Simon würden schon mit der Zeit vergehen.
Doch so war es nicht.
So etwas war ihr noch nie passiert. Seit dem Zerbrechen ihrer Jugendliebe hatte es keinen Mann mehr gegeben, der sie fasziniert hatte, wie Simon es tat.
Drei Wochen nach dem Beginn des neuen Schuljahres kam eine Eule von Ellen. In ihrem, für sie typischen, lustigen Tonfall berichtete sie von den Ereignissen der letzten Wochen.
Sie schrieb von ihrem neuen Freund, berichtete von Neuigkeiten aus ihrem gemeinsamen Bekanntenkreis.
In einem kurzen Satz erwähnte sie auch, dass Professor Smith die Auswertung der Versuchsreihe von Angela und Ellen, die Angela geschrieben hatte, sehr gelobt hatte, und dass der Professor in der letzten Zeit noch schwieriger war, als sonst.
Ein paar Tage nach Ellens Brief kam wieder eine Eule aus Irland. Zunächst war Angela erstaunt, als der Vogel zielstrebig auf sie zuflog, um seine Post abzuliefern. Dann fiel ihr Blick auf das Kuvert, es war beschriftet mit der Schrift von - Simon.
Ihr Herz schlug schneller – eigentlich hatte sie nicht erwartet, dass er schreiben würde, nun war sie überrascht und neugierig.
Schnell beendete sie ihr Frühstück, um sich in ihre Privaträume zurückziehen zu können.
Es war noch Zeit bis der Unterricht anfing, genügend Zeit, um in Ruhe zu lesen.
Behutsam öffnete sie den Umschlag und zog das Pergament heraus. Sie faltete es auseinander und las:
Hi Angela,
dein Start ins neue Schuljahr war hoffentlich gut, trotz der langen Nacht.
Den Termin für die nächste Fete habe ich jetzt herausgefunden, es ist Halloween ab 20.00 Uhr.
Du hältst doch dein Versprechen und kommst? Ich würde mich freuen.
Viele Grüße
Simon
Angela war glücklich. Sie zählte die Anzahl der Wochen an ihren Fingern ab - es waren nur noch vier Wochen.
Ein paar Tage vor Halloween gab Professor Mc.Gonagall bekannt, dass sie erwartete, dass alle Schüler und Lehrer am Halloween-Ball und dem Festessen teilnahmen.
Angelas Enttäuschung war riesengroß, bis sie sich überlegt hatte, an beiden Feiern teilzunehmen.
Sie eulte an Simon, sie würde später kommen, weil ihre Anwesenheit in Hogwarts verpflichtend wäre.
Sie hoffte nur, dass der Brief noch rechtzeitig ankam. Vorsichtshalber suchte sie in der Eulerei einen kräftigen Uhu aus.
Am Abend des Halloween-Festes erschien sie pünktlich zum Festessen in der großen Halle von Hogwarts.
Nach dem Essen, eröffnete die Schulleiterin den Tanz mit ihrem Stellvertreter, Professor Lupin, als Partner.
Angela drehte bald darauf einige Runden mit ihrem Kollegen, Professor Weingeist.
Die beiden Lehrer fielen auf, erstens weil Angela sehr hübsch war und zweitens, weil sich die Kräuterkundelehrerin und der Zaubertränkelehrer sonst möglichst aus dem Weg gingen.
Nachdem sie so aufgefallen war, zog sie sich zurück. Sie holte ihren Umhang und verließ das Gebäude.
Jeder, der sie sah, dachte, sie wollte nur frische Luft schnappen, weil sie vom Tanzen erhitzt war, doch sie überschritt zielstrebig die Appariersperre und apparierte.
Kurz vor 22.00 Uhr erreichte sie den Park in der Nähe der Universität. Es waren nur noch wenige Meter, die sie bis zur Cafeteria zurücklegen musste.
Am Ziel angekommen, legte sie ihren Umhang in der Garderobe ab und betrat den Raum.
Es brauchte eine Weile bis sie sich orientiert hatte. Alles hier war dekoriert mit ausgehöhlten Kürbissen, Spinnen und Fledermäusen. Die meisten Gäste waren kostümiert erschienen und somit kaum zu erkennen.
Sie hielt zunächst Ausschau nach Ellen, die ihr geschrieben hatte, dass sie auch kommen wollte, aber sie konnte sie nirgends entdecken, Wahrscheinlich hatte sie die Feier schon verlassen.
Dann versuchte sie Simon zu finden. Er saß mit einem ziemlich unglücklichen Gesicht in einer der hintersten Ecken. Es dauerte eine Weile bis sie sich zu ihm vorgekämpft hatte.
Er entdeckte sie erst, als sie schon vor ihm stand.
Ein glückliches Lächeln huschte über sein Gesicht: „Du hast wirklich dein Wort gehalten.“
„Na klar, eigentlich solltest du mich so weit kennen, dass du weißt, dass ich zuverlässig bin. Es ist nur später geworden wegen der Verpflichtungen in meiner Schule. Ich hoffe, du hast meine Nachricht bekommen“, erklärte sie fröhlich.
Er nickte.
Auf dieser Fete war es so laut, dass sie sich nicht unterhalten konnten. Draußen war es zu kalt, um sich dort länger aufzuhalten zu können. Die Tanzfläche war überfüllt, viele Gäste bereits reichlich alkoholisiert. Etwas unschlüssig saßen sie herum.
Schließlich brachte Simon den Mut auf, sie zu fragen: „Wollen wir nach oben in mein Labor gehen?“ Sie stimmte zu.
Er nahm noch schnell einen kleinen Kürbis aus der Dekoration, und dann gingen sie.
Wie immer, kochte er einen vorzüglichen Kräutertee. Sie saßen gemütlich und redeten bis in die frühen Morgenstunden. Allmählich wurde es Zeit aufzubrechen.
„Musst du heute schon zurück?“ fragte er.
„Ja, leider, ich muss morgen früh zum Frühstück in der großen Halle sein“, meinte sie wenig begeistert.
Er begleitete sie zu der Stelle, von der aus sie apparieren wollte.
„Es war ein schöner Abend“, leitete er den Abschied ein.
„Ja, das war es“, bestätigte sie. „Bis zur nächsten Fete?“ fragte sie ihn lachend.
„Wenn du möchtest“, antwortete er amüsiert.
„Schickst du mir wieder eine Eule?“ Er nickte bejahend.
„Bis dann und komm gut heim“, sagte er leise.
„Bis dann und komm auch gut heim“, sagte sie sanft, und dann apparierte sie.
Er stand noch eine Weile still da, bevor er sich aufraffte, nach Hause zu gehen.
Die nächste Fete in Galway war die Weihnachtsfeier am 20. Dezember.
Wie zu Halloween hatte sie auch dieses Mal eine Nachricht von Simon bekommen, wann die die Feier stattfinden würde.
Sie apparierte dieses Mal ein wenig früher, denn es war der letzte Schultag, und sie wollte die Weihnachtsferien sowieso in ihrem Haus in Irland verbringen.
Die Stimmung war bei dieser Fete ruhiger und besinnlicher als an Halloween.
Ein großer Weihnachtsbaum schmückte die Cafeteria und ein Mistelzweig hing über der Schiebetür, die sich in der Mitte des Raumes befand und geöffnet war.
Im Laufe des Abends gelang es einem der Gäste, Angela und Simon unter den Mistelzweig zu locken, ohne dass die Beiden bemerkten, was man mit ihnen vorhatte.
Als nun von ihnen der fällige Kuss gefordert wurde, standen sie sich erschrocken gegenüber.
Er erstarrte, war zu nichts mehr fähig als zu denken: ‚Nein’.
Ihr war nach dem ersten Schrecken klar, dass jedes Zögern die Situation nur verlängern, den Kuss aber nicht verhindern würde.
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, hielt sich an seinen Oberarmen fest, denn sie reichte ihm nur bis zur Schulter.
Ihre Lippen berührten die seinen, ganz vorsichtig, liebevoll und zärtlich.
Sie versuchte sich nur auf ihn zu konzentrieren und ihr Herz raste.
Er reagierte kaum merklich.
Nachdem sich ihre Lippen voneinander gelöst hatten, standen sie noch einen Augenblick voreinander. Sie sahen sich an, nahmen sich aber nicht wahr, denn jeder von ihnen war noch mit seinen aufgewühlten Gefühlen beschäftigt.
Dann verschwand Simon.
Einige der Gäste fanden es absolut toll, dass sie den Mut hatte, den unbeliebten Professor zu küssen. Sie fühlte sich allerdings alles andere als gut.
Für sie war das Ganze aufregend und ein bisschen unangenehm gewesen, obwohl oder gerade, weil sie in ihn verliebt war.
Was hatte er dabei empfunden? Und wie würde es nun weitergehen?
Sie fürchtete, dass er sich verletzt fühlte, weil damit eine Grenze überschritten worden war, die er nur allzu deutlich gesetzt hatte, indem er jegliche körperliche Nähe, auch zu ihr, vermied.
Er hatte noch nie mit ihr getanzt.
Sie wäre jetzt am liebsten allein gewesen oder vielleicht bei ihm.
Auf der Feier sah sie ihn nicht mehr. Wahrscheinlich wollte er allein sein und war schon gegangen.
Sie würde ihn morgen im Labor treffen, sie waren dort verabredet.
Simon hatte sich nach dem Kuss in sein Labor zurückgezogen. Ihm war die Situation sehr unangenehm gewesen.
Wie hatte er es nur dazu kommen lassen können? Er war nur froh, dass Angela sich nicht gesträubt hatte und ihm damit weitere Peinlichkeiten erspart hatte.
Als er an den Kuss zurückdachte, wurde ihm bewusst, wie zärtlich und liebevoll sie gewesen war, und er musste sich eingestehen, dass es ihm an einem anderen Ort sicher sehr gut gefallen hätte.
Diese Frau brachte ihn völlig durcheinander.
Am nächsten Morgen erschien sie zur vereinbarten Zeit in seinem Labor. Er war verschlossen und abweisend, wie er es ihr gegenüber – so weit sie sich erinnern konnte – nie zuvor gewesen war.
Ihre Befürchtungen hatten sich bestätigt, er schien wirklich verletzt zu sein.
Sie ließ ihm Zeit und hoffte, dass sich seine Stimmung durch die gemeinsame Arbeit bessern würde.
„Können wir dann anfangen?“ fragte er gereizt.
Sie nickte: „Meinetwegen, sagst du mir bitte noch, was du vorhast.“
Wortlos schob er ihr das Rezept zu. So war er noch nie mit ihr umgegangen.
Sie las alles und begann die Zutaten zusammenzutragen und vorzubereiten.
Anschließend sollte sie, wie schon früher, den Basistrank herstellen.
Fünf Tropfen Rosenöl sollten als letzte Zutat in den Trank. Er beobachtete sie so scharf, dass ihre Hände leicht zitterten, als sie die Tropfen abmaß, so dass beinahe ein sechster Tropfen in den Kessel gefallen wäre.
„Pass doch auf“, raunzte er sie an. Sie schluckte, versuchte sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.
Kurz darauf übernahm er die Arbeit am Kessel, und sie reichte ihm die weiteren Zutaten an. Nach der Fertigstellung musste der Trank noch eine gute Stunde köcheln.
„Teepause?“ fragte sie ihn.
Er zuckte mit den Schultern: „Wenn du meinst.“
Sie gingen in die Teeküche. Während er den Tee zubereitete, deckte sie den Tisch. Sie hatte Plätzchen aus Hogwarts mitgebracht.
Sie setzten sich an den Tisch, und er schenkte den Tee ein. Er sah sie nicht an, starrte schweigend in seine Tasse.
Sie wartete ab, wusste auch nicht so recht, was sie sagen sollte.
Nachdem sie die erste Tasse geleert hatten, brachte sie doch den Mut auf, ihn anzusprechen.
„Simon, ist es wegen gestern?“ fragte sie leise.
„Das gestern hätte nicht passieren dürfen. Es tut mir leid. Es war meine Schuld“, murmelte er.
„Es war nicht deine Schuld“, sagte sie. Ruckartig sah er auf. Das alte Misstrauen war wieder da – hatte sie das etwa provoziert?
„Wie meinst du das?“ fragte er lauernd.
„Ich meine, dass wir beide nicht aufgepasst haben, es war nicht allein deine Schuld, sondern auch meine“, räumte sie ein.
Er entspannte sich wieder ein wenig und seufzte: „Es hätte trotzdem nicht passieren dürfen.“
„Da hast du Recht“, betätigte sie ihn. „Aber es ist passiert, und wir können es nicht mehr ändern.“
Er sah sie aus seinen unergründlich schwarzen Augen an und schwieg.
„Simon, ich wünsche mir, dass es wieder so wird, wie es vorher war.“ sagte sie ruhig, obwohl ihr Herz raste. Sie wusste, dass sie viel von ihm verlangte.
‚Es wäre schön, wenn das möglich wäre, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie das auch wirklich will’, dachte er
und nickte nur zustimmend.
Sie schwiegen wieder beide und hingen ihren Gedanken nach, bis er auf seine Uhr sah. „Wir müssen wieder an die Arbeit“, sagte er und stand auf, um ins Labor zurückzukehren.
Der restliche Tag verlief entspannter, doch er blieb verschlossener als gewöhnlich.
So war es auch am nächsten Tag.
Danach besuchte er über Weihnachten seinen Freund, Professor Smog.
Angela hoffte, dass der Abstand, den die Feiertage bringen würden, das Verhältnis zwischen ihnen verbessern würde.
Zwischen Weihnachten und Neujahr kehrte Simon in Begleitung von Professor Smog an die Uni zurück.
Da Smog, bevor er nach Oxford ging, hier in Galway Professor war, wurde er von vielen seiner ehemaligen Mitarbeiter freudig begrüßt.
Angela hatte gerade Ellens Labor verlassen, als sie den Beiden auf dem Flur begegnete. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, ihre Freundin während der Arbeitszeit besucht zu haben, und dann noch erwischt worden zu sein.
Doch Simon sagte erstaunlicherweise nichts dazu. Er begrüßte sie für seine Verhältnisse sehr freundlich und stellte ihr den Professor vor.
Jener war jetzt Professor für Zaubertränke in Oxford und war schon recht alt. Er war kaum größer als sie, hatte lange weiße Haare und einen weißen Bart, seine Augen waren dunkelblau, seine Brille kreisrund mit einem goldenen Rahmen.
Er war von Angela so angetan, dass er sie spontan einlud, mit ihnen zum Mittagessen in die Cafeteria zu kommen.
Während des Essens fragte Professor Smog: „Was hat sie denn dazu bewegt, die Vertretung für Amanda zu übernehmen?“
Angela grinste: „Ellen Waterman ist eine gute Freundin von mir. Wir kennen uns aus dem Studium. Als sie mich fragte, habe ich natürlich gleich zugesagt.“
„Sind sie denn sonst nicht berufstätig?“ erkundigte sich Smog.
„Doch, ich bin Lehrerin für Kräuterkunde in Hogwarts, aber da gerade Ferien waren, hatte ich Zeit“, antwortete sie.
„So so in Hogwarts, also – wer unterrichtet da eigentlich Zaubertränke?“ interessierte den Zauberer.
„Professor Weingeist aus Deutschland“, sagte sie wahrheitsgemäß.
Professor Smog sah nachdenklich aus: „Ich habe ihn mal kennen gelernt. Er ist gut in seinem Fachgebiet.“
Er warf Simon einen Blick zu, der allerdings nicht reagierte.
„Dann haben sie ihre Ferien geopfert, um hier zu sein“, kehrte er zu Angela zurück. Hatten sie nichts Besseres vor?“
Sie schüttelte den Kopf: „Mein Freundeskreis ist sowieso hier, und zum alleine Verreisen hatte ich keine Lust.“
„Das kann ich verstehen“, meinte er warm.
Sie war froh, dass er sie nicht auch noch für verrückt erklärte, wie es Ellen und einige andere ihrer Freunde gemacht hatten.
Überhaupt empfand Angela die Ausstrahlung des alten Professors als sehr angenehm - er war die Ruhe in Person, sein Verhältnis zu Simon ein freundschaftlich väterliches.
Simon war an diesem Tag sehr kühl und schweigsam.
Nach dem Essen schlug der alte Professor vor, einen Spaziergang zu machen, denn es war ein sonniger Wintertag.
Angela stimmte freudig zu, während Simon wenig Begeisterung zeigte, sich jedoch von den beiden anderen schnell überreden ließ.
Bald standen sie in warmer Kleidung vor der Universität und überlegten, wohin sie gehen könnten.
„Wollen wir in den Park gehen?“ fragte Simon.
Professor Smog runzelte die Stirn: „Habt ihr keinen besseren Vorschlag? Den Park kenne ich schon inn- und auswendig.“
Angela überlegte, welche Möglichkeiten, es noch gab.
„Würde euch ein Spaziergang zu einem Steinkreis zusagen, wir müssten allerdings apparieren?“ schlug sie vor.
„Oh, das wäre schön, ich bin schon lange in keinem Steinkreis mehr gewesen“, freute sich der alte Zauberer.
Also apparierten sie zum Green-Cottage.
Das Green-Cottage lag am Rande eines kleinen Dorfes, mitten in hügeligen Wiesen. Es war aus unregelmäßigen Steinen gebaut, mit einem weit nach unten reichenden Dach.
Der Garten um das Haus herum war mit den gleichen Steinen begrenzt.
Außer einigen Obstbäumen und Blumenrabatten, war dort ein großer Kräutergarten angelegt, von dem einige Pflanzen aus dem Schnee herausragten.
„Schöne Gegend hier“, meinten beide Männer, als sie ankamen, und drehten sich um, um alles zu sehen.
„Das Haus gefällt mir“, stellte Professor Smog mit einem Blick auf das Cottage fest.
Sie sagte nichts, sondern ging langsam ein paar Schritte auf dem Weg, der zum Steinkreis führte. Nach einer Weile folgten ihr die beiden Zauberer.
Es hatte geschneit, und die weiße Schneedecke funkelte und glitzerte in der Sonne.
Auf dem Weg waren keinerlei Spuren, noch nicht einmal die von Tieren.
Nach ungefähr 20 Minuten Fußmarsch erreichten sie ihr Ziel.
Im Steinkreis ließen sie die Magie des Ortes auf sich wirken. Nicht nur Angela, die diesen Ort bereits kannte, spürte sie.
Vor allem Simon schien gefesselt von der Kraft, die dort wirkte, einer Kraft, die die Erde hervorgebracht hatte, und die die Vorfahren durch ihre Wahl als Kultstelle mit ihren Feiern noch verstärkt hatten.
Schweigend traten sie den Rückweg an.
Als sie wieder am Cottage ankamen, fragte sie: „Was haltet ihr jetzt von einem heißen Tee?“
„Das wäre schön, denn mir ist doch ziemlich kalt geworden“, meinte Professor Smog.
„Dann werden wir uns erstmal aufwärmen“, schlug sie vor und öffnete die Haustür.
„Ist das ihr Haus?“ fragte er verblüfft.
Sie lachte: „Ja und nein, Green-Cottage ist schon seit vielen Generationen in Familienbesitz.
Jetzt gehört es meinen Eltern, die in Amerika leben. Sie nutzen es nur für ihren alljährlichen Heimaturlaub.