DER GEFALLENE ENGEL
von Severina
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Kapitel 9 - 15
9.
Zur Mittagszeit des folgenden Tages erlaubte Madam
Pomfrey, dass Prof. Snape die Krankenstation verließ. Bis dahin stellte er sich
schlafend, um mit Angelina kein Gespräch führen zu müssen. Worüber auch?
Angelina wiederum wagte es nicht, nachzusehen, wie
es ihm ging. Auch sie fand keine Worte, die beiläufig klangen und unverfänglich
waren.
So rauschte also Prof. Snape zu besagter Zeit mit
wehendem Umhang durch die Tür, ohne sich auch nur einmal umzuwenden oder ein
Wort an Angelina zu richten.
„Das war Ihr Dank, Kindchen.", kommentierte Madam
Pomfrey den rauschenden Abgang, den die junge Frau ungläubig beobachtete.
Ihre Augen schwammen in Tränen, vor Wut, vor
Enttäuschung und vor.... Ja, vor was denn?
Ein eigenartiges und eigensinniges Gefühl hatte sich
ihrer bemächtigt, für das es keine Erklärung gab. Oder ließ sie diese Erklärung
nur nicht zu?
Wie auch immer, er war fort.
Noch zwei Tage musste Angelina im Krankenflügel
aushalten und ihr einziger Lichtblick waren die Besuche von Harry, Ron und
Hermine, die sie gewissenhaft und pünktlich antraten, wie von Prof. Snape
„angeordnet". Aber auch ohne Anweisungen wären die Drei bestimmt Stammgast im
Krankenflügel gewesen. Selbst Madam Pomfrey duldete diese Besuche und nicht
selten setzte sie sich sogar dazu und war es auch nur, um dafür Sorge zu
tragen, dass Angelina nicht zu viele Gruselgeschichten über Hogwarts erzählt
wurden. Doch auch die Medihexe konnte den neugierigen und wissbegierigen
Kindern die eine oder andere Begebenheit erzählen, so dass die Stunden wie im
Flug vergingen.
Am dritten Tag erlaubte Madam Pomfrey nun auch
Angelina, die Krankenstation zu verlassen.
„Sie sollen sich um zwei Uhr Nachmittags im Büro von
Prof. Snape einfinden. Es befindet sich unten in den Kerkerräumen, der
Professor wird Sie sicher erwarten. Bleiben Sie noch bis nach dem Essen, dann
können Sie meine Obhut verlassen. Anschließend ist Prof. Snape für Sie
verantwortlich, bis unser Schulleiter Prof. Dumbledore aus den Ferien zurück
ist."
„Ich kenne hier noch niemanden außer Ihnen , Prof.
Snape, Harry, Ron und Hermine. Wie ist Prof. Dumbledore denn?", wollte Angelina
wissen.
Eine leichte Röte überzog das Gesicht der Älteren,
als sie antwortete: „Der Schulleiter ist ein alter, weiser und gerechter Mann.
Er ist der beste Zauberer, den ich kenne und die Gutmütigkeit in Person. Seine
ständige Begleitung ist Prof. Minerva Mc Gonagall, stellvertretende
Schulleiterin und Leiterin des Hauses Gryffindor. Sie ist streng, aber gerecht.
In ein paar Tagen werden Sie die Beiden ja kennenlernen. So, nun essen Sie,
damit Sie rechtzeitig bei Prof. Snape sind. Wenn er etwas nicht leiden kann,
dann ist es Unpünktlichkeit."
Die junge Frau schmunzelte: „Um Himmels willen, nur
nicht wieder in Ungnade fallen. Es reicht mir noch." Und sie verdrehte die Augen.
Nur tief in ihrem Inneren war ihr alles andere als
wohl, was würde sie erwarten, jetzt, wo sie die Obhut der gutmütigen Medihexe
verlassen hatte. Ein riesiger Kloss lag ihr schwer im Magen und ihr Herz schlug
einen aufgeregten Trommelwirbel.
Doch nun mußte sie endlich aufbrechen.
Es schien Angelina, als nähme die Wendeltreppe, die
vom Krankenflügel bis zur Eingangshalle reichte, kein Ende. Ihr war leicht
schwindelig und sie war etwas außer Atem. Doch der Anblick der Eingangshalle
ließ sie die Luft gänzlich anhalten, zu gewaltig wirkte die sich imposant
darbietende Treppe. Zwar kannte sie diese schon aus den Erzählungen von Harry
und seinen Freunden, doch mit eigenen Augen sehen, war etwas ganz anderes. Den
Kopf tief in den Nacken gelegt bestaunte sie die endlose Höhe, in die sich die
Treppen hochschraubten. Und wie beschrieben, bewegten sich einzelne Treppen und
änderten ihre Richtung. Und an den Wänden mussten mindestens hunderte von
Gemälden hängen und in den meisten davon bewegte sich irgendetwas.
Wie in Trance bewegte sich Angelina auf die Treppen
zu und stieg Stufe für Stufe hinauf. Sie war völlig überwältigt und fast wie
hypnotisiert. Sie musste weiter und weiter, immer höher. Ihr Herz schlug wie
wild an ihre Rippen und sie fühlte sich wie ein Entdecker. Beinahe wäre sie
gefallen, als sich die Treppe, auf der sie sich befand, mit einem Ruck in
Bewegung setzte und die Richtung änderte. Angelina hatte längst die
Orientierung verloren und konnte kaum sagen, in welchem Stock sie sich befand.
Sie vergaß Raum und Zeit und hatte schon längst ihr eigentliches Ziel
verdrängt. Nur immer weiter, immer höher.
Eine vor Spott triefende Stimme ließ sie erschreckt
herumfahren.
„Eigentlich hatte ich auch bei Ihrer Intelligenz
vorausgesetzt, Sie wissen, dass sich die Kerker im Keller befinden."
Snape stand mit zynischem Grinsen vor ihr und
musterte sie von oben herab.
„Sie sind bissig, wie ein alter Hund. Und außerdem,
wie können Sie sich anmaßen, meine Intelligenz zu beurteilen.", fauchte
Angelina, die sich noch immer nicht ganz vom Schrecken seines plötzlichen
Auftauchens erholt hatte.
Ihr Gegenüber schnappte: „Sie sind ein ziemlich
vorlautes Ding. Bin mal gespannt, ob Sie auch noch andere Sachen beherrschen,
als Ihr Mundwerk."
„Worauf Sie sich verlassen können."
Einen Augenblick verharrte Prof. Snape reglos, dann
wandte er sich um und rief nur über seine Schulter hinweg:
„Wenn Sie die Freundlichkeit hätten, mir nun in die
Kerker zu folgen."
Damit begann er die Stufen hinabzusteigen ohne sich
noch einmal umzuwenden. Wutschnaubend folgte sie ihm und schwor sich innerlich
Rache für seine Arroganz und
Überheblichkeit.
Wie ein unheilvoller schwarzer Vogel rauschte Prof.
Snape vor Angelina die Treppen hinab und blieb schließlich in der Eingangshalle
stehen.
„Sehen Sie hier diese Stufen, die nach unten führen?
Dort lang geht es zu meinem Büro. Merken Sie sich gefälligst diesen Weg, ich
werde Sie nicht jeden Tag irgendwo aufsammeln. Und jetzt kommen Sie, wir haben
schon zu viel Zeit vertrödelt und es wartet eine Menge Arbeit auf Sie."
Missmutig folgte Angelina der Aufforderung und
wünschte dem vor ihr Laufenden sämtliche Flüche und Gebrechen auf den Hals.
Auf einem Absatz blieb der Professor vor einer
dunklen Holztür stehen und öffnete sie mit einem leise gemurmelten Zauberspruch
und einem Schwenk seines Zauberstabes.
Vor Angelina tat sich ein beeindruckender Raum auf.
Was sie sich in Gedanken als Büro ausgemalt hatte, glich eher einem Labor,
einer Ausstellung alter Bücher, einer Zurschaustellung der ekligsten
unbeschreiblichsten Kreaturen welche in einer grünlichen Flüssigkeit in
verschiedensten Gefäßen schwammen. Regale zogen sich über alle Wände und in der
Mitte prankte ein gewaltiger Schreibtisch, voll beladen mit Pergamentrollen,
Kerzen, Tintenfässern und Federkielen.
Wie magisch angezogen trat Angelina an ein Regal und
streckte die Hand aus, um nach einem Glas zu greifen. Mit einem Ruck wurde sie
herumgerissen.
„Das geht Sie nichts an. Sie fassen hier nichts an,
ohne meine ausdrückliche Genehmigung.", giftete Severus Snape.
„Und nun auch gleich noch meine nächsten
Anweisungen. Ich rate Ihnen, diese genauestens zu befolgen, wenn Sie hier
arbeiten wollen. Ansonsten werfe ich Sie hinaus."
`Der ist ja gut drauf.`, dachte sich Angelina
erschreckt. Und sie fragte sich ernsthaft, ob es vielleicht nicht doch ein
Fehler war, hier zu erscheinen, um für ihn zu arbeiten. Aber sie hatte
zugesagt, so fast jedenfalls, und nun musste sie sich den Unannehmlichkeiten
stellen.
„Also, weiter,", hörte die junge Frau die leise
zischelnde Stimme hinter sich, „ mein Büro betreten Sie nur, wenn ich anwesend
bin und arbeiten nur das, was ich Ihnen anweise. Da Sie jetzt meiner Obhut
unterstellt sind, werden Sie sich auch da aufhalten, wo ich bin. Das heißt,
Mahlzeiten nehmen Sie mit mir in der großen Halle ein, Ihr Aufenthalt ist
sowieso kein Geheimnis mehr. Sie betreten mein Büro mit mir gemeinsam und
verlassen es auch erst dann, wenn ich es anordne. Und nun das Wichtigste, als
derzeitiger Schulleiter verbiete ich Ihnen Magie in jeder Form. Das heißt es
wird nicht gezaubert, Sie werden ihre Arbeiten auf herkömmliche Art erledigen,
so wie ein Muggel. Und nun fangen Sie an. Da hinten befindet sich die Spüle,
sie ist voll mit Glaskolben und feinen Phiolen. Sie müssen gereinigt und anschließend in die Ständer einsortiert
werden."
Angelina starrte den Professor sprachlos an. Er
behandelte sie ja wie eine Sklavin, aber bitte, er würde sich schon noch
wundern.
Prof. Snape hatte sich längst in Pergamentrollen
vergraben und würdigte sie keines Blickes mehr. Schulterzuckend machte sich die
junge Frau an die Arbeit und ließ Wasser in das große Metallbecken.
„Verdammt, das Wasser ist ja eiskalt. Gibt es hier
keinen Hahn für warmes Wasser?",
schimpfte Angelina ungehalten.
„Sie sind hier in keinem Luxushotel. Hier ist nicht
alles selbstverständlich und man muß auf einige Annehmlichkeiten verzichten.
Wenn man nicht allzu verwöhnt ist.", spöttelte Prof. Snape hinter seinen
Pergamentrollen hervor.
Mühsam schluckte die junge Frau eine passende
Erwiderung herunter und tauchte verbissen die ersten Glaskolben ins kalte
Wasser. Plötzlich spürte sie eine Bewegung dicht hinter sich und wandte sich
um. Direkt hinter ihr stand Severus Snape und musterte sie undurchdringlich.
Dann zog er seinen Zauberstab, tauchte ihn in das Becken und murmelte leise vor
sich hin. Blasen stiegen aus dem Wasser hervor und Angelina bemerkte erstaunt,
dass das Wasser zu kochen schien.
„Zufrieden?", blubberte er sie an und verschwand
wieder hinter seinem Schreibtisch, von wo man wenig später nur ein Rascheln
hörte.
Zügig erledigte Angelina ihre Arbeit, säuberte
anschließend das Becken und blieb dann abwartend stehen. Nach einer Weile wurde
Prof. Snape auf sie aufmerksam und man sah sein Erstaunen, wie schnell alles
erledigt wurde.
„Welchen Auftrag haben Sie jetzt für mich,
Professor?" Angelina sah ihm fest in die schwarzen Augen und sorgte dafür, dass
Severus Snape den Blick abwendete.
`Punkt für dich, Mädchen.`, frohlockte sie
innerlich. Jedoch äußerlich unbeteiligt stand sie da und wartete auf einen neuen
Dienstbefehl.
„Säubern Sie jetzt meinen Labortisch, aber achten
Sie auf den gefüllten Glaskolben.", schnarrte er, ohne ein einziges „Bitte".
Schulterzuckend ging sie zum Tisch. `Das kann ja
noch heiter werden.`, dachte sie deprimiert. Vorsichtig räumte sie die
beschmutzten Gläser, Kolben und Phiolen in das Spülbecken und ärgerte sich,
warum ihm das nicht schon vorhin eingefallen war. Jetzt war das schöne warme
Wasser abgelassen. Sie befüllte das Becken erneut und fing an alles zu säubern.
Mit zusammengebissenen Zähnen ertrug sie das eisige Wasser, denn ihn noch
einmal um heißes Wasser zu bitten verbot ihr der Stolz.
Angelina ging nicht allzu behutsam mit den dickeren
Gläsern um, als sie ein stechender Schmerz durchfuhr. Das Wasser färbte sich
rot und ihr wurde es schwarz vor den Augen. Heiß und kalt lief es ihr den
Rücken herunter und sie stütze sich schwer auf das Becken.
Langsam ließ sie kaltes Wasser über ihre Hand rinnen
und besah sich anschließend ihre Wunde, woraufhin ihr übel wurde. Quer über
ihre Handfläche zog sich ein tiefer Schnitt und blutete ununterbrochen.
„Professor?", wisperte Angelina.
Aufmerksam geworden durch ihren leisen Tonfall, hob
er den Kopf und sah die junge Frau tief gebeugt über das Becken stehen. Mit ein
paar weit ausholenden Schritten stand er bei ihr und zog ihre Hand aus dem
Wasser. „Verdammt, wie............"
Weiter kam er mit seinem Wutanfall nicht, als er
spürte, wie Angelina langsam in sich zusammen sackte. Mit einem schnellen
Schlenker seines Zauberstabes sorgte er für einen Stuhl, auf den er die Frau
setzen ließ. Anschließend holte er ein dickes Tuch und ein silber- glänzendes
kleines Gefäß. Mit geübten Handgriffen packte er Angelinas verletzte Hand,
bettete sie in das Tuch und öffnete das Gefäß. Ein grünliches Pulver entnehmend,
blickte er kurz in ihre Augen, in denen Tränen glitzerten und streute dann das
Pulver langsam mitten in die Wunde.
Angelina sog scharf die Luft durch die Zähne, als
ein brennendes Gefühl durch ihre Hand raste. Sekunden später war alles vorbei.
Prof. Snape leerte das Becken und sah die
Bescherung. Zwei Gläser lagen in Scherben und waren der Auslöser für Angelinas
Verletzung.
Mit einem leisen „Reparo" setzte sich wieder alles
zusammen, der Schaden war behoben.
Nun nahm er Angelina unter die Arme und geleitete
sie zu seinem Schreibtisch. Dort bekam sie einen einigermaßen bequemen Stuhl
mit Armlehnen und musste ihre Hand auf dem Tisch ablegen. Severus Snape warf
noch einen prüfenden Blick auf die Wunde und setzte sich dann wieder an seine
Arbeit. Nur ab und zu blickte er auf die Frau und die Wunde, zufrieden mit der
Heilung. Angelina wiederum starrte sprachlos auf ihre Hand. Die Blutung war
gestillt und man konnte förmlich zusehen, wie sich die Wundränder schlossen.
Das alles passierte ohne ein Wort, beinahe wie ein
Stummfilm, doch sie war froh, dass der Professor nichts sagte. Sie kämpfte
verbissen mit ihren Tränen, sie mühsam unterdrückend. Ein Wort des Vorwurfes
und der gerade aufgebaute Damm wäre eingestürzt und hätte einen Tränenstrom
ausgelöst.
Wenige Minuten später war von einer Verletzung
nichts mehr zu sehen und ungläubig tastete der Unglücksrabe die unversehrte
Handfläche ab.
Der Professor hatte sich in der Zwischenzeit erhoben
und kontrollierte ein letztes Mal die Wundheilung. Zufrieden nickte er.
Angelinas Hand in der Seinen zitterte.
Mit einem Kloß im Hals sprach sie leise: „Professor,
es tut mir leid."
„Passen Sie das nächste Mal auf, was Sie machen."
Seine schwarzen Augen blickten vorwurfsvoll in die Ihren.
„Und jetzt geht es zum Abendessen. Das werden Sie
doch ohne Verletzung überstehen.", spöttelte er mit hämischem Grinsen.
„Ja, machen Sie sich ruhig lustig über mich."
Angelinas alter Kampfgeist erwachte wieder.
Prof. Snape hob langsam eine Augenbraue, ein Zeichen
dafür, dass ihm etwas nicht gefiel.
„Ihr Mundwerk hat sich scheinbar bestens erholt.
Vielleicht sollten Sie das nächste Mal Ihren Kopf in das Spülbecken halten."
Jetzt war es an Angelina, zu schnappen. Doch ehe sie
eine Erwiderung geben konnte, packte sie Severus am Oberarm und schob sie vor
sich her zur Tür hinaus.
10.
Die große Halle war fast leer, da die meisten
Schüler in den Ferien waren und auch vom Lehrpersonal fehlten viele. Ein Teil
des Lehrpersonaltisches war eingedeckt und die verbliebenen Schüler fanden es
super, einmal hier oben sitzen zu dürfen . Nur Prof. Snape fand es eine
Zumutung, mit den Schülern an einem Tisch zu sitzen, aber da Prof. Dumbledore
es so angeordnet hatte, mußte sich Snape fügen. Grimmig blickte er in die Runde
und versuchte, die Schüler einzuschüchtern. Die jedoch waren damit beschäftigt,
Angelina zu mustern und einige von ihnen waren sogar ein wenig neidisch auf
Harry, Ron und Hermine, die von der jungen Frau mit einer Umarmung begrüßt
wurden.
Nun suchte sich Angelina einen Platz zwischen Harry
und Ron und fing an, sich lebhaft mit allen zu unterhalten. Aber ein Blick in
Prof. Snapes Gesicht sagte der jungen Frau, dass sie wieder mal etwas falsch
gemacht hatte. Doch was sollte sie sich jetzt grämen und den Appetit verderben
lassen, später würde sie ihre Zurechtweisung schon bekommen. Garantiert, so
etwas ließ sich der Professor nicht nehmen.
Und so versuchte sie, an dem Professor und seinem
grimmigen Gesicht vorbeizusehen.
Als sie alle Köstlichkeiten probiert hatte und das
Gefühl verspürte, gleich zu platzen, deutete ihr Prof. Snape, die Halle zu
verlassen. Schnell verabschiedete sich Angelina von allen und verabredete sich
leise flüsternd noch mit Harry und seinen Freunden zu einem Treffen bei Hagrid,
den sie unbedingt näher kennenlernen wollte.
Wie schon befürchtet, fiel der Professor, kaum das
sich die Tür geschlossen hatte, über sie her. Seine Worte prasselten wie
Hagelkörner auf sie herab und sie spürte ihre Wut bereits wachsen.
„Ich hatte Ihnen zu verstehen gegeben, dass Ihr
Platz an meiner Seite ist. Auch bei den Mahlzeiten. Ihr Benehmen war
ungebührlich und peinlich. Aber Sie haben sich den richtigen Freund ausgesucht.
Potter hat es auch nie nötig, sich an Regeln und Anordnungen zu halten, genau
wie Sie. Ich habe Sie gewarnt."
Klirrend wie Eis war seine Stimme und Angelina zog
fröstelnd die Schultern hoch.
Im Stillen fragte sie sich, wie der Professor im
Unterricht zu seinen Schülern war und eine Gänsehaut überzog ihre Arme.
Trotzig blickte sie den schwarzhaarigen Mann vor
sich an. „Sind Sie eigentlich immer so unausstehlich? Ich bin mir keinerlei
Schuld bewußt. Seit wann ist Lachen denn eine Todsünde? Eigentlich glaubte ich
mich hier in einer Schule und nicht in einem Beerdigungsinstitut.", fauchte sie
Severus Snape an, dessen Augenbrauen sich bedrohlich zusammenzogen.
„Sie sind eine respektlose Person und ich bin froh,
wenn ich Sie wieder loswerde.", giftete der Professor zurück
„Ich habe nicht darum gebeten, hier zu sein."
„Na dann hoffe ich, die Zeit kommt bald, an der Sie
Hogwarts wieder verlassen."
„Dürfte ich trotzdem noch wissen, wo ich in der mir
verbleibenden Zeit schlafen darf. Oder ist mein Platz als Vorleger vor Ihrem
Kamin?", fragte Angelina schnippisch.
Bei dem Wort Kamin zuckte der Mann leicht zusammen,
doch sein Verstand sagte ihm, dass sie nichts von ihrer ungewöhnlichen Ankunft
wissen konnte. Diese Tatsache wurde ihr bis jetzt verschwiegen.
Grob packte Severus Snape die junge Frau am Arm und
zog sie hinter sich her, durch Gänge, über Flure und Treppen. Schließlich blieb
er vor einer Tür stehen und öffnete sie. Ein kleines, aber durchaus gemütliches
Zimmer verbarg sich dahinter.
„Nur noch eine Frage, Prof. Snape. Wie bediene ich
den Kamin und wie erhalte ich Licht?"
Argwöhnisch beäugte Severus die Frau vor sich, dann
fiel ihm ein, dass er selbst ihr die Magie strikt verboten hatte.
Mit einem Schlenker seines Zauberstabes setzte er
den Kamin in Brand, der schon kurz darauf wohlige Wärme verbreitete.
„Und Licht?"
Mit einem weiteren Schlenker brachte er die Kerzen
zum brennen und entzündete eine kleine Öllampe.
„Gibt es hier wirklich keinen Strom?", wollte
Angelina wissen.
„Zuviel Magie und außerdem darf keiner von unserer
Existenz wissen in der Muggelwelt.", kommentierte Snape die Frage, die ihn doch
leicht verwunderte.
„Wenn ich nun aber nachts mal raus muss?"
Völlig genervt packte Severus seinen Zauberstab,
schwenkte ihn kraftvoll durch die Luft und ein winziges Etwas knallte auf den
kleinen Tisch. Bei näherem Hinsehen erkannte man eine Minitaschenlampe.
„Wow."
„Da hinten die kleine Tür führt ins Bad. Sie
verlassen auf keinen Fall dieses Zimmer. Haben Sie mich verstanden? Ich werde
Sie morgen früh abholen, da Ihr Orientierungssinn nicht sehr ausgeprägt zu sein
scheint."
Sprachs und knallte die Tür hinter sich zu.
Aufatmend warf sich Angelina auf das überaus bequeme
Bett und schloß die Augen. Leider war das ein großer Fehler, denn das Einzige
was sie erblickte, waren schwarze
durchdringende Augen. Das würde ja eine Nacht werden. Doch dann fiel ihr
die Verabredung mit Harry, Ron und Hermine ein, gemeinsam wollten sie zu
Hagrid.
Wenn sie nur wüßte, wo sie sich befand und wo sie
ihre drei neu gewonnenen Freunde finden konnte. Aber Angelina war eine
Frohnatur und vertraute auf ihre Intuition, die würde sie schon an den
richtigen Platz bringen.
Sie schnappte sich die kleine Taschenlampe, wenn
Snape wüßte wozu die gebraucht wurde, und öffnete leise die Tür. Zum Glück
hatte Prof. Snape sie nicht magisch verschlossen, aber er vertraute
wahrscheinlich seinen Einschüchterungsfähigkeiten, die leider bei der jungen
Frau so gar nicht wirkten.
Vorsichtig steckte Angelina den Kopf zur Tür heraus,
doch außer einer undurchdringlichen Finsternis befand sich absolut nichts auf
dem Flur. Schnell knipste sie die Taschenlampe an und huschte wie ein Wiesel den
Gang entlang in Richtung, wo sie die Treppen vermutete.
Einige verschlafen murmelnde Stimmen ließ sie
erschreckt zusammenfahren, bis sie sich daran erinnerte, dass die Bilder in
diesem Schloss sich nicht nur bewegten, sondern auch sprachen. Langsam trat
Angelina an ein Bild und sprach den dort abgebildeten Mann behutsam an.
„Sie werden schon entschuldigen, aber ich suche
dringend die Treppen. Ich bin doch neu hier."
„Das weiß ich.", grollte der Angesprochene.
„Bitte, nur ganz schnell.", bat die junge Frau
erneut flehentlich.
Argwöhnisch betrachtete der Mann sie aus dem Bild
heraus.
„Also gut. Gehen Sie den Weg, den Sie gekommen sind,
zurück. Dann biegen Sie einfach nach rechts ab und bei der nächsten Biegung
noch einmal nach rechts. Dann kommen Sie genau zum Treppenaufgang."
„Vielen Dank.", flüsterte Angelina. „Und noch eine
gute Nacht. Entschuldigen Sie meine Störung."
„Ist schon in Ordnung. Und...," , er machte eine
bedeutungsvolle Pause, „passen Sie auf, Prof. Snape macht gerne nächtliche
Kontrollgänge."
„Danke." und schon war Angelina verschwunden.
In der Eingangshalle warteten die Anderen schon
ungeduldig auf sie und schnell schlüpfte man durch die große Eingangstür hinaus
ins Freie. Rennend legten sie den Weg vom Schloss zu Hagrids Hütte zurück und rangen
noch in Hagrids großem Sessel keuchend nach Luft. Angelina schüttelte sich vor
Lachen und geriet dadurch fast in Luftnot.
„Wenn der gute Professor wüsste, dass mir seine
Anordnungen sonstwo können.", kicherte sie.
„Sie verlassen auf keinen Fall dieses Zimmer.",
äffte sie den Professor nach und sorgte für einen Heiterkeitsausbruch bei den
anderen. Nur Hagrid kratzte sich seinen Bart und brummte: „Wenn das mal keinen
Ärger gibt."
Doch die Überredungskunst des Dreigespanns und
Angelinas bittender Blick ließen schnell Hagrids Bedenken verfliegen
„Sie sind also der neue Gast in Hogwarts.", sprach
er die junge Frau an und musterte sie scheu.
„Bitte Hagrid, ich heiße Angelina und sag du zu mir.
Darf ich auch Hagrid und du sagen?"
„ Klar doch, Harrys Freunde sind auch meine
Freunde.", nuschelte er leicht errötend und reichte Angelina seine riesige
Pranke, in der ihre Hand gänzlich verschwand.
Bald schon flogen Worte hin und her und der Raum war
erfüllt vom Lachen und Schnattern, so dass keiner bemerkte, wie die Zeit
verging.
Erschrocken sprang Hagrid auf. „Ihr müßt jetzt
sofort gehen. Es ist schon unheimlich spät geworden. Los, los, raus hier. Bis
zum nächsten Mal."
Und hastig schob Hagrid seine Besucher zur Tür
hinaus.
So schnell, wie sie konnten, rannten alle Vier
zurück zum Schloss.
„Ich habe meinen Umhang hinter die Rüstung an der
Eingangstür gelegt. Wir müssen uns alle Drei beeilen.", hechelte Harry ganz
außer Atem. „Was wird mit dir, Angelina?"
„Macht euch um mich keine Sorgen. Ich schleiche mich
schon wieder in mein Zimmer."
Hastig öffneten sie die große Tür und prallten
zurück.
Mit zynischem Grinsen und verschränkten Armen stand
ihr größter Alptraum vor ihnen,
Prof. Severus Snape.
„So, so. Potter, Weasley und Granger. Wie schön." Da
entdeckte er auch Angelina und sein Gesichtsausdruck wechselte von zynisch,
über ungläubig zu rasend zornig.
„Rein, alle. Und runter in mein Büro.", zischte er
gefährlich leise.
„Professor, es war meine Schuld. Ich wollte
unbedingt Hagrid kennenlernen.", versuchte Angelina eine Erklärung und wollte
die Kinder vor einer Bestrafung schützen.
„Mund halten.", fauchte er sie an. „Sie, Sie....."
Weiter kam er nicht, als ihn Angelina anfuhr:
„Prof. Snape, mäßigen Sie sich und überlegen Sie
sich was sie sagen. Ich bin kein dummes Mädchen, dass man so runterputzt."
„Dann benehmen Sie sich bitte auch nicht so. Ich
habe Ihnen strikt verboten, Ihr Zimmer zu verlassen. Sie haben doch keine
Ahnung, welche Gefahren in Hogwarts lauern, geschweige denn, ob Ihr
Orientierungssinn ausreicht, um den richtigen Weg zu finden. Sie hätten sich
verlaufen können und in den nächsten drei Wochen hätte Sie keiner gefunden.
Machen Sie eigentlich ständig nur das was Sie wollen?"
Seine Stimme wurde immer leiser und immer
gefährlicher. Die Kinder wussten das aus Erfahrung und zogen ihre Köpfe ein.
„Warum sind Sie eigentlich so hart und ungerecht zu
mir, Prof. Snape? Ist es immer noch wegen des Vorfalles im Krankenflügel? Ich
sagte doch schon, dass es mir leid tut."
Angelina wollte in Kampfstellung gehen.
„Es hat mit diesem Vorfall nichts zu tun. Ich mag
keine Änderungen in meinem Leben und die Stelle des Kindermädchens liegt mir
überhaupt nicht. Mir wurde nun einmal die Verantwortung für Sie übertragen. Ich
hätte gerne darauf verzichtet, das können Sie mir glauben.", erwiderte Snape
mürrisch.
`Welch ein Charmbolzen.`, dachte Angelina
erschauernd.
„Lassen Sie wenigstens die Kinder aus dem Spiel. Es
sind Ferien und da kann man doch durchaus die Schulregeln mal etwas lockern.",
versuchte es Angelina noch einmal mit sanfter Stimme und schenkte ihm einen
bettelnden Blick.
„Ach ja, die Schulregeln lockern. Warum wollen Sie
denn nicht gleich selbst Schulleiter werden. Dann läge wohl Hogwarts schon bald
in Schutt und Asche. Hier herrschen meine Regeln, sonst tanzen mir schon bald
alle auf der Nase herum. Meine Regeln, merken Sie sich das.", funkelte er sie
eiskalt an.
„Potter!", donnerte Snape und wandte sich um, doch
sein Blick ging ins Leere.
Die Kinder hatten, auf ein Zeichen Angelinas, das
Büro verlassen. Hatten das Ablenkungsmanöver der jungen Frau genutzt, um der
Gefahr zu entkommen und schnell ihre Schlafräume aufgesucht.
„Sie!!!!", zischelte Snape und trat, vor Wut fast
überkochend, dicht an Angelina. Mit beiden Händen packte er ihre Oberarme und
presste diese schmerzhaft zusammen. Seine Augen waren schwarz vor Wut und es
schien der Frau, als könne er sich nur mühsam beherrschen. Eine leise Angst
kroch in ihr hoch, dass er ihr irgend etwas antat.
Vielleicht war sie doch zu weit gegangen, aber nun
war es zu spät und sie musste die Konsequenzen tragen.
Noch immer krallte Severus Snape seine Hände in ihr
Fleisch. Ganz dicht stand er am Körper der jungen Frau und spürte sie zittern.
Doch ihre Augen blickten ihn herausfordernd an, ohne Scheu, mit einem Hauch
Aufsässigkeit.
Noch ehe Severus Snape reagieren konnte, stellte
sich Angelina auf die Zehenspitzen und küsste ihn. Es war kein zärtlicher Kuss,
eher das harte Aufeinanderpressen beider Lippenpaare.
„Übrigens, Sie tun mir weh." Mit diesen Worten
streifte sie die Hände des Professors mühelos von ihren Armen, da ihr Gegenüber
völlig überrumpelt dastand.
Mit schnellen Schritten floh Angelina aus dem
Kerkerraum, ehe der Professor seine Fassung wiedererlangt hatte.
Mit dem Licht ihrer winzigen Taschenlampe
beleuchtete sie den Weg vor sich und kam gut voran. Sie fand sehr schnell den
richtigen Gang und rannte hastig auf ihre Tür zu. Sie griff schon nach der
Türklinke, als eine Gestalt aus der Dunkelheit sprang und sie packte. Hart
wurde sie an die Wand geschleudert und der Körper hielt sie mit seinem Gewicht.
Angelinas Atem ging stoßweise und sie versuchte sich
zu wehren, während ein Schrei aus ihrer Kehle drang.
„Halten Sie nur einmal den Mund.", fauchte Severus
Snape und hielt ihre Hände an die Wand gedrückt, da sie ständig versuchte zu
kratzen und zu schlagen. Ihre Handrücken schürften schmerzhaft über den rauhen
Putz.
Längst war ihr die Taschenlampe entglitten, der
Lichtschein kroch behäbig über den Boden und tauchte das weitere Geschehen in
diffuse Dunkelheit.
Angelina begann, sich mit den Beinen zu wehren, was
Prof. Snape schnell zu vereiteln wusste. Hart presste er seinen Körper an den
ihren, dass Angelina Angst hatte, die Wand hinter ihr könnte einstürzen.
Immer näher kam sein Gesicht und Angelina erkannte
in seinen Augen ein unheimliches Feuer. Langsam begann sie zu spüren, was er
mühsam zu unterdrücken versuchte.
„Professor.", hauchte Angelina angstvoll.
Sie versuchte, Blickkontakt zu halten, jedoch sein
Gesicht kam immer näher. Sein Geruch nach Moschus stieg ihr in die Nase. `Was
für ein Rasierwasser er wohl benutzt?`, kam es ihr irrwitzigerweise in den
Sinn. Dann setzte ihr Denken gänzlich aus, denn im selben Moment umschlossen
seine Lippen die ihren und sein Körper drückte sich fest gegen Angelina. Die
junge Frau glaubte, ihre Sinne würden sie verlassen, da löste er sich
schlagartig von ihr, packte sie am Arm und stieß sie ins Zimmer.
Ein kurzes Aufleuchten und ein Klicken verrieten
ihr, dass Severus Snape diese Tür nun magisch versiegelt hatte.
Noch zitternd lehnte sie sich dagegen.
11.
In seinem Wohnzimmer trank Severus Snape bereits das
vierte Glas Rotwein. Noch immer bebten seine Hände. Warum hatte er das getan?
Warum tat er, seit Angelina in Hogwarts war, immer Dinge, die er eigentlich
nicht tun wollte?
Er kämpfte immer noch mit seiner Erregung und gab natürlich Angelina die Schuld, das es
soweit gekommen war. Er, der sich sonst bis in die tiefsten Tiefen unter
Kontrolle hatte, der ein Muster an Beherrschung war, ließ sich einfach so
gehen. Schon längst hatte er vergessen, dass er eigentlich auch ein Mann war,
ein Mensch mit bestimmten Bedürfnissen. Er hat es sich nicht gestattet, daran
zu denken und hatte dafür Sorge getragen, dass kein anderer Mensch näheren
Kontakt zu ihm suchte. Und es war gut so, fand er.
Wer war diese Angelina und warum schaffte sie, was
bisher kein Anderer geschafft hatte. Ihn so aus der Ruhe zu bringen, sich zu
vergessen.
Das fünfte Glas Wein wurde mit zitternden Händen
gefüllt. Erschöpft schloss Snape die Augen und spürte es wieder, das Beben des
weichen Frauenkörpers. Ein Stöhnen entrang sich seinen Lippen. Mit großen
Schlucken leerte er das Weinglas, doch statt Vergessen bescherte ihm der Wein
plötzlich rasende Kopfschmerzen.
Mit schleppenden Schritten suchte er den Weg ins
Badezimmer und machte sich fertig für die Nacht. Doch kaum im Bett, begann er
zu grübeln. Wie sollte er sich Angelina gegenüber verhalten? Sollte er so tun,
als wäre nichts vorgefallen, ein einmaliger Ausrutscher?
Gedankenverloren verfolgte Severus Snape die
gleitenden Bewegungen der kleinen Sterne an der Zimmerdecke und spürte, wie
sich seine aufgepeitschten Sinne langsam beruhigten. Er würde am nächsten
Morgen einfach so sein wie immer, nahm er sich vor. Noch einmal überkam ihn
Wut, dass ihm Potter und Anhang so einfach davongekommen waren. Irgendwie,
schwor er sich, bekamen sie noch die Strafe für ihre Verfehlungen. Während er
in Gedanken schon einige Strafarbeiten aussuchte, glitt er hinüber in einen
unruhigen Schlaf.
Im Gästeflügel fand jemand ebenfalls keinen Schlaf.
Frösteln hockte Angelina vor dem Kamin und blickte in das verlöschende Feuer.
Die Emotionen fuhren Achterbahn in ihrem Inneren. Ihr gefiel Hogwarts, doch
warum tat sie Sachen, für die man sie vielleicht aus Hogwarts verweisen würde?
Wer war sie und wie kam sie überhaupt hierher? Und Prof. Snape würde sie
liebend gerne an die Wand nageln und verrotten lassen. Dieser Mann verursachte
stets ein leises Kribbeln in ihr, doch etwas reizte sie ständig, ihn zu
provozieren bis an den Rand des Möglichen. Vielleicht lag es an seiner
überheblichen Art, mit ihr und den Anderen umzugehen, die ihren
Widerspruchsgeist weckten.
War sie nun doch zu weit gegangen und hatte sich in
den Schulablauf und seine Regeln eingemischt?
Egal, morgen früh würde sie schon alles erfahren.
Das Strafgericht ließ nie auf sich warten.
Zitternd vor Kälte kroch Angelina unter die Decke
und dachte wehmütig an die Tasse heißen Tee im Krankenflügel. Hier und jetzt
erschien auf ihrem Nachtschrank nichts, keiner sorgte sich um sie und das
heulende Elend packte die junge Frau.
Zu allem Unglück lag die kleine Taschenlampe draußen
irgendwo auf dem Gang und Angelina hoffte, die Öllampe würde noch brennen, bis
sie Schlaf gefunden hatte.
Ein Gefühl von Angst und Panik erfasste sie, vor der
Dunkelheit, dem Ungewissen, dem Unheimlichen. Plötzlich vernahm sie
gänsehauterzeugende Geräusche, die, so glaubte Angelina, vorhin noch nicht zu
hören waren. Ein Scharren und Kratzen, ein Klirren und Schlurfen und wie aus
weiter Ferne ein unheimliches Kichern.
Angstschweiß lief ihr über die Schläfen und die
Zähne schlugen ihr nun nicht mehr vor Kälte, sondern vor Panik aufeinander.
Längst hatte Angelina ihre Bettdecke bis an das Kinn
hochgezogen und fing leise an zu wimmern. Dieses furchteinflößende Kichern
wurde immer lauter, es schien näher zu kommen. Mit schreckgeweiteten Augen
blickte sie auf die Wand, hinter der sich der Gang erstreckte und lauschte dem
dumpfen Hämmern.
Voll Hoffnungslosigkeit stellte sie fest, dass ihr
kein einziger Fluchtweg geblieben war. Das Fenster lag zu hoch, mindestens
dritter Stock und die Tür war magisch versiegelt. Rufen wäre sicher ebenso
sinnlos, wer sollte sie hören. Hogwarts war fast leer und sie befand sich im
Gästetrakt und das sicher als Einzige.
Trotz aller Differenzen und Gemeinheiten wünschte
sie sich Prof. Snape her. Warum ließ er sie auch hier ganz allein zurück, ohne
Hilfe und Beistand, schutzlos allen Angriffen ausgeliefert. Er kannte doch
Hogwarts am Besten und wusste um dessen Tücken und Gefahren.
Ein leises „Plopp" ließ sie aus ihren Gedanken
auffahren und ein darauf folgendes „Buh" brachte sie an den Rand einer
Ohnmacht. Gemächlich in der Luft schwebend grinste sie ein furchtbar hässliches
kleines Männchen unverschämt an. Die Beine übereinandergeschlagen und die Arme
hinter dem Kopf verschränkt segelte er gemächlich über Angelinas Bett. Er war
eigentlich überhaupt nicht durchsichtig und trug sogar Kleidung, wenn auch
ziemlich alberne.
Dennoch war er ein Geist und Angelina glaubte auch
zu wissen, wer er war.
„Peeves?", fragte sie mit zitternder Stimme.
„Na wer denn sonst.", keckerte das Männchen frech
und fing an, sie mit kleinen Steinchen zu bewerfen.
„Hör auf.", schimpfte die junge Frau und erntete nur
ein erneutes Kichern.
„Du kannst mir hier gar nichts verbieten, du faules
Ei. Wer aus dem Kamin rutscht, der hat nichts zu sagen. Weißt nicht mal deinen
Namen und willst mich kommandieren.", feixte Peeves gehässig.
„Was war mit dem Kamin?", wollte Angelina atemlos
wissen.
„Du bist ja vielleicht blöd, musst doch wissen, wie
du nach Hogwarts gekommen bist.
Aus Prof. Snapes Kamin bist du gefallen und er war
gar nicht erfreut darüber. Du bist ein Kuckucksei, ein ganz faules. Hast in
Hogwarts nichts zu suchen."
„Du unverschämter kleiner Widerling. Wie kannst du
es wagen.................."
Weiter kam Angelina mit ihrer Verteidigung nicht, da
Peeves im gleichen Moment wie ein Geschoss auf sie zugeflogen kam und sie
anschrie: „Keiner nennt mich ungestraft einen Widerling, du dummes Weib."
Zu spät erkannte die junge Frau den Kerzenleuchter
in der Hand des Geistes, als sie von einem derben Hieb niedergestreckt wurde.
Ihre letzten Gedanken vor der Ohnmacht waren `hat er es wirklich gewagt?`.
Jemand rüttelte an ihrer Schulter und tätschelte
ihre Wangen. Eine wohlbekannte Stimme drang an ihr Ohr und fast konnte sie
nicht glauben, so etwas wie Sorge darin zu hören.
„Aufwachen, hallo. Guten Morgen. Angelina, öffne
bitte die Augen."
Zum ersten Mal nannte er ihren Namen und eine
leichte Gänsehaut überzog ihren Körper. Wie ungewohnt und zugleich zärtlich es
aus seinem Mund klang. Oder bildete sie sich das alles nur ein?
Mit einiger Anstrengung versuchte Angelina ihre
Augen zu öffnen und schaute etwas verlegen auf Prof. Snape. Vorsichtig richtete
sie ihren Oberkörper auf, ließ sich aber mit einem leisen Stöhnen wieder in die
Kissen zurückfallen. Das Gefühl, einen Presslufthammer im Kopf zu haben,
trieben ihr die Tränen in die Augen.
Fragend blickte
Severus Snape sie an und schien auf eine Erklärung zu warten.
Angelina brauchte einen kleinen Moment zum sammeln
und überlegte, ob die nächtlichen Ereignisse nicht nur ein Phantasieprodukt
war, doch die bohrenden Schmerzen mussten eine Ursache haben. Da fiel es ihr
schlagartig wieder ein.
„Peeves.", flüsterte sie.
„Peeves?", wiederholte Severus fragend.
Zuerst stockend, dann immer flüssiger erzählte ihm
Angelina von dem nächtlichen Überfall des Geistes. Je weiter sie mit ihrer
Erzählung kam um so wütender wurde der Gesichtsausdruck des Professors.
Nach der Schilderung des Schlages sprang Severus Snape auf und schaute die Frau im Bett fragend an. „Sind Sie sich
sicher, dass es nicht nur ein Traum war?"
„Nein!", fiel ihm Angelina etwas gereizt ins Wort.
Und wie zur Bestätigung zeigte sie auf die Beule an ihrer Stirn, die vorher
durch ihr Haar verdeckt wurde.
Behutsam, wie es sich Angelina kaum vorstellen
konnte, tastete der Mann die Verletzung ab und schaute sie kopfschüttelnd an.
„Madam Pomfrey.", meinte er lakonisch und hielt ihr
seine Hand als Hilfe zum Aufstehen entgegen.
Es war eine Tortur, den Kopf zu bewegen und
aufzustehen. Mit zusammengebissenen Zähnen nahm sie die dargebotene Hand des
Professors und erhob sich schwankend. Einen kurzen Moment vernebelten sich ihre
Sinne und sie lehnte sich hilfesuchend an die Schulter von Severus Snape.
Bilder schossen durch ihr Gehirn wie ein Film, den man mit -zigfacher
Geschwindigkeit abspulte. Das alles dauerte kaum Sekunden, dann war es vorbei.
Angelina hob den Kopf und schaute ungläubig auf den
vor ihr stehenden Mann.
„Professor, ich glaube..................", murmelte
sie schwach.
„Ich glaube, wir machen uns auf den Weg zu Madam
Pomfrey und zwar sofort.", fiel ihr der Professor ins Wort und ohne auf eine
Erwiderung zu warten, packte er sie leicht, aber energisch am Arm und betrat
mit ihr den Kamin.
Ein leicht gräuliches Pulver wurde in den Kamin
geworfen und Severus rief laut und deutlich: „Krankenflügel."
Grünliche Flammen schossen an ihnen hoch, ohne dass
man ihre Hitze spüren konnte und alles drehte sich wahnsinnig schnell im Kreis.
Im Zeitraum eines Atemzuges stiegen sie im Krankenflügel aus dem Kamin und
Angelina wünschte sich, nie wieder dieses Transportmittel nutzen zu müssen.
Ihre Schmerzen waren unerträglich und ließen sie kaum noch klar denken.
Sanft, aber zielstrebig steuerte Prof. Snape ein
Bett an und drückte sie energisch in die Kissen.
Madam Pomfrey kam angelaufen und blickte auf die
Patientin.
„ Mädchen, gestern erst entlassen. Was ist denn nun
passiert?"
Mit kurzen Worten schilderte Prof. Snape der
Medihexe die nächtlichen Vorkommnisse und zeigte die Verletzung.
„Sie kommen ohne mich klar, Madam Pomfrey? Ich muss
noch etwas wichtiges erledigen."
Mit einigen wohlgewählten Zaubersprüchen und einer
Heilpaste auf die Stirn aufgetragen, waren Angelinas Beschwerden innerhalb
kürzester Zeit wieder verschwunden. Immer wieder aufs Neue wunderte sich die
junge Frau über die unglaubliche Heilkraft dieser Medihexe.
Diese blickte ihr seit geraumer Zeit fest in die
Augen und stellte eine tiefgreifende Diagnose.
„Kindchen, das waren doch nicht ihre einzigen Beschwerden,
wenn ich mich nicht täusche, oder? Was haben Sie auf dem Herzen,
vielleicht kann ich dabei auch helfen."
Mit immer größer werdenden Augen hörte die Medihexe
den Erzählungen Angelinas zu, ohne sie zu unterbrechen. Als die junge Frau
geendet hatte, herrschte einen Moment atemloses Schweigen.
„Angelina, hören Sie mir genau zu. Kein Wort zu
niemandem, auch nicht zu Prof. Snape. Warten Sie ab, bis Prof. Dumbledore
wieder in Hogwarts ist. Es sind nur noch drei Tage. Versprechen Sie mir das?",
eindringlich klangen die Worte Madam Pomfreys in Angelinas Ohren.
„Aber warum.............?", wollte Angelina wissen.
„Schschsch...", unterbrach die Ältere ihre Frage,
denn in diesem Moment betrat Prof. Snape das Zimmer und blickte fragend auf die
beiden Frauen.
„Es ist alles wieder in Ordnung, Prof. Snape. Ich
übergebe Ihnen Angelina in Ihre Obhut zurück.", berichtete die Medihexe und
heftete noch einen eindringlichen Blick auf die junge Frau.
Diese wollte nur eines wissen: „Peeves?"
Prof. Snape zog eine Augenbraue hoch, als er
antwortete: „Peeves ist in einem kleinen Zimmer eingesperrt und mit einem
Bannfluch belegt. Er kann diesen Raum nicht verlassen und bleibt dort, bis
Prof. Dumbledore wieder in Hogwarts weilt. Er wird entscheiden, welche Strafe
dieser Störenfried erhält."
Aufatmend sank Angelina in ihre Kissen zurück und
schloss kurz die Augen, da drang eine altbekannte Stimme an ihre Ohren.
„Wollen Sie sich hier ausruhen, oder wird heute noch
gearbeitet?"
Mit einem schnellen Sprung war die Frau aus dem Bett
und rief: „Nein, Sir."
„Was, Nein?", raunzte Prof. Snape sie an.
„Nein, Sir. Ich will mich nicht ausruhen. Melde mich
zur Arbeit.", spöttelte ihre helle Stimme.
Maulend blickte er sie an. „Können Sie nicht
vernünftig antworten, oder hat etwas Schaden genommen?"
„Ich denke......", murmelte Angelina, doch da wurde
sie rigeros von der Medihexe unterbrochen.
„Setzen Sie Ihre Diskussionen bitte woanders fort.
Ich habe hier noch etwas zu tun."
Und mit einem letzten warnenden Blick auf Angelina
schob sie die Beiden einfach hinaus auf den Gang.
„Aber der Kamin.", protestierte Severus.
Heftig umklammerte Angelina seinen Arm: „Bitte die
Treppe, Professor. Nicht wieder den Kamin, mir ist jetzt noch übel.", jammerte
sie.
Sein typisch zynisches Grinsen legte sich auf seine
Lippen, als er sie musterte.
„Also gut, die Treppe. Aber dann mit Tempo, wenn ich
bitten darf." Und rauschte davon in Richtung Kerker.
12.
Die nächsten Tage waren für Angelina ausgefüllt mit
Arbeit und ständig lernte sie Neues und Interessantes kennen. Der Kontakt mit Prof. Snape erwies sich als einigermaßen
erträglich, da er seine spitzen Bemerkungen und hämischen Blicke einschränkte.
Schon längst durfte sie Gläser aus den Regalen
entnehmen, ihm bei Zubereitungen zur Hand gehen und mehr als einmal war er über
ihren Wissensdurst und ihre Auffassungsgabe beeindruckt. Doch noch immer
erlaubte er auf keinen Fall die Anwendung von Magie.
Sorgsam beobachtete er, wie Angelina Zutaten
zerkleinerte, abwog und alles für ihn bereitstellte.
Gerade saß sie an seinem Schreibtisch in ein dickes
Lehrbuch vertieft, während er einen Trank zubereitete, als er sich umwand und
sie still beobachtete. Ihre Wangen waren beim Lesen leicht gerötet und die
Lippen glänzten, weil sie vor Eifer ständig mit ihrer Zunge darüber fuhr.
Angelina bemühte sich, Zeile für Zeile diese
schwierige Schrift zu entziffern, als sie hinter sich eine leichte Bewegung
verspürte. Ein schwarz bemantelter Arm kam über ihre rechte Schulter und legte
sich auf das Lehrbuch, schwarze Haare kitzelten leicht an ihrer Wange und sie
spürte den heißen Atem an ihrem Hals.
Mit leise geflüsterten Worten erklärte ihr Prof.
Snape die schwierigen Abbildungen und wie zufällig berührten sich ihre Hände
dabei. Angelina verspürte eine Gänsehaut auf ihren Armen, als sich der Professor
fester an ihren Rücken lehnte und seine linke Hand auf die Armlehne des Stuhles abstützte.
Eine knisternde Spannung lag in der Luft, das es für
Angelina fast unerträglich wurde.
Noch immer lag sein heißer Atem auf ihrer Haut und
seine Hand legte sich sanft auf die ihre, die wie ein zitternder Vogel darin
ruhte.
Seine Stimme war nicht mehr als ein Hauch, als er
flüsterte: „Angelina."
Vergessen waren die Gemeinheiten, die
Streitigkeiten, keine Spur von seiner sonst so klirrend kalt klingenden Stimme.
War das noch Prof. Snape, den alle in Hogwarts fürchteten?
Seine andere Hand suchte den Weg auf Angelinas
Schulter und blieb dort schwer liegen. Mit festem Griff krallte er sich in den
Stoff ihres Umhanges und zog sie etwas nach hinten.
„Hallo, Severus. Guten Abend Angelina."
In der Tür standen Prof. Dumbledore und Prof. Mc
Gonagall, gut erholt aus den Ferien zurück.
Severus Snape fuhr hoch und wünschte die Beiden in
diesem Moment sonstwohin.
Mit schiefem Lächeln begrüßte er den Schulleiter und
seine Begleitung.
„Nun, lieber Severus. Alles in Ordnung auf Hogwarts?
Hatten Sie ein paar schöne Tage?", wollte der grauhaarige alte Mann wissen und
zwinkerte Angelina verschwörerisch zu. Diese lächelte leicht verlegen zurück.
Sie erinnerte sich an die Erzählungen über Prof. Dumbledore, in denen behauptet
wurde, der Schulleiter wisse über alles Bescheid, was in Hogwarts geschah.
„Wir sehen uns in einer halben Stunde in meinem
Büro, Severus. Und bringen Sie unseren Gast mit." Mit einem leichten Nicken
verschwand der Schulleiter und Prof. Mc Gonagall bedachte die junge Frau noch
mit einem neugierigen Blick, bevor auch sie den Kerkerraum verließ.
„Wir sollten die Unterrichtsstunde für heute
beenden.", knurrte Severus Snape und schlug das Lehrbuch geräuschvoll zu.
Angelina saß schweigend auf dem Stuhl, die Stimmung
war zerstört. Aber vielleicht war es gut so. Doch eine leichte Traurigkeit
blieb in ihrem Herzen. Was wäre passiert, wenn der Schulleiter nicht gekommen
wäre? Hätte sie einen völlig neuen Prof. Snape kennengelernt?
Langsam erhob sie sich und blieb genau vor dem Mann
stehen. Sofort begann ihr Herz wieder einen Trommelwirbel zu schlagen und die
Knie waren eine Mischung aus Pudding und Gummiknochen. Diese schwarz
schimmernden Augen brachten sie fast um den Verstand, wie sie in die ihren
tauchten, als wollten sie bis auf den Grund hinab sehen.
Langsam hob sie ihre Arme und legte sie behutsam auf
seine Brust, tastete sich weiter in Richtung seiner Schultern und drängte sich
näher an ihn. Ihr Blick hielt ihn gefangen und sie hörte seinen schweren Atem.
Zwei Hände packten nach ihren Handgelenken und
hielten sie fest. „Angelina.", flüsterte er noch einmal und mit einer
Heftigkeit, die sie leicht erschreckte, umarmte er sie, drückte sie fest an
sich und vergrub sein Gesicht in ihren Haaren.
Sanft streichelte sie über seinen Rücken und lehnte
sich vertrauensvoll an seine Brust. Mit freudiger Erregung vernahm sie seinen
rasenden Herzschlag, wie einen Vorschlaghammer.
Da nahm er sie bei den Schultern, zog sie von sich
weg und meinte rauh: „Wir sollten zu Prof. Dumbledore gehen."
Noch ehe Angelina richtig begreifen konnte, stand
Prof. Snape schon abwartend an der Tür. Sie atmete noch einmal kräftig durch
und schritt dann hocherhobenen Hauptes an ihm vorbei.
13.
Beeindruckt verfolgte Angelina , wie Prof. Snape
hinter dem Wasserspeier die versteckte Wendeltreppe zu Prof. Dumbledores Büro
mit einem Zauber aufrief und sie anschließend mit sich zog.
Dieses Büro übertraf alles Mögliche und
Vorstellbare. Kostbarkeiten und Nippes standen in Glasvitrinen aufgereiht und
Tischchen und Borde waren belegt mit Absonderlichkeiten aus der Welt der Magie.
Alles funkelte und bewegte sich, schaukelnd und schwebend, hüpfend und
pendelnd.
Mit sanfter Gewalt schob Prof. Snape seine
Begleiterin nach vorn in Richtung Schreibtisch, wo bereits Prof. Dumbledore und
Prof. Mc Gonagall auf sie warteten.
Mit einem Lächeln deutete der alte Mann auf zwei
bequeme Sessel vor seinem Schreibtisch:" Nehmen Sie Platz, Severus. Angelina,
ich möchte Sie recht herzlich in Hogwarts begrüßen und wünsche Ihnen eine
schöne Zeit bei uns."
Damit reichte er der jungen Frau seine runzelige
Hand und musterte sie durchdringend über seine halbmondförmige Brille hinweg.
Mit einem leichten Zwinkern bot er auch Angelina einen Platz an und setzte sich
schließlich selbst.
„Nun, Severus. Berichten Sie bitte, gab es
irgendwelche Schwierigkeiten in der Zeit meiner Abwesenheit?", richtete Prof.
Dumbledore zuerst das Wort an seinen vorübergehenden Stellvertreter.
„Nun, Prof. Dumbledore, es war eine relativ ruhige
Zeit. Die Anzahl der Schüler machte meine Arbeit nicht sehr schwierig.
Und.....", mit einem schnellen Blick auf Angelina beendete er seine Worte,"
nein, es gab keine Vorkommnisse und Schwierigkeiten."
Lange und intensiv blickte Prof. Dumbledore seinem
Gegenüber in die Augen.
„ Das hört man natürlich gerne. Nun möchte ich Sie
wieder von Ihren Pflichten und Ihrer Verantwortung entbinden und die Leitung
der Schule selbst übernehmen. Was Angelina betrifft, möchte ich doch, dass sie
ihre derzeitige Bezugsperson im Moment nicht wechselt. Wären Sie bereit,
Severus, die junge Frau noch ein wenig in Ihre Obhut zu nehmen? Natürlich nur,
wenn Angelina auch damit einverstanden ist."
Ein leichtes Rot überzog die Wangen der Frau, die
jede weitere Frage erübrigte.
Severus brauchte einen Moment für die Antwort, zu
unterschiedlich waren die Empfindungen, die in ihm tobten.
„ Ich habe Angelina....," ,beim Nennen ihres Namens
hob Prof. Mc Gonagall erstaunt den Kopf, fiel ihr doch seine Häme ein über die Namensgebung,
„schon als Hilfe in meinem Büro. Sie ist sehr geschickt und lernwillig und
solange es so bleibt, dulde ich sie in meinen Räumen.", wählte Prof. Snape
sorgsam seine Worte und bemerkte nicht sein verstecktes Lob für die junge Frau.
Bedächtig nickte der Schulleiter vor sich hin,
darauf bedacht, sein leises Lächeln nicht zu sichtbar werden zu lassen. `Mein
lieber Severus, welch ein Wandel`, schmunzelte Prof. Dumbledore vor sich hin.
Von beiden Männern unbemerkt, waren die Frauen
aufgestanden und besahen sich gemeinsam die Wunderlichkeiten in dem großen
Büro. Leise flüsternd führten sie ein angeregtes Gespräch, ohne das Angelina
irgend ein Vorkommnis der letzten Tage erwähnte.
„Prof. McGonagall. Ob ich den Schulleiter kurz mal
sprechen könnte? Ich meine, ohne Prof. Snape.", murmelte Angelina.
Die Ältere blickte tief in ihre Augen und meinte
dann nur:" Ich werde es einrichten."
In diesem Augenblick kamen vom Schreibtisch her
laute Worte und Angelina erkannte, dass Prof. Snape wohl soeben von Peeves erzählt
hatte. Eine steile Zornesfalte stand im Gesicht des Schulleiters.
„Das wird Konsequenzen haben, Severus. Das
verspreche ich Ihnen. Sie haben richtig gehandelt und schlimmeres verhindert.
Dafür danke ich Ihnen."
Severus nahm das Lob entgegen, wurde aber im
gleichen Moment wieder etwas enttäuscht.
„Einen kleinen Vorwurf muss ich Ihnen aber machen,
mein Lieber. Es war eigentlich unverantwortlich, Angelina allein in dem
Gästeflügel zu lassen. Sie hatte keine Chance, Hilfe zu holen. Da hätte sich
doch bestimmt eine andere Lösung gefunden."
Fast fühlte Angelina Mitleid mit dem Gescholtenen,
doch eine Einmischung würde er sicher nicht dulden.
„Ja, Sie haben Recht, Professor.", grummelte Severus
Snape.
„Nun, wir werden dafür Sorge tragen, das unser Gast
ab heute Räumlichkeiten in unserem Flügel erhält und so auch stets Hilfe in der
Nähe ist. Ich habe Dobby bereits damit beauftragt, er wird alles herrichten."
Prof. Snape warf einen langen Blick zu Angelina, die
in der Zwischenzeit wieder in ihrem Sessel Platz genommen hatte und die letzten
Worte verstand.
„Dann bleibt mir nichts weiter zu tun, als mich noch
einmal für Ihre Arbeit zu bedanken, Severus. Wir sehen uns in der großen Halle
zum Essen."
Nach diesen Worten erhob sich der Tränkemeister
hastig und verließ das Büro mit einer leichten Verbeugung gegen den Schulleiter
und Prof. Mc Gonagall.
An der Tür wandte er sich kurz um:" Angelina, kommen
Sie ?"
„Ich komme nach, Prof. Snape. Gerne würde ich noch
ein paar für mich wichtige Fragen klären." antwortete die Angesprochene
hektisch.
Ohne ein weiteres Wort schloss er die Tür hinter
sich.
„Nun, Angelina, was möchten Sie mich fragen?",
sprach Prof. Dumbledore sie freundlich an.
Hastig sprudelten die Sätze aus ihr heraus, als
hätte sie Angst irgend etwas zu vergessen.
„Ich weiß jetzt wieder, wer ich bin und wie ich
hierher kam. Nach dem Schlag von Peeves war plötzlich alles wieder so klar,
alle Wahrheiten und alles Schreckliche."
Dumbledore schaute sie lächelnd an: „Ich weiß...,
und nach einer bedeutungsvollen Pause, „ Amy!!."
Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie auf den
alten Mann.
„Sie wissen es? Wie lange schon?", murmelte sie
fassungslos.
„Gleich kurz nach Ihrer Ankunft und ich weiß auch
noch ein wenig mehr, aber das später. Ich hatte meine Gründe und habe sie immer
noch, die Wahrheit zu verschweigen. Aber erzählen Sie uns beiden doch einfach
Ihre Geschichte."
„Viel gibt es nicht zu erzählen. Ich war an besagtem
Abend in London und traf dort auf einen Studenten. Wir waren uns sofort
sympatisch, vor allem wegen der gleichen Interessen. Wir hatten den selben
Faible für Schlösser und alte Herrensitze und ich erwähnte meine Wunsch, nur
einmal so ein Objekt von innen zu besichtigen. Manchmal birgt das Leben schon
seltsame Zufälle, denn er erzählte mir, dass ein weitverzweigter Onkel hier in
der Nähe ein riesiges altes und sehr vornehmes Herrenhaus bewohnte. Und wenn
ich Lust hätte, könnten wir es noch am selben Abend besichtigen, da dieser
Onkel nicht auf seinem Landsitz weilte.
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und so fuhren wir gleich los.
Es war schon von außen einfach umwerfend und
unbeschreiblich, märchenhaft und gleichzeitig gruselig düster. Ein echtes
Manor. Und es hatte auch einen Namen:
Malfoy -Manor.
Leider erwartete uns eine Überraschung an der Tür,
in Gestalt des Hausherren. Er war doch nicht verreist. Mit kalten grauen Augen
musterte er uns, erinnerte sich jedoch an seinen entfernten Neffen und lud uns
ein. Er selbst führte uns durch sein Anwesen und bot uns eine Übernachtung an,
da bereits die Nacht hereinbrach. Nach einem wunderbaren Essen zeigte man uns
die Zimmer, natürlich getrennte, und zu meinem Erstaunen fand ich alles Nötige
für die Nacht.
Mitten in der Nacht erwachte ich durch eine leichte
Berührung und sah vor meinem Gesicht lange blonde Haare, die ein lüstern
blickendes Gesicht umrahmten.
„Wie wäre es, wenn man sich nun ein wenig dankbar
und entgegenkommend zeigt.", flüsterte seine Stimme heiser und ich verstand
genau, was er von mir wollte. Er war sicherlich nicht darauf gefasst, doch mit
einem Satz war ich aus dem Bett, stieß ihn dabei zu Boden und rannte aus dem
Zimmer hinein in ein anderes. Dort befand sich ein großer Eckkamin und voll
Panik stieg ich in ihn hinein, in der Hoffnung auf eine Nische zum Verstecken.
Dann spürte ich nur einen schmerzhaften Sog und mir wurde wahnsinnig
schwindelig. Ein paar Mal schlug ich mit dem Kopf irgendwo dagegen, bis mir
schließlich die Sinne schwanden.
Ja, es stimmt, ich heiße Amy und ich..............."
Prof. Dumbledore unterbrach sie und blickte bedeutungsvoll
zu Prof. Mc Gonagall.
„Amy, hören Sie bitte. Tun Sie mir einen Gefallen
und bewahren Stillschweigen über alles, über die ganze Wahrheit und Ihren
wahren Namen. Vor allem Prof. Snape erzählen Sie im Moment noch nichts. Lassen
Sie sich nichts anmerken und geben Sie ein wenig Acht, denn unser guter Severus
ist ein hervorragender Legilimentiker. Ehe Sie sich versehen ist er in Ihre
Gedanken eingedrungen und liest in Ihnen, wie in einem Buch. Gehen Sie wieder
zu ihm und seien Sie ihm eine gute Assistentin. Er braucht Sie."
Diese letzten Worte klangen ziemlich eindringlich
und Angelina konnte den genauen Sinn nicht so recht erfassen.
Noch einmal blickte Prof. Dumbledore sie über den
Rand seiner Brille hinweg an und flüsterte:" Sie sind auf dem richtigen Weg."
und zwinkerte ihr zu.
Nachdem Angelina das Büro verlassen hatte staunte
sie nicht schlecht. Am Wasserspeier stand wartend Prof. Snape und schaute sie
leicht griesgrämig an.
„Alle Fragen geklärt?", knurrte er.
Angelina versuchte, so unbefangen wie möglich zu
antworten.
„Ich glaubte nur, dass mir Prof. Dumbledore
weiterhelfen könnte, dass er wüsste wer ich bin und woher ich komme. Aber
leider hatte er auch keine Antworten für mich."
Sie legte soviel Normalität in ihre Stimme, dass
Severus keine weiteren Fragen stellte und das Thema wechselte.
„Ich bringe Sie jetzt in Ihre neuen Räumlichkeiten.
Merken Sie sich aber den Weg, oder fertigen Sie eine Zeichnung."
Da war er wieder, der altvertraute Prof. Snape mit
seinem verspritzenden Gift.
Angelina schluckte und blickte ihn fest an. „Wollen
wir los? Ich bin schon mächtig neugierig."
Mit dem unschuldigsten Blick, den sie zu bieten
hatte, schaute sie dem Mann tief in die Augen. Doch erstaunlicherweise blieb
eine spitze Antwort aus und statt dessen wies er ihr den Weg.
14.
Die neuen Räumlichkeiten waren unübertroffen und
Angelina fühlte sich vom ersten Augenblick an wohl. Nun besaß auch sie ein
Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und ein schönes geräumiges Bad. Die Aussicht
überwältigte sie dermaßen, dass Tränen der Freude rannen. Und ein Schelm, der
Arges dabei denkt, ihre Räumlichkeiten lagen genau neben Prof. Snape. Dieser
stand mit verschränkten Armen an der Tür und beobachtete belustigt die
Gefühlsausbrüche der jungen Frau.
Ihm war es schleierhaft, wie man sich so gehenlassen
konnte und wegen ein paar Zimmern in Hysterie zu verfallen. Und doch war er
nicht in der Lage, irgendeine Gemeinheit zu verfassen, sondern konnte den Blick
kaum von der Gestalt wenden, die noch immer im Freudentaumel durch die Zimmer
tanzte.
Mit einem doch leicht spöttischen Gesichtsausdruck
klopfte er an den Türrahmen und bat somit um Aufmerksamkeit.
„Es wäre Zeit für die große Halle, zum Abendessen.
Wenn Sie sich mal losreißen könnten von Ihrer Begeisterung."
Ertappt wandte sie ihre Aufmerksamkeit auf den
Professor und errötete leicht.
`Verdammt, wenn sie wüßte wie ihr diese leichte Röte
steht, diese unschuldige Verlegenheit.`, dachte Severus und ärgerte sich
gleichzeitig über seine Gefühlsduselei.
So öffnete er die Tür und deutete nach draußen, und
Angelina blieb nichts weiter übrig, als ihm zu folgen.
In der großen Halle herrschte ein unbeschreibliches
Stimmengewirr, denn am Nachmittag waren die Schüler eingetroffen, da am
nächsten Morgen der Unterricht wieder begann. Angelina erhielt ihren Platz am
Tisch des Lehrerkollegiums genau zwischen Prof. Mc Gonagall und Prof. Snape und
sah erst jetzt den ganzen Glanz der Halle. Hunderte schwebende Kerzen gaben
ihren Glanz an die golden schimmernden Teller und Becher ab und beleuchteten
die große Halle mit warmen Lichtstrahlen.
Neugierige Augenpaare musterten die junge Frau am
Lehrertisch teils schüchtern, teils unerschrocken oder sogar kess.
Prof. Dumbledore begrüßte die Schüler auf ein Neues
und stellte ihnen Angelina als Praktikantin für Zaubertränke vor, was viele
Schüler dazu veranlasste, ihr einen mitleidigen Blick zu schenken. Praktikantin
bei Snape, das kam gleich nach der Todesstrafe.
Und so wunderte sich auch niemand über Angelinas
Anwesenheit während der Unterrichtsstunden in Zaubertränke und so manch einer
war dankbar für ein klein wenig Hilfe, sei es bei der Zubereitung oder bei der
Abwiegelung des Strafgerichtes von Prof. Snape. So war es auch nicht weiter
verwunderlich, dass Angelina schon bald bei den Schülern überaus beliebt war. Vor
allem war sie einfach „nur Angelina". Das schaffte Vertrauen und mancher bat
sie schon mal um Hilfe, wenn es Differenzen mit dem Tränkelehrer gab.
Mit erstaunlicher Gelassenheit nahm es Severus Snape
hin, dass die Schüler langsam nicht mehr den gefürchteten Lehrer in ihm sahen,
sondern einen Menschen, mit dem man durchaus reden konnte. Zwar ließen sich
alte Gewohnheiten nicht so einfach abschütteln und auch Angelina musste die
eine oder andere Demütigung einstecken, aber Severus war lernfähig und fühlte sich
wohl dabei.
Die Wochen vergingen und Angelinas Tätigkeiten im
Kerker weiteten sich immer mehr aus. Längst verkehrte man mit gegenseitiger
Achtung und schätzte die Leistungen des Anderen. Für die junge Frau gab es so
gut wie keine Verbote mehr, sie wusste genau, was ihre Aufgaben waren und wo
ihre Grenzen lagen. Es kamen keine Klagen über ihre Lippen, wenn sie mit Prof.
Snape manchmal nächtelang im Kerker arbeitete, half Tränke zuzubereiten oder
ein fast unlösbares Problem zu lösen. Es erfüllte sie mit unbändigem Stolz, ein
Teil der Ergebnisse zu sein und manchmal sogar ein Lob zu hören.
Am Freitag nach dem Abendessen in der großen Halle
wartete Prof. Snape an der seitlichen Eingangstür auf Angelina, die noch ein
paar kurze Worte mit Madam Pomfrey gewechselt hatte und schaute sie ernst an.
Er suchte immer noch nach passenden Worten um ihr sein Anliegen vorzutragen.
„Angelina, ich wollte Sie fragen..., aber Sie sind
sicher zu müde...., vergessen Sie es einfach......., aber Sie interessieren
sich doch dafür..", verzweifelt brach Severus Snape ab und wollte sich
abwenden. Doch die junge Frau war schneller und hielt ihn an seiner Robe fest.
Belustigt sah sie in an: „Nanu, Professor, seit wann beherrschen Sie denn die
Sprache nicht mehr? Sie sind doch sonst nicht um Worte verlegen. Fragen Sie
mich doch einfach und ich lasse Sie dann wissen, ob ich zu müde bin oder
nicht."
Aufmunternd nickte sie ihm zu und schenkte ihm noch
ein bezauberndes Lächeln.
„Ich wollte Sie auf ein Glas Wein zu mir einladen.
Dort warten Nachschlagewerke über alte
Zaubertränke und ein neues Lexikon. Falls Sie mal einen Blick hinein werfen
möchten.", murmelte er und fühlte sich wie ein kleiner Schuljunge, bei seiner
ersten Verabredung.
Ein freudiger Glanz stand in Angelinas Augen, als
sie die nette Einladung ohne zu zögern annahm.
„Ich möchte mich nur noch schnell frisch machen und
umziehen. Am Abend trage ich den Umhang nicht gerne, da bevorzuge ich bequemere
und etwas ansprechendere Sachen." Damit beklagte sie versteckt das Tragen des
schwarzen Zauberumhanges, auf dem Prof. Snape bestanden hatte.
Mit einem leichten Grinsen antwortete Severus nur:"
Sie wissen ja, wo Sie mich finden."
Nach wenigen Minuten stand sie bekleidet mit einer
bequemen hellen Hose und einem hübschen dunkelblauen Pullover leicht aufgeregt
vor der Tür und klopfte zaghaft. Wortlos bat Prof. Snape seine Besucherin in
seine Räumlichkeiten und führte sie zu einem gemütlichen Sessel, an den Tisch,
in dessen Mitte bereits Kerzen ihr sanftes Licht verströmten und die Karaffe mit
Rotwein funkeln ließ. Zwei Gläser warteten darauf, gefüllt zu werden und sogar
ein kleines Schälchen mit Pralinen
fehlte nicht.
Etwas unsicher und sichtlich gehemmt saßen sich
beide gegenüber.
Prof. Snape füllte die Gläser mit dem Rotwein, der
sein schweres Aroma im Raum verströmte, und reichte Angelina stumm ihr Glas.
Mit zitternden Händen nahm sie es entgegen und schickte ein schwaches Lächeln
über den Tisch.
Warum nur bekam sie jedesmal Herzklopfen und
zittrige Hände, wenn Prof. Snape in ihrer Nähe war? Doch auch Severus Snape
wirkte leicht aus der Fassung.
Um überhaupt etwas zu tun, prostete man sich
gegenseitig zu und trank ziemlich hastig den starken Rotwein.
Ein zartes Rot überzog Angelinas Wangen und das
Lächeln wirkte um einiges mutiger.
„Wo sind denn nun Ihre interessanten Bücher?"
Da endlich taute auch der Mann auf und erhob sich,
um ein großes schweres Lexikon aus dem Regal zu entnehmen.
Behutsam, wie einen kostbaren Schatz, trug er es zum
Tisch und legte es vor Angelina ab. Mit einem Schlenker seines Zauberstabes
holte er sich seinen Sessel an die Seite der jungen Frau und übergab ihr das
Buch.
Gemeinsam blätterten sie in dem faszinierenden
Lexikon und waren schon bald in ein interessantes Gespräch vertieft.
Plötzlich gab es keine Spur mehr von Verlegenheit
oder Hemmungen, da das Thema Zaubertränke ein relativ neutrales Thema war.
Immer wieder griff man nach den Gläsern und Prof. Snape befüllte zum dritten
Mal auf magische Weise die Karaffe.
Doch auch das dickste Buch hat ein Ende und Angelina
schloss die letzte Seite, reichte Severus Snape das Buch und atmete tief durch.
„Mir schwirrt regelrecht der Kopf. Wenn ich mir
vorstelle, dass Leute das alles auswendig können.", staunte sie.
Severus schmunzelte leicht: „Das Schwirren wird wohl
eher vom Wein kommen. Hunger?"
Angelina blickte ihn schief an und lachte laut.
„Keine schlechte Idee. So als Grundlage für den
nächsten Wein."
Teils verwundert, teils belustigt hob Severus Snape
eine Augenbraue.
„Meinen Sie, den Inhalt der anderen Bücher in Ihrem
Zustand noch erfassen zu können?"
Mit kokettem Augenaufschlag, der den Mann doch etwas
aus der Fassung brachte, meinte sie mutig: „Sie werden mir doch Hilfestellung
geben, Professor. Oder?"
„Wenn Sie sich benehmen.", fauchte er leise, doch
keineswegs böse. Im Gegenteil, irgendwie faszinierte ihn diese Frau. Wie viele
Facetten an ihr hatte er schon kennengelernt?
Bockig - wie ein Kind, empfindlich - wie eine
Mimose, kämpferisch - wie ein Tiger, stur - wie ein Esel, spitzbübisch - wie
ein Schelm, verführerisch - wie ein Frau.
`Severus, du versteigst dich.`, rügte er sich
selbst.
„Nun langen Sie endlich zu und halten den Mund.",
grummelte er sie an.
Vor ihnen standen lecker belegte Schnittchen und
eine köstliche Erfrischung.
„Ich wußte gar nicht, dass Trinken so viel Hunger
macht.", wunderte sich Angelina und Prof. Snape verschluckte sich fast an
seinem Bissen.
„Sie sind unmöglich.", rügte er sie.
„Warum? Weil Sie nicht essen können?", konterte
Angelina lachend und klopfte ihm kräftig auf den Rücken.
„Professor?"
„Mmmh.", kam es zurück.
„Erzählen Sie mir von sich, von Ihrem Leben.",
bettelte Angelina.
Severus dachte nach, blickte die Frau an und meinte
nur kurz: „Ein anderes Mal. So interessant ist es auch nicht."
Enttäuscht zog sie eine Schnute.
„Erzählen Sie mir von sich, Angelina.", versuchte es
Severus.
Àchtung, Mädchen, sei auf der Hut.`, ermahnte sie
sich. `Kein falsches Wort.
`"Wissen Sie, bei mir gibt es auch nicht viel zu
erzählen. Ich heiße Angelina, komme aus Ihrem Kamin, wohne in Hogwarts und
sitze hier mit einem, im Moment sehr netten interessanten Mann zusammen, trinke
Wein und frage mich, welches Geheimnis diese magisch anziehenden schwarzen
Augen verbergen. Tief und unergründlich wie ein Bergsee." Ihre Stimme war nur
noch ein Flüstern und Severus Snape schaute sie an, als wäre sie
übergeschnappt.
„Sorry, ich rede mich noch mal um Kopf und Kragen.
Themenwechsel. Wo sind die anderen Bücher?"
Noch immer blickte Prof. Snape sie ungläubig an,
nahm ihr Gesicht vorsichtig in seine Hände und kam immer näher, ihren Blick
fest mit seinen Augen haltend.
Angelina wollte sich gerade der Situation hingeben,
als sie plötzlich aufsprang und ins Bad flüchtete,
Dort benetzte sie ihr erhitztes Gesicht mit kühlem
Wasser und blickte in den Spiegel.
Wütend schrie sie ihr Spiegelbild an: „Dieser
hinterhältige Mistkerl. Fast hätte er es geschafft, in meine Gedanken
einzudringen. Mädchen, was hatte PROF: Dumbledore gesagt, Er ist ein
hervorragendes Legilimentiker. Das wäre beinahe schief gegangen. Sammeln und
nichts anmerken lassen."
Als sie das Wohnzimmer betrat, kam ihr Severus Snape
schon entgegen.
„Was war passiert? Benötigen Sie Hilfe?", leicht
besorgt nahm er ihren Arm.
„Nein danke, mir war nur kurz übel. Ich sollte wohl
auf den Rotwein verzichten. Ein bisschen Frischluft wäre nicht schlecht.",
meinte Angelina unbefangen und ging in Richtung Fenster.
„Darf ich?", wandte sie sich um.
„Bitte."
Wunderbar erfrischen strömte sie kalte klare
Nachtluft ins Zimmer und Angelina atmete tief durch.
Leicht fröstelnd zog sie die Schultern hoch und rieb
sich die Arme.
„Ist Hogwarts nicht wunderschön?", flüsterte
Angelina überwältigt und merkte kaum, wie ihr Tränen über die Wangen liefen vor
Ergriffenheit.
Zwei starke Arme umfassten sie sanft und hüllten sie
in den schwarzen Umhang mit ein.
„Sie werden sich erkälten.", murmelte eine heisere
Stimme an ihrem Ohr.
„Sie werden es doch zu verhindern wissen.", wisperte
sie zurück und lehnte sich an den Mann hinter sich.
Wie um Halt suchend griffen ihre Hände nach seinen
Armen und drückten sie an sich. Ein Gefühl der Geborgenheit durchströmte sie
und Angelina hätte stundenlang so stehen können, voller Wärme, voller
Zuversicht, voller...Zärtlichkeit.