DAS FEUER UND DIE ROSE
(THE FIRE AND THE ROSE)


von Metro Vampire und Rhosymedre


Übersetzung: Chrissstine, Faris-Eirin, Emi, Alex, Serpentina, Tina, Anna, Shoshana ...

Die Originalstory iist auf www.potions-master.com zu finden. Vielen Dank, dass wir die Story übersetzen dürfen.

Feedback: Anne und Abby




Teil 37 - 40



Teil 37 - Am Ende der Tage

Teil 37 - Alles hat ein Ende

 

Die Nachwirkungen von Glückseligkeit gehen immer mit Komplikationen einher.

 

Nur in Muggle-Filmen, sinnierte Hermine, ritten die Hauptdarsteller in den Sonnenuntergang hinein, verschwanden im Abspann, und mit ihnen praktischerweise die Auswirkungen und Konsequenzen ihres Handelns. Das wirkliche Leben war nicht ganz so übersichtlich und ordentlich. Das wirkliche Leben hatte raue Ecken und lose Enden. Im wirklichen Leben musste man nach der Party aufräumen.

 

Sie waren Arm in Arm eingeschlafen, übersättigt, betäubt von dem Erlebnis und der unerwarteten Leidenschaft. Sie wachte mit dem ersten Morgengrauen auf, ihr Körper gehorchte einer langjährigen Routine, und wandte sich, angetrieben von ihrer Erinnerung und einer schläfrigen Regung in ihren Leisten, sofort Snape zu, bevor ihr einfiel, dass er die Nachwirkungen der vergangenen Nacht vielleicht sehr viel mehr zu spüren hatte, als sie. Snape wollte sich ihr schläfrig zuwenden, als seine halbausgestreckte Hand in der Bewegung stockte und er sein Gesicht verzog.

 

Ein Gefühl von Schuld, Zufriedenheit und einem eilends verdrängten Ausbruch von Erleichterung darüber, das er den Verlust der weiblichen Jungfräulichkeit durchstehen musste und nicht sie, durchströmte Hermine. Für den Mann war das erheblich weniger schmerzhaft, obwohl der fast totale Verlust der Gehirnfunktion etwas beunruhigend war, wenigstens beim ersten Mal.

 

„Bist Du sehr wund?" fragte sie etwas reuevoll.

 

Snape drehte sich vorsichtig auf den Rücken.

 

„Es tut ziemlich weh," gab er nach einem Moment zu.

 

„Ah," sie hatte keine Ahnung, was in so einem Moment zu tun oder zu sagen war. Im Licht des Morgengrauens, und nachdem sie ihre Hormone wieder im Griff hatte, traten die weniger angenehmen Aspekte ihrer Verbindung wieder in den Vordergrund. Eine liebevolle Liebkosung, spielerisch über ihr Glied streichend, schreckte sie aus ihren Gedanken auf. Sie schaute hinüber zu Snape und war nicht wirklich überrascht als sie sein wissendes Grinsen sah.

 

„Ich dachte mir das schon," sagte er mit einem Anflug von Humor.

 

„Ist schon OK," murmelte sie, "ich erwarte sowieso nicht, dass du Lust auf irgendetwas hast."

 

Snape war überraschend still und sie sah mit Erstaunen, dass er auf seiner Lippe kaute; sie fragte sich, ob er sich bewusst war, dass er diese spezielle Eigenart von ihr übernommen hatte. Er machte den Eindruck, als ob er die Zimmerdecke betrachtete, aber sein Gesicht war merkwürdig angespannt.

 

„Würde es dich sehr kränken wenn ich sagte, nicht wirklich," sagte er schließlich. Er sah sie immer noch nicht an.

 

Sie richtete sich auf einem Ellbogen auf und drehte sich ihm zu, so dass sie ihn besser ansehen konnte. Sein Gesicht war ausdruckslos. Sie hob ihre Hand und streichelte die Seite seines Gesichtes, zog die Linie seiner Wange nach. Sie konnte die Muskeln fühlen, die hart unter der Haut seine Anspannung verrieten, obwohl seine Stimme ruhig klang. Sich zu ihm hinüberbeugend drückte sie ihren Mund zärtlich auf seinen.

 

„Natürlich nicht," sagte sie sanft. „Glaub' es oder nicht, aber ich kann mir wirklich vorstellen, wie Du Dich fühlst."

 

Sein Gesicht entspannte sich bei ihren Worten und ließ seinen Mundwinkel wieder zucken.

 

„Ja, ich nehme an, das kannst Du," räumte er ein. Es gab eine Pause und dann fügte er etwas unsicher hinzu, „es gibt natürlich noch andere Möglichkeiten wie ich Dir behilflich sein könnte, wenn Du möchtest."

 

Sie verstand sein Angebot und richtete sich etwas auf, um ihn ansehen zu können. Sie wollte nicht, dass er sich unter Druck gesetzt fühlte etwas zu tun, das er verabscheute. In seinen Augen las sie allerdings eher etwas wie Vorfreude als Ekel. Aber trotz allem ...

 

„Bist Du sicher," fragte sie etwas zögernd, „ich möchte Dich nicht zu etwas drängen ..."

 

Seine Augen wurden schmal.

 

„Miss Granger, "schnarrte er, und kam damit seinem normalen Snape-Tonfall so nahe wie noch nie, seit er ihre Stimme benutzte, „ist irgendetwas vorgefallen was Ihnen den Eindruck vermittelt hat, ich würde etwas anbieten, das mir unangenehm ist, vielleicht aufgrund einer bisher unentdeckten Ader der Selbstlosigkeit?"

 

Der Ton und die Worte und das Glitzern in seinen Augen erinnerte sie unversehens daran, dass das Snape war, mit dem sie hier lag und dies schickte einen Strom der Erregung direkt in ihre Leisten. Sie beschloss auf die Frage der ‚Selbstlosigkeit' nicht weiter einzugehen und hob stattdessen nur eine Augenbraue.

 

„Nun, Professor Snape," antwortete sie, sich seinem Ton anpassend, „wenn Sie es anbieten..."

 

Snape hielt ihrem Blick einen Moment provozierend stand, dann beugte er seinen Kopf. Sie schloss ihre Augen, als sein Mund anfing sich von ihrer Brust abwärts zu bewegen.

 

Später - viel später - saßen sie zusammen in Hermines Räumen, angezogen und so manierlich wie nur möglich angesichts der Tatsache, dass Snape noch die Kleider von letzter Nacht trug, tranken Kaffee und aßen etwas zum Frühstück. Es war ein Glück, dass sie von niemandem heute morgen in der Grossen Halle erwartet wurden, dachte sie. Dennoch, die Mahlzeit wirkte auf sie irritierend häuslich und sie war nicht sicher, ob sie dafür bereit war. Unterhaltung war auch ein bisschen schwierig. Sie konnte einfach an nichts anderes denken als an das, was zwischen ihnen passiert war und sie wusste, dass es irgendwann angesprochen werden musste. Wie auch immer, sie war sich ziemlich sicher, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für eine Diskussion war; so gering ihre Erfahrungen mit Männern auch waren, sie machte sich keine Illusionen über die typische Reaktion der männlichen Psyche auf die Ankündigung „Wir müssen reden".

 

Snape kaute nachdenklich auf seinem Toast herum, den Blick ins Leere gerichtet, und sie vermutete, dass seine Gedanken sich so ziemlich in den gleichen Bahnen bewegten, wie ihre. Die Stille dehnte sich aus und zum ersten Mal seit Monaten begann Hermine sich zu fragen, ob sie irgendetwas sagen oder tun sollte um die Stille zu brechen. Sie versuchte, sich einen passenden Satz zurecht zu legen - was völlig misslang - als Snape's Blick sich plötzlich auf sie richtete.

 

„Es gibt da etwas was Du wissen solltest," sagte er plötzlich. „Wegen letzter Nacht."

 

Sie fühlte ihren Herzschlag stolpern vor Schreck. Vergiss die männliche Psyche - sie war momentan ganz sicher nicht bereit für eine eingehende Diskussion über ihre Gefühle. Vielleicht war es wirklich genetisch veranlagt; bei Inbesitznahme eines männlichen Körpers wurde eine ablehnende Haltung zu öffentlicher Analyse von Gefühlen gleich mitgeliefert. War dies jetzt der Moment, wo er ihr mitteilte, dass alles nur ein schrecklicher Fehler war? Sicher nicht. Sie schluckte.

 

„Ja ?" fragte sie vorsichtig.

 

Snape nickte und betrachtete eingehend seinen Toast.

 

„Letzte Nacht, bevor ich den Ball verließ, erhielt ich einen anderen ... ähm .... Antrag."

 

Was immer Hermine erwartet hatte, das war es nicht gewesen. Sie nahm einen Schluck Kaffee in der Hoffnung, diese vertraute Bewegung würde ihre Nerven beruhigen. Es war leider genau der falsche Moment, um einen Mund voll heißer Flüssigkeit zu haben.

 

„Er kam von Mr. Weasley," verkündete Snape.

 

Hermine verschluckte sich, als der Kaffee den falschen Weg nahm und drohte, aus der Nase wieder herauszukommen. Sie merkte kaum, dass Snape ihr die Tasse aus der Hand nahm als sie versuchte, zwischen den Hustenanfällen, die nach sechzig- Zigaretten-am-Tag klangen, Luft zu holen. Ein Taschentuch wurde ihr in die Hand gedrückt, damit sie ihre tränenden Augen abwischen und ihre Nase ausschnupfen konnte.

 

„Ron?" krächzte sie, als sie wieder in der Lage war, Töne von sich zu geben, die nicht wie der sterbende Ford Anglia von Arthur Weasley klangen.

 

Snape nickte. Ihre Augen waren immer noch voller Tränen, aber sie hätte schwören können, dass er tatsächlich einfältig aussah.

 

„Ron?" wiederholte sie, diesmal kräftiger. „Wie zum Teufel hast Du das hingekriegt? Was ist passiert?"

 

Während Snape der Scheibe Toast in seiner Hand mehr Aufmerksamkeit widmete, als jemals einer anderen leicht angebrannten Scheibe Brot in der gesamten Geschichte der Magie oder Wissenschaft zuteil wurde, erzählte er was passiert war, nachdem er Hermine im Garten verlassen hatte und bevor er sie wieder in ihren Räumen getroffen hatte. Als er zum Ende der Geschichte kam, hatte Hermine sich soweit erholt, dass sie Atmen und Schlucken strikt von einander trennen konnte und war somit in der Lage ihre Empörung ungehindert kund zu tun.

 

„Willst Du damit sagen, dass, wenn ich meinen Körper wieder bekomme, ich mich mit einem Ron Weasley auseinandersetzen muss, der die Höllenqualen unerwiderter Liebe erleidet? Alice Lacock war schlimm genug."

 

„Ich glaube, ich habe ihn genügend entmutigt. Ich vermute sowieso, dass er eher an verletzter Eitelkeit leiden wird als an irgendetwas anderem."

 

Hermine mahnte sich selbst gleichmäßig zu atmen und den Gedanken an einen sie küssenden Ron zu verdrängen. Dann, einfach so, kam ihr ein anderer Gedanke; der einen Snape küssenden Ron. Ihre Empörung löste sich auf als ihr der Witz dieser Situation klar wurde. Ihr Mund verzog sich. Sie blickte zu Snape, dessen Gesichtsausdruck irgendwo zwischen Amüsiertheit und Irritation lag. Sie fühlte ein Lachen in sich, dass ihre Kehle hinauf quoll. Sie versuchte es zu unterdrücken, aber es war unmöglich. Snape warf ihr einen wilden Blick zu als sie ihre Augen abtupfte, die schon wieder tränten.

 

„Entschuldige," quetschte sie heraus, "aber kannst Du Dir Ron's Gesicht vorstellen, wenn er wüsste, dass er Dich geküsst hat."

 

Sie war davon überzeugt, dass Snape's Ekel übertrieben war und dass brachte sie wieder zum Lachen.

 

„Schon wieder, Hermine, ich habe das Gefühl, dass Du Dich viel zu sehr auf meine Kosten amüsierst."

 

Sie fragte sich, ob er die doppelte Bedeutung beabsichtigt hatte und wollte gerade etwas dazu sagen, als er plötzlich aufstand.

 

„Ich glaube, ich sollte jetzt besser zurück in meine Zimmer gehen," verkündete er, „zweifellos wird jemand - und sei es nur Miss Weasley - die blutrünstigen Einzelheiten der letzten Nacht hören wollen."

 

„Pass auf, dass Ginny nur die zensierte Fassung der Höhepunkte erhält," ermahnte sie.

 

Die Bemerkung entlockte ihm ein Lächeln, diesmal ohne jeden Sarkasmus.

 

„Du kannst versichert sein, dass selbst ein sehr stark überarbeiteter Bericht die Höhepunkte ganz sicher nicht enthalten wird," sagte er sanft.

 

Sie stand auf und ging zu ihm.

 

„Danke dafür, dass Du es Ron leicht gemacht hast," sagte sie leise, seine letzten Worte übergehend. „Ich weiß, er ist manchmal ein Idiot, aber ich möchte nicht, dass er verletzt wird."

 

„Das dachte ich mir," bestätigte er. Es entstand eine kleine Pause, dann wiederholte er, „Ich sollte jetzt wirklich gehen."

 

Sie wollte nicht, dass er ging, aber bleiben konnte er auch nicht, nicht wenn sie vermeiden wollten, dass die Neuigkeiten das da was zwischen ihnen läuft in der Schule und außerhalb verbreitet werden würde. Sie nickte widerstrebend.

 

„Danke, Severus," sagte sie, und meinte diesmal sehr viel mehr als nur Ron. Sie trat vorwärts und berührte mit ihren Lippen seine, leicht, ohne die Absicht irgendetwas in Gang zu setzen, einfach nur, um etwas zwischen ihnen zu bestätigen.

 

Snape nickte einmal und dann war er fort.

 

__

 

 

Wieder einmal war eine überwältigende Veränderung in Hermines Leben von dem Rest der Welt mit völliger Ignoranz bedacht worden.

 

Völlig uninteressiert an den Belastungen und Dramen ihres persönlichen Lebens, erschienen die Schüler in den Kerkern um die Kunst und die Wissenschaft der Zaubertränke zu lernen, überhaupt nicht aufzupassen und sich schlecht zu benehmen. Mitarbeiterbesprechungen fanden statt und Quidditch Spiele wurden ausgetragen. Ein Leben besteht nicht nur aus einer Mischung aus Adrenalin, Hormonen und tiefschürfenden Betrachtungen; letztendlich wird man immer vom Alltag eingeholt. Sogar der Druck, den die erste Unterrichtsstunde mit Snape verursachte, wurde dadurch gemildert, dass Neville Longbottom nicht aus den Augen gelassen werden durfte, um größere Katastrophen zu verhindern. Für Hermine war diese Stunde ein hin und her zwischen Marter und Farce weil sie, in ihrem Bestreben ihm gegenüber nur ja keine Freundlichkeit zu zeigen, ihn mit derart bösartigen Beleidigungen überzogen hatte, dass Ron sich schützend dichter an ihn heranschob, wie sie bemerkte.

 

Snape seinerseits äußerte sich nicht dazu, außer dass er nebenbei ziemlich trocken feststellte, dass es als Maßnahme Mr Weasley zu entmutigen seine Wirkung wohl verfehlt hätte.

 

Sie könnte natürlich sagen, dass sie Zeit brauchte, um über alles nachzudenken, aber Hermine gestand sich ein, dass es wahrscheinlich genauso gut war, sich von Zeit zu Zeit auf andere Dinge zu konzentrieren. Anderenfalls hätte es damit geendet, dass sie sich in ihre Zimmer verkrochen und die verschiedenen Szenarien im Kopf durchgespielt hätte, mehr oder weniger plausibel und ersehnt, was sie einfach in die Unendlichkeit davon getragen hätte. Aber wie die Dinge nun einmal lagen gab ihr die Notwendigkeit, die Schüler daran zu hindern sich selbst oder andere zu verletzen, die nötige Bodenhaftung.

 

Natürlich mussten Snape und sie weiterhin eng zusammen arbeiten. Auch wenn sie sich dazu entschlossen hätten das „Projekt" auszusetzen, so gab es doch immer noch die täglich anfallende Arbeit zu berücksichtigen; lehren, Hausarbeit, NEWTs - aus beider Sicht. Notwendigkeit schob persönliche Gefühle beiseite, so wie es schon seit Ende September der Fall gewesen war.

 

Die Geschehnisse vom Valentin's Tag hatten sich nicht wiederholt. Es war keine bewusste Entscheidung von einem von ihnen, soweit sie wusste. Jedenfalls hatte es keine offene Unterhaltung darüber gegeben, kein sich zusammensetzen und einen Plan ausarbeiten wie man damit umgehen sollte. Irgendwie wäre es nicht richtig gewesen. Das hieß nicht, dass sie sich seiner Gegenwart nicht bewusst gewesen wäre beim Arbeiten oder Lernen oder Zensieren oder Reden oder einfach beim zusammen sitzen. Und sie berührten sich weiterhin, häufiger, absichtlich, zärtlich manchmal ein Berühren ihrer Lippen; aber nicht mehr.

 

Hermine sah von ihren Arithmantik-Hausaufgaben auf, auf die sie bereits seit 15 Minuten mit leerem Blick starrte. Es machte keinen Sinn es zu leugnen; ihre Konzentration war schlichtweg verschwunden seit Professor Sprout während des Hauslehrertreffens fröhlich verkündet hatte, dass die Alraunen fast reif wären - sie hatte letzte Nacht eine ausgesprochen wilde Party in Gewächshaus Drei beenden müssen und einige verbotene pflanzliche Substanzen konfisziert. Dumbledore zwinkerte ihr zu; sie wusste, er würde keine Reaktion von ihr erwarten - Snape hätte höchstens finster vor sich hin geblickt - aber die erwartete Erleichterung stellte sich seltsamerweise nicht ein. Als die Sitzung aufgehoben wurde, machte der Schulleiter noch einige Bemerkungen über Alraunen und die Vorboten des Frühlings und Wiedergeburt und Erneuerung von denen sie argwöhnte, dass sie auf sie gemünzt waren. Sie hatte versucht, die passenden Antworten zu geben, aber alles was sie fühlte war ein schmerzhaftes Gefühl von Verlust.

 

Es war nicht so, dass sie das Verlangen hatte Snape zu bleiben; sie machte sich keinerlei Illusionen über ihre Eignung zum Zaubertränkemeister auf lange Sicht. Es brauchte nur eine weitere Versammlung bei Voldemort zu geben, oder ein unvorsichtiges Wort und sie würden beide enttarnt werden. Nein, es war für alle am sichersten, wenn sie ihre eigene Identität so schnell wie möglich zurück erhielten. Es ging aber nicht einfach nur um zwei Körper, da war mehr zwischen ihnen; es war der Verlust von etwas einmaligem, etwas, das nur vorkommen konnte, wenn die Voraussetzungen genau richtig waren. Und je mehr die verschiedenen Möglichkeiten durch ihren Kopf jagten, um so mehr kam sie zu dem Schluss, dass diese Voraussetzungen nicht mehr genau richtig sein würden, wenn sie wieder in ihre eigenen Körper zurückkehrten.

 

Es wurde durch so vieles beeinflusst, so viele Risiken, so viel Verwundbarkeit. Innerhalb Hogwarts waren sie isoliert gewesen, gefangen in einer Situation, über die nur sie beide Bescheid wussten; konnte, was immer es war was sie aneinander hatten, die Rückkehr in ihr gewöhnliches Leben überstehen? Hermine rieb ihre Schläfen um die Anspannung zu lindern. Sie schaute sich um - ihre Zimmer, bald wieder seine Zimmer. Sie nahm die Wärme in sich auf, das Durcheinander, das Licht, das Gefühl der Geborgenheit und Behaglichkeit, das sie hier gefunden hatte. Ja, sie wollte ihr Sachen wiedersehen, ihre eigenen Kleider tragen, mit Krummbein schmusen und Nachts aufwachen und ihn spüren, wie er genau in der Mitte ihres Rückens schlief und ihr zufrieden den Atem abdrückte. Aber sie würde dies hier vermissen; nicht einfach den Platz und die Bibliothek und den verhältnismäßigen Luxus der Lehrerwohnung, sondern das Gefühl, von ihm umgeben zu sein.

 

Sie konnte - wollte nicht leugnen, wie tief ihre Gefühle waren; die Leidenschaft, die Verbindung, der Hunger, die Liebe die sie fühlte, für diesen vielschichtigen und schwierigen Mann Snape.

 

All you need is love, dachte sie ironisch, sich an ein Lieblingslied ihrer Eltern erinnernd. Sie schloss ihre Augen und konnte fast die Schallplatte in ihren Händen spüren; Rillen, die in einen 17 cm-Pfannkuchen aus schwarzem Venyl geritzt waren, den sie aus dem Plattenschrank gestohlen hatte und wieder und wieder abgespielt hatte auf der Stereo-Anlage in ihrem Schlafzimmer.

 

Alles was du brauchst ist Liebe. Wenn das doch bloß wahr wäre.

 

__

 

Trotz Hermines Entschlossenheit die letzten Momente dieses bizarren Experiments zu genießen, vergingen die letzten Tagen mit ungebührlicher Hast. Die Osterferien kamen heran und mit ihnen eine plötzliche Steigerung des Arbeitspensums, das dazu diente alle wesentlichen Teile des Lehrplanes abzudecken und außerdem wurden genug Hausaufgaben über die Ferien aufgegeben, um selbst die fleissigsten Schüler zu beschäftigen. Hermine war mittlerweile daran gewöhnt, mit der einen Hand Aufgaben zu verteilen und mit der anderen welche in Empfang zu nehmen. Aber auch ihr fiel die steigende Menge an Aufsätzen auf, sowohl ausgehend als auch eingehend.

 

Am gleichen Abend, an dem Professor Sprout von den Alraunen erzählt hatte, kam Snape in die Kerker - spät, da sie bei der Mitarbeiterbesprechung gewesen war - und schmiss einen Stapel Pergamente auf einen der Schreibtische. Sie dachte, es sei ihre Hausarbeit und griff danach - und wurde liebevoll aber mit Nachdruck von Snape daran gehindert.

 

„Prüfungs-Entwürfe," erklärte er kurz und hob dann eine Augenbraue, als er ihren irritierten Blick auffing. „Dachtest Du, die Prüfungen schreiben sich selbst? Ich muss die Papiere vorbereiten und die Bewertungs-Skala." Er beugte sich zu seiner Büchertasche und wühlte darin herum. „Hier," er packte einen weiteren Stapel Pergamente auf den anderen Schreibtisch, „das ist Deins."

 

Er nahm die Neuigkeit über die bevorstehende Heilung ohne sichtbare Reaktion auf und Hermine fragte sich, ob seine Gefühle ebenso zwiespältig waren wie ihre. Er grunzte nur eine Bestätigung und ging dann hinüber in den Arbeitsbereich um die laufenden Experimente zu kontrollieren. Eigentlich machte es nicht viel Sinn, diese Versuche fortzuführen, aber sie wollte immer noch genau wissen, was in dem Trank enthalten gewesen war und sie kannte Snape gut genug um zu wetten, dass es ihm genauso ging. Ein Rühren hier, ein Regeln der Flamme dort und dann kam er leise zurück um die Zaubertränke-Prüfung für den zweiten Jahrgang vorzubereiten. Man hätte ihn für distanziert halten können, bis der Zeitpunkt kam, an dem er gehen musste. Dann, als sie ihm einen Gute-Nacht-Kuss gab, hob er seine Hand, griff in ihre Haare und zog sie zu sich heran, küsste sie mit einem heftigen Verlangen das sie nach Luft schnappen ließ.

 

Und dann, eines Abends, als keiner von beiden es erwartete, klopfte es an der Kerkertür. Hermine sah von ihren Umwandlungs-Notizen auf und wollte gerade zu einer kurzen Antwort ansetzen, als sich die Tür öffnete und Professor Sprout ihren Kopf ins Zimmer steckte.

 

„Ah, da bist Du ja, Severus," zirpte sie, als ob er jemals irgendwo anders wäre als hier, arbeitend. Die stämmige kleine Hexe kam ins Zimmer. Hermine sah, dass sie einen kleinen groben Leinensack trug. „Oh ... und Miss Granger auch." Die Hexe sah etwas verwirrt aus. „Ich wusste nicht, dass Sie auch hier unten arbeiten."

 

„Miss Granger arbeitet an einem Projekt außerhalb des Lehrplanes," unterbrach Hermine und hoffte, damit weitere unerwünschte Fragen zu umgehen.

 

Professor Sprout blinzelte und wandte sich wieder Hermine zu.

 

„Ja, gut," sagte sie etwas missbilligend, „die Alraunen sind fertig und Albus sagte, dass sie dringend für etwas gebraucht werden, da habe ich Dir einige hinunter gebracht."

 

Hermine bemerkte, dass Snape, obwohl er nicht einmal aufgeschaut hatte von dem was er gerade machte, sehr still geworden war.

 

„Vielen Dank, Irmgard," sagte sie kurz und nahm ihr den Sack ab. So sehr sie Professor Sprout unter normalen Umständen mochte, jetzt wollte sie sie los sein.

 

Professor Sprout jedoch wartete und hoffte, man würde ihr genau erklären, für was die Alraunen benötigt wurden. Aber Hermine hatte aus ihrer Zeit als Snape gelernt; sie schwieg Sprout einfach an. Endlich schien die Hauslehrerin von Hufflepuff zu begreifen, denn sie machte ein Geräusch tief in ihrer Kehle und fegte aus dem Zimmer, ganz verletzte Würde.

 

Hermine sah ihrem Abgang zu, den Sack mit den Alraunen noch in der Hand. Sie blickte noch auf die Tür als diese schon lange wieder geschlossen war und von Professor Sprout nichts mehr zu hören war. Das Schweigen wurde durch Snape gebrochen.

 

„Ich muss mir diesen Schweige-Trick mit Irmgard merken. Gewöhnlich bin ich gezwungen ihr Haus zu beleidigen und sie des Herrichtens von Blumengestecken zu bezichtigen bevor sie geht."

 

Ohne ein Wort drehte sich Hermine zu Snape um, reichte ihm den Sack. Er nahm ihn entgegen.

 

„Es braucht vergleichsweise wenig Zeit, den Alraunen-Saft herzustellen," sagte er distanziert und sah sie dann an. „Wenn wir gleich anfangen, wird er diese Nacht noch fertig sein. Außer Du möchtest aus irgendeinem Grund warten?"

 

Nach all dieser Zeit, die sie mit dem Erforschen eines Gegenmittels für ihre vertauschten Körper verbracht hatten - jetzt wo sie es in Händen hatten, fühlte Hermine ein eigenartiges Widerstreben die Worte auszusprechen, die Worte die das Ende dieser Episode bedeuteten und sie zurück in ihre „normalen" Leben beförderten.

 

„Es wird nicht leichter, wenn wir es aufschieben," sagte sie endlich. „Wir können es genau so gut jetzt tun."

 

Er nickte einmal, akzeptierte ihre Entscheidung.

 

„Gut," sagte er einfach. „Hol' mir den silbernen Kessel Größe 4."

 

Gehorsam ging Hermine hinüber zu den aufgehängten Kesseln; nicht die, die von der Klasse benutzt wurden, sondern Snape's eigener Bestand. Auch etwas, das morgen wieder unter seiner Aufsicht war. Sie wählte den aus, den er wollte, den den sie immer benutzt hatte, wenn sie einen Kessel dieser Art brauchte. Sie brachte ihn zu ihm hinüber und stellte fest, dass er bereits die Alraunen-Wurzeln vorbereitete. Ausgewachsen und abgeschnitten waren sie doch immer noch hässliche kleine Menschen, aber ohne ihr Gegröle und so unbeweglich sahen sie schon etwas mehr pflanzlich aus. Nachdem Snape sie gesäubert hatte stellte er einen hohen Ständer mit Klammern auf den Tisch. Er befestigte die Wurzeln an den Klammern.

 

„Stelle den Kessel darunter," wies er sie an.

 

Das tat sie. Er richtete das Gestell noch etwas aus dann wählte er ein Messer mit beinernem Griff und einer silbernen Klinge. Energisch und tief stieß er das Messer in die Wurzel und schlitzte sie entlang einer der vielen Einkerbungen auf. Hermine wich etwas zurück, fast erwartete sie Blut. Was heraus kam war dick und grün und fing an in den Kessel zu tropfen.

 

„Alraunen-Wurzel ist eine Pflanze," sagte Snape ruhig. „Der sogenannte Saft ist ein Sekret, das überwiegend aus Wasser besteht und sich in der Knolle befindet. Die Flüssigkeit wird aus der Wurzel herausgepresst und gesammelt und benutzt. Es ist ein ganz gewöhnlicher Vorgang." Er hielt ihr das Messer hin. Ich nehme an, Du hast mir zugesehen. Bereite die andere Wurzel vor."

 

Sie wusste, das es irrational war und nahm das Messer ziemlich zögernd entgegen. Sie griff nach der zweiten Wurzel, genauso wie sie es bei Snape gesehen hatte, suchte sich eine Stelle, an der sie den Schnitt machen wollte und stieß das Messer entlang dieser Linie hinein. Die Wurzel leistete mehr Widerstand als sie erwartet hatte; die Festigkeit war so ähnlich wie Ingwer. Dieser Vergleich brachte sie wieder in die Gegenwart zurück und sie drückte mit mehr Kraft. Das hölzerne Material teilte sich und noch mehr grüne Flüssigkeit fing an in den Kessel zu tropfen. Schweigend beobachtete sie wie sich ihre Befreiung in dem glänzenden, silbernen Behälter sammelte und ihn langsam füllte.

 

Als die Wurzeln völlig ausgetropft waren, nahm Snape den Kessel und hängte ihn über ein Feuer.

 

„Es muss zum Kochen gebracht werden, dann füge eine Handvoll gehackter Schafgarbe hinzu und einen gestrichenen Teelöffel gemahlenen Meerfenchel. Lass es 30 Minuten köcheln bis die Mischung ein tiefes Purpurrot angenommen hat."

 

Das bedeutete, dass ihr noch 35 Minuten in ihrer Existenz als Snape blieben.

 

Sie beobachteten zusammen wie der grüne Saft anfing zu brodeln und wie Snape die anderen Zutaten hinzufügte. Die Oberfläche beruhigte sich kurz, etwas Schaum sammelte sich am Rand, dann begann es, sich zu bewegen und sich selbst zu wenden als die Hitze stieg. Ein gemurmeltes Wort von Snape und die Flamme unter dem Kessel wurde kleiner. Die Flüssigkeit innen beruhigte sich und ging über in eine rhythmische Bewegung der Umwälzung, hypnotisch und merkwürdig beruhigend. In dem gedämpften Licht des Kerkers wandelte sich das grün in türkis, in lila, dann in rot und schließlich in purpur. Sie bemerkte kaum, daß Snape etwas neben ihr murmelte und auch nicht die plötzliche Aufhebung der Hitze, die bedeutete, dass der Trank fertig war.

 

„Wenn es abgekühlt ist, können wir es trinken."

 

Seine Stimme klang unbeteiligt und fremd. Sie sah ihn an, sein Gesicht war ausdruckslos. Sie kannte ihn jedoch inzwischen gut genug um zu wissen, dass er etwas verbarg.

 

„Severus?" sagte sie unsicher.

 

Er antwortete nicht. Was sagt man zu jemanden in so einer Situation? Vielleicht sagte man besser gar nichts. Schweigend warteten sie, dass der Dampf nachließ und das Metall des Kessels soweit abgekühlt war, dass man es bequem anfassen konnte. Ohne jede weitere Bewegung, hob Snape seinen Zauberstab und murmelte, „Accio Becher." Zwei Becher erhoben sich von dem Regal am Ende des Raumes, flogen durch die Luft und landeten auf der Bank vor ihr. Vorsichtig hob Snape den noch warmen Kessel zurück auf den Arbeitstisch und schöpfte die dunkle rote Flüssigkeit; zu dick für Preiselbeersaft, zu hell für Blut.

 

Snape nahm beide Becher und gab einen Hermine. Sie nahm ihn, merkwürdig nervös.

 

„Du bist sicher, dass das klappt, oder?"

 

In seinem starren Blick schien keine Überzeugung zu liegen.

 

„Ich bin hier der Potionmaster ," erinnerte er sie eine Spur ironisch.

 

Aus einem Impuls heraus, wechselte sie den Becher in die andere Hand und verschlang ihre Finger mit seinen; zur Sicherheit, obwohl sie nicht sagen konnte ob sie gab oder suchte. Er ließ den Kontakt zu, erwiderte ihren Griff.

 

Zusammen hoben sie ihre Tassen und tranken.






Teil 38 - Bitte schnallen Sie sich an, mit Turbulenzen ist zu rechnen

Teil 38 - Bitte schnallen Sie sich an, mit Turbulenzen ist zu rechnen

 

Alraunen Saft war noch nie etwas gewesen, was man als gut schmeckend bezeichnen konnte; vielleicht hatte sein Geschmack mit seiner Wirkung zu tun - Snape hatte jedenfalls keine schmackhaftere Variante entwickeln können. Keine mit gleicher Wirkung.

 

Der bittere Geschmack brannte in seiner Kehle, bedeckte seine Zunge als er ein Würgen unterdrückte. Erinnerungen verschwammen und entzogen sich ihm, in den wenigen Momenten die es brauchte, bis die Flüssigkeit ihre Wirkung entfaltete; das Wiedererlernen von Verwandlung, Wachs auf seinen Beinen, Cosmopolitan Zeitschriften, Monate der Verstellung und Monate in denen sich die wichtigste Beziehung seines Lebens entwickelte. Und ihre Berührung - Hermines Berührung, egal in welcher Haut sie steckte.

 

Es war vorbei. Dieses merkwürdige Dehnen und Winden, Empfindungen aus den späten Septembertagen, an die er sich kaum noch erinnerte, war vorüber. Er konnte die Welt wieder aus seiner gewohnten Höhe sehen und, vor ihm, stand Hermine. Sie sah irgendwie sehr durcheinander aus, ihre Augen hatten einen fernen Blick. Dann sah sie zu ihm auf und er sah sie - wirklich sie - in ihren Augen, sah wieder Hermine, unabhängig von dem Körper in dem sie steckte.

 

„Ähmm..." sie schien keine Worte zu finden; er wusste schon überhaupt nicht, was er sagen sollte. Was sagte man in solch einem Moment? Umständlich stellte er das Offensichtliche fest und hoffte, dass damit wenigstens ein Anfang gemacht wäre, der ihnen helfen könnte, ihre Verwirrung zu überwinden.

 

„Es scheint gewirkt zu haben."

 

Hermine hob eine Augenbraue und warf ihm einen leicht erheiterten Blick zu. Wenn er noch erröten könnte, dachte er, dann wäre jetzt der Moment. Es war wirklich eine entsetzlich oberflächliche Bemerkung.

 

„Entschuldige, bitte," sagte er in seiner gedehnten Sprechweise und freute sich daran, dass er wieder so sprechen konnte, mit dieser gewissen Art der Betonung und dem Hineinlegen von Andeutungen. „Bitte gestehe mir einige Momente der geistigen Leere zu. Dies ist nicht gerade etwas, was jeden Tag passiert, Hermine."

 

Er hatte, für den Bruchteil einer Sekunde, überlegt, ob er sie ‚Miss Granger' nennen sollte, aber am Ende konnte er es nicht über sich bringen, ihre Verbindung so unweigerlich zu beenden. Als sie ihren Namen hörte, atmete Hermine tief ein, so, als ob sie erleichtert wäre; wahrscheinlich hat sie die formelle Anrede erwartet, die sofortige Annullierung von allem was in den vorangegangenen sechs Monaten geschehen war, dachte er.

 

„Nein," antwortete sie endlich. „Es sei Dir verziehen, Severus. Dieses Mal." Er versuchte, das Lächeln, dass in seinen Mundwinkeln zuckte, zu unterdrücken, und gab es auf. Es war so lange her das er gelächelt hatte - mit seinem Mund - und er war sehr sicher, dass es niemanden sonst gab, für den er lächeln würde. Die Freiheit des Ausdrucks, auf die eine oder andere Art, war einer der unerwarteten Freuden seiner Existenz als Hermine gewesen. Wenn - vielleicht - wenn er eine Möglichkeit fände, sich das zu erhalten, nur bei eben dieser einen Person ... wahrscheinlich ein törichter Traum, und viel zu riskant.

 

Hermine lächelte ihn ebenfalls an. Sein eigenes Lächeln wurde gequält, als praktische Erwägungen letztendlich die Oberhand gewannen.

 

„Wir sollten zum Schulleiter gehen," sagte er; sie nickte zustimmend und er drehte sich auf der Hacke um und ging zur Tür. Er spürte den Schwung seiner Robe bei dieser abrupten Drehung und lächelte wieder, diesmal innerlich, über die Freude die das in ihm auslöste. Auf halbem Wege blieb er plötzlich stehen, erinnerte sich und bedeutete Hermine voraus zu gehen. „Entschuldige, Hermine," sagte er, „ich vergaß meine Manieren."

 

„Es wird eine Weile dauern, bis wir uns wieder daran gewöhnt haben uns richtig zu benehmen," erwiderte Hermine. „Du hast Glück, dass ich nicht einfach in Dich hinein-gerannt bin - ich habe mich daran gewöhnt voran zu gehen in Gegenwart von Schülern."

 

Der Gang durch die Korridore war weitestgehend ohne besondere Vorkommnisse; Snape versuchte, unterwegs nicht zu offensichtlich um sich zu blicken, als er das Schloss aus seiner größeren Höhe und Perspektive neu entdeckte. Schüler beeilten sich wieder ihm aus dem Weg zu gehen und warfen der Schulsprecherin, die an seiner Seite ging, mitfühlende Blicke zu. Er hätte gerne gewusst, was Hermine jetzt dachte. Vor einer Stunde hatten sie ihm diese Blicke zugeworfen. Sie erreichten das Büro des Schulleiters, bevor er Gelegenheit hatte, sie danach zu fragen.

 

Dumbledore war dort und erwartete sie offensichtlich. „Hermine, Severus. Wie schön euch beide wieder zu sehen - und diesmal richtig herum!! Ausgezeichnet, ausgezeichnet. Ich möchte euch beide beglückwünschen; die letzten Monaten waren für keinen von euch leicht und eure schauspielerischen Talente sind bemerkenswert - genau wie eure Geduld. Zitronenbonbon?"

 

Snape schüttelte den Kopf und bemerkte, dass Hermine neben ihm das gleiche tat.

 

„Ah, gut. Sehr gut. Braucht ihr meine Hilfe? Nein?" Dumbledore schien fast etwas enttäuscht, als sie beide wieder den Kopf schüttelten. „Also gut, Kinder, alles was jetzt noch zu tun ist, ist euer altes Leben wieder aufzunehmen - aber bitte," seine Stimme wurde weicher für einen Moment," vergesst nicht und ignoriert nicht die Möglichkeiten. Nicht alles ist unmöglich - obwohl Vorsicht immer weise ist." Er nickte ihnen zu. „Gute Nacht."

 

Snape blinzelte bei dieser Verabschiedung; weder er noch Hermine hatten Gelegenheit gehabt sich zu der Segnung des Schulleiters zu äußern und fanden sich innerhalb weniger Augenblicke die Spiraltreppe hinab komplimentiert.

 

Am Fuß der Stufen blieben sie einen Moment stehen, geschützt vor den Blicken Vorübergehender und sahen sich verblüfft an.

 

Schließlich richtete Hermine ihren Blick zu Boden und sah dann wieder auf. „Ich nehme an und ich sollte gehen und meine Räume wieder in Besitz nehmen und meine Katze. Brauchst Du ... brauchst Du noch etwas von dort?" fragte sie.

 

Snape schüttelte den Kopf. „Ich habe alles im Labor aufbewahrt; ich glaube nicht, das oben noch etwas ist, was nicht Dir gehört. Solltest Du noch etwas finden, bringe es doch morgen abend mit wenn Du - wenn Du kommst, um an Deinem Zusatz-Projekt zu arbeiten." Fast wäre er zusammengezuckt als seine Worten ins Stocken gerieten, er hoffte, dass seine verzweifelte Sehnsucht nach ihr, die er versuchte nicht zu fühlen, nicht herauszuhören war.

 

Hermine zwinkerte, ihre Augen strahlten eigenartigerweise für einen Moment, sie nickte und schlang plötzlich eine Hand um seinen Hals. Bevor er reagieren konnte, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn; Gefühle stürmten auf ihn ein, sie zu schmecken und zu berühren elektrisierte ihn.

 

So war es richtig - der richtige Geschmack, die richtige Berührung und die richtige Person. Der kämpfte gegen den Wunsch an, den Kuss zu intensivieren - der Korridor vor dem Büro des Schulleiters war nicht sehr geeignet - aber konnte nicht anders, als ihn zu erwidern. Seine Hand griff in ihre Haare, seidig in seinen Fingern. Ein eigenwilliger Teil seines Bewusstseins vermerkte, dass der Conditioner, den er entwickelt hatte, sehr gut wirkte. Er zog sie näher zu sich, genoss es, zu spüren wie sie sich an ihn schmiegte. Ihr Mund war kühl und unendlich süß unter seinem; alles war wunderbar, sogar die simple Tatsache größer zu sein, sich über sie zu beugen - hinein in den Kuss.

 

Augenblicke später trennten sie sich, etwas schwer atmend. Snape zwang sich, auf Wiedersehen zu sagen, aber er schaffte es nur zwei andere Worte zu sagen.

 

„Bis Morgen."

 

Hermine nickte, ihre Augen strahlten wieder, und ging mit schnellen Schritten den Korridor hinunter. Snape sah ihr nach, plötzlich sehr müde, und verpasste fast den Moment, in dem sie anfing zu laufen. Vor sechs Monaten hätte er angenommen, dass sie es eilig hatte von ihm weg zu kommen, zurück in den Gryffindor-Turm und in die Sicherheit von Potter und Weasley. Jetzt ... jetzt war er sicher, dass sie die Sicherheit ihrer Zimmer suchte um allein zu sein, bevor irgendjemand ihre Tränen sah.

 

Er sollte das gleiche tun. Er würde das gleiche tun, wenn das nicht Fragen aufwerfen würde, die er nicht beantworten konnte. Hermine konnte es sich leisten so durch die Flure zu flitzen - auch wenn sie die Schulsprecherin war, wäre es nicht auffällig. Professor Snape jedoch konnte sich so etwas nicht leisten, also schritt er langsam zurück, warf jedem Schüler finstere Blicke zu, der dumm genug war ihm im Weg zu sein und zog unweigerlich Hauspunkte ab - sogar von einem Slytherin Schüler der so töricht war, ihn mit einer belanglosen Frage zu belästigen.

 

Er erreichte seine Räume; das Passwort öffnete ihm die Tür und ließ ihn eintreten. Er marschierte durch den Raum, ließ sich in einen Sessel fallen und starrte gegen die Wand vor ihm. Die Bücher im Regal waren akkurat nach Titeln sortiert und er erinnerte sich plötzlich daran, wie Hermine sie angestarrt hatte, das erste mal als sie die Zimmer sah, ihre Verwunderung und Fröhlichkeit nur schlecht verborgen.

 

Er hob seinen Kopf und sah sich um; es war sein Bereich und doch ... Hermine hatte diesen Räumen ihren unauslöschlichen Stempel aufgedrückt. Die Pergamentrollen auf dem Schreibtisch - ihre Notizen, kein Zweifel, die sie über das Projekt gemacht hatte. Er würde dafür sorgen, dass sie Zugriff darauf hätte. Der Becher mit kaltem Kaffee auf dem Fußboden neben dem Sessel; ihrer, zweifellos vom Frühstück. Die Bücher die sich neben dem Becher stapelten - er durfte nicht vergessen, ihr anzubieten sie mitzunehmen, damit sie sie weiter lesen konnte.

 

Sein Raum - ihr Raum - ihr gemeinsamer Raum. Es würde einige Zeit dauern bis er sich wieder eingewöhnt hatte, sich erinnerte ... und plötzlich fiel ihm etwas ein und er zog seinen linken Ärmel hoch. Das Zeichen war kaum zu erkennen aber er konnte es fühlen, es erinnerte ihn an Dinge, an die er sich nicht erinnern wollte. Es machte ihm sehr deutlich bewusst, wer und was er war. Was er immer gewesen war, auch während der kurzen Monaten in denen er Hermines Körper besessen hatte.

 

Er sackte in seinem Sessel zusammen.

 

Schließlich, versunken in seine Gedanken, müde und verstört ging er zu Bett. Es war spät - oder vermutlich eher früh, sicherlich war es weit nach Mitternacht - und er sollte versuchen zu schlafen. Er fragte sich für einen Moment, ob er überhaupt würde schlafen können; aber Gewohnheiten setzen sich im Bewusstsein fest, nicht im Körper - er wollte gerne zu Bett gehen, genauso wie er es jede Nacht seit September gemacht hatte. Wenn er schon fast nichts daraus mitnehmen konnte, dann doch wenigstens einen regelmäßigen Schlaf.

 

Er schlug die Decke auf und stutzte, dann lachte er. Und lachte, ein dunkler, rauer Ton vermischt mit Schluchzern. Auf dem Laken lag, ordentlich zusammengefaltet, eine Boxershorts; eine kraftvolle Erinnerung daran, dass Hermine letzte Nacht noch in diesem Bett geschlafen hatte. Er beruhigte sich etwas und das Lachen und die Tränen versiegten, aber eine traurige Heiterkeit blieb. Ganz offensichtlich gab es sehr intime Dinge, die nicht mehr zu tolerieren waren.

 

Er war müde. So verdammt müde. Erinnerung und Besinnung gerieten durcheinander, als er sich zwang, nur die Erinnerungen zuzulassen, die ihm helfen sollten sich selbst wieder zu finden - aber nicht nur. Irgendwann während dieser Zeit seit September hatte er in sich selbst vielleicht etwas von dem Mann entdeckt, der er hätte sein können. Was für eine Ironie, das ausgerechnet in dem Leben und Körper eines achtzehn Jahre alten Mädchens zu entdecken. Morgen war noch genug Zeit darüber nachzudenken und sein Leben wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

 

Er griff die Shorts mit einer Hand und hätte sie fast beiseite geworfen, aber dann, aus einem Impuls heraus, den er nicht erklären konnte, legte er sie zurück auf das Bett. Er zog sich aus, der schwarze Anzug und seinen Umhang, das Hemd und die Unterwäsche und schlüpfte dann in die Boxershorts.

 

Er lag auf dem Bett und starrte an die Decke. Das Licht der Kerze neben dem Bett spielte über den unebenen Putz mit dem die Wände der Schule bedeckt war. Es fühlte sich ... merkwürdig an, in diesem Bett zu liegen, alleine, in seinem eigenen Körper. Die Boxershorts fühlten sich ganz besonders merkwürdig an, der Stoff war etwas rau. Fast wie ein Streicheln.

 

Den Bildern folgten Worte und beiden könnten Taten folgen. Snape griff nach unten um die Shorts auszuziehen und stoppte dann, als er an den Hosenbund kam. Er konnte einfach nicht. Hermine hatte sie getragen; sie hatte Shorts in seinem Bett getragen.

 

Gedanken frei jeder Logik schwirrten in seinem Kopf herum bis ihm schwindelig wurde, schließlich öffnete er einfach nur den Knopf. Die Kunst des Kompromisses. Erinnerung, Andenken und Wohlgefühl.

 

Während er noch darüber nachdachte wie lange er wohl wach liegen würde, schlief er einfach ein.

 

Snape wachte beim ersten Morgengrauen auf, die Sonne tauchte sein Zimmer in ein schwaches, rosiges Sonnenlicht das von dem Schnee reflektiert wurde der noch auf den Bergen lag, die den Horizont begrenzten.

 

Einige Dinge änderten sich nie; ins Badezimmer zu gehen und sich zu erleichtern, war eines davon. Doch sogar das war anders geworden - selbst diese banale Tätigkeit rief Erinnerungen wach, und er stellte sich vor wie es war, als er Hermine dort berührte, streichelte. Die Anspannung - das heftige, fast unerträgliche Gefühl eines Fingernagels, der über die Öffnung strich. Seine Finger bildeten einen Ring, rieben ... und er kam heftig, Hermines Namen in die kalte Luft des Morgengrauens ausstoßend.

 

 

 

 

Teil 39 - Die wahre Hermine Granger möge bitte vortreten

 

Hermine konnte gerade noch verhindern, dass ihr rascher Lauf in eine kopflose Flucht ausartete. Das zumindest versuchte sie sich selbst einzureden. Man hätte vermuten können, dass die Schulsprecherin einfach ein wichtiges Treffen vergessen hatte oder dass einem Aufsatz vor morgen früh noch dringend einige Zentimeter hinzugefügt werden mussten. Kaum jemand würde annehmen, dass sich ihr Leben gerade von innen nach außen gekehrt hatte - buchstäblich - mal wieder. Sie beeilte sich, einer inneren Litanei folgend; ich schaffe es zurück in meine Zimmer; niemand wird mich weinen sehen.

 

Er wird mich nicht weinen sehen.

 

Das Schloss schien auf ihrer Seite zu sein; die Treppen machten keine Schwierigkeiten und es gelang ihr ihre Zimmer zu erreichen, ohne jemandem zu begegnen, der einen Grund hatte, sie anzusprechen, obwohl ihr schon einige neugierige Blicke folgten. Sie hob die Zauber auf und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Schwer atmend lehnte sie dagegen; die Augen geschlossen, erlaubte sie sich einen Moment lang ein Gefühl der Geborgenheit, vermittelt durch die angenehme Festigkeit. Und erst danach erlaubte sie sich darüber nachzudenken, was sie auf dem Korridor vor dem Büro des Schulleiters getan hatte.

 

Sie hatte Professor Snape geküsst.

(Anm. der Übersetzerin: Ja verdammt, sie war bereits mit ihm im Bett!!!!! Verstehe einer diese Frau ..)

 

Dieses Mal gab es keinen Zweifel an der jeweiligen Identität; keine Zweideutigkeit darüber, wen genau sie geküsst hatte. Hier war sie, Geist und Körper und sie hatte ihn geküsst; auch Geist und Körper.

 

Sie hatte Professor Snape geküsst.

 

Und es war so süß und richtig gewesen und sie hatte sich gewünscht, dieser Moment möge nie zuende gehen. Sie hatte etwas teilen wollen; wollte die Erinnerungen, Gefühle, Leidenschaft bestätigt wissen. Sie hatte ihn berühren und sich seiner versichern wollen und ihm danken. Sie hatte ihn schmecken wollen; wollte ihn von außen fühlen, wollte sich zu ihm aufrichten. So viele Dinge hatte sie gewollt.

 

Sie hatte Professor Snape geküsst.

 

Nein, dachte sie, sie hatte Severus geküsst. Den Mann, nicht den Lehrer.

 

Es hatte sich angefühlt wie Fliegen.

 

Aber auch wie ein Abschied.

 

Und jetzt war sie wieder in ihren Räumen - ihrem Leben. Sie öffnete ihre Augen. Wenn es jemals einen Augenblick gab in dem ein Weinkrampf angebracht gewesen wäre - hier war er; ihre Kehle war eng und tat ihr weh, aber, merkwürdigerweise, wollten keine Tränen kommen. Sie sah sich um, stellte sich Snape vor, wie er umherging und ihre Sachen benutzte. Sie stieß sich von der Tür ab, ignorierte das Gefühl, dass die Tür das einzige war, was sie aufrecht hielt und ging langsam einige Schritte in das Zimmer hinein, entdeckte ihre eigene Umgebung neu. Langsam ging sie zum Schreibtisch, betrachtete die ordentlich gestapelten Rollen und Bücher. Ihr farbiger Kalender war nicht verrückt worden und sie stellte fest, dass er ihr eigenartiges Ablagesystem beibehalten hatte. Nach all diesen Monaten sollte es sie nicht wundern, dass er die Art, wie sie ihre Gedanken sortierte, verstand, aber dieser offenkundige Gleichklang ihres Verständnisses erzeugte ein schmerzhaftes Gefühl des Verlustes. Ein glanzloser Fleck auf dem Schreibtisch zeigte die Stelle an, auf der die Arme zahlloser Schulsprecherinnen während ihrer Arbeit gelegen hatten. Sie berührte sie geistesabwesend; trotz größter Bemühungen der Hauselfen war es ihnen nicht gelungen, den Glanz wieder herzustellen. Sie stellte sich Snape vor, wie er hier saß, sich die täglichen Notizen und Hausaufgaben durchlas; es machte nichts, dass er vermutlich nichts dergleichen getan hatte - die meiste Arbeit - ihrer beider Arbeit - wurde zusammen in den Kerkern erledigt. Ihn sich hier vorzustellen gab ihr das Gefühl nicht ganz allein zu sein.

 

Vom Schreibtisch ging sie hinüber zum Bett. Das orangene Wollknäuel das sich als Krummbein entpuppte öffnete schläfrig ein Auge und sah sie an, augenscheinlich völlig unbeeindruckt von der Tatsache, dass seine eigentliche Herrin in ihrer eigenen Gestalt zurück gekommen war. Offensichtlich hatten er und Snape eine Übereinkunft gehabt in der Zeit ihres erzwungenen, engen Zusammenlebens, dachte sie etwas säuerlich; wie die Herrin, so ihr Anhang. Nachdem er sich von ihrer Identität überzeugt hatte, stand Krummbein auf und streckte sich ausgiebig. Er streckte ihr seinen Kopf zum Kraulen entgegen und dann ging er ein paar mal auf der Stelle im Kreis umher, bis er sich in eine Position niederließ, die sich in keiner Weise von der vorhergehenden unterschied. Er schloss seine Augen und unberührt von allem was um ihn herum passierte, schlief er wieder ein.

 

Ihre Augen waren immer noch trocken.

 

„Das ist nur fair," dachte sie resignierend. Es sah so aus, als ob ihr die Erleichterung, die ein guter Tränenausbruch mit sich brachte, verwehrt sein würde. Sie seufzte. Sie musste etwas tun ...

 

Sie ging hinüber zum Bücherregal, das jetzt ziemlich dünn und leer aussah verglichen mit dem reichhaltigen Luxus von Snape's. Ein weiterer stechender Schmerz quälte sie, nicht einfach wegen der Bücher, aber wegen des Verlustes von jemandem mit dem sie diskutieren konnte; ihre Gesprächspartner bestanden jetzt wieder aus Harry und Ron und Lavender und Parvati. Sie versuchte fröhlich zu sein bei dem Gedanken, wieder mit ihren Freunden reden zu können, aber das einzige woran sie denken konnte war, ob Snape sie wohl weiterhin seine Bücher lesen lassen würde, wenn sie ihn darum fragte. Während sie die - in ihren Augen - magere Auswahl überflog, fiel ihr ein Buch ins Auge, dass sie vorgehabt hatte zu lesen, kurz bevor alles angefangen hatte.

 

Ohne nachzudenken griff sie danach, um es aus dem obersten Regal zu nehmen und zwinkerte als sie bemerkte, dass ihre Hand nicht heranreichte. Snape war groß genug um das Buch zu erreichen ohne auf einen Stuhl zu steigen. Hermine war es nicht, und war es auch nie gewesen. Diese simple Tatsache, diese praktische Vorführung ihrer veränderten Lage ließ sie genau so plötzlich erstarren wie damals während ihrer ersten Tagen als Snape, als es genau anders herum gewesen war.

 

Erinnerung und Sehnsucht und Verlust überwältigten sie und endlich kamen die Tränen.

 

 

Am Ende schlief Hermine besser, als sie erwartet hätte. Ihr emotionaler Ausbruch letzte Nacht - intensiv und lange, als er sich endlich einstellte - hatte viel von der Anspannung und Angst der letzten Zeit aufgelöst. Sie war in einen tiefen Schlaf gefallen und benommen aufgewacht mit einem Gefühl der Melancholie und sie fühlte fast so etwas wie Erleichterung, dass heute ein normaler Schultag war, denn das würde sie beschäftigt halten und von ihren gegenwärtigen Problemen ablenken. Als sie sich herumdrehte fiel ihr plötzlich auf, dass sie nur ihre Schlüpfer trug. Die Monate die sie als Snape geschlafen hatte, hatten sie einfach ihre Kleidung ausziehen und ins Bett kriechen lassen; die Erschöpfung hatte sie fast sofort einschlafen lassen und ihr war ihr fast nackter Zustand nicht aufgefallen. Während sie noch dalag, stellte sie fest, dass sie kein dringendes Verlangen nach ihrem Nachthemd verspürte.

 

Gewohnheit ließ sie aus dem Bett steigen und zur Dusche gehen; kleiner als Snapes, aber trotzdem vollgestellt mit einer vergleichsweise großen Auswahl an Kosmetika und anderen Sachen. Eines würde sie ganz gewiss nicht vermissen, das Waschen mit Haushaltsseife. Sie war immer noch halb nackt - sie hatte nicht das Bedürfnis verspürt sich etwas über zu ziehen; dieses Abenteuer hatte sie ein neues, angenehmes Gefühl für ihren Körper entdecken lassen. Und wenn man bedachte, was sie eigentlich alles mit ihrem eigenen Körper gemacht hatte ... Von Snapes Körper gar nicht zu reden. Sie grinste als sie sich auszog und unter die Dusche ging.

 

Hogwart's Heisswasserversorgung war zuverlässig wie immer. Sie beugte ihren Kopf nach hinten und ließ das Wasser über ihre Stirn rinnen, ließ es durch ihre Haare strömen, den Rücken hinunter und über ihren Hintern, durch die Poritze und die Beine hinabtropfen. Sie griff nach einer der schlichten Glasflaschen, die in einer kleinen Nische in der Wand standen. Sie erinnerte sich an Snape's verlegenes Geständnis seiner kleinen Nebenbeschäftigung wegen, zog den Verschluss heraus und schnupperte neugierig. Ein Duft von Kräutern erreichte ihre Nase; Rosmarin und Thymian, dachte sie, und vielleicht noch etwas anderes, was sie nicht richtig identifizieren konnte. Es roch gut. Sie schüttete eine großzügige Menge auf die Hand, stellte die Flasche zurück, und begann es in ihrem Haar zu verteilen. Während sie das tat, aktivierte das heisse Wasser die Öle und umgab sie mit einem feinen Kräuterdampf ohne dass es medizinisch gewirkt hätte und der es irgendwie schaffte, ihren Geist zu klären und zu erfrischen. Sie stand einige Minuten mit geschlossenen Augen, ließ das Wasser die Reste des Shampoos abspülen und schwelgte in dem Gefühl zum ersten Mal seit September wieder richtiges, angenehmes Shampoo für ihr Haar zu benutzen - von den wenigen verstohlenen Haarwäschen während der Weihnachtsferien einmal abgesehen.

 

Sogar diese Erfahrung wurde begleitet von Gedanken an Snape.

 

Mit einiger Vorfreude suchte sie etwas heraus, das Conditioner zu sein schien - wer hätte gedacht, dass er sogar an eine Haarspülung denken würde. Dies hatte eine blassere Farbe und als sie es öffnete wurde der vertraute Geruch von Rosmarin überdeckt von dem blumigen Duft von Lavendel und einer exotischen Note aus Zeder und Kokusnuss. Sie goss etwas davon in ihre Hände und verteilte es in ihrem Haar, versuchte automatisch ihre Locken zu entwirren; nach ihrer Erfahrung war das der einzige Weg um später ihre Haare überhaupt bürsten zu können. Aber dieses mal schienen die Knoten einfach hinwegzuschmelzen und ihre Haare lagen schwer auf ihren Schultern. Erstaunt knetete sie den Conditioner weiter in die Haare ein und drehte sie dann auf dem Kopf zusammen um sie aus dem Weg zu haben.

 

Mit beachtlichem Enthusiasmus griff sie nach der Seife und roch daran. Das Aroma von Honig - vermischt mit etwas Mandelduft - stieg ihr in die Nase; einfach und sinnlich; mehr noch als der Conditioner. Auf ihrem Körper bildete sich ein reicher, cremiger Schaum, leicht süßlich aber nicht übertrieben. Sie verteilte den Schaum über ihre Arme, fühlte ihre eigene Haut das erste mal wieder seit - na ja, seit dieser Nacht mit ihm. Sie schloss wieder ihre Augen, stellte sich ihn vor, hier, jeden Morgen, wie er mit seinen Händen über ihre Haut strich, aber er war nicht sie, er war er und er berührte sie, bedeckte sie sanft mit Honig, mit Öl, mit sich selbst. Ihre Hände folgten den Wegen ihrer Vorstellungskraft, über ihre Arme, über ihre Brüste, um ihre Brustwarzen herum, rieben ihren Bauch, ihren Hintern, die Innenseite ihrer Schenkel, höher und dichter bis zu dem kleinen heißen Punkt zwischen ihren Beinen. Fühlte es sich anders an, dieser Mittelpunkt ihres Seins? Ihre Finger bewegten sich höher, streichelten über die empfindliche Haut, streiften ihre Falten, untersuchend, ausprobierend. Und es war unverändert; nicht ihr Körper hatte sich verändert sondern sie selbst. Sie stützte sich mit einer Hand gegen die Wand als sie fortfuhr sich zu streicheln, während das Wasser weiter über ihren Rücken strömte und auf den Boden rann und all ihre Sinne und ihr Herz waren angefüllt mit den Düften die er ihrem Körper und in ihr Leben gebracht hatte. Seinen Namen flüsternd wie einen verbotenen Gedanken, verkrampfte und entspannte sie sich und versuchte sich davon zu überzeugen, dass das Wasser auf ihrem Gesicht nur von der Dusche kam.

 

Am Ende saß sie vor dem Spiegel, die Reste des Conditioners aus den Haaren gespült, eine Dünne Lage Feuchtigkeitscreme - eine andere zarte Kreation aus dem Hause Snape aus Malve und Rosen - auf ihrem Gesicht, und ihre Haare gebändigt und ordentlich von einer Spange zusammengehalten. Die Haarspülung hatte alle Erwartungen erfüllt, ihr Haar war weich und glänzte und hatte keine Kletten, wahrscheinlich das erste Mal in achtzehn Jahren. Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dass es Snape gebraucht hatte um das zu erreichen. Sie lächelte schwach.

 

Ja, das war's. Konzentriere dich auf die Ironie, den schrägen Humor dieser Situation, auf die Gesichter von Freunden und Lehrern, wenn sie wüssten mit wem sie in den letzten sechs Monaten gesprochen hatten. Baue die Verteidigungswälle sorgsam und stark auf. Niemand durfte etwas vermuten, die Situation war jetzt fast genauso gefährlich wie sie es vorher gewesen war.

 

Der letzte Gedanke kam halb unbewusst, schlich sich heimtückisch in ihr Hirn, gab ihr zu verstehen, dass die Gefahr noch nicht vorbei sei; dass, wenn Voldemort in Besitz dieser Information kam, er der Sache des Lichtes immer noch unendlichen Schaden zufügen konnte. Ganz abgesehen von Snape selber.

 

Es verunsicherte sie und passte gar nicht zu ihrer gegenwärtigen Verteidigungslinie aus Ironie gepaart mit schrägem Humor. Sie musste wahrscheinlich mit Snape darüber sprechen. Später.

 

Die beste Kur gegen morgendliche Selbstüberprüfung schien leicht zu sein; es konnte schließlich nicht so schwierig sein ihr Leben dort wieder aufzunehmen, wo sie es verlassen hatte. Es war immer noch ihr Leben; wie musste nicht mehr vorgeben, jemand anderes zu sein.

 

Unglücklicherweise stellte Hermine fest, dass es schwieriger war sich wieder in ihrem Leben zurecht zu finden, als sie das erwartet hatte. Sogar so einfache Dinge wie frühstücken erforderte mehr Aufmerksamkeit als sie dachte. Sie war ein Morgenmuffel - in beiden Inkarnationen - und ihr Schweigen wurde von Harry und Ron nicht weiter beachtet, sie unterhielten sich weiter. Das war ein Glück, denn sie wollte sich, ohne weiter darüber nachzudenken, eine Scheibe Schinken vom vollen Teller nehmen. Wie auch immer, ohne zu erwarten, dass sie es auch nur im entferntesten interessierte - war sie nicht eigentlich eine Vegetarierin? - hatte sich Ron einfach über sie hinweg gebeugt und sich etwas von Harrys Teller genommen. Hermine war geistesgegenwärtig genug, ihre Geste umzudirigieren und hatte statt dessen nach dem Kürbissaft gegriffen und sich ein Glas eingeschenkt.

 

Das war auch so etwas; Kürbissaft. Das erste Mal in sechs Monaten - Snape hatte ihr seine Vorlieben was das anging sehr eindringlich klar gemacht - und in diesen sechs Monaten hatte sie sich an den Genuss eines guten starken Bechers Kaffee am Morgen gewöhnt. Sie nippte an ihrem dünnen Tee mit Milch, versuchte sich vorzustellen, er sei einer von Snape's heißen sirupartigen Espressos und erinnerte sich selbst daran, aufmerksam zu sein.

 

Zuerst machte der Unterricht ihr keine Schwierigkeiten. Snape's Darstellung ihrer Person war offensichtlich überzeugend genug um jegliche Bemerkungen der Lehrer zu verhindern. Seine Notizen hatten sie auf dem Laufenden gehalten und Arithmantik verging ohne besondere Vorkommnisse außer den üblichen gemurmelten Fragen von Neville, Flüstern von Harry neben ihr und komplizierten Grimassen von Ron. Kräuterkunde ging ebenso vorbei und, außer einigem Bedauern darüber, dass sie ihren Klassenkameraden nun nicht mehr länger sagen konnte, dass sie aufpassen und ruhig sein sollten und aufhören, so herum zu sauen - und es auch durchzusetzen - am Ende der Stunde, als die Glocke läutete, meinte Hermine, sich endlich entspannen zu können.

 

Sie setzte sich neben Harry an den Gryffindor Tisch und dachte daran, sich eine gute Portion von dem Gemüseauflauf zu nehmen, obwohl sie immer noch den Kaffee vermisste. Sie hatte erwartet, dass Ron oder Neville den Platz an ihrer anderen Seite einnehmen würde, aber stattdessen wurde der Essensduft kurzfristig von etwas überlagert, dass sehr stark nach zu viel Patschuli roch.

 

„Hallo Hermine," sagte Lavender atemlos, „hast Du eine Minute Zeit?"

 

Hermine hatte gerade den Mund voller Auflauf und da sie von Mr. und Mrs. Granger dazu erzogen wurde, nicht mit vollem Mund zu reden, konnte sie nicht antworten bevor Lavender weiter sprach.

 

„Es ist so, dass der Reiniger, den Du machst, zuende geht und ich möchte gerne welchen mit nach Hause nehmen über die Osterferien und wollte Dich fragen, wann Du wieder eine Ladung davon fertig hast? Oh, und Parvati möchte auch noch etwas von ihrem Shampoo."

 

Inzwischen war es Hermine gelungen, herunterzuschlucken.

 

„Ähm," sagte sie vage, nicht wirklich sicher, wie begeistert Snape darüber sein würde, wenn sie die Herstellung der Kosmetika weiterführte, jetzt wo er seinen Arbeitsbereich wieder ganz für sich hatte; sie zog nicht einmal in Erwägung, dass er es selber würde machen wollen. „Ich weiß es noch nicht. Ich sage Euch Bescheid."

 

„Ja, aber kannst Du es bitte wirklich bald machen, ich weiß dass die anderen Mädchen auch noch einige Dinge möchten und ich sagte ihnen, ich würde ihnen mitteilen was Du gesagt hast."

 

„Die anderen Mädchen?" fragte sie und fühlte sich dumm. Wie viele waren es?

 

„Du weißt schon - Susan, Hannah, Sally-Anne, Mandy, Morag - jeder. Und natürlich Pansy und Millicent und die Slytherin Bande, die nicht mit Dir gesehen werden möchte." Lavender schaute etwas verwirrt. „Geht es Dir gut, Hermine? Du bist heute so anders."

 

Hermine schluckte noch einmal, dieses Mal um das hysterische Lachen, das diese Frage hervorrief, zu unterdrücken.

 

„Mir geht's gut," kriegte sie hin. „Dachte nur gerade an Verwandlung heute Nachmittag."

 

Offensichtlich hatte Snape den ‚akademischen' Aspekt ihres Charakters fortgeführt. Lavender nickte kummervoll und erging sich in Wehklagen über die Unmöglichkeit, einen Raben in einen Schreibtisch zu verwandeln. Hermine beendete ihr Mittagessen, nur mit halben Ohr Lavender's Stimme zuhörend, und verbot sich selber zum Lehrertisch hinüber zu sehen um nach Snape zu suchen. Sie freute sich auf den Nachmittag; Verwandlung war eines ihrer besten Fächer und mit ihrer Hilfe, davon war sie überzeugt, hatten Snape's Leistungen keinen zu großen Einfluss auf ihre Note haben können. Sie kaute gelangweilt auf einem Apfel herum; die Rückkehr zu ihrem eigenen Stoffwechsel bedeutete, dass sie mehr darauf achten musste, was sie aß. Snape konnte augenscheinlich alles essen und blieb trotzdem so dünn wie eine Peitschenschnur; sie hatte nicht soviel Glück.

 

„Also können wir die Sachen bald haben?" Lavender's Stimme unterbrach ihre Gedanken. Sie blinzelte. Lavender hatte Verwandlung abgehandelt und war zu dem erfreulicheren Thema der eigenen Verschönerung zurückgekehrt.

 

„Ja. Ja, könnt ihr," bestätigte sie.

 

„Super." Es gab eine Pause. „Oh, und Parvati und ich planen eine weitere Mädchen-Nacht." Sie zuckte mit den Achseln. „Hast Du Lust?"

 

Hermine hätte sich fast wieder verschluckt und war kurz davor nein zu sagen, als ihr plötzlich bewusst wurde, dass Snape tatsächlich zu so einem Abend gegangen war. Was bedeuten könnte, dass ...

 

„Ähm, ja. Das wäre toll," sagte sie. „Sagt mir Bescheid, wann."

 

Lavender nickte zufrieden und sauste davon.

 

Großartig, dachte Hermine. Vorher habe ich nur so getan, als ob ich Snape wäre. Jetzt muss ich so tun, als ob ich Snape wäre, der so tut, als ob er ich wäre. Könnte die wahre Hermine Granger bitte aufstehen?

 

Wie der Zufall es so wollte, musste sie aufstehen, real oder sonst wie, außer sie wollte zu spät zum Unterricht kommen. Harry neben ihr, war in eine Unterhaltung mit Seamus vertieft. Sie hörte der Unterhaltung lange genug zu um die Worte ‚Abseits Regeln' aufzuschnappen und hörte wieder weg.

 

„Ich gehe rauf in mein Zimmer um meine Unterlagen für den Nachmittag zu holen," sagte sie zu Harry, der eine Erwiderung grunzte, ohne sich nach ihr umzudrehen; nichts weniger als der direkte Angriff eines aufgebrachten tollwütigen Drachens konnte Harry von einer ernsten Unterhaltung über Quidditch abhalten. Hermine war merkwürdig berührt von dieser vertrauten Szene; es ließ sie sich mehr zu Hause fühlen als alles andere. Snape würde darüber lachen, dachte sie, während sie ihren Zauberstab im Ärmel zurecht schob. Und erstarrte.

 

Ihr Zauberstab. Oder, genauer gesagt, sein Zauberstab.

 

Letzte Nacht hatten sie nicht daran gedacht ihre Stäbe auszutauschen und sie hatte ernste Zweifel, dass ein hilfsbereiter Hauself das getan hatte während sie schliefen. Vorsichtig lockerte sie den Stab etwas, sodass sie ihn anfassen konnte. Das schwerere Gewicht und das etwas unhandliche Gefühl bestätigte ihr, dass sie immer noch Snape's Zauberstab hatte. Sie konnte mit seinem Stab Umwandlungen durchführen, das wusste sie, aber sie war weit davon entfernt es so gut zu machen, wie sie es mit ihrem eigenen Stab machen könnte und außerdem, soweit sie wusste, brauchte er seinen Zauberstab. Ziemlich schuldbewusst erinnerte sie sich daran, dass sein gemeingefährlicher Rasierer nun ein hübsches sicheres Modell war. Es half alles nichts; sie schaute zur Lehrertafel hinüber und sah Snape sich gerade erheben und aus der Halle gehen. Sie atmete tief ein und machte sich daran ihm den Weg abzuschneiden. Er bewegte sich absichtlich von ihr fort, sein Umhang wehte hinter ihm her, seine Aufmerksamkeit auf sonst was gerichtet. Der Abstand zwischen ihnen vergrößerte sich und wenn sie nicht hinter ihm her laufen wollte, musste sie rufen.

 

"Professor Snape!"

 

Er blieb stehen, drehte sich aber nicht um. Das gab ihr Gelegenheit zu ihm aufzuholen.

 

„Professor Snape," wiederholte sie mit ruhigerer Stimme. „Kann ich mit Ihnen sprechen?"

 

Er hob missbilligend eine Augenbraue.

 

„Es scheint, dass ist genau das, was Sie bereits tun. War das Ihre einzige Frage oder haben Sie noch einen anderen Grund, wie ein verletzter Troll im Korridor herumzuschreien?"

 

Hermine verkniff sich die Antwort, die ihr auf der Zunge lag und sagte schlicht: "Zauber-stäbe, Sir."

 

„Zauberstäbe, Miss Granger?"

 

Offensichtlich hatte er heute morgen seinen Zauberstab noch nicht benutzt.

 

„Sie haben meinen Stab," erklärte sie und der bestürzte Ausdruck der für einen Moment auf seinem Gesicht erschien, befriedigte sie sehr.

 

„Kommen Sie mit," sagte er kurz.

 

Er führte sie in einen ruhigen Korridor und reichte ihr seinen - ihren - Zauberstab.

 

„Besser Du verwandelst sie zurück," sagte er still, seine Stimme ohne den Biss, den sie in den anderen, mehr zugänglichen Teilen der Flure hatte.

 

Sie nahm ihren eigenen Stab an sich, machte schnell die Zauber rückgängig und gab ihm seinen Zauberstab. Er nickte kurz.

 

„Ich danke Ihnen, Miss Granger." Er wandte sich zum Gehen und blieb dann kurz stehen. „Oh, und Miss Granger - fünf Punkte Abzug von Gryffindor für ‚Kreischen wie eine Todesfee'."

 

Bastard, dachte sie liebevoll, während sie ihm hinterher sah.

 

Am Abend machte sie sich auf den Weg hinunter in die Kerker und fühlte so etwas wie Erleichterung. Die Anstrengung Severus Snape zu spielen war eindeutig nichts im Vergleich zu der Anstrengung die es verlangte Hermine Granger darzustellen. Wie sich herausstellte, sah der Spielplan so etwas wie ein leichtes Leben oder Entspannung nicht vor. Ihr Rücken tat weh vom herumschleppen der Bücher, ihre Laune war auf dem Nullpunkt angelangt, hervorgerufen durch den frustrierten Wunsch, Unmengen von Hauspunkten abzuziehen und Strafarbeiten zu verteilen und ihr Kopf tat furchtbar weh. Sie musste unbedingt etwas von Snape's Weidenrinden- und Baldrian-Tropfen haben, bevor sie sich der abendlichen Arbeit vernünftig zuwenden konnte.

 

Sie kam zu der vertrauten Tür und hatte das Passwort gesagt und war eingetreten, bevor ihr einfiel, das ihre wiederaufgenommene Rolle eigentlich verlangte, dass sie vorher anklopfte. Ach, egal. Snape hatte sich fast nie damit aufgehalten zu klopfen.

 

Snape saß an seinem Schreibtisch, die Augenbrauen hochgezogen bei ihrem Eintritt.

 

„Kommen Sie doch herein, Miss Granger," sagte er mit einer Spur Ironie.

 

Sie murmelte eine Entschuldigung und ließ ihre Tasche auf den Boden fallen. Sie ging hinüber zu den Vorratsregalen um etwas zur Schmerzberuhigung zu finden.

 

„Ich habe entsetzliche Kopfschmerzen," erklärte sie während sie die Regale absuchte, „und ich brauche wirklich ..."

 

„ ... dies?" beendete er den Satz für sie.

 

Erschrocken fuhr sie zusammen. Er hatte seinen Schreibtisch verlassen und war hinter sie getreten ohne das leiseste Geräusch zu machen. Sie drehte sich zu ihm um und sah, dass er ihr einen dampfenden Becher Kaffee anbot. Der Duft umschmeichelte ihre angespannten Nerven, versprach Frieden, Glück und Freude. Dankbar nahm sie ihn entgegen und trank in kleinen Schlückchen. Der Geschmack erfüllte ihre Zellen mit zutiefst empfundenem Wohlsein, das an einem Punkt ihres Schädels zu purer Glückseligkeit verschmolz. Sie schloss ihre Augen und sank in einen Sessel.

 

„Natürlich," merkte Snape an, in bester professioneller Tonart, „die Wirkung ist rein psychologisch."

 

Sie öffnete ein Augen und starrte ihn an.

 

„Ich finde nicht, dass es sich wie psychologische Kopfschmerzen anfühlt," sagte sie.

 

„Der Kopfschmerz kommt wahrscheinlich hauptsächlich von der Anspannung, aber ich nehme an, dass Du heute noch keinen Kaffee getrunken hast. Auch wenn Dein Körper nie das Coffein selbst kennengelernt hat, so hat doch das Leben mit meinem Körper Dein Bewusstsein gelehrt, dass der Entzug unangenehme Auswirkung hervorruft die durch weiteren Konsum gelindert werden können. Daraus resultiert das Verschwinden Deines Kopfschmerzes durch den Genuss einer Tasse Kaffee."

 

„Du meinst, ich habe Deine Kaffee-Abhängigkeit übernommen?"

 

Sein Mund verzog sich zu einem halben Lächeln.

 

„So sieht es aus, Hermine."

 

Der Kaffee, das Lächeln, ihr Name; das alles machte sie hochgradig dankbar hier zu sein. An einem Ort zu sein, wo sie sie selbst sein konnte. Sie war still, ihre Hände um den Becher geschlungen starrte sie ins Leere wie Trelawney wenn sie nach Visionen suchte.

 

„Es war schwieriger als ich dachte," sagte sie nach einer Weile. Snape war wieder zurück hinter seinen Schreibtisch gegangen. Er sagte nichts, aber sie wusste, dass er zuhörte. „Ich dachte, es wäre leicht wieder ich selbst zu sein. Schließlich war ich das die letzten achtzehn Jahre oder so - ich selbst. Aber es fühlte sich immer noch so an, als ob ich so tat als ob. Als ob ich die Rolle der Hermine Granger spielen würde. Ich wusste überhaupt nicht was ich dachte oder gerne tun wollte weil es nicht das war, was Hermine Granger tun würde." Sie hatte Mühe ihre Gedanken in Worte zu fassen. „Ich musste überlegen, was würde Hermine jetzt tun, genauso wie ich mich immer fragen musste, was Professor Snape tun würde. Ich konnte nicht herausfinden, was ich tun würde."

 

Snape war so lange still, dass sie schon dachte, er hätte wieder angefangen die Aufsätze zu korrigieren, aber dann sprach er doch.

 

„Jeder von uns schauspielert auf seine Weise, Hermine. Ich tue es. Du tust es. Professor Dumbledore, Professor McGonagall, Mr Potter, Mr Weasley, Mr Malfoy, sogar Mr Longbottom. Niemand ist ganz so, wie er die Welt glauben machen will. Der Trick ist, sich das bewusst zu machen; sich bewusst zu machen dass jeder mehr ist, als die Widerspiegelung von dem, was andere erwarten."

 

Hermine sah ihn an; sein Gesicht war beschattet durch das Licht im Kerker, aber die Intensität war fühlbar.

 

„Das ist ein schöner Gedanke," sagte sie leise.

 

„Das ist es," stimmte er zu. „Ich habe es irgendwo gelesen und seitdem habe ich auf eine Gelegenheit gewartet, es in einer Unterhaltung anzubringen."

 

Seine Stimme war todernst und der Moment der Spannung war vorbei. Sie lachte weich, fühlte, dass jetzt nicht der Moment war die Gedankenrichtung weiter zu verfolgen.

 

„Wohl wahr," sagte sie, sich seinem Tonfall anpassend. „Ich werde aufhören, mir über die existentiellen Auswirkungen den Kopf zu zerbrechen und einfach weiter machen."

 

„Eine lobenswerte Entscheidung," bemerkte er trocken und fügte dann hinzu „wenn es Dich aufmuntert, auch für mich ging es heute nicht ohne interessante Momente ab. Und ich bin schon sehr lange daran gewöhnt die Rolle des Professor Snape zu spielen."

 

 

Als der Abend voranschritt, nahmen sie ihre alten Tätigkeiten und Versuche auf, fanden wieder zu den alten Mustern, Reaktionen und Erwiderungen zurück, die ihren Ursprung in der Person selber hatten, nicht in ihrer körperlichen Erscheinung. Aber während sie arbeiteten, ließ sie sich das, was er gesagt hatte, wieder und wieder durch den Kopf gehen und sie fragte sich, ob er sich eigentlich bewusst war, wie viel er von sich preis gegeben hatte. Und wie viel sie eigentlich noch immer nicht wusste.






Teil 34 - Es kostet alles - nicht mehr und nicht weniger

Teil 40 - Es kostet alles - nicht mehr und nicht weniger

 

Wir lassen nie vom Suchen ab

Und doch, am Ende unseres Suchens,

sind wir am Ausgangspunkt zurück

und werden diesen Ort zum ersten Mal erfassen.

 

Und so ging das Oster-Semester von Hermine Grangers letztem Jahr in Hogwarts seinem Ende entgegen. Die letzte Woche war voll mit dem üblichen panikartigen Anstieg bei der Ausgabe von Aufsätzen, geänderten Stundenplänen, Abfragen von Prüfungsfragen und dem gegenseitigem Versichern von Erfolg oder Misserfolg gewesen, je nachdem, wer die andere Person war. Von den Mengen an Reinigern und Shampoos gar nicht zu reden, die hergestellt werden mussten, um die ständig über die beiden verschiedenen Arten der Zustellung - per Eulen- bzw. Lavenderpost - eintreffenden Aufträge erfüllen zu können. Der Effekt davon war, dass sich die ursprüngliche Verwirrung, die sie bei dem Bemühen, wieder zu sich selbst zu finden, begleitet hatte, sehr schnell abgelöst wurde durch die pure Notwendigkeit sich mit praktischen Dingen auseinander zu setzen.

 

Dann war endlich die letzte Ferien-Hausarbeit verteilt worden, die letzten Koffer gepackt, und die letzten Aufträge für Spülungen und Feuchtigkeitscremes waren ausgeliefert worden. Der Hogwarts-Express hatte die Station Hogsmeade Richtung Süden zur Station King's Cross verlassen und brachte die besorgten, wie auch die selbstsicheren zurück zu ihren Familien und ihren Ferienplänen. In diesem Fall gehörten zu den besorgten und selbstsicheren auch Harry Potter und Ron Weasley, die , zusammen mit Ginny, auf ihrem Weg zurück zum Fuchsbau waren, um zusammen den ‚Stoff zu wiederholen', was unzweifelhaft eine Menge therapeutische Quidditch-Übungen sowie Mrs Weasley's Kochkünste beinhalten würde. Sie war auch eingeladen gewesen, hatte aber abgelehnt und war erleichtert, als sie nicht weiter darauf bestanden. Sie fühlte sich dem Chaos des Weasley Haushaltes einfach nicht gewachsen; wenn sie Chaos wollte, so gab es davon zur Zeit genug in ihren eigenen Gedanken. Und wenn es ihr widerstrebte, sich zu weit von der hauptsächlichen Quelle dieses Chaos's zu entfernen, dann war das nur zu verständlich.

 

Die alltäglichen Dinge am Ende des Oster-Semesters hatten Hermine nicht nur zurück in ihr eigenes Leben gezwungen, sie waren auch ein perfekter Vorwand sich nicht mit dem einzigen äußerst dringlichen Thema auseinander zu setzen - Snape. Sie waren einander begegnet in der letzten Woche - natürlich waren sie das. Es gab den Tränke-Unterricht und es gab weiterhin die Abende, an denen weiter an den Versuchen gearbeitet und geredet wurde. Aber als die Tage vorbeigingen und sie ihre vertrauten Rollen wieder aufnahmen empfand sie ihre Treffen als ... nicht richtig angespannt ... aber irgend etwas war da. Als sie zur Schülerin wurde und er zum Lehrer, war da allmählich etwas zwischen sie getreten. Unausgesprochen. Und dieses ‚etwas' musste in Ordnung gebra