Teil 9 -
9. Dezember
Hermine legte den Stapel Papiere - der zur Größe eines
Buches herangewachsen und ihr einfach
zurück in die Hände gedrängt worden war - auf einer Ecke des Labortisches ab.
Die Tür hinter ihr schloss sich und sie hörte wie Snapes Schritte sich entfernten
und schließlich ganz verstummten. Sie wartete eine Minute, ob die Schritte wohl
wiederkehrern würden, bevor sie es sich erlaubte auf einen der Stühle zu
sinken, ihren Kopf zwischen ihren Armen zu vergraben und zu seufzen. Eine
durchgeschlafene Nacht in den Gryffindor-Gästeräumen hatte die absurderweise
durchwachte Nacht am Tag zuvor nicht kompensieren können; denn es war wirklich
absurd, so unruhig zu sein, wenn man zu einem Ort zurückkehrte, wo so viele
gute Erinnerungen und alte Freunde auf einen warteten. Ihr Geist war nicht
bereit zu akzeptieren, dass diese Erinnerungen auch zum Teil
noch-nicht-abgeschlossenes beinhalteten.
Zehn Jahre waren vergangen, sie war zurück an der Schule,
im übertragenen Sinne wieder im Zaubertränke-Klassenraum und der Potions Master
machte eindeutig nicht den Eindruck, dass es einfacher werden würde, mit ihm
umzugehen, als es damals gewesen war. Anstelle einer Wiederauffrischung ihrer
Freundschaft, schienen sie innerhalb von 48 Stunden von einer höflichen, wenn
auch zurückhaltenden Korrespondenz während eines nervösen Kaffees und eines
leicht gereizten Abendessens wieder zu der Problemsituation einer kompletten
Schüler-Lehrer Beziehung übergegangen zu sein, mit all den "Miss
Granger"s und "Professor Snape"s die dazu gehörten.
Bis morgen Abend wird er soweit sein und mir wieder
Hauspunkte abziehen, dachte sie, wobei der schräge Humor nur ein schwacher
Versuch war, sie von der Frage abzulenken, warum es sie so bekümmerte, dass er
so plötzlich zu den alten Formalitäten zurückgekehrt war.
Eine andere erprobte Variante, um der Selbstanalyse zu
entkommen, war Arbeit; Hermine atmete tief durch und sah sich um. Sauberes
Pergament, neue Federn und Tinte lagen säuberlich auf dem Tisch, genau dort, wo
sie sie erwartete. Genau dort, wo ich sie hingelegt hätte, sagte sie sich
selbst. Und da sie nun mit Papier und Federn ausgestattet war, gab es keinen
Grund, warum sie nicht anfangen sollte.
Sorgfältig begann sie Tabellen zu planen; eine für
Haarpflege und eine größere für Hautpflege. Vier Spalten waren für die Haar-
und Hauttypen vorgesehen, ein paar mehr Reihen für die Produktarten. Das ergab
ungefähr 40 Basispräparate, die in etwas weniger als 14 Tagen fertiggestellt
werden sollten. Sie seufzte noch einmal, und dieses Mal bei dem Gedanken an den
Haufen Arbeit, selbst wenn - oder auch nicht - Snape helfen würde. Methodisch,
wie sie war, nahm sie ein drittes Blatt und schrieb ‚Mögliche Extras' drüber.
In diese Rubrik fielen die Dinge, von denen Snape Parvati gesagt hatte, dass sie
sie nicht bekommen könnte; sie fügte denen noch Badeprodukte hinzu und
unterstrich es zweimal. Sie würden es vielleicht nie in das Sortiment des Ms
Magic Magazines schaffen, aber sie wettete, dass sie bald irgendein
Entspannungsbad notwendig haben würde.
Sie wendete ihre Aufmerksamkeit wieder der Aufgabe zu,
eine Art Arbeitsplan zu entwerfen. Es war wahrscheinlich, dachte sie, dass,
auch wenn es viele individuelle Zutaten gab, alle Tränke eine gemeinsame Basis
haben würden. Verwirrt schüttelte sie den Kopf; dies sollte etwas sein, an das
sie sich erinnern musste. Aber egal, wie sehr sie es versuchte, sie konnte in
ihrem Geist nicht das Bild des Tränke-Klassenraums heraufbeschwören, in dem
Kessel voller Creme und Kannen mit Jojoba-Öl standen - zumindest keins, das
einer realen Erinnerung entsprang. Sie nahm ein viertes Blatt Papier und
schrieb in großer Schrift Basis-Zutaten darauf. Also, was waren die
Basismischungen, die sie herstellen mussten?
Sud und Tinkturen sollten kein Problem sein; Wasser war
immer zur Hand und Ethyl Alkohol war eine gängige Zutat für Tränke. Das Gleiche
galt für Zaubernuss, Bienenwachs und Kaolin. Wie auch immer, als sie bei
Kakaobutter, Weizenkeimöl und Mandelöl ankam, machte sie eine Pause.
Normalerweise interessierte es Snape nicht, ob seine Salben
feuchtigkeitsspendend und pflegend waren,
solange sie nur wirkten. Es hätte sie nicht überrascht, wenn er manchmal
extra etwas Unangenehmes zu seinen Mischungen hinzufügte, einfach nur so. Es war
nicht auszuschließen, dass irgendwo in den verstaubten Tiefen des
Zaubertrank-Lagers nicht irgendwas seltsames übriggeblieben war, was an die
Momente vor 10 Jahren erinnerte, als Severus Snape etwas entwickelt hatte, das
für "keine irdische Kreatur, ob lebendig oder tot, von Nutzen war".
Eine lang vergessene Angewohnheit hatte sie schon den
halben Weg zu den Regalen zurücklegen lassen, den Zauberstab bereits in der
Hand um die Schutzzauber aufzuheben, als sie urplötzlich stehen blieb, und
nicht wusste, ob sie weinen oder lachen sollte. Für einen kleinen Moment - oder
genauer gesagt, für einen weiteren Moment - war sie zurückversetzt gewesen, in
die Zeit, als das alles hier ihr Zuhause gewesen war und ihr Recht, hier ein-
und auszugehen, nicht in Frage gestellt worden war, am wenigsten von ihr selbst.
Sie fühlte sich fehl am Platz, genauso wie vorher, als sie zum ersten Mal seit
der Schulzeit Snapes Zimmer betreten hatte. Guter Gott, es musste doch
irgendetwas anders sein, etwas sollte anders und ihr unbekannt sein. Zu etwas
Zurückgelassenem zurückzukehren, genau zu wissen, wo bestimmte Dinge
hingehörten, sich an einem Ort heimisch zu fühlen, der es eigentlich nicht war,
bereitete ihr ein merkwürdiges ungutes Gefühl.
Und doch hätte es erst letzten Monat, oder letzte Woche
sein können, als sie das letzte Mal hier gewesen war. Die gleichen Lederstühle,
vollbeladenen Tische, sich biegende Bücherregale; die gleichen Kupfer und
Bronze Töne, ungleich in ihrem Farbton. Es gab sicherlich noch mehr seltsame
Gegenstände, und vor allem Bücher, aber sie musste
den Drang, sich mit ihrem Kaffee und dem Buch in einem Stuhl vor den Ofen zu
lümmeln, regelrecht gewaltsam niederringen. Wahrscheinlich war es das, was er
vermeiden wollte. Vielleicht war das der Grund, warum er ihr mit so harschem
Unterton gesagt hatte, dass sie im Labor arbeiten sollte, im Befehlston und
unpersönlich. Das ihr der Hals plötzlich eng wurde störte sie und sie machte
auf dem Absatz kehrt. Schutzzauber waren etwas, wonach sie Snape später fragen
konnte. Denn im Moment hatte sie schließlich eine Deadline, die sie einhalten
musste.
***************
Sie war erleichtert, als sie feststellte,
dass alte Gewohnheiten nicht verloren gingen und einmal in eine Aufgabe
vertieft, blendete ihr Geist alle anderen und unwillkommenen Geräusche aus. Als
die Glocke das Ende des Vormittagsunterrichts einläutete, hatte sie es
geschafft, einen groben Plan der
Grundhaarpflegemittel aufzustellen, mit einigen Alternativen und Veränderungen.
Und sie war definitiv hungrig.
Das Mittagessen am Lehrertisch war immer eine weniger
entspannte Sache, als das Abendessen; freundliches Geplauder, unterbrochen von
beruflichen Dingen und der unausgesprochene Gedanke, dass noch ein Nachmittag
voller Arbeit vor ihnen lag. Weil sie sich ein bisschen merkwürdig unter all
den Lehrern fühlte, die ja eindeutig "bei der Arbeit" waren, wagte
sie es auch nicht, das ernste Gespräch zwischen Minerva McGonacall und Irmgard
Sprout zu unterbrechen, das sich um irgendeine neue Forderung des Ministeriums
drehte. Als sie sich in Richtung Snape bewegen wollte, mit der vagen Idee, sie
könne sich ja mit ihm über Schutzzauber und Zutritt unterhalten, wurde sie
plötzlich sanft, aber bestimmt auf dem Stuhl neben den DADA Lehrer gesetzt. Wie
war gleich nochmal sein Name? Ferdinand? Nein, ...Peregrin, so hieß er,
Peregrin Queroz. Der sich dadurch auszeichnete der erste zu sein, der für ein
weiteres Schuljahr auf diesen Posten angetreten war, seit - nun ja,
wahrscheinlich, seit Beginn der Aufzeichnungen.
Obwohl Remus Lupin wahrscheinlich wiedergekommen wäre,
wenn man es ihm erlaubt hätte, dachte sie loyalerweise.
Doch im Moment wurde sie mit einem Lächeln empfangen und
jemand goss ihr ein Glas Wasser ein.
"Es sei denn" sagte er, mit einem angedeuteten
Kopfnicken "Sie würden Wein vorziehen."
Sie schenkte ihm ein Lächeln als Antwort.
"Nicht zum Mittagessen, danke. Nicht wenn ich heute
Nachmittag noch Arbeit zu erledigen habe."
Noch ein Lächeln.
"Ach, Sie auch. So verlockend es auch wäre den
Nachmittag zu verschlafen, so sollte ich doch meine äußerst enthusiastischen
Schüler davon abhalten, sich selbst oder einige Teile des Schlosses zu
zerstören."
Sie hob eine Augenbraue.
"Ich denke, das sollten Sie wohl tun."
Er sah traurig drein.
"Sie haben Recht. Es sind nicht die Schuldgefühle,
verstehen Sie mich richtig; ich könnte
einfach nicht mit dem Papierkram umgehen."
Diese Bemerkung ließ sie laut auflachen. Außerdem sah sie
ihn sich zum ersten Mal richtig an. Am Abend zuvor hatte sie ihn nicht wirklich
wahrgenommen. So erschöpft, wie sie von der schlaflosen Nacht und der Reise
gewesen war, die erste Begeisterung über das Wiedersehen hatte sich
verflüchtigt, hatte sie nur seine angenehme Anwesenheit gespürt, die ihr ein
sanftes und charmantes Willkommen in Hogwarts gewünscht hatte. Ganz im
Gegenteil zu Snape, der aber aus irgendeinem Grund extra zum Bahnhof gekommen war, um kühl und undankbar zu sein.
Er war größer als Snape, dachte sie - mit breiteren
Schultern und einem volleren Gesicht. Das dunkle Haar ordentlich geschnitten,
die dunklen Augen hatten einen fröhlichen Ausdruck, die Haut hatte einen
Olivton und er hatte gute Wangenknochen. Außerdem schien er nicht an dem
allgemeinen Geplauder am Mittagstisch teilnehmen zu wollen, sondern zog es vor
sich ihr zu widmen, niemals aufdringlich, aber immer interessiert an ihren
Antworten. Nach einem Treffen mit Snape am frühen Morgen und einem allein mit
Arbeit verbrachten Vormittag, war eine zwar oberflächliche jedoch charmante
Unterhaltung genau das, was sie brauchte. Auf diese Art und Weise erfuhr sie
auch einiges über Professor Queroz. Nein, er war nicht in Hogwarts gewesen; ein
privates College in Segovia. Nein, er war nicht Spanier, sondern Portugiese,
war aber von seinen Eltern nach Spanien zum Studium geschickt worden. Er hatte
einen Bruder und drei Schwestern, alles Zauberer. Er konnte nicht erklären, wie
er es geschafft hatte sein erstes Jahr als Lehrer gegen die dunklen Künste zu
überleben und für ein zweites Jahr zurückzukehren, er meinte, es sei einfach
Glück gewesen und es hätte sich wohl auch kein besserer um den Job beworben.
Hermine versuchte sich nichts anmerken zu lassen bei
diesen Worten; falls Snape diesen Posten immer noch gerne haben wollte, wäre es
nicht nett gewesen, das zu erwähnen. Andererseits konnte es natürlich auch
sein, dass Queroz nichts über das traditionelle Gerangel um diese Stelle
wusste. Oder vielleicht hatte Snape ja auch aufgegeben, sich um diesen Posten
zu bewerben. Der Beginn des Nachmittags-Unterrichtes enthob sie einer Erklärung
und der Gedanke verlor sich, als der Rest des Nachmittags wieder seinen
normalen Verlauf nahm.
**********
Ziemlich lange nach Ende des Unterrichtes erschien schließlich auch Snape im Labor und Hermine war in die Entwicklung eines Sets von aufeinander abgestimmten Haut-pflegeprodukten vertieft. Ihr war die Idee gekommen, dass es sinnvoll wäre, sie so herzustellen, dass sie auch sozusagen quer über alle Serien zu einander passen würden, so dass jemand, sagen wir, ein Produkt aus einer Mischhaut-Serie nehmen könnte um es mit einem Produkt für trockne oder normale Haut zu kombinieren. Unnötig zu erwähnen, dass das den Umfang des Prozesses wesentlich erhöhen würde. Sie war so vertieft in ihre Tabellen, dass Snape's Eintreffen sie erschrocken aufspringen ließ.
Er sah sie zornig an, als sie erschrocken aufschrie und fegte durch den Raum ohne ein Wort zu sagen. Ihre Erklärung blieb ihr im Halse stecken und sie versuchte sich zu erinnern, ob heute ein Tag mit besonders schwierigen Klassen Kombinationen war. Sie glaubte nicht, aber sein Stundenplan konnte sich in zehn Jahren geändert haben. Vielleicht hatte er Kopfschmerzen. Sie konnte sich noch sehr gut daran erinnern.
Bevor sie fragen konnte, hatte er einige ihrer Papier aufgenommen und überflog ihre vorläufigen Ideen. Seine Reaktion bestand aus einer Reihe von Grunzlauten aus denen sie weder Zustimmung noch Ablehnung heraushören konnte. Es wird Zeit, dass ich mich durchsetze, dachte sie.
„Ich habe eine Aufstellung der grundlegenden Präparate erstellt. Wir müssen überprüfen, was wir da haben und dann von dem, was wir brauchen die benötigten Mengen bestellen."
Erst dachte sie, er hätte sie nicht gehört. Dann dachte sie, dass er sie ignorierte. Aber als sie es wiederholen wollte, sprach er.
„Warum haben Sie das noch nicht gemacht? Ich nahm an, dass ich die ersten Schritte nicht überwachen müsste."
Sie knirschte mit den Zähnen.
„Ich kenne die Passwörter zur Deaktivierung der Schutzzauber des Lagers nicht. Aus irgendeinem Grunde nahm ich an, dass das mir Schwierigkeiten bereiten würde."
Er sah sie seltsam an, als ob ihre Worte ihn aus der Fassung bringen würden. Merkwürdig, dachte sie, so scharf war das nun auch nicht.
„Sie kennen Sie bereits," sagte er schließlich.
Sie blinzelte.
„Ich weiß, wie sie vor zehn Jahren lauteten. Du willst mir doch sicher nicht erzählen, du hast die Schutzzauber während dieser zehn Jahre nicht geändert?"
Er machte eine Bewegung, die man fast zaghaft nennen konnte.
„Nach dem Ende des Dunklen Lords gab es kaum Anlass sie zu ändern. Ich habe einige vertraute ausgesucht und sie beibehalten.
Sie nickte einfach nur; sie brauchte etwas Zeit um dieses Informations-Schnipselchen zu verarbeiten. Als ob er spürte, dass er die Initiative ergreifen müsse, fügte er hinzu:
„Da wir gerade von Dingen sprechen, die sich nicht geändert haben, soll ich daraus ent-nehmen, dass Sie immer noch Produkte benutzen, die für problematische Teenagerhaut gedacht waren?"
Das verschlug ihr für einen Moment die Sprache. Sie war gerade mal vierundzwanzig Stunden da und er war bereits dabei, auf ihrem Leben herum zu hacken. Einer der abwegigen Gedanken des Nachmittags kam ihr in den Sinn. Sie lächelte süß.
„Interessant, dass Sie das zur Sprache bringen, Professor." Sie betonte seinen Titel ein wenig. „Ich habe mir überlegt, dass es nicht viel mehr Arbeit wäre, das Sortiment auf Produkte für Männer auszudehnen. Eine stärkere Gewichtung der Gewürze und der pharmazeutischen Bestandteile, aber grundsätzlich wäre es das Gleiche."
Snape's Reaktion nach zu urteilen, war das für ihn der blanke Horror.
„Ein Sortiment für Männer? Männer benutzen solche Sachen nicht."
„Sie sind sehr beliebt bei Muggel Männern," antwortete sie unschuldig.
„Oh, Muggel Männer", spöttelte er.
„Oh ja. Manche gehen sogar zur Kosmetikerin für eine Maniküre oder Gesichts-behandlung. Und zur Entfernung der Haare mit Wachs," fügte sie schadenfroh hinzu.
„Miss Granger, niemand interessiert sich für .... Sachen .... für Männer," fauchte er.
„Ich sag Dir was," sagte sie strahlend, „ich schreibe an Parvati und schlage es ihr vor und wir lassen sie entscheiden?"
**********
Als Hermine am folgenden Morgen Snape's Räume betrat, schwang sie ein fies pinkfarbenes Blatt Papier und fühlte sich, kindisch oder nicht, eindeutig siegreich.
„Ihr gefällt die Idee," verkündete sie ohne Vorrede.
Snape's Blick hätte Wasser zum Kochen bringen können.
„Es ist wirklich prima," fügte sie hinzu, „das wir Dich haben um die Produkte zu testen."
Teil 10 - 10. Dezember
Der Samstag morgen zog herauf in klarem glitzernden Dezemberlicht, schob sich mit seinen eisigen Fingern in das
Zimmer und
weckte Snape gnadenlos. Er blinzelte, verzog das Gesicht und wunderte sich
nicht zum ersten Mal, warum er vergangene Nacht nicht die Vorhänge zu gezogen
hatte.
Er schwang sich aus dem Bett, fröstelte etwas in der eisigen Luft des
Kerkers und erwachte durch das Zittern vollends. Ein Blick aus dem Fenster erinnerte ihn
daran, warum er die Vorhänge nicht geschlossen hatte, er sah hinaus auf die durch den Frost schimmernde Landschaft,
blau-golden glitzernd in der Morgendämmerung.
Ein dicker grauer Morgenmantel sorgte dafür, dass das Zittern nachließ, während Snape hinüber in seinen Wohnraum tappte;
es war Samstag, kein Unterricht und damit kostbare Freizeit, aber als aller
erstes musste erst einmal Kaffee her. Er setzte schnell den Kaffeetopf
zusammen, geschickte Hände schraubten den mit Wasser gefüllten unteren Teil mit
der oberen Kammer zusammen und stellten das Ganze auf den Herd. Er blieb einen
Moment stehen, wärmte seine Hände an der aufsteigenden Wärme des gusseisernen
Ofens, eine Wärme die noch die Kälte der Nacht vertreiben musste. Entweder
hatten sich die Hauselfen heute morgen beim Anheizen verspätet oder die Nacht war
frostiger gewesen als erwartet . Egal, es würde schnell genug durchheizen und
in der Zwischenzeit genoss er das unerwartete Gefühl, warm in seinen
Morgenmantel gehüllt der Kälte zu trotzen, die ihn geweckt hatte.
Snape hatte bereits seinen zweiten Becher Kaffee schon zur Hälfte
getrunken, saß gemütlich in einem Sessel beim Herd und war dabei eine Ausgabe
der Ars Alchemica zu lesen, die
irgendwie seiner Aufmerksamkeit entgangen war, als die angenehme, verschlafene
Samstag Morgen Laune sich abrupt auflöste.
Es war nichts spezielles, was ihn daran erinnerte, doch von einem Wort zum
anderen, zwischen zwei Schlucken Kaffee, wurde seine Träumerei von Furcht
abgelöst, die eine größere Kälte mit sich brachte als die, die die Nacht mit
sich gebracht hatte.
Samstag. Das Lehrer-Ehemaligen
Quidditch Spiel. Die Ehemaligen. Potter.
Wie aufs Stichwort hörte er jemandem im Labor rumoren; die Wände waren zu
dick um Geräusche durch zu lassen, aber einige geeignete Sprüche vor Jahren
hatten dafür gesorgt, dass er es hörte, wenn jemand den Raum betrat während er
woanders war. Hermine war anscheinend auch früh aufgewacht. Miss Granger,
erinnerte er sich. So war es sicherer.
So viel zu Frieden und Einsamkeit. Er unterdrückte den Drang, den
halbvollen Kaffeebecher an die Wand zu schleudern; es wäre eine Verschwendung
von gutem Kaffee und außerdem war er nicht sicher, ob der alte Zauberer, unten
in Somerset, der die Becher für ihn gemacht hatte, überhaupt noch lebte,
beziehungsweise ob er überhaupt noch sein überraschend lukratives Muggel-Hobby
betrieb. Es wäre ein Schande so ein gutes Stück Steingut in einem Anfall schlechter Laune zu verlieren wegen Schülern,
die er noch nicht einmal mochte. Ehemalige Schüler. Egal, sie waren es nicht
wert.
Snape zog sich schnell an, kümmerte sich nicht weiter um grundsätzliches,
er spritze sich Wasser ins Gesicht und erinnerte sich mit einem Schnauben an
eine Hautpflegeserie für Männer - lächerlich! In die Person des Professors
eingeknöpft schritt er aus seinen Räumen, blieb nur kurz stehen um einen
weiteren Tag von Dumbledore's albernem Kalender abzureissen. Ein Tag weniger. Mehr
gab es dazu jetzt nicht zu sagen.
Einige lange, gereizte Schritte brachten ihn zum Laboratorium. Der Ofen
dort war noch nicht angezündet worden - den Hauselfen war es nicht gestattet
sein Arbeitsgebiet ohne besondere Erlaubnis zu betreten. Hermine hatte sich
bisher nicht darum gekümmert ihn anzuzünden; ihr Atem bildete kräuselnde
durchscheinende Wolken, wirbelte im staubigen Sonnenlicht , als sie sich über
die endlosen Seiten der Pergamente beugte,
die über den Tisch vor ihr verstreut lagen. Eine kleine Flamme unter einem
Kessel in der Nähe schuf die ganze Wärme in dem Raum.
Eine rasche Bewegung des Zauberstandes und der Ofen an der Wand erwachte zu
Leben; Hermine fuhr zusammen bei dem plötzlichen Krachen und dem Knacken des
sich ausdehnenden Metalls als heiße Luft den Schornstein erreichte.
„Sev - Professor," sagte sie nach einem Moment, während sie ihn anstarrte. Man
konnte sehen, wie sie sich zusammen nahm. „Guten Morgen," fügte sie hinzu und
wandte sich wieder den Manuskripten zu.
„Ist er das?" brummelte er vor sich hin. „Sie sind früh hier," sagte er
laut, kam näher und sah über ihre Schulter auf das Gekritzel und die Diagramme
die das Manuskript bedeckten.
„Mhm," murmelte sie geistesabwesend. „Ich hatte noch einige Dinge zu
überprüfen und wollte es erledigt haben. Ich bezweifle, dass ich viel schaffen
werden wenn das grausige Paar erst einmal eingetroffen ist und da Parvati heute
kommt, wollte ich sicher gehen, dass wir so weit wie möglich vorankommen."
„Miss Patil kommt heute?" fragte Snape, abgeschreckt. Eine rosafarbene
Tönung für seinen Tag; das war genau das, was ihn perfekt macht.
„Nun, sie hat es nicht gesagt, aber ich wäre überrascht, wenn sie nicht
käme." Hermine sah zu ihm auf. „Sie ist schließlich mit Oliver Wood verheiratet
und er wird ganz sicher hier sein. Ich habe einfach angenommen, dass sie ihn
begleitet; das ist doch gar nicht so abwegig."
„Nein, wahrscheinlich nicht, Miss Granger." Snape runzelte die Stirn als
Hermine ihn anstarrt. Was hatte er jetzt wieder getan? Nach seinem Dafürhalten
war das eine freundliche Bemerkung gewesen.
„Helfen Sie mir, Professor, oder wollen Sie einfach nur so rum stehen?" kam
die bissige Frage. Jetzt wusste Snape, dass er etwas angestellt hatte, aber was
... dann blitzten Erinnerungen von heftigem Verlangen nach Schokolade und
Tränen in ihm auf. Vielleicht - nun, vielleicht. Er beschloss, das Rückzug die
klügere Alternative war.
„Ich habe Pflichten zu erfüllen, Miss Granger. Ich werde Sie zweifellos
später sehen." Er fegte aus dem Labor,
distanzierte sich selbst von
weiblichen Hormonen; er hatte genug davon gehabt, das reichte für den Rest seines
Leben. Er meinte Hermine fluchen zu hören als er sie verließ, aber er war nicht
sicher; wenn er sich allerdings richtig erinnerte, wäre es zu dieser Zeit des
Monats absolut möglich.
Für eine Stunde oder so schlenderte er in den äußeren Bereichen des
Schlosses umher, vermied die mehr bevölkerten Bereiche, schaute finster und
ließ seine schlechte Laune an jedem Schüler aus, der unglücklicherweise die
schlechte Idee gehabt hatte, eine Abkürzung nehmen zu wollen. Zweifellos würde
das die Schullegenden um den vampirartigen Potions Master vermehren, aber so
lange es ihm etwas von seiner Frustration und Irritation nahm, kümmerte ihn das
nicht sehr. Im Grunde genommen konnte alles, was die Abneigung und Furcht der
Schüler ihm gegenüber vermehrte, nur gut sein, denn es bewirkte eine
Verstärkung ihrer Aufmerksamkeit während seiner Unterrichtsstunden.
Irgendwann musste jedoch sogar er aufhören umherzuwandern und durch düstere
Korridore bewegte er sich in Richtung des Schlosstores. Dumbledore würde
zweifellos nach ihm suchen um sicher zu gehen, dass er sich nicht von dem Spiel
ausschloss; noch schlimmer: er könnte McGonagall oder diesen Idioten, Queroz,
losschicken um ihn zu suchen.
Einige Treppen später - einige co-operativer als andere - war Snape
widerstrebend in der Eingangshalle des Schlosses eingetroffen. Samstag morgens
herrschte an diesem Ort immer ein geschäftiges Treiben, die älteren Schüler
kamen und gingen nach Hogsmeade und die jüngeren Schüler trödelten planlos
umher und schwatzten.
Dieser Morgen jedoch ließ alle anderen Samstage wie ein Hort der Ruhe und
Beschaulichkeit erscheinen. Das Geschnatter fiel Snape's Ohren schon einige
Treppen darüber an, schwoll an und ab in einem Durcheinander von Tonlagen und
Lautstärke, vermischte sich zu einer unvergleichlichen Kakophonie, als
Quidditch Spieler und ihre verschiedenen Anhänger alle gleichzeitig versuchten
sich über die Neuigkeiten des letzten Jahrzehnts auszutauschen und das alles in
kürzester Zeit. Potter, Weasley, Wood, noch mehr Weasleys und andere, weniger
berühmte ehemalige Schüler, alles redete durcheinander. Er biss die Zähne zusammen
und schritt nach unten.
Snape's Ankunft in der Halle hatte kaum Auswirkungen auf den Lärm;
zugegebenermaßen ließ die Lautstärke in seiner unmittelbaren Nähe nach, während
er sich einen Weg zum Lehrerzimmer bahnte, das am anderen Ende der Halle lag; er
suchte eine Zuflucht, oder etwas, das dem nahe kam an einem Tag wie heute. Hinter
ihm setzte das übliche Geflüster ein, als die ehemaligen Schüler zu dem Schluss
kamen, dass er sich überhaupt nicht verändert hatte. Dummköpfe; warum sollte er
sich verändert haben? Es verblüffte ihn immer wieder aufs Neue, dass seine Schüler zu erwarten schienen, der
Niedergang von Voldemort hätte aus ihm so etwas wie einen Albus Dumbledore oder
etwas ähnlich absurdes machen müssen.
Betroffen dachte er plötzlich, dass Hermine diesen Fehler eindeutig nicht
gemacht hatte. Vielleicht lag es an der sporadischen Korrespondenz im Laufe der
Jahre, oder, wahrscheinlicher, es lag daran, dass sie ihn sehr viel besser
kannte als ihre Mitschüler. Es gab kein ‚vielleicht', dachte er, während er
sich durch die Menge arbeitete. Als er die Tür des Lehrerzimmers erreichte war
er zu dem Ergebnis gekommen, dass, bei allem was Miss Granger wusste, es nicht
überraschend war, dass sie keinerlei Veränderungen bei ihm erwartete.
Er hatte bereits die Hand auf dem Türgriff des Zimmers um es zu öffnen, als seine Glückssträhne zuende ging.
„Professor?"
Er hatte gehofft, dass Hermine sich geirrt hatte, hatte gehofft weder das
Pink zu sehen noch diese brüchige
falsche Fröhlichkeit zu hören.
„Ms Patil," stellte er fest.
„Ich würde gerne sehen, was Sie bisher entwickelt haben; Sie haben doch an
der Pflegeserie gearbeitet, oder?"
Sie hatte eindeutig jede Angst oder Abneigung mit ihm zu sprechen,
überwunden, eindeutig. Ambitionen - oder vielleicht war es eher Habgier - ließ
so manches überwinden. Sehr schade. Diese Unterhaltung war das Letzte was er
wollte, besonders hier, wo jeder zuhören konnte und jetzt - oder später - Ms
Patil fragen konnte, worüber sie genau mit dem fürchterlichen Professor Snape
gesprochen hatte.
„Ich schlage vor, Sie gehen hinunter in den Laborbereich, Ms Patil. Ich
glaube, Miss
Granger ist gerade noch dort am
arbeiten. Sie kann all Ihre Fragen beantworten. Guten Tag."
Er öffnete die Tür und schlüpfte hinein bevor sie Gelegenheit hatte zu
antworten. Er fühlte kaum Gewissensbisse dafür, dass er sie hinunter zu Hermine
geschickt hatte; letztendlich, fand er, hatte Hermine dies alles ins Rollen
gebracht. Außerdem hätte sie jetzt ein brauchbares Objekt, an dem sie ihre
schlechte Laune auslassen konnte, wenn sie in der Stimmung war, an die er sich
erinnerte, zusammen mit Tränen und einem heftigen Verlangen nach Schokolade.
Teil 11 - 11. Dezember
Hermine stellte den Glaskolben etwas heftiger als
beabsichtigt auf den Arbeitstisch. Das
Wochenende, das, alles in allem, ziemlich angenehm zu werden versprach, war
dabei, sich in ein einziges Ärgernis zu verwandeln.
Es hatte schon am vorherigen Tag mit dem
frühmorgendlichen Zusammenstoss mit Snape begonnen. Es war nicht so, dass er
irgendetwas untypisches getan hätte. Bei
weitem nicht! Er war herein gerauscht,
hatte ihre Arbeit begutachtet, als ob er es mit etwas sehr unsicherem und
hochexplosivem zu tun hätte, moserte etwas herum und verabschiedete sich
schleunigst als er mit dem Ansinnen, einen konstruktiven Beitrag zu leisten,
konfrontiert wurde.
Nichts Überraschendes also.
Wenn man aber von der Tatsache ausging, dass er derjenige
war, der sich so verdammt anstellte, wenn es um die Heiligkeit seiner
Entwicklungen ging, dann sollte man annehmen, dass er sich etwas mehr dafür
interessierte. Sie wunderte sich müde, warum sie jemals zugestimmt hatte,
hierher zu kommen. Am meisten wunderte sie sich über ihre geistige Umnachtung
die sie hatte glauben lassen, das Snape eine zugängliche oder sogar
hilfsbereite Seite hatte.
Ein Punkt war der zu erwartende Besuch von Parvati Patil.
Hermine hatte absolut keinen Zweifel daran, dass Snape sie hinunter in die Kerker
geschickt hatte um sich nicht mit ihr abgeben zu müssen. Ihre
Ex-Klassenkameradin - der Ausdruck ‚Schulfreundin' wurde zunehmend zu einer
Übertreibung - war angekommen, als Hermine für den Tag Schluss machen wollte
und sich auf den Nachmittag freute, an dem sie sich mit ihren Freunden in den
Drei Besen treffen wollte. Parvati hatte genaueste Erläuterungen und Proben der
wichtigsten bestellten Artikel verlangt, zusammen mit einem Entwurf der
vorgeschlagenen Herrenserie und war in keiner Weise von der Idee beeindruckt,
dass Hermine ihre Freizeit lieber woanders verbringen würde.
„Ach, du kennst die Jungs," sagte sie leichthin. „Sie
werden den ganzen Nachmittag nur über Taktik und Spiele und solches Zeug reden.
Am besten lassen wir sie alleine und kommen hiermit voran."
Erst die Abendessen Glocke stoppte die unerbittliche
Befragung. In der Grossen Halle angekommen, flatterte Parvati hinüber zu Oliver
Wood - „Ollie, Liebling ..." - und überließ Hermine einem grausigen Kopfschmerz
und einem Gefühl, welches sich nicht viel von dem unterschied, dass sie nach
den Befragungen durch das Ministerium nach dem Fall von Voldemort hatte.
Snape hatte bereits am Lehrertisch Platz genommen. Sie
ignorierte ihn völlig und setzte sich neben Peregrine Queroz, der, kaum dass sie
saß, anmerkte, dass sie müde aussah, dass sie offensichtlich zu angestrengt
arbeitete, sie eine Pause brauchte und dass sie ihm unbedingt versprechen müsse
zu dem Quidditch Spiel am nächsten Tag zu kommen. Falls Snape darüber verstimmt
war, so achtete sie sorgfältig darauf, es nicht zu bemerken.
Und sie war da, an diesem Sonntag Nachmittag im Dezember;
warm eingepackt wartete sie darauf, dass das Spiel begann. Nach allgemeiner
Übereinstimmung waren alle Besucher in der Tribüne der Mitarbeiter platziert
worden. Es war nicht so, dass sie nicht mit ihren alten Häusern hätten sitzen
können, aber die zehn Jahre zwischen 18 und 28 sind besonders lange Jahre,
besonders für eine Generation, die in der Zwischenzeit in einem Krieg gekämpft
hatte. Sie war gerade erst angekommen;
der Morgen war angefüllt gewesen mit Arbeit und der Wut darüber, das
augenscheinlich auch heute „Pflichten" Snape davon abhielten einen brauchbaren
Beitrag zu leisten. Seine Abwesenheit bedeutete, mal wieder, dass für mehr als
kurze Umarmungen und "Hallos" mit Harry und Ron keine Zeit war.
Natürlich wusste sie aus langjähriger Erfahrung, dass
eine vernünftige Unterhaltung mit ihren Freunden am Morgen eines Quidditch
Spieles nicht zu erwarten war. Aber das war kein Grund, Snape nicht die Schuld
an dieser Situation zu geben.
Wie das Glück - oder etwas anderes - es wollte, war die
erste Person, die sie sah nachdem sie die Tribüne erklommen hatte, der Meister
der Zaubertränke höchst-persönlich, der in der Reihe hinter Albus Dumbledore
und Minerva McGonagall saß. Er fiel auf, weil er erstens einer der wenigen
Mitarbeiter war, der nicht mitspielte und zweitens, weil der einzige freie
Platz auf den Bänken, der, direkt neben ihm
war. Tatsächlich hatte man den Eindruck, dass der Rest der Mitarbeiter sich
ziemlich zusammendrängte, um nicht in seinen persönlichen Umkreis zu geraten.
Seufzend machte sie sich auf den Weg. Umherschauend
entdeckte sie die vertrauten roten Köpfe von Fred und George Weasley. Fred
verdrehte seine Augen in Richtung Snape und George machte fröhlich Kopf-ab
Gesten. Zurück lächelnd drückte sie sich an einer weiteren sitzenden Person
vorbei, gekleidet in einen schwarzen Umhang,
aber sofort erkennbar an dem kirschroten Fellkragen und dem passenden Hut. Eine
zarte in scharfes Pink gekleidete Hand legte sich auf ihren Arm, als sie sich
vorbeischob.
„Hermine, Liebling, wie geht die Arbeit voran?" Bist
Du sicher, dass Du es Dir leisten kannst, hier zu sein? Schwang deutlich in
ihren Worten mit.
Ihr Lächeln wurde gekünstelt.
„Ich komme gut voran, Danke." Was ich Dir
nicht zu verdanken habe, sagte sie in Gedanken zu Snape's Hinterkopf.
Als sie sich neben ihm niedergelassen hatte, ließ ihre
Beachtung seiner Person mehr als zu wünschen übrig. Sie richtete den Blick
geradeaus, um das Spiel zu genießen und ignorierte Snape so gut als möglich. Sie
fühlte eine Bewegung neben sich, fast so, als ob Snape sich anschickte, sie
anzusprechen, aber falls er irgendetwas sagen wollte, so ging es unter in dem
Gejohle als das „Old Boys" Team aus ihren Umkleideräumen geflogen kam.
Die Aufstellung war in vielerlei Hinsicht überraschend. Offensichtlich
hatte man sich bemüht, jedes Haus gleichermaßen zu berücksichtigen. Oliver Wood
und Ginny und Ron Weasley repräsentierten Gryffindor. Sie sah Cho Chang und
Roger Davies von Ravenclaw und Jonas Summerby und Zacharia Smith von
Hufflepuff. Slytherins waren nicht dabei. Das Slytherin Haus hatte die
schwersten Verluste während des Krieges zu erleiden; viele der besseren Spieler
waren tot, oder, so wie Draco Malfoy, einfach verschwunden.
Sie fragte sich kurz, was Snape dabei empfand. Neben sich fühlte sie eine weitere Bewegung
und dann hörte sie ihn flüstern.
„Ein Team von Suchern. Wie inspirierend."
Damit können wir sentimentale
Regungen von Bedauern wohl ausschließen.
Aber es stimmte schon, dass viele der Spieler nicht ihre
alten Schulpositionen eingenommen hatten. Ginny war Sucher und Oliver Hüter. Zacharias
Smith blieb Jäger, spielte aber zusammen mit Cho und Summerby. Ron war zusammen
mit Roger Davis vom Hüter zum Treiber
geworden .
Beim Anblick ihrer alten Schulkameraden auf dem Quidditch
Feld kämpfte sie gegen eine merkwürdige Melancholie an, als
ein zweites Gebrüll die Mitarbeiter Mannschaft ankündigte. Die Namen der
Spieler waren geheim gehalten worden und hatten natürlich zu
allerlei Spekulationen geführt. Sie war aus mehreren Gründen überrascht, dass
Snape nicht spielte; sie wusste, dass
er sehr sicher auf dem Besen war und versiert was die Regeln anging. Wahrscheinlich
hatte seine Mitwirkung mehr mit der Rivalität zwischen den Häusern als mit
generellem Interesse zu tun. Oder es hatte mit der Abwesenheit von Slytherins
beim gegnerischen Team zu tun.
Das Mitarbeiter Team drehte jetzt eine Runde über dem
Feld. Hyacinth Hooch führte das Team an, was niemanden überraschte, und spielte
Treiber. Hermine hatte den Eindruck, dass sie vor der Mitarbeiter Tribüne kurz
verhielt und fragte sich - das erste Lachen des Tages
unterdrückend - ob Hooch immer noch versuchte, mit Snape zu flirten; sie musste
sich zwingen, nicht zu Snape zu schauen um seine Reaktion zu beobachten. Neben
Hooch flog der andere Treiber, Professor Vector, gefolgt von drei Jägern,
Professor Sinistra und Queroz und, sehr zu Hermines Erstaunen, Madam Pince, die
Bibliothekarin. Professor Sprout nahm ihre Position als Hüter ein und über
allen schwebte der kleine Professor Flitwick, als Sucher des Teams. Als er an
der Mitarbeiter Tribüne vorbeiflog, suchte Peregrine Queroz ihren Blick und sie
hätte schwören können, dass er ihr zuzwinkerte.
Der Lärm beruhigte sich etwas und die Stimme des
Kommentators war zu hören.
„Und jetzt, meine Damen und Herren," - es war Lee Jordan,
wurde Hermine plötzlich bewusst - „ich bitte um Applaus für unseren außerordentlichen,
berühmten Schiedsrichter" - neben ihr hörte sie ein Schnauben - „Mr .... Harry
..... Potter!"
Die Tribünen brachen in Beifall aus als Harry in die
Arena flog. Er hatte den Anstand, dachte Hermine, wegen der Ankündigung und
wegen der Reaktion der Menge, irgendwie
peinlich berührt auszusehen. Falls Snape weitere Kommentare von sich gab, so
gingen sie im Lärm unter.
Harry flog in die Mitte des Feldes, den Quaffel in der
Hand. Er sprach einige Worte zu Madam Hooch und Oliver Wood, dann warf er den
Quaffel in die Luft und blies in seine Pfeife.
Die Mitspieler waren fast so interessant, wie das Spiel
selbst, überlegte sie. Sie war die Auswirkung gewöhnt,
die es auf Leute wie Ron und Ginny hatte, aber hier brachte es Seiten der
Lehrer zum Vorschein, die sie vorher nie gesehen hatte, sogar wenn man ihren
ungewöhnlich engen Kontakt berücksichtigte.
Madam Pince, zum Beispiel, hatte einen versessenen,
geradezu räuberischen Gesichtsausdruck
als sie geschickt ihren Besen manövrierte, den Quaffel fing und ihn weiter an
Sinistra oder Queroz warf und dabei Cho oder Jonas oder Zacharias auswich, die
sich bemühten sie zu stoppen. Flitwick bewegte sich fast so schnell wie der
Snitch selber und Hooch spielte als Treiber so hart, dass Hermine anfing, in
ihr eine verkappte Slytherin zu vermuten. Ganz eindeutig wurden weder Vorteile
gewährt noch erwartet.
Aber der Star des Spieles, aus Hermines Sicht, war
Peregrine Queroz. Ihre Augen folgten ihm über das Spielfeld, wie er sich duckte und abtauchte und auswich,
prächtig in seinem Quidditch Umhang, die sonst verborgene Sportlichkeit nun gut
sichtbar. Ein schneller Blick über die Tribünen zeigte ihr, dass sie nicht die
einzige Frau war, die diesen Anblick genoß; quer durch alle Häuser wurde er von
vielen Mädchen aufmerksam beobachtet. Für einen Moment vergaß sie Parvati Patil
und den schlechtgelaunten Mann neben sich und genoß die reine Freude jemandem
bei etwas zuzusehen, dass er wirklich gut beherrschte. Es störte nicht, dass
dieser jemand sowohl ziemlich attraktiv als auch äußerst charmant war.
Sie applaudierte wie wild als Queroz sein viertes Tor
erzielte und damit den Punktestand auf 80-40 für das Lehrerteam brachte.
Harry fing an, genauso erhitzt wie die Spieler auszusehen
als er den Spielaktionen folgte, und Hooch und Vector mehr als einmal ein Foul
zurief. Über ihm hatte Ginny ihre liebe Mühe mit Professor Flitwick, dessen
Größe ein Vorteil war, den er auszunutzen wusste. Wie auch immer, es war Ginny,
die den Snitch zuerst sah und ihm ganz einfach so schnell sie konnte hinterher
jagte. Flitwick entdeckte ihn eine Zehntelsekunde später, aber diese
Zehntelsekunde war alles was Ginny brauchte. Das und ein rücksichtsloses
Abdrängen ihres alten Professors für Zaubersprüche gab ihr die Zeit die sie
brauchte, ihre Hand um den Snitch zu legen und damit das Spiel 190 to 80 für
die „Old Boys" zu entscheiden.
Ohrenbetäubender Lärm erfüllte das Spielfeld, auch wenn
die Schüler ihren Spaß an einem harten Quidditch Spiel hatten, was ihnen wirklich gefiel,
war, ihre Lehrer verlieren zu sehen.
Vor Hermine stand Albus Dumbledore auf. Sofort wurde es
still. Hermine konnte nicht erkennen, ob das ein Zauberspruch oder seine
machtvolle Ausstrahlung hervorrief. Sowohl als auch, vermutete sie. Ein
Zauberstab berührte die Kehle des Schulleiters und machte seine Stimme für
jeden hörbar.
„Meine Damen und Herren, das war eines der besten Spiele,
die diese Schule erlebt hat. Es gibt nur eins, was nach so einem Ereignis
folgen kann." Er machte eine dramatische Pause. „High Tea in der Großen Halle."
Dieses Mal war der Jubel von dem Geräusch stampfender
Füße begleitet, die über die Bänke stiegen und die Treppen hinunter in Richtung
des Schulgebäudes donnerten.
Hermine hatte keine große Lust in der Menge mitgeschoben
zu werden - es war nicht zu befürchten, dass es etwas später nichts mehr zu
Essen gab - und so beschloss sie zu warten, bis der größte Ansturm vorbei wäre.
Dumbledore und McGonagall gingen an ihr vorbei - wahrscheinlich um so etwas wie
Ordnung in den Horden zu verbreiten, dachte sie - und es wurde ruhiger. Wenn
sie überhaupt darüber nachgedacht hätte, hätte sie angenommen, dass Snape
ebenfalls gegangen war, und daher erschrak sie, als er neben ihr aufstand.
„Professor," sagte sie um ihre Überraschung zu verbergen,
„ich dachte, Sie wären inzwischen schon unten in der Großen Halle."
„Wirklich," sagte er kurz. „Bedenkt man, dass ich auf dem
Schulgelände nicht apparieren kann und dass Sie mir im Weg sind, frage ich
mich, wie ich das hätte zustande bringen sollen."
Sein Ton entfachte ihren Ärger aufs Neue, nicht, dass er
wirklich verschwunden gewesen wäre.
„Sie hätten über die Sitze steigen könne," schlug sie
scharf vor.
„Ich klettere nicht über Möbel wie irgendeine Affenart, Miss Granger," antwortete er.
Das war alles, was sie noch brauchte. Sie drehte sich zu ihm um, Hände in die
Hüften gestemmt.
„Wie lange soll das so weiter gehen?" verlangte sie zu
wissen.
„Wie lange soll was so weiter gehen?"
„Dies." Sie machte eine weit ausholende Bewegung. "Also -
vor vier Tagen war ich "Hermine". Jetzt heißt es „Miss Granger" und „Professor
Snape" als ob ich eine Deiner Schülerinnen wäre." Sie sah, wie er bei ihrem Ton
blinzelte. Sie fuhr fort, getrieben von Frustration und Verwirrung. „Du bist
derjenige, der ein riesiges Theater um Deine Arbeitsabläufe macht und darum,
was Deins ist. Wann wirst Du kommen und wirklich etwas arbeiten anstatt nur
hinein und heraus zu schweben und sarkastische Bemerkung zu machen? Wir haben
einen engen Abgabetermin, falls Du Dich erinnerst, und der einzige Grund weshalb
ich hier bin, ist, dass es das einfacher für uns macht," sie
betonte das Wort, „ diesen Termin
einzuhalten."
Sein Gesicht wurde starr.
„Das Semester ist noch nicht vorbei. Ich habe ein Haus
voller Schüler, für die ich verantwortlich bin. Ich habe Unterricht abzuhalten und Hausarbeiten zu korrigieren. Ich
muss Strafarbeiten überwachen und habe andere allgemeine schulische Pflichten. Verzeihen
mir, dass ich nicht auf Deinen Abruf hin bereit stehe und mich zwischendurch
zur Stelle melde."
Sie atmete tief ein und biss die Zähne zusammen. Von irgendwo aus den Tiefen ihres Gedächtnisses kam die
Erinnerung an seine Angewohnheit sie zu attackieren, sie wütend zu machen und
damit von dem Punkt, um den es ihr eigentlich ging, abzubringen. Diesmal nicht,
Severus, dachte sie.
„OK, ich sehe ein, Du bist beschäftigt. Aber das erklärt
noch nicht, warum Du meinen Namen nicht benutzt." Sie versuchte ein Lächeln. Es
fühlte sich gezwungen an. „Und es ist unangenehm für mich Dich wieder Professor
Snape zu nennen nach all den Jahren."
Sie konnte nicht den Funken einer Erwiderung entdecken.
„Ich werde in der Großen Halle erwartet." Er stürmte an
ihr vorbei. „Ich bitte mich zu entschuldigen."
Sie sah ihm nach und unterdrückte den Wunsch laut zu
schreien. Diesmal hatte er sie gar nichts genannt. War das jetzt besser oder
schlechter.