von Demetra
Über Euer Feedback freut sich: Demetra
Disclaimer:
JKR.
Anmerkungen:
Dies sollte eigentlich eine reine NC-17 - Sache werden, aber ich kann einfach
ohne Dramatik nicht leben… ;o) Bitte reviewt fleißig, wenn Euch das hier
gefallen hat!!!!!!
Die
Bücher in der verbotenen Abteilung waren eine trotzige, ledergebundene Sammlung
der dunkelsten Geheimnisse der Zauberwelt. Viele Schüler von Hogwarts hatten
auf die eine oder andere Weise versuchte, sich Zugang zu dem dort gelagerten
Wissen zu verschaffen, doch diese Versuche gelangen selten. Severus Snape, der
zwischen den turmhohen Regalen stand und den Blick über die Rücken der Bücher
gleiten ließ, hier und dort einen Titel entzifferte, dessen Goldschrift schon
lang verblichen war, hatte es vor Jahren einmal geschafft. Damals war er in seinem
letzten Schuljahr und bereits unter dem Bann des Mannes gewesen, dessen Namen
damals schon niemand auszusprechen wagte. Für ihn hatte er eines Nachts drei
Bände gestohlen and sie hinaus in den verbotenen Wald gebracht, wo Voldemort
ihm auf seine Weise gedankt hatte - er hatte ihn nicht getötet, was zu dieser
Zeit und nun wieder einen Glücksfall darstellte.
Über
Snapes Gesicht flog ein unfrohes Lächeln. Natürlich war es Dumbledore
aufgefallen und er hatte ihn zur Rede gestellt. Die Enttäuschung des alten
Mannes hatte ihn damals stärker getroffen, als er erwartet hatte. Doch
Dumbledore hatte ihn nicht etwa verraten oder der Schule verwiesen, sondern ihm
beschieden, er solle seinen eigenen Weg gehen. Doch wenn er bereit sei,
zurückzukehren, werde für ihn stets eine Tür offen stehen. Irgendwann, Jahre
später, hatte er dieses Angebot angenommen. Vielleicht zu spät. Alles an ihm,
was einst jung und rein gewesen war, war längst verdorrt wie ein alter Ast.
Abgestorben.
Nach
längerem Suchen fand er das Buch, das er gesucht hatte, in der hintersten Ecke
des Raumes, falsch eingeordnet. Es war völlig verstaubt, was vermuten ließ, das
es sehr lang dort gestanden hatte. Die geierartige Bibliothekarin, die stets
auf absolute Reinlichkeit bedacht war, musste es wohl übersehen haben. Seine
Überlegung, sie wegen ihres Vergehens anzusprechen, verwarf er wieder, während
er kurz durch die vergilbten Seiten blätterte. „Gifte des Mittelalters" war von
1835, doch die magische Tinte leuchtet unverändert deutlich. In einer ihm unbekannten
Handschrift waren dem Text knappe Vermerke in roter Farbe zugefügt, so als sei
das Buch in privatem Besitz gewesen und dann der Bibliothek zur Verfügung
gestellt worden. Ein Blatt Papier fiel zu Boden und Snape hob es auf. Es war
leer, und dennoch hatte er das Gefühl, als gehöre es in irgendeiner Weise zu
dem Buch. Deswegen steckte er es zurück zwischen die Seiten und verließ dann
die Bibliothek, um sich in den Unterricht zu begeben.
Draußen
auf dem Flur erwartet ihn eine Schlägerei zwischen Draco Malfoys Gorillas
Crabbe und Goyle und zwei deutlich unterlegenen Hufflepuffs. Letzteren zog er
erst einmal ein paar Punkte ab, allein schon aus der Tatsache, dass er kein
einziges Haus leiden konnte außer Slytherin. Während seiner Schulzeit waren die
Hufflepuffs intellektuelle Spätzünder gewesen, die Ravenclaws Streber und
Schleimer und Gryffindor - nun, Gryffindor hatte Potter, Evans, Lupin und
Black. Das reicht ihm als Begründung. Mit einer Laune, die er für sich selbst
als gehoben definierte, machte er sich auf in Richtung des Kerkers.
***
Das
Abendessen hielt er wie immer so knapp wie möglich. Nach Albus Dumbledores
Demonstration von Gemeinschaftssinn hatte er an diesem Abend, wie an vielen
anderen, kein Verlangen. Nachdem er die Tür zu seinen Räumen hinter sich
geschlossen hatte, atmete er auf. Die Last des Tages fiel von seinen Schultern,
als er seine Unterlagen im Wohnraum auf den Tisch legte und dann seine schwere,
schwarze Robe auszog.
In
Hemdsärmeln ging er zum Schrank, holte ein Glas und eine Flasche Rotwein heraus
und setzte sich dann hinter seinen Schreibtisch, um noch ein wenig zu arbeiten.
Den Stapel nicht korrigierter Arbeiten der zweiten Klasse schob er beiseite,
ebenso wie die Strafarbeiten der Herren Weasley und Potter. Sie waren ihm schon
tagsüber ein Dorn im Auge, da wollte er sich nur, wenn es unbedingt nötig war,
mit ihnen beschäftigen. Stattdessen zog er das am Nachmittag geholte Buch
hervor und vertiefte sich in die ersten Kapitel. Nichts machte ihm mehr Freude
als das Kombinieren von Zutaten, der Geruch frischer Kräutern und das
unheilvolle Blubbern in einem Kessel - aber nur, wenn dieser nicht in die Luft
flog wie bei manchen nervtötenden Zeitgenossen.
Mit
der einen Hand Notizen auf ein Blatt machend, fuhr er mit der anderen beim
Lesen auf den Zutatenlisten und Erläuterungen hinunter. Die Zeit verging, ohne
dass er es bemerkte und es war fast Mitternacht, als er das letzte,
beschriebene Blatt wegräumte und sich versucht sah, das Buch zu schließen und
schlafen zu gehen. Ein abschließender Gedanke kam ihm in den Sinn und er suchte
vergeblich nach einem leeren Zettel, um ihn niederzuschreiben. Der Zettel in
dem Buch fiel ihm ein und holte ihn hervor. Als er gerade die Rabenfeder, mit
der er zu schreiben pflegte, in die Tinte tauchte, fielen ihm zwei Worte ins
Auge, die am Nachmittag noch nicht auf dem Pergament gestanden hatte.
„Guten
Abend", hieß es dort und unter Severus Blick formten sich weitere
Buchstaben. Eine kleine, geschwungene Frauenhandschrift. „Seien Sie so gut, und antworten Sie mir." Verwundert ließ er die
Feder sinken, besann sich jedoch eines Besseren. Das Papier war offensichtlich
verzaubert und beherbergte, ähnlich wie bei Voldemort, dessen Geist in seinem
Tagebuch festgehalten worden war, ein Bewusstsein. Das versprach interessant zu werden.
„Wer sind Sie?" schrieb er. „Und wie
sind Sie in das Pergament gelangt?"
„Mein
Name ist Maeve Huntington. Und wie ich hier hinein geriet, ist eine lange
Geschichte.- Wer sind Sie, wenn ich fragen darf?"
„Severus Snape, Lehrer in Hogwarts", antwortete er laut und kam sich
wie ein Idiot vor, mit einem Stück Papier sprechen zu vollen. Er schrieb die Worte nieder und wartete
gespannt. Tatsächlich entgegnete die unsichtbare Frau:
„Das
ist eine Überraschung. Ich war selbst einige Jahre Lehrerin in Hogwarts, bis
ich starb. Ich hätte gedacht, dass dieses Schriftstück mit meinem Nachlass
irgendwo auf der Welt landet. Dass es in Hogwarts geblieben ist, freut mich
sehr."
„Ich fand es in einem Buch über mittelalterliche Gifte, das anscheinend
sehr lang niemand mehr gelesen hat."
„Das
dürfte erklären, warum mich niemand bisher in diesem Schriftstück entdeckt hat.
Ich habe sehr lange darauf gewartet, mit jemandem reden zu können. Anscheinend
hat man das Papier mit meinen Büchern
zusammen weggeräumt. Sagen Sie, welches Jahr schreibt man?"
„1997, nach der Zeitrechnung der Muggel."
Eine
längere Zeit geschah nichts. Severus wurde langsam unruhig.
„Dann
habe ich 152 Jahre lang gewartet", hieß es dann. Severus rechnete kurz
nach. Sie musste also 1845 gestorben sein, in einer Zeit, die man allgemein als
das viktorianische Zeitalter bezeichnete - wenn man nichtmagische Maßstäbe
anlegte. „Ich bin Ihnen sehr dankbar,
dass Sie mich entdeckt haben, sonst hätte ich noch einmal eine halbe Ewigkeit
festgesessen." Er hätte schwören könne, dass die Worte traurig klangen,
auch wenn die Schrift nichts davon ausdrückte.
„Ich bin mir noch nicht sicher, was
ich jetzt mit Ihnen tun soll", notierte er. „Am besten werde ich das Papier dem
Schulleiter übergeben."
„Wenn
Sie wünschen…. ."
Die
gesamte Schrift auf dem Blatt verschwand und er hatte den Eindruck, dass die
Person, die in dem Papier verschollen war, die Unterhaltung beendet hatte. Er
stand auf, leerte den Rest des Weins in seinem Glas mit einem Zug und ging dann
ins Bett. Am nächsten Morgen musste er unbedingt mit Dumbledore sprechen.
***
Irgendwann
in der Nacht erwachte er von einem leisen Geräusch. Er hatte keinen sonderlich
tiefen Schlaf und so genügte oftmals das Heulen des Windes um die kantigen
Mauern des Schlosses, um ihn keine Nachtruhe finden zu lassen. Das Feuer in
seinem Kamin war heruntergebrannt, von den prasselnden Flamme war nur noch ein
schwaches, rotgoldenes Glühen geblieben. Das Geräusch ertönte erneut und Snape
rollte sich blitzschnell aus dem Bett, um einen potentiellen Angreifer zu
überraschen. An seinem Schreibtisch saß eine junge Dame in einem weißen,
gefältelten Kleid, die das Kinn in die Faust gestützt hatte und ungeniert seine
Unterlagen las.
„Was machen Sie hier?" herrschte er
sie an. Sie hob den Blick, musterte ihn amüsiert aus dunkelgrauen Augen und
erhob sich anmutig.
„Entschuldigen Sie, Professor
Snape", sagte sie und nickte zur Begrüßung leicht mit dem Kopf. „Ich wollte
nicht so unversehen in Ihre Träume eindringen, aber ich konnte es nicht mehr
erwarten, mich zu unterhalten."
Mit
einem Mal ging ihm auf, wer sie war.
„Dies ist mein Traum?" erkundigte er
sich in unvermindert unfreundlichem Tonfall. „Dann sollten Sie schnellstens
verschwinden, bevor ich mich entschließe, ein bestimmtes Blatt in eine Kerze zu
halten."
Maeve
Huntington wirkte immer noch amüsiert.
„Auch wenn dies ein Traum ist, Sir,
so fühle ich mich von einem Mann in Unterhosen nicht im Geringsten bedroht."
Fast wäre es ihr gelungen, ihn in Verlegenheit zu stürzen. Für eine
wohlerzogene junge Dame des vergangenen Jahrhunderts war sie sehr direkt. Nach
näherer Überlegung jedoch sagte sich Severus, dass dies sein Traum war und er
darin schließlich tun konnte, was er wollte, nun, da er es wusste. Und
tatsächlich, er musste nur einen Gedanken daran verschwenden, und er trug
wieder seine Alltagsgarderobe. Doch das Frauenzimmer verschwinden zu lassen,
erwies sich als schwieriger, als es mit einem Gedanken zu bewerkstelligen war.
Maeve lächelte ihn mit unvermindertem Liebreiz an. Die altmodische Kleidung
ließ sie aussehen wie ein Engel, der sich zufälligerweise in die Höhle des
Löwen verirrt hatte. „Ich sehe, Sie haben verstanden. Sie können hier alles
tun, was Ihnen beliebt."
„Ich will Sie loswerden. Schließlich
befinden Sie sich in meinem Kopf!" Er machte einen drohenden Schritt auf sie
zu.
„Das ist nicht wahr. Ich komme zwar durch
meine wenigen verbleibenden Kräfte hierher, doch ich kann weder Ihre Gedanken
lesen noch etwas verändern. Dazu sind nur Sie fähig, Professor. Und ich bitte
Sie inständig, lassen Sie mir dieses Stück Realität." Ihre Augen blickten
traurig, doch irgendetwas sagte ihm, dass sie genau wusste, welche Karten sie
auszuspielen hatte, um ihn herumzukriegen. Sie war sehr hübsch mit ihren
halblangen, leicht gelockten dunkelbraunen Haaren, in denen im Schein des
Feuers Funken von Rot sprühten - das musste er zugeben.
„Dies ist meine Privatsphäre!"
beharrte er.
„Sie muss es nicht sein. Wenn Sie
wollen, können Sie mir Hogwarts zeigen, wie es heute aussieht. Oder London.
Jeden Platz der Welt." Nun wirkte ihre Verzweiflung echt. „Ich war so lange im
Dunkeln, eingeklemmt zwischen zwei Buchdeckeln. Sie können sich das nicht
vorstellen!"
Auf
eine nicht beschreibbare Weise rührte sie ihn an. Mitgefühl zählte zwar zu
seinen eher unterentwickelten Tugenden, doch es war vorhanden. Er kannte es,
das Gefangensein in der eigenen Welt, auch wenn er das niemandem gegenüber
zugeben würde.
„Gut", entschied er ungehalten. „In
drei Nächten dürfen Sie wieder vorbeikommen."
„Danke", sagte sie leise und löste
sich dann in Luft auf.
***
Am
nächsten Morgen erwachte er zum ersten Mal seit Wochen ausgeruht und frisch.
Während er an den Baldachin seines Bettes starrte, fragte er sich, ob dies
nicht wiederum ein Traum war, doch als er schließlich aufstand, war er allein.
Die Schriftrolle lag so, wie er sie gestern verlassen hatte, auf dem Tisch und
empfing ihn mit einem „Guten Morgen". Wie als wenn es schon Gewohnheit geworden
wäre, griff er zur Feder und erwiderte den Gruß. Während er sich anzog,
„unterhielt" er sich weiter mit Maeve, die sich höflich nach seinem Tagesablauf
erkundigte und sich noch einmal für ihr Verhalten in der vergangenen Nacht
entschuldigte.
„Ich werde heute mit Dumbledore sprechen",
unterrichtete er sie. „Vielleicht finden wir gemeinsam einen Weg, Sie aus
dieser misslichen Lage zu befreien."
„Ich
wünschte, es ginge so leicht. Mein Körper ist mehr als ein Jahrhundert tot. Ich
wüsste nicht, was man tun könnte."
„Wir werden sehen."
„Was
unterrichten Sie eigentlich, Professor Snape?"
„Zaubertränke. Sie sind ziemlich
neugierig."
Die
Schriftrolle erklärte:
„Das
ist ja ein Zufall."
„Warum?"
„Ich
habe auch Zaubertränke unterrichtet. Ist das Klassenzimmer immer noch unten im
Kerker?"
„Ja. Die Atmosphäre ist recht…angenehm."
„Und
es hat Vorteile, dass man unter der Erde ist, falls mal ein Kessel in die Luft
fliegt. Zu meiner Zeit gab es einige Schüler, die absolut unfähig waren."
„Wie sind Sie eigentlich gestorben, Miss Huntington?"
„Dieses
Mal sind Sie sehr neugierig, Professor. Ich schlage vor, Sie gehen in den
Unterricht. Und vergessen Sie nicht, mich mitzunehmen."
„Ihr Wunsch ist mir Befehl, Miss",
sagte Severus, schrieb es jedoch nicht auf. Er rollte das Papier zusammen und
steckte es in die Innentasche seiner Robe. Jetzt, da er wusste, was in ihr
steckte, erzeugte der leichte Druck der Schriftrolle an seinem Körper ein
seltsames Gefühl. Seltsam, aber nicht unangenehm.
***
Wie
er erwartet hatte, war Dumbledore von Maeve Huntington entzückte. Besser gesagt
von der sprechenden Schriftrolle mit ihrem Geist. Severus kam sich ein wenig
wie ein Ausgestoßener vor, als Dumbledore mit Elan auf das Pergament schrieb
und hin und wieder in Kichern ausbrach, als er eine Antwort erhielt.
„Herrgott, Severus, das ist ja ganz
außergewöhnlich", sagte der Schulleiter schließlich und strich sich bedächtig
durch den silberweißen Bart. „Damit ist ein dunkles Geheimnis unserer Schule
endlich gelüftet. Glückwunsch dazu!"
„Dunkles Geheimnis?" Er konnte sich
nicht vorstellen, was Dumbledore damit meinte. Eine Erklärung folgte prompt.
„Vor etwas mehr als 150 Jahren wurde
die Leiche von Miss Huntington in ihrem Büro gefunden. Niemand konnte sich
erklären, was geschehen war. Bis jetzt."
„Sie hat Ihnen erzählt, wie sie zu
Tode gekommen ist? Mir hat sie das verweigert!" Severus war fast ein wenig
beleidigt. Dumbledore wirkte verlegen und starrte auf die Schriftrolle, so als
warte er auf eine Reaktion.
„Oh, eine ziemlich delikate Sache",
murmelte er schließlich. „Tragen Sie es mit Fassung, Severus. Darf ich
annehmen, dass Sie sich Miss Huntingtons annehmen?"
„Sie können Sie gern behalten", bot
Severus dem Schulleiter an, der tadelnd den Kopf schüttelte.
„Na, mein Freund, Maeve ist kein
Hund, der den Besitzer wechselt. Sie scheint Sie zu mögen, das entnehme ich
zumindest ihren Aussagen. Vielleicht ist das der Beginn einer wunderbaren
Freundschaft!?"
Severus
war froh, Dumbledore nichts von Miss Huntingtons nächtlichen Besuchen erzählt
zu haben. Dann wäre den Worten „wunderbare Freundschaft" von ihm
hundertprozentig ein ganz anderer Klang verliehen worden. Eine hübsche Frau,
die nachts in seinem Kopf herumspukte, ließ wenig uneindeutige Schlüsse zu.
Missmutig
nahm Severus die Rolle entgegen und versuchte, dem Zwinkern hinter Dumbledores
halbmondförmigen Brillengläsern keine allzu große Bedeutung zu schenken.
***
„Ich hätte Sie nicht für sprunghaft
gehalten", lachte Maeve, als sie sich wieder in seinem Schlafzimmer
gegenüberstanden. Sie trug jetzt ein Kleid in einem dunklen Blau, das
hervorragend mit ihrem Haar kontrastierte „Sie sagten doch, Sie wollten mich
erst in drei Nächten sehen. Und nun haben Sie mich jetzt schon eingeladen."
„Nur, um einiges klarzustellen",
knurrte Severus. Den ganzen Tag über war er aus unerfindlichen Gründen an die
Decke gegangen und nun hatte er eine furchtbare Laune. Irgendwann am Abend
hatte er sich zugestehen können, dass ihn Miss Huntington
nervös
machte. Ihre spöttischen Augen schienen ihn zu verfolgen, was er auch tat und
außerdem hatte er sich hinreißen lassen, im Unterricht mit ihr zu „reden", was
in einer fürchterlichen Kettenexplosion von Kesseln bei den Zweitklässlern
endete. „Wenn Sie irgendetwas tun, um mich am Tag zu beeinflussen, sind Sie morgen
nur noch ein kleiner Haufen Schnipsel."
Maeve
zog eine Augenbraue hoch und verschränkte die Arme. Ihr Ausschnitt wurde
dadurch effektvoll in die Höhe gedrückt und Severus verlor für eine Sekunde den
Faden.
„Wissen Sie eigentlich, dass es
nicht gut für Ihr Herz ist, wenn Sie sich so aufregen? Obwohl es mir manchmal
so vorkommt, als seien einige Teile Ihres Körpers unterbeschäftigt."
„Werfen Sie mir Herzlosigkeit vor?",brauste
er auf. Maeve lächelte nur und lehnte sich an einen Tisch. Sie sah aus, als
wäre sie bereit, das begonnene Gefecht noch stundenlang weiterzuführen.
Unwillkürlich dachte Severus, dass hinter der mädchenhaften viktorianischen
Fassade eine Löwin steckte, kein Engel.
„Nein." Sie zog das Wort genüsslich
auseinander. „Eigentlich denke ich, dass auch Ihr Gehirn etwas schlecht
durchblutete sein muss." Severus war sprachlos. „Anstatt mir vorzuwerfen, Sie
verzaubert zu haben, sollten Sie einmal in sich hinein sehen und feststellen,
dass Sie so sehr nach menschlicher Gesellschaft gieren, dass Sie, wenn Sie sie
einmal haben, diese gar nicht akzeptieren können."
„Sie kennen mich knapp zwei Tage und
wagen es, mich mit Ihren sinnlosen psychologischen Erkenntnissen zu
konfrontieren?"
„Zwei reichen. Gute Nacht, Severus."
Und wieder verschwand sie.
***
Am
nächsten Tag geschah nichts. Keine Zeile. Nicht mal ein Wort. Was bezweckte sie
damit eigentlich? Irgendwann gegen Mittag kehrte er in sein Zimmer zurück und
starrte wieder nur auf ein leeres Blatt. Maeves Worte klangen ihm noch im Ohr. Menschliche
Gesellschaft? Er brauchte keine menschliche Gesellschaft. Und darüber hinaus
hatte sie gar nicht das Recht, sich als Mensch zu bezeichnen. Sie war nur ein
Schemen, mit dem 150 Jahre niemand mehr gesprochen hatte. Wer brauchte hier
menschliche Gesellschaft? Spontan entzündete er eine Kerze, die in einem
Leuchter auf seinem Schreibtisch stand und griff nach dem Pergament.
In
dem Moment, als er es so nah an die Flamme hielt, das er den ersten Brandgeruch
wahrnehmen konnte, zog er die Hand wie in einem Reflex zurück. Er konnte es
nicht. Der Gedanken, dass sie dann unwiderruflich fort sein würde, war
bedrückend. Er hatte schon getötet, sehr oft sogar, aber viele Male davon unter
Zwang. Dies hier wäre so etwas wie ein Mord. Und obwohl es ihm nicht gefiel,
was Maeve in seinem Leben anrichtete, wohnte doch noch genug Ehrgefühl in ihm,
um ihn daran zu hindern, sich erneut schuldig zu machen.
Er
entrollte das Papier und betrachtet stumm die geschwärzte Stelle an der Seite.
Sie hätte Dumbledore bitten können, dass er sich ihrer annahm, doch das war
nicht geschehen. Weil sie ihm in irgendeiner Form getraut hatte. Sie hatte ihn
ausgesucht, als ersten Menschen, mit dem sie seit einer derart langen Zeit
sprach. Wollte Zeit mit ihm verbringen. Es war bitter, denn jeder, der das
jemals gewollt hatte, hatte er bereut. Severus griff zur Feder.
„Ich entschuldige mich. Aber denken
Sie nicht, dass Sie Recht hatten."
***
Er
war in dieser Nacht der Erste, der die von Maeve geschaffene Traumwelt betrat.
Unruhig stand er am Kamin, die Hand gegen den Sims gepresst, den Blick auf die
Flammen gerichtet. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, während er beobachtete,
wie das Feuer das trockene Holz fraß und nur noch verbrannte Asche zurückließ.
„Sie wollten mich umbringen:" Er blickte
auf. Maeve wirkte sichtlich blass und angegriffen. Er hätte sich denken können,
dass seine unbedachte Handlung sie geschwächt hatte. Sie saß wieder in seinem
Schreibtischstuhl, nur diesmal beobachtete sie ihn anstatt irgendwelcher
Aufzeichnungen. Das machte ihn einmal mehr nervös.
„Ich schätze es nicht, auf
irgendeine Weise unter Druck gesetzt zu werden. Und ich schätze es überhaupt
nicht, dass Sie mich ohne Grund behandeln, als sei ich nicht da."
Maeve
verzog das Gesicht und seufzte. Ihre Verletzlichkeit überspielend, zuckte sie
betont fröhlich mit den Schultern.
„Tut mir leid. Sie haben mich wohl
vermisst, nicht wahr?" Das alte Blitzen kehrte in ihre Augen zurück. Severus
überhörte ihren neckenden Tonfall gelassen. Wenn er darauf reagierte, würde er
sich noch tiefer in ihre wirre Argumentationsweise verstricken. Typisch
weiblich. „Ich schlage Ihnen einen Waffenstillstand vor, Severus."
„Und seit wann nennen wir uns beim Vornamen?"
„Erschien mir als eine gute Idee für unseren
Neuanfang. Sie dürfen „Maeve" sagen, wenn Sie lieb sind."
„Dazu habe ich überhaupt kein Bedürfnis", konterte
er und verschränkte die Arme. Leicht würde er es ihr nicht machen. „Und wenn
Sie jetzt soweit wären?"
„Für was?"
„Ich werde Ihnen die Schule zeigen, Miss Huntington.
Auf dass diese Nacht schnell vorübergehen möge."
„Sie sind ein Gentleman", fauchte sie ungehalten,
stand auf und kam zu ihm herüber. „Wenn ich mich nicht fürchten müsste, von
Ihnen eines Tages im Altpapier entsorgt zu werden, würde ich… !!!"
Severus
blieb gelassen. Er mochte es, wenn man sich über ihn aufregte.
„Wollen wir, Miss Huntington?"
***
Seine
Feder kratzte über das Blatt vor ihm, auch wenn er wusste, dass es am folgenden
Tag nicht auf seine Schreibtisch liegen wurde. Aber zumindest prägte er sich
das Rezept dadurch ein und konnte es in der wirklichen Welt ausprobieren. Die
wirkliche Welt. Maeve stand in seinem Klassenraum in einer fleckigen
Arbeitsrobe und rührte vorsichtig in dem großen Topf, der in der Mitte des
Raumes auf einem Dreibein stand. Das Feuer schlug warm zu Severus herüber, der
sich mit den Ellbogen auf seinem Pult abgestützt hatte und seine Besucherin beobachtete,
wie er es von Zeit zu Zeit tat.
Sie
hatten sich nächtelang angefeindet, bis sie irgendwann von selbst darauf gekommen
waren, dass sie sich an dem Punkt treffen mussten, der in ihren Leben
übereinstimmte. Und das waren die Zaubertränke. Er war nur froh, dass es sie
Gehirn war, der die Umgebung kreierte, so konnte er verhindern, dass
irgendwelche Unfälle passierten. Andererseits konnte er sich nie sicher sein,
ob ein Trank, den sie hier zusammenmischte, auch in der Realität funktionieren
würde. Die Dinge, die geschahen, die sie sahen, entsprangen seinen Erfahrungen
und wenn etwas geschehen sollte, das er nicht erlebt hatte, manipulierte er die
Geschehnisse nach seinen Erfahrungen, auch wenn er sich bemühte, es nicht zu
tun. In gewissen Dingen stießen sie beide an eine Grenze, die er schaffte. Es
war absolut unbefriedigend. Und es war eben nicht die wirkliche Welt. Wo der
Körper von Miss Huntington seit 150 Jahren tot in einem Sarg lag.
„Ich habe zu meiner Zeit ein
Mischungsverhältnis 4:3:3:1 für den Trank angewendet, genau wie jetzt",
erklärte sie gerade und sah mit gerunzelter Stirn in den Topf. „Damals ist mir
das Ding um die Ohren geflogen."
Eine
unangenehme Stille trat ein. Severus fragte sich, wie sie mit der Perfektion
eines Uhrwerks stets das erkannte, was ihm auch gerade auffiel. Als Geist
musste man wohl einen guten sechsten Sinn haben. Wenn alle anderen schon
ausgefallen waren. Und apropos Sinne.
„Soll ich den Kessel für Sie
explodieren lassen?", erkundigte er sich möglichst gleichgültig. „Ein wenig
heißer Zaubertrank im Gesicht kann einen schlechten Tag nur noch schlechter
machen."
„Das bringt sowieso nichts. Ich
würde es nicht einmal fühlen."
Und
schon wieder diese seltsame Übereinstimmung ihrer Gedanken. Seit ein paar Tagen
beklagte sie sich darüber, dass sie weder schmecken noch riechen konnte, Dinge,
die ihr zu Anfang ihrer Besuche möglich gewesen waren. Er hatte diese Tatsache
registriert, doch als sie es jetzt noch einmal sagte, mit jenem unmerklichen
Zittern in der Stimme, hob er wie gebannt den Kopf und sah sie an. Sie waren
keine Freunde. Sie waren lediglich zwei Menschen, die zusammensitzen konnten,
ohne sich gegenseitig zu stören und es gelang ihnen sogar, miteinander zu
reden.
In
diesem Moment erkannte Severus, dass es mehr war als er jemals erwartet hatte,
wiederzufinden. Er hatte sich so sehr an die Einsamkeit gewöhnt, dass er die
Tatsche, dass sie durchbrochen worden war, zunächst gar nicht registriert
hatte. Und nun stand sie vor ihm und informierte ihn darüber, dass sie nichts
mehr fühlen konnte. Er konnte sehen, dass sie ebenso verstand, was mit ihr
geschah, wie er. Es hätte ihn nicht betreffen sollen. Doch das tat es.
***
„ Severus, Sie sehen so aus wie ein
Mann, der vor einer schweren Entscheidung steht."
„Albus, ich fühle mich wie ein Mann,
der nichts zu sagen hat."
„Aha." Schmunzelnd ließ sich der
Schuldirektor neben Severus am Frühstückstisch nieder. „Kaffee? Sie trinken
zuviel davon. Schlafen Sie nachts nicht gut?" Der Meister der Zaubertränke
konzentrierte sich auf das rhythmische Umrührten seiner Kaffeetasse. Warum kam
es ihm so vor, als wisse Dumbledore ganz genau, was während seiner Nächte
geschah? Der uralte Zauberer liebte es, rhetorische Fragen zu stellen, wenn er
sein Opfer schon längst in die Ecke getrieben hatte. „Wie geht es Miss
Huntington? Ich hoffe, sie ist bester Gesundheit!"
„Albus, Sie ist ein Geist!" Langsam
verlor Severus die Lust an der Unterhaltung. Es war nicht zu verhindern, dass
seine Stimme die Schärfe einer Klinge annahm. „Ein Schemen, der vergehen wird,
wenn ihre Magie nicht mehr ausreicht!"
„Wenn Sie damit sagen wollen, dass
Sie stirbt, so stimme ich Ihnen vollkommen zu." Albus Mienenspiel wechselte von
einer Minute zur anderen, die Falten auf seiner Denkerstirn fraßen sich tiefer
als gewöhnlich in seine Haut. Severus wurde es langsam unbehaglich, auch wenn
er nach außen hin ruhig blieb. Nichts gegen den gesunden Antrieb des
Schulleiters, Dinge auf den Punkt zu bringen. Doch manchmal übertrieb er es,
oder etwa nicht? Geister starben nicht. Sie verschwanden. Ebenso wie die Bilder
von Maeve Huntington, die ihn seit Wochen durch die Nächte führten, irgendwann,
in einer jener Nächte, aus seinem Kopf verschwinden würden. Er blickte auf und
direkt in Albus Augen, in denen ein seltsamer Ausdruck lag, den er kaum zu
beschreiben wusste. Es war Mitgefühl, Warnung oder Ratschlag darin, doch die
Worte dieser unhörbaren Sprache konnte Severus nicht genau verstehen. „Ich
weiß, dass Sie es wissen, Junge, auch wenn Sie es abstreiten." Der Direktor
straffte seinen Rücken und griff in seinen Umhang. Als seine Hand wieder zum
Vorschein kam, lag darin ein schmales, rotes Buch, das er Severus reichte. Für
einen bedeutungsschwangeren Augenblick glaubte Severus zu verstehen, was
passierte. Er war im Begriff, etwas zu erfahren, vor dem Dumbledore ihn
schützen wollte. Ihn, den gefürchtetsten Lehrer der Schule, den Todesser und
Verräter.
„Albus", begann er, doch der so
Angesprochene hob unwillig die Hand.
„Junge, ich finde, Du solltest darin
lesen und eine Entscheidung treffen. Aber ich kann nicht versprechen, dass es
gut geht."
Severus
starrte auf das Buch in seiner Hand und als er das nächste Mal den Blick davon
löste, war Dumbledore bereits aufgestanden und verließ den Saal, wobei er sich
leise mit Mr. Filch unterhielt, der ihm mit auf dem Rücken zusammengelegten
Armen folgte.
***
Die
Seiten des Buches waren dicht beschreiben, in jener ordentlichen Handschrift,
die er in den vergangenen Tagen nur zu gut kennengelernt hatte. Doch die
Ereignisse, die auf diesen Seiten geschildert wurden, hatten nichts mit Ordnung
zu tun. Es ging um Verzweiflung und Verrat, um Schmerzen und Entscheidungen.
Severus
wartete auch in jener Nacht in seinem Traum wieder auf Maeve. Den ganzen Tag
über hatte er in ihrem Tagebuch gelesen, immer wieder kleinere Abschnitte, weil
ihm das, was er erfuhr, so unglaublich vorkam, dass er Zeit benötigte, um alles
zu verstehen. Sie hatte ihn belogen. Oder besser gesagt, sie hatte ihm etwas
verschwiegen. Die Wahrheit über ihren Tod.
Sie
erschien wie stets aus dem Nichts, wie stets gekleidet in ein schmeichelhaftes
Kleid und mit einem Lächeln auf den Lippen. Doch dieses Mal war alles anders.
Severus musste sich daran erinnern, dass sie dies nur tat, um ihn zu
beeinflussen. Er war auch nur ein Mann, das musste sie in dem Moment erkannt
haben, als sie ihm in die Hände fiel. Sie hätte bei Dumbledore bleiben können
oder bei jedem anderen Lehrer der Schule, doch sie hatte ihn gewählt. Weil sie
ihn durchschaut hatte, als er sie „gefunden" hatte. Albus hatte es gewusst,
doch er hatte ihn zu spät gewarnt. Er war fast auf sie hereingefallen, ihre
unschuldige Art.
„Severus?" Ihre weiche Stimme klang
beunruhigt. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, starrte sie über die
Schreibtischplatte an, die Distanz zwischen sie brachte. „Was ist los?"
„Was los ist?" Er klang bitterer als
beabsichtigt. Er griff in seine Tasche und holte das Tagebuch hervor, das auch
in dieser Welt des Traums bedrückend real war. Mit gespielter Lässigkeit ließ
er es auf den Tisch fallen. Ihre Augen wurden groß, als sie erkannte, was
geschehen war. Ihre Lippen öffneten sich, doch es kam kein Ton heraus. Sie war
am Ende und das wusste sie. „Ich verstehe nun vollkommen. Lass es mich für Dich
noch einmal zusammenfassen. Vor anderthalb Jahrhunderten stellen Sie fest, dass
Sie an einer unheilbaren magischen Krankheit leiden und schließen einen Pakt
mit einem Schwarzmagier. Er soll Ihre Seele in einen Gegenstand bannen und dann
eine neuen Körper für sie erschaffen. Doch die Vereinbarung wird nicht
eingehalten."
Maeve
sah ihn an, ihre ausdrucksvollen Augen voller Kummer.
„Es ist wahr", gestand sie leise. „Ich
war sehr jung und sehr vermessen damals. Ich wollte nicht akzeptieren, was mit
mir geschah. Doch er betrog mich. Ich gab ihm alles, was ich besaß, doch er
ließ mich in der Schriftrolle zurück."
„Und dann, als ich Sie fand, sahen
Sie Ihre Chance gekommen. Sie erkannten, dass ich die schwarzen Künste
ausreichen gut beherrsche, um Ihre Transformation zu vollenden. Sie wollten
mich dazu bringen, indem Sie sich in meine Träume einschleichen, mein Mitleid
erwecken - oder was für eine Taktik Sie auch immer hatten." Severus bemühte
sich, nicht zu schreien. Er konnte es sich nicht eingestehen, dass es ihn
verletzt hatte, das Tagebuch zu lesen. Für eine Zeitlang hatte er glauben
wollen, dass sie zu ihm kam, weil sie seine Gegenwart ertragen konnte.
Zumindest ertragen, mehr Illusionen hatte er sich nicht gemacht. „Zu schade,
dass Albus Ihr Tagebuch gefunden hat."
„Ja, zu schade, nicht wahr." Maeves
Stimme klang bitter und voller Sarkasmus. „Ich frage mich, was geschehen wäre,
wenn es nicht aufgetaucht wäre. Aber das werden wir wohl nicht mehr erleben."
Sie verschränkte die Arme und wirkte trotz ihrer angriffslustigen Haltung klein
und verschüchtert. „Es bringt mir wohl auch nichts, die Sache abzustreiten,
oder?"
Severus
erwiderte nichts. Er hätte ihr gern geglaubt, was ihn verwunderte. Sie kannten
sich noch nicht lange und doch war er sich bis zu diesem Morgen sicher gewesen,
dass man ihr vertrauen konnte. Doch jetzt war es vorbei mit seiner
Gutgläubigkeit. Er wusste schon, warum er den Menschen aus dem Weg ging.
Maeve
schüttelte den Kopf, wirkte traurig. Dann verschwand sie.
***
Severus
schlug die Augen auf und stellte fest, dass er in seinem Bett lag. Die Wärme
seiner Umgebung, die ihm stets gezeigt hatte, dass sein Erleben ein Traum war,
war vergangen. Der kalte Hauch, der durch die dunklen Steine der Kerkerwände
drang, war überall. Dies war die Realität. Er war ganz allein.
Wütend
warf er sich von einer Seite auf die andere. Jetzt, da sie ihn nicht mehr sehen
konnte, konnte er seine starre Haltung aufgeben. Das Kissen unter seinem Kopf
war klumpig, die Decke klamm vor Feuchtigkeit, die, wie er erkannte, sein
eigener Schweiß war. Jede Begegnung mit Maeve hatte ihn entspannt und ihm gut
getan. Doch dieses Mal nicht. Er zitterte und verließ schließlich das Bett, um
ins Bad zu gehen.
Ohne
eine Kerze entzündet zu haben, fand er seinen Weg dorthin. Er warf sich etwas
Wasser ins Gesicht und stützte sich frustriert mit beiden Armen auf dem
Waschtisch ab. Er atmete tief durch, so als könne er auf diese Weise die Erinnerungen
loszuwerden. Er war ein solcher Narr gewesen. Welche Frau mit Verstand würde
sich schon freiwillig in seiner Nähe aufhalten? Und warum betraf ihn diese
Frage so sehr, dass sie ihm den Schlaf raubte?
Mit
einem unterdrückten Fluch stieß er sich vom Waschbecken ab und kehrte in sein
Schlafzimmer zurück. Alles, was er im Dunkeln hörte, war das Geräusch seiner
Füße auf dem glatten Steinboden, doch dann war da etwas anderes, das er nicht
erwartet hatte. Eine leise Stimme. Aus seinem Bett.
„Severus. Bitte komm zu mir."
Es
war Maeve. Er verstand nicht wie oder warum, aber sie war es. Severus strebte,
wie von einer unsichtbaren Macht gezogen, auf sein Bett zu und als er sich auf
die Kante setzte, um zu warten, was geschah, schmiegte sich ein warmer Körper
an seinen Rücken. Er griff nach ihrem Arm, die ihn umfasste und spürte warme
Haut unter seinen Fingern. Dies war kein Traum, wie er schon beim Aufwachen
erkannt hatte.
„Wie kann das sein?" brachte er
hervor. „Was machen Sie hier?"
Ein
leises, trauriges Lachen erklang.
„Ich konnte es nicht so enden
lassen, verstehen Sie?" flüsterte sie nahe seines Ohres. Ein Schauer überlief
Severus. Nein, er verstand nicht. Wollte sie sich rechtfertigen? Und wieso war
es ihr möglich, als reales Wesen bei ihm zu erscheinen? Sein Körper zog sich
zusammen und verriet ihn. Wie sehr er diese Frau in den vergangenen Nächten
begehrt hatte. Doch sein Geist hatte diese Empfindungen abgeblockt.
Sie
verstärkte ihren Griff und zog ihn zu sich. Severus verschwendete keinen Gedanken
an Gegenwehr, als sie zusammen auf die Matratze sanken und wie von selbst legen
sich seine Hände um ihren schlanken Körper, als er sie an sich zog. Kein Wort
fiel zwischen ihnen, als er sie hielt und jeden Zweifel verdrängte.
Epilog:
Es
war ein wunderschöner Wintertag, als Severus Snape Hogsmeade durchquerte und
jenes Feld erreichte, das sich südöstlich des Ortes erstreckte. Sein Atem
kondensierte in der Luft und seine schwarze Robe glitzerte vor Schnee, den
seine Schritte aufgewirbelt hatten. Er war noch nie an diesem Ort gewesen, der
einen derart tiefen Frieden ausstrahlte, dass es ihn fast körperlich schmerzte.
Die Hände in die Taschen gesteckt, durchquerte er die Reihen von Grabsteinen,
immer die Wegbeschreibung im Kopf, die Albus ihm gegeben hatte.
Der
Stein, den er schließlich fand, war klein und verwittert, doch die Inschrift
war noch zu lesen. Severus stellte sich davor und atmete tief durch.
Maeve
Claire Huntington. 1821 - 1845. Niemals vergessen.
Nein,
niemals vergessen. Severus seufzte und war froh, dass kein Schüler in der Nähe
war, der den Anflug seiner Sentimentalität miterlebte. Sonst hätte er wieder
Punkte abziehen müssen. Und das hätte ihr gar nicht gefallen. Mit einem
schiefen Lächeln wurde sich Severus bewusst, dass Meave mit Sicherheit eine gute
Lehrerin gewesen war bei all der Leidenschaft, die in ihr gesteckt hatte.
Er
hatte geahnt, dass ihre erste Nacht ihre einzige bleiben würde. Sie hatte ihre
letzten Kräfte verwandt, um noch ein letztes Mal zu ihm zu kommen. Am Morgen
war die Schriftrolle leer geblieben und er konnte fühlen, dass jegliche Magie
darin erloschen war. Was er davon halten sollte, wusste er nicht. Vielleicht
hatte sie ihr Verhalten wiedergutmachen wollen. Er würde es nie erfahren. Was
er einzig und allein wusste, war, dass sie ihm ihre letzten Stunden und ihre
letzte Kraft gewidmet hatte. Dass das nicht nur eine Folge von
Schuldbewusstsein gewesen war, hatte er in dieser Nacht gemerkt. Sie hatte ein
letztes Mal gelebt. Bei ihm.
Severus
blieb noch ein paar Minuten an ihrem Grab stehen, dann drehte er sich um, um
ins Schloss zurückzukehren. Am Wegrand bemerkte er einen kleinen, grünen
Setzling, der seine Spitze durch die Kruste aus Schnee schob. Seine Mundwinkel
hoben sich eine Sekunde lag. Es war nicht alles unter dem Eis abgestorben.