| Der Ferienjob 2 - Liebe deine Feinde von Chrissi C. Über euer Feedback freut sich Chrissi |
Kapitel 4 – 6
Sullivan hatte verschiedene Befürchtungen, als er zusammen mit McGonagall sein Haus betrat. Eine davon war, dass Tamara seine Abwesenheit ausgenutzt hatte, um sich volllaufen zu lassen, eine andere war, dass sie – zumindest nach McGonagalls sicher relativ strengen Maßstäben - vielleicht nicht ausreichend bekleidet sein könnte und eine dritte war die, dass seine Schülerin eventuell irgend etwas Unzüchtiges zur Begrüßung sagte, ehe sie merkte, dass er einen Gast mitbrachte.
All diese Befürchtungen stellten sich jedoch als unnötig heraus, denn Tamara war nicht zuhause.
„Wie – sie ist nicht da?“, fragte McGonagall irritiert, als Sullivan die Treppe herunterkam und ihr berichtete, dass Tamara auch nicht in ihrem Zimmer war. „Ich denke, sie wohnt hier bei Ihnen, damit sie sicherer ist?“, fügte sie skeptisch hinzu, denn genau damit hatte er ihr auf dem Weg hierher Tamaras Umzug begründet. „Wie wollen Sie Ihre Schülerin denn beschützen, wenn sie sich aus dem Staub macht, kaum dass Sie ihr den Rücken kehren, und noch dazu nicht mal eine Nachricht hinterlässt, WO sie ist?“
„Sie hat eben einen ziemlichen Dickschädel“, brummte Sullivan verdrießlich.
„Ja – das habe ich auch schon mitbekommen“, sagte McGonagall ironisch.
„Wollen Sie noch eine Weile hier bleiben und auf sie warten?“, fragte Sullivan.
„Ich möchte Ihnen nicht zur Last fallen“, erwiderte McGonagall steif.
„Es wäre mir eine Ehre, wenn Sie mir Gesellschaft leisten würden, während ich auf die Rückkehr meiner ausgebüchsten Schülerin warte, Minerva“, sagte Sullivan in einem dezent einlullenden Tonfall. „Vielleicht bei einem Gläschen Wein... oder auch einem guten alten schottischen Whisky, falls Ihnen das lieber ist...?“
„Na wenn das so ist, David...“, sagte McGonagall hoheitsvoll, aber deutlich angetan, „dann entscheide ich mich für den Whisky.“
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Tamara gähnte und streckte die müden Glieder.
Es war ein Reinfall gewesen, hierher zu kommen, aber nachdem Malfoy der einzige Bezugspunkt war, an dem sie bei ihrer Suche nach Severus ansetzen konnte, hatte sie es für eine gute Idee gehalten, sich vor seinem Haus auf die Lauer zu legen und zu beobachten, welche Leute hier ein und aus gingen, um eventuell eine weitere Spur zu erhalten.
In ihrer überschäumenden Fantasie war natürlich Severus persönlich durch das schmiedeeiserne Tor marschiert – eine Vorstellung, die zu verlockend war, um ihr nicht nachzuhängen, wenn ihr auch klar war, dass es sich hierbei um reines Wunschdenken handelte.
Dass allerdings keine einzige Menschenseele, ja nicht einmal ein Hauself, das herrschaftliche Anwesen betreten oder verlassen würde, während sie hier im Gebüsch saß und es observierte, damit hatte sie nicht gerechnet. Es war ein frustrierendes Gefühl, nur Zeit verschwendet zu haben. Und länger warten konnte sie auch nicht mehr, da sie zuhause sein wollte, ehe David von dem Ordenstreffen zurückkam.
Tamara stand auf, versicherte sich noch einmal nach allen Seiten, dass niemand zugegen war und disapparierte.
Der Lichtschein, der aus dem Fenster drang und die Veranda des Hauses in sanftes Zwielicht tauchte, sprang Tamara sofort ins Auge, als sie ankam.
Verdammt! Sonst kehrte David immer erst gegen Mitternacht von Treffen des Ordens zurück – warum musste er ausgerechnet heute früher nach Hause kommen?
Sie brauchte eine Ausrede - in Anbetracht der jüngsten Vorkommnisse sogar eine ziemlich gute – sonst würde er ihr die Hölle heiß machen. Nur wollte ihr absolut nichts einfallen, worin er nicht augenblicklich die Ausrede wittern und das er folglich in der Luft zerreißen würde.
Sie würde einfach improvisieren, je nachdem, wie der große Meister gelaunt war, und dabei möglichst diplomatisch vorgehen. Die Erkenntnis, dass diese Strategie sie vor ein paar Tagen bei Malfoy nicht gerade weit gebracht hatte, schob sie kurzerhand beiseite.
Tamara visierte das Gartentor mit dem Zauberstab an, murmelte erst den Spruch und das Passwort, die das Tor öffneten, und dann sofort ein weiteres Passwort, das verhinderte, dass sämtliche, von Sullivan installierten, ausgeklügelten Schutzvorkehrungen und Alarmsignale in Gang gesetzt wurden. Ihr Ausbilder war extrem eigen, was die Sicherheit seines Hauses anging. Er wechselte die Passwörter mindestens einmal pro Woche und Tamara hatte schon mehrmals die Verteidigungsmechanismen aktiviert und ihn in höchste Alarmbereitschaft versetzt, weil sie versehentlich den alten Code verwendet hatte.
Diesmal gelang es ihr allerdings, lautlos das Haus zu betreten. Sie zog die Schuhe im Flur aus und schlich in Richtung Wohnzimmer, von wo aus das Licht auf die Veranda gefallen war. Als sie schließlich durch die offene Tür in den Raum sehen konnte, klappte ihr erst einmal der Unterkiefer herunter. Dort im Sessel vor dem Kamin saß nicht etwa ihr Ausbilder, sondern Minerva McGonagall – und zwar eine derart veränderte Minerva, dass Tamara mehrmals blinzelte, um eventuelle Halluzinationen zu vertreiben.
Die Professorin, die sonst immer kerzengerade auf Stühlen zu sitzen pflegte – wie es sich für eine echte Dame gehörte – hing unglaublich leger in dem Sessel. Sie hatte sogar die Schuhe ausgezogen und einen Fuß unter das Hinterteil geklemmt, während sie mit dem anderen das angewinkelte Bein an der Stuhlkante abstützte. Das alles war so genau zu sehen, weil sie Hosen trug... McGonagall und HOSEN! Wer hätte ahnen können, dass diese nach außen hin so konservativ wirkende Frau etwas derart ‚Ungeheuerliches’ unter ihrem langen Mantel verbarg – den sie nun mitsamt dem Umhang abgelegt hatte.
Doch das war nicht das Einzige und noch nicht einmal das Ungewöhnlichste an diesem Anblick. Am meisten überraschten Tamara die entspannten, ja fast sanft erscheinenden Gesichtszüge der ansonsten immer so streng wirkenden Dame. Einige Strähnen, die sich aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst hatten und ihr locker ins Gesicht fielen, verstärkten diesen Eindruck noch. Ihre Augen funkelten im Schein des Kaminfeuers und als sie den Kopf in den Nacken legte und über etwas lachte, das ihr von hier aus nicht sichtbarer Gesprächspartner –sicher David – gesagt hatte, wirkte sie so jung und unbekümmert, dass Tamara spontan beschloss, den Zauber dieser Szene nicht zu stören, sondern sich einfach an der Tür vorbeizuschleichen und in ihr Zimmer zu gehen.
Allerdings machte der Hausherr diesen Plan zunichte, der ihr günstigerweise auch erspart hätte, sich sofort für ihren nächtlichen Ausflug rechtfertigen zu müssen.
„TAMARA!“, donnerte seine Stimme durch den Flur, als sie den Fuß auf die erste Treppenstufe setzte. Hatte dieser hinterlistige Kerl womöglich einen Warnzauber auf die Treppe gelegt?
Mit einem resignierten Seufzen drehte Tamara sich um und ging zurück zum Wohnzimmer.
McGonagall saß nun so im Sessel, wie es sich für eine Lady geziemte – auch ihre Schuhe hatte sie wieder angezogen.
„Guten Abend!“, sagte Tamara beim Eintreten höflich. „Hallo Minerva! Wie schön, dass Sie hier sind und... äh... David besuchen.“
„Eigentlich bin ich hier, um Sie zu treffen“, sagte McGonagall, Tamara aufmerksam und leicht amüsiert musternd, „aber ich muss zugeben, dass David mir auf höchst angenehme Weise die Wartezeit verkürzt hat.“
Sullivan lächelte McGonagall bei diesem Kompliment kurz zu, aber es war ihm deutlich anzumerken, dass er sich dadurch nicht von dem geplanten Verhör abhalten lassen würde.
„Wo warst du?“, fragte er gleich darauf scharf und sah Tamara mit einem entsprechenden Gesichtsausdruck an.
Sein schroffes Auftreten ließ diese umgehend jeden Gedanken an Diplomatie vergessen.
„Ich bin deine Schülerin, David, und Gast in deinem Haus, wofür ich dir wirklich sehr dankbar bin“, sagte sie mit mühsam beherrschter Stimme, „aber ich bin nicht deine Gefangene und ich bin dir auch keinerlei Rechenschaft darüber schuldig, wo ich in meiner Freizeit hingehe.“
„Und du meinst also, weil das so ist, hast du es nicht einmal nötig, die Höflichkeit aufzubringen und eine Nachricht zu hinterlassen, wo du bist, damit ich mir keine Sorgen machen muss?“, fragte Sullivan eisig.
„Ich dachte, ich wäre vor dir zurück“, entgegnete Tamara und zuckte die Schultern.
„Und du hast auch keinen Gedanken daran verschwendet, mir vorher zu sagen, dass du weggehen wirst?“, fragte Sullivan.
„Nein! Ich habe nämlich erst als du weg warst spontan entschlossen auszugehen“, entgegnete Tamara pampig.
„Wie praktisch!“, schnarrte Sullivan und starrte sie böse an.
„Ich denke, ich sollte lieber gehen“, bemerkte McGonagall.
„Nein, Minerva! Entschuldige bitte“, sagte Sullivan sofort. „Tu ruhig das, wofür du hergekommen bist. Die Dinge, die ich mit meiner Schülerin zu klären habe, können auch warten.“
McGonagall nickte ihm zu und wandte sich dann an Tamara, die nach einem letzten bösen Blick auf ihren Ausbilder einen Sessel heranzog und sich mit vor den Kamin setzte.
„Ich wollte Ihnen für Ihr Angebot danken, den Phönixorden zu unterstützen“, begann McGonagall. „Sie können mir glauben, dass ich es unter anderen Umständen dankbar angenommen hätte, denn jede Unterstützung im Kampf gegen die dunkle Seite ist willkommen, aber nachdem Ihre Verbindung zu Severus einen so intimen und... leidenschaftlichen Charakter hat, können wir leider nicht zulassen, dass Sie unserer Organisation beitreten. Ich hoffe, Sie werden das verstehen und mir auch glauben, wenn ich Ihnen versichere, dass dies nichts mit Zweifeln an Ihrer Loyalität zu tun hat – aber die Liebe ist einfach eine sehr starke Macht. Sie hätten Ihr Handeln wohl nicht mehr im Griff, wenn Sie auf Severus träfen oder er gar versuchen würde, Sie zu beeinflussen. Es tut mir leid, Tamara.“
„Ich würde mich nicht beeinflussen lassen, wenn es zum Schaden des Ordens wäre“, entgegnete Tamara enttäuscht. „Es ist richtig, dass ich immer noch starke Gefühle für Severus habe, aber ich würde mich nie dazu benutzen lassen, für die falsche Seite zu arbeiten.“
„Nicht, wenn Sie es vermeiden könnten – das glaube ich Ihnen gerne, meine Liebe“, seufzte McGonagall, „aber das Risiko, dass Severus diese Gefühle zum Vorteil unserer Feinde ausnutzen könnte, ist zu groß.“
„Vielleicht sollten wir einfach mal ausprobieren, wie es um SEINE Gefühle bestellt ist und SIE als Köder benutzen“, brummte Sullivan mit einem wütenden Blick auf Tamara.
„Ich hör wohl nicht recht!“, rief McGonagall und starrte ihn entrüstet an. „Das meinst du doch nicht etwa ernst?“
„Dachten Sie etwa, David wäre ein NETTER Mann?“, fragte Tamara sarkastisch.
„Überleg doch mal, Minerva“, sagte Sullivan ungerührt. „Vielleicht hat er ja wirklich noch etwas für seine abgelegte Geliebte übrig und würde aus seinem Rattenloch kriechen, wenn er die Aussicht hätte, sie wiederzusehen.“
„Abgelegte Geliebte?“, fauchte Tamara.
Sullivan beachtete sie gar nicht. Sein Blick war auf McGonagall gerichtet, die seinen Ausführungen schweigend und mit missbilligend zusammengekniffenen Lippen lauschte.
„Bei der Gelegenheit könnten wir ihn schnappen und uns mit ihm unterhalten, bevor sie ihn nach Askaban stecken“, fuhr Sullivan fort. „Hättest du nicht Lust, ihm in Ruhe ein paar Fragen zu stellen, Minerva?“
„Ich hätte, wie du dir sehr wohl denken kannst, ein großes Bedürfnis, mich eingehend mit Severus zu unterhalten“, sagte McGonagall kühl, „aber ich würde niemals so weit gehen, Tamaras Sicherheit aufs Spiel zu setzen.“
„Das müsstest du auch nicht tun“, sagte David schneidend und starrte dabei seine Schülerin vorwurfsvoll an. „DAS besorgt sie schon selber.“
„Also nur, weil sie abends einmal ausgeht, während du nicht da bist...“, meinte McGonagall abschätzig.
Tamara schaute von einem zum anderen. Das durfte doch nicht wahr sein. Die Beiden redeten über sie, als ob sie gar nicht da wäre.
„Sie war bei Malfoy“, sagte Sullivan und blickte McGonagall triumphierend an.
„Wie bitte?“ McGonagalls Kopf schoss herum zu Tamara und ihr Blick hatte nun gar nichts Verständnisvolles mehr.
Tamara zuckte verlegen die Schultern.
„Was haben Sie sich dabei nur gedacht?“, fragte McGonagall bestürzt.
„Ich...“, begann Tamara
„Na was schon? Nichts natürlich“, unterbrach Sullivan sie. „Sie handelt, BEVOR sie denkt.“
„Du bist heute wirklich in Form, David“, sagte Tamara leise, aber vorwurfsvoll. „Das ist nicht wahr. Ich...“
„Sag mir, dass du heute Abend nicht unterwegs warst, um Snape zu finden“, unterbrach Sullivan sie abermals. „Schwör es mir!“ Er sah ihr unverwandt in die Augen.
Tamara starrte zurück und schwieg.
„Verstehst du nun, wovon ich rede, Minerva?“, fragte Sullivan bitter.
„Tamara – Sie bringen wirklich Ihr Leben in Gefahr, wenn Sie versuchen auf eigene Faust herauszufinden, wo Severus sich aufhält“, sagte Minerva ernst. „Wenn Sie dabei an den Falschen geraten – und dieses Attribut dürfte auf nahezu jeden Todesser zutreffen – dann sind Sie verloren. Ist Ihnen das eigentlich klar? Das ist eine Horde skrupelloser Schwerverbrecher, in deren Mitte sich Severus bewegt – keine Armee oder etwas Ähnliches, keine Organisation, die irgendeine Art von moralischem Ehrenkodex besäße.“
„Das weiß ich...“, sagte Tamara, obwohl die Deutlichkeit, in der McGonagall diese Dinge aussprach, ihr nun doch etwas den Magen umdrehte, „aber mir bleibt ja keine andere Wahl, denn von euch will ja keiner Severus finden - also mach ich es alleine“, fügte sie vorwurfsvoll hinzu.
„Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass er eventuell gar nicht gefunden werden will, vielleicht am allerwenigsten von Ihnen?“, fragte McGonagall hart.
„Darüber würde ich nachdenken und ich würde es vielleicht sogar akzeptieren, wenn Sie und der Orden noch daran glauben würden, dass er auf Ihrer Seite steht“, sagte Tamara in einem nicht minder harschen Ton. „Aber Sie haben ihn aufgegeben und ziehen nicht einmal die Möglichkeit in Betracht, dass es Gründe für sein Handeln geben könnte, also werde ich ihn suchen und Ihnen das Gegenteil beweisen.“
„Doch – auch diese Möglichkeit ziehe ich in Betracht, auch wenn sie wenig glaubhaft erscheint“, sagte McGonagall beherrscht, „...und neuerdings tue ich das sogar wieder verstärkt.“
„Minerva!“, seufzte Sullivan. „Musst du denn unbedingt noch Öl ins Feuer gießen?”
„Was ist passiert? Was verheimlicht ihr mir?“ Tamaras Blick schnellte zwischen den beiden hin und her.
„Es gab einen Hinweis...“, sagte McGonagall.
„Minerva!“, zischte Sullivan und sein Blick machte deutlich, dass er eigentlich ‚Halt den Mund!’ damit meinte.
„Also wirklich, David“, entgegnete McGonagall, die es augenscheinlich gar nicht schätzte, in dieser Weise ermahnt zu werden. „Als wir so gut wie keine Hoffnung sahen, dass Severus noch immer einer von uns sein könnte, haben wir auch nicht gezögert, Tamara unsere Meinung darüber mitzuteilen und nun, wo es eine Spur gibt, die besagt, dass er seine Seele womöglich doch nicht an den dunklen Lord verkauft hat, sollen wir damit hinterm Berg halten?“
„Diese Hoffnung ist doch nur ein Hirngespinst!“, schnaubte Sullivan.
„Das sehe ich anders!“, gab McGonagall eisig zurück.
„WAS IST LOS?“, schrie Tamara. „Welche Spur? Wovon redet ihr?“, fügte sie in gemäßigter Lautstärke hinzu, als die Beiden endlich die Güte hatten, sie anzusehen – wenn auch ziemlich indigniert.
Nach kurzem Zögern begann McGonagall von dem anonymen Hinweis zu erzählen und von den Schlüssen, die sie daraus zog, ohne jedoch den Ort zu nennen, an dem der Überfall stattfinden sollte. Sullivan ließ dies geschehen - mit demonstrativ verschränkten Armen und einem dazu passenden missbilligenden Blick, aber immerhin, ohne sie mit launigen Kommentaren zu unterbrechen. Als McGonagall ihrem Bericht beendet hatte, saß Tamara mit geröteten Wangen und blitzenden Augen in ihrem Sessel und sah die alte Dame aufgeregt an.
„Ich hatte also Recht – Severus ist kein Verräter!“, flüsterte sie.
„Er hat Dumbledore umgebracht“, sagte Sullivan barsch, „dagegen wiegt diese Nachricht, wenn sie denn überhaupt von ihm ist, ziemlich gering.“
Tamara fuhr herum und funkelte ihn an.
„Du hast immer behauptet, es gäbe keinen einzigen Hinweis darauf, dass er noch auf unserer Seite stünde – selbst wenn du weiter nicht daran glaubst, was dein gutes Recht ist, wirst du doch zugeben müssen, dass dies nun zumindest ein Hinweis ist“, sagte sie erstaunlich ruhig.
„Schön – DAS gebe ich zu!“, knurrte Sullivan.
Ein triumphierender Ausdruck erschien auf Tamaras Gesicht.
„Danke, David! Das beruhigt mich.“ Sie wandte sich wieder McGonagall zu. „Ich möchte übermorgen mitkommen, Minerva - bitte! Ich verspreche auch...“
„NEIN!“, riefen McGonagall und Sullivan wie aus einem Mund.
„Auf gar keinen Fall!“, sagte McGonagall entschieden. „Und da lasse ich auch nicht mit mir verhandeln, egal, wie treuherzig Sie mich ansehen, meine Liebe. Sie werden umgehend erfahren, was passiert ist, wenn David nach dieser Aktion hierher zurückkehrt... vorausgesetzt natürlich, Sie sind dann auch zuhause“, fügte sie spitz hinzu.
„Warum kann ich nicht...“, begann Tamara.
„Hör auf damit!“ Diesmal war es Sullivan, der ihre Argumentation im Keim erstickte. „Du gehst nicht mit und Schluss!“
Tamara schluckte die sehr laute und sehr unhöfliche Antwort, die ihr schon auf der Zunge lag, hinunter und beschränkte sich darauf, ihren Meister feindselig anzustarren, was ihn jedoch scheinbar wenig beeindruckte.
„Ich bin wirklich bereit, Sie über alles auf dem Laufenden zu halten“, sagte McGonagall beschwichtigend, „und ich bin sicher, David wird mich dabei unterstützen...“, sie warf Sullivan einen kurzen, aber vielsagenden Blick zu, „und Ihnen über eventuelle Neuigkeiten, Severus betreffend, die sich aus diesem Einsatz Mittwochnacht ergeben, unvoreingenommen berichten.“
Sullivan gab angesichts dieses verkappten Vorwurfs etwas von sich, das wie „hmpfff“ klang, verzichtete aber auf eine weitere Ausführung seines extravaganten Statements.
Tamara starrte McGonagall deutlich uneinverstanden an, schwieg jedoch, da sie durchaus erkannte, dass weiterer Widerspruch hier keinen Sinn machte. Sie würde natürlich trotzdem versuchen, auf eigene Faust weiter zu ermitteln und vielleicht gelang es ihr ja sogar, den Ort des geplanten Angriffs herauszufinden. Noch bevor sie sich eingehendere Gedanken darüber machen konnte, wie die Information eventuell aus David herauszukitzeln wäre, sprach McGonagall weiter und sie schien erraten zu haben, in welche Richtung Tamaras Überlegungen gingen.
„Wenn Sie allerdings weiter im Alleingang versuchen sollten, an Severus heranzukommen, ist es mit dem Entgegenkommen meinerseits vorbei“, sagte sie streng.
Tamara nickte und bemühte sich um einen unschuldigen Gesichtsausdruck, schien McGonagall damit aber nicht sonderlich überzeugen zu können.
„Wir sehen uns übermorgen am vereinbarten Treffpunkt“, sagte diese zu Sullivan gewandt und hob ihren Mantel von der Stuhllehne auf, den der Hausherr ihr zuvorkommend abnahm, um ihr hineinzuhelfen. Anschließend legte er ihr genauso fürsorglich den Umhang um die Schultern.
„Vielen Dank für den vorzüglichen Whisky und das nette Gespräch, David“, sagte McGonagall lächelnd.
„Es war mir ein Vergnügen“, antwortete Sullivan und deutete eine Verbeugung an.
Nachdem sie sich erhoben und von McGonagall verabschiedet hatte, die nun von Sullivan zur Tür begleitet wurde, ließ Tamara sich in den Sessel zurückplumpsen, um dort auf seine Rückkehr und den unausweichlichen Anschiss zu warten.
Sie sah ihrem Ausbilder mit stoischer Ruhe entgegen, als er den Raum wieder betrat und erwartete ergeben seine Strafpredigt. Doch Sullivan würdigte sie kaum eines Blickes – er ging einfach an ihrem Sessel vorbei, löschte mit seinem Zauberstab das Feuer im Kamin, trank sein Whiskyglas aus, das noch immer halbvoll auf der breiten Armlehne seines Sessels gestanden hatte, und verließ dann - ohne ein Wort – den Raum.
„David!“ Tamara sprang auf und lief ihm nach, in den Flur.
Er war schon auf dem Weg die Treppe hinauf, als sie ihn einholte.
„Bitte David – rede mit mir“, rief sie und griff nach seinem Arm.
Er fuhr so ruckartig herum, dass sie vermutlich die Treppe hinuntergefallen wäre, hätte sie sich nicht krampfhaft an ihm festgekrallt, um das Gleichgewicht wiederzuerlangen.
„Es nützt nichts, mit dir zu reden“, zischte Sullivan. „Du tust was du willst, bringst dich in Gefahr wann du willst und du hast mein Vertrauen schon wieder missbraucht. Was zum Teufel soll ich dazu noch sagen?“
„Es tut mir leid, dass ich dich enttäusche“, sagte Tamara leise, „aber versuch doch bitte, mich zu verstehen - ich kann einfach nicht anders.“
Sullivan sah eine Weile schweigend auf sie herab.
„Wo warst du?“, fragte er schließlich ruhiger.
Tamara biss sich auf die Unterlippe und senkte den Blick.
Sullivan atmete einmal tief durch, schüttelte den Kopf, drehte sich um und stieg die Treppe weiter hinauf.
„Vor Malfoys Haus“, sagte Tamara gequält.
Er blieb stehen, wandte sich aber nicht zu ihr um.
„Und?“, fragte er kühl. „Was hat dir das gebracht?“
„Nichts!“, gab Tamara zerknirscht zu. „Es ist niemand reingegangen und auch niemand rausgekommen.“
„Wen hattest du denn erwartet?“, fragte Sullivan bissig und sah nun über die Schulter zu ihr hinunter.
„Ich weiß nicht...“, sagte Tamara und zuckte die Schultern.
„Doch nicht etwa IHN höchstpersönlich?“, fragte Sullivan spöttisch.
„Natürlich nicht...“, murmelte Tamara.
„Nein, natürlich nicht - denn natürlich ist ER nicht so blöde, in das Haus eines gerade aus Askaban entlassenen Verbrechers zu marschieren“, sagte Sullivan. „Ist dir eigentlich klar, dass das Ministerium das Haus vermutlich auch überwacht? Womöglich hat jemand von denen die ganze Zeit über DICH beobachtet.“
Tamara wurde blass.
„Glaubst du wirklich?“, fragte sie unsicher.
„Klar!“, sagte Sullivan unbarmherzig. „Wahrscheinlich kassieren sie dich demnächst ein, wenn du dich draußen blicken lässt.“
Tamara starrte ihn erschrocken an.
Sullivan drehte sich um und stieg die Treppe wieder herunter, bis er nur noch eine Stufe über ihr stand.
„Du bist nicht nur schrecklich stur, sondern auch schrecklich unbedarft“, seufzte er und strich ihr mit einer fürsorglichen Geste eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Ich weiß – ich bin eine Katastrophe“, sagte Tamara leise, „das war ich schon immer. Aber was soll ich denn tun? Ich kann einfach nicht anders – ich MUSS versuchen, Severus zu finden. David...“, fügte sie ermutigt von seinem versöhnlichen Verhalten hinzu, „du hast doch vorhin zu Minerva gesagt, dass man mich als Köder benutzen sollte, um Severus aus seinem Versteck zu locken... Würdest du mir helfen? Minerva muss ja nicht unbedingt davon erfahren.“
„Bist du verrückt?“, fragte Sullivan und runzelte ungläubig die Stirn. „Das meinst du doch nicht ernst?“
„Ich will ihn finden und du auch – zumindest hat sich das so angehört“, entgegnete Tamara.
„MEINE Motivation Snape aufzuspüren, ist eine völlig andere, als deine“, sagte Sullivan kopfschüttelnd. „Spätestens wenn wir ihn finden, kämen wir in einen gewaltigen Interessenskonflikt.“
„Das mag auf den ersten Blick so aussehen“, sagte Tamara, „ist aber nicht so. Ich bin überzeugt davon, dass er immer noch auf unserer Seite ist und er wird sicher eine Erklärung für den Mord an Dumbledore und für seine Flucht haben – und wenn nicht...“
„Ja – was dann?“, fragte Sullivan, als sie nicht weitersprach.
„Dann beuge ich mich deinen Interessen“, sagte Tamara.
„Tut mir leid, Täubchen, aber das kaufe ich dir nicht ab“, schnaubte Sullivan.
„Wenn er schuldig ist, werde ich nichts unternehmen, um ihn zu retten“, flüsterte Tamara und senkte den Kopf, als wollte sie die Aussage dadurch unterstreichen.
„Was passiert mit deiner Liebe, wenn Snape sich tatsächlich als überzeugter Anhänger Voldemorts herausstellt“, hakte Sullivan nach. „Was glaubst du? Wird sie dann einfach weg sein?“
Tamara schüttelte den Kopf.
„Eben!“, brummte Sullivan. „Und du wirst versuchen, seinen Arsch zu retten – egal ob er schuldig ist oder nicht.“
„Nein, das werde ich nicht!“, sagte Tamara entschieden und hob den Kopf um ihrem Meister in die Augen zu sehen. „Ich würde alles tun, um ihm beizustehen, aber nicht versuchen, ihn vor einer gerechten Strafe zu retten. David – ich könnte mir ja mein Leben lang selber nicht mehr in die Augen schauen, wenn ich so was täte“, fügte sie bekräftigend hinzu.
Sullivan sah sie noch immer mit erheblicher Skepsis an, aber immerhin widersprach er ihr nicht.
„Wirst du es dir überlegen?“, fragte Tamara.
„Ich lasse es mir durch den Kopf gehen“, sagte Sullivan. „Aber nicht mehr heute. Es ist spät – wir sollten schlafen gehen.“
„Du hast Recht“, sagte Tamara lächelnd und sichtlich erfreut über ihren Teilsieg.
Sie hakte sich bei ihm ein und gemeinsam stiegen sie die Treppe hoch.
„Du und Minerva – ihr habt euch super unterhalten, als ihr auf mich gewartet habt, stimmt’s?“, fragte Tamara grinsend, als sie vor Sullivans Schlafzimmertüre angekommen waren.
„Ja! Und?“, fragte Sullivan leicht ungehalten.
„Und ihr duzt euch plötzlich!“, stellte Tamara fest.
„Ja! Das war auch schon längst überfällig. Und?“, fragte Sullivan nun deutlich pikiert.
„Sie mag dich!“
„Was du nicht sagst!“
„Du wirst mir doch nicht untreu werden, Chéri?“, flötete Tamara.
„Red keinen solchen Blödsinn!“, knurrte Sullivan.
Tamara stellt sich auf die Zehenspitzen und küsste den abweisend auf sie herabblickenden Mann auf die Wange.
„Ihr beide wärt ein tolles Gespann“, sagte sie lächelnd. „Gute Nacht, David!“
Sie wandte sich ab und ging den Flur hinunter zu ihrem Zimmer. Von Sullivans verwundetem Blick, der ihr folgte, bis sie dort angekommen war, bemerkte sie nichts.
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Das Erste, was Tamara am nächsten Morgen nach „Guten Morgen, David!“ sagte, als dieser sich zu ihr an den Küchentisch setzte, war: „Hast du es dir überlegt?“
Er würdigte sie keiner Antwort, sondern zog lediglich eine Augenbraue missbilligend in die Höhe, während er sich Tee einschenkte.
Tamara starrte ihn stur an, in der Hoffnung, ihm damit genug auf die Nerven zu gehen, damit er sie nicht weiter ignorierte.
„Guten Morgen!“, sagte Sullivan endlich, nachdem er einen Schluck Tee genommen hatte und bevor er anfing, eine Scheibe Toast mit Butter zu bestreichen.
„Und?“, fragte Tamara auffordernd, die mit ihrer Geduld ziemlich am Ende war.
Sullivan, der ziemlich müde war, da er in der vergangenen Nacht mehr überlegt, als geschlafen hatte, hob den Kopf und sah sie finster an.
„Wäre es eventuell im Bereich des Möglichen, dass du mich zuerst frühstücken lässt, ehe ich mich deinem Lieblingsthema zuwende?“, fragte er gereizt.
„David – spann mich doch nicht so auf die Folter“, quengelte Tamara.
Er warf ihr einen Blick zu, der besagte, dass er genau dies mit Absicht tat, und kümmerte sich dann in aller Ruhe weiter um sein Frühstück.
Tamara verkniff es sich, mit den Fingern auf die Tischplatte zu trommeln, während sie ihren Tee trank.
„Du solltest etwas essen“, bemerkte Sullivan, ohne vom Tagespropheten aufzusehen, in den er sich vertieft hatte, nachdem er seinen Toast verspeist hatte.
„Ich bin zu nervös zum Essen“, gab Tamara zurück.
„Das ist schade...“, seufzte Sullivan, dessen Blick noch immer an den Schlagzeilen des Tages hing, „...denn wenn du nichts isst, wirst du abmagern und schwach und krank werden und wenn du schwach und krank bist, werde ich nicht einwilligen, mit dir auf die Jagd nach dem bösen schwarzen Mann zu gehen...“
Er unterbrach sich und riskierte einen verstohlenen Blick auf Tamara, als diese sich mit verkniffenem Gesichtsausdruck eine Scheibe Toast auf den Teller klatschte, eine dicke Schicht Butter auftrug und schließlich Marmelade obendrauf kleisterte.
„...aber letztendlich ist das natürlich deine Sache, wie viel Nahrung du zu dir nimmst“, beendete er amüsiert seinen Vortrag, als sie ein großes Stück von dem Marmeladentoast abgebissen hatte. „Schließlich bist du eine erwachsene Frau.“
„Scheeer witschig!“, nuschelte Tamara mit vollem Mund.
Sullivan lachte und widmete sich wieder seiner Zeitung.
„Also?“, fragte Tamara, als sie den Toast schließlich heruntergewürgt hatte. „Dann sind wir uns also einig? Ich esse was und du hilfst mir Severus finden?“
„Das klingt schon mal nicht schlecht“, ließ sich Sullivan herab, zu sagen, nachdem er sie so lange nachdenklich gemustert hatte, dass er schon fast damit rechnete, sie würde ihn über den Tisch hinweg anfallen. „Allerdings gibt es einige Bedingungen, die ich an diese Zusammenarbeit knüpfe.“
Tamara sprang auf, flitzte um den Tisch herum und fiel ihm so stürmisch um den Hals, dass sein Stuhl kippte und um ein Haar mitsamt den Beiden darauf umgefallen wäre.
„Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann“, rief sie euphorisch.
Seufzend pflückte Sullivan Tamaras Arme von seinem Hals, nachdem das Gleichgewicht wieder gesichert war.
„Du kennst meine Konditionen noch gar nicht“, brummte er. „Vielleicht bist du gar nicht bereit, darauf einzugehen.“
„Ich bin mit allem einverstanden, solange du mir hilfst“, sagte Tamara glücklich.
„Okay... ich denke, es spricht nichts dagegen, wenn ich den Unterricht einmal ausnahmsweise und etwas verfrüht gleich hier in der Küche beginne.“ Er sah sie streng an. „Das, was ich dir jetzt sage, gehört zum Bereich Allgemeinbildung und müsste eigentlich jeder halbwegs erwachsenen Hexe und natürlich auch jedem männlichen Pendant hierzu, hinreichend bekannt sein – nur dir scheinbar nicht: Man stimmt niemals, unter gar keinen Umständen, einem Abkommen zu, dessen Bedingungen man nicht kennt.“
„Ich vertraue dir eben“, meinte Tamara schulterzuckend.
„Niemals!“, sagte Sullivan.
„...weil ich weiß, dass du mich gerne hast und mich nie hereinlegen würdest“, fügte Tamara hoffnungsvoll hinzu.
„Niiiemals!“
„Okay – ich hab’s verstanden“, seufzte Tamara. „Niemals! Also – wie lauten deine Konditionen?“
„Ach... jetzt willst du sie also doch wissen – wo du schon zugestimmt hast?“, fragte Sullivan süffisant.
„David!“, stöhnte Tamara. „Nun sag schon!”
„Diese Suche...“, begann Sullivan, „nach einem Mörder - einem Verbrecher, der die Sicherheit der Zaubererwelt bedroht...“
Tamara funkelte ihn empört an.
„...denn nichts anderes ist Snape, bis das Gegenteil bewiesen ist“, fuhr Sullivan ungerührt fort, „wird Teil deiner Ausbildung sein. Es läuft im Prinzip genauso wie im Unterricht, nur dass du dabei realen Situationen ausgesetzt bist, die eventuell auch richtig gefährlich werden könnten. Um auf meine Bedingungen zurückzukommen - das heißt im Klartext, du tust genau das, was ich anordne, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Du gehorchst mir in einer konkreten Situation ohne Widerrede und ohne Diskussion über den Sinn meiner Anordnung. Wenn du Einwände hast, kannst du sie, je nach Möglichkeit, bevor die Situation eintritt, oder zu einem späteren Zeitpunkt vorbringen, dann bin ich gerne bereit, dir den Hintergrund meiner Vorgehensweise zu erläutern – ob ich dann eventuell auch diskussionsbereit bin, kommt auf den Einzelfall an. Du schwörst mir, keine Alleingänge mehr zu unternehmen. Du sprichst ab sofort jeden einzelnen Schritt mit mir ab und wenn ich mit einem deiner Pläne nicht einverstanden bin, wirst du ihn fallen lassen. Im Gegenzug sichere ich dir zu, dass ich mein Möglichstes tun werde, um Snape zu finden. Und unser Deal startet erst nach der Sache Mittwochnacht – ich möchte abwarten, was sich daraus ergibt.“
„Das sind ganz schön harte Konditionen“, sagte Tamara ernst, „aber ich nehme sie an, wenn du mir versprichst, dass du Severus eine Chance gibst, sich zu erklären und dass du nicht versuchst, ihn zu töten.“
„Solange er mich nicht angreift, oder dich, kriegt er seine Chance und ich werde auch nicht versuchen, ihn zu töten, es sei denn, er zwingt mich dazu“, entgegnete Sullivan.
Tamara nickte betreten. Dass Severus sie angreifen würde, hielt sie für unwahrscheinlich – bei David war sie sich da allerdings nicht ganz so sicher.
„Wirst du Minerva und die anderen aus dem Orden darüber informieren, was wir vorhaben?“, erkundigte sie sich vorsichtig.
„Ja – da bleibt mir wohl nichts anderes übrig“, sagte Sullivan brummig. „Es wäre nicht gerade von Vorteil, wenn wir uns gegenseitig beim Ermitteln in die Quere kommen.“
„Du willst mit ihnen zusammenarbeiten?“, fragte Tamara interessiert. „Dann bin ich also doch so was, wie ein Ordensmitglied.“
„Nein! Du bist meine Schülerin und daher einzig und allein mir unterstellt, nicht dem Orden und du wirst auch nicht in die Pläne des Ordens eingeweiht“, sagte Sullivan. „Damit trage ich auch allein die Verantwortung für dein Handeln – ich hoffe, du wirst diesem Umstand ausreichend Rechnung tragen.“
„Das werde ich!“, beruhigte Tamara ihn. „Was meinst du, wird Minerva zu unserem Arrangement sagen?“
„Na was schon?“, seufzte Sullivan. „Sie wird mich gehörig zur Schnecke machen!“
„David...?“
„Hm...?“
„Warum tust du das für mich?“ Tamara sah ihn mit einem fragenden und – für sie sehr ungewöhnlich - fast scheu wirkenden Blick an.
„Weil du es sonst alleine tust und ich dich nicht davon abhalten könnte, ohne dich deiner Freiheit zu berauben“, knurrte Sullivan, „eine Option, die ich mir übrigens offen halte, wenn du dich nicht an meine Bedingungen hältst.“
„Du hast eine wirklich nette Art, mir die Einhaltung deiner Bedingungen ans Herz zu legen“, sagte Tamara leicht vorwurfsvoll.
„Siehst du - ich bin eben doch ein NETTER Mann!“, entgegnete Sullivan grinsend.
Die zermürbende Langsamkeit, mit der die Zeit zu vergehen schien, während sie wartete, legte Tamaras Nerven blank. Sie konnte kaum eine Minute stillsitzen und musste sich ständig ermahnen, das Glas Rotwein, das sie sich zur Beruhigung eingeschenkt und schon zweimal nachgefüllt hatte, nicht in einem Zug zu kippen. Dabei konnte es noch Stunden dauern, ehe David von dem nächtlichen Einsatz des Ordens zurückkam. Bis er endlich heimkehrte, war sie sicher schon verrückt geworden, oder zumindest sturzbetrunken.
Zum wiederholten Male sprang sie auf und lief an die Tür, riss diese auf und starrte in die Dunkelheit hinaus. Sie erwartete zwar nicht tatsächlich, ihren Ausbilder schon zurückkehren zu sehen, aber die frische Luft wirkte sich etwas besänftigend auf ihr aufgepeitschtes Gemüt aus und ihr Verstand schien ein wenig klarer zu werden, während sie bewusst tief durchatmete.
Sie zu untätigem Warten zu verdammen, war eines der schlimmsten Dinge, die man ihr antun konnte, aber David hatte nicht mit sich verhandeln lassen, sosehr sie auch versucht hatte, ihn zu erweichen, damit er sie doch noch mitnahm.
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Zur gleichen Zeit, als Tamara meinte vor Ungeduld und banger Erwartung bald wahnsinnig zu werden, saß Sullivan auf dem Dach eines Geräteschuppens, das von den dichtbelaubten Ästen des daneben wachsenden Baumes perfekt verdeckt wurde, und langweilte sich.
Seit Stunden warteten sie nun schon in Zweiergruppen aufgeteilt und in der Gegend verstreut darauf, dass die finsteren Gestalten der Todesser hier auftauchten, doch außer ein paar abendlichen Spaziergängern war noch niemand vorbeigekommen und mit dem Einbruch der Dunkelheit waren auch diese verschwunden. Nach und nach waren auch die meisten Lichter in den Häusern erloschen und mittlerweile wirkte die Gegend fast wie ausgestorben.
Sturgis Podmore, der neben Sullivan hockte und auf den Straßenabschnitt hinunterstarrte, den sie zu überwachen hatten, war ein wortkarger Bursche, der auf Versuche, ein Gespräch anzufangen zwar nicht unfreundlich, aber dennoch einsilbig reagierte, und sosehr Sullivan es zunächst begrüßt hatte, dass er keinen redseligeren Partner zugeteilt bekommen hatte – mittlerweile schlug ihm das anhaltende Schweigen aufs Gemüt.
„Wenn diese schwarzen Mistkäfer nicht bald auftauchen, gehe ich ein Bier trinken“, brummte er missmutig.
„Okay!“, entgegnete Podmore völlig ernst.
Sullivan sah seinen Mitstreiter ungläubig an.
„Hm...?“
„Ich bleibe hier“, beschied ihm Podmore, ohne seinen Blick von der Straße zu nehmen.
„Das war doch nur ein Scherz“, seufzte Sullivan.
„Oh... nett...“
„Schon gut! Gib dir keine Mühe, Sturgis“, sagte Sullivan kopfschüttelnd. „Mir ist nur langweilig.“
„Ach so...“
„Natürlich würde ich nie einen Observationsposten verlassen, um ein Bier trinken zu gehen“, murmelte Sullivan und fragte sich gleichzeitig, was ihn dazu trieb, schwachsinnige Rechtfertigungen von sich zu geben.
„Na ja - ich dachte, du hättest vielleicht Durst“, sagte Podmore und Sullivan war wider Willen beeindruckt, von der Länge dieses Satzes.
„Nicht wirklich. Außerdem wär’s nicht so toll, wenn ich dauernd zum Pinkeln müsste, während die Todesser angreifen“, meinte er grinsend. „In meinem Alter ist das...“ Er verstummte, als Podmore ihn nun doch kurz ansah und sein Blick ziemlich deutliche Irritation widerspiegelte.
‚Was rede ich da nur?’, dachte Sullivan mit einem leisen Anflug von Panik. ‚Er wird mich für einen senilen Idioten halten, wenn ich so weitermache.’
„Wenn du mal musst...“, bot Podmore nun freundlich an.
„Nein... nein... schon gut“ Sullivan senkte für eine Sekunde verzagt den Kopf.
„Da drüben!“, flüsterte Podmore und deutet mit dem Finger auf die andere Straßenseite.
„Ich soll in diesen Vorgarten pinkeln?“, fragte Sullivan ungläubig. „Warum ausgerechnet dorthin?“
„Nein! Da drüben kommen sie“, flüsterte Podmore.
Mit zusammengekniffenen Augen sah Sullivan in die von Podmore angezeigte Richtung. Durch den Blätterwald konnte er schemenhaft die Umrisse zweier Menschen ausmachen. Sie bewegten sich zielstrebig auf eine große Fichte zu, die in etwa zwanzig Meter Entfernung auf dem Grünstreifen zwischen Gehweg und Straße wuchs und aus deren Schatten nun zwei weitere Gestalten traten – genau wie die anderen beiden in schwarze Umhänge gehüllt und die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Zu viert entfernten sie sich schnellen Schrittes in die, dem Geräteschuppen-Beobachtungsposten entgegengesetzte Richtung.
Sullivan schickte mit seinem Zauberstab das vereinbarte Signal schräg nach oben in die Luft – eine Art vibrierenden Strahl, der unsichtbar und unhörbar war, dessen Schwingungen jedoch bei den Zauberstäben der anderen Ordensmitglieder ankommen und diese davon unterrichten würde, dass Sturgis und er Todesser gesichtet hatten. Kaum, dass er dies erledigt hatte, empfingen auch Podmores’ und sein Zauberstab ein solches Signal, dessen Vibrations-Muster ihnen miteilte, dass das Team Tonks/Lupin ebenfalls jemanden im Visier hatte.
Podmore und Sullivan kletterten eilig von dem Geräteschuppen herunter und folgten – geduckt im Schatten der Hecken, die die Vorgärten begrenzten - dem Weg der Todesser. Es dauerte nicht lange und die vier Gestalten blieben vor einem weiß gestrichenen Tor stehen, das ein leises Quietschen von sich gab, als es geöffnet wurde. Zwei von ihnen verschwanden in dem dazugehörigen Garten, die anderen Beiden verharrten wie Wächter links und rechts von dem Tor.
Sullivan, seinen Körper eng an eine Buchsbaumhecke gepresst, gab Podmore, der gleich hinter ihm kauerte ein Zeichen, als er vier weitere Gestalten ausmachte, die sich dem Grundstück von der entgegengesetzten Seite her näherten.
Die Neuankömmlinge verschwanden ebenfalls in dem Garten und auch diejenigen, die zunächst auf der Straße zurückgeblieben waren, folgten ihnen.
Als Sullivan und Podmore sich an das Gartentor herangeschlichen hatten, sodass sie den kurzen Weg bis zum Hauseingang einsehen konnten, verschwand gerade der letzte Todesser im Inneren des Hauses und zog die Tür hinter sich zu.
„Sollen wir reingehen, oder auf Verstärkung warten?“, flüsterte Podmore.
„Warten! Die anderen müssten gleich hier sein“, entgegnete Sullivan.
Tatsächlich tauchten schon ein paar Sekunden später Tonks und Lupin auf, die die anderen vier Todesser hierher verfolgt hatten.
Zu viert näherten sie sich, nachdem sie sich kurz verständigt hatten, in gebückter Haltung dem Haus und verteilten sich unter den beiden großen Fenstern, auf der Vorderfront, hinter denen jedoch kein Lichtschein zu erkennen war.
Kurz darauf stießen Shacklebolt und Jones zu ihnen, dicht gefolgt von McGonagall und Doge. Die Einzigen, die noch fehlten, waren Moody und Diggle.
Sullivan gab den anderen ein Zeichen, dass er als Erster hineingehen würde und Lupin, sowie Shacklebolt begaben sich umgehend links und rechts von der Tür in Stellung, um gleich nach ihm ins Innere des Hauses stürmen zu können.
Der geräumige Flur hinter der Eingangstür lag völlig im Dunkeln. Sullivan, der eigentlich damit gerechnet hatte bereits hier, gleich nach dem Aussprechen des ‚Alohomora’, von einem Todesser empfangen zu werden, näherte sich langsam und lautlos der breiten Wendeltreppe, die das Erdgeschoss sowohl mit dem oberen Stockwerk, als auch mit dem Keller verband.
Oben schien alles ruhig zu sein, aber aus dem Kellergeschoss waren gedämpfte Stimmen zu vernehmen und ein schwacher Lichtschein, drang aus dem Spalt unter einer Tür hervor, deren unteres Ende von ihrer Position an der Treppe aus gerade noch zu sehen war.
Gefolgt von den anderen trat Sullivan den Weg nach unten an und noch ehe er die letzte Stufe erreichte, brach der Tumult los.
Ein Todesser, der wohl als Wachposten unweit der Treppe postiert gewesen war, empfing sie mit einem – zum Glück nicht gut gezielten – feurig sprühenden Fluch aus seinem Zauberstab, der gleichzeitig ein ohrenbetäubendes Pfeifen verursachte.
Die Tür, unter der der Lichtschein zu sehen gewesen war, wurde aufgerissen und mehrere Todesser stürmten mit kampfbereit gezückten Zauberstäben heraus.
Sullivan feuerte noch einen ‚Stupor’ auf sie ab, bevor er sich mit einem seitlichen Sprung über das Treppengeländer aus der Schusslinie brachte und seine Mitstreiter taten es ihm gleich, wobei sich einige auch nach oben zurückzogen.
Kurz bevor er in Deckung ging, erhaschte er noch einen kurzen Blick auf das Innere des Raumes – einer Art Partykeller mit Bar und einem großen rustikalen Holztisch. Auf diesem Tisch lagen – augenscheinlich hastig fallengelassen - Spielkarten verstreut und es stapelten sich Goldmünzen in zum Teil nicht unbeträchtlicher Menge vor den einzelnen Sitzplätzen.
Seine erste Assoziation war, dass sich Ministeriumsmitarbeiter hier zu nächtlichen Pokerrunden oder Ähnlichem getroffen hatten - heimlich, da Glücksspiel um so viel Geld im privaten Kreis zwar nicht verboten, aber dennoch verpönt und von so mancher Ehefrau vermutlich streng untersagt war. Das hätte auch erklärt, warum sie niemanden auf der Straße gesehen hatten – vermutlich waren die Spieler direkt hierher appariert.
Sullivan hatte keine Zeit, weiter über diese Idee nachzudenken, denn seine Aufmerksamkeit wurde völlig von den Angriffen der Todesser in Anspruch genommen, von denen die meisten sich auf die Seite ihres Türwächters geschlagen hatten und dort hinter einigen herumstehenden, undefinierbaren Möbelstücken und anderen Gegenständen in Deckung gegangen waren, während die übrigen sich wieder in das Zimmer zurückgezogen hatten und von dort auf die Angreifer feuerten.
Die Leute des Ordens waren, bis auf die nach oben Geflüchteten, alle auf die rechte Seite der Wendeltreppe zurückgewichen, unter der einige große Kisten und Säcke gestapelt waren, hinter denen man Schutz suchen konnte.
Das Zischen der gleißenden Strahlen aus den Zauberstäben ging fast in dem Geschrei der Kämpfenden unter, die einen Fluch nach dem anderen auf die Gegner losließen, und dem vereinzelten angsterfüllten Kreischen, das aus dem Kellerraum drang und seinen Ursprung wohl bei der ministerialen Kartenrunde hatte.
Die Situation war vertrackt und es würde sicher nicht leicht sein, die Sache hier in den Griff zu bekommen, aber zumindest waren die Todesser nicht in der Überzahl, im Gegenteil – wenn Mad Eye und Diggel sich demnächst auch hierher bequemten, wären sie sogar zahlenmäßig unterlegen – und man wusste, wo der Feind Stellung bezogen hatte und konnte entsprechend reagieren.
Umso entsetzter war Sullivan, als ihm plötzlich ein Fluch haarscharf am Ohr vorbeipfiff, aus einer Richtung, in der er beileibe keinen Gegner vermutet hatte – aus dem dunklen Ende des Flurs, entgegengesetzt zu der Position der anderen Todesser.
Er schoss herum und hechtete mangels anderer Optionen hinter ein paar Weinkisten aus Sperrholz, die allerdings eine vergleichsweise mickrige Deckung abgaben.
Den Feind, von dem der unerwartete Angriff ausgegangen war, vermutete er hinter einem Schrank, der etwas weiter entfernt in dem Gang stand, und seine Vermutung wurde bestätigt, als genau aus dieser Richtung ein seltsam pfeifender Fluch auf ihn zuflog, der die oberste Reihe seiner Weinkisten zum Explodieren brachte.
Sullivan schmiss sich flach auf den Boden während die Scherben auf ihn herabregneten. Wie war der Kerl dort hin gekommen? War er von Anfang an dort gewesen oder gab es aus dem Kartenspieler-Raum noch einen anderen Ausgang - eine Verbindungstür zu daneben liegenden Räumen?
Die zweite Reihe Weinkisten löste sich mit einem hässlichen Geräusch in Holzsplitter und Scherben auf und zwang Sullivan damit zum Handeln. Während er den nun scheinbar endlich eingetroffenen Moody oben einen markerschütternden Kampfschrei ausstoßen hörte, robbte Sullivan flach auf den Boden gepresst auf eine Nische zu, die schräg hinter ihm lag und in der sich vermutlich eine weitere Tür befand, was er aber nicht genau sagen konnte, denn auch wenn der Bereich um die Kellertreppe nun von herumschwirrenden Flüchen mehr oder weniger hell erleuchtet wurde - hier hinten war es immer noch zu dunkel, um etwas zu erkennen.
Noch während er robbte, explodierte die unterste Reihe der Weinkisten und Sullivan verspürte einen stechenden Schmerz an der linken Schulter. Der Mistkerl hatte ihn getroffen – mit was auch immer.
Die Zähne zusammenbeißend und wahllos in die Richtung des Angreifers feuernd, rollte Sullivan sich zu der Nische, stieß ein keuchendes ‚Alohomora’ aus und dankte allen Göttern, als sich tatsächlich eine Tür hinter ihm öffnete. Er kroch, den Schmerz in seiner Schulter ignorierend, so schnell er konnte dort hinein und schmiss die Tür gerade noch rechtzeitig zu, um einen weiteren Fluch abzuwehren, der ihm hinterhergeschickt wurde.
Einen Moment lang blieb er nach Luft ringend auf dem Boden liegen, sprach dann leise ‚Lumos’ und erhob sich, um in dem spärlichen Licht, das sein Zauberstab spendete, die Lage zu erkunden.
Der Teil des Raumes in dem er sich befand, war bis auf einen Tisch und zwei Stühle völlig leer, während sich auf der gegenüberliegenden Seite einige, parallel zueinander aufgestellte hohe Regale befanden, deren Inhalt aus liegenden Flaschen bestand. Er war demnach im Weinkeller gelandet – ein Umstand, den er gedanklich sofort mit herabregnenden Scherben verband und daher nicht unbedingt begrüßte.
Als er seinen Blick – noch etwas unentschlossen, was er nun tun sollte – über die Weinregale schweifen ließ, erstarrte er. Dort hinten war noch eine zweite Tür und das Schlimme daran war – diese Tür schloss sich gerade. Der Todesser war ihm also gefolgt! Und er stand hier wie auf dem Präsentierteller mit einem wackligen Tisch und zwei Stühlen als einziger Deckung.
Kaum hatte er diesen Gedanken zuende gedacht, schoss schon ein Fluch auf ihn zu und er warf sich erneut auf den Boden. Ein weiterer Fluch, der besonders grell zu sein schien, zischte durch den Raum und schlug dort, wo er gerade noch gelegen, sich aber in letzter Sekunde weggerollt hatte, auf dem Boden ein.
Für einen Moment schloss er reflexartig die Augen und als er sie wieder öffnete, war der Raum durch mehrere brennende Fackeln, die an den Wänden hingen, nicht unbedingt hell, aber dennoch weitgehend erleuchtet. Wer immer es da auf ihn abgesehen hatte, war sehr schnell beim Zaubern.
Sullivan hechtete – von einem weiteren Fluch verfolgt und am Bein gestreift zu dem Tisch, riss ihn um und ging dahinter in Deckung. Ohne den genauen Standort seines Feindes zu kennen, feuerte er ein paar Mal auf gut Glück hinter der Tischplatte hervor, in die Richtung, aus der der letzte Fluch gekommen war. Das Klirren der in tausend Scherben zerspringenden Weinflaschen war so laut, dass es in den Ohren schmerzte. Danach war es plötzlich still. Hatte er den Feind etwa erwischt?
Die Antwort hierauf kam in Form eines Zaubers, der in Nullkommanichts seinen Tisch in Brand setzte. Fluchend stieß Sullivan das in Flammen stehende Teil mit den Füßen von sich und rette sich mit einer seitlichen Rolle nach rechts – Flüche auf den vermeintlichen Standort seines Gegners abfeuernd und hoffend, dass dieser nicht vorhergesehen hatte, in welche Richtung er sich retten würde.
Dass er dabei keinen Treffer erzielt hatte, machten Sullivan die nachfolgenden Flüche klar, die schnell hintereinander und mit großer Präzision auf ihn abgeschossen wurden und die ihn zwangen, nur noch auszuweichen, anstatt selbst zu feuern. Einige davon kamen ihm verdammt nahe und als er schließlich schmerzhaft oberhalb der Hüfte getroffen wurde, beschloss er das Ausweichen aufzugeben und einen Schildzauber zu probieren.
Dies wiederum war ein ziemliches Risiko, da er nicht einmal wusste, was das für Flüche waren, die ihm da um die Ohren flogen und er nicht sicher sein konnte, ob ein gängiger Schildzauber bei einem solchen, vermutlich schwarzmagischen Fluch überhaupt Wirkung zeigen würde.
Als der nächste gleißende Strahl auf ihn zukam, riss Sullivan den Arm hoch und krächzte ‚Protego’.
Der Fluch wurde durch den magischen Schutzschild zwar gestoppt, prallte jedoch nicht ab, sondern blieb an dessen Außenhülle kleben, als wolle er sich hindurchbrennen. Sullivan, rappelte sich mit zusammengebissenen Zähnen hoch, bis er wieder auf beiden Füßen stand und erhielt den Schild dabei aufrecht. Er hatte das Gefühl, dass der Fluch, der die Barriere noch immer zu durchdringen versuchte, immer stärker wurde und es kostete ihn einiges an mentaler Kraft, diesem Angriff stand zu halten.
„Nicht schlecht für einen alten Mann“, durchdrang plötzlich eine spöttische Stimme den Raum und Sullivans Magen verknotete sich vor Zorn, als ihm klar wurde, dass er diese Stimme kannte und auch, dass sein Gegner offensichtlich, trotz seiner Attacke, noch genügend Spielraum hatte um launige Kommentare abzugeben.
„Snape!“, zischte er.
„Richtig!“, erhielt er prompt die Antwort. „Wie wäre es, wenn Sie jetzt den Zauberstab fallen lassen, Sullivan? Ihr Schild ist zwar ganz nett, aber nicht halb so wirkungsvoll, wie Sie vielleicht denken. Es wird Ihnen nichts weiter geschehen, wenn Sie sich ergeben.“
„Vergiss es, Verräter!“, keuchte Sullivan, obwohl ihm klar war, dass er seinen Schutz wohl nicht mehr lange aufrecht erhalten konnte. Snapes Fluch schien sich auf irgendeine Weise von der Energie seines Schildes zu nähren und dabei stärker zu werden, während seine eigene Abwehr schwächer wurde.
Dass Snape kurz darauf hinter den Regalen hervor auf ihn zugeschlendert kam und dabei augenscheinlich überhaupt keine Mühe hatte, seinen Fluch aufrecht zu erhalten, bestätigte Sullivans Vermutung.
Hasserfüllt starrte er den Tränkemeister an, als dieser seine Maske vom Gesicht nahm und mit spöttisch funkelnden Augen näher an sein Opfer herantrat.
„Hm... ein Verräter bin ich also nun für euch... das hatte ich mir fast gedacht...“, sagte Snape ruhig. „Aber keine Sorge“, fügte er hinzu, so als hätte der Andere ihm darauf geantwortet, „ich habe Sie nicht hier hereingescheucht, um Sie vom Gegenteil zu überzeugen, sondern um mit Ihnen über etwas anderes zu reden.“
Sullivan brach der Schweiß aus. Es konnte sich nur noch um Sekunden handeln, bis sein Schild zusammenbrach.
Snape schien das ebenfalls zu wissen. Er nahm den Blick für einen Moment von seinem Opfer und konzentrierte sich noch einmal auf seinen Zauberstab, von dem aus ein – durch die Nähe bedingt - sehr kurzer, aber kräftiger und nun rötlich glühender Strahl bis zu der Grenze des Schildes verlief, der direkt auf Sullivans ausgesteckten Zauberstab zielte.
„Geben Sie auf, Sullivan“, sagte Snape fast sanft. „Das erspart Ihnen eine sehr schmerzhafte Erfahrung.“
„Ich denke gar nicht daran, du dreckiger Bastard!“, knurrte Sullivan, der schon vor Anstrengung zitterte.
Snape funkelte ihn angesichts dieser Beschimpfung einen Moment lang wütend an und murmelte dann einen Zauberspruch, auf den hin der Strahl aus seinem Zauberstab scheinbar mühelos den Schild durchdrang und nun langsam an Sullivans Stab entlang auf dessen Hand zukroch.
Wie gebannt blickte Sullivan auf das, was sich ihm da wie eine rotglühende Schlange näherte. Dass es keinen Sinn machte, den Schild aufrecht zu erhalten war nun klar. Was würde geschehen, wenn er ihn beendete und einen anderen Fluch sprach? Den Zauberstab einfach fallen zu lassen, wie Snape es von ihm gefordert hatte, kam auf gar keinen Fall in Frage. Er würde sich niemals kampflos ergeben.
Als er den Protego-Zauber schließlich aufgab, hatte er den ‚Stupor’ schon im Kopf und auf den Lippen, kam aber nicht mehr dazu, diesen auch auszuführen - denn im gleichen Augenblick, als der Schild sich auflöste, schoss der Strahl aus Snapes Zauberstab pfeilschnell vorwärts und traf auf Sullivans Hand.
Für ein paar Sekunden, die ihm jedoch unglaublich lang vorkamen, löste sich sein Bewusstsein in einem Meer aus Schmerz auf. Es war, als hätte sich das Blut in seinen Adern in brodelnde Lava verwandelt und die Luft, die er einatmete in nicht weniger heißen Dampf. Nichts mehr war wichtig – nur noch, dass es wieder aufhörte und sei es, indem er einfach starb.
Nachdem dieser grauenhafte Moment vorüber war, stand er - wenn auch schwankend und schwer atmend - immer noch auf den Beinen, was ihn sehr überraschte. Sein Zauberstab, von dem er nicht mehr wusste, ob er ihn nun doch hatte fallen lassen, als der Schmerz ihn überrollte, befand sich jetzt in Snapes Hand, auf die Sullivan starrte, während er darum kämpfte, das Gleichgewicht nicht doch noch zu verlieren – oder womöglich gar das Bewusstsein.
„Alles klar mit dir, Sullivan?“, fragte Snape, wobei die spöttische Betonung deutlich zeigte, dass er nach der ausfallenden Betitelung durch den Anderen, nun auch nicht mehr gedachte, sich weiter an jene Höflichkeitsfloskeln zu halten, die sie beide stets gewahrt hatten, wenn sie in den vergangenen Jahren bei Versammlungen des Ordens aufeinander getroffen waren. „Vielleicht solltest du dich lieber hinsetzten...“
Mit einem Wink, ausgeführt mit Sullivans Zauberstab – was dieser als besondere Demütigung empfand – rief Snape einen der Stühle heran, der mit einem hässlichen Geräusch über den Boden scharrte um schließlich ziemlich schwungvoll in Kniekehlen des Älteren zu landen, woraufhin der gar keine andere Wahl hatte, als sich darauf niederzulassen.
„So...“, sagte Snape zufrieden, „nachdem nun alle Widrigkeiten beseitigt sind und du bereit zu sein scheinst, mir zuzuhören - wenn auch vielleicht nicht unbedingt mit der angemessenen Begeisterung – hier ist meine Frage an dich: Wie kommt es, dass du – ein ehemaliger Hogwarts-Professor, langjähriger Auroren-Ausbilder, Meister in Verteidigung gegen die dunklen Künste und erfahrener Kämpfer gegen schwarzmagische Schurken aller Art - es nicht schaffst, eine einzige Frau und noch dazu eine Elevin, die dir Gehorsam schuldet und für deren Handeln du im Gegenzug Verantwortung trägst, davon abzuhalten, sich völlig hirnlos in Gefahr zu begeben?“
„Das war eine lange Frage“, sagte Sullivan trocken.
„Hast du ihren Sinn verstanden“, schnaubte Snape, „oder sollte meine kleine Demonstration von gerade eben eventuell dein Gehirn ausgedörrt haben?“
„Was war das?“, fragte Sullivan, die ironische Frage ignorierend.
„Die schwarze Magie bietet ein breites Spektrum an Möglichkeiten um zu experimentieren“, sagte Snape vage, „und nun beantworte meine Frage. Warum hast du deine Schülerin nicht unter Kontrolle?“
„Sie ist stur“, antwortete Sullivan und fixierte den Boden vor seinen Füßen.
„Was du nicht sagst! Und deswegen lässt du sie machen, was sie will? Bist du ein Lehrmeister oder doch eher ein netter älterer Herr, der lieber kleinen Kindern Märchen vorlesen sollte, als Auroren ausbilden?“ Snape legte den Kopf schief und musterte Sullivan provozierend.
Als Sullivan den Blick hob, war die Wut in seinen Augen deutlich zu sehen, seine Stimme klang jedoch völlig ruhig, als er antwortete.
„Tamara hat sich eigentlich immer an meine Vorgaben gehalten, wenn auch manchmal widerstrebend – nur, seit du Dumbledore kaltblütig ermordet hast, ist sie etwas von der Rolle. Sie konnte sich einfach nicht mit der Vorstellung anfreunden, einen Mörder zu lieben, darum hat sich in den Kopf gesetzt uns allen zu beweisen, dass du unschuldig bist. Verrückt, nicht wahr?“
Snape sah einen Moment lang so aus, als würde er gleich den nächsten seiner innovativen Flüche auf Sullivan loslassen, hatte sich aber gleich wieder unter Kontrolle.
„Du wirst zusehen, dass du sie wieder in den Griff bekommst“, sagte er in einem leisen, bedrohlichen Ton. „Wenn ihr etwas geschieht, ziehe ich dich persönlich zur Rechenschaft, Sullivan. Hast du mich verstanden?“
Sullivan, mit dem seit Jahrzehnten niemand mehr gewagt hatte, so zu sprechen, starrte Snape zornig an und biss die Zähne aufeinander.
„Was meinst du, wie lange ein Mensch den Fluch, mit dem du vorhin das Vergnügen hattest, überleben kann?“, sagte Snape langsam und den anderen genau beobachtend. „Ich hätte nicht wenig Lust, das einmal an einem versierten Fachmann für schwarze Magie auszuprobieren.“
Sullivan schwieg beharrlich.
„Ich will dein Wort, dass du auf Tamara aufpasst. Sofort!“, knurrte Snape.
„Warum willst du, dass ich das tue, Snape?“, fragte Sullivan gehässig. „Hast du tatsächlich Gefühle für sie? So ein skrupelloses Schwein wie du, ist dazu fähig?“
Als der Todesser daraufhin den erbeuteten Zauberstab wegsteckte und seinen eigenen in die linke Hand wechseln ließ, wappnete Sullivan sich schon innerlich gegen einen neuerlichen, schmerzhaften Fluch. Womit er allerdings nicht gerechnet hatte war, dass Snape einen Schritt vortrat und ihm mit dem Handrücken hart in Gesicht schlug.
Sullivan hob nicht einmal die Arme um den Schlag abzuwehren, so perplex war er über den, für diesen als kühl und rationell bekannten Mann, absolut ungewöhnlichen Ausbruch.
„Ich schätze, das sollte ‚ja’ heißen“, sagte er tonlos und hielt die Hand an die Wange, auf die er geschlagen worden war.
„Sorg dafür, dass deine Schülerin sich nicht mehr in Gefahr begibt“, sagte Snape kalt. „Und nimm diese Aufgabe ernster, als bisher – in ihrem und in deinem eigenen Interesse.“
Er richtete seinen Zauberstab auf Sullivan, ehe dieser noch irgend etwas antworten konnte, murmelte leise einen Spruch, der den Anderen lähmte und warf ihm dann seinen Zauberstab vor die Füße.
„Bis dann, Sullivan, und sag Minerva einen schönen Gruß von mir“, rief Snape, zwischen den Regalreihen verschwindend, und verließ den Raum durch die Tür, zu der er auch herein gekommen war.
Nach ein paar Minuten merkte Sullivan erleichtert, dass er sich wieder etwas bewegen konnte – der Fluch war also zeitlich begrenzt gewesen – und kurz darauf, konnte er schon aufstehen. Er nahm seinen Zauberstab an sich und ging steifbeinig zur Tür, die er vorsichtig öffnete. Es waren keine Kampfgeräusche mehr zu hören, also trat er hinaus und kehrte zurück zu dem Raum bei der Treppe, in dem das Glücksspiel stattgefunden hatte.
Dort drin waren sie alle versammelt – die Mitglieder des Phönixordens und auch die fünf Ministeriumsmitarbeiter, die hier wohl Karten gespielt hatten, sowie eine Frau im Nachthemd, die ziemlich aufgelöst wirkte. Zu seiner Enttäuschung lehnte allerdings kein einziger gefesselter Todesser an der Wand.
McGonagall und Shacklebolt verhörten, wie es schien, gerade die Kartenspieler und unterbrachen dies, als Sullivan den Raum betrat.
„David!“, rief McGonagall erleichtert. „Da bist du ja. Wir haben dich schon gesucht.“
‚Scheinbar nicht besonders gründlich’, dachte Sullivan, sprach es aber nicht aus.
„Wo sind Riddles Freunde abgeblieben?“, fragte er stattdessen. „Habt ihr sie in die Flucht geschlagen?“
„Scheinbar!“, antwortete Lupin, der etwas erschöpft aussah und den linken Arm in Schutzhaltung vor dem Körper trug. „Sie haben sich jedenfalls ziemlich schnell aus dem Staub gemacht.“
„Die hatten die Hosen gestrichen voll“, knurrte Moody.
„Erst war die Lage ziemlich kritisch“, sagte Shacklebolt „denn sie hatten sich gut verschanzt und wir konnten sie, obwohl ein paar offensichtliche Anfänger darunter waren, nicht in die Enge treiben. Vor allem die, die hier im Raum geblieben waren, machten uns Sorgen. Aber dann kam vom hinteren Flur her plötzlich eine Art wellenförmiger Fluch herangerast, der immer gewaltiger wurde, je mehr er an Fahrt gewann. Das Ding ist über unsere Köpfe hinweg gebraust, aber die Todesser am Ende des Flurs hat es voll erwischt und für einen Moment lahmgelegt. Diesen Moment haben wir genutzt, um den Raum hier zu stürmen. Leider haben es die Todesser hier drin geschafft, zu disapparieren, ehe wir sie überwältigen konnten, und irgendwie hat das automatisch auch die anderen, draußen auf dem Flur mit verschwinden lassen, so als hätten sie eine Art Gruppenapparation für den eventuell notwenigen Rückzug vorbereitet.“
„Wir haben also die bösen Buben vertrieben und die Herrschaften hier vor schlimmen Dingen bewahrt – was will man mehr“, sagte Sullivan zynisch und ging hinter die Bar, um sich ohne weitere Umstände einen Whisky einzuschenken.
„Na, meine Herren, wie war Ihr Blatt heute?“, fragte er die Männer, die betretenen Blickes um den Tisch herumsaßen, auf dem immer noch Geld und Karten verstreut lagen. Bis auf einen kannte er alle von ihnen aus der Zeit, in der er ebenfalls für das Ministerium gearbeitet hatte. „Das Glück scheint Ihnen ja allen hold gewesen zu sein, den anderenfalls ständen Sie jetzt vermutlich schon unter dem Imperiusfluch und wären Marionetten Voldemorts."
Bei der Nennung dieses Namens zuckten die Angesprochenen zusammen und die Frau stieß einen kleinen erschrockenen Schrei aus.
„Aber es war ein netter Zug von Ihnen, dass Sie sich hier so nett versammelt haben, um den Herren Todessern die Arbeit etwas zu erleichtern“, fügte Sullivan mit einem Blick auf den Tisch ironisch hinzu.
Er prostete ihnen zu und nahm einen großen Schluck Whisky.
„Wo warst du, David?“, fragte McGonagall leise, die an ihn herangetreten war.
„Ich habe mich mit einer Ratte unterhalten“, entgegnete Sullivan und trank das Glas mit einem Zug leer.
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Tamara saß in einem großen, bequemen Sessel draußen auf der Veranda und döste vor sich hin, als ein Geräusch sie hochschrecken ließ. Sowie sie realisierte, dass es das Quietschen des Gartentors war, das da in ihr Unterbewusstsein vordrang, war sie hellwach und ihn erhöhter Alarmbereitschaft.
David war es möglich, direkt in sein Haus zu apparieren – ein Privileg, das er ihr zu ihrem Leidwesen bisher noch nicht eingeräumt hatte – folglich kündigte dieses Quietschen entweder einen Besucher an, oder aber ihr Lehrmeister war nicht alleine.
Erleichtert stellte Tamara kurz darauf fest, dass Letzteres der Fall war. Dicht neben David kam Minerva auf das Haus zu und wenn sie nicht alles täuschte, versuchte die alte Dame, ihn zu stützen, was ihrem Ausbilder seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, überhaupt nicht recht war.
Und wirklich – als sie nahe genug herangekommen waren, hörte Tamara ihn leise schimpfen.
„Lass es gut sein, Minerva! Ich kann alleine laufen.“
„Nun hab dich nicht so“, war McGonagalls nicht weniger genervt klingende Antwort.
Als Sullivan Tamara wahrnahm, die ihnen von der Veranda aus entgegenblickte, straffte er sich und versuchte, McGongalls Hände einfach abzuschütteln, was diese jedoch zu verhindern wusste.
„Ah, Tamara – gut, dass Sie da sind“, rief sie erleichtert, als sie die Eingangsstufen hochkamen. „Vielleicht haben Sie ein wenig mehr Geschick im Umgang mit diesem sturen Kerl hier.
„Ist er verletzt?“, fragte Tamara beunruhigt.
„Ich bin bei Bewusstsein! Du kannst mich selber fragen, ob ich verletzt bin“, fauchte Sullivan sie an, noch bevor McGonagall eine Chance hatte, zu antworten.
„Bist du verletzt, David?“, fragte Tamara ergeben.
„Nein! Nur ein paar Kratzer“, sagte Sullivan.
„Pah! Kratzer!“, schnaubte McGonagall und schob ihn durch die Tür, die Tamara fürsorglich aufhielt, ins Haus hinein. Sie bugsierte ihn bis in die Küche und nötigte ihn, sich dort auf einen Stuhl zu setzen. Dann endlich ließ sie ihn los und Sullivan seufzte erlöst auf, was ihm einen äußerst vorwurfsvollen Blick von seiner selbsternannten Krankenschwester einbrachte.
„Er IST verletzt“, sagte McGonagall schneidend zu Tamara, die nach den Beiden den Raum betreten hatte, „aber er weigert sich, das behandeln zu lassen. Weder das St.-Mungos, noch die Krankenstation von Hogwarts, waren dem Herrn genehm. Er hat darauf bestanden, nachhause zu gehen und das SELBST zu erledigen.“
„Es – sind – nur – ein – paar – Kratzer!“, sagte Sullivan zähneknirschend und verdrehte die Augen.
„Sie werden sich um ihn kümmern, ja?“, fragte McGonagall, ohne seinen Einwand auch nur annähernd zur Kenntnis zu nehmen.
„Na klar!“, entgegnete Tamara ernsthaft. „Machen Sie sich keine Sorgen, Minerva. Ich kenn mich aus mit... Kratzern.“
Sullivan murmelte etwas Undeutliches, das vom Tonfall her ziemlich feindselig klang und aus dem ‚Weiber’ als einzig verständliches Wort herausstach.
„Auf Wiedersehen, David!“, sagte McGonagall spitz. „Ich sehe morgen Mittag kurz vorbei... nur um zu überprüfen, ob du die Nacht überlebt hast“, fügte sie süffisant hinzu.
„Ich kann’s kaum erwarten“, knurrte Sullivan.
„Nichts zu danken, mein Lieber“, flötete McGonagall mit sarkasmustriefender Stimme. „Das mach ich doch gerne.“
Sie wandte sich an Tamara.
„Männer sind wie kleine Kinder, wenn ihnen etwas weh tut...“, flüsterte sie so laut, dass Sullivan es auf jeden Fall hören musste, „...unausstehlich!“
Nach diesem Statement marschierte sie in der ihr eigenen, majestätischen Haltung hinaus, ohne dem ‚unausstehlichen’ Mann auf dem Stuhl noch einen einzigen Blick zu gönnen.
Tamara drehte sich um und sah herab auf Sullivan, der in unveränderter Haltung dasaß und verdrießlich auf die Stelle starrte, an der McGonagall eben noch gestanden hatte.
„Was kann ich für dich tun, David?“, fragte sie, um einen Ton bemüht, der eher sachlich als besorgt klang.
„Whisky!“, kommandierte Sullivan und deutete auf eine Vitrine schräg hinter sich. „Badezimmer, linke Schranktür, zweites Fach von oben, die blaue Salbe in dem Glastopf, die braune Flasche daneben und ein sauberes Handtuch“, fuhr er fort und deutete dabei in Richtung Flur, auf dessen anderer Seite das Badezimmer lag. „Aber ZUERST den Whisky!“, ergänzte er seine Ausführung strengen Blickes.
„Jawohl, Sir!“, seufzte Tamara und beeilte sich, ihm ein knapp halbvollgeschenktes Glas davon zu servieren, bevor sie den Raum verließ, um die anderen Utensilien aus dem Badezimmerschrank zu holen.
Als sie zurückkehrte war das Glas leer und es beschlich sie die Befürchtung, dass er doch mehr Schmerzen hatte, als das Gerede von den ‚paar Kratzern’ vermuten ließ.
Tamara stellte die beiden Gefäße auf dem Tisch ab und legte das Handtuch daneben.
„Wo bist du verletzt?“, fragte sie.
„Schenk nach!“, sagte Sullivan, schob ihr das Glas hin und begann dann vorsichtig sein rechtes Hosenbein hochzukrempeln.
Die leuchtendrote Wunde, die dabei zum Vorschein kam, sah zwar auf den ersten Blick übel aus, schien aber nicht sehr tief zu sein. Sie wirkte wie eine Mischung aus Schürf- und Brandverletzung – ungefähr zwei Zentimeter breit und zehn Zentimeter lang.
Sullivan entkorkte die Flasche, die Tamara ihm gebracht hatte, goss etwas von der braunen Flüssigkeit auf das Handtuch und presste es auf die Wunde. Dies verursachte ein Geräusch, vergleichbar dem, wenn man ein Stück Fleisch in eine heiße Pfanne legte.
Sullivan wurde blass und sein Atem hektisch. Es entkam ihm ein leises Wimmern, dass Tamara weit mehr erschreckte, als zuvor der Anblick der Verletzung.
„Was ist gerade passiert?“, fragte sie, als Sullivan wieder etwas ruhiger atmete.
„Der Kerl, der diesen Fluch erfand, hat dafür gesorgt, dass ich noch mal sehr intensiv an ihn denke – das ist passiert“, knurrte Sullivan.
Er griff nach dem Glasgefäß, öffnete es und strich etwas von der darin enthaltenen blauen Salbe auf die Wunde, die nun einen dunklen Braunton angenommen hatte. Erstaunt sah Tamara zu, wie das Gewebe auf Sullivans Bein sich in kürzester Zeit regenerierte, bis nur noch ein blassroter Streifen von seiner Verletzung zeugte.
„Wow!“, sagte sie und sah ihn fragend an.
„Es war ein schwarzmagischer Fluch, der mich da erwischt hat“, erklärte Sullivan nun bereitwillig. „Das braune Zeug ist dazu da, die dunkle Magie zu eliminieren – das ist, wie du vielleicht mitbekommen hast, nicht wenig schmerzhaft und das blaue Zeug ist eine hervorragende Heilsalbe, die zum Glück völlig schmerzlos, aber extrem wirkungsvoll ist. Man darf sie allerdings nicht andauernd einsetzen, sonst gibt es ungewöhnliche Nebenwirkungen.“
„Die ist auch nicht ganz frei von schwarzer Magie, oder?“, fragte Tamara vorsichtig, die noch nie eine Wunde derart schnell ohne Mitwirkung eines Heilzaubers hatte verschwinden sehen.
„Sagen wir’s so – sie hat ein paar nicht ganz astreine Komponenten“, entgegnete Sullivan grinsend und nahm einen Schluck Whiskey.
„Erzählst du mir von eurem Einsatz?“, fragte Tamara, die vor Neugier schon fast platzte, ihren Meister aber zunächst seine Verletzung hatte versorgen lassen wollen, ehe sie ihn löcherte.
„Wenn ich hier fertig bin“, sagte Sullivan und begann sein Hemd aufzuknöpfen.
„Kann ich dir helfen?“, fragte Tamara leise, als die Wunde an der linken Schulter zum Vorschein kam, die weitaus größer war, als die am Bein.
Sullivan nickte und Tamara griff nach der braunen Flasche.
Als sie das damit getränkte Tuch auf seine Schulter presste spürte sie förmlich die Energie unter ihrer Hand prickeln und versuchte sich darauf zu konzentrieren und nicht auf das gequälte Stöhnen ihres Patienten. Nachdem der Vorgang beendet war, trug sie die blaue Salbe auf und spürte dabei die enorme Anspannung, unter der Sullivans Körper noch immer stand.
„Wie kommt es, dass deine Kleidung unversehrt war?“, fragte Tamara, um ihn abzulenken.
„Ich habe sie repariert“, gab Sullivan zurück. „Bei Kleidung ist das nicht so ein Problem, wie bei menschlicher Haut.“
„War’s das?“, fragte Tamara, als mit der Behandlung der Schulter fertig war.
„Nicht ganz“, sagte Sullivan zähneknirschend, stand auf und öffnete seine Hose.
Tamara bekam runde Augen.
„Du wirst doch nicht... da auch...?“, fragte sie zögernd.
Sullivan grunzte missbilligend und entblößte eine breite feuerrote Spur, die sich quer über seine linke Leiste bis zu den unteren Lendenwirbeln zog.
„Die sieht ja noch übler aus, als die anderen“, bemerkte Tamara seufzend.
„Fang an!“, sagte Sullivan im Befehlston, nahm einen Schluck Whiskey und stützte sich dann mit beiden Händen auf der Tischplatte auf.
Der Ton, den er diesmal von sich gab, als das Tuch mit der braunen Flüssigkeit auf die Verletzung gepresst wurde, hatte etwas so Unmenschliches, dass Tamara zusammenzuckte und für einen Moment fast damit rechnete, dass er sie angreifen würde. Auch als der Augenblick vorüber war, blieben seine Hände zu Fäusten geballt und sämtliche Muskeln angespannt, wie die eines Tigers vor dem Sprung. Tamara wagte kaum, ihn zu berühren, als sie danach vorsichtig die Heilsalbe auftrug.
„Was ist mit dir los?“, fragte sie verunsichert, als sie anschließend das Glasgefäß sorgfältig verschloss.
„Der Vorgang, den die braune Tinktur auslöst, ist nicht ganz ungefährlich“, sagte Sullivan rau. „Der größte Teil der schwarzen Magie wird dabei vernichtet, aber ein minimaler Anteil geht in den Körper hinein und... zeigt dort auch Wirkung...“
„Und was kann man dagegen tun?“, fragte Tamara erschrocken.
„Ich werde meditieren, um es in den Griff zu kriegen“, antwortete Sullivan gepresst.
„Oh...“, machte Tamara, die ihre Chancen, heute noch einen Bericht von dem Überfall zu bekommen, schwinden sah.
Sie trat neben ihn an den Tisch und verschloss nun auch die Flasche mit der Tinktur.
Plötzlich war Sullivan hinter ihr und sie spürte seinen Atem im Nacken.
„Was soll das werden, David?“, fragte sie mit dünner Stimme und starrte auf seine Hände, die er links und rechts von ihr auf die Tischplatte gelegt hatte.
„Wonach fühlt es sich denn an?“, fragte Sullivan heiser und rieb seinen Unterleib in eindeutiger Weise an ihrem Hintern.
„David...! Das ist... doch nicht... dein Ernst, oder...?“ stammelte Tamara, die nicht im Traum mit so einer Annäherung gerechnet hatte.
„Was ist mit dir los, Täubchen?“, flüsterte Sullivan in einem gehässigen Ton, der Tamaras Nackenhaare senkrecht in die Höhe trieb. „Hast du beschlossen, dass es doch nicht vertretbar ist, dich von mir ficken zu lassen?“
Die unverblümte Wortwahl, die so gar nicht zu ihm zu passen schien, verschlug Tamara für einen Augenblick die Sprache. Sullivan nützte ihr Zögern, um die Hände unter ihren Pullover zu schieben. Tamara schrie leise auf, als er zielstrebig ihre Brustwarzen fand und - nicht gerade sanft - stimulierte.
„David, ich glaube nicht, dass d