Bis in alle Ewigkeit
Sie sah, wie er die Faust ballte, um zum Schlag gegen sie auszuholen. Die Sehnen an seinem Hals traten als dicke Stränge hervor, seine sonst so bleiche Haut war rötlich gefärbt.
Noch bevor er ihren Kopf zerschmettern konnte, hatte sie seine Pupillen gefunden, ihre Augen wohl platziert und einen Blick abgeschossen.
Ruckartig erschlafften all seine Muskeln. Sein vormals wahnsinniger Blick wurde von Leere verdrängt.
Sie hatte es geschafft.
Wieder und wieder hatte sie ihre Fähigkeit, sich in den Geist der anderen einklinken und die Kontrolle übernehmen zu können, verdammt. Nun hatte sie ihr das Leben gerettet.
Wie ein Mann ohne Hirn stand Severus Snape nun vor ihr, blickte ins Nichts und wirkte wie eine atmende Statue.
Seine Gedanken in sich tragend, erschrak sie vor der Brutalität des dunklen Lords. Etliche Erinnerungen Snapes deuteten auf Abgründe der Brutalität hin, die sie lieber niemals selbst erblicken wollte.
Es war an der Zeit, seine Trance auszunutzen.
Sie befahl der leeren Hülle, ihre Fesseln zu lösen. Langsam trat der Körper heran und folgte ihrem Willen.
Es war ihr gelungen, Snapes Geist - nun direkt neben ihrem eigenen liegend - auszuschalten. Nichts wäre ihr nun lästiger gewesen, als die hasserfüllte Stimme eines Todessers durch ihr Bewusstsein schallen zu hören.
Die Zeit drängte. In Snapes Erinnerungen sah sie, dass in Kürze eine Versammlung des schwarzen Ordens stattfand. Würde Snape nicht kommen, würde Voldemort misstrauisch, würde kommen, würde sie umbringen ...
Sie wollte sich gar nicht vorstellen, auf welche Weise der dunkle Lord solcherlei Tötungen durchführen ließ.
Die schwere Stahltür war ungesichert. Snape hatte ihr nur das Essen bringen wollen, um danach wieder hinauszugehen. Sie konnte ohne Probleme entschwinden.
Jedoch, es war schlau, den Körper mitzunehmen. Im Notfall könnte sie ihm Stimme verleihen und IHN für diese Aktion verantwortlich machen.
Vor ihr lag ein von Spinnen und Ratten bewohntes Kellergewölbe, das an den Seiten mit Totenkopffackeln ausgeleuchtet war.
Nun hieß es, schnell zu gehen.
Hoffentlich würde ihr niemand begegnen.
Sie ergriff Snapes kühle Hand und lief mit ihm in die Richtung, die seine Erinnerungen ihr wiesen.
Hinten war ein Schnellausstieg aus der Höhle - für den Fall, dass sie von dem Phönixorden ausgehoben würde.
Nur noch wenige Meter, dann hätten sie es geschafft.
Hinter einer Biegung wurden sie abrupt aufgehalten.
Snape lief mit der ungebremsten Kraft seiner Körpermasse in Lucius Malfoy hinein.
Sie zitterte.
Schnell ließ sie Snapes Körper wieder aufrechte Position annehmen. Alsdann erhob sich seine Stimme, gewohnt zischend:
"Malfoy, wieso stehst Du hier im Weg herum?"
Dieser, anscheinend unter Snape rangierend, da er sich nicht über den heftigen Zusammenprall ausließ, antwortete:
"Du weißt doch: Der Lord hat Wachen aufgestellt. Unsere kleine Miss D. ist in seinen Augen ein gefährliches Ding."
Er schielt zu ihr. Ein schlechtes Gefühl kam in ihr hoch.
Sie spürte, dass sie sich nur mit viel Glück aus dieser Situation befreien konnte.
Skeptischen Blicks, aber höflichen Tons, setzte Malfoy hinterher:
"Wieso läufst Du eigentlich mit ihr über die Gänge? Willst Du mit der kleinen Aphrodite durchbrennen?"
Snapes Antwort kam gewohnt harsch:
"Komödiantisch wie immer, Malfoy. Ich wollte sie wieder einfangen. Das ist alles."
Doch Lucius ließ nicht locker:
"Aha ... und seit wann rennt man während der Jagd Hand in Hand NEBEN seiner Beute her?"
Ein kalter Schauer über ihrem Rücken.
Es galt zu handeln. Und es gab nur eine Lösung.
Sie ballte die Faust und versetzte Snape mit aller Kraft einen Kinnhaken.
Bewusstlos ging der Körper zu Boden - sein Geist mit ihm.
Lucius machte einen Fehler und sah ihr direkt in die Augen.
Ihr reichte ein kleiner Moment, um an ihm das zu vollbringen, was sie kurze Zeit zuvor an Snape getan hatte.
Lucius Blick wurde leer. Jeder Wille floss in ihren Kopf.
Malfoys Geist war nicht so leicht zu verdrängen wie jener Snapes. Sie war zu nervös, Kunststücke zu vollbringen.
Schnell nahm sie eine der Totenkopffackeln von der Wand, löschte ihr Feuer und zerdonnerte sie auf Malfoys Kopf.
Endlich brach das Gezetere seines Geistes mit den Worten "Die Giotine wird das letzte sein, wa-" ab.
Snapes Bewusstlosigkeit war ein Problem.
Sie konnte ihn nicht einfach so auf dem Boden liegen lassen. Damit würde sie ihm Voldemorts Zorn ausliefern.
Auch wenn er sie vorhin noch hatte totschlagen wollen ...
Ihren Zauberstab hatten sie ihr genommen. Alles hatten sie ihr genommen, auch ihre Kleidung. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie nur in einem schwarzen Nachthemd dastand, die zugige Luft umspielte ihre Füße und ihren Unterleib. Selbst die Unterwäsche hatten sie ihr genommen. Möglicherweise noch mehr.
Der Aderlass hätte morgen anstehen sollen. Snape hatte ihr sozusagen das letzte Abendmahl bringen wollen und mehr ...
Sie schlug den Gedanken weg. Er war nun lästig.
Mit Schnelligkeit fingert sie an den Knöpfen von Snapes Gehrock herum und drang in seine Innentasche.
Sie ergriff den Zauberstab und bellte den Schwebezauber.
Es wurde Zeit.
Wieder rannte sie durch das Gewölbe, einen schwebenden Snape vor sich ausbalancierend, mit dem seltsamen Beigeschmack, irgendetwas vergessen zu habend.
Was konnte es sein?
Als sie endlich die Luke erreichte, zuerst Snape dann sich durchzwängte, überlegte sie, dass Malfoy keine außergewöhnliche Gefahr für Severus werden könnte, da ihre Hypnose seinen Geist ab der Übernahme komplett ausgelöscht hatte. Alles was danach in IHREM Kopf stattgefunden hatte, würde auch genau darin bleiben.
Sie hatte keine Zeit, noch länger darüber nachzudenken, jetzt da sie im Dunklen in einem ihr unbekannten Wald stand, den bewusstlosen Snape in der Schwebe mit sich führte und nicht einmal Unterwäsche trug.
Es galt zu disapparieren.
War es aber überhaupt möglich, mit einem Bewusstlosen zu disapparieren?
Sie hatte keine andere Chance, als es zu versuchen.
Snape fest an sich ziehend, sprach sie den Disapparationszauber, schwang den Stab dabei besonders kräftig mit und fühlte, wie sie den Boden unter ihren Füßen verlor.
Es glückte.
Den Toren Hogwarts lag sie zu Füßen, denn der Zauber hatte soviel Kraft gekostet, dass er sie geradezu umgeworfen hatte.
Snape lag mit ihr um lauwarmen Gras.
Der Mondschein fiel auf sein Gesicht und verlieh ihm einen besonderen Glanz.
Sie nahm den Augenblick als gegeben und kostete ihn aus.
Snape. Liegend. Bewusstlos.
Hilflos.
Vor den Toren Hogwarts würden keine Todesser apparieren. Und Hagrid würde jetzt gewiss keine Runde mehr ziehen und sie hier liegen sehen ... Sehen wie sie das Gesicht des Mannes streichelte, der ihr vor lauter Zorn über ihre selbstmörderische Weigerung zu kooperieren fast das Gesicht zertrümmert hätte.
Zärtlich strich sie ihm eine Strähne aus den Augen, um danach über die Nase zu fahren. Gerade als sie seinen Mund berühren wollte, umfing ein harten Griff ihr Handgelenk und zwei Augen brannten sich in ihren Blick.
Zu kurz, als dass sie wieder Kontrolle erlangen konnte.
Wissend blickten die Augen auf ihren Mund und eine scharfe Zunge sprach:
"Du bist ein törichtes Stück. Weißt Du das eigentlich?"
DAS hatte sie also vergessen.
"Wie konntest Du nur? Er hätte alles für Dich getan! Er liebt Dich!"
Er sprach in der dritten Person.
Also war auch Voldemorts Gedankenkontrolle von ihm abgefallen. Sie hatte es also geschafft, ihn davon zu kurieren.
Sie atmete sich auf, rollte sich von ihm und kam neben ihm im Gras zum Liegen.
"Severus. Ich kenne ihn besser. Meine Weigerung hat soviel Hass in ihm angehäuft, dass er mich morgen Nacht getötet hätte. Verstehst Du: GETÖTET!"
Snape schüttelte den Kopf und massierte sein Kinn.
"Und wenn er MICH nun tötet?"
Sie wusste nichts anderes zu sagen als:
Du wirst nicht mehr hingehen, also kann er Dich auch nicht umbringen."
Wieder schüttelte er den Kopf. Nach einer Zeit fragte er:
"Wieso wolltest Du sein Geschenk nicht? Die Unsterblichkeit ...
Es gibt nichts Wertvolleres, was ein Vater seiner Tochter schenken kann."
Sie brauste auf. Manchmal ging so etwas schnell.
Wieder bestieg sie seinen Körper, diesmal kraftvoller, geradezu brutal. Sie sah ihm direkt in die Augen, beließ es aber dabei und wurde sogleich von seinem Blick besänftigt.
Dennoch, sie sagte, was sie hatte sagen wollen:
"Oh doch, Severus. LIEBE! Liebe ist wichtiger als alles andere. Ich liebe ihn nicht, er liebt mich nicht. Ich hasse ihn. Er hasst mich. So einfach ist es."
Wiederum schüttelte Snape seinen Kopf und wollte irgendetwas zu Gunsten Voldemorts einwenden.
Sie aber verschloss seinen Mund mit einem langen Kuss.