EINE EULE AM MORGEN
von Orlane
Disclaimer: Alle bekannten Figuren gehören JKR.
Bevor Ihr anfangt: Entschuldigt, dass ich Euch mitten im Herbst mit
Frühlingsgefühlen komme ;) aber ich saß frierend an meinem Schreibtisch… und da
ist es eben passiert! Außerdem habt Ihr meine zweite Kurzgeschichte innerhalb
so kurzer Zeit auch Kira zu verdanken, die mich motiviert hat! Danke Kira!!
Jetzt hoffe ich, dass Ihr Euch mit der Geschichte amüsiert und bitte bitte
lasst mich wissen, ob und wie sie Euch gefallen hat!
1. Verrückter Frühling!
„W-Wegwartwurzel und W-Wurmfarnstock! Unglaublich, dass er
uns nach fast sieben Jahren noch immer mit so einem Quatsch foltert!" Ron zog
fröstelnd den Umhang enger um seine Schultern als er mit Hermine und Harry aus
dem Kerker stapfte. „K-K-ältetrank!" er schnaubte verächtlich durch die immer
heftiger klappernden Zähne, „Unverschämtheit, uns als Vers - suchskaninchen zu missbrauchen. S - soll er den Mist doch
selber nehmen",
„Hätte wohl k-kaum irgendeine W-Wirkung auf diesen fiesen Eisblock!" bibberte
Harry und blickte neidisch auf Hermines dicken Wintermantel und den weichen
Wollschal.
„Stand auf dem Plan, dass wir heute Kältezauber durchnehmen!" Kam
Hermines knappe Anmerkung. Sie übersah Harrys vorwurfsvollen Das-hättest-du-auch-vor-der-Doppelstunde-sagen-können
Blick sowie Rons zitternden Versuch eines beleidigten Schmollmunds und führte gedankenversunken
fort: „Er braucht wirklich keinen Kältezauber!" Ihre Augen folgten einer
kleinen grauen Eule, die sich hoch oben gerade auf den Weg machte. „Er braucht etwas ganz anderes!" flüsterte
sie ein wenig verträumt aber gerade noch laut genug, dass Harry und Ron es
trotz klappernder Zähne hören konnten.
„Hermine?" Ron schubste sie leicht an. „Hermine hast du einen anderen
Trank probiert als w-wir?" Er zog verwirrt die Stirn kraus und blickte von ihr
zu Harry.
Hermine wurde rot, als sie glaubte zu begreifen, was Ron andeuten
wollte. „Quatsch!" zischte sie genervt und marschierte an den beiden vorbei.
„Kommt ihr? Zum Mittag gibt es sicher heiße Suppe. Eure Nasen sind ziemlich
rot, das macht euch nicht gerade attraktiver", rief sie über ihre Schulter.
Die Jungen folgten ihr langsam. Harry schüttelte den Kopf: „S - Sieben
Jahre Hogwarts und sie hat sich kein bisschen verändert!"
„Nur dass sie jetzt anscheinend Frühlingsgefühle für die seltsamsten
Typen entwickelt." Ron warf seufzend einen kurzen Blick aus dem Fenster, durch
das die ersten Sonnenstrahlen des Jahres fielen.
Da es nur noch wenige Wochen bis zu den Abschlussprüfungen waren, schien
es nahezu unglaublich, dass Hermine überhaupt noch in der Lage war, an
irgendetwas anderes zu denken. Darum, und auch weil Harry und Ron begriffen,
dass auch sie langsam mit den Vorbereitungen für die Prüfungen beginnen
sollten, war Hermines seltsame Bemerkung bald vergessen.
2. Eulenpost
Ein Samstagmorgen im Mai. Kein Unterricht, dampfende Brötchen, Marmelade,
Rührei mit Speck, Sonnenschein, Vögelgezwitscher und - „Montag beginnen die
Prüfungen - so viel zu tun!" durchkreuzte Hermine plötzlich Rons friedvolle Morgenstimmung.
Nicht dass sie ihn mit diesen Worten direkt angesprochen hätte, eigentlich
schaukelte sie schon seit einiger Zeit murmelnd und mit abwesendem Blick auf ihrem
Stuhl hin und her. Nachdem ihr Gemurmel nun auch Ron erreicht hatte, machte
sich in ihm schlechtes Gewissen und ein flaues Gefühl in der Magengegend breit.
Hermine verbrachte jede freie Minute mit der Nase in ihren Büchern und er dachte an Sonnenschein und
Vögelgezwitscher. Ein kurzer Blick auf die blasse Hermine, die nervös
schaukelnd an einem trockenen Stück Brot nagte und dabei ihren Fingernägeln
gefährlich nahe kam, verdarb ihm den letzten Rest Appetit.
Genervt blickte Ron sich um. Harry sah auch nicht viel ruhiger aus. Rons
Augen wanderten weiter über die Schülertische bis hin zum Lehrertisch und
nahmen die gewohnte Sitzordnung wahr. Professor Dumbledore in der Mitte,
vertieft in ein Gespräch mit den Professorinnen Sprout und McGonagall. Professor Flitwick und Madam Hooch kicherten über irgendeinen Witz
und Professor Snape kauerte hinter seiner übergroßen Kaffeetasse und stierte
grimmig vor sich hin.
Einen Augenblick später wurde das morgendliche Gemurmel von einer
Scharr hereinflatternder Eulen übertönt. Die Morgenpost. Hier und da ließen die
Vögel kleine Pakete, Briefe und Tagespropheten fallen. Auch vor Rons Nase
landete die Tageszeitung und er wollte sich gerade mit einem Blick auf die
Sportseite von dem wachsenden Druck im Magen ablenken, als am Lehrertisch laut
quietschend ein Stuhl zurückgeschoben wurde und Professor Severus Snape mit
einem schallenden: „Was zum Teufel…!" ungewollt die Aufmerksamkeit des gesamten
Saales auf sich zog.
Unzählige Köpfe reckten sich, um die Ursache für diesen Ausbruch
erkennen zu können. Nicht dass Professor Snape nicht ohnehin zu Ausbrüchen,
vorzugsweise Wutausbrüchen, neigte,
so früh an einem unterrichtsfreien Morgen schien es dennoch außergewöhnlich.
Auch für die hintersten Tischreihen war das, was eine große braune Eule
vor Snape fallengelassen hatte deutlich zu erkennen. Neville Longbottoms Augen
wurden groß und er zog instinktiv den Kopf ein. Seamus Finnegan entfuhr ein
erschrockenes und zugleich erstauntes „OOUHH - Professor Snape!" Unter normalen
Umständen hätte ihn ein derartiger Ausruf einige Punkte Abzug für Gryffindor
gekostet.
Die Umstände waren jedoch nicht normal. Snape starrte auf den kleinen
roten Umschlag vor sich, der unruhig zu pulsieren schien und ein stetig lauter
werdendes Zischen und Pfeifen von sich gab. Im Saal war es still geworden.
„Ein Heuler, Severus?" Professor Dumbledore war erstaunt.
„Was haben sie angestellt?" Professor McGonagall klang ebenso überrascht,
vor allem jedoch eine Spur amüsiert.
„Da fällt mir so einiges ein!" flüsterte Ron Harry zu. Der gleiche Gedanke
ging wohl fast allen Anwesenden durch den Kopf.
Snape jedoch schien aufrichtig verwirrt. er hatte seine Hände auf dem
Tisch abgestützt und musterte noch immer den roten Brief. Ruckartig schoss sein
Kopf nach oben und er fixierte mit böse funkelndem Blick die Schülerreihen.
Gerade wollte er etwas sagen, als der Briefumschlag vor ihm einen gefährlichen
Satz machte und ein äußerst ungeduldiges Knurren von sich gab.
Dumbledore beugte sich zu Snape hinüber und flüsterte ihm etwas ins
Ohr.
„Das weiß ich auch!" zischte Snape erbost. Er streckte seine Hand aus
und nahm den bebenden Brief vom Tisch, drehte sich um und wollte den Saal
verlassen, als die große braune Eule noch einmal auf den Teil des Lehrertisches
zugeflogen kam, an dem er gerade noch gesessen hatte. Mit einem lauten WUUHSCH
landete ein zweiter zappelnder roter Umschlag auf seinem Platz. Die Eule gab
ein vorwurfsvolles und recht angespanntes Schnarren von sich und flog aus dem Saal.
Unter den Schülern begann ein aufgeregtes Gemurmel und Getuschel.
„Ein zweiter Heuler" keuchte Neville.
„Der muss ja tierisch was ausgefressen haben!" japste ein
Hufflepuffmädchen aufgeregt.
„Haltet euch schon mal die Ohren zu, Leute!" riet Colin Creevey.
„RUHE!" Für einen Augenblick war nicht klar, ob der dröhnende Ausruf
von dem Heuler oder von Severus Snape stammte. Ein Blick in Snapes Gesicht
machte es jedoch deutlich. Seine schmalen Lippen zitterten: „Noch ein Wort von
irgendeinem der hier Anwesenden und ich…" Zu mehr kam er nicht. Der erste
Heuler drehte und wendete sich geräuschvoll in seiner Hand. Zischend, fauchend,
rauchend und schnaubend vor Wut befreite er sich aus Snapes Griff und schnellte
ab in die Luft, genau vor die Nase seines Adressaten, wo er sich wild summend hielt.
Snape fischte mit der Hand nach dem Brief, der jedoch immer wieder auswich und
schließlich zerbarst, um sich in eine lange Papierrolle zu verwandeln.
Der Saal hielt den Atem an als eine ohrenbetäubend schrille Frauenstimme
ertönte.
„Professor
Snape! Wie konnten Sie mir das antun? Sie impertinente Person! Sie halten sich
wohl für die Krone der Schöpfung? Noch nie hat mich ein Mann derart entwürdigend
behandelt. Was haben Sie sich dabei gedacht? Erst diese vor Schmalz triefenden Briefe
und dann… Herzen erwärmen, Fassaden
abbauen, Mauern einreißen - ich hätte in der Tat Lust, bei Ihnen etwas
einzureißen! - Oder besser Abzureißen! Wagen Sie es nicht, mir auf irgendeine
Weise nahe zu kommen sonst erwartet Sie weit Schlimmeres als dieser Heuler!"
Fast unmöglich, aber bei den letzten Worten hob
die Stimme noch einmal an und wurde zu einem fast unerträglichen Quietschen,
bevor die Rolle mit einem Jaulen in Flammen aufging und die Asche langsam zu
Boden rieselte.
Mit offenem Mund starrten hunderte von
Schülern von dem Häufchen dampfender Asche auf dem Boden hin zu Snape. Dieser
war kreideweiß. Bevor sich irgendjemand regen konnte, machte sich der zweite
Heuler bemerkbar. Bis jetzt hatte er geduldig auf das Finale seines Vorgängers
gewartet, doch jetzt hielt ihn nichts mehr auf den Tisch. Zischend schwirrte
der Brief vor Snapes Nase und formte sich ebenfalls zu einer Papierrolle.
Abermals erfüllte eine Frauenstimme den Saal.
Genauso laut, schallend und anklagend wie die erste, diesmal jedoch auch
tränenerstickt und von tiefem Schluchzen unterbrochen.
„Professor
Snape - S - Severus ! (ein Schluchzen)
Ich bin zutiefst gekränkt! Sie haben mit meinen Gefühlen gespielt! Was haben Sie
mir angetan!? Zum ersten Mal seit Jahren brachten mir Ihre Briefe einen Hauch
von Hoffnung! (ein geräuschvolles Schnauben
ins Taschentuch) Ich habe Stunden auf Sie in den DREI BESEN gewartet - dann
diese Nachricht! Erbärmlich! (ein halb
Schluchzen halb Schnauben) Und diese Briefe! Ich hätte es ja gleich wissen
müssen:
Geboren auf deinem Schoß, will ich auf deinen
Wangen leben und auf deinen Lippen sterben!
PAAH!
das ist nicht von Ihnen! das ist von SHAKESPEARE! Sie ----- DIEB! Jawohl!"
Ein herzzerreißendes Wimmern beendete die Nachricht und die Rolle fing
Feuer.
Snape stand wie gelähmt da und starrte auf den sich bildenden zweiten
Haufen Asche. Lippen zusammengepresst, Augen zu schmalen Schlitzen verengt. Die
Adern an seinen Schläfen pochten wie wild und er hatte seine Finger so eng
ineinander verschlungen, dass alles Blut aus ihnen gewichen war. Nichts und
niemand wagte, sich zu bewegen.
Ein Poltern durchdrang die Stille. Nicht nur Ron zuckte zusammen. Er
blickte verdutzt neben sich und fand Hermine benommen neben ihrem umgefallenen
Stuhl sitzend. Ein Ausdruck grenzenlosen Entsetzens beherrschte für einen Augenblick
ihr Gesicht. Dann schaute sie in Rons verwirrte Miene und rieb sich verlegen
das schmerzende Hinterteil. Ron streckte Hermine die Hand entgegen, erleichtert
ließ sie sich hochziehen.
Hermines kleiner Unfall riss Snape aus der Trance, die ihn für die
letzten quälenden Minuten bewegungsunfähig gemacht hatte. Aufgebracht durchfuhr
er mit dem Fuß den Aschehaufen und funkelte die anwesenden Schüler und Kollegen
an: „Wenn ich herausfinde, wer hinter diesem geschmacklosen Scherz steckt - und
verlassen sie sich darauf, ich werde
es herausfinden - dann wird sich dieser Jemand wünschen, nie geboren worden zu
sein!" Mit wehendem Umhang und donnernden Schritten schoss Snape aus dem Saal.
~~~
„Was war denn das?" Ron wandte sich seinen Freunden zu, nachdem Snape
verschwunden war. Harry verzog den Mund, konnte ein Grinsen nicht länger
unterdrücken. Um ihn herum begann alles, aufgeregt zu schnattern.
„Hermine? Geht es dir gut? Hast du etwa das Beste verschlafen? Das kann
doch nicht war sein!" Ron fasste sie leicht bei der Schulter.
„Was, wer, warum? Ich ... bin vom Stuhl…!" Hermine wechselte die
Gesichtsfarbe von schneeweiß zu knallrot. „Oh nein! Ich … Datum… wie konnte
ich… verwechseln…. Ich hab es verpasst. Nein, nein, nein!" Sie vergrub die
Hände in ihrem Gesicht.
Harry schüttelte den Kopf. „Hermine, du hast kein Datum verwechselt!
Die Prüfungen haben noch nicht angefangen. Beruhige dich!" er legte
beschwichtigend seine Hand auf ihren Arm. Hermine jedoch brach in Tränen aus,
schnellte von ihrem Stuhl hoch und rannte aus dem Saal.
„Die ist ja total fertig!" Ron sah Hermine nach.
„Hast du sie vor Prüfungen schon jemals anders erlebt? Ärgerlich, dass
sie die absolute Supershow verpasst hat!" Harry wies mit einem Nicken auf den
leeren Platz am Lehrertisch.
„Allerdings! Entweder Snape ist ein Heiratsschwindler und
Herzensbrecher, " Harry verschluckte sich prustend an einem Schluck
Orangensaft. „Oder jemand hat sich wirklich einen verdammt coolen Scherz
erlaubt. Nur gut, dass wir von schulfremden Lehrern für die N.E.W.Ts geprüft
werden, sonst würde Snape uns sicher vor Wut alle durchrasseln lassen!" Ron
widmete sich grinsend dem inzwischen kalten Rührei und drehte sich kurz darauf
zu Harry und Seamus, die mit den anderen lachend den wahrscheinlich aufregendsten
Samstagmorgen der Schulgeschichte diskutierten.
3. Dir treu ergeben
Snape war inzwischen fast am Kerker angelangt. Er bog um die letzte
Ecke und sah, dass jemand vor seiner Tür auf ihn wartete. Eine Frau mittleren
Alters in einem grünen Kostüm, für das sie eindeutig zu pummelig war. Ihre feuerroten
Haare waren zu einem unordentlichen Knoten aufgetürmt. Sie wippte ungeduldig
mit dem Fuß.
Snape ahnte Schreckliches, er fluchte leise und wollte auf dem Absatz
kehrt machen.
„Halt! Severus Snape?! Sie müssen es sein! Kommen sie sofort zurück!"
befahl die rote Dame schrill.
Snape fürchtete, sie würde ihm zurück in den großen Saal folgen oder
sonst irgendwohin ins Schloss, und er befürchtete weitere Peinlichkeiten. Also
drehte er sich um und ging auf sie zu. Bevor sie etwas sagen konnte zischte er
bedrohlich: „Welche von diesen unverschämten Nachrichten habe ich ihnen zu verdanken?"
Die Dame sah ihn verwirrt an, entgegnete aber sogleich schroff: „ICH
schreibe keine unverschämten Nachrichten, Professor! Die kam gestern Abend wohl
eher von ihnen!"
„Ich verstehe kein Wort. Wer sind sie überhaupt" Snape verschränkte die
Arme.
„Eben schienen sie mir sehr wohl zu verstehen, worum es hier geht!"
quiekte sie schrill und fügte dann hinzu: „Fiona Thomas - wenn ihnen dieser
Name etwas sagt!"
„Nein." knurrte er entnervt. Die Situation drohte ihn nun endgültig zu
überfordern. Er stand hier mit einer wildfremden Frau, deren Stimme ihm Kopfschmerzen
bereitete. Der ganze Morgen war eine Katastrophe. Er rieb sich die Schläfen.
„Man sollte sie anzeigen. Erst die wildesten Versprechungen und Anschmachtungen
Eule um Eule - und dann diese unverfrorene Abfuhr. Und ich bin den ganzen Weg
aus Irland gekommen! Noch dazu haben sie nicht einmal den Anstand besessen, zu
verbergen, dass sie sich gleich mit mehreren Damen eingelassen haben! - Ich
habe sehr wohl gemerkt, dass ich gestern Abend nicht die Einzige war, die
lauthals mit ihrer beleidigenden Nachricht beehrt wurde!" Fiona Thomas kannte
keine Gnade, ihre Stimme knallte wie Peitschenhiebe.
„Ich pflege keine Eulen mit Versprechungen und Anschmachtungen zu
verschicken!" Snape hielt sich nun den schmerzenden Kopf. Und schon gar nicht an so eine wie sie! dachte er bei sich.
Miss Thomas holte Luft und setzte erneut an.
„Halt! Das reicht - sie kommen jetzt mit mir da rein und erklären mir
das!" Snape schob sie unsanft durch die Kerkertür in das benachbarte Büro und
schloss diese hinter sich.
Fiona Thomas ließ ein erbostes „Ich muss doch sehr bitten" heraus, sah
den Mann, der ihr gegenüber stand jedoch unsicher an. War es möglich, dass er tatsächlich
nicht wusste, wovon sie sprach? Aber er war mit Sicherheit Severus Snape! Er
hatte sich doch in einem der Briefe beschrieben.
Als könnte er ihre Gedanken lesen sagte Snape: „Ich bin Severus Snape, Lehrer für Zaubertränke
an dieser Schule. Aber ich habe absolut keine Ahnung, von welchen Briefen sie
hier sprechen und wäre ihnen darum äußerst dankbar, wenn sie die Güte hätten,
mich aufzuklären! Das könnte auch zur Erhellung anderer morgendlicher
Zwischenfälle beitragen!" erschöpft ließ er sich auf einen Stuhl fallen und
wies ihr mit einem kurzen Nicken eine Sitzgelegenheit zu.
Zögernd setzte sie sich. Kramte in ihrer übergroßen Handtasche und zog
einige Briefe heraus. Wortlos reichte sie ihm den Stapel.
Meine
sehr verehrte Fiona,
ich
bin erfreut, dass Du auf meine Anzeige geantwortet hast.
Mir
fällt dieser Schritt nicht leicht. Ich bin kein Mann, der seinen Gefühlen und
Träumen offen nachgibt. […]
Snape nahm den nächsten Brief und entfaltete ihn stirnrunzelnd. Er
überflog einige Zeilen.
[…] meine
Mauern sind dick, doch Du sollst sie einreißen! Ich bin glücklich, dass auch
für Dich nur die inneren Werte zählen.[…]
Der nächste Brief.
[…] Geboren
auf deinem Schoß, will ich auf deinen Wangen…
Snape schnaubte und ließ die Seite fallen. Der Nächste.
[…] kann
es kaum erwarten, Dich am nächsten Freitag in Hogsmeade endlich zu sehen.[…]
Die restlichen Briefe wollte er sich lieber ersparen. Ein Gefühl von Übelkeit
kroch in ihm hoch. Jeder Brief trug die gleiche verschnörkelte Unterschrift: Dir treu ergeben, Severus Snape.
Unter dem Stapel Briefe lag ein verknitterter Zeitungsausschnitt. Snape
zögerte, glättete ihn schließlich zähneknirschend zwischen Mittelfinger und Zeigefinder und las:
Ich,
männlich (mittleren Alters), ledig, mit gesicherter beruflicher Position
(Lehrer) - suche Dich, weiblich (Alter ist unwichtig), ledig! Bist Du auf der
Suche nach der Herausforderung Deines Lebens? Hier ist sie! Ich bin kein
einfacher Mensch - hinter der harten Fassade steckt jedoch ein liebenswürdiger,
warmherziger Mann, der Dir die Sterne vom Himmel holt - wenn Du nur Geduld
hast.
Einsendungen
an das Eulenpostfach Sev/067932
„Die muss ja ein Vermögen gekostet haben, bei der Anzahl von Zeilen!"
schnaubte Snape spöttisch und reichte Miss Thomas den Stapel Briefe samt
Anzeige.
„Heißt das…"
„ICH habe diese Anzeige niemals geschrieben!" vervollständigte er ihren
Satz. „Und auch diese Briefe nicht!"
„ Ja aber…wer?" stammelte Miss Thomas. Sie war inzwischen überzeugt,
dass der Mann vor ihr die Wahrheit sagte. Diese Empörung konnte unmöglich
gespielt sein. „Vielleicht einer ihrer Kollegen? - Ein Streich!" versuchte sie
den Ansatz einer Erklärung und wurde sogleich
mit einem kalten, zornigen Blick gestraft. „Nur ein - Scherz, sie verstehen?"
„NUR ein Scherz? NUR ein Scherz?" Snape war von seinem Stuhl aufgesprungen
und kam Mrs. Thomas gefährlich nahe. Die arme Frau wich erschrocken zurück. Wer
auch immer diese Anzeige aufgegeben hatte, hatte mit der Umschreibung „Ich bin
kein einfacher Mensch" stark
untertrieben und sie bezweifelte, dass irgendwo in diesem Mannsbild etwas Warmherziges
und Liebenswürdiges versteckt sein könnte.
„Nicht einmal meine Kollegen sind so dumm! - Nein, da steckt jemand anderes
dahinter." Er ging ein paar Schritte zurück als er Fiona Thomas' geweitete
Augen sah. Das letzte was er jetzt brauchte, war noch eine hysterische
kreischende Frau - noch dazu in seinem Büro. Er begann auf und ab zu laufen. Miss
Thomas' Augen folgten ihm verunsichert. „POTTER!" platzte es plötzlich aus ihm
heraus.
„Verzeihung?" piepste Miss Thomas, die von Minute zu Minute ängstlicher
wurde und mit dem Gedanken spielte, einfach aufzuspringen und aus diesem Raum
zu stürzen. Sie versuchte krampfhaft, sich zu erinnern, ob er die Tür
abgeschlossen hatte. Wenn, dann sicher nicht mit einem Schlüssel.
Snape war vertieft in seine Gedanken und grummelte zischelnd vor sich
hin. Plötzlich, als Fiona Thomas gerade Mut gefasst hatte und noch ein Stück
näher an die Stuhlkante gerückt war, um einen möglichst guten Start zu haben,
blickte er sie an und kam wieder auf sie zu.
„Was haben sie da eigentlich von einer beleidigenden Nachricht am gestrigen
Abend gefaselt? Ich war nicht in den DREI BESEN!" Auffordernd und mit
verschränkten Armen stand er vor ihr.
Nun stand auch sie auf. „Nicht sie waren da!" Stammelte sie „Es war ein
älterer Herr in einem verlotterten grauen Umhang. Ich erinnere mich an zotteligen
lange Haare und ein ziemlich grimmiges Gesicht."
„Filch!" sagte Snape erstaunt und dann erinnerte er sich an einen
Moment in seinem Büro gestern Abend: „Natürlich! Er war gestern Abend kurz bei
mir, erzählte etwas davon, dass drei seltsame Gestalten in Hogsmeade auf mich
warteten, und ob ich mir nicht selber ein Bild machen wolle." er setzte sich
auf eine Tischkante. „Ich habe ihm lediglich mitgeteilt, dass diese drei Gestalten - wie er sie nannte - wohl
kaum auf mich warten würden, da ich mich an keine Verabredung irgendeiner Art
erinnern konnte. Danach ist er wohl zurück nach Hogsmeade gegangen." Schloss er
und blickte Miss Thomas fragend an. „Ich sehe in meiner Antwort nicht den Hauch
einer Beleidigung."
Fiona Thomas schnaubte verächtlich bei dem Gedanken an den vergangenen
Abend. Sie faste Mut und sah in Snapes Augen. Er schien sich etwas beruhigt zu
haben. „Nun, der gute Filch hat ihre Nachricht ein wenig variiert." Sie wurde
rot. Snape bemerkte es und beugte sich ein Stück zu ihr vor.
„Inwiefern?" fragte er gespannt.
Sie räusperte sich. „ Professor Severus Snape lässt ihnen ausrichten,
dass er ein viel beschäftigter Mann ist, der seine wertvollen Freitagabende ganz
sicher nicht mit langweiligen Vogelscheuchen wie ihnen verbringen wird. Sie
sollten davon absehen, ihn noch einmal in irgendeiner Weise zu belästigen. - Ich bin jedoch weniger wählerisch -
wenn ich ihnen irgendwie zu Diensten sein kann!" Miss Thomas schüttelte es, „
Das waren seine Worte!" Schloss sie schließlich.
„Oh, ich verstehe!" war Snapes einziger Kommentar. Ohne sich weiter um
die Gefühle der Dame in seinem Büro zu kümmern sagte er schließlich: „Gut, dann
hätten wir das wenigstens geklärt."
Sein Gegenüber wollte protestieren, doch er schnitt ihr mit einer Handbewegung
das Wort ab. „Bleibt nur noch, herauszufinden,
wer diese geistlose Idee hatte und auch unverschämt genug war, sie in
die Tat umzusetzen." sagte er mehr zu sich selbst.
„Kam ihnen die Schrift nicht bekannt vor? Vielleicht sollten sie sie
mit den Handschriften der Kollegen und aller möglichen Personen hier
vergleichen." schlug Miss Thomas mutig vor.
„Auf die Idee bin ich auch schon gekommen!" log Snape und schnappte
sich flink den Stapel Briefe wieder aus ihrer Hand. „Die brauchen sie ja nun nicht
mehr. Sie gehen jetzt besser, es ist wohl alles geklärt, jedenfalls was sie
betrifft." Er schob sie unsanft aus Tür, bevor sie widersprechen konnte.
4. Die Wahrheit ist manchmal
verrückter als die Lüge
Snape schwor sich, den Schuldigen zu finden. Zunächst wurde er jedoch von
neugierigen Kollegen und dem besorgten Direktor aufgehalten, denen er Rede und
Antwort stehen musste. Sie schienen alle überaus amüsiert, auch wenn sie es zu
verstecken versuchten. Seine Wut darüber äußerte sich in unangenehmen
Magenkrämpfen. Schließlich ließ sich die Unterrichtsvorbereitung für die
nächste Woche nicht länger verschieben und er kam erst an einem Abend in der
Mitte der folgende Woche dazu, sich der Aufklärung des Falls zu widmen.
Akribisch machte er sich über sämtliche Aufsätze her, die er im Laufe
der letzten Woche von seinen Schülern eingesammelt und noch nicht zurückgegeben
hatte. Enttäuscht stellte er schon zu Beginn seiner Beweissuche fest, dass weder
Potter noch Weasley als Täter in Frage kamen, die Handschriften stimmten nicht
mit der in den Briefen überein. Er suchte weiter. Beugte sich mit einer Lupe in
der Hand über die Briefe und zurück über die langen Aufsatzrollen - bis sein
Rücken schmerzte und er sich seufzend zurücklehnen musste. Er warf die Lupe
achtlos auf den Schreibtisch, mitten in den Stapel aufgerollter Papiere.
War es vielleicht eine verzauberte Handschrift? Er zeigte mit dem Zauberstab
auf einen der Briefe und sprach „Zeig' deine wahre Identität" - Nichts geschah.
Er schmiss resigniert seinen Zauberstab zu der Lupe, wodurch eine der noch
nicht verglichenen Schriftrollen auf den Boden gefegt wurde. Snape nahm sie auf
und warf einen flüchtigen Blick hinein.
Er sprang auf. Das war es! Bei allen möglichen Personen! Ausgerechnet sie?
~~~
Harry und Ron
blickten sich suchend um. „Wo ist sie denn jetzt schon wieder?" Ron biss in einen
Schokofrosch, Schokolade war nach der Prüfung in Verteidigung gegen die dunklen Künste genau das Richtige.
Harry zuckte mit den
Schultern. „Wahrscheinlich zurück in der Bibliothek! Seit Beginn er Prüfungen
ist sie kaum noch zu sehen"
„Um genau zu sein, hab ich sie seit dem Wochenende
nicht mehr wirklich gesprochen. - Was soll's, noch morgen und dann ist der
ganze Spuk vorbei!" Ron setzte sich auf die Bank vor Hagrids Hütte. Bei ihm
konnten sie sich bei einer Flasche Butterbier von den Strapazen der Prüfung erholen.
Hermine hatte selber Schuld, wenn sie sich das entgehen ließ.
~~~
Hermine saß währenddessen nicht in der Bibliothek sondern unter einer schattenspendenden
Eiche in der Nähe des Sees. Von hier aus konnte sie das glitzernde Wasser sehen.
Der sanfte Frühlingswind und das Zwitschern der Vögel beruhigten ein wenig ihre
Nerven. Ihr war nicht ganz klar, wie sie in den vergangenen vier Tagen durch
die Prüfungen gekommen war. Immer wieder hatte sie sich beschämt gefragt, wie
sie nur auf diese unmögliche Idee gekommen war. Eine halbe Woche lang war sie
umher geschlichen, immer bemüht, allen aus dem Weg zu gehen, weil sie fürchtete,
man könne ihr an der Nasenspitze ansehen, was sie getan hatte. Sie fürchtete,
Harry und Ron würden sich an ihre Bemerkung von vor einer Woche erinnern.
Irgendwann würde der Vorfall am letzten Samstagmorgen aber sicher aufhören,
Gesprächsstoff Nummer eins unter den Schülern zu sein und außerdem war ihre
Zeit an dieser Schule in wenigen Tagen vorbei. Der Gedanke beruhigte sie nur
kurz. Am meisten fürchte sie sich nämlich vor einer ganz anderen Person. Hermine
konnte nur hoffen, dass…
„Miss Granger! Hier findet man sie also!"
Hermine musste nicht aufsehen, um zu wissen, wer sie in ihrem
schattigen Versteck aufgespürt hatte. Sie fühlte, wie sich ihre Nackenhaare
aufstellten. Sie versuchte sich einzureden, dass er vielleicht etwas ganz
anderes von ihr wollte, bezweifelte es jedoch. Hermine stieß sich mit einer Hand
vom Baumstamm ab und stand auf. Sie wollte ihm lieber gegenüber stehen, als ihm
zu Füßen zu kauern. Mist! Er war noch immer anderthalb Köpfe größer als sie.
„Professor Snape!" sie versuchte sich an einem überraschten Lächeln und
scheiterte kläglich.
„So allein ?" Seine Stimme war dunkel und lauernd.
Hermine fiel keine Antwort ein. Er erwartete auch keine. „Ich wollte
gerade zurück ins Schloss!" Sagte sie schnell, drehte sich um und ging los. Sie
hörte ein kurzes Auflachen hinter sich.
„Nein, das wollten sie nicht!"
Sie drehte sich ihm wieder zu.
„Auf ein Wort, Miss Granger!" er machte eine übertrieben einladende
Handbewegung in Richtung des Baumstammes. Hermine kam langsam zurück.
Endlose Sekunden verstrichen, in denen er sie einfach nur mit
unergründlicher Miene musterte. Sie blickte in alle möglichen Richtungen, nur
um seine Augen zu meiden. Länger würde sie das nicht mehr aushalten. Ihre Knie
begannen zu zittern.
„Also!" unterbrach er die unerträgliche Spannung. „Ich hatte in den
letzten anderthalb Tagen, in denen ich vergeblich versucht habe, sie
aufzuspüren, genug Zeit, um darüber nachzudenken, was in aller Welt sie zu
dieser Unverschämtheit veranlasst hat." Snape betonte jedes einzelne Wort mit
ruhiger aber eisiger Stimme.
Hermine machte einen letzten verzweifelten Versuch: „Was meinen sie, Professor?"
Snapes Miene verfinsterte sich. „Es hat keinen Sinn, es zu leugnen.
Ihre Handschrift hat sie verraten." Er verschränkte die Arme vor dem Oberkörper
und baute sich vor ihr zu einer undurchdringlichen Mauer auf. „Was war es? Rache
für die vielen Male, in denen ich sie während der Zaubertrankstunden ignoriert
habe?" Er schnaubte „ Das ist lächerlich, Miss Granger. Ihre Noten ließen wohl
trotzdem nicht zu wünschen übrig. Oder war es eine Mutprobe, eine Wette? -
Haben Mr. Potter und Mr. Weasley sie zu dem Unfug angestiftet? Das sähe ihnen
ähnlich!"
„Harry und Ron haben mit der ganzen Sachen nichts zu tun, Professor.
Das müssen sie mir glauben." Hermine biss sich auf die Lippen. Über Snapes
Gesicht huschte ein triumphierendes Lächeln.
Mit einem Satz war er bei ihr. Sie sah sich plötzlich zwischen ihm und
dem Baumstamm in die Enge getrieben. Sein Gesicht kam beunruhigend nah, seine
Stimme war leise, rau und bedrohlich, als er sagte: „Hätten sie dann jetzt
bitte die Güte, mir zu erklären, wer oder was mit dieser Sache zu tun hat!"
Hermine tastete hinter ihrem Rücken nach dem Baumstamm, fühlte seine
raue Oberfläche und rutschte nervös mit ihren Fingern darüber. Er war ihr
inzwischen so nahe gekommen, dass sie kaum eine andere Wahl hatte, als in die
funkelnden schwarzen Augen zu sehen.
„Nicht Rache." stieß
sie plötzlich hervor.
Soweit dies möglich war, kam er ihr noch ein Stück näher, sein Gesicht
war nun nur noch wenige Zentimeter von ihrem entfernt. „Sondern?"
Hermine versuchte ruhig zu atmen, „Frühlingsgefühle!" entfleuchte es
ihr, ohne das sie wirklich darüber nachgedacht hatte.
Snape wich verwirrt ein Stück zurück. Diese Antwort hatte er nun
wirklich nicht erwartet.
„Nur zur genauen Aufklärung dieser seltsamen Umstände, Miss Granger, ihre Frühlingsgefühle haben sie dazu veranlasst,
für mich diese lächerliche
Kontaktanzeige aufzugeben?"
„Ja." Hermine war nun selber verwirrt. Dass der Ausgangspunkt dieses
fehlgeschlagenen Plans ihre eigenen Frühlingsgefühle gewesen waren, war ihr bis
jetzt nicht wirklich bewusst gewesen.
„Ich wollte ihnen nur helfen, Professor. In der allgemeinen Aufregung vor
den Prüfungen habe ich aber in meinen Antworten an die Damen ein falsches Datum
für das erste Treffen ausgemacht," sie schluckte als sie bemerkte, wie Snapes
Augenbrauen sich zusammenzogen und er wieder bedrohlich nah kam. „Es war
eigentlich vorgesehen, dass ich ihnen die Antworten der Damen nach den
Prüfungen zukommen lasse und sie dann selber entscheiden können…"
„Das ist die dümmste Idee, die mir je zu Ohren gekommen ist!" Unterbrach
er sie donnernd.
„Ja!" entfuhr es Hermine bestätigend.
Er ignorierte es und tobte: „Ist ihnen eigentlich klar, in was für eine
Lage sie mich gebracht haben? Sie haben mich zum Gespött der ganzen Schule
gemacht!" Wütend packte er sie fest bei der Schulter.
Bewegungsunfähig nahm Hermine
die Nähe seines Gesichts wahr und spürte seinen Atem auf ihrer Haut. Ihre
Gedanken rasten. Für einen kurzen Augenblick hatte sie hatte Angst, er würde
sie töten oder - noch schlimmer - so kurz vor Ende der Prüfungen von der Schule
verweisen lassen. Ihre Gedanken verschwammen, die Knie gaben endgültig nach und
sie fiel.
Snape fing sie auf und verhinderte so einen unsanften Aufprall. Wenig gefühlvoll
lehnte er sie gegen den Baumstamm. „Miss Granger, sie wachen sofort auf! Wir
sind hier noch nicht fertig!" knurrte er ungehalten, betrachtete sie jedoch mit
etwas Sorge.
Langsam kam Hermine zu sich und blickte zu ihm hoch. Wackelig stellte
sie sich wieder auf ihre Beine. „Professor Snape, es tut mir schrecklich leid."
„Glauben sie nicht, dass es damit getan ist!" Als er sah, dass sie sich
erholt hatte, ging er wieder auf sie zu, packte diesmal beide Schultern und rüttelte
sie leicht, um dann gefährlich leise fortzufahren: „Warum glauben sie, mir
müsste geholfen werden? Und woher haben sie Kenntnis darüber, wie sie mir helfen können? So langsam
verstehe ich! - Ihre lächerlichen Briefe und Vorstellungen über mich sind das
Produkt ihrer eigenen Jungmädchenphantasie, Miss Granger! Mit meinen Vorlieben
und Wünschen haben die Damen, die sie leichtsinnigerweise für mich ausgesucht haben,
rein gar nichts zu tun."
Snape hielt inne und fixierte Hermine. Diese drohte in den schwarzen Augen
zu ertrinken, irgendetwas in ihrem Magen schien aufzuschreien und sich wie wild
zu drehen, so dass sie kaum atmen konnte. Sie brauchte dringend Luft oder sie
würde ganz sicher sterben. Verstört überlegte sie kurz, was für einen Zauber Snape
auf sie gelegt haben könnte, als dieser plötzlich seine Hände von ihren
Schultern nahm, die Finger stattdessen in ihren wirren Locken vergrub und seine
Lippen sanft auf ihren Mund drückte.
In Hermine explodierten tausend Feuerwerke, sie fühlte sich gegen den
Baumstamm gedrückt, Snape presste sich eng an ihren Körper, seine Finger zerwühlten
leidenschaftlich ihr Haar, seine Lippen ließen nicht von ihren ab. Hermine
keuchte. Sie brauchte dringend Luft! Andererseits…
5. Schon wieder Eulenpost
Wieder ein Samstagmorgen im Mai. Rons Herz machte einen Freudenhüpfer
nach dem anderen. Gerade hatte Professor Dumbledore die Ergebnisse der Prüfungen
bekannt gegeben. Die N.E.W.Ts waren überstanden. Alle hatten es geschafft und
an den Tischen war euphorisches Geschrei ausgebrochen! Kein Lehrer versuchte,
den Tumult aufzulösen, es wäre auch sicher keinem gelungen. Auch Harry rutschte
neben Ron und Hermine auf dem Stuhl hin und her. Wer konnte bei dieser
Aufregung an ein ruhiges Frühstück denken. Heute Abend war der große Abschlussball.
Hermine saß mit glasigem Blick neben Ron. „ He, Hermine! Jetzt guck
doch nicht so verdattert. Entspann dich
mal! Wir haben es geschafft! Du hast doch nicht ernsthaft daran gezweifelt,
dass du es schaffst, oder?" Ron grinste sie an.
Sie lächelte erleichtert. Irgendwie hatte sie sich gestern durch ihre letzte Prüfung gequält. Und ob sie nach
den Wirrungen der letzten Woche bezweifelt hatte, die Prüfungen zu bestehen! Sie
schielte unauffällig zum Lehrertisch. Die meisten Lehrer hatten nach Ausbruch
des Höllenlärms die große Halle lieber kurz verlassen. Dort saßen nur noch
Professor Dumbledore und Professor McGonagall, denen die dröhnende Freude ihrer
Schüler augenscheinlich wenig ausmachte, obwohl Professor McGonagall aussah als
überlegte sie, sich einen Wattebausch in die Ohren zu stecken.
Nur langsam beruhigten sich die Schüler und einige Lehrer wagten sich zurück
auf ihre Plätze. Hermine nahm aus den Augenwinkeln wahr, dass Professor Snape
ferngeblieben war. Sie seufzte. Es war vielleicht auch besser so.
Die Eulen kamen wie gewohnt in die große Halle geflogen und trugen ihre
Post aus. Heute wurden sie jedoch kaum beachtet, was sie mit einem vorwurfsvoll
schrillen Spektakel quittierten.
Hermine schrie plötzlich auf. Ihr schrei ging in dem euphorischen
Geplapper der anderen unter. Aber auch Ron und Harry starrten auf den
zappelnden, surrenden roten Umschlag, der vor ihr auf dem Tisch gelandet war.
„Oh nein, Hermine, was hast du getan? Hast du ein Buch aus der Bibliothek
sieben Jahre lang nicht zurückgegeben?" Harry beugte sich neugierig vor. „Mach'
ihn lieber auf sonst wird es nur noch schlimmer, " riet er.
„Das weiß ich auch!" fauchte sie und hatte plötzlich ein Déjà-vu. Natürlich
wusste sie, von wem der Heuler kam. Hermine blieb keine Zeit zu denken. Sie
langte mit zitternden Händen nach dem Brief, doch der rote Umschlag hüpfte
ungeduldig und wild zischend hin und her. Jeden Moment würde er explodieren.
Das musste sie in jedem Fall verhindern, sie wollte ihn nicht hier öffnen. Bei
Merlin - alles, bloß das nicht! Zu spät! Aus dem dampfenden roten Ding vor ihr
wurde eine kurze, aufgeregt wedelnde Papierrolle.
Alle Köpfe drehten sich abrupt zum Lehrertisch, als Professor Snapes
Stimme hallend durch den Saal dröhnte. Und alle Köpfe drehten sich verwirrt zu
Hermine, als klar wurde, dass die Stimme des Zaubertranklehrers nicht vom
Lehrertisch kam, da er gar nicht dort saß.
„Miss
Hermine Granger! 100 Punkte Abzug für Gryffindor für den unverfrorenen Versuch,
am helllichten Tag Ihren Lehrer für Zaubertränke zu verführen.
Ein solch schamloses Verhalten ist indiskutabel, auch von der jahrgangsbesten,
unerträglichen Besserwisserin.
Ich
erwarte Sie augenblicklich in meinem Büro, um mir die Vorkommnisse erklären zu
lassen. Ich wünsche eine lückenlose Aufklärung Ihrer Beweggründe für diesen
Vorfall."
Alle starrten sie an. Hermine wiederum starrte auf den noch immer
fauchenden Aschehaufen auf dem Tisch. Sie wünschte sich, der Boden möge sich
auftun, um sie zu verschlingen. Professor Dumbledore unterbrach die Stille mit
einem verlegenen Hüsteln.
Hermine schob geräuschvoll ihren Stuhl zurück und stolperte eilig aus
dem Saal. Draußen hörte sie durch die Tür hindurch, wie drinnen das Gemurmel
lauter und lauter wurde. Ihr drehte sich der Magen um. Sie wollte gar nicht
wissen, was die Leute auf der anderen Seite dieser Tür gerade über sie sagten. Wütend
machte sich Hermine auf den Weg in den Kerker, ihre Schritte wurden immer
schneller, bis sie schließlich rannte.
~~~
Außer Atem prallte sie kurz darauf fast gegen die Kerkertür. Ohne zu
klopfen stieß sie den Eingang auf und stürmte in den hohen Raum. Mit einem hallenden
Knall fiel die schwere Tür hinter ihr zurück ins Schloss.
Er stand an seinen Schreibtisch gelehnt, die Arme lässig vor dem Oberkörper
verschränkt und
blickte sie mit einem diabolischen Lächeln an. „Völlig außer Atem, Miss
Granger? Kann ich ihnen ein Glas Wasser anbieten?"
Hermine baute sich vor ihm auf und schnaubte empört: „Wie konnten sie
mir das antun? Das ist eine gemeine Lüge und das wissen sie ganz genau!"
„So?" Snape stieß sich vom Tisch ab und kam einen Schritt auf sie zu.
Hermine fuchtelte wild mit ihren Händen und bereute, ihren Zauberstab
in der großen Halle liegengelassen zu haben. „Sie bleiben wo sie sind!" zeterte
sie aufgebracht. „Wie stehe ich denn jetzt da? Was sollen die anderen jetzt von
mir denken?"
Er ließ sich von ihrer wilden Gestik nicht beeindrucken und ging weiter
auf sie zu. Mit einem raschen Griff
erfasste er ihre Arme und zog sie mit sich zu seinem Schreibtisch. Blitzschnell
umfasste er ihre Hüften, hob sie hoch und setzte sie unsanft auf dem Tisch ab. Seine
Hände verweilten kurz auf ihren Hüften und schoben sich dann langsam Stück für
Stück höher. Hermine gab einen leisen, halbherzig protestierenden Seufzer von
sich.
„Dann sind wir jetzt quitt, Miss Granger?" Raunte Snape in Hermines Ohr
und ließ ihr keine Gelegenheit, ihm zu antworten.