Sie war vor einer halben Stunde angekommen und hatte sich sofort in Hermines Zimmer begeben. Doch es war leer. Und genau wie Severus’ Zimmer, in das sie daraufhin gegangen war, in der Hoffnung, sie dort anzutreffen, hatte es verlassen gewirkt. Fenster und Türen standen weit auf, sodass der Wind hindurchfegte und raschelnd die Seiten des aufgeschlagen auf dem Tisch liegen gebliebenen Buches umblätterte.
Minerva wandte sich zum Gehen und obwohl sie wusste, dass es keinen Zweck haben würde, hatte sie noch eine Weile nach den beiden gesucht. Nachdem sie aber festgestellt hatte, dass sich Hermine und Severus weder im Haus noch im Garten aufhielten, hatte sie sich schließlich nach Mary umgetan, die ihr verkündete, dass die beiden zu einem längeren Spaziergang aufgebrochen waren, von dem sie wohl vor dem frühen Abend nicht zurück sein würden. Sie täten das häufiger in letzter Zeit, hatte sie noch gesagt und gelächelt.
Minerva hatte stumm genickt und sich entschlossen, noch ein wenig auszuruhen und ihre Gedanken zu sammeln. Die letzten Tage waren anstrengend und aufreibend gewesen. Und auch jetzt würde sie das, was sie Severus und Hermine zu sagen hatte, sicherlich wieder genau so viel Kraft kosten. Bisher waren beide vollkommen ahnungslos. Sicher, sie hatte Fragen aufgeworfen, aber konkret geworden war sie nicht, dafür war alles viel zu vage und dann, als sie es in die Wege geleitet hatte, ging alles viel zu schnell. Minerva hätte es selbst nicht geglaubt, dass es so glatt verlaufen würde. Und jetzt stand sie hier und wusste beinahe nicht, wie sie es anstellen sollte, den beiden dies alles mitzuteilen.
Nachdenklich war Minerva durch den Garten gewandert. Immer wieder ging sie in Gedanken durch, was sie sagen wollte und wusste doch, dass es keine Strategie geben würde. Was sie zu sagen hatte, würde sie einfach und ohne Umschweife darlegen.
Jetzt stand Minerva auf dem Balkon und sah in den sonnigen Nachmittag. Um sich abzulenken, holte sie sich ein Buch aus der Bibliothek und machte es sich auf der Terrasse in einem der weißen Korbsessel bequem und begann zu lesen.
Es gelang ihr auch gut, sich für eine ganze Weile auf den Inhalt ihrer Lektüre zu konzentrieren, aber nach und nach schweiften ihre Gedanken ab, nicht in eine bestimmte Richtung, aber doch so, dass sie schließlich das Buch zuklappte und sich entspannt zurücklehnte.
Sie lauschte in die Welt. Für einen unendlich kostbaren Moment fühlte sie sich der Natur ganz nah, dachte sie zurück an die Zeit, in der sie hierher geflüchtet war, wenn die Welt sie mit ihren lauten Tönen zu erdrücken drohte, beinahe wie jetzt...
Wunderbare Ruhe hatte sich über das Land gelegt, nur ab und an das Zirpen einer Grille im Gras oder das Zwitschern eines Vogels. Der Wind ging sacht und trug den Geruch des Meeres mit sich. Wie lange war sie schon nicht mehr am Strand entlanggegangen...
Minerva schloss versonnen die Augen. Wie sie diese Stille liebte. Es schien beinahe, als würde nichts sie erschüttern können, würde sie immer ihren Frieden bewahren können, ganz egal, was sonst in der Welt vor sich ging. Diese Ruhe störte sich nicht an den Gedanken und Ängsten der Menschen, sie war unumstößlich, ewig.
Ein leises Seufzen stahl sich aus Minervas Mund. Wenn sie doch nur auch diese Ruhe finden könnte, wenn doch nur die Sorgen um die Freunde geringer würden, wenn das Glück endlich wieder die Trauer und den Schmerz aufwiegen könnte. Doch noch war es nicht soweit, noch galt es zu kämpfen, zu erklären und auch zu hoffen.
Als die Sonne sich zum Horizont neigte und die Schatten länger wurden, hörte sie leise Stimmen im Garten, die Minerva aufhorchen und angestrengt lauschen ließen.
„Geschafft?“, hörte sie Hermines helle Stimme, aus der recht deutlich ein Lachen sprach.
Und dann Severus’ dunkles Timbre. „Nein“, sagte er in gewohnt spöttischem Ton, „ich könnte jetzt noch ohne weiteres einen Marathonlauf dranhängen.“
„Ja natürlich“, lachte Hermine auf, „nichts anderes hatte ich angenommen.“ Und auch Minerva konnte nicht verhindern, dass ein Lächeln über ihre Züge huschte. Sie legte ihr Buch aus der Hand und erhob sich schließlich, dann trat sie nach vorne an die Balustrade und sah den beiden entgegen.
Ihr einfacher und direkter Umgang miteinander führte Minerva wieder einmal dieses unbewusste und dennoch so tiefe Einvernehmen zwischen Severus und Hermine vor Augen, das ihr schon vor Wochen aufgefallen war und wieder beschlich sie das unangenehme Gefühl, ein Eindringling zu sein, der diese wunderbare Harmonie störte.
Und als sie die beiden so vertraut nebeneinander hergehen und miteinander reden sah, legte Minerva die Hand an die Lippen und wiegte den Kopf. Sie kannte Severus immer als äußerst beherrschten Menschen. Kein Gefühl, das ihn hätte verraten können, nur kühler und distanzierter Umgang mit anderen. Und wie anders erschien er ihr jetzt. Sie hatte ihn noch nie so gelöst gesehen, auch wenn er es beständig vor Hermine und sich selbst zu verbergen suchte; sein Ausdruck und seine Haltung verrieten sehr deutlich, dass da etwas war, was er als äußerst angenehm empfand und das er sichtlich genoss.
Minerva wagte gar nicht daran zu denken oder zu spekulieren, wer oder was sein Verhalten ausgelöst haben könnte, sie brauchte es auch gar nicht, sie sah es überdeutlich. Wahrscheinlich war sich Severus dessen selbst nicht einmal bewusst.
Die Stimmen wurden wieder leiser und Minerva konnte ihrer Unterhaltung nicht mehr folgen. Ihre Augen ruhten auf Hermine, die mit geröteten Wangen und aufmerksamem Blick neben ihm herging. Es war nicht nötig zu hören. Was sie sah genügte, um Minerva in ihrer Annahme zu bestärken. Sie seufzte auf und zog die Brauen zusammen. Wieder einmal machte sie sich Vorwürfe, dass sie Hermine in einer solchen Extremsituation allein gelassen hatte...
Erst sehr viel später würde Minerva erfahren, dass diese junge Frau, die sie wie ein Kind zu beschützen suchte, ihren Weg schon lange gewählt hatte, dass sie eine Entscheidung getroffen hatte, von der sie nichts auf der Welt würde abbringen können und vor allem, dass sie auf keinen Fall mehr eines war, ein Kind.
Im Augenblick aber war Minerva zutiefst erschrocken, da sie mit einer solchen Wendung nicht im Mindesten gerechnet hatte. Vielleicht täuschte sie sich ja und maß dem, was sie meinte zu sehen, viel zu viel Bedeutung bei. Vielleicht war sie auch nur zu empfindlich im Moment und vermutete hinter allem, was sie sah, das Schlimmste. Sie schüttelte entschieden den Kopf. Nein, als schlimm würde sie es nicht unbedingt bezeichnen, aber als äußerst Aufsehen erregend und beunruhigend…
Minerva konnte diesen Gedanken nicht zu Ende denken, denn Hermine hatte sie erspäht und winkte ihr lächelnd zu. Severus hatte im gleichen Augenblick den Kopf gewandt und sah ihr offen entgegen. Das Lachen war aus seinem Gesicht verschwunden und hatte mit einem Mal einer gespannten Aufmerksamkeit Platz gemacht. Minerva hob leise lächelnd die Hand und winkte zurück. Sie nickte sacht und wandte sich ab, um endlich in den Salon zu gehen, wo sie auf Hermine und Severus warten wollte.
Wenige Minuten später waren Hermine und Severus zu ihr ins Zimmer getreten. Minerva reichte Hermine die Hände und zog sie zur Begrüßung herzlich in die Arme.
Dann wandte sie sich an Severus, der mit unbewegter Miene bis zum Kamin gegangen und dort stehengeblieben war.
„Ich freue mich, zu sehen, dass es Ihnen soweit wieder gut geht, Severus“, sagte sie.
Severus nickte nur. Er hatte wieder diese Maske aufgesetzt, die Minerva nur zu gut kannte, undurchdringlich und unnahbar wirkte er, nichts kündete mehr von der wunderbaren Gelöstheit, die noch vor wenigen Minuten über seinen Zügen lag.
Sekunden gespannter Stille, die Hermine endlich durchbrach, bevor sie peinlich zu werden drohte.
„Gibt es Neuigkeiten, Minerva?“, fragte sie leise.
Minerva holte tief Luft, sah vom einen zum anderen und nickte leicht.
„Ja, es gibt Neuigkeiten.“ Dann wandte sie sich ab und ging durch den Raum.
Hermine und Severus folgten jedem ihrer Schritte mit den Augen.
„Ich kann diesen Aufenthaltsort nicht mehr länger geheim halten“, sagte sie leise und blieb stehen.
Sie schwiegen in Erwartung einer Erklärung, für die sich Minerva lange Zeit nahm. Endlich drehte sie sich wieder zu den beiden um und sah Severus in die Augen.
„Ich habe das Ministerium von Ihrem Überleben in Kenntnis gesetzt, Severus.“
Es war etwas, das sie so explizit mit ihm nicht besprochen hatte und auch Hermine gegenüber hatte sie nur Andeutungen gemacht. Aber ihn offiziell rehabilitieren zu lassen, davon war nie die Rede gewesen, solange sie nicht sicher war, alles in die Wege geleitet zu haben, das notwendig war, um ihn zu schützen.
Jetzt war richtige Zeitpunkt, es ihnen zu sagen und dennoch sah sie unsicher in die Runde und wusste, sie würde verlieren, wenn sie nicht Acht gab.
Hermines Augen waren geweitet, Severus’ Gesicht allerdings verriet keinerlei Regung.
„Und wann werden sie kommen, um mich zu holen?“, fragte er spitz, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich mit der Schulter an den Kaminsims.
Minerva kannte diese abweisende Geste nur zu gut. Sie wusste, dass er es als Verrat empfand, was sie getan hatte. Es tat ihr weh und dennoch war sie überzeugt, das Richtige getan zu haben. Sie war sich so sicher, alles war vorbereitet, jetzt musste er nur noch einschlagen.
Minerva schüttelte den Kopf.
„Nein“, begann sie, „Sie verstehen nicht...“
„Oh, ich verstehe nur zu gut.“ Er lachte ein böses Lachen. „Wir haben also den Spion, den Verräter und Mörder von Dumbledore endlich dingfest gemacht.“
Sein Blick streifte für einen Moment Hermine, bevor er wieder auf Minerva gerichtet war, herausfordernd und kühl.
„Haben wir ihn wieder gesund gemacht, damit er in Askaban seine gerechte Strafe absitzen kann... Ruhm auf das Ministerium und seinen Helfern.“
Hermine schüttelte den Kopf. Sie tat einen Schritt in Richtung Kamin, blieb aber dann doch vor einem der hohen Stühle stehen, deren Lehne sie hart umfasste, beinahe so, um sich zu stützen. Und noch bevor sie etwas sagen konnte, hatte Minerva wieder das Wort ergriffen.
„Er war niemals meine Absicht, Sie an das Ministerium zu verraten, Severus.“
Er zog die Brauen hoch und lachte.
„Überzeugen Sie mich.“
In diesem Moment wurde ihr klar, dass ihr das Ruder aus der Hand laufen würde, dass er sich niemals überzeugen lassen würde.
„Ich habe die Zusicherung des Zaubergamots, Ihnen einen fairen Prozess zu gewähren“, sagte sie ruhig.
„Ach, gemeinsam in einen Topf geworfen mit den übrigen Anhängern Voldemorts, derer sie habhaft geworden sind. Ja, das nenn ich in der Tat fair.“
Minerva schnaufte wütend auf.
„Nein“, sagte sie scharf, „dieser Prozess wird losgelöst von den anderen stattfinden.“
„Ach“, kam sein bissiger Kommentar, „ein Schauprozess also.“
„Bei Merlin, Severus!“, rief Minerva und rollte mit den Augen. „Wollen Sie es nicht verstehen?“
„Was soll ich denn nicht verstehen, Minerva?“, fragte er und seine Stimme wurde lauter. „Wie um alles in der Welt soll es Ihnen denn gelingen, diese Leute davon zu überzeugen, dass alles, was ich getan habe, auf Dumbledores Geheiß geschehen ist?“
Schweigen. So laut, dass es wehtat.
„Dumbledore ist tot“, sagte Severus, „und mit ihm alles, was Beweis hätte sein können.“
Minerva senkte den Kopf.
„Es wird nicht notwendig sein, auf Dumbledores Wissen zurückzugreifen“, sagte sie leise.
Jetzt sah er auf. Er nahm die Arme herunter und richtete sich wieder auf.
„Was wollen Sie damit sagen?“, fragte er lauernd.
Minerva wusste genau, was passieren würde, wenn sie ihm jetzt sagte, dass Harry Potter zu seinen Gunsten aussagen würde.
„Wir haben sehr glaubhafte Zeugen, die für Sie aussagen werden“, sagte sie nur.
Severus zog die Brauen hoch und konnte nicht verhindern, dass sein Blick an Hermine hängenblieb.
„Zeugen?“, fragte gedehnt und setzte belustigt hinzu: „Wen haben Sie ausgegraben?“
Er nahm den Blick von Hermine und versenkte ihn in Minervas Augen.
„Harry Potter.“ Nun war es heraus. Beinahe angstvoll sah Minerva in seine schwarzen Augen, deren Ausdruck sie sich nicht zu deuten getraute.
Eine Weile herrschte eisiges Schweigen. Schließlich rührte sich Severus.
„Potter?“, fragte er tonlos. Er wandte sich ab und trat ans Fenster. Angst sprang in ihm auf, eine Angst, die sich tief in ihn hineingefressen hatte, die er geglaubt hatte, abgelegt zu haben und die doch beständig bei ihm war. Er fürchtete sich vor dem, was sie nach oben graben würden. Er hatte es so viele Jahre tief in sich verschlossen. Er wollte es niemanden sehen lassen, lieber würde er sterben. Und die verblassenden Erinnerungen drängten sich schlagartig in sein Gedächtnis zurück.
„Ich will es nicht!“, sagte er unvermittelt.
„So“, sagte Minerva einigermaßen wütend, „Sie wollen nicht, dass man Ihnen Ihr Leben wiedergibt, sie rehabilitiert?“
Er lachte verächtlich.
„Mein Leben“, sagte er nur, „wer will schon so ein Leben?“
„Aber es wird jetzt anders sein!“, rief Hermine endlich. Sie konnte Minervas Vorgehen nicht unbedingt gutheißen, aber es erschien ihr doch so logisch und würde ihm eine faire Chance geben, wieder ins Leben zurückzukehren, in ein neues, anderes und hoffentlich besseres Leben.
Severus wandte den Kopf ohne sich umzudrehen und sah sie schweigend an. Für einen Augenblick waren aller Spott und alle Bissigkeit aus seinen Zügen gewichen. Leises Weh schlich sich in sein Herz, als er an ihr Gespräch vor Tagen dachte. Er hatte es deutlich gespürt, sie wünschte sich ein Leben für ihn, frei und ehrlich.
„So haben Sie es also über meinen Kopf hinweg entschieden“, sagte er bissig.
„Es war keine Zeit“, rief Minerva empört.
Er wandte sich nicht um, sondern starrte stattdessen in das Halbdunkel der heraufziehenden Nacht.
„Sie haben ja nicht einmal einen Versuch gewagt, mich zu fragen!“, sagte er bitter.
„Was hätten Sie getan? Hätten Sie mir zugestimmt?“ Minerva Stimme war ruhig und gefasst.
Severus wusste nur zu gut, dass er alles von sich gewiesen hätte, was auch nur im Entferntesten nach Hilfe für ihn ausgesehen hätte. Im Stillen erkannte er Minervas Bemühungen für ihn an, aber trotz allem konnte er nicht aus seiner Haut. So viele Jahre des Misstrauens konnten nicht einfach so weggewischt werden.
Er ging nicht auf ihre Frage ein.
„Es muss eine Genugtuung für Potter sein“, sagte er zynisch und obwohl er wusste, dass Harry Potter nie so war, wie er es sich immer eingeredet hatte, beschlich ihn die Furcht, dass er alles, was Severus ihm im vermeintlich letzten Augenblick seines Lebens gegeben hatte, damit er sehen konnte, doch nicht verstanden hatte.
Er konnte nicht verhindern, dass sein Blick zurück zu Hermine wanderte. Sie sah ihn nur stumm an und schüttelte leise den Kopf.
„Potter hat bis jetzt geschwiegen“, sagte Minerva, „erst als man ihm mitgeteilt hat, dass Sie am Leben sind und…“, sie stockte, „…man bemüht ist, Ihnen Ihre Reputation zurückzugeben, hat er sich entschlossen, auszusagen. Potter war es auch, der darauf bestanden hat, diesen Prozess nicht öffentlich stattfinden zulassen...“
Severus senkte die Lider und wandte sich um.
„Wann?“, fragte er.
Minerva atmete beinahe auf.
„Sobald Sie dieses Haus verlassen haben und an einen sicheren Ort gebracht worden sind, wird der Termin für die Verhandlung anberaumt.“
„Warum verschweigen Sie nicht einfach meinen Aufenthaltsort?“, seine Stimme klang hart. „Das sollte doch wohl kein größeres Problem für Sie darstellen.“
Minerva überging seine Anspielung.
„Nur unter der Bedingung der Preisgabe dieses Ortes war der Zaubergamot bereit, mir Glauben zu schenken“, antwortete sie mäßig verärgert. „Und weil wir nicht wissen, wie viele von Voldemorts ehemaligen Spionen noch im Ministerium tätig sind und Sie an die anderen verraten könnten, sobald sie erfahren, wo Sie sich aufhalten.“
„Ja, ich erinnere mich, dass Sie so etwas angedeutet hatten und ich habe Ihnen mein Wort gegeben, hier zu bleiben.“ Severus lachte amüsiert auf. „Und jetzt fordern Sie mich auf, zu gehen…?“
„Es ist nur zu Ihrer Sicherheit, Severus“, drang Minerva.
„Immer misstrauisch“, sagte er und sah sie an. „Ich bin es auch.“
Jetzt war es an Minerva bitter aufzulachen.
„Was glauben Sie, was ich bin“, begann sie und trat nah an ihn heran. „Deshalb ist keine Zeit zu verlieren. Sie müssen fort von hier. Ich weiß nämlich nicht, ob mein… Ihr Geheimnis immer noch ein Geheimnis ist.“
Severus zog die linke Braue in die Höhe.
„Wo, haben Sie gedacht, wäre für mich wohl ein sicherer Ort?“, fragte er interessiert.
„Malfoy Manor.“
Es traf. Severus drückte den Rücken durch und richtete sich kerzengerade auf. Er sah hinüber zu Hermine, der in dem Augenblick, als Minerva diesen Namen genannt hatte, ein leises Keuchen entfuhr. Doch Hermine hatte sich schnell wieder im Griff.
„Meinen Respekt“, sagte er und wandte den Blick wieder Minerva zu. „Sie haben mit Lucius Malfoy gesprochen?“ Er wartete gar nicht erst Minervas Antwort ab. „Was macht Sie so sicher, dass nicht er mich verraten wird?“
Minerva sah ihm in die Augen. Kein Spott war darin zu lesen, sondern offene Überraschung, von der er sich nicht die Mühe gemacht hatte, sie zu verbergen.
„Vertrauen in eine alte Freundschaft“, sagte Minerva leise.
Severus senkte den Blick und drehte sich um. Er stützte die Hände auf den Fenstersims und ließ den Kopf auf die Brust sinken.
Nie hätte er damit gerechnet, dass sie auf den Gedanken kommen würde, ihm bei Lucius Malfoy eine Zuflucht zu verschaffen. Sie hatte seinen ehrlichen Respekt, aber Minerva McGonagall war schon immer ein außergewöhnlicher Mensch, dem er mehr als vertrauen konnte.
Was sollte er tun?
Malfoy Manor war zweifelsohne das sicherste Versteck, das man sich wünschen konnte und mit Lucius hatte er einen wirklichen Freund, der ihm noch immer geholfen hatte, wenn es darauf angekommen war.
Dennoch war Severus hin und her gerissen. Einerseits sehnte er sich nach Ruhe, andererseits wollte er nicht als Verräter und Mörder in den Köpfen der Menschen in Erinnerung bleiben, nicht mehr… Aber er wusste auch, dass er dafür würde kämpfen müssen, so wie er es immer hatte tun müssen, kämpfen um sein Leben.
Doch er war des Kämpfens müde, er war es so leid…
Still stand er da. Seine Gedanken überschlugen sich. Severus wusste zum ersten Mal nicht, was er wirklich wollte.
Da trat Minerva zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Versprechen Sie mir, dass Sie es in Erwägung ziehen, Severus.“
„Ich werde es mir überlegen“, sagte er ruhig.
„Wir können es nicht mehr länger geheim halten“, drang sie. „Jede Stunde, die wir warten, könnte bekannt werden, dass Sie sich hier aufhalten.“
Severus hob den Kopf.
„Ich werde es mir überlegen“, antwortete er noch einmal.
Minerva konnte ein Seufzen nicht mehr unterdrücken. Doch sie wusste auch, dass kein weiteres Wort ihn zu einer anderen Aussage als dieser hätte bewegen können.
Sie zog die Hand zurück.
„Ich werde in zwei Tagen wiederkommen…“
„Ich denke, bis dahin habe ich eine Antwort für Sie“, sagte er, ohne sich umzusehen.
Minerva fühlte es deutlich, Trotz und Stolz sprachen aus diesen Worten und kaum verhaltener Ärger darüber, dass sie ihn nicht ins Vertrauen gezogen hatte.
Sie nickte resigniert und ging ohne ein weiteres Wort.
Severus und Hermine waren allein. Keiner wagte irgendetwas zu sagen.
Hermine hatte Minerva stumm nachgesehen und auch jetzt, da sich die Tür schon lange hinter ihr geschlossen hatte, starrte sie noch versonnen darauf.
Severus sah verstohlen zu Hermine hinüber und im gleichen Augenblick hatte auch Hermine den Kopf gewandt. Ihre Blicke kreuzten sich. Für einen winzigen Moment sahen sie sich in die Augen.
„Wie lange wissen Sie davon?“, fragte er barsch.
Hermine zog die Brauen zusammen.
„Ich habe es nicht gewusst“, sagte sie gekränkt.
„Ach.“ Wieder diese Ironie, die sie so hasste.
„Ich“, stammelte sie unsicher, „ich hatte angenommen, Minerva hätte es Ihnen gesagt...“
„Hat sie ja auch“, lächelte er böse, „gerade eben.“
Hermine sah ihn nur an.
„Und was werden Sie jetzt tun?“, fragte sie achtsam.
„Sie lässt mir ja keine andere Wahl…“ Hörte sie da einen Anflug von Trotz aus diesen Worten? Hermine sah ihm in die Augen. Wut stieg in ihr auf. Was sollte das? Wollte er etwas aus Stolz und gekränkter Eitelkeit dieses außerordentliche Angebot abschlagen?
„Sie haben eine Wahl“, sagte sie grimmig.
Er lachte leise auf.
„Und wofür sollte ich mich entscheiden, Miss Granger?“
Er nahm sie nicht ernst.
„Was wollen Sie denn wirklich?“, fragte sie trotzig.
Unzählige Male hatte er gerade darüber nachgedacht. Ja, was wollte er wirklich?
„Das Richtige?“ Er tat erstaunt und hatte sich dabei ungewandt. Er sah Hermine jetzt offen in die Augen. Sein Blick tat ihr weh. „Dann sagen Sie es mir auch noch. Sagen Sie mir, was das Richtige für mich ist. Jeder andere scheint es ja zu wissen, nur ich offensichtlich nicht…!“
Seine Worte kränkten sie zutiefst.
„Wollen Sie es wirklich wissen?“, fragte sie leise. Sie rührte sich endlich, kam heran und blieb ganz nah vor ihm stehen.
Severus zog die Brauen zusammen und sah auf sie hinab.
„Das Leben“, sagte sie und suchte seinen Blick, „das ist das Richtige… das Jetzt und das Morgen… und niemals das Gestern.“ Und mit diesen Worten überließ sie ihn seinen wilden Gedanken…
Severus sah Hermine nach, wie sie sich stumm umgewandt hatte und zur Tür hinausgegangen war.
Wie viele Minuten er dastand und ihr nachstarrte, wusste er nicht. Er wusste überhaupt nichts mehr. Er schrak erst aus seiner Starre, als er einen mächtigen Knall hörte, der durch die verlassenen Gänge hallte. Er rührte sich und ging langsam im Zimmer umher. Schließlich blieb er am Kamin stehen. Wie hypnotisiert sah er in die Flammen des Feuers und dachte nach.
Alles, alles was er wollte, lag hier so offen vor ihm. Warum ging er nicht und nahm es sich einfach? Es war eigentlich ganz leicht.
Er schloss die Augen und senkt den Kopf.
Und doch wusste er, wenn er die Hand, die ihm gereicht wurde, nehmen würde, dann gab es kein Zurück mehr. Dieser Schritt, wenn er sich dafür entschied, war ein Schritt in den Kampf, anders zwar als bisher, aber nicht weniger gefährlich.
Er warf den Kopf in den Nacken und stöhnte leise auf.
Wie lange würde es diesmal dauern? Immer wieder schreckte ihn dieser Gedanke. Er musste sich schon lange nicht mehr fragen, wofür er kämpfen sollte, wenn er es denn wirklich wollte.
Hermines Worte schlichen in seinen Sinn zurück.
‚Für das Heute, das Morgen und nie für das Gestern!’, hatte sie gesagt.
Er lachte bitter auf, wandte sich vom Feuer ab und ließ sich auf einen der hohen Stühle fallen. Severus stützte die Ellbogen auf den Tisch und legte das Gesicht in die Hände.
Er hatte nie nach vorne gesehen, weil er keine Zukunft für sich sah. Er hatte bisher immer nur für das Gestern gelebt, er hatte nur dafür gekämpft. Nur das war ihm vertraut. Er hatte nur in seinen Erinnerungen gelebt. Wie falsch erschien es ihm jetzt. Aber diese Erinnerungen hatten ihn gehalten und ihm seinen Weg gezeigt, und seine Bestimmung, wie er dachte.
Alles war fort, mit einem Mal weggewischt. Jetzt hatte er das, wovon er eigentlich ein Leben lang geträumt hatte, seine Freiheit. Und was wollte er? Wieder in Zwängen leben, die er sich selbst auferlegt hatte.
Warum? Weil es ja so einfach war! Er lachte sich aus. Was war er doch für ein Feigling!
Jetzt, da er alles besser machen konnte, da ihm ein Neuanfang geboten wurde, der phantastischer nicht hätte sein können, jetzt zögerte er. Es war so unfassbar, aber es war Wirklichkeit: Er durfte nur noch für sich selbst kämpfen, wenn ihm auch nicht gefiel, dass Minerva ihn so offen dazu drängte.
Severus rieb sich die Stirn, dann nahm er die Hände herunter und sank zurück.
Er starrte vor sich hin.
Das Richtige!
Er lachte leise auf.
Er hatte in seinem Leben immer das Richtige tun wollen und nicht einmal bemerkt, dass er sich dabei verloren hatte. Dass ihm sein eigenes Leben aus den Händen geglitten war, dass er den Weg verloren hatte, den er ursprünglich hatte gehen wollen. Und Einsamkeit und Unverständnis hatten ihn fortan begleitet.
Severus erhob sich und ging im Zimmer auf und ab.
Jetzt hatte er sein Leben wieder und jetzt war er nicht mehr allein, jetzt gab es Menschen, die ihm beistehen würden, die ihn verstehen würden.
Verstehen… Da war sie wieder, die Angst vor der Offenbarung seiner geheimsten Wünsche und Sehnsüchte, seiner Liebe und seiner Qual.
Er schüttelte den Kopf.
Wenn Minerva nur ein Wort gesagt hätte!
Nein, er belog sich selbst.
Auch wenn Minerva ihn ins Vertrauen gezogen hätte, würde er nicht anders gehandelt haben. Er hätte nur schon viel früher gesagt, dass er diese Hilfe nicht haben wollte.
Severus blieb am Fenster stehen. Er öffnete es und ließ sich den kühlen Nachtwind ins Gesicht wehen. Sanft streichelte er seine Stirn.
Grübelnd starrte er ins Dunkel.
Wollte er es wirklich nicht?
Er ballte die Hände zu Fäusten.
Auch wenn er es sich nur ungern eingestand, aber die Hilfe, die Fürsorge, das ehrliche Wohlwollen, das ihm hier entgegengebracht wurde, hatten eine Saite in ihm zum Klingen gebracht. Ganz leise nur, aber zum ersten Mal konnte er sich wirklich vorstellen, in die Welt zurückzugehen. Für einen winzigen Augenblick, vorhin, als er mit Hermine am Strand gelaufen war, hatte er wirklich geglaubt, er könnte dieses Misstrauen und die Zweifel, diese Mutlosigkeit, endlich ablegen, doch jetzt...
Dass es so geschehen sollte… Severus öffnete die Hände und schlang die Arme um den Leib, ihm fröstelte plötzlich in der linden Luft.
Nein, nicht so! Er würde ihnen wieder alles geben müssen, würde sich erklären müssen und sie würden alles ans Licht zerren, was er für so viele Jahre tief im Dunkel gehalten hatte.
Sie würden ihn den Schmerz wieder spüren lassen, die Qualen und die Schuld. Dabei hatte er dafür lange bezahlt und mit Potters Rettung diese Schuld endgültig abgetragen. Er wollte nicht mehr kämpfen müssen, sich nicht rechtfertigen… Er wollte… nicht mehr…
Die anfängliche Wut wich jetzt der Verzweiflung. Sie hatte ihn in dem Moment wieder eingeholt, als Minerva ihm ihren Plan eröffnet hatte und sie schlang ihm wieder die Fesseln der Hoffnungslosigkeit um, von denen er ganz zaghaft begonnen hatte, sich endlich zu befreien. Und mit dieser Hoffnungslosigkeit kam die Trauer wieder und die Selbstvorwürfe.
Das Richtige tun. Aber was war das Richtige?
Severus wusste, wer ihm helfen konnte es zu erkennen. Doch hätte er es noch vor wenigen Stunden gewollt, so wies er es jetzt, vor dem Hintergrund der eben gewonnenen Erkenntnisse, strikt von sich. Nein, er brauchte keine Hilfe. Er brauchte sie nicht, niemanden.
Er wandte sich um und ging aus dem Salon zurück in seine eigenes Zimmer. Er warf sich auf das Bett und starrte in die Nacht.
So viele Jahre hatte er sich fremdem Willen gebeugt, hatte er nicht frei für sich und sein Leben entscheiden können, war er Sklave von anderen gewesen. Man hatte ihm immer das Recht abgesprochen, selbst zu bestimmen.
Jetzt sollte es anders sein.
Er konnte nicht verhindern, dass sich Hermines Gesicht in sein Gedächtnis schob. Er hatte sie angeblafft, hatte ihr unterstellt, dass sie log, hatte sie gekränkt. Er tat es immer wieder, sobald sie ihm auch nur einen Schritt zu nahe kam.
Was war er nur für ein Mensch!
Für gewöhnlich war ihm die Meinung, die andere von ihm haben mochten, egal. Aber das erste Mal überhaupt fragte er sich, wofür Hermine ihn halten konnte.
Severus rollte sich herum.
Wahrscheinlich hielt sie ihn für arrogant und selbstsüchtig, für übertrieben stolz, für halsstarrig, sich der Einsicht verschließend.
Dabei hatte sie ihn wirklich erkannt. Er hatte es aus ihren Augen gelesen, so deutlich. Und sie hatte diese furchtbare Unsicherheit bemerkt, die ihn mit einem Mal befallen hatte. Sie hatte ihn angesehen, als könnte sie in seine Seele sehen, als wüsste sie genau, was er in diesem Augenblick dachte, was er fühlte...
Severus stöhnte auf.
Dabei wollte er in seinem Leben nur ein einziges Mal wirklich das Richtige tun. Und jetzt, da er die Gelegenheit dazu hatte, zögerte er.
Und wieder begann er damit, die Menschen, die es gut mit ihm meinten, die vielleicht auch mehr für ihn hätten sein können, von sich zu stoßen.
~
Hermines Schritte waren hektisch. Bloß weg, bloß in die Ruhe zurück, nichts mehr sehen, keine Gedanken an diesen sturen Mann verschwenden, der so gar nicht wusste, was er wollte.
Endlich in ihrem Quartier angekommen, schlug sie die Tür mit einem kräftigen Schwung ins Schloss. Sie genoss das Krachen, das daraufhin durch die Gänge hallte und hoffte sehr, dass er es gehört haben mochte.
Heftig atmend stand sie inmitten des dunklen Raumes. Sie warf den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Sie hatte Mühe, vor Wut nicht einfach laut aufzuschreien, obwohl sie gehofft hatte, dass der Weg hierher sie etwas beruhigen würde. Doch mit jedem Schritt hatte sie sich jedes seiner Worte noch einmal ins Gedächtnis zurückgerufen.
Er hatte ihr unterstellt zu lügen!
Das war etwas, das sie zutiefst verletzte, wenn ihr seine Reaktion auch durchaus als logisch erschienen. Hermine schüttelte den Kopf und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar.
Sie war zornig und wusste dennoch nicht so recht, auf wen sie eigentlich wütend war.
Einerseits konnte sie ja Severus’ Reaktion nachempfinden, andererseits empfand sie es als empörend, dass er ihr ein solches Verhalten unterstellte.
Grollend ging sie im Zimmer auf und ab. Sie hätte ihn nie hintergangen. Auch dann nicht, wenn es um sein Leben gegangen wäre. Lügen und Halbwahrheiten, auch wenn sie noch so gut gemeint waren, waren etwas, das Severus Snape nun wirklich nicht gebrauchen konnte.
Hermine schnaufte auf.
Sicher, Minerva hatte Andeutungen gemacht. Doch nie hätte Hermine vermutet, dass ihre Absichten in die dargestellte Richtung gehen sollten. Wenn sie es recht bedachte, war es richtig, was Minerva getan hatte. Nur so konnte man Severus Snape ein Leben schenken, für das es sich zu leben lohnte.
Hermine blieb am Fenster stehen und starrte versonnen in die Dunkelheit.
Sie wusste genau, weshalb Severus zögerte. Vielleicht würde sie in seiner Situation genau so handeln. Vielleicht würde auch sie die gebotene Hilfe zurückweisen, nur um nicht noch einmal allen vergeblich durchlittenen Schmerz der vergangenen Jahre noch einmal durchleben zu müssen.
Dennoch wusste sie genau, dass nichts anderes ihm helfen konnte als genau diese Wahl, vor die Minerva ihn stellte.
Hermine schloss die Augen.
Was war es, das sie in genau diesem Augenblick überfiel? Es war ein Gefühl, das sie so intensiv noch nie empfunden hatte. Unruhe überfiel sie und die Angst, würde er sich gegen Minervas Angebot entscheiden, ihn nie mehr wieder zu sehen. Denn eines war sicher, er würde fortgehen…
Hermine schüttelte den Kopf und trat vom Fenster zurück.
Nein, es konnte nicht sein. Sicherlich war es nur die bedrückende Furcht vor dem, was geschehen würde, wenn Severus durch die falschen Leute gefunden würde.
Ja, das musste es sein.
Hermine klammerte sich mit einem Mal an die Vorstellung, dass ihm bei Lucius Malfoy ein sicheres Versteck erwarten würde.
Malfoy! Hermine erschauerte bei dem Gedanken an das, was sie in dessen Haus erlebt hatte, was ihr Bellatrix Lestrange angetan hatte, während er daneben gestanden hatte. Sie erinnerte sich genau. Er hatte dagestanden, mit teilnahmslosem Blick und nur bedacht auf sein eigenes Heil…
Sie hatte es verdrängt und dennoch kroch es immer wieder hervor, wie die Schatten der Nacht. Es machte ihr noch immer Angst, daran zu denken, was ihr geschehen war, und jedes Mal dachte sie mit Abscheu an diejenigen, die guthießen, was diese Frau ihr angetan hatte.
Hermine schüttelte den Kopf. Nein, sie wollte nicht mehr daran denken. Irgendwann, so hoffte sie, würden sie auch diese Schatten so tief in sich vergraben, dass sie sie nicht mehr ängstigen konnten.
Lucius Malfoy ein Freund Severus’. Sie konnte es beinahe nicht glauben bei all dem, was sie über ihn im Gedächtnis hatte. Und Severus erschien ihr so anders, jetzt da sie ihn näher kannte.
Hermine setzte ihren Gang im Zimmer fort.
Was dachte sie da nur! Sie kannte ihn überhaupt nicht. Was waren ein paar Wochen im Vergleich zu den vielen Jahren, die sich diese beiden Männer kennen mussten. Und wer weiß, wie viele Kämpfe sie gemeinsam hatten bestehen müssen, die sie so zusammengeschweißt hatten.
Über Hermines Gesicht huschte ein leises Lächeln. Sie musste gerade so intensiv an Harry und Ron denken. Ja, mit diesen beiden verband sie eine Freundschaft, die man durchaus als eisern bezeichnen konnte. Warum sollte es denn nicht auch so bei Severus und Lucius gewesen sein?
Hermine setzte sich aufs Bett.
Auch wenn sie Lucius Malfoy nicht mochte, ihn beinahe hasste, war dessen Haus wohl eine wirklich sichere Zuflucht, die Severus hatte. Und er würde einen Freund wieder sehen.
Sie lehnte sich in die Kissen und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
Er musste sich dafür entscheiden. Es war die einzig vernünftige Entscheidung, die er treffen konnte, die er treffen musste.
Auch wenn sie ihm so gerne dabei behilflich sein wollte, diese Wahl musste Severus ganz allein treffen, und er musste es aus tiefstem Herzen wollen.
Hermine seufzte auf und drehte sich auf die Seite.
Es gab nichts, was sie im Augenblick davon überzeugen konnte, dass Severus den gebotenen Weg einschlagen würde, dass er die gereichte Hand auch wirklich anzunehmen bereit war.
Sie schloss die Augen und dämmerte in einen leisen Schlaf hinüber, der ihr dennoch die erhoffte Erholung versagte.
~
Und noch jemand saß mit seinen Zweifeln allein im Dunkeln und dachte an das vergangene Gespräch, das nicht annähernd so verlaufen war, wie sie es sich erhofft hatte.
Minerva starrte in das Glas mit Wein, das im Feuerschein rubinrot funkelte, und seufzte leise.
Was hatte sie denn erwartet? Dass er freudig jubelnd mit ihr gehen würde?
Nein, natürlich nicht. Sie hatte immer damit gerechnet, dass Severus nicht unbedingt erfreut sein würde, doch in ihrer Euphorie hatte sie die Gedanken an ein mögliches ‚Nein’ immer wieder weggewischt.
Auch wenn die Zweifel jetzt übermächtig in ihr aufstiegen, war sie dennoch davon überzeugt, dass Severus die richtige Entscheidung treffen würde.
Minerva nippte von ihrem Wein.
Er musste sich einfach für das Leben entscheiden, das ihm die Freiheit und seinen Namen zurückgeben würde. Nichts anderes zählte. Sie wusste aber auch, dass es kein leichtes Unterfangen sein würde. Severus würde kämpfen müssen, wie er es noch nie getan hatte, denn er würde jetzt endlich nur für sich kämpfen dürfen.
Minerva beugte sich vor und stellte das Glas sanft auf den Tisch, dann erhob sie sich und trat ans Fenster.
Tief dunkel und still die Nacht, so friedlich und sanft. Ganz anders als die Gedanken, die Minerva bewegten.
Leise Angst überfiel sie. Was, wenn Severus gar nicht mehr wollte, wenn er aufgegeben hatte nach so vielen Jahren?
Sie schüttelte den Kopf und schob diesen Gedanken energisch beiseite.
‚Nein’, dachte sie. Severus war immer stark gewesen. Wie sonst hätte jemand so lange Jahre an zwei Fronten kämpfen können, ohne sich aufzugeben oder selbst verloren zu gehen…
Dennoch schlichen sich herbe Zweifel in Minervas Herz. Was, wenn er es wirklich leid war zu kämpfen?
Minerva wandte sich ab und ging aufgewühlt im Zimmer umher.
Dieses eine Mal noch müsste er kämpfen, nur ein einziges Mal noch und sie hoffte so, dass er sich für diesen letzten Kampf entscheiden würde.
Minerva erschauerte, wenn sie daran dachte, was sein würde, wenn er sich dennoch dagegen entscheiden würde.
Nein, sie wollte diesen Gedanken nicht weiterdenken! Sie schlang die Arme um den Körper und setzte ihren Weg durch das Zimmer fort, langsam und beständig.
Zwei Tage des Wartens. Zwei Tage der Selbstzweifel, ob all das, was sie in die Wege geleitet hatte, auch wirklich richtig gewesen war. Zwei lange Tage, die sie zum Nichtstun verdammt war.
Minerva seufzte.
Sie würde warten müssen und sie würde nichts, was er ihr sagen würde in Frage stellen. Sie würde seine Entscheidung, ganz egal wie sie ausfallen würde, akzeptieren…
Hermine erwachte schon vor dem Morgengrauen. Sie hatte die Nacht über wenig geschlafen und schließlich entnervt aufgegeben, die nötige Ruhe erzwingen zu wollen. Sie lauschte noch einen Moment in die Stille hinein, dann aber schleuderte sie energisch die Decken beiseite und schwang die Beine aus dem Bett.
Die heiße Dusche erfrischte sie nur mäßig und nachdem sie sich angekleidet hatte, warf sie sich den Umhang über und verließ ihr Zimmer. Entschlossen ging sie die Gänge entlang. Sie brauchte frische Luft, einfach um wieder zu sich zu kommen, um den Kopf frei zu bekommen, um den Ärger, der sich in ihr aufgestaut hatte, wieder loszuwerden. Außerdem wollte sie Severus heute unter gar keinen Umständen über den Weg laufen.
Ein langer Spaziergang würde Wunder wirken, dachte sie.
Zielstrebig führte sie ihr Weg die große Treppe hinunter in den Garten. Und obwohl der Wind kalt und heftig blies, setzte Hermine ihren Spaziergang fort. Nachdem sie aber zweimal schon die Wege abgelaufen war, war sie es schließlich leid, immer wieder die gleichen Bilder sehen zu müssen und sie beschloss, zum Meer zu gehen. Sein Anblick war nie langweilig, war immer anders und vielleicht gelang es ihr dann, den Zorn, den sie immer noch auf Severus hatte, fortzuwischen.
~
Der Himmel war noch immer dunkel. Nur schwer gelang es den Sonnenstrahlen, durch den dichten schweren Wolkenvorhang zu dringen und so blieb der Morgen kühl.
Mit einem leisen Stöhnen erwachte Severus. Die Narben schmerzten ihn. Es fühlte sich an wie glühende Messer, die ihm zur beständigen Pein in die Haut gestoßen wurden. Die Nacht über hatte er sich herumgeworfen und war erst nach langem eingeschlafen. Dennoch hatte er schlecht geschlafen und war denkbar unausgeruht.
Er drehte sich auf die Seite, zog die Decke über die Schultern und sah zum Fenster hinaus. Der Wind, der durch das geöffnete Fenster fegte, ließ Severus frösteln.
Er hatte gehofft, dass er sie aus den Kopf verbannen könnte, sie ausschließen, einen kostbaren Augenblick lang, doch kaum dass er erwacht war, schlichen seine Gedanken wieder zum gestrigen Gespräch mit Minerva und Hermine zurück.
Er hatte letzte Nacht lange darüber nachgedacht und trotzdem er alle Möglichkeiten für sich ausgelotet hatte, war er noch zu keinem Ergebnis gekommen. Die Situation, in welcher er sich befand, war ihm unangenehm, da er sie in solcher Form nicht kannte. Bisher stand es ihm nicht frei, für sich selbst zu bestimmen. Das hatten immer andere für ihn getan. Nur einmal hatte er entschieden, vor Wochen, in der ‚Heulenden Hütte’, die sein vermeintliches Grab werden sollte. Und wenn er es jetzt recht bedachte, war es ein Fehler gewesen. Er hätte ihnen nie geben sollen, was er so eifersüchtig behütete und für so lange Zeit tief in seinem Inneren verschlossen hatte.
Mit einem scharfen Atemzug warf Severus die Decke zurück und erhob sich. Dann ging er ins Badezimmer und stellte sich unter die Dusche.
Heiß und erfrischend zugleich rann das Wasser über seine Haut. Er stützte die Hände an die Wand und ließ den Kopf zwischen den Armen hängen.
Immer wieder schlich sich die Furcht in sein Herz. Er wusste jetzt, dass es nicht die Angst davor war, zu kämpfen. Er war es gewohnt, mit dieser Art Angst zu leben, es war nicht neu für ihn. Der Kampf hatte zu seinem Leben gehört, seit er denken konnte. Doch es war bisher ein Kampf für andere gewesen, sicher, für eine Sache, die gut und gerecht war, aber doch nie für sich selbst.
Und das ‚für-sich-selbst-Kämpfen’ brachte eine neue Sorge mit sich. Wenn er daran dachte, stieg heiße Panik in ihm auf, denn er hatte übernächtige Angst davor, genau die Erinnerungen hervorholen zu müssen, die er Potter gegeben hatte. Erinnerungen, die allen sein wahres Gesicht zeigen würden, das er bisher erfolgreich vor allen verborgen hatte. Auch wenn es unwillig geschah, rechnete er es Potter im Stillen hoch an, dass er vor der Welt geschwiegen hatte, dass er Severus in seinem vermeintlichen Tode nicht gedemütigt hatte. Potter hatte verstanden, so hoffte er.
Und wieder musste Severus an Hermine denken. Er wusste, dass Potter mit ihr diese Erinnerungen geteilt hatte.
Severus horchte in sich hinein. Es verwunderte ihn, denn noch vor Wochen wäre er in Zorn darüber ausgebrochen, aber jetzt war es anders: Das Wissen um diese Gedanken hatte ihn Hermine so nahe gebracht wie überhaupt noch nie jemanden vorher. Er hatte es nur zu gerne zugelassen und Hermine hatte ihm, dem Griesgram, dem Zyniker, soviel Verständnis entgegengebracht, dass es ihn selbst verlegen machte. Er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte und fühlte sich ihr gegenüber auf eine sonderbare Art und Weise hilflos.
Severus richtete sich auf und hob das Gesicht dem Wasser entgegen.
Da war noch etwas, das er nicht bestimmen konnte, das sich sachte um sein Herz legte und ihn auf recht angenehme Weise unruhig werden ließ, jedes Mal, wenn sie in seiner Nähe war.
Ein kleiner frecher Gedanke schoss durch seinen Kopf und als er ihn erkannte, schob er ihn empört von sich. Es konnte nicht sein... Er bildete es sich gewiss nur ein.
Severus senkte den Kopf und schraubte entschlossen die Hähne zu. Er griff sich ein Handtuch und rubbelte sich trocken. Dann nahm er das Salbentöpfchen, das ihm Hermine gegeben hatte vom Waschtisch und öffnete es. Vorsichtig trug er den Balsam auf die verblassenden Narben auf. Insgeheim wünschte er sich Hermines sanfte Hände zurück, die diese Aufgabe bisher übernommen hatten.
Severus sah in den Spiegel. Ein Gesicht, das ihm müde daraus entgegenblickte, noch immer abgehärmt, dunkle Augen. Er sah die tiefen Schrammen, die über seinen Körper liefen und er konnte nicht verhindern, dass ihm ein leises Seufzen über die Lippen kam. Schließlich wandte er sich ab.
Als er sich angekleidet hatte, trat er ans Fenster und sah in den trüben Tag hinaus. Es würde heute nicht mehr schön werden. Die Wolken waren dunkler als noch vor einer halben Stunde und der Wind brachte den Geruch von Regen mit.
Obwohl ihm fröstelte, schloss er das Fenster nicht.
Die Ursprünglichkeit und Wildheit der Landschaft hier mit ihren kargen Hügeln, dem unbeständigen Wetter, dem Wind, schenkte ihm eine Ruhe, von der er längst geglaubt hatte, sie nie mehr wiederzufinden.
Die letzten Tage und Wochen hatte er sich in dieser Ruhe gewiegt, hatte gehofft, sie für immer leben zu dürfen. Er hatte die Gedanken an sein Weiterleben zuerst nicht fassen können. Wie viele Zweifel und Ängste hatte er ausgestanden und sich dann doch ganz zaghaft darauf eingelassen.
Und wofür?
Immer öfter hatte er sich in den langen Nächten hier diese Frage gestellt. Seine Gedanken wanderten zu den gemeinsamen Gesprächen, in denen er Hermine mehr als einmal vor den Kopf gestoßen hatte, als diese ihm so unverblümt die Antwort auf diese Frage gab.
Ein trauriges Lächeln huschte über sein Gesicht. Sie wurde nicht müde, ihm die Hand zu reichen. Und was tat er? Er schlug sie immer wieder aus.
Severus senkte den Kopf. Wie lange noch würde sie versuchen, ihn hinüberzuziehen? Wann würde sie es schließlich aufgeben?
Und wieder überfielen ihn die Erinnerungen an Lily, und wieder sah er ihr Gesicht, als sie ihm gesagt hatte, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte.
Warum nur konnte er nicht aus seiner Haut? Warum quälte er sich so?
Dabei wäre es ganz einfach, es zu ändern, so leicht, sich für einen neuen Weg zu entscheiden. Ein Weg, der ihn endgültig wegbringen würde von dieser Vergangenheit, die er so hasste. Mühevoll würde er sein und steinig. Und trotzdem, obwohl er in seinem Leben nie den leichten Weg gewählt hatte, wollte er diese Mühen jetzt nicht mehr auf sich nehmen. Er war müde, müde zu kämpfen, müde, sich auf ewig zu rechtfertigen...
Severus schloss die Augen und atmete tief ein.
Auch wenn er mit Minervas Handlungsweise, über seinen Kopf hinweg zu beschließen und anzuordnen, nicht einverstanden war, wusste er dennoch, dass sie es gut mit ihm meinte.
Er hob die Lider. Ja, er würde sich entscheiden, bis morgen, und sie würde seine Entscheidung respektieren müssen.
Er wandte sich um und ging hinaus auf die Terrasse. An der Balustrade blieb er stehen und stützte die Hände auf.
Er sah hinaus in die graue Welt. Der Wind blies kalt und die Wolken zogen dunkel und schnell über den Himmel. Es würde sicher bald regnen.
Seine Aufmerksamkeit wanderte von seinen Gedanken hinunter in den Garten, wo Hermine langsam und bedächtig die Wege entlangging. Schließlich lenkte sie ihre Schritte auf den Weg, den sie gemeinsam schon so viele Male gegangen waren.
Er hätte nicht erwartet, dass sie so früh unterwegs sein würde und erst recht nicht bei diesem Wetter. Er kam gar nicht auf die Idee, dass es Hermine nur seinetwegen umtrieb. Was Severus aber spürte, war sein schlechtes Gewissen, das ihn mit einem Mal plagte.
Er wusste, dass er sie verletzt hatte, und auch wenn er es von sich wies, weil es ihm zu weich und viel zu schwach erschien, verspürte er den Drang, sich bei ihr dafür entschuldigen zu müssen.
Was er aber noch nicht wusste war, dass er den halben Tag brauchen würde, bevor er sich endlich dazu entschloss, ihr nachzugehen.
~
Der Wind frischte merklich auf, er blies feine Tropfen in ihr Gesicht. Es wurde richtig kalt. Von fern grollte Donner, ab und an erhellte ein Blitz die aufgewühlte See und obwohl es erst Nachmittag war, meinte man, die Dämmerung setzte ein, so dunkel wurde es auf einmal.
Hermine rutschte endlich von dem großen Stein, auf dem sie die ganze Zeit über gesessen und in die Wellen gestarrt hatte. Es wurde Zeit, dass sie sich auf den Heimweg machte. Vielleicht gelangte sie noch trocken zurück...
Der Spaziergang und die Ruhe hatten ihr gut getan, ihr Zorn war nahezu verraucht und sie sehnte sich jetzt nach einer Tasse heißen Tees und nach einem Platz am Kamin.
Der Weg zurück war beschwerlich. Der Wind blies heftig und zerrte an ihr, und hatte Hermine gehofft, einigermaßen trocken anzukommen, gab sie diese Hoffnung jetzt seufzend auf.
Die Regenschleier nahmen ihr die Sicht. Eisig schlug ihr der Wind entgegen. Hermine zog die Kapuze tief ins Gesicht und ging mit gesenktem Kopf, so schnell es die vom Wasser überspülten Wege zuließen.
Endlich sah sie die Silhouette von McGonagall Hall, das sich stolz vor dem dunklen Himmel abhob, über den grelle Blitze zuckten.
Hermine schritt weiter aus und betrat schließlich den Garten.
Und da traf es sie wie ein Schlag... Sie hatte die flüchtige Bewegung aus den Augenwinkeln bemerkt und war dennoch nicht schnell genug gewesen. Sie wurde grob gepackt und mit festem Griff legten sich raue Finger um ihren Hals. Unmöglich, Alarm zu schlagen.
Ihre Hand fuhr an ihren Zauberstab, doch noch bevor sie ihn hätte erreichen können, wurde ihr der Arm brutal auf den Rücken gebogen.
Hermine verzerrte schmerzvoll das Gesicht und brachte statt eines Schreies nur ein atemloses Gurgeln zustande. Sie wagte nicht, sich zu rühren.
Sie fühlte heißen Atem an ihrer Wange und hörte eine heisere Stimme, die ihr zuraunte: „Wen haben wir denn hier? Ist das nicht die Kleine, die wir schon in Malfoys Haus als Gast haben begrüßen dürfen?“
Freudloses hämisches Lachen antwortete ihm und Hermine erkannte fünf in Schwarz gekleidete Männer, die jetzt zu ihrem Anführer getreten waren. Ihre Gesichter waren hinter altbekannten Masken verborgen.
Sie hatten sie also gefunden! Sie waren verraten worden, schoss es ihr durch den Kopf.
Die Furcht sprang in Hermine auf und sie konnte nicht verhindern, dass sich ihrer Kehle ein tiefes Stöhnen entrang.
„Eigentlich solltest du jetzt schreien so laut du kannst, mein Täubchen“, sagte einer der Vermummten und beugte sich so nah zu ihr, dass sich ihre Gesichter beinahe berührten, „denn wenn wir mit Dir fertig sind, wirst du keine Kraft mehr haben, auch nur ein einziges Wort zu flüstern.“
„Still!“, herrschte ein anderer. „Du wirst uns noch mit deinem Geschrei verraten!“
Ein überhebliches Lachen und eine prompte höhnische Antwort: „Was willst du? Hast du es nicht gesehen? Die Alte ist wieder fort. Sie sind nur zu viert. Ohne die beiden Hausdiener nur zwei.“ Er wies zu Hermine. „Diese da haben wir schon. Es wird ein Kinderspiel...“
Hermines Gedanken überschlugen sich. Sie hatten sie beobachtet. Wie lange wohl schon? Wie sonst konnten sie wissen, dass Minerva wieder gegangen war?
Minerva! Hermine fiel siedendheiß ein, was sie ihr versprochen hatte, nämlich ihren Patronus zu schicken, sollten sie in Gefahr geraten...
„Meinst du also, es wird ein Kinderspiel?“, antwortete eine tiefe Stimme aus der Dunkelheit und holte Hermine aus ihren wirren Gedanken.
Die Männer fuhren herum und rissen die Zauberstäbe in die Höhe. Atemlose Stille.
Hermines Augen weiteten sich. Sie hatte Severus gehört, aber gesehen hatte sie ihn noch nicht. Und aus den Reaktionen der Angreifer schloss sie, dass auch diese Severus noch nicht zu Gesicht bekommen hatten.
„Zeig dich, Snape!“, schrie es hinter ihr.
„Lass sie los!“ Severus’ Stimme war ruhig.
Ein böses Lachen antwortete ihm und mit einem entschiedenen „Nein!“ verstärkte sich der Griff um Hermines Hals, so sehr, dass sie meinte, ersticken zu müssen. Sie wand sich, in der Hoffnung, freizukommen, doch vergeblich. Jede Bewegung verstärkte nur noch mehr den Druck auf ihre Kehle.
„Komm schon, hol sie dir, Verräter!“ Ein gehässiges Lachen begleitete diese Worte.
Dann ging alles rasend schnell.
Ein grüner Blitz, wie aus dem Nichts, schoss auf sie zu.
Erschrocken schloss Hermine die Augen und in dem Moment, als er ihren Peiniger traf, wurde Hermine von diesem weggeschleudert. Sie schlug hart auf den Kiesweg auf und blieb für einen Augenblick wie benommen liegen. Keuchend und gierig die Luft in ihre Lungen ziehend kam sie auf die Knie.
Sie nahm gerade noch wahr, wie die übrigen Männer auseinanderstoben und im Garten hinter Hecken und Bäumen Schutz suchten. Von der Balustrade aus sah sie Thomas, der ihnen Flüche nachschickte und Severus Zeit verschaffte, um zu Hermine zu gelangen. Ohne Umschweife riss er sie hoch und zerrte sie unsanft mit sich, bis zu einer Nische unter der Treppe des Altans, in der eine Tür eingelassen war, die Hermine noch nie wahrgenommen hatte. Severus stieß die Tür auf und schubste Hermine in den Gang dahinter.
„Warte hier!“, sagte er bestimmt und noch bevor Hermine protestieren konnte, war er schon wieder im Dunkel verschwunden.
Heftig atmend stand sie im Finstern und lauschte dem Kampf draußen im Garten. Heisere Schreie, höhnische Worte und mit Hass gesprochene Flüche.
Nein! Sie würde nicht warten, bis alles vorbei sein würde! Sie würde sich rächen wollen für all das, was ihr in Malfoys Haus angetan worden war. Sie hatte den Todesser erkannt und unbändige Wut stieg in ihr auf.
Entschlossen umfasste sie ihren Zauberstab und trat ins Freie.
Es dauerte einen Augenblick, bis sie die Lage erfasste. Zwei der Männer lagen am Boden. Sie rührten sich nicht mehr.
Vorsichtig ging sie an der Mauer entlang.
Bildfetzen, durch Blitze stroboskopartig in Szene gesetzt. In diesem Licht sah Hermine, wie einer der Todesser mit weiten Schritten die Treppe empor stürmte, auf der gerade noch Thomas gestanden hatte. Von dort oben würde er sicher einen guten Ausblick haben und es würde ihm ein Leichtes sein, seinen Widersachern nahezu unantastbar entgegenzutreten. Wenn es ihm gelang, hinaufzukommen, würden Severus und Thomas chancenlos sein...
Hermine sprang aus dem Schutz der Mauer und schleuderte ihm mit all dem Hass, der sich in ihrem Herzen gesammelt hatte, einen ‚Stupor’ nach. Er traf den völlig überraschten Mann mitten in den Rücken. Er kam nicht einmal dazu, sich umzuwenden. Er sank zu Boden und blieb reglos auf der Treppe liegen.
Hermine ballte siegessicher die Faust und sah sich um.
Severus’ Stimme hallte durch die Dämmerung und den heraufziehenden Sturm und sein Fluch fällte den nächsten Todesser.
Dann war es still.
War es vorbei?
Hermine rannte in den Garten zurück, um nach Severus zu suchen.
Leichtsinn!
Überrascht hob sie die Hand, doch sie war nicht schnell genug...
Unerträglicher Schmerz, der Hermine in dem Moment durchdrang, als der Fluch sie traf. Sie sank auf die Knie und presste stöhnend die Hände auf ihr Gesicht. Warmes Blut rann über ihre Finger.
Für einen winzigen Augenblick hatte sie nicht Acht gegeben. Sie hatte den Mann nicht gesehen, der hinter der großen Eiche im Garten hervorgetreten war.
Nur noch am Rande nahm sie wahr, wie ein grüner Blitz aus Severus’ Zauberstab den Todesser vor ihr niederstreckte.
War es jetzt vorbei?
Hermine konnte sich nicht mehr halten und fiel zu Boden. Nur noch ein schwacher Schimmer vor ihren Augen, das Tosen in ihrem Kopf wurde lauter und dann war es mit einem Mal vorbei. Wunderbare Stille breitete sich aus. Nur leise Stimmen um sie her.
Sie fühlte eine warme Hand an ihrer Wange. Mühevoll hob sie die Lider und sah in vertraute Gesichter, die ihr besorgt entgegensahen.
„Alles in Ordnung“, hörte sie Severus sagen.
Sie wusste nicht, ob er es zu ihr oder zu Thomas gesagt hatte, aber es war jetzt nicht mehr wichtig. Hermine lächelte leise und schloss die Augen.
Müdigkeit überfiel sie, nahm ihr für den Augenblick den Schmerz und versprach ihr verlockende Ruhe. Sie fühlte sich emporgehoben.
Die Spannung fiel von ihr ab und erschöpft ließ sie den Kopf sinken. Sie konnte nicht mehr, sie gab der Ohnmacht nach und erlösende Dunkelheit hüllte sie ein.
~
„Hermine!“
Sie hörte es wie von fern.
„Wachen Sie auf!“
Sie wollte es nicht hören. Warum nur konnten sie sie nicht in Ruhe lassen? Sie wollte nur noch ein wenig ausruhen. Doch sie wurde geschüttelt, sie hörte wieder die bekannte und verzweifelt klingende Stimme.
„Wachen Sie auf!“
Erst jetzt formte sich die verschwommene Welt vor ihren Augen wieder zu Bildern. Zuerst noch sah Hermine sich orientierungslos um. Dann sah sie zunehmend klarer: Sie lag auf ihrem Bett. Severus musste sie herein getragen haben, als sie, vom Fluch getroffen, niedergesunken war. Mary hatte sich über sie gebeugt und rüttelte sie heftig.
Hermine erinnerte sich schlagartig.
„Ich bin wach“, rief sie überlaut.
Mary atmete erleichtert auf und ließ sie los.
Hermine war vollkommen durcheinander. Ihr Kopf dröhnte, sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Ihre Hand fuhr an die Stirn, wo ein langer Riss vom Haaransatz über die rechte Braue bis zur Mitte der Wange führte. Das Blut war schon angetrocknet und ein paar Haarsträhnen daran festgeklebt.
Hermine setzte sich auf und strich sich das Haar aus der Stirn.
„Es ist vorbei“, flüsterte Mary und legte Hermine eine Hand auf die Schulter, ganz so, als müsse sie sie beschwichtigen.
Hermine schüttelte irritiert den Kopf.
„Er hat gesagt, ich soll nicht weggehen.“, sagte Mary, „ich soll bei Ihnen bleiben, bis...“
Hermines Atem ging schnell.
„Bis was...?“, fragte sie.
Mary schwieg einen Augenblick zu lang.
„Wo ist er?“, drängte Hermine und Unruhe beschlich sie.
„Sie haben die Toten weggebracht“, fuhr Mary fort, ohne Hermines Frage zu beantworten.
„MARY“, herrschte Hermine und Mary sah sie still an.
„Wo ist er?“, fragte Hermine jetzt milder.
„Er ist weggegangen.“
„Hat er gesagt, wohin er gehen will?“
Mary schüttelte den Kopf.
„Er hat gesagt, Sie sollen sich keine Sorgen machen. Es würde alles gut werden, wenn er weg ist.“
Hermines Herz zog sich zusammen.
Wenn er weg ist!
Was dachte er sich nur!
Sie sprang auf und rannte, ohne auf Marys Rufen zu achten, hinaus.
Sie wusste genau, wo sie suchen musste.