Der Morgen war kühl und dunkel und als Hermine die Augen aufschlug und zum Fenster hinaussah, sah sie in einen grauen Himmel, von schweren Wolken bedeckt, die ein kraftvoller Wind vor sich hertrieb. Nur ab und an verirrte sich ein Sonnenstrahl durch eine Lücke im Wolkenband und schickte ein klein wenig Helligkeit auf die Erde.
Hermine hatte letzte Nacht vergessen, die Terrassentür zu schließen und so fegte der Wind ungehindert in den Raum und nah ihm den letzten Rest Wärme, welche die glühende Asche des herunter gebrannten Feuers im Kamin noch ausstrahlte.
Hermine zog die Decke bis ans Kinn und drehte sich noch einmal wohlig auf die andere Seite. Sie hatte wunderbar geschlafen. Keine Träume, die sie ängstigten und die sie zu verdrängen suchte, keine Gedanken, die sie beschäftigten und zweifeln ließen, ob das alles überhaupt richtig war, was sie hier tat. Endlich war eine Last von ihrer Seele genommen, die sie schon so viele Tage beschäftigt, ja sogar gequält hatte. Sie wusste, es war richtig und sie wusste, es würde sich lohnen.
Ein leises Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Sie freute sich auf den Tag und, sie hätte es nie gedacht, aber sie freute sich doch tatsächlich auch auf die Gesellschaft von Severus Snape. Ihr Umgang miteinander war jetzt anders. Sicher nicht so, als dass man ihn als normal bezeichnen könnte, wenn man den Umgang mit Severus Snape überhaupt als normal bezeichnen wollte. Und auch wenn er jetzt zugänglicher erschien, war sich Hermine ziemlich sicher, dass sein streitbarer Geist keineswegs den Rückzug angetreten hatte. Allerdings rechnete sie es ihm hoch an, dass er sich zurückgenommen hatte.
Hermine dachte nach. Sie hatte sich noch nie so intensiv mit Severus Snape beschäftigt. Doch in der Ruhe und Abgeschiedenheit, seit Wochen beinahe jeden Tag in seiner Gesellschaft, drängten sich ihr diese Gedanken geradezu auf.
Hermine drehte sich auf den Rücken und starrte in die Luft. Ein feiner Sonnenstrahl erhellte den Raum nur für einen Moment und ließ die Welt für eben diesen Augenblick freundlicher und heller erscheinen.
Was für ein Mensch war eigentlich Severus Snape?
Hermine stellte sich diese Frage zu allerersten Mal und dachte darum sehr ernst und angestrengt darüber nach: Er war ein Mensch, der die Trauer nie abgelegt hatte. Er hatte auch niemanden, der sie mit ihm teilte, und es ihm leichter machte, sie zu ertragen. Sie war wohl das einzige, was einer Familie am nächsten kam, war etwas, das ihn immer an geliebte Menschen erinnerte, auch wenn es schmerzlich war. Hermine hatte sich nie darin getäuscht, dass er diese Trauer dazu benutzte, um sich selbst zu bestrafen. Und wie trotzig ging er diesen Weg, nur um immer weiter im Sumpf an seinem Ende zu versinken.
Was war es, das ihn so anders sein ließ?
Wonach suchte auch ein Severus Snape? Sie hatte es deutlich gespürt. wenngleich er es niemals sagen, ja nicht einmal andeuten würde. Er machte es sich und anderen nicht leicht, den Menschen in Severus Snape zu finden, aber er hatte ihr gezeigt, dass er Gefühle hatte, und dass er sogar so etwas wie Verständnis aufbringen konnte.
Wie musste er zweifeln, wie unsicher musste er sein. Es war vielleicht nicht einmal das, es war wohl eher die Zukunft, die ihm Angst machte. So wie Hermine in Liebe an die Eltern und die Freunde dachte, die sie sicher und freudig in Empfang nehmen würden, wenn alles getan war, so wusste sie auch, wartete niemand auf ihn, der ihm Familie war oder Freund hätte sein können. Hatte er denn Freunde…?
Hermine hatte sich auch diese Frage noch nie gestellt. Seltsam, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Severus Snape, wie sie ihn kannte, so etwas wie Freundschaft unterhalten könnte. Das herauszufinden, wäre sicher eine interessante Herausforderung… Hermine schüttelte den Kopf. Nein, sie würde es nicht versuchen!
Sie warf entschieden die Decken zurück, ging ins Badezimmer und legte ab. Sie stieg in die Dusche und drehte die Hähne auf. Angenehm floss das heiße Wasser über ihren Rücken. Sie schloss die Augen, hob den Kopf und genoss die Erfrischung.
‚Wann wohl Minerva wiederkommen würde?’, schoss es ihr durch den Kopf. Nachdenklich starrte sie die Fliesenwand vor sich an. Was brächte sie wohl für Neuigkeiten mit?
Hermine harrte schon jeden Tag in gespannter Erwartung, wartete endlich auf Nachrichten aus der ‚neuen’ Welt. Und sie wusste, so ungeduldig wie sie war, war es auch Severus, wenngleich er es viel gekonnter verbergen konnte, als sie selbst. Aber aus manchem Blick, den er ihr zuwarf, wenn er sich unbeobachtet fühlte, oder an einer Bemerkung, die er gelegentlich fallen ließ, konnte sie sehr deutlich ablesen, dass auch er seine Anspannung kaum mehr bezwingen konnte.
Mit einem leisen Seufzen drehte Hermine das Wasser ab und griff nach dem Handtuch, um sich abzutrocknen. Sie rubbelte die Haare trocken und kleidete sich langsam an. Dann zwang sie die wilden Locken unter die Bürste und band sie locker zusammen.
Als sie fertig war, erwischte sie sich bei einem prüfenden Blick in den Spiegel und musste dabei über sich selber lächeln. Sie schüttelte entschieden den Kopf und machte sich auf den Weg zu Severus.
Die ganze Zeit, die sie brauchte, um das kurze Stück bis zu seinen Räumlichkeiten zurückzulegen, dachte sie unentwegt daran, wie es wohl sein würde, wenn er als freier Mann zurückkehren würde.
Mit einem leisen Seufzen blieb sie vor seiner Tür stehen. Sie zögerte sie noch einen kurzen Augenblick. Sie hob die Hand, um anzuklopfen, da hörte sie ein gedämpftes ‚Kommen sie rein’ durch die geschlossene Tür dringen. Hermine zog die Brauen hoch und trat ein.
Severus stand am geöffneten Fenster und sah in den trostlosen Morgen. Trotzdem er heftig wehte, war es dem Wind noch nicht gelungen, die Wolkenbänke auseinander zu schieben. Wenigstens regnete es nicht...
„Woher wussten Sie…?“, begann Hermine, schloss die Tür und kam zum Tisch.
„Es ist so still hier“, sagte er leise ohne sich umzuwenden. „Jeder Laut, jeder Windhauch ein Schrei.“
„Sie mögen es nicht“, stellte sie fest.
„Oh doch, ich liebe es“, entgegnete er, „von Zeit zu Zeit.“
„Jetzt nicht?“
Severus wandte sich zu ihr um.
„Nein, jetzt nicht.“ Es war alles, was er sagte und so wie er sagte, wusste Hermine, dass sie nicht weiter fragen durfte. Sie wusste auch so, was diese drei Worte zu bedeuten hatte. Es ging ihr nicht anders. Die Stille zwang sie förmlich dazu, nachzudenken, sich mit den eigenen Gedanken, Wünschen und Erinnerungen auseinanderzusetzen. Einerseits war es gut, auf der anderen Seite schmerzlich und ließ die Wunden, die ihnen in die Seele gerissen wurden, nicht so ohne weiteres heilen.
Sie nickte nur, holte das Töpfchen mit der Wundsalbe vom Tisch und schraubte den Deckel auf. Severus verstand. Es ging zum Sofa und ließ sich darauf nieder. Dann knöpfte er langsam das Hemd auf. Hermine trat heran und setzte sich neben ihn. Sie schob ihm vorsichtig das Hemd von den Schultern und strich sachte den Balsam auf die Narben.
Severus schloss die Augen und genoss die Sanftheit und Wärme ihrer Hände. Und zum ersten Mal empfand er ihre Berührungen nicht nur als Mittel zum Zweck. Sie erschienen ihm jetzt so anders, obwohl Hermine nicht sanfter und auch nicht derber als sonst war. Und wieder lief ein leiser Schauer durch seinen Körper und über seine Haut und er hoffte, dass sie es nicht bemerkte.
Und auch Hermine durchströmte ein Gefühl, das sie nicht zu beschreiben vermochte, so unwahrscheinlich erschien es ihr. Vor ihr saß nicht mehr ihr Lehrer, vor ihr saß ein Mensch aus Fleisch und Blut, mit warmer weicher Haut...
Was dachte sie denn da gerade? Einen winzigen Moment hielt sie in ihrer Arbeit inne und holte tief und lautlos Luft. Sie schubste den Gedanken aus ihrem Kopf und fragte unvermittelt in die nachdenkliche Ruhe hinein: „Wie stark fühlen Sie sich heute?“
Severus öffnete die Augen und wandte den Kopf.
„Weshalb fragen Sie?“, fragte er erstaunt.
„Nun“, Hermine schraubte das Deckelchen wieder auf das Töpfchen, „wir werden heute etwas spazieren gehen.“ Sie wischte die Hände an einem Tuch ab. „Ich bin fertig.“
„Werden wir das?“, fragte er belustigt und zog sich das Hemd wieder über die Schultern.
Hermine ignorierte seinen Ton und sah ihn an.
„Es ist soviel besser, als ständig hier herumzusitzen“, sagte sie leise. „Haben Sie etwa etwas dagegen?“
Severus schüttelte ruhig den Kopf.
„Natürlich nicht“, sagte er lächelnd.
Hermine sah ihn mit zusammengezogenen Brauen an.
Severus erhob sich und schloss die restlichen Knöpfe an seinem Hemd.
„Ich weiß einen wunderbaren Platz“, begann sie, „allerdings bin ich gar nicht sicher, ob Sie schon so weit gehen können.“
„Müssen wir denn gehen?“
Jetzt lächelte Hermine.
„Ja“, sagte sie gedehnt. „Soweit es keine Mühe macht.“
Sie erhob sich und wandte sich zur Tür.
„Wir sollten frühstücken“, sagte Hermine bestimmt und wunderte sich zum wiederholten Mal, dass er ihr ohne zu widersprechen folgte.
Das Frühstück war einfach aber reichlich, es schmeckte hervorragend.
Nachdem sie vorsichtig versucht hatten, ein Thema zu finden, über das sich zu unterhalten lohnte, sich aber letztendlich ein richtiges Gespräch nicht entwickeln wollte, saßen sie sich gegenüber und aßen stillschweigend, ein jeder in seinen eigenen Gedanken versunken.
„Ich hätte nicht gedacht, dass Sie zurückkommen“, sagte er plötzlich und sah sie forschend an.
Über Hermines Gesicht legte sich ein leises Lächeln.
„So“, antwortete sie und strich Butter auf einen Toast, „und warum nicht? Weil Sie mich angeblafft haben?“ Sie hielt inne und sah ihm in die Augen.
Severus senkte die Lider und nahm einen Schluck Kaffee.
„Das habe ich nicht gemeint“, sagte er, stellte die Tasse sanft ab und sah wieder auf.
Hermine ließ die Hand, die das Messer hielt, sinken. Sie wusste genau, was er meinte.
Severus beugte sich vor und suchte ihren Blick.
„Warum?“ Es beinahe ein Flüstern.
Hermine atmete hörbar ein, sie neigte den Kopf und legte ihr Besteck zurück auf den Tisch. Dann schob sie den Teller von sich. Einen Moment zögerte sie, dann sah sie auf.
„Kein höhnischer Kommentar und auch keine böse Antwort?“, fragte sie.
Er zog die Brauen zusammen und schüttelte langsam den Kopf. „Nichts dergleichen.“
Hermine sah ihm in die Augen.
„Um Sie mit den anderen zu begraben…“, sie stockte, wurde unsicher. Doch es kam keine Antwort. Seine Miene war offen. „…kein Vergessenwerden…“
Severus stützte das Kinn auf die Linke, er senkte den Blick und nickte leise.
„Gerechtigkeit“, sagte sie nachdrücklich. „Immer noch...“
Ein Moment des Schweigens, beinahe unerträglich und dennoch wohltuend. Ihre Gedanken schwangen in diesem Augenblick gleich.
„Verständnis?“, fragte er und sah sie wieder an.
Hermine schenkte ihm ein sachtes Lächeln. Sie nahm ihr Glas mit Wasser und tat einen Schluck.
„Daran arbeite ich noch“, sagte sie nüchtern.
Severus zog die Brauen hoch und schürzte die Lippen.
„Und, wie sieht die Prognose aus?“, fragte er wie nebenbei, griff zur Kristallkaraffe und schenkte ihr das Glas wieder voll.
Hermine nickte zum Dank und zuckte die Schultern.
„Viel versprechend“, antwortete sie.
Er lachte und lehnte sich zurück.
Es gefiel Hermine, was sie sah. Zum ersten Mal wirkte er gelöst und es gab nichts, was ihr an diesem Mann im Moment Angst einflößte. Sie sah ihn aufmerksam an.
„Wo ist nun dieser Platz, von dem Sie mir erzählt haben“, fragte Severus und griff nach einem Apfel, „und der so wunderbar sein soll?“
Hermine lächelte.
„Es ist weit!“, sagte sie.
„Na und?“
„Am Kliff.“
„Das ist gefährlich.“
Hermine lachte leise auf.
„Warum lachen Sie?“, fragte Severus grimmig.
„Gefährlich...“, wiederholte sie amüsiert. Sie sah ihn an und wurde mit einem Mal ernst. Ihre Gedanken suchten sich einen neuen Weg. Sie hatte es sich eigentlich fest vorgenommen, ihm keine Fragen zu seinem Leben mehr zu stellen. Und doch konnte sie es nicht beherrschen, sie musste es ihn fragen, egal ob er sie zurückweisen würde oder nicht. Und doch zögerte sie noch. Verlegen nahm sie einen Schluck Wasser.
Severus war ihr Stimmungsumschwung nicht entgangen, es war leicht gewesen, denn sie hatte nicht einmal ansatzweise versucht, ihn zu verbergen.
„Was ist?“, fragte er und sah sie aufmerksam an.
Hermine überwand ihre Unsicherheit, sie schloss für einen Moment die Augen.
„Was werden Sie tun, sollten Sie als freier Mann zurückkehren?“, fragte sie leise.
Severus neigte den Kopf. Da war die Frage, die sich tief in seinen Geist gebrannt hatte, die er sich wohl an die hundert Mal am Tag selber stellte und sie sich doch nicht beantworten konnte.
„Werde ich denn frei sein?“
„Natürlich“, sagte Hermine viel leidenschaftlicher, als sie eigentlich wollte. Ein leichtes Rosa überzog ihre Wangen, und um ihre Verlegenheit zu überspielen, beugte sie sich nach vorne und stelle das halbgeleerte Glas wieder vor sich auf den Tisch. Eigentlich wusste sie nicht wirklich, ob es gelingen würde, ihm ein Leben in Freiheit zu ermöglichen. Aber sie hoffte so.
Severus sah sie lange an. Sie war der erste Mensch, der nach seinem Leben fragte. Es gab nicht viele, die wirklich meinten, was sie sagten, aber er wusste, dass sie vollkommen ehrlich war, und gerade darum hätte er ihr gerne diese Frage beantwortet, doch er konnte es nicht...
Nachdem er schon gut und gerne zwanzig Minuten in seinem Arbeitszimmer auf und ab gegangen war, blieb Lucius Malfoy endlich am Fenster stehen und sah versonnen in den frühen Abend hinaus. Mit dem Wind als Gehilfen, der am Nachmittag wieder aufgefrischt hatte, fand die Sonne ab und an eine Lücke in der schnell ziehenden Wolkendecke, um der Welt zu verkünden, dass der Sommer noch nicht vorbei war und schickte Licht und Wärme auf sie hinab. Und doch schien es immer wieder, als wollten die dunkelgrauen Wolken, deren Ränder im letzten Licht der Sonne goldenen aufleuchteten, den Himmel für die kommende Nacht bedecken und sich von ihrer regennassen Last befreien wollen.
Das Wetter entsprach in etwa Lucius Malfoys Stimmung, es war nicht wirklich schön, aber auch nicht wirklich schlecht. Was ihn so beschäftigte und ihn beständig hin und her riss, zwei volle Tage schon, war die Tatsache, dass Minerva McGonagall um ein Gespräch mit ihm gebeten hatte. Er schüttelte leise den Kopf. Weshalb bat sie ausgerechnet ihn um eine Unterredung? In der Situation, in welcher sich seine Familie und er gegenwärtig befanden, wäre er sowieso nicht in der Lage gewesen, ein Gespräch abzulehnen.
Er erging sich schon seit Stunden in wilden Spekulationen und verwarf dann doch wieder jede einzelne der Theorien, die er für sich aufgestellt hatte. Er konnte sich wirklich nicht erklären, was der Grund für einen Besuch Minerva McGonagalls in seinem Hause hätte sein können. Es ließ ihn einfach nicht los und er begann von neuem seinen Gang durch den Raum. Hin und her, immer wieder, wie ein Raubtier im Käfig.
Eine Ministeriumsangelegenheit konnte es nicht sein, dafür würde nicht die Schulleiterin von Hogwarts vorsprechen wollen. Eine Schulangelegenheit sollte es wohl auch nicht sein, da hätte eine Eule genügt.
Was also war so wichtig, dass McGonagall persönlich kommen und ausgerechnet ihn sprechen wollte?
Er legte den Kopf in den Nacken und zog die Brauen zusammen. Ja, es musste wichtig sein, denn der Brief, den sie ihm geschrieben hatte, war nicht durch eine Eule zugestellt worden, Arthur Weasley selbst hatte ihn gebracht und nicht eher Ruhe gegeben, als bis er ihn persönlich an ihn ausgehändigt hatte.
Lucius Malfoy blieb stehen und senkte den Kopf. Er schloss für einen nachdenklichen Moment die Augen. Ein duzend Mal schon hatte er die wenigen Zeilen gelesen, die auf dem Pergament, das auf seinem Schreibtisch ganz obenauf lag, geschrieben waren. Doch der tiefere Sinn erschloss sich ihm nicht. Es gab nichts herauszulesen. Da stand schlicht und einfach eine höfliche Bitte um einen Besuch.
Er hatte, nachdem er die Zeilen zum ersten Mal überflogen hatte, Arthur Weasley fragend angesehen, doch dessen Gesichtsausdruck war verschlossen gewesen, er hatte kein Wort zu dem Inhalt gesagt. Aber es musste wichtig sein, da Weasley nicht eher fortging, als bis Lucius eine kurze Antwort formuliert hatte.
Ein leises Lächeln huschte über Lucius’ Gesicht. Nun, sein Verhältnis zu den Weasleys war seit jeher gespalten. Er war nicht so, dass er sie verachtete, aber schätzen tat er sie auch nicht. Sie waren ihm zu gewöhnlich, zu einfach und zu arm. Im Grunde genommen waren sie ihm egal. Und doch schlich sich ein Hauch Respekt für diese Familie und deren Mut in sein Herz.
Gerade in den letzten Stunden des Kampfes gegen Voldemort hatte Lucius selbst erfahren, was es hieß, Vertrauen zu schenken, für Frau und Kind zu kämpfen und zu hoffen... Quälende Stunden, die er wohl nie wieder aus seinem Gedächtnis bekommen würde. Zum ersten Mal hätte er sich für seine Frau und seinen Sohn aufgegeben, wirklich und ganz, hätte er damit verhindern können, dass ihnen etwas geschähe. Er wäre wirklich für sie gestorben.
Ein leises Seufzen entrang sich seiner Brust. Er musste eines anerkennen, immer wieder. Und es war Narzissa, die ihm diese Anerkennung abgerungen hatte. Sie war so viel mutiger als er gewesen in jener Nacht. Wie beschämte ihn diese wunderbare Geste von ihr, da sie Potter nicht ihrem Herrn preisgab. Erst durch den Verrat seiner Frau wurden Lucius die Augen dafür geöffnet, was im Leben wirklich zählte. Wie liebte er sie dafür...
Er schüttelte diese Gedanken ab, doch er wusste, sie würden wiederkommen, sie kamen immer wieder, ließen ihn nachts nicht schlafen und bei Tag unruhig umherwandern. Die erzwungene Ruhe verstärkte es noch.
Und es gab noch etwas, das Lucius beinahe den Verstand raubte. Lucius kannte viele Menschen, zum einen durch seine Herkunft, zum anderen durch seine zahllosen Geschäfte, die er unterhielt, aber Freunde gab es darunter kaum. Da war nur einer, dem er blind vertraut hätte. Doch gerade der, von dem er angenommen hatte, dass er ein wahrer Diener seines Herrn war, war in Wirklichkeit ein Janus.
Wie blind war er doch gewesen, dass er es nicht erkannt hatte. Und war Lucius zu Anfangs erzürnt und aufgebracht über Severus’ Verrat an Voldemort, so war er in der unfreiwillig auferlegten Isolation zu der Erkenntnis gekommen, dass nicht einer seiner sogenannten Freunde so viel Mut und Selbstlosigkeit besessen hatte, wie dieser Mann. Und endlich brachte er so etwas wie Verständnis für ihn auf. Lucius wusste genau, was Severus getrieben hatte, und dass aus diesem Schmerz der unbändige Drang nach Wiedergutmachung, vielleicht auch Rache, erwuchs, so viele Jahre lang. Er hatte ihn deshalb nie verstanden und es manches Mal als alberne Gefühlsduselei abgetan. Doch was Lucius uneingeschränkt anerkannte, wofür er den Freund immer geliebt hatte, war die Loyalität, die Severus seinen Freunden angedeihen ließ. Welch übermenschliche Kraft musste das gekostet haben.
Und jetzt...?
Lucius stützte die Hände auf den Fenstersims und ließ den Kopf hängen. Für einen Moment drängte sich übergroße Trauer in sein Herz. Der Freund war tot. Auch wenn immer wieder Gerüchte über sein angebliches Überleben auftauchten, und auch wenn er sich wünschte wie nichts anderes auf der Welt, dass Severus überlebt hätte, glaubte Lucius, dass dieser tot und begraben war.
Ein leises Klopfen holte ihn aus den Gedanken. Er hob den Kopf.
„Ja“, rief er beinahe ungehalten.
Die Tür öffnete sich und eine leise Stimme sagte: „Minerva McGonagall, Schulleiterin von Hogwarts ist jetzt hier.“
„Ich komme“, sagte er, ohne sich umzuwenden. Lucius atmete tief ein und richtete sich auf. Er hatte sich wieder im Griff. Ruhig und beherrscht verließ er sein Arbeitszimmer, um seinen Gast zu begrüßen.
Auch Minerva hatte in den vergangenen zwei Tagen diesem Treffen entgegengefiebert. Sie hatte sich immer wieder durch den Kopf gehen lassen, was sie Lucius Malfoy sagen würde. Und immer, wenn sie gedacht hatte, die richtigen Worte gefunden zu haben, verwarf sie sie doch wieder. Im Moment war ihr Kopf wie leergefegt, schien sie keinen klaren Gedanken fassen zu können. Innerlich schalt sie sich laut ob ihrer Zweifel. Sie hatte sich noch nie so unsicher, ja beinahe hilflos, gefühlt wie in diesem Augenblick, da sie die Eingangshalle von Malfoy Manor betrat.
Minerva sah sich erwartungsvoll um, aber nichts mehr kündete davon, dass dieses Anwesen eine ganze Zeit lang Voldemorts Aufenthalt gedient hatte, er es zu einer Art Hauptquartier gemacht hatte. Das Haus war hergerichtet und blitzsauber, es wirkte hell und freundlich.
Minerva wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie eine bekannte Stimme hinter sich hörte: „Ich heiße Sie willkommen.“ Sie wandte sich um und sah sich Lucius Malfoy gegenüber, der stolz und gemessenen Schrittes die Treppe herunterkam und ihr nun die Hand zu Gruß reichte.
Ein kurzer taxierender Blick ihrerseits. Lucius Malfoy, elegant wie immer, mit einem Hauch Arroganz in Ausdruck und Haltung. Und doch war da noch etwas anderes, das Minerva zu beschreiben noch nicht in der Lage war...
„Wie ich sehe, geht es Ihnen gut“, sagte sie mit einem Lächeln auf den Lippen.
„Danke.“ Malfoy nickte leise und deutete ihr an, ihm zu folgen. „Das Ministerium sorgt sich rührend um mich.“ Er erwiderte ihr Lächeln freundlich und führte sie in den Salon. Er bat sie höflich, in einem der bequemen Sessel Platz zu nehmen, während er selber zum Tisch ging und zwei Gläser mit Sherry einschenkte. Er reichte Minerva eines davon und setzte sich ihr gegenüber.
Er prostete ihr zu und nahm einen Schluck aus seinem Glas.
„Nun, was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches“, begann er dann. „Ich nehme nicht an, dass Sie gekommen sind, um sich nur nach meinem Befinden zu erkundigen?“
Sein Ton gefiel ihr nicht und Minerva beschloss, ihn noch ein wenig im Ungewissen zu lassen. Sie nippte von ihrem Glas und ließ sich mit der Antwort viel Zeit.
„Nein“, sagte sie schließlich betont langsam und sah ihn über ihre Brillengläser hinweg an, „deshalb bin ich nicht gekommen.“
Malfoy schürzte die Lippen, er senkte leicht den Kopf und sah ihr für einen flüchtigen Moment in die Augen. Seine Neugier war lange geweckt. Seine Nerven waren angespannt, sein Geist hellwach. Er wollte endlich erfahren, was Minerva McGonagall dazu veranlasst haben könnte, ihn sprechen zu wollen, wollte endlich Gewissheit. Es gab nichts, was er so sehr hasste, wie im Dunkel gelassen zu werden.
Lange genug in seinem Leben hatte er mit Ungewissheit und Furcht leben müssen. Dennoch kündete seine Miene nichts von seinen Gedanken. Zu oft hatte auch er sie verstecken müssen. Doch sein Gespür für besondere Situationen verriet ihm, das auch Minerva äußerst angespannt war, genau wie er selbst.
Lucius merkte sehr wohl, dass sie ihn hinhielt. Aber er war ein Mann der Tat, der gerne ohne Umschweife zu einer Verhandlung oder einem Geschäft kam, Umständlichkeiten waren nicht sein Ding. Er sah sie an. Keine Umschweife mehr, kein Zögern, gerade heraus und ehrlich wollte er jetzt sein. Alles andere erschien ihm wie Verschwendung.
„Nun sagen Sie es schon“, sagte er ungeduldig, „und spannen Sie mich nicht länger auf die Folter.“
Minerva sah ihm in die Augen.
„Ich möchte Ihr Wort, Mr. Malfoy“, begann sie, „denn alles, was ich Ihnen jetzt sage, ist absolut vertraulich.“
Jetzt hatte sie ihn wirklich. Seine Neugier war aufs Äußerste angestachelt. Was war es, das sie von ihm wollte? Und doch war er zu sehr Geschäftsmann, der Für und Wider äußerst genau gegeneinander abzuwiegen wusste. Er atmete tief ein und nickte leise.
„Ein Geschäft?“, fragte er und zog die Brauen hoch.
Minerva sah ihn eine Weile unbewegt an.
„Ja“, antwortete sie dann. Ein wenig Traurigkeit schwang in ihrer Stimme mit. „Wenn Sie es so nennen wollen, es hat tatsächlich etwas von einem Geschäft.“
„Dann reden Sie!“
„Ihr Wort!“
Er leerte sein Glas in einem Zug, erhob sich und stellte es auf den Tisch zurück.
„Sie haben mein Wort“, sagte er im Umwenden und sah sie an. „Was also ist so wichtig, dass Sie gerade mich in Anspruch nehmen müssen?“
Minerva sah auf und suchte seinen Blick.
„Gestatten Sie mir, einen Freund in Ihre Obhut zu geben.“
Lucius Malfoy hob die Brauen und sah sie verständnislos an.
„Ich verstehe nicht recht...“, sagte er nur.
„Es wird nicht für lange sein“, sagte Minerva unbeeindruckt. Sie wusste, sie hatte ihn jetzt verwirrt. Umso nachdrücklicher war es, wenn sie jetzt den Namen dessen nennen würde, den er beherbergen sollte.
„Was soll das?“, fragte Lucius verärgert. „Sie machen sich wohl lustig! Mein Haus ist keine Herberge für dahergelaufenes...“ Er brach ab und beherrschte sich mühsam. Dafür hatte er sich also zwei volle Tage den Kopf zerbrochen! Für nichts!
„Severus Snape...“, warf Minerva in den Raum und riss ihn aus seinen empörten Gedanken, „...ist der Name des Freundes.“ Sie erhob sich ihrerseits und ließ ihn dabei nicht aus den Augen
Ungläubiges Schweigen. Eine Zeit lang war es so still, dass nur das Ticken der großen Standuhr zu hören war.
Malfoy wiegte ungläubig den Kopf. Nein, das konnte nicht sein!
„Er ist tot“, sagte er erbittert.
„Nein, das ist er nicht.“ Minervas Stimme war ruhig. Sie gab ihm Zeit.
Lucius’ Herz machte einen Sprung, sein Atem ging heftiger. Er hatte die Hände so fest zu Fäusten geballt, dass die Knöchel weiß hervortraten. Dann wandte er sich um und ging bis zum Fenster. Er verschränkte die Arme vor der Brust, so als wollte er jemanden umarmen. Er hob den Kopf und schloss die Augen, nur für einen kurzen Moment.
Severus war nicht tot!
Er sah hinaus in die heraufziehende Dunkelheit.
Severus lebte!
„Man hat seine Leiche nicht gefunden...“, sagte er, das Geflüster im Sinn. Es war ein Satz, der Minerva innerlich zusammenzucken ließ. Egal, welche Motive Lucius’ ehemalige Gefährten getrieben haben mochten, sie hatten Severus nicht vergessen, sie hatten nach ihm gesucht. Und als sie jetzt sah, wie mühsam es Lucius Malfoy es gelang, seine Gefühle im Zaum zu halten, wusste Minerva, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte.
„Es dürfte auch Ihnen nicht entgangen sein, dass Voldemorts einstige Anhänger, oder die, welche sich noch auf freiem Fuße befinden, bestrebt sind, Rache für seinen Verrat zu nehmen“, fügte sie eindringlich hinzu.
Lucius nickte leicht. Er rechnete ihr hoch an, dass sie nicht einmal angedeutet hatte, dass sie ihn zu diesen einstigen Anhängern dazuzählte, wenngleich er felsenfest davon überzeugt war, dass sie das immer noch tat.
„Ich habe so etwas gehört“, sagte er leise. Er hatte sich wieder unter Kontrolle. Er nahm die Arme herunter und wandte sich zu ihr um. „Wo ist er?“
Minerva sah ihn eine Weile schweigend an.
„Es tut mir leid, aber das kann ich Ihnen nicht sagen.“
Er lachte auf.
„Natürlich, ich verstehe.“
Minerva schüttelte den Kopf.
„Selbst wenn ich hundertprozentig davon überzeugt wäre, dass sie Ihrem alten Herrn abgeschworen haben, würde ich es Ihnen nicht sagen“, sagte sie hart.
Er hob stolz den Kopf. Er hatte es ja unbedingt hören wollen!
„Ich möchte Sie nicht in Versuchung führen, Mr. Malfoy“, setzte sie noch versöhnlicher hinzu, als sie merkte, dass sie ihn brüskiert hatte. „Niemand kennt seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort.“ Minervas Blick wurde gütiger.
Lucius wandte leicht den Kopf zur Seite und fragte: „Trotzdem Sie mir nicht vertrauen, kommen Sie zu mir?“
Minerva sah ihn lange an. Dann nickte sie und sagte nachdrücklich: „Und trotzdem komme ich zu Ihnen.“
„Warum?“
„Weil Ihr Haus der einzig sicherste Ort sein wird, sobald offiziell bekannt ist, dass Severus Snape noch am Leben“, sie hielt kurz inne.
Malfoy hob eine Braue und sah sie amüsiert an.
„Weil hier niemand nach ihm suchen wird“, ergänzte er.
Minerva nickte.
„Und das alles am Ministerium vorbei?“, setzte er noch hinzu. Er konnte es nicht hinunterschlucken.
„Nein“, erwiderte sie lächelnd, denn sie hatte diese Frage erwartet, „das alles mit seiner Zustimmung.“
„Und weshalb dann Ihr Misstrauen der Obrigkeit gegenüber?“
Sie hob ihrerseits die Brauen.
„Ich muss Ihnen doch nicht erzählen, wer im Ministerium vertrauenswürdig ist und wer nicht, oder, Mr. Malfoy?“
Lucius sah sie eine Weile nachdenklich an, dann nickte er. Ein Geschäft, hatte sie gesagt. Das war es also. Hatte er denn eine Wahl?
„Dann möchten Sie, dass ich Ihnen Namen nenne?“, fragte er und schenkte ihr einen kühlen Blick.
Minerva schüttelte den Kopf. Sie hatte ihn verstanden.
„Nein“, sagte sie, „das ist nicht Teil unseres Geschäftes.“
Lucius sah sie still an.
„Dann erwarten Sie also, dass ich eine Gegenleistung fordere, wenn ich Ihrem Wusch nachkomme“, sagte er eisig.
„Ja, das hatte ich angenommen“, nickte Minerva. Ihr Blick wurde herausfordernd.
Lucius wandte sich ab und ging langsam durch den Raum. Er könnte sich jetzt freikaufen! Und er wusste, dass Minerva McGonagall zu ihrem Wort stehen würde. Auch wenn er es ungern zugab, sie hatte es immer getan, solange er sie kannte, und sie würde es auch jetzt.
„Nun“, sagte er leise und dennoch sehr deutlich, „ich werde Sie enttäuschen müssen.“ Er blieb stehen und wartete.
Minerva hob überrascht den Kopf und starrte Lucius Malfoy nach.
„Dann werden sie meinem Wunsch nach Protektion also nicht nachkommen?“, fragte sie atemlos. Sie war zutiefst enttäuscht und machte sich gar nicht erst die Mühe, es zu verbergen.
Jetzt war es an ihm, sie warten zu lassen. Beinahe spürte er ihren Blick in seinem Rücken. Und es waren die eigenen Gedanken und Gefühle, die so unvermittelt und stark auf ihn einstürmten, nachdem Minerva ihm gesagt hatte, dass Severus lebte, die Lucius Malfoy so bewegten, dass er sich nicht getraute, sich umzuwenden und seiner ehemaligen Lehrerin ins Gesicht zu sehen, ohne sich dabei zu verraten.
Es waren Trauer, Überraschung, Freude und Schuld, beinahe alles, was ihm die eigene Schwäche deutlich vor Augen führte und ihn den Verstand rauben wollte. Doch er wäre nicht der, der er immer gewesen ist, wenn er sich jetzt anders entschieden hätte.
Nachdem er seinen Atem wieder unter Kontrolle hatte, sein Herz ruhiger schlug, wandte er sich zu Minerva um. Er sah sie an. Und der Ausdruck seiner Augen und seine Miene waren völlig frei von Arroganz, als er sagte: „Ich weiß, dass Sie mich nicht gerade für einen ehrenwerten Menschen halten, aber bin ich nicht der Mann, der je etwas dafür fordern würde, einem Freund Schutz zu gewähren.“
Minerva atmete erleichtert auf. Sie schenkte Lucius Malfoy einen dankbaren Blick, den er mit einem leisen Nicken erwiderte.
„Mein Haus steht Ihnen jederzeit offen, sofern ich in meiner Situation die Wahl habe, frei darüber entscheiden zu dürfen“, setzte er noch hinzu.
„Jeder hat eine Wahl, Mr. Malfoy. Ich wäre sonst nicht zu Ihnen gekommen.“
Er lächelte leise.
„Und wieviel Überwindung hat es Sie gekostet, zu mir zu kommen?“
Minerva gab das Lächeln offen zurück.
„Das können Sie sich nicht einmal ansatzweise vorstellen.“
„Sie sind ehrlich“, sagte er, „es ist lange her, dass mir jemand so offen entgegengetreten ist.“
Minerva sah ihm in die Augen.
„Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein“, sie hielt kurz inne, „und ich hoffe für Sie, dass Sie es zu schätzen wissen.“
Lucius schwieg, doch er Blick, den er ihr zuwarf war beredt genug.
Sie schwiegen lange und genossen die Ruhe, die sich jetzt in ihnen ausbreitete. Zu frisch die Gefühle, die neu in ihnen aufkeimten, als dass sie es passend gefunden hätten, sich mit einem Wort aus ihnen zu reißen.
„Ich muss jetzt gehen“, sagte Minerva schließlich. Sie ging zum Tisch und stellte ihr Glas darauf ab.
„Ich werde Sie hinausbegleiten“, sagte er, ging zur Tür und öffnete sie.
Als sie am Eingang stehenblieben, reichte ihr Lucius die Hand zum Abschied.
Minerva nahm sie und drückte sie herzlich.
„Ich danke Ihnen“, sagte sie offen. „Und ich hoffe, dass ich Ihnen keine allzu zu schweren Gedanken beschert habe.“
Ein Lächeln schlich sich auf seine Züge.
„Wie kommen Sie denn darauf?“, fragte er und die frühere Unverschämtheit kehrte für einen Augenblick zurück. Doch dann wurde er ernst.
„Danke“, sagte er, ein winziges Beben in der Stimme, von dem er hoffte, dass Minerva McGonagall es nicht bemerken würde. „Und ich hoffe, dass sich auch Severus richtig entscheiden wird.“
Minerva nickte ihm still zu und wandte sich zum Gehen. „Das hoffe ich auch.“
Und während sie den Weg zum Tor ging, um von dort zurück nach Hogwarts zu apparieren, sah sie noch einmal Lucius’ Gesicht vor sich. Es war für einen kostbaren Augenblick lang ganz ohne Hochmut, ohne Arroganz und ohne Falsch gewesen. Sie sah so offen seine Gefühle und wusste, sie hatte sich nicht in ihm getäuscht. Auch für Lucius Malfoy zählten Freundschaft, Liebe und Vertrauen.
Es hatte sie nicht besonders viel Mühe gekostet, ihn zu überreden, sie zum Meer zu begleiten. Er tat es nicht ganz ohne Eigennutz, verhalf ihm doch die Bewegung zu neuer Kraft und reduzierte seine Grübeleien auf ein Minimum.
Severus dachte an ihr Gespräch von gestern Abend zurück. Es gab nicht viel, worüber sie sich unterhalten wollten, ohne die Geschehnisse der letzten Wochen und Monate wieder aufleben zu lassen. Diesen schwierigen Schritt mochte jetzt keiner mehr zuerst tun, und von daher war ihre Konversation eher unbedeutend, beinahe ängstlich und unendlich vorsichtig. Nur ganz langsam näherten sie sich einander an, obwohl sie jetzt wussten, dass sie einander vertrauen konnten. So klein und behutsam diese Schritte des Entgegenkommens auch waren, so bedeutungsvoll waren sie.
Er hätte es nie geglaubt, aber es war so wunderbar unkompliziert, sich mit ihr zu unterhalten, Meinungen auszutauschen und über strittige Punkte zu diskutieren. Sie war klug und aufgeschlossen, ein wenig rechthaberisch vielleicht, doch kein kindisches Gehabe, das ihn an ihr störte. Einfach und gerade heraus war sie. Sie ließ sich nichts gefallen und ab und an schien es ihm, als blitzte die Hermine Granger hervor, die ihm so manches Mal den letzten Nerv mit ihrer so ungemein großen Wissbegierde geraubt hatte. Dennoch war sie jemand, der ihn forderte und mit dem es sogar Spaß machte, zu streiten, umso mehr, da sie sich dabei nicht mehr gegenseitig verletzten. Er gab es vor sich selbst nur ungern zu, aber wenn er mit ihr zusammen war, verflogen die dunklen Wolken auf seiner Seele und machten einem Gefühl der Befreiung platz, das ihn die Zukunft nicht mehr ganz so undurchdringlich erscheinen ließ.
Ihr Umgang miteinander war so vollkommen neu und ohne es zu merken, begannen beide, ihr erzwungenes Beisammensein zu genießen und ihm eine Art Normalität abzugewinnen, die sie ungemein beruhigte und den Blick für Neues freigab.
Es war ihnen nicht bewusst, aber sie zögerten jedes Mal das Auseinandergehen so weit es nur ging hinaus. Einerseits, um der Einsamkeit zu entkommen und andererseits, um vor den Träumen zu fliehen, die sie noch immer heimsuchten.
Ein flüchtiger Blick zu ihr und bei dem Gedanken an ihren allabendlichen Disput, umspielte ein leises Lächeln seine Mundwinkel. Er hatte sie herausgefordert und sie hatte es doch tatsächlich fertiggebracht, seinen Ehrgeiz anzustacheln und seine Kraft in Frage zu stellen. Das war natürlich etwas, das auch er sich nicht bieten lassen konnte. Und was ihn am Meisten verwundert hatte war, es hatte ihm sogar Spaß gemacht, sich geschlagen zu geben.
Jetzt gingen sie schweigend nebeneinander her. Ihre Schritte waren gemessen, sie hatten keine Eile. Der Wind wehte warm und hatte endlich die Wolken auseinander getrieben, um der Sonne auch einmal für längere Zeit den Himmel zu überlassen.
Hermine schielte immer wieder unter gesenkten Lidern verstohlen zu Severus hinüber. Sie wusste genau, dass es ihn ungemein anstrengte, den weiten Weg zur Küste zu gehen. Doch auch beim ersten Mal hatte er nicht einen Ton gesagt, dass ihm dieser Weg vielleicht zu beschwerlich sei oder dass er lieber wieder umgekehrt wäre.
Es war gut so wie es jetzt war, und doch hätte sie nichts dabei gefunden, wenn er sich eine Pause ausbedungen hätte. Hermine lächelte. Nein, Severus Snape bat nicht um Ruhe...
„Was lachen Sie?“, hörte sie seine leise Frage und fühlte seinen Blick.
Hermine blieb stehen und verschaffte ihm eine kleine Pause. Er würde es vor ihr niemals zugeben, aber diese winzige Rast war ihm höchst willkommen.
Hermine hatte aufgesehen, das Lächeln war aus ihrem Gesicht verschwunden.
„Ehrlich?“, fragte sie und sah ihm in die Augen.
Severus nickte leicht.
„Dass Sie so fürchterlich stark sein wollen.“ Sie wartete gar nicht erst ab, was er hätte darauf antworten können, sondern ging einfach weiter.
Er stand da und sah ihr nach. Immer wieder stellte er verwundert fest, dass es ihr mühelos gelang, in seinen Gedanken zu lesen, seine Reaktionen vorherzusehen und dann die Unverfrorenheit zu besitzen, ihm das auch noch zu sagen. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Wenn er wirklich ehrlich war, störte es ihn nicht.
Er wiegte den Kopf und ging langsam weiter. Es gab noch etwas, das ihm keine Ruhe ließ. Er konnte es drehen und wenden wie er wollte, konnte sich dagegen sperren oder es offen von sich weisen, aber zum ersten Mal empfand er die Gesellschaft eines Menschen nicht als störend oder gar peinlich. Und da war auf einmal etwas, das sich still und heimlich in sein Herz drängte. Es nahm ihn ganz ein und schenkte ihm ein Gefühl, von dem er lange angenommen hatte, es zu empfinden nicht mehr in der Lage zu sein. Es schob sich so mächtig hervor und nahm ihn ganz in Besitz, es beschleunigte seinen Atem und ließ sein Herz heftiger schlagen. Und jedes Mal, wenn er dessen gewahr wurde, wies er es empört von sich. Er empfand es als äußerst unpassend, ihm nachzugeben, als irrwitzig, ja beinahe als Verrat an dem Menschen, der ihn fast sein ganzes Leben lang begleitet hatte, der seinen Geist und sein Herz ganz ausgefüllt, und der ihm doch niemals gehört hatte.
Severus entfuhr ein leises, beinahe verzweifeltes Stöhnen und er war froh, dass Hermine jetzt nicht mehr an seiner Seite ging. Es wäre ihm kaum gelungen, diese Regung vor ihr zu verbergen. Und auch jetzt war es ihm nicht sofort möglich, vor sich selbst diesen unendlichen Schmerz wieder tief in sich zu vergraben.
Er blieb stehen und atmete tief durch. Ganz langsam nur beruhigte sich sein aufgewühlter Geist. ‚Fürchterlich stark’, hörte er wieder Hermines Worte und egal, wie sie gemeint waren, sie hatten ihn getroffen, sie beschrieben ihn genau. Er war immer stark gewesen und wollte es auch jetzt sein. Alles andere erschien ihm schwach und kläglich, bei sich und bei anderen. Und doch erwischte er sich manches Mal, wie er darüber nachdachte, wie es wohl sein würde, wenn er diesem Gefühl nachgeben, wenn er sich ihm einfach hingeben würde, hingeben, ohne sich aufzugeben.
Konnte er dies überhaupt noch? Er zweifelte, wieder einmal. Es war die Angst, die ihn auffraß, dass alles, was er hätte herschenken können, für immer verloren war, wenn er es wirklich tat, dass es niemanden geben könnte, der es uneingeschränkt und ehrlich mit ihm teilen wollte, der es schätzte.
Severus ging weiter. Obwohl er es nicht wollte, wusste er genau, dass er sich diesen Gedanken stellen musste, dass er sie zu Ende denken musste, um einen Weg zu finden, mit ihnen umgehen zu können. Ewiges Verdrängen würde keine Lösung sein, das hatte er längst erkannt. Und doch erschien es ihm unendlich schwer, denn es hieße, sich zu öffnen und viel zu viel von dem preiszugeben, was er immer tief in sich vergraben hatte.
War er denn noch fähig dazu?
Eine leise Stimme sagte ihm, dass es jemanden gab, der ihm dabei helfen konnte, wenn er es nur wirklich wollte. Er zog die Brauen zusammen und schüttelte den Kopf. Er wusste gar nichts mehr. Es war so viel, was die letzten Wochen auf ihn eingestürzt war, das er beständig von sich wegschob und das ihn trotzdem immer wieder einholte.
Er sah zu Hermine, die sich auf den riesigen Findling am Ende der Klippe niedergelassen hatte. Sie hatte den Kopf gehoben und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen, sie hielt die Augen geschlossen, der Wind zauste ihr Haar.
Severus nahm dieses Bild tief in sich auf, für einen Moment vermittelte es ihm so viel Ruhe, so viel Frieden und Ausgeglichenheit, wie er sie noch nie vorher empfunden hatte.
Die wenigen Meter zu ihr ging er äußerst langsam, beinahe vorsichtig. Still setzte er sich neben sie und sah aufs Meer hinaus. Alles war so verwirrend, so neu. Auf der einen Seite sehnte er sich nach einer Hand, die ihn wieder ins Leben zog, auf der anderen Seite stieß er sie immer wieder fort, unsicher und misstrauisch...
Hermine senkte den Kopf und sah ihn still an. Sie getraute sich jetzt nicht, das Wort an ihn zu richten, nur um ihre eigene Unsicherheit nicht preiszugeben. Sie hatte es immer wieder versucht, aber die Gedanken, die sich in letzter Zeit in ihr Gedächtnis schoben, ließen sich nicht mehr so leicht verdrängen wie zu Anfangs, als ihr Alltag hier ausgefüllt war mit Arbeit und der Sorge um den Kranken.
Sie gab es ungern zu, aber sie empfand tatsächlich so etwas wie Sympathie für Severus, sie liebte ihre Gespräche am Abend und freute sich jedes Mal wie ein Kind auf den nächsten Morgen. Sie genoss einfach das stille Beisammensein, die Vertrautheit, obwohl sie eigentlich erst jetzt begannen, sich kennenzulernen.
Hermine wandte den Kopf und sah zu Boden. Sie überlegte, wann sie je mit Ron so vertraut gewesen war. Seit sie hier war, war es überhaupt das erste Mal, dass sich ihre Gedanken so explizit um den Freund drehten. Wenn sie darüber nachdachte und ehrlich war, gab es eigentlich nichts, was sie mit Ron gemein hatte, aber vielleicht war es gerade das, was sie immer zueinander hatte finden lassen. Dennoch war ihr Verhältnis zu Ron anders, vielleicht zu sehr geprägt von gemeinsamen Kindheitserlebnissen, die fantastischer nicht hätten sein können. Sie hatten sie fest zusammengeschweißt und doch war da nichts anderes als kindliche Zuneigung, und jetzt, da sie älter war, Freundschaft.
Unruhe schlich sich in ihr Herz, als ihr bewusst wurde, dass sie sich von ihm entfernt hatte. Jetzt schien alles so lange her, die Erinnerung an diese wunderbare Zeit beinahe verblasst. Sie galt mit einem Male nichts mehr vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse und Hermine war sich nicht einmal mehr sicher, ob sie jetzt noch für die alten Erinnerungen kämpfen wollte...
~
Es wurde schon dunkel. Die Sonne sandte ihre letzten Strahlen über die Berge und schenkte dem See im Tal ein goldenes Funkeln. Doch heute nahm Minerva die Schönheit der Natur nicht wahr. Sie stand am Fenster in ihrem Büro und dachte nach. Die Erkenntnisse und Erfahrungen der letzten Tage begannen erst jetzt, tief in ihr Bewusstsein zu dringen. Sie wusste nicht genau warum, aber sie fühlte sich unsicher.
Dabei hätte sie allen Grund dazu, sich zu freuen und endlich ein wenig zur Ruhe zu kommen. Es war alles vorbereitet, alles geregelt.
Severus würde eine Zuflucht finden, die sicher war und er würde einem Freund wiedergegeben. Sie dachte an ihr Gespräch mit Lucius Malfoy zurück.
Sie hätte auch nie gedacht, dass es außer ihr noch Menschen gab, die sich ehrlich darüber freuten, dass Severus am Leben war und sie hoffte, dass ihn das aus seiner Elegie reißen und ihm Mut zum Leben machen würde.
Minerva nickte ihrem durchsichtigen Spiegelbild zu, das ihr ernst entgegensah und ein klein wenig Zuversicht schlich sich in ihr Herz.
Gerade eben hatte Molly ihr mitgeteilt, dass sich Ron und Harry, nachdem sie erfahren hatten, dass Severus noch am Leben war, beschlossen hatten, ihr Schweigen zu brechen und vor dem Zaubergamot auszusagen bereit waren.
Minerva wusste nur zu gut, welcher Art das Verhältnis von Harry und Ron zu Severus immer gewesen war und sie konnte sich denken, wie schwierig es für die beiden gewesen sein musste, diese Entscheidung zu treffen. Sie rechnete es ihnen hoch an und dankte im Stillen Molly für ihre ungemein herzlich-überzeugende Art, die die beiden Jungen mitgerissen hatte.
Minerva wandte sich ab und ging im Raum umher, die Unsicherheit kam wieder und Minerva wusste, was sie so unruhig sein ließ. Es war die Ungewissheit darüber, wie sich Severus entscheiden würde. Denn wenn sie es recht bedachte, war auch sie, genau wie er, ein Mensch, der seine Angelegenheiten lieber selber regelte. Wenn es jemanden gäbe, sie ihr abzunehmen, würde sie ihn ungehalten zurückweisen.
Minerva seufzte leise auf. Sie kannte Severus hinreichend genug, dass sie ihm durchaus zutraute, aus Trotz und Ärger alle Vernunft in den Wind zu schlagen und sich gegen die Sicherheit zu entscheiden. Eine Sicherheit, die sie ihm zu bieten auf McGonagall Hall nicht mehr in der Lage war, sobald sein Aufenthaltsort bekanntgegeben würde.
Minerva schüttelte entschieden den Kopf und wischte diese Gedanken aus ihrem Geist. Severus musste sich einfach richtig entscheiden! Es sprach alles dafür... Und in diesem Moment dachte Minerva an Hermine. Sie erinnerte sich sehr deutlich an ihr Gespräch im Garten und an den Schmerz, den sie empfunden hatte, als Hermine ihr erzählte, welche Qual ihr im Hause Malfoy zugefügt worden war. Minerva atmete tief durch. Sie beruhigte sich mit dem Gedanken daran, dass Severus soweit wieder hergestellt war, sodass er Hermines Pflege nicht mehr bedurfte. Sie würde nicht mitgehen müssen in das verhasste Haus.
Sie dachte mit Wohlwollen an die junge Frau, die sich so selbstlos für diese schwere Aufgabe entschieden hatte. Minerva dankte ihr im Stillen und freute sich darauf, ihr mitteilen zu können, dass sie nach Hause würde zurückkehren können, um wieder in ihr eigenes Leben einzutauchen, das sie mit Sicherheit schon vermisste. Dass aber Hermine dabei war, sich anders zu entscheiden, konnte Minerva nicht einmal erahnen...