Es war ein wunderschöner Tag, der zu Ende ging. Der Wind hatte am Morgen die dunklen Wolken auseinandergetrieben, die Sonne schien. Es wurde hell und warm und selbst jetzt, am Abend, wehte eine milde Brise, die den Duft des Meeres mit sich trug und den der feuchten dunklen Erde. Am Horizont kündete ein rotgoldener Schein noch vom Abschied der Sonne und ein heller Halbmond schob sich immer wieder zwischen den Wolken hervor.
Hermine stand auf der Terrasse und sah versonnen in die heraufziehende Nacht. Sie schloss die Augen und atmete die wunderbare Abendluft. Sie fühlte sich befreit Eine Last war ihr von der Seele genommen, genau in dem Moment, als sie Severus Snape zu verstehen gegeben hatte, dass sie um seine Erinnerungen wusste und er es still zur Kenntnis genommen hatte. Es war dieses Wissen um das innerste Sehnen, um eine zutiefst verzweifelte Liebe und um die Qual, die er sich selbst auferlegt hatte, nur um nie zu vergessen, was er getan hatte, die Hermine verlegen machte, die sie unsicher werden ließ, jedes Mal, wenn sie ihm gegenübertrat.
Hermine konnte nicht wissen, wie es wirklich in ihm aussah, aber sie vermochte sich durchaus vorzustellen, dass es ihm in höchstem Maße unangenehm war, sie an diesen geheimsten Erinnerungen, die er beinahe sein ganzes Leben tief in sich vergraben hatte, teilhaben zu lassen. Auch wenn sie es gerne getan hätte, sie wagte es nicht, ihn daraufhin anzusprechen. Und doch gingen ihr seine Erlebnisse nicht mehr aus dem Kopf, traten sie sie immer wieder überdeutlich vor ihre Augen.
Ein Gefühl, das Hermine noch nicht einordnen konnte, schlich sich unbemerkt in ihr Herz. Da waren so viele Fragen und ganz besonders eine, die sich immer mehr in den Vordergrund drängte: Wie musste er sich gefühlt haben in dem Wissen, so gehasst zu werden und doch so unerschütterlich auf der Seite derer zu stehen, die ihn viel lieber in Askaban oder gar tot gesehen hätten.
Wenn Hermine ehrlich war, nahm sie sich davon gar nicht aus. Noch vor wenigen Monaten hätte sie nicht einen einzigen winzigen Gedanken an ihn verschwendet, war ihr egal, wie er hätte fühlen können, wie er hätte leiden können, kein Interesse daran, herauszufinden, auf welcher Seite er wirklich stand. Sie hatte ihm misstraut wie jeder andere ihrer Freunde auch, wie die meisten in der Zaubererwelt. Sie hatte ihn genauso verurteilt, ohne zu wissen.
Hermine sah in den Nachthimmel und seufzte leise. Sie musste sich nichts vorwerfen, aber sie wusste, sie hatte sich damit ebenso schuldig gemacht, sie hatte die Augen verschlossen und nicht sehen wollen. Und sie hatte mit der Zusage, Minerva hierher zu folgen, beschlossen, diese Schuld abzutragen.
Hermine schlang die Arme um den Körper. Die heraufziehende Abendkühle ließ sie frösteln und doch konnte sie nicht genug bekommen von dem Klang der Stille und dem Duft und dem Wind, der durch die weit geöffnete Tür fegte und das Feuer im Kamin hell aufflackern ließ.
„Sie werden sich erkälten.“ Es war sehr leise gesprochen und dennoch konnte Hermine jedes einzelne Wort ganz deutlich hören.
„So viel Fürsorglichkeit?“, fragte sie spöttisch, ohne sich umzuwenden.
„Ich denke dabei nicht an Sie“, kam die bissige Erwiderung.
Ein leises gelöstes Lachen als Antwort.
Severus las schon längst nicht mehr in seinem Buch. Die Hand, die es hielt, war in seinen Schoß gesunken und hatte es losgelassen. Er hatte sich leicht zur Seite gedreht, ein Bein angezogen und den linken Arm auf die Sofalehne gelegt. Er stützte das Kinn auf den Arm und sah schon seit einiger Zeit hinaus in die Dunkelheit, in der er Hermine nur noch vage erkennen konnte.
Er dachte nach und rief sich die letzten Tage ins Gedächtnis zurück.
Seine heimlichen Gehversuche hatte er bis vor wenigen Tagen immer wieder kläglich aufgeben müssen. Mehr als auf beiden Beinen stehen und vielleicht zwei drei Schritte zu gehen, war ihm nicht gelungen. Jedes Mal war er wieder schweißgebadet auf seinem Bett niedergesunken und völlig entkräftet eingeschlafen. Er hasste diese Schwäche. Aber wenigstens ein Gutes hatte diese Anstrengung mit sich gebracht: Er träumte nicht.
Doch jetzt waren seine Schritte fester geworden und sein Bewegungsradius weiter. Auch wenn die Verletzungen noch mit jeder unvorhergesehenen Bewegung schmerzten, konnte er mittlerweile ohne Mühe den ganzen Raum durchqueren... Und mit einem Mal schob sich leise die Erinnerung an das, was er vor wenigen Tagen dabei gesehen hatte, in seinen Geist: Er hatte nachdenklich am Fenster gestanden, als er Hermine und Minerva durch den Garten spazieren sah. Aufmerksam hatten seine Blicke sie begleitet. Seine angeborene Neugier war erwacht.
Was mochte es wohl gewesen sein, was sie miteinander beredet hatten? Immer noch lebte er wie abgeschottet von der Welt, hatte keine Ahnung von dem, was draußen vor sich ging. Ohne sich dessen bewusst zu werden, fragte er sich im Stillen, was Hermine Granger so bewegte, dass Minerva McGonagall sie tröstend in den Arm genommen hatte.
Hermine Grangers Gedanken...
Obwohl sie beinahe alle Zeit am Tag miteinander verbrachten, gab es so viel Ungesagtes, so viel Unsicherheit zwischen ihnen. Solange Severus ans Bett gefesselt und auf Pflege angewiesen war, war es kein Problem, diese Unsicherheit Hermine gegenüber zu überspielen. Da gab es nur sein Wohlergehen, um das sich uneingeschränkt jeder Gedanke und jedes Handeln drehte.
Aber jetzt, da er an Kraft gewann, wurde der Umgang miteinander zunehmend kompliziert. Persönliches vermieden sie peinlichst, selbst über Minerva und ihren Plan, ihn in die Welt zurückzuholen, verloren sie nicht einmal andeutungsweise ein Wort. Ihre Unterhaltungen beschränkten sich lediglich auf den Meinungsaustausch zu diversen Tränken und wie sie in ihrer Anwendung wirkten, vielleicht noch auf die Literatur.
Es war nicht so, dass er diese Gespräche nicht mochte. Es war so viel mehr als bisher, es riss ihn auf höchst willkommene Weise aus seinen Grübeleien. Severus gab es ungern zu, aber er stellte zufrieden fest, dass ihn die Gespräche mit ihr nicht im Geringsten langweilten oder Hermine ihm nicht, wie so oft in ihrer Schulzeit, ob ihrer Übereifrigkeit mächtig auf die Nerven ging. Niemals hätte er es ihr gesagt, aber er fühlte sich in ihrer Gesellschaft wohl, ja er begann sogar, sie zu genießen.
Aber noch war etwas da, was sie beide umtrieb und das endlich gesagt werden musste, um für die Zukunft normal miteinander umgehen zu können... Und jetzt sprang auch wieder Angst in ihm auf. Die Angst vor der Ungewissheit seines wieder gewonnenen Lebens und der Leere, die er empfand, wenn er an seine Zukunft dachte. Einmal mehr fragte er sich, wofür er denn leben sollte? Seine Aufgabe war erfüllt... Eine böse Stimme in seinem Kopf fragte ihn immer wieder, warum er sich denn an das Leben klammerte, das seinen Sinn verloren hatte, es kein Ziel mehr gab, das es zu erreichen galt?
Er schloss für den Moment die Augen. Er wusste, die Erinnerungen würden erneut nach ihm greifen. Hatte er sie anfangs im Fieber nur bruchstückhaft wahrgenommen, so schoben sie sich jetzt unerbittlich und überdeutlich in seinen Geist zurück, jedes Mal, wenn er zur Ruhe kam. Es waren nicht in erster Linie die Erinnerungen an die Schmerzen, die ihm körperlich bereitet worden waren. Es waren die anderen, diejenigen, welche seine Seele schreien ließen und die, welche er benutzte, um sie stumm zu machen.
Hatte er sie früher als Trost empfunden, sich in ihre Stille zurückgezogen und sich darin geborgen gefühlt, so fürchtete er jetzt die Nacht und mit ihr die Erinnerungen, die ihm bisher stets die Kraft gegeben hatten, weiterzumachen, und ihm, wenn er zweifelte, den Weg gewiesen haben, ihn weiterkämpfen zu lassen und keine Angst zu haben. Er war sich immer sicher gewesen, aus diesem Kampf nicht lebendig hervorzugehen. Er hatte lange vorher schon mit seinem Leben abgeschlossen und er sehnte sich jetzt beinahe nach der erlösenden Ruhe...
Severus schüttelte diese Gedanken entschieden ab. Er stützte die Stirn in die Hand und schloss die Augen. Was wollte er denn? Unendliches Misstrauen und übergroße Vorsicht, die sein bisheriges Dasein bestimmt hatten, ließen ihn auch jetzt nicht frei und bedenkenlos hinnehmen, dass es Menschen gab, die sich seiner ohne Hintergedanken angenommen hatten, die sich Anfeindungen und Gefahren aussetzen würden, wenn sie ihn schützten, ihm ein Lager gaben und alles daran setzten, ihm ein Leben zurückzugeben.
Severus sah auf und erhob sich vorsichtig. Er ging langsam durch den Raum und nahm vom Esstisch den Kristalldekanter mit rotem Wein und zwei hohe Gläser.
Als er wieder seinen alten Platz auf dem Sofa eingenommen hatte, beugte er sich vor und goss den Wein in die beiden Gläser. Er nahm sich eines davon und lehnte sich wieder zurück in die Polster.
Nur eine kleine Weile noch, dann war auch Hermine wieder ins Zimmer getreten. Fröstelnd kam sie zum Feuer und setzte sich in den Sessel am Kamin. Sie streckte Hände und Füße der Wärme entgegen.
„Der Wein wird Sie aufwärmen“, sagte Severus leise und als Hermine den Kopf wandte, wies er auf das Glas auf dem Tisch. Hermine nickte leicht, sie nahm es und lehnte sich zurück in den großen Sessel. Sie schlug die Beine unter, kuschelte sich wohlig zusammen und trank von dem funkelnden Wein.
Die Ruhe tat ihnen gut. Sie lauschten dem Knacken der Holzscheite im Feuer und sahen den Funken nach, die ab und an aus der Glut stoben und leise in der Luft verglühten.
Severus beobachtete Hermine aus den Augenwinkeln. Sie wirkte trotz aller Ungezwungenheit angespannt. Sie wickelte sich immer wieder eine Haarsträhne um den Finger und sah versonnen ins Feuer. Doch dann wandte sie den Kopf und sah ihn an.
„Warum haben Sie sie nicht zurückgewiesen?“, fragte sie vollkommen unvermittelt.
Severus senkte den Blick, doch es war ihm nicht gelungen, seine Überraschung schnell genug vor ihr zu verbergen.
„Ich weiß nicht, was Sie meinen“, sagte er abweisend und nahm einen Schluck von seinem Wein.
Hermine ging nicht darauf ein.
„Voldemort“, sagte sie nur, „und Dumbledore.“
Severus entgegnete nichts.
„Warum haben Sie es zugelassen, so benutzt zu werden?“ Hermine ließ nicht locker.
Keine Antwort, lange nicht. Sie schwiegen sich an.
„Was hätten Sie getan, wenn Sie zwischen einem sinnlosen und einem sinnvollen Tod hätten wählen können?“, fragte er endlich.
Hermine starrte in ihr Glas.
„Egal wie, der Tod ist nie richtig, wenn er erzwungen ist“, flüsterte sie.
Severus sah sie still an.
„Und es hätte nichts gegeben als den Tod?“, fragte Hermine und sah auf.
Er schüttelte nachdenklich den Kopf.
„Was wissen Sie schon.“
„Sicher nichts...“ Hermine lächelte traurig, „nur eines, dass Dumbledore Sie dafür...“, sie zögerte kurz, „...für seine Zwecke ausgenutzt hat.“ Sie sah ihn herausfordernd an.
„Sehr aufmerksam, Miss Granger“, sagte er sarkastisch.
Hermine schenkte ihm ein nachsichtiges Lächeln, das Severus, als er es bemerkte, die Brauen zusammenziehen ließ, so sehr, dass sich eine tiefe Falte über seiner Nasenwurzel eingrub. Leiser Zorn stieg in ihm auf und verlangte empört, dass er sie hinauswies. Was ging diese Person sein Leben an und warum stellte sie die Entscheidungen in Frage, die er vor langer Zeit getroffen hatte? Doch wie sehr Hermine verstanden hatte, wie sehr sie seine Erinnerungen richtig deutete, sagten ihm ihre nächsten Worte: „Einen Fehler wieder gutmachen zu wollen, ist eine Sache, sich auf ewig zu bestrafen, eine andere.“
Severus schwieg. Er wollte nicht darüber reden.
„Das war es nicht wert“, hörte er Hermine leise sagen.
Er sah ihr wutentbrannt in die Augen.
„Was erlauben Sie sich“, sagte er hart und abweisend, „Sie haben ja keine Ahnung.“
Hermine bemerkte sehr deutlich die Barriere, die sich in diesem Moment zwischen sie schob. Sie wusste genau, die hatte einen Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr dringen durfte. Sie kam bis hierher und keinen Schritt weiter und sie respektierte es. Und dennoch konnte sie nicht anders: „Aber ich kann sehen...“, flüsterte sie noch.
In diesem Moment hasste sich Severus dafür, dass er ihnen seine Erinnerungen gegeben hatte. Es war ihm nahezu unerträglich, zu wissen, dass er Fremden gestattet hatte, in sein Innerstes zu schauen, die wahren Gründe für sein Handeln zu erkennen. Und doch gab es etwas, das sich still und heimlich in sein Herz schlich und ihm sagte, dass es richtig gewesen war. Es besänftigte ihn und nahm ihm den aufkeimenden Zorn.
Für Minuten herrschte reserviertes Schweigen zwischen ihnen. Keiner wagte den anderen anzusehen.
„Warum sind Sie zurückgekommen?“, fragte er leise und hob sein Glas ins Licht. Der Schein des Feuers ließ den Wein rubinrot funkeln.
Hermine schwieg eine Weile.
„Was möchten Sie hören?“, fragte sie.
Severus ließ den Arm sinken, er lehnte sich zurück und sah sie an.
„Was denken Sie, würde ich hören wollen?“ Seine Stimme verbarg nur vage die Neugier, die darin schwang.
Hermine lächelte sacht.
„Die Wahrheit?“
Er legte den Kopf in den Nacken.
„Ja“, sagte er versonnen und starrte an die Decke, „wie wäre es mit der Wahrheit.“
Hermine neigte den Kopf zur Seite und sah ihn aufmerksam an.
„Sagen Sie ehrlich, Miss Granger, war es Mitleid oder Schuld?“, fragte er urplötzlich und sah ihr wieder in die Augen.
Sein Blick war durchdringend wie immer, doch jetzt gelang es ihm nicht mehr, sie damit zu beeindrucken.
„Weder noch“, sagte sie und erwiderte diesen Blick ganz ruhig.
Er zog die Brauen hoch. Eine Geste, die ihr so vertraut vorkam, die sie wohl schon hundertmal in seinem Unterricht wahrgenommen hatte und die er immer dann zeigte, wenn er die Antwort eines Schülers nicht zufriedenstellend fand und daraufhin einen meist bissigen Kommentar folgen ließ.
„Wie wäre es mit Verständnis und Gerechtigkeit?“, setzte sie leise hinzu.
Einen Moment sah er sie schweigend an. Sein Blick war undurchschaubar. Nichts verriet, was er hätte denken können.
Dann schürzte er die Lippen und nahm einen Schluck aus seinem Glas.
„Ja, viel besser“, sagte er knapp und so sehr er es auch wollte, er konnte nicht verhindern, dass diese drei Worte unglaublich ironisch klangen.
Hermine zog die Brauen zusammen und presste verärgert die Lippen aufeinander. Er war und blieb eben Snape, egal wie schwer er verletzt war, egal wie ungerecht er behandelt worden war.
„Was hätten Sie denn hören wollen?“, sagte sie katzig. Sie ließ ihm keine Zeit, eine Antwort zu formulieren. Sie stellte ihr halbgeleertes Glas sanft auf den Tisch zurück und erhob sich. „Ich wünsche Ihnen eine Gute Nacht“, sagte sie leise und ließ ihn allein.
Severus starrte in das Glas in seiner Hand und lauschte ihren Schritten nach. Für einen Moment verwünschte er sich für seine rigide Art und seine Unfähigkeit, Gefühle in Worte zu fassen. Er schüttelte den Kopf und leere sein Glas in einem Zug. Er beugte sich leise ächzend vor und stellte es zu dem von Hermine, dann erhob er sich schwerfällig und ging zu seinem Lager.
Schon die wenigen Schritte durch den Raum erschöpften ihn heute. Kraftlos sank er auf das Bett. Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte in das Halbdunkel.
Eigentlich tat es ihm leid, dass er so abweisend war. Sie hatte es nicht verdient. Aber er war nicht fähig, die Gefühle einzuordnen, die ihm entgegengebracht wurden. Viel zu lange her, dass ihm so etwas zuteil wurde. Seit Jahren hatte sich niemand dafür interessiert, was er gefühlt hatte, wollte niemand wissen, ob er Angst hätte oder Zweifel, hatte ihn niemand gefragt, warum er das alles tat.
Er hatte sich ihnen geschenkt, er hatte sich vollkommen aufgegeben… Und ja, dachte er noch, Hermine Granger hatte Recht, sie hatten ihn dafür ausgenutzt.
Severus schloss seufzend die Augen. Er war müde und erschöpft. Er wollte nicht mehr darüber nachdenken. Er wollte ausruhen, und doch wusste er, wenn die Müdigkeit endlich kommen und ihn mit sich nehmen würde, würden auch sie wiederkommen, die Träume und mit ihnen die Erinnerungen, die er so fürchtete.
Trotzdem es am Morgen noch nicht so ausgesehen hatte, wurde der Tag doch noch schön. Der Wind hatte es geschafft, die Wolken auseinander zu treiben und den Sonnenstrahlen den Weg auf die Erde freigemacht. Doch so schön der Tag geworden war, Minerva hatte keinen Blick für ihn. Den ganzen Tag schon verbrachte sie in gespannter Erwartung, denn etwas anderes ging ihr schon seit heute Morgen nicht mehr aus dem Kopf und ließ sie kaum mehr einen klaren Gedanken fassen. Um sich abzulenken, hatte sie sich zuerst in der Bibliothek verkrochen, doch es war ihr nicht gelungen, den Grübeleien Herr zu werden. Dann wieder hatte sie einen langen Spaziergang durch den Wald und an den See gemacht, vergeblich... Kein Ablenken hatte geholfen, kein Spaziergang, kein Buch.
Schließlich war sie entnervt in ihr Büro gegangen und hoffte, dass sich mit dem Weg dorthin ihre Aufregung etwas legen würde. Doch nichts dergleichen, sie ging auch hier kribbelig auf und ab. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern... Doch die Stunden vergingen schleppend und es schien ganz so, als wäre die Zeit stehengeblieben. Immer wieder sah Minerva zur Uhr und jedes Mal hatte sie das Gefühl, als würden sich die Zeiger nicht um einen Millimeter weiterbewegen.
Resigniert setzte sie ihren eintönigen Weg in ihrem Büro fort, zur Wand, zum Schreibtisch, zum Fenster, zum Kamin und umgekehrt, immer und immer wieder.
Stirnrunzelnd schüttelte Minerva den Kopf, als sie sich dabei erwischte, wie ihr Blick, wohl sicher schon zum hundertsten Mal, am großen Zifferblatt der Uhr hängen blieb.
„So kann das nicht weitergehen“, mahnte sie sich streng, obwohl sie wusste, dass es aussichtslos war, sich die Ungeduld zu verbieten.
Leise seufzend ging sie zum Fenster und öffnete es. Sie zog die Flügel weit auseinander und ließ sich den frischen Wind ins Gesicht wehen und sah in die Weite. Wie liebte Minerva diesen Anblick, egal ob die Sonne schien, ob es regnete oder das Land unter einer tiefen Schneedecke verborgen war. Hier hatte sie mehr als ihr halbes Leben verbracht, hier hatte sie gelernt, gelehrt und gekämpft, hier waren ihre Wünsche in Erfüllung gegangen und hier hatte sie so manche Hoffnungen begraben müssen. Hier waren ihr Menschen begegnet, hier hatte sie sie kennen gelernt und hier hatte sie die verloren, die sie verehrte und liebte; sie hatte gelacht, geweint und getrauert.
Minerva stützte die Hände auf die Fensterbank und senkte den Kopf. Für einen Moment schloss sie die Augen und atmete tief den Duft der Wälder, des Wassers, des Windes.
Bei aller Freude über den Sieg des Lichtes über das Dunkel, gab es noch etwas, das zu Ende gebracht werden musste. Und das war es, das sie die letzten Tage unablässig beschäftigte und ihr die Kraft zu rauben drohte. Beinahe glaubte sie nicht, den richtigen Weg zu finden, machten sich Unsicherheit und Zweifel in ihr breit.
Wenn es nur endlich soweit wäre… Diese Ungewissheit war kaum mehr zu ertragen.
Viele Stunden schon hatte sie darüber nachgedacht. Es hatte sie in den vergangenen Nächten nicht in Ruhe gelassen, hatte sie sich unruhig herumwerfen lassen und immer wieder aufgetrieben. Dann war sie nachdenklich im Schloss umhergewandert und doch immer wieder zum gleichen Ergebnis gekommen. Es gab keinen anderen Weg. Und trotzdem sprang eine kleine Stimme in ihr auf und piesackte sie unablässig mit der Frage, ob dieser Weg, den sie jetzt zu gehen bereit war, auch wirklich der richtige sei.
Minerva wiegte den Kopf und richtete sich wieder auf. Sie schob die Bedenken entschieden von sich. Natürlich war es richtig! Sie wusste es und hoffte so sehr, dass die drei Menschen, die von ihrem Geheimnis wussten, auch in der Lage sein würden, zu helfen, um mit ihr gemeinsam die ganze Sache zu einem guten Ende zu führen. Es wurde Zeit…
Endlich ein Klopfen, höchst willkommen und lange ersehnt. Minerva wandte sich um und ging schnellen Schrittes durch den Raum. Sie öffnete die Tür und begrüßte die Ankömmlinge mit einem erleichterten Lächeln. Alle drei waren gekommen.
„Ich danke Euch, dass ihr gekommen seid“, sagte sie und schloss die Tür sehr leise hinter ihnen.
Dann reichte sie Molly und Arthur die Hände zur Begrüßung.
„Wie geht es euch?“, fragte sie sanft.
„Es geht uns gut, danke“, sagte Arthur mit einem zaghaften Blick auf Molly.
„Ja“, sagte diese unsicher lächelnd und zwinkerte eine Träne weg, „wir kommen zurecht.“
Minerva drückte warm ihre Hände und schenkte ihr einen gütigen Blick. Dann gab sie sie frei. Sie wandte sich nach Kingsley Shacklebolt um und nickte ihm zu. Sie sagte: „Ich habe euch hierher gebeten, weil ich mir nicht sicher bin, ob die Schutzmaßnahmen des Ministeriums ausreichend sind...“ Sie hielt inne und sah in die kleine Runde, aus der ihr Kingsley verständig zunickte. „...und ich kann nicht einmal versprechen, dass ich selbst, hier in Hogwarts, im Moment für genügend Schutz vor Verrat und Spionage sorgen kann.“
Minerva wies auf die Sitzgelegenheiten vor ihrem Schreibtisch: „Setzt euch doch bitte.“ Und die drei Besucher nahmen Platz.
Sie selbst trat hinter ihren Schreibtisch und ließ sich beinahe behutsam nieder. Dann beugte sie sich vor und stützte die Ellbogen auf. Sie legte die Hände aneinander und führte sie an das Kinn. Ein leises Schnaufen und ein beinahe unsicherer Blick auf Arthur und Molly folgten.
„Ich weiß, dass ich euch viel abverlange“, sagte Minerva leise, „ich kann es durchaus verstehen, wenn ihr es euch noch einmal überlegen wollt.“ Arthur und Molly sahen sich für einen Moment schweigend in die Augen, dann drückte Arthur sachte die Hand seiner Frau und wandte sich Minerva zu.
„Wir wissen sehr zu schätzen, dass du uns eingeweiht hast“, sagte er leise. „Es gibt aber nichts, wofür du dich rechtfertigen müsstest. Im Gegenteil, wir sind beschämt... Wir haben beschlossen, dir zu helfen... und natürlich auch Severus.“
Minerva schenkte ihnen ein dankbares Lächeln und ließ die Hände sinken.
„Ihr wisst, warum ich euch ausgewählt habe. Ich halte euch für absolut integer und euren Einfluss im Ministerium für so weitreichend und gewichtig, dass es gelingen kann, auch die letzten Zweifler auf unsere Seite zu ziehen.“ Sie wandte sich an Shacklebolt. „Wird es möglich sein, dass es durch Überzeugung geschieht und nicht durch ministeriale Anordnung?“
Shacklebolt wiegte den Kopf.
„Das wird nicht einfach, Minerva“, sagte er leise.
„Dessen bin ich mir durchaus bewusst.“
„Es ist alles noch zu unklar, zu missverständlich“, ergänzte Arthur. „Die Fakten werden noch zusammengetragen, Zeugen gesucht, sofern sie noch am Leben sind. Der Prozess gegen die gefangenen Anhänger Voldemorts wird vorbereitet. Die Menschen brennen darauf, Köpfe rollen zu sehen. Es gibt viel Hass...“ Arthur atmete tief ein.
„Will heißen“, fuhr Shacklebolt fort, „es wird ein schweres Stück Arbeit, alle Mitglieder des Zaubergamots davon zu überzeugen, dass Severus Snape nicht zum Verräter an Dumbledore geworden ist.“ Seine Miene war ernst. „Es sind nicht viele, die wissen, dass er in Dumbledores Sinne gehandelt und dafür gesorgt hat, dass Harry Potter und seine Freunde nur durch ihn in die Lage versetzt wurden, Voldemort endgültig vernichten.“
Nachdenkliches Schweigen folgte diesen wenigen Sätzen.
„Dann werden die Kinder aussagen müssen“, sagte Molly entschieden. „Sie müssen erzählen, was wir jetzt wissen, und was sie die haben wissen lassen, die hier in Hogwarts gegen… Vol…“ Sie holte tief Luft, bevor sie weitersprach, „...die gegen Voldemort gekämpft haben.“
Minerva nickte leise.
„Ich weiß, dass es für sie nicht leicht werden wird und dass sie alles erzählen müssten, was sie erlebt haben. Ich befürchte nur, dass sie es nicht tun werden, warum auch immer“, sagte sie. „Sag, Molly, hat Ronald dir je erzählt, was in den vielen Monaten mit ihnen passiert ist, in denen er nicht zu Hause war?“
Molly schüttelte resigniert den Kopf.
„Die besten Worte haben nichts genutzt, er schweigt sich aus. Es ist, als habe er sich mit Harry geschworen, auf ewig zu schweigen...“, sie sah auf. „Was kann es sein, Minerva, das sie so still sein lässt?“
Minerva erhob sich und ging langsam durch den Raum. Sie blieb am Fenster stehen und sah nachdenklich durch die Scheiben in den hellblauen Himmel.
„Ich nehme an, es ist Betroffenheit“, sagte Minerva leise, „vielleicht auch Schuld...“
„Betroffenheit?“, fragte Arthur. „Wieso das denn? Und weshalb sollten sie sich denn schuldig fühlen?“
Minerva wandte sich ihnen wieder zu.
„Ich kann es nur vermuten... nach allem, was mir Hermine erzählt hat.“
„Hermine?“ Molly sah sie mit großen Augen an.
„Ja, Hermine. Sie war die Einzige, die sich erinnert hat. Sie hat…“ Minerva brach ab und sah von einem zum anderen. Sie horchte in sich hinein. Ja, sie vertraute den Anwesenden vollkommen, sie würden sie nie verraten und sie würden verstehen.
„Ich habe das furchtbare Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben, als ich Severus zum Verräter gestempelt habe, und das ohne zu wissen, was seine wirklichen Beweggründe für sein Handeln waren. Ich hätte hinterfragen sollen…“, sagte sie mit einem tiefen Atemzug und verstummte.
„Ich denke, das hätten wir alle tun sollen“, sagte Kingsley nach einer Weile. „Und trotzdem denke ich, dass genau das passieren sollte. Warum sonst hätte Albus uns nicht einweihen sollen?“
Ein Moment des betroffenen Schweigens, der sie all die schon verblassenden Bilder des Kampfes wieder überdeutlich sehen und an verlorene Freunde und Kinder denken ließ.
„Was, Minerva“, begann Molly schließlich, als die Stille weh zu tun begann, „was hat Hermine dir erzählt?“
Minerva erhob sich und trat an das weit geöffnete Fenster. Sie schloss es sorgfältig und drehte sich wieder zu ihnen um. Ganz leise erzählte sie nun, was Hermine ihr mitgeteilt und das sie selbst so bewegt hatte, dass sie meinte, zerspringen zu müssen…
Nachdem sie geendet hatte, trat wieder Stille ein. Nur das gleichmäßige Ticken der Uhr und der Wind, der um den Turm pfiff, waren zu hören.
„Vielleicht sollten wir Harry dazu bewegen, uns die Erinnerungen auszuhändigen“, brach Kingsley schließlich das Schweigen. „Es würde vieles einfacher machen.“
„Ausgeschlossen, das werde ich nicht erlauben. Severus hat sie Harry hinterlassen, niemand anderem“, widersprach Minerva heftig und kam zum Schreibtisch zurück. „Und es gibt es nichts, weshalb man das Wort der drei anzweifeln sollte. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass wir nicht einmal annähernd die Hälfte von dem verstehen würden, was wir sehen...“
„Wie meinst du das?“, fragten Arthur und Molly gleichzeitig.
Minerva schnaufte auf.
„Albus’ Informationen an Harry sind der Schlüssel zu Severus’ Erinnerungen.“
„Dann sollte Harry sie uns mitteilen“, sagte Arthur.
Minerva schüttelte den Kopf.
„Das habe ich schon mehrfach versucht“, sagte sie leise. „Er wird es wohl niemals preisgeben.“
„Aber Ron und Hermine wissen es?“, fragte Molly.
„Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, aber ich nehme es an“, antwortete Minerva und setzte sich wieder. „Das einzige, was ich ganz genau weiß ist, dass Hermines Intuition so außergewöhnlich ist, dass sie, fürchte ich, so manches erkannt hat, das selbst Harry nicht einmal ansatzweise erfasst hat.“
„Wo ist sie, Minerva?“, fragte Molly leise und als sie Minerva in die Augen sah, wusste sie auch schon die Antwort. „Sie ist im Moment bei ihm, nicht wahr?“
Minerva erwiderte Mollys Blick ganz ruhig.
„Das ist richtig.“
„Dann ist sie also nicht bei ihren Eltern, wie sie Ron erzählt hat“, lachte Arthur. „So viele unbeantwortete Briefe, die der Junge geschrieben hat, ich kenne ihn nicht wieder...“
„Arthur!“ Molly schenkte ihm einen strafenden Blick.
„Was denn“, schmunzelte er, „ist doch richtig, Ron hat noch nie Briefe geschrieben, bis jetzt...“
Über Minervas Züge huschte ein schwaches Lächeln.
„Wie dem auch sei“, sagte sie und wandte sich zu Shacklebolt. „Ich habe Hermines Wort. Ich weiß, dass sie aussagen wird, wenn es je dazu kommen sollte.“
„Es muss dazu kommen, Minerva“, antwortete Kingsley auf ihre vorwurfsvolle Frage. „Severus Snape wird sich stellen und selbst aussagen müssen, nichts anderes würde die Richter halbwegs davon überzeugen, dass er unschuldig sein könnte.“
„Halbwegs - sein könnte?“ Minerva runzelte missmutig die Stirn, dann fragte sie: „Kannst du mir versichern, dass er nicht nach Askaban kommt, sobald er das getan hat?“
Kingsley sah sie an.
„Ich kann es dir nicht versprechen, Minerva. Es gibt noch sehr viele, bei denen die Verbitterung und der Schmerz zu tief sitzen. Und sie waren beim Kampf nicht dabei, sie haben Harry Potters Worte nicht gehört. Für sie ist Severus Snape ein Verräter.“
„Aber in deiner Funktion als Minister könntest du es anordnen.“
„Das würde aber heißen, dass ich befangen wäre. Niemand legte mehr Wert auf mein Urteil. Ich möchte das nicht riskieren, Minerva, ich könnte euch so niemals helfen. Was ich aber kann, ist ihm einen fairen Prozess zu versprechen, an dem auch ich teilnehmen werde. Dafür allerdings müssten wir offiziell bekanntgeben, dass Severus Snape noch am Leben ist. Eher sind uns die Hände gebunden“, er sah zu Arthur, der zustimmend nickte, „niemand würde uns vorher irgendein Wort glauben, geschweige denn überhaupt ernsthaft darüber nachdenken, auch wenn die Gerüchteküche jetzt schon brodelt.“
Minerva verschränkte die Finger und presste die Hände nervös aneinander.
„Sobald offiziell bestätigt ist, dass er nicht tot ist, werden die verbliebenen Anhänger Voldemorts alles daran setzten, ihn zu finden. Sie werden nicht eher Ruhe geben, bis sie ihn gefunden haben. Ihr wisst es“, sagte Minerva und sah einen nach dem anderen an, „und was dann mit ihm geschieht, könnt ihr euch sicher vorstellen.“
„Dann sollten wir ihn unter dem Schutz des Ministeriums stellen“, sagte Kingsley.
„Wer im Ministerium, außer euch natürlich und sicher noch ein paar wenigen, wollte es denn glauben? Und selbst im Ministerium kann man vor ehemaligen Anhängern Voldemorts nicht sicher sein.“ Minerva zog die Stirn in Falten. „.Severus kennt sie sicher... Zu viele Spione... Er wird nichts sagen“, setzte sie noch nachdenklich hinzu.
„Dann wiederum wäre Askaban der beste Schutz, bis wir sicher sein können, alle Spitzel Voldemorts ihrer Ämter enthoben zu haben.“
So logisch es auch war, Minerva wies das entschieden von sich: „Nein, nicht Askaban!“
Shacklebolt zuckte ratlos die Schultern.
„Wir müssen es trotzdem versuchen“, sagte Arthur und sah zu Kingsley. „Die Aussagen der Kinder müssten doch genügen, um ihn einstweilen unter den Schutz des Ministeriums stellen zu können, ohne groß Wellen zu schlagen. Allerdings...“, er zögerte und sah Minerva an.
„Allerdings...?“, fragte sie langsam.
„Allerdings müsstest du dann preisgeben, wo er sich im Augenblick aufhält.“
Minerva sah von einem zum anderen.
„Das habe ich befürchtet“, seufzte sie.
„Du könntest uns so lange zu Geheimniswahrern machen, bis Severus in Sicherheit ist“, sagte Arthur. „Unser Wort wird genügen müssen. Das werden selbst die Richter einsehen.“
Minerva schüttelte energisch den Kopf.
„Nein“, sagte sie, „das möchte ich nicht. Sollte mir etwas zustoßen, muss die Möglichkeit gewahrt bleiben, dass jemand ihren Zufluchtsort nennen kann.“ Sie schnaufte laut auf. „Hermine wird nicht fähig sein, das Anwesen zu verlassen, wenn Hilfe von außen ausbleibt.“
„Wo sind sie, Minerva?“, fragte Molly leise. „Wo hast du sie hingebracht?“
Minerva sah sie der Reihe nach an und sagte schließlich: „Sie befinden sich auf McGonagall Hall, dem Landsitz meiner Familie.“
„Nun“, sagte Arthur, „ab dem Augenblick, da wir seinen Zufluchtsort bekannt gegeben haben, wird er in Gefahr sein, und zwar solange, bis er in ein anderes Versteck gebracht worden ist.“
Betretenes Schweigen folgte diesem Satz. Was wäre wohl ein sicheres Versteck für Severus?
Minerva dachte so angestrengt nach, dass sie beinahe alles um sich her vergaß, als ihr eine irrwitzige Idee in den Sinn kam. Nein, es ginge nicht! Nie! Und doch musste sie sie aussprechen.
„Malfoy“, warf sie in den Raum. Alle hoben die Köpfe und sahen sie entgeistert an. Minerva sah von einem zum anderen. „Ja“, bekräftigte sie noch, „Malfoy Manor ist der sicherste Platz!“
„Das kann nicht dein Ernst sein“, rief Molly entrüstet.
Minerva nickte heftig und erhob sich. „Doch, das ist mein völliger Ernst.“ Sie ging unruhig im Zimmer auf und ab. Die Köpfe ihrer Besucher folgten jedem Schritt, den sie tat.
„Würdest du uns das bitte erklären, Minerva“, sagte Arthur mit zusammengezogenen Brauen.
„Lucius Malfoy und sein Haus würde von den Todessern niemals verdächtigt werden, einen Verräter zu beherbergen. Und Lucius Malfoy ist jemand, mit dem Severus eine Art Freundschaft verbindet. Er wäre sicher derjenige, dem Severus noch am Meisten vertraute.“
„Ein sehr riskanter Plan“, sagte Kingsley. „was gibt uns die Gewissheit, dass Malfoy Voldemort tatsächlich abgeschworen hat?“
„Gewissheit gibt es nicht...“, gab Minerva zu, „aber einiges, das mir die Malfoys zumindest in einer Hinsicht einigermaßen vertrauenswürdig erscheinen lassen.“
„Und das wäre?“
„Dass sie bei Voldemort in Ungnade gefallen sind und dass Narzissa Malfoy Harry trotzdem nicht verraten hat, dass sie sich vor Voldemorts Augen nicht gegen uns gestellt und gekämpft haben, dass sie nach dem Kampf nicht geflohen sind und sich freiwillig ausgeliefert haben und - dass es für sie nichts Wichtigeres gab als Draco...“, Minerva brach ab und sah fragend in die kleine Runde.
„Gefährlich“, sagte Arthur schließlich. „Ich hoffe nur, dass du dich nicht irrst.“
Minerva atmete hörbar ein.
„Das hoffe ich auch. Was haben wir denn für eine andere Wahl?“, sagte sie und ließ sich beinahe erschöpft auf ihren Stuhl fallen.
Ein langes nachdenkliches Schweigen folgte.
Schließlich fasste sich Arthur als erster.
„Wir sind in den letzten Jahren so viele Risiken eingegangen, warum sollte es uns denn jetzt auf einmal nicht gelingen, für die Sicherheit eines einzelnen Mannes zu sorgen? Voldemort ist tot, seine Anhänger versprengt und Malfoy Manor der einzige Platz, an dem Severus Snape sicher sein kann, bis sein Prozess beginnt, wenn Lucius Malfoy uns dabei behilflich ist.“ Er sah auf und lächelte verlegen. „Auch, wenn ich ihn nicht unbedingt mag, ich finde, wir sollten es versuchen.“
„Dann werden wir alles vorbereiten“, sagte Shacklebolt und nickte Arthur zu. „Ich kann noch nicht sagen, wie lange wir brauchen werden“, wandte er sich an Minerva, „aber ich werde mich in den nächsten Tagen wieder bei dir melden. Dann können wir alles Weitere miteinander besprechen.“
„Und ich werde mal ein Wörtchen mit Ron und Harry wechseln“, sagte Molly mit wiedererwachtem Kampfgeist.
Minerva schenkte ihnen ein dankbares Lächeln.
„Gut“, sagte Kingsley. Er erhob sich und mit ihm alle anderen. „Wir haben viel zu tun, wir sollten nicht allzu lange damit warten.“
Minerva begleitete sie zur Tür. Als Molly und Arthur schon gegangen waren, streckte ihr Shacklebolt die Hand zum Abschied entgegen.
„Versprich mir, dass er einen fairen Prozess erhält“, sagte Minerva leise und suchte seinen Blick.
Kingsley sah ihr stumm in die Augen, dann nickte er sachte. „Ich verspreche es“, sagte er und wandte sich zum Gehen.
Minerva lauschte seinen Schritten nach, bis sie im Korridor leise verhallten. Dann schloss sie die Tür und lehnte die Stirn an das raue Eichenholz. Eine ganze Weile stand sie so und ließ das Gesagte noch einmal Revue passieren. Sie wusste, sie hatte das Richtige getan. Und zum ersten Mal, seit sie wieder in Hogwarts weilte, fühlte sie sich erleichtert und zuversichtlich.
Grausame Bilder, rasender Schmerz, ein heiserer Schrei.
Schweißgebadet und schwer atmend, die Hände auf die Verletzungen gepresst, fuhr Severus aus dem Schlaf. Wieder einmal. Es dauerte eine ganze Weile, bis er realisierte, wo er sich wirklich befand, und als er sich sicher wusste, ließ er sich wieder zurück in die Kissen fallen. Seine Brust hob und senkte sich heftig, er stöhnte erleichtert auf.
Sie kamen wieder, die quälenden Traumbilder, in Fetzen erschienen sie immer wieder vor seinen Augen, ließen ihm einfach keine Ruhe. Er hörte das grausame Zischen und sah die roten Augen. Das war es, was den Schlaf zur Qual werden ließ. Er suchte die Ruhe und fand sie doch nicht. Obwohl er wusste, dass er sich diesem Erlebnis auf Dauer nicht entziehen konnte, sehnte er sich danach, es einfach aus seinem Gedächtnis zu streichen, selbst wenn es nur für ein paar Stunden war, in denen er tief und traumlos schlafen konnte. Er sah fast sehnsüchtig zum Tisch neben seinem Bett, doch der Trank, den ihm Hermine gegeben hatte, war längst aufgebraucht. Die Phiole stand leer und glitzerte im leisen Schein des verglimmenden Feuers.
Severus setzte sich auf. Er stützte die Ellbogen auf die Knie und legte das Gesicht in die Hände. Im Moment stürmte so vieles auf ihn ein, von dem er nicht wusste, wie und wann er es je verarbeiten sollte. Die Ruhe, in die er gebracht worden war, hätte ihm eigentlich dabei helfen sollen, aber er erwischte sich immer wieder dabei, dass er wissentlich verdrängte. Selbst die Hilfe, die ihm Hermine Granger und Minerva McGonagall anboten, wies er vehement zurück. Er wusste, es war falsch, doch er war einfach nicht fähig, sich zu öffnen, er hatte es nie gelernt. Und noch viel schwerer wog sein Misstrauen...
Mit einem ärgerlichen Brummen warf er die Decken zurück und erhob sich. Er kleidete sich an und trat ans Fenster. Er öffnete es weit und atmete tief die kühle Nachtluft.
Sein Gespräch mit Hermine kam ihm wieder in den Sinn. Es war das erste Mal, dass sie ihm so offen entgegentrat. Und was hatte er getan? Er hatte sie hart zurückgestoßen.
Severus sah wieder den wütenden Ausdruck in ihren Augen und hörte ihre letzte Frage ‚Was hätten Sie denn hören wollen?’
Er zog die Brauen zusammen. Ja, was hätte er denn hören wollen? War es nicht genau das, was sie zum Handeln getrieben hatte, wonach er sich immer gesehnt hatte?
Warum konnte er es jetzt nicht anerkennen?
Er wollte vergessen und doch wieder nicht. Seine Seele schrie nach einer rettenden Hand und wenn sie ihm gereicht wurde, stieß er sie von sich.
Was wollte er denn?
Zum ersten Mal musste er sich nicht rechtfertigen. Zum ersten Mal hatte er einen Menschen vor sich, der in so kurzer Zeit so viel mehr erkannt hatte, als er in den vielen Jahren, in denen er sich beständig selbst gequält hatte. Er gab es nicht gerne zu, aber sie hatte Recht, er hatte im Schmerz gebadet, und er tat es noch immer, nur um nie zu vergessen, nur um sich zu bestrafen. Wenn er ehrlich war, hatte er darüber vergessen, wirklich zu leben.
Mit einem resignierten Kopfschütteln trat er zur Terrassentür, öffnete sie und trat in die Nacht hinaus. Er ging bis zur Balustrade und sah in die dunkle Weite des Himmels.
Und es war noch etwas, das ihn nicht in Ruhe ließ. Es war ein Gefühl, das sich mächtig in sein Herz drängte. Er vermochte es nicht zu beschreiben, doch er meinte, wenn er ihm nachgeben würde, dass er alles, woran er bisher geglaubt hatte, verraten würde, denn zum ersten Mal sah er nicht Lily, wenn er an Nähe und Geborgenheit dachte.
~
Hermines Groll auf Severus währte noch lange. Er ärgerte sie sogar so sehr, dass er sie nicht einschlafen ließ. Immer wieder warf sie sich unruhig herum. Schließlich gab sie es auf, den Schlaf erzwingen zu wollen. Sie drehte sich auf den Rücken und starrte nachdenklich an die Decke.
So gerne sie Antworten auf ihre Fragen erhalten hätte, so sehr haderte sie jetzt mit sich, dass sie überhaupt versucht hatte, offen auf ihn zuzugehen. Sie hätte es sich ja eigentlich denken können, wie kam sie bloß auf den dummen Gedanken, dass er ihr auch nur eine einzige Frage beantworten würde. Wie konnte sie nur so dumm sein zu glauben, dass er sich öffnen würde.
Hermine lachte ein leises bitteres Lachen.
Er hatte sie in seine Seele sehen lassen, ein einziges Mal. Sie war sich sicher, noch einmal würde es ihr nicht gestatten. Niemals würde sie in ihn dringen können, er würde sich zurückziehen und schweigen, genauso wie vorhin. Er würde sie immer wieder zurückstoßen.
Jetzt, da sie in Ruhe über seine wenigen abweisenden Worte nachgedacht hatte, wusste sie mit einem Mal, was sie aus ihnen herausgehört hatte: Es waren leise Zweifel über die Aufrichtigkeit ihrer Motive. Hermine dachte lange darüber nach und kam zu dem Schluss, dass Severus Snape mit Verständnis und Gerechtigkeit nichts anfangen konnte. Das war etwas, das er wohl so nachdrücklich gesucht, vielleicht sogar gefordert, und trotzdem nicht wirklich gefunden hatte, weder bei Lily noch bei Dumbledore. Was Hermine allerdings nicht verstehen konnte war, weshalb er sich beinahe sein ganzes Leben lang diesem unerreichbaren Traum so bedingungslos hingegeben hatte.
Hermine drehte sich auf die Seite und zog die Brauen zusammen. Eigentlich konnte sie Snape ja verstehen. Sie an seiner Stelle hätte sich wohl genauso zurückgezogen, aber sie hätte sich nie aufgegeben, hätte sich niemals über so viele Jahre selbst gepeinigt und für Ziele, auch wenn sie noch so ehrenhaft erscheinen mochten, ausnutzen lassen… auch nicht von Dumbledore.
Ein trauriges Lächeln huschte über ihr Gesicht und sie schüttelte den Kopf. Nein, sie belog sich selbst. Auch sie hatte sich benutzen lassen. Sie, Harry und Ron waren doch genau wie Snape Dumbledores Marionetten gewesen.
Hermine schnaubte amüsiert. Sie wollte Severus Snape für sein Verhalten verurteilen und hatte sie sich doch selbst nicht gewehrt, hatte Dumbledores Anweisungen, so vage sie auch waren, Folge geleistet. Was bildete sie sich jetzt ein, Snape vorzuwerfen, dass er sich habe ausnutzen lassen?
Hermine setzte sich unruhig auf und strich sich über die Stirn.
Bisher hatte sie Albus Dumbledore für unfehlbar gehalten, ihn als Schulleiter immer bewundert und ihn, als sie Kind war, geliebt. Doch langsam schlichen sich Zweifel an seinen Motiven in ihren Geist. Er mochte ja für das Licht gekämpft haben, aber er hatte diesem Kampf unerbittlich alles geopfert, das zum Sieg verhelfen konnte, ja sogar sich selbst. Da gab es keine Rücksicht, keine Gefühle, da gab es nur Beherrschung und Kalkül.
Mit einem Seufzen gab Hermine auf, Schlaf finden zu wollen und stieg aus dem Bett. Diese Nacht würde sie wieder einmal umtreiben. Sie griff sich ihren Umhang und warf ihn sich locker über die Schultern. Ein Spaziergang würde ihr sicher zur ersehnten Müdigkeit verhelfen. Sie öffnete die Terrassentür und trat ins Freie.
Der Wind hatte aufgefrischt und trieb Wolkenfetzen vor sich her. Die Luft war kühl geworden und roch nach Regen. Hermine zog den Umhang fester um sich und ging langsam den Söller entlang, hinein in die Dunkelheit. Wie wohl die Stille tat.
Sie war bis zur nächsten Ecke gegangen, da sah sie ein paar Schritte vor sich eine große dunkle Gestalt, die an der Balustrade lehnte. Es war Severus Snape, der tief in Gedanken versunken schien. Und da er sie nicht zu bemerken schien, wollte Hermine gerade wieder umwenden und zurückgehen.
„Und was treibt Sie zur Nacht aus dem Bett?“, hörte sie seine leise Frage:
Hermine stockte für einen Moment, doch dann besann sie sich. Sie ging entschieden weiter und blieb neben ihm stehen.
„Vermutlich das Gleiche wie Sie“, sagte sie trotzig.
Severus zog verstimmt die Brauen zusammen und wandte sich seinerseits zum Gehen.
„So“, sagte er ablehnend, „meinen Sie.“
Hermine biss sich auf die Lippen. Sie hätte es wissen müssen. Warum versuchte sie auch immer wieder, ihn aus der Reserve zu locken?
Sie hatte keine Lust, sich zu streiten und doch musste sie ihn fragen, wollte sie es endlich wissen. „Ist Ihnen meine Gesellschaft so zuwider?“ Und so sehr sie sich wünschte, dass ihre Stimme dabei fest und entschlossen klang, so sehr musste sie feststellen, dass es ihr nicht gelungen war, diesen Eindruck zu vermitteln. Leise Hoffnung schwang in diesen wenigen Worten mit, viel mehr, als Hermine gewollt hatte.
Severus sah sie ernst an und lauschte in sich hinein. Nein, ihre Gesellschaft war ihm nicht zuwider. Er gab es vor sich selbst nur ungern zu, aber Hermine Grangers Gesellschaft war um so vieles besser als alles, was er in den letzten Jahren an Gesellschaft hatte ertragen müssen. Sie war so ehrlich, so offen und darum für ihn so befremdlich. Und er war viel zu unsicher und misstrauisch, als dass er sie jetzt ohne Hintergedanken hätte genießen können. Doch statt ihr das zu sagen, brach sein Alter Ego hervor und sagte hart: „Es sind Ihre Fragen, Miss Granger.“
Ein Augenblick eisigen Schweigens folgte, der Hermine leicht erzittern ließ, so sehr schüttelte sie der Zorn. Sie war böse auf ihn und auf sich selbst zugleich.
„Ich werde nie wieder fragen, darauf können Sie Gift nehmen“, sagte sie grimmig und sah ihm durch die Dunkelheit mit funkelnden Augen entgegen. Mehr fühlte sie seinen Blick als dass sie ihn sah, und in Erwartung einer bissigen Antwort seinerseits und einer schon zurechtgelegten saftigen Erwiderung ihrerseits stand Hermine da, als wollte sie gleich zum Sprung ansetzen. Umso irritierender für sie, als ein leises amüsiertes Lachen an ihr Ohr drang, das Hermines Puls noch weiter nach oben trieb. Lachte er sie etwa aus?
„Gift“, fragte er spöttisch, noch bevor Hermine überhaupt eine Antwort auf seine für sie unerwartete Reaktion wusste, „und Ihre Arbeit zunichte machen...?“
Hermine schloss für einen Moment die Augen und ballte die Fäuste. Sie fühlte sich so, als hätte man sie mit Eiswasser übergossen. Was für ein Mensch! Er konnte es einfach nicht lassen. Sie erwartete ja keinen Dank, aber vielleicht doch ein einziges Wort, eine winzige Geste des Vertrauens, einen Hauch Gefühl...
„Ich ließe es darauf ankommen“, antwortete sie äußerst angefressen, „dann käme ich endlich fort von hier.“ Doch kaum dass die Worte von ihren Lippen waren, bereute Hermine auch schon, dass sie sie gesagt hatte - zu spät, sie zurückzuziehen. Das Blut schoss ihr in die Wangen. Mit brennendem Herzen stand sie da und sah ihm beinahe angstvoll entgegen. Sie war froh, dass die Nacht so dunkel war und Severus Snape in dieser Sekunde äußerster Verlegenheit ihr Gesicht nicht sehen konnte.
Sie hätte ihn verstanden, wenn er jetzt gegangen wäre, doch er blieb stehen und sah still auf sie herunter. Die Dunkelheit hatte seine Sinne so geschärft, dass ihm ihre Reaktionen nicht entgangen waren, obwohl sie angestrengt bemüht war, sie vor ihm zu verbergen. Und erst jetzt wurde ihm bewusst, wie sehr die gegenwärtige Situation sie vereinnahmen musste. Keine Freunde, allein, gerade mal McGonagall zur Unterhaltung, ab und an eine flüchtige Begegnung mit den Hausangestellten. Er wusste ganz genau, dass er nicht unbedingt zur Unterhaltung dieser jungen Person beitrug, dass er eher eine Belastung darstellte und jetzt, da er wieder zu Kräften gekommen war, auch noch eine, die bissig Widerpart hielt.
Ungewollt und doch so stark, dass er nicht imstande war es niederzukämpfen, drang ein neues Gefühl in sein Herz. Er konnte einfach nicht glauben, dass es Menschen gab, die für ihn kämpfen wollten, die allen Konventionen zum Trotz zu ihm standen und bemüht waren, ihm ein neues Leben zu geben. Und Hermine Granger gehörte zu ihnen, mehr als jeder andere, beinahe mehr noch als Minerva McGonagall. Dennoch wies er jedes Gefühl von sich, stieß sie immer wieder vor den Kopf, sobald sie eine Saite anschlug, die ihn zwingen würde, sich zu öffnen, wenn er sich darauf einließ. Er wusste auch, dass er ungerecht war und obwohl er ihr sein Leben zu verdanken hatte, war er nicht fähig, ihr auch nur ansatzweise dafür zu danken.
Warum?
Er hatte sich diese Frage schon einige Male gestellt und immer wieder aufgegeben, sie sich ehrlich zu beantworten. Er wollte es auch jetzt nicht tun, doch sie drängte sich so unerbittlich in seinen Geist, dass er nicht anders konnte, als sich damit zu beschäftigen. Nur unwillig gestand er sich seine massive Verlegenheit ein, die immer wieder aufkeimte, wenn Hermine ihn unbewusst durch einen Blick oder durch ein Wort daran erinnerte, dass seine innersten Gedanken für sie kein Geheimnis mehr waren. Er verschloss sich dann wieder vor der Welt und vor sich selbst, war äußerst empfindlich und reizbar, wenn es darum ging, und wusste doch, dass er zu einer Lösung kommen musste, um endlich Ruhe zu haben.
Wie?
Severus seufzte innerlich auf. Was konnte sie dafür, dass er mit sich nicht zurechtkam, dass er sich in endlosen Nächten, wenn die Träume ihn quälten, immer wieder wünschte, er wäre doch gestorben. Für einen Moment senkte er die Lider und drängte diesen Gedanken beiseite.
Dann hob er den Blick und sah still in ihr Gesicht. Dass sie nicht fortgegangen war, als er ihr diese dumme Frage an den Kopf geworfen hatte, rechnete er ihr hoch an.
„Das nenn ich eine ehrliche Antwort“, sagte er versöhnlicher.
Doch Hermines Zorn verrauchte nur langsam. Auch wenn sie seinen Versuch anerkannte, sie milder zu stimmen, hatte sie dennoch große Mühe, ruhig zu bleiben.
„Wann hätte ich wohl je gelogen?“
Severus hatte sehr deutlich das kleine zornige Zittern in ihrer Stimme wahrgenommen. Es war unbewusst, aber er wusste jetzt ganz genau, dass er sie nicht noch einmal vor den Kopf stoßen durfte.
„Hm“, machte er nachdenklich, „ich wüsste da schon einige Situationen, bei denen Sie mich sehr bewusst angeflunkert haben.“ Seine Stimme war dunkel und sanft.
Hermine hob den Kopf und sah ihm ungläubig entgegen. Sie meinte, nur einen winzigen Augenblick lang, einen Funken Wärme aus seiner Stimme herauszuhören. Doch die Nacht war zu finster, um den Ausdruck seines Gesichtes zu erkennen, der seine Worte begleitet hatte, um sich wirklich sicher zu sein. Dennoch löste sich Hermines Anspannung. Sie öffnete die Fäuste und legte die Hände beinahe vorsichtig auf die Balustrade.
Und da waren sie wieder, die vielen wunderbaren Erinnerungen an die kindlichen Abenteuer, die sie gemeinsam mit Harry und Ron gemeistert hatte, und die jetzt so unendlich lange her schienen, beinahe nicht mehr wahr... Sie fühlte sich mit einem Mal so allein. Hermine senkte den Kopf und starrte auf ihre Hände.
„Ja“, sagte sie traurig.
Es war dieses eine Wort, das ihn rührte, das so schlicht war und doch so schwer wog.
Severus atmete tief und lautlos ein. Für einen Moment schloss er die Augen. Er wusste sehr genau, wie Hermine sich fühlte, denn dieses Gefühl hielt ihn schon so lange gefangen und es brachte sie ihm so sehr viel näher als Hermine es je erwartet hätte. Er hatte noch nie so empfunden wie jetzt, in gerade diesem Augenblick. Er widerstand nur schwer dem unbändigen Drang, sie einfach zu sich ziehen und sie in die Arme zu schließen. Mühevoll zwang er sich, ruhiger zu atmen. Es war etwas Neues, etwas Wunderbares, das sich übermächtig in sein Herz geschlichen hatte und das ihn leise erbeben ließ, das ihn sachte mit sich nehmen würde, wenn er es nur wollte...
„Sie sollten nicht so viel nachdenken.“ Er sagte es ohne Spott, ohne Ironie, beinahe behutsam und mit einer Stimme, die Hermine zu ihm aufsehen ließ. Ihre Blicke kreuzten sich. Für einen Moment sahen sie sich nur an.
„Und warum stehen Sie hier draußen… im Wind... in der Nacht...?“, fragte sie ruhig und senkte die Lider.
Erstaunt stellte er erneut fest, wie sehr sie ihn doch durchschaute. Ein Lächeln legte sich über seine Züge. Es war zum ersten Mal offen und ehrlich.
Sie standen still nebeneinander und lauschten in die Dunkelheit. Die von beiden so ersehnte Ruhe legte sich über sie und in dieser Sekunde kamen sie schweigend überein, nicht mehr gegeneinander zu kämpfen.
Sie wussten nicht, wie lange sie so standen. Die Nacht war stockdunkel, der Mond war längst untergegangen und der Wind blies heftig.
Hermine fröstelte. Sie zog den Umhang enger um sich, die nackten Füße waren eiskalt.
„Sie werden sich erkälten“, sagte er verhalten lächelnd.
Hermine kuschelte sich tiefer in den Stoff.
„Soviel Fürsorglichkeit?“
Er hörte das leise Lachen aus ihrer Stimme deutlich heraus. Was sollte er ihr darauf antworten? Er war nicht oft in seinem Leben in Verlegenheit geraten, aber jetzt fühlte er sich unangenehm berührt, obwohl er diese Situation bewusst heraufbeschworen hatte.
Hermines Instinkt war phänomenal, sie ließ ihm keine Zeit, noch länger darüber nachzugrübeln.
„Gute Nacht, Severus“, sagte sie leise und wandte sich zum Gehen.
Was für eine wunderbar unschuldige Geste. Er sah ihr nach, unfähig, auch nur ein Wort hervorzubringen, bis sie in der Dunkelheit verschwunden war.
Severus schloss die Augen und flüsterte ihr ein „Gute Nacht, Hermine“ hinterher.
~
Und es gab noch jemanden in dieser Nacht, der nicht schlafen konnte, der nachdachte und sich der eingeleiteten Schritte zu Rehabilitierung Severus Snapes nicht mehr ganz so sicher war. Die anfängliche Euphorie war verflogen und hatte einer gesunden Portion Skepsis Platz gemacht.
Nachdem auch sie versucht hatte, Schlaf zu suchen und es ihr nicht einmal ansatzweise gelungen war, die ersehnte Ruhe zu finden, hatte sich Minerva McGonagall an ihren Schreibtisch gesetzt und begonnen, die Stundenpläne für das kommende Schuljahr auszuarbeiten. Doch ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, bis sie es schließlich aufgab, die Feder beiseite legte und das Pergament von sich weg schob.
Sie lauschte in die Dunkelheit. Da war nur das Ticken der Uhr an der Wand und die Geräusche der Nacht, und so vertraut sie ihr sonst waren, als so störend empfand sie sie jetzt.
Minerva seufzte leise auf, wenn sie an das Gespräch dachte, dass sie mit Lucius Malfoy zu führen gedachte. Sie stützte das Kinn auf die Fäuste, schloss die Augen und ließ das am Nachmittag geführte Gespräch mit Kingsley noch einmal Revue passieren.
Alles war vorbereitet. Die entscheidende Sitzung des Zaubergamots hatte stattgefunden. Das Geheimnis um den Verbleib Severus Snapes vermeintlicher Leiche war inoffiziell gelüftet. ‚Viel böses Blut’, hatte Kingsley gesagt und Minervas Unruhe damit noch zusätzlich angestachelt. Dennoch hatte er es fertiggebracht, dass Severus unter den Schutz des Ministeriums gestellt wurde.
Noch genügte ihr aller Wort. Aber die Fragen würden fordernder und die Schreie nach Beweisen für Severus’ Unschuld lauter und mit ihnen die Zweifler.
Noch war es inoffiziell, die Zaubererschaft noch unwissend. Doch lange konnten sie ihnen diese Information nicht mehr vorenthalten. Auch wenn die Mitglieder des Gamots an ihr Wort zu Schweigen gebunden waren, konnten sie in der gegenwärtigen Situation nicht sicher sein, dass die Informationen wirklich hinter den Mauern des Ministeriums verborgen bleiben würden.
Jetzt war es an ihr und den Weasleys, die weiteren Schritte einzuleiten. Sie hoffte sehr, dass es Molly gelingen würde, Ron oder Harry zum Reden zu bringen. Wie würden sie reagieren, wenn sie erfuhren, dass Severus Snape in der Hütte nicht gestorben war?
Minerva schnaufte leise auf. Sie erhob sich und ging unruhig im Zimmer auf und ab.
Sie machte sich eigentlich keine Sorgen um Harry oder Ron und Mollys Überzeugungskraft, eher beschäftigte sie der Gedanke an Lucius Malfoy.
So abenteuerlich und gut sie ihren Vorschlag anfangs auch hielt, ihn ins Vertrauen zu ziehen und ihn zu bitten, sein Haus als Zuflucht für Severus zur Verfügung zu stellen, für so irrwitzig und überdreht hielt sie ihn jetzt. Dennoch blieb ihr nichts anderes übrig, als diesen Plan weiter zu verfolgen, wenn sie nicht wollte, dass Severus nach Askaban gebracht wurde. Und beinahe zweifelte sie an ihrer Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe, die sie hatte sehen lassen, dass Malfoy nicht mehr Voldemorts Mann war.
Minerva seufzte laut und versuchte sich zu konzentrieren. Sie wog sehr genau Für und Wider gegeneinander ab.
Jedermann wusste, dass Malfoy zu Voldemorts engsten Vertrauten gehört hatte und dennoch konnte ihm keine Tat, die im Namen des Tyrannen begangen worden war, nachgewiesen werden, schien er weder mittel- noch unmittelbar daran beteiligt. Da gab es nur den einen Vorfall im Ministerium, für den er nach Askaban gebracht worden war. Auch wenn sie verachtete, was er getan hatte, erwischte sie sich dabei, wie sie im Stillen über Malfoys Talent, sich immer wieder gekonnt aus der Affäre zu ziehen, schmunzelte. Wenn sie es recht bedachte, konnte er das schon immer sehr gut, schon in seiner Schulzeit war es ihr aufgefallen. Malfoy war ein Fuchs, wenn es darum ging, andere auszunutzen und zu manipulieren. Und um dann, später, seine Stellung in der Gesellschaft zu festigen und seinen Einfluss auf gewisse Kreise auszudehnen, hatte Lucius Malfoy selbst Voldemort benutzt... Ein gefährliches Unterfangen.
Minerva unterbrach ihr stilles Auf- und Abgehen und blieb am Fenster stehen. Versonnen sah sie in ihr Spiegelbild, das sich vom dunklen Hintergrund sehr deutlich abhob.
Was für ein Glück, dass Lucius Malfoy sich selbst gestellt hatte. Es hatte ihm einen weiteren Aufenthalt im Gefängnis erspart. Man hatte ihn lediglich unter Aufsicht des Ministeriums gestellt und bis sein Prozess beginnen sollte, durfte er Malfoy Manor nicht verlassen.
Minerva nickte sich aufmunternd zu. Jetzt musste sie einfach vertrauen.
Ja, Malfoy Manor war der sicherste Platz für Severus.
Jetzt galt es nur noch, Lucius Malfoy zu fragen, ob sein Haus Zuflucht und Schutz für Severus sein durfte und wenn es so sein sollte, gab es nur noch eine Nuss zu knacken… Severus.