ENDE UND ANFANG

von artis magica



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Kapitel 10 - 12



Nachdenken

Wieder eine Nacht, in der er nicht die erhoffte Ruhe fand. Eine Ruhe, die er so unendlich stark herbeisehnte, nur um sie nicht denken zu müssen, die quälenden Gedanken. Sie waren es, die ihn nicht schlafen ließen. Es waren die Gedanken an die Erinnerungen seines Lebens, die sich, je weiter seine Genesung voranschritt, mehr und mehr in seinen Geist schoben und ihn grübeln ließen. Es waren nicht so sehr die Erinnerungen an die letzten Erlebnisse, die ihn hatten glauben lassen, er würde sterben. Diese hatte er tief in seinem Inneren vergraben, wollte sie nicht denken. Es waren vielmehr die Gedanken an seine Zukunft, einer Zukunft, von der er nie angenommen hatte, dass es auch eine für ihn geben würde.

Severus warf sich stöhnend herum.

Er hätte es nie geglaubt, doch jetzt erschien ihm das, was er im ersten Moment seiner Rettung als so wunderbar empfunden hatte, dunkel und gefährlich. Was ihn nicht schlafen ließ, war nicht die Angst um seine Sicherheit, die vielleicht auf dem Spiel stand, wenn die letzten Todesser ihn finden würden. Den Tod, der ihn dann vielleicht erwartete, würde er ohne Angst hinnehmen. Er wäre schließlich das Ende der ganzen langen quälenden Geschichte, die sein Leben ausgemacht hatte, wäre ihm endlich Erlösung. Was ihn jetzt plagte, was ihn nicht ruhen ließ und ihn umtrieb, war die Angst um seine Zukunft. Es war eine Zukunft die er nie geplant hatte, die ihm nie als lebenswert erschien und die er eigentlich für sich selbst nie gesehen hatte. Wohl aber hatte er sie sich immer gewünscht und jetzt, da er wusste, dass es sie geben würde, war er sich plötzlich nicht mehr sicher, ob er sie denn überhaupt noch wollte.

Er war allein. Nicht dass es ihn gestört hätte, er war in seinem Leben eigentlich immer allein gewesen. Da gab es aber Momente, die ihm so unendlich kostbar erschienen waren, die ihn von Kind an begleitet, die ihn getragen hatten und ihm ein Leben, gemeinsam mit einem geliebten Menschen, möglich gemacht hätten.

Severus drehte sich auf den Rücken. Er öffnete die Augen und starrte in die Dunkelheit, die nur vom leisen Schein des Feuers im Kamin erhellt wurde.

Er wusste, er hatte sich dieses Leben und dieses wunderbare Morgen schon vor langen Jahren zerstört.

Das Versprechen, das er zuerst sich selbst und dann auch Dumbledore gegeben hatte, sollte wiedergutmachen. Aber es war ihm nur zum Teil gelungen. Die, die er hatte retten wollen, war dennoch gestorben. Diese Schuld wog schwer und er erinnerte sich jedes Mal selbst daran, peinigte sich mit ihr, sobald er spürte, dass ihn das Leben einen Weg gehen ließ, der ihn vielleicht glücklich gemacht hätte. Und er hatte sich damit immer und immer wieder bestraft. Im Grunde genommen hatte er es sogar auf eine merkwürdige und makabere Art und Weise genossen. Er wollte keinen anderen Weg gehen, er wollte sich peinigen und er tat es auch jetzt noch, obwohl es keinen Grund mehr dafür gab.

Severus erschauerte. Er wusste, die Jahre der Selbstgeißelung hatten ihn blind gemacht, blind für das Leben, das sich machtvoll seinen Weg bahnte und die Zukunft, die es jetzt mit sich brachte und von der er eigentlich nichts sehen wollte.

Ein freudloses Lachen entrang sich seiner Kehle.

Ja, er wollte es so, hatte es nie anders haben wollen. Er wollte nicht glücklich sein, er wollte trauern, immer noch, er wollte eigentlich nicht leben ohne sie...

Das leise Lachen wandelte sich in ein tiefes trauriges Seufzen.

Ohne sie... Lily…

Severus schloss schmerzlich die Augen. Der Gedanke an sie ließ ihn immer noch weich werden, ließ ihn angstvoll träumen, ließ ihn hoffen, obwohl alles längst zu spät war.

Er wollte es sich nicht eingestehen, aber er wusste genau, wenn es ihm nicht gelingen würde, diese Erinnerungen und Erlebnisse endlich hinter sich zu lassen, würde er daran zugrunde gehen.

Ganz unvermittelt, und nur für einen kurzen Augenblick, drängte sich Hermine Grangers Gesicht vor seine Augen, war es ihm, als spürte er ihre sanften Hände auf seiner Haut. Auch wenn es nur war, um seine Wunden zu versorgen, noch nie hatte ihn jemand so sachte berührt...

Ein leiser Schauer durchströmte seinen Körper und er schüttelte den leisen wunderbaren Gedanken daran, der sich unmerklich in seinen Geist geschlichen hatte, ärgerlich ab und kehrte in die Gegenwart zurück.

Severus öffnete die Augen und setzte sich umständlich auf.

Was sollte er denken? Was sollte er fühlen? Wohin sollte er gehen? Wofür? Was gab seinem Leben jetzt noch einen Sinn?

Er sagte es sich selber immer wieder: Es war alles getan, sein Versprechen erfüllt. Er hätte jetzt endlich seine Träume träumen und leben können.

Severus starrte auf seine Hände, die still auf dem weißen Laken ruhten.

Hatte er denn Träume, für die er leben wollte? Er horchte in sich hinein, doch die Zwiespältigkeit seiner Gefühle und die ungewohnte Unsicherheit ließen nicht zu, eine Antwort zu formulieren. Vielleicht war es noch zu früh... Zu neu und zu fremd war diese Freiheit, als dass er sie hätte freudig empfangen können, als dass sie seinen Hass auf sich selbst, auf sein Handeln, auf sein elendes Leben, hätte tilgen können.

Er wollte diese Gedanken nicht mehr denken. Er wollte sich ablenken. Wenn er gekonnt hätte, wäre er aufgestanden, wäre hinunter in den Garten gelaufen und hätte in die Weite des Himmels gesehen.

Er wusste, er hatte verlernt, wirklich zu träumen…

Wie lange war er nun schon hier? Es müssten mittlerweile Wochen sein. Er hatte nicht gewagt zu fragen. Warum eigentlich?

Es wurde ihm zunehmend unangenehm, wenn ihm Minerva McGonagall oder Hermine Granger bei den kleinsten Dingen behilflich sein mussten, die ihm sonst nur ein müdes Lächeln abverlangt hätten, sie selbst zu tun.

Doch mittlerweile hatte er das Fieber vollständig überwunden und gewann, Dank der guten Pflege, täglich an körperlicher Kraft. Er spürte, wie seine Muskeln kräftiger wurden und er sich schließlich selbstständig aufrichten konnte, ohne Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen.

Wenn er nur erst wieder gehen könnte!

Ihm fiel das Versprechen ein, das er Minerva vor Tagen gegeben hatte und ein leises Lächeln huschte über sein Gesicht. Er würde nicht weggehen, ohne ihr Einverständnis und im Grunde genommen wollte er das, was er im Moment besaß, festhalten und genießen, so lange es nur möglich war.

Severus warf den Kopf in den Nacken.

Was wollte er denn?

Diese Frage hämmerte sich unablässig in seinen Geist.

Noch vor wenigen Augenblicken hatte er bedauert, nicht gestorben zu sein und jetzt wollte er den winzigen Strohhalm festhalten, so fest es nur ging, nur um nicht unterzugehen.

Ein leises Geräusch ließ ihn den Kopf senken und sich umschauen.

Hermine Granger war in sein Zimmer getreten und sah ihm aufmerksam entgegen. Sie trug ein Tablett mit Verbandszeug und eine Schale mit Obst. Sie stellte beides an sein Bett.

Können Sie nicht schlafen?“, fragte sie leise.

Er antwortete nicht und es störte Hermine nicht, dass er ihr keine Antwort gegeben hatte. Sie schenkte Wasser in ein Glas und stellte es auf den Tisch. Dann reichte sie ihm eine kleine Phiole.

Severus zog die Brauen hoch.

Und damit, meinen Sie, kann ich dann schlafen?“

Hermine lächelte und schwieg nun ihrerseits. Sie wandte sich um, ging durch den Raum und trat ans weit geöffnete Fenster. Sie ließ sich den Nachtwind ins Gesicht wehen. Wie wunderbar lind die Nacht war.

Severus öffnete die Phiole und roch argwöhnisch daran.

Es vertreibt die Träume“, hörte er Hermine leise sagen, „und die Erinnerungen.“ Sie hatte sich nicht umgewandt, sah noch immer in die sternenklare Nacht hinaus.

Severus ließ die Hand sinken und sah Hermine nur an.

Woher wusste sie, dass ihn seine Träume quälten? Was brachte ihm diese junge Frau in diesem Moment so nah? Obwohl es so unbekannt schien, war es dennoch kein neues Gefühl, das jetzt unvermittelt in sein Herz drängte.

Hermine wandte sich wieder um. Sie kam zu ihm und setzte sich an sein Bett.

Aber nur für den Augenblick, nicht für immer“, fügte sie ruhig hinzu und sah ihm in die Augen.

Sie griff das Glas und reichte es ihm.

Vertrauen Sie mir nicht?“, fragte sie leise.

Severus sah ihr nachdenklich in die Augen.

Und welche Träume müssen Sie vertreiben?“ Seine Stimme war dunkel und ruhig.

Für einen Moment noch sahen sie sich in die Augen, dann senkte Hermine den Blick und erhob sich.

Brauchen Sie noch etwas?“, fragte sie und wandte sich zum Gehen.

Severus sah ihr nach.

Ein Buch", begann er und wies zum Bücherschrank, „würde ich jetzt nicht ablehnen."

Hermine lächelte leise. Langsam ging sie zum Regal an der Wand und studierte die Titel der darin befindlichen Bände.

Es ist vollkommen gleichgültig, welche Art Literatur Sie auswählen", sagte er, als hätte er Hermines Gedanken erraten, und die trotz seiner Worte arg daran zweifelte, ob klassische Literatur genau das sei, was er jetzt lesen wollte.

Lächelnd hob sie die Hand und zog einen kleinen Band aus der Bücherreihe heraus. Sie wandte sich um, kam zurück und reichte es ihm.

Er nahm es entgegen, las den Titel und lachte leise auf.

Coriolanus", sagte er amüsiert und sah hoch, „wie passend."

Hermine neigte leise den Kopf. Ein Lächeln huschte über ihre Züge. Sie ging zur Tür und legte die Hand auf die Klinke.

Gute Nacht, Severus Snape“, sagte sie, bevor sie die Tür öffnete, hinaus auf den Gang trat und die Tür hinter sich leise ins Schloss fallen ließ.

Severus wusste nicht, wie lange er auf die Tür gestarrt hatte, nachdem Hermine verschwunden war.

Schließlich senkte er den Kopf und starrte auf den Buchdeckel.

Vertrauen Sie mir nicht?’, hatte sie gefragt.

Severus schloss für einen Moment die Augen. Ein vager Gedanke an die Nacht in der Heulenden Hütte kam in seinen Sinn. Er wusste nicht genau, was es war, aber eines wusste er, er vertraute ihr.

Zurückschauen

So wunderbar warm und sonnig der Tag begonnen hatte, so kalt war es an seinem Nachmittag geworden. Der Himmel hatte sich mit dunklen Wolken bezogen, der Wind wehte kühl und ab und an sah es ganz danach aus, als würde es gleich zu regnen beginnen. Und dennoch genossen die beiden Frauen, die Seite an Seite schweigend durch den Garten gingen, die Natur, die hier so ursprünglich und rein zu sein schien. Hier war Ruhe, hier lebte die Stille und hier schöpften sie Kraft aus ihr.

Sie verstanden sich wie sie es nie gedacht hätten. In den letzten Tagen waren sie beide zu dem vertrauten ‚Du’ übergegangen und es erschien Hermine so wunderbar, von gleich zu gleich zu sprechen und den Respekt und das Vertrauen der von ihr so geschätzten Lehrerin zu genießen. Sie würde sie dafür nicht enttäuschen.

Hermine fühlte sich leicht und beinahe beschwingt.

Minerva hatte ihr erzählt, dass Hogwarts soweit wieder hergestellt war. Der Schulbetrieb konnte also in wenigen Wochen wieder aufgenommen werden. Sie hatte aber auch mit Bedauern geäußert, dass es ihr jetzt schon nicht mehr möglich sein würde, regelmäßig hierher zurückzukehren, nur um keinen Verdacht zu erregen.

Hermine lächelte leise bei dem Gedanken an Minervas Blick, der ihre Worte begleitet hatte. Sie wusste genau, was ihre alte Lehrerin bewegte und Hermine hatte ihr versichert, dass es ihr nichts ausmachen würde, Snape allein zu pflegen, zumal er ja das Schlimmste schon hinter sich hatte. Hermine begriff aber auch, dass sie sich damit ein klein wenig selbst belog, denn sie würde Minervas Gesellschaft und ihre gemeinsamen Gespräche am Kamin, die in den letzten Wochen zu einer wunderbaren wie auch selbstverständlichen Gewohnheit geworden waren, vermissen.

Dennoch war Hermine zuversichtlich. Das Ende der Einsiedelei war abzusehen, ihr gemeinsames Ziel in greifbare Nähe gerückt. Die Getreuen waren eingeweiht und setzten alles daran, den Weg zu ebnen, den sie gehen wollten. Nichts schien mehr unmöglich. Sie würden Severus Snape die Möglichkeit einräumen, sich zu erklären, sein Handeln zu begründen, und Hermine hoffte sehr, dass ihm das gelingen möge, ohne sein Innerstes offenbaren zu müssen. Es würde schwierig werden, und die Gefahr, dass die letzten Anhänger Voldemorts noch vorher seiner habhaft würden, war größer denn je. Doch solange Minerva ihren Aufenthaltsort nicht preisgab, würden sie nicht Gefahr laufen, entdeckt zu werden.

Und wieder kamen Hermine Minervas Worte in den Sinn. Was diese über die neue Welt gesagt hatte. Es würden Trauer, Wut und Verbitterung herrschen. Hermine hatte immer angenommen, dass die Menschen ob ihrer Befreiung endlich wieder frei atmen konnten, dass sie voller Tatendrang sein würden und voller Freude auf eine neue und hellere Welt. Aber vielleicht wog die Trauer um geliebte Menschen im Moment so viel schwerer, als dass sie einen klaren Gedanken hätten fassen oder gerecht hätten urteilen können.

Aber konnten sie sich ihrer sicher wähnen? Hermine fühlte mit einem Mal Unruhe in sich aufsteigen.

Nein’, dachte sie und wischte diesen Gedanken energisch fort. Sie hatte unendliches Vertrauen in die von Minerva Eingeweihten. Voller Wärme dachte sie an die Weasleys. Diese Familie war stark, sie hatten sich und sie würden immer zueinander stehen, was immer auch geschehen mochte. Sobald sie zu Ende getrauert hatten, würden sie nur noch stärker sein.

Völlig unvermittelt musste Hermine an ihre Eltern denken. Sie waren absolut ahnungslos geblieben. Hermine hatte dafür gesorgt, dass sie sich keine Sorgen machen mussten und sie hatte auch kein schlechtes Gewissen, wenn sie an die Mittel dachte, die sie eingesetzt hatte, um dies zu erreichen. Und doch sehnte sie sich jetzt nach ihnen und der Geborgenheit ihres Zuhauses, und einer Schulter, an die sich anlehnen konnte. Sie wollte nur für einen winzigen Augenblick nicht mehr stark sein, sondern einfach nur sie selbst.

Hermine atmete tief ein und drängte dieses starke Gefühl zurück. Sie hatte sich entschieden und es würde sie nichts davon abbringen, ihre selbstgestellte Aufgabe zu Ende zu bringen.

Sie empfand die Einsamkeit und Abgeschiedenheit hier nicht mehr als so bedrückend wie zu anfangs. Hatte sie sich zuerst dagegen gewehrt und alle Gedanken und Empfindungen, die sie in der ersten Zeit überfallen hatten, heftig zurückgewiesen, so lernte sie jetzt, sie zu akzeptieren, damit umzugehen und sie nach und nach zu verarbeiten. Und seit sie letzte Nacht nicht ihrem Lehrer, sondern Severus Snape eine gute Nacht gewünscht hatte, fühlte sich Hermine irgendwie freier. Sie konnte es nicht beschreiben, aber solange sie ihn als Lehrer sah, war sie immer unsicher geblieben. Sie hatte lange gerungen, hatte dann aber endlich für sich entschieden, ihn als Mensch zu sehen und für das zu achten, was er für sie alle getan hatte. Es rang ihr den höchsten Respekt ab, trotzdem sie seine Beweggründe selber nicht unbedingt guthieß, genauso wenig, wie die Mittel und Wege, es zu erreichen.

Hermine überlegte. Sie wollte ehrlich und gerecht sein. Wie hätte sie wohl entschieden, wäre sie an seiner Stelle gewesen?

Hätte sie sich so aufgegeben? Oder hätte sie einfach hingenommen, was geschehen war?

Im Grunde genommen war sie froh, sich diese Frage selbst nicht beantworten zu müssen.

In welch furchtbarem Zwiespalt musste er sich befunden haben, und es eigentlich immer noch sein. Hermine wusste genau, dass er diese Erlebnisse noch nicht verarbeitet hatte. Zu tief waren die Wunden, die er sich selbst geschlagen hatte. Und wenn sie jetzt genauer darüber nachdachte, erkannte sie, dass er auch gar nicht wollte, dass die Wunden auf seiner Seele heilten. Er peinigte sich immer noch.

Hermine dachte angestrengt nach. Wenn sie es nüchtern und emotionslos betrachtete, dann hätte sie sich gegen ein Leben entschieden, wie er es geführt hatte.

Leise Angst erfasste sie plötzlich.

Woher wollte sie denn wissen, dass er genau das wollte, was sie gerade im Begriff waren ihm zu geben? Was, wenn er sich schon lange damit abgefunden hatte, dass er aus diesem letzten Kampf nicht lebendig hervorgehen würde. Was, wenn ihm das Leben nichts mehr bedeutete?

Fratzenhaft schoben sich die Bilder in der ‚Heulenden Hütte’ vor Hermines Augen. Es tat wieder weh und es erschütterte sie immer noch zutiefst. Er hatte sich nicht gegen Voldemort gewehrt, als dieser Nagini befohlen hatte ihn anzugreifen. Und er hatte Voldemort auch nicht um sein Leben angefleht... Hermine sah seine Augen wieder, als er in die von Harry sah... Was war es, das sie meinte zu sehen? War es Abbitte, die er leistete, eine Bitte um Vergebung für das, was er getan hatte und für das, was er gewesen war bis genau zu diesem Augenblick? War es Erleichterung? Erlösung?

Ich mache mir Sorgen“, riss Minervas Stimme Hermine exakt in diesem Moment aus ihren Grübeleien.

Sie wandte überrascht den Kopf und sah sich fragend nach ihrer Lehrerin um, die stehengeblieben war. Hermine musste nicht einmal fragen, denn Minerva gab sogleich die Antwort auf ihren stummen und überraschten Blick.

Um Severus“, sagte sie leise und schloss wieder zu Hermine auf. Sie gingen langsam weiter.

Hast du nichts bemerkt?“

Hermine senkte die Lider.

Er schläft sehr schlecht“, sagte sie nur und schalt sich im Stillen feige. Sie wusste ganz genau, was Minerva meinte.

Nein, das ist es nicht.“ Minerva schüttelte leicht den Kopf und musterte Hermine von der Seite. Hermine empfand diesen Blick als äußerst unangenehm. Egal, was sie jetzt sagen würde, es war ihr, als könnte Minerva es in ihrem Herzen sehen und wissen, ob es Wahrheit oder Lüge war, also schwieg sie eisern.

Doch Minerva ließ Hermine nicht aus den Augen.

Du weißt, was es ist“, setzte sie schließlich beschwörend hinzu.

Hermine seufzte leise auf und blieb stehen.

Nein, ich weiß es nicht“, begann sie, „aber ich kann es mir denken.“

Minerva trat nah an Hermine heran.

Ich bitte dich, Hermine, erzähle es mir“, sagte Minerva eindringlich.

Hermine senkte den Kopf. Sie musste nachdenken. Eine Weile herrschte gespanntes Schweigen.

Gut“, sagte Hermine schließlich und schob das Kinn vor. „Ich erzähle alles, was ich selbst mit Harry und Ron zusammen erlebt und gesehen habe...“

Sie schwieg einen Moment, um sich zu sammeln.

Doch ich werde kein Wort über das verlieren, was er preisgegeben hat“, setzte Hermine flüsternd hinzu, hob den Kopf und sah Minerva in die Augen.

Minerva nickte still.

Sie gingen weiter zu der Steinbank in einer kleinen Lücke in der Thujahecke und setzten sich.

Hermine ließ sich Zeit und Minerva bedrängte sie auch nicht. Endlich, als das Schweigen beinahe nicht mehr auszuhalten war, begann Hermine leise zu erzählen.

Und mit jedem Wort, das ihr vor Augen führte, was diese jungen Menschen auf sich genommen hatten, und mit jeder Erinnerung an Severus’ vermeintlich letzte Stunden, die Hermine ihr aufzeigte, fühlte Minerva Erbitterung in sich aufsteigen. Es war die Erbitterung über ihr eigenes Zögern und Zweifeln und über ihr stolzes und gekränktes Wegsehen, das sie ahnungslos hatte werden lassen. Sie bekam in diesem Augenblick eine so klare Vorstellung davon, wie schwer die Aufgabe wog, die Albus Dumbledore diesen vier Menschen aufgebürdet und die sie auf so wundersame und tragische Weise schließlich doch noch zusammengeführt hatte, um sie endlich zu erfüllen.

Für Hermine aber war es ein erneutes Durchleben der letzten Monate, der Entbehrungen, die sie mit sich gebracht hatten und der Traurigkeit und Leere, die sie so manches Mal empfunden hatte. Und hatte sie bis jetzt gedacht, dass sie in der Ruhe der letzten Wochen so manches davon in ihrer Erinnerung leichter nehmen würde, musste sie erschüttert feststellen, dass sie noch lange nicht alles verarbeitet hatte, dass sie noch immer den Schmerz fühlte und die Angst, und die Wut über die Ungerechtigkeit und Grausamkeit der Menschen.

Als sie geendet hatte, strich sie trotzig eine Träne aus den Augenwinkeln und lehnte sich stumm zurück. Sie war nicht mehr fähig, auch nur ein Wort zu sprechen. Und dennoch fühlte sie sich auf eine gewisse Weise auch befreit. Es war ihr nicht leicht gefallen, darüber zu reden und doch spürte sie unendliche Erleichterung, war ihr ein tonnenschwerer Stein von der Seele genommen. Hermine senkte die Lider und versuchte erneut, die Tränen niederzukämpfen, die heiß in ihre Augen schossen.

Da fühlte sie Minervas Hand an ihrer Schulter, wie sie sie zu sich zog und sachte umarmte. Hermine ließ es geschehen. Sie schluchzte leise auf und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie war Minerva unendlich dankbar, dass sie einfach nur da war, sie musste gar nichts sagen. Endlich hatte Hermine die Schulter gefunden, an die sie sich anlehnen konnte und, zumindest für einen kostbaren Augenblick, sie selbst sein durfte.

Schließlich richtete Hermine sich wieder auf. Sie wischte die Tränen von den Wangen und sagte leise: „Ich kann dir nicht mehr erzählen.“

Minerva lächelte gutmütig und drückte Hermine beruhigend die Hand.

Es ist so viel mehr, als ich je erwartet habe, Hermine“, sagte sie. „Ich danke dir.“

Annäherungen

Ich habe Thomas und Mary gesagt, dass sie deinen Anweisungen unbedingt Folge zu leisten haben. Sie sind mir treu ergeben und werden gehorchen“, sagte Minerva noch und schlüpfte in ihren Reiseumhang. „Außerdem wissen sie über alles Bescheid, aber das weißt du ja.“

Hermine nickte still. Sie kannte die beiden Hausangestellten und mochte sie sehr. Hermine war sich sicher, die beiden würden, selbst wenn Minerva nicht da war, auch weiterhin für sie da sein, wenn sie sich alleine fühlte und ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen.

Ich werde es vor einer Woche wohl nicht schaffen, Hermine.“ Minerva schenkte ihr einen warmen Blick. „Wird es gehen?“, setzte sie noch leise hinzu.

Ja natürlich“, antwortete Hermine unschuldig.

Minerva lächelte.

Ich meinte damit, ob du mit Severus zurechtkommst.“ Sie sah Hermine tief in die Augen. „Er ist ein - wie soll ich sagen - ein komplizierter Mensch.“

Hermine lächelte.

Ich werde es schon schaffen“, sagte sie nur und reichte Minerva ihren Hut.

Gut“, sagte diese und setzte ihn sich schwungvoll auf das Haupt. „Ich werde sicher viele Neuigkeiten mitbringen, wenn ich zurückkomme.“

Ich brenne darauf.“ Hermine versuchte ihren Worten einen möglichst frohgemuten Anstrich zu geben, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie den Fortgang der Älteren zutiefst bedauerte. Doch Minervas Sinne waren durch ihre Menschenkenntnis und Lebenserfahrung so geschärft, dass sie die Änderung in Hermines Stimme deutlich spüren konnte. Einen Moment noch zögerte sie, so als müsste sie sich dessen erst sicher sein, was sie aus Hermines Worten heraushörte. Doch dann trat sie nah an Hermine heran und nahm deren Hände in die ihren.

Ich möchte dir so gerne versprechen, dass es bald vorbei sein wird, aber ich kann nicht sagen, wie lange es noch dauert.“

Hermine sah auf.

Ich werde aushalten. Du musst dir keine Sorgen machen, wirklich nicht“, wiederholte sie. „Ich bin ja nicht alleine.“

Minerva senkte den Kopf und sah Hermine über die Brillengläser hinweg tief in die Augen.

Da war er wieder, dieser Blick, der bis tief auf den Grund der Seele zu reichen schien. Hermine senkte die Lider und wollte ihr die Hände entziehen, doch Minerva hielt sie fest umklammert. Sie ließ Hermine nicht aus den Augen.

Wenn du Hilfe brauchst“, Minervas Händedruck wurde fester, „wenn ihr angegriffen werden solltet, dann schick mir deinen Patronus“, sagte sie beschwörend.

Hermine nickte.

Versprich es mir!“, sagte Minerva mit einer Stimme, die Hermine nur zu gut aus ihrem Unterricht kannte.

Hermine sah wieder auf.

Versprochen.“

Minerva gab Hermines Hände frei.

Ich sollte jetzt gehen“, sagte sie lächelnd.

Die beiden Frauen umarmten sich zum Abschied, dann disapparierte Minerva mit einem leisen Plopp und Hermine blieb allein in der Halle zurück.

Noch einen Moment starrte sie auf den Fleck, auf dem Minerva vor wenigen Augenblicken gestanden hatte, dann aber wandte sie sich um. Sie stieg die Treppen hinauf und ging zurück in ihr Quartier. Dort angekommen, nahm sie sich ein Buch, setzte sich entspannt in einen Sessel und schlug es an der von ihr markierten Seite auf, um weiterzulesen. Doch so sehr sie sich mühte, sich auf seinen Inhalt zu konzentrieren, so sehr schweiften ihre Gedanken ab und wanderten immer wieder zurück zu ihren Erinnerungen. Sie sah im Geiste die vielen Toten wieder, die in ihren Augen einen vollkommen sinnlosen Tod gestorben waren. Und doch hatte es etwas tröstliches, wenn sie daran dachte, dass diesen Toten die Ehre zuteil geworden ist, die ihnen gebührte, dass sie von ihren Familien zur letzten Ruhe gebettet werden konnten und dass um sie getrauert wurde.

Leise seufzend klappte Hermine das Buch wieder zu und legte es zurück auf den Tisch, dann erhob sie sich und ging nachdenklich im Zimmer auf und ab.

Leise Erbitterung stieg in ihr auf. An Snape hatte niemand gedacht, keiner hatte ihn zurückgeholt, um ihn in ein Grab zu legen. Nur Voldemorts letzte Getreue hatten nach ihm gesucht und den Gedanken an sein mögliches Überleben in die Zaubererwelt hineingetragen.

Hermine lachte leise und böse auf. Was für eine Ironie. Auch wenn diese letzten Verbliebenen hofften, seiner habhaft zu werden, um sich an ihm zu rächen, hatten sie wenigstens an ihn gedacht…

Hermine blieb am Fenster stehen und sah in den trüben Mittag hinaus. Sie drängte die Angst zurück, die sie empfand, wenn sie an die Folgen dachte, die ein Verrat ihrer Zuflucht mit sich bringen würde.

Ein tiefes Schnaufen bahnte sich seinen Weg aus ihrer Brust. Doch dann wandte sich Hermine entschlossen um. Sie ging zum Schrank, öffnete ihn und entnahm ihm ein Päckchen, das sie schon vor Tagen zurechtgelegt hatte.

Sie verließ ihr Zimmer und ging hinunter in die Küche. Es kam nicht oft vor, doch immer dann, wenn sie es nicht mehr ertragen konnte, alleine zu sein, Minerva nicht im Hause war und sie sich nach Gesellschaft und unverblümter, einfacher Unterhaltung sehnte. Dann genoss sie es, wieder auf beide Beine gestellt zu werden und schöpfte so die Kraft, um weiterzumachen.

Mary“, begann Hermine leise und trat neben die ältere Frau, die sich ihr jetzt freundlich zuwandte. „Bitte, ich möchte heute nicht alleine essen. Sie gestatten doch sicher, dass ich hier... mit Ihnen…“

Mary wiegte lächelnd den Kopf.

Natürlich gestatte ich es, mein Kind“, sagte sie leise und reichte Hermine einen Teller.

Hermine sah ihr nachdenklich dabei zu, wie sie Suppe in den Teller schöpfte. Eine ganze Weile sagten sie nichts.

Aber Recht ist es Ihnen nicht“, fragte Hermine schließlich nach zwei Löffeln.

Mary lächelte.

Nein, Hermine, Sie können kommen, wann immer Sie möchten“, sie setzte sich neben Hermine und sah ihr in die Augen.

Aber?“, fragte diese misstrauisch und legte den Löffel ganz vorsichtig neben ihren Teller.

Hier unten ist nicht der richtige Platz... Gehen Sie wieder nach oben und leisten Sie Ihrem Patienten Gesellschaft.“

Hermine schwieg verlegen.

Schenken Sie dem Mann ein wenig Zerstreuung, Hermine“, setzte Mary noch hinzu.

Hermine fühlte sich für einen flüchtigen Moment an Minerva erinnert.

Welche Zerstreuung könnte ich diesem Mann wohl schenken“, sagte sie trotzig.

Angst?“, fragte Mary leise.

Ich habe keine Angst“, sagte Hermine protestierend.

Natürlich nicht“, sagte Mary. Sie erhob sich und nahm das Päckchen, das Hermine neben sich auf den Tisch abgelegt hatte und hielt es ihr hin.

Hermine stand zögernd auf.

Gehen Sie schon, um das Essen werde ich mich kümmern.“ Und mit diesen Worten drückte sie Hermine das Paket in die Hände, schob sie zur Tür und schließlich zur Küche hinaus. Hermine ließ es geschehen und als sie allein auf dem Gang stand, musste sie lächeln. Mary hatte sicher Recht. Weshalb sollte Hermine denn Angst haben… Entschlossen machte sie sich auf den Weg, um nach dem Kranken zu sehen.

Mit jedem Schritt, dem sie sich seinen Räumlichkeiten näherte, nahm ihre innere Unruhe zu. An der Tür zu seinem Zimmer blieb sie stehen. Sie hatte die Klinke schon in der Hand, doch dann besann sie sich. Sie hob die Hand und klopfte leise, beinahe zaghaft, an und wartete gespannt. Es dauerte einen Moment, aber dann drang ein gedämpftes ‚Ja’ durch die Tür und nach einem weiteren Augenblick des Zögerns drückte Hermine die Klinke herunter und trat ein.

Ein kurzer Blick und sie zog, einen winzigen Moment nur, erstaunt die Brauen hoch. Severus Snape saß auf der Bettkante und stützte sich mühevoll mit den Händen zu beiden Seiten ab. Hermine war sich nicht sicher, ob er sich soeben gesetzt hatte oder ob er gerade im Begriff gewesen war, aufzustehen.

Als sie schließlich ganz eingetreten war und leise die Tür hinter sich geschlossen hatte, zog er die Decke über den Schoß und sah ihr verstohlen entgegen. Hermine ignorierte seine überdeutliche Verlegenheit. Sie wandte sich um und ging zum Tisch. Dort legte sie ihr Päckchen ab und griff nach dem Verbandszeug. Dann trat sie heran und setzte sich neben ihn auf das Bett.

Darf ich?“, fragte sie leise und legte ihm die Rechte auf die verwundete Schulter. Auch wenn er sie nicht mehr lange brauchen würde, wusste sie genau, dass es ihm im höchsten Maße unangenehm war, von fremder Hilfe abhängig zu sein.

Hermine fühlte sehr deutlich, wie ein feines Zittern durch seinen Körper ging und zog ihre Hand wieder zurück. War ihm diese einfache Berührung so unerträglich...?

Severus spürte ihr Zögern und bemerkte ihren Rückzug. Sicher, er war es nicht gewohnt, schwach und auf andere angewiesen zu sein. Wenn er gekonnt hätte, die Kraft dazu gehabt hätte, würde er sie bestimmt abgewiesen haben. Aber jetzt war es anders. Etwas hielt ihn fest und sagte ihm, dass es mit nichts zu vergleichen war, was er in den letzten Jahren erfahren hatte, und es nichts gegeben hatte, was je kostbarer gewesen wäre.

Er nickte leicht.

Ja.“ Seine Stimme war rau und er fühlte einen leisen Hustenreiz im Hals, der ihn umso stärker quälte je mehr er bemüht war, ihn zu unterdrücken. Er zog missmutig die Brauen zusammen. Innerlich verwünschte er sich für diese kindische Verschämtheit, die ihn so unvermittelt überfiel. Er räusperte sich leise, hob den Kopf und sah, an Hermine vorbei, mit starren Augen hin zum Fenster.

Er fühlte ihre warmen Hände, wie sie ganz vorsichtig die Verbände lösten. Trotz ihrer Sanftheit tat es ihm weh. Die Muskeln in seinem Gesicht zeichneten sich sehr deutlich unter der Haut ab, als er im Schmerz die Kiefer heftig aufeinander presste. Kein Laut kam über seine Lippen. Die Muskeln angespannt, saß er da und ergab sich Hermines sachkundigen Händen.

Hermine bemerkte wohl, dass er Schmerzen hatte und sie bemerkte auch die Gänsehaut, die über seinen Körper lief, als sie sanft die Wundsalbe auf die feuerroten Narben strich. Und mit einem Mal überfiel sie ein Gefühl der Wärme und Innigkeit, das sie gleichzeitig so furchtbar verlegen machte, dass sie froh war, dass er ihr Gesicht nicht sehen konnte. Sie war sich vollkommen sicher, dass auch sie den Ausdruck von Verlegenheit, die sie daraufhin gepackt hatte, genau wie er vorhin, nicht schnell genug hätte verbergen können.

Fertig“, sagte Hermine leise und erhob sich.

Kein Verband?“, fragte Severus verwundert.

Nein.“

Er sah an sich herunter und tastete mit der Rechten über die Wunden an Hals, Schulter und Brust. Schorfig und feuerrot waren sie und schmerzten noch immer bei Berührung. Aber sie raubten ihm jetzt nicht mehr die Kraft.

Er schwang die Beine wieder aufs Bett und lehnte sich erschöpft in die Kissen zurück. Ein wenig fröstelte ihm und er zog die Decke bis über die Brust. Hermine hatte indessen die alten Verbände zusammengeräumt und mit einem Wink verschwinden lassen. Severus zog anerkennend eine Braue hoch. Er wusste immer, dass sie begabt war, aber dass sie diesen Zauber ohne Zauberstab ausführen konnte, rang ihm dann doch ein wenig Achtung ab.

Hermine quittierte seine stumme Anerkennung mit einem schwachen Lächeln.

Was ist das?“, fragte er leise und ließ seinen Blick zum Tisch wandern.

Hermine ging und holte das Bündel. „Es gehört Ihnen“, sagte sie und reichte es ihm hin.

Severus zog die Brauen zusammen. Beinahe zögernd nahm er es entgegen. Dann schlug er das Seidenpapier auseinander. Sauber und fein zusammengefaltet lag ein Bündel Kleidung vor ihm, obenauf sein Zauberstab und ein Kuvert.

Sie können ja schließlich nicht nackt herumlaufen“, sagte Hermine leichthin und wandte sich hastig ab, als sie sah, dass er den Brief geöffnet hatte und hervorzog, was darin gesteckt hatte.

In diesem Moment war Severus Hermine unendlich dankbar dafür, dass sie sich umgewandt hatte und ihn nicht sehen konnte.

Er hielt in der zitternden Hand je die Hälften einer alten Fotografie und eines Briefes. Beides war kaum noch zu lesen, angetrocknetes Blut hatte die Zeilen verwischt und das Bild beinahe zerstört.

Severus’ Atem ging schnell, er legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Wie eine machtvolle Woge überrollten ihn die Erinnerungen und es kostete ihm unendliche Mühe, ein Stöhnen zu unterdrücken. Schließlich öffnete er die Augen und starrte auf das Bild. Er wusste, dass alle seine Träume von diesem Leben lange zerstört waren. Doch er hatte nie aufgegeben, hatte verzweifelt gehofft und doch war dieses Hoffen an der Wirklichkeit zerbrochen.

Severus war sich durchaus bewusst, dass er sich all die Jahre an ein Leben geklammert hatte, das nicht seines gewesen war, dass er sich beständig belogen hatte. Doch er hatte es sich bisher nie wirklich eingestanden.

Tat er es denn jetzt?

Severus wünschte sich in diesem Moment auf der Welt nichts mehr, als dass er dieses Leben in der elenden Hütte zurückgelassen hätte. Und dennoch konnte er sich nicht davon lösen, wollte nicht hergeben, was ihm all die Jahre Motivation gewesen war, weiterzuleben, um seine Schuld zu sühnen, obwohl er sich so manches Mal den Tod gewünscht hatte, nur damit seine geschundene Seele endlich Ruhe finden möge.

Severus fühlte sich mit einem Mal schwach und müde. Ganz langsam schob er Brief und Fotografie in den Umschlag zurück und legte ihn vorsichtig auf den Tisch neben dem Bett.

Warum haben Sie es nicht weggeworfen?“, fragte er leise und lehnte sich in die Kissen zurück.

Hermine wagte es, sich wieder umzudrehen. Erleichtert stellte sie fest, dass er wieder beherrscht und ruhig war.

Es stand mir nicht zu“, sagte sie flüsternd.

Obwohl er im Grunde genommen die Antwort schon kannte, musste er sie fragen, nur um ganz sicher zu gehen.

Sie haben sie gesehen?“ Er sah ihr still in die Augen. Sie musste gar nicht antworten, er sah es auch so und doch senkte Hermine für einen Moment zustimmend die Lider und nickte leicht.

Ein stummes gegenseitiges Einvernehmen, dem ein langes Schweigen folgte. Die Stille wirkte beinahe fassbar, bis ein leises Klopfen beide aus ihrer Starre riss.

Hermine ging zur Tür und öffnete. Mary stand mit einem Tablett voller Schüsseln und Teller vor ihr. Hermine gab den Eingang frei und ließ sie eintreten. Mary stellte das Tablett ab und verschwand so schnell wie sie gekommen war.

Ein wenig unentschlossen stand Hermine an der Tür und sah Severus entgegen.

Möchten Sie alleine sein?“, fragte sie zögernd.

Ein kaum merkliches Lächeln huschte über seine Züge. Er schloss für einen Moment die Augen. Was war es, das ihn ruhig werden ließ, wenn sie da war?

Nein“, sagte er leise, wandte den Kopf und sah sie endlich an, „ich möchte, dass Sie bleiben.“

Dann schwang er unbefangen die Beine aus dem Bett, griff nach seinen Kleidern und begann sich anzuziehen.

Nachdem er sich mühevoll die Hose über die Knie gezogen hatte und endlich auf beiden Beinen zum Stehen kam, konnte es Hermine nicht mehr länger mit ansehen, wie er sich dabei plagte. Sie trat heran und half ihm, sich fertig anzukleiden, und sie war erleichtert darüber, dass er ihre Hilfe nicht ablehnte, dass er ihre Hand nicht abwies.


Fortsetzung folgt…