ENDE UND ANFANG

von artis magica



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Kapitel 7 - 9



Erwachen

Der Tag begann zu dämmern. Von fern sang eine Amsel ihr einsames Lied, die Sonne kämpfte sich durch milchige Nebelbänke, die wabernd über dem Land hingen und sich nur zäh auflösten. Der Himmel darüber war wolkenlos. Ein sanfter warmer Wind fuhr durchs halb geöffnete Fenster und bauschte die feinen Vorhänge.

Mit einem leisen Schrei fuhr Severus aus dem Schlaf. Orientierungslos starrte er mit weit aufgerissenen Augen in den erwachenden Morgen. Sein Atem ging schwer. Nur langsam fand er zu sich und beruhigte sich wieder.

Es war nicht das sanfte Licht der Sonne, das ihn geweckt hatte, es waren seine Träume. Sie schreckten ihn immer noch, obwohl er wusste, dass die Wirklichkeit auch ihn längst eingeholt hatte, dass er jetzt endlich ruhig schlafen konnte, schlafen und ausruhen. Wie sehr er es sich wünschte, wurde ihm erst jetzt bewusst. Doch selbst das Wissen um seine Freiheit, um sein wieder gewonnenes Leben konnte nicht verhindern, dass sich die alten Bilder immer wieder und unerbittlich in seinen Geist schoben, dass sie ihn auftrieben, ihn mit sich rissen und nicht ruhen ließen. Sie quälten ihn auf furchtbare Art, immer noch.

Er drehte sich leise stöhnend auf die Seite und zog die heruntergerutschte Decke wieder über die verletzte Schulter.

Jetzt kam noch etwas anderes hinzu, das ihn, seit er wieder klar denken konnte, unablässig beschäftigte und beinahe wahnsinnig werden ließ.

Severus schloss schmerzlich die Augen. Es war die Preisgabe seiner geheimsten Gedanken und Empfindungen, die er so lange Zeit schon tief in seinem Geist verborgen hielt. Die Herausgabe der einzigen Gedanken und Empfindungen, welche sein Herz immer noch rührten, selbst nach so vielen Jahren.

Ein freudloses Lächeln huschte über seine Züge.

Er hätte sie nie in seinem Leben hergegeben, wenn er gewusst hätte, dass er weiterleben würde. Sie sollten doch nur verstehen...

Verstehen - den Wunsch danach trug er schon so lange in sich. Hatte er ihn anfangs entschieden unterdrückt, bahnte er sich im Lauf der Jahre, ohne sein bewusstes Zutun, seinen Weg immer weiter an die Oberfläche. Er nahm ihn ganz in Besitz und ließ ihn tief in seinem Inneren nach eine Seele rufen, die ihn verstand, die den Grund für seine Handlungsweise zumindest ansatzweise billigte, die ihm beistehen würde, egal, was passierte, die ihn nicht alleine ließ...

Was er verloren hatte, wusste er immer und hatte, erst als es längst zu spät war, endlich verstanden. Dieses Verlieren hatte unendlich wehgetan, und wenn er sich selbst gegenüber ehrlich war, tat es das noch immer.

Es war ihm seit damals auch nie wieder gelungen, ein solch tiefes Gefühl für sich bei anderen hervorzurufen. Im Grunde genommen wollte er es auch nicht. Nur um sich nicht preiszugeben, bevorzugte er ab jetzt die Oberflächlichkeit. Er hasste es immer mehr, und doch schien es ihm der einzige Weg zu sein, den er gehen konnte - gehen wollte, ohne große seelische Wunden davonzutragen.

Seufzend drehte er sich wieder auf den Rücken und starrte an die Decke.
Warum drängten sich ihm gerade jetzt solche Gedanken auf?
Das war eine Frage, die er sich durchaus zu beantworten wusste und es dennoch nicht tat.

Es war alles, was er im Laufe der Jahre eisern verdrängt und das er tief in sich eingeschlossen hatte. Es fiel nicht weiter schwer, diese Gedanken nicht zu denken und aufzuarbeiten, da die beständige Furcht vor Entdeckung und Verrat weit schwerer wog, und sein Versprechen, das jetzt endlich erfüllt war. Er sollte darüber eigentlich froh sein, und doch gab es etwas, das ihn immer noch festhielt, das ihn trotzdem nicht aufatmen ließ...

Es war die Furcht, die unbändig in ihm aufsprang. Eine Angst darum, wie sein Leben jetzt verlaufen würde. Er war der Verräter, der Mörder, stets gemieden und gehasst. Wussten sie überhaupt, dass er noch am Leben war? Und wenn es so war, würden sie ihn nicht stellen und ihm den Prozess machen wollen?

In seinen Erinnerungen kehrte er zurück nach Hogwarts, einem Platz, der ihm endlich Heimat sein sollte, dorthin, wo er hoffte, alles zu finden und wo er doch alles verloren hatte, zum zweiten Mal schon. Er hatte gehofft, im Sterben die wieder zu sehen, die ihm trotz allem wirklich Freund gewesen waren.

Er wischte diesen Gedanken aus seinem Kopf.

Irrwitz! Da waren keine wirklichen Freunde, waren nie welche gewesen. Leise Trauer stieg in ihm auf.

Wie sehnte er die Bewusstlosigkeit herbei, nur um nicht solche Gedanken denken zu müssen. Ein leises Stöhnen entrang sich seiner Kehle.

Er wusste jetzt, dass seine Wunden heilen würden, dass er gesund werden würde. Aber wofür? Eine Frage, die ihn immer wieder quälte, solange er wach war, ihm das Fieber nicht die Besinnung nahm. Beinahe sehnte er es jetzt herbei…

Ein leises Geräusch holte ihn aus den dunklen Grübeleien in den hellen Tag zurück.

Er horchte auf und wandte den Kopf. Die Tür wurde vorsichtig geöffnet. Hermine Granger trat ein und sah ihm forschend entgegen. Ein unsicheres Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie bemerkte, dass er munter war.

Sie trug ein Tablett, das sie jetzt sachte auf dem Tisch neben seinem Bett abstellte.

Guten Morgen", sagte sie leise und kam zu ihm heran.

Ohne Zögern strich sie über seine Stirn und stellte zufrieden fest, dass er kein Fieber mehr hatte. Sie wandte sich um und griff zum Verbandszeug.

Severus beobachtete sie verstohlen, während sie die Sachen zurechtmachte.

Geschickt und sicher war sie. Er gab es nur ungern zu, aber er fühlte sich bei ihr gut aufgehoben. Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht, das so schnell wieder verschwand wie es gekommen war, und als Hermine sich ihm wieder zuwandte, war seine Miene undurchdringlich wie immer.

Sie sah ihn einen Augenblick lang an. Die Augen schienen das einzig lebendige in diesem abgehärmten und von Schmerz gezeichneten Gesicht.

Sie setzte sich zu ihm.

Darf ich?", fragte sie und sah ihm still in die Augen.

Severus antwortete nicht. So sehr es ihm auch missfiel, verletzt und ausgeliefert zu sein, die Hilfe, die sie ihm bot, war alles, was er brauchte, ja im Grunde genommen alles, was er im Augenblick wollte. Er senkte die Lider und Hermine verstand. Sie schlug die Decke zurück und löste mit größter Umsicht die Verbände. Dann wandte sie sich um und während sie nach der Wundessenz griff, fuhr Severus’ Rechte ganz vorsichtig über die tiefen Verletzungen an Hals, Schulter und Brust. Die Haut schien regelrecht zerrissen. Mühevoll hob er den Kopf. Er sah an sich herunter und fand seine Vermutung bestätigt. Diese Narben würden nie vergehen, dafür waren sie zu tief, aber auch wenn sie immer zu sehen sein würden, war nichts abstoßendes daran, es waren einfach nur die Zeichen eines furchtbaren Kampfes, der gewonnen worden war.

Kraftlos ließ er den Kopf in die Kissen zurückfallen und sah in ihre Augen.

Hermine erwiderte ruhig seinen Blick, dann umfasste sie seine Hand und schob sie sachte beiseite.

Er spürte ihre sanften Hände, die seine Wunden salbten und neu verbanden. Und als sie sich über ihn beugte, nahm er sehr deutlich den Duft ihres Haares wahr, das über ihre Schultern in sein Gesicht gefallen war und das ihn kitzelte. Für einen Moment schloss er die Augen und genoss dieses unschuldige Gefühl, das sich mit einem Mal in sein Herz drängte.

So ungewohnt es auch war, ein klein wenig schenkte ihm dieses Gefühl neue Zuversicht, zog ihn weg von den drückenden Gedanken über das, was werden würde. Es holte ihn in das Jetzt zurück und ließ sein Herz ruhiger schlagen.

Er hob die Lider und sah in ihr Gesicht, in ihre Augen, die ihn besorgt musterten.

Es geht schon", sagte er rau.

Hermine nickte leise.

Sie müssen etwas essen", sagte sie mit einer Stimme, die keinen Widerspruch gestattete. Und noch bevor er etwas hätte sagen können, schob sie ihm die Hände unter die Schultern. Severus reagierte, stützte sich auf die Ellbogen und setzte sich mühevoll auf. Hermine drückte ihm die Kissen ins Kreuz und mit einem leisen Stöhnen lehnte er sich vorsichtig zurück.

Was für eine Plage. Eine so unbedeutende Bewegung, die er selbst nicht alleine ausführen konnte. Sie schwächte ihn, entzog ihm die letzte verbliebene Kraft. Jeder Muskel tat ihm weh. Wie lange eigentlich hatte er schon keine Nahrung zu sich genommen?

Hermine wandte sich um und nahm eine Schale vom Tablett. Sie führte sie vorsichtig an seinen Mund. Der Duft der heißen Brühe stieg ihm in die Nase und sagte ihm unmissverständlich, dass er einen Bärenhunger hatte.

Er hob die Hände und nahm die Schale von Hermine. Bemüht, das starke Zittern seiner Hände zu unterdrücken, hielt er sie und trank unter immenser Anstrengung. Auch wenn ihm das Schlucken Schmerzen bereitete, er trank sie leer. Wunderbare Wärme durchströmte ihn, stillte den ersten Hunger und schenkte ihm eine Winzigkeit Kraft. Schließlich ließ er müde die Arme sinken. Er schloss erschöpft die Augen und lehnte den Kopf zurück.

Hermine räumte zusammen, schenkte Wasser in ein Glas und stellte es neben ihn auf den Tisch. Als sie ihn versorgt wusste, holte sie sich das Buch, das sie angelesen hatte und welches noch immer auf dem Tisch vor dem Kamin lag. Sie setzte sich ans Fenster und begann zu lesen.

Severus hob die Lider und beobachtete sie verstohlen. Die Sonne beleuchtete sanft ihr Profil, ein feiner Windhauch fuhr in ihr Haar. Es störte sie nicht, dass ihr die Locken in die Stirn fielen, sie schien ganz in ihrer Lektüre versunken.

Severus’ Gedanken folgten einem Weg, den er sie vorher nie hätte gehen lassen. Doch jetzt drängten sie sich ihm auf, ließen ihn nicht in Ruhe.

Ein leises Stöhnen, das er zu unterdrücken suchte, als der stechende Schmerz in seine Wunden fuhr.
Ein aufmerksamer, sorgenvoller Blick von ihr.

Ihr Umgang miteinander war unendlich vorsichtig, beinahe geprägt von Verlegenheit. Er dachte nur einen Augenblick darüber nach: Mit Minerva selbst hätte er sein können wie immer, sachlich, ruhig und auf eine gewisse Art und Weise auch unpersönlich. Er hatte gerade diese Art immer geschätzt, half sie ihm doch, die eigenen Gefühle außen vor zu lassen und keine Einblicke in dieselben zu gewähren. Er fühlte sich freier dadurch und irgendwie auch ungezwungen - unabhängig vielleicht. Eine Unabhängigkeit, die er jetzt aufgegeben hatte.

Er horchte tief in sich hinein. Es war ein sonderbares Gefühl, das ihn jetzt gefangen nahm. Es war nicht peinlich, wie er geglaubt hatte. Es war schlicht, es war einfach, es war ehrlich. Es war das, was er sich bis jetzt immer gewünscht hatte und das ihm bisher versagt geblieben war, dass jemand da war, wenn er gebraucht würde.

Warum?

Der Tag war so friedlich, so wunderbar still. Minerva genoss diese Stille, zog sich ganz in sie zurück. Es war eine Stille, die sie so bewusst in den letzten Jahren nicht wahrgenommen hatte, und ganz besonders jetzt, da sie endlich zur Ruhe gekommen war. Wie sehnte sie sich danach. Die Jahre des Kampfes hatten auch auf ihrer Seele Spuren hinterlassen. Erst jetzt fühlte sie den eigenen Schmerz, den Verlust von geliebten Menschen und die Schuld, die sie sich durch ihre Ignoranz aufgeladen hatte und die sie jetzt gnadenlos auftrieb und sie nicht ruhen ließ.

Immer wenn sie hierher zurückkehrte, fielen Unruhe und Angst von ihr ab, bestimmten für ein paar Stunden Frieden und Hoffnung ihr Leben, war sie frei von allen Zwängen, die sie sich freiwillig aufgebürdet hatte. Sie liebte ihre Arbeit, sie liebte Hogwarts, das jetzt wieder auferstehen würde, und doch überfielen sie beständig die Erinnerungen, wenn sie dort weilte. So frei sie jetzt waren, sie würde sie nie ablegen, die Zwiespältigkeit, die sie seit Voldemorts Tod empfand. Immer würde sie sie fühlen, Freude und gleichzeitig auch Trauer.

Minerva erhob sich seufzend aus ihrem Sessel und trat ans Fenster. Sie konnte bis zur Steilküste sehen, so klar war die Luft. Der Sommer war ungewöhnlich warm dieses Jahr.

Versonnen starrte sie in die Ferne. So vehement sie diese Gefühle immer ignoriert hatte, so unerbittlich drängten sie sich jetzt in ihren Geist und hielten ihr einen Spiegel vor.

Sie wollte sühnen. Alles, was sie abgetan und willentlich vergessen hatte, was sie nicht hatte sehen wollen, wollte sie jetzt an dem Mann wiedergutmachen, der mit so furchtbaren Verletzungen in ihrem Haus ein Lager und eine Zuflucht gefunden hatte. Sie wollte alles tun, um seinen Namen wieder herzustellen und ihm einen geachteten Platz in der Gemeinschaft zurückzugeben.

Minerva wiegte leise den Kopf. Einen Anfang hatte sie schon gewagt. Sie war Hermine unendlich dankbar, dass sie sie in diese elende Hütte geführt hatte. Getroffen musste Minerva zugeben, dass auch sie nicht mit einem winzigen Gedanke an Severus gedacht hatte. Sie hatte ihn geschmäht und für feige gehalten, schon seit jener Nacht, in welcher er Dumbledore getötet hatte. Dass er gegen Voldemort hätte kämpfen können, war ihr nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen. Nein, sie hatte sogar angenommen, er wäre aus Feigheit geflohen. Oh, wie beschämten sie diese Gedanken, immer noch, jedes Mal, wenn sie ihm gegenübertrat.

Wie gerne würde sie wissen, was die Beweggründe für sein Handeln gewesen waren. Wie gerne würde sie verstehen. Minerva zog die Brauen zusammen und schalt sich feige. Hätte sie Dumbledore nur stark genug gedrängt, ihr zu sagen, welche Intentionen er verfolgte… Da war so viel Zeit… Sie schüttelte resigniert den Kopf. Es kränkte sie noch immer, dass er sie nicht ins Vertrauen gezogen hatte, doch sie wusste auch, es war sinnlos, sich jetzt noch darüber Gedanken zu machen, das war längst vorbei. Es gab nichts, was die Vergangenheit wiedererstehen lassen konnte. Was zählte war das Jetzt, das Heute und vor allem das Leben, das ihnen allen auf so wunderbare Weise geschenkt worden war.

Minerva wandte sich um und ging entschieden durch den Raum hin zur Tür. Sie schritt den Gang entlang und blieb vor Severus’ Krankenzimmer stehen. Einen Moment lang zögerte sie, doch schließlich drückte sie die Klinke nieder und trat ein.

Ein kurzer Blick. Ein Bild tiefen Friedens bot sich ihr.

Hermine saß in einem Sessel am weit geöffneten Fenster. Sie hatte wohl gelesen und war darüber eingeschlafen. Der Kopf war ihr zur Seite gesunken, das Buch den Händen entglitten und zu Boden gefallen. Der sachte Wind blätterte leise die Seiten um.

Minerva wandte den Kopf und sah zu Severus, der mit geschlossenen Augen auf seinem Lager ruhte. Seine Brust hob und senkte sich gleichmäßig, sein Atem ging leise. Seine Züge waren abgehärmt und eingefallen. Die Rechte hielt das Laken umklammert, das er sich bis an die Brust gezogen hatte.

Minerva lächelte gutmütig. Sie schloss die Tür und trat ganz leise zu Hermine. Einen Augenblick schenkte sie der jungen Frau einen warmherzigen Blick, dann beugte sie sich nieder und legte Hermine eine Hand auf die Schulter. Die schrak auf und sah sich orientierungslos um. Es dauerte eine Weile, bis sie realisiert hatte, wo sie sich befand. Sie rieb sich die Augen und erhob sich langsam.

Was ist passiert?“, fragte sie besorgt.

Alles in Ordnung“, flüsterte Minerva beruhigend, „gehen Sie und ruhen Sie sich aus. Ich bleibe hier.“

Hermine nickte stumm, beugte sich nieder und hob ihr Buch vom Boden auf. Sie legte es auf den Sessel und ging zur Tür. Sie warf noch einen flüchtigen Blick zu Severus, dann ließ sie leise die Tür ins Schloss fallen.

Minerva horchte den Schritten Hermines nach, die bald im Gang verhallten, dann war es still. Da war nur noch das Rauschen des Windes, der um das Gebäude strich und die Wipfel der Bäume sanft wiegte. Ein Schwarm Sperlinge hatte sich gerade in einem Rosenbusch unter dem Altan niedergelassen und schilpte laut und ungezwungen.

Minerva lauschte nachdenklich diesem liebenswerten Zwitschern, das jeglicher Harmonie entbehrte und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Schließlich wandte sie sich um und ging in den Raum zurück. Sie ging bis zu Severus’ Lager und setzte sich auf den Stuhl, der daneben stand.

Sie wusste nicht, wie lange sie schon dasaß und darauf wartete, dass er sich endlich regte. Was sie aber wusste, war, dass er nur vorgab zu schlafen, und ein leiser Hauch Ärger flog sie bei dem Gedanken daran an, dass er sie so lange warten ließ.

Schließlich beschloss sie, diesem Katz-und-Maus-Spiel ein Ende zu bereiten.

Ich weiß, dass Sie nicht mehr schlafen, Severus“, sagte sie leise und wartete gespannt. Sie hatte sich nicht getäuscht, denn er hob die Lider und wandte langsam den Kopf.

Einen Moment lang sahen sie sich stumm in die Augen.

Was wollen Sie von mir?“, fragte er reserviert. Trotz dass sie so leise gesprochen wurden und obwohl er es im Grunde genommen gar nicht wollte, klangen diese wenigen Worte ungemein abweisend. Doch im Augenblick stürmte so viel auf ihn ein, das er noch nicht einzuordnen wusste und lag soviel hinter ihm, was er noch nicht verarbeitet hatte, als das er angemessen hätte reagieren können. Und so war auch der Blick, den er ihr mit diesen Worten schenkte, herausfordernd und trotzig.

Minerva antwortete nicht gleich. Sie sah in seine Augen und erwiderte diesen Blick ganz ruhig. Schließlich senkte sie die Lider und atmete tief ein.

Wissen“, sagte sie nur.

Ein herbes Lächeln huschte über sein Gesicht.

Es ist alles gesagt. Voldemort ist tot, Potter lebt. Es gibt nichts mehr zu erklären.“

Minerva schüttelte leise den Kopf. Sie schwieg. Was sollte sie ihm darauf antworten? Und doch wollte sie es begreifen.

Ich möchte verstehen, Severus“, sagte sie eindringlich.

Zu spät“, sagte er ablehnend.

Minerva nickte leicht und sah ihn an.

Hätten Sie es mir gesagt, wenn ich Sie eher gefragt hätte?“

Severus schloss die Augen.

Nein!“ Er hätte es niemandem gesagt.

Ein Moment der Stille, der sich unsichtbar und doch undurchdringlich wie eine Mauer zwischen sie schob.

Hermine haben Sie sich erklärt.“ Sie flüsterte es beinahe.

Das war so nicht beabsichtigt“, entgegnete er und ein Hauch rot überzog seine Wangen.

Wie war es denn beabsichtigt?“

Severus sah sie jetzt an. Seine Augen glühten, die Farbe war wieder aus seinem Gesicht gewichen.

Es wäre alles so, wie es sein sollte, wenn Sie mich nicht hierher gebracht hätten“, antwortete er bitter.

Minerva schüttelte unmerklich den Kopf. Auch wenn sie seine Offenbarung nicht kannte, ihre Menschenkenntnis und dieser Satz sagten Minerva sehr deutlich, dass da etwas war, das er sich nicht verzeihen konnte. Und dass er es jemandem gezeigt hatte, in dem Glauben, er würde sterben, wog noch viel schwerer, lag wie ein Schatten auf seiner Seele. Minerva konnte sich sehr gut vorstellen, wie er sich jetzt fühlte. Doch das war kein Grund, sich zu wünschen, gestorben zu sein.

Das ist nicht Ihr Ernst, Severus“, sagte sie vorwurfsvoll.

Er antwortete nicht.

So viel Selbstanklage?“

Schweigen.

Was ist es?“, fragte sie nachdrücklich.

Kein Wort. Er sah an ihr vorbei.

Gut“, Minerva erhob sich, „ich werde Sie nicht drängen, Severus. Ich respektiere Ihr Schweigen.“

Sie wandte sich zum Gehen. Als sie schon an der Tür war, hörte sie seine leisen Worte: „Warum ist sie hier?"

Minerva blieb stehen. Sie zögerte einen Lidschlag lang, dann drehte sie sich wieder um.

Weil ich sie darum gebeten habe", antwortete sie und sah ihn aufmerksam an. „Ist es Ihnen unangenehm?“, setzte sie ruhig hinzu.

Severus schloss die Augen. Er hatte so manches Mal Minervas Geradlinigkeit verwünscht. Immer, wenn man es am allerwenigsten erwartete, brachte sie es auf den Punkt. Dann gab es keinen Weg mehr, sich ihr zu entziehen.

Was wollte sie jetzt hören?

Er horchte in sich hinein. Nein, es war ihm nicht unangenehm. Was er empfand, wusste er selbst nicht zu beschreiben, geschweige denn, dass er es in Worte fassen konnte. Aber unangenehm war es nicht.

Weiß sonst noch jemand außer Ihnen und Granger, dass ich … nicht tot bin?“, wich er aus.

Minerva ging langsam durch den Raum und blieb vor ihm stehen.

Offiziell sind Sie tot. Allerdings…“, sie stockte.

Severus wandte den Kopf und sah sie offen an.

Allerdings?“, wiederholte er fragend.

Minerva hob die Schultern und setzte sich neben ihn.

...hat man Ihren Leichnam nicht gefunden“, sagte sie gedämpft.

Er zog die Brauen zusammen und eine tiefe Falte grub sich über die Nasenwurzel ein. Er fühlte leise Unruhe in sich aufsteigen.

Die letzten Getreuen Voldemorts…“, fuhr Minerva fort.

Es gibt sie noch?“, unterbrach er sie beinahe amüsiert.

Ja, es gibt Sie noch“, sagte sie ruhig. „Und das heißt auch, dass Sie in Gefahr sind, sollte ihr Aufenthaltsort bekannt werden.“

Severus schwieg einen Augenblick lang, dann schürzte er die Lippen.

Dann sollte ich wohl so schnell wie möglich verschwinden. Ich nehme an, ich befinde mich in Ihrem Haus, Minerva?"

Ja, Sie befinden sich in meinem Haus." Mit diesen Worten beugte sie sich vor. Sie sah ihm fest in die Augen und sagte eindringlich: „Sie werden mir jetzt, bei allem was Ihnen je etwas bedeutet hat, versprechen, dass Sie sich nicht davonstehlen, sobald Sie wiederhergestellt sind.“

Er erwiderte starr ihren Blick.

Sie müssen nicht gegen mich kämpfen, Severus“, sagte sie sanft und richtete sich wieder auf, „und auch nicht mehr gegen sich selbst.“

Ich bin eine Gefahr für sie beide“, widersprach er unnachgiebig.

Das lassen Sie meine Sorge sein“, sagte sie entschieden und setzte fordernd hinzu: „Werden Sie es mir versprechen, Severus?“

Nicht einen Moment hatte sie ihn aus den Augen gelassen.

Severus mochte diesen Blick von ihr gar nicht, es war ihm, als würde sie bis auf den Grund seiner Seele sehen können. Er senkte die Lider.

Was sollte er tun? Er kannte Minerva gut genug, um zu wissen, dass sie ihm keine Ruhe lassen würde, bis er eine Antwort gegeben hatte. Ganz leise drängte sich wieder diese Sehnsucht nach Geborgenheit in sein Herz und zum ersten Mal gestand er es sich selbst ein, dass er Minerva nur zu gerne dieses Versprechen geben wollte.

Sie haben mein Wort“, sagte er endlich.

Minerva nickte still. Sie legte ihm für einen Moment die Hand auf die unversehrte Schulter.

Ruhen Sie ich aus“, sagte sie. Dann wandte sie sich ab und ging hinaus.

Kaum dass sich die Tür hinter Minerva geschlossen hatte, lehnte sich Severus leise stöhnend zurück. Dieser kleine Disput hatte ihn erschöpft. Seine Wunden schmerzten, seine Kehle brannte. Mit zitternder Hand griff er nach dem Glas Wasser an seinem Bett. Er hob es an die Lippen und trank durstig. Gerne hätte Severus noch mehr getrunken, aber er war nicht dazu in der Lage, sich selbst noch einmal nachzuschenken. Er stellte mühevoll das Glas zurück und ließ sich in die Kissen sinken. Er zog das Laken über die Schultern. Selbst wenn er gewollt hätte, wach zu bleiben, es wäre ihm nicht gelungen.

Er schloss die Augen und gab sich der erlösenden Müdigkeit hin. Was er jetzt wollte, war schlafen... nur ausruhen…

Fragen...

Nachdem sie aus Severus’ Zimmer getreten war, hatte es sich Hermine in ihren eigenen Räumlichkeiten bequem gemacht. Sie lag bäuchlings auf dem Bett, die Arme unter das zusammengeknüllte Kissen geschoben und den Kopf darauf gelegt. Sie schloss schläfrig die Augen. Die letzten Tage und Nächte, die sie am Krankenbett von Severus Snape verbracht hatte, hatten sie müde gemacht und ihre Kräfte erschöpft. Sie wollte so gerne ausruhen. Trotzdem fand sie keine Ruhe. Immer wieder rief sie sich ihr letztes Gespräch mit Minerva ins Gedächtnis zurück und dabei schlich sich Furcht in ihr Herz.

Es war die Furcht um die Sicherheit dieser Zuflucht hier. Einer Zuflucht, die so wunderbar war, wie eine Bastion des Friedens und der Stille. Seit vielen Monaten fühlte sich Hermine endlich wieder sicher und beschützt. Hier konnte sie die dunklen Träume vergessen, die Schmerzen und Selbstzweifel, und hier drängte etwas nach oben, das sie nicht genau bestimmen konnte, das sie aber ruhig und zuversichtlich werden ließ. Und trotzdem grübelte sie immer wieder darüber nach, was in der Welt außerhalb dieser Mauern vor sich gehen mochte und einmal mehr breitete sich Unruhe über die Ungewissheit darüber in ihr aus.

Hermine warf sich leise seufzend auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Mühevoll zwang sie sich, die Lider nicht zu heben, wollte endlich schlafen... Doch ihr wissbegieriger Geist fand einfach keine Ruhe und so erhob sie sich schließlich resigniert von ihrem Lager.

Sie ging zum Fenster und öffnete es weit. Sie atmete tief die Sommerluft und mit ihr den zarten Duft der Rosen unter ihrem Fenster, der Erde im Garten, der Gräser auf den Wiesen und des Salzwassers, den der Wind in Spuren mit sich trug. Wie vertraut ihr alles schien und wie sie es lieben gelernt hatte in der kurzen Zeit, in welcher sie hier war.

Es war wie ein Traum, beinahe unwirklich. Sie musste sich zwingen, die Augen weit geöffnet zu halten, um nicht in dieser wunderbaren, fast trügerisch erscheinenden, Ruhe zu versinken.

Hermine seufzte leise. Dann trat sie entschieden vom Fenster zurück und ging zur Tür. Was sie jetzt brauchte, um diese verwirrenden Gedanken aus dem Kopf zu bekommen, war ein langer Spaziergang.

Sie lief mehr, als dass sie ging und hielt erst wieder an, als sie endlich in den lichtdurchfluteten Garten getreten war.

Sie atmete auf. Wie wunderbar befreiend, hier draußen zu sein, die Wärme der Sonne zu spüren und den Wind, der ihr ins Haar fuhr und es wild zauste.

Für den Moment ließ sie alles hinter sich und sah nur die wunderbare Natur, hörte ihre Stimmen und atmete ihren Duft.

Hermine schritt langsam die Wege entlang. So sehr sie sich auch mühte, den Kopf frei zu halten, wo wenig gelang es ihr. Immer wieder drang die Angst um ihre Sicherheit in ihr Gedächtnis zurück. Würde es Minerva McGonagall auf Dauer gelingen, ihr Versteck zu verheimlichen? Bemerkte es denn niemand, dass sie jeden Abend von Hogwarts verschwand, um hierher zurückzukehren? Hatte sie schon andere ins Vertrauen gezogen, nur um ihre Sicherheit zu gewährleisten, für den Fall, dass Voldemorts verbliebene Anhänger ihr Geheimnis errieten? Was mochte werden, wenn sie entdeckt würden, noch bevor Severus Snape genesen war?

Hermine schüttelte den Kopf. Sie wollte diese Gedanken nicht weiter fortspinnen und doch ersehnte sie Antworten auf alle diese Fragen und hoffte, Minerva McGonagall würde sie ihr geben können.

Hermine zupfte eine Blüte ab und drehte sie versonnen in den Fingern. Was würde mit ihr selbst? Und ohne, dass sie es wollte, sprang Angst in ihr auf und ließ ihren Atem heftig und keuchend werden. Sie warf den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Sie zwang sich mühevoll zur Ruhe.

Mit Sicherheit hatte die Schulleiterin dafür gesorgt, dass auch Hermines Verschwinden erklärbar war. Vielleicht war ihre Abwesenheit in den Wirren nach dem Kampf auch gar nicht weiter bemerkt worden? Fast hoffte sie, dass es so war. Und Ron...? schoss es ihr heiß durch den Kopf. Was war mit Ron? Würde er sie denn suchen?

Hermine überfiel ein leiser Schauer, wenn sie an den Freund dachte. Mit ihm war alles so anders, immer so leicht, so einfach und klar, auch wenn sie nicht immer einer Meinung waren.

Ein Lächeln stahl sich auf Hermines Gesicht. Eigentlich waren sie kaum einer Meinung gewesen und eigentlich hatten sie in letzter Zeit mehr gestritten, als sich verstanden und doch sehnte sie sich nach Rons Unkompliziertheit. Bei ihm wusste sie immer, was richtig war und was falsch, alles war geradlinig und überschaubar. Mit ihm konnte sie lachen und fröhlich sein. Sie hätte es niemals offen zugegeben, aber sie vermisste diese Unkompliziertheit und sie vermisste ihn...

Hermine seufzte wieder einmal auf. Bereute sie jetzt vielleicht, dass sie Minerva McGonagall ihr Wort gegeben hatte?

Sie musste nicht darüber nachdenken. Nein, sie würde es nie bereuen. Auch wenn Snape der wohl komplizierteste und rätselhafteste Mensch war, den sie je in ihrem Leben getroffen hatte, sie bedauerte ihre Entscheidung nicht einen Augenblick. Sie hatten einem Menschen geholfen, der es mehr als verdient hatte, dass man ihm das Leben rettete, jemandem, der sein Leben hergegeben hätte, um sie in die Freiheit zu führen. Mögen seine Beweggründe auch nur rein persönlicher Natur gewesen sein, er hatte es nicht verdient, vergessen zu werden, einfach so.

Hermine konnte die Empfindung nicht beschreiben, die sich jetzt in ihr Herz schlich. Sie hatte so gar nichts mit ihren Gefühlen Ron gegenüber gemein. Diese hier waren anders, sie waren neu, fremd und aufregend zugleich... Und noch bevor sie genau darüber nachdenken konnte, welcher Art dieses Gefühl genau war, legte sich eine Hand sanft auf ihre Schulter und sie hörte Minerva McGonagalls besorgte Stimme leise in ihrem Rücken: „Wie geht es Ihnen, mein Kind?“

Hermine wandte sich um und sah Minerva direkt ins Gesicht. Nur einen Moment kreuzten sich ihre Blicke, dann senkte Hermine die Lider.

Es geht mir gut“, sagte sie leise, wandte sich ab und ging ein paar Schritte bis zu einer Bank, die im Schatten einer alten Eiche stand. Sie setzte sich und lehnte sich zurück.

Sie müssen sich keine Sorgen um mich machen, Professor.“

Minerva sah sie ungläubig an. Nach einem Moment des Zögerns, folgte sie Hermines Beispiel, kam heran und ließ sich neben ihr nieder.

Bedauern Sie Ihr Hier sein, Hermine?“

Hermine starrte in das grüne Blätterdach, durch das die Sonnenstrahlen nur mühsam drangen.

Nein“, sagte sie entschieden und schüttelte den Kopf, „nie.“

Aber es gibt etwas, das Ihnen keine Ruhe lässt, nicht wahr?“ Minerva sah über ihre Brillengläser hinweg aufmerksam in das Gesicht der jungen Frau.

Hermine senkte den Blick und sagte leise: „Es ist nicht wichtig.“ Dann setzte sie sich gerade. Sie sah angestrengt zu Boden und malte mit den Füßen Halbkreise in den feinen Kies. „Nicht jetzt“, setzte sie kopfschüttelnd hinzu und zog die Brauen zusammen.

Minervas Lebenserfahrung und ihre Menschenkenntnis sagten ihr, dass Hermine nicht ganz so aufrichtig war, wie sie vorgab. Minerva konnte sich durchaus denken, was Hermine beschäftigte: Es waren die eigenen Gefühle und Gedanken, die sie in letzter Zeit massiv bewegten und die sie vor denen von Severus verbarg, die sie nicht verarbeiten wollte, vielleicht es nicht konnte, bevor er außer Gefahr war. Vielleicht war es auch die Angst um ihre Sicherheit, die selbst Minerva überfiel, immer, wenn sie mit bangem Herzen hierher zurückkehrte, und vielleicht auch die Sehnsucht nach dem eigenen Leben.

Ein Lächeln huschte über Minervas Züge.

Es ist nicht gut, alles in sich zu begraben“, sagte sie und hob Hermines Kinn zu sich empor. „Du musst damit leben, Hermine. Du kannst Severus auch helfen, ohne dich dafür aufzugeben.“

Ja, ich weiß“, flüsterte Hermine und wandte den Kopf, um nicht mehr in Minervas Augen sehen zu müssen. „Ich habe es nur noch nicht gelernt.“

Ein Moment des Schweigens stand zwischen ihnen.

Möchtest du es lernen?“, Minervas Stimme klang besorgt.

Hermine hatte die Änderung im Timbre der Stimme ihrer alten Lehrerin bemerkt.

Sie müssen keine Angst um mich haben, Professor.“ Hermine lächelte über soviel Besorgnis, die sie vorher noch nie so intensiv bei Minerva McGonagall wahrgenommen hatte. „Ich fühle mich gut. Ich kann nur noch nicht wirklich glauben, dass alles vorbei...“, sie wandte sich ab, „...endlich vorbei ist und... na ja...“ Sollte sie von ihrer Unsicherheit erzählen?

Minerva verstand sie so gut. Sie legte Hermine die Hand auf den Arm.

Ich weiß, dass du wissen möchtest, was draußen vor sich geht. Und es tut mir leid, dir immer wieder sagen zu müssen, dass du dich hier möglicherweise in Gefahr befindest, Hermine“, sagte Minerva eindringlich. „Wenn du gehen möchtest, ich werde dich nicht aufhalten.“

Hermine schüttelte den Kopf und sah ihrer Lehrerin in die Augen.

Und ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass ich mich entschieden habe, zu bleiben, solange, bis alles geklärt ist.“

Minerva blinzelte und rückte ihre Brille zurecht.

Hermine senkte verlegen die Lider.

Sind wir jetzt sicher?“, fragte sie leise.

Minerva nickte.

Ja, es gibt momentan keinen Grund, sich Sorgen zu machen.“

Sie wusste, Minerva McGonagall würde sie niemals anlügen, sie würde immer ehrlich sein. Hermine wurde ruhiger und doch brannte ihr eine Frage auf der Zunge. Sie fasste Minerva fest ins Auge und fragte: „Haben Sie schon jemanden ins Vertrauen gezogen?“

Minerva erwiderte ganz ruhig Hermines Blick und sagte leise: „Ja, das habe ich.“

Vertrauenswürdig?“

Absolut.“

Darf ich wissen, wer es ist?“

Minerva schwieg einen Moment. Auch wenn sie es für richtig empfand, dass Hermine möglichst wenig erfahren sollte, um ihre Sicherheit im Falle eines Angriffes gewährleisten zu können, so sagte sich Minerva doch immer wieder, dass gerade diese Frau ein Anrecht auf Erklärung hatte, dass sie unbedingt wissen sollte, wie sich ihr weiteres Vorgehen gestaltete.

Im Augenblick herrscht tiefe Trauer, Wut und Verbitterung... Es gibt wenige, die wirklich wissen wollen und auf die ich mich momentan uneingeschränkt verlassen kann.“

Wer ist es?“

Ein kurzes Schweigen.

Es sind Arthur und Molly Weasley und Kingsley Shacklebolt“, sagte Minerva schließlich.

Hermine atmete merklich auf und doch machten sich leise Zweifel breit, dass die Weasleys so ohne Weiteres bereit sein sollten, jemandem zu helfen, der ihrer Familie direkt und indirekt unsägliches Leid zugefügt hatte.

Gab es keine... Anfeindungen?“, fragte Hermine zaghaft.

Minerva lächelte.

Ich würde eher sagen, Zweifel an der Aufrichtigkeit von Severus Snapes Handlungsweise.“, begann sie. „Ich habe gewisse Schwierigkeiten mit den Erklärungen“, setzte sie hinzu, „noch genügt mein Wort.“

Hermine senkte den Kopf.

Ich kann es Ihnen nicht sagen“, flüsterte sie und entzog sich Minervas Berührung.

Die nickte versonnen und legte die Hand zurück in ihren Schoß.

Weiß Ron es?“ Hermines Stimme war rau und sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Sie senkte verlegen den Kopf und verschränkte krampfhaft die Finger. Sie hoffte sehr, dass sie sich nicht verraten hatte.

Minerva sah Hermine von der Seite her an.

Eine alte Lehrerin und ein hilfloser, zutiefst gekränkter Mann sind nicht unbedingt die Gesellschaft, die sich ein junger Mensch wie du wünscht, ich weiß. Du vermisst deine Freunde, nicht wahr?“

Hermine nickte und strich sich über das Gesicht.

Ja, das tue ich.“ Sie erhob sich. „Aber das ist jetzt nicht so wichtig.“

Doch, ich denke schon, dass es wichtig ist. Ich möchte nicht, dass du dich einsam und verlassen fühlst, Hermine.“ Auch Minerva hatte sich erhoben.

Das tue ich nicht“, widersprach sie energisch, „ganz gewiss nicht.“

Minerva sah Hermine streng an.

Ehrlich?“, fragte sie nur.

Hermine nickte.

Ehrlich“, sagte sie mit fester Stimme.

Minerva hob den Kopf.

Gut“, begann sie und strich eine Falte aus ihrem Umhang. „Ich werde dann nach unserem Kranken sehen.“ Minerva wandte sich um und ging gemessenen Schrittes die blumengesäumten Wege entlang zurück ins Haus.

Hermine lächelte ihr nach, und ein klein wenig zuversichtlicher als noch vor einer Stunde, setzte sie ihren Spaziergang fort. Unmerklich folgte sie dem Sanften Rauschen der Brandung in der Ferne und fand sich schließlich auf dem hohen Felsen an der Küste wieder.

Wie wunderbar die Weite des Meeres und die Gischt, die weiß aufstob, wenn die Wellen an die schwarzen Klippen schlugen. Ihr Wasser wurde als feiner Niesel vom Wind empor getragen, der sich als Nebel wieder zu Boden senkte.

Hermine kletterte auf einen riesigen Findling, der ganz vorne am Steilhang liegengeblieben war und setzte sich. Sie schlang die Arme um die Knie und sah nachdenklich in die blaue Weite. Sie wusste, sie hatte sich richtig entschieden und sie würde alles tun, um Minerva McGonagall dabei behilflich zu sein, Severus Snape sein Leben wiederzugeben.