Stille ringsum. Es war eine wunderbare Ruhe, die ihn umfing und sanft wiegte. Es war das erste Mal, dass er sie bewusst wahrnahm und intensiv in sie hineinlauschte.
Er lag ganz ruhig und entspannt und sog jedes noch so kleine Geräusch tief in sich ein: Das Knacken der Holzscheite im Feuer, das leise Rauschen in der Ferne, den Wind.
Es war so friedlich, beinahe unwirklich und ohne dass er es verhindern konnte, kam die Furcht wieder. Er hob die Lider und starrte in das Halbdunkel. Fast angstvoll musste er sich versichern, dass alles das, was er im Fieber gesehen hatte, nicht nur ein Traum gewesen war. Er konnte noch immer nicht fassen, dass sich jemand seiner erinnert hatte. Er wollte sehen, er wollte es fühlen und festhalten.
Er wandte den Kopf, den stechenden Schmerz ignorierend, der durch die tiefe Wunde an seinem Hals fuhr, und sah aus dem Fenster. Obwohl die Sonne schon untergegangen war, tauchten ihre letzten Strahlen den Horizont in ein wunderbar sanftes Rotgold, feine Wolkenbänder schoben sich über den dunkelblauen Himmel. Milde Abendkühle breitete sich aus. Von fern her hörte er den leisen Gesang einer Amsel. Es musste ein schöner Tag gewesen sein, der gerade zu Ende ging.
Noch ein Tag, der ihm geschenkt wurde und den er nicht gesehen hatte. Er wusste überhaupt nicht, wie die Welt aussah ... jetzt.
Er wollte es nicht, aber er fühlte heiße Tränen aufsteigen. Ein Gefühl, das er so noch niemals in seinem Leben empfunden hatte, drängte in sein Herz. Es war eine seltsame Mischung aus Dankbarkeit und Erleichterung. Die Anspannung, in der er beständig gelebt hatte, die Furcht vor Entdeckung, fiel für den Moment von ihm ab, sie machte ihn für einen winzigen Augenblick weich und verletzlich. Und doch erschien ihm diese Regung kläglich, viel zu schwach und zu verräterisch. Er kämpfte diese ungewollte Rührung nieder. Er war immer stark gewesen, er wollte es auch jetzt sein.
Wenngleich er übertriebene Fürsorge verabscheute, wusste er die Hilfe, die ihm angedieh durchaus zu schätzen. Sie war vollkommen ehrlich, ohne Hintergedanken, vielleicht noch aus der Schuld geboren. Doch für den Augenblick war es ihm egal, er wollte nicht darüber nachdenken, nicht jetzt...
Doch eines wusste er ganz sicher, hier durfte er sein, wer er war, hier musste er sich nicht verstellen, musste er nicht mehr lügen. Hier erlaubte man ihm, sich fallen zu lassen, ohne Angst, hier durfte er den Schmerz, der ihn so unsäglich peinigte, endlich hinausschreien. Woanders hätte er es nie getan, eher wäre er gestorben.
Die Pflege, die er erfuhr war das Wunderbarste, was ihm in den letzten zwanzig Jahren widerfahren war. Er lag eingehüllt in einem Kokon aus Fürsorge und Güte, der ihn vor der Welt verbarg und ihn schützte. Es fühlte sich sonderbar an, ungewohnt, beinahe unglaublich.
Er würde genesen. Doch was kam dann?
Es war eine Frage, die er sich noch nicht beantworten konnte. Seine Zukunft lag dunkel vor ihm, nicht zu erkennen, wohin er gehen würde. Trotzdem die Gefahr vorüber war, gab es nichts, was ihm mehr Furcht einflößte als diese Ungewissheit.
Ihm fröstelte. Er umfasste das Laken, zog es mühevoll und unter übermäßiger Anstrengung über die Brust. Ein leises Ächzen, das er nicht zu unterdrücken vermochte, entrang sich seiner Kehle. Seine Wunden schmerzten noch immer, schenkten ihm schlaflose Nächte in Fieberfantasien und Qual, zeigten ihm Bilder, die er vergessen wollte und doch immer wieder sehr deutlich vor Augen sah. Dennoch wurde es besser, überwogen mehr und mehr die Momente, in denen er fieberfrei und bei klarem Bewusstsein war.
Wie lange lag er eigentlich schon hier?
Gemessen an seiner Kraftlosigkeit, mussten es Tage sein.
Er fühlte sich elend und schwach. Und da waren die hämmernden Kopfschmerzen und der quälende Durst, der seine Kehle ausgetrocknet hatte.
Er wandte den Kopf, sein Blick fiel auf den Becher auf dem Tischchen neben seinem Bett. Zitternd streckte er die Hand danach aus, doch er hätte sich aufrichten müssen, ihn zu erreichen. Das aber war etwas, das er in seinem gegenwärtigen Zustand alleine nie fertigbringen würde. Und um Hilfe zu rufen, dazu war er zu stolz.
Kraftlos und resigniert sank er in die Kissen zurück.
Sein Atem ging heftig. Diese kleine, ansonsten unbedeutende, Bewegung hatte ihm höllische Schmerzen bereitet und zeigte ihm auf höchst unangenehme Weise, dass er wohl noch eine ganze Weile ans Bett gefesselt sein würde.
Wie er diese Schwäche hasste, so wie alles, das ihn in seiner Bewegungsfreiheit einschränkte und ihn hilflos sein ließ. Und doch musste er es hinnehmen. Er schloss müde die Augen. Er wollte es auch, wollte alles tun, um so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu kommen, keine Last mehr zu sein, zu gehen...
Er seufzte und fühlte das Fieber zurückkommen. Er würde es bekämpfen, bald... doch für den Moment gab er der Erschöpfung nach und fiel in einen leisen Schlaf, ohne Bilder, ohne Träume und ohne Angst.
Als er die Lider wieder hob, hatte die Nacht den Tag endlich zurückgedrängt. Die Sterne hatten ihre Bilder auf den schwarzen Himmel gemalt, eine blasse Mondsichel stand über dem Horizont.
Das Feuer im Kamin leuchtete hell und sandte eine angenehme Wärme aus. Sein Licht floss weich in den Raum und warf Schatten an die Wände.
Er hob mühevoll den Kopf und sah sich um. Sein Blick fiel auf einen großen Sessel vor dem Kamin. Zusammengerollt wie eine Katze, den Kopf auf der Lehne, lag Hermine Granger und schlief. Der Feuerschein schenkte ihrem Haar, das in weichen Wellen über ihr Gesicht fiel und es halb bedeckte, ein wundervolles Kastanienbraun. Das Buch, in welchem sie gelesen haben musste, war ihren Händen entglitten und zu Boden gefallen. Es lag nun mit umgeschlagenen Seiten am Fuße des Sessels.
Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht und im gleichen Moment durchfuhr ihn ein heftiger Schmerz, der ihn erstickt aufstöhnen ließ. Es war, als fuhren ihm tausend Messer in die Brust. Er fiel kraftlos zurück in die Kissen und atmete schwer. Es gelang ihm nur unter größter Kraftanstrengung, einen Schmerzenschrei zu unterdrücken.
Hermine schrak auf und sah sich irritiert um. Sie zog die Brauen zusammen, als sie merkte, dass sie eingeschlafen war.
Dann fiel ihr Blick auf Snape, der leise stöhnend das Gesicht in höchstem Schmerz verzog. Seine Finger waren krampfhaft in die Laken vergraben. Sein Atem ging rasselnd.
Hermine erhob sich und kam zu ihm. Sie griff nach dem Leinentuch neben der Schüssel, die auf dem Tisch stand, tauchte es ins Wasser und wrang es aus. Sie setzte sich neben ihn und kühlte seine schweißnasse Stirn und die glühenden Wangen.
Es dauerte eine Weile, bis sich sein Atem beruhigte und seine Züge entspannten.
Als Hermine sich erheben und an ihren Platz zurückgehen wollte, umfasste er ihr Handgelenk mit einer Kraft, die er sich selbst nicht zugetraut hätte.
Hermine wandte den Kopf und sah ihm direkt in die Augen. Nur einen kurzen Moment, dann verstand sie. Sie entwand sich seinem Griff und ging zum Tisch zurück. Sie nahm die Karaffe, die darauf stand und schenkte ein Glas Wasser ein. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie er erfolglos versuchte, die bleischweren Glieder unter seinen Willen zu zwingen und sich aufzurichten. Es schmerzte sie, zu sehen, wie er kraftlos und schwer atmend zurück in die Kissen fiel.
Hermine ließ sich bewusst Zeit, bevor sie sich umwandte und an sein Lager trat. Sie stellte die Karaffe auf den Tisch neben dem Bett und setzte sich zu ihm. Sie schob ihm eine Hand unter den Nacken. Er reagierte und hob den Kopf. Ganz vorsichtig setzte sie das Glas an seine Lippen.
Er trank begierig. Wie wohl es tat, die ausgetrocknete Kehle zu befeuchten.
„Mehr?“, flüsterte Hermine, als das Glas leer getrunken war.
Ein angedeutetes Nicken und Hermine füllte das Glas neu und gab ein paar Tropfen aus der winzigen Phiole, die sie aus der Tasche zog, hinzu.
Als sein Durst gestillt war, schloss er die Augen und sank müde zurück. Die Schmerzen kamen wieder, seine Rechte fuhr an die Brust.
Er fühlte ihre Hände, die seine Arme mit sanfter Bestimmtheit wegschoben und die Verbände lösten, die vom Hals über die linke Schulter bis zur Brust gebunden waren.
Zu jeder anderen Zeit hätte er sich vielleicht dagegen gewehrt, dass jemand ihn anfasste, doch jetzt fehlte ihm einfach die Kraft dazu. Still und atemlos lag er da.
Beinahe schämte er sich ob seines Zustandes. Er wusste, er gab ein Bild des Jammers ab, vom Fieber ausgemergelt, abgemagert und entstellt. Was für eine Last er war, nicht nur für sie, die bis zur Erschöpfung an seinem Lager wachte, sondern auch für sich selbst. Er hasste sich dafür.
Ihre Hände waren warm und behutsam. Sanft reinigte sie die geschundene Haut und trug die Wundessenz auf, die seine Schmerzen linderte. Er konnte wieder freier atmen.
Wie eine Ewigkeit erschien es ihm, bis seine Wunden neu verbunden waren, und doch empfand er ihre sachte Berührung und die Wärme ihrer Hände als wohltuend.
Nur eine Frage, bevor sie ging. Er musste wissen, ob er sein Versprechen gehalten hatte.
Er hob die schweren Lider. Und als sie sich vorbeugte und die Decke über ihn zog, griff er nach ihrem Arm. Er zog sie so nah zu sich herunter, dass er ihren Duft wahrnehmen konnte.
Hermine hielt inne und sah ihm in die Augen.
„Was ist mit Potter?“ Es war nur ein Hauch. Seine Stimme war rau.
Hermine legte ihm beruhigend die Hand auf die Brust und neigte den Kopf noch tiefer. Beinahe berührten sich ihre Gesichter, als sie ihm zuflüsterte: „Sie haben Wort gehalten. Harry Potter lebt.“
Er schloss die Augen und ließ die Hand sinken, ganz still lag sie auf der Decke. Seine Gedanken überschlugen sich. Alles, wofür er die letzten Jahre gelebt hatte, wofür er sich aufgegeben hatte, es war endlich erfüllt. Er gehörte jetzt nur noch sich selbst.
Hermine richtete sich auf, und als hätte sie seine Gedanken gelesen, sagte sie leise: „Sie sind frei.“ Sie strich ihm behutsam die schweißnassen Haare aus der Stirn.
Er fühlte ihre weiche Berührung, hörte ihre sanfte Stimme wie von fern.
Sein Atem ging hastig. Ja, er war frei, endlich.
Die Spannung fiel von ihm ab und machte einer erlösenden Müdigkeit Platz, der er nur zu gerne nachgab. Ausruhen war jetzt alles, was er wollte.
Sein Kopf sank schwer zur Seite.
Er war eingeschlafen.
Hermine hatte nicht bemerkt, dass Minerva McGonagall schon vor einer ganzen Weile ins Zimmer getreten war. Erst als die Tür durch den Luftzug leise ins Schloss gezogen wurde, wandte sich Hermine um und sah sich der Lehrerin gegenüber. Ein Moment des Schweigens, bis Hermine beinahe verlegen ein ‚Er schläft’ flüsterte und sich erhob.
Minerva nickte ernst und kam heran. Eine Weile sah sie auf den Schlafenden hinab, dann wandte sie sich zu Hermine.
„Kommen Sie", sagte sie und hob das Buch vom Boden auf, das Hermine im Schlaf entfallen war, legte es sanft zurück auf den Tisch und ging dann zur Tür.
Hermine nickte und folgte ihrer Lehrerin hinaus aus Snapes Krankenzimmer. Sie gingen schweigend nebeneinander her und betraten den Speiseraum am Ende des Ganges. Ein einfaches Abendessen, nett angerichtet, wartete auf sie.
Die beiden Frauen nahmen an der langen Tafel Platz und aßen still.
„Wie geht es ihm heute?“, fragte Minerva leise und goss sich eine Tasse Tee ein.
„Ich denke es wird besser“, sagte Hermine zwischen zwei Bissen, „sein Fieber ist gesunken.“ Sie hielt kurz inne und nahm einen Schluck Wasser, bevor sie weitersprach: „Er ist so furchtbar schwach“, sagte sie versonnen. „Ich denke, ich werde doch den Trank ausprobieren, den ich im Buch der ‚Höchst potenten Zaubertränke’ gelesen habe…“ Hermine sah auf. „Ich wette, er wüsste einen Trank...“
Minerva neigte leicht den Kopf und hob unmerklich die linke Braue. Sie lächelte leise. Da war sie wieder, die Ungeduld, die sie an Hermine so mochte, die Ungeduld, gepaart mit einem Pragmatismus, der seinesgleichen suchte.
„Nur Geduld, Hermine“, flüsterte sie. „Ich kenne keinen Menschen, der so zäh und willensstark ist, wie Severus Snape.“
Minerva sah Hermine verstohlen an. Ihr Gesicht war schmal geworden. Die Anstrengungen des letzten Jahres, der Kampf und die Mühen hier hatten sie gezeichnet. Sie sah abgekämpft aus und übernächtig.
„Geht es Ihnen gut, Hermine?“, fragte Minerva unwillkürlich und stocherte lustlos in ihrem Essen.
Hermine sah auf. Sie legte ihr Besteck beiseite und schob den Teller von sich.
„Ja, es geht mir gut“, sagte sie. „Ich habe hier alles, was ich brauche.“
Minerva lächelte still und nippte von ihrem Tee.
„Das meinte ich nicht.“
Hermine lehnte sich zurück und atmete tief ein. Sie wusste genau, was Minerva McGonagall meinte.
„Es geht schon. Es ist gar nichts im Vergleich zu dem, was er ertragen muss“, sagte sie zögernd.
Minerva senkte den Blick.
„Fühlen Sie sich hier eingesperrt, Hermine?“
„Nein!“, kam die sofortige Antwort. „Ich wollte es so!“
Minerva sah ihr in die Augen.
„Und doch haben Sie hier niemanden, außer Ihrer alten Lehrerin, die so schwach und hilflos ist, dass sie schreien möchte und einem vergessenen Mann, der dem Tode näher ist als dem Leben“, sagte sie ruhig. „Ich würde verstehen, wenn Sie es vorzögen, dieses Haus zu verlassen.“
Hermine schüttelte energisch den Kopf.
„Nein“, sagte sie hastig, „nein, wie können Sie so etwas sagen. Ich werde nicht fortgehen. Ich werde hierbleiben, ich werde Ihnen helfen. Es ist ja sonst niemand da, der… Und es weiß auch keiner, dass er - noch lebt.“
Minerva beugte sich vor und sah Hermine in die Augen.
„Es ist gefährlich, Hermine, sehr gefährlich“, sagte sie. „Das sollten Sie wissen, bevor Sie sich endgültig entscheiden.“
Hermines Pupillen weiteten sich.
„Was kann denn jetzt noch geschehen?“, fragte sie atemlos.
„Nachdem Harry Potter erklärt hat, dass Severus Snape schon immer auf Dumbledores Seite gestanden, und trotz der Versicherung von Seiten Potters, dass er tot ist, man seinen Leichnam nicht gefunden hat, nimmt man an, dass er lebt und geflohen ist…“
Hermine lächelte verschlagen.
„Da ist sogar etwas dran“, sagte sie zufrieden und griff nach ihrem Glas.
Minerva sah Hermine über ihre Brillengläser hinweg aufmerksam an und fuhr fort: „Es gibt Bestrebungen derjenigen Todesser, denen eine Flucht gelungen ist, Severus Snape aufzuspüren und ihn seinen Verrat am Dunklen Lord büßen zu lassen.“
Hermine hielt mit der Bewegung inne und ließ den Arm sinken.
„Aber es wäre sinnlos, Voldemort ist tot. Warum sollten sie das tun wollen?“
„Wie wäre es mit Rache für ein verlorenes Leben, für den Verlust ihrer Stellung in der Zaubererschaft?“, entgegnete Minerva und lehnte sich zurück. „So etwas wiegt schwer.“
Diese Erkenntnis erdrückte sie fast.
„Dann ist er in Gefahr…“, sagte Hermine besorgt.
„Immer noch. Sie würden alles tun, um seinen Aufenthaltsort herauszufinden. Und wenn herauskommt, wer ihn in Sicherheit gebracht und gesund gepflegt hat…“, Minerva brach ab.
Hermine stellte ihr Glas unsanft ab. Das Wasser schwappte über seinen Rand, lief den Stiel hinab und hinterließ einen dunklen Fleck auf der Tischdecke. Hermine legte die Hände in den Schoß und senkte den Kopf. Sie musste nachdenken.
Minerva blieb stumm. Sie hatte das leise Zittern gesehen, als Hermine die Finger verschränkt und die Hände fest aneinandergepresst hatte. Minerva verurteilte ihr eigenes Tun, wie hatte sie Hermine nur da hineinziehen können. Jetzt schien ihr dieses Handeln so unsinnig, so irrwitzig. Für das, was Hermine die letzten Tage getan hatte, setzte Minerva sie zum Dank höchster Lebensgefahr aus. Nichts, gar nichts würde sie erwidern, würde es ihr nie verdenken, wenn Hermine jetzt sagte, dass sie gehen wollte.
Doch Hermine hob den Kopf und schob energisch das Kinn vor.
„Ich bleibe“, sagte sie in einem Ton, der keine Zweifel an ihrer Entschlossenheit zuließ. „Ich will es!“, setzte sie noch bekräftigend hinzu.
Minerva richtete sich wieder auf.
Sie musste es fragen, sie konnte es nicht mehr ertragen, unwissend zu sein. Sie wollte endlich erfahren, was Hermine mit Severus verband, dass sie so entschlossen war, hier zu bleiben, sich einer Gefahr auszusetzen, der sie sehr leicht entgehen konnte, würde sie in die Zaubererwelt zurückkehren.
Minerva hätte es gerne bei Severus versucht. Aber solange sie bei ihm weilte, ihn versorgte, hatte er nicht ein Wort an sie gerichtet, selbst wenn er wach gewesen war, schwieg er eisern, ließ er sie nicht einmal spüren, dass er Schmerzen hatte. Minerva wusste zum ersten Mal in ihrem Leben nicht, wie sie ihm begegnen, was sie ihm sagen sollte.
War Hermine bei ihm, war es anders.
Sie rief sich die Erinnerung an die kleine Geste von vorhin vor Augen, an seine Frage und Hermines Antwort - so weich und verständig, so tröstend. Er hatte sein Wort gehalten, wem gegeben? Er war frei, wovon?
Ein leises Seufzen kam von Minervas Lippen. Zum ersten Mal fühlte sie sich unnütz. Sie spürte es immer wieder, das stille Einvernehmen zwischen Hermine und Severus, das so fein, wahrscheinlich sogar unbewusst und undurchsichtig war, und in das Minerva nie einzudringen vermochte. Sie war ausgeschlossen aus den Gedanken der jungen Frau und schon so lange aus Severus’ Gedanken. Wenn sie ehrlich war, hatte sie noch nie einen Zugang zu seinen Gefühlen gefunden. Er war ein Meister darin, sie zu verbergen, vollkommen teilnahmslos zu wirken. Sie hatte es gerade darum immer als Zeitverschwendung erachtet, sich ihm zu nähern oder ihn verstehen zu wollen. Sie hatte es allein Dumbledore überlassen. Sie hatte nicht einmal gefragt, was diesen damals wirklich bewogen hatte, wenngleich er auch über außerordentliche Kenntnisse und Fähigkeiten verfügte, einen so jungen Mann zum Lehrer zu berufen.
Jetzt wusste sie, dass ihre beständige Ignoranz ein Fehler gewesen war…
Minerva erhob sich. Sie beugte sich vor, nahm die Flasche Wein und zwei Gläser vom Tisch.
„Setzen wir uns ans Feuer“, sagte sie nur und ließ sich in einem der Sessel am Kamin nieder. Sie schenkte die Gläser voll und nahm sich eines davon.
Hermine folgte ihr langsam.
Sie wusste genau, was Minerva McGonagall bewegte. Wie gerne hätte sie ihr alles erzählt. Beinahe zögernd griff sie nach dem Glas und setzte sich.
„Ist es Malfoy, der ihn finden will?“, fragte sie unvermittelt.
Minerva wandte den Kopf.
„Nein“, sie verstand. Lucius Malfoy war wohl nach Severus derjenige, zu dem Voldemort das meiste Vertrauen gehabt hatte. Sicher hatte Malfoy eine Menge zu verlieren, wenn nicht gar schon verloren und sicher hätte er allen Grund, sich rächen zu wollen, doch er war es nicht.
„Malfoy steht unter Aufsicht des Ministeriums, wahrscheinlich wird er vor Gericht gestellt.“
Hermine sah erstaunt auf.
Daran, dass den Todessern der Prozess gemacht werden würde, hatte sie noch gar nicht gedacht.
„Was, denken Sie, wird ihn erwarten?“, fragte sie leise.
Minerva holte tief Atem.
„Er wird wahrscheinlich für einige Zeit im Gefängnis sitzen.“
Hermine nickte sacht. Höchstwahrscheinlich war das noch milde ausgedrückt.
„Narzissa Malfoy hat Harry vor Voldemort gerettet“, sagte sie dann, „sie haben nicht gegen uns gekämpft, sie haben Draco gesucht…“
„Ich weiß“, sagte Minerva, „und ich denke, die Richter werden es berücksichtigen. Aber eine gute Tat wiegt die vielen anderen nicht auf, Hermine.“
Hermine lachte leise und ein klein wenig böse auf.
„Und was würden sie tun, wenn sie Snape in die Finger bekämen? Sie würden in ganz genauso in den Gerichtssaal zerren. Er hätte doch keine Chance. Wer wollte ihn denn verteidigen? Der, der es könnte, lebt nicht mehr.“
Minerva sah sie ernst an.
„Sie könnten es, Hermine“, sagte sie. „Mit dem, was Sie erlebt haben, was Sie gesehen haben…“
„Harry könnte es auch…“, protestierte Hermine.
„Ja“, sagte Minerva, „und Ronald Weasley vermutlich ebenfalls.“
Hermine setzte zum Sprechen an, doch sie besann sich und schloss den Mund wieder. Eine Weile herrschte gespannte Stille im Raum, die nur durch das Knacken des Holzes im Feuer unterbrochen wurde.
Hermine starrte in die Flammen.
„Ich würde es sogar tun“, flüsterte sie und nahm einen Schluck von dem Wein, der in ihrem Glas funkelte. Dann sah sie auf, wandte den Kopf und sah zu Minerva McGonagall. Sie mochte ihre Lehrerin immer. War sie doch diejenige, die zwar streng, aber immer gerecht war. Ihr enormes Wissen und ihre mächtige Zauberkraft rang Hermine den höchsten Respekt ab. Sie hatte sich in ihrer Gegenwart stets sicher und behütet gefühlt. Sie käme nie auf den Gedanken, dass Minerva McGonagall einmal die Kraft fehlen würde, um für das zu kämpfen, was gut und richtig war.
Es tat Hermine weh, dass sich diese starke Frau jetzt so quälte, an sich selbst zweifelte und sich für schwach befand. Was könnte Hermine ihr wohl sagen. Sie wusste nichts, nur eines: Minerva McGonagall war eine Frau, die unerschrocken und mutig war. Hermine schüttelte den Kopf und suchte ihren Blick.
„Nein“, sagte sie ruhig, „Sie sind nicht schwach und hilflos, sind Sie niemals gewesen.“
Noch lange saßen die beiden Frauen nebeneinander vor dem Kamin und sahen den Flammen zu, die unruhig empor tanzten. Die Stille, die sich über sie gebreitet hatte, war beinahe fassbar. Und doch war es nicht wie sonst, wenn sie schweigend beieinander saßen, jetzt war sie erlösend. Es lag soviel Übereinstimung in den Gedanken der beiden Frauen, dass nur das stille Beisammensein, das Wissen um die Gefahr und das gemeinsame Ziel genügten, um Ruhe zu schenken und die aufgewühlten Seelen zu besänftigen. Die gesprochenen Worte hatten es noch einmal bekräftigt und ließen sie wissen, dass sie sich aufeinander verlassen konnten, egal, was immer geschehen würde. Es war ein Gefühl, das ihnen die Ungewissheit nahm, eine Ungewissheit, die bisher drohend über ihnen schwebte wie ein Schwert, die sie auftrieb und ängstigte und ihnen den Blick in das Licht verwehrte. Auch wenn sie wussten, dass sie alle Kraft brauchen würden, um zu verarbeiten, was geschehen war, und um für das gerüstet zu sein, was noch vor ihnen lag, waren sie so zuversichtlich wie noch nie in den letzten Wochen.
Die Nacht schritt voran, der schwere Wein und die Müdigkeit forderten ihren Tribut von beiden ein. Schließlich hatten sie sich eine ‚Gute Nacht’ gewünscht und waren zu Bett gegangen.
~
Unruhig warf sich Hermine herum. So müde sie auch war, sie konnte die ersehnte Ruhe nicht finden. Sie wusste genau, was sie nicht schlafen ließ und doch schob sie die Gedanken daran immer wieder von sich. Aber es gelang ihr nicht, sie zu vergraben, unerbittlich drängten sie an die Oberfläche und ließen ihr keine Ruhe.
Schließlich warf Hermine seufzend die Decken zurück und erhob sich. Sie brauchte frische Luft. Sie musste nachdenken.
Mit nackten Füßen trat sie an die weit geöffnete Terrassentür. Der milde Wind fuhr in ihr Haar und streichelte sanft ihr Gesicht. Hermine trat in die Nacht hinaus. Eine wunderbare klare Nacht, der Himmel, trotz der Dunkelheit, hell geweitet, Sterne, unzählig, am Firmament, unstet funkelnd. Es nahm ihr fast den Atem, so wunderschön und still war alles ringsum. Nur von fern das leise Rauschen der Wellen in der Brandung. Sie legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Die Abgeschiedenheit und Stille gab ihr den Frieden zurück, den sie so lange schon suchte. Denn seit der Nacht, in der sie gesehen hatte, wie Voldemort Snape seinen Zielen geopfert hatte und sie zugesehen hatten, starr vor Furcht und Grauen, hatte sie keine Ruhe mehr. Sie fühlte sich schuldig, obwohl sie alles getan hatten, was zu diesem Zeitpunkt möglich gewesen war, ohne zu Verrätern an der Sache zu werden. Und doch war es nicht genug.
Die Bilder des vermeintlich Sterbenden hatten sich tief in ihr Gedächtnis eingegraben, furchtbar, und erbarmungslos. Sie würde sie nie vergessen. Und sie sah immer wieder, wie er ihnen alles hinreichte, was sein Leben ausgemacht hatte, im allerletzten Moment, wie er dachte, wie sie alle dachten. Ein letztes Bekenntnis, so gerade und so bedeutungsschwer.
Hätte er es je getan, wenn er gewusst hätte, dass er weiterleben würde?
Hätte er je gestattet, dass jemand diese Erinnerungen zu Gesicht bekam, seine Liebe, seinen Schmerz, die Qual, die sein Verrat verursacht und die er tief in sich aufgenommen hatte, die er lebte, nur um nie zu vergessen und um sich selbst zu bestrafen?
Hermine senkte den Kopf und kämpfte die Tränen nieder, die heiß in ihre Augen stiegen. Was für ein Leben. Wie konnte er es nur ertragen. Auch wenn es durch eigene Schuld geschehen war, niemand hatte verdient, so leben zu müssen, auch nicht Severus Snape.
Was war es, was sie fühlte?
War es Mitgefühl? Oder war es auch Schuld? Doch warum sollte sie sich an seinem Leben schuldig fühlen? Es gab nichts, was sie je miteinander verband, bisher. Sie hatte ihn gemieden, wenngleich sie seine Fähigkeiten immer bewunderte.
Hermine zog die Brauen zusammen bei der Erinnerung an die Demütigungen, die er ihr widerfahren ließ, immer wieder. Doch vor dem Hintergrund der letzten Ereignisse verblassten diese Erinnerungen und der leise Schmerz, den sie jedes Mal dabei empfand, wenn sie daran denken musste. Er war bedeutungslos geworden.
Hermine öffnete die Augen und senkte den Kopf. Nachdenklich ging sie den Söller entlang.
Jetzt schien alles anders. Kein hämischer Blick, nicht einmal, eher Unsicherheit, jedes Mal, wenn sie bei ihm waren. Hermine hatte durchaus bemerkt, dass Snape ausschließlich sie ansprach, wenn er bei Bewusstsein war, selbst wenn Minerva McGonagall anwesend war, schien er bemüht, der Lehrerin, die ihn schon so lange kannte, auszuweichen. Da war kein Blick, kein Wort. Hermine konnte sich nicht erklären, weshalb er Minervas Blick mied, ihre Gegenwart als bitter zu empfinden schien. Es tat ihr leid, wusste sie doch, dass Minerva McGonagalls Beweggründe, ihm zu helfen, vollkommen ehrlich waren, dass sie ihm beistehen würde, koste es, was es wolle.
Hermine fragte sich immer wieder, was ihn dazu veranlasste, nur ihre Gegenwart zu suchen. War es vielleicht das Wissen darum, dass Hermine seine Erinnerungen gesehen hatte?
Ganz fein stieg die Gewissheit in ihr auf. Vermutlich war es dieses Sehen, das sie auf eine Art und Weise miteinander verband, wie sie sie bisher noch nicht kannte. Selbst die Verbindung zu Ron und Harry, so innig und stark sie auch war, konnte dieser hier nicht standhalten. Es war vielleicht der Moment tiefster Betroffenheit und Bestürzung, der sie so gefangen nahm, der ihr das Herz vor soviel Grausamkeit, wie er sie durchlebt hatte, zusammenzog und sie beinahe aufschreien ließ.
Und trotzdem war es kein Mitleid, das sie so bewegte, wenn sie an Snape dachte. Sie wusste es jetzt. Es war einzig und allein der Wunsch nach Gerechtigkeit, die ihm widerfahren sollte. Einerseits durch die Pflege und andererseits durch die Wiederherstellung seines Namens in der Zaubererwelt.
Ein winziger Schritt in diese Richtung war schon getan. Wie schwer es werden würde, konnte sich Hermine lebhaft vorstellen. Da war einerseits die stete Erinnerung daran, dass Snape Dumbledore ermordet hatte. Es wog schwer, sicher, und doch war es auf dessen eigenen Wunsch hin geschehen, schwer verständlich für diejenigen, die nicht wussten und doch so logisch für die anderen. Andererseits wusste niemand, dass er noch am Leben war. Eine neue Gefahr tat sich auf, die sie beunruhigte. Es waren die Zweifel an Snapes Tod unter den verbliebenen Todessern.
Wie hoffte sie, dass sie ihre Zuflucht niemals finden würden.
Hermine ging versonnen weiter, bis zum Fenster, durch das ein leiser Lichtschein nach draußen fiel. Es war Snapes Krankenzimmer. Hermine blieb stehen und sah ganz in Gedanken durch die Scheiben.
Ein schwacher Feuerschein aus dem Kamin, der Schatten an die Wände malte. Sie sah seine Silhouette, die vom Schein des Feuers beleuchtet wurde. Er lag ganz ruhig. Gleichmäßig hob und senkte sich seine Brust. Doch plötzlich wandte er den Kopf und sah ihr mit fiebrigen Augen entgegen.
Hermine fuhr zurück und trat aus dem Lichtkegel heraus, rückwärts in die Dunkelheit der mondlosen Nacht. Sie wollte ihn nicht beobachten. Beinahe keine Minute am Tag war er allein, immer war eine von ihnen anwesend, um an seinem Krankenlager zu wachen, da zu sein, wenn er Hilfe brauchte. Er hatte im Grunde genommen keine Ruhe, keinen einzigen Gedanken für sich allein, selbst wenn er träumte, im Fieberwahn sprach, war jemand bei ihm und hörte seine innersten Gedanken.
Hermine senkte den Kopf. Verlegenheit überfiel sie. Wie würde sie sich fühlen, wenn sie alles von sich preisgegeben hätte. Er hatte mit fremden Menschen, die ihn nicht einmal annähernd kannten, seine geheimsten Gedanken geteilt. Er hatte sein Innerstes nach außen gekehrt, ihnen gezeigt, wie er unter dem Leben, das er lebte, gelitten hatte. Er hatte ihnen gezeigt, dass er geliebt hatte, so sehr, dass er dafür ohne zu Zögern gestorben wäre, dass er alles gegeben hätte, selbst seine Seele, wenn er es hätte ungeschehen machen können. Er zeigte ihnen seine Schuld, seine Liebe, seine Pein, alles, was sein Leben ausgemacht hatte und das er doch so hasste.
Hermine strich sich das Haar aus der Stirn, das ihr ein Windhauch hineingeweht hatte, wandte sich um und machte sich auf den Weg zurück in ihr Zimmer.
Ihr erschien mit einem Mal bedeutungslos, was ihnen auf ihrer Reise geschehen war, ja selbst die erlittenen Qualen in Malfoys Haus, als sie von Bellatrix Lestrange gefoltert wurde, schienen Hermine jetzt nicht mehr so furchtbar wie noch vor wenigen Wochen. Hatte sie anfangs kaum eine Nacht durchgeschlafen, ohne die grässlichen Bilder wieder zu sehen und die Schmerzen wieder zu spüren, erschien ihr jetzt alles so weit weg, griffen die Bilder von Snapes Martyrium tiefer, als sie je gedacht hätte.
Die Ruhe hier brachte sie zur Besinnung, ließ sie sein Leiden immer wieder sehen. Vielleicht traten vor diesem Hintergrund alle ihre eigenen Erlebnisse zurück.
Hermine kroch erschöpft in die Laken und zog die Decke bis ans Kinn.
Seine Aufgabe war erfüllt,
er hatte seine Versprechen gehalten. Er konnte jetzt leben, nur für
sich.
Ob er es wollte?
Hermine drehte sich leise seufzend auf
die Seite und schloss die Augen.
Sie hoffte es so…