ENDE UND ANFANG

von artis magica



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Kapitel 1 - 3



Danke an J. K. Rowlings für die zauberhaften Charaktere. Hab sie mir nur ausgeborgt. Alle Rechte bleiben selbstverständlich beim Spiritus Rector. Verfolge keinen kommerziellen Zweck. Die Geschichte allerdings gehört mir.


Ende und Anfang

Es war dunkel. Die Kälte der Nacht kroch über die schmutzigen Dielen herein. Kein Laut, nur ab und an ein Knarren des alten Hauses und der Wind, der leise um das baufällige Gemäuer strich. Der Mond sandte seine silbernen Strahlen durch die schmutzigen Scheiben des kleinen Fensters und beleuchtete ein gespenstisches Bild:

In einer großen Blutlache lag ein Mann regungslos am Boden. Es war nicht auszumachen, ob er tot oder ob doch noch ein kleiner Funken Leben in ihm war.

Nach langer Zeit aber durchschnitt ein langgezogenes Stöhnen die unheimliche Stille. Der Mann am Boden regte sich. Er öffnete die Augen und starrte in die Dunkelheit.

Er zitterte heftig, Krämpfe schüttelten ihn. Seine Stirn glühte. Schmerzen quälten ihn, machten es ihm unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Er keuchte. Wie konnte er es nur ertragen? Unsicher tasteten seine Hände über den schmutzigen Boden. Jede Bewegung tat ihm weh, jeder Atemzug brachte neue Qualen mit sich, ganz so, als würden unablässig Messer in seine Brust gestoßen.

Unter unendlicher Anstrengung gelang es ihm, den Arm zu heben. Mit einem tiefen Stöhnen fühlte er die Wunden auf seiner Brust. Warmes Blut rann durch seine Finger. Er wollte sich bewegen, doch der Blutverlust hatte ihn geschwächt. Kraftlos sank der Arm zu Boden.

Wo bin ich?

Eine Frage, die sich unablässig in sein Hirn hämmerte. Selbst das Nachdenken bereitete ihm nie gekannte Qual. Doch dann sah er sie wieder. In fratzenhaften Bildern schoben sich die Erinnerungen in seinen Geist. Ein geschmeidiger Körper - stark, Zähne - gefährlich. Sie schlagen zu, immer und immer wieder. Ein Lachen, entsetzte Gesichter und Verzweiflung. Er erlebte es noch einmal voller Qual, sein Ende?

Ein angstvoller Schrei entrang sich seiner Kehle, laut und kraftvoll.

Gleichzeitig wurde es ihm bewusst, er war nicht tot! Er lebte!

Ächzend versuchte er sich aufzurichten, doch der Blutverlust nahm ihm die Kraft. Unter größter Anstrengung gelang ihm nur ein kleiner Dreh auf die Seite, dann sank er erschöpft nieder. Der Staub auf dem Boden wurde durch seinen schweren Atem aufgewirbelt. Er konnte ihn nicht sehen, aber er konnte ihn riechen, so wie sein heißes Blut.

Warum war er nicht schon vor Stunden gestorben?

Vor Stunden!

Er erinnerte sich und seufzte leise auf. Er hatte ihnen alles gegeben, was ihm je etwas bedeutete. Er hatte ihnen gezeigt, was ihm zu dem gemacht hatte, was er war und hoffte im vermeintlich letzten Augenblick seines Lebens, dass es Erklärung genug sein würde.

Und doch war neben all dem Schmerz, neben all dem Hass, den er empfand und neben all der Gleichgültigkeit etwas, das ihn begleitet und getröstet hatte. Jemand hatte seine Hand gehalten und er sah wieder die Augen, die ihn sein Leben lang verfolgten. Er hatte sie gesehen, solange bis ihn die Dunkelheit mit sich zog.

Und jetzt lag er hier auf dem kalten schmutzigen Boden, in seinem Blut. Es war gar nicht mehr schlimm. Die Kälte half ihm, den Schmerz zu ertragen, zu verdrängen, nur für einen Moment. Doch dieser Augenblick genügte, um ihm seine Lage deutlich vor Augen zu führen:

Er war nicht tot! Und keiner wusste es.

Jetzt war es gewiss. Jetzt würde er sterben, so wie er gelebt hatte, einsam. Er lachte laut auf. Es tat weh. Zum ersten Mal griff die Verzweiflung nach ihm. Er war vergessen worden! Nicht einmal ein Grab würden sie ihm schenken.

Die Kälte kroch ihm in die Glieder. Seine Wunden brannten, bescherten ihm unendliche Qual. Er schloss die Augen und wartete. Die Müdigkeit senkte sich über ihn, hüllte ihn ein und nahm ihm endlich den Schmerz, der ihm die Sinne rauben wollte.

Da, ein Geräusch!

Er riss die Augen auf und starrte in die Dunkelheit, lauschte angestrengt in die Stille hinein. Hatte er sich getäuscht?

Da war es wieder. Zaghafte Schritte. Knarrende Stufen. Ein schwacher Lichtschein.

Ein Funken Hoffnung schlich sich in sein Herz, ganz leise. Es war die Hoffnung auf Leben. Einen Moment lang wollte er rufen. Doch er blieb still. Wofür sollte er denn leben wollen? Es war alles gesagt, es war alles getan.

Das Licht drang durch die Ritzen der Tür, ganz sanft und tröstlich. Es kam näher, wurde heller.

Träumte er? Würde er jetzt weitergehen?

Mühevoll hob er den Kopf und starrte auf die Tür.

Die Schritte wurden lauter.

Sollte er rufen?

Kein Laut kam von seinen Lippen. Sein Kopf sank kraftlos zurück auf den harten Boden. Ganz still lag er da und wartete.

Die Tür wurde aufgestoßen. Lichtstrahlen erhellten den Raum und blendeten ihn. Eine Gestalt trat ein. Nur schemenhaft nahm er sie wahr.

Sie kam heran und beugte sich zu ihm hinab. Er fühlte eine warme Hand auf seiner Wange. Ein leises Stöhnen entrang sich seiner Brust, als er ihr den Kopf zuwandte.

Unendlich sanfte Hände. Ein leise gemurmelter Zauberspruch, der seine Schmerzen linderte. Sein Blick wurde klar. Er griff nach den Händen, die seine Wunden versorgten und hob den Kopf. Er erkannte seinen Retter. Nie hätte er mit ihr gerechnet. Sein Herz war voller Zweifel und Ungläubigkeit. Er schüttelte leise den Kopf. Konnte es sein? Es war ein stummes Fragen, er war nicht fähig es auszusprechen.

Ein warmer Blick aus großen dunklen Augen und eine Stimme, die er unter tausenden erkannt hätte, flüsterte atemlos: „Vertrauen Sie mir.“

Sein Herz klopfte laut, sein Blut rauschte, Schweiß stand auf seiner Stirn. Er sank zurück und gab ihre Hände wieder frei. Ja, er wollte vertrauen. Es gab nichts, was er in diesem Augenblick mehr wollte.

Für mich?“, brachte er mühevoll hervor. Seine Stimme war heiser.

Sie legte ihm die Hand auf die Stirn. Es war ein Traum! Es konnte nicht sein, nicht für ihn.

Es ist Wirklichkeit“, sagte sie so leise, dass er Mühe hatte es zu verstehen.

Er sah ihr in die Augen, ganz still und endlich verstand er. Jetzt musste er nicht mehr kämpfen, nicht gegen sich und nicht gegen andere. Jetzt durfte er kämpfen, nur für sich und es gab jemandem, der ihm dabei helfen würde. Dieses Mal würde er vertrauen, dieses Mal würde er die Hand nicht wegschlagen, die ihm gereicht wurde.

Kein Vergessen! Nie wieder.

Er war am Ende seiner Kraft.

Er schloss die Augen und ließ sich fallen.

Jetzt würde er leben!

Dunkelheit

Ein angstvoller Schrei gellte durch den Raum.

Der Mann, der ihn ausstieß erwachte schweißgebadet. Er zitterte heftig und fror trotz des Fiebers, das ihn schüttelte. Er starrte mit weit aufgerissenen Augen orientierungslos in die Dunkelheit und versuchte die Bilder, die vor seinen Augen tanzten, fortzuschieben. Doch sie ließen sich nicht wegdrängen, unerbittlich, grauenhaft traten sie immer wieder vor ihn hin. Eine Schlange, die ihn umschlang, ein grausames Zischen, dessen Ton sich in sein Hirn gebrannt hatte, der Schmerz, auflodernd und unerträglich. Er stöhnte schmerzlich auf. Die Angst griff wieder nach ihm.

Es dauerte lange, bis er realisierte, dass er auf einem weichen Lager gebettet war und dass der Raum, in dem er sich befand, warm und luftig war. Er wusste eines, das war nicht der Raum in dem er gelegen hatte, als er meinte, er müsste sterben, als er das Licht sah, als er die Stimme hörte, die ihm sagte, dass er leben durfte…

Stöhnend versuchte er sich zu bewegen, doch jeder Muskel seines Körpers schien wie Blei, schmerzte furchtbar und ließ ihn wie gelähmt daliegen. Erst unter unendlicher Anstrengung gelang es ihm schließlich, zitternd den Arm zu heben und die Hand auf seine Brust zu legen, so als wollte er fühlen, dass er wirklich da war.

Jeder Atemzug tat ihm weh bis tief in die Brust.

Immer wieder verlor er das Bewusstsein. Er war noch zu schwach, um einen klaren Gedanken fassen zu können. Fieber schüttelte ihn, die Wunden brannten wie Feuer, der Blutverlust hatte ihm alle Kräfte geraubt.

Er konnte nichts sehen. So sehr er sich auch anstrengte, kein Lichtstrahl schien die Dunkelheit, in der er sich befand, zu durchbrechen. Er warf den Kopf in Fieberfantasien. Die Hitze schien ihn zu verbrennen. Sein Atem ging rasselnd, sein Rachen war wie ausgedörrt.

In den wenigen Augenblicken, in denen er wach war, in denen er einen halbwegs klaren Gedanke fassen konnte, fühlte er sanfte Hände, die ihm die heiße Stirn kühlten, die seine Wunden versorgten und die ihm Wasser einflößten, um seinen brennenden Durst zu löschen.

Er wollte sie festhalten, jedes Mal. Allein zu sein machte ihm Angst … Doch nie gelang es ihm, auch nur eine Hand zu berühren.

Erschöpft und unendlich müde sank er jedes Mal zurück in die Kissen. Seine Brust hob und senkte sich heftig und schenkte ihm mit jedem Atemzug erneuten Schmerz, der ihm immer wieder die Sinne raubte.

Vor dieser Ohnmacht fürchtete er sich, wie er sich noch nie in seinem Leben gefürchtet hatte. Es lag nichts Erlösendes darin, wie so oft, wenn er unter Schmerzen endlich in eben diesen Dämmerzustand fiel. Nein, diese hier war anders. Sie war lebendig, sie war grausam, sie war schmerzhaft. Sie ließ ihn alles sehen, sein ganzes Leben schien sich vor ihm abzuspielen, sein Leben, in dem er alles falsch gemacht zu haben schien. Aller Schmerz, alle Qual, die er empfunden und die er selbst zugefügt hatte, schien sich darin zu manifestieren. Er fürchtete sich vor ihr und ebenso davor, wach zu sein.

Diese Erinnerungen, die Bilder, sie hielten ihn fest, erbarmungslos. Sie ließen ihn erst wieder los, wenn er spürte, dass da jemand war, wenn er sich dessen bewusst wurde, dass er nicht alleine war.

Immer wieder hörte er leise Stimmen. Er kannte sie. Sie flößten ihm Ruhe ein, Frieden und Zuversicht. Wenn er sie hörte, hatte er keine Angst mehr, konnte er sich fallen lassen, sein Atem beruhigte sich dann, seine im Schmerz verkrampften Finger lösten sich aus ihrer Starre und er konnte endlich der erlösenden Müdigkeit nachgeben, die ihn tief und traumlos schlafen ließ. Dieser Schlaf ohne Angst schenkte ihm endlich die Kraft, die er brauchte, um gegen die Verletzungen und die Schmerzen anzukämpfen.

~

Jetzt lag er zum ersten Mal hellwach und ganz ruhig auf seinem Lager. Ein leiser Schimmer durch die geschlossenen Lider sagte ihm, dass es Tag sein musste. Es war still bis auf den Wind, der um das Gemäuer pfiff und von weit her hörte er das leise Rauschen von Wellen, die hart an Land schlugen.

Nur langsam hob er die schweren Lider. Was er sah, war eine hohe dunkle holzvertäfelte Decke, die auf schweren Balken ruhte. Auf das Holz waren Wappen aufgemalt. Er konnte sich nicht erinnern, jemals in einem solchen Raum gewesen zu sein.

Er wandte den Kopf und sah einen Sessel an seinem Bett, ein Tischchen, auf dem Verbandszeug lag und ein paar Töpfchen und Phiolen standen, dahinter war ein hohes Fenster, durch dessen Scheiben ein wolkenverhangener Himmel zu sehen war. Es hatte wohl geregnet. Die Tropfen am Fenster brachen das Licht der Sonne, die sich ab und an durch die Wolken schob, und erstrahlten wie Diamanten.

Es war so friedlich, so still, fast wie ein Traum. Eine Ruhe, die ihm wohl tat, die ihn vergessen ließ.

Er schloss die Augen und holte tief Luft. Ein stechender Schmerz an Hals und Brust sagte ihm, dass er nicht träumte, dass er wirklich hier lag, in weißen, sauberen Laken, verbunden und wohl versorgt.

Ein leises Geräusch ließ ihn den Kopf wenden und die Augen wieder öffnen.

Groß und stumm standen sie da, inmitten des Raumes, und sahen ihn ernst und besorgt an.

Er wollte reden, doch nur ein gurgelndes Geräusch kam aus seiner Kehle. Sie brannte, und ein Hustenreiz, den er nicht zu unterdrücken vermochte, schüttelte ihn.

Die beiden Frauen kamen zu ihm. Während die jüngere einen Becher mit Wasser füllte, kam die ältere zu ihm und setzte sich an sein Lager. Sie griff nach dem Becher, dann stütze sie ihm vorsichtig den Kopf und führte den Becher an seine Lippen.

Er trank begierig. Ein leises Stöhnen entrang sich seiner Brust. Selbst das Schlucken bereitete ihm Qualen. Doch er trank den Becher bis zur Neige. Dann schloss er matt die Augen. Diese kleine Bewegung, selbst durch jemanden gestützt, schien ihm wiederum alle Kraft geraubt zu haben. Er hasste es und konnte doch nichts dagegen tun.

Sein Atem ging schneller, auf seine Stirn traten feine Schweißperlen. Das Fieber schwächte ihn noch immer.

Er fühlte, wie ihm wissende Hände die Verbände abnahmen und seine Wunden versorgten. Es schmerzte, doch er gab keinen Laut von sich.

Hätte er jeden Beistand abgelehnt, wäre er bei vollen Kräften gewesen, so nahm er jetzt dankend hin, dass ihm die Stirn gekühlt wurde und jemand sanft über sein glühendes Gesicht strich.

Er spürte, wie die Kraft ihn verließ, doch er wollte wach bleiben, er wollte fragen, er wollte sehen. Er riss die Augen auf und sah in ihre Gesichter, die ihm so nah waren, sah Minerva McGonagall und Hermine Granger.

Granger … Er sah ihre dunklen Augen, die ihn verfolgten, seit er sie in der Hütte gesehen hatte, ihr Haar, das in sanften Wellen um ihr Gesicht fiel.

Er hob den Arm und seine Finger umfassten ihre Hand, die das Tuch hielt, mit dem sie ihm Kühlung verschaffte.

Eine Frage nur … Nur wissen, wofür er all dies hatte durchleben müssen, alles…

Ist – er – tot?“, brachte er unter Aufbietung all seiner Kräfte hervor und ließ sie wieder los. Seine Hand fiel kraftlos zurück. Die junge Frau sah ihm einen Moment in die Augen und sagte leise: „Er ist vernichtet, endlich“

Seine Augen glühten.

Endlich!

Er atmete schwer. Nicht die Besinnung verlieren! Er wandte den Kopf und sah in Minerva McGonagalls Augen, die ihm einen Atemzug lang bekümmert entgegen blickten. So ganz anders, als der letzte Blick, den sie ihm zugeworfen hatte, bevor er geflohen war.

Sie setzte sich zu ihm und nahm seine, trotz des Fiebers eiskalte, Rechte in ihre beiden Hände. Er fühlte ihre Wärme die auf ihn ausstrahlte und seine überreizten Sinne beruhigte.

Schlafen Sie, Severus“, sagte sie sanft und so leise, dass er beinahe Mühe hatte, es zu verstehen.

Diese Worte legten sich über ihn, sanft wie eine Decke, sie hüllten ihn ein und schenkten ihm Vertrauen. Er sah die beiden Frauen an seinem Krankenlager, die eine wusste, die andere nicht. Für einen kurzen Moment sprang die Furcht wieder in ihm auf. Nein, er musste keine Angst mehr haben, nicht vor ihnen, nicht vor ihnen…

Er schloss erschöpft die Augen. Dunkelheit umfing ihn wieder. Doch dieses Mal gab er sich ihr bereitwillig hin, wusste er doch, er war in Sicherheit.

Kennen lernen

Die Nacht war still. Es war eigentlich immer still. Einzig der Wind, der um das Gebäude strich und die Wellen, die gegen die Steilküste schlugen, waren zu hören.

Es war ein Geräusch, das so gleichmäßig, so beständig war, dass es sie sanft zu wiegen begann und sie beinahe einschlafen ließ.

Die vergangenen Tage waren so anstrengend, so quälend und doch so freudig gewesen, und so schnell vergangen, dass sie kaum in ihr Bewusstsein gedrungen waren. Erst jetzt, da sie den Kranken versorgt und auf dem Wege der Besserung wusste, konnte sie sich einen Moment der Müdigkeit erlauben.

Minerva war erschöpft, ihre Sinne waren überreizt, selbst die Ruhe hier, in die sie jeden Abend zurückkehrte, konnte ihr die schweren Gedanken nicht nehmen.

Grübelnd sah sie ins Feuer. Immer wieder rief sie sich die Erinnerung an den Abend ins Gedächtnis zurück, als Hermine Granger im Moment der Trauer um die Gefallenen und Freunde zu ihr gelaufen war und sie gebeten hatte, ihr zu folgen. Sie hatte ihr mitgeteilt, dass es jemanden gab, den man vergessen hatte, und der es, genau wie jeder andere im Kampf gefallene, verdient hätte, dass man ihn betrauerte. Und in diesem Moment erfasste Minerva eine dunkle Ahnung von dem, was sie erwarten würde. Sie hatte sich nicht getraut zu fragen, sie war einfach mitgegangen, schweigend durch die Nacht, neben dem Mädchen, das sie beschämt hatte.

Sie hatten sich durch den engen Gang gezwängt und waren endlich in das baufällige Gemäuer getreten.

Minerva erschauerte wieder, als sie an die geisterhafte Stille dachte, in die sie eintraten, nur unterbrochen vom Knarren der alten Bretter und vom Heulen des Windes.

Vorsichtig und zögernd war sie Hermine gefolgt, welche die schief in den Angeln hängende Tür aufgestoßen hatte und in den Raum getreten war, die sich hinuntergebeugt, ja gekniet hatte, und dem Mann, der vor ihnen lag, ganz sachte die Hand an die Wange legte, ganz so, als wollte sie ihn trösten.

Und Minerva erschrak. Hermine redete, ganz leise, mit rauer Stimme und doch befreit. Mit wem? Minerva hatte es nicht verstanden, sie sah nur noch den zutiefst erschütterten Ausdruck im Gesicht der jungen Frau.

Und endlich, endlich hatte sie es realisiert, er war nicht tot. Auch wenn nur ein winziger Schritt zum Dunkel fehlte, Severus Snape war nicht gestorben, noch war ein Hauch Leben in ihm.

In diesem Moment fiel die Starre von ihr ab, verschwand die Angst, die sie aufhielt und zweifeln ließ.

Minerva wiegte leise den Kopf. Noch nie hatte sie sich so schuldig gefühlt, wie in diesem Augenblick, als sie Severus Snape schwer verletzt am Boden dieser elenden Hütte liegen sah.

Vielleicht war es ihr Zögern, ihr Augenverschließen und ihre Wut, ihr Stolz vielleicht, der sie nicht erkennen ließ.

Alles hätte sie dafür gegeben, wenn sie geschafft hätte, einsichtiger gewesen zu sein, verständiger, neugieriger.

Minerva erhob sich und ging unruhig durch den Raum. Es gab nichts, was ihre Handlungsweise jetzt entschuldigen konnte. Im Nachhinein war sie verlegen und doch auch zutiefst gekränkt. Gekränkt darüber, dass Dumbledore sie nicht ins Vertrauen gezogen hatte und verletzt, dass auch Snape es nicht einmal ansatzweise versucht hatte.

Sie hatte immer auf der Seite des Lichtes gestanden und war doch so blind gewesen. Minerva seufzte leise auf. Sie wusste, es war sicher nicht immer einfach, mit ihr auszukommen, doch wem sie einmal ihr Vertrauen geschenkt hatte, der konnte sich hundertprozentig auf sie verlassen. Sie wäre lieber gestorben, als einen Verrat zu begehen. Und doch war es ihr nicht gelungen, diesen Anschein zu erwecken, bei keinem … und wie sehr hatte sie ihm Unrecht getan, nicht so sehr mit dem, was sie sagte und tat, eher mit dem, was sie nicht tat. Sie hatte ihm ihre Hilfe nicht angeboten, hatte sich stolz von ihm gewandt und verurteilt, ohne seine Geschichte zu kennen. Und sie wollte wissen, so sehr, wollte gutmachen, was sie durch Stolz und Vorurteil beinahe vernichtet hätte.

Minerva blieb am Fenster stehen und sah in die dunkle Nacht hinaus. Ihre Gedanken kreisten um Hermine und ihr Wissen über Severus Snape. Sie hatte ihr nicht gesagt, was vorgefallen war und Minerva hatte auch nicht gefragt. Sie war ihr nur stumm gefolgt, hatte Severus Snape von diesem grauenhaften Ort weggebracht, hatte dafür gesorgt, dass er ein sicheres Lager fand und genesen konnte.

Ein hoffnungsfrohes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, als sie daran dachte, wie sie Hermine voller Hoffnung gefragt hatte, ob diese ihr vielleicht folgen würde. Und als Hermine es ohne Zögern zugesagt hatte, wurde Minerva stolz. Sie war stolz auf das Mädchen, das selbst so viel durchgemacht hatte, das seinen Freunden bedingungslos zur Seite gestanden hatte, und das eigentlich keinerlei Verantwortung tragen musste, und die sie trotzdem so bereitwillig übernahm.

Über eine Woche schon waren sie hier und ihre Konversation beschränkte sich einzig und allein auf Fragen und Antworten zu Severus Snapes Gesundheitszustand.

Sie mieden andere Themen. Noch immer standen sie unter dem Eindruck der letzten Ereignisse, die so lange Schatten auf sie warfen, und die ihnen Freunde und Angehörige genommen hatten.

Es gab etwas zwischen ihnen, das sie sich nicht erklären mussten und das sie zusammenhalten ließ, ja beinahe zusammenschweißte. Es war das schweigende Einverständnis, dem Gefallenen aufzuhelfen und ihm sein Leben wieder zu schenken, vielleicht sogar noch mehr … Und es würde schwer werden, alles zu erklären, auch wenn sie es noch so sehr wollten.

Wieder seufzte Minerva auf. Sie wusste nichts, gar nichts. Wie sollte sie erklären?

Sie wandte sich vom Fenster ab und sah versonnen in den Raum, der vom Feuerschein in goldenes Licht getaucht wurde.

Alles wirkte so unwirklich, wunderbar und so weit weg, eingedenk der Tatsache, dass der Ort, an dem sich ihr aller Schicksal erfüllt hatte, beinahe bis auf die Grundmauern zerstört war. Doch hier war alles anders, so friedlich. Es war immer so gewesen, hier, in ihrem Haus, war sie immer geborgen, behütet und doch frei gewesen. Es hatte ihr Schutz und Zuversicht gegeben. Immer wenn Wolken aufzogen, wenn die Welt zu versinken drohte, war hier ein Ort der Zuflucht, der ihr die Stärke zurückgab, die sie manchmal zu verlieren drohte.

Wie gerne wollte sie von diesem Gefühl abgeben, es teilen, bedingungslos...

Ein Geräusch ließ Minerva aus ihren Gedanken schrecken. Sie hob den Kopf und sah, wie die Tür geöffnet wurde und Hermine, mit einem Tablett in den Händen, eintrat.

Minervas Blick folgte Hermine, die mit leisen Schritten durch das Zimmer ging und das Tablett sacht auf dem Tisch vor dem Kamin abstellte. Ohne abzuwarten oder zu fragen, ob Minerva auch eine Tasse Tee wollte, hatte sie schon eingeschenkt.

Über Minervas Züge huschte ein flüchtiges Lächeln. Sie kam heran und im Setzen fragte sie leise: „Woher wussten Sie, dass ich jetzt gerne eine Tee hätte, Hermine?“

Hermine lächelte still.

Sie sehen müde aus, Professor“, sagte sie nur und setzte sich aufs Sofa. Sie nahm ihre eigene Tasse und nippte von dem aromatischen Getränk.

Eine gespannte Ruhe breitete sich aus, wie immer, wenn sie beide allein in einem Raum waren. Es war das Ungesagte, das sie beide so verunsicherte. Wie gerne hätten sie sich bekannt und dennoch vermochte keine den Anfang zu machen.

Wie geht es ihm?“, fragte Minerva über den Rand ihrer Tasse hinweg, um das peinliche Schweigen, das sich zwischen sie geschoben hatte, zu durchbrechen.

Hermine sah auf.

Er hat noch immer Fieber und seit beinahe 10 Tagen nichts gegessen…“, sagte sie leise. In ihrer Stimme schwang Sorge mit.

Minerva stellte die Tasse ab und sah Hermine in die Augen.

Geben Sie ihm Zeit, Hermine“, sagte sie, „und geben Sie sich Zeit.“

Hermine senkte den Blick, sie schloss die Augen und kämpfte mit sich. Sie musste es loswerden, sie wollte endlich ausbrechen, sie wollte ihr Wissen teilen, doch sie konnte es einfach nicht.

Hermine starrte zu Boden. „Wir haben ihn …“, sie brach ab und suchte nach Worten. „Wir haben es gesehen … Voldemort … es war so sinnlos … er hat … hätte ihn einfach so getötet, einfach so…“ Sie schüttelte den Kopf. „Wir haben alles falsch gemacht“, flüsterte sie erstickt, „wir haben ihm Unrecht getan…“

Minerva schüttelte den Kopf. Sie beugte sich vor und legte Hermine die Hand auf den Arm.

Nein“, sagte sie leise, „nein, mein Kind, Sie haben sich nichts vorzuwerfen, gar nichts.“

Hermine nickte dankbar. Sie brachte es nicht fertig, in die Augen der anderen zu sehen. Es drängte sie, sich ihr anzuvertrauen, zu erzählen, was Harry ihr gesagt und gezeigt hatte und doch würde sie es als Verrat empfunden haben.

Wie kompliziert alles geworden war. Hatte sie gedacht, dass es nichts geben könnte, was an Erschwernis mit ihrer Odyssee im letzten Jahr zu vergleichen gewesen wäre, so tat sich hier in der Ruhe und Geborgenheit eine Situation auf, die Hermine nicht zu beherrschen vermochte und die sie unsicher werden ließ. Es gab etwas, das sie um nichts in der Welt preisgeben wollte.

Ich möchte es, aber ich kann es nicht“, flüsterte Hermine und hoffte, dass Minerva sie verstand, „die Erinnerungen gehören nicht mir… sie gehören ihm… Ich würde ihn verraten.“

Hermine sah auf, der Ausdruck in Minervas Augen war einen Lidschlag lang unergründlich. Es gab nichts herauszulesen.

Doch dann wandelte er sich. Da war einfach nur noch stiller Schmerz, der die stolzen und mitunter hochmütigen Züge der Lehrerin, wie Hermine sie kannte, so unendlich weich machte. Und er brachte ihr Minerva McGonagall soviel näher, als es vielleicht jemals zu ihren Schulzeiten der Fall gewesen wäre.