von Demetra
Über Euer Feedback freut sich: Demetra
Disclaimer:
JKR.
Besondere
Anmerkung: Kurz bevor ich diese Geschichte beendete, wurde mir klar, dass ein
Happy End einfach nicht passt…zumindest NOCH nicht. Nur fehlt mir eine Idee für
die Fortsetzung. Also, falls jemandem etwas einfällt, wie ich zusammenbringe,
was zusammengehört, dann schreibt mir bitte: verena_trek@gmx.de
„Ich aber - ich sage, es
gibt Flecken, die gehen nicht mehr
raus, Snape. Flecken, die nie mehr rausgehen, Sie wissen, wovon ich rede?"
Mod-Eye Moody in HP: Band 4
Es
war ein wunderschöner Tag in Hogwarts. Die Sonne strahlte vom blauen Himmel und
nur ein paar wie zerrissene Watte aussehende Wolken waren auf die ewig weite
Fläche getupft. Am frühen Nachmittag hatte Albus Dumbledore verkündet, dass zum
Anlass der Sommersonnenwende am Abend vor den Toren des Schlosses ein großes
Fest stattfinden würde und so pulsierte ganz Hogwarts vor Aufregung. Die
meisten Lehrer hatten sich von der Vorfreude der Schüler anstecken lassen und
ihnen frei gegeben - oder auch aus dem Grund, dass sie die Energien der Kinder
und Jugendlichen nicht mehr in die rechten Bahnen zu lenken wussten.
Harry,
Ron und Hermine lagen in der Nähe des großen Sees auf einem Hügel, über ihnen
spendete eine kleine Gruppe Akazien wohltuenden Schatten. In der Nähe lagerte
auch eine große Schar anderer Gryffindors und Ravenclaws, die ihre Hausaufgaben
zusammen erledigten. Hermine lehnte an einem Baumstamm und las einem armdicken
Schmöker über Elementarwesen („Freiwillig, Hermine???" „Aber natürlich, Ron, Wissen
ist Macht!" ). Ron Weasley, der die Anlage seiner Familie zu Sonnenbrand leicht
unterschätzt hatte, hielt sich ebenfalls im Schatten und kühlte seine Stirn mit
einem nichts schmelzenden Eisbeutel. Nur Harry lag in der Sonne und blinzelte
hin und wieder am Rand seiner Brille vorbei zu den anderen Schülern. Es
herrschte gute Laune und eine himmlische Ruhe.
Gerade,
als Harry das dachte, brach am Seeufer, an dem ein paar Schüler das Holz für
die Freudenfeuer am Abend, ein Aufruhr los. Anlass war der im See heimische
Riesenkrake, der normalerweise Anstand von den Schülern hielt. Doch dieses Mal
paddelte er ganz seelenruhig auf das Ufer zu. Dass die Schüler riefen, hatte
allerdings nicht nur etwas mit ihrer Angst zu tun. Harry sprang auf und sein
Freunde schlossen sich ihm an, als er den Hügel hinunter zum See rannte, wo
sich nahe des Ufers nach und nach alle Schüler versammelten.
Auf
einer der Tentakel des Octopus saß eine Frau, die seelenruhig das Tier kraulte
und sich leise mit ihm unterhielt. Gegen den über 14 Meter hohen Kraken wirkte
sie winzig, doch sie sah nicht aus, als fühlte sie sich bedroht.
„Aus dem Weg!" Die autoritäre Stimme
hätte Harry im Traum erkannt. Professor Severus Snape, Meister der Zaubertränke
und Ungerechtigkeit, eilte zum Ruin der guten Laune heran. Harry sah, wie sich
der große, düster aussehende Mann mit den strähnigen Haaren mit fliegenden
Gewändern näherte und im Laufen seinen Zauberstab zückte.
Da
passierte es. Der Krake erkannte die Gefahr, entschied sich zu handeln und tauchte
mit einem riesigen „Platsch" ab. Die junge Frau wurde mitgerissen und
verschwand unter der brodelnden Oberfläche.
„Oh, nein, er hat sie umgebracht!"
rief eine Stimme aus der Menge und Harry fragte sich, ob damit das Tier oder
Snape gemeint war, der tatsächlich etwas entsetzt aussah. Doch dann tauchte ein
nasser Kopf auf und bewegte sich Richtung Ufer, wo die Schüler ein beruhigtes
„Ah!" ausstießen. Als die Frau das Ufer betrat, flossen Bäche von Wasser aus
ihren Haaren und ihrer Kleidung. Ihr Zopf hatte sich gelöst und schwarze
Strähnen hingen ihr wüst ins Gesicht. Zu ihrem eher rustikalen Äußerem -
Stiefel, Shorts und ein an ihrem Körper klebenden T-Shirt, passte der
mörderische Ausdruck in ihren blitzenden Augen, als sie mit großen Schritte -
ihre Schuhe gaben schmatzende Geräusche von sich - durch die Menge ging und
genau vor Snape stehen blieb.
Ihre
Stimme war rau und nicht gerade leise, als sie sich erkundigte:
„Sagen Sie mal, Sie Simpel, was
haben Sie sich dabei gedacht?"
Die
Schüler erstarrten und beobachteten entsetzt, wie sich der Meister der
Zaubertränke zu seiner voller Größe aufrichtete. Noch niemals hatte jemand
Severus Snape in aller Öffentlichkeit derart beleidigt. Eine Erstklässlerin
begann aus lauter Angst zu weinen.
„Wie können Sie es wagen, auf diese
Weise mit mir zu reden?" Snapes Stimme war gefährlich leise und alle Anwesenden
traten einen Schritt zurück. Nur die Frau nicht, die noch lange nicht fertig
war.
„Ich rede mit Ihnen, wie es mir
passt! Was für ein Stümper sind Sie eigentlich? Das Tier derart zu erschrecken!
Wenn es auch nur halb so zahm gewesen wäre, hätte es sich ein paar Schüler
schnappen und mit in die Tiefe ziehen können! Sind Sie Lehrer an der Schule?"
„Lehrer für Zaubertränke und
Vorstand des Hauses Slytherin", stellte sich Snape spöttisch vor und schien
sich zu erhoffen, dass sein Titel einen gewissen Eindruck hinterlassen würde.
„Mein Name ist Snape, Severus Snape!"
„Oh, großer Gott, da habe Ihre
Eltern ja einen wahren Glücksgriff getan! Eine Name der zu Ihrem Charakter
passt! Ein Kinderschreck!" Sie bemerkte in ihrer Rage nicht, dass die Schüler
noch einen Schritt zurück machten. Harry schluckte. Normalerweise, wenn Snape
sich aufregte, wurde er noch bleicher. Dieses Mal lief er rot an und das
bedeutete, dass er kurz vor der Explosion stand. Auf ein Mal hob die Fremde die
Hand, deutet auf die Luft über Snapes Kopf und rief: „Tempesta minimi!" Direkt
über dem Lehrer bildete sich innerhalb einer Sekunde eine kleine Wolke, aus der
es zu regnen begann. Kleine Blitze zuckten herunter und ein niedlicher Donner
rollte. Die Erstklässlerin hörte auf zu weinen und begann zu kichern. Einige
andere Schüler fingen ebenfalls an, erst leise und nervös, dann lauter. Harry
versuchte vergeblich, sich ein Grinsen zu verkneifen und sah zu Ron, der die
Hand über den Mund geschlagen hatte. Nur Hermine lachte nicht. Sie hatte die
Augen fasziniert auf die Fremde gerichtet und flüsterte hektisch:
„Hast Du gesehen, sie braucht keinen Zauberstab!"
Snape
machte einen Schritt zur Seite. Die Wolke folgt. Er machte noch einen Schritt
zur Seite. Die Wolke folgte. Schließlich griff er nach seinem Zauberstab,
richtete ihn auf das winzige Gewitter und sprach:
„Finite Incantatem." Mit einem
leisen „Plopp" verschwand die Wolke. Snapes Hand mit dem Zauberstab verblieb
jedoch in der Luft und richtete sich auf die junge Frau. Das Lachen der Schüler
verstummte abrupt. Die Luft vibrierte vor Spannung. Dann ließ Snape den
Zauberstab sinken, drehte sich um und stapfte wortlos und durchnässt zum Schloss
zurück.
„Er wird Sie umbringen", entfuhr es
Ron und blickte die Frau halb bewundernd, halb entsetzt an. „Das hat noch nie
jemand mit ihm gemacht."
„Na, dann war das schon längst
einmal überfällig" lautet die Antwort, die so trocken war wie Snape feucht.
„So, ich verabschiede mich dann mal. Bin auch auf dem Weg ins Schloss. Und
keine Angst, junger Mann. Der nassen Spur, die Professor Snape hinterlassen
hat, werde ich ausweichen."
Pfeifend
machte sie sich auf den Weg und hinterließ einen Fanclub mit knapp 50
Mitgliedern.
***
„Albus, noch niemals in meinem Leben
bin ich so blamiert worden! Wer immer diese Person ist, ich verlange, dass sie
des Schulgeländes verwiesen wird!"
Dumbledore
unterdrückte ein Lächeln und bemühte sich, eine verständnisvolle Miene
aufzusetzen. Er war Severus im Innenhof begegnet, als dieser gerade nass und
zornbrodelnd auf dem Weg in seine Räume gewesen war. Inzwischen war eine halbe
Stunde vergangen, Severus trug wieder trockene Kleidung und seine Haare wirkten
frisch gewaschen. Sogar seine Gesichtsfarbe wirkte angeregter als sonst.
Dumbledore vermerkte es als positiv, wenn sein langjähriger Freund und Schüler
sich einmal nicht über die Schüler, sondern über eine Frau aufregte. Sie saßen
in Snapes Büro und der Meister der Zaubertränke schloss seine langen Finger
gerade um die Tischplatte, die leise und altersschwach knirschte.
„Wie sah sie denn aus?" erkundigte
sich Albus in mitfühlendem Tonfall.
„1,65, zierlich, schwarze, hüftlange Haare. Mitte
20. Ähnlichkeiten mit einer Furie." Die Zornfalte in Snapes Stirn vertiefte
sich. „Handmagierin."
„Soso, Handmagierin", murmelte
Dumbledore und vor seinem geistigen Auge erschien ein Gesicht. Er musste nun
doch lächeln. „Ich versichere Ihnen, Severus, die Sache wird sich noch im Lauf
des Tages aufklären. Warten Sie es ab!"
„Sie wissen etwas, was ich nicht
weiß, Professor." Severus Augen verengten sich zu Schlitzen. „Und das gefällt
mir nicht."
„Ach, kommen Sie, seien Sie nicht so
rachsüchtig! Sie werden eine Entschuldigung erhalten." Dumbledore ging Richtung
Tür, drehte dann aber noch einmal den Kopf. „Im gewissen Sinne haben Sie den
Groll der Dame verdient. Es hätten tatsächlich ein paar Kinder in Gefahr
geraten können."
Dann
schwebte er würdevoll aus Snapes staubigem Büro und freute sich, den folgenden
Wutausbruch nicht unmittelbar erleben zu müssen.
***
Die
Nacht war lau und Sterne beleuchteten die Szenerie, vermischten ihr Licht mit
dem der Feuer, die auf den Hügeln vor der Schule brannten. Es roch nach Essen,
dem frischen Grün der Bäume und dem Harz verbrennenden Holzes. Selbst Severus
musste sich zugestehen, dass es ein schönes und gelungenes Fest war - wenn man
gewisse Maßstäbe anlegte, die er allerdings nicht teilte. Er beobachtete ein
paar Schüler, die zu zweit über eines der Feuer sprangen, und erinnerte sich,
dass dies ein Brauch aus uralter Zeit war, der einer Partnerschaft
Beständigkeit geben sollte. Seine Mundwinkel kräuselten sich unfroh. Kinder.
Einfach lächerlich. Die Zeit, die er hier vertat, um sich ein paar nutzlose
Riten anzusehen, wäre sinnvoller zu nutzen gewesen.
Unweit
von ihm stand Dumbledore und unterhielt sich mit Hagrid, der selbstvergessen an
einem Stück Grillgut kaute. Für simple Gemüter wie ihn schien der Abend genau
das Richtige zu sein. Severus wollte sich abwenden und zum Schloss
zurückkehren, als er bemerkte, dass jemand neben ihm stand. Es dauerte einige
Zeit, bis er erkannte, wer es war. Der Unterschied zu der durchnässten Furie
vom Morgen war eklatant. Die Frau trug ein weich fallendes, grünes Kleid, das
die Farbe ihrer Augen betonte, das schwarze Haar hing schwer über ihren Rücken.
Für eine Zehntelsekunde verschlug es Severus die Sprache. Dann fasste er sich
wieder. Frauen interessierten ihn nicht.
„Professor Snape." Auch die Stimme
hatte sich verändert, war nicht mehr aggressiv, sondern freundlich und sanft.
Ein wenig rauchig. „Wie stehen die Chancen, dass Sie eine Entschuldigung für
mein Verhalten heute Nachmittag annehmen?"
„Nicht gut", hörte er sich sagen und
schwieg dann. Dass er sich wirklich ernsthaft angegriffen gefühlt hatte, musste
sie nicht wissen.
„Dann eben nicht. Ich hätte mir
denken können, dass ich mich mit meiner Impulsivität noch einmal in Teufels
Küche bringe", seufzte sie und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Ich
weiß, dass Sie nur die Schüler beschützen wollten." Jetzt unterstellte sie ihm
also auch noch eine edle Absicht? Er war fast amüsiert. Doch sie redete weiter:
„Ihre Schüler schließen seit Stunden Wetten ab, auf welche Weise Sie mich
meiner Existenz berauben wollen. Ganz oben auf der List steht: zu Tode
starren." Meinte sie das ernst? Der Ausdruck ihrer Augen ließ etwas Derartiges
vermuten. Sie wirkte nachdenklich. „Sie machen irgendetwas falsch, Professor
Snape. Man scheint Sie für das personifizierte Böse zu halten."
„Ich bin nicht hier, um beliebt zu
sein", wies er sie schroff ab. „Mir ist gleich, was die Schüler von mir
halten."
„Ach, wirklich?" Sie hob eine
Augenbraue und schüttelte dann den Kopf, so als sei er ein hoffnungsloser Fall.
„Na, wenn Sie das sagen. Einen schönen Abend wünsche ich Ihnen noch. Übrigens:
Ich freue mich auf die Zusammenarbeit."
„Zusammenarbeit?" Severus schwante
Übles.
„Ja." Sie kämmte mit den Fingern
eine Strähne ihres Haares aus dem Gesicht. „Ich bin die neue Lehrerin für die
Verteidigung gegen die dunklen Künste."
Sie
nickte ihm freundlich zu und ging. Severus hatte das dringende Bedürfnis,
irgendetwas zu zerschmettern. Dann fiel sein Blick auf Dumbledore, der ihn
merkwürdig zufrieden ansah und er schluckte den Zorn hinunter. Er hatte
vielleicht die eine oder andere Schlacht verloren. Aber der Krieg fing gerade
erst an.
***
„Wirklich, eine Unverschämtheit, so
etwas wie die als unserer Lehrerin anzustellen…", plusterte sich Draco Malfoy
auf und erntete ein bestätigendes Nicken von seinen zwei Spießgesellen, Doyle
und Crabbe. Die Slytherins und Gryffindors der fünften Klasse hatten sich in
einem großen Saal im Westflügel des Schlosses versammelt, um ihre erste
Unterrichtsstunde in der Verteidigung gegen die dunklen Künste in diesem
Schuljahr zu erleben. Seit letztem Jahr hatte es keine Bewerbung mehr auf den
Posten gegeben und man munkelte, dass Severus Snapes Chancen nicht schlecht
gelegen hatten, die Klasse übertragen zu bekommen. Harry und seine Freunde
waren nicht gerade erfreut darüber, dass sie mit den Slytherins zusammen
unterrichtet werden würden, doch sie waren erleichtert, dass Snape ihnen
erspart worden war. Damit war bereits einiges gewonnen. „Mein Vater wird schon
dafür sorgen, dass sie bald wieder rausfliegt. Er hat bereits einen Brief
geschrieben... ." Die Arme verschränkt und unglaublich selbstzufrieden
aussehend, merkte Malfoy nicht, wie Crabbe und Goyle sich eilig zurückzogen.
Harry grinste, als sich der Sohn von Lucius Malfoy bewusst wurde, dass die Person,
über die er gerade sprach, hinter ihm stand.
Maiwen
Garet war von Dumbledore an diesem Morgen beim Frühstück vorgestellt worden und
zu diesem Zeitpunkt wusste bereits die ganze Schule, wer sie war und was sie
mit Snape angestellt hatte. Harry hatte sie am vergangenen Abend auf dem Fest
kurz gesprochen und fand sie sehr nett. Er vermutete, dass sie ungefähr 27 war,
vielleicht auch jünger. Und obwohl sie sehr humorvoll erschien, lag jetzt eine
unheilverkündende Spannung in ihrer Gestalt, als sich Malfoy zu ihr umdrehte
und ihr kühl ins Gesicht zu lächeln versuchte.
„Mr. Malfoy, wie wäre es, wenn Sie
Ihrem Vater ausrichten, er möge sich mit seinen Beschwerden direkt an mich
wenden?" Ihre Augenbrauen zogen sich drohend zusammen. „Aber soweit ich mich erinnere,
ist er eher für hinterhältige Verleumdungen zu haben, nicht wahr?"
Draco
wollte aufbrausen, doch dann nickte er nur und setzte sich kommentarlos auf
seinen Platz. Das hasserfüllte Glitzern seiner Augen war für niemanden im
Klassenraum zu übersehen.
***
„Wow, das war die beste Stunde, die
wir jemals hatten", schwor Hermine später, als sie den Klassenraum verließen.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal einen Dunkelelf zu sehen bekomme."
„Geschweige dessen, dass er mich
angesprungen hat", murmelte Ron und rieb seine Hand, in der noch ein paar
schwache Bissspuren zu sehen waren. „Jetzt noch magische Geschöpfe bei Hagrid
und ich kann mir den Arm amputieren lassen."
Harry
lachte vergnügte, seine Wangen waren gerötet.
„Sie ist wirklich gut." Grinsend
stimmte er den Freunden zu. „Habt Ihr gesehen, wie Neville aussah, nachdem sie
ihm 10 Punkte verliehen hat?"
„Meiner Meinung nach hätte Neville
die Punkte für absolute Dämlichkeit verdient." Draco Malfoy hatte immer noch
nicht Ruhe gegeben. „Aber nun ja, er soll sich noch darüber freuen, bis Miss
Garet wieder verschwindet."
„Ach, halt die Klappe", fuhr ihn
Hermine an. „Warum sollte Dein Vater erreichen, dass Miss Garet gehen muss?"
„Weil…" Genüsslich zog Draco das
Wort in die Länge. „Weil sie in Askaban gesessen hat. Und ich kann mir nicht
vorstellen, dass es den Elternbeiräten gefallen wird, dass die Schüler von
einer Verbrecherin unterrichtet werden." Seine Worte erzeugten schockiertes
Schweigen bei denen, die sie mitbekommen hatten. Und das waren nicht wenige.
„Misch Dich nicht in Dinge ein, die Dich nicht angehen, Schlammblut."
Hermine
wurde blass. Sie war noch immer nicht gegen Malfoys Gemeinheiten gewappnet und
schluckte sichtbar. Da erklang Maiwen Garets Stimme in die Stille hinein.
„50 Punkte Abzug für Slytherin wegen
Beleidigung einer Mitschülerin", befahl sie kühl. Hoch aufgerichtet ging sie
durch die Gasse, die die verunsicherten Schüler bildeten und verschwand.
***
„Sie werden mich niemals
kleinkriegen, Lucius. Niemals! Askaban hat es nicht geschafft, und Sie werden
es auch nicht. Ihre Tage werden bald gezählt sein."
„Das glauben aber auch nur Sie",
lautet die hochmütige Antwort. Severus Snape blieb wie angewurzelt stehen, als
er die beiden streitenden Stimmen vernahm und erkannte. Ganz offensichtlich war
Lucius Malfoy in der Schule. Und er war mit der neuen Lehrerin
aneinandergeraten. Die beiden standen in ihrem Büro, dessen Tür nur halb
angelehnt worden war. Severus trat näher und lauschte nachdenklich. Seit ein
paar Tagen ging das Gerücht um, dass die Weste von Miss Garet nicht ganz so
weiß war, wie alle vorher vermutet hatten. Das hatte ihn überrascht. Noch mehr
allerdings Albus Dumbledores Reaktion auf die Gerüchte: eine knappe Eröffnung
an das Lehrerkollegium, dass Maiwen eine ehemalige Aurorin war, die durch eine
Verkettung unglücklicher Umstände in Schwierigkeiten geraten war. „Ich werde
Sie zermalmen wie ein Insekt. Ende der Woche werde ich ein Rundschreiben an die
Eltern schicken. Wir werden sehen, ob Sie danach noch so selbstbewusst sind."
„Ich lasse mich nicht von Ihnen
bedrohen, Malfoy." Maiwens Stimme zitterte vor Empörung. „Das Ministerium hat
meine Anstellung genehmigt und Dumbledore steht fest hinter mir. Dagegen kommen
Sie nicht an."
„Die Tattergreise vom Ministerium
fressen mir aus der Hand. Ein Wort von mir… ."
„Ein Wort von Ihnen, Lucius, und
alles, was Sie lieben, wird in Flammen aufgehen."
Severus
stockte der Atem. Das war eine ernstzunehmende Drohung. Zauberer, die nicht auf
einen Zauberstab angewiesen waren, waren mächtiger als normale Magiekundige.
Viel mächtiger. „Und jetzt verlassen Sie Hogwarts und wagen Sie es nicht, hier
noch einmal einzudringen."
Eine
kurze Gesprächspause trat ein. Dann flog die Tür auf und Lucius marschierte
heraus. Als er den Hauslehrer seines Sohnes sah, blieb er wie angewurzelt
stehen.
„Snape", rief er. „Haben Sie das
gehört? Miss Garet hat mich bedroht. Sie ist eine Gefahr für alle Menschen in
diesem Schloss."
Maiwen
war Malfoy gefolgt und ihr Gesicht verlor mit einem Mal alle Farbe, als sie
erkannte, dass er in seiner Hand war. Das gefiel Severus irgendwie. Aus einer
spontanen Regung heraus antwortete er:
„Nein, ich habe nichts gehört. Ich
kam erst an, als Sie den Raum verließen, Lucius."
Das
Gesicht des Mannes wurde rot vor Zorn. Er warf einen letzten, vernichtenden
Blick in die Runde und stampfte davon. Maiwen atmete auf und für eine Sekunde
wirkte sie erleichtert. Doch dann sah sie Severus an und ihr Gesichtsausdruck
verändert sich.
„Was wollen Sie für Ihr Schweigen,
Snape?" erkundigte sie sich resigniert. „Wenn Sie meinen Job wollten, hätten
Sie mir nicht geholfen."
Severus
überlegte einen Moment lang. Ihm kamen ein paar mehr oder minder realistische
Ideen, doch schließlich kristallisierte sich eine Einzige heraus.
„Lehren Sie mich Handmagie."
Maiwen
reagierte auf die Forderung mit einem Lächeln, das ihn überraschte.
„Gern. Sie hätten mich auch so
danach fragen können, nicht nur als Wiedergutmachung."
Er
war verblüfft, kaschierte das jedoch mit einem überheblichen Tonfall.
„Ich nahm an, das würde ein Problem für Sie
darstellen."
„Wenn ich nicht genau wüsste, dass man Ihnen
vertrauen kann, würde ich mich weigern. Aber ich gebe nichts auf das Gemunkel
über Ihre finsteren Absichten und gar nichts auf dieses Mal auf Ihrem Arm."
„Woher wissen Sie es? Dumbledore?"
verlangte Severus herrisch zu wissen. Er hasste es, dass scheinbar immer mehr
Menschen darüber Bescheid wussten, was er war.
„Dafür brauche ich Albus nicht. Es
gibt Dinge, die für mich offensichtlich sind." Sie nickte ihm zu und ging in
ihr Büro zurück. „Ich erwarte Sie heute um 19.00 in meinem Klassenzimmer.
Ziehen Sie sich etwas Bequemes an."
Die
Tür ging zu und Severus kam sich vor wie ein Schüler, den man aus dem
Unterricht geworfen hatte. Kein angenehmes Gefühl.
***
Das
Gefühl verstärkte sich im Lauf des Nachmittags und als er pünktlich Maiwens
Klasse betrat, musste er sich eingestehen, nervös zu sein. Eigentlich gab es
für ihn keinen Zweifel an seinen Fähigkeiten - schließlich hatte er Voldemort
jahrelang erfolgreich getäuscht - doch nun ging es um die Tatsache, dass er
zugab, auf einem Gebiet ein Anfänger zu sein, der höchstens Gegenflüche oder
einfache Beschwörungen ohne Zauberstab bewirken konnte. Das störte ihn
gewaltig. Ebenso wie die Tatsache, dass es ausgerechnet diese Frau sein musste,
die ihn unterrichtete.
Maiwen
war bereits anwesend und unterhielt sich leise mit Cho Chang, die sich bei
seinem Anblick jedoch schleunigst auf den Weg machte. Severus lächelte grimmig.
Noch war klar, wer etwas zu sagen hatte. Maiwen Garets nächster Satz zerstörte
seine Hoffnung.
„Mein neuer Schüler, wie schön." Sie
zog ihren Umhang aus und ließ mit einer fließenden Handbewegung alle Tisch an
die Wände rücken. Mit kritischem Blick fragte sie: „Hatte ich Ihnen nicht
gesagt, Sie sollten sich etwas Bequemeres anziehen?"
„Danke, ich fühle mich wohl, so wie ich bin", lehnte
er steif ab.
„Na schön, Ihre Sache. Ich garantiere für nichts."
Sie förderte ein Buch zutage und legte es auf den Boden. „Dann fangen wir mal
an."
„Eine Erstklässlerübung?" Severus war beleidigt.
„Abwarten." Maiwen trat neben ihn. „Sehen Sie das
Buch an, erfassen Sie jede Struktur, stellen Sie sich vor, wie sich die
Beschaffenheit mit den Sinnen ergreifen lässt. Dann schließen Sie die Augen und
übertragen Sie das Bild vollkommen in Ihre Gedanken. Es ist wie eine
Meditation. Sie müssen auf eine Ebene mit dem Gegenstand gelangen. Aber ich
sagen Ihnen gleich: wenn die Fähigkeit nicht irgendwo tief in Ihnen liegt, wird
alles Üben der Welt nichts bringen."
Severus
konzentrierte sich. Leder, Papier. Glatt und weich.Geruch von Tinte und
vergilbten Seiten. Er schloss die Augen und versuchte, das Bild vor seinem
geistigen Auge erneut erscheinen zu lassen. Es gelang. Ein seltsamer Druck
machte sich in ihm breit, doch er wusste nicht, was er damit tun sollte. Eine
kleine, weiche Hand legte sich auf die seine und mit einem Schlag entwich das
seltsame Gefühl aus ihm, über ihre aufeinander liegenden Hände. Spannung
übernahm seinen Kopf, die fast schmerzhaft
vibrierte.
„Machen Sie die Augen auf,
Professor." Er tat, wie ihm geheißen war und sah, dass das Buch einige
Zentimeter zitternd über dem Boden schwebte. Das Reißen in seinem Kopf nahm zu
und als er es nicht mehr aushielt, fiel das Buch mit einem leisen Klatschen zu
Boden. Er atmete aus. Maiwen nahm ihre Hand von der seinen und lächelte
befriedigt. „Wie ich es mir gedacht hatte. Dumbledore deutete schon an, dass
Sie die Grundlagen beherrschen. Schutzzauber. Verteidigung. Aber für wirklich
mächtige Flüche fehlt Ihnen noch die Fähigkeit, die Energien zu bündeln. Das
braucht Zeit."
„Wie viel Zeit?"
„Ich habe fast ein Jahr gebraucht
und täglich stundenlang geübt."
„Wer hat es Ihnen beigebracht?"
wollte er wissen und bemerkte, wie ein Schatten über Maiwens Gesicht fiel. Sie
zögerte.
„Ich mir selbst", sagte sie
schließlich. „In Askaban hat man eine Menge Zeit und man benötigt etwas, an dem
man sich orientieren kann, um nicht verrückt zu werden." Mit einer Geste zeigte
sie, dass sie nicht weiter darüber zu sprechen wünschte. „So, nun versuchen Sie
es noch einmal. Und diesmal ohne meine Hilfe."
***
Maiwen erwachte plötzlich, mitten in der Nacht. Sie rang nach Atem und versuchte, das Gefühl der Beklemmung zu verdrängen, das auf ihrer Brust lastete. Sie spürte schwarze Magie. Und es schien so, als verbreitete sie sich ganz in der Nähe von Hogwarts. Ihr Jagdinstinkt erwachte, sie sprang aus dem Bett und warf sich einen Umhang über. So leise wie möglich verließ sie ihre Räume und trat auf den Korridor hinaus, den das matte Licht der Sterne schwach beleuchtete. Seltsamerweise erhellten sich die magischen Fackeln, die normalerweise auf menschliche Anwesenheit reagierten, in dieser Nacht nicht und das verstärkte Maiwens Gefühl, dass etwas Sonderbares vorging. Eine dunkle Gestalt eilte durch den Gang, in den der Korridor, in dem sie stand, mündete. Sogleich machte sie sich an die Verfolgung. Die Stille war ebenso bedrückend wie die Ungewissheit. Die Person vor ihr bog um eine Ecke und sie folgte mit etwas Abstand. Plötzlich griff eine Hand aus dem Halbschatten und Maiwens Herz blieb fast stehen, als sie ziemlich unsanft an die Wand gedrängt wurde. Der gesichtslose Verfolgte erhielt von einem Moment zum anderen ein Gesicht - ein äußerst grimmiges.
„Was machen Sie hier, Miss Garet?"
blaffte Severus Snape sie an. „Verfolgen Sie mich?"
„Ja", gab sie nach einer kleinen Weile zu. Langsam
verstand sie, was vorging. Snape war noch blasser als sonst und als er den
steinharten Griff um ihren Oberarm lockerte, fasste er nach seinem linken Arm,
so als bereite dieser ihm große Schmerzen. Sie ahnte, dass sich dort das dunkle
Mal befand, das jeder Anhänger Voldemorts trug. Maiwen hatte bereits am ersten
Tag gespürt, dass Snape ein Todesser war, allerdings hatte ihr Dumbledore eröffnet,
dass sie sich keine Sorge machen solle - er sei ein Spion im Dienste des Guten.
„Er hat Sie gerufen, nicht wahr? In den Verbotenen Wald?"
Für
eine Sekunde erwartete sie, dass er sie einfach stehen ließ, wie es seine Art
war. Doch dann flackerte plötzliches Interesse in seinen rabenschwarzen Augen
auf.
„Sie können Voldemort so genau
orten?" erkundigte er sich.
„Nicht ihn direkt, nur die
Ansammlung negativer Energie in einem Radius von mehreren Kilometern. Das hat
mir früher viel Mühe erspart, die andere Auroren in ihre Recherchen investieren
mussten." Sie registrierte unbehaglich, dass der jähe Ausdruck von Hoffnung,
der auf sein Gesicht geschrieben gewesen war, verschwand. Sie fügte trotzdem
noch hinzu: „Wenn Sie sich Hoffnung gemacht habe, dass ich Ihnen sagen könnte,
wo sich der dunkle Lord zu jedem Zeitpunkt aufhält, muss ich Sie enttäuschen.
Wenn ich das könnte, wäre er längst vernichtet."
Er
nickte knapp, so als habe er diese Antwort erwartet.
„Entschuldigen Sie mich jetzt." Er
drehte sich um und rauschte davon, wurde wieder zum Schatten.
„Passen Sie auf sich auf, Severus",
dachte Maiwen und kehrte in ihr Zimmer zurück. Schlafen würde sie in dieser
Nacht nicht mehr.
***
„Ich schaffe das nie." Ron stöhnte
und lehnte die Stirn in die Hände. „Hätte nicht gedacht, dass man soviel Zeug
lernen muss, um den ersten ZAG zu bekommen."
„Tja, hättest Du in den vergangenen
Jahren mehr gelernt, hättest Du jetzt keine Probleme." Hermine, die ihm in der
großen Halle gegenübersaß, blickte auf den Stapel Bücher, der neben ihm lag und
wies dann demonstrativ auf das eine Buch, das sie gerade las. „Geschichte der Bekämpfung schwarzer Magier"
von Magnus Schreck war ihrer Meinung nach etwas reißerisch aufgemacht, aber
nicht uninformativ. „Hör mal, hier steht etwas über Auroren und ihr
Tätigkeitsfeld."
„Uninteressant für die Prüfungen",
klang es von Ron zurück, der sich gerade bückte, um seine Feder aufzuheben, die
ein jäher Windstoß auf den Boden geweht hatte. „He, da kommt die Post."
Dutzende Eulen rauschten durch eines der hohen Fenster hinein und verteilten
die Päckchen und Briefe, die sie in ihren Krallen hielten. Hermine ging leer
aus, doch Ron erhielt einen Brief, den er mit einer Grimasse öffnete. „Von Mum.
Sie macht mir sicher die Hölle heiß mit dem Lernen. Fast so schlimm wie Du."
„Haha", machte Hermine beleidigt und
versenkte sich wieder in ihr Buch. Der Absatz über die Auroren war interessant.
Laut Magnus Schreck besaßen viele Auroren die Fähigkeit, Böses über ihre
magischen Sinne direkt wahrzunehmen. Hermine dachte an Harry, dessen Narbe ihn
stets warnte, wenn Voldemort einen neuen Schritt zur Rückeroberung seiner Macht
unternahm. Hervorragende Voraussetzungen, dachte sie und las weiter. Nur die
mächtigsten Zauberer einer Generation waren fähig, die schweren Prüfungen zum
Auroren zu bestehen, weshalb diese Eliteeinheit von allen dunklen Magiern
gehasst und gefürchtet wurde. Viele Auroren waren auch Handzauberer. Hermine
ließ das Buch sinken und ihr Blick wanderte hoch zum Tisch der Lehrer, wo Miss
Garet die Aufsicht führte. Ungewöhnlicherweise saß Snape neben ihr. Die beiden
unterhielten sich angeregt und Hermine fragte sich, ob sie die Einzige war, der
auffiel, dass der Professor für Zaubertränke einmal nicht aussah, als wolle er
gleich jemanden verschlingen. „Ron", fragte sie leise. „Hast Du noch das Buch „Die schlimmsten Unfälle der
Zaubereigeschichte"?
„Klar. Hab's sogar hier, Professor
Binns will von mir bis Ende der Woche ein Essay über die Explosion des
deutschen Zaubereiministeriums 1923." Ron hob ein paar Bücher vom Stapel und
zog ein weiteres hervor, das er Hermine über den Tisch reicht. „Wieso?"
„Och, nur so", log sie und wurde
etwas rot. Zum Glück hatte Ron den Kopf inzwischen wieder in seine
Aufzeichnungen gesteckt und bemerkte es nicht. Hermine öffnete das Buch und
entdeckte gleich an der erste Seite das Zauberregister, das sich mittels einer
Spruchblase höflich erkundigte, nach welchen Stichworten sie suchen wolle. Ohne
zu zögern griff sie zur Feder und schrieb die Begriffe „Aurorin, Unglück,
Askaban" hinein. Die gewünschte Seitenzahl erschien prompt und Hermine begann
zu blättern. Der Absatz war kurz und mit einem Photo illustriert. Hermine ließ
das Buch sinken. Das Bild und die
dazugehörige Unterschrift genügten ihr, um ihre Vermutung zu bestätigen.
***
Der
Morgen begann für Maiwen mit Unterricht bei den Fünftklässlern, den sie gern
durchführte, da die meisten Schüler sehr intelligent und wissbegierig waren.
Selbst Draco Malfoy, den sie ab und zu vor die Tür setzen musste, schrieb sie
einen hellen Kopf zu, ganz in Gegensatz zu seinen beiden bulligen
Bundesgenossen. Nur schade, dass er ihn wie sein Vater im Dienste der falschen
Sache einsetzte. Sie hatte Lucius schon lange in Verdacht, ein Todesser zu
sein, doch es gelang dem hochangesehenen Zauberer stets, sich aus der Affäre zu
ziehen.
Sie
betrat den Klassenraum und sah noch, wie Hermine Granger ein Buch unter dem
Tisch verschwinden ließ. Harry Potter und Ron Weasley, beste Freunde und eine
eher harmlose Plage für die anderen Lehrer, starrten sie an, als habe sie zwei
Köpfe und Maiwen ahnte, dass etwas ganz und gar nicht so lief, wie sie es
wünschte.
„Miss Granger", fragte sie
freundlich. „Was lesen Sie?"
Das
Zucken im Gesicht des Mädchens mit den braunen Haaren verriet, dass sie ertappt
worden war. Langsam und spürbar widerwillig griff sie unter die Band und hielt
Maiwen das Buch entgegen.
„Seite 145", sagte sie
überflüssigerweise, denn Maiwen kannte das Buch und wusste auch ganz genau, auf
was die übereifrige Schülerin gestoßen war. Einen kurzen Artikel über ihren
größten Fehler. Das verschwommene Photo aus der Klatschpresse, das sie zeigte.
Mit der Unterschrift „Die Auroren auf den
Weg zur Verhandlung". Maiwen zögerte. Sie hätte gern einiges klargestellt,
doch sicher nicht vor den grinsenden Gesichtern der Slytherins. Draco stand
zwar unter der Fuchtel seines Vaters und würde nichts unternehmen, doch die
anderen Jugendlichen waren sehr wohl fähig, mit Briefen an ihre Eltern einen
großen Schaden anzurichten.
„Danke, Miss Granger" sagte Maiwen
laut, als sie alle Blicke auf sich gerichtet fühlte. „So. Jetzt würde ich Sie
alle bitten, Ihre Sachen zu packen und zum östlichen Ufer des Sees zu gehen.
Wir setzen den Unterricht dort fort." Großes Hallo bei den Gryffindors, denn draußen
war herrliches Wetter. Hektisches Taschepacken und Stuhlrücken folgte, dann
rannten die Schüler in Erwartung des Kommenden aus der Klasse. Wie Maiwen
erwartet hatten, waren das Trio Potter-Weasley-Granger die Letzten. Die Schüler
blickten sie unsicher an, doch Maiwen lächelte. „Ihr habt ausgezeichnet
recherchiert", lobte sie, obwohl sie nicht verstecken konnte, dass es ihr nicht
sonderlich angenehm war. „Und, was denkt Ihr?"
„Haben Sie wirklich Muggelkinder
getötet?" rutschte es Ron heraus und er bekam für seine Unsensibilität erst
einmal von Hermine einen Stoß in die Rippen verpasst. Maiwen nickte. Wie stets,
wenn sie durch irgendetwas an den
Vorfall erinnerte wurde, erschienen die Bilder wieder vor ihren Augen. Es
reichte der Geruch von brennendem Holz, ein schriller Schrei, um alles
erscheinen zu lassen, als sei es erst gestern, und nicht etwa vor zwei Jahren
geschehen.
„Ja, Mr. Weasley", bestätigte sie
noch einmal. „Ich befand mich mit einem Kollegen auf der Jagd nach einer Gruppe
Todesser, die sich unserem Wissen nach in einem leeren Lagerhaus der Muggel
trafen. Es war Nacht und wir haben den verhängnisvollen Fehler begangen, zu
denken, dass auf einem Industriegelände niemand sein würde außer ihnen. Mit
einem Feuerzauber zerstörten wir das Gebäude, als wir von innen heraus
angegriffen wurden. Dass zwei Straßenkinder in der Halle Unterschlupf gefunden
hatten, merkten wir erst zu spät." Maiwen schloss die Augen und kämpfte um ihre
Fassung. Dass eines der Kinder brennend und bereits schwer verletzt auf sie
zugetaumelt war, das Wissen seines nahen Todes in seinen Augen, verschwieg sie.
„Wir versuchten, sie zu retten, doch zu spät. Derek und ich wurden festgenommen
und nach Askaban gebracht. Der Prozess gegen uns dauerte fast ein dreiviertel
Jahr, immer wieder gestört von Lucius Malfoy, dem wir bereits damals auf den
Fersen waren und der alles daran setzte, uns für immer verschwinden zu lassen.
Doch es gelang ihm nicht. Ich wurde zu einer einjährigen Strafe verurteilt, die
jedoch mit der bereits abgesessenen verrechnet wurde. Nach dem Urteil verblieb
ich noch zwei Monate in Askaban und wurde dann entlassen. Das Ministerium bot
mir meinen alten Posten wieder an.
Wahrscheinlich
waren sie verzweifelt genug, um das zu tun. Schließlich wurde Voldemort in
diese Zeit wieder zur Bedrohung." Sie bemerkte, wie Weasley bei der Nennung des
Namens zusammenzuckte und lächelte ihn entschuldigend an. „Doch ich lehnte ab.
Und nun bin ich hier. Dumbledore gibt jedem eine zweite Chance, nicht wahr?"
Eie
Pause entstand. Hermine Granger fand als Erste Worte:
„Danke, dass Sie es uns erzählt
haben, Miss Garet." Feierlich setzte sie hinzu: „Ihr Geheimnis ist bei uns
sicher."
Harry
und Ron beeilten sich, zustimmend zu nicken.
„Na, dann", sagte Maiwen und ihr war
etwas leichter ums Herz. „Lassen Sie uns zum See gehen. Am Tag, an dem ich
ankam und mit Professor Snape aneinander geriet, habe ich auf Dumbledores Bitte
hin einige unterseeischen Schutzzauber installiert, die ich Ihnen jetzt zeigen
werde… ."
***
Beim
Abendessen fiel Snape auf, dass Maiwen erstaunlich ruhig war. Zum ersten Mal,
seit sie Lehrerin in Hogwarts war. Sonst unterhielt sie sich stets nach allen
Seiten, fachsimpelte mit Professor Sprout, der die grauen Haare unter dem
abgetragenen Hut wild vom Kopf standen, über Pflanzen oder neckte Flitwick, der
scherzhaft mit ihr flirtete und hin und wieder eine Rose über den Tisch
schweben ließ. Während sich alle Bewohner des Schlosses auf das Essen stürzten,
wobei die Schüler Elan und die Lehrer vornehme Distance an den Tag legten,
starrte Maiwen nachdenklich in den magischen Himmel der großen Halle, dessen
tiefhängenden Wolken jetzt das Aufziehen einer Sturmfront ankündigte, die
grünen Augen trübe und blicklos. Severus fragte sich, was ihr ungewöhnliches
Verhalten auslöste. Am Morgen hatte sie seinem Wissen nach die Klasse von Draco
Malfoy unterrichtet und es konnte durchaus möglich sein, dass etwas vorgefallen
war. Wenn sich Lucius Sohn einmal entschlossen hatte, jemanden nicht zu mögen,
dann war das endgültig und er verwendete eine große Anstrengung darauf, es den
oder die Auserwählten auch spüren zu lassen. Doch das grinsende Gesicht des
blonden Jungen war nicht auf den Lehrertisch gerichtet, um einen eventuelle
Triumph zu genießen, also konnte es das nicht sein, was Maiwen bedrückte.
Die
ganze Mahlzeit über konnte Severus nicht anders, es musste hin und wieder zu
ihr hinübersehen. Ihr Ausdruck änderte sich nicht und als Dumbledore die Tafel
aufhob und die Schüler lachend und schwätzend einem freien Abend entgegengingen,
verschwand sie eilig durch einen der Hinterausgänge der Halle. Eigentlich war
es ihre Sache, was sie tat. Eigentlich sollte es ihn nicht interessieren.
Dennoch schob er seinen Stuhl zurück und folgte ihr mit gebührendem Abstand.
Maiwen ging eine Treppe hinunter, die in den Innenhof des Schlosses führte.
Bevor Severus dort ankam, schlug ihm bereits die feuchte Kühle der Regennacht
entgegen. Das Rauschen der Tropfen, die auf die uralten Steine fielen, wurde
lauter, bis er schließlich hinaustrat. Schwarzgraue Wolken jagten über den
Himmel, ein ferner Donner rollte über den Bergen. Severus verzog das Gesicht,
als er verharrte und Maiwens Gestalt durch das äußere Tor verschwinden sah. Er
konnte jetzt umdrehen und sich einige ungemütliche Minuten ersparen. Missmutig
verwarf er den Gedanken.
Sie
war auf dem Weg in den Verbotenen Wald. Mit hochgezogenen Schultern, die Arme
verschränkt, kämpfte sich ihre schmale Gestalt durch die heulenden Böen und den
mit aller Gewalt fallenden Regen, vorbei an Hagrids Hütte, die dunkel und still
am Rand des Waldes gekauert zu liegen schien. Sie verschwand zwischen den
Bäumen und Severus erwartet, jeden Moment ein Licht ausmachen zu können, das
sie sicherlich entzünden würde, um ihren Weg zu beleuchten. Doch nichts geschah
und er musste sich beeilen, um sie in der Dämmerung nicht zu verlieren. Während
sie ihr Weg immer tiefer in den Wald führte, begann Severus zu ahnen, wohin
Maiwen ging.
Sie
benötigte kein Licht, um jene Lichtung zu finden, auf der sich die Todesser zu
versammeln pflegten. Ihr Instinkt führte sie. Wider Willen war Severus
beeindruckt. Sie musste eine unglaublich fähige Aurorin gewesen sein. Die
blattlosen Bäume hielten den Regen nur teilweise ab, doch der Wind war
verstummt, so als sei er von der unheimlichen Macht, die der Wald ausstrahlte,
abgeschreckt worden. Die Stille war beklemmend und ein Schauder lief über
Severus Rücken, obwohl er sich für abgebrüht hielt. Er beobachtete, wie Maiwen
einige Dutzend Meter vor ihm die Lichtung betrat. Und wie angewurzelt stehen
blieb. Für einen Moment überkam Severus der Drang, loszulaufen und sie
fortzuholen, denn er ahnte, dass das, was sie sah, nicht angenehm war. Er zwang
sich zu absoluter Ruhe und schloss zu der junge Frau auf. Sie reagierte nicht,
als er neben sie trat. Severus registrierte den trostlosen Ausdruck ihrer Augen
und die Blässe ihres Gesichts. Dann sah er, was sie sah.
Die
Lichtung war voller Leichen. Einige Körper wirkten, als seien sie verbrannt und
waren nur noch verkohlte Aschehaufen in menschlicher Form. Andere schienen nur
zu schlafen, doch die Farbe ihrer Haut sprach eine deutliche Sprache. Bevor
Severus Maiwen daran hindern konnte, trat sie auf die Lichtung hinaus und ging
an den Toten vorbei. Ab und zu verharrte sie, schien die Muster der Verletzungen
zu begutachten. Neben einem Toten, der einen schwarzen Umhang trug, ging sie in
die Hocke und zog ihm die Kapuze vom Gesicht. Severus, der der ehemaligen
Aurorin gefolgt war, erkannte Sebastian Mallory, einen stillen, jungen Mann,
der ein eher unauffälliger Anhänger Lord Voldemorts gewesen war. Seltsamerweise
legte Maiwen dem Todesser in einer sanften Geste die Hand auf die Wange. Dann
erhob sie sich und drehte sich zu Severus um, der abwartend hinter ihr stand.
„Ich habe es erst gespürt, als es zu
spät war. Sebastian war ein Kollege, der sich, ähnlich wie Sie, eingeschlichen
hatte. Er wusste, was er tat", erklärte sie vollkommen ruhig, was Severus mehr
erschreckte als der Anblick auf der Lichtung. Jegliche menschliche Regung
schien aus ihrer Gestalt verschwunden zu sein. Für einen Moment blickte er in
das Gesicht einer völlig Fremden. Eine Jägerin, völlig beherrscht und
professionell. „Die anderen sind Muggel. Insgesamt 23. Ich werde Dumbledore
informieren." Sie sah ihm fest in die Augen. „Gut für Sie, dass Sie nicht dabei
waren." Dann ließ sie Severus stehen, der nichts anderes tun konnte, als ihr zu
folgen und sich zu fragen, was mit ihm geschehen wäre, wenn er dabei gewesen wäre.
***
Maiwen
saß in Dumbledores Büro und nippte an dem Cognac, den der Schulleiter ihr
eingeschenkt hatte. Die Flüssigkeit lief ihr heiß und angenehm in den Magen,
als sie aus den Augenwinkeln zu Severus Snape sah, der wie ein drohender
schwarzer Schatten neben ihr aufragte - er hatte sich geweigert, sich zu
setzen. Auf dem Rückweg ins Schloss hatten sie kein Wort miteinander
gewechselt. Ihre unausgesprochene Drohung stand noch zwischen ihnen und es war
für Maiwen nicht angenehm, sich einen Snape vorstellen zu müssen, der ernsthaft
wütend auf sie wurde. Nicht, dass sie Angst vor ihm hatte. Aber sie wünschte
ihn sich nicht als Feind.
„Ich hoffe, es geht Ihnen gut,
Maiwen", sagte Albus Dumbledore, der hinter seinem Schreibtisch stand und sich
auch ein Gläschen einschenkte. „Severus, auch eins?"
„Nein, danke, Sir", antwortete Snape
steif. „Das ist nicht der Moment für Alkohol."
„Oh, aber sicher ist das der
richtige Moment." Dumbledore winkte mit der Karaffe und Maiwen ließ sich gern
noch einmal nachschenken. Der Bart des Schulleiters wirkte unordentlich, was
vermuten ließ, dass er ihn sich zerrauft hatte. Sein nächster Satz bestätigte
Maiwen, das dies durchaus im Bereich des Möglichen lag. „Zwei Agenten des
Ministeriums waren gerade hier und sind schon auf dem Weg in den Wald, um
…aufzuräumen, wie sie es formulierten." Dumbledore verzog das Gesicht und
wirkte bekümmert. „Ich habe alle Fragen nach Ihnen beiden abblocken können."
„Danke, Albus", seufzte Maiwen
leise. Die Anspannung der Geschehnisse fiel langsam von ihr ab. Sie war immer
noch bis auf die Knochen durchnässt, ebenso wie Snape, zu dessen Füßen sich
langsam eine kleine Pfütze bildete. Trotz dieser Kleinigkeit wirkte der Mann
würdevoll und steif wie immer und sie beneidete ihn um seine Haltung. Während
ihrer Zeit als Aurorin hatten sie Leichen nicht aus der Fassung gebracht, egal,
wie furchtbar sie zugerichtet waren. Doch das war wohl schon zu lange her. „Ich
denke, ich gehe jetzt schlafen."
„Natürlich, meine Liebe." Dumbledore
nickte ihr zu. „Falls es etwas gibt, das ich für Sie tun kann…?"
„Nein, danke, Albus, mir geht es
gut." Sie erhob sich von dem Besucherstuhl, dessen Sitzfläche völlig durchnässt
war. „Bis morgen."
Sie
kratzte die Reste ihrer Selbstkontrolle zusammen und verließ das Büro mit hoch
erhobenem Kopf. Erst draußen, als sie die Treppe hinunterging, fing sie an zu
zittern. Den ganzen Tag über hatte sie ein ungutes Gefühl gehabt, sich aber
eingeredet, dass es eine Reaktion auf die Konfrontation mit ihrer Vergangenheit
vor den drei Schülern war. Erst während
des Abendessens war ihr klar geworden, dass etwas Furchtbares geschehen sein
musste. Und sie hatte nicht darauf reagiert.
Die
Geheimtür am Fuß der Treppe schwang auf und sie trat aus der Lücke heraus in
den Gang. Schritte erklangen hinter ihr auf den Stufen.
„Miss Garet?" Snape war der Letzte, dem
sie jetzt begegnen wollte. Doch sie zwang sich dazu, auf ihn zu warten und ihm
scheinbar ruhig entgegenzublicken.
„Ja, Professor?" erkundigte sie
sich. Er griff unter seinen Umhang und förderte ein kleines Fläschchen zutage,
in dem sich eine bernsteinfarbene Flüssigkeit befand. Mit einer widerwilligen
Geste hielt er es ihr hin.
„Das sollten Sie nehmen, drei
Tropfen in einem Glas Wasser. Hilft Ihnen beim Einschlafen." Seinem Tonfall war
deutlich zu entnehmen, dass ihm jeglicher Gefallen, den er ihr tat, missfiel.
In Maiwens Brustkorb zog sich etwas zusammen. Ihr Stolz forderte, die Flasche
von ihm abzulehnen und sich keine Blöße zu geben. Ihre Erschöpfung gewann
schließlich.
„Danke", sagte sie leise und nahm
die Flasche. Ihre Hände berührten sich eine Zehntelsekunde lang und Snape
zuckte zusammen, als habe er einen elektrischen Schlag erhalten. Schweigen
entstand, das er schließlich brach.
„Dumbledores Idee", stieß er harsch
hervor, wandte sich ab und ging. Für Maiwen sah es ein wenig nach Flucht aus.
***
Es
dauerte einige Tage, bis Maiwen einen Teil ihrer alten Ausgeglichenheit
wiedergefunden hatte. Aber auch eben nur einen Teil. So kam es, dass sie
während einer Übungsstunde von Snape mit einem Fluch gegen eine Wand ihres
Kerkers geschleudert, ehe sie es verhindern konnte. Ihr Kopf prallte auf harten
Stein und für eine kurze Weile wurde die Welt schwarz. Dann fand sie sich auf
dem Boden sitzend wieder und der Meister der Zaubertränke kniete neben ihr.
„Geht es Ihnen gut?" erkundigte er
sich unfreundlich.
„Schon...gut", brachte sie hervor und tastet nach
ihrem Hinterkopf, wo eine ansehnliche Beule wuchs. „Ich habe Ihre Fortschritte
unterschätzt. Mein Fehler."
Er
half ihr mit widerwilliger Miene auf die Beine und dirigierte sie zum nächsten
Stuhl, wo sie sich dankbar niederließ. Die kleine Ruhepause kam ihr sehr
gelegen. Serverus - in Gedanken hatte sie sich von „Snape" verabschiedet -
lehnte sich an einen Tisch und beobachtete sie aufmerksam. Sein Blick trug
nicht gerade dazu bei, ihre Gedanken zu ordnen. Seit etwas mehr als einem Monat
arbeiteten sie fast jeden Tag zusammen und damit war sie höchstwahrscheinlich
die Person, die die meiste Zeit mit ihm verbrachte. Von außen betrachtet hatte
sich nicht viel verändert. Er war noch immer herrisch und ungeduldig und ließ
erkennen, dass es ihm nicht behagt, noch kein Meister auf dem Gebiet der
Handmagie zu sein. Sein einziges Zugeständnis an die Tatsache, dass er hin und
wieder unkontrolliert herumfliegenden Gegenständen ausweichen musste, war der
Verzicht auf seinen Umhang und das Tragen von weißen Hemden zu schwarzer Weste.
Maiwen
gestand sich ein, dass ihm diese Abwandlung seiner düsteren viktorianischen
Mode ausgezeichnet stand und das war einer der Gründe, der sie beunruhigte und
ihr die Konzentration raubte. Ihre innerliche Distanz zu ihm war verschwunden,
hatte einem Gefühl der Vertrautheit Platz gemacht. Sie hatte gelernt zu
erkennen, was er dachte, wenn sie sich ansahen und erspürte instinktiv die
Grenzen, die er um sich zog. Irgendwo hinter seiner Fassade befand sich ein
Teil seines Wesens, den niemand, der ihn nicht genau kannte, erahnen konnte.
Und vielleicht war es diese Einsicht, die sie in ihn hatte, die sie beide zu
einem effizienten Team machte, das sich hervorragend ergänzte.
„Miss Garet? Maiwen?" Beim Klang
ihres Vornamens zuckte sie zusammen. „Soll ich Madame Pomfrey holen?"
„Danke, ich brauche keinen Arzt."
Sie wich seinen schwarzen Augen aus, die sie nervös machten. „Das ist nichts,
das mit ein paar Stunden Schlaf nicht wieder in Ordnung kommen wird. Machen wir
Schluss für heute."
„Gut", sagte er, als sie sich erhob,
und bot ihr den Arm. „Sie werden es mir nicht übel nehmen, dass ich Sie zu
ihrem Räumen begleite. Nur für den Fall… ."
Maiwen
zögerte. Wenn sie sich weigerte, konnte er denken, dass sie Angst hatte, ihn
anzufassen. Was nicht der Wahrheit entsprach, sich aber in ihrer Gemütslage
nicht empfahl. Sie gab sich einen Ruck und hängte sich bei ihm ein. Sein Arm
unter dem Stoff fühlte sich warm und stark an. Maiwen schluckte und während sie
den Kerker verließen und durch die dämmrigen Gänge des Schlosses gingen,
versuchte sie sich mit den Gemälden an den Wänden abzulenken. Es gelang nicht.
Verstohlen musterte sie ihn. Heute wirkte er nicht ganz so grimmig wie sonst
und die tiefen Falten in seiner Stirn waren geglättet. Sogar sein Haar wirkte nicht strähnig wie sonst, sondern
fiel glatt in sein Gesicht. Es sah weich aus. Maiwen rief sich zu Ordnung. Wenn
sie nicht bald eine Möglichkeit fand, sich zu beherrschen, war es unausweichlich,
dass sie ernstzunehmend Gefühle für ihn entwickeln würde. Für einen
ungerechten, aufbrausenden, unausstehlichen, grausamen - für einen einsamen,
verletzten, in sich zurückgezogenen Mann von nicht zu leugnender, dunkler
Attraktivität.
Sie
erreichten die Tür zu ihren Räumen und blieben stehen. Sie zwang sich, ihn
anzusehen.
„Danke."
Severus
nickte knapp.
„Eine Selbstverständlichkeit" sagte
er. Und, nach einem leichten Zögern: „Ich habe, denke ich, bisher versäumt,
mich für Ihre Hilfe zu bedanken."
„Ach, kommen Sie, Professor, eine
menschliche Regung?" spöttelte sie wenig überzeugend, während ihr das Blut ins
Gesicht schoss. Die Antwort kam umgehend, aber anders, als sie erwartet hatte.
Er löste ihre Hand aus seiner Armbeuge, hielt sie für einen Moment in seiner
und küsste sie formvollendet. Dann verbeugte er sich korrekt und ging.
***
Severus
lief in seinem Büro auf und ab wie ein gefangenes Tier. Er konnte nicht
schlafen - er schlief sowieso wenig - und sich auf nichts richtig
konzentrieren. Ein halb fertiges Rezept für einen Trank lag auf seinem
Schreibtisch, die Tinte trocknete noch. Irgendwann hatte er seinen Federkiel
hingeworfen und begonnen, sich Gedanken zu machen. Er hätte ihr nicht erlauben
sollen, ihn zu berühren. Sie hatte gezögert, natürlich, wie es zu erwarten
gewesen war. Die widersprüchlichen Gefühle, die sich in ihren Augen spiegelten,
waren für ihn nicht zu übersehen. Sie war leicht zu durchschauen, ihre
emotionale Art machte sie verletzlich. Schließlich hatte sie eine Entscheidung
getroffen. Er erinnerte sich auf den Druck ihrer Hand auf seinem Arm und die
Art, wie sie ihn beobachtete. Sie fand ihn attraktiv - oder zumindest nicht
völlig abstoßend. Allein der Gedanke daran war eine Farce. Sie mochte
vielleicht wissen, was er war und das auch akzeptieren, aber es musste ihr auch
bewusst sein, dass es ihm nicht möglich war, das, was sie ihm anbot, zu
akzeptieren. Er wollte es gar nicht, sagte er sich. Wie sollte er es auch? Eine
Aurorin -und ein Todesser? Das war widernatürlich.
Streng
rief er sich ins Gedächtnis, dass sie ihn vor den Schülern in ihrer typischen,
impulsiven Art bloßgestellt hatte. Das war natürlich nur aus ihrer Angst um die
Kinder geschehen - verständlich aufgrund der Ereignisse in ihrer Vergangenheit.
Dennoch, sie war unverschämt und mischte sich in sein Leben ein. Er musste sie
loswerden. So schnell wie möglich. Um wieder einen freien Kopf zu bekommen. Um
nicht an sie denken zu müssen. Um ihr Lächeln nicht vor Augen zu haben. Dieser
ganze Unsinn musste sofort aufhören. Was immer sie mit ihm angestellt hatte, es
peinigte seinen Körper ebenso stark wie seine Seele. Am vergangenen Abend hätte
er gern mehr geküsst als nur ihre Hand. Er wusste, dass er sich hatte gehen
lassen, höflich gewesen war, nur um eine Reaktion bei ihr hervorgerufen. Ein
weiteres Wort von ihr, eine Regung, und er hätte nicht so leicht gehen können.
Einer
plötzlichen Eingebung folgend, kehrte er hinter seinen Schreibtisch zurück und
griff nach einem Pergament. Er verspürte einen winzigen Stich des Gewissen, als
er zu schreiben begann. Doch er kämpfte es problemlos nieder. Das hatte er
schließlich jahrelang praktiziert. Es machte ihm nichts aus, Menschen zu
verletzen, wenn es sein musste. Mit Maiwen war es nicht anders. Sie musste
gehen, damit er wieder atmen konnte.
***
Es
war eine Nacht voller beunruhigender Träume gewesen. In den einen sah sie sich
und Snape in einer Weise, die sie sich bisher noch niemals in einer derartigen
Klarheit hatte vorstellen können. Sie wagte kaum darüber nachzudenken, als sie
sich anzog und dann an ihre Frisierkommode setzte. Während sie, ohne es zu
merken, beim Frisieren ein paar Haare mehr ausriss als üblich, dachte sie an
die andere, realistischere Art von Träumen. Er musste etwas mit seinem
Verhalten bezwecken. Aber was? Wusste er, wie er auf sie wirkte?
Höchstwahrscheinlich, sie benahm sich auch wie eine verliebte Dreizehnjährige.
Sie entschloss sich, auf der Hut zu sein.
Zum
Glück hatte sie bis Mittag ausschlafen können, und so entschloss sie sich, in
ihr Büro zu gehen und sich von einem der Hauselfen ein arg verspätetes
Frühstück servieren zu lassen. Der Weg durch die Flure erschien ihr länger als
sonst, zumal ihr einige Schüler, denen sie begegnete, seltsame Blicke zuwarfen.
Einige Slytherins lachten unverhohlen hämisch. Maiwen fragte sich, ob
vielleicht Potter oder Weasley nicht dichtgehalten hatten, aber sie konnte es
sich nicht vorstellen. An ihrem Büro angekommen, öffnete sie die magisch
verschlossene Tür mit einer schnellen Handbewegung und trat ein. Ihr ungutes
Gefühl verstärkte sich, als sie zum Schreibtisch ging und dort die Post liegen
sah, die von einer der Schuleulen gebracht worden war.
Sie
hatte das Titelblatt des „Tagespropheten". Und wieder jenes zwei Jahre alte
Photo. Der Schock saß tief, als Maiwen den Artikel las. Mit erzwungener Ruhe
legte sie, nachdem sie geendet hatte, die Zeitung aus der Hand und verließ ihr
Büro. Jedes Wort, das sie mit Lucius Malfoy gesprochen hatte, fand sich dort
wieder. Sie war ruiniert. Das erklärt das seltsame Verhalten der Schüler. Die
ganze Zeit hatte sie versucht, das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen.
Umsonst, alles umsonst. Wegen einer unbedachten Äußerung und dem unglücklich
Umstand, dass sie dadurch erpressbar geworden war. Wut wallte in ihr empor, eine
solch mörderische Wut, wie sie sie die letzten Jahre nicht mehr verspürt hatte
und die bisher nur einmal, während jener Nacht im Verbotenen Wald,
zurückgekehrt war. Emotionen, die sie zu der erfolgreichsten Aurorin aller
Zeiten gemacht hatten. Sie hatte geglaubt, dass Askaban die Flamme in ihr
gelöscht hatte. Doch sie war noch da und brach jetzt hervor.
Maiwen
wusste, wer verantwortlich war. Und er würde es bereuen. Der Weg in den Kerker
hinab verging wie ein Lidschlag. Sie schmetterte die Tür an die Wand, als sie
den Klassenraum betrat, und ehe auch nur ein Anwesender begriff, was los, war,
hatte sie Snape mit einem Fluch gegen die nächste Wand geschleudert.
„Raus, sofort!" befahl sie den
Kindern in einem Ton, den sie von sich gar nicht kannte. Die Erstklässler, die
wohl bisher geglaubt hatten, dass Severus Snape der größte Schrecken von
Hogwarts war, hatten sich wohl geirrt. Eilig rannten sie aus dem Raum. Snape
rappelte sich auf die Beine, benommen, wie es schien. Er schien noch nicht
begriffen zu haben, was vor sich ging. Zum Glück hatte sie ihm das wahre Ausmaß
ihrer Kräfte verschwiegen, aus Vorsicht und vielleicht auch Bescheidenheit.
Nicht, weil sie ihm nicht vertraut hätte. Tatsächlich hatte sie es versucht und
es war leichter gewesen, als sie gedacht hatte. Verdächtig leicht. Jetzt zahlte
sie den Preis. Mit einer Geste ihrer Hand bewirkte sie, dass Snape gegen die
Kerkerwand gepresst wurde, unfähig zu jeglicher Bewegung. Langsam aber sicher
schien die Erkenntnis, in welcher Lage er sich befand, in ihm durchzusickern
und sein Gesicht verzerrte sich in einer Mischung aus Triumph und Wut.
Maiwen
trat zu ihm und sah ihn an. Sie war dumm gewesen und hatte geglaubt, dass seine
Bösartigkeit nur eine Maske war. Hatte ihn sogar begehrt und für alles eine Entschuldigung
gefunden. Es war, als wäre sie aus einem langen Traum aufgewacht. Dies war die
Wirklichkeit. Snape versuchte sich zu befreien, doch es gelang ihm nicht.
„Sie hätten mit dem Artikel warten
können, bis Sie auch nur halb so gut sind wie ich. Dann wäre diese Situation
für uns beide ein wenig interessanter, Professor. Niemand, der mein Vertrauen
missbraucht hat, ist bisher davongekommen." Er antwortete nicht. Für einen
kurzen Moment trat ein gequälter Ausdruck auf sein Gesicht. Wahrscheinlich, weil
er sich gedemütigt fühlte. „Ich frage mich nur, wieso ich diese Behandlung
Ihrer Meinung nach verdiene. Sagen Sie es mir, Snape! Eine gerechte Strafe für
meine Gutgläubigkeit?"
„Maiwen, lass ihn gehen."
Dumbledores Stimme erklang hinter ihr. Unbemerkt, wie so oft, hatte der greise
Direktor den Kerker betreten. Sie atmete tief durch. „Bitte."
Für
eine Sekunde erwog sie, Dumbledore zu überhören und ihre Wut herauszulassen,
doch etwas an Snapes Gestalt hielt sie davon ab.
„Sie tun mir leid, Professor", waren
die letzten Worte, die sie Snape entgegenschleuderte, nachdem sie ihn aus ihrem
magischen Griff befreit hatte und er zu Boden fiel. Sie wirbelte herum und ging
zu Dumbledore. Neben dem mächtigen Zauberer blieb sie stehen und sagte kühl:
„Meine schriftliche Kündigung liegt
heute Abend auf Ihrem Tisch. Ich nehme mir das Recht, bereit jetzt abzureisen."
Sie machte einen Schritt, stockte dann noch einmal: „Albus. Ich danke für die
zweite Chance. Aber sie war mir wohl nicht vergönnt."
Sie
verließ den Kerker. Dumbledore hielt sie nicht auf. Er musste wissen, dass es
keinen Sinn hatte.
***
„In den kommenden Tagen wird Remus
Lupin eintreffen", verkündete Dumbledore dem versammelten Kollegium. „Er hat
sich bereit erklärt, die Stelle von Miss Garet einzunehmen, auch entgegen der
Meinung des Ministeriums. Ich möchte ihn an unserer Seite wisse, falls wir
schnell handeln müssen." Er sah sich um. „Danke, das war es für heute. Hagrid,
Minerva und Severus bleiben bitte." Das Lehrerzimmer leerte sich. Dumbledore blickte
auf die noch Anwesenden. Sie schienen zu spüren, dass er etwas Bedeutsames
mitzuteilen hatte. „Hagrid", begann er und legte die Arme auf den Rücken. „Hat
sich Madame Maxime gemeldet?"
„Ja, das hat sie", bestätigte der
Wildhüter und an dem Glitzern in seinen Augen war zu erkennen, dass in dieser
Nachricht auch persönliches Interesse mitschwang. „Sieht so aus, als hätte sie
bei den Riesen ein paar Erfolge zu verbuchen."
Dumbledore
nickte zufrieden. Eine gute Nachricht. Sie mussten Voldemort unbedingt zuvorkommen,
was einen Pakt mit den Riesen anging. Hagrid, selbst ein halber Riese ebenso
wie Madame Maxime, die Schulleiterin von Beauxbatons, der berühmtesten
französischen Zauberschule, war der geeignete Mann für die Aktion. Dann wandte
er sich an die stellvertretende Schulleiterin:
„Arabella Figg?"
„Hat sich aus dem Ministerium
gemeldet. Hat dort noch einiges zu klären und verständigt uns bei wichtigen
Nachrichten." Minerva wirkte besorgt. „Sie sagte, dass Cornelius noch immer
nicht zur Vernunft gekommen ist."
Dass
Cornelius Fudge, der Zaubereiminister, ihnen die Unterstützung verweigert
hatte, war ein herber Rückschlag für den Kampf gegen die Todesser, die wohl
auch in den Reihen der Beamten zu finden waren.
„Man kann nicht alles haben" seufzte
Dumbledore. „Gut, ich danke Euch beiden. Severus, wir müssen unter vier Augen
reden." Hagrid und Professor McGonagall tauschten einen verständnisvollen
Blick. Zwar wussten nur drei Personen, was Maiwen Garet wirklich aus der Schule
vertreiben hatte, aber ahnen taten es alle in irgendeiner Weise, zumal sich
Snapes Bekanntschaft mit der Mauer in Windeseile herumgesprochen hatte. Es lag
wohl auch an der Tatsache, dass Snape durch die Schule wandelte wie die Rache
in Person und noch grundloser als sonst Schüler anschrie und Punkte abzog. Und
das war auch einer der Gründe, warum Dumbledore mit dem Lehrer für Zaubertränke
sprechen musste. Auch jetzt wirkte Snape seltsam nervös. „Alles in Ordnung,
Severus?"
„Was gibt es?" erkundigte sich der
Angesprochene und versuchte, ein möglichst unbeteiligtes Bild abzugeben.
„Wegen des Tranks für Remus Lupin
natürlich", erklärte Albus und beobachtete interessiert Snapes Mienenspiel. In
unschuldigem Ton schob er eine Frage hinterher. „Was dachte Sie, worüber ich
sprechen will?"
Severus
Schultern sackten einen Millimeter nach unten, nicht zu bemerken für jemanden,
der ihn nicht kannte. Doch für den Schulleiter, der sich noch genau an einen
missmutigen, verstockten Elfjährigen namens Snape erinnerte, war es ein
Schuldgeständnis.
„Schon gut", sagte Severus kühl.
„Ich werde mich um den Trank kümmern, er ist bereit, wenn Lupin eintrifft. Wenn
das dann alles war..?"
„Nein", lächelte Dumbledore. „Jetzt
habe ich auf einmal Lust, über Miss Garet zu sprechen. Komisch, nicht wahr. Wie
komme ich jetzt auf dieses Thema? Ach, ja, ihr Brief."
„Sie hat Ihnen geschrieben? Wo ist
sie?" entschlüpfte es Snape und dann zog er ein Gesicht, als habe er in eine
Zitrone gebissen. Albus nickte nur. Er hatte es ja geahnt, dass hinter den
Vorfällen mehr steckte als nur reine Abneigung - einem Gefühl, das Snape 99,9
% aller Menschen entgegenbrachte.
„Mit Ministeriumsworten gesagt: sie
räumt auf." Albus legte den Kopf zur Seite. „Die beste Aurorin, die Fudge je
hatte. Sie haben sie natürlich nur zu gern wieder aufgenommen." Er seufzte.
„Ich frage mich nur, ob das gut ist. Früher war sie äußerst rücksichtslos. Bis
der Unfall geschah und sie ihr Leben vollkommen änderte. Sie begann, sich etwas
aus den Menschen zu machen und sie nicht in die Kategorien „Gut" und „Böse"
einzuteilen." Ein Blick auf Severus während seiner Erzählung genügte
Dumbledore, um sich zu überzeugen, dass dieser ein schlechtes Gewissen hatte.
„Aber genug von Maiwen. Kommen wir doch mal zu Ihnen, Severus. Welcher Teufel
hat Sie geritten, diesen Brief an den „Tagespropheten" zu schreiben?"
Sein
Tonfall war jetzt nicht mehr spielerisch, sondern sehr ernst. Severus wand sich
sichtlich.
„Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht mehr", murmelte er. Albus schüttelte den Kopf. Er
kannte das schon. Eher würde die Hölle zufrieren, als dass Snape über Gefühle
sprach. Also half er ihm:
„Eine Mischung aus der Wut, dass Sie sie
bloßgestellt hat und dass sie mächtiger ist als Sie und der Spannung zwischen
Ihnen beiden. Es ist nicht unbemerkt geblieben, dass Sie sich trotz aller
Differenzen gut verstanden haben."
„So etwas lasse ich nicht zu und Sie wissen das,
Albus", tat Snape den Gedanken knapp und emotionslos ab.
„Eben. Und weil Sie kurz davor waren, gegen Ihre
ehernen Prinzipien zu verstoßen, weil Sie sie mochten, musste Maiwen gehen.
Damit Sie wieder in Ihr Schneckenhaus zurückkehren und sich einreden konnten,
dass Sie es sowieso nicht verdient hätten!!!" Dumbledore ließ sich hinreißen.
„Verdammt, diesen Unsinn mache ich jetzt schon Jahre mit! Ich kann Ihre
Leidensmiene nicht mehr sehen!" Snapes völlig entgeisterte „Leidensmiene" und
die Tatsache, dass der Lehrer einfach aus dem Raum stürmte, bewies dem alten
Zauberer, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Leise summend machte er sich
auf den Weg in sein Büro. Er musste einen Brief schreiben.
***
„Harry?"
„Oh, hallo, Professor!" Harry
wartet, bis Professor Remus Lupin zu ihm aufschließen konnte. Der allseits
beliebte Lehrer, der seit einem Zwischenfall in seiner Kindheit ein Werwolf
war, wirkte blass und ausgezehrt. Kein Wunder, dachte sich Harry, denn es war
Vollmond und selbst der Wolfsbann-Trank, den Snape für Lupin herstellte, konnte
die Nebenwirkungen der nun unterdrückten Metamorphose nicht unterbinden. Gerade
hatten die Fünftklässler ihre erste Unterrichtsstunde in Verteidigung gegen die
dunklen Künste bei ihm gehabt. „Wie geht es Ihnen heute?"
„Besser", seufzte Lupin. Man konnte
ihn durchaus als einen attraktiven Mann beschreiben, wären da nicht die
Sorgenfalten in seinem blassen Gesicht und die grauen Strähnen in seinem
braunen Haar gewesen. In gewisser Hinsicht, fand Harry, wirkte Lupin ebenso
verlebt wie Severus Snape. Doch da endete die Ähnlichkeit der beiden Männer
auch schon. Lupin, der als Vertretung für Miss Garet an die Schule gekommen
war, benahm sich stets freundlich und gerecht. Niemand hätte gedacht, dass er
nach Hogwarts zurückkommen würde, da er nach Harrys drittem Schuljahr gekündigt
hatte. Grund war die Tatsache, dass Snape im Beisein der Schüler
„zufälligerweise" erwähnt hatte, dass Lupin ein Werwolf war und bevor die
ersten empörten Elternbriefe eingetroffen waren, hatte Lupin das Handtuch
geworfen. Die Stelle der Verteidigung gegen die dunklen Künste brachte eben
niemandem Glück. „Ich hatte vergessen, Dich zu bitten, mir einmal Deine
Unterlagen zu geben. Ich möchte da anknüpfen, wo Eure letzte Lehrerin aufgehört
hat."
„Da sollten Sie wohl besser Hermine
fragen", schlug Harry vor. „Sie wird auch dieses Jahr wieder Klassenbeste."
„Daran hätte ich nie gezweifelt",
Lupin zwinkerte ihm zu. „Aber trotzdem hätte ich gern Dein Heft. Ich möchte aus
jedem Leistungsniveau eines haben, um zu wissen, wo ich ansetzen muss. Die von
Hermine und Neville habe ich schon."
„Oh, klar, kein Problem." Harry
suchte aus den Büchern, die er unter den Arm geklemmt trug, die entsprechenden
Schriftrollen hervor. Dabei spähte er über seine Schulter und fragte sich,
wohin seine beiden besten Freunde zusammen verschwunden waren. Normalerweise
gingen sie immer zusammen in die Pause. „Äh, sagen Sie, haben Sie Ron und
Hermine gesehen?"
„Sie sind händchenhaltend in
Richtung Hof gegangen, warum?" Um Lupins Lippen zuckte ein Lächeln. „Es sieht
ganz so aus, als würde sich da einiges entwickeln." Harry ging ein Licht auf.
Also hatten die eifersüchtigen Sticheleien der beiden endlich zu einem Ergebnis
gefunden. Nur wusste er nicht, ob er sich freuen sollte oder nicht. „Und
apropos entwickeln. Was ist eigentlich mit Severus los?"
„Wieso?" erkundigte sich Harry
verwirrt. „Was sollte denn los sein? Er ist derselbe…". Er blickte wieder über
seine Schulter, um sicherzugehen, dass ihn niemand hörte. „…ungerechte Tyrann
wie immer."
„Ach, ich dachte nur so", murmelte
Lupin. Er und Snape waren seit ihrer Kindheit verfeindet, hatten sich aber
bisher immer arrangieren können. Harrys Neugier war geweckt. Auch Hermine hatte
erwähnt, dass Snape sich anders verhielt als sonst. Er hatte den Gedanken
abgetan, aber wenn es jetzt schon zwei waren, die darauf bestanden, dass der
finstere Professor sich geändert hatte, regte ihn das doch zum Nachdenken an.
„Seit er Miss Garet aus der Schule
geekelt hat, ist er noch gemeiner als früher", sagte Harry langsam. „In den
Unterrichtsstunden spricht er gar nicht mehr, außer er verteilt Punkte. Er
kommt nicht zum den Essen."
„Woher weißt Du, dass er sie
„herausgeekelt" hat?" Lupin verschränkte die Arme und blickte äußerst
interessiert drein. „Es gab doch meines Wissens nach einen diskreditierenden
Zeitungsartikel, der sie zur Aufgabe gezwungen hat."
„Das ist doch genau Snapes Art",
ereiferte sich Harry. „Das hat er schließlich auch mit Ihnen gemacht. Ich
glaube, Snape wollte sich seit dem ersten Tag an ihr rächen, seit sie diese
Gewitterwolke über seinen Kopf gezaubert hat... ."
„Was?" fragte Lupin verdutzt und
nachdem Harry ihm den Zwischenfall geschildert hatte, warf er den Kopf in den
Nacken und fing an, schallend zu lachen. Harry, der so etwas noch nie bei Lupin
erlebt hatte, grinste. Nachdem der Lehrer sich wieder beruhigt und eine
Lachträne aus den Augenwinkeln gemischt hatte, bemerkte er: „Das muss ihn
wirklich mitgenommen haben."