DER WEG INS LICHT

von artis magica



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Kapitel 8 - 12



8. Erkennen

Du siehst, der Wind hat sich gedreht,
Die falschen Freunde fortgeweht,
Und ihre Treue und ihre Versprechen.

Auf einmal ist es bitterkalt,
Und wieder brauch‘ ich deinen Halt,
Um nicht zu zweifeln…


Hermines körperlicher Zustand besserte sich, aber ihre Gleichgültigkeit, ihre innere Verlorenheit hielt unvermindert an. Schon zwei Tage lag sie da, ohne ein Wort, den Blick starr geradeaus gerichtet. Sie rührte weder Essen noch Trinken an.

Immer wenn Severus an ihr Lager trat beschlich ihn die Angst. Und trotzdem fühlte er tief in seinem Inneren langsam aber beständig Unmut aufsteigen. Wie konnte sie sich so gehen lassen? Sie hatte gewusst, worauf sie sich einlassen würde. Sicher hatte ihr McGonagall die Gefährlichkeit und Tragweite dieses Unterfangens dargestellt und Hermine hatte sich bewusst dafür entschieden. Severus zog verstimmt die Brauen zusammen.

Dass Voldemort Hermine unter Severus’ Obhut gestellt hatte war ein Glücksfall, die Umstände, die dazu geführt hatten denkbar unglücklich. Voldemort ließ ihn in Ruhe, ab und an fragte er nach ihrem Befinden, doch sein Interesse galt mehr der Tatsache, dass sie als sein Unterpfand halbwegs am Leben war. Sie war Voldemort egal, war für ihn nur Mittel zum Zweck, ganz gleich was er ihr dafür antat, es berührte ihn nicht, wie ihn das Leben aller anderen nicht berührte. Dass Voldemort Potter auf ihre Fährte locken würde, war Severus bewusst und dass er ihn in eine Falle laufen lassen würde war vorauszusehen. Sie mussten ihm zuvorkommen. Doch das schaffte er nicht alleine.


Er wälzte sich herum. Sein Schlaf war unruhig. Immer wieder erwachte er, bis er es schließlich aufgab, Ruhe zu suchen. Er starrte in die Dunkelheit und lauschte Hermines leisen Atemzügen. Es war schon weit nach Mitternacht, als es ihn nicht mehr auf seiner Schlafstatt hielt. Er erhob sich und ging im Zimmer umher. Ein leiser Schimmer des Mondes drang sanft durch das Fenster und ließ die spartanische Einrichtung lange Schatten werfen. Severus blieb am Fenster stehen und sah hinaus.

Er starrte auf das schwarze Meer. Hermines Zustand beunruhigte ihn. Er brauchte sie. Er brauchte ihren Geist, ihre magische Kraft. Ohne sie würde ihr Ansinnen nicht gelingen. Sie vor Voldemort und Malfoy zu schützen war eine Sache, sie aus ihrer Lethargie zu reißen eine andere, die ihm viel aussichtsloser erschien. Die Zeit dafür war ein kostbares Gut, das sie nicht hatten.

Er wandte sich um. Sein Blick fiel auf Hermines Kleider. Sie lagen sauber und akkurat zusammengelegt auf dem Sessel neben ihrem Bett. Ihr Umhang war heruntergeglitten und lag auf den kalten Steinen. Als er ihn aufhob, fiel etwas klirrend zu Boden. Severus griff danach und legte überrascht die Stirn in Falten als er erkannte, was es war - der Horcrux!

Warum hatte sie ihn mitgebracht? Wie sollte es ihm hier gelingen sein, ihn zu zerstören? Diese Magie würde weithin bemerkt, nicht allein Voldemort würde sie deutlich spüren können. Einem jeden hier würde er sich verraten. Wütend sah er sich nach ihr um. Seine Augen blitzten auf. Er trat zu ihr. Er fasste sie hart an den Schultern und rüttelte sie.

Wach auf!“, herrschte er sie an. Was hatte sie sich nur dabei gedacht?

Hermine riss erschrocken die Augen auf und sah in sein erbittertes Gesicht. Seine Augen funkelten ihr grimmig entgegen, eine steile Falte auf seiner Stirn, so eng waren seine Brauen zusammengezogen.

Sie starrte ihn stumm und verwirrt an.

Er hielt ihr den Dolch vor die Augen.

Warum?“ Es war das einzige Wort, das er hervorbrachte. Seine Stimme, so leise er auch sprach klang unwahrscheinlich zornig.

Hermine fasste sich und stieß ihn von sich. Sie sah ihn nicht an und schwieg trotzig. Severus schüttelte leicht den Kopf. Er ließ sie los. Dann erhob er sich.

Es ist vorbei“, sagte er tonlos und sah unbewegt auf sie hinab.

Nein“, flüsterte sie endlich und hob den Kopf. „Erst jetzt beginnt es.“

Seine Augen sahen kühl in die ihren. Hermine senkte den Blick und setzte leise hinzu: „Wir haben ihn zerstört. Er ist nichts weiter als das was er darstellt.“

Müde ließ sie den Kopf in die Kissen sinken.

Severus sah sie ungläubig an. Konnte er es glauben? Warum sollte sie ihn belügen? Er kannte sie nur als verlässlichen Menschen, ohne Falsch und Verlogenheit. Er glaubte ihr, er vertraute ihr. Das war etwas, das wieder neu für ihn war. Und doch war es ein gutes Gefühl. Es schenke ihm Ruhe und Zuversicht, es stärkte ihn.

Seine Stirn glättete sich. Groll und Unmut wichen Erleichterung. Nachdenklich schritt er durch den Raum. Bald ballte er die Hände zu Fäusten, bald öffnete er sie wieder. Er rieb sich die Schläfen und schloss die Augen, schüttelte die Zweifel endgültig ab.

Als er die Lider hob, sah sie ihm gequält entgegen. Er setzte sich zu ihr. Stumm sahen sie sich in die Augen. Schließlich streckte er die Hände aus und legte sie sanft auf ihre Schläfen.

Was tust du?“, fragte sie matt. Ihre Stimme war rau.

Er schwieg. Sie hatte keine Zeit, das Geschehene aufzuarbeiten, ihre Gefühle zu ordnen und sich zu öffnen. Gerne hätte er ihr diese Zeit gewährt und beigestanden. Er hoffte, sie würde es ihm verzeihen, dass er ihr diese Empfindungen jetzt nahm.

Widerstand regte sich in ihr. Sie legte die Hände um seine Handgelenke.

Ich will es nicht vergessen“, sagte sie ängstlich und erbittert zugleich. „Nie!“

Vertrau mir“, sagte er nur. Der Ton seiner Stimme war tief und sanft. Hermine sah auf, sein Blick hielt sie gefangen. Ja, sie vertraute ihm, mehr als jedem anderen auf der Welt. Sie ließ die Arme kraftlos sinken. Sie sah ihm ins Gesicht. Seine Augen funkelten im spärlichen Licht, dunkel und warm. Sie lauschte seinen Worten.

Animus recuro“, seine Stimme bebte unmerklich als er die Formel sprach.

Einen Moment lang geschah nichts. Dann war es als trug er Licht in seinen Händen. Sein sanfter Schein legte sich über Hermines Gesicht. Ihr wurde leicht. Die elenden Gedanken fielen von ihr ab, keine Schuldgefühle und keine Ängste mehr, keine Scham. Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht, für diesen Moment war sie befreit. Ihre Finger gruben sich in seinen Arm.

Er sah zu ihr hinab. Ihr Gesicht glühte, ihre Augen waren fiebrig. Er entwand sich ihrem Griff und holte einen Becher Wasser. „Du gehörst nicht dir, Hermine, nicht jetzt. Du weißt es“, mit diesen Worten reichte er ihr das Gefäß.

Sie sah ihm in die Augen.

Ich brauche dich, ich brauche deinen Verstand“, setzte er nachdrücklich hinzu.

Sie erwiderte nichts. Sie wusste, auf was sie sich einlassen würde, im dem Moment als ihr Remus Lupin das Vorhaben des Ordens des Phönix’ eröffnet hatte.

Sie trank begierig und lehnte sich zurück.

Severus wollte sich erheben, doch Hermine hielt ihn fest.

Lass mich nicht allein“, flüsterte sie. „Nicht jetzt.“

Stumm setze er sich zu ihr und ließ sich in die Kissen sinken. Hermine lehnte sich an ihn und schloss müde die Augen.

Seine Wärme, seine Nähe gab ihr Halt. Sie lauschte seinem Herzschlag und seinen ruhigen Atemzügen.

Warum träume ich so grauenvolle Dinge?“, fragte sie leise.

Severus öffnete die Augen und starrte an die hohe rußgeschwärzte Decke.

Wir haben alle den selben Traum“, entgegnete er schließlich.

Sie sah auf.

Wie kannst du es ertragen?“, fragte sie voller Kummer.

Er schwieg lange, dann antwortete er ganz leise: „Wer sagt dir, dass ich das kann?“

Hermine hörte die leise Hoffnungslosigkeit aus seinen Worten, sie hob den Kopf und sah ihm voller ängstlichem Erstaunen in die Augen.

Verzeih…“, ihre Worte klangen erstickt.

Er schwieg. Mit Grauen dachte er daran, dass es ihm vielleicht nicht gelang, diese Bilder zurückzudrängen. Seine Zweifel und seine aufkeimende Angst raubten ihm die Kraft.

Doch jetzt war sie da, verletzt und wehrlos .Nie hätte er es geglaubt, aber sie half ihm, seine Kraft wieder zu finden. Die Hilfe, die sie brauchte und die nur er ihr geben konnte, war etwas, an das er sich klammern konnte. Ihre Hilflosigkeit würde zu seiner Stärke.

Hilf mir“, tiefe Verzweiflung sprach aus diesen beiden leisen Worten. „Ich kann nicht mehr...“

Ja.“ Es war das einzige was er sagte.

Hermine hörte die Zuversicht aus seiner Stimme heraus. Sie horchte in sich hinein. Er war da, er würde ihr beistehen, ihr helfen, die Geister zu vertrieben, die sich in ihren Schlaf schlichen und sie peinigten.

Endlich sank sie in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Severus legte die Arme um sie. Er fühlte ihr leises Zittern, fühlte, wie sie sich an ihn drängte. Er zog sie an sich.

Seine Nerven beruhigten sich. Seine Zweifel fielen von ihm ab. Er wusste, sie war stark. Die Hoffnung kam zurück, die Erleichterung. Wenn sie es zuließ, würde er in ihr einen kraftvollen Geist finden, der seine schwere Aufgabe zu erfüllen wusste. Die ganze Zeit hatte er in beständiger Sorge gelebt, Voldemort könnte ihn durchschauen. Und seit der Nacht auf dem Astronomieturm bezweifelte er mehr und mehr, dass er Voldemorts Attacken auf seinen Geist wirklich zu widerstehen vermochte. Hegte dieser doch schon lange Zweifel an seiner Ergebenheit.

Jetzt, mit der Gewissheit, dass Hermine ihren Willen und ihre Kraft wiederfinden würde, sah er befreiter in die nahe Zukunft. Die Müdigkeit, die er all die langen qualvollen Nächte hartnäckig zurückgedrängt hatte, kam zurück, ließ ihn erschöpft die Augen schließen. Er ließ den Kopf in die Kissen sinken. Zum ersten Mal seit dem Tag als er Hermine in der Halle mit Draco hatte stehen sehen schlief er ruhig und befreit.


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Hermines Genesung schritt voran und doch glichen die nächsten Tage einem Ringen um Vertrauen und Achtung, waren wie ein neues Kennen lernen. Sie waren geprägt von Hermines überaus großer Angst vor Ablehnung und Verachtung. Noch immer war sie in sich zurückgezogen und übervorsichtig. Sie wagte nicht, ihm offen in die Augen zu sehen oder unbefangen das Wort an ihn zu richten. Sie war so gar nicht der Mensch, den er in den letzten Wochen kennen gelernt hatte.

Severus drängte sie nicht, obwohl sie keine Zeit zu verlieren hatten. Sie wusste ohnehin, dass er auf ihre Hilfe angewiesen war. So gut er konnte hielt er sie vom Geschehen um Voldemort fern.

Doch seine größte Sorge galt Narzissa Malfoys Wissen um seine Beziehung zu Hermine. Es plagten ihn herbe Zweifel, dass sie es wirklich ehrlich meinte. Den Eid hatte sie von ihm genommen, aber Hilfe hatte sie ihm nicht angeboten. Er schätzte ihren Hass auf Voldemort nicht groß genug ein, dass er ihre Angst vor ihm hätte verdrängen können. Anders als Hermine war Narzissa befangen, verpflichtet ihrer Schwester, ihrem Sohn, ihrem Gatten. Severus konnte es drehen und wenden wie er wollte, er kam immer zum gleichen Schluss, Narzissa würde ihnen keine Hilfe sein können. Er würde auf der Hut sein.

Diesem Gedanken nachhängend schritt er durch die zugigen Gänge, Stunde um Stunde. Es begann schon zu dämmern.

Was treibt dich so gehetzt durch die Flure?“, durchschnitt eine sanfte Stimme die Stille.

Severus blieb stehen, er schloss kurz die Augen und wandte sich um. Groß und stolz stand Voldemort am anderen Ende Ganges.

Severus neigte leicht das Haupt.

Der nahe Kampf, das Ende…“, sagte er leise.

Voldemort schritt langsam auf ihn zu und blieb vor ihm stehen.

So schwermütig?“, fragte er ironisch und bohrte seinen Blick in Severus’ Augen.

So realistisch“, entgegnete dieser und zog die Brauen zusammen.

Voldemort lächelte.

Du solltest in freudiger Stimmung sein, Severus! Potter wird uns gehören und mit ihm wird die Welt wie du sie jetzt kennst Vergangenheit sein. Bald, Severus, bald.“ Voldemort schritt an ihm vorbei den Gang entlang.

Er wird nicht alleine sein, mein Lord, viele werden mit ihm gehen“, entgegnete Severus und folgte ihm.

Und wir werden sie gebührend zu empfangen wissen“, Voldemort senkte seine Stimme. „Sie werden sich wünschen, ihm nie gefolgt zu sein.“

Er blieb kurz stehen und blickte auf Severus. In seinen Augen blitzte es unmerklich auf. Dann schritt er weiter aus.

Lasst mich Euer Bote sein“, sagte Severus und ging ungerührt weiter.

Voldemort blieb vor der Tür zum großen Empfangssaal stehen und sah Severus in die Augen.

Ich fragte dich schon einmal, was du vor mir verbirgst, Severus“, kalt und drohend schwang ihm seine Stimme durch die eisige Luft entgegen.

Wann habe ich Euch je Anlass gegeben, an meiner Ergebenheit zu zweifeln“, gab Severus ebenso ohne emotionale Regung zurück. „Habe ich Euch je enttäuscht. Bin ich nicht zu Euch zurückgekehrt…?“

Ja“, schnitt ihm Voldemort mit gefährlich sanfter Stimme das Wort ab. „Ja“, er beugte sich vor, so dass sich ihre Gesichter fast berührten. „Das bist du, Severus. An deinem Mut habe ich nie gezweifelt. Doch deine Gedanken sind der Schlüssel zu deinem Herzen. Warum verbirgst du sie vor mir?“

Severus sah ihm offen ins Gesicht und sprach ganz leise, ohne äußerliche Regung, und doch von seiner Dreistigkeit selbst überrascht: „Zeigt mir die Euren, mein Lord. Dann werde ich bereit sein, Euch die meinen sehen zu lassen.“

Voldemort zog die Brauen hoch.
Severus hielt für eine Sekunde den Atem an.
Voldemort lachte amüsiert auf.

Ich liebe es zu spielen… Jetzt weiß ich warum ich dich so schätze, Severus. Ein Geist, der mich fordert. Scharfe Zunge, brillanter Verstand und wie ich hoffe bedingungslose Ergebenheit…“

Mit diesen warnenden Worten stieß Voldemort die große Tür auf. „Gehen wir und trinken auf deine Gesundheit, Severus!“ Damit betrat Voldemort den großen Saal.

Severus schritt neben ihm her, stolz den Blick geradeaus gerichtet. Er ging langsam durch den Raum und ließ sich an der Tafel nieder. Die Anwesenden verstummten, als ihr Herr durch die Tür schritt.

Als Voldemort mit zutiefst zufriedenem Gesichtsausdruck in der Mitte der Stirnseite der Tafel Platz genommen hatte, sah er sich um und rief: „Warum schweigt ihr? Bald wird unsere Zeit gekommen sein. Stärkt eure Glieder und nährt euren Geist. Feiert, bald wird die Welt uns gehören!“

Er erhob den Becher und alle taten es ihm gleich, bis auf Severus. Dieser sah unter gesenkten Lidern in die Runde. Ihm war die leise Unruhe der anderen sofort aufgefallen. Er spürte ihre neugierigen Blicke, den fragenden Ausdruck in ihren Gesichtern. Dass er neben Voldemort ging und nicht hinter ihm, hatte sie erstaunt. Er lächelte in sich hinein, wenn sie nur wüssten…

Eine sanfte Stimme drang in sein Bewusstsein, ganz leise: „Willst du den Becher nicht erheben?“

Er wandte den Kopf und sah in Narzissa Malfoys glühende Augen. Sie nickte und lächelte ihm entgegen, als sie sagte: „Er beobachtet dich…“

Severus’ Gedanken kehrten wieder zurück, mechanisch griff er das Glas und erhob es. Voldemort nickte schwach und trank.

Severus nahm einen Schluck und fuhr mit seinen Beobachtungen fort. Voldemort zunächst saßen Lucius Malfoy, Bellatrix Lestrange und Peter Pettygrew. Fenrir Greyback hatte an Voldemorts linker Seite seinen Patz eingenommen und sah Severus mit wachen Augen entgegen. Severus ignorierte ihn geflissentlich.

Bellatrix warf Lucius vernichtende Blicke zu. Sie war wie eine Katze auf dem Sprung. Ihre Finger trommelten unhörbar und unablässig auf der Tischlatte. Lauernd, jeden Moment eine spitze Bemerkung auf der Zunge, die sie ihm entgegenschleudern würde, wenn er ihr nur den leisesten Anlass dazu geben würde. Pettygrew sah verschlagen und unsicher in die Runde, beständig darum bemüht seinem Herrn zu gefallen. Draco saß mit hochmütiger Miene neben seiner Mutter. Er würdigte seinen Vater keines Blickes.

Auch Voldemort sah reihum. Seine Blicke waren neugierig, seine Miene amüsiert. Das stumme Ringen seiner nächsten Getreuen war ihm nicht entgangen.

Wie geht es dem Schlammblut, Severus?“, fragte er, gerade so laut, dass die ihm nächstsitzenden es hören konnten.

Severus sah ihm entgegen. Knapp fiel seine Antwort aus: „Geht…“

Voldemort beugte sich zu Lucius hin.

Nichts anderes haben wir erwartet, nicht wahr, Lucius?“, sagte er hämisch.

Lucius Malfoy legte ein falsches Lächeln auf und hob hochmütig den Kopf. Er mied den Blick in die Runde. Langsam griff er nach der Karaffe vor sich und schenkte sich betont langsam sein Glas wieder voll Wein.

Wir werden sie in deine Obhut entlassen, sobald sie wiederhergestellt ist, Lucius“, seine Augen blitzten auf, als er Narzissas Gesichtsausdruck wahrnahm. „Ich weiß, du wirst dich gut um sie kümmern."

Bellatrix gab einen leisen wütenden Schrei von sich und erhob sich hastig. Der Stuhl, auf welchem sie gesessen hatte kippte laut polternd nach hinten um.

Was ist, Bellatrix. Warum fliehst du unsere Gesellschaft?“, fragte Voldemort mit sanfter Stimme, ohne sich nach ihr umzuwenden. Seinen Mund umspielte ein kaltes Lächeln.

Bellatrix starrte ihrer Schwester in die Augen und antwortete unerwartet beherrscht: „Ich möchte mich entschuldigen, Mein Lord.“

Dass er sie aus der Ruhe gebracht hatte, genügte ihm vollkommen.

Möchtest du dich zur Ruhe begeben, Bellatrix?“, fragte er gespielt besorgt.

Ja, mein Lord“, sagte sie mit belegter Stimme. Mühsam unterdrückte sie ihren Zorn. Sie trat einen Schritt vom Tisch weg und schritt dann erhobenen Hauptes aus dem Saal. Severus sah ihr verstohlen unter gesenkten Lidern nach und meinte einen wütenden Schrei zu vernehmen, als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte.

Draco hob den Kopf und sah Voldemort zum ersten Mal nicht angstvoll entgegen. In seinen Zügen spiegelte sich Zorn und ohnmächtige Wut wider. Doch so schnell dieser Ausdruck gekommen war, so schnell hatte er ihn auch wieder verschwinden lassen.

Dracos Reaktion überraschte Severus. Unwillkürlich zog er eine Braue in die Höhe. Doch auch bei ihm floh die Überraschung aus seinen Zügen so schnell wie sie sich darüber gelegt hatte.


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Erst spät machte sich Severus auf den Weg zu seinem Quartier. Leise und zügig schritt er die Gänge entlang. Plötzlich blieb erstehen, ein Geräusch. Mit zusammengezogenen Brauen lauschte er angestrengt in die Dunkelheit hinein.

Dann wandte er sich um und folgte dem Schall, der durch die schwere Eichentür vor ihm drang. Er stieß sie auf und im gleichen Moment hob er schützend die Hand und wehrte einen schweren Buchband ab, der ihm mit einem lauten Wutschrei entgegengeschleudert wurde.

Was soll das?“, fragte er barsch und trat ganz in den dunklen Raum. Er hob das Buch vom Boden auf und legte es sanft auf den Tisch.

Lass mich in Ruhe!“, schrie es ihm wütend entgegen.

Severus schloss sorgfältig die Tür, dann entfachte die Fackel an der Wand. Als er sich umwandte, sah er sich einem rasenden Draco gegenüber, der unruhig und gehetzt auf und ab ging.

Die Arme vor die Brust verschränkt beobachtete Severus stumm die Szene. Lange stand er so da, sprach nicht ein einziges Wort. Er musste auch nicht fragen, denn Draco begann ganz von alleine.

Warum?“, rief er ihm hitzig entgegen und ballte die Fäuste. „Ich habe alles getan, was er wollte, immer!“

Severus sah ihm noch immer schweigend nach.

Ich habe alles verraten“, sagte Draco plötzlich. Seine Stimme war leise und ruhig. Er blieb stehen und sah Severus in die Augen. „Für ihn bin ich so geworden, wie er! Warum?“

Severus löste sich aus seiner Starre und trat an Draco heran.

Weil du seinen Respekt wolltest?“, fragte er still.

Draco starrte zu Boden und schüttelte den Kopf.

Es hat ihn nie gekümmert“, sagte er tonlos. „Er behandelt mich jetzt noch wie ein kleines Kind!“

Severus zog eine Braue hoch. „Vielleicht hättest du weniger rätseln sollen, was dein Vater will und mehr auf das hören sollen, was du willst.“

Draco hörte ihm nicht zu.

Meine Mutter ist genauso“, er hob den Kopf und trat einen Schritt zurück. „Warum sonst hat sie mir einen solchen Schutz aufgedrängt“, setzte er herausfordernd hinzu und sah Severus mit bösem Blick an.

Severus lächelte.

Ja, das trifft“, sagte er süffisant.

Draco fuhr auf und trat mit Wucht an den einzigen Stuhl im Raum. Hart getroffen stürzte er poltern um und schlitterte am Boden entlang, bis er gegen die Wand schlug und liegenblieb.

Er hat unsere Familie verraten! Ich hasse ihn…“, schrie er seinem Tritt zornig hinterher. Und an Severus Snape gewandt: „Was hat dich dazu bewogen, meiner Mutter diesen Eid zu leisten?“

Das würdest du nicht verstehen“, entgegnete Severus knapp.

Ein jeder macht sich lustig über mich!“, schrie er Severus ins Gesicht.

Nein“, begann Severus, „nur einer tut das!“

Draco starrte vor sich hin. Er wusste genau, was er meinte. Er wandte sich harsch ab. Doch Severus streckte den Arm und umfasste hart seine Schulter. Er drehte ihn zu sich um und zwang ihn, ihm in die Augen zu sehen.

Was willst du eigentlich, Draco?“, fragte er eindringlich.

Draco schwieg. Zornig wandte er den Kopf und versuchte sie freizumachen. Doch Severus’ Griff hielt ihn unbarmherzig fest.

Sag es mir! Ist es genau das hier, was du immer wolltest?“, seine Stimme war dunkel und sanft.

Hermines Worte drängten sich in Dracos Gedächtnis und Dumbledores eindringliche Worte kamen wieder. Er hatte gedacht, sich gewünscht, er hätte sie tief vergraben und würde sie nie wieder hören müssen.

Wütend schüttelte er sie ab.

Warum bist du so bemüht, gerade ihm zu gefallen? Warum suchst du gerade seine Anerkennung?“, Severus Stimme klang intensiv.

Das fragt ausgerechnet jemand, der sich den Respekt des Dunklen Lords schon lange verdient hat“, gab Draco trotzig zurück und riss sich aus seinem Griff.

Severus lachte freudlos auf.

Ich hoffe sehr, dass du dir niemals wünschen wirst, mit mir zu tauschen, Draco.“

Er wandte sich zum Gehen. Als er die Hand auf die Klinke legte, hielt er kurz inne.

Du solltest dich ehrlich fragen, welchem Herrn du wirklich dienen willst“, sagte er leise.

Draco schossen die Bilder auf dem Astronomieturm durch den Kopf.

Aber du hast es getan, du hast ihn getötet. Du hast damit deinen Herrn gewählt“, flüsterte Draco mit glühenden Augen.

Severus wandte sich noch einmal um und sah ihn lange an, dann sagte er: „Ich habe meinen Herrn nicht in diesem Moment gewählt. Meine Wahl habe ich schon vor langen Jahren getroffen.“

Aber du hast Dumbledore getötet!“, rief Draco aufgebracht. Severus’ letzter Satz erschloss sich ihm nicht.

Snape trat noch einmal an Draco heran. Er beugte sich zu ihm hin.

Du solltest deine Wahl sehr genau bedenken. Niemand kann dir dabei helfen. Hast du falsch gewählt, wird das dein Ende sein.“

Aber ich will ihm dienen. Wenigstens er soll mich schätzen…“, begann Draco trotzig.

Du bist ihm nicht wichtig!“, rief Severus und schob Draco zurück. „Verstehst du das denn nicht?“

Damit ließ er den verdutzten Draco stehen und ging hinaus.

Als Severus wieder in den Flur getreten war lehnte er sich gegen die kalte Steinwand. Was für ein sturer uneinsichtiger Bursche, von Gefühlen getrieben, die seinen Geist für die Vernunft verschlossen.

Severus stieß sich von der Wand ab und ging weiter durch die zugigen menschenleeren Gänge. Er musste unwillkürlich lachen. Genau das war es immer, was ihn an Potter aufgestoßen war.


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Hermine lag schon lange wach und starrte an die schmutzige Decke. Sie fühlte sich besser. Zum ersten Mal nach ihrem Erlebnis mit Lucius Malfoy verspürte sie wieder Lebensmut. Im Stillen war sie Severus dankbar, dass er ihren Geist von den schwermütigen und sich selbst zerfleischenden Gedanken befreit hatte. Doch die Unsicherheit zu denken, dass er sie zurückweisen würde hatte sich tief in ihrem Herz eingenistet. Es war die Angst, dass er, jedes Mal wenn er wegging, nicht wieder zu ihr zurückkommen würde, dass stattdessen die Tür aufging und Malfoy zu ihr trat…

Sie seufzte schwer und drängte diesen Gedanken weit zurück. Sie erhob sich endlich von ihrem Lager. Mühevoll kleidete sie sich an und blieb kraftlos auf der Bettkante sitzen. Zum ersten Mal sah sie sich bewusst um. Das Zimmer war einfach eingerichtet, im Kamin loderte ein Feuer und sandte seine Wärme in den Raum. Die Scheiben der Fenster waren schmutzig. Trotzdem fanden die letzten Strahlen der untergehenden Sonne ihren Weg hindurch und tauchten den Raum in ein sanftes Licht.

Auf dem Tisch stand eine Schale Obst und ein Krug. Hermine spürte ihren beißenden Hunger, ihren quälenden Durst. Langsam ging sie zum Tisch und ließ sich auf einen Stuhl nieder. Sie aß und stillte ihren Hunger, sie trank in langen Zügen und spürte neue Kraft durch ihren Körper fließen. Mit dieser Kraft kam der Lebenswille zurück. Und ohne, dass sie es bewusst wahrnahm, keimte ein Pflänzchen namens Rache in ihr auf.

Hermine schrak aus ihren Gedanken, als sie ein Klopfen am Fenster wahrnahm. Sie wandte den Kopf und sah den Schatten eines großen Vogels.

Neugierig ging sie zum Fenster und öffnete es. Ein Rabe saß auf dem Sims und sah sie mit schwarzen Augen an. Dann flog er mit einem eleganten Flügelschlag zum Kamin, wo er sich, wie Hermine meinte, mit zufriedenem Ausdruck niederließ, um die Wärme des Feuers zu genießen.

Hermine schloss das Fenster und ging vorsichtig zum Kamin und blieb vor dem Vogel stehen. Wem er wohl gehörte, fragte sie sich und wusste schon die Antwort. Wie seidig sein Gefieder im warmen Schein des Feuers glänzte. Hermine hob die Hand und strich sanft über den Rücken des Vogels.

Sein Name ist Corax“, hörte sie eine tiefe Stimme hinter sich sagen.

Corax“, wiederholte sie flüsternd und wandte sich wieder dem Vogel zu. Sie hörte Severus’ Schritte hinter sich. Er blieb nah bei ihr stehen.

Er wird uns helfen, eine Brücke zu bauen…“, sagte er leise. Er umfasste Hermines Schultern und drehte sie mit sanfter Gewalt zu sich um. Er zwang sie, ihm ins Gesicht zu sehen.

Wirst du bereit sein, Hermine?“

Sie wollte sich seinem Griff entwinden, doch er hielt sie ihre Schultern fest umklammert. Wie schmal sie geworden war, stellte er voller Erschütterung fest. Er wusste, sie brauchte Zeit, um ihre Stärke wieder zu gewinnen. Er versteckte diese Gefühle unter einer Maske aus Skepsis und Misstrauen.

Hermine nahm seinen Gesichtsausdruck mit Empörung wahr. Ihr alter Kampfgeist erwachte.

Was glaubst du?“, erwiderte sie ihm trotzig und machte sich endlich von ihm los.

Severus lächelte in sich hinein. Wusste er es doch, sie würde alles daran setzen, um ihm zu beweisen, dass er Unrecht hatte, wenn er ihre Kraft oder gar ihr Können in Frage stellte. Er wandte sich ab, um seinen triumphierenden Gesichtsausdruck vor ihr zu verbergen.

Hermine hatte das unbestimmte Gefühl, dass er sie provozieren wollte und Ärger stieg in ihr auf. Und eine Sekunde später fiel er wieder in sich zusammen. Sie senkte den Kopf.

Ich danke dir“, flüsterte sie ihm entgegen.

Severus wandte sich ihr wieder zu. Sie stand mitten im Raum, verwirrt, ängstlich und zweifelnd, mit Wut im Bauch und den Kopf voller wirrer Gedanken.

Langsam ging er auf sie zu und nahm sie in die Arme.

Hast du wirklich geglaubt, ich würde dich hassen, dich verachten?“, fragte er leise.

Hermine schluchzte auf.

Ich habe Angst“, presste sie hervor. „Ich hätte auf dich hören sollen.“

Er drückte sie an sich.

Nein“, sagte er, „wärst du nicht gekommen, wäre ich schon lange ein Opfer Voldemorts.“

Sie sah erstaunt auf. Ein seltenes Lächeln umspielte seinen Mund. Sie wartete was er noch sagen würde, doch Severus schwieg.

Schließlich gab er sie frei und strich eine Träne von ihrer Wange.

Du bist stark, Hermine. Du wirst es überstehen“, sagte er nur und hob den Arm. Corax breitete die Flügel und glitt zu seinem Herrn.






9. Das Tor

Höre sie, die Wölfe
Sie warten… auf uns...
Es gibt kein Verstecken mehr,
Kein Geheimnis... endlich wissen.
Alles…!
Hab keine Angst mehr
Fern Geglaubtes wird nah…
Öffne den Geist, gib die Pforte frei…!


Sie schwiegen lange, standen sich in fast ehrfürchtiger Ruhe reglos gegenüber. Dunkelheit um sie her. Die Nacht erdrückte sie fast. Kein Wort konnte ausdrücken, was sie jetzt fühlten. Sie wagten nicht, über die Ängste und Zweifel zu sprechen, die sie bewegten und vor denen sie sich gleichermaßen fürchteten. Da war nur noch das Unbekannte, das nicht vorauszusehen war, das dunkel blieb und Furcht einflößend. Sie wussten nur eines sicher: Wenn nur ein Funken von dem was sie planten bekannt wurde, waren sie rettungslos verloren.

Hermine erschauerte bei dem Gedanken daran, aber wie Severus es gesagt hatte, sie selbst wollte es so, sie hatte sich bewusst dafür entschieden. Doch so schmerzlich die letzten Tage gewesen waren, so demütigend, dass sie lieber gestorben wäre, so sehr sprang der Hass auf den Despoten sie an, und mit einer solchen Macht, die sie nie hervorzubringen geglaubt hatte, wünschte sie nichts sehnlicher, als dass er endlich besiegt würde. Es machte ihr Angst, aber wenn sie ehrlich war, würde sie sogar dafür sterben. Hermine war im tiefsten Inneren erstaunt, dass sie bereit war, diesen Weg für sich zu gehen, ohne Kompromisse und zutiefst entschlossen.

Was ihr die Kraft dazu gab war, dass auch Severus seinen Weg schon so lange gewählt hatte, dass er mit dieser Angst, die sie jetzt quälte, schon seit vielen Jahren leben musste. Wie schwer es für ihn wirklich war, konnte sie nicht einmal erahnen.

Was ist mit dir?“, flüsterte Hermine endlich und sah ihm für einen Moment still ins Gesicht. Sie hatte so unendliche Angst um ihn und wollte doch nicht, dass er gerade dieses Gefühl in ihren Augen sah. Sie wusste, dass sie ihn damit nur belasten würde, sie war schon jetzt mehr Last als wirkliche Hilfe.

Severus antwortete nicht. Er strich dem Raben sanft über das Gefieder. Sein Blick wich nicht von ihm. Er getraute sich nicht, Hermine anzusehen. Zu groß war die Furcht, dass ihr der Ausdruck seiner Augen das verraten könnte, was er gerade fühlte. Es waren die Unsicherheit, die Zweifel, die sich in seine Seele gefressen hatten, in dem Moment, als er sie am Boden hatte liegen sehen, Lucius Malfoy über sie gebeugt…

Severus hatte sich seither immer wieder gefragt, ob es all das wert war, den Schmerz, die Angst, die Qual auf sich zu nehmen, sie nie mehr ablegen zu können, solange, bis Voldemort vernichtet war oder um daran zugrunde zu gehen.

Es gab einfach nichts, was er Hermine zum Troste sagen könnte und das ihr die Furcht vor dem, was ihnen bevorstand, hätte nehmen können. Obwohl er schon so oft in diesen Abgrund gesehen hatte, ihm mitunter nur knapp entronnen war, fürchtete er sich immer noch davor, und dennoch hielt er beharrlich an ihr fest, würde er diese Furcht nie ablegen wollen, denn er wusste, gerade sie hielt ihn am Leben.

Severus sah auf und trotzdem er wusste, dass er Hermine mit seinen Worten mehr als ängstigen würde, sagte er dunkel: „Ich bin nicht wichtig“, und noch bevor sie etwas sagen konnte, setzte er hinzu: „Genauso wenig wie du, Hermine. Wir sind nur die Mittler, die freiwilligen Opfer. Ich hoffe, du bist dir dessen bewusst.“

Hermine starrte still vor sich hin. Er hatte Recht. Sie wusste es seit dem Augenblick, in welchem sie sich entschieden hatte, mitzugehen. Und obwohl Severus nicht drängte, wusste sie auch, dass jede Minute, die verstrich, für immer verlorene Zeit war.

Dennoch wollte sie nicht einfach so aufgeben, sie wollte sich wehren, solange es nur ging.

Weshalb müssen wir es tun?“, fragte sie. „Voldemort wird sicher dafür sorgen, dass er gefunden wird.“

Severus lachte auf und sah ihr amüsiert in die Augen. Sein Blick bohrte sich tief in den ihren.

Ich habe dir immer mehr Verstand zugetraut.“

Hermine zog ärgerlich die Brauen zusammen.

Ja, ich muss ihn scheinbar verloren haben“, entgegnete sie katzig und funkelte ihn wütend an.

Severus wischte das Lachen aus seinem Gesicht. Er wollte sie nicht kränken, doch die Situation, in der sie sich befanden, und die Gefahr, die sich darin barg, ließ ihn zynisch werden, wie immer, wenn er unsicher wurde und es zu überspielen suchte.

Überlege, würdest du Potter hierher leiten?“, fragte er sanfter.

Hermine öffnete den Mund, aber nur um gleich darauf, voller Grimm auf sich selbst, die Lippen wieder aufeinander zu pressen.

Severus nickte leicht. Sie hatte verstanden.

Je eher die anderen wissen, wo wir uns befinden, um so leichter wird es sein, in die Festung zu dringen, um so schwieriger für Voldemort, sich dagegen zu wehren“, setzte er hinzu. „Je weniger er damit rechnet, umso größer wird seine Überraschung sein.“

Hermine schwieg. Sie senkte die Lider und nickte leise. Die Hoffnung, die anderen bald wieder zu sehen, sie an ihrer Seite zu wissen, gab ihr ein wenig ihres früheren Selbstvertrauens wieder.

Du weißt, wo wir sind?“, fragte sie dann und hob den Kopf.

Ja, ich weiß es. Dir ist aber sicher auch bekannt, dass ich den Namen von Voldemorts Zuflucht weder aussprechen noch aufschreiben kann. Ich kann dir nicht einmal sagen, ob das, was du erkennen wirst, auch richtig ist“, er wandte ihr den Blick zu. „Corax wird es wissen. Er wird dir zeigen wo wir sind.“

Wie?“, flüsterte sie zweifelnd und sah zu dem schwarzen Vogel, der sich der Hand seines Herrn entgegenreckte.

Severus ging durch den Raum und blieb am Fenster stehen. Er setzte den Raben auf den Sims und sah in die mondlose Nacht hinaus.

Der Moment des Schweigens war beinahe unerträglich. Es lag so viel Unausgesprochenes zwischen ihnen, und doch soviel schweigendes Einverständnis. Zum ersten Mal nach den vielen Stunden des Schmerzes, des Hasses und der Verzweiflung, brannte Hermine darauf, ihm behilflich zu sein. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt, und doch bedrängte sie ihn nicht. Sie stand einfach nur still im Raum und wartete.

Severus fühlte ihre Ungeduld. Einerseits deutete er es als gutes Zeichen, andererseits war er sich nicht sicher, ob ihr aus der Angst geborener Tatendrang nicht gefährlicher war als das, was garantiert folgen würden, wenn sein Plan schiefging. Doch so sehr er auch darüber nachdachte, es gab keine Alternative, sie hatten keine andere Wahl.

Einen Augenblick lang zögerte er noch. Schließlich wandte Severus sich wieder um. Seine Augen sahen ihr ernst entgegen und Hermine meinte, einen Funken Ungewissheit und Besorgnis darin zu entdecken. Doch vielleicht irrte sie sich ja...

Sag es mir“, flüsterte sie.

Severus schritt durch den Raum und blieb vor ihr stehen. Seine Augen waren so dunkel, so unergründlich, dass Hermine beinahe zweifelte, dass er es ihr erzählen würde.

Doch er suchte ihren Blick, sah ihr lange in die Augen, bevor er sagte: „Er wird das Gefäß für dein Bewusstsein, deinen Geist sein, er wird dich sehen lassen und verstehen.“ Ein Moment des Zögerns folgte. „Wirst du es können?“, setzte er schließlich fragend hinzu.

Hermine hatte schon davon gehört, gelesen vielleicht. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, aber sie wusste, es war ein Zauber, der schwieriger nicht hätte sein können. Schon viele waren bei seiner Ausführung verloren gegangen und nie wieder zurückgekehrt.

Hermine begann zu zweifeln und Angst packte sie, doch sie wollte stark sein, Severus zuliebe und nicht zuletzt auch für sich selbst. Sie beruhigte sie sich damit, dass sie einen Zauberer zur Seite hatte, der nach Voldemort und Dumbledore wohl der fähigste war, der ihr helfen würde, unversehrt zurückzukehren. Er würde den Zauber für sie ausführen und über sie wachen.

Es war nicht mehr als ein Flüstern und doch so entschieden und gewollt: „Ja.“

Severus schwieg. Sie wusste nicht, worauf sie sich einließ. Er musste es ihr sagen. Selbst wenn es der einzige Weg war, herauszufinden, wo sie sich befanden, sollte sie doch selbst entscheiden können, ob sie es tun wollte oder nicht, auch wenn der lange wusste, dass sie entschlossen war, den Zauber zu vollziehen.

Du wirst verführt werden, Hermine“, begann er leise und wandte sich ab. Er ging zum Kamin und blieb nachdenklich davor stehen.

Wie meinst du das?“, fragte sie erstaunt.

Du wirst nicht mehr zurückkommen wollen“, sagte er und starrte in die Flammen, die kaum mehr wärmten.

Hermine starrte ihn ungläubig an und schüttelte leise den Kopf.

Nein“, flüsterte sie, „nie!“

Sag nicht ‚Nie’. Schon manch einer konnte der Versuchung nicht widerstehen.“

Welcher Versuchung?“, diese beiden Worte waren nur ein Hauch.

Er wandte sich um und sah ihr in die Augen. Sein Blick war offen und fragend.

Es ist nur ein Gefühl. Es ist nicht zu erklären“, begann er und setzte leise und eindringlich hinzu: „Es ist gefährlich.“

Wie kann ich widerstehen?“, ihre Stimme zitterte unmerklich.

Lass dich leiten, doch gib dich nicht hin. Du wirst sonst nie wieder zurückfinden“, erwiderte er ruhig. Nur der Ausdruck seiner Augen verriet seinen inneren Aufruhr und seine leisen Zweifel.

Sein Blick wurde intensiv. „Es ist das Einzige, was ich dir sagen kann. Helfen kann ich dir nicht!“

Sie löste sich aus ihrer Starre und kam zu ihm. Ihre Augen verloren seinen Blick nicht.

Ich möchte es versuchen“, sagte sie leise.

Er schüttelte den Kopf.

Du hast nur diesen einen Versuch. Überlege gut“, seine Worte waren eindringlich.

Du hast gesagt, wir haben keine Wahl“, begann sie, „Und da niemand sonst dir helfen kann, muss ich es tun.“

Sie versank in seinem Blick.

Ich möchte es tun“, setzte sie flüsternd hinzu. „Ich will es.“

Severus sah sie an. Er schwieg lange.

Schließlich trat er zu ihr. Er legte ihr die Rechte auf die Brust und flüsterte nur dieses eine Wort: „Mandare“. Ein sanftes Licht umfloss sie, Wärme durchströmte sie, doch nur, um einer Kühle, ja fast eisiger Kälte, Platz zu machen, die sich über sie legte und sie ganz durchdrang. Die eisigen Schauer ließen Hermine zittern. Es tat ihr weh. Nur von fern noch hörte sie seine Stimme, als er leise sagte: „Schließe deine Augen.“

Hermine folgte, die Kälte verschwand mit einem Mal und ohne, dass sie es selbst steuern konnte, gaben ihre Beine nach und sie sackte zusammen. Noch bevor sie zu Boden fiel, fing Severus sie auf. Er trug sie zur Schlafstatt und ließ sie sanft darauf nieder.

~

Als Hermine die Augen wieder öffnete sah sie sich erstaunt um. Sie sah Severus, der sie auf das Bett hob und sich über sie beugte. Sie sah, wie er ihr eine Strähne ihres Haares aus dem Gesicht strich. Hermine erschrak über ihren Anblick, sie war blass, die Wangen eingefallen, dunkle Ringe unter den Augen. Es war gar nicht so, als würde sie schlafen, sie sah eher aus, als wäre sie gestorben. Und doch lebte sie, strich ihr Severus sanft über die Wange und schenkte ihr einen innigen Blick.

Obwohl sie wusste, dass es nicht sein konnte, war es, als könnte sie diese Berührung spüren, die Wärme seiner Hand...

Alles war so merkwürdig. Sie konnte dieses Gefühl nicht einordnen, es war so fremd und doch vertraut. Und mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass sie Gast im Körper des großen schwarzen Vogels war, der die ganze Zeit über still auf dem Fenstersims saß.

Dass sie nicht allein war, beruhigte sie einerseits und doch fühlte sie Furcht aufsteigen, Furcht vor einem Geist, der ihr fremd war, dessen Präsenz sie so stark spürte und der sie beherrschte, der ihr keinen Raum gab, selbst zu bestimmen.

Eine Bewegung im Dunkel des Zimmers lenkte sie ab und ließ für den Moment die Angst in den Hintergrund treten.

Sie sah, wie Severus sich aufrichtete und auf sie zukam. Er sah eine Weile ernst auf sie hinab. Dann aber öffnete er entschlossen das Fenster.

Kalter Wind schlug ihnen entgegen. Die Brandung toste und spie feine Tropfen in die Luft, die sich wie Nebel um das Gemäuer legten und bis hierher zu spüren waren.

Nur ein Wort, das Severus sagte, so leise gesprochen, dass Hermine es kaum verstand. Ein Wort, das alles entschied.

Flieg!“

Und als Corax die Schwingen breitete und mit sanftem Flügelschlag aus dem Fenster flog, sah Hermine die Welt nicht mehr. Sie fühlte sie sich empor getragen, fühlte die kalte klare Nachtluft, den Wind, der um sie strich.

Alles fiel von ihr ab, sie spürte weder Schmerz noch Angst noch Zweifel. Es war ein Gefühl, das sie noch nie in ihrem Leben empfunden hatte. Es nahm alles, was schwer war und gab ihr alles, was sie sich je ersehnt hatte. Eine Leichtigkeit durchströmte sie, nahm ihre Ängste und all den Schmerz, den sie empfand, nahm ihr für den Augenblick die Erinnerung an das, was ihr Qual und Pein bereitet hatte, machte sie frei.

~

Severus stand am Fenster und sah dem Raben nach, bis die Dunkelheit des Himmels ihn verschlungen hatte. Er wusste in dem Moment, als der Wind unter die Flügel des Vogels fuhr, er hinauf getragen wurde und er die Welt hinter sich ließ, dass ihm Hermine entgleiten würde, wenn er ihr nicht half.

Severus schloss die Augen und konzentrierte seinen Geist, wanderte in Gedanken zu ihr. Sie war weit weg, sperrte jeden Gedanken aus, wehrte sich heftig dagegen, ihn einzulassen. Es kostete ihm unendliche Kraft, sie zu lenken, sie sehen zu lassen, sie vielleicht zurückzuholen.

Die Verbindung durfte nicht abreißen!

Er wandte sich ab und ging zurück zu ihrem Lager. Er griff nach ihrer Hand und umklammerte sie fest, dann sank er kraftlos auf die Knie. Kein Gedanke an die Welt, an die Gefahr, einzig die Sorge um sie hielt ihn gefangen.

Sie zurückholen!

Er zitterte, die Anstrengung raubte ihm die Kraft.

Nicht nachgeben!

~

Weiter!

Diese Stimme, die nicht ihre war, trieb sie fort.

Sie wollte es nicht, nichts hören! Nein, nur schauen, nur sehen, nichts fühlen. Es war keine Leere und doch konnte sie nicht beschreiben, was sie fühlte. Sie wusste nur, es war wunderbar. Nie zuvor empfundene Freiheit, die sie mit sich nahm, der sie für immer nachgeben wollte. Einfach ausbrechen, einfach fliehen, nie wieder zurückgehen in die Dunkelheit, in die Angst und nie wieder Schmerz empfinden müssen.

Einfach nachgeben!

Nein!

Sie kamen unerbittlich, störende Gedanken.

Sie abwerfen! Sie wollte sie nicht denken, doch sie drängten sich ihr auf, unerbittlich, und zogen sie in die Welt zurück. Wenn Hermine hätte weinen können, schreien, sie hätte es getan, hätte ihren Schmerz hinausgeschrieen und wäre nie wieder zurückgekehrt.

Nur ganz langsam kamen ihre Gedanken wieder, drang die Aufgabe, die sie zu erfüllen hatte, in ihr Bewusstsein zurück.

Es war, als öffne sie erst jetzt die Augen.

Eine alte Welt und doch so neu, so anders. Die Landschaft glitt still unter ihr weg. Trotzdem die Nacht mondlos war, warf das tief verschneite Land genug Licht zurück, dass sie sehen konnte: Klippen, auf denen eine riesige Festung thronte, schwarzes Wasser ringsum, das vom Wind aufgewühlt ans Ufer schlug, weißes Land, eine Stadt in der Ferne, deren Lichtern sie näher kamen...

Endlich erkannte sie. Eine Erinnerung aus Kindertagen stieg in ihr auf. Die schwarzen Umrisse der Ruinen wurden klar, gaben ihre wahre Bedeutung preis und zeigten ihr, wo sie sich befanden. Und mit einem Mal erfüllte sie Hoffnung, so sehr, dass es fast schmerzte.

Nur zurück, nichts vergessen, schnell!

Hermine verlor jegliches Zeitgefühl, noch nie empfand sie solche Anspannung, die ihr die Sicht raubte, sie beinahe blind machte.

Zurück!

Sie nahm nicht mehr wahr, wie sie die Nacht hinter sich ließ, sah nicht das dunkle Gemäuer, auf das ihr Bote zusteuerte. Die Sinne schwanden ihr...

Das einzige, das sie noch fühlte, war die unerträgliche Kälte, die sie heftig zittern ließ, als ein einziges Wort gesprochen wurde, und sie endgültig zurückholte: ‚Mensiterio’

Furchtbare Schauer durchfluteten ihren Körper, stachen sie wie Messerstiche. Sie warf sich herum und stöhnte schwer. Sie fühlte warme Hände auf ihrer Haut, Arme, die sie hielten, eine sanfte Stimme, die Worte sprach, die sie nicht verstand.

Nur ganz langsam ließen die Qualen nach.

Als Hermine endlich erwachte, fühlte sie sich erbärmlich. Sie zitterte noch immer, doch nach und nach kam die Wärme wieder und mit ihr das Gefühl.

Sie spürte Severus’ Arme, die sie fest umschlungen hielten und ihr Sicherheit und Kraft gaben. Sie drängte sich näher an ihn, sie fühlte sich unendlich geborgen. Sie schloss erschöpft die Augen.

Es war still um sie her. Nur das Knacken der Holzscheite im Kamin war zu hören.

Die Nacht wich dem Tage, dessen Helligkeit nur schwer durch eine graue Decke aus Nebel und Schnee drang und nicht wirklich Trost versprach.

Sie wussten nicht, wie lange sie so saßen, wie Ertrinkende aneinandergeklammert, die Nähe des anderen tief in ihr Bewusstsein dringen lassend.

Nur ganz langsam gewannen sie die Kraft wieder, die dieser Zauber ihnen geraubt zu haben schien.

Danke“, flüsterte Hermine nach einer Ewigkeit in das Halbdunkel hinein. Sie war verlegen und beschämt, dass sie so schwach gewesen war. Sie wusste sehr genau, dass Severus sie geleitet hatte, dass er sie zurückgeholt hatte. Sie hätte nie die Kraft dazu gehabt, sie hätte es nicht einmal versucht...

Severus schloss für einen Moment die Augen. Er schwieg lange. Es war nicht schwer, Hermines Gedanken zu erraten.

Es gibt nichts, dessen du dich schämen müsstest“, sagte er leise.

Sie sah auf.

Aber ich hätte dich verraten...“, begann sie und brach ab, als Severus leise lächelnd den Kopf schüttelte.

Du hast gewusst, dass ich es nicht kann“, flüsterte sie gedrückt. „Du hast mir trotzdem vertraut?“

Severus schob sie von sich.

Ja“, sagte er nur und erhob sich.

Hermine schloss für einen Moment die Augen.

Bist du jetzt enttäuscht?“, fragte sie und glitt ebenfalls vom Bett. Noch wacklig auf den Beinen, folgte sie ihm. Sie ging zum Tisch und setzte sich auf einen der Stühle.

Wie könnte ich enttäuscht sein, Hermine“, sagte er und schob ihr Papier und Feder hin. „Es war mehr als ich je von dir erwarten konnte. Es war sogar sehr viel mehr, als ich von jedem anderen, der erfahrener gewesen wäre, hätte erwarten können.“

Hermine senkte das Haupt. Dann griff sie nach der Feder. Sie schrieb nur zwei Worte auf das Pergament und reichte es Severus. Der rollte es zusammen und noch bevor er sich umwand, war Corax schon neben ihm. Severus band dem Vogel das winzige Schriftstück um, dann ging er zum Fenster und öffnete es. Der Rabe schwang mit leichtem Flügelschlag hinaus und verschwand fast sofort im kalten Nebel.

Severus starrte ihm versonnen nach. Die anfängliche Furcht, dass er versagen könnte, dass seine Gedanken für Voldemort leichter zu durchschauen würden, wenn Hermine in seiner Nähe war, drängte er zurück. Er empfand sie nicht mehr als so quälend wie am Anfang, er konnte mit ihr leben, und er konnte ihr widerstehen, jetzt, da er wusste, dass Hilfe unterwegs war.

Der Wind blies ihm eisig entgegen und erst als Hermine neben ihn getreten war, fanden seine Gedanken den Weg zurück.

Wie lange wird es dauern?“, fragte sie leise und verschränkte erschauernd die Arme.

Severus wandte den Kopf und sah sie lange an.

Da stand sie, mit hoffnungsvollem Blick und verließ sich so vollkommen auf ihn, dass ihm angst wurde. Es schmerzte ihn, brachte ihn fast um den Verstand, wenn er daran dachte, dass er Hermine würde opfern müssen, wenn die Hilfe nicht schnell genug nahte. Er konnte ihr vielleicht noch Malfoy vom Hals halten, aber es gab dann nichts mehr, was er tun konnte, um sie vor Voldemorts Willkür zu schützen, ohne sich selbst und die Sache zu verraten.

Severus sah Hermine stumm an. Sie wusste es. Auch wenn die Angst sehr deutlich aus ihren Augen sprach, war er sich vollkommen sicher, dass er sich auf sie verlassen konnte. Sie würde nicht schwach werden, sie würde eher sterben...

Severus atmete tief ein, dann zog er Hermine zu sich und schloss sie still in die Arme.

Hermine schmiegte sich an ihn.

Ich habe Angst“, flüsterte sie gegen seine Brust.

Severus drückte sie fest an sich und vergrub das Gesicht in ihrem Haar. Er antwortete nicht. Er musste es auch nicht, denn Hermine hatte selbst erkannt, dass es nichts gab, was ihnen jetzt helfen konnte, außer der Hoffnung darauf, dass sie zeitig genug gefunden würden.

Sie standen nur da, klammerten sich wie Ertrinkende aneinander und gaben sich nur durch die Berührung, das Beisammensein, die gemeinsame Furcht, die Kraft, die sie bestehen lassen würde.

Sie wussten nicht mehr, wie lange sie so standen, als sie ein Geräusch aufhorchen ließ.

Severus sah auf und wandte den Kopf. Er wollte seinen Augen nicht trauen, aber Pettygrew stand mitten im Raum und sah ihm mit einem zutiefst abgründigen Blick entgegen.

Hermine wollten die Knie versagen, als Severus sie losließ und mit einem einzigen kraftvollen Sprung bei Wurmschwanz war, dessen Kehle mit hartem Griff umfasste und ihn unsanft gegen die Wand drückte.

Was suchst du hier?“, fragte Severus drohend, die Augen zusammengekniffen.

Pettygrews Augen waren für einen Moment schreckgeweitet. Doch er fasste sich schnell. Sein Blick nahm wieder seinen üblichen verschlagenen Ausdruck an. Er ließ ihn von Severus hin zu Hermine gleiten, die, sichtlich um Fassung ringend, die Stuhllehne krampfhaft umfasste, dass die Knöchel ihrer Hände weiß hervortraten.

Unser Gebieter verlangt nach dir“, presste Pettygrew unter Severus’ eisernem Griff hervor.

Severus sah ihm in die Augen. Einen Moment lang verspürte er das heiße Verlangen, dem Leben dieses elenden Wurms auf der Stelle ein Ende zu bereiten, einfach zuzudrücken... Doch er besann sich.

Wage es niemals wieder, ungefragt diesen Raum zu betreten oder ich reiße dir den Kopf ab, Ratte!“

Mit diesen leise, in völlig beherrschtem Ton, gesprochenen Worten stieß er ihn hart in Richtung Tür. Wurmschwanz wankte, doch er fing sich rechtzeitig, um nicht zu Boden zu gehen. Er wusste genau, dass Snapes Drohung bitterernst gemeint war. Er würde sich fortan vor ihm hüten. Grob wurde er von Severus in den Gang gestoßen. Und ohne lange zu warten, ging er schnellen Schrittes voran, stets bemüht, einen angemessenen und ihm sicher erscheinenden Abstand zwischen sich und Severus Snape zu bringen.

Severus sah ihm nachdenklich hinterher. Bisher hatte es noch nie jemand gewagt, ungefragt seine Räume zu betreten. Wurmschwanz wäre niemals allein auf diese Idee gekommen, schon allein aus Furcht, Severus könnte ihn mit Recht auf der Stelle töten.

Severus sah es als Zeichen höchsten Misstrauens von Seiten Voldemorts an, dass ihm jetzt dieses eine kleine Sonderrecht, das er bisher genossen hatte, genommen worden war und egal, wie lange Pettygrew schon da gewesen sein mag, er hatte in jedem Fall genug gesehen, um bescheid zu wissen.

Es war jetzt nur noch eine Frage der Zeit, wann Pettygrew ihn an Voldemort verraten würde.

Und zum ersten Mal seit er in diesen Gemäuern weilte, sprach Severus einen Schutzzauber über diesen Raum, bevor er dem Verräter folgte.


---


Minerva McGonagall stand am Fenster, wie sooft in den letzten Tagen, und sah versonnen in den Himmel über den tief verschneiten Hügel von Hogwarts. Die Hoffnung auf Nachricht, die mit jedem Tag, an dem sie nichts Neues erfuhr, kleiner wurde, ließ sie rastlos werden.

Minerva wandte sich ab und ging unruhig in ihrem Büro umher. Seit sie Hermine bei Voldemort wusste, fand sie keine Ruhe mehr, verbrachte die Tage in ungeduldiger Rastlosigkeit und machte die Nacht zum Tag.

Sie grübelte und machte sich herbe Vorwürfe. Ihre Gedanken kreisten unablässig um Hermine, um die letzte Unterhaltung, die sie mit ihr geführt hatte. Wie gerne hätte sie Hermine Zuversicht geschenkt, mehr als die Worte, die sie ihr gesagt hatte und mehr als die flüchtige Umarmung, auch wenn sie zutiefst ehrlich gewesen war.

Und in dem Wissen, dass Hermine beinahe allein Severus’ wegen in die Höhle des Löwen gegangen war, quälte Minerva ihr Gewissen.

Ich hätte es niemals zulassen sollen“, sagte sie sich immer und immer wieder. Sie schalt sich unverantwortlich und roh. Wie konnte sie nur auf die Idee kommen, ein solches Opfer zu verlangen. Und es war nicht allein Hermine, wenngleich diese den größten Anteil dieser Bürde zu tragen hatte, es waren auch Severus, der schon so lange mit der Angst, entdeckt zu werden, leben musste, Potter und die Weasley-Kinder, die eine Freundin verlieren würden, wenn es nicht gelang, rechtzeitig zu Hilfe zu eilen.

Minerva McGonagall seufzte auf.

Doch wohin?

Es gab nichts, das ihnen den Weg hätte weisen können. Seit Tagen kein Zeichen, nur unheimliche Stille. Selbst die Angriffe der Todesser hatten aufgehört, es war beinahe so, als würden sie sich sammeln. Es war die furchtbare Ruhe vor dem Sturm, die so sehr an den Nerven zehrte.

Wieder einmal blieb Minerva am Fenster stehen und starrte in die aufziehende Dunkelheit. Nichts!

Sie schloss die Augen und wandte sich traurig ab.

Wieder lag eine Nacht vor ihr, die ihr keine Ruhe schenken konnte. Die Gedanken würde sie auftreiben und sie würde wie immer ihre Hilflosigkeit verfluchen.

Ein lange ersehntes Geräusch ließ sie herumfahren.

Mit drei großen Schritten eilte sie zum Fenster und riss es auf. Sie spürte nicht, wie ihr eisiger Wind entgegenschlug und böig in den Raum fuhr. Ihr Gesicht glühte vor Aufregung, als sie sich suchend umschaute. Ein großer schwarzer Vogel saß auf dem Sims und sah ihr mit funkelnden Augen entgegen.

Minerva zog die Brauen zusammen, wieder nur ein Irrtum. Der Vogel ruhte sich sicher nur aus.

Sie wollte schon resigniert das Fenster wieder schließen, da hörte sie plötzlich Dumbledores leise Stimme in ihrem Rücken: „Es ist Corax.“

Corax?“ Minerva wandte halb den Kopf, ohne den Raben aus den Augen zu lassen.

Er ist Severus’ Bote“, sagte Dumbledore beschwörend.

Und jetzt erst sah Minerva McGonagall das winzige Pergament, das der Vogel trug. Sie nahm es ihm vorsichtig ab und trat einen Schritt zurück.

Ihr Herz klopfte bis zum Hals, ihr Atem ging so schnell, als wäre sie meilenweit ohne Unterlass gelaufen, und gefror an der eisigen Luft, die hereinströmte. Mit heftig zitternden Händen löste sie das Band. Sie entrollte das Pergament und las.

Nur zwei Worte waren darauf geschrieben. Zwei Worte, die Minerva das Herz unendlich leichter werden und sie wieder hoffen ließen.

Slains Castle“, flüsterte sie vor sich hin. Sie drückte das Pergament an die Brust und atmete tief auf. „Aberdeen...“

Minerva lächelte zum ersten Mal seit vielen Tagen. Eine Last fiel von ihr. Sie würde die anderen zusammenrufen. Endlich konnten sie die Aufgabe erfüllen, sie hatten endlich ein Ziel, das es so schnell wie möglich zu erreichen galt, denn da waren zwei Menschen, die nicht länger warten konnten.

Sie haben es geschafft, Albus“, mit diesen Worten wandte sich Minerva dem Portrait ihres alten Kollegen zu.

Dumbledore lächelte ihr entgegen.

Ich habe nie daran gezweifelt, Minerva.“





10. Alles verloren?

Ich habe meinen Weg verlor‘n,
ich habe mich verirrt,
Vor lauter Lichtern nicht geseh’n,
daß es dunkel um mich wird.

Allein komm‘ ich nicht mehr frei…

Severus’ Gedanken überschlugen sich. Nur sehr schwer gelang es ihm, seinen Atem ruhig zu halten. Konnte er sich selbst für den Augenblick nur mühevoll beherrschen, trieb ihn der Gedanke an Hermine, die jetzt ganz allein mit diesem furchtbaren Eindruck in seinem Quartier eingeschlossen war, die Angst ins Herz. Er war überzeugt, zu jeder anderen Zeit hätte sie nichts so leicht aus der Bahn geworfen, aber nach all den Erlebnissen hier, war er sich jetzt nicht mehr sicher. Er hoffte, sie würde stark sein.

Für einen Moment schloss er die Augen und zog die Brauen schmerzlich zusammen. Wenn er daran dachte, wofür sie stark sein musste, krampfte sich sein Herz zusammen. So viele Menschen vor ihr hatten gehofft und gebangt, waren mutig und stark geblieben und hatten dennoch alles verloren. Und auch sie hatte keine Gnade zu erwarten, kein Mitleid, keinen Funken Barmherzigkeit. Wie hasste er diesen selbstgefälligen Tyrannen dafür.

Severus ging mit weiten Schritten hinter Wurmschwanz her. Den ganzen Weg über dachte er angestrengt nach. Er konnte sich schon denken, was Voldemort mit dieser, so offensichtlichen durch ihn angestifteten, Provokation von Seiten Pettygrews bezweckte. Einerseits war Severus froh, dass er dem Leben dieses elenden Wurm nicht sofort ein Ende bereitet hatte. Es hätte so viele Fragen nach sich gezogen, auf die er keine Antworten gehabt hätte, auf der anderen Seite bereute er es, denn er wusste ganz genau, dass Wurmschwanz ihn verraten würde, es war nur eine Frage der Zeit, wann genau dies geschehen würde.

Der Weg durch die kahlen Gänge half Severus, sich zu beruhigen und sorgte dafür, dass er Zeit hatte, seinen Geist von diesen quälenden Gedanken frei zu machen, die ihn ganz sicher verraten hätten, wenn vorhin Voldemort statt dieser Ratte vor ihm gestanden hätte. Sein Herzschlag normalisierte sich, sein Atem ging gleichmäßiger.

Vor der Tür zur Halle war Wurmschwanz abrupt stehengeblieben und wandte sich vorsichtig um. Severus wäre beinahe auf ihn aufgelaufen, dementsprechend ärgerlich fiel seine Reaktion aus, weniger aufgrund Pettygrews Zögern, die Tür zu öffnen, sondern eher aufgrund seiner eigenen Unaufmerksamkeit, die er jetzt für unangebrachter denn je hielt.

Was ist?“, fragte Severus kalt und sah verächtlich auf ihn hinab.

Du könntest freundlicher zu mir sein“, begann er und sein Blick wurde verschlagen, ein Hauch Überlegenheit schwang in seiner Stimme mit.

Severus sah ihn einen Moment lang schweigend an, dann zog er eine Braue in die Höhe und schenkte ihm ein amüsiertes Lachen. Seine nächste Frage nahm Pettygrew die wieder gewonnene Überlegenheit.

Was willst du ihm erzählen? Dass ich meinen Spaß haben wollte, so wie Malfoy?“

Diese Worte taten ihm schon weh, als er sie nur gedacht hatte. Sie auszusprechen, rang ihm unendliche Überwindung ab, aber vielleicht würden sie ein wenig Zweifel in das Herz dieser Ratte streuen. Für einen Augenblick sah es auch so aus, als wollte Pettygrew etwas dazu sagen, doch dann schüttelte er stumm den Kopf und stieß die Tür auf.

Severus ging hindurch und sah sich einer illustren Runde gegenüber, deren Mitglieder beim Essen saßen und ihm, als er den Raum betreten hatte, die Köpfe zuwandten.

Neugierige Blicke. Wie stießen sie ihn ab, diese Speichellecker und Kriecher, die hier versammelt waren und alles tun würden, um ihrem Herr zu gefallen. Er hatte sie so überdrüssig Severus wusste nicht, was sie besprochen hatten, aber er merkte sehr wohl, dass ihre Gespräche mit seinem Eintreten schlagartig verstummt waren.

Stumm und mit verschlossener Miene ging er zur Tafel und blieb an deren Stirnseite stehen.

Guten Morgen, Severus“, begrüßte ihn Voldemort freundlich und wies ihm huldvoll einen Platz neben Lucius Malfoy zu.

Severus nickte leise und setzte sich. Er würde auf der Hut sein. Übertriebene Freundlichkeit war bei Voldemort war immer ein Zeichen äußerster Gefahr.

Ich freue mich, dich zu sehen, mein Freund.“

Die letzten Tage hatte Severus darauf verzichtet, sich in seine Gesellschaft zu begeben und obwohl er Voldemort nicht bewusst aus dem Weg ging, suchte auch nicht gerade dessen Nähe.

An und für sich war es Voldemort auch egal, was er machte, doch in letzter Zeit bemerkte Severus mehr und mehr, dass er von ihm beobachtet, ja förmlich belauert wurde. Und auch jetzt hörte Severus wieder die schleichende Neugier aus Voldemorts sanften Worten heraus und spürte sehr deutlich, wie sich dessen Aufmerksamkeit ausschließlich ihm zugewandt hatte. Auch wenn Severus seinen Blick nicht erwiderte, fühlte er ihn. Voldemort ließ keinen winzigen Augenblick ungenutzt, um in seinen Gedanken zu lesen und war doch erfolglos bei dem Versuch, ihn zu erwischen. Boshafte Freude stieg in Severus auf. Es würde Voldemort heute nicht gelingen, in seinen Geist einzudringen. Er würde sich nicht verraten, er würde standhalten.

Die Freude ist ganz auf meiner Seite, mein Lord“, sagte Severus betont langsam und schenkte den anderen Gästen einen verächtlichen Blick.

Voldemort stützte die Ellbogen auf, legte die Fingerspitzen aneinander und sah ihn von oben herab an. Er mochte wohl den Ausdruck seiner Augen verstanden haben. Nur einen Moment noch ruhte sein Blick auf ihm, bevor er langsam über die Reihen seiner Getreuen schweifte und an Wurmschwanz hängen blieb. Als der den stechenden Blick seines Herrn auf sich ruhen spürte, senkte er tief den Nacken und nickte leicht.

Severus war diese unauffällige Geste nicht entgangen und er wusste genau, was sie zu bedeuten hatte. Pettygrew hatte ihn verraten, ohne ein Wort, nur durch diese beinahe unscheinbare Gebärde. Er war und blieb ein Verräter. Severus wusste in genau diesem Augenblick, dass er bitter würde büßen müssen und bereute einmal mehr, dass er Pettygrew das Leben nicht in dem Moment genommen hatte, als er ohne seine Erlaubnis in sein Quartier eingedrungen war.

Severus hob den Kopf und sah in Voldemorts Gesicht, über dessen Züge sich jetzt ein sachtes Lächeln legte. Es war nicht schön, es zeugte von tiefster Verachtung. Seine Augen richteten sich für einen kurzen Moment auf Narzissa und Bellatrix, die ihm gegenüber saßen und dann auf Severus.

Wie geht es dem Mädchen?“ Diese Frage klang beinahe nebensächlich, kein Gefühl, keine wirkliche Anteilnahme.

Sie ist wohlauf“, erwiderte Severus knapp. Er konnte nicht verhindern, dass sich leise Sorge in sein Herz schlich.

Ist sie das?“, Voldemort bohrt