Ergeben deiner Macht


von WatchersGoddess


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Kapitel 1 - 18 und Epilog



Spoiler: Keine. Die Story spielt in einem Alternate Univers fünf Jahre nachdem Hermine ihren Abschluss gemacht hat. Sie arbeitet im Kampf gegen Voldemort mit Severus zusammen und ist deswegen wieder ins Schloss gezogen.
Inhalt: Bei einem spontan durchgeführten Plan Voldemorts wurde Severus so schwer verletzt, dass er zwischen Leben und Tod schwebte. Hermine hat ihm mit einem schwarzmagischen Trank das Leben gerettet, doch dafür gibt es nun eine Verbindung zwischen ihnen, die vor allem Severus so gar nicht gefällt.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Hermine/Snape
Disclaimer: Nichts gehört mir, alles ist Eigentum von J.K.Rowling.
Kommentar: Ursprünglich war die Story als Erotik geplant, aber es hat sich herausgestellt, dass es viel mehr Spaß bringt, die beiden nicht übereinander herfallen zu lassen. :D
Grundlage der Story ist mein Drabble ‚Status Quo‘, das in leicht abgewandelter Form als Prolog dient.
Das Zitat, das Hermine im letzten Kapitel beendet, stammt von Charles Maurice de Talleyrand, einem der bekanntesten französischen Staatsmänner und Diplomaten während der Französischen Revolution, den Napoleonischen Kriegen und beim Wiener Kongress.
Warnings: Hurt/Comfort, NC-17



- - Ergeben deiner Macht - -


Siehst du mich?
Spürst du mich?
Wo lebst du, verstehst du?
Was suchst du?
Warum liebst du mich?

(Eisbrecher – Frage)


- Prolog -


Mit verschränkten Armen stand sie am Bett des zum Tode Verurteilten. Severus Snape... Seine Verletzungen waren schwer, nur ein wirklich mächtiger Trank konnte ihn retten.

Blut. Das ist die letzte Zutat. Blut eines Menschen, der ihn bedingungslos liebt.“ Diese Worte von Madam Pomfrey schienen sein Schicksal zu besiegeln.

Das war vor zwei Stunden. Seitdem stand sie hier.

Es gibt nichts, absolut nichts, was uns verbindet, Hermine!“ Diese Worte von Severus hätten sein Schicksal schon sehr viel eher besiegeln sollen. Die Worte und dass er ihr keine Chance gegeben hatte, darauf zu antworten. Dass sie ihn dennoch retten wollte, war ihre Absicherung dafür, dass sie wirklich die richtige Person war.

Mit ernstem Gesicht ging sie die paar Schritte zum leise brodelnden Kessel und wog den Dolch in der Hand. Ihre Blicke flogen zu dem blassen Gesicht des Mannes, der Glück und Leid gleichermaßen bedeutete. Bis vor zwei Tagen liebte er sie noch nicht.

Komm zurück, Severus! Komm her und sage mir noch einmal, dass uns nichts verbindet!“, zischte sie, während sie die Klinge über ihre Handfläche zog und Blut träge in den Trank tropfte.

Bis vor zwei Tagen liebte er sie noch nicht. Doch vielleicht konnte sie jetzt etwas daran ändern.

- Kapitel 1 -


Er hatte die Tür zu seiner Kerkerwohnung kaum hinter sich geschlossen, als es zweimal klopfte. Mit einem missmutigen Grunzen stellte er den Stärkungstrank, den Madam Pomfrey ihm in die Hand gedrückt hatte, nachdem er beschlossen hatte, dass zwei Tage Krankenflügel für einen Ausflug ins Jenseits und zurück reichten mussten, auf seinen Schreibtisch. Er drehte sich um und riss so brutal an dem schmiedeeisernen Türgriff, dass der Klopfer laut gegen sein metallenes Gegenstück schlug.

Was?“, fragte er äußerst gereizt, als er Hermine erblickte.

Ich wünsche dir auch einen schönen Tag.“ Und mit diesen Worten betrat sie so selbstgefällig seine Räume, dass die Tür wirklich laut wieder in ihrem Schloss landete.

Was willst du?“ Er hatte Kopfschmerzen, war müde und absolut schlecht gelaunt. Das waren nicht die besten Voraussetzungen für ein Gespräch mit Hermine Granger. Und ihre letzte Unterhaltung war ihm noch sehr gut im Gedächtnis. Das und die Tatsache, dass sie ihm gegen seinen Willen das Leben gerettet hatte. Mit schwarzer Magie! Am liebsten würde er seine Finger um ihren schmalen Hals legen und fest zudrücken.

Hermine drehte sich um, wobei ihre Haare halbwegs gebändigt um ihren Kopf schwangen, und sah ihn für seinen Geschmack viel zu gelassen an. „Ich wollte sehen, wie es dir geht.“

Severus schnaubte. Warum hatte er noch mal zugestimmt, dass sie sich duzten? Das gab ihr sogar das Recht dazu, ihm Fragen dieser Art zu stellen. „Es geht mir bestens!“ Dass er wütend war, konnte ihr eigentlich gar nicht entgehen.

Doch Hermine hatte schon immer ein Talent dafür gehabt, subtile Hinweise dieser Art zu überhören: „Freut mich zu hören.“

Mit nach wie vor schwachen Beinen ließ er sich hinter seinem Schreibtisch auf den Stuhl sinken und versuchte angestrengt, ihre Anwesenheit zu ignorieren. Er konnte ihr nicht einmal mehr Punkte abziehen, denn sie war keine Schülerin mehr. Sie wohnte nur wieder im Schloss, weil das praktischer war. Weil sie für den Orden zusammenarbeiten mussten und Albus auf die wunderbare Idee gekommen war, dass noch Zimmer nahe des Gryffindorturms frei waren. Sie hatte sich gleich auf unbestimmte Zeit einquartiert.

Das lag nun schon ein halbes Jahr zurück und Severus konnte dummerweise nicht leugnen, dass es alles andere als unangenehm war, mit Hermine zu arbeiten. Sie war ruhiger, wenn sie nicht in einem vollen Klassenraum saß. Es gab keine Konkurrenz, die sie überbieten musste. Sie stellte die richtigen Fragen und gab präzise Antworten auf seine.

Möglicherweise war dies der Grund gewesen, warum er das Duzen zugelassen hatte. Nach einem wirklich anstrengenden Tag. Und drei Gläsern Wein. Seitdem hatte er es bereits mehrmals bereut – allerdings nie darum gebeten, dass sie ihn wieder siezen sollte. Das kam einer Kapitulation gleich. Einer Kapitulation und dem Eingeständnis, dass er einen Fehler gemacht hatte. Das war schlichtweg indiskutabel. Er würde schon mit ihr fertig werden.

Während er überaus interessiert in seinen Papieren blätterte – die, die er bearbeitet hatte, als der Ruf ihn ereilt hatte – wanderte Hermine in alter Gelassenheit durch seine Räume. Sie war schon öfters hier gewesen, wenn sie recherchiert hatten. Es war nicht ungewöhnlich, dass sie sich dieses Verhalten angewöhnt hatte. Dennoch, die Vertrautheit mit seinen Räumen störte ihn.

Severus konnte sich nicht von dem Gedanken lösen, dass sie der Meinung war, ihn zu lieben. Allein bei der Vorstellung schauderte er, so absurd war sie. Er hatte keinen Zweifel, dass sie sich das Ganze nur einbildete. Es würde mit der Zeit vergehen, machte die Gegenwart allerdings sehr anstrengend. Er fühlte sich regelrecht bedroht von ihrer Anwesenheit, machte sich Sorgen, dass er sie möglicherweise zu falschen Vermutungen verleiten könnte. Das war ganz und gar nicht sein Ziel.

Dass der Trank mit ihrem Blut gewirkt hatte, ignorierte er dabei.

Nach einigen Minuten legte er schließlich die Feder beiseite (seine Hand zitterte so, dass er seine eigene Schrift nicht lesen konnte) und blickte zu ihr hinüber. Hermine wanderte an seinem ausladenden Bücherregal entlang und musterte die Titel, die er dort aufgereiht hatte. Wenn sie es noch ein paar Mal tat, dessen war er sich sicher, würde sie alle auswendig aufzählen können.

Hermine, was willst du hier?“, wiederholte er seine Frage weniger gereizt, dafür aber umso nachdrücklicher.

Sie drehte sich zu ihm um. „Ich warte darauf, dass du mir einen Tee anbietest.“

Er hob eine Augenbraue. „Und warum sollte ich das tun?“

Weil es höflich ist und weil du es immer getan hast.“

In ihrem Blick stand etwas Bittendes, das ihn irgendwie verlegen machte. War er als erwachsener Mann wirklich unfähig, die beinahe freundschaftliche Basis von früher aufrecht zu erhalten, nur weil sie ihm gestanden hatte, dass sie meinte ihn zu lieben? Er hatte ihr gesagt, dass er diese Gefühle nicht erwiderte und auch nicht plante, dies jemals zu tun. Wenn sie weiterhin zu ihm kam, war das ihr Problem.

Also stand er auf und ging in die Küche hinüber. Nun gab es nur noch eine Sache, wegen der er ihr den Hals umdrehen sollte: Dass sie ihm das Leben gerettet hatte.

Sah er aus wie jemand, dem man das Leben rettete?

Dieser Zwischenfall war die perfekte Gelegenheit für ihn gewesen, aus diesem ganzen Irrsinn rauszukommen! Er hatte sich nicht vor diesen Fluch geworfen, das nicht. Er wusste durchaus, dass er eine Pflicht zu erfüllen hatte. Aber es war ja nicht so, dass er etwas dagegen hätte tun können, wenn er doch erwischt wurde.

Und sie hatte es verbockt. Sie hatte ihn zurückgeholt in dieses Leben, das nichts als Pflichten zu bieten hatte.

Mit diesen äußerst kontraproduktiven Gedanken kehrte er ins Arbeitszimmer zurück und stellte das Tablett mit dem Tee etwas zu hart auf dem Tisch ab. Hermine erschrak und wirbelte zu ihm herum. Mit einem Buch in der Hand und großen Augen sah sie ihn an.

Der Tee“, knurrte er und deutete auf das Tablett.

Sie legte das Buch beiseite und kam zum Tisch hinüber. „Danke.“ Ohne ihn aus den Augen zu lassen, nahm sie sich eine Tasse und nippte daran. Dann schien sie wieder an Sicherheit zu gewinnen – vermutlich weil sie nach wie vor aufrecht stand – und reckte ihr Kinn ein Stück nach vorne. „Du siehst gereizt aus.“

Tue ich das?“ Sein Tonfall ließ deutlich werden, dass ‚gereizt‘ noch untertrieben war.

Oh ja. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass ich der Grund dafür bin.“ Und bei dieser Feststellung sah sie nicht im Mindesten verlegen aus.

Das muss die Musterschülerin in dir sein.“ Er griff ebenfalls nach seiner Tasse und schien Hermine damit so sehr zu erschrecken, dass sie zusammenzuckte und zwischen dem Sessel und dem Tisch stehend leicht ins Schwanken geriet. Um nicht zu fallen, fasste sie nach seiner Schulter und Severus‘ Blicke glitten entsetzt hoch in ihr Gesicht.

Einige Sekunden lang schien sie gefesselt von diesem Blick, dann zog sie ihre Hand zurück, als hätte sie sich an ihm verbrannt. „Tut mir leid“, murmelte sie.

Severus trat ein paar Schritte zurück und stellte sich mit möglichst großem Abstand auf die andere Seite des Tisches. Hermine sah sich resignierend um und setzte sich, allerdings auf der anderen Seite.

Was ist eigentlich los?“, fragte sie dann sehr müde.

Severus antwortete nicht, sondern starrte verbissen in seine Tasse.

Hör zu, wenn du mir nicht sagst, was dir so entsetzlich auf die Nerven geht, kann ich nichts daran ändern! Du bist doch immer so wortgewandt!“

Für einen Moment fragte er sich, was in der Vergangenheit falsch gelaufen war, dass sie sich jetzt traute, so mit ihm zu reden. Die fünf Jahre fernab von Hogwarts hatten ihr gar nicht gut getan. Zu viel Selbstbewusstsein, zu wenig Respekt vor den Älteren (bei sich hatte er das als Erwachsenwerden bezeichnet, aber das war auch zu einer vollkommen anderen Zeit gewesen). Dann stellte er klappernd die Tasse weg und tat zwei große Schritte zu ihrem Sessel. Hermine wich quietschend zurück und fand sich den Bruchteil einer Sekunde später gefangen, denn er stützte sich mit den Händen auf den Lehnen ab und kam ihrem Gesicht bedrohlich nahe. „Erstens nervt es mich, dass du es dir heraus nimmst, so mit mir zu reden“, sagte er in dem Ton, der schon im Klassenraum immer Schlimmes versprochen hatte.

Ich dachte, darüber wären wir hinaus“, wandte Hermine mit unsicherer Stimme ein.

Severus ignorierte sie: „Zweitens nervt es mich, dass du noch immer herkommst und so tust, als wäre nichts geschehen.“

Was soll ich sonst tun? Mich heulend verstecken, weil du mir eine Abfuhr erteilt hast?“

Es wäre ein Anfang“, erwiderte er zynisch.

Hermine lachte kurz auf und setzte sich dann grade hin, so dass ihre Gesichter sich noch ein bisschen näher kamen. Beinahe berührte sie seine große Nase mit ihrer eigenen, viel kleineren. „Dafür haben wir keine Zeit. Falls du es in deinem zweitägigen Urlaub vergessen haben solltest, wir befinden uns im Krieg und dummerweise liegt ein Großteil von Professor Dumbledores Hoffnungen auf uns. Ich würde liebend gerne einen großen Bogen um dich machen, aber es geht nicht.“

Severus sah sie argwöhnisch an und spürte ihren schnellen Atem auf seiner Haut. Ihr Blick war unbeugsam, sie war mutiger geworden. Früher hätte er sie mit Leichtigkeit einschüchtern können. Heute war dafür ein bisschen mehr nötig.

Warum hast du mir dann das Leben gerettet? Wenn du wirklich von mir weg willst, wäre das eine einmalige Chance für dich gewesen.“ Er verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein, blieb aber in seiner jetzigen Position, nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt.

Ihre Züge wurden bitter. „Du bist so unglaublich ignorant, Severus Snape!“ Wütend ballte sie ihre Hände zu Fäusten und begann auf seine Brust einzuschlagen. Überrascht richtete er sich auf und griff nach ihren Handgelenken, zog sie dabei ebenfalls auf die Füße. „Glaubst du wirklich, ich könnte damit leben, dich sterben zu lassen?“, schrie sie und einige Tränen liefen über ihre Wangen. „Ich hatte die Möglichkeit für deine Rettung, das Blut in meinen Adern. Das konnte ich nicht einfach ignorieren.“ Sie wehrte sich gegen seinen Griff, doch er ließ sie nicht los.

Weil du es noch immer nicht schaffst, über deinen Horizont hinaus zu denken!“ Auch seine Atmung beschleunigte sich nun. „Du verstehst es einfach nicht, dass es Entscheidungen gibt, die dich nicht das Geringste angehen. Du handelst nach Impulsen und lernst nicht aus den Konsequenzen!“

Mit einem starken Ruck befreite sie ihre Hände nun doch. „Heißt das, du hättest den Tod vorgezogen?“

Allerdings!“

Fein, nächstes Mal werde ich dich krepieren lassen!“

Ich bitte darum!“

Sie waren inzwischen dazu übergegangen, sich nur noch anzuschreien. Hermines Gesicht hatte hektische Flecken bekommen und ihre Stimme überschlug sich jedes Mal aufs Neue. Ihre Wangen waren feucht, ihre Haare lockten sich zunehmend und ihr ganzer Körper war ein einziges wütendes Zittern.

Wie konnte ich jemals glauben, dass du auch nur einen Funken Anstand in dir hast?“

Severus schnaubte. „Sag du es mir! Mir ist es auch vollkommen unbegreiflich, wie du auf die verdrehte Idee kommen konntest, mich zu lieben.“ Er warf seine Arme in einer ausladenden Geste in die Luft und ignorierte die Schmerzen, die dabei noch immer durch seinen Rücken fegten.

Hermine schüttelte derweil ihren Kopf und quetschte sich an ihm vorbei zur Tür. „Mal ganz abgesehen davon, dass die Wirkung des Trankes bewiesen hat, dass das keine Einbildung ist, wäre es eine Möglichkeit, wenn du mal auf den Innerstes hören würdest!“, spie sie ihm entgegen und hatte die Tür auf den Gang bereits ein Stück geöffnet, als er sie an der Schulter herum wirbelte und den Ausgang wieder verschloss.

Erneut nur ein kleines Stück von ihrem Gesicht entfernt, fragte er mit drohender Stimme: „Du sagst mir, was ich tun soll? Du?“

Sieht so aus.“ Ihre Augenbrauen zuckten kurz nach oben.

Und was sollte es mir bringen, wenn ich… auf mein Innerstes höre?“ Er wiederholte ihre Worte so sarkastisch, dass es wirkte, als würden sie wie zäher Bubotubler-Eiter auf den Boden tropfen. Severus rümpfte die Nase.

Dann senkte sie allerdings ihren Blick dorthin, wo er widerwillig seinen Herzschlag spürte. Allein das war ihm schon unangenehm. Dass sie aber auch noch ihre Hand hob und sie auf genau diese Stelle seiner Brust legte, war eindeutig zu viel. Aufgebracht wollte er sie von sich stoßen, doch Hermine hielt ihn mit ihrer freien Hand zurück und presste die anderen nun fest auf sein Hemd. Erstaunt musste Severus feststellen, dass er ihrem Tun nichts entgegenzusetzen hatte.

Sei still und spüre!“, bat sie ihn mit ruhiger Stimme. Dabei hielt sie seinem bohrenden Blick stand, erwiderte ihn sogar sehr eindringlich.

Severus hatte gar keine andere Wahl, als ihrer Bitte Folge zu leisten. Er hörte auf sich zu wehren und konzentrierte sich auf das, was von ihrer Berührung ausging. Ein Gefühl von Wärme und ein seichtes Prickeln. Es breitete sich in ihm aus und erinnerte ihn an etwas, das er vor langer Zeit einmal empfunden hatte: Zuneigung, Verlangen, Sympathie.

Doch das waren nicht seine Gefühle. Sie waren vor wenigen Minuten noch nicht dagewesen und hatten eine fremde Note an sich. Es brauchte nur den Blick in Hermines Augen, um zu verstehen, dass sie ihm einen Einblick in ihre Gefühlswelt gab.

Was soll das?“, fragte er und versuchte die Schwäche aus seiner Stimme zu verbannen. Die Nachwirkungen des letzten Kampfes rotierten in seinem Körper und schienen jede einzelne Zelle in Brand zu setzen. Hier ging sehr mächtige, schwarze Magie ans Werk. Sie war in ihm. „Warum tust du das?“

Hermine schüttelte den Kopf. „Ich tue es nicht freiwillig. Es liegt an dem Trank. Er hat eine Verbindung zwischen uns geschaffen.“

Es gibt nichts, absolut nichts, was uns verbindet, Hermine! – Oh geliebte Ironie!

Nein, das kann nicht sein.“ Seine Stimme war nicht mehr als ein Hauch und als sie ihn losließ, blieb er auf der Stelle stehen. Die Gefühle in ihm wurden schwächer, aber nun, da er sie bewusst empfunden hatte, spürte er, dass sie nach wie vor da waren.

Wenn du dich nicht die ganze Zeit über daran festgehalten hättest, dass du es hasst, noch am Leben zu sein, hättest du es schon eher bemerkt“, stellte sie nüchtern fest und wischte sich über das Gesicht. Ihre Finger zitterten unmerklich.

Spürst du auch, was ich…“

Erneut schüttelte sie den Kopf. „Es ist eine Einbahnstraße. Du bist mir so unverständlich wie immer.“ Sie lächelte traurig.

Severus verzog das Gesicht, war aber erleichtert über diese Tatsache.

Es tut mir leid, dass der Trank auch diese Wirkung hat. Ich wusste nichts davon. Aber ich habe gespürt, dass etwas anders war, von dem Moment an, wo der erste Tropfen in deinen Mund fiel. Wenn du nicht mehr mit mir zusammen arbeiten willst, musst du es sagen. Wir werden sicherlich einen Weg finden.“

Über ihre plötzlich vorherrschende Sachlichkeit hinweg fühlte er sich absolut unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Seine ganze Wut war verflogen, allein nur durch die Erkenntnis, dass sie sich nicht einbildete, was sie ihm gesagt hatte.

Ich sollte jetzt besser gehen.“ Mit diesen Worten wandte sie sich um, Severus trat einen Schritt zurück und beobachtete schweigend, wie Hermine auf den Gang schlüpfte und verschwand.


- Kapitel 2 -


Setz dich, Severus!“ Der Schulleiter deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und der Tränkemeister folgte dem Wink widerwillig.

Widerwillig vor allem, weil er in den letzten beiden Tagen kaum eine Chance gehabt hatte, sich wieder einem normalen Alltag zuzuwenden (aus verschiedenen Gründen, über die es müßig war sich aufzuregen). Sein Körper machte noch nicht das, was er sollte, und die Standleitung zu Hermine machte das Ganze eher schlimmer als besser.

Er fragte sich inzwischen ernsthaft, warum sie sich auf diese Gefühle eingelassen hatte. Als angenehm würde er sie nicht gerade bezeichnen.

Direktor?“, brachte er sich dann allerdings in die Gegenwart zurück und hob fragend die Augenbrauen.

Der alte Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches sah ihn mit einer Mischung aus Ernst und Erleichterung an, was an dem bohrenden Blick in Kombination mit dem Spielen mit der Süßigkeitenschüssel zu erkennen war. „Ich bin froh, dass der letzte Übergriff der Todesser so glücklich ausgegangen ist.“

Severus konnte sich nur schwer ein Schnauben verkneifen. Natürlich war er das. Mal abgesehen davon, dass irgendjemand dumm genug gewesen war, Hermine mit einem brodelnden Zaubertrank, zu vielen Informationen und einem Dolch auf der Krankenstation alleine gelassen hatte.

Aber ich frage mich, ob es wirklich richtig ist, dass du dich bereits jetzt wieder in die alte Routine begibst. Du solltest dir eine Pause gönnen, Severus.“

Macht der Lord eine Pause?“, fragte er eher rhetorisch und Albus senkte den Blick.

Natürlich nicht. Aber solange er sich still verhält und seine Wunden leckt, solltest du dies ausnutzen.“ Nun schob er die Schüssel mit den Bonbons zum Rand des Schreibtisches. Severus hob beinahe im selben Augenblick ablehnend die Hand. Ihm wurde schon ganz anders, wenn er nur an diesen Süßkram dachte.

Das werde ich, Albus. Ich habe einige Dinge zu erledigen, die ich auf die lange Bank habe schieben müssen. Außerdem ist es dringend notwendig, dass Hermine und ich uns dem Projekt zuwenden, ohne dass sie laufend zum Kampftraining und ich zu Treffen gerufen werde.“ Oh ja, er hatte beschlossen, nicht wegzulaufen. Es waren nur Gefühle, es sollte nicht so schwer sein, damit umzugehen.

Albus sagte auf diese Ausführungen hin lange Zeit nichts, sondern schien Severus mit seinen Blicken zu durchbohren. Der Tränkemeister hasste es, diese Musterung erdulden zu müssen. Doch auf eine andere Art würde er ihn nie davon überzeugen, dass er sich nicht übernahm. Auch wenn er dies möglicherweise tat.

Also gut. Ich überlasse es dir, was du in deiner Freizeit tust. Doch die nächsten zwei Wochen wirst du nicht unterrichten. Nach diesen zwei Wochen sehen wir weiter.“

Severus unterband jegliche Reaktion auf diese Suspendierung. Es wäre ein zufriedenes Grinsen gewesen und dieses hielt er für äußerst unangebracht. Doch tatsächlich beflügelte ihn die Vorstellung, in Ruhe im Labor arbeiten zu können, ohne wegen des Unterrichts unterbrechen zu müssen. Und Hermine würde er schon irgendwie ertragen.

Wie Sie meinen, Direktor.“ Er neigte einverstanden den Kopf.

Gut. Und ich werde Alastor bitten, Hermine vorerst vom Kampftraining zu entbinden. Vermutlich ist es wirklich angebracht, diese Ruhe für die Forschung zu nutzen.“

Ganz meine Rede.“ Severus verschränkte zufrieden die Hände im Schoß und hoffte, dass sie dieses Gespräch nun bald beenden konnten.

Wirst du ihr Bescheid sagen?“

Hier mühte er sich, das Gesicht nicht zu verziehen. Es behagte ihm nicht, in ihre Nähe zu kommen. Doch er hatte wohl keine andere Wahl, zumal er sie auch noch darüber in Kenntnis setzen musste, dass er nicht plante, die Zusammenarbeit zu beenden. Das konnten sie sich zu seinem Bedauern nicht leisten.

Das sollte kein Problem sein“, fügte er sich deswegen.

Gut. Dann wär’s das fürs Erste. Außer du hast noch Fragen?“ Albus sah ihn abwartend an.

Im Moment nicht.“ Der Tränkemeister stand auf und deutete ein schwaches Nicken an, das Albus erwiderte. Dann verließ er das bunte, surrende Büro.


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Seine Schritte führten ihn in beinahe alter Sicherheit und Entschlossenheit quer durch das Schloss bis hinunter in die Große Halle. Hier fand er – wie er es erwartet hatte – den Grund für seine derzeitige Existenz.

Der Unterricht war im vollen Gange und so hatte Hermine die großen Tische beinahe komplett für sich. Severus ging zielstrebig zu ihr hinüber, doch sie war so sehr in ihr Buch vertieft, dass sie seine Schritte erst bemerkte, als er bereits dicht hinter ihr stand.

Das wiederum erlaubte es ihm, einen genaueren Blick auf ihre Gefühlswelt zu erhaschen – nicht dass er dies jemals hatte tun wollen. Gefühle waren etwas, dem er sich vor langer Zeit entzogen hatte. Zu oft war er wegen diesem Firlefanz misslichen Situationen ausgesetzt gewesen. Nun hingegen bereute er es, dass er sich niemals damit auseinandergesetzt hatte, denn dann hätte er möglicherweise besser damit umgehen können.

Auf jeden Fall glaubte er etwas wie Sehnsucht als momentan dominante Regung zu spüren. Und darunter… Er runzelte die Stirn, als er versuchte, es zu identifizieren. Aber in diesem Moment drehte Hermine sich zu ihm um und als sie erkannte, wer vor ihr stand, war plötzlich alles weg.

Severus“, grüßte sie ihn reserviert und klappte das Buch zu, allerdings nicht, ohne vorher einen kleinen Pergamentschnipsel an die richtige Stelle zu legen.

Er hob seine Augenbrauen über die Tatsache, dass sie Okklumentik anwandte, um die Verbindung zu beherrschen, sagte aber nichts dazu. „Albus hat mich für zwei Wochen vom Unterricht beurlaubt, die wir dafür nutzen sollten, an dem Projekt weiter zu arbeiten. Er wird auch mit Moody Kontakt aufnehmen, um dich vom Kampftraining zu entbinden.“

Hermine schien ein wenig überrumpelt von seinen Worten und es war nicht zu übersehen, dass am Anfang ihres Verstehens die Erkenntnis darüber lag, dass er die gemeinsame Arbeit nicht aufgeben würde. „Okay“, antwortete sie irgendwann.

Komm morgen nach dem Frühstück ins Labor.“ Er fasste bereits seine Robe, um sich möglichst eindrucksvoll umdrehen zu können, als Hermine noch einmal Luft holte.

Ich bin froh…“, begann sie und hielt ihn so davon ab, davon zu rauschen, „Ich bin froh, dass die Zusammenarbeit nicht daran scheitert.“ Severus wurde das Gefühl nicht los, dass ihr Verstand sich aus freiem Willen ein Stück öffnete. Denn nun schlüpfte etwas in seinen Körper, das sein Herz schneller schlagen ließ und sogar ein Lächeln auf seine Lippen zerren wollte. Schrecklicher Zustand.

Wir sind zwei erwachsene Menschen. Wir sollten dazu in der Lage sein, trotz allem gute und vor allem notwendige Ergebnisse zu erzielen.“ Mit einem letzten Nicken ihrerseits wandte er sich endgültig ab und verließ die Große Halle.

Als er draußen in der Vorhalle war, gab Hermine jegliche Okklumentik auf – entweder vergaß sie, dass diese Verbindung immer bestand, oder sie tat es absichtlich. Jedenfalls stockte Severus über dieses plötzliche Empfinden so vieler Emotionen, ehe er seinen eigenen Geist davor verschloss und die Stufen zu den Kerkern hinabstieg.


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Am nächsten Morgen wirkte Hermine fremdartig distanziert und Severus konnte darüber nur erfreut sein. Sie redeten nicht viel, sondern machten sich bald an die Arbeit. Das Prinzip des Trankes war ihnen beiden hinreichend bekannt. Sie mussten nur noch einen Weg finden, die Mischung stabil herzustellen. Bisher war ihnen der fertige Trank immer nach spätestens zehn Minuten verdorben. Einmal war er ihnen sogar um die Ohren geflogen, als die dabei entstehenden Gase das Gefäß zu sehr unter Druck gesetzt hatten.

Doch neben dem Beobachten der Versuche fiel Severus an diesem Vormittag noch mehr auf. Hermines Gesichtsausdruck wurde immer verbissener und ihre Aufmerksamkeit immer oberflächlicher. Der Grund dafür war ihm durchaus bekannt.

Er hatte innerhalb der letzten Stunden nicht einmal den Ansatz von ihrem Gefühlsleben zu spüren bekommen. Sie übte sich in Okklumentik und er erinnerte sich noch gut daran, wie seine Anfänge ausgesehen hatten. Getrieben von dem Wunsch, niemals wieder irgendjemanden in seinen Geist zu lassen, hatte er sich tagelang verbissen darauf konzentriert, die Mauern aufrecht zu erhalten. Bis er irgendwann zusammengebrochen war.

Erst danach hatte Albus sich seiner angenommen und ihm mit einigen außerplanmäßigen Unterrichtsstunden gezeigt, wie man Okklumentik anwenden musste, wenn sie einen nicht zugrunde richten sollte (natürlich hatte er sich dazu erst bewegen lassen, als Severus ihm hinreichend klar gemacht hatte, dass er nicht von seinem Vorhaben abweichen würde).

Dennoch konnte er sich an diesem Vormittag und auch später nicht dazu durchringen, ihr dieses Angebot zu unterbreiten. Wenn ihre Mauern fielen, konnte er seine aufbauen. Ein gewisser Schutz war bei ihm ohnehin ständig vorhanden und es kostete ihn weder viel Zeit noch Anstrengung, dieses komplett aufzubauen.

Und zumindest das konnte er ihr anbieten. Denn als sie mit dem Messer abrutschte und die Alraune ziemlich unglücklich köpfte, ihrem Finger dafür allerdings entging, schloss sie seufzend die Augen und wischte sich mit zitternden Fingern über die schweißige Stirn. Es war nicht einmal warm im Labor.

Severus langte über den Tisch und nahm ihr das Messer aus der Hand. „Lass die Okklumentik sein“, sagte er dann schlichtweg, woraufhin sie ihn ausdruckslos ansah.

Das kann ich nicht.“

Doch, das kannst du. Deine Aufmerksamkeit taugt nicht viel, wenn du dich nebenbei auf diese Dinge konzentrierst. So kann ich mit dir nichts anfangen.“

Sie schnaubte bitter. „Und wenn ich mit der Okklumentik aufhöre, kann ich mit dir nichts anfangen“, gab sie den Ball zurück und stützte sich auf dem Tisch vor sich ab.

Ich weiß, wie ich Okklumentik anzuwenden habe. Also tu bitte, was ich dir sage, und konzentriere dich auf diesen Trank.“ Seine Blicke waren stechend und schließlich beugte sie sich seiner Anweisung.

Severus spürte nichts davon, denn er hatte seine Mauern errichtet. Doch Hermine musterte ihn scheel von der Seite und schien auf eine Reaktion zu warten. „Du solltest auf deine Alraune achten. Sie ist dabei, vom Tisch zu hüpfen.“ Er feixte, als sie sich hastig umblickte und die Wurzel gerade noch zu fassen bekam. Dadurch, dass ihr Köpfen so missglückt war, war das nervige Ding noch immer zu Bewegungen in der Lage.

Danke“, sagte sie leise und Severus nickte, ohne sie anzusehen.

Danach arbeiteten sie bis zum Mittagessen ohne weitere Gespräche und Zwischenfälle.


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Und dies taten sie auch in den darauf folgenden Tagen. Ihre Konversationen gingen nie über die Erkenntnisse der Experimente und die daraus folgenden Rückschlüsse hinaus und beide achteten sorgfältig darauf, sich nicht zu nahe zu kommen. Hermine ignorierte, dass Severus sie verstand, auch ohne dass sie ein Wort sagte. Und er hätte genau dies niemals freiwillig zugegeben. Aus einem Eingeständnis folgten Konsequenzen und besonders in diesem Fall war er nicht gewillt, diese zu tragen.

Also schwiegen sie.

Severus lernte die Verbindung zu Hermine jedoch aus einem sehr speziellen Grund zu schätzen: Es machte ihm Spaß zu beobachten, wie sie sich immer wieder an Okklumentik versuchte und bei der geringsten Ablenkung scheiterte. Die Freude darüber, schließlich doch noch Zeuge solch monumentaler Momente zu sein (Hermine Granger scheiterte an einer Aufgabe), rettete ihm gleich mehrere Tage.

Allerdings amüsierte es ihn nicht in dem Maß, wie es früher der Fall gewesen wäre, denn das, was er an Gedanken und Emotionen von ihr abbekam, war wenig angenehm. Generell war es genau das, was er unter Liebe verstand und deswegen hatte er sich auch seit seiner Jugend nicht mehr von solchen Dingen ablenken lassen. Nun wurde er unfreiwillig damit konfrontiert und stellte fest, dass sich seit früher nicht viel geändert hatte.

Obwohl er seinen Geist inzwischen selbständig verschloss, versuchte Hermine es immer wieder aufs Neue – zweifellos um Übung darin zu bekommen. Und das sorgte dafür, dass die gemeinsame Arbeit bisweilen sehr anstrengend wurde.

Severus bemühte sich wirklich, ein bisschen nachsichtiger als sonst zu sein. Doch am Freitagabend wurde es ihm dann zu viel. Sie schaffte es, einen sehr weit fortgeschrittenen Trank zu ruinieren, indem sie die falsche Zutat mehrere Sekunden zu früh hineinwarf. Das Gemisch schäumte wild, lief über den Rand des Kupferkessels und breitete eine weiße Lache auf dem Boden zu ihren Füßen aus.

Er holte tief Luft, hielt sie an und ließ sie dann langsam wieder entweichen. Hermine hatte schuldbewusst den Blick gesenkt und ließ den verhunzten Trank mit einem Zauber verschwinden – zumindest versuchte sie es. Stattdessen stiegen überall in dem Schaum dicke Blasen auf, die ihn beim Platzen noch mehr im Raum verteilten.

Tut mir leid“, murmelte sie hochrot im Gesicht.

In mein Büro, sofort!“, zischte Severus und deutete auf die Verbindungstür. „Du kannst recherchieren, während ich hier Ordnung schaffe.“

Sie nickte schlicht und steckte den Zauberstab weg. Dann stakste sie durch das Chaos und verschwand in seinem Büro.

Severus drehte mit geschlossenen Augen den Kopf, um seinen Nacken zu lockern. So konnte es nicht weitergehen. Irgendeinen Weg musste es aus diesem Schlamassel geben. Möglicherweise sollte er die Pause vom Lord dazu nutzen, mit diesem Problem fertig zu werden.

Nachdem er die Reste des Trankes beseitigt hatte, räumte er die Zutaten und den Kessel an ihre Plätze zurück. Er brauchte noch ein paar Minuten für sich, damit er ihr nicht gleich an die Gurgel ging. Es waren drei Stunden vielversprechender Arbeit, die sie zunichte gemacht hatte. Er würde den Trank morgen frisch ansetzen und hoffte, dass er wirklich daran gedacht hatte, jedes Detail zu notieren.

Einige Minuten später rauschte er in sein Büro und wischte sich nach wie vor gereizt durch die Haare. Er sah kurz zu Hermine hinüber, die entgegen seiner Worte nicht begonnen hatte zu recherchieren. Stattdessen stützte sie sich mit beiden Händen auf der Rückenlehne des Sessels ab, der vor seinem Kamin stand. Ihr Kopf war tief zwischen den Schultern gesenkt und die Erschöpfung sprach aus ihrer gesamten Erscheinung.

Ich habe deine Okklumentik-Übungen geduldet, solange sie unsere Arbeit nicht behindert haben. Aber wenn es in dieser Form ausartet, kann ich es nicht weiter verantworten. Hör‘ auf, deinen Geist mit Okklumentik zu verschließen!“

Das kann ich nicht“, nuschelte sie unverständlich zwischen ihren Armen hindurch.

Was sollte dich daran hindern?“ Seine Stimme war merklich schärfer geworden.

Du!“ Ihre Fingernägel gruben sich mit kratzenden Geräuschen in den Stoff des Sessels, ehe sie zu ihm herumwirbelte und ihn wütend ansah. „Meinst du, ich bin scharf darauf, dass du einen Dauereinblick in meine Gefühlswelt bekommst? Meinst du, ich will, dass du all das siehst, was ich sonst vor jedem geheim halte? Du bist derjenige, den ich am meisten aus meinen Gefühlen raushalten will, weil ich weiß, dass du nur darauf herumtrampeln wirst! Also sage mir nicht, dass ich aufhören soll, meinen Geist zu verschließen.“ Nach diesem Ausbruch sackte sie merklich in sich zusammen, fing sich aber, noch bevor Severus auf die Idee kommen konnte, sie zu stützen.

So wie du es anstellst, machst du dich kaputt. Und nützen tut es nicht das Geringste. Ich bekomme trotzdem alles mit.“

Hermine schnaubte. „Du bekommst noch nicht mal einen Bruchteil mit.“

Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Ich denke, ich bekomme eine ganze Menge mit. Du scheinst gerne zu vergessen, dass diese Verbindung auch besteht, wenn wir uns nicht im selben Raum aufhalten.“

Daraufhin verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Ich habe seit einer Woche meinen Geist nicht mehr vollkommen ungeschützt gelassen. Das, was du mitbekommst, sind Ansätze wenn ich abgelenkt werde oder kurz vorm Einschlafen bin. Nicht, dass ich in der letzten Zeit viel geschlafen hätte…“ Er beobachtete, wie die Farbe aus ihrem Gesicht wich und tat vorsichtshalber einen Schritt auf sie zu. „Du weißt überhaupt nicht, wovon du sprichst“, fügte sie schließlich noch leise hinzu und schloss die Augen.

Dann zeig es mir“, forderte er, fest davon überzeugt, dass sie es maßlos übertrieb. Oder dass sie einfach nicht wusste, wie löchrig ihre Abwehr wirklich war.

Ich denk ja nicht mal dran.“ Ihre Hand rutschte von der Lehne und sie ging ein ganzes Stück in die Knie. Severus fasste sie an den Oberarmen und brachte sie in eine stehende Position zurück, wobei er ihr sehr nahe kam.

Es ist deine Entscheidung. Dennoch befürchte ich, dass ich der einzige bin, der dir helfen kann. Zumindest wenn ich recht in der Annahme gehe, dass du Poppy oder Albus nicht unbedingt in unser kleines Problem einweihen möchtest.“

Sie ahnen ohnehin etwas. Irgendjemand muss den Trank ja vollendet haben“, wandte sie leise ein, schien sich aber nicht großartig daran zu stören, dass er sie festhielt.

Nun, wenn das so ist, dann geh‘ zu ihnen!“, erwiderte er bissig und ließ sie los.

Merlin bewahre…“

Severus verdrehte die Augen. „Entweder du lässt mich die Ausmaße unseres Problems sehen oder du wirst noch sehr lange deine Tränke verpatzen.“

Hermine hob ihren müden Blick und fixierte seine schwarzen Augen. Für lange Momente trugen sie ein bissiges Duell aus, das er wie gewohnt als Sieger verließ. „Also gut. Aber ich habe dich gewarnt.“

Er nickte mit überzeugtem Gesichtsausdruck.

Und die Mauern fielen.


- Kapitel 3 -


Die Wucht der fremden Gefühle traf Severus so hart, dass es ihm schwer fiel, stehen zu bleiben. Das, was ihn von Hermine erreichte, löste beinahe körperliche Schmerzen aus. Er griff sich im Affekt an den Kopf und baute seine Mauern so schnell wieder auf, dass von ihr ein ersticktes Keuchen zu hören war. Zweifellos wäre sie nach hinten gestolpert, wenn sie nicht schon am Sessel gelehnt hätte.

Einige Sekunden blieb es still, dann stieß sie sich mit einem leisen „Ich hab’s dir ja gesagt“ vom Sessel ab und wollte zur Tür gehen. Sie kam dort nicht an, denn bereits nach zwei Schritten begann sie zu taumeln und Severus musste rasch zugreifen, damit sie nicht zusammenbrach.

Lass die Okklumentik sein!“, beschwor er sie erneut und bugsierte sie zurück zum Sessel, nur dass er um das Möbelstück herum ging und sie hineinsetzte.

Hermine zog die Füße auf die Sitzfläche und vergrub das Gesicht hinter ihren Knien. Sie schüttelte zwar ihren Kopf, doch als er vorsichtig seinen Schutz abbaute, stellte er fest, dass ihr Geist vollkommen frei lag.

Nach und nach tastete er sich vorwärts und ließ es geschehen, dass ihre Gefühle ihn langsam zu erfüllen begannen. Severus schloss die Augen und schwamm eine Zeit lang in dem Chaos, ehe er sich zusammenriss und begann, systematisch zu analysieren.

Severus wusste von vorn herein, dass er bald an seine Grenzen gelangen würde. Er war kein Experte, wenn es um Gefühle ging, und einen Großteil dieses Durcheinanders konnte er nicht einmal mit Worten benennen. Doch so sehr es ihm auch missfiel, die prägnantesten kannte er: Sehnsucht, Verlangen und den tiefe Schmerz unerfüllter Liebe – letztes hatte er allerdings nur sehr vage in Erinnerung. Er war damals schlau genug gewesen, es zu beenden, bevor es richtig begonnen hatte.

Wie ein heißer, vernichtender Strom schienen die fremden Gefühle nun durch seinen Körper zu rauschen, was vor allem daran lag, dass sie fremd waren. Die schwarze Magie hatte schon immer einen Weg gefunden, sich für ihren Gebrauch zu rächen. Und ihm kam der absurde Gedanke, dass er es möglicherweise nicht besser verdient hatte.

Warum tust du nichts dagegen?“, fragte er schließlich ruhig. Er hatte sich mit verschränkten Armen gegen den Kamin gelehnt, der – da sie im Labor gearbeitet hatten – momentan kalt war und wie ein Tor zu einer düsteren, unbekannten Welt wirkte.

Hermine hob den Kopf und legte das Kinn auf die Knie. Zu seiner Überraschung waren ihre Wangen trocken. „Es ist zu spät“, begann sie heiser. „Ich habe wirklich versucht, es nicht zuzulassen. Lange Zeit habe ich dagegen angeredet und mir gesagt, dass es Selbstmord wäre, es weiter geschehen zu lassen. Ich habe es nicht darauf angelegt, mich in dich zu verlieben.“ In ihren braunen Augen stand ein tiefer Hass, genährt von sieben Jahren erbitterten Diskussionen im Zaubertrankunterricht, den er vor allem deshalb identifizierte, weil er seinen eigenen Herzschlag beschleunigte.

Das meine ich nicht“, besann er sich allerdings recht schnell wieder. „Es gibt Tränke für so etwas.“

Hermine schnaubte. „Sicher. Aber hast du schon mal versucht, schwarze Magie mit weißen Tränken zu kontrollieren?“ Sie streckte den rechten Arm aus und schob mit der anderen Hand den Ärmel hoch. Spuren von starken Verbrennungen waren zu erkennen und Severus wusste wirklich nicht zu sagen, ob diese jemals gänzlich verschwinden würden. Sie hatte einen Volltreffer gelandet, denn er hatte diese Kombination tatsächlich nie ausprobiert. Wann immer er es mit schwarzer Magie zu tun gehabt hatte, waren auch nur schwarze Tränke oder Zauber stark genug gewesen, diese zu neutralisieren oder zu kontrollieren. „Ich werde es nicht noch einmal versuchen.“

Hier senkte er den Blick. Sie war noch immer die beinahe unfehlbare Schülerin von früher. Sie hatte recherchiert, sie hatte versucht, etwas dagegen zu unternehmen. Gegen seinen Willen empfand er Respekt für sie. Dafür dass sie trotzdem noch immer hier war und nicht kapituliert hatte. Und je länger er über diesen Sachverhalt nachdachte, desto mehr wurde ihm bewusst, dass es nur eine Person gab, die es besser machen konnte.

Severus spürte den bitteren Geschmack von Enttäuschung, der nicht von ihm kam. Er fixierte Hermines Blick und konnte dort genau dieselbe Erkenntnis lesen, die er selbst eben gehabt hatte. Dennoch war sie nicht enttäuscht von ihm, dass er ihr seine Hilfe verweigerte, sondern von sich selbst. Dass sie nicht stark genug war, um aufzustehen und sein Büro zu verlassen – so vermutete er. Dieser Blick in ihr Innerstes erlaubte es ihm, sie auf eine neue Art zu verstehen. Und trotzdem blieben viele Vermutungen nur das: vage Vermutungen.

Dennoch, er hatte verstanden. Und er war anständig genug zu wissen, dass er nun eine gewisse Verantwortung für diese Lage trug. Es lag in seiner Macht, ihr zu helfen. Vermutlich nur in seiner. Trotzdem war es ein schmaler Grad, auf dem er sich bewegte.

Severus neigte den Kopf leicht zur Seite und versuchte sie aus einem Blickwinkel zu sehen, der ihm bisher fremd gewesen war. Ihr Gesicht war blass, aber unbekannt offen. Die müden Gesichtszüge erzählten von Schmerz und Angst, von Einsamkeit und Sehnsucht. An sich Dinge, die ihm sehr bekannt vorkamen. Allerdings auch Dinge, die er gelernt hatte hinzunehmen. Er könnte von ihr verlangen, es gleichermaßen zu lernen und wäre damit auf der sicheren Seite. Er müsste sich nicht Gefühlen unterjochen, die nicht seine eigenen waren, und konnte mit gutem Gewissen behaupten, dass er sie zu nichts ermuntert hatte.

Andererseits… sein Leben wollte er niemandem zumuten.

Deswegen löste er sich vom Kamin und stellte sich neben sie. Seine Hand fasste nach ihrer Schulter und drückte sie leicht. Ein seit langer Zeit zum ersten Mal wieder ehrliches Lächeln huschte über sein Gesicht, als er Hoffnung spürte. Die Büchse der Pandora hatte sich bis zum Boden geleert.

Hermine seufzte leise und lehnte ihre Wange gegen seine Hand. Severus war überrascht, wie gut sich dieser schlichte Kontakt ihrer Haut auf seiner anfühlte. Zögerlich streckten sich seine Finger ein bisschen weiter ihre Schulter hinab und ihre Haare kitzelten sein Handgelenk. Ohne dass er es bemerkte, schloss er selbst die Augen, berauscht von dem Gefühl von… ja, was war es eigentlich?

Es zitterte durch seinen Körper, machte ihn kribbelig und ruhig gleichzeitig. Es ließ ihn sich wünschen, seine Hand für immer dort zu lassen und den Kontakt nicht zu beenden. Es pulsierte und gleichzeitig strömte es. Es machte seine Haut wärmer und seine Sinne schärfer, fokussierte seine gesamte Aufmerksamkeit auf die Attribute dieses Augenblicks…

Irgendwann kam er zu dem Schluss, dass ‚Zufriedenheit‘ es wohl am besten beschrieb.

Was tust du?“, fragte Hermine leise.

Es besser machen.“


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Einige Zeit später saßen sie sich mit einer Tasse Tee in den Händen gegenüber. Hermine hatte ihre Finger fest um das Gefäß geschlungen und Severus glaubte zu sehen, wie sie die Wärme in sich aufsaugte.

Keine Okklumentik mehr“, sagte er entschlossen und das war nur das Fazit des Gesprächs und dem, was davor geschehen war.

Warum nicht?“

Weil du es nicht richtig kannst.“ Seine Augenbrauen zuckten nach oben, als wäre dies offensichtlich.

Hermine sah ihn mit spöttischem Blick an. Ihr ging es sichtlich besser, seitdem sie sich nicht mehr auf das Verschließen ihres Verstandes konzentrieren musste. Und, nun ja, möglicherweise hatte der Moment vorhin ebenfalls seinen Teil dazu beigetragen.

Du könntest es mir beibringen“, schlug sie schließlich vor.

Das könnte ich“, stimmte Severus zu. „Und dennoch würde es nur ein Symptom unterdrücken und nicht die Ursache beseitigen.“ Er nippte an der Teemischung, die er ihnen aufgebrüht hatte. Kräuter mit einem Hauch Orange.

Und wie gedenkst du die Ursache zu beseitigen?“

Er zuckte beiläufig mit der Schulter. „Das kommt auf die Situation an.“

Hermines Gesicht nahm einen ungläubigen Ausdruck an.

Keine Okklumentik“, wiederholte er eindringlich und hoffte, dass er einer Antwort auf den fragenden Blick ihrerseits so entgehen konnte.

Keine Okklumentik“, erklärte sie sich letztendlich einverstanden, starrte dabei aber hartnäckig in ihre Tasse.

Severus wusste genau, was das zu bedeuten hatte. Sie würde Okklumentik für den Notfall im Hinterkopf behalten – ebenso wie er selbst. Doch er stand zu seiner Entscheidung, dass es besser war, wenn sie nicht versuchten, die Verbindung zu blockieren. Er hatte den Verdacht, dass dies auch ein Punkt gewesen war, der zu ihrem Beinahe-Zusammenbruch geführt hatte. Sie spielten mit schwarzer Magie und dieses Spiel war eines mit dem Feuer. Einige Brandblasen hatten sie sich schon geholt, jetzt galt es zu beweisen, dass sie die Regeln verstanden hatten.

Meinst du, es gibt eine Möglichkeit, die Verbindung endgültig zu trennen?“

Er lehnte sich zurück und spürte, wie seine Muskeln sich etwas entspannten. Gespräche dieser Art waren es, die ihn wirklich Kraft kosteten. Zumal er jetzt aufpassen musste, dass er sie nicht verletzte. Es würde immerhin alles auf ihn zurückfallen und er war nicht der Typ für Selbstgeißelung. Nicht in dieser Form. „Ich denke nicht. Die Verbindung hat einen Sinn, sie entstand nicht ohne Grund auf diese Art.“

Das heißt, die Magie spielt mit uns?“

Und wir mit ihr“, nickte er.

Hermine schnaubte ungläubig.

Es ist der Preis, Hermine. Ich war dem Tod geweiht und du hast mich zurück auf die Seite des Lebens gezogen. Das bekommst du nicht ohne Bezahlung.“

Sie rümpfte die Nase, sagte aber nichts dazu. Stattdessen beobachtete sie neuerlich etwas in ihrer Tasse. „Es tut mir leid, dass ich dich in diese Sache reingezogen habe.“

Lass die ständigen Entschuldigungen sein. Das Thema hatten wir schon.“ Er hätte ihr gerne gesagt, dass es schon in Ordnung war, aber das war es nicht. Und er würde wegen ihr nicht das Lügen anfangen. Sie hatte einen Fehler gemacht und jemand anderes musste dafür geradestehen. Er kannte dieses Gefühl. Es hatte die Macht, einen Nächtelang wach zu halten.

Ja, ich weiß. Aber ich dachte, es wäre nicht verkehrt, es noch einmal zu erwähnen.“ Eine zarte Röte bedeckte ihre Wangen.

Nur wenn du mich reizen willst.“ Er hob mahnend eine Augenbraue.

Daran würde ich nie denken“, nuschelte sie und nahm einen weiteren Schluck des Tees. „Aber wenn du sagst, diese Verbindung hat einen Sinn“, begann sie schließlich von Neuem, „Möglicherweise wird sie wieder getrennt, wenn sie ihren Sinn erfüllt hat.“

Braune Augen musterten ihn auf diese bestimmte Art neugierig und gefesselt, wie er es früher im Unterricht immer gehasst hatte. Es fühlte sich ein bisschen so an, als wolle sie das Wissen, das von ihm ausging, in sich aufsaugen und verschließen. Hermine betrieb ihre ganz eigene Legilimentik und er konnte nicht behaupten, dass es ihm gefiel.

Nun allerdings nutzte er die neuen Aspekte ihres Beisammenseins und riskierte einen Blick auf das, was in ihr vorging. Sie war aufgeregt und definitiv gefesselt. Allerdings stand hinter diesen beiden Empfindungen ein innerer Drang, den er nur einem Bestreben zuordnen konnte: Antworten erhalten. Wissen aufbauen.

Severus schmunzelte. „Ja, möglicherweise ist das so.“

Hermine runzelte die Stirn. „Was amüsiert dich so?“

Du.“ Er stellte die Tasse beiseite, während ihr Mund sich empört ein Stück öffnete. Doch sie war beherrscht genug geworden, um abzuwarten, was er noch zu sagen hatte. Also faltete er die Hände über dem Bauch und lehnte sich im Sessel zurück. „Dein unbezwingbarer Drang, alles wissen zu müssen. Und die Begeisterung, die du verspürst, wenn du nur ein Detail erfährst. Ich möchte ehrlich gesagt nicht in der Nähe sein, wenn du etwas wirklich Großes herausfindest.“ Er verzog das Gesicht.

Hermine hingegen ließ die angehaltene Luft in einem Stoß entweichen. „Keine Okklumentik…“, seufzte sie. „Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?“

Severus antwortete nicht darauf, sondern stand auf und ging zu dem Schrank mit den Trankvorräten, die er in seinem Büro lagerte. Zumindest die, die bei Zimmertemperatur und leicht darunter haltbar waren. Alle anderen waren in einer Nische in der Kerkerwand aufgereiht.

Eine Welle heißen Adrenalins zischte durch seine Adern, während er die Gefäße durchsah. Und das war keine Reaktion seines Körpers gewesen. Zielsicher zog er schließlich eine kleine, dunkelblaue Phiole hervor und kehrte zu Hermine zurück.

Trink das, bevor du schlafen gehst“, wies er sie an und sein Herzschlag – ihr Herzschlag – beruhigte sich.

Was ist das?“ Sie runzelte die Stirn, während sie ihre Teetasse beiseite stellte und ihm die Phiole aus der Hand nahm. Flüchtig berührten sich dabei ihre Finger und Severus spürte eine neuerliche Reaktion darauf, die er sich vor langen Jahren abgewöhnt hatte. Es war irritierend und ärgerlich zugleich, sich nun wieder damit auseinandersetzen zu müssen.

Finde es heraus!“, forderte er Hermine als kleine Rache auf. Sie würde noch lernen, weniger intensiv zu reagieren, wenn diese Verbindung länger anhielt.

Nun allerdings entkorkte sie erstmal das Fläschchen und roch daran. Sie rümpfte die Nase, kaum dass die ersten Schwaden ihre Sinneszellen erreicht hatten. Und nur wenig später war auch die Flasche wieder fest verkorkt. „Das riecht ja bestialisch.“

Severus lächelte sehr fein. „Versuch es erneut, länger dieses Mal.“ Er erinnerte sich noch daran, wie sein Lehrmeister ihn an diesen Trank heran geführt hatte. Er hatte sich mehrmaligen Aufforderungen stur widersetzt und dabei war er normalerweise nicht so empfindlich, wenn es um schlechte Gerüche ging.

Auch Hermine musterte ihn skeptisch, schien dann aber zu verstehen, dass dieses Spiel nur seinen Regeln folgte. Widerwillig öffnete sie die Phiole ein weiteres Mal und roch daran. Ihre Nase kräuselte sich in einem Maße, wie er es noch nie bei ihr beobachtet hatte. Mehrere Atemzüge lang blieb das so, während sie sich sichtlich zurückhalten musste, die Mischung nicht ganz weit weg zu stellen. Dann trat die Veränderung ein.

Bei ihm war es damals Apfel gewesen. Zart und leicht säuerlich, aber nicht zu stark, um unangenehm zu werden. Er brannte darauf zu erfahren, was Hermine roch. „Und?“, hakte er deswegen nach.

Blumenduft.“

Blumen sind ein weites Feld.“ Er hob eine Augenbraue.

Als Antwort roch Hermine noch einmal daran. „Ich kenne den Geruch, aber…“ Sie schüttelte angedeutet den Kopf und nahm einen weiteren Atemzug. Ihre Miene hellte sich auf. „Magnolien.“ Dabei flog ihr Blick zu ihm und ein Strahlen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

Severus lächelte. „Magnolien“, wiederholte er dann, als hätte er es die ganze Zeit gewusst.

Aber das bringt mich nicht einen Schritt weiter, was den Zweck des Trankes betrifft.“

Und ob es das tut. Woher kennst du Magnoliengeruch?“

Rote Flecken tauchten auf Hermines Wangen auf und sie biss sich auf die Unterlippe. „Meine Oma hat sie mir gezeigt, als wir im botanischen Garten waren. Da war ich zehn.“

Und es war ein schöner Tag?“

Ja, ein sehr schöner. Sie war so glücklich, mir die Blumen erklären zu können. Kurz darauf ist sie gestorben.“ Mit einem zarten Lächeln drehte sie die Flasche in den Händen.

Severus hingegen musste sich zusammenreißen, um sich nicht in den fremden Gefühlen zu verlieren. Zu seiner Überraschung dachte Hermine nicht in Trauer an ihre Großmutter, sondern voll Wärme und Geborgenheit – etwas, das er seit langem nicht mehr verspürt hatte. Angestrengt bekämpfte er den Wunsch, sich niemals mehr davon zu lösen: „Nun, wenn du jetzt noch darauf achtest, was diese Erinnerung in dir auslöst, bist du dem Zweck des Trankes schon sehr viel näher.“

Er löst… Wohlbefinden aus.“ Sie hatte schon vor einiger Zeit aufgehört, ihre Antworten als Fragen zu formulieren.

Severus neigte zustimmend den Kopf. „Wenn du ihn vor dem Schlafengehen nimmst, wirst du eine sehr angenehme Nacht haben.“ Diese genau Erklärung bereute er beinahe, als eine große Welle aus Sympathie durch seinen Körper schwappte. Er verzog seinen Mund auf sehr schmerzliche Art. „Nichts zu danken“, knurrte er, noch ehe Hermine etwas sagen konnte.

Sie lief rot an. „Ich sollte dann wohl mal gehen.“ Ihr Blick schweifte kurz zur magischen Uhr, die an seiner Wand hing und deren Zeiger sich zunehmend der Elf näherte.

Das solltest du wohl.“ Er stand mit ihr auf und ging zur Tür, um sie zu öffnen.

Hermine glitt vorsichtig an ihm vorbei, blieb aber in der Tür noch einmal stehen. Ihre Hände hielten die Phiole fest umschlungen, während sie ihn unverhohlen ansah. Der Blick brannte sich prickelnd und irgendwie bedeutsam in Severus‘ Verstand. Er wurde regelrecht unruhig darunter und verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein. „Ich werde morgen früh wiederkommen, damit wir weiter arbeiten können“, sagte sie schließlich und beendete den seltsamen Moment.

Severus nickte lediglich. „Bis morgen.“ Was nicht so bissig klang, wie es eigentlich sollte.

Hermine lächelte und verschwand im Dunkeln des Kerkerganges.


- Kapitel 4 -


Seine Hand zitterte. So sehr, dass er kaum ein Wort zustande brachte – zumindest wenn er in drei Wochen noch in der Lage sein wollte, es zu entziffern. Selbst die Kerze, die seinen Arbeitsplatz erhellte, war ruhiger als seine Hand und dabei zog es empfindlich in seinem Büro.

Mit verbissener Miene klammerte er die Finger um seine Feder und führte die Spitze auf das Pergament zu. Seine Stirn bekam immer tiefere Runzeln und gerade als er glaubte, er hätte es endlich überwunden, breitete sich ein großer Tintenfleck auf seinen Aufzeichnungen aus und das Zittern begann von Neuem. Gereizt warf er das Schreibgerät beiseite.

So ging das nun schon seit beinahe drei Stunden. Was zum Teufel stellte Hermine an, dass er nicht einmal seine Hand still halten konnte? Was war es, das mitten in der Nacht derartige Wellen von Adrenalin durch ihren und damit auch durch seinen Körper sandte? Wollte er es überhaupt wissen?

Mit dem nächsten Schweißausbruch war es ihm dann allerdings egal, bei was genau er sie finden würde. Er schob den Stuhl ungestüm zurück, ignorierte das Knarzen auf dem Dielenboden und ging mit gerade noch als gefasst zu bezeichnenden Schritten zur Tür.

Albus hatte sie in ein Zimmer nahe dem Gryffindorturm einquartiert. Es war nicht an die Fette Dame gebunden und so musste er sich nicht mit lästigen Passwörtern herumschlagen. Peeves verschwand aus dem Gang, den er gerade zu verlassen gedacht hatte, als er Severus erblickte, die Portraits verstummten in ihren mitternächtlichen Unterhaltungen und Mrs. Norris maunzte kläglich, als er ihr einen stechenden Blick zuwarf.

Fünf Minuten später stand er vor der unscheinbaren Tür, die niemandem auffallen würde, der nicht wusste, dass sie dort war. Sein Klopfen war energisch und so laut, dass vermutlich selbst Professor Binns hochkant im Bett geschwebt hätte.

Dennoch schaffte Hermine es, ihn zu überraschen. Nämlich mit der Geschwindigkeit, mit der sie die Tür öffnete. Zu seiner Erleichterung war sie in Schlafanzug und Morgenmantel gehüllt und offenbar alleine.

Severus, was willst du hier um diese Zeit?“

Er schnaubte, antwortete jedoch nicht. Sie sah müde aus, was nicht verwunderlich war. Er war sich ziemlich sicher, dass sie in dieser Nacht noch nicht lange geschlafen hatte. Nun allerdings horchte er auf das, was ungesprochen von ihr kam – und stellte zufrieden fest, dass er Recht gehabt hatte. Er nickte kurz. „Mitkommen!“

Hermine bekam große Augen. „Warum?“

Nicht fragen, mitkommen!“, wiederholte er in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ.

Sie versuchte es dennoch, allerdings mit Blicken. Einige Sekunden lang verhärtete sich ihr Gesicht und sie schien wild entschlossen, ihm nicht zu folgen. Dann kapitulierte sie und Severus verkniff sich die Bemerkung, dass sie das gleiche Ergebnis in sehr viel kürzerer Zeit hätte haben können.

Darf ich mich wenigstens anziehen?“

Nicht nötig.“

Dagegen versuchte sie gar nicht erst anzureden. Seufzend löschte sie das Licht in ihrem Zimmer, zog sich festere Schuhe an, was in Kombination mit dem flauschigen Pyjama und ihrem Morgenmantel sehr merkwürdig aussah, und trat zu ihm auf den Gang. „Und jetzt?“

Du solltest besser aufpassen, Hermine. Du sollst einfach mitkommen.“

Sie gab ein leises Murren von sich, aus dem er „mitten in der Nacht“ und „zum Aufpassen nicht fähig“ heraus zu hören glaubte. In der Dunkelheit der Schule ging sein angedeutetes Grinsen unter.

Kurze Zeit später kamen sie wieder in seinem Büro an und noch ehe Hermine den Raum betrat, verwandelte Severus seine Couch in ein Bett. Er rümpfte die Nase über die Notwendigkeit, sich des albernen Zauberstabgefuchtels bedienen zu müssen, hatte aber seine alte Fassung bereits wiedererlangt, als er Hermines Überraschung spürte.

Hinlegen und schlafen!“, gab er dann einen weiteren Befehl, schloss die Tür hinter ihr und ließ sich wieder hinter seinen Schreibtisch sinken.

Hermine stand sprachlos und recht verloren mitten im Zimmer. „Ähm… Was genau soll das Ganze?“, fragte sie nach ein paar Augenblicken und sah ihn verwirrt an.

Severus stöhnte, da er selbst jetzt noch nicht in Ruhe arbeiten konnte. Doch er sah eine minimale Chance, wenn er ihr nur geduldig die Fragen beantwortete. Deswegen sagte er sehr theatralisch: „Ich habe geplant, heute Nacht zu arbeiten. Was ich nicht konnte, weil meine Hände wegen was auch immer von dir zu mir gelangt unablässig zitterten. Da es aber aus mir unerfindlichen Gründen besser wurde, als ich in deiner Nähe war, wirst du heute Nacht hier schlafen.“

Sie blinzelte einige Male. „Angst“, murmelte sie dann.

Bitte?“

Das ist es, was deine Hände zittern lässt. Angst.“

Er hob eine Augenbraue. „Von mir aus. Da sich das Problem ja nun erledigt hat, können wir beide dem nachgehen, was wir für diese Nacht geplant haben. Und nebenbei werde ich an meinen Methoden arbeiten.“

Ihr anfänglich bitterer Ausdruck verwandelte sich erneut in einen fragenden. „Methoden?“

Wenn deine Angst in meiner Gegenwart weniger wird, mache ich etwas falsch. Das ist indiskutabel.“

Nun lächelte sie und er konnte nicht von der Hand weisen, dass es sich gut anfühlte, dies zu sehen. Es war ein Lichtblick in dem Chaos, das er gezwungenermaßen mit ihr teilte. „Ich denke, deine Methoden sind so effizient wie immer. Ich bin bloß anders als die anderen.“

Er sah sie nachdenklich an. „Das bist du.“

Schließlich wandte sie sich dem Bett zu und er beobachtete, wie sie ihren Morgenmantel und die Schuhe auszog und unter die Decke krabbelte. Ein tiefer Atemzug folgte, den Severus dazu nutzte, sich aus seinen Gedanken zu reißen und den Unterlagen vor ihm zuzuwenden.


---


Am frühen Morgen saß Severus noch immer an seinem Schreibtisch, hatte allerdings zwischenzeitlich gedankenverloren beobachtet, wie die Sonne aufging. Die kleinen Fenster, die nur knapp über der Erdoberfläche lagen, gingen nach Osten raus und so wurde sein Büro jeden Morgen von warmem Licht geflutet, das sich träge über den Boden und die Möbel zog, Staubkörner tanzen ließ und dem ansonsten eher dunklen Raum einen beinahe freundlichen Aspekt verlieh.

Als das Licht bei seinem Schreibtisch angelangt war, wandte er sich wieder den Unterlagen zu und wandelte die flüchtigen Notizen früherer Experimente in brauchbare Berichte um. Albus hatte ihm nahegelegt, die Ruhe nach dem Fiasko des Lords zu nutzen, und genau das würde er tun.

Arbeitest du immer noch oder schon wieder?“, erklang noch einmal eine Stunde später eine schläfrige Stimme von dem improvisierten Bett und Severus hob den Blick.

Noch immer“, antwortete er und klang dabei so normal, als hätte er acht Stunden durchgeschlafen. Er nutzte öfters mal eine Nacht zum Arbeiten anstatt zum Schlafen. Die Ruhe und Ungestörtheit war zu kostbar, um sie zu verschwenden. Dementsprechend war er daran gewöhnt, hin und wieder zwei Tage lang gar keinen Schlaf zu bekommen. Es war eine Gewohnheit, die sich definitiv lohnte. Die durchwachten Nächte ließen einen die Welt aus einem anderen Blickwinkel sehen.

Hermine hingegen schnaubte auf seine Antwort hin ungläubig und verbarg ein Gähnen hinter der Hand. „Unfasslich“, murmelte sie und schloss noch einmal die Augen.

Severus spürte sich lächeln und tunkte die Feder in das Tintenfass, um eine weitere Notiz zu machen. Nun allerdings, wo er wusste, dass Hermine nicht mehr schlief, fiel es ihm schwer, sich darauf zu konzentrieren. Er kam sich regelrecht beobachtet vor.

Deswegen legte er irgendwann die Feder beiseite und lehnte sich zurück. „Was hat dir letzte Nacht solche Angst gemacht?“

Hermine erstarrte, drehte sich dann auf die Seite und schob die Hände unter das Kissen. Es war nicht zu übersehen, dass sie sich äußerst wohl fühlte in diesem Bett. „Der Krieg“, antwortete sie nach langem Schweigen.

Severus versuchte die Einzelheiten zusammen zu bekommen, die in den letzten Jahren geschehen waren. Worin war sie verwickelt gewesen? Was hatte sie erlebt? Diese Fragen hatte er sich noch nie gestellt. Hätte es vermutlich unter normalen Umständen auch nie getan, denn das Schema konnte man auf jeden übertragen, den er kannte. Das wäre zu viel des Guten.

Hermine, die seinen blanken Gesichtsausdruck anscheinend inzwischen richtig interpretieren gelernt hatte, setzte sich nun auf, raffte aber die Decke bis dicht unter ihr Kinn. Es war morgens meistens kalt hier unten. „Ich sah, wie Remus Lupin starb. Ich… war bei ihm und konnte ihm nicht helfen. Er verblutete vor meinen Augen.“

Severus spürte eine übermächtige Welle von Hilflosigkeit um seinen Verstand spülen. Er drohte, darin verloren zu gehen, und schaffte es nur mit sehr viel Willenskraft, nicht die Beherrschung zu verlieren. Deswegen überraschte es ihn auch nicht, dass Hermine sich verstohlen über die feuchten Augen wischte.

Es gibt Nächte, in denen bin ich wieder dort draußen. Es tut mir leid, dass ich dich damit von der Arbeit abgehalten habe.“

Severus schüttelte angedeutet den Kopf. „Es ist nicht deine Schuld, dass Lupin starb“, sagte er zu seiner eigenen Überraschung. Hermine legte den Kopf schief und sah ihn auf eine Art an, die deutlich machte, dass sie ihm zu gerne glauben wollte.

Ich beherrsche Heilzauber, Severus. Ich war nur zu panisch, um sie richtig anzuwenden. Ich hätte ihm helfen können, wenn…“ Sie schluckte angestrengt.

Es lag nicht an deiner Konzentration. Es lag daran, dass Lupin ein Werwolf war.“

Diese Tatsache, die so vollkommen außerhalb ihres Einflussbereiches lag, brachte sie ein Stück weit in die Realität zurück. Er konnte auch dies spüren; es war wie ein kräftiger Sog und Severus wartete quasi darauf, dass es laut ploppte.

Was meinst du?“

Er lehnte sich wieder nach vorne und stützte sich mit den Armen auf seinem Schreibtisch ab. „Werwölfe reagieren anders auf Magie, auch wenn sie ihre menschliche Gestalt haben. Für gewöhnlich haben sie so starke Selbstheilungskräfte, dass sie keine Zauber brauchen. Da er dennoch starb, waren seine Verletzungen zu schwerwiegend.“

Nachdem er geendet hatte, lief eine Träne über Hermines Wange. Nur eine. Und dieses Bild zusammen mit der Gewissheit, dass sich dabei keinerlei Emotionen in ihr regten, traf ihn so unvermittelt, dass er den Blick abwandte und seine Papiere sortierte.

Was hältst du von Frühstück?“, fragte er, ehe sie etwas sagen konnte.

Sie schniefte leise und nickte. „Wenn ich vorher duschen darf.“

Sicher. Das Bad geht vom Wohnzimmer ab, die rechte Tür.“ Sein Kopf ruckte in Richtung der Schatten hinter ihm, in denen die Tür zu seinen privaten Räumen lag.

Hermine schälte sich aus der Decke und schlüpfte wieder in ihren Morgenmantel. „Funktioniert der Accio hier?“

Unter normalen Umständen nicht, aber ich werde die Banne modifizieren. Wenn du fertig geduscht hast, wird es funktionieren.“

Mit einem dankbaren Lächeln verschwand sie im Wohnzimmer und Severus wartete, bis er die Badezimmertür hörte. Dann schloss er die Augen, sackte ein wenig in sich zusammen und fuhr sich mit den flachen Händen über das Gesicht. Diese ganze Angelegenheit begann mehr an ihm zu nagen, als er bereit war zuzugeben.


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Drei Tage später erwachte Severus mit einer so präsent empfundenen Erregung, wie er sie seit seinem siebzehnten Lebensjahr nicht mehr verspürt hatte – inklusive des Zelts in seiner Bettdecke.

Frustriert stöhnend ließ er sich noch einmal in die Kissen zurücksinken und versuchte herauszufinden, ob diese äußerst bedenkliche Situation seinen eigenen oder doch eher Hermines Gelüsten entsprang. Als seine Brustwarzen zu kribbeln begannen, wusste er, dass es nicht auf seinem Mist gewachsen war.

Einige Verwünschungen murmelnd, schlug er die Decke zur Seite und richtete sich darauf ein, einen langen Tag hinter sich zu bringen.


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Eine Stunde später fand er sich im Labor ein, trug zu seinem Leidwesen einen weiten und sehr unpraktischen Umhang und reagierte nicht auf Hermines betretenen Gesichtsausdruck. Er zog es ebenso vor, sie nicht zu begrüßen, sondern sah sie lediglich auffordernd an. Sie wusste – genauso wie er – was zu tun war. Und heute stand auf dieser Liste ganz weit oben ‚Abstand halten‘.

Was sich als schwieriger erwies, als er ursprünglich angenommen hatte. Wo Molchsaugen und Tentakeln von Tintenfischen bei ihm immer jegliche Lust im Keim erstickt hatten, schienen sie bei Hermine eher eine anregende Wirkung zu haben. Oder sie schaffte es nicht so erfolgreich wie er, Hitze, Dunst und vor allem das wegen der Molchsaugen gedämpfte Licht zu ignorieren. Schweiß rann ihm die Schläfen hinab und es verlockte ihn sehr, diesen furchtbaren Umhang abzulegen. Doch um nichts in der Welt würde er ihr eingestehen, dass er nicht so kalt war, wie er hoffentlich wirkte.

Denn alle innere Kälte hatte keinen Sinn, wenn sie ihn mit einem Feuer versorgte, dessen Flamme unermüdlich zu flackern schien. Seine Konzentration sank gen Null – zumindest was den Trank betraf. Das war ihm seit Jahren nicht mehr passiert.

Womit hatte er das nur verdient?

Hermine hingegen sah ihn nicht ein einziges Mal an. Jedes Mal, wenn er sich ihr aus welchen Gründen auch immer zuwenden musste, wandte sie sich in eine andere Richtung und bewies bisweilen großes Interesse an den Brandflecken auf dem Boden.

Erst gegen Mittag geschah es, dass sie falsch reagierte und sich plötzlich sehr dicht vor ihm wiederfand. Ein heißes Prickeln raste Severus‘ Wirbelsäule hinab und löste ein synchrones Seufzen aus.

Hermine“, sagte er allerdings mit festem Ton, nachdem er entsetzt die Augen aufgerissen hatte.

Es ist nicht meine Schuld!“, quietschte sie, als ob sie den ganzen Vormittag darauf gewartet hätte, dass er sie ansprach.

Nun, angesichts der Tatsache, dass ich für gewöhnlich nicht seufze, egal wer vor mir steht, würde ich schon sagen, dass es deine Schuld ist.“ Er stützte eine Hand auf dem Tisch neben sich ab und bei Merlin, die Kälte des Holzes war schlichtweg atemberaubend!

Es liegt an meinem Zyklus!“, wand sie sich aus seinen Anschuldigungen, mit so großen Augen und so peinlich berührter Unschuldsmiene, dass er ihr beinahe glaubte. Hastig drehte sie sich weg und begann, die Molchsaugen zu zerstampfen. Dabei konzentrierte sie fest ihre Blicke auf den gräulichen Schleim, der dabei entstand, und schien es für das Faszinierendste zu halten, das diese Welt jemals gesehen hatte.

Severus fuhr sich frustriert mit einer Hand durch die Haare…

was erneut einen schwindelerregenden Taumel in ihm auslöste.

Hermine!“, fuhr er sie ungehalten an.

Es tut mir leid!“ Abrupt stieß sie den Behälter mit den Augen von sich und schirmte ihr Gesicht ab. „Ich kann wirklich nichts dafür! Es ist sonst nie so… so…“ Sie gestikulierte mit den Händen durch die Luft, Severus hob eine Augenbraue und verzog das Gesicht, als auch dies offenbar erregend auf sie wirkte. „Hör auf, mich so anzugucken!“ Aufgebracht fuchtelte sie mit dem Finger vor ihm in der Luft herum.

Wie soll ich denn dann gucken?“

Was weiß denn ich? Nicht so!“

Fein.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und stellte sich so vor den Tisch, dass sein Unterleib dahinter verborgen war. Dabei setzte er einen möglichst neutralen Gesichtsausdruck auf, fixierte ihre braunen Augen allerdings fest.

Ein zartes Summen setzte an, das sich von seiner Körpermitte nach hinten wand, die Wirbelsäule erfasste und sich Wirbel für Wirbel nach oben arbeitete. Bei den Brustwirbeln angelangt, glitt dieses fremdartige Gefühl an seinen Rippen nach vorne zurück und brachte seinen Herzschlag aus dem Rhythmus. Von dort aus schien es in die Blutbahn zu gelangen und Severus meinte zu spüren, wie es erst seine Lungen erreichte, die Atmung erschwerte, von dort aus zurück zum Herzen glitt und mit unbändiger Macht in seinem restlichen Körper verteilt wurde.

Bei Merlin…“, brachte er atemlos hervor und blinzelte mehrmals.

Oh ja…“, erwiderte Hermine.

Das wiederum brachte ihn in die Realität zurück. Erneut raufte er sich die Haare, gab ein Knurren von sich, als er Hermines Reaktion darauf bemerkte und versuchte sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Dieses Spiel war absolut nicht fair! Er hatte keine Chance, dem irgendetwas entgegenzusetzen. Und die Hormone einer 23-jährigen Frau waren dazu in der Lage, ihm den letzten Nerv zu rauben.

Du…“, sagte er drohend und deutete mit einem zitternden Finger auf Hermine.

Ja…“

Ich…“, erwiderte er und ballte die Hand zu einer Faust.

Jaah?“

Wir…“ Seine Fingernägel bohrten sich in seine Handflächen.

Hmm?“ Wie in Zeitlupe neigte Hermine den Kopf und das Licht der magisch modifizierten Lampen fing sich in ihren hellbraunen Augen. Sie funkelten wie Bernstein und weckten Severus‘ ureigene Neugierde. Was würde er wohl hier eingeschlossen finden? Er spürte, wie er den Faden verlor…


- Kapitel 5 -


So geht das nicht!“, gelang es ihm letztendlich doch, nach einem Rest seiner Rationalität zu greifen, und Severus nahm die Hand runter. Er schüttelte den Kopf, als wolle er ein irres Geräusch vertreiben, und wandte sich vom Tisch ab. Mit großen Schritten ging er zur Bürotür hinüber und knallte sie laut hinter sich ins Schloss. Die Runden, die er anschließend durch den dunklen Raum lief, wirkten aufgebracht und wenig zielgerichtet. Was vor allem daran lag, dass er versuchte, damit das schmerzhafte Pochen zwischen seinen Beinen zu ignorieren. Bereits nach zwei Minuten ging die Tür auf und Hermine schlüpfte hinein.

Lass mich in Ruhe!“, giftete er und verlegte seine Runden ein paar Meter weiter nach hinten.

Dadurch wird es nicht besser“, erwiderte sie beängstigend ruhig.

Severus lachte freudlos auf und klang bereits wie jemand, der kurz davor stand, sich dem Wahnsinn zu ergeben. „Wie lange hält das an?“ Seine Stimme war eine Nuance höher als sonst. Ein ihm bis dato unbekannter Geruch verteilte sich im Büro und hatte eine ureigene Wirkung auf seinen Körper, die ihm unheimlich war.

Ein paar Tage“, murmelte sie leise.

Ein paar Tage?“, echote er mit lauter Stimme und vergaß darüber sogar das Laufen. War er wirklich gerade dabei, die Kontrolle zu verlieren? So richtig und endgültig?

Na ja, Eisprung halt…“ Ihre Stimme war so leise, dass sie beinahe im wilden Trommeln seines Herzens unterging.

Eisprung“, brachte er mit einem weiteren Schnauben hervor.

In der Tat, Eisprung. Ich bin eine Frau im gebärfähigen Alter – auch wenn ich nicht plane, dies in nächster Zeit zu tun. Dummerweise kann ich so lästige Dinge wie meinen Eisprung nicht abschalten. Du gewöhnst dich besser daran.“

Severus nickte, einerseits überrascht über ihren Ausbruch, andererseits gereizt, weil sie ihn so anfuhr. In diesem Moment traf er eine Entscheidung, die er sich unter normalen Umständen nie zugetraut hätte. Aber er stand unter dem Einfluss weiblicher Hormone und begann ein Stück weit zu verstehen, was es mit dem merkwürdigen Verhalten des anderen Geschlechts auf sich hatte.

Herkommen!“, befahl er und deutete mit dem Finger auf eine Stelle des Bodens direkt vor ihm.

Hermines Augen wurden groß, als sie verstand, worauf er hinauswollte. „Das ist nicht dein Ernst, oder?“

Und ob das mein Ernst ist! Ich werde nicht tagelang so durch die Gegend laufen!“ Und dabei riss er nun doch seinen Umhang von sich. Angenehm kühle Luft umfing seinen nun nur noch mit einem dünnen Hemd bedeckten Oberkörper und löste bereits einen Teil seines Problems – wenn auch einen denkbar kleinen.

Hermines Blicke glitten verwirrt an seinem Körper hinab und streiften auch die Zone, die er den ganzen Tag zu verstecken versuchte. In der Dunkelheit des Büros schien sie zuerst nicht zu verstehen, was er meinte, doch nach einigen Sekunden hatte ihr Gehirn das Zusammenspiel von Licht und Schatten in seinem Schritt verstanden und ihre Augen wurden – wenn das überhaupt möglich war – noch größer. Hochrot im Gesicht schlug sie sich eine Hand vor die Augen. „Heiliger Hippogreif…“

Severus nickte unterstützend, was sie natürlich nicht sehen konnte, und genoss es dabei, dass er selbst schon seit Langem nicht mehr errötete.

G-Gibt es keinen Trank für so was?“, brachte sie hervor, nachdem ihre normale Hirnfunktion wieder eingesetzt hatte.

Severus entging es nicht, dass sie dabei ihre Beine gegeneinander schob. Überhaupt war sie ziemlich unruhig, seitdem sie das Büro betreten hatte. Die Genugtuung, dass sie beide im gleichen Boot saßen, übertrumpfte beinahe die Erregung – zumindest Hermines.

Wenn du es auf noch mehr Brandnarben abgesehen hast…“, antwortete er gedehnt. Es war schließlich nicht so, als ob er den Vormittag einfach nur hatte vorbeiziehen lassen. Mit einer Dauererektion herumzulaufen, war unangenehm genug, um sämtliche Möglichkeiten für eine Lösung durchzuspielen. Keine hatte seinen Anforderungen entsprochen.

Nein, das habe ich nicht.“ Vorsichtig ließ sie ihre Hand sinken und strengte sich an, möglichst nicht dorthin zu sehen.

Severus grinste diabolisch. „Ist es nicht das, was du von mir willst?“ Er breitete seine Arme in einer darreichenden Bewegung aus, was Hermines Blicke sofort wieder in seinen Schritt senkte.

K-Könntest du bitte deine Arme unten lassen?“

Er hob eine Augenbraue. „So schüchtern?“

Nein, so unbeherrscht.“ Sie räusperte sich verlegen und strich sich die Haare hinter das Ohr. „Hör zu“, durchbrach sie schließlich die peinliche Stille. „Ich habe es wirklich nicht darauf abgesehen, dich so ins Bett zu bekommen. Dieser Trank, die Verbindung… Sie verstärkt meine Gefühle. Nicht nur das hier, auch meine Angst letztens. Es war nie so schlimm.“ Hermine verschränkte die Arme vor der Brust und begann ihrerseits im Büro auf und ab zu laufen.

Großartig“, knurrte Severus und stellte sich hinter seinen Schreibtisch. Nun, da das Gespräch sich wieder den sachlichen Aspekten ihres Problems zuwandte, war es ihm nicht geheuer, mit diesem… Er wollte einfach nicht, dass sie ständig darauf starrte. „Und wie hilft uns das weiter?“

Keine Ahnung! Ich versuche bloß, nicht den Faden zu verlieren. Weiter geht mein Plan noch nicht.“

Er stützte sich auf der Lehne seines Stuhls ab, versuchte die Tatsache zu ignorieren, dass Hermine mit ihrem Plan bereits weiter war als er vor wenigen Minuten und beugte sich leicht vorne über. So war es angenehmer. „Kalte Dusche?“, fragte er schließlich abrupt.

Hermine, die anscheinend über die gleichen Möglichkeiten nachdachte, schüttelte den Kopf. „Zwecklos, hab ich schon versucht.“

Ornanieren?“

Severus!“ Sie sah ihn empört an.

Wenn es hilft, ist mir alles recht“, erwiderte er trocken.

Danke auch, mir nicht! Ich ornaniere nicht, wenn du eine Dauerleitung in meinen Verstand hast.“

Er stöhnte verhalten, war sich aber nicht sicher, welchen Ursprung dieses Geräusch hatte – Hermines Erregung oder seine Fantasie. „Gut, dann eben anders.“ Nur um sich aus seinen Gedanken zu reißen, löste er sich vom Stuhl, ging durch das Büro zu seinem Vorratsschrank und kehrte mit einer schwarzen Phiole zurück. Energisch drückte er sie Hermine in die Hand.

Was ist das?“

Der Trank der lebenden Toten. Wenn du damit noch Gefühle hast, weiß ich auch nicht mehr. Austrinken!“

Hermine sah ziemlich unsicher drein, was ihn nicht im Mindesten überraschte. Der Trank war berüchtigt, nur ein Fehler und er war ein sehr wirksames und vor allem tödliches Gift. Ihre Blicke sprangen zwischen seinen Augen hin und her, ihre Finger schlossen sich nur zögerlich um den Hals der Phiole.

Mit einem vielsagenden Blick erinnerte er sie daran, wen sie vor sich hatte. Natürlich hatte er diesen Trank richtig gebraut und nein, er hatte nicht geplant, sie zu vergiften. Noch nicht…

Nachdem sie ebenfalls zu diesem Schluss gekommen war, entkorkte sie die Phiole und Severus wandte sich um, um die Couch ein zweites Mal in ein Bett zu verwandeln.

Was ist, wenn er ähnliche Wirkungen hat wie die anderen Tränke, die ich versucht habe?“ Ihre Stimme war sehr leise und von dem anstrengenden Maß der Erregung war nicht mehr viel zu hören.

Das wird er nicht. Der Trank der lebenden Toten ist ein so mächtiges Gebräu, dass alle andere Magie hinten ansteht. Auch die Schwarze. Du kannst ihn bedenkenlos nehmen.“

Dennoch zögerte sie. Zögerte, weil es der letzte Ausweg war und selbst Severus den Trank nicht ohne einen Moment des Überlegens nehmen würde. Zögerte, weil es schlau war, das eine Übel gegen das andere abzuwiegen. Er wusste selbst nicht, ob er die Erregung als schlimm genug betrachten würde, um diesen Trank zu nehmen. Aber er wusste, dass dieser Tag ein böses Ende nehmen würde, wenn Hermine es ablehnte.

Ich werde auf dich aufpassen“, versprach er deswegen und nickte ihr mit ernster Miene zu. Daraufhin kehrte wieder Leben in ihre Mimik und nach einem letzten tiefen Atemzug trank sie die Phiole leer.

Severus konnte kaum so schnell zupacken, wie Hermine in sich zusammensackte. Schlaff und beängstigend leblos hing sie in seinen Armen und er trug sie hinüber zum Bett. Wie eine Puppe drapierte er seine ehemalige Schülerin auf der Matratze und passte auf, dass sie nicht seltsam lag und später Schmerzen haben würde.

Dann wich er zurück und setzte sich auf den Tisch, der hinter ihm stand. Sie wirkte friedlich und erlöst und auch er selbst spürte, wie die Erregung langsam abflaute. Sie hinterließ ein bitteres Gefühl der Leere.


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