„Und nun die große
Stange reinstecken!"
Hermine spürte deutlich
seinen Atem auf ihrer Stirn, wo sich nun reichlich Schweiß gesammelt hatte.
Wieder ertönte seine
dunkle Stimme:
„Na los!"
Sie ließ die
Krotargarkrautstange in den Kessel fallen und wartete mit angsterfüllter Miene
darauf, dass es knallte.
Doch der Kessel blieb
stumm, nur ein leichtes Getuschel unter den Schülern spendete dem finsteren
Kerkerraum einen Hauch von Lebendigkeit.
Professor Snape indes
war wieder an sein Pult zurückgekehrt, hatte Hermine zuvor aber noch
angeraunzt: „Na bitte, war doch nicht so schwer, Miss Granger!"
Hermine war allerdings
immer noch total aus dem Häuschen. Fest hatte sie damit gerechnet, dass Snape
ihr den Befehl mit der Krautstange deshalb gegeben hatte, weil er ihren Kessel
hatte explodieren sehen wollen.
Doch anscheinend hatte
keinerlei Hinterlist hinter seinem Tun gesteckt.
Die Stange wurde vom
übrigen Gebräu akzeptiert, der Oppinionis-Trank, ein Elixier mit dem man
Meinungen manipulieren konnte, war fertig gebraut.
Hermine wunderte sich:
War Snape krank?
Dann zuckte sie zusammen
- oh je, er würde sie hoffentlich nicht gleich nötigen ihren Trank an sich
selbst auszuprobieren!
Sie hatte Snape nun
schon im siebten und glücklicherweise letzten Schuljahr und wusste mehr als gut
zu was dieser Mann fähig war.
Doch ihre Befürchtungen
blieben unbestätigt.
Die Stunde verstrich
schnell. Die letzte Gemeinheit, die sich der Professor noch erlaubte, war in
seinem gewohnt biestigem Ton die Hausarbeiten zu verkünden.
Na gut, dann mal schnell
raus, bevor er sie sich doch noch zur Seite griff und sich über ihr Zögern von
vorhin beschwerte!
Harry und Ron versuchten
sie in ihrer Mitte so gut es ging zu verstecken, aber dann kam doch das, was
Hermine so gefürchtet hatte.
„Granger, hier bleiben!
Mit Ihnen habe ich noch zu reden!"
Nein nein nein!
Wieso musste dieser
furchtbare Mann immer alle Menschen vor den Kopf stoßen und auf ihnen
herumtreten, wenn sie schon am Boden lagen?
War es ihm denn nicht
genug, dass Hermine sich gerade durch ihr Zögern schon zum Gespött der Klasse
gemacht hatte?
Nun gut, all das Gehader
half ihr nichts!
Mutigen Schrittes
näherte sie sich der schwarzen Gestalt am Pult und meinte kühnen Wortes:
„Ja Professor, ich bin
hier, reden wir!"
Ein Funkeln blitzte in schnellen
Laufe durch seine fast schwarzen Augen. Hermine blickte in diesem Moment direkt
hinein und erstarrte.
Was hatte dieser Mann
bloß für Augen?
In ihnen spiegelte sich
die traurige Endlosigkeit der Nacht gleichwohl wie die Unendlichkeit von Zorn
wieder.
Offensichtlich war es
jetzt mehr letzteres, was ihn dominierte, denn er fuhr sie grantig an:
„Seien Sie nicht so
forsch!"
Hermine konnte sich
unter dem abgrund tiefen Blick des Professors nicht kontrollieren und musste
heftig schlucken.
Na wunderbar Herm! Das
hatte sie ja toll gemeistert, dieses Anzeichen von Schwäche würde ihn nur noch
mehr dazu anstacheln ihr weh zu tun.
Ja, das war doch sein
Hauptanreiz dieser seiner Profession!
Das Herumsticheln in den
Wunden der Schüler. Und wenn sie noch keine hatten, dann fügte er ihnen gerne
welche zu.
Und sie behielt recht.
„Granger, warum bei
Merlin haben Sie gerade eben gezögert? Sie hätten die Stange sofort auf mein
Wort hin in den Kessel werfen müssen!"
Natürlich, darum ging es
ihm! Warum war sie nicht gleich darauf gekommen?
Diesmal würde Hermine
nicht schlucken. Sie wandte ihre Augen auch nicht von seinen hypnotischen ab.
Nicht jetzt!
Er würde einen solchen
Akt wieder nur als Schwäche auslegen - und hätte wohl mehr als Recht damit.
Statt dessen sagte sie klipp
und klar was Sache gewesen war:
„Nun Professor Snape,
ich dachte, dass Sie mir mit Ihrem Befehl eins auswischen wollten. Ich dachte,
der Kessel explodiert, wenn ich die Stange zufüge."
Nun war es also raus,
die ganze zugegebenermaßen etwas erbärmliche Wahrheit.
Aber was sollte sie vor
ihm lügen? Er hätte es gemerkt. Komischerweise hatte dieser menschenscheue und
doch so brutale Kauz enorme Fähigkeiten darin Menschen zu durchschauen.
Hermine wollte es ihm
bei ihr allerdings nicht zu leicht machen. Wäre er ein Tier gewesen, dann hätte
er sicher ihren Angstschweiß gerochen. Doch als Mensch würde er, müsste er, an
ihrer harten Fassade scheitern und ihre Angst nicht erkennen!
Sie hoffte es zumindest!
Seine Antwort kam rasch
und laut.
„Wie bitte Miss Granger!?
Sie meinen also allen Ernstes, dass ich es gerne sehen würde, dass Ihnen der
Kessel um die Ohren fliegt?" Er zögerte einen Moment. „Überhaupt, dieses Rezept
war zu dieser Stunde Hausaufgabe. Sie müssen es im Schlaf beherrschen!"
Seine laute Stimme in Verbund
mit seinen Augen hatte sie schwach gemacht.
Hermine konnte nicht
anders, als ihre Augen von seinen zu nehmen, den stechenden Schmerz darin
ausklingen zu lassen und ein paar Sekunden lang etwas abweisend erscheinend auf
die Tafel zu blicken.
Dann kam ihre Antwort,
sie selbst war überrascht über die Deutlichkeit ihrer Worte:
„Ja, ich beherrsche
dieses Rezept. Sie sollten eigentlich wissen, dass ich meine Hausaufgaben stets
gründlich mache ..."
Dann sah sie ihm wieder
in die Augen. Mit neuem Mut und neuer Kraft.
„... aber Ihre
aufbrausende Art mit der fordernden fast schon diabolisch anmutenden Stimme hat
mich verunsichert."
Snape schien ihr auf
dieses direkte Geständnis, das zugleich auch eine herbe Beleidigung war, nichts
erwidern zu können. Nun war er es, der den Blick in ihre Augen aussetzte und
rasch das Pult ansah.
Hermine war mit dem
bisherigen Verlauf des Gespräches noch nicht zufrieden. Irgendetwas in ihr
drängte sie zu einer Frage ... zu einer sehr direkten und unerlaubten Frage.
Sie fühlte, dass sie eine solche nicht stellen durfte. Doch sie vergaß die
Gefahr, die dahinter steckte, achtete nicht auf ihren guten Ruf in Hogwarts,
vergaß ihren perfekten Notendurchschnitt, übersah ihren in wenigen Wochen
bevorstehenden Abschluss.
Ihr Mund öffnete sich,
fast automatisch und sprudelte in Plaudermanier hervor:
„Und? Würden Sie es
gerne gesehen, dass mir ein Kessel um die Ohren fliegt?"
Blitzschnell waren
Snapes Augen wieder in die ihren geschnellt, hatten sie eine Zeitlang
umklammert und sie stumm beschimpft.
Sein Mund blieb
allerdings unbewegt.
Ebenso seine Mimik.
Nicht einen Mundwinkel
hatte er verzogen, seinen Kopf weder geschüttelt noch damit genickt.
Es war ein kalter
Moment, der für beide Grausamkeit zu bedeuten schien.
Hermine fühlte, dass sie
ihm mit dieser Frage einen Stich versetzt hatte. Sicherlich nicht, weil er um
ihr Wohl besorgt war.
Nein, wäre es so
gewesen, hätte er es ja ohne Umschweife zugeben können!
Statt dessen spürte sie
seinen Argwohn, fühlte seine Wut
den
Hass ihr gegenüber nicht direkt hinausschreien zu können - zu dürfen!
Diesen Moment kehrte sie
geschickt in einen Augenblick ihres Triumphes um:
Indem sie ihn
siegessicher angrinste und dann erhobenen Hauptes den Raum verließ.
'Was für ein Triumph!',
dachte sie vor der Tür mit zittrigen Beinen und weinender Seele ...
***
Sie hatte ihm also
wirklich sadistische Boshaftigkeit vorgeworfen!
Diese verdammte
Granger-Ziege!
Im siebten Jahr musste
er dieses aufmüpfige immer-kluge Huhn nun schon ertragen und war mehr als froh,
dass sie danach endlich mit dem wahrscheinlich besten Zeugnis der gesamten
Schulgeschichte abgehen würde.
Na warte! Wenn er,
Severus Snape, ihr durch diese perfekte Rechnung nicht mal einen fetten Strich
machte!
Es war nicht ihr Recht
ihn als Sadisten zu beschimpfen.
Nichts anderes hatte sie
gerade eben getan!
Was Albus wohl zu so
einer Frechheit sagen würde ...
Hach, Albus, der war im
Grunde viel zu gutmütig, wenn es um aufmüpfige Schüler ging ... immer redete er
solche Vorfälle wie diesen klein ...
Hätte Dumbledore
allerdings die glühenden Augen dieser Miss Granger gesehen, dann hätte er
bestimmt Snapes Groll verstanden!
Noch nie hatte es eine
Schülerin geschafft ihn so ... so ... zu entwaffnen!
Nein, verdammt noch mal!
Auch wenn er sich
manchmal wünschte, dass eins dieser Bälger in Voldemorts Kochtopf verschwände,
so würde er keinen Schüler absichtlich in eine Gefahrensituation bringen.
Das verbot ihm schon
sein Treueschwur, den er beim Eintritt in den Dienst Hogwarts geleistet hatte.
Aber Grangers Augen hatten
gefunkelt!
Siegessicher hatten sie Snape angestrahlt.
Und er war sich in jenem
Moment klein vorgekommen, wie ein Verlierer.
Ah, er könnte schreien,
wenn er nur daran dachte!
Diese Ziege.
Ihre Augen!
Ihre rehbraunen Augen,
deren furchtbare Intensität auch noch durch irgendeine schwarze Malerei an den
Lidern verstärkt wurde!
Diese Augen!
Sie hatte diese
schrecklichen Dinger fast während des ganzen Gesprächs auf den seinen ruhen
lassen.
Ruhen, ja das war das
richtige Wort!
Granger war für seinen
Geschmack viel zu locker gewesen.
Ihre Augen hatten Kraft
ausgestrahlt. Es war anstrengend gewesen, dieser Kraft so lange standzuhalten.
Severus war richtig froh gewesen, als sie ihre Sehinstrumente zwischendurch für
ein paar Sekunden abgewandt hatte. Und erst, aber nur im ersten Moment, hatte
er gedacht, dass sie Ehrfurcht vor ihm habe ... auch ein leichtes Schlucken zu
Beginn des Gespräches hatte ihm diesen Eindruck schon so hoffnungsvoll
vermittelt.
Aber nein!
Es konnten nur die
Anzeichen der besonderen Lässigkeit gewesen sein!
Das hatte ihm diese Göre
im Verlaufe des Gespräches mehr als deutlich gezeigt!
Und er war so schwach
gewesen ...
Er hasste sich für seine
Schwäche.
Nun würde sie bestimmt
überall herumerzählen, dass er ein böser Sadist wäre, der gerne Kinder foltert,
indem er sie nötigt Zutaten in ihre Kessel zu schmeißen.
Er wusste nicht wieso,
aber irgendwie tat ihm die Sache weh.
Wie zum Merlin konnte
das sein?
Grunzend erhob er sich
aus seinem Sessel, ging ein paar unruhige Schritte auf und ab und sah mit dem
endlosen Dunkelheit seiner Augen in das Feuer, das so friedlich in seinem Kamin
loderte.
***
Hermine hatte ihren
Freunden Harry und Ron ganz im Gegensatz zu ihrer sonstigen Gewohnheit nichts
Genaues von dem Gespräch mit Snape erzählt.
Zwar hatten die beiden,
wie üblich, tief gebohrt, doch war Hermine das Gespräch immer noch zutiefst
unheimlich - auch ihrer eigenen Kühnheit wegen - und so hatte sie beschlossen,
es bei ein paar groben Worten zu belassen.
„Mensch Harry, er hat
gemeckert, dass ich die Stange nicht sofort in den Kessel geschmissen habe."
Dieser war aber noch
nicht zufrieden mit der Erklärung.
„Ja Herm, das hast du
uns nun schon zehnmal gesagt. Aber was dann? Du warst recht lange bei ihm."
Hermine verlor langsam
die Geduld. Was ging es Harry und Ron an, was sie mit Snape wie lange zu
bereden hatte?
„Hör mal mein lieber
Harry! Es geht dich einfach nichts an!"
Harry schmunzelte und
versuchte auch gar nicht sein Gesicht vor ihr zu verstecken.
„Oho ... du hast mit
Snape also ein süßes Geheimnis ..."
Das war ZUVIEL!
Hermine brüllte
geradezu:
„Potter! Du SPINNST ja
wohl!"
Dann fügte sie etwas
leiser und mit ein wenig geröteten Wangen, die ihre Farbe eher Anstrengung als
Verlegenheit zu verdanken hatten, hinzu:
„Ich sage dir eins, es
war ein unschönes Gespräch. Ich hasse Snape und ich kann dir mehr als
beschwören, dass er mich auch hasst."
Ihre Augen wurden leicht
glasig.
Ron, der sich bislang
noch gar nicht in das Gespräch eingeklinkt hatte, wurde nun unruhig:
„Oh Gott, Hermine. Was denn? Hat er dich
so arg niedergemacht?"
Wieder musste Hermine
unkontrolliert schlucken.
Sie nickte nur, auch
wenn das eigentlich nicht der Sachlage entsprach.
Harry meinte jetzt etwas
kleinlaut und mit wesentlich mehr Gefühl als noch vorhin:
„Hermine, es tut mir
leid. Ich hätte diese alberne Bemerkung nicht machen sollen. Aber wir haben
doch nur so sehr nachgehakt, weil wir uns Sorgen um dich machen. Snape ist zu
allem fähig ..."
Hermine wusste nicht
wieso, aber im Moment ging ihr Harrys Gerede unglaublich auf die Nerven!
Was wusste er denn schon
über Snape?
Hatte er Snapes Augen
jemals so genau studiert, wie sie es gerade eben binnen weniger Minuten getan
hatte?
Ob er es wahrhaben
wollte oder nicht, Harry hatte jedenfalls eine Sonderstellung bei Snape. Zwar
wurde er von ihm mehr angefeindet als irgendjemand anders in der Klasse, aber
konnte er sich darüber gewiss sein, dass Snape ihm niemals ein Haar krümmen
würde - seiner Loyalität zu Albus Dumbledore wegen, der sowohl den dunklen
Zaubertränke-Lehrer als auch Harry wie einen Sohn liebte.
Doch bei sich selbst war
sich Hermine keineswegs so sicher ... irgendwie hatte sie das Gefühl, dass
Snape wirklich darauf aus war ihr, ja vor allem ihr, weh zu tun.
Ruckhaft und plötzlich
löste Hermine sich aus dem Gleichschritt mit Harry und Ron und blieb stehen.
Dann wandte sie sich um und ging schnellen Schrittes fort. Sie gab den beiden
jungen Männer nur noch ein lapidares „Hab noch zu tun!" mit auf den Weg.
Besorgt sah Ron Harry
an. Der erwiderte seinen Blick sofort.
„Du Harry, meinst du,
dass Snape sie irgendwie geschlagen hat oder so? Anscheinend hat sie mehr Angst
vor ihm als je zuvor."
Mit ernster Miene zuckte
Harry mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Aber
ich werde es herausfinden!"
Ehe sich Ron versah, war
auch Harry von seiner Seite gewichen und im Schnellschritt in Richtung Kerker
aufgebrochen.
Der hatte sich seine
Vorgehensweise schon genau zurechtgelegt:
Er würde Snape einfach
fragen was vorgefallen war!
Ja, so einfach ging das!
Er war schon längst nicht mehr der kleine Junge, der sich durch den finsteren
Blick von Severus Snape einschüchtern ließ - im Grunde war er es nie gewesen.
Und Snape wusste das nur
zu gut und hasste ihn deswegen besonders.
Schnell hatte er den
Kerker erreicht.
Hoffentlich war Snape
da. Es war große Pause und eigentlich versammelten sich die Lehrer zu dieser
Zeit im Lehrerzimmer.
Mit abschätzigem Blick
wurde sich Harry aber sofort darüber gewiss, dass ein einsamer Wolf wie Snape
solche Zusammenkünfte hasste.
Ja, er hatte gute
Chancen Severus Snape hier und jetzt anzutreffen!
Harry klopfte unwirsch
an.
***
Severus fuhr aus seinen
Gedanken hoch.
Noch immer stand er am
Kamin und sah mit tiefem Blick durch das ruhige Spiel der anmutigen Flammen.
Nun aber wurde er
gestört!
Irgendein Rüpel hämmerte
viel zu heftig an seine Tür.
Wehe wenn das eine
Hauselfe war ... die würde was erleben!
Ach was, egal wer da
gerade hämmerte, in jedem Fall würde der- oder diejenige etwas erleben!
Ruckartig riss er die
Tür auf.
Und erstarrte.
Nein nein nein!
Jeder wäre ihm recht
gewesen, jeden hätte er nun mit Herzenslust runtergeputzt!
Aber nicht Harry Potter!
Snape fauchte:
„Was wollen Sie denn
hier?"
Potter entgegnete barsch
in ungefähr dem gleichen Ton:
„Mit Ihnen über Hermine
Granger reden!"
Und siehe da, dieser
rüpelige Junge, nein das konnte man nicht mehr sagen - dieser dreiste Mann,
besaß die ungeheure Frechheit sich an Snape vorbei in sein Wohnzimmer zu
drücken.
„Potter, was fällt Ihnen
ein?"
Der reagierte aber gar
nicht, sondern setzte dazu an seinen Kommensgrund zu schildern:
„Was fällt IHNEN ein,
Hermine derart einzuschüchtern?"
Wie bitte?
Snape konnte in diesem
Moment nicht anders, als Potter eine Weile mit aufgerissenen Augen anzustarren.
Was war das jetzt?
Hatte dieses Mistweib
geplaudert, diesem Herrn Superman Potter gesagt, dass Snape ein Quäler wäre?
Die Antwort auf seine
stummen Fragen kam prompt:
„Nun Snape! Seitdem Sie
mit ihr „geredet" haben, ist sie wie ausgewechselt, nicht mehr fähig zu einem
vernünftigen Gespräch. Wir wollten Sie fragen was sie hat, aber sie sagt es uns
einfach nicht."
So so ...
Snape gewann mit einem
Mal seine Stimme wieder:
„Aha, und dann meinen
Sie junger Held und Liebster von Miss Granger hierher stapfen zu müssen? Ich
habe Ihnen nichts zu sagen. Miss Granger und ich haben ein normales Gespräch
geführt."
Harry kam ihm nun
bedrohlich nahe. In den letzten Jahren war der junge Potter sehr gewachsen und
konnte es nun spielend mit Snapes Größe aufnehmen, überragte ihn sogar um ein
paar Zentimeter.
„Nun Snape, ich möchte
lediglich wissen, ob Sie Miss Granger gegenüber mehr Härte als gewöhnlich
eingesetzt haben!"
DAS war ZUVIEL!
Was bildete sich diese
Schnösel ein? Starrte ihn mit seinen viel zu blauen Kuhaugen an und erwartete
auf diese lächerliche Frage wirklich eine ernste Antwort?
Waren denn heute alle
Schüler übermäßig verrückt?
Waren denn heute alle
Schüler übermäßig stark?
Doch Severus war nun
auch wieder stark.
„Raus Potter! Sofort!"
Mit eindeutiger Geste
wies er dem Schüler die Tür.
Der weigerte sich
allerdings zu gehen und wollte auf seiner Frage beharren, doch Snape setzte
nach:
„Raaaaauuuus! Es ist
eine Unverschämtheit, dass mich an diesem Tage gleich zwei Schüler mit
denselben unverschämten Vorwürfen belästigen! SIE können sich gewiss sein, dass
DIES Konsequenzen haben wird!"
Oh, nun wurde es Harry
doch ein wenig mulmig.
Dieser Snape vor ihm war
der, den es nur sehr selten zu sehen gab. Fast kam ihm der Zustand des Lehrers
wie Mordslust vor.
Es wäre sicher besser,
wenn er nun wirklich gehen würde.
Auf der Türschwelle meinte
Harry nur noch in trotzigem Ton:
„Ich bin nicht Hermines
'Liebster'!"
Dann war er
verschwunden.
Auf dem Weg zu Ron
machte sich Harry lange Zeit Gedanken, was Snape denn mit seinen eigenartigen
„unverschämten Vorwürfen" meinte, die gleich von „zwei Schülern" geäußert
worden waren.
Er fühlte, dass er Snape
unrecht getan hatte, spürte, was sich ungefähr abgespielt haben musste.
Doch als er auf Ron
stieß, meinte er nur:
„Nee nee, scheint alles
in Ordnung zu sein. Lassen wir Herm einfach mal ein wenig in Ruhe."
Dann fügte er mit einem
Grinsen und etwas leiserer Stimme hinzu:
„Vielleicht hat sie ja
nur ihre Tage."
***
Eine edle Karaffe, die
bis vorhin noch anmutig auf dem Kaminsims gestanden hatte, musste dran glauben
und zersplitterte laut schallend im karg eingerichteten Wohnzimmer von Severus
Snape.
Verdammt!
Diese Granger hatte ihn
zu einem Verdächtigen gemacht.
Aber nicht, weil sie
irgendetwas ausgeplaudert hatte, nein, weil sie nichts gesagt und sich
stattdessen ominös verhalten hatte.
Und Potter, dieser
Idiot, hatte gleich alles in den falschen Hals bekommen und war seiner
Geliebten zur Seite gesprungen. Wie ein blinder dummer Held.
Was hatte er ihm am
Schluss zugemurmelt? Dass er gar nicht der Liebste der Granger war?
Och ... wie leid ihm das
für Potter tat. Dann war es halt Weasley, der seine Gelüste an der Granger-Kuh
abreagieren durfte.
Snape war sich
jedenfalls sicher, dass sie einen von den beiden schon einmal in inniger
Umarmung mit Hermine gesehen hatte.
Und eine hübsche
schwarze Keramikvase zersplitterte an der bilderlosen Wand des Wohnzimmers.
Er verstand sich selbst
nicht mehr!
Wieso machte er sich
urplötzlich Gedanken über Hermine Grangers Liebesleben?
Sollte sie doch beglückt
werden, von wem sie wollte.
Hauptsache er musste
sich nicht mit dem Weib herumschlagen!
Doch sie ließ ihn nicht
los.
Immer wieder überkamen
Snape Gedanken, die mit ihrem Gesicht gefüllt waren.
Schmerzende Gedanken,
die ihm stumm auf seiner Seele lagen, stachen und brannten wie ein lodernder
Stein mit Dornen.
Seine Hauptfrage war
immer und immer wieder die eine:
Wieso in aller Welt war
SIE verletzt?
Sie hatte IHM doch
Übelstes unterstellt!
Nicht andersherum.
Er beschloss Hermine
noch heute abend aufzusuchen, um mit ihr über den Vorfall zu reden.
Diese Entscheidung fiel
ihm ungewohnt leicht, normalerweise hasste er alle nicht unterrichtsbezogenen
Gespräche mit Schülern - na ja, solche hasste er eigentlich auch.
Doch irgendwas trieb ihn
zu der Granger.
Zu Hermine.
Zu ihren Augen.
***
Voller widersprüchlicher
Gefühle hatte sich Hermine an ihren liebsten Ort zurückgezogen.
In die Bibliothek.
Sie wusste auch nicht
genau, was dieser Ort Betörendes an sich hatte.
Es war nicht die
Wissensflut, der man hier begegnete. Nein, sie wusste schon genug, die Bücher
brauchte sie gar nicht mehr.
Die Ruhe.
Es war die Ruhe, die es
Hermine angetan hatte.
Die Geborgenheit.
Niemals würde ein Draco
Malfoy hier auftauchen und sie als Schlammblut beschimpfen.
Die Bibliothek war ein
gesegneter Ort, fern von böser Energie.
Leider war die große
Pause gleich vorbei.
Hermine seufzte und
bereite sich mental darauf vor, wieder in den Trubel auf den Gängen
hineinzugeraten.
Was ihr aber noch viel
größere Sorgen machte, war dass die Möglichkeit bestand, mit Snape
zusammenzutreffen.
Es war zwar recht
unwahrscheinlich, weil der Zaubertränke-Lehrer eigentlich niemand war, der gern
und oft seinen Kerker verließ, doch im Verlaufe der gesamten Schulzeit war Herm
schon an die zehn Male mit der dunklen Fledermaus zusammengestoßen.
Bitte Merlin, lass es nicht
heute geschehen!
In einem Gefühlsgemisch
aus Traurigkeit, Angst und Wut legte sie ihren hübschen Kopf resignierend auf
die kalte Steinplatte des Tisches und schloss die Augen, um einen absoluten
Augenblick der Ruhe zu erzeugen.
Wie sollte sich Snape nach
ihrem Auftritt von vorhin jemals wieder in die Augen sehen?
Doch die Angst und
Verzweiflung wurden vom stärker werdenden Wut ausgestochen.
Ach was! Wie konnte
dieser sadistische Kerl IHR jemals wieder in die Augen schauen?
Dennoch blieb der
hässliche Nachgeschmack falsch gehandelt zu haben ...
Er war immer noch ihr
Lehrer. Eine Autoritätsperson, der man für gewöhnlich Respekt entgegenzubringen
hatte.
„Miss Granger!"
Als stände ihre
unmittelbare Schlachtung bevor, zuckte sie ungewollt hart zusammen und gab
einen kurzen Schrei von sich.
Es war Snape.
Sie musste sich nicht
umdrehen, um es zu wissen.
Seine Stimme war
unverwechselbar.
Einmalig.
Einmalig tief. Einmalig
grausam.
„Miss Granger, ich muss
mit Ihnen reden!"
***
Er hatte sich also nicht
getäuscht.
Sie war in der
Bibliothek.
Wo auch sonst? Diese
kleine Klugscheißerin liebte den Geruch von vermufften Büchern scheinbar so
sehr, dass sie ihn gleich täglich einatmen musste.
Als er in den großen
Bücherraum eingetreten war, hatte er ihren brauen Schopf sogleich von weitem
erkannt. Es hatte ihn allerdings irritiert, dass er so schlaff auf der
Steinplatte gelegen hatte.
Erst war ihm der Gedanke
gekommen, dass Hermine schlafen könnte, doch dann war ihm bewusst geworden,
dass es sich hier um die Granger handelte, die sich lieber abstechen lassen
würde als auch nur eine wache Minute in einer Bibliothek zu verpassen.
Dann waren ihm
eigenartige Ideen gekommen.
Angst hatte ihn
übermannt und er war leise wie eine Fledermaus auf sie losgestürzt.
Er hatte sehen wollen,
ob sie noch lebte.
Dann hatte er laut ihren
Namen gerufen.
Zu laut wie es schien,
denn sie war so stark zusammengezuckt wie Severus es noch niemals bei einem
Menschen gesehen hatte.
Und nun würde er mit ihr
reden.
Wenn sie ihm doch
wenigstens ein bisschen Interesse entgegenbringen könnte. Ihr starrer Blick auf
den Tisch machte es ihm nicht gerade leicht.
Zwar wollte er nicht in
ihre Augen sehen, denn seine waren den ihren nicht gewachsen, doch war es ihm
zuwider mit einem Menschen zu reden, der nebenbei eine Tischplatte inspizierte.
Kurzerhand rauschte er
zum ihr gegenüberliegenden Stuhl am Tisch und ließ sich nieder.
Er bemerkte verwundert,
dass Hermine wieder zusammenzuckte.
Potter hatte recht. Sie
benahm sich wirklich eigenartig.
Im Gespräch vorhin war
sie doch noch so hart und stoisch gewesen!
Und nun? Sie schien eher
wie ein nervöses Wrack.
Da Severus nicht wusste
wie er anfangen sollte, polterte er gleich offen hervor:
„Was haben Sie Mr.
Potter erzählt, dass er nun annimmt, ich hätte Ihnen Gewalt angetan?"
Seine Worte schienen sie
noch mehr zu verstören.
Doch endlich reagierte
sie, nahm ihren fast schon irre anmutenden Blick von der Tischplatte und sah
ihm in die Augen.
Nein, wieso gerade in
die Augen!?
Nun zuckte er zusammen,
zwar nur leicht, aber er hätte darauf wetten können, dass sie es bemerkt hatte.
Dann dröhnte ihre Stimme
durch die hallende Bücherei:
„Sie scheinheiliger
Irrer! Gewalt ist doch das einzige, was Sie erfreut! Also leugnen Sie nicht,
dass Sie zumindest Spaß daran HÄTTEN!"
Mist.
Hermine erkannte sofort,
dass dies absolut unangebracht gewesen war.
Seine verdammten Augen
hatten sie dazu angestachelt.
Severus wäre fast vom
Stuhl gefallen.
Wer oder was hatte
dieses Mädchen bloß so verrückt gemacht?
Und wieso plärrte sie so
laut in dieser schallenden Halle herum?
Hoffentlich hatte
niemand diesen abgrundtiefen Unsinn gehört, den sie gerade von sich gegeben
hatte.
Er versuchte in
gemäßigtem Tonfall zu widersprechen:
„Nein Miss Granger. Das
ist purer Unfug!"
Wild schüttelte sie den
Kopf und beharrte:
„Oh doch Professor. Man
sieht es in Ihren ... Ihren ..." Sie schluckte.
„Ich sehe es in Ihren
Augen."
Und sie mochte recht
haben!
Am liebsten wäre Severus
schnurstracks zu ihr hinüber gerannt und hätte sie brutal übers Knie gelegt für
den Blödsinn, den sie hier von sich gab.
Statt dessen fiel ihm
nur ein zynisches „Na dann schauen Sie mir doch nicht in meine ach so
furchtbaren Augen!" ein.
Er hätte es kaum für
möglich gehalten, doch Granger nahm diesen albernen Kommentar anscheinend für
voll.
„Ich muss in Ihre Augen
sehen. Sie haben eine Aura, die einem das befiehlt. Eine böse Aura!"
Nanu, nun machte sich
Severus langsam wirklich Sorgen um Hermine.
Hatte sie vielleicht
heimlich ein paar Tropfen von ihrem Oppinionis-Trank genascht und sich dann von
irgendeinem Snape-Hasser diese Meinung einbläuen lassen?
Doch irgendetwas in ihm
sagte ihm, dass dies nicht der Fall war.
Er sah, dass sie nun
weinte.
Die Tränen entwaffneten
ihre Augen vollkommen. Da sie ihn in diesem Zustand nicht verletzen konnte,
hielt er den Mund, sah er tief hinein und erblickte ihre riesengroße Angst.
Vor wem?
„Miss Granger, was macht
Ihnen so große Angst?"
Wieder zuckte sie
zusammen und machte ihn damit rasend. Fast kam er sich wie der Übeltäter für
ihren Zustand vor.
Ein unheilverkündendes
Gefühl in ihm nahm Konturen an, doch er verdrängte es. Erfolgreich.
Ungeduldig wartete er
auf ihre Antwort.
Geduld war nie eine
seiner Stärken gewesen, doch es half nichts, dieses zerbrochene Wesen
anzutreiben. Sie würde nur noch mehr zusammenklappen.
***
Nun hatte sie vor diesem
Monstrum von Mann also doch Schwäche gezeigt.
Mehr als Schwäche:
vollkommene Zerrüttung, absolute Zerbrochenheit!
Er wollte wissen, was
ihr Angst machte?
Ja war der Mann denn
verrückt, blind oder einfach nur so sadistisch, dass er diese Frage nur als
geschickten Schachzug für noch mehr Demütigung ins Rennen schickte?
Hermine konnte es nicht
genau abschätzen.
Sie war sich nur darüber
im Klaren, dass sie es mit diesem Unmenschen keine weiteren drei Minuten in
einem Raum aushalten würde.
Sie stand auf und warf ihm im Gehen das Fragment „Vor Ihnen!" vor die Füße.
Doch sie kam nicht weit.
Mit wütendem Gesicht
riss er sie unwirsch um und drückte sie unsanft gegen ein Bücherregal.
Na bitte! Sie hatte es
doch gewusst!
Er war ein Brutalo, der
neben seinen mannigfachen Variationen von seelischer Folter auch diverse
körperliche Zerstörungspielchen wusste.
„Lassen Sie mich sofort
los!"
Doch er ließ nicht los.
Statt dessen starrte er tief in ihre rehbraunen Augen und schien sich darin zu
verlieren, denn kein Wort entrang sich seiner Kehle.
Dann endlich ein
Schlucken - von ihm.
Er lockerte seinen Griff
und löste ihn dann rasch vollkommen.
„Miss Granger. Es tut
mir leid. Das hier wäre nicht passiert, wenn Sie mir nicht solch einen Unsinn
vorwerfen würden."
Sie konterte prompt und
wunderte sich, dass sie wieder eine feste, ja schneidende Stimme hatte:
„Sie sind ein Todesser. Ich traue Ihnen nicht. Wer weiß, was Sie alles im
Schilde führen!"
Hermine hätte sich am
liebsten die Zunge abgebissen, für die große Torheit, die sie nun schon wieder
begangen hatte. Sie überlegte, ob sie langsam nicht an ihrem Verstand zweifeln
sollte und ob Poppy auch Ahnung von Geisteskrankheiten hatte.
Dann sah sie ihn an und
erschrak.
Sein Blick hatte sich
gewandelt.
Erst erschien er
eigenartig leer.
Doch beim näheren
Hinsehen sah sie unendliches Leid, absolute Trauer und stärksten Schmerz.
Und sie verstand.
Was hatte sie diesem
Mann heute bloß angetan?
An einem einzigen Tag?
Zuerst hatte sie ihn in
seiner Lehrer-Ehre angegriffen und ihm sadistisches Gedankengut vorgeworfen und
nun ... Nun, und das war viel schlimmer, hatte sie ihm seine menschliche Würde
aufgeschlitzt und in einer Wunde herum geschnitten, die ihm wahrscheinlich schon
ohne äußerliche Reize sehr weh tat.
Es wurde ihr mit einem
Mal klar, dass seine Arbeit als Doppelagent kein Zuckerschlecken sondern eine
große Bürde sein musste. Eine Gefahr, ein Spiel auf Leben und Tod.
Wie durch einen Schleier
beobachtete sie wie er sich jetzt langsam auf den Stuhl setzte, den sie eben
noch in Beschlag genommen hatte.
Es hatte längst zur
nächsten Stunde, Verwandlung bei McGonagall, gebimmelt. Doch was zählte das
jetzt noch?
Was sollte sie nun bloß
tun?
Sie konnte nicht einfach
gehen, aber auch nicht auf ihn zugehen und sagen 'Hey Snapey, sorry, aber ich
hab heut anscheinend ein hormonelles Ungleichgewicht. Deshalb hatte ich so'n
Schiss vor deinen Glupschern und gleichzeitig 'ne Scheißwut auf dich. Das
musste verzeihen. Weil ich'n Mädchen bin."
Über ihre albernen
Gedanken musste sie einen kurzen Moment kichern und wäre sich gleich danach am
liebsten selbst an den Hals gegangen.
Snape hatte es bemerkt. Ach was bemerkt. Er musterte sie seit ein paar Minuten
mehr als genau - und musste nun wohl meinen, dass sie ihn auch noch auslachen
würde.
Hermine würde von der
Schule fliegen.
Das stand fest!
Wäre sie heute morgen
bloß im Bett geblieben und hätte sich durch irgendwen krankmelden lassen!
***
Er fand auf ihre Worte
einfach keine Antwort.
Verflucht!
Das Mädchen hatte ihn an
seiner empfindlichsten Stelle getroffen und lachte nun auch noch triumphierend.
Es fiel Snape schwer,
nicht irgendeinen Mist zu schreien und dann aus dem Zimmer zu stürmen.
Doch das würde ihn wohl
ganz und gar als Monster dastehen lassen. Dumbledore würde ihn feuern.
Vielleicht wäre das auch
das Beste ... dann könnte er sich wenigstens ganz auf seinen Todesser-Mist
konzentrieren.
Was hatte diese Göre denn für eine Ahnung davon?
Meinte sie, er würde
gerne immer wieder zu Lord Voldemort apparieren, sich von ihm foltern lassen
und dann auf irgendwelche Unschuldigen gehetzt werden?
Pah, dieses dumme
Mädchen! Sie würde die Welt noch früh genug so sehen wie sie war. Er musste ihr
nicht jetzt schon die Augen öffnen ...
Langsam nahm er seinen
Blick von ihr und stand auf, um die Bibliothek zu verlassen.
Doch entschlossen
stellte sich Hermine in seinen Weg.
„Nein Professor Snape.
Nicht so, nicht nach dem, was ich gerade gesagt habe."
Überrascht sah er sie an
und bemerkte, dass ihre Augen wirklich unsagbar schön waren.
Wie konnte so viel
Schönheit nur so grausam sein?
Was erwartete sie von
ihm?
Schnippische Bemerkungen
hatte er keine mehr parat.
Doch sie übernahm in
unsicherem Tonfall die Führung
„Bitte, Professor. Ich
... ich ..."
Sie setzte nochmal an.
„Der Tag heute war
irgendwie total beschissen. Ich bin von einem Fettnäpfchen ins andere
gelatscht, habe mich erst mit Ihnen angelegt, dann mit meinen Freunden und habe
Sie dann auch noch in einer Weise angegriffen, die eine harte Bestrafung
verdient."
'Harte Bestrafung'?
Huch, war es wirklich angebracht, dass sie ihm nun geradezu darum bat sie zu
bestrafen? Hermine musste pausieren. Es war schwer die richtigen Worte zu
finden.
Snape unterbrach ihren
Gedankenfluss.
„Miss Granger. Ich werfe
Ihnen nichts vor."
Erstaunt sah sie ihn an.
Wieso denn nicht?
„Bitte Professor?"
Hach, dieses Mädchen!
Nun fragte sie auch noch nach. Er hasste sich zu wiederholen, insbesondere bei
heiklen Themen wie diesem hier.
„Ja, ich werfe Ihnen
nichts vor. Wenn Sie Ihre Vorwürfe von meiner Doppelagenten-Tätigkeit ableiten
wollen, so kann ich Ihnen wohl nicht hinreichend widersprechen. Ich muss sagen,
dass dies eine fiese Taktik von Ihnen ist - aber ... ich kann nicht
widersprechen."
Und er wollte es auch
gar nicht.
Vielleicht hatte sie
sogar recht und er empfand wirklich Freude dabei, Schüler zu bestrafen, Ihnen
wehzutun, sie zu quälen.
Hermine wurde indes
knallrot und hüpfte vom einen Bein aufs andere.
„Nein nein Professor.
Ich meine, Sie haben recht, dass es verwerflich von mir ist, mein Wissen über
Ihre Doppeltätigkeit, die bestimmt sehr gefährlich ist, gegen Sie zu verwenden.
Aber ... aber was ich sagen wollte ist nur, dass es ... mir leid tut! Es war
ungerecht und deplatziert."
Und wieder sah sie ihm
direkt in die Augen und fühlte wie ein Beben ihren Körper durchfuhr.
Was war das bloß?
Sie konnte es sich kaum
eingestehen, aber sie war verzaubert von seinen Augen, die sie ihm Moment so
zweifelnd und doch irgendwie verletzlich anstarrten.
Seine Stimme, die nun
wieder ertönte, löste in ihrem Körper eine kaum auszuhaltende Beschleunigung
ihres Herzschlages aus.
„Sie müssen sich nicht
entschuldigen. Doch lassen sie mich nochmal versichern, dass Sie vor mir keine
Angst haben brauchen!"
Wie nachdrücklich er den
letzten Satz betonte!
Sie erzitterte unter
seiner Wortgewalt.
Und doch hatte sie immer
noch Angst vor ihm.
Wieso sonst sollte sie
zittern?
Es war das gleiche
mulmige Gefühl, dass sie vorhin schon gefühlt hatte, als sie nach der
Zaubertränke-Stunde vor ihm hatte antreten müssen.
Doch war es wirklich
Angst oder Furcht?
Oder eher Ehrfurcht?
Aber Furcht?
Nein, dazu fehlten der
Fluchtinstinkt und die Neigung zum Verkriechen.
Sie wollte hier bleiben
und weiterhin in seine Augen schauen.
Doch wiederum machte er
Anstalten zu gehen.
Snape hielt es einfach
nicht länger aus, einer Frau in die schönen Augen sehen zu müssen und
gleichzeitig zu wissen, dass sie sich vor ihm fürchte und andererseits aber die
Härte in Person war.
Er kam sich vor wie ein
Raubtier, das nun aber selbst in eine Falle getapst war.
So musste sich Lupin
fühlen ...
Er musste gehen. Weg von
Hermine. Weg von ihren Augen. Weg von ihrer Schönheit.
Und vor allem weg von
ihrer wiedergewonnen Stärke.
Er hatte noch nie einen
Menschen getroffen, der beides in solch einem ergreifenden Maße vereinte:
Stärke und Schwäche. Hermine glitt geradezu von dem einen ins andere Extrem.
Er stand schon an der
Türklinke, als er eine zarte Hand an seinem Arm spürte.
„Bleiben Sie bitte
hier!"
Er blieb.
Er hatte keine Ahnung
warum, aber er war wie gelähmt und begann zu zittern. Severus erschrak, weil er
schon lange nicht mehr so gezittert hatte. Zuletzt vor seinem Neu-Antritt vor
Voldemort nach dessen erneuter Machtergreifung.
Wie in Trance spürte er,
dass er umgedreht wurde und sah dann wieder in die hübschen Rehaugen von
Hermine Granger.
Warum quälte sie ihn nur
so?
Sie zögerte nicht lange.
„Snape, ich habe da wohl
etwas in mir missinterpretiert."
Er sah sie verwundert
an.
„Bitte?"
Sie lächelte.
Wie bitte?
Die Frau war
geisteskrank! Sie musste es sein. Wie konnte sie sonst jetzt lächeln, wenn es
ihm doch zum Schreien und Weinen zumute war.
Und dann geschah es.
In einer wahnsinnigen
Geschwindigkeit, in der Severus diesen Vorgang niemals zuvor erlebt hatte, stellte
sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn.
Auf den Mund.
Was für eine Berührung!
Was für ein Augenblick!
Er konnte sich nicht
rühren, machte dabei auch nicht die Augen zu, sondern sah ihre Haut, ihre
Augen, ihre Wimpern, ihre Schönheit in ganzer Pracht.
Es ging so schnell!
Wie in einem Zeitraffer
hatte sie ihn auch schon beiseite geschoben und war durch die Tür geflitzt.
Severus verstand die
Welt nicht mehr.
Sein Herz sprang wie
wild hin und her und er fürchtete, in seinem fortgeschrittenen Alter dadurch
gleich einen Herzinfarkt zu bekommen.
Der Infarkt blieb aus -
das Herz klopfte weiter.
***
Professor McGonagall war
zwar nicht begeistert gewesen, als Hermine viel zu spät in ihren Unterricht
marschiert war, doch als die junge Frau gemeint hatte, dass sie in der
Bibliothek die Zeit vergessen hatte, ließ die Hauslehrerin sie in Ruhe zu ihrem
Platz gehen und bestrafte sie nicht.
Hermine war froh und
glücklich, dass sie so einen guten Stand bei der Hexe hatte. Das hatte sie wohl
ihrem Fleiß und Talent in Sachen Verwandlungszauber zu verdanken.
Krampfhaft versuchte
Hermine dem Unterricht zu folgen.
Vergebens.
Mist, und das gerade
heute, da McGonagall alle wichtigen Zauber wiederholte, die in den
Abschlussprüfungen drankommen könnten.
Na ja, so schlimm war es
nun auch wieder nicht. Hermine hatte alle Zauber vorsorglich schon mal selbst
wiederholt und mit Erleichterung festgestellt, dass sie jeden einzelnen wie im
Schlaf beherrschte.
Doch das, was ihr im
Moment durch den Kopf ging, machte sie nicht gerade glücklich.
Ständig musste sie an
Snapes Augen denken. An den Wechsel, den sie vollziehen konnten: von Wut zum
Hass, von Ignoranz zum Hohn, von Benommenheit zur bodenlosen Trauer, vom
leichten Schmerz zum tiefsten Leid.
Das Bild seiner Augen
hatte sich in ihrem Hirn eingebrannt und sah sie nun die ganze Stunde über an.
Und sein Mund ... sein
aufregend geschwungener Mund, der sich so heiß und sehnsüchtig angefühlt hatte.
Hatte sie ihn wirklich
geküsst?
Ach was, wahrscheinlich war es nur eine Halluzination gewesen ...
Immer wieder wirbelte
ihr die eine Frage durch den Kopf:
„Wieso musste ich gerade
das mit den Todessern sagen?"
Warum nur!?
Das war ethisch nicht
korrekt gewesen!
Und gerade sie, Hermine
Granger, die eigentlich immer gerne Vorzeigeschülerin und Anhängerin von
konservativen Moralvorstellungen war, hatte sich zu dieser Niederträchtigkeit
hinreißen lassen.
Wieso war es so weit
gekommen?
Sie suchte wieder und
wieder nach dem Grund. Nach dem Auslöser.
Und hatte die Ursachen
in ihrem Herzen doch schon längst gefunden.
Nein, DAS konnte nicht
der Grund sein!
So etwas war ihr doch
noch nie passiert, wenn sie sich ...
Na ja, und außerdem war
Snape absolut kein Mann, in den man sich einfach so ...
Und wenn sie sich
wirklich ..., wieso behandelte ihn sie dann SO? Das war doch der verkehrte Weg?
Ihr Kopf rauchte.
Es klingelte.
Endlich.
Hermine fühlte
bleiernden Schwindel über sich hereinbrechen.
Nein, sie könnte heute
keine weitere Unterrichtsstunde mehr antreten.
Rasch bewegte sie sich
auf McGonagall zu und schilderte der Lehrerin ihr Anliegen. Verständnisvoll sah
die in die Jahre gekommene Hexe Hermine an und bejahte sofort.
„Sie können
selbstverständlich auch in die Krankenstation gehen und sich dort von Madame
Pomfrey durchchecken lassen."
Hermine nickte dankbar
und ging.
Ja, vielleicht sollte
sie das wirklich tun.
Anscheinend hatte sie
nicht mehr alle Kessel im Regal!
***
„PENG!"
Browney Stokers Kessel
war wieder einmal explodiert.
Snape hatte es nicht
verhindern können, da er mit seinen Gedanken ganz woanders festklebte. Er war
sich seiner Verantwortungslosigkeit bewusst, dachte aber im Traum nicht daran,
dies vor den rotznäsigen Erstklässlern herauszukehren.
Sie kannten ihn als
konsequenten Lehrer - und das sollte so bleiben!
„Stoker! Meine Güte. Ich
möchte mal eine Stunde erleben, in der ihr Kessel nicht hochgeht!"
Er raste zu der jungen
etwas pummeligen Schülerin und stellte erschrocken fest, dass die Explosion
wohl die bislang schlimmste war:
Browney lag bewusstlos
auf dem Boden und hatte sich während des Sturzes den Kopf aufgeschlagen.
Die anderen Schüler
stierten fassungslos auf den leblosen Leib und murmelten panisch miteinander.
Snape packte den kleinen
Körper rasch und bedeutend sanfter als er Hermine vorhin angefasst hatte und
trug die kleine Blondine schnellen Schrittes in die Krankenstation.
Nein, Hermine. Jetzt war
er sich absolut sicher, dass er kein Sadist war.
Er hatte Angst um dieses
kleine tollpatschige Mädchen namens Browney Stoker.
Vor allem weil dieses
immer noch keinen Mucks von sich gab.
***
„Hach Poppy, ich weiß
einfach nicht, was heute mit mir los ist. Ich habe zig Leute böse angefeindet,
mir wahrscheinlich sämtliche Freundschaften kaputt gemacht und meinen
strengsten Lehrer gegen mich aufgehetzt."
Dass ihr eben dieser
Lehrer ungemein leid tat, ließ sie vornehm weg. Vor Poppy musste sie nun nicht
auch noch ihre Schuldgefühle gegenüber Severus Snape zeigen.
Madame Pomfrey nickte
nur verständnisvoll und meinte:
„Ach Hermine. Nun mach
dich mal nicht verrückt. Jeder hat mal einen schlechten Tag!"
Dann fügte sie etwas
ernster hinzu:
„Tut dir denn
irgendetwas weh?"
Ach, wenn die wüsste!
Hermines Herz tat weh.
Weil es zerrissen war.
Und ihr Gehirn hätte sie
sich am liebsten sofort rausoperieren lassen, weil es dauernd Bilder von
Severus Snape in ihren Verstand projizierte.
Doch sie sagte nur mit
verträumter Miene:
„Nein nein Poppy, ich
habe keine körperlichen Beschwerden."
Ein leises Kichern
seitens der Krankenschwester holte sie aus ihrem Trancezustand.
„Poppy, was ist denn?"
Die antwortete rasch und
direkt:
„Na ja, Herm, ich tippe
darauf, dass du verliebt bist, aber nicht weißt, wie du es deinem Auserkorenen
genau ausdrücken kannst. Das kann einen schon mal rasend machen."
Hermine errötete prompt.
Madame Pomfrey setzte
neugierig nach:
„Wer ist es denn? Harry?
Oder Ron?"
Mehr erröten konnte sie
nicht, statt dessen quiekte sie leise hervor:
„Ach Poppy! Doch keiner
von den beiden!"
Und damit hatte sie sich
verraten und es sich selbst eingestanden ...
Sie war nicht in Harry,
Ron oder sonst irgendeinen unreifen Schüler verliebt ...
Nein, sie hatte sich
dummerweise in diesen unglaublich unheimlichen Snape verguckt.
Schon immer hatte er sie
auf eine schreckliche Weise fasziniert, doch stets war sie in Harrys Singsang
eingestimmt und hatte mitgezetert, dass er der schlimmste Lehrer der ganzen
Schule und der bösartigste Mensch des Universums war. Harry hatte dabei das
Wort „Mensch" stets in besonderem Maße betont.
Snape war für ihn noch
ein Mensch, wohingegen Voldemort schon auf die niedere Ebene eines Monstrums
abgedriftet war.
Plötzlich knallte die
Tür zur Krankenstation auf.
Madame Pomfrey schaffte
es gerade noch, den Vorhang zu Hermines Bett zu schließen. Es wäre schon ein
wenig peinlich für Herm geworden, wenn man sie in voller Montur und mit
Süßigkeiten in den Händen auf einem sterilen Krankenbett hätte sitzen sehen.
Gespannt hörte Hermine,
was dies für ein Notfall war. Wenn jemand die Tür derart aufschlug, musste es
sich um einen dringenden Notfall handeln.
Und dann - sie zuckte
wie von Geisterhand dazu genötigt zusammen - erklang Snapes dunkle Stimme.
„Madame Pomfrey, sehen
Sie. Gerade ist ein Kessel explodiert und hat Browney zu Boden geschleudert.
Seitdem ist sie nicht mehr aufgewacht."
Hermine wusste nicht, ob
sie nun jubilieren oder weinen sollte.
Snapes Stimme war mehr
als durchtränkt von Sorge und Schuldgefühlen.
Und sie hatte ihn heute
mehrmals als kaltes Sadistenschwein beschimpft.
Dabei war seine Stimme
jetzt so zart ... so wunderbar geschmeidig ... ja fast leidenschaftlich ...
Was dachte sie da?
Hermine ergötzte sich an
der Stimme eines sich Sorgenden.
SIE war wohl die wahre
Sadistin hier!
Poffy zog jetzt den
Zauberstab und sprach ein bedeutungsvolles „Vivides promptes!" und sogleich
hörte man ein schwaches Kinderstimmchen blöken:
„Aua, mein Kopf!"
Wieder ein Spruch aus
Pomfreys Mund:
„Curies promptes!"
Das Kind war still,
atmete nur ziemlich aufgeregt vor sich hin.
Dann erklang Poppys
Stimme:
„So Severus. Sie können
gehen. Lassen Sie die Kleine aber noch eine Weile hier. Sie soll liegen, bevor
sie sich wieder an einen Kessel heranwagt."
Mit diesen Worten
verschwand die Krankenschwester in einen der Hinterräume.
Hermine hörte, dass
keine Tür ins Schloss fiel.
Somit war Snape noch
immer anwesend.
Dann, nach ein paar
Minuten und einer für Hermine unerträglichen Zeit der Stille, in der sie sich
sogar schämte zu atmen, durchbrach das Kind die Stille.
In schriller Angst
brüllte es:
„Professor Snape! Es tut
mir leid! Ich wollte doch nur den Koriander hinzufügen. So wie es in der
Anleitung sta-"
„Miss Stoker, machen Sie
sich deswegen keine Sorgen. Die Hauptsache ist, dass es Ihnen gut geht."
Hermine glaubte sich
verhört zu haben und verschluckte sich prompt an einer Bertie Bott-Bohne, die
sich gerade nach der unangenehmen Stille-Zeit genussvoll in den Mund geschoben
hatte.
Sie konnte den
Hustenreiz nicht gänzlich unterdrücken, machte ihn mit ihren
Unterdrückungsversuchen nur noch schlimmer und musste letztendlich lauthals
würgen.
Sie hoffte aus ganzem
Herzen, dass sich Snape an den Sinn des Vorhangs erinnern würde und nichts
einf-
Zu spät.
Da stand er schon, hatte
den Vorhang ruckhaft zur Seite gerissen und sah sie mit großen Augen an.
Die Peinlichkeiten
sollten heute wohl kein Ende nehmen.
Nun hockte Hermine also
mit tiefrotem Kopf, einer Handvoll Süßigkeiten und Tränen in den Augen auf
einem Krankenbett.
Snape hatte seinen
Zynismus wiedergefunden.
„Oh Miss Granger. Sind Sie krank? Was
denn? Akuter Zuckermangel? Dennoch sollten Sie das Zeug nicht so rasch runterschlingen,
dass Sie daran ersticken!"
Eine Antwort
funktionierte nicht. Hermines Kehle fühlte sich immer noch wie zugeschnürt an.
Statt dessen schüttelte
sie nur den Kopf und vermied es in Snapes Augen zu sehen.
Der kam noch auf eine
ganz andere Idee.
„Oder Miss Granger,
liegen Sie hier auf der Lauer, um herauszufinden, ob ich meine Schüler in
Notsituationen verbluten lasse?"
Peinlich berührt schlug
sich Hermine die Hände vor die Augen.
Warum nur! Warum nur war
dieser Tag so misslungen?
Wieso folgte auf eine
Stichelei eine andere?
Und sie hatte auch noch
mit den Frechheiten angefangen!
Nein, eigentlich nicht,
wenn sie es genau bedachte. Entfacht war der Streit durch Snapes Herumgenörgel
an ihrem späten Zufügen der Krautstange.
Wie sehr man manche Sachen
doch hochschaukeln konnte!
Soeben wollte Hermine,
deren Hals nun wieder sprechfähig anmutete, Snape eine erneute Entschuldigung
entgegen hauchen, da sah sie nur noch ein Stück seines wehenden Umhangs und
hörte, wie die Tür laut zuknallte.
***
Observierte Hermine ihn
nun?
Wollte sie ihn fertig
machen?
War sie ein Spion
Voldemorts, auf ihn angesetzt, um ihn mürbe zu machen?
Lächerlich.
Nein, dieser Gedanke war
nun wirklich lächerlich.
Die astreine Granger
doch nicht!
Aber warum zum Teufel
nahm sie ihn dann so hart ran? Erst die Vorwürfe, dann dieser plötzliche Kuss
und nun dieses eigenartige Zusammentreffen.
Granger hatte heute
wirklich einen sehr schlechten Tag und ihn als Abreaktions-Objekt auserkoren.
Schnell wie selten
schoss er durch die Hallen Hogwarts, überlief zwei Stufen auf einmal und schrie
einen Zweitklässler furchtbar laut an, weil der ihn versehentlich angerempelt
hatte.
Befriedigt nahm er das
ängstliche Gesicht des Jungen wahr.
Aha ... er hatte mit
seiner Art wirklich eine gewisse Wirkung auf die Schüler.
Doch im weiteren
Laufschritt zu seinem Kerker musste er sich eingestehen, dass er diese Wirkung
bei Granger verloren hatte.
Sonst war sie ihm stets
höchst respektvoll begegnet. Na ja, er hatte aufgrund ihrer minutiösen
Lernweise eigentlich auch nie einen Grund gehabt sie anzufauchen.
Endlich war er
angekommen!
Schnell huschte er durch
die Tür zu seinem Büro und warf sich unmutig auf den magischen Drehstuhl.
Keine zwei Minuten
später klopfte es.
Nein, er würde jetzt
nicht aufmachen. Er wollte endlich seine Ruhe. Er wollte keinen Streit mehr.
Nichts.
Einfach seine Ruhe.
Es klopfte wiederum.
Diesmal forscher.
Grunzend war sich
Severus Snape in seinem Drehstuhl zurück, der ohne die magischen Fähigkeiten
wahrscheinlich nach hinten umgekippt wäre.
Er wollte mit niemanden
reden! Auch nicht mit Dumbledore.
Das konnte doch nur
Albus sein. Niemand anders erdreistete es sich, so lange an seiner Tür
herumzuklopfen.
Dann ein lautes Rufen:
„Professor Snape. Ich
muss unbedingt mit Ihnen reden!"
Hermine Granger!
Nach dem heutigen Tag
würde er ihre Stimme überall erkennen, wahrscheinlich auch, wenn sie durch eine
Schallmoräne bis ins Unendliche verzerrt wäre.
Nein!
Mit IHR wollte er erst
recht nicht sprechen.
„Verschwinden Sie Miss
Granger!"
Doch sie ließ nicht
locker.
„Ich denke ja gar nicht
daran!"
Aufregung schoss in
Snape hoch - zusammen mit kochender Wut.
Ja bedeutete diesem
Mädchen sein Wort denn gar nichts mehr?
Respektierte sie nun
nicht einmal mehr seine Privatsphäre?
„Miss Granger! Ich
möchte jetzt wirklich allein sein!"
Das was sich so
nachdrücklich hatte anhören sollen, klang eher wie ein Flehen.
Er vergrub sein Gesicht
in seinen Händen und stützte seine Ellbogen auf dem Schreibtisch ab.
Vielleicht sollte er
einfach einen Flohpulver-Trip durch den Kamin in Albus' Büro machen?
Doch irgendetwas hielt
ihn auf dem Stuhl fest, ließ ihn geradezu dort festkleben.
Das gleiche Etwas schob
ihm auch den Gedanken „Mach ihr endlich auf!" hin.
Sollte er ihr wirklich
die Tür öffnen?
Und damit riskieren
nochmal beschimpft zu we-
„Alohomora!"
Die Tür sprang gewaltsam
auf.
Hermine kam mit wehendem
Haar und Umhang hindurch gestürmt, schloss sie wesentlich sorgsamer als sie das
Ding geöffnet hatte und setzte sich gegenüber von Snape auf den anderen magischen
Drehstuhl.
Mit offenem Mund saß
Snape da und schaute Hermine an.
Eine Zeitlang schwiegen
beide.
Dann drückte sich Snape
ein theatralisch empört klingendes „Miss Granger!" heraus.
Die Angesprochene konnte
nur lächeln und meinte: „Na Sie haben mir ja nicht auf gemacht!"
Hermine war nun alles
egal.
Ein Rausschmiss stand
ihr sowieso vor, wenn Snape plauderte. Also war es wurscht, dass sie ihm die
Tür aufgebrochen hatte.
Auf der Suche nach den
richtigen Worten presste Snape hervor:
„Das ist Hausfriedensbruch.
Das ist Einbruch. Das ist Nötigung. Das ist Vergewalt-!"
Beim letzten Wort brach
er seinen Singsang-Redeschwall schnell ab.
Wie konnte er denn in
diesem Zusammenhang auf „Vergewaltigung" kommen?
Peinlich. Ein leichtes
Rot machte sich auf seinen Wangen breit.
Er traute sich nun nicht
mehr, in ihr schönes Gesicht zu blicken und wartete deshalb darauf, dass sie
endlich das Wort ergriff.
Dafür war sie ja
schließlich gewaltsam hier eingebrochen.
Dann endlich.
„Professor, ich wollte
nur noch einmal betonen, dass mir der ganze Tag in seinem gesamten Ausmaß
schrecklich leid tut. Ich bereue alles und wäre froh, wenn ich den Tag
ausradieren könnte!"
Traurig fügte sie hinzu:
„Aber leider ist das
nicht einmal für uns Zauberer auf vernünftigem Weg möglich."
Sie betonte den
„vernünftigen Weg", weil ihr kurzzeitig die Zeitsprunguhr einfiel, die ihr
McGonagall damals zwecks temporär parallelen Unterrichtsbesuchen geliehen
hatte.
Doch schnell hatte sie
diesen Gedanken wieder verscheucht. Solche Mittel halfen auf Dauer nicht.
Nochmal wand sie sich an
Snape, diesmal schon in flehendem Ton:
„Ich weiß Professor,
dass meine Worte nichts ungeschehen machen können, aber Sie müssen mir glauben,
dass mir alles extrem leid tut. Und ich kann es nicht erwarten, sondern sie nur
darum bitten, Dumbledore von alledem keinen Bericht zu erstatten."
Mit blassem Gesicht saß
Snape ihr gegenüber. Seine Augen waren fest auf dem Schreibtisch fixiert.
„Nein, ich werde
Dumbledore nichts sagen. Gehen Sie jetzt."
Hermine konnte über
dieses eigenartige Verhalten von Snape einfach nicht glücklich sein.
Wieso zürnte er nicht?
Wieso schrie er sie nicht an?
Sie wäre damit besser
bedient gewesen als mit dem lethargischen Gemurmel, was er gerade eben von sich
gegeben hatte.
Snape konnte diese Frau
nicht noch länger in seiner Gegenwart ertragen.
„Bitte gegen Sie Miss
Granger!"
Er fühlte sich wie ein
kurz vor der Mutation befindlicher Werwolf. So musste sich Lupin davor fühlen.
Schrecklich.
Doch Hermine machte
keinerlei Anstalten sich in Bewegung zu setzen.
'Na gut Mädchen! Dann
werde ich dich eben anschreien, wenn du es unbedingt so brauchst!
Damit ich danach in Ruhe
weinen kann ...'
„Gehen Sie!!!"
Der Schrei hallte durch
das Büro, erfasste die Mischgläser in den Regalen und brachte sie eine kurze
Zeit lang zum Erbeben.
Doch Hermine saß ruhig
da.
Sie war immer noch nicht
zufrieden mit der Art und Weise, wie er sie rausschicken wollte.
Seine Stimme, nicht mal
sein Ton, hatten noch irgendeine Nuance der Wut oder Aggression in sich. Statt
dessen fühlte Hermine starke Verzweiflung.
Und sie war die
Übeltäterin, die ihm diese Verzweiflung verursacht hatte.
Es war zu viel für ihn.
Kraftvoll sprang er aus
seinem Stuhl auf und marschierte schnurstracks auf Hermine zu.
Kurz vor ihr blieb er
stehen und sah ihr etwas zögernd in die Augen. Er bemühte sich um einen
strengen Blick, doch gelang ihm keiner. Leise und flehend murmelte er:
„Gehen Sie bitte, Miss
Granger!"
Hermine schüttelte den
Kopf.
„Nein, mit Ihnen stimmt
doch irgendwas nicht."
Hah! Die Kleine merkte
aber auch alles!
Ganz gewiss stimmte
etwas nicht mit ihm.
Sie hatte ihm doch
gerade eben noch gesagt, dass er den ganzen Tag vergessen solle, dass sie den
gesamten Ablauf zutiefst bereuen würde.
Dann bereute sie also
auch den Kuss!
Sie hatte den Kuss
anscheinend schon längst vergessen.
Während ihm diese
zärtliche, wenn auch viel zu kurze Stimulation seiner Lippen noch allzu gut im
Gedächtnis war.
Doch er irrte sich
zutiefst.
Als Hermine ihren
Zaubertränke-Lehrer so nah vor sich sah, fiel ihr der Kuss wieder ein und sie
stellte fest, dass sie ihn als nicht passiert abgetan hatte.
Schamröte schoss ihr
unkontrolliert in die Wangen und sie überlegte, ob es nicht wirklich besser
war, nun zu entfliehen.
Doch eine Macht hielt
sie auf diesem Stuhl gefangen.
Wie gebannt sah sie ihm
in die Augen.
Und er tat es ihr
gleich.
Die beiden Augenpaare
zogen sich gegenseitig in Trance und erkundeten die Tiefe des anderen.
Snape spürte, dass das,
was er da gerade fühlte nicht sein durfte.
Sie war seine Schülerin.
Sie hasste ihn.
Sie fürchtete ihn.
Er durfte sich nicht in
sie verlieben.
Doch darüber hätte er
sich früher Gedanken machen müssen.
Es war schon längst
passiert!
Er brachte einen letzten
halbherzigen Versuch über die Lippen, nahm dabei seine Augen aber nicht von den
ihren: „Miss Granger, bitte gehen Sie jetzt!"
Sie erwiderte ein
klangvolles:
„Niemals!"
Dann traute Severus
seinen eigenen Augen kaum.
Hermine Granger stand
aus ihrem Stuhl auf, trat einen Schritt vor, schlang die Arme um ihn und drückte
ihn fest an sich. Sie legte ihren Kopf an seine Brust und verweilte dort lange.
Irgendwann, es kam
Severus wie eine Ewigkeit vor, konnte er nicht mehr anders, als ihre Umarmung
zu erwidern. Er legte das Kinn sanft auf ihren Kopf und strich mit einer Hand
sanft durch ihr schönes braunes Haar.
Sein Geist war verwirrt,
doch es gelang ihm diesen auszuschalten.
Dann konnte Hermine
nicht mehr an sich halten.
Sie löste sich langsam
aus der Umarmung, sah ihm wieder tief in die Augen, erkannte seine Sehnsucht und
fühlte ihre eigene.
Sie berührte sanft seine
Wange und strich dann zart darüber. Sie fühlte leichte Stoppeln und empfand
dies als ungemein anziehend.
Gerade eben hatte sie
sich dazu entschieden, seinen Kopf zu sich herunterzuziehen, als er ihr zuvor
kam und ihr einen scheuen Kuss auf den Mund drückte.
Erst hatte sie das
Gefühl, er wolle sich danach wieder zurückziehen, doch sie hatte sich
getäuscht. Er holte zu einem weiteren Kuss aus, der wesentlich länger und vor
allem leidenschaftlicher war und bei dem sich seine Zunge zärtlich den Weg in
ihren Mund suchte.
Sie gewährte ihm
Einlass.
Gierig ineinander
verkeilt verharrten sie so noch lange, bevor sich Hermine atemlos aus seinem
leidenschaftlichen Griff befreite und ihn glücklich ansah.
Mit seiner rechten Hand
strich er durch ihr Haar, während er mit der linken ihren Rücken streichelte
und meinte:
„Was sind wir nur für
bescheuerte Menschen, Hermine?"
Sie nickte und meinte
dann mit einem Augenzwinkern:
„Du solltest mir nun
genau zeigen, wie man den Stab reinsteckt! Ich glaube, ich weiß es immer noch
nicht genau und habe dringenden Nachhilfe-Bedarf!"