von Curlylein
Über Euer Feedback freut sich: Curlylein
Kapitel 5: Ministeriumsbeschluss
86/49/03
Lautlos setzte er die Kaffeetasse ab. Der schwarze Trank würde wohl das Einzige
sein, das an diesem Tag positiv zu vermerken war. Schon als er heute erwachte
hatte Severus das dumpfe Hämmern des Kopfschmerzes gespürt und seine
gesprächige Tischnachbarin hatte mit ihrem fröhlichen Geplapper keinesfalls zu
einer Besserung beigetragen.
Dieser Tag würde grausam
werden - wie so viele Tage zuvor. Die Mischung aus unfähigen Schülern und
Minerva, die sich durch sein Auftreten beim besten Willen nicht einschüchtern
ließ, war etwas das Optimisten aus der Bahn werfen und Pessimisten in ihrem
Glauben bestärken konnte. Es fehlte eigentlich nur noch Albus, der sich ein
weiteres Mal ein ‚lustiges' Spiel, einen ‚herrlichen' Ball oder ähnliches
einfallen ließ...
Aber mit all diesen
Sachen konnte er umgehen - mehr oder minder. Doch da war etwas, das ihn wurmte,
ihn förmlich zermürbte. Dieser Einbrecher. Er hatte seine Schutzzauber
überwunden . Seine Schutzzauber! Und dann hatte er noch die Frechheit besessen
ihn ein weiteres Mal vorzuführen.
Es war Severus kein
Trost, dass der Dieb nicht in der Lage gewesen war seine Trankrezepturen zu
stehlen. Er war sich sicher, dass es um eben jene Dokumente ging, denn in den
Händen mancher Leute konnten sie großen Einfluss ausüben. Severus hatte
keinerlei Interesse an einer solchen Verwendung. Ihm war es beim Brauen seiner
Tränke um die Perfektion seiner Wissenschaft gegangen, aber ein niederes
Lebewesen, wie dieser Einbrecher würde das nicht verstehen.
Niederes Lebewesen? Ein
niederes Lebewesen, das seine Schutzzauber ausschalten konnte...
Wenn er es nur schaffen
könnte den Schuldigen zu erwischen, doch er hatte keinen Anhaltspunkt. Nein,
das stimmte nicht ganz, einen Fehler hatte der Einbrecher gemacht, obgleich es
scheinbar nur eine Kleinigkeit war, dessen ganzes Ausmaß Severus noch nicht
erkannt hatte...
.
.
Es war dumm. Und das in
einer so offensichtlichen Weise, dass es Hermine förmlich ins Gesicht sprang.
Das war kein Entschluss, sondern komprimierte geistige Umnebelung. Bei Snape
einzubrechen war einfach das Idiotischste, das man in ihrer Lage machen konnte.
Wie war sie nur auf diese
Idee gekommen? Hatte sie dieser Liebesbrief und die damit verbundene
Erkenntnis, dass ihr ehemaliger Zaubertränkelehrer vielleicht doch ein Mensch
mit Gefühlen war, derart mitgenommen?
Es sollte ihr egal sein.
Die Hauptsache war, dass ihr wacher Geist sie noch vor dem törichten Plan
warnen konnte. Denn, an ihrer Stelle, unter dem Verdacht ein Mitglied einer
Einbrechergruppe zu sein und vermutlich unter Beobachtung einiger
Ministeriumsmitarbeiter, war es nicht zwangsweise klug einen Einbruch zu
begehen...
Aber die Entscheidung,
dass Snape seine Erinnerungsstücke zurückbekommen sollte, stand noch immer.
Sollte sie sie mit der
Post schicken? Hermine missfiel der Gedanke, dass irgendwelche Ermittler ihre
Post durchwühlen würden, denn damit musste sie rechnen, und dabei die Dose
entdecken könnten. Nicht nur, dass es ein merkwürdiges Licht auf ihre ‚Unschuld'
werfen würde, nein, es war auch Snapes Würde, die es ihr nicht rechtfertigte,
seine persönlichen Reliquien so zu behandeln. Was kümmerte sie eigentlich
Snapes Würde? Die war ihr früher schließlich auch vollkommen egal gewesen...
Nun ja, warum auch immer,
sie konnte es einfach nicht per Eulenpost schicken... Aber was blieb ihr sonst
übrig? Irgendetwas in ihr hegte den Wunsch Snape zu beobachten, wenn er seine
Heiligtümer wieder in Besitz nahm. Wie würde er reagieren? Wäre es nicht
besser, wenn Hermine sie ihm heimlich unterschieben würde?
‚Nein', ihr soziologischer
Forschungsdrang meldete sich. Sie wollte seine Reaktion sehen, sie wollte es
einfach. Aber das wäre ja nur möglich, wenn sie ihm die Dinge persönlich
übergeben würde und das war wiederum undenkbar.
Persönlich? Nicht direkt,
aber... Ein Geistesblitz erhellte Hermine Gesicht. Ja, das wäre eine
Möglichkeit... sie musste nur ihre eventuellen Beobachter loswerden, aber das
würde sie schon schaffen.
.
.
‚Dreht dieser Frau
endlich den Hals um!' Snape seufzte genervt. Minerva! Wie konnte diese Frau nur soviel
reden? Dabei hatte sie doch eigentlich nie etwas zu erzählen. Er musterte ihren
Hals. Diese Falten. Es sah so aus, als ob schon mal jemand versucht hatte, ihr
die Verbindung zwischen Kopf und Körper zu verdrehen. ‚Tja, absolutes
Verständnis dafür Kumpel, aber warum hast du es nicht zu Ende gebracht?'
Er hatte eine weitere
Tasse Kaffee geleert und sein Magen erklärte Severus in schmerzenden
Morsezeichen, dass ihm seine Abhängigkeit von der koffeinhaltigen Flüssigkeit
auf die Dauer einfach nicht bekam.
Die Posteulen brachten
ihren allmorgendlichen Lautstärkepegel mit sich und stürzten sich auf die
Schüler und Lehrer, denen sie Pakete und Briefe bringen sollten.
Um genau zu sein, waren
es nicht nur Eulen. In letzter Zeit hatte ein gewisser Trend Einzug gehalten.
Fast jedes gefiederte Tier, das in der Lage war den Boden zu verlassen, wurde
zum Briefträger gezähmt und leistete seinen Dienst mehr oder minder vernünftig.
So wunderte es auch niemanden, dass eine tiefschwarze Krähe, von dessen Krallen
ein mittelgroßes Paket gehalten wurde, durch den Raum flog.
Severus Augen musterten
sie und verengten sich dabei in grausamer Manier.
‚Severus, es gibt die
Möglichkeit eines Zufalls!', maßregelte er sich. Und doch, sein Gespür sagte ihm etwas
anderes. Die Krähe flog auf ihn zu und einen Moment später hatte sie bereits
das Päckchen vor ihm auf den Tisch fallen lassen.
.
.
Es lief
wunderbar. Mit einem einfachen Trick hatte Hermine ihren Verfolger
abgeschüttelt und war an den Rand von Hogwarts appariert. Sie hatte sich in die
Krähe verwandelt und griff mit ihren scharfen Krallen nach der Schnur, die sie
um das braune Paket gewickelt hatte.
Zusammen mit den Eulen,
Amseln, Finken, Zaunkönigen und Falken wartete Hermine auf den Moment, in dem
sie gemeinsam die Post zustellen würden. Zugegeben, ohne den Erlass 86/49/03
des Ministerium, der die Liberalisierung der Postvogelzucht beinhaltete, wäre
dieser Plan nicht möglich gewesen. Manchmal war Bürokratie doch sehr hilfreich.
Ein wenig verwunderte sie
jedoch das Bild der Vögel, die trotz Jäger-Beute- Schema von gegenseitiger Jagd
absahen. Zwar hatte jeder offizielle Postvogel in seiner Erziehung erlernt,
dass die Postzustellung wichtiger war als Nahrungsketten - doch wer hätte
wirklich erwartet, dass sich ein Raubvogel tatsächlich daran hielt?
Hermine hatte sich, samt
Paket, auf einer der Zinnen niedergelassen und begann damit ihr dunkles
Gefieder zu säubern. Sie hielt jedoch inne, als ein schrecklicher Hustenreiz
ihren Hals quälte. Würgend entledigte sie sich der Federrückstände, die sich in
ihrem Schnabel verfangen hatten.
‚Verdammte
Vogelgewohnheit!'
Die Welt drehte sich vor
ihren Augen.
‚Hermine, reiß dich
zusammen, dies ist nicht der passende Augenblick für eine Ohnmacht!' Sie schüttelte ein paar Mal ihren
Kopf, als wollte sie ihre Schwindelgefühle abschütteln und konzentrierte sich
wieder auf ihre Aufgabe.
Eine plötzliche Unruhe
erhob sich unter den Vögeln und einer nach dem anderen breitete majestätisch
seine Flügel aus, um durch die Fenster in die Große Halle zu fliegen.
Hermine atmete tief ein
und erhob sich ebenfalls in die Lüfte - nicht ohne sich zu vergewissern, dass
sich das Paket noch immer zwischen ihren scharfen Krallen befand. Im steilen
Gleitflug durchquerte sie eines der Fenster und erblickte ihr Ziel.
Da hinten saß er. Sein
Gesicht eine unwirsche Grimasse. Seine Ausstrahlung - einzige Dunkelheit.
Hermine flatterte ein
paar Mal, war ihrem Ziel nahe und begann eine Kurve zu fliegen. Sie wollte das
Paket vor ihm auf dem Lehrertisch fallen lassen und dann scheinbar aus einem
der Fenster herausfliegen. Stattdessen würde sie allerdings auf einem der
Balken, die sich in der Höhe durch die Halle zogen, Platz nehmen und Snape
beobachten.
Langsam legte sie ihr
Flügelpaar in die Kurve, so dass sie einen halben Meter vor Snape die Mitte der
Schleife erreicht hatte. Sie lockerte den Griff um das Paketband und es fiel
neben Snapes Kaffeetasse.
Ein harter Blick aus
dunklen Augen traf sie. Intuitiv beschleunigte sie ihren Flügelschlag.
Snape murmelte etwas, ein
Klicken erklang und Hermine wurde urplötzlich zurückgehalten. Etwas riss an
ihrer rechten Kralle und sie wurde unbarmherzig festgehalten. Hermines Flügel
kämpften gegen den Zwang, doch sie blieb am selben Platz.
Ihre Krähenaugen senkten
sich und erkannten eine silberne Kette, die in einem Ring mündete, der sich
grob in das Fleisch ihrer Kralle drängte.
„Komm her, mein
Vögelchen!"Snapes - gekünstelt freundliche - Aufforderung ließ das Blut in
Hermines Adern erfrieren. Das andere Ende der Silberkette war unverkennbar um
Snapes Handgelenk geschlungen.
Ein letztes Aufbäumen
durchfuhr den kleinen Vogelkörper, als Hermine sich Snape beugte und auf seinen
dargebotenen dunklen Ärmel flog. Panik stieg in ihr auf und sie begann wie von
Sinnen gegen die Silberkette zu hacken. Doch ohne Erfolg.
Grob fasste der
Tränkemeister die Krähe am Genick.
„Benimm dich
oder..."- Der Druck an Hermines Hals verstärkte sich für einen Moment.
Snape ließ los und die Krähe verharrte still auf seinem Arm.
Minerva hatte dies alles
etwas verstört betrachtet. Severus murmelte ein kurzes „noch nicht ganz
ausgebildet"und schien die Hexe damit zufrieden zu stellen, denn ihr
verstörter Blick wich wieder ihrer üblichen Konversationsmiene und sie sagte:
„Ich wusste gar nicht,
dass sie eine Postkrähe haben. Krähen sind seltene Postzusteller, nicht
wahr?"
„Ja, weil sie zu gern an
Geheimnissen teilhaben, die sie nichts angehen"- ein böser Blick traf den
Vogel auf seinem Arm - „und sich immer in alles einmischen müssen..."-
sein Augenmerk lag nun auf der Verwandlungslehrerin - „Warum verwandeln sie
sich eigentlich in eine Katze? Sie wären bestimmt eine tolle Krähe..."
Mit diesen Worten erhob
sich der Meister des Toxischen und ließ Minerva mit einem zur Erwiderung geöffneten
Mund zurück.
.
.
Laut
schlug die Tür zu. Snape hatte die Krähe in sein Büro gebracht und die Drohung,
ihr das Genick zu brechen, falls sie sich wehren würde, war für den Vogel Grund
genug sich in seinen Befreiungsversuchen zurückzuhalten.
„Evanesco"- Snape
tippte mit dem Zauberstab die Silberkette an und Hermine erhob sich
blitzschnell in die Lüfte. Snape schien jedoch bestens darauf vorbereitet zu
sein. Er schnipste mit den Fingern und hellgrauer Rauch umschloss, einem Käfig
gleich, die wehrlose Hermine.
„Du solltest es nicht
wagen, den Rauch zu berühren...", drohte Snape.
‚Nicht? Und ich
dachte, du hättest den da hingehext, damit es besser aussieht...'
„So sieht man sich
wieder..." Ein hämisches Grinsen blitzte auf.
‚Könnten wir
vielleicht den Vortrag auf der Erde fortführen? Vielleicht ist es deinem
Spatzenhirn nicht klar, aber es ist verdammt anstrengend auf der Stelle zu
fliegen!'
Ein aufgeregtes Krächzen
drang aus Hermines Schnabel.
„Gefällt es dir nicht
gefangen zu sein? Mich zu überlisten ist nicht so einfach, Einbrecher!"
‚Doch, das ist es. Ich
habe es schließlich zwei Mal geschafft... warum zum Teufel hat er mich
erkannt?'
„Du musst verdammt dumm
sein, um hier ein drittes Mal aufzutauchen."
Ein widerwilliger Laut
zeigte Snape, dass der Vogel ganz anderer Meinung war.
„Du wirst dich fragen,
wie ich dich erkannt habe... Ganz einfach, du hast Spuren hinterlassen."
‚Ich soll Spuren
hinterlassen haben? Niemals!'
„Soll ich sie dir
zeigen?"Ohne eine Antwort der Krähe abzuwarten öffnete Snape eine
Schublade seines Schreibtisches und zog zwei schwarze Federn heraus.
‚Verfluchte Mauser!
Halt! Hör auf mit den Witzen. Dieser Gnom hält dich gefangen, da ist
Galgenhumor nicht angebracht. Denk dir lieber aus, wie du hier wieder
herauskommst!'
„So und jetzt wollen wir
doch mal sehen wer hinter der Vogelfassade steckt. Zeige dich!" Snapes
Zauberstab zeigte bedrohlich auf Hermine und ein blau-weißer Funken schoss auf
sie zu.
‚Konzentrier dich
Hermine, du kannst ihn abwehren.'
Der kleine Vogelkörper
zitterte unter Hermines Anspannung und sackte ein wenig ab. Im letzten Moment
retteten sie jedoch zwei kräftige Flügelschläge vor der Berührung mit dem
Rauchkäfig.
Zornig nahm Snape den
Zauber von ihr. Im Hintergrund war die Klingel zur ersten Stunde zu vernehmen.
„Wir wehren uns also? Das
wird dir auf Dauer nicht viel nützen. Ich habe Zeit... Wir werden sehen, wie es
dir nach ein paar Stunden in meinem Schrank geht!" Snape richtete seinen
Zauberstab auf eine Schranktür, die sich sogleich öffnete. Ein weiterer Schwenker
ließ den Rauchkäfig langsam zum Spind gleiten und Hermine blieb nichts anderes
übrig, als dem Käfig auf seinem Weg zu begleiten.
Fahle Luft schlug ihr
entgegen. Schwer schlug die Tür hinter ihr zu. In der plötzlichen Dunkelheit
verpuffte das hellgraue Gas. Ein Murmeln war zu vernehmen. Laut hörte sie das
Drehen des Schlüssels im Schloss und ein kurzes Glühen erhellte das Holz.
Erschöpft sank Hermine
auf eine der Borten. Er hatte sie gefangen. Was sollte sie jetzt tun? Wie
sollte sie aus diesem Schrank herauskommen? Er hatte irgendeinen Schutzzauber
auf das Holz gelegt, da würde sie in ihrer Krähengestalt niemals durchkommen.
Und in ihren normalen
Körper konnte sie nicht zurück, dazu fehlte ihr der Platz. Dieser verdammte
Sadist hatte schon gewusst, warum er sie hier eingesperrt hatte... Trotzdem
würde sie nicht einfach so aufgeben.
Entschlossen trippelte
sie auf eine der Wände zu und rammte ihren Schnabel mit voller Kraft in das
morsche Holz. Ein brennendes Gefühl durchzog ihren Körper und warf sie zurück.
‚Mistkerl! Autsch...'
.
.
Severus
konnte seine Anspannung kaum verbergen. Die zwei Klassen, die er so eben
unterrichtet hatte konnten ihr Glück kaum fassen, dass sie fast ohne Punktabzug
davongekommen waren.
Aber ihm war nur eine
Sache durch den Kopf gegangen und diese dominierte sein gesamtes Denken.
Er war auf dem Weg in
sein Büro und die nun folgende Freistunde würde ihm ermöglichen sich um den
Einbrecher zu kümmern. Siegessicher öffnete er die Tür zu seinem Büro, umfasste
seinen Zauberstab enger und nahm den Schutzzauber vom Schrank. Er hätte
erwartet, dass sich nun etwas darin regen würde, doch nichts dergleichen
geschah. Vielleicht ein Trick?
Umsichtig trat der
Dunkelhaarige einen Schritt zurück und öffnete die Schranktür mit einem Wink
seines Zauberstabes. Knarzend schwang die Tür auf. Nichts passierte. Severus
trat einen Schritt vor und suchte die Borten ab. Ah, da war ja das Vögelein. Es
schien zu schlafen.
‚Umso besser, ein
schlafender Animagus kann nichts gegen seine Rückverwandlung unternehmen.'
Er nahm die Krähe aus dem
Schrank und legte sie unsanft auf den Boden zu seinen Füßen.
„Zeige dich!"
Langsam verschwommen die Krähenformen und nur wenige Momente später lag eine
junge Frau auf dem Fußboden. Die langen braunen Locken verdeckten ihr Gesicht.
‚Eine Frau?'
Severus kniete sich vor
sie und strich ihr die Haare aus dem Gesicht.
‚Nein. Jede, aber
nicht die!'
Die Frau, die vor ihm
lag, war eindeutig Hermine Granger, auch wenn sie sich ein wenig verändert
hatte in den letzten Jahren.
Diese elende
Besserwisserin konnte doch keine Einbrüche begehen? Dennoch, was hatte sie dann
hier zu suchen? Er forderte Antworten und das auf der Stelle!
Ruppig schüttelte er sie
an der Schulter. Hermine rührte sich nicht. Seine langen Finger klopften -
jetzt behutsamer - gegen ihre blassen Wangen. Doch noch immer zeigte die junge
Frau keine Reaktion.
Schlief sie etwa nicht?
War sie vielleicht ... tot?
Ein eisiger Schauer lief
über Severus Rücken. Er beugte sich über sie und prüfte ihre Atmung. Nein, sie
lebte.
Ihr warmer Atem strich
schwach und unregelmäßig über sein Gesicht. Er befühlte ihren Hals. Ihr Puls
war nur matt und wer wusste, wie lange noch...
Bemüht vorsichtig hob er Hermine in seine Arme. Sie musste in den Krankenflügel und das schnellstmöglich.
Kapitel 6: Erwachen
Gedämpft fiel das Tageslicht durch den weißen Vorhang und tauchte Hermines Bett in dämmeriges Licht. Madam Pomfrey eilte auf die Bewusstlose zu, die bis zum Hals mit einer weißen Leinendecke warmgehalten wurde. In der Hand trug die Krankenschwester eine Phiole, mit deren blutrotem Inneren sie nun Hermines Lippen benetzte.
Einige Minuten vergingen bis Hermine leicht zu blinzeln begann und dann vollends ihre Augen aufschlug.
Ein irritierter Blick musterte ihre Umgebung.
„Keine Sorge, Ms. Granger, Sie sind im Krankenflügel von Hogwarts. Erkennen Sie mich?"
„Jaah", murmelte Hermine mit trockener Stimme.
„Warten Sie, ich gebe Ihnen etwas Wasser, dann geht das Sprechen gleich viel besser."
Behutsam half Madam Pomfrey Hermine sich aufzurichten und setzte ihr ein Glas Wasser an die Lippen.
„Danke", sagte Hermine matt nachdem sie getrunken hatte und lehnte sich zurück in die Kissen.
Die Medi-Hexe stellte das Glas auf Hermines Nachttisch.
„Ich hätte nicht gedacht, Sie so wieder zu sehen, Ms. Granger."
„Was ist eigentlich passiert?"
„Oh, ich hatte gehofft, Sie könnten es mir erzählen. Professor Snape brachte Sie bewusstlos zu mir und ich habe Sie mit ein paar Stärkungstränken wieder aufgepäppelt."
„Professor Snape?" -
Schlagartig übermannte Hermine die Erinnerung. Verdammt, sie saß in der Falle und war zu schwach um auszubrechen.
„Ja, Professor Snape, erinnern Sie sich wieder?"
„Grob", wich Hermine aus. „Hat Professor Snape etwas gesagt?"
„Nein, nicht dass ich wüsste."
Hermine stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, der von Poppy mit einem verwunderten Gesichtsausdruck bedacht wurde.
„Und Sie haben wirklich keinen Anhaltspunkt, warum ich ohnmächtig geworden bin?", wechselte Hermine schnell das Thema.
„Ich habe eine Theorie, aber ich muss Sie korrigieren, das war mehr als eine simple Ohnmacht. Sie waren immerhin drei Tage lang bewusstlos."
„Drei Tage?"
Hermines Gesicht wurde bleich. Das hieß... sie hatte sich drei Tage lang nicht mehr beim Ministerium gemeldet und dieses wusste in der Zwischenzeit mit Sicherheit, dass sie die Stadt verlassen hatte. ‚Herzlichen Glückwunsch zu deinem Platz auf der Top-Ten-Fahndungsliste des Zaubereiministeriums, Hermine!'
„Ja, ich habe mir richtig Sorgen um Sie gemacht. Sind Sie zufälligerweise kurz bevor sie bewusstlos wurden appariert?"
„Ja."
„Na ja, eigentlich sollte es so früh noch keine Konsequenzen haben, aber wenn Sie besonders empfindlich darauf reagieren... Sie sollten es lieber vorerst lassen, in Ihrem Zustand..."
Verwirrt verfolgte Hermine Madam Pomfreys Worte.
Gerade wollte sie fragen, was sie genau unter ‚Ihrem Zustand' verstand, als sich die Tür öffnete.
‚Nicht auch noch der!'
„Professor Snape, schauen Sie mal, wer wieder bei uns ist", begrüßte die Medi-Hexe den dunkelhaarigen Besucher freundlich.
Snape trat einen Schritt an das Bett heran und musterte Hermine, als wolle er sie röntgen.
Hermine knabberte unsicher auf ihrer Unterlippe und wartete darauf, was nun passieren würde.
„Ich lasse Sie jetzt erst mal allein. Aber nicht zu lang, Professor, die werdende Mutter muss sich schließlich noch schonen."
„Werdende Mutter?", brachten Hermine und Snape in synchroner Irritation hervor.
„Ich dachte, Sie wüssten - Ms. Granger, Hermine, Hallo! So was, Sie ist schon wieder ohnmächtig geworden..."
********
„Lassen Sie mich das machen, Madam Pomfrey", hörte Hermine eine harsche Stimme.
„Aber Professor Snape, immerhin ist sie meine Patientin..."
„...um die ich mich gut kümmern werde oder halten Sie mich etwa für unfähig?" Es war eher eine Drohung als eine Frage.
„Nein, natürlich nicht", kam die verängstigte Antwort der Krankenschwester.
„Dann lassen Sie uns jetzt allein", forderte Snape.
„Nur unter Protest"
„Solange Sie draußen protestieren ist mir das egal!"
Ärgerliches Murmeln ließ sich vernehmen, gefolgt von Schritten auf dem Holzboden und dem Klappen einer Tür.
Hermine starrte gegen die Schwärze ihrer geschlossenen Lider. Sie war zu Bewusstsein gekommen und hatte jedes Wort der Unterhaltung mitbekommen, doch hatte sie versucht, weiterhin die Bewusstlose zu spielen. Auf eine Konfrontation mit Snape hatte sie nicht die geringste Lust und da war modernes Theater der Stilrichtung ‚Wachkoma' angenehmer zu ertragen. Auf diese Idee hätte sie schon früher kommen sollen. Auch der Zaubertränkeunterricht wäre so sicherlich behaglicher gewesen.
„Ms. Granger, ich weiß, dass Sie wach sind und mir ihre Bewusstlosigkeit nur vorspielen"
‚Wie, zu Merlin, hat er das gemerkt?'
In ihrer Überraschung schlug Hermine die Augen auf und erkannte - nachdem sich der Schleier der Verschwommenheit über ihrem Blick gelichtet hatte - dass Snape sich neben ihrem Bett aufgebaut hatte. Seine Augen zeigten keinerlei Emotion, nur eine Augenbraue, die sich in nördlicher Richtung verschoben hatte, verdeutlichte seine Verblüffung.
„Woher wussten Sie...?"
„Ich wusste gar nichts, Ms. Granger. Das war ein Test und vermutlich der erste in Ihrem Leben, bei dem Sie durchgefallen sind. Ich hätte nicht erwartet, dass Sie sich so einfach übertölpeln lassen."
Hermine verschränkte ärgerlich ihre Arme und drehte sich von ihm weg. Ihre Muskeln ächzten unter der plötzlichen Belastung. Sie waren reichlich steif, da sie drei Tage lang nur wenig bewegt worden waren.
„Ms. Granger, drehen Sie sich sofort wieder um oder ich ziehe Gryffindor 10 Punkte ab."
„Das können Sie überhaupt nicht!", entgegnete Hermine wütend, drehte sich um, setzte sich dabei auf, so dass sie Snape mit ihren zornfunkelnden Augen taxieren konnte, und hielt dann plötzlich inne. Über Snapes Gesicht hatte sich ein höhnisches Lächeln gebreitet und spotttriefend sprach er:
„Liegt das an der Bewusstlosigkeit oder waren Sie schon immer so leicht zu manipulieren?"
Hermine verengte ihre Augen, so dass nur noch hauchdünne Schlitze funkensprühend ihre Wertschätzung für Snape kundtaten und ein Schnauben dem Tränkemeister antwortete.
„Keine Antwort?"
„Ich sortiere nur gerade meine Schimpfwörter. Arschloch, Wichser und Sadist erschienen mir zu mild für Sie."
„Denken Sie verflucht noch mal an Ihr Kind und hören Sie auf zu fluchen, Kinder können im Mutterleib bereits eine Menge hören."
Wenn die Situation anders gewesen wäre, hätte Hermine sich gewundert, dass Snape etwas über das Hörvermögen von Embryonen wusste, doch so lösten seine Worte etwas vollkommen anderes in ihr aus.
‚Ich-bin-schwanger!'
Hermine schlug die Hände vors Gesicht und ließ sich zurück in die Kissen gleiten.
„Sie werden doch jetzt nicht etwa heulen, oder?"
Hermine antwortete ihm nicht.
„Hallo? Haben Sie mich verstanden?", erklang es gereizt.
Hermine nahm die Hände vom Gesicht, das eine Mischung aus Angst und Verzweiflung widerspiegelte, jedoch nicht mit Tränen verziert war.
„Haben Sie etwa Angst, dass Gefühle ansteckend sind?", fragte sie mit wackelnder Stimme, in der allerdings immer noch ein wenig Kampfgeist zu vernehmen war.
Snape überging diese Antwort:
„Ihnen ist also auch gerade bewusst geworden, dass Sie die Welt mit einem weiteren Gryffindor-Quälgeist verseuchen werden?"
„Gehen Sie doch einfach weg und lassen mich in Ruhe!"
„Das werde ich nicht tun, wir haben noch etwas zu besprechen..."
„Ich denke, eine Gruppe für anonyme Sadisten finden Sie schon allein, Sie sind ja nicht auf den Kopf gefallen - das behaupten Sie zumindest. Oder haben Sie etwa noch andere Probleme?"
„Sie arrogante..."
„Denken Sie an das Kind, es soll doch keine Schimpfworte lernen..."
„Ja, ich habe andere Problem. Diese brechen beispielsweise bei mir ein..."
Hermine schluckte.
‚Warum auch nur ein Problem auf einmal? Das Leben wird doch erst richtig interessant, wenn man durch einen Sumpf von Problemen watet...'
„Melden Sie mich doch beim Zaubereiministerium, dann sind Sie mich los und können der ganzen Welt erzählen, dass Sie mit Ihrer Meinung über Gryffindors Recht hatten. Das wollen Sie doch, oder?"
„Nicht ganz."
„Was wollen Sie dann?"
„Antworten."
„Antworten?"
„Ja, Antworten. Waren Sie nicht früher etwas schneller im Verstehen?"
„Da müssen Sie sich irren... Erklären Sie es mir!", forderte Hermine.
„Ganz einfach..."
„Professor, wie sieht es aus?", unterbrach Madam Pomfrey Snape. „Ah, ich sehe, sie ist wieder aufgewacht."
Hermine nickte schwach.
Die Krankenschwester sah auf die große Uhr an der Wand.
„Professor Snape, ich finde, Sie sollten Ms. Granger jetzt ausruhen lassen"
Snape bedachte sie mit einem bitterbösen Blick, dem die Medi-Hexe jedoch standhielt, und nickte.
Er beugte sich zu Hermine herunter und kam ihr so nahe, dass sein warmer Atem ihre Wange streifte, worauf sie reflexartig zusammenzuckte und ihren Kopf ein wenig von ihm wegzog. Der Abstand zwischen ihrem Kopf und dem seinen vergrößerte sich wieder - wenn auch fast unmerklich. Leise flüsterte er ihr ins Ohr, so dass die anwesende Krankenschwester nichts verstand:
„Sollten Sie versuchen zu fliehen, wird es Ihnen schlecht ergehen. Sie mögen sich zwar mit manchen Schutzzaubern auskennen, aber ich würde es an Ihrer Stelle diesmal nicht darauf ankommen lassen... Ich werde vorerst niemandem von diesen Einbrüchen erzählen und Sie werden es auch nicht tun. Verstanden?" - Hermine nickte - „Wenn Sie jemand fragt, warum Sie hier sind, lassen Sie sich was einfallen."
Snape wandte sich zum Gehen, nickte Madam Pomfrey zu und verließ den Krankenflügel mit wallendem Umhang.
********
Severus ärgerte sich. Warum hatte er sie nicht so wie sie war - bewusstlos - an das Zaubereiministerium übergeben? Die Auroren hätten sich um sie kümmern können und er wäre eine Sorge los gewesen. Aber nein, stattdessen ließ er sich bereitwillig schnippische Antworten um die Ohren hauen.
‚Mal wieder eine glanzvolle Entscheidung, Severus!'
Er schnappte sich eine Flasche schweren Rotweines, den er in ein elegantes Weinglas schenkte.
Das dunkelrote Getränk im Glas langsam umherschwenkend lief er zu seinem Ledersessel und ließ sich mit Bedacht hineinfallen.
Immer noch bewegte er das Glas in seiner Hand und starrte in die wirbelnde Flüssigkeit.
Warum hatte er sie nicht einfach ausgeliefert?
Er konnte die magische Strafverfolgung nicht leiden, das war nichts Neues und überraschte wohl niemanden, der seine Geschichte kannte, aber da war mehr...
Antworten - Ja, er wollte Antworten. Er wollte wissen, wie sie es geschafft hatte seine Schutzzauber zu übertreten - er kannte nur eine Möglichkeit, aber die schied bei einem normalen Einbrecher eigentlich aus. Normal? Nein, das war die Granger eigentlich noch nie gewesen... Aber Severus hätte niemals erwartet, dass aus ihr eine Einbrecherin würde. Was musste einem Menschen geschehen, dass er so aus der ihm eindeutig zugeteilten Bahn flog?
‚Das fragst gerade du?'
Aber die Granger war immer auf der ‚guten Seite' gewesen, sie war anders als er. Hätte ihm vor zwei Wochen jemand erklärt, dass sie eine Einbrecherin sei, hätte er diesen jemand für verrückt erklärt - na ja, das tat er ja eh mit fast jedem, ausgenommen vielleicht Albus, auch wenn das für die meisten Außenstehenden widersinnig schien...
Neugier brodelte in ihm und dieser Anflug von Interesse an anderen Menschen ängstigte ihn fast. Hatte er zu wenig Schlaf in der letzten Nacht gehabt? Nein, daran konnte es nicht liegen, er schlief nie sonderlich ruhig und konnte sich seit seiner Kindheit an keine wirklich vollkommen durchschlafene Nacht erinnern.
Oder doch? Florentine kam ihm in den Sinn. Ja, wenn sie neben ihm gelegen hatte, war sein Schlaf ruhiger geworden, aber durchschlafen? Nein. Viel zu groß war seine Angst morgens aufzuwachen und nicht mehr ihren ruhigen Atem zu spüren. Er musste sich einfach immer wieder davon überzeugen, dass sie noch da war, dass ihre Hand sich noch immer in seine schmiegte und ihr Herz leise gegen seine Brust pochte - wie sollte er da länger als zwei Stunden schlafen?
Eisige Leere schien sich in ihm auszubreiten. Ihr Herz würde nie wieder schlagen und auch nicht das kleine, das darunter geschlagen hatte. Immer wieder hatte er damals den Artikel gelesen, unmöglich den letzten Satz zu verstehen. „Es wird angenommen, dass F. Gray eine heimliche Beziehung zu einem Mann hatte, da sie zum Zeitpunkt ihres Todes schwanger war. Eine weitere Seele, die sie schmerzhaft vermissen wird."
Der Pathos der jungen Rita Kimmkorn, die diesen Artikel geschrieben hatte, ließ ihn fast würgen und doch musste er ihr zustimmen. Der Schmerz des Verlustes war eine klaffende Wunde, die sich wohl niemals schließen würde, und dazu kamen die Schuldgefühle, die ihn fast erdrückten.
Florentine hatte sich versteckt und war in Sicherheit gewesen, doch dann hatte sie zu ihm gewollt und es ihm in einem Brief mitgeteilt. Sie hätte ihm etwas Wichtiges zu sagen. Er hätte sie aufhalten, sie beschützen müssen, doch er hatte versagt und hatte nicht nur Florentine, sondern auch sein Kind verloren. Es war seine Schuld und nichts in der Welt könnte ihn davon reinwaschen.
Ms. Granger war auch schwanger und auch ihre Situation schien nicht einfach zu sein. Gab es da etwa einen Zusammenhang?
‚Nein, Severus, du lässt dich von vollkommen irrationaler Gefühlsduselei lenken. Es gibt keine solchen Zusammenhänge. Es gibt nur Idioten, die sich solche Zusammenhänge ausdenken.'
Und doch ließ ihn der Gedanke nicht los, dass es einen Grund geben musste, warum Hermine ausgerechnet bei ihm aufgetaucht war...
********